Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1919 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Die in den Kopfzeilen der gedruckten Fassung dargestellten kurzen Zusammenfassungen wurden als Randnotizen beibehalten. Diese wurden an den Anfang des betreffenden Abschnitts gestellt.
Die [Anmerkung Nr. 38] auf S. 238 (Nr. 16 in der gedruckten Ausgabe) zum Kapitel ‚Antike Gastmähler‘ wurde im Original fälschlicherweise doppelt aufgenommen, wodurch sich die Nummerierung der nachfolgenden Endnoten verschiebt. In der vorliegenden Ausgabe wurde die überzählige Endnote aber entfernt, wodurch die korrekte Zuordnung der Anmerkungen wiederhergestellt wurde.
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Theodor Birt
Aus dem Leben der Antike
THEODOR BIRT
Aus dem Leben
der Antike
2. Auflage
1 • 9 • 1 • 9
QUELLE & MEYER-LEIPZIG
Original-Titelseite
Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1919 by Quelle & Meyer in Leipzig
Einbandzeichnung von Paul Hartmann
Ohlenrothsche Buchdruckerei
Georg Richters
Erfurt
Meinen Jugendfreunden
Rudolf Ballheimer
in Hamburg
Ludwig Martens
in Berlin
Richard Gaede
in Danzig
die im Leben nun bald fünfzig Jahre
mit mir Schritt gehalten,
in treuer Gesinnung
zugeeignet.
Vorwort.
Antikes Leben! ein unerschöpflicher Gegenstand! Bisher habe ich ihm drei größere literarische Versuche erzählenden und kulturgeschichtlichen Inhaltes gewidmet, Bücher, die wie langgezogene Bilderfriese in sich Einheiten bilden und darum vielleicht wie Bilderfriese ermüden. Daneben tritt dies vierte Buch, das zusammenhangslos und in Auswahl sein Schlaglicht nur auf dies und jenes, auf antikes Reiseleben, Frauenleben, Kinderliebe, Verkehr auf dem Büchermarkt u. a. wirft: Einzelbilder in engem Rahmen, von denen ich hoffe, daß sie das Nähegefühl steigern und das Leben der Vergangenheit mit noch größerer Deutlichkeit vor das Auge stellen.
Zum Teil sind diese Aufsätze schon vor dem gegenwärtigen Weltkrieg, zum Teil aber erst während des Krieges entstanden, und man wird sich also nicht wundern, daß den letzteren der Einfluß der großen Zeitereignisse, in denen wir heute stehen, deutlich anzumerken ist. Denn kein Schriftsteller kann sich diesem Einfluß entziehen, und die Antike mit dem Leben der gegenwärtigsten Gegenwart zu vergleichen, war mein ständiges Augenmerk. Daher habe ich auch von der „Laus“ gehandelt; denn auch sie ward für uns Ereignis.
Eben darum könnte man mir vielleicht verargen, daß ich in dieser Zeit des Entbehrens und der Ernährungsnöte, wo fast nur noch der Gauner einen vollbesetzten Tisch hat, auch über „antike Gastmähler“ rede. Ich hab’s gewagt. Die Erinnerung an frühere gesegnetere Stunden darf uns nicht kränken; denn auch der Erblindete zehrt gern von der Erinnerung an das, was er einstmals mit gesunden Augen gesehen und genossen hat.
Als Leser dieser Blätter denke ich mir gern jeden Gebildeten, der sich darüber klar ist, daß es nicht nur unterhaltsam, sondern daß es auch immer noch heilsam ist, die Kulturhöhe des sogenannten klassischen Altertums zu kennen und in das eigenartig bunte Treiben im alten Rom der Cäsaren sich zu vertiefen, um daran, was wir heute sind und haben, zu messen. Um diesem Leser zu dienen, ist jeder gelehrte Apparat vermieden und von mir streng in den Anhang verbannt worden, wo die „Anmerkungen“ Nachweise, aber auch allerlei Zusätze und Exkurse im Verborgenen bringen. Vielleicht findet der Anhang gleichwohl das Auge des Fachmanns, des Schulmanns und Gelehrten: dann hat auch er seinen Zweck erreicht.
Marburg a. L., 24. Januar 1918.
Der Verfasser.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Das Buch, das freundliche Aufnahme gefunden hat, lege ich jetzt durchgebessert, doch im Wesentlichen unverändert nochmals dem Publikum vor. Einige Zusätze haben die „Anmerkungen“ erfahren. Zu Dank bin ich Herrn O. Roßbach verpflichtet, der mir durch seine Besprechung in der Berliner philologischen Wochenschrift 1918 Sp. 1206 ff. zu mehreren Berichtigungen den Anlaß gab. Anderes habe ich ändern müssen, da es der politischen Lage des Vaterlandes nicht mehr entsprach. Denn all unsere stolzen patriotischen Hoffnungen, denen ich Worte verlieh, sind nun zerschlagen. Nicht der Feind, unser unselig verhetztes Volk selbst und der törichte Wilsonglaube unserer Pseudopolitiker hat sie zerstört.
Marburg a. L., 20. Mai 1919.
Der Verfasser.
Inhaltsübersicht.
| Die Römerin | [1] |
| Rom und der Genius Roms. Heldinnen. Stellung der Mutter zum Sohne. Keuschheit. Lose Eheverhältnisse. Energie der Römerin. Mangelnde Tierliebe. Ehebruch. Organisation der Bürgerinnen. Hetärenwesen. Messalina. Schönheitsideal. Frisur. Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren. Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften. Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz. | |
| Antike Gastmähler | [20] |
| Ästhetische und wirtschaftliche Gesichtspunkte. Beginn des Luxus in Rom. Übertreibende Schilderungen. Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung. Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung. Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen. Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten. Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung. Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke. Bezug der Eßwaren. Import. Bereicherung der Fauna und Flora Italiens. Nachwirkung auf unsere moderne Ernährung. Der Koch und seine Hilfsmittel; seine Wunderleistungen. Der scissor. Essen mit den Fingern. Mundtücher. Brot. Analecta. Zwei Bibelstellen erläutert. Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß. | |
| Auf der römischen Heerstraße | [48] |
| Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens. Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms. Stadtklatsch in Rom. Maueranschläge. Brieftafel. Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst. Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens. Gallisches Fuhrwesen. Das Heer auf dem Marsch. Train. Kauffahrer. Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen. Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunkwagen. Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren. Fußwandern und Pilgern. Die Meile. Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe. Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb. Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit Hadrians. Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf. Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle. Vergleich der modernen Zeiten. Mangel an Kompaß. Winterstille; im Winter der Nachrichtendienst und die Zufuhren behindert. | |
| Die Laus im Altertum | [83] |
| Modernes; russische Mönche. Byzantiner. Die Laus in Hellas bei Bauern und Fischern; sie fehlt bei Aristophanes und sonst. Reinlichkeit der Städter. Bad, Gymnastik, Rasieren. Die griechischen Frauen. Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der römischen Literatur; bei den Spottdichtern. Anders in der älteren Zeit Roms: Komödie, Lucilius. Die Fabel Sullas. Petron. Kaiser Julian. Phtheiriasis. „Läusefresser“ bei den Barbaren damals und heute. | |
| Der Mensch mit dem Buch | [99] |
| Der blinde Homer ohne Buch. Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“. Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur bei den Griechen. Herstellung des Papiers. Seine Haltbarkeit. Umfang der Rollen. Buchteilungen. Ausstattung. Bibliothek. Bildliche Darstellung von Schreibenden und Lesenden. Langsam lesen; in Abschnitten lesen. Anfangs beschränkter Leserkreis; Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle dargestellt. Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter. Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch. | |
| Verlagswesen im Altertum | [122] |
| Vervielfältigung der Bücher nach Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar? Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren. Der Verleger Atticus. Witzliteratur. Vertrieb der erhabenen Dichtwerke. Horaz. Widmung ist Eigentumsübertragung. Die Gönner besorgen den Verlag. Fürsorge der römischen Kaiser. Soziale Stellung des unbemittelten Autors. | |
| Woher stammen die Amoretten? | [134] |
| Amoretten heute und in der Renaissancekunst; im Altertum. Geflügelte Götter. Eros und Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde. Kinderscharen in den Häusern der Reichen seit der Alexandrinerzeit. Deliciae. Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege. Deliciae sind „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius bei Catull. Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst. Pausias. Aufkommen der Amoretten als geflügelte Spielkinder; erfunden in Alexandria. Vogelnatur. Kindernest. Die Bedeutung der Liebe ausgeschaltet. Geflügelte deliciae. Kinderspiele der Flügelkinder. Dieselben als Handwerker. Putten mit Falterflügeln. Psyche als Schmetterling. „Wer kauft Liebesgötter?“ Kinderhandel. Auch lebende Spielkinder mit Flügeln ausgestattet. Rückblick. Verwendung als Füllfiguren, als Engel, als Gräberschmuck. | |
| Seneca | [165] |
| Senecas Vielseitigkeit; scheinbare Widersprüche in ihm. Einheit seines Wesens. Stoische Religion. Der Ethiker für den lateinischen Okzident. Grundgedanken. Die gleiche Tendenz in seinen Dramen. Lesedramen; Vergleich mit Shakespeare. Herkules Oetaeus. Biographisches: Verbannung. Erzieher Neros. Schrift an Polybius. Schrift gegen den Zorn. Agrippina zurückgedrängt; Senecas Reichsverwaltung. Lehrschriften über Gnade und Wohltun, über Reichtum u. a. Geldwirtschaft. Stellung zu Nero. Rücktritt und Ende. Sein Einfluß auf die Folgezeit. Augustus sein Vorbild. Schrift gegen den Aberglauben. | |
| Griechisch-römischer Mummenschanz und die Verhöhnung Christi | [189] |
| Christi Verhöhnung. Die Sakäen. Der Arme als König. Saturnalienkönig als Tölpel. Der Tölpel als König im Mimus. Sardi venales. Vitellius’ Ende. Brutalität des Militärs. Das Königtum des Cynikers. | |
| Witzliteratur und Gesellschaft in Rom | [203] |
| Simplizissimus und Fliegende Blätter. Die Zote. Tendenzlose Späße und Belustigungen. Die Invektive. Die Satire. Togatkomödie. Pasquille: Catull gegen Caesar, Vergil gegen Noctuin und Sabinus. Horaz’ Epoden und Lydia-Ode. Domitius Marsus. Martial. Die Epigrammdichtung spät entwickelt. Proben aus Martial. Spätere Epigrammatiker. Soldaten und Priester geschont. Toleranz im Religiösen. Kein Rassenhaß. Anders die Satire. Religiöse Aufklärung: Persius, Seneca, Juvenal. Juvenal gegen den Fanatismus. Satire der Kirchenväter. Völkerhaß in der Gegenwart. | |
| Anmerkungen | [235] |
Tafel 1
Bildnis einer Römerin.
(Neapel, Museum nationale.)
Die Römerin.
Weltgeschichte ist Kampf der Völker. Die Frau arbeitet und nährt, aber sie kämpft nicht in Waffen oder hat doch den Kampf verlernt. Daher ist die Weltgeschichte eine Geschichte des Mannes. Der Mann ist Kauffahrer, und er führt zugleich das Schwert, um den Erwerb zu schützen und zu erweitern. So ist auch die römische Geschichte Männergeschichte. Römerkastelle, Römerstraßen, Schlachtfelder, Triumphbögen, Arenen zeigen uns immer dieselben Gestalten. Die römische Tugend selbst ist männlich; denn sie heißt virtus (französisch vertu), leitet sich also von vir her. So wie iuventus die Eigenschaft des Jünglingsalters (iuvenis), senectus die Eigenschaft des Greisenhaften (senex), so war virtus zunächst nichts weiter als die Eigenschaft, ein reifer Mann, vir, zu sein. Dieser Eigenschaft zu gleichen, erschien aber als das Ideal für alle. Und als reifer Mann steht in der Tat auch das Römervolk selbst fechtend und knechtend, triumphierend und Ordnung schaffend unter den Völkern. Ja, das Nämliche gilt sogar von der Tiberstadt selbst. Die Stadt heißt freilich Roma, als wäre sie ein Feminin[1]; allein wenn Rom statuarisch als weibliche Göttin gebildet und in Tempeln aufgestellt wurde, so war das gleichwohl unrömisch, und es geschah durch Griechen nach dem Vorbild griechischer Stadtgöttinnen wie der Athene. Römisch und echt ist dagegen, daß Rom, wie jeder Mann, einen Genius hat, den man göttlich verehrte. Der „Genius Roms“ bedeutet das Lebensprinzip des Staates, und aller Genius ist männlich[2].
Wer sich nun aber mit dem Wirken dieses Genius, mit römischer Kultur andauernd beschäftigt und durch Bauwesen, Rechtsleben, Verwaltung und Krieg, Kunst und Religion forschend hindurchgeht, in dem regt sich bald laut und lauter die unausbleibliche und dringliche Frage: wo ist die Frau? und warum wird von ihr geschwiegen? Sei es auch nur der schönen Abwechslung wegen: wir haben ein Verlangen, ihr zu begegnen. Im Ernst: was wäre heute und seit Ewigkeit alle Tatkraft des Mannes ohne sie? Was ist unsere heutige Kultur ohne die Frauen? und was war ohne sie Rom?
Wir wollen nicht schön färben. Wir wollen nur kennen lernen. Ein flüchtiger Aufriß! Sei denn der Versuch gemacht, den Zeitgenossinnen des Scipio, Caesar und Trajan, der Römerin des großen Altertums einmal etwas näher zu treten.
Heldinnen. Stellung der Mutter.
Wer die stolzen Römerinnen von heute in der Geselligkeit, im Korso oder auch im Negligé des Alltags gesehen hat, mag sich von jener ein Bild machen: oft sinnfällig schön, aber früh alternd; dazu sprühend energisch, beredt, leichtgläubig und ihren starken Trieben ganz ergeben, träge und wild wie Panther. Die alte Sage hat aus den Römerinnen Heldinnen gemacht. Aber das galt vornehmlich nur für die große alte Zeit: Clölia, die sich aus Feindeshand befreit; jene Frauen, die sich das Haupt scheren und aus ihren schönen Haaren Stricke flechten, damit die Verteidiger der Stadt ihren Bogen mit Sehnen bespannen können (daher der Tempel der Venus calva). Als Camillus gegen Brennus und die Gallier ficht, opfern die Römerinnen sogar ihren Goldschmuck, damit der Staat Geld hat (ein Vorbild für alle Zeiten), und dies wurde ihnen ewig gedankt; denn in der Stadt, wo sonst niemand mit Wagen fuhr, erhielten die Frauen seitdem das Vorrecht, zu den Gottesdiensten fahren zu dürfen[3]. Im Grunde aber war dem Römer das Mannweib doch unbehaglich; schrecklich wie ein Gespenst erschien die Fulvia, die Gattin des Mark Anton, die Urheberin des Perusinischen Krieges; denn diese Fulvia ging selbst in Waffen und hetzte die Legionen gegen Octavian auf. Sympathischer immerhin Agrippina, die mit ihrem Gatten Germanicus bei den Legionen am Rhein steht und dort im gefährlichen Augenblick den Feldherrn selbst vertritt, persönlich zur Rheinbrücke eilt und durch energisches Kommando den verhängnisvollen Abbruch der Brücke verhindert, damit die Truppen sich vor den Germanen des Arminius noch über den Strom retten können; eine echte Soldatenfrau und in allem gewaltig (ingens animi); dem Kaiser Tiberius ist aber diese Agrippina eben deshalb verhaßt gewesen.
Vor allem nun aber die Römerin als Mutter! Sie ist es, die die Knaben, und wenn der Vater früh starb, auch noch die Jünglinge im Hause hütet und ihr zukünftiges Schicksal auf dem Herzen trägt[4]. In Gedichten ist die Mutter zwar nie verherrlicht worden, und es verrät eine Engheit der Ausdrucksfähigkeit, daß der Naturlaut verwandtschaftlicher Zärtlichkeit im Altertum so selten zum Ausdruck kommt. Wohl aber kennen wir Cornelia, die greise Mutter der Gracchen. Es ist die Niobe Roms, die all ihre Söhne bis auf zwei durch frühen Tod verlor; nun erheben sich diese beiden Söhne zu Führern im gräßlichen Ständekampf, und die Mutter fleht zu ihrem Gajus umsonst, daß er warte, eine kurze Frist warte, bis sie tot sei. Sie muß beide, sie muß auch Gajus, den herrlichen, in den Straßen Roms verbluten sehen. Großartiger noch die Sagengestalt der Veturia, wie Plutarch sie schildert. Ihr einziger Sohn Coriolan, der starke Held, wird vom Volk beneidet, geschmäht, gekränkt, entweicht aus der Stadt zum Landesfeind, den Volskern, und bedrängt Rom nun grollend und siegreich mit Heeresmacht. Alle Hilfe versagt. Da tun in der Not sich alle Frauen Roms zusammen und dringen in Veturia, und Veturia, die Mutter, zieht selbst ins Feldlager des Feindes hinaus, eine seltsame Gesandtschaft, und überrascht den Sohn. Sie hat seine Frau und seine Kinder mitgebracht. Aber der Sohn sieht nur sie, hört nur sie, die Mutter; sein verfinstertes Herz erschrickt vor dem eigenen Haß, und in langer stummer Umarmung und in Tränen hinschmelzend löst sich ihm auf einmal alle Qual der Erbitterung. Wie tief, wie wahr diese Allmacht der Mutter! Aber sein Schicksal ist entschieden. Veturia selbst entscheidet es, da sie ausruft: „Kind, wie kann ich noch fürder für dich beten, wenn dein Heil den Untergang Roms bedeutet?“ Er gibt den Kampf auf. Die Volsker töten ihn. Sie hat das Vaterland vor ihrem Sohn gerettet. Sonst stünde heute Rom nicht. So die Dichtung.
Keuschheit. Lose Eheverhältnisse.
Nur die Gelegenheit erzeugt das Außerordentliche, und die Tapferkeit gedeiht nicht im Frieden. Aber auch für das Ideal der Keuschheit, die die eigentliche virtus des Weibes ist[5], suchte man die Belege in alter Vorzeit: es ist Lucretia, die durch Selbstmord, es ist Virginia, die durch ihren Vater vor Schande gerettet wird. Gleichwohl war es Sitte gerade der alten Zeit, daß der Mann, der vom Lande heimkommt, zuvor durch einen Boten bei seiner Frau sich melden läßt. Die augusteische Zeit weiß das Jahr — 154 v. Chr. — anzugeben, wann aus Rom die alte Keuschheit entwichen sei[6].
Es ist dasselbe bei allen Völkern, und auch bei uns Germanen. Das Wunschbild geschlechtlich lauteren Lebens (im Sinne der Monogamie) wird in die fernste deutsche Urzeit projiziert. Unsere Gegenwart, die Großstädte voran, belehren uns jedoch eines ganz anderen, und so bedenklich wie heute stand es damit schon dereinst im deutschen Mittelalter, im Bauernstand wie im Adel und selbst am deutschen Kaiserhof. In der Dichtung aber ist das Ideal, das der Volksseele lieb und heilig ist, zu allen Zeiten unverrückbar lebendig und findet in gewissen mittleren Kreisen der Gesellschaft, die durch Erziehung, Einsicht und maßvolles Temperament sich dazu eignen, eine segensreiche Verwirklichung.
Nicht anders stand es in Rom. Eigenartig ist hier nur, daß auch die Bande der Ehe selbst sich lockerten.
Die rohe altrömische Rechtsauffassung der Ehe, wonach der Vater die Tochter wie eine Ware an den Schwiegersohn weggibt, war unter dem humanen griechischen Kultureinfluß bald zurückgetreten. Daraus, daß die Frau ursprünglich in Rom Eigentum des Mannes war, mag sich die später noch herrschende Sitte erklären, daß Mann und Frau trotz so mancher Feste, an denen man sich sonst gegenseitig beschenkte, sich nichts schenken durften. In der Folgezeit kann nun aber eine Verlobung nicht mehr ohne die persönliche Einwilligung der Braut geschlossen werden; auch nimmt die Frau nicht mehr wie früher den Namen des Mannes an. Das war die Emanzipation der Frau. Auch der priesterliche Segen (confarreatio) tritt mehr und mehr bei der Hochzeit zurück, und die Ehe ist nur Zivilehe (Form der coemptio). Dabei ist es allerdings nur der Bräutigam, der der Braut den eisernen Verlobungsring gibt, nicht auch umgekehrt. Und diese Ehe war Schriftehe; das Dokument des Ehevertrags erschien so wichtig, daß es auf keiner Abbildung von Hochzeitspaaren so leicht in der Hand des jungen Ehemanns fehlte. Das Wichtigste an diesem Vertrag ist, daß die Frau das Recht auf ihr Vermögen behält. Ihr Geschäftsträger verwaltet es abgesondert.
Bedeutsamer aber erscheint noch, wie leicht der Vertrag lösbar war. Flüchtiges Mißfallen, schon die üble Laune genügte, die Lösung der Ehe herbeizuführen. In den vornehmen Kreisen wurde schon im ersten Jahrhundert v. Chr. die Ehescheidung gang und gäbe, und die Laxheit steigerte sich noch in der Kaiserzeit. So war Ovid dreimal vermählt, Pompejus fünfmal, und so in hundert Fällen. Auch Ciceros Tochter Tullia heiratete dreimal. Und nicht etwa nur der Gatte war es, der der Frau den Abschied gab[7]: von Paula Valeria meldet Cicero in einem Brief, soeben werde ihr Mann aus der Provinz zurückerwartet, sie aber vollziehe vorher rasch und ohne Grund zur Klage die Ehescheidung; ihr genügte als Grund, daß sie den Didius Brutus heiraten wollte. Die strenge Forderung der Gesellschaft ging freilich dahin, daß die einmal geschiedene Frau ganz ebenso wie die Witwe sich nie wieder verheiraten dürfe; nicht etwa erst die christlichen Kirchenväter haben das gepredigt, und univira, d. h. „die im Leben nur einen Mann hatte“, blieb ein Schmuckwort und Ehrenwort auf den Grabsteinen der Römerinnen. An den geschiedenen Mann dagegen wurde die gleiche Anforderung keineswegs gestellt.
Energie. Mangelnde Tierliebe. Emanzipation.
Aber wir brauchen uns nicht zu besorgen. Die Römerin wußte sich schadlos zu halten; denn sie besaß die urwüchsige Energie ihrer Rasse. Die griechische Ehefrau lebte still eingezogen[8]; die römische bewegte sich, von Dienern gefolgt, frei auf der Straße; sie erscheint bei den Gastmählern sicher und stolz unter den Männern, und sie herrscht im Haus. „Der Römer herrscht über die Welt, die Frau herrscht über den Römer,“ so sagte Cato. In den römischen Lustspielen, dem Volksstück der Togatkomödie, kam das, wie wir noch erkennen, besonders lebendig zum Ausdruck, und wir können nicht genug beklagen, daß sie für uns verloren ist. Die handfeste Jungfrau, die ihren Mann steht; die Frau scheltend und wetternd im Haus; schallende Ohrfeigen: wehe dem Gatten, der zu spät nach Hause kommt! Derb und frisch war das alles gezeichnet. „Das Weib liebt oder haßt, ein drittes gibt es nicht,“ lautet eine Sentenz, die übrigens ebensogut auch modern sein könnte. Es gibt zu denken, wenn uns von zwei Schwägerinnen, die in einem Haus zusammenwohnen, rühmend hervorgehoben wird, daß es ihnen gelang, friedlich miteinander auszukommen: es ist die Gattin und die Schwester Trajans. Denn auch die Schwestern sind auf die Liebe neidisch, die ihr Bruder vergibt. Aber nicht nur die Liebe, auch der Ehrgeiz ist allmächtig, vor allem in den Müttern. Für den Sohn wird alles gewagt, und eine Agrippina geht durch Ränke, Blut und Verbrechen, bis sie den jungen Sohn zum Kaiser gemacht hat. Es war Nero, der Knabe! Vespasia, die Kleinstädterin in dem dörflichen Gebirgsnest Reate, hat zwei Söhne; auch sie will hoch hinaus mit ihnen, und der eine, Sabinus, wird wirklich Stadtpräfekt Roms, der andere gar wiederum Kaiser der Welt: es ist Vespasian, der sich nach seiner armen Mutter Vespasia so nennt und in seinem Namen den ihren verewigt hat.
Die Kinderliebe der Frauen ist nun freilich eine selbstverständliche Sache, und es wäre lächerlich, dafür noch nach weiteren Belegen zu suchen. Aber auch solche gab es, die nicht gebären wollen und mit Geheimmitteln sich die Frucht abtreiben. Um Kinder zu haben, kaufen sie sie lieber armen Leuten ab, was nicht viel besser ist, als wenn man sich ein Haustier anschafft. Was ich dagegen vermisse, ist die Tierliebe, und das ist immerhin auffallend. In der ganzen römischen Literatur der Blütezeit kommt meines Wissens keine liebe Dame mit dem Schoßhündchen vor, wie man sie bei uns nahezu in jedem besseren Hause antrifft[9]. Die Geliebte des Ovid hält sich freilich einen Papagei, die Lesbia des Catull ihren bissigen Sperling, den sie, wenn sie verliebt ist, neckt und reizt; aber die Hundeliebe steht höher, und daß sie so sehr zurücktritt, mutet uns an wie ein Symptom der Herzlosigkeit.
Ehrgeizig, das waren die Römerinnen, wie wir sahen, und so stehen sie denn in der Gesellschaft auch mächtig als Kapitalistinnen da, ob vermählt, unvermählt, geschieden oder verwitwet. Durch ihren Prokurator kaufen sie Güter oder Fabriken auf, spekulieren sie, schenken sie. Schon ein Städtchen wie Pompeji zeigt uns das, wo von der Priesterin Eumachia eine der größten gemeinnützigen Bauanlagen, die dort dem Geschäftsverkehr diente, mit fast 40 Meter breiter Front, in zentraler Lage am Forum selbst, herstammt, wie die Inschrift am Frontispiz rühmend aussagt und ihr am Ort gefundenes Standbild bestätigt. Eine zweite Frau, Mamia, die gleichfalls ein Priestertum verwaltete, war es, die dortselbst mutmaßlich den Augustus-Tempel am Forum gestiftet hat. Der Senat der Stadt votierte dieser Mamia dann einen schönen Begräbnisplatz an der so stimmungsvollen Gräberstraße Pompejis. Und auch an den Wahlschlachten beteiligten sich diese Pompejanerinnen. Unter den Wandinschriften, die auf städtische Wahlen Bezug haben, lesen wir nicht nur: „Agna bittet“, „Caprasia bittet (zu wählen)“, sondern auch: „Caprasia wählt“, „Iphigenie wählt“. Stimmberechtigte Grundbesitzerinnen! Es fehlte bei dieser Emanzipation nur noch, daß sie sich auch selbst wählen ließen, und in der Tat: in den Vorstand der großen Begräbnisgilden waren auch Frauen wählbar.
Und nun die Liebe. Es ist schmerzlich zu sehen, wie wenig liebenswürdig die antike Literatur gegen die Frauen ist. Das heißt: einzelne Frauen werden gelobt, wie Marcia und Helvia bei Seneca, Priscilla bei Statius, Serena bei Claudian, aber immer so, als seien sie wundervolle Ausnahmen. Das weibliche Geschlecht als Ganzes wird durchgängig beschuldigt, aber dabei wenig Fleiß auf seine besondere Erziehung oder Läuterung verwandt; und der Ehebruch ist die ständige Anklage. Der Vermögensverwalter der Frau ist ihr Cicisbeo. Einen Liebhaber zu haben ist Sache des Ehrgeizes für jede Weltdame. Nur die Reizlosen können sich ihrer Treue rühmen, und die Frauen halten den für einen Mägdejäger, der nicht mit einer verheirateten Frau (uxor) ein Verhältnis hat und ihr ein Jährliches zahlt[10]. So tönt es von allen Seiten. Wir wollen die Namen der Cäcilia Metella, der Clodia und der sonstigen großzügigen Vorgängerinnen der Messalina nicht aufzählen. Die Ausschweifung war grotesk. An Sentimentalität, vergebliches Sehnen und Schmachten wird nicht gedacht. Verliebt sich die vornehme Frau in einen Kutscher oder Fechter, so weiß sie seiner auch habhaft zu werden. Vor allem aber umgibt sie sich mit einem Hof vornehmer junger Männer, und es herrscht die Polyandrie in dreistester Weise. Die Badeorte, wie Bajä, waren ihre beliebtesten Stationen.
Tafel 2
Bildnis einer jungen Dame.
(Rom, Reale Museo nazionale Romano.)
Das Altertum liebt in allem die Deutlichkeit. Es kennt kein Versteckenspielen. Charakteristisch ist folgende Geschichte über die Neugier der Matronen der alten Zeit. Damals mußten die unerwachsenen Söhne der Senatoren noch in den Senatssitzungen zuhörend mit anwesend sein, um zu lernen. Der kleine Papirius wird nun nach einer Senatssitzung von seiner Mutter ausgefragt: „Was ist da losgewesen?“ Der Knabe zuckt die Achseln: „Die Sache war wichtig und ich soll schweigen.“ Da wird die Mutter unendlich neugierig und dringt so sehr in den Jungen, daß er in seiner Not sie belügt. Er sagt, es wurde darüber beraten, ob es besser sei, wenn ein Mann zwei Frauen hat oder eine Frau zwei Männer. Nun gerät die Mutter in höchste Aufregung und bringt die Sache gleich bei allen Matronen herum, und bei der nächsten Senatssitzung erscheint eine Prozession von Frauen, die da flehen, man solle durchsetzen, daß eine Frau zwei Männer haben dürfe, nicht umgekehrt[11]; ein Aufzug, der Suffragettes würdig, die in London das Parlament zu bestürmen pflegten. Das Gelächter der hohen Herren vom Senat kann man sich denken. Das Auskultieren der jungen Leute in den Sitzungen aber wurde seitdem abgeschafft.
Ehebruch. Politisches Zusammenhalten. Hetärenwesen.
Man sieht an dieser Erzählung übrigens, wie die Frauen zusammenhielten, sich organisierten, sich als eine feste Gruppe im Staate betrachtet und als solche zur Geltung gebracht haben. Dafür gibt es der Belege noch mehr. Bringt der gestrenge Cato ein Gesetz gegen den übertriebenen Luxus der Frauen ein, gleich rotten sich alle Matronen zusammen, agitieren und bringen es so zu Fall. In der Kaiserzeit ging das so weit, daß sie geradezu einen Frauensenat bildeten, der also wohl auch regelmäßig Sitzungen hielt[12].
Bei den Griechen im Osten der damaligen Welt hatte sich das Hetärentum ausgebildet, d. h. während die griechische Hausfrau an die Enge der Häuslichkeit gebunden blieb, waren es freigeborene Mädchen, oft hoher Intelligenz und feinster gesellschaftlicher Bildung, die dem Verlangen nach freier Liebe genügten, aber zugleich den geistigen und künstlerischen Interessen der Männerwelt blendend und klug nachgingen. Sie erhoben sich zu Trägerinnen des Zeitgeistes. Dies berufsmäßige Mätressenwesen war aus der griechischen Welt natürlich längst auch in Rom eingedrungen. Aber die stolzen Ehefrauen Roms ließ das nicht ruhen. Sie waren diesen Personen durchaus gewachsen, und so fällt es uns oft schwer, wenn wir die römischen Liebesdichter lesen, die angebetete Frau von der Mätresse zu unterscheiden[13]; puella ist unterschiedslos ein Wort für beide. Das ist freilich das Recht der Poesie: im Weib, das man vergöttert, schwinden alle Unterschiede. Für den aber, der nach den gesellschaftlichen Verhältnissen fragt, ist diese Tatsache sehr anmerkenswert. Ist es nicht betrübend, erschreckend, zu sehen, wenn dem Dichter Properz von einem Freunde zugemutet wird, ihm die Liebe seiner hochgefeierten Cynthia zu verschaffen, und Properz dies Ansinnen nicht etwa empört zurückweist, sondern den Freund nur warnt: er werde mit der Launischen ebenso schmerzliche Erfahrungen haben wie er selber? Die Polyandrie der Frau galt als selbstverständlich, und die Eheflucht in der Männerwelt war ihr Komplement und ihre Voraussetzung.
Messalina. Schönheitsideal. Frisur.
Zur Tragödie steigert sich das in den Orgien Messalinas, der Gattin des Kaisers Claudius, deren Herrscherbild auf Münzen stand und die gar in den Kreis der frommen Vestalinnen aufgenommen war. Sie ist zum Typus weiblicher Unersättlichkeit geworden. Schließlich wagte sie es, als Gattin des Kaisers, als Mutter des kaiserlichen Thronfolgers, sich vor Zeugen und in festlichem Kreise mit dem schönen Silius trauen zu lassen. Der Kaiser, dieser „Kürbis“, war seit langem abgestumpft; er wollte auch das nicht bemerken. Die Hofbeamten, freigelassene Sklaven, waren es, die die scheinbar allmächtige Frau vornehmsten Geblüts aus dem Taumel schrankenlosen Genusses in den Tod zerrten. Sie wurde in den lukullischen Gärten von einem Tribun erdrosselt. Was aber war Messalinas Schuld? Ihre Schuld war nur, daß sie aus der Freiheit der Sitten der Zeit ohne Scham und Scheu die letzten Folgerungen zog[14]. Einst war Rom in Angst gewesen, daß Kleopatra aus Ägypten siegreich in Rom einziehen könnte. Kleopatra ging zugrunde, aber ihr blendendes königliches Laster zog mit fliegenden Fahnen dennoch ein, und es gelang den Römerinnen bald, die Königin zu überbieten. Denn das Überbieten war römische Eigenart. Der Römer blieb nie bei seinem Vorbild stehen.
Doch wir haben hier nicht den Sittenrichter zu spielen. Auch läßt sich vielleicht bei alledem noch nicht einmal behaupten, daß das Geschlechtsleben jener Zeiten gesetzloser war als etwa das heutige in Paris, Marseille, Neapel oder Rom. Die heutige Zeit versteht sich besser auf die Heimlichkeit und das Vertuschen, und das beweist zunächst nur einen Defekt an Ehrlichkeit.
Werfen wir also lieber auf die römische Frau selbst das Auge: so gilt in der Tat Schönheit als ihre erste Tugend. Und zwar war Venus das Ideal der Griechin, Juno dagegen das der Römerin. Junonisch, hochgewachsen, großäugig, reif, in sich gefestigt, streitbar, dazu grenzenlos temperamentvoll, so schildern uns die Dichter ihre Schönen. Der Putz aber ist ihr Hauptaugenmerk, und im Toilettenzimmer werden viele Stunden verbracht. Die Mütter halten darauf, daß ihre jungen Töchter als virgines schmächtig niedrige Schultern haben sowie durch starke Schnürung schlank erscheinen. Anders die Erwachsenen, und sie waren Virtuosinnen in der Kleidung. Ich rede dabei nicht vom Zahnpulver, nicht vom Schminken, Schönheitspflästerchen (splenia) und den künstlich verlängerten Augenbrauen — denn die zusammengewachsenen Augenbrauen galten als Schönheit —, auch nicht von den Masken aus weichem Brot, die dem Teint Zartheit geben sollten; denn von diesen Hilfsmitteln durften die Männer nichts wissen. Wohl aber ein lobendes Wort zur Frisur: denn die armselige Schablone der modernen Haartracht kannten damals die Frauen nicht, sondern jede Dame formte sich ihr Haar individuell, jede verschieden. Ein selbständiger Schönheitssinn waltete. Das breite Gesicht braucht über der Stirn den Haarknoten oder ein hohes Toupet, das schmale braucht den flachen Scheitel usf. Dabei war aber wieder künstliche Nachhilfe beliebt, und wie der dunkle Italiener noch heute für das deutsche Blond schwärmt, so kauften sich auch damals die Römerinnen das Blondhaar der Germanen. An Haarnadeln mit echten Perlen fehlte es nicht. Später wurde der Haaraufbau immer höher, turmartig, barock, und der Ungeschmack siegte. Wir sehen das u. a. an den Marmorbüsten der Kaiserinnen; bei manchen läßt sich das Haar wie eine marmorne Perücke abnehmen; denn die Büste sollte wie die Kaiserin selbst nach Belieben die Frisur wechseln können. Am feinsten urteilt Ovid, der nichts reizender findet als eine gewisse Nachlässigkeit der Frisur; wir sollen meinen, sie stamme noch von gestern und das Haar wäre nur leicht übergekämmt.
Kleiderstoffe. Frauenbildung. Musizieren.
Und die Kleidung? Da ist vor allem dem Wahn zu begegnen, als ob die antiken Frauen sich in Weiß gekleidet hätten. Man glaubt heute eine Muse darstellen zu können, wenn man sich ein kalkweißes Bettuch malerisch umhängt. Für eine Iphigenie ist das annähernd richtig, aber nur sofern sie Priesterin war. Sonst spielen vielmehr alle Farben im frohen Wechsel, wofür uns die reizenden bemalten Terrakotten, vor allem aber die Wandgemälde Pompejis Zeugen sind. Das Kleid, die Tunika, wurde nur von gewissen Damen fußfrei, von den Hausfrauen dagegen wie ein Talar lang wallend getragen (stola). Unten war eine Falbel aufgesetzt (institum). Dabei waltet Rot und Gelb vor; das Blau tritt zurück; dann ist Grün beliebt, weil in ihm Gelb enthalten, sowie Violett, weil es am Rot Anteil hat. Vor allem griff man gern nach schillernden Stoffen. Nicht grelle, sondern mild gedämpfte, nicht schwere, sondern flimmernd spielende und gehauchte Farbentöne entzückten das Auge. Dazu kam dann der Umhang, der gern zwei Farben zeigt, z. B. rot an der Oberseite, gelblich das Futter; und immer hat das Kleid darunter andere Farbe als der Umhang. Nimmt man dann endlich noch die bunten Decken und Kissen hinzu, die bei Geselligkeiten auf den Sesseln liegen, so müssen wir über diese Farbenfreudigkeit staunen; aber sie ist durch das feinste Studium geregelt und symphonisch abgewogen. Übrigens wußten die blassen Damen, daß ihnen Schwarz, die negerhaft dunklen, daß ihnen Weiß am besten stand[15].
Die altmodischen Wollstoffe wurden allmählich durch feines Leinen (byssus) und Baumwolle (carbasus) verdrängt. Dann aber kam die kostbare chinesische Seide und schlug auch diese aus dem Felde. Die ebenso dreiste wie unkünstlerische Dekolletierung der Modernen, durch die Nacken und Büste unorganisch in der Mitte quer durchschnitten wird, kannte das ganze Altertum nicht, aber es entschädigte sich anderweitig. Netzartig durchscheinende Seidenstoffe wurden auf der Insel Kos gewebt, und in diesen koischen Gewändern in der Farbe des Porphyr bewegten sich wie in einer transparenten Wolke die Schönen der ersten Kaiserzeit. Die Seide war damals übrigens meist Halbseide. Kostbarer noch das goldgestickte Schleppkleid (cyclas), das, rings mit Akanthus bestickt, anscheinend wie eine Glocke stand und jedenfalls so schwer war, daß es beim Gehen Streifen im Sande zog. Die Damen des Hofes wie der Halbwelt trugen es. Und so trat also auch die Cynthia des Properz aus ihren Gemächern hervor in den Kreis ihrer Bewunderer, von exotischen Parfüms umwogt, in der Halskette schimmernde Edelsteine, zum Glück ohne Handschuhe, aber die Füße in feinen roten Lederschuhen, in denen ihr Gang sich lässig und weich bewegte.
Was ist Frauenbildung? Sie besteht nicht im Bücherlesen; sie besteht schon im Anstand allein, in der Kunst, sich selbst darzustellen, durch die heute eine schlichte Italienerin alter Rasse so manche deutsche Studentin schlägt. Diese Italienerin ist eben die Erbin antiker Kultur, und die Kultur ist in ihr Natur geworden. Wir hören, daß der Jüngling, der seiner Dame gefallen will, sein Haar mit Hilfe duftender Salben frisiert und vor allem sich eine sanfte und wie zögernde Gangart anerziehen muß. Man tritt eben nicht wie ein Briefträger in das Wohnzimmer. So gab es nun auch Vorschriften für die Frauen. Die Mädchen lernten es, schön zu lachen, sie lernten es, schön zu weinen. Keine Verzerrung der Züge, auch bei der heftigsten Aufwallung! Des Properz’ Geliebte ist „auch im Rasen noch schön“. Lange Nägel sind gefährlich; daher ist es Vorschrift, sie kurz zu schneiden. Und nur die schmale Hand ist schön. Hast du rundlich fleischige Finger, so gestikuliere nicht. Man zeige stets nur das Vorteilhafte.
Dem Properz aber schien alle äußere Eleganz an seiner Cynthia nur Tand und Flitter. Er weiß anderes an ihr zu rühmen. Zwar mit Handstickerei beschäftigte sie sich nicht; denn die wundervollen Stickereien des Altertums auf Teppichen und auf Gewändern in Kreuzstich oder Plattstich waren fast ganz oder ganz ausschließlich Sache der Männer; die Berufssticker hießen phrygiones. Nur spinnend und webend weilt Cynthia unter ihren Mägden und klagt ihnen dabei offenherzig ihr Liebesleid. Dann aber greift sie einsam zur Leyer und spielt und singt. Sie musiziert künstlerisch.
Das war damals (40–20 v. Chr.) etwas Ungeheures. Denn nur die Griechen waren die Musikanten des Altertums. Kein Römer singt öffentlich. Keiner der römischen Dichter, und selbst nicht Horaz, hat, soviel wir wissen, Musik zu schreiben verstanden. In Cynthia steht also die fortschrittliche Frauenbildung der Zeit vor uns. Die Römerin hat sich nunmehr der Griechin ganz gleichgestellt. Der Gesanglehrer sang vor und unterrichtete dabei mehrere Damen zugleich, die auf Lehnsesseln um ihn herumsaßen[16]. Später war es Kaiser Nero, der als Dichter, Sänger und Kutscher sich produzierte. Für den echten Römer war das ein Grauen, eine moralische Unmöglichkeit.
Tanz. Verhältnis zur Dichtkunst. „Domina“.
Aber Cynthia tanzt auch, und auch das war wieder etwas Neues. Horaz meldet mit Entsetzen, daß damals die Römerinnen Tanzstunden nahmen, und zwar im regelmäßigen Walzertakt (Ionicus). Properz hingegen bewundert es. So platzen die Ansichten aufeinander. Der Tanz des Altertums war eben kein Rundtanz, den wir heute auch im Halbschlaf tanzen. Er war Solotanz! er war ein Wagnis. Beim Gelage erhebt sich Cynthia und gibt vor den berauschten Blicken der Männer ein Schauspiel im bacchischen Stil, wie eine im Wirbel bewegte Mänadenstatue oder wie jene schwebenden Frauen Pompejis, die selbst noch als verblaßte Gemälde eine Wonne für unser Auge sind. Natürlich geschah derartiges nur im geschlossenen Raum, nur im Privatkreise.
Aber noch mehr. Cynthia dichtet: sie war Dichterin! und es gab noch mehr dichtende Frauen. Einige Versschnitzel weiblicher Herkunft sind uns sogar erhalten. Aber wir legen keinen besonderen Wert darauf. Denn wie sehr auch Properz, um den Horaz zu ärgern, die lyrischen Strophen rühmt, die Cynthia dichtete, sie sind doch vor den Oden des Horaz sofort verblaßt. Jedenfalls aber wird damit bewiesen, daß das Unternehmen des letzteren nicht ganz originell war[17]. Das Wichtigste aber ist, daß wir sehen, wie sehr sich allmählich der Interessenkreis jener Frauenwelt erweitert hat. Der Antonia schickt Krinagoras die Werke des Anakreon. Auch der Octavia, der Schwester des Augustus, wurden Bücher gewidmet, und sie war sogar die Gründerin einer großen öffentlichen Bibliothek. Auch auf Bildern sehen wir jetzt häufiger einsame Frauen als Leserinnen mit dem Buch. Ovid schreibt vor, daß, wer um das Herz der Mädchen wirbt, sich hübsch in Versen an sie wenden soll. Derselbe zählt uns die Liebesdichter auf, die die Mädchen besonders gern lasen. Für Properz aber ist es die Geliebte einzig und allein, deren „reines Ohr“ und heller Sinn über den Wert und Unwert seiner Poesie zu entscheiden hat.
Was wollen wir mehr? Wir fragen nicht, wie weit das Leben der großzügigen Frauen jener Zeiten gesetzlos war. Sie gehorchten ihrer Zeit. Aber sie haben viel getan. Denn an ihnen hat sich die grandioseste Liebespoesie entzündet, die die Weltliteratur kennt. Ich rede vor allem von Properz und Catull, jenen ungestümen Troubadouren, die da jede Zeile mit ihrem Herzblut schreiben, als rängen sie im Aufschrei und Sehnsuchtsruf um Leben und Tod. Die Frauen waren das Genie dieser Dichter; so wird uns gesagt. Mehr als das: die Frauen waren für sie auch das richtende, maßgebende Publikum. Was wäre der Troubadour ohne die Königin seiner Seele, die da den Preis der Liebe gibt, die also urteilt, die also an Intelligenz über ihrem Verehrer steht? Und die Minnedichtung des Mittelalters, die eigentliche Poesie der Troubadoure selbst, hat sich eben, wie wir wissen, an jene Augusteische Liebeselegie, von der ich rede, angelehnt und ist von ihr eine Fortsetzung und Weiterbildung gewesen[18]. Die Zeit des Augustus war monarchisch geworden, und ein einziger Herr, ein dominus, herrschte über die Welt. So kam eben damals der Sprachgebrauch zuerst auf, nun auch die Geliebte domina, Herrin, zu nennen. Daher die Donna, die Madonna der späteren Zeit. „Wie bist du meine Königin,“ so singt auch noch Brahms! Eine schwärmerische Huldigung des unterjochten Ichs! Die Frau rückt auf. Sie wird zur erklärten Herrscherin in der Welt des Dichters.
Gelehrte Frauen. Juvenal. Grabschriften.
Eins aber fehlt damals noch fast ganz, die gelehrte Frau. Denn jene Frauen, so kunstgebildet sie waren, sie liebten den Aberglauben, und sie brauchten also das Wissen nicht. Eine Ausnahme macht hierzu, wenn ich mich nicht täusche, nur die fünfte Frau des Pompejus (sie hatte den Namen Cornelia, der uns so häufig begegnet); diese junge Frau, die geradezu den Typus der Studentin trägt, spielt in der Kulturgeschichte Roms eine bemerkenswerte Rolle, denn sie ist als diejenige Römerin zu merken, die tatsächlich zuerst fleißig Musik getrieben hat; aber sie war obendarein auch hochgelehrt, hörte bei griechischen Philosophen und trieb vor allem sogar Mathematik; das war mißliebig und in des Pompejus Bekanntenkreis nicht gerne gesehen. Dann taucht erst 150 Jahre später die gelehrte Frau von neuem bei Juvenal auf; und zwar stellt sie Juvenal mit der turnenden und fechtenden Frau zusammen. Vielleicht hat er damit so unrecht nicht. Nach Seneca ging die Emanzipation so weit, daß die Frauen auch mit um die Wette trinken; dann verlieren sie die Haare und bekommen Podagra[19]!
Der hämische Frauenspiegel, den Juvenal geschrieben, wirkt auf uns erschreckend, ein grausig verzerrtes Spiegelbild. Sein Weiberhaß hat alle naive Grazie des Lebens erdrosselt. Er argumentiert z. B. so: Die Rachsucht ist verwerflich, warum? weil alle Frauen rachsüchtig sind. Erhänge dich lieber, als daß du heiratest, ist daher sein Rat. Mit ihrem hoc volo, sic iubeo knebelt die Frau den Mann. Wie soll man noch eine erträgliche Person finden? Sie ist ein so seltener Vogel (rara avis). So wie Juvenal[20] denkt aber auch Publilius Syrus, der von der Bühne herunter ins Publikum ruft: „Ein Weib ist nur dann gut, wenn sie offen schlecht ist!“
So ist zu meinem Bedauern das laute Schelten wieder an unser Ohr gedrungen, das Schelten der griesgrämigen Moralisten und der nüchternen Sozialpolitiker, die sich in ihrem Tadel einig sind. Es erweckt schließlich unseren Überdruß. Haben wir nach anderen Tönen Verlangen und wollen die Frauen auch einmal inbrünstig loben hören, so müssen wir ihre Grabsteine aufsuchen. Denn die Vergangenheit ist wie ein Friedhof, und abertausende von solchen Steinen sind uns aus dem Altertum erhalten. Der trauernde Witwer ist es, der in der verstorbenen Gattin allerdings eitel Tugend sieht; das sagen uns die Inschriften auf den Steinen. Nach ihrem Tod erschallt ihr Lob. Daß sie treu, daß sie häuslich und fleißig war, das ist da allemal ihre Tugend[21]. Daß sie treu? Wir lesen es gern, aber wir wundern uns doch. Denn welcher deutsche Mann würde es heute seiner Frau wohl über dem Grab ausdrücklich nachrühmen mögen, daß sie die Ehe nicht gebrochen habe[22]?
Dann aber wenden wir uns zu Plinius, dem Zeitgenossen des Trajan und der Plotina, der kaiserlichen Philosophin. Wie viel liebenswürdiger als Juvenal urteilte damals Plinius, der uns in seinen Briefen so manches Stadtgeschwätz mitteilt! Rufin, erzählt er, ist so alt und dekrepid, daß er sich die Zähne von anderen putzen lassen muß; trotzdem hat eine junge, vornehme Witwe ihn geheiratet; man hat das beiden schwer verdacht; aber die junge Frau pflegt den Mann nun auf das rührendste, und er belohnt sie eben jetzt durch ein reiches Vermächtnis.
Frauengestalten der Kaiserzeit. Cornelia bei Properz.
Die Ehre der Wittib schien damit hergestellt. Dem sei wie ihm sei, wir wissen aus eben jener Zeit von edlen Frauen genug, die einer solchen Nachsicht nicht bedurften, auch solchen, die mit ihren Männern wie Heroinen in der Verfolgung litten und starben. Berühmt ist die ältere Arria, berühmt das „Paete, non dolet“[23] in ihrem Munde. Vor allem an Willenskraft und Haltung hat es auch noch jenen Römerfrauen nicht gefehlt.
Ich fuhr über den Comer See, berichtet derselbe Plinius. Da wies mich ein älterer Reisegenosse auf eine Villa am Ufer hin. Ein Zimmer des Hauses ragte weit über den See. „Dort hat sich vor Zeiten,“ erzählte er mir, „eine unserer Mitbürgerinnen herabgestürzt.“ Warum? „Ihr Gatte war krank, mit Schwären behaftet; ärztliche Hilfe fehlte; sein Leiden schien schmerzhaft und unheilbar. Da beschloß sie ihn vor weiteren Qualen zu bewahren, band ihn an ihren eigenen Körper fest und stürzte sich von oben mit ihm in die Flut.“ — Wir zucken zusammen. Die Energie einer Barbarin! Plinius indes fragt nur: Ist dieses Weibes Opfermut etwa geringer als der Opfermut Arrias? Aber der Ruhm wird ungleich verteilt im Leben; denn die eine Frau war von Adel, die andere war namenlos.
In Rom ist eine Vestalin erkrankt und wird aus dem Atrium Vestae, dem Vestalinnenkloster auf dem Forum, entlassen und zur Pflege der vornehmen Fannia übergeben. Fannia war die Enkelin eben jener Arria, von der ich sprach. Die Krankheit war aber ansteckend; Fannia wird von ihr ergriffen und verfällt rasch dem Tode. An ihrem Sterbelager rühmt sie der nämliche Plinius: Welcher Verlust für unsere Gesellschaft, daß sie dahingeht! Zweimal hatte sie schon mit ihrem Gatten das Exil geteilt; da erscheint aus der Feder ihres Mannes ein Werk, das den Helvidius, den Vater Fannias, verherrlichte. Dieser Helvidius war ein Vorkämpfer der Sittlichkeitsbestrebungen jener Zeit und der großen stoischen Gemeinde Roms, war ein Widersacher erst Neros, dann auch Vespasians gewesen. Fannia selbst aber wird darauf vor Gericht gezogen und nimmt alle Schuld auf sich allein: sie hat den Gatten das Werk zu schreiben veranlaßt; sie hat ihm dazu das Material gegeben. Sie allein wird verbannt, ihr Vermögen kassiert.
Eine vornehme Vestalin wird unter Domitian verdächtigt, in Liebesverkehr mit etlichen Männern gestanden zu haben. Sie leugnet. Das Publikum glaubt an ihre Schuld. Der Kaiser selbst entzieht ihr jede Gelegenheit, sich zu verteidigen, greift kurzerhand auf die alten Satzungen Roms zurück und läßt die für schuldig gehaltenen Männer öffentlich zu Tode peitschen, die Vestalin selbst lebendig begraben; eine Tragödie im Stil der Antigone. Mit der stolzen Miene verkannter Unschuld ging die Frau in den Tod. Als sie in die offene Grube hinabstieg und ihre lange Schleppe am Grabesrand hängen blieb, wandte sie sich noch einmal um und nahm das Kleid sorglich zusammen. Der gemeine Henkersknecht wollte sie anfassen; da schnellte sie zurück und kehrte sich ab, als könnte seine Berührung ihre gottgeweihte Reinheit entehren. Alle Zeugen des Auftritts waren ergriffen. Wer konnte noch an ein „schuldig“ glauben? Das Publikum hatte den Eindruck des Erhabenen.
Wir aber wollen zum Schluß die Gedanken einer Kernrömerin aus friedlicheren Zeiten vernehmen. Es ist Cornelia, nicht die Frau des Pompejus, nicht die Mutter der Gracchen, sondern eine jung gestorbene Frau der augusteischen Zeit gleichen Namens, und es sind Gedanken, die diese Frau auf ihrem Sterbebette hegt. Da hören wir, wie sie stolz ist auf die Vornehmheit ihres Blutes, stolz auf das Ansehen ihres Bruders, stolz auf ihren eigenen, fleckenlosen Namen. Gleichwohl wendet sie sich voll Zartsinn an den Gatten Paulus: „Du sollst nun auch, da ich zu den Toten zähle, Mutterstelle bei unseren Söhnen und Töchtern vertreten und sie zärtlich auf den Arm nehmen. Küssest du sie, so füge auch jeden Morgen die Küsse der Mutter hinzu. Härmst du dich um mich, so laß doch die Kleinen deine Tränen nicht sehen. Die Nacht magst du mit Trauer um mich ermüden, und ich will kommen und will im Traum bei dir sein. Ihr aber, meine Kinder, sollt, wenn der Vater sich neu vermählt und eine Stiefmutter mein Lager besteigt, es ertragen, sollt es loben, was der Vater tut, und euch so verhalten, daß ihr das Herz der Stiefmutter besiegt. Lobt mich vor ihr nicht zu offen; es könnte sie kränken, wenn sie sich mit mir vergleicht. Bleibt aber der Vater ehelos und hängt nur mir an, auch wenn ich Asche bin, so bemüht euch, dem Verwitweten sein kommendes Alter zu lindern, und laßt ihn keine Sorgfalt vermissen. So viele Lebensjahre mir geraubt sind, um so viel länger möget ihr unter der Sonne wandeln, und wenn er auf euch blickt, soll Paulus Freude daran haben, alt zu werden!“
Wie natürlich, wie kernhaft, wie schlicht diese Frauenworte! Mit solchen Gedanken sterben edle Frauen und werden sterben zu allen Zeiten. In der „Königin seiner Elegien“ hat Properz diese Worte zusammengestellt.
Antike Gastmähler.
Motto: Ingeniosa gula est (Martial 13, 62).
Indem ich von Gastmählern zu handeln beginne, muß ich befürchten, die Erwartungen des Lesers auf das schwerste zu enttäuschen. Wer sich zu Roms Blütezeit, wer sich zu den sogenannten klassischen Völkern zurückwendet, pflegt dies aus idealistischem Bedürfnis zu tun; die Kunst der Alten ist in ihrer Vollkommenheit wie keine andere geeignet, uns zu läutern und zu erbauen, die Wissenschaft und Philosophie der Alten in ihrer naiven Klarheit wie keine andere, uns auf dem Wege zur Wahrheit zurechtzuweisen. Hier soll nun gleichwohl die Wahrheit auf sich beruhen bleiben und unser Kunstsinn soll darben. Wir greifen ins Alltägliche und fragen: Was haben jene klassischen Alten zu Mittag gegessen? und wie haben sie es getan? Das menschliche Leben ist wie ein Haus mit mehreren Stockwerken. Im Erdgeschoß wohnt die Moral; eine Treppe darüber die Wissenschaft; im obersten Stock, dem Himmel am nächsten, wohnt die Kunst; wir begeben uns heut ins Kellergeschoß, wo der Materialismus seine Küche und seine Weinschränke hat.
Ästhetische und volkswirtschaftliche Gesichtspunkte.
Eine Betrachtung über die Mahlzeiten der Alten ließe sich freilich sowohl in ästhetischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht ausbeuten und vertiefen. Ästhetisch: denn wie wir schon aus unserem Schiller wissen, nicht nur Poesie, Plastik, Musik und der Tanz fallen unter den Begriff Kunst, sondern auch die Formen des Verkehrs selbst und der menschlichen Geselligkeit; ein Gastmahl gehört aber zur Geselligkeit und beansprucht und hat in jedem Falle schönheitliche Wirkung. Somit würde sich fragen lassen, inwiefern in dieser Beziehung die Alten hinter uns zurückstanden und inwiefern wir doch auch andererseits von ihnen lernen und unseren Kanon des Schönen erweitern könnten.
Aber auch in das Licht eines größeren wissenschaftlichen Interesses ließen sich die mehr oder minder merkwürdigen Einzelheiten rücken, die wir zusammenstellen wollen: in das Licht nationalökonomischer Betrachtung. Von der Art, wie sich der Einzelmensch und wie sich ein Volk ernährt, ist seine Gesundheit abhängig, zunächst seine körperliche, dann aber auch seine geistige Gesundheit. Freilich paradox übertrieben und darum grundfalsch wäre es zu sagen, daß, wer nicht gut lebt, darum auch nicht gut lebt[24]! Jedenfalls aber muß ein Volk, das nicht Wert auf seine Speisen und auf eine gewisse Mannigfaltigkeit in der Ernährung legt, notwendig auch in seiner sonstigen Kultur auf niederer Stufe stehen. Die Früchte der geistigen Kultur brauchen, um zu gedeihen, einen materiell gut genährten Boden. Der Luxus kann so heilsam wirken wie der Wohlstand, der seine Ursache ist.
Beginn des Luxus. Übertreibende Schilderungen.
Wilhelm Roscher unterschied dereinst einleuchtend und mit Grund zwei Arten des Luxus, die sich zeitlich ablösen: den Luxus der roheren Zeiten, wie des Mittelalters, wo es zwar Prunk einzelner Großen, aber noch keine Gepflegtheit des Lebens gibt, welche größeren Teilen des Volkes gemeinsam wäre, und den Luxus entwickelter Kulturepochen, in denen jener Prunk zurücktritt und die Wohlgepflegtheit das Leben der Nation wirklich behaglich erfüllt. Derartig entwickelte Epochen sind einerseits unsere Gegenwart, etwa vom Zeitalter Ludwigs XIV. ab gerechnet[25], andererseits die römische Kaiserzeit. Die Aufgabe liegt nahe, beide Perioden aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu vergleichen, die ähnlichen Erscheinungen auf ähnliche Ursachen zurückzuführen, hier und dort das Verhältnis des Luxus zum Nationalwohlstand nachzuweisen und danach die Frage nach der Dienlichkeit des Luxus, insbesondere des Tafelluxus zu erörtern.
An keine der beiden angedeuteten Aufgaben können wir indes hier herantreten. Denn es erfordert schon Zeit genug, von den Tatsachen selbst Kenntnis zu nehmen, auf die ich mich darum vorsätzlich beschränke. Die Vergleichungsresultate für das Einzelne wie für das Ganze werden sich dabei manchem stillschweigend von selbst ergeben. Sollte aber der ernste Ton, der mir Pflicht ist, im Verfolg hie und da in das Heitere umschlagen, so wolle man gelinde sein und Nachsicht üben: über gewisse Dinge kann eben auch der Ernsthafte nur mit Lächeln reden.
Die Periode des größten Luxus in Rom war die Zeit von Augustus bis zu Neros Tod, wie Tacitus ausdrücklich sagt. Hernach, seit Vespasian und Trajan, erfuhr er, so scheint es, erhebliche Einschränkung. Schon Cicero aß gut, und die Zeit des strammen Altrömertums, wo man sich bäurisch mit Bohnen, Rüben und steifem Gerstenbrei den Bauch füllte und alle Leute nach Knoblauch und Zwiebeln aus dem Munde rochen, war damals längst vorüber. Was billig ist, schmeckt nicht: dieser Grundsatz der Protzen kam schon in den letzten Jahren der Republik in Aufnahme, und der Staat sah sich damals veranlaßt, wiederholt Gesetze wider den Tafelluxus zu erlassen. Aber erst seit Caesar und Lucull beginnt dieser Luxus wirklich zu herrschen; damals beginnt die Einfuhr außeritalienischer Viktualien nach Italien und Rom im großen Stil. Wir beschränken uns im folgenden vorzüglich auf die Zeit von Caesar bis etwa Domitian.
Die Alten sind selbst schuld, daß wir uns um ihre Ernährung bekümmern. Warum reden sie so viel davon? Wenn ich die Quellen angeben wollte, aus denen die folgende Darstellung gewonnen ist, würde ich die meisten zeitgenössischen Autornamen zu nennen haben. Diese Schriftsteller zerfallen in zwei Klassen: die einen, wie z. B. Plinius, sind Stoiker von Gesinnung und berichten über alles nur mit bedeutendem Stirnrunzeln und in unverständig asketischer Tendenz; die anderen, geringer an Zahl, tragen den Epikur, der in ihnen steckt, ehrlich zur Schau. Epikur selbst war freilich nicht schuld, daß sich diese Feinschmecker der römischen Kaiserzeit gerade nach ihm benannten. Ihm war alle Übertreibung ein Laster, und auch seine Gegner bezeugen, daß dieser griechische Lebenskünstler von Wasser und Brot lebte und bestenfalls dazu etwas Käse nahm (griechischen Inselkäse von Kythnos).
Am ausführlichsten ist Petronius, der uns das Gastmahl des Trimalchio mit unvergleichlicher Komik geschildert hat. Allein wir können leider nur gelegentlich von ihm Gebrauch machen; denn die Absicht des Erzählers ist dabei lediglich, durch abenteuerliche Übertreibungen die Wirklichkeit zu überbieten; sein Held Trimalchio ist Libertin, Emporkömmling und Geldprotze, der noch gestern nichts war, der einen Lumpenhändler Echion, einen Steinmetz Habinnas und ähnliche dunkle Existenzen zu Gästen hat und sich von ihnen in albernster Weise huldigen läßt. Dabei sagt er ihnen ins Gesicht: „Gestern gab ich geringeren Wein und hatte doch viel bessere Leute zu Tisch, als ihr seid,“ und alles geht dabei möglichst verrückt und möglichst unfein zu.
Ebensowenig aber wie dieser Trimalchio dürfen auch gewisse andere Nachrichten, die man in früheren Zeiten besonders gern heranzog, über wüsten Luxus und Tollheiten einzelner, insbesondere einiger römischer Kaiser, für unsere Auffassung maßgebend sein. Im Ruf eines Vielfraßes stand so der Kaiser Vitellius; er nahm vier Mahlzeiten am Tag; sein Bruder gab ihm einen Ehrenschmaus, wobei 2000 Stück Fische, von den besten Sorten, und 7000 Stück Vögel die Tische belasteten. Vitellius ist in der Vertilgungskunst nur von dem halbbarbarischen König Mithridat übertroffen worden. Derselbe Vitellius stellte einmal ein Gericht zusammen, das in Rom lange unvergessen blieb, bestehend aus Leber von Makrelen, Pfauenhirn, Flamingozungen und ähnlichem. Caligula opferte täglich entweder Flamingos oder Trappen und Pfauen; das Beste von seinem Opfer verzehrte natürlich der Opfernde selbst. Elagabal aß Straußenhirne. Aesop, der große tragische Schauspieler, trank einmal eine köstliche Perle, im Wein aufgelöst, die Metella im Ohr getragen; derselbe ließ 6000 Singvögel, insbesondere Nachtigallen, auf einmal braten; das kostete ihn an die 20000 Mark. Solche Verrücktheiten und Barbareien bezeugen gerade dadurch, daß sie uns mit Entsetzen berichtet werden, daß sie vollkommen aus der Gewohnheit der damaligen Zeit herausfielen.
Noch sei hier aber an etwas Wertvolleres erinnert. Die Vorfahren von Davidis’ Kochbuch reichen weit ins Altertum zurück; das älteste Kochbuch war wohl das des Simos[26] um das Jahr 400 v. Chr. (natürlich in Versen). Diese ersten Lehrschriften betrafen zunächst die Zubereitung der Fische. Ein Epos derart fing mit der Zeile an, die den Anfang der Odyssee parodiert: Δεῖπνα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροφα καὶ μάλα πολλά. Leider ist dieser Vers in seiner parodischen Feinheit unübersetzbar[27]. Diese tiefsinnige Literatur wurde hernach immer häufiger, und unter des großen Schlemmers Apicius Namen liegt uns nun ein solches Kochbuch noch wirklich vor. Ein ähnliches Buch schrieb der Römer Matius. Ja, auch Frauen haben sich an dieser gastronomischen Schriftstellerei beteiligt; eine Charlotte Birchpfeiffer kann sich für ihre Taten auf Sappho berufen, eine Davidis auf jene Gnathaina, die gewiß nicht ohne Humor eine „Gesetzgebung für Gesellschaftsessen“, einen Nómos syssitikós verfaßt hatte, wovon man auf der großen alexandrinischen Bibliothek ein Exemplar wirklich aufbewahrte.
Tafel 3
Trinkgelage.
(Neapel, Museo nazionale.)
Das Altertum war sehr gastfrei, um so gastfreier, da das Gasthofswesen so wenig entwickelt war und man eleganter Speisewirtschaften entbehrte[28]. Um ein größeres Essen zu geben, mußte man sich nun vor allem klarmachen, wen man und wie viele man einladen wollte. Nur ja nicht zu viele, dies predigt uns Plutarch. Die Gäste dürfen ja nicht zu eng sitzen. „Lieber Mangel an Wein, als Mangel an Platz!“ Meistens, besonders in älterer Zeit, lud man nicht mehr als neun Personen (die Zahl der Musen). Die Zimmer faßten nicht mehr, und solche „Triklinien“ für neun Gäste sind aus Pompeji bekannt genug. Dies blieb also Regel, obwohl man in der Kaiserzeit sich auch besondere Eßsäle baute, die es möglich machten, in einem Privathause auch 27–36 Personen bequem zu vereinigen; die größte Zahl, von der wir hören, sind einmal 270 Personen an 30 Tischen. Plutarch sagt: „Wer selten einlädt, muß mehr Personen bitten, daher sei lieber öfter gastfrei.“ Und man war das in der Tat. Kam ein Auswärtiger nach Rom und hatte persönliche Beziehungen, so sah er sich sogleich zu Tisch gebeten. Die verhältnismäßig geringe Anzahl der Gäste aber ist bei der Würdigung des Tafelluxus der Römer immer gegenwärtig zu halten.
Kochbücher. Zahl und Auswahl der Gäste. Tischordnung.
Sodann aber: wen laden wir ein? Plutarchs Weisheit hilft uns auch hier. Die Gesellschaft muß zueinander passen; bitte nur die zusammen, die sich miteinander gut stehen. Wer Großwürdenträger bittet, eine Zelebrität der Börse oder des öffentlichen Lebens, der sorge, daß auch die übrigen Gäste damit harmonieren. — Die Einladungsbilletts müssen rechtzeitig geschrieben werden. Man lernte sie künstlerisch abzufassen, und Beispiele davon zieren die antike Literatur. — Wichtig ist dabei auch, ob man Plätze belegen soll. Wir fragen denselben Plutarch um Rat; er urteilt hier wiederum mit Kennerblick. Man unterscheide Mahlzeiten mit guten Bekannten und steife Festessen; nur bei den letzteren sind Plätze zu belegen. Freilich dürfen wir nicht glauben, daß man etwa Zettel, daß man Tischkarten legte, wie wir es tun. Ein besonderer Sklave (nomenclator) war dazu da, jedem Gast seinen Platz anzuweisen.
Schatten. Klienten. Damen. Tageseinteilung.
Durch dreierlei aber unterscheidet sich eine antike Tischgesellschaft doch wesentlich von der unsrigen. Erstens konnte jeder Geladene stets auch noch sonst Freunde mitbringen, die nicht geladen waren; diese Ungeladenen nannte man Schatten, umbrae; sie waren höchst willkommen. Der Wirt mußte also seinen Küchenvorrat und seine Tischordnung immer auf solchen Zuwachs einrichten. War es doch alte Hausregel in Rom, daß stets auf dem Tisch noch etwas Eßbares übriggeblieben sein mußte, wenn er fortgetragen wurde.
Zweitens sind hier die sogenannten Klienten zu nennen. Unter Klienten versteht die Kaiserzeit die Unmasse derjenigen freien Einwohner Roms, die, ohne Beschäftigung, ohne Einkommen und Lebensstellung, sich von der Gunst und Freigebigkeit vornehmer Gönner und Schutzherren ernährten. Die Anzahl solcher schmarotzerhaften Existenzen, die sich an ein vornehmes Haus hängten und unter denen sich oft auch gerade die geistreichsten Leute, wie der Dichter Martial, befanden, konnte bis hundert, ja zu mehreren Hunderten anwachsen. Diesen Klienten nun lieferte der Patron ihr Mittagbrot, und zwar entweder ins Haus (es wird dann geschätzt auf etwa 13 Groschen pro Tag; dies Geld hieß „Sportel“), oder aber er zog auch einzelne von ihnen zu seiner Tafel. Die Klienten erhielten dann aber oft abseits einen besonderen Tisch angewiesen und bekamen geringere Speisen vorgesetzt. Darüber lesen wir manches bittere Klagelied: die Speisen schmeckten nach schlechtem Öl; es gab Tiberfisch, der in der Nähe der Kloaken gefangen war, zum Schluß nur einen schäbigen Apfel. Dazu dann noch der hochfahrende Ton der Bedienung! Aber auch abgesehen von diesen Nebenumständen erhält die antike Tischgesellschaft durch die Anwesenheit der Klienten eine wesentlich andere Physiognomie als die unsrige.
Drittens aber — und dies stelle ich nicht ohne einige Bestürzung fest — waren die Festessen zumeist nur Herrenessen. Daß auch Damen teilnahmen, wird selten erwähnt. Nur die Hausfrau mit den Kindern war öfter gegenwärtig, ja sie bekümmerte sich sogar bisweilen auch um die Bewirtung. Daß die Gäste ihre Frauen mitbrachten, war nicht häufig der Fall. Waren aber solche da, wie z. B. bei dem Priesterfestessen des Lentulus, an dem neun Männer und sechs Frauen teilnahmen, dann erhielten die letzteren ein besonderes Sofa für sich. Von einer „bunten Reihe“ wußte man also gar nichts[29]. Kein alter Schriftsteller schwärmt daher auch je von seiner Tischnachbarin. Dies ist es, was wir, wie gesagt, nicht ohne Enttäuschung wahrnehmen.
Verfügen wir uns ins Haus des Gastgebers. Wir setzen als Jahreszeit etwa den Herbst an. Denn Aristoteles sagt, ich weiß nicht, ob mit Recht: im Herbst ißt der Mensch am meisten. Schon tags vorher hat der Hausherr — denn die Frau des Hauses bekümmert sich in der Regel um diese Dinge wenig — die nötigen Anweisungen an seine Diener, insbesondere an den Aufseher der Tischbedienung gegeben, und schon früh am Morgen stellen die Hausdiener alles zurecht und decken den Tisch, d. h. aber ohne Tischdecke. Tischdecken, mit dem Zweck, die schöne Tischplatte zu schonen, wie wir sie im „Abendmahl“ Lionardos sehen, kamen etwa erst im zweiten Jahrhundert auf[30].
Der Hausherr selbst ist, nach der Gewohnheit, morgens etwa gegen 6 Uhr ausgestanden (nur Tagediebe wie Horaz standen erst um 10 Uhr auf); und schon so früh, um 6 Uhr, ist die Visitenstunde für die Klienten, die der Patron im Atrium empfängt. Erst gegen 9 Uhr nimmt der Herr das erste Frühstück (ientaculum), nichts weiter als Brot, Wein, Honig und etwas Käse. Dann folgt die Geschäftszeit bis 12 Uhr; wer gerade nichts Besseres vor hatte, der konnte die Geschäftszeit bis 4 Uhr nachmittags ausdehnen[31]. Gegen 12 Uhr aber regt sich der Hunger doch schon mit Macht; das zweite Frühstück (prandium), um 12 Uhr, war darum schon ziemlich nahrhaft; man nahm dazu, wie uns Plautus belehrt, auch aufgewärmte Sachen vom gestrigen Mittag. Dann, nach gestilltem Hunger, war man glücklich für ein Mittagsschläfchen (meridiatio!) reif; ganz Rom lag zwischen 1 und 2 Uhr tief im Schlafe; dies war eben die Stunde, in der Alarich Rom eroberte. Sodann aus der Schlummerecke ins Bad! Das Bad, zwischen 2 und 4 Uhr, schien keinem, dem Vornehmsten wie dem Geringsten, entbehrlich. Wenn man dann dem Kaltwasserbassin oder der warmen Dusche entstieg und noch etwas Ball gespielt hatte, brachte man zur Tafel die leckerste Genußsucht und einen herrlichen Hunger mit. Es ist inzwischen gut 5 Uhr geworden. Das Gastmahl kann beginnen.
Eßsäle. Gesellschaftskleidung. Tische und Klinen.
Der Hausherr harrt natürlich seiner Gäste. Zeichen des ungebildeten Protzentums ist es, wenn Trimalchio sich erst dann in den Saal tragen läßt, wenn seine Gäste schon alle bei Tisch sind. Auch Kaiser Tiberius machte es übrigens nicht anders. Auch die aufwartenden Kellner, für jeden Gast mindestens einer, stehen bereit: schöne alexandrinische Pagen, dazwischen zur Abwechslung ein Mohr und ein gelber Indier. Das Haus hat zwei Eßsäle; der eine, für den Winter, liegt der wärmenden Sonne zugekehrt; der andere ist laubenhaft kühl und tief verschattet; ihn benutzt man in der warmen Jahreszeit. Denn Heizung fehlte. Die Wände im Saale sind mit köstlichen Vorhängen drapiert; es waren ohne Zweifel Gobelins mit bildlichen Darstellungen; sonst hätte man die Wandmalereien des Saales gewiß nicht mit ihnen zugedeckt[32]. Unter der getäfelten Decke hängen wohl auch frische Girlanden. In den Saalecken stehen die Kandelaber, mit Lämpchen reichlich behängt. Der Fußboden ist blanker Marmor oder festes, buntstrahlendes Mosaik. Fußteppiche gibt es nicht. Ein prächtiger Nebentisch (abacus) aus Bronze oder Marmor tut etwa die Dienste unseres Büfetts und trägt das silberne Trinkgeschirr, den Ruhm des Hauses.
Es fällt den Gästen nicht schwer, rechtzeitig zu erscheinen, wenn man nicht etwa vormittags ins Theater gegangen war, wodurch sich leicht alles verschob. Plutarch tadelt einmal seine Söhne, daß sie aus dem Theater zu spät zu Tisch gekommen sind, ganz außer Atem (τρεχέδειπνοι), was doch nicht einmal gesund ist. Sonst sorgt schon der Diener, der im Haus die Stunden ausruft und die Taschenuhr ersetzt, für Pünktlichkeit. Man kommt in Gesellschaftstracht; Toga und Schuhe oder Stiefel trägt man nämlich nur auf der Straße, und nicht einmal das; denn die Toga kam überhaupt ab. Zu Tisch geht man dagegen auf leichten Sandalen und in einem Tischrock (synthesis) aus grünem oder lila Kattun oder Seide; d. h. man geht eben nicht, sondern läßt sich in der Sänfte tragen. Man begrüßt sich endlich; man legt sich an seinen Platz. Jeder hat auch noch seinen eigenen Diener mitgebracht[33].
Man legt sich an seinen Platz? Ganz richtig. Es klingt zwar äußerst sybaritisch und scheint vor allem die unvernünftigste Raumverschwendung. Die Alten sitzen nicht, sie liegen beim Essen.
Vergegenwärtigen wir uns die Verhältnisse genauer.
Ausziehtische kannte man nicht. Es ist ein Unding, wenn wir heute 20–30 Personen um ein solches Rechteck herumsetzen, das zehnmal so lang wie breit ist. Wir reden wohl vom „Cercle“, vom „Gesellschaftskreis“ und von „Tafelrunden“, aber wir wissen diese Runde nicht zu verwirklichen. Die Alten hielten streng auf zentrale Anordnung, so daß bei der Tafel möglichst jeder jedem ins Gesicht sah, und sie hatten also entweder geradezu Rundtische, die tragbar waren und um die im Hemizyklium nicht mehr als etwa 8 Personen radial liegend Platz fanden auf einem Rundsofa, dessen Lehne nach der Tischseite zu hochgepolstert war (dies ist aus den ältesten Abendmahldarstellungen bekannt; man nannte dies Rundsofa auch Sigma, weil der Buchstabe Sigma die Halbkreisform hat); oder aber jeder Tisch hatte genau quadratische Form. Dies war die Regel, und er war alsdann an drei Seiten von Ruhebetten, Longchaisen, umgeben. Diese Lager hießen griechisch Klinen und danach der Speiseraum Triklinium, der Raum für die drei Klinen. Die vierte Seite eines solchen quadratischen Tisches blieb dagegen unbesetzt; an diese leere Seite trat von der Tür aus der Bediente, um die Gerichte aufzusetzen und wegzunehmen. Auf jedem der drei Speiselager können immer je drei Personen liegen; die Ehrenplätze sind auf dem mittelsten. An jedem Tisch liegen somit höchstens neun Personen, und es war also auch hier erreicht, daß jeder mit jedem sprechen konnte. Waren außerordentlicherweise mehr als neun Mitesser, so wurde an mehreren Tischen gegessen, also mehrere Zentren geschaffen. Kam noch ein unerwarteter Gast dazu, so mußte er im Notfall mit einem Stuhl vorlieb nehmen. Die Frauen saßen nur und lagen nicht, zum wenigsten in den Häusern, wo bessere Sitten herrschten.
Das Speiselager war nicht flach, sondern nach der Tischseite zu erhöht; man bestieg es von der Außenseite und lag nicht etwa der Tischkante parallel, sondern radial ansteigend auf das Zentrum des Tisches gerichtet, die Füße nach außen; man stützte dabei den linken Ellbogen auf ein loses Kissen, so daß der Abstand des Mundes vom Tisch recht groß war und es erhebliche Schwierigkeit gemacht haben muß, die Tischplatte zu küssen; denn auch dies kam vor[34]. Man hatte endlich zum Essen immer nur die rechte Hand frei. Dies ist vielleicht das bemerkenswerteste: die Römer waren Eßkünstler, wie es heut keinen gibt; sie mußten mit einer Hand essen.
Beginn des Essens. Zahl der Gänge. Nachtisch. Braten.
Kaum liegen wir, wirklich ungemein behaglich, auf den purpurnen Pfühlen, die mit deutschen Gänsefedern gestopft sind (die Klinen selbst sind, wenn auch nicht massiv aus Silber und Gold, so doch kostbar mit Edelmetall oder Elfenbein inkrustiert), so kommen die Tafeldiener und waschen uns die Hände und wohl gar auch die Füße. Die Sohlen werden abgelegt. Dann folgt das Tischgebet (deos invocare), das nie fehlt, sodann vor allem erst ein Gläschen Glühwein (calda), möglichst heiß! Denn das Bad bekommt eben nicht, wenn man nicht solch heißen Schluck daraufsetzt. Und nun — nun kommt hoffentlich eine gute Fleischbrühe? eine kräftige Julienne? O nein, wir verrechnen uns. Hier stellt sich gleich ein bedeutendes Defizit der antiken Speisekarte heraus. Suppe gab es weder zu Anfang noch nachher (die berüchtigte spartanische Blutsuppe war nur ein Ragout, nach Art unseres Schwarzsauer, und auf das alte Sparta beschränkt). Ein römisches Essen fing eben ab ovo an; d. h. man verspeiste ein paar pflaumenweiche Eier zu Anfang.
Studieren wir etwas die Speisekarte. Eigentlich ist dies freilich unerlaubt. Die Speisekarte liegt immer nur in einem Exemplar auf dem Tisch, und zwar beim Hausherrn, der danach still und geheimnisvoll seine Befehle an die Dienerschaft gibt. Drei, vier oder auch fünf Gänge stehen uns bevor, jeder Gang aber zu sehr vielen Schüsseln. Der Gang heißt missus. Jede reichere Mahlzeit teilt sich vor allem in drei deutlich abgesonderte Teile: erstlich das Entree; zweitens die mittleren Gänge (oder Gang) mit den morceaux de résistance (man verzeihe die vielen Fremdwörter; ich winde mich, aber kann sie nicht vermeiden); drittens der Nachtisch. Nur der mittlere dieser drei Teile heißt eigentlich Mahlzeit, cena.
Die Speisefolge auszuwählen, haben Geschmack und diätetische Rücksicht zusammengewirkt. Denn die Ärzte des Altertums wandten der Diätetik und so auch den Tafelspeisen die allerhöchste Achtsamkeit zu. Beginnen wir mit dem letzten, so war der Nachtisch äußerst leicht: Nußtorte, Schokoladencreme, Schlagsahne (ἀφρόγαλα) fehlen gänzlich; man nimmt nur leichtestes trockenes Backwerk, wohl auch etwas Alpenkäse, den man schon damals besonders schätzte (caseus Vatusicus), griechische Mandeln, persische Wallnuß, rohes oder auch eingemachtes Kernobst, letzteres so „phäakisch“ schön, wie es der Süden damals gewiß, aber schwerlich noch heute erzeugt; dabei schloß man jedoch als zu schwer Pfirsich und Aprikosen aus. Daher heißt der Nachtisch bellaria, „nette Kleinigkeiten“.
In dem mittleren Teil der Mahlzeit, der eigentlichen cena, fanden sich die schweren Gerichte zusammen. Sonst hatte der Süden, auch schon in jenen Zeiten, starke Neigung zum Vegetarianismus; hier dagegen erscheint der Mensch als eifriger Carnivore; und zwar herrscht hier in ganz auffallender Weise das Schweinefleisch vor, das doch das fetteste und widerstehendste ist. Das Altertum nährte sich aber überhaupt vornehmlich vom Schwein. Das Rind, als Pflugtier, schlachtete man schon aus Pietät weniger; vielleicht galt aber sein Fleisch auch als minder lecker. Rindfleisch, „bubula“, erscheint mehr als Hausmannskost[35]. Daraus, daß man das Rindfleisch nicht kochte, erklärt sich auch, daß man keine Suppe hatte[36]. Von zahmen Tieren lösten übrigens gelegentlich Kalb, Lamm und Esel den Schweinsbraten ab; denn auch das Eselfleisch hatte seine Verehrer. Besonders beliebt war Schweinseuter und sodann der Eber, das Wildschwein. Beim Gastmahl des Nasidienus erscheinen außerdem noch Kranichbraten, Gänseleberpastete mit Feigen, vom Hasen nur die Vorderläufe (Keule und Rücken des Hasen schätzte man weniger) und Taubenbrüste; beim Prunkessen des Lentulus kommt ein Fischragout hinzu, Entenbrüste (man aß nur Hals und Brust der Ente), daneben Entenfrikassee, Hasen, gebratene Hühner, endlich eine Creme mit Stärkemehl. Beim Trimalchio erscheinen außer Schwein und Kalb Krammetsvögel mit Datteln und gebackenem Teig, überdies eine Pastete von Krammetsvögeln mit Rosinen, endlich gar für jeden Gast ein Masthuhn mit Gänseei[37], eine Zusammenstellung, die augenscheinlich mit Entsetzen von den Gästen aufgenommen wird.
Den Hasen erklärt Martial für seinen Lieblingsbraten[38], und darin folgte er offenbar dem Volksmunde; denn das Volk glaubte, wer Hasen gegessen hat, wird in sieben Tagen schön[39]. Woher dieser Glaube? Lateinisch lepus „der Hase“ und lepos „die Anmut“ sind ja fast dasselbe Wort; wer also den lepus aß, aß gleichsam die Schönheit selber[40].
Pikantes Vorgericht. Brechmittel. Beleuchtung.
Ganz besondere Sorgfalt verwendete man endlich aber auf den ersten Teil der Mahlzeit, die Vorspeisen. Dieser erste Gang (gustus, promulsis) wird planvoll aus leichten und vornehmlich aus kalten Speisen zusammengesetzt, und wir nehmen wahr, daß, je feiner das Essen ist, desto mehr Ausdehnung diesen leichten Einleitungsspeisen gegeben wird, so daß sie gelegentlich die eigentliche Mahlzeit an Zahl der Nummern weit überbieten.
Die Alten haben uns neben so vielen anderen Erkenntnissen auch die vorweggenommen, daß saure und scharfe Speisen Appetit machen. So wie wir also heute unsere Suppe pfeffern oder gar vor der Suppe Austern oder Kaviar mit Zitrone oder eine schwedische Schüssel, eine russische Sakuska geben, so bestand jedes Entree — deutsch „Voressen“ — in Rom regelmäßig aus solchen Gerichten wie Melone in Essig und Pfeffer, Latuk (besonders bekömmlich), sauren Gurken (das Ideal des Kaisers Tiber), ferner Oliven, Artischocken, Champignons, Sardinen, Salzfisch; aber auch Austern und anderen Muscheltieren. Der Austernpark des Lucriner Sees war berühmt durch Jahrhunderte. Dazu kamen dann bei glänzenderen Festen noch leichtere Fleischspeisen, dampfende Würste, ein warmer Fischgang wie Muränen, Weindrosseln, Feigenschnepfen, Hühnerpasteten. Froschkeulen dagegen fehlen noch, wie man sieht; ebenso fehlt noch die Schildkröte.
Parfümerien. Getränke. Unterhaltung bei Tisch. Gastgeschenke.
Soviel von der Speisenfolge, die an Umfang und an erlesener Mannigfaltigkeit es wohl mit unseren besten aufnehmen konnte. Ja, für den edlen Römer war es oft eingestandenermaßen eine heiße Arbeit, sich hindurchzuessen, und er verschmähte nicht, auf ausdrücklichen Rat der griechischen Ärzte hin, während[41] oder doch nach der Tischzeit sich durch Medikamente zu erleichtern, deren vulkanische Wirkung uns allerdings durchaus nicht ästhetisch erscheint. Man hatte eben damals weder Kaffee noch Liköre, womit wir heute dem überlasteten Magen zu Hilfe kommen. Hämisch sagt daher Seneca: vomunt ut edant, edunt ut vomant[42]. Übrigens fehlt es bei uns nicht an Leuten, die, um im Schlemmen fortfahren zu können, rasch etwas Natron nehmen. Bei den Römern dauerte ein großes Gesellschaftsessen nun aber sehr lange, bis 7, ja 8 Uhr; während des Essens wurden die Kandelaber mit Licht versehen. Der Genuß verteilte sich also auf gut drei Stunden; auch das war ein Umstand, der dem Magen seine Arbeit erleichterte. Nur steigerte sich leider die Hitze bei den qualmenden Lampen schließlich bis ins Unerträgliche. Ein vorsichtiger Herr wechselt daher während der cena neunmal das leichte Speisekleid zur ständigen Abkühlung; so gerät er nicht in Schweiß und braucht sich hernach auf dem Heimweg nicht zu erkälten[43]. Daher auch die vielen Salben und Parfüms, mit denen der Gastgeber die Tafelrunde zu erquicken für seine Pflicht hielt. Sie sollten offenbar vornehmlich dem üblen Geruch der offenen Öllampen entgegenwirken. Es gab aber auch sonderbare Käuze, bei denen man nicht satt wurde und die sich begnügten, ihre Gäste in solche Wohlgerüche einzuhüllen. Martial singt einmal:
O Fabull, du hast uns wohl zum besten.
Salben gibst du und Parfüms den Gästen,
Aber nichts, den hagren Leib zu mästen?
Hungrig balsamiert, so soll’n wir liegen
Und bei Tische nichts zu beißen kriegen?
Lieber will ich gleich ein Toter heißen.
Leichen balsamiert man, die nichts beißen.
Wir haben uns aber schwer gegen Geist und Geschmack des römischen Gastgebers versündigt, indem wir so lang und breit über seine Speisen reden. Zur Ehre jener sogenannten römischen Schlemmer sei es hervorgehoben, daß man in guter Gesellschaft über das Essen grundsätzlich nicht sprach. Wer dies tut, wie Nasidienus bei Horaz, macht sich damit nur lächerlich. Mäcenas geht wegen solcher Gespräche entrüstet vom Tisch. Man wußte jene Raffinaden stillschweigend zu schätzen und sich auch sonst vortrefflich zu unterhalten. Ja, die lange Dauer der Mahlzeit erklärt sich vor allem aus den langen Pausen, die das Essen unterbrochen und in denen man ausschließlich des Weines und der Unterhaltung pflog.
Denn in diesen Pausen entsprach der treffliche Wein seinem Zweck, Geist und Herz zu beleben, auf das beste, wenn schon man ihn natürlich stets nur mit Wasser gemischt trank; denn der südländische Wein war schwer wie heut der spanische. An die Bedienung wurden die größten Anforderungen gestellt; der Sklave mußte jedem durstigen Gast beim Mischen helfen. Dazu kühlte man den Trunk mit Eis oder Schnee. Eis und Schnee wurden in Gruben für den Sommer aufbewahrt. Sechsjährige griechische, fünfzehnjährige kampanische Weine pflegten um den Preis zu konkurrieren. Denn man bot meist mehrere Sorten zugleich an und griff dabei gleich anfangs, wo man noch am sachtesten trank, zu dem feinsten (Cäcuber, Chier, Falerner, Mareotiker, Massiker). Besonders eifrig trank man hinter dem Fisch; denn schon Trimalchio sagt: „Fische wollen schwimmen“ (pisces natare oportet). Ein guter Dessertwein wuchs bei Verona: es war der Lieblingstropfen des Tiber.
Eine Hauptpause trat vor dem Nachtisch ein. Sie war ernster Natur. Man spendete den Hausgöttern, indem man Salzkörner knisternd in die Flamme warf, libierte auf das Wohl des Kaisers und wünschte sich untereinander munteren Geist und dauerndes Wohlsein. In den übrigen Pausen war die Unterhaltung so lebhaft, wie es eben von Südländern zu erwarten ist. Hier besonders wurde der Stadtklatsch Roms ausgeschüttet, über Gladiatorenspiele und Zirkuskutscher mit Leidenschaft gestritten, mit großem Eifer aber auch das sogenannte gebildete Gespräch betrieben und geradezu systematisch ausgebildet. Gute Proben solcher Tischgespräche liegen uns noch vor. Man redet, fragt und rätselt über Götterlehre, Tierkunde, Grammatik, Medizin usw. Es bildet sich geradezu der Begriff des Tischgelehrten aus, und es war beliebt, einen Literaten mit zum Speisen zu laden, sei er auch nur Klient; der mußte sein Bestes geben[44].
Aber das meiste hat doch der Gastgeber zur Unterhaltung beizutragen; er sorgt für Tafelmusik (bald Chor, bald Orchester), er sorgt für deklamatorische Vorträge (so gab man die schmachtenden Frauenbriefe Ovids zum besten), er läßt gar ein Ballett aufführen (wir dürfen hier an die entzückenden Tänzerinnen Pompejis denken[45]), in einer anderen Pause Akrobaten auftreten, in einer dritten Leute, die einen Gesang aus der Ilias deklamieren; wieder in einer anderen öffnet sich oben die Saaldecke, und ein Regen von Blumen fällt auf die staunenden Gäste. Welche Ablenkung! welch anmutiger Zeitverbrauch, diese überraschenden Intermezzi! Und wie mundete danach wieder der nächste Gang! Schlimm war es nur, wenn der Wirt sein Manuskript holte und seine eigenen Verse vorlas. Würde doch lieber der Fisch darin eingewickelt[46]! Eine Überraschung, auf die sich alle vorauf freuten, fiel in die zweite Hälfte des Essens; hier wurden an sämtliche Gäste Geschenke mit Devisen verteilt; allerdings meist nur Kleinigkeiten, wie Pantoffeln, Eßsachen, Fliegenwedel, woran sich aber doch immer Heiterkeit und ungezwungene Scherze knüpfen mußten. Diese verschiedenen Tischunterhaltungen erzeugten für den Gastgeber natürlich nicht unerhebliche Extrakosten. Doch an solche unsinnige Verschwendung dachte man sonst nie, wie sie der Kaiser Verus beging, der die köstlichsten Gefäße, Maultiergespanne und ähnliches bei Tische verschenkte, so daß ihn sein Gelage, wie die märchenhafte Nachricht besagt, im ganzen an die 1200000 Mark in modernem Gelde kostete. Dies ist dieselbe Tyrannenmanie wie bei Nero, der bei einem für Freunde veranstalteten Gastmahl, wie man fabelte, für die Rosen allein über 900000 Mark vergeudet hat[47].
Erst jetzt, nachdem wir uns vergewissert haben, daß sich unsere Gäste gut unterhalten und daß sie dabei auch nicht zu platt und geistlos sind, jetzt können wir die Tischgesellschaft wohl einmal sich selbst überlassen. Unsere Neugier lockt uns aus dem Speisesaal; wir wollen unserem Wirt noch ein bißchen hinter die Kulissen sehen. Drei Fragen stellen sich von selbst ein. Erstlich: wie und von wo bezog man die Zutaten für die Mahlzeiten? zweitens: wie war die Zubereitung? und drittens: wie wurde das Essen aufgetragen?
Die Antworten müssen sich, da ich mich der Kürze befleißige, auch hier auf Andeutungen beschränken.
Einkäufe zur Mahlzeit mußten natürlich morgens gemacht werden. Während der ersten Hälfte des Tages herrschte auf den Märkten Roms (Fischmarkt, Gemüsemarkt, Schweinemarkt) und um die Verkaufsbuden der Geschäftsquartiere lautestes, buntestes Leben; vor allem aber am Tiberkai, dem Emporium. Hier führten Treppen aus gewaltigen Quadern zum Fluß hinunter, und da legten die Tiberkähne an, die aus Ostia, dem nahen, von Kaiser Claudius großartig hergestellten Handelshafen, die Waren des Auslandes in Massen flußaufwärts der Welthauptstadt zuführten.
Bezug der Eßwaren. Import. Hebung der Fauna und Flora Italiens.
Der Stand und der Betrieb der Kauffahrer, der mercatores, deren Frachtschiffe in Ostia löschten, hatte seit Caesars und Augustus’ Zeiten in ganz ungewöhnlichem Grade an Bedeutung und Rentabilität gewonnen. Die früher doch minder rege Nachfrage nach ausländischer Ware hatte in dem Grad in Rom zugenommen, daß man schon kaum noch etwas auf den Tisch nahm, das sich nicht nach einer fernen Meeresküste benennen ließ. So bezog man ja das Korn selbst von außen. Nach Alexandrien konnte der Kauffahrer in neun bis zehn Tagen, nach Spanien in sieben Tagen fahren, und er brachte aus Spanien Wein, Öl, Honig, Salzfische, Quittenmarmeladen, aus Gallien das beste Schweinefleisch (besonders gallischen Schinken), aus Afrika Perlhühner, Artischocken. Nach einem Kaufmann Mattius hießen die importierten Mattianischen Äpfel. Ägypten lieferte die besten Datteln, es lieferte den Majoran, es lieferte die Flamingos. Aus Indien brachten alexandrinische Schiffe Pfeffer, Zimmet, Kardamom und den Ingwer, der besonders zu Würsten gebraucht wurde. Die besten Mandeln kamen aus Naxos, Damaszener Pflaumen aus Damaskus. Ebenso aber waren Fische von den fernsten Küsten erwünscht; „die Gurgeln Roms fischen alle Meere leer,“ ruft Juvenal; der Fischmarkt war unter allen Märkten der belebteste und interessanteste, wie noch heute in den Küstenstädten des Mittelmeeres.
Für die Kultur Italiens in Flora und Fauna sind die Folgen der so wachsenden Tafelbedürfnisse äußerst günstig gewesen. Erst damals wurde eine Reihe von Obstsorten, wie die Kirsche und die Bergamotte, in Italien gepflanzt, erst damals die Flora daselbst mit einer Reihe von Kräutern, wie die Petersilie (petroselinum) bereichert. Die Zitronen- und Orangegärten hat freilich erst das Mittelalter gebracht. Die römischen Großgrundbesitzer suchten ihren Küchenbedarf nach Möglichkeit selbst zu befriedigen. Darum führten sie z. B. auch damals die Fasanenzucht in Italien ein (vom Fluß Phasis in Südrußland, phasiani); damals kam der Pfau dorthin; man zog und mästete die Pfauen und anderes Geflügel im größten Stil. Eine merkwürdige Manie besaßen die Römer für Tauben und großartige Taubenhäuser (columbaria), die bis zu 5000 Vögel und mehr enthielten[48]. Zur Zucht des Wildschweines dienten die endlosen Eichen- und Buchenwälder der Latifundien. Dazu die Schneckenzucht! Am bekanntesten aber sind vielleicht die piscinae, die Fischteiche, der römischen Villen am Meer, die mit Seewasser gefüllt und in denen die seltensten Sorten zu finden waren. Der Name einer vornehmen Familie stammte daher: die Lucinier nannten sich Murenae; die Zucht der Muräne war ihr Ruhm[49].
Wir Deutschen sind uns meist nicht bewußt, wie viele Ausdrücke der Küche und der Speisezutaten und Würzen unsere Sprache dem römischen Altertum verdankt; in dieser sprachlichen Entlehnung spricht sich aus, daß Nordeuropa und Germanien diese Dinge eben von der antiken Kultur unmittelbar empfangen hat. Um von den Kapaunen (capones) und Fasanen (phasiani) nicht zu reden, so haben wir von den Römern, wie der Wortlaut selbst zeigt, Spargel (asparagus) und Lattich (lattuca), Kohl (caulis), Kappes (caputium), Linse (lens) und Wicke (vicia), Kürbis (cucurbita), Rettich (radix), Zwiebel (cepula, cepulla), Bete (beta) und Kümmel (cuminum), Petersilie, Lavendel, Melisse, Polei, Anis (anisum) und Fenchel (feniculum), Kapern, Koriander und Kerbel (caerefolium) erhalten; und so geben uns diese deutschen Wörter, indem wir sie nennen, einen Einblick in den reichen Küchengarten des Altertums selber. Dazu kommen dann noch Senf (sinapis), Pfeffer (piper), Zimmet (cinnamomum) und andere importierte Zutaten. Die Römer haben uns gleichsam vorgekostet, und der moderne Genußmensch ist — auch wider Willen — ein Erbe des klassischen Altertums, selbst im Alltäglichsten.
Für Eßvorrat ist gesorgt; es fehlt die Bereitung. Wollen wir uns getrauen, auch noch in die Küche einzudringen? „Küchendunst“ ist ein Wort, das Plautus als Schimpfwort verwendet, um einen unangenehmen Menschen zu bezeichnen. In der Küche aber werden wir genug Küchendunst finden! Vielleicht genügt es uns hier, nur einmal durch die Türritze geschaut zu haben. Nicht etwa, daß uns die Köchin vertriebe. Denn die Köchin, der Augapfel unserer deutschen Hausfrauen, war damals noch eine gänzlich unerfundene Größe (wie überhaupt weibliche Bedienung). In der Küche herrscht der Koch mit seinen Küchenjungen. Er ist der Liebling seines Herrn, er ist in seinem Tagewerk ein wahrer Tausendkünstler, und nichts wurde darum dankbarer begrüßt, als wenn man an den Saturnalien, d. h. zum großen Geschenkfest im Dezember, unserem Weihnachten, einen guten Koch geschenkt bekam. Ein guter Koch kostet im Sklavenhandel halb soviel wie ein guter Schauspieler. Sein Reich, die Küche, ist ein Raum von den größten Dimensionen; Plinius sagt übertreibend, zwei Morgen Landes genügten kaum für eine Küche! Küchengeräte aber hat uns in Mengen Pompeji erhalten: Eimer und Kessel und Kannen, Schnellwagen, Schöpflöffel, Schaumlöffel, Löffel zum Bratenbegießen, Kasserolen, Pfannen zu Spiegeleiern, Durchschläge u. a. m. Wer im Neapeler Museum war, wird dies in anmutiger Erinnerung haben.
Nachwirkung auf die mod. Ernährung. Der Koch u. seine Hilfsmittel.
Um nun die Leistungen des Kochs einigermaßen zu würdigen, müssen wir uns wenigstens dies gegenwärtig halten, daß er erstlich keinen Zucker hatte; Zucker wurde durchweg mit Honig ersetzt; zweitens, daß er auch keine Butter verwenden konnte (die „Butter“ des Altertums war augenscheinlich noch erheblich von der unsrigen verschieden), daß er vielmehr, wie noch heute in Italien geschieht, feines Öl an ihre Stelle treten ließ. Das Fleisch wurde übrigens meistens nur in seinem eigenen Fett gebraten, und dies ist der Grund, weshalb man die Mästung aller Tiere mit so grausamer Energie betrieb. Ferner fehlt in seinem Küchenapparat auch die Zitrone[50]. Sehr verschwenderisch ist er dagegen mit der Zwiebel; nicht nur Hasen brät er in Zwiebeln, sondern kocht sogar auch die Spargeln damit.
Der Koch und seine Wunderleistungen. Der scissor.
Ein Hauptprinzip des römischen Kochs, dessen Durchführung uns wirklich mit Bewunderung erfüllen muß, war ferner: jedes Tier kommt womöglich ganz und unzerlegt aufs Feuer. Vorschriften hierfür erhalten wir schon aus der Zeit des Aristoteles. Aber dies war ein kostspieliges Verfahren[51]. Der Kaiser Domitian beruft bei Juvenal c. IV seinen Reichsrat eigens wegen eines enormen Steinbutts, der bei Ancona gefangen ist; er kostet so viel, daß man auch den Fischer selbst dafür hätte kaufen können, und der Reichsrat beschließt: „Er wird nicht zerschnitten, er darf nicht zerschnitten werden: es muß ein Extratopf gebaut werden.“ Aber auch die Eber wurden so ganz gebraten; der Bratspieß glüht, mit dem der Koch das Schwein durchstößt: so dringt die Glut in alle Teile des Fleisches[52], und so gebraten wurde es dann in einer Riesenwanne in den Speisesaal getragen. Solche Schüssel konnte allein 64 Kilogramm wiegen[53].
Genie und Findigkeit konnte der Koch dagegen erst entfalten, wenn er seine so vortrefflichen Brühen, Farcierungen nach Art unserer Würste und gar die verschleierten Gerichte bereiten durfte, die, fein gehackt oder doch in Sauce gelegt, die Neugier erregen und durch scharfe Würzung überraschen, beispielsweise Schweinenetz mit Trüffeln oder Hachés von Champignons und anderen Pilzen; die Spanferkel mit Datteln gestopft; Geflügel mit Oliven gefüllt. Beim Anrichten entfernte er aber die Füllung wieder, und nur der feine Geschmack blieb davon zurück. Allein für Hasenbraten und Hasenragout bringt uns Apicius nicht weniger als dreizehn verschiedene Rezepte; für Schweinefleisch hatte man fünfzig verschiedene Bereitungsformen. Ein Koch konnte mit einem Kürbis, den er siebenmal verschieden vorsetzte, ein Daueressen bereiten, und keiner erkannte, daß es derselbe Kürbis war. Daher prahlt Trimalchio von dem seinen: „Er macht auf Verlangen aus Schweinseuter einen Fisch, aus Pökelfleisch eine Taube, aus einem Hüftknochen eine Henne! Es gibt keinen kostbareren Menschen!“
Soll ich fortfahren und etwa noch die leckeren Bratwürste rühmen, mit Piniolen gestopft? die vielerlei Kompotts? das Mandelbrot oder Marci-pan? Begleiten wir die fertigen Speisen vielmehr in den Speisesaal. Alle Schüsseln eines Ganges werden vom Diener jedesmal auf einer großen Platte oder Repositorium, ursprünglich auch ferculum genannt, auf den Eßtisch gesetzt; hat man zugelangt, so nimmt er Repositorium und Schüsseln zugleich wieder fort. Diese gewaltige Setzplatte war aus Silber, so wie alle Schüsseln. In den vornehmen Häusern, von denen wir reden, wurde nur Silber gesehen; Glas mißfiel[54]. Der bekannte Hildesheimer Silberfund gibt uns Anschauung von solchen Schüsseln[55], und das Service (lat. ministerium) war somit etwa das Kostspieligste bei einer römischen Mahlzeit. Die Braten sind auf das geschmackvollste angerichtet und aufgeziert. Bei Fasanen und Reihern bleibt der Kopf in den Federn. Einige Speisen, wie die Bratwürste, kommen auf einem zierlichen Feuerbecken noch quillend und brodelnd auf die Tafel. Auch Statuen aus gebackenem Teig überraschen das Auge. Pasteten zeigen Muschelform; solche Pastetenformen sind uns in Pompeji erhalten.
Am Nebentisch aber entfaltet eine der bedeutendsten Persönlichkeiten beim Gastmahl seine Tätigkeit; dies ist der scissor, der Vorschneider. Es wird uns einmal sehr schwungvoll geschildert, wie das Messer in seiner Rechten saust, er selbst aber die allergraziösesten Posen einzunehmen weiß und tänzelnd seine höchst verantwortliche Aufgabe löst: denn er muß jeden Knorpel vermeiden und ausschalten und darf dabei doch nur ganz winzige Stückchen schneiden, nur Häppchen, so groß wie ein Mund voll (offa). Daher hieß ein solcher Mann Carpus, weil er das Fleisch „zerpflückt“. Der berühmteste Vorschneider Roms aber war Trypherus; er machte Schule, und man übte sich im Zerlegen an Holzmodellen. Warum aber, fragen wir befremdet und mit Recht, warum darf Trypherus vom Braten keine großen Scheiben schneiden, nach denen doch der Ehrgeiz jedes modernen Zerlegers steht? Warum diese das Auge enttäuschende Zerstückelung des kostbaren Materials in lauter kleine „Bissen“?
Essen mit den Fingern. Mundtücher.
Auf diese Frage lautet die unerbittliche Antwort: weil man mit den Fingern ißt. Man hatte zum Essen weder Teller noch Gabel, noch Messer. Man hatte ja auch beim Liegen nur die eine rechte Hand frei! Also an Zerschneiden des Fleisches war für den Speisenden selbst gar nicht zu denken. Einen Zahnstocher hatte man freilich; der aber wurde nur in den Pausen benutzt.
Irre ich nicht, so hat, wer dies liest, über unseren alten Tischgenossen sofort den Stab und vielleicht schon mehr als einen Stab gebrochen. Aber versuchen wir etwas gerecht zu sein, damit wir den Gegenstand unseres bisherigen Interesses nicht gar mit einem unbegründeten Unwillen und üblem Nachgeschmack verlassen.
Wir bedienen uns jetzt sogar für das Spargelessen eines Instrumentes; wir essen sogar den Fisch nicht mehr mit Hilfe des Brotes. Und ein so feiner Weltmann wie Kaiser Otho hätte wirklich mit der Hand ins Frikassee gelangt? Mit der Hand hätte ein Augustus die Rehkotelette aus der Schüssel geholt? eine Agrippina die Endivien mit den Fingern zum Munde geführt? Freilich, so ist es. An Kaiser Justinian, der immer nur wenig aß, fiel auf, daß er das Essen nur mit den äußersten Fingerspitzen faßte; das heißt eben, die anderen machten es anders. Und man mußte sich vorsehen; man durfte nicht zu gierig zugreifen, sonst verbrannte man sich[56]. Denn das Messer war freilich sehr bekannt, und wie schön der scissor seine Klinge zu führen verstand, sahen wir vorhin. Aber man scheint nur gelegentlich darauf verfallen zu sein, auch einmal jeden der Gäste damit zu bewaffnen; dies sollte eben späteren, erleuchteteren Zeiten vorbehalten bleiben. Die Eßgabel sodann war damals überhaupt noch nicht erfunden; es existiert auch gar kein lateinisches Wort dafür. Denn furca (Forke) ist die Mistgabel. Und endlich Löffel hatte man zwar; die üblichsten Löffel waren klein; sie hießen cochlearia; allein sie dienten, wie schon ihr Name angibt, lediglich für Muscheltiere, daneben auch noch zum Eieressen. Größere Löffel, ligulae, waren allerdings auch vorhanden; sie werden aber selten erwähnt und dienten wohl nur zu gewissen Mehlspeisen[57]. Vergessen wir nicht, daß das ganze Mittelalter, ja daß auch noch die so hochgebildete Renaissancezeit nicht viel besser daran war; auch beim Abendmahl Lionardos und sonstigen Darstellungen gedeckter Tafeln aus jener Zeit fehlen noch die Eßinstrumente ganz oder fast ganz, und nur das Salzfaß steht da, das auch auf keinem antiken Eßtisch fehlte.
Nun wohl, Fleisch und Gemüse ließen sich schließlich auch mit der Hand anfassen. Wie aber aß man die Speisen mit Aufguß, die köstlichen Fischtunken? Man tunkte eben direkt den Finger hinein, und zwar alle in dasselbe Gefäß; oder aber, wenn man umständlicher sein wollte, so tunkte man die Brühe mit Brot auf. Die Folgen, die solcher Gebrauch der Hand nach sich ziehen mußte, habe ich wohl nicht nötig auszumalen. Bezeichnend genug, daß einmal Ovid in seiner Ars amandi den Mädchen, welche gefallen wollen, unter anderem auch den Rat gibt, sie sollen sich bemühen, hübsch sauber zu essen und sich vor allem nicht mit der fettigen Hand ihr liebliches Angesicht beschmieren.
Dies sind schlimme Tatsachen; allein es wäre, wie gesagt, ungerecht, wollten wir nicht zugleich auch zur Entschuldigung folgendes mit in Erwägung ziehen.
Der Reinlichkeitstrieb, durch den sich die klassischen Völker doch sonst so ganz besonders auszeichnen, hat das Altertum auch in diesem Falle nicht verlassen können. Man genügte diesem Triebe, so gut es eben anging, durch eine Reihe von Hilfsmitteln.
Hinter jedem Gericht wusch man sich allemal aufs neue mit Hilfe des Pagen die Hände. Was Mund und Angesicht betrifft, so hatte man zu ihrer Säuberung ganz so wie wir Mundtücher oder Tellertücher, mappae; sie waren natürlich schon gleich nach einer Mahlzeit durchfeuchtet und fettgetränkt und mußten in die Wäsche oder wurden weggeworfen. Auf dem Armpolster hatte der Schmausende diese Tücher neben sich liegen, nachdem er sie entweder selbst mitgebracht oder nachdem der Wirt sie an seine Gäste als Geschenk ausgeteilt hatte. Servietten waren eines der billigsten und häufigsten Festgeschenke in jener Zeit. Denn jeder brauchte sie eben täglich neu. Daher auch die Serviettendiebe, eine ganz besondere, elegante Abart von Gelegenheitsdieben im Altertum, die auch gerade in der besseren Gesellschaft sich vorfanden. Offenbar waren die Tücher noch nicht „gezeichnet“ wie bei uns und luden dazu ein, den Eigentümer zu wechseln. Eine Verhöhnung des Gastes aber war es, wie Horaz bemerkt, begreiflicherweise, wenn der Wirt ihm ein schon einmal gebrauchtes Mundtuch anbot. Dies also der Zweck der Reinlichkeit. Aber dieselben Tücher ließen sich auch sonst verwenden; man pflegte beim Nachtisch Näschereien und Konfekt darin einzuwickeln und für die Kinder mit nach Hause zu nehmen — ganz so, wie es ja auch noch unsere sorglichen Hausmütter und Hausväter bisweilen tun. Denn sogar auch der Sklave zu Hause erwartete zum mindesten ein paar Äpfel; sonst empfing er seinen armen Herrn mit Brummen[58].
Brot. Analecta. Zwei Bibelstellen erläutert.
Aber damit noch nicht genug; zur sofortigen Säuberung der doch stets benetzten Finger standen drittens noch große Massen weichen Brotes in silbernen Brotkörbchen jedem zur Hand. Oder die Pagen liefen mit solchen Körben herum und boten an. Unausgesetzt trocknete man sich die Finger im Brote. Dabei konnte freilich ein anderer Übelstand nicht wohl ausbleiben: daß die so benutzten Krumen vielfach nieder zur Erde und auf den Mosaikboden fielen. Aber auch für diesen Mißstand war bis zu einem gewissen Grade gesorgt. Denn waren nicht etwa Hunde im Saal, was häufig vorkam, die sich den Fraß nicht entgehen ließen[59], so fegte ein Sklave das Nebenhergefallene zwischen jedem Gang mit schönen Besen aus Myrten oder mit Palmblättern hinaus, oder es kam auch vor, daß dieser Sklave die ganze Tischzeit aufsammelnd unter dem Tische zu sitzen hatte! Man nannte das Aufgesammelte die analecta. Aber vieles blieb auch ruhig liegen. Ein herrlicher mosaizierter Fußboden, der aus einem antiken Eßsaal in Rom selbst stammt, ist erhalten und in Rom im Lateran aufgestellt[60]; in diesem Mosaikwerk sind auf das naturgetreueste und ergötzlichste die analecta selbst dargestellt, wie sie bei einem antiken Gastgelage tatsächlich auf dem Boden herumlagen: Fischgräten, Krebsbeine, abgenagte Weintrauben, Muscheln und Nußschalen, Salatblätter, ein Hahnenfuß, sogar ein regelrechtes „Ziehbein“. Ein klassischer Realismus! Wir möchten uns bücken, um es aufzulesen, und haben den Eindruck, als hätte das Essen erst gestern stattgefunden.
Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß auch zwei allen sehr wohlbekannte Stellen unseres biblischen Textes durch das zum Schluß Vorgetragene erst ihre nähere Erläuterung erhalten. Die Brosamen, die von des Herrn Tische fallen, von denen das Gespräch mit dem kananäischen Weibe redet, sie sind eben jene Brosamen, welche wir soeben die Hunde oder den Sklaven unter dem Tisch auflesen sahen; es sind die Analekta der antiken Gastgelage. Und wenn Jesus beim Ostermahle eigentümlicherweise den Judas Ischarioth als seinen Verräter mit den Worten bezeichnet: „Der mit mir die Hand in die Schüssel taucht, der wird mich verraten,“ so wird dies gemeinsame In-die-Schüssel-tauchen der Hände eben nur durch das Fehlen des Löffels bei den Mahlzeiten der alten Völker verständlich, über das wir geredet haben.
Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.
Wir haben nunmehr hinlänglich gesehen, sowohl was die Alten bei ihren Gastmählern aßen als auch wie sie es aßen. Was die ästhetische Beurteilung betrifft, so muß ich befürchten, daß alle sonstigen Vorzüge die zuletzt festgestellten Mängel in unserer Vorstellung nicht auszulöschen vermögen, weder Rosenflor noch Silbergeschirr, noch Tafelmusik, noch die geistreichste und gebildetste Tischunterhaltung. Fassen wir sodann aber den römischen Tafelluxus als solchen ins Auge, so hat er, so reich und so fein durchgebildet er auch war, doch den Tafelluxus unserer Neuzeit, wie er in den großen Hauptstädten und Kulturzentren Europas oder Amerikas im Schwange ist, gewiß in keiner Beziehung übertroffen, und wir werden anstehen, eine Meinung zu teilen, die aus ungenügender Kenntnisnahme der Tatsachen sich herleitet, als zählten für den Untergang der römischen Kultur die Schmausereien und Schlemmereien der Vornehmen mit zu den wesentlichen Ursachen. Daß der Koch in Rom sein Geschäft verstand oder daß durch den lebhaften Handel die schöneren auswärtigen Erzeugnisse auf die Tafel kamen, kann doch, wie sehr auch darüber die zeitgenössischen Stoiker, ein Plinius oder Seneca, sich ereifern, bei unbefangener Betrachtung nur als Vorteil gelten. Wer macht es einer Familie des deutschen Mittelstandes zum Vorwurf, daß sie zu einem gewöhnlichen Frühstück ostindischen Tee nimmt, westindischen Zucker und englischen Käse, vielleicht sogar ein Gläschen spanischen Wein und ein Brötchen mit russischem Kaviar? Nur wenn Deutschland wie eine Festung vom Feinde zerniert ist, müssen wir uns all dies grollend versagen. Roms Herrlichkeit ist an ganz anderen sittlichen und sozialen Schäden zugrunde gegangen. Wenn je die frugalen Ostasiaten es dahin bringen sollten, unsere moderne europäische Kultur zu überwinden, so wird man doch auch hoffentlich dafür nicht die gute Küche als wesentliche Ursache betrachten, durch die gerade das tüchtigste Bürgertum bei uns (man denke an Hamburg) sich hervortut.
Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Das Gastmahl, von dem ich geredet habe, ist zu Ende, und die Zecherei, die comissatio, das Symposion, hat schon begonnen, das sich unmittelbar anschließt. Die Herren haben Kränze aufgesetzt, und es ist schon so lustig, so ausgelassen an der Tafel, daß die Frau des Hauses, die den Nachtisch noch mitgenoß, sich taktvoll entfernt hat. Es dürfte für uns geraten sein, es ihr nachzutun. Freilich werden wir dann in den so mannigfaltigen griechischen Trinkkomment mit all seinen lustigen Kniffen und Pflichtleistungen nicht eingeweiht — denn ein Präside oder Thaliarch fehlt nicht —, und es entgeht uns die so wünschenswerte gründliche Kenntnisnahme der griechisch-römischen Weine und der Bowlen! Denn auch diese verstand man für die Symposien zu brauen: Bowlen von Pfirsich, Bowlen von Aloe, Ysop, Salbei, Bowlen von Narde, von ätherischen Ölen, unter denen aber wohl doch die Veilchenbowle die denkwürdigste sein dürfte. Ihr Rezept steht bei Apicius. Die Veilchen mußten sieben Tage im Wein ziehen; dann kam der Honig hinzu, und sie war trinkbar.
Die Mehrzahl unserer Trinklustigen wird übrigens gewiß schon vor Mitternacht sich im Bette befinden. Denn sie sollen ja schon vor 6 Uhr wieder aufstehen[61]. Auch die schlechten Leuchtkörper trugen dazu bei, daß man früh Schluß machte[62]. Möge ihnen denn das Gastmahl allseitig gut bekommen sein, möge auch das Räuschchen, das doch nicht leicht ausbleibt, schon um das erste Morgengrauen wie ein Traum verfliegen, und möge insbesondere der Wirt und Gastgeber, der für seine Gäste so viel getan hat, nach seinem Fest am anderen Morgen sich selbst so aufgeräumt wiederfinden wie seinen Speisesaal, in dem die Hausdiener in der Frühe sogleich mit Besen, Schwämmen und Tüchern jede Spur des Vorgefallenen zu vertilgen wissen.
Auf der römischen Heerstraße.
Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung, je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man — in Friedenszeiten — in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s. Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert: Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher — welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus, fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf, in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt; auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es, der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd vergleichen[63]?
Tafel 4
Weintransport, Wandbild aus Pompeii.
(Neapel, Museo nazionale.)
Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.
Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier, das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen, ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber ist das „cito“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten, römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die „Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“ bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“ ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe „Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende.
Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu Hauptstadt, von Athen nach Sparta[64]. Was wollte man mehr? Wozu erst durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen[65]. Der Schnelläufer (der Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus. Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges und Trauriges, bringen[66]. So ist es mit den Briefen auch noch heute.
Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.
Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“ Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen „Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“ (berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose Meer dagegen haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die fernen Kolonien zu tragen.
Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius. Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel durch seine Schnellfüßigkeit auf[67].
Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.
Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare Straßen wie die „via lata“, auf denen die Transporte in die Stadt per Achse kamen (die „sacra via“ war Prozessionsstraße). Man schritt und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (clivi und vici), die man darum zusammenfassend „Gänge“, itinera (von ire), nannte. Aus Gängenvierteln und einigen Marktplätzen bestand die Stadt. Die müßige Menge sammelte sich, wie es noch heute im Süden ist, an gewissen Standorten, und sie war nun auch ihr eigener Bote und Berichterstatter; geschah etwas Neues, so rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu Mund. Wenn die Senatoren beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die Menge und lärmt so lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die Neugier vorläufig befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein mißliebiges Edikt herauskommt[68]. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus soll es geben; der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die Weiber, die davon hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das Forum, so daß ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche Stimmfähigen, damit der böse Antrag zu Fall kommt[69]. Agitation und Klatsch: das ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser Rutilus gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch so arm! Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los, in den Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden[70].
Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester (pontifex) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus[71]. Dazu nun die Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen Figuren, die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa 50 Jahren an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz für Tageblatt und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; sie hatten nur ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein lautschallend die Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: „Morgen, ihr Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius Paulus, der den König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird eine Fabel des Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind da; morgen wird das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben Forum Roms, diesem Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren Senatoren sich natürlich täglich zusammen; Cicero steht da plaudernd mit Pompejus und Lukull, macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull ihn freundlich zu Tisch einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und schreit: „Die Sitzung geht an!“ und die Herren schieben sich in die Kurie, um über die Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen Königs von Ägypten zu beraten.
Aber auch das schriftliche Verfahren bestand. Durch Anschrift an den Mauerwänden wurden die neuen amtlichen Verfügungen bekanntgegeben. So, wie heute der Landrat im „Blättchen“ seinen Kreis zur Feststellung der Menge des vorhandenen Schlachtviehes auffordert oder mitteilt, daß die Blutlaus den Obstbau schädigt und daß von ihrem Auftreten der Behörde sofort Anzeige zu machen ist, so las das Publikum damals im Maueranschlag das neue Korngesetz oder den Wehrbeitrag, den der Bürger fortan zu zahlen hatte. Am Schluß des Jahres gab es in gleicher Form ein Verzeichnis aller wichtigen Jahresereignisse, von den Schlachten an, die der Römer wieder einmal gewonnen hatte, bis zum fünfbeinigen Kalb, das irgendwo auf dem Lande geboren war, und jeder konnte sich Abschrift nehmen von dem, was ihn anging. Proskriptionen hießen solche öffentlichen Maueranschläge. Als Sulla seine Menschenhetze eröffnete, gab er in derselben Weise die Namen seiner Opfer vorher in allen Straßen Roms bekannt, am ersten Tage 80 Namen; an den folgenden ging es in die Hunderte. Dadurch sind die unschuldigen Proskriptionen zu einem Wort des Schreckens geworden; es waren „Anschläge“, die der Tyrann auf das Leben seiner Mitbürger machte.
Archive. Die ersten Straßen. Telegraphie. Meldedienst.
So gab es im städtischen Verkehr viel zu lesen. Aber man las und schrieb natürlich noch viel mehr. Persönliche Grüße und Wünsche kreidete man den Freunden und Freundinnen an ihre Tür oder auf den Türpfosten, oder auch der Sklave kam mit einer schriftlichen Ausrichtung ins Haus und ersuchte, die Antwort gleich wieder mitnehmen zu dürfen. Die Wachstafel war eine hochwichtige Sache, und man hatte sie immer zur Hand; der Diener, ohne den niemand ausging, hielt sie bereit. Alles das Schreibwerk war rasch vergänglich, unendlich viel bedeutsamer dagegen die Gotteshäuser, ich meine die Außenwände der Tempel. Da waren in monumentalen Bronzetafeln wie für die Ewigkeit alle wichtigsten Dokumente, die Staatsgesetze, die Bündnisverträge Roms mit auswärtigen Völkern befestigt und aufgehängt. Solche Tafeln sah man zu Tausenden. Bei dem Tempelbrand auf dem Kapitol des Jahres 69 n. Chr. gingen allein 3000 zugrunde[72].
Soweit die enge Hauptstadt selbst. Sobald aber die treibenden Lebensinteressen über die Stadtmauern hinausreichen, da wird die Landstraße nötig und der Überlandbote oder Kurier. In dem Bauernland Italien gab es zunächst nur ungepflegte Kommunalstraßen und Feldwege oder Vicinalwege, die durch das Ackerland von Dorf zu Dorf führten und die der Anwohner in Ordnung hielt[73], und damit hat sich das siegreiche Rom 400 Jahre lang begnügt. Erst nachdem es das Umland Neapels, das schöne Kampanien, erobert hatte, führt Rom im Jahre 312 v. Chr. die erste festgedämmte Chaussee, die unter staatlicher Aufsicht stand, die berühmte Via Appia, südwärts bis nach Capua. Erst in den Jahren 241 und 220 kommen dann die Via Aurelia und Flaminia hinzu, die beide nordwärts nur bis Pisa und Rimini reichen. Hannibal, der im Jahre 218 in Italien einrückte, konnte diese Straßen schon benutzen. Sonst blieb der Römer auch noch im Hannibalkriege mit seinen zahllosen Marschanforderungen ganz auf die dörflichen Fahrwege alten Stils angewiesen.
Ebenso unausgebildet aber, bis zum Stumpfsinn, war damals auch noch das Nachrichtenwesen, der militärische Meldedienst. Meldungen mit Fanalen, mit Leuchtfeuern sind völlig oder fast völlig unbekannt; auch die Taubenpost hat der Römer nie ausgebildet, obwohl doch die Tauben schon damals, wie heute in Venedig, Heuschreckenschwärmen gleich, um alle Dächer flogen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. erfand der geniale griechische Historiker Polybius im Dienste des ersten Feldherrn der Zeit, des jüngeren Scipio Africanus, die eigentliche Telegraphie im heutigen Wortsinn. Wir kennen das telegraphische System des Polyb genau; es war eine wirkliche Vorwegnahme unserer Morsetelegraphie; aber es blieb auf dem Papier stehen und ist nie zur Anwendung gekommen, und 2000 Jahre haben vergehen müssen, bis es in neuer Form wieder auferstand. Der genannte große Feldherr winkte einfach ab. Solche Sache war für den grobsinnigen Römergeist zu fein und kompliziert; man wäre dadurch, wo es sich oft um Geheimmeldungen handelte, zu sehr in Abhängigkeit vom dienenden griechischen Personal geraten; denn die Griechen hätten den technischen Apparat auf alle Fälle bedienen müssen.
Wie tropfenweise und spät die politischen Nachrichten damals noch in der Hauptstadt eingingen, zeigt uns des Livius Geschichtserzählung[74]. Wir sehen dabei, wie aus dem Luftschiff, von oben in die Stadt Rom hinein. Hannibal hat soeben am Trasimenischen See gesiegt. Ein einzelner Bote taucht in Rom auf mit der vagen Nachricht, und der Schreck, der entsteht, ist grenzenlos. Das Volk staut sich auf dem Markt; die Matronen irren in Scharen durch die Gassen. Ein endloses Fragen den ganzen Tag. Niemand weiß etwas. Man ruft nach den Magistraten, die sich verstecken. So ist es ja immer, daß die Regierungen Unglücksnachrichten unterdrücken wollen. Endlich, als es Abend wird, tritt wirklich der Praetor Pomponius heraus und bekennt wortkarg: „Wir sind in einer großen Schlacht besiegt.“ Bestimmtes weiß auch er noch nicht; aber das Gerücht geht um: „ein Konsul ist tot; zahllos die Gefallenen.“ Jeder bangt um seine Söhne. Indes vergehen noch mehrere Tage; die Weiber postieren sich in Haufen an den Stadttoren auf, um den ersten Flüchtling, den ersten Boten abzufangen. Es hat also tagelang, trotz der Nähe des Schlachtfeldes, an Eilboten, die der Staatsbehörde die offizielle Meldung brachten, gefehlt: bis endlich wirklich die Erwarteten kommen, und das endlose Ausfragen beginnt. Natürlich fehlen dann auch Ohnmachten und Schlaganfälle nicht. In den Armen ihres Sohnes verscheidet eine Römerin; eine andere rührt der Schlag infolge einer Falschmeldung.
Gesandtschaften. Eilmärsche. Ausbildung des Straßenwesens.
Nicht besser die Beweglichkeit der damaligen Diplomatie im Ausland. Hannibal belagert Sagunt in Spanien; eine römische Gesandtschaft sucht ihn dort auf, um dagegen Protest zu erheben. Hannibal läßt sie gar nicht vor. Da machen sich die römischen Herren nach Karthago selbst auf, um dort gegen ihn zu wühlen, denn Hannibal hat in seiner Vaterstadt zahlreiche Feinde. Aber Hannibal selbst schickt gleich seine Eilboten, die viel schneller sind, dorthin, und als die Römer in Karthago glücklich anlangen, ist Rat und Bürgerschaft schon völlig in Hannibals Sinn bearbeitet[75]. Bald danach setzt Hannibal über den Ebro und will, um Rom anzugreifen, durch Südfrankreich, durch das gallische Land. Da kommen, um das zu verhindern, römische Gesandte zu den Galliern und fordern: die Gallier sollen das punische Heer nicht durchlassen. Schallendes Gelächter empfängt sie. „Ihr kommt zu spät,“ heißt es, „Hannibals Gesandte waren schon längst hier; der Vertrag ist mit ihm längst geschlossen, der Durchzug gewährt[76].“ Protzig und träge, das war das altrömische Wesen. Die Barbaren lachten mit Recht.
Aber so blieb es nicht. Eben jetzt lernte der Römer in der höchsten Not vom Feinde. Hamilkar hieß der „Blitz“, er hieß Hamilkar „Barkas“; Hannibal, sein Sohn, war so blitzschnell wie er. In Scipio Africanus, dem älteren, aber erstand dem Hannibal ein großer Nachahmer, und durch ihn veränderte sich alles. Auch dieser Scipio hieß „der Blitz“[77]. Von da an beginnen die oft erstaunlichen römischen Rapidmärsche im Felde. Für den normalen Tagesmarsch setzt Vegetius in seiner Schrift über das Heerwesen 30 km an[78]. Scipio aber zog damals vom Ebro nach Cartagena in Spanien in 7 Tagen, also täglich 60 km[79]. Darf man auch solche Angaben nicht allzu genau nehmen, auf alle Fälle ist die erstaunliche Schnelligkeit der Bewegung fortan ein Vorzug vieler römischer Feldherren; ich nenne Lukull, Caesar, Trajan, wobei der Zweck ist, den unfertigen Gegner zu überraschen, wie es Hannibal tat. Gewiß hat dies Caesar von Lukull gelernt. Wichtig war auch das Pferdematerial. Erst seit Spanien erobert war, hatte man auch gute Pferde, und das schnelle Reiten begann, die berittenen Eilboten oder Staffetten (equites citati)[80].
Seit jener Zeit gestaltete sich nun alles anders. Bald war ganz Italien mit musterhaften, chaussierten Heerstraßen versehen, und in ihrem Dienst entwickelte sich der Brückenbau, der Tunnelbau. Unter den Kaisern aber durchschnitten sie zielbewußt weitausholend und verhundertfacht die ganze damalige Welt, und es gab für den Reisenden direkte, durchgehende Verbindung von Rom nach Marseille, Lyon, Paris; von Marseille nach Toledo; von Rom nach Wien; großartig vor allem die Straße, die von Lyon über Straßburg, Ulm, Regensburg, Wien, immer die Donau entlang, direkt bis zur Donaumündung, bis zur Dobrudscha lief. Sie verband den Abend mit dem Morgen, Spanien mit dem Schwarzen Meer, und das gab Anschluß bis zum Euphrat. Es gemahnt an unsere Bagdadbahn. Noch in Napoleons Ära hat das moderne Europa diesem Straßenwesen nichts annähernd Gleichwertiges zur Seite zu stellen gehabt; ich meine jene harmlosen Zeiten der Stellwagen und Kutschen, in denen unsere Vorväter, Chodowieckis Zeitgenossen, mit Brezeln und Koteletts und anderen Lebensmitteln für volle acht Tage sich verproviantierten, um von Berlin nach Wien zu kommen, und dabei auf den tiefen Sandwegen im fliegenden Staub erstickten oder im Morast versanken, der bis zum Kutschbock hochspritzte.
Gallisches Fuhrwesen. Das Heer a. d. Marsch. Train. Kauffahrer.
Aber, merkwürdig genug, das Fuhrwesen hat wiederum der Römer nicht selbst ausgebildet. Das Schiffahrtswesen nahm er von den Griechen, die Straßenbautechnik von den Puniern und Griechen, das Fuhrwesen von den gallischen Barbaren. Der Römer hat zur Bezeichnung des Wagens selbst nur wenige Worte zur Verfügung. Die Gallier saßen in der norditalienischen Ebene um Mailand, und von ihnen übernahm man die verschiedensten und brauchbarsten Wagenformen, vor allem den Reisewagen (raeda) und das Kabriolett (cisium). Sogar in Smyrna, in Kleinasien, fuhr man damit[81]. Auch die gallischen Maultiere (mulae Gallicae) hatten als Bespannung den Vorzug[82]. Im Jahre 222 v. Chr. wurde Nord-Italien endgültig römischer Besitz; aber das gallische Fuhr- und Spediteurwesen bleibt dort seßhaft noch in Caesars Zeiten. Damals verhöhnte Vergil den Spediteur Sabinus in Cremona. Vor allem aber ist jener Ventidius Bassus berühmt, der das ganze Transportwesen für Caesars große Kriege in der Hand hatte: ein Emporkömmling bäurischer Herkunft aus der Gegend zwischen Venedig und Ancona, der sich schon als junger Kerl betriebsam auf den Dörfern Maultiere und Wagen zusammengekauft hatte. Bald wurde sein Speditionsgeschäft bekannt; die römischen Herren mieteten seine Wagen, und so kam er schließlich auch zu Caesar in Beziehung. Da ging der Betrieb gleich ins Kolossale; Ventidius wurde der größte Kutscher der Weltgeschichte; er wurde kraft seiner Leistungen sogar Senator, Konsul, wenn schon er wohl immer noch nach dem Stalle roch. Man begreift das Entsetzen der gebildeten Welt.
Herbei, ihr Vogel- und Eingeweideschauer Roms:
hier ist ein neu Mirakel, wie ihr noch keins geschaut.
Der Maultierstriegler von Beruf ist Konsul jetzt!
Diese Verse las man damals an den Straßenmauern Roms[83].
Die berühmten römischen Fahrstraßen hießen „viae“, und „viae“ kommt von „vehere“, „fahren“, her. Wegen des Fahrens die feste Dämmung. Kein Wagen konnte da einsinken. Gleichwohl sind sie Militärstraßen gewesen und im Dienst des Krieges entstanden; aber die Truppen wurden natürlich nie per Achse befördert[84]. Sie marschierten nur, und auf dem harten Basaltpflaster der Militärstraßen marschierte es sich gewiß nicht gut. Sogar die Offiziere, sogar die Höchstkommandierenden hielten oft mit Schritt. Sie fuhren nicht, aber sie ritten auch nicht. So, zu Fuß, ist Marius von Rom aus gegen die Teutonen ausgezogen, hat Caesar z. T. Frankreich durchmessen. Es war ein Ruhm des Feldherrn, wenn er dasselbe leistete wie der geringste Mann. Nicht anders Trajan in Dacien[85]. Mark Aurel war freilich dazu zu schwächlich, als er durch Siebenbürgen bis nach Böhmen vordrang; daher sein Reiterstandbild. Er mußte reiten. Nicht also für die Truppen selbst, sondern vielmehr für den Wagentroß, der dem Heere folgte, waren jene Militärstraßen chaussiert. Ließen die Soldaten den Train hinter sich, so hießen sie expediti, „die da fußfrei einhergehen“; so konnten sie wesentlich rascher und auch auf schlechten Wegen vorankommen; und davon hat die „Expedition“ ihren Namen, die ursprünglich die kurzfristige Unternehmung ohne hemmenden Troß bedeutet hat[86]. Gleichwohl war ein Feldzug ohne Train (commeatus), ohne Beigabe von Proviantmassen, von Gerät und Geschützen, wie ein Flug ohne Flügel, wie eine Lokomotive, die kein Wasser hat. Wir wissen das auch heute.
Nun aber der Kaufmann! Auch er strebt hinaus über die Landesgrenzen. Wer aber wird glauben, daß die Kaufmannswelt sich an jene Musterstraßen gebunden fühlte? daß sie nicht schon vor ihrem Vorhandensein weit ausgriff und rege war? Nicht der Krieg erschließt die Welt; der Handel schafft sich selber Wege, auch unter Menschenfressern und Kannibalen, und ob er über den schwindelnden Saumpfad klettern, durch endlose Wälder und grundlose Sümpfe sich drängen muß, ob er mit der Wüstenkarawane der Fata Morgana nachrennt und von Stürmen über fremde Meere sich tragen läßt. Ostindien, Westindien, das Goldland am Niger, die Bernsteinküste der Ostsee, der Kaufmann war es, der sie entdeckte. Um neue Absatzgebiete, um neue Produkte für die Einfuhr zu entdecken und in seine Hand zu bekommen, stürzt er sich in alle Gefahren. Italiens Hauptexportartikel war sein wundervoller Wein, der in mannigfaltigsten Sorten und in Fülle gedieh. Viele Marken waren schwer berauschend, und der Barbar kaufte sie mit Gier, wie der Chinese das Opium. So kam der Wein Italiens schon früh zu den Galliern, Spaniern und Germanen. Schwer belastet trugen die Flußschiffe die gefüllten Fässer die Rhone und Saône hinauf und den Rhein hinab, und wo Flüsse fehlten, kamen die Lastkarren mit kreischendem Rad. An allen Küstenplätzen, Cartagena, Toulouse, ja auch im Inneren der eroberten Gebiete setzten sich die römischen Händler fest, bildeten Gesellschaften und vertrieben als solche die Landesprodukte, verarbeiteten, verluden sie und schafften sie nach Rom, dem großen Konsumenten und Magen, der alles verschlang. Freilich betrieben das die römischen Herren zumeist nicht in Person, sondern durch ihre Freigelassenen, denen ihr Kapital und Kredit zur Verfügung stand und die hernach selbst unter die reichen Bürger mit aufrückten.
Welthandelsverkehr. Römerstraßen der Kaiserzeit. Das Reisen.
Aber nicht nur in den Nordländern: in dicken Massen, wie Schmeißfliegen auf der Wunde, saßen die römischen Händler und Wucherer im unterjochten Kleinasien. Man staunt, zu hören, daß der letzte große Rächer des Griechentums, Mithridates, dort an einem Tag bis zu hunderttausend Römer aufgreifen und töten ließ, indem er die Wut der Griechen auf sie hetzte. Karthago, Korinth mußten fallen, Rhodus, Athen, auch Marseille völlig geschwächt werden, damit der „mercator“ Roms alles in seine Hand bekam, und er warf nun aus allen fruchtbaren Gegenden das Getreide nach Rom, lieferte indische Gewürze und Edelsteine, Bauholz vom Schwarzen Meer, feines Holz für die Möbelschreiner aus Marokko, Sklavenmassen aus Syrien und was sonst die Welt hergab, vom gallischen Schinken bis zu den erhabenen griechischen Götterfiguren, mit denen man Promenade und Park verzierte. Silbergruben, Bleigruben erwarben sich die Konsortien in den Provinzen, produzierten selbst Fischbrühe in Spanien für den Massenversand, der in mächtigen Krügen mit der Aufschrift „Fischbrühe der Kompagnie“ (garum sociorum) geschah, ernteten das Pfriemengras (spartum), das in Spanien wild wuchs und aus dem man Matten und Seile machte, brachten gar die altägyptischen Papyrusfabriken in ihre Hände usf. Der Import in Italien übertraf den Export wohl vielhundertfach; aber Rom hatte Geld und konnte alles zahlen. Das Großkapital saß in Rom und nährte sich und schwoll durch ungeheuren Zinswucher. Es sollte freilich die Zeit kommen, wo die römische Kultur in den Provinzen das Mutterland Italien gewaltig überholte. Da versank Italien und Rom endlich in zunehmende Verarmung. Es war wie Rache und Vergeltung.
Wie nun dieser Warenaustausch durch den Bau der römischen Heerstraßen, der sich in die fernsten Fernen erstreckte, befördert worden ist, begreift sich leicht. Unaufhaltsam Menschen suchend, dringt die Straße von Siedelung zu Siedelung und bietet ihre Gaben an, sättigt überall tausend alte Bedürfnisse und erweckt tausend neue, wie heute die Eisenbahn, und knüpft so die Völker zur Menschheit zusammen. Bequemer freilich und billiger war damals wie heute der Wassertransport, und das Mittelmeer stand allen offen und trug gutwillig alle Lasten, wofern nur ein günstiger Wind die Segel schwellte. Das Mittelmeer war die Hauptverkehrsstraße der alten Welt.
Wir aber verweilen zunächst noch auf dem Lande. Die Lastfuhren drängten sich. Aber nicht nur der Kaufmann füllte die Landstraßen, sondern auch der Reisende. Allein schon die hohen Herren Verwaltungsbeamten, die mit großem Personal in die Provinzen eilten und oft jährlich wechselten. Aber auch die Gesundheits- und Vergnügungsreise gedieh; auch die Neugier trieb hinaus in die Ferne; die Straße ermöglichte das. Straßenräuber und Piraten gab es kaum noch, und man streute sein Geld, indem man durch die Länder bummelte, und erzählte Wunderdinge, wenn man nach Hause kam. In manchen Tempeln geschahen Wunderheilungen, und ganze Wallfahrten zogen dahin. Übrigens ging der Schwindsüchtige wie heute gern nach Ägypten oder an die Riviera. Auch die Heilquellen von Teplitz, Baden bei Zürich und Bath in England haben die alten Römer schon benutzt. Aber auch diese Gesundheitsreisen dienten zugleich oft genug dem flotten Luxusleben und dem unersättlichen Verlangen nach Zerstreuung. Man hatte Zeit, und es galt sie totzuschlagen. Die Straße stand dem Händler, sie stand auch dem Müßigen offen.
Reiseziele. Gattungen des Wagens. Prunk.
Ständig strömten die Provinzleute nach Rom; das begreift sich; man mußte einmal im Leben in Rom gewesen sein, oder man wollte einmal den Kaiser gesehen haben oder auch andere berühmte Männer, wie den Vergil oder Livius. Der Römer selbst dagegen weidete, wenn er reiste, alle Sehenswürdigkeiten der Griechenstädte ab; denn er war nun einmal Griechenschwärmer von Erziehung. Parthenon und Olympia, die Diana von Ephesus, der Koloß von Rhodos, die Venus von Knidos, der Eichbaum, unter dem Alexander der Große während der Schlacht von Chäronea sein Zelt gehabt hatte, alles wurde mit Hilfe der Reiseführer umständlich besichtigt; natürlich auch die Pyramiden und Sphinxe und heiligen Ibisvögel am Nil. Daher das Horazgedicht: Andere mögen Rhodos loben und Mitylene; ich liebe mein Tivoli am rauschenden Aniofluß. Wozu nach Smyrna reisen? so fragt derselbe Horaz: Ob du hier in Rom oder in dem verwunschensten Nest sitzt: wer gesunden Sinn hat, ist überall glücklich; wo immer du bist, lebe in Anmut!
An den Straßen gibt es in gewissen Abständen Stationen für Pferdewechsel, und da ächzen nun all die schweren Last- und Möbelwagen (plaustra) über Land und die Karren mit Bauholz (carri). Sie halten an; denn da kommt im Trab eine gedeckte Kutsche mit vier Pferden daher (raeda), eine ganze Familie darin, das Reisegepäck hinten auf. Elegante Leute fahren sausend im vergoldeten oder silberbeschlagenen Wagen (essedum) mit Beduinen als Vorreitern; für Damen ist wieder eine besondere Wagengattung (das carpentum) bestimmt, auch diese schön und kostbar: darin fahren die Frauen zum Gottesdienst; so kutschiert Cynthia, des Properz Geliebte, selbst rosselenkend zur Fütterung der heiligen Schlange nach Lanuvium; zwei Ponys mit gestutzter Mähne hat sie vorgespannt. Alle diese Fahrzeuge aber überholte das auch noch heute in Italien so beliebte zweiräderige Gig oder Kabriolett (cisium) mit dem Schnelltraber, oft nur ein simpler, offener Kasten auf zwei Rädern, der vor allem dem Geschäftsreisenden diente. Die Gäule und Mäuler tragen Hufeisen, das jedoch die Form eines vollständigen Schuhes hat; sie werden auch nicht wie heute an Stränge oder in die Deichselgabel eingespannt, sondern vorn an der Deichselstange ist ein Joch, an dem sie ziehen.
Einmal begegnen wir auch dem Philosophen Seneca auf der Landstraße. Der reiche Mann ist der Verfechter stoischer Gesinnungen. Er fährt da mit einem Freund und ein paar Dienern, durch irgendwelchen Umstand veranlaßt, ohne Gepäck, auf einem gemeinen Bauernwagen. Aber die Scham befällt ihn, als ihm immerfort die eleganten Reisenden aus Rom, die ihn z. T. gewiß persönlich kannten, auf der Straße begegnen, und er ärgert sich über seine Scham. Da kommen sie gefahren mit fetten Paradehengsten oder spanischen Rennern und Zeltern; um im Wagen zu speisen, haben sie goldenes Tafelgerät mit, und ungeheurer Staub wirbelt auf, denn Schnelläufer oder afrikanische Vorreiter eilen vor ihnen her, um mit Gewalt Platz zu schaffen, weil die Straße mit Wagen gestopft ist. Als Bedienung werden außerdem noch junge schöne Pagen hinterhergefahren, deren Gesicht mit Schminke belegt ist, damit ihre zarte Hautfarbe nicht durch die Sonne leide. „Wohin,“ ruft da Seneca, „ist die Zeit eines Cato, der sich noch dereinst mit einem einzigen Klepper begnügte?“ Cato ritt durchs Land und brauchte das Tier nicht einmal ganz; denn einen Teil nahm der Reisesack ein, der rechts und links vom Sattel herunterhing[87].
Handelshafen; Handelsschiffe. Erholungsreisen der großen Herren.
Da sehen wir einmal, flüchtig angedeutet, den Betrieb auf der Via Appia, die Überfüllung der italienischen Landstraßen. Überfüllter aber war noch das Mittelmeer, und uns öffnet sich endlich auch der Blick auf die See. Die Landstraße führt den Seneca nach Puzzuoli (Puteoli), den großen italienischen Welthafen jener Zeiten, die Reiseherberge der ganzen Welt[88]. An die zwanzig Molen streckten sich da, festgemauert, ins Meer, zwischen denen die Schiffe Anker warfen. Seneca erlebt, wie die Schiffe aus Alexandria dort in Sicht kommen; es sind Kurierschiffe, die melden, daß die große Flotte mit den Warentransporten aus Ägypten bald eintreffen wird. Auf allen Molen stehen da die Menschen in dicken Haufen, die sich drängen und hinausspähen: der alexandrinische Schiffstypus wird von ihnen festgestellt; an der Art der Segel erkennt man ihn; denn keine anderen Schiffe setzen sonst auf der Strecke zwischen Kapri und Puzzuoli das Toppsegel (supparum) auf. Seneca selbst hält sich indes fern; er erwartet zwar wichtige Postsachen aus Ägypten, aber er bezähmt seine Ungeduld[89].
Einen anderen Ton schlägt der Satiriker Juvenal an. In dem grimmigen Ton, der ihm eigen ist, belebt er uns das Meer, indem er den Kauffahrer mit dem Seiltänzer, der für Geld sein Leben wagt, vergleicht. Von Kreta kommt die Brigg mit Flaschen voll Rosinenwein und Säcken, die schon von weitem nach Gewürzen riechen, daher. Millionär will der Kauffahrer werden. Das wollen sie alle. Ja, sieh nur die See, wie sie voll ist von Gebälken! Der größte Teil der Menschen lebt heut auf dem Wasser. Daher ist uns auch das Mittelmeer zu eng geworden; man fährt jetzt, an Gibraltar vorüber, auch dreist in den offenen Atlantischen Ozean, wo die Welle aufzischt, wenn die heiße Sonne in ihm untergeht. Unter Kuratel sollte man den Wahnsinnigen stellen, der seinen Zweimaster bis zum Rand mit Waren überfrachtet, so daß die Welle fast über Bord schlägt. Getreide und Pfeffer hat der Mann zusammengekauft. Ein Gewitter kommt. „Löst das Ankertau,“ ruft er trotzdem; „das bißchen Wolken hat nichts zu sagen.“ Morgen aber ist er vielleicht schon als Schiffbrüchiger ins Meer gestürzt und möchte sich retten; aber er schwimmt nur mit der linken Hand, weil er mit der rechten und mit den Zähnen die Geldkatze festhält[90]. Die Zahl der Schiffbrüchigen war im Mittelmeer zur Zeit des Altertums in der Tat unendlich viel größer als heute — als ob dort deutsche Unterseeboote am Werk wären.
Lassen wir indes den Zorn Juvenals verrauschen, der sich gegen die Geldgier des Kaufmanns richtet. Sein Zorn ist selbst wie Sturm. Eine wirkliche Erholung war das Reisen gelegentlich für die großen Staatsmänner und Feldherren. Mark Anton hatte nach dem großen Sieg bei Philippi endlich sich zum Herrn des Orients durchgerungen; schlachtenmüde erholte er sich danach einige Monate lang in Hellas und Kleinasien (warum sollte er es nicht so gut haben wie andere?), sah sich leutselig die berühmten Wettspiele an, ließ sich über griechische Altertumskunde vortragen und war dabei aufgeräumt und überlustig. Als auch die Winkelstadt Megara ihn um seinen Besuch bat und ihm ehrgeizig ihr altertümliches Rathaus zeigte, sagte er nichts als: „Klein, aber verwahrlost.“ Es war schwer, dem großen Herrn zu imponieren. Genaueres teilt uns Tacitus über des Antonius Enkel, den liebenswürdigen kaiserlichen Prinzen Germanicus, mit. Es ist der Germanenbekämpfer der Jahre 14 bis 16 n. Chr. Drei Jahre hatte Germanicus im rauhen Norden gestanden, durch die tiefen Wälder und Sümpfe des wilden Germaniens seine Legionen zum Kampf getrieben, auf der tosenden Nordsee persönlich schwersten Schiffbruch gelitten, als Tiberius ihn nach Syrien entsandte; er sollte nunmehr sogleich den Osten verwalten. Aber er nahm sich Zeit; er brauchte sichtlich Ruhe und Ausspannung, und so suchte er erst Actium auf, den denkwürdigen Küstenplatz, wo vor 50 Jahren die Seeschlacht bei Actium geschlagen wurde. Er fand da noch wirklich die Reste des Heerlagers des Antonius selbst, Anlaß genug, allerlei trüben und frohen Erinnerungen nachzuhängen. So fuhr er auch nach Lesbos, deshalb, weil ihm dort seine Tochter Julia geboren war, fuhr zum alten Troja, das jeder Römer wie seine Urheimat verehrte, sättigte seinen Schönheitssinn, indem er weiter alle wundervollen Küstenstädte des griechischen Meeres und so auch Konstantinopel (Byzanz) besuchte, überall natürlich wie ein Fürst empfangen. Bei Kolophon gab es eine berühmte Orakelstätte; in einer heiligen Grotte trank da der Seher, ehe er seine Weissagungen vorbrachte, aus einer geheimnisvollen Wunderquelle; so auch diesmal, und da soll dem Germanicus sein frühes tragisches Ende geweissagt worden sein. Doch war es ihm im folgenden Jahre (19 n. Chr.) noch beschieden, nach dem Wunderland Ägypten zu gehen, den märchenhaft berühmten Koloß der Memnonsäule bei Sonnenaufgang klingen zu hören, und er ging dann noch weiter stromauf bis nach Assuan, wo die Stromschnellen des Nil sind, deren Wirbel nicht zuließen, daß man mit dem Senkblei die Wassertiefe maß[91]. Am Bein der Memnonsäule, dieses zertrümmerten Sitzbildes, finden sich noch heute eine Menge Inschriften eingekratzt erhalten, Worte von römischen Reisenden, die froh bezeugen, daß sie den Koloß klingen hörten. Jahrhundertelang reiste man wundersüchtig dorthin, um das zu hören.
Fußwandern und Pilgern. Die Meile.
Wieviel die hohen Herren auf solchen Reisen zu Fuß abmachten, läßt sich nicht genauer feststellen. Wohl aber gilt es zu wissen, daß im Altertum trotz allem, was ich bisher mitgeteilt, die Fußreise vorherrschte, daß für den Durchschnittsmenschen das Reisen zu Land ein Wandern, ein Pilgern war. Die Wenigsten konnten sich Wagen mieten, und dadurch, durch die Züge der Fußgänger und Pilger, belebt und ergänzt sich uns das Bild der Landstraße nun noch weiter. Die Reise heißt „iter“; „iter“ aber ist „der Gang“ auf deutsch und setzt zunächst durchaus das Gehen voraus; ebenso das Wort „pilgern“, peregrinari; wo nicht ein Fahrzeug besonders genannt wird, wird auch beim Pilgern nie an Fahren gedacht. Und so sagt uns ja auch Horaz, daß, wer bei Regenwetter von Capua auf der Appischen Straße nach Rom eilt, von Kot überspritzt ankommt[92]; die Wagen sind es, durch die der Fußgänger so bespritzt wird. Ausonius schildert in seinem berühmten Reisegedicht „Mosella“ seine Fahrt auf der Mosel. Er steigt aber nicht etwa einfach bei Trier oder bei Neumagen ins Schiff, sondern von Bingen a. Rh. geht er aus und wandert zunächst zu Fuß einsam, und also nicht etwa auf der Poststraße[93], durch die Wälder des Hunsrück[94]. So hat denn der junge Dichter Persius, wie man glaublich vermutet, eine Gedichtsammlung „Wegwandergedichte“ (ὁδοιπορικά) geschrieben[95], und ein solches Wegwandergedicht besitzen wir noch; Catull gibt es uns, carmen 46: es ist Frühling; aus dem Inneren Kleinasiens, aus Bithynien, wo der Dichter mit jungen Altersgenossen amtlich beschäftigt war, strebt er an die Küste, um von da weiter nach Rom heimzufahren, und singt:
Schon bringt der Lenz die linden Lüfte wieder,
Schon schwingt in Anmut Zephyr sein Gefieder.
Des Äquinoktiums Himmelsstürme ruhn.
Zeit ist’s, Catull, vom üppigen, aber heißen
Bithynerland dich endlich loszureißen.
Zu Asiens Küstenplätzen fliege nun.
Schon klopft das Herz, voll Hast, hinauszuschweifen;
Der Fuß ist stark und fröhlich auszugreifen.
Ade! Schön war der Bund mit euch Kollegen,
Die ihr mit mir gereist. Auf andren Wegen
Zieht ihr, als ich, dem Heimatland entgegen.
Da haben wir den Fuß, der ausgreift! Vergessen wir nicht, daß ja auch, wie wir sahen, die höchsten Heerführer ihren Legionen oft zu Fuß voranschritten. Wer es eilig hat, von dem sagt Catull: er verschluckt seinen Weg vor Gier[96]. Und was bedeutete die Meile für den Römer? Sie war nichts als ein Schrittmaß und bedeutete 1000 Doppelschritte des Marschierenden, die also nicht in Luftlinie, sondern nur am Lauf der Straße abgemessen werden (man rechnete nach milia passuum); die Meilenpfeiler gaben dem Fußgänger von Stelle zu Stelle an, wieviel Schritte er hinter sich, wie viele er vor sich hatte. Die Straße war Wanderstraße.
Wandernde Berufsarten. Apostel Paulus. Götterschutz. Gasthöfe.
So belebt sich uns die Landstraße mehr und mehr mit den mannigfaltigsten Gestalten. Denn wir erinnern uns nunmehr auch der ambulanten oder wandernden Berufsarten. Die Sendboten des Christentums tauchen vor uns auf, und ihr Fuß trägt sie dahin von Land zu Land, zu allen Völkern. Aber nicht nur sie. Weil es in unzähligen Landstädten Theater oder Amphitheater gab, ziehen nun auch die Schauspielerbanden, ziehen die Mimen, die Jongleure von Ort zu Ort; ebenso auch die Gladiatoren, die zu je hundert oder mehr vermietet werden und auf Bestellung hier und dort ihre Fechterspiele geben. Da sind aber auch die Ärzte, die, um ihre Kundschaft auszudehnen, gern und oft ihren Standort wechselten und dabei Heildiener und Apotheke mitbrachten; da sind auch noch die Kunstredner des Altertums, halb Prediger, halb Professoren: Kanzel und Katheder in eins. Unsere Sonntagsgottesdienste mit Predigt gab es noch nicht; sie ersetzten diese Wanderredner mit ihren schwungvollen Moralvorträgen, die kunstvoll ausgebaut waren. Aber sie glichen zugleich auch unseren gefeierten Berufshistorikern, die heut herumreisen, um ihren Bismarck-Vortrag überall zum besten zu geben; und der Zulauf, der Lernhunger, der Trieb zur Andacht war grenzenlos. Gewisse volkstümliche Philosophen, Volksbeglücker und Wahrheitsverkünder kamen überhaupt gar nicht weg von der Straße: dafür ist das berühmteste Beispiel der Wundermann Apollonius von Tyana um die Zeit der Zerstörung Jerusalems; sein langes Leben, das früh zum Roman ausgedichtet wurde, stellt sich als eine unausgesetzte Pilgerschaft dar, die ihn von Syrien nach Persien, nach Ägypten, Athen und Italien führte. Und dadurch wird uns weiter das rastlose Reiseleben Kaiser Hadrians verständlich[97]; aber auch der Apostel Paulus.
Die Apostelgeschichte, die von Paulus erzählt, ist wie ein Reisebuch. Wie Apollonius von Tyana, so reist auch Paulus, wenn er nicht zu Schiff fährt, stets nur als Fußgänger[98]. Viele Städte hatte er schon so besucht, in Saloniki, Philippi, Korinth Gemeinden gegründet, als ihm der Prozeß gemacht wird, und er tritt, um sich in Rom dem kaiserlichen Urteilsspruch zu stellen, zu Schiff als Staatsgefangener seine letzte und längste Reise von Caesarea nach Rom an. Vorschrift war, daß, wer zum gerichtlichen Termin nach Rom bestellt wird, auf der Reise täglich 20 römische Meilen oder 30 km machen soll[99]. Aber das ließ sich für Paulus nicht innehalten; denn es war schon Spätherbst; das stampfende Schiff lief bei hoher See, der Sturm verschlug ihn bis nach Malta, und da hielt der Winter ihn drei ganze Monate fest. Dann brachte ihn und seine Fahrgenossen ein alexandrinisches Schiff im ersten Frühling glücklich nach Puzzuoli, jenem großen Weltemporium, auf dessen Molen auch Senecas Augen geruht haben, und von da wandelte der Verkünder Christi auf der nämlichen Appischen Straße, auf der wir auch Seneca fahren sahen, nach Rom. Ob die Augen beider Männer und Verkünder der Menschenliebe je ineinander geruht haben? Wir wissen es nicht.
Das Schiff, auf dem Paulus landete, war nun aber mit dem Gallionbild der heidnischen Götter Castor und Pollux geschmückt. Es ist auffallend, daß die Apostelgeschichte dies ausdrücklich erwähnt[100]. Unter dem Schutz dieser Götter der guten Schiffahrt kam der Apostel Christi sicher ans Ziel. Viele Schiffe zeigten so irgendein Gottesbild, wie das der Isis. Denn der antike Reisende war gefährdet und brauchte die Fürsorge seiner Götter; vor allem auf See. Gebete und Gelübde vor der Abreise geschahen ständig. Daher die schönen Geleitsgedichte (Propemptica) für die Abreisenden, die wir noch besitzen. Und mit der Landreise stand es nicht anders; am Weg standen darum vielfach die Altäre der Straßen-Laren (Lares viales und semitales[101]), denen man Opfer gab. Bei Landtransporten, die glücklich verliefen, gab man auch dem Herkules den Zehnten des Gewinns[102]. Es war dies die einzige Form des Versicherungswesens, die dem Altertum zur Verfügung stand.
Und nun endlich die Gasthöfe. Wer in Eile war und die Nacht durchfuhr, konnte sie freilich entbehren; aber das kam wohl selten vor[103]. Sonst aber mußte man bei Dauerreisen nachts irgendwo einkehren. Glücklich der, dem ein Gastfreund alsdann sein Privathaus öffnete. Der Apostel Paulus ist auf seiner Fußwanderung nach Rom in der Station Tres Tabernae eingekehrt, die wir auch aus Ciceros Briefen kennen. So hatten sich bei dem gewaltigen Anwachsen des Verkehrs an allen Straßen feste Stationen gebildet und überall das Gasthauswesen entwickelt: „mansiones“ hießen solche Herbergen, vom „Verweilen“ (manere), und daher kommt das französische „maison“. Aber es waren meistens nur Tabernen, budenartige Gebäude und der Aufenthalt gewiß nicht sehr verlockend. Wer möchte wohl heute in den Gasthöfen für Geschäftsreisende, im Hotel Terminus oder Rebecchino oder wie sie heißen, dauernd leben? Ganz dieselbe Frage stellt auch schon Horaz[104]. Eine Nacht genügt. Und ein Hotel Terminus ist gewiß noch golden gegen jene Tabernen des Altertums, die zudem oft von Schlafgästen überfüllt waren[105]. Einmal ist uns das Gespräch eines Reisenden mit der Wirtin aus einer dörflichen Herberge noch erhalten. „Wirtin, laß uns abrechnen.“ „Geliefert ein Schoppen Wein, dazu Brot: macht 1 As; warme Speise: macht 2 As.“ „Das stimmt.“ „Dazu ein Mädchen: macht 8 As.“ „Auch das stimmt.“ „Heu fürs Maultier: 2 As[106].“ Das ist die ganze Rechnung[107]. Die Ernährung des Tieres kam also fast ebenso teuer (oder billig), wie die des Menschen. Es wird wohl nicht überall so gewesen sein.
Reichsverwaltung und Reichspost. Ihr Betrieb.
Nun aber der Staat! die Reichsverwaltung! Sollte sich nicht auch der Staat selbst die wunderbare Entwicklung des Straßenwesens zu Nutzen machen? Von der einen Tiberstadt aus sollte er die Türkei, Ägypten, Tunis, Frankreich, Spanien, Südengland, die Schweiz, Tirol verwalten: für die zahllosen jährlichen Einläufe, Meldungen, Rechenschaftsablagen, Erlasse, Edikte setzt dies ein rasch und regelmäßig funktionierendes und dabei unendlich verzweigtes Nachrichtenwesen, einen grenzenlosen Depeschenbetrieb voraus. Der Senat beschickte von sich aus die ihm unterstellten senatorischen Provinzländer; im übrigen war das Reich kaiserlich und der Kaiserpalast auf dem Palatinhügel der zentrale Wirbelpunkt der Dinge, wo sich die Büros der Hausministerien, die kaiserlichen Sekretariate (ein griechisches, ein lateinisches) mit unendlichem Personal für Abfassung und Versand der allerhöchsten Verfügungen (ab epistulis), für Bittschriften und ihre Erledigung (a libellis) befanden. Wer den täglichen, hastenden Betrieb auf sämtlichen preußischen Ministerien, Finanz, Handel, Unterrichtswesen, Justiz usf. zusammennimmt, mag sich davon annähernd ein Bild machen. In die Hauptstädte der Provinzen, Lyon, Lambese, Antiochia, Salonae, Tarragona, Corduba, Tanger, wo die kaiserlichen Legaten und Prokuratoren saßen, mußten, ungehindert durch Zeit und Raum, die Arme der kaiserlichen Verwaltung hinüberreichen, um Kontrolle zu üben, tausend Entscheidungen zu übermitteln. Die Akten, die Papiere flogen hin und her. Daher hat auch schon Augustus, der erste große Weltordner vor Kaiser Hadrian, die Reichspost eingeführt, die man den „Staatskurs“ (cursus publicus) nannte und die durch alle Länder lief. Auf dem Meere dienten hierfür die leichten Kurierschiffe des Staates[108], Schnellsegler, zumeist Liburnen, für deren Schiffstypus man das Muster von den Dalmatiern, den besten Seeleuten an der illyrischen Küste der Adria, nahm, wo auch heute noch die kühnsten Seeleute zu finden sind (eben darum möchte sich Italien heute gern dies Dalmatien einverleiben, wenn es könnte)[109]. Die Wagenpost über Land aber hatte Relaissystem; d. h. an allen Stationen wurde immer wieder umgespannt[110], und die Pferde und Mäuler standen dafür also in den Stallungen immer bereit (mutationes). Der Postgaul heißt „veredus“, das Extrapferd „paraveredus“, ein halbwegs gallisches Wort, wovon letzten Endes unser deutsches Wort „Pferd“ sich herleitet. Jedoch fuhr die Post nicht an bestimmten Tagen und Stunden, und feste Fahrpläne, Reichskursbücher, gab es nicht. Die Post hielt sich immer nur an den Ausgangsstationen bereit, und wo Passagiere sich meldeten, wurde gefahren.
Es waren dies aber ausschließlich nur offizielle Personen der Reichsverwaltung und ihre Beauftragten; für den Privatverkehr diente die Reichspost nicht. Schon ohne ihn war die Inanspruchnahme enorm. Wollte sie ausnahmsweise ein Privatmann benutzen, so mußte er von der Regierung und an höchster Stelle sich dazu eine Bescheinigung, Permeß (Diplom) erwirken. In dringenden Fällen gab es Eilpost in Extrawagen (cursus velox)[111]. Der Postbetrieb selbst aber erforderte nun wieder ein starkes Beamtenpersonal an Postdirektoren, Stallmeistern, Wegaufsehern usf., ein Personal, das, wie heute unsere Briefträger und Eisenbahnschaffner, militärischen Charakter trug und sich an allen größeren Plätzen zu Innungen oder Collegia zusammentat[112]. Die Kosten des Ganzen aber mußten die Provinzländer, die von der Sache den Vorteil hatten, tragen, indem sie die Transportmittel lieferten: eine Belastung, die erst Kaiser Hadrian, der große Neuordner des Reichs, wesentlich erleichtert hat. Hadrian war der berühmte Reisekaiser, der persönlich unausgesetzt durch alle Länder eilte, und er zentralisierte darum auch die Weltpost, ungefähr so, wie wenn man heute das Eisenbahnsystem ganz Europas mit allem Betriebsmaterial unter die einheitliche Leitung Berlins oder Wiens stellen wollte.
Postboten. Reisescheine. Schnelligkeit. Hadrian.
Es versteht sich, daß zur kaiserlichen Post auch noch das amtliche Meldewesen gehörte, ein Botenverkehr über Land mit Ablösung in der Weise, daß z. B. zwischen Lyon und Rom 40 Boten sich ablösen und die Schriftsachen weitergeben, so daß in 8 Tagen die Botschaft am Ziel ist[113]. Es waren Schnelläufer, die, wo es anging, Richtwege benutzten.
Ein vom Kaiser für Privatleute ausgestellter Reiseschein war aber nur so lange gültig, als der Kaiser lebte. Bei Regierungswechsel mußte man sich daher vorsehen. Einem gewissen Coenus ging es damit übel. Es war dies ein Grieche, einer der gerissenen und schwerreichen Leute des Freigelassenenstandes, zur Zeit der Thronwirren des Jahres 69 n. Chr. Kaiser Otho war eben in der Schlacht besiegt und hatte sich selbst getötet; sein Gegner und Nachfolger Vitellius funktionierte aber noch nicht als Kaiser. Coenus will gern die Eilpost nach Rom benutzen; dazu hat er von Kaiser Otho einen Permeß in Händen, der nun eben seine Gültigkeit verloren hat. Nun lügt er den Senatoren, die noch schwanken, wen sie jetzt als Kaiser Roms anzuerkennen haben, vor, Otho lebe noch, habe soeben noch einmal einen Sieg gewonnen, sein Reiseschein sei also noch gültig; und so kam Coenus damit auch wirklich nach Rom. Aber er büßte den Kniff mit dem Tode. Vitellius ließ sich hernach das Vergnügen nicht entgehen, ihn hinzurichten[114].
Aus derselben Zeit haben wir die Nachricht von der schnellsten Reise, die unseres Wissens das römische Postwesen möglich gemacht hat. In unseren Augen ist sie freilich nicht allzu erstaunlich. Die Sache spielt ein Jahr früher als die vorige, im Jahre 68, und wieder ist einer der Griechen dabei die Hauptperson; er heißt Ikelus. Der alte, über 70jährige Kriegsmann Galba steht in Spanien und ist dort von den Regimentern zum Kaiser ausgerufen worden. Nero hört das in Rom und tötet sich vor Entsetzen selbst. Der Senat ist bereit, Galba als Kaiser anzuerkennen. Ikelus freut sich des; er ist des Galba Kreatur; Galba hat diesen Griechen, der einst Sklave war, zum römischen Ritter gemacht. In Wirklichkeit aber war Kaiser Galba vielmehr die Kreatur des Ikelus; um seinerseits zu herrschen, sucht dieser Mensch das Kaisertum Galbas auf alle Weise durchzusetzen. So wirft er sich in Ostia auf einen Schnellsegler, schifft kühn und in gerader Linie nach Tarragona durch das offene Meer, wirft sich dort in die Eilpost und ist schon in sieben Tagen in dem Nest Clunia, um Galba die Anerkennung des Senats zu überbringen. Eile tat Not. Unglaublich fand Plutarch diese Leistung[115]. Um so träger und schwerfälliger vollzog dann freilich der alte Herr seinen Einzug in Rom. Aber er war doch Kaiser geworden, setzte sich in Neros Palast fest, und Ikelus konnte nun in Galbas Namen sich bereichern, konfiszieren und rauben.
Denkwürdiger ist noch Kaiser Hadrian, und wir wüßten gern über ihn Genaueres. Auch Hadrians Eilfahrten wurden angestaunt, und daß er über Land den Postwagen benutzt hat, scheint selbstverständlich, zumal er die Kaiserin Sabina zumeist mit sich führte. Auch der ganze Regierungsapparat, die Minister, die Bureaus zogen mit ihm, vom Tajo bis zum Euphrat. Es mag Zufall sein, daß der Wagen uns in den Berichten kaum je ausdrücklich erwähnt wird. Jedenfalls aber hat der großartige Mann — er selbst ein Schnelläufer — auch weite Strecken zu Fuß hinter sich gebracht[116]. Er reiste stets ohne Hut, auch bei dem schlimmsten Unwetter, bei Regen und Kälte, und aus diesem Umstand wird ausdrücklich seine schwere Erkrankung, die ihm den Tod brachte, hergeleitet[117]. Wer aber im Wagen sitzt und darin den Hut abnimmt, wie wir es heute in der Eisenbahn tun, dem kann das Unwetter nichts anhaben.
Soweit das Postwesen des Altertums; gewiß eine großartige Organisation, die die Regierung schuf. Hiernach gilt es noch eine geringfügige Sache zu erwähnen, die man gleichfalls ihr verdankte. Ich meine die Zeitung, und die Frage regt sich, ob das alte Rom nicht auch schon den Zeitungsschreiber, den Journalisten, kannte. Indem wir uns aber diesem Gegenstand zuwenden, ist zugleich auch vom Brief zu handeln. Denn aus dem Brief ist die Zeitung des Altertums hervorgegangen.
Der Brief und seine Beförderung; Siegelung usf.
Zunächst also der Privatbrief. Wir denken an die Briefe des Apostels Paulus, des Cicero — eine tägliche Riesenkorrespondenz aus Millionen Häusern von Menschen, von Bürgern, die sich lieben, sich hassen, die Geld fordern, Grüße senden, schelten, trösten und beraten, ein tägliches Durcheinanderreden aus allen Weltwinkeln: Geschäftsbriefe, Liebesbriefe, Plauderbriefe, Kondolenzbriefe, Einladungsbilletts, Lehrbriefe. Wie mannigfaltig der Inhalt! Der reisende Brief war noch zahlreicher als der reisende Mensch. Schnell war er hingeschrieben; er wollte auch schnell ans Ziel; denn er mußte den Römern Telegraph und Telephon ersetzen. Aber die Staatspost beförderte ihn nicht. Der Brief mußte selbst sehen, wie er ans Ziel kam.
Dazu hatte jeder Bürger seine Dienerschaft. Irgendeiner der Diener war als Briefträger immer ganz wohl abkömmlich; andernfalls taten auch Freigelassene, die überhaupt oft als Geschäftsreisende fungierten, den Dienst sehr gern. Denn sie bekamen dabei die weite Welt zu sehen, bekamen gutes Zehrgeld mit und wurden überall wie die Engel aufgenommen; denn auch das Wort „Engel“ heißt ja der Bote auf deutsch. Übrigens halfen sich auch die Bekanntenkreise aus. Expediert heut Freund Markus Briefe nach Patras, nach Brindisi, dann kann der und jener seinem Boten die eigene Post gegen angemessene Vergütung mitgeben. Derartige Gelegenheiten gab es immer unendlich viele. Für uns ist der Postbote heute eine Maschine, die regelmäßig geht wie der Zeiger an der Uhr, und wir sind ihm zwar im Prinzip wohlgesinnt, geben aber auf seine Person oft kaum noch acht. Im Altertum war schon, wenn er sich von weitem zeigte, freudige Erregung; er wurde im Haus festgehalten, gespeist, beschenkt, in gute Stimmung versetzt, denn man wollte ihm neue Post mitgeben, und dabei wurde zugleich sein Charakter, seine Zuverlässigkeit erprobt. In den dicken Bündeln, die er trug, steckten oftmals Briefe von vielen Händen, die man paketweise zusammengetan hatte, ja, auch Briefe an viele, die es jetzt zu verteilen galt. So stand z. B. Cicero in Massenkorrespondenz mit dem Heerlager Caesars in Gallien und Britannien und seinen Offizieren. Der Betrieb war geradezu organisiert[118]. Wenn Cicero auf seiner pompejanischen Villa saß, erhielt er dorthin binnen drei Tagen die Briefe des Atticus aus Rom[119]. Alle Briefe wurden immer genau datiert. Das war nicht nur Pedanterie; am Datum konnte man feststellen, wie schnell der Bote gelaufen, ob er nicht säumig gewesen war. Jener Atticus, Ciceros Gewissensrat, einer der reichsten Herren mit zahlloser Dienerschaft, außerdem der Hauptbuchverleger Roms und daher auch mit Schreiberpersonal reich versehen, hatte für postalische Zwecke stets einen Läufer bereit, und Cicero ist darum auch in der Lage, oft täglich mit ihm Briefe zu wechseln. Oft schreibt er nur rasch einen Gruß hin, um doch etwas geschrieben zu haben, so wie wir heut völlig inhaltlose Ansichtspostkarten schicken. Ein Gruß genügt. Es ist doch immer ein Lebenszeichen[120]!
Sorglich wurde jeder Brief versiegelt; mit Siegel sicherte man außerdem auch noch das geschnürte Briefbündel. Denn die Zuverlässigkeit der Läufer war doch nicht immer gesichert. Schon die bloße Neugier verlockte zum Lesen, es geschah aber auch oft im Auftrag. Denn in politisch erregten Zeiten war das Spionieren gang und gäbe; die Leute wurden bestochen, das Briefgeheimnis war gefährdet. In der Zeit der römischen Bürgerkriege wurden die Postsäcke so geplündert, wie England es im verwichenen Kriege machte, indem es sogar die Schiffe der neutralen Mächte bestahl[121]. In wichtigen Fällen sicherte man sich deshalb durch Geheimschrift, brauchte sogar auch sympathetische Tinte, die sich unsichtbar machen läßt[122]. Am schlimmsten stand es damit in den Schreckensjahren unter Nero; im Jahre 67 n. Chr. hatte in Rom alle Privatkorrespondenz völlig aufgehört. Die Angst vor der Zensur von oben war zu groß. Die Briefträger (Grammatophoren) brachten damals nur noch die Meldungen von den letzten Hinrichtungen in die Häuser. Es war die Zeit des Grauens, und das Publikum wehrlos, denn die Garde sicherte den Tyrannen[123]. Zum Glück lebte damals Seneca nicht mehr, und niemand konnte seinen Briefen noch etwas anhaben.
Dieselben Schreckensmeldungen von den Justizmorden in Rom hat man damals gewiß auch in der Zeitung lesen können. Denn auch eine Zeitung, ein stadtrömisches Tageblatt, gab es damals, das man über alle Provinzen verschickte. Es fehlte den alten Römern nur an Kaffee und Zigarren, sonst hätten sie mit ihrer Zeitung just so dagesessen wie wir.
Publizierte Briefe. Tageszeitung. Senatsprotokolle.
In Ciceros Zeit war sie entstanden. Es war natürlich, daß in jenen Zeiten des erregtesten politischen Lebens, wo es in der Hauptstadt täglich Weltentscheidungen gab, die Römer, die im Ausland standen, mit gewisser Regelmäßigkeit erfahren wollten und mußten, was los war, was da vor sich ging. So schrieben berufene Männer zunächst nur private Berichte in Briefform über das Neueste an ihre Freunde. Muster solcher Berichte besitzen wir von Ciceros Hand[124]. Indem sie sich wiederholten und häuften, entstanden Serien in Zeitfolge, und auch der Privatcharakter blieb nicht gewahrt. Der Empfänger las die Briefe seinen Freunden im Club vor; ja man verbreitete sie in Abschriften: Abschrift aber ist immer Veröffentlichung. So wurden ja auch des Apostels Paulus Lehrbriefe publiziert; Paulus schickte seine Sendschreiben an die Korinther-, die Römergemeinde, die Gemeinde aber sorgte durch Kopie für geziemende Verbreitung, und so erhielt sich der Text und wuchs an Bedeutung mit dem Wachsen des Christentums.
Den erzählenden Brief, in dem feuilletonistisch Wichtiges und Unwichtiges planlos durcheinanderstand, hat man den Zeitungsbrief genannt; aus diesen Zeitungsbriefen ist durch Veröffentlichung damals die Tageszeitung hervorgegangen. Man gedenke zum Vergleich an die Feldpostbriefe aus dem vergangenen großen Krieg; auch aus ihnen, die damals in der Tat so vielfach abgedruckt wurden, hätte man leicht eine vollständige Kriegszeitung zusammenstellen können, und Versuche der Art wurden ja auch gemacht. Julius Caesar war es, der in Rom im Jahre 59 v. Chr. die amtliche Herausgabe täglicher Berichte, der acta diurna, wie man sie nannte[125], die unter den späteren Kaisern die Hofkanzlei beaufsichtigte, veranlaßte, also eine Staatszeitung, deren Ruhm allerdings nur darin besteht, daß sie 400 Jahre ununterbrochen bestanden hat. Welches moderne Blatt kann auf solches Alter zurückblicken? Journalistische Talente aber, die es einem Cicero gleich täten, übten sich nicht daran. Die Zeitung war jedenfalls völlig anonym. Keine Verfasser werden uns genannt; kein erheblicher Schriftsteller scheint sich beteiligt zu haben. Wer schreiben konnte, schrieb lieber im großen Zusammenhang Geschichtsbücher oder Memoiren, und der Inhalt der „acta“ mag also ledern genug gewesen sein. Übrigens aber kamen daneben als wichtige Ergänzung zeitweilig auch die Parlamentsberichte heraus. Sie betrafen den Senat. Stenographisch wurden die Reden der Senatoren während der Sitzung nachgeschrieben und gingen in Buchform unter der Bezeichnung „Senatsakten“ (acta senatus) ins Publikum aus. Ohne diese ist der Historiker Tacitus nicht denkbar[126]. Die geistvollsten und besten Männer, die der römische Staat besaß, kamen darin zu Worte; die wichtigsten Entscheidungen konnte man da in ihrer Entstehung verfolgen. Wer bei Tacitus die wundervollen Schilderungen der Senatsverhandlungen unter Kaiser Tiberius und Claudius liest, erinnere sich dabei an jene offizielle Quelle, aus der sie stammen. Ganz anders das Tageblatt der acta diurna; es ist damals von den Historikern als Geschichtsquelle nie gebührend ausgebeutet worden; ja auch das großartige Bibliothekswesen Roms scheint die Zeitung, in die wir so gern einmal einen Blick würfen, einer sorglichen Aufbewahrung kaum wert gefunden zu haben[127]. Auf alle Fälle aber war durch sie für das wißbegierige Volk und den Nachrichtenhunger des Publikums ausreichend gesorgt; wer die neuesten Nachrichten haben wollte, konnte sie haben.
Vergleich der neueren Zeiten. Mangel des Kompaß. Winterstille.
Blicken wir zurück, so scheint der Eindruck unabweislich, daß in den wichtigsten der Dinge, die ich besprochen, im Straßenbau und Reichspostwesen das Europa der Zeit Kaiser Hadrians das Europa der Zeit Friedrichs des Großen und Napoleons ganz erheblich übertroffen hat. Denken wir nur, wie lange ein Reisender im 18. Jahrhundert brauchte, um von Madrid nach Wien, wie lange ein Warentransport, um von Cöln nach Konstantinopel zu kommen! und wie hätte man es damals wohl fertig gebracht, ein Heer von Paris bis an den Euphrat zu werfen? Diese Fragen sind voll berechtigt. Und doch — den Hauptnachteil des antiken Verkehrslebens habe ich noch gar nicht berührt, und damit ändert sich das Bild sofort. Das ist das Aussetzen der antiken Schiffahrt bei Sturm; ich meine das Altertum im Winter. Das Mittelmeer war die große Hauptverkehrsstraße der Antike. Sie war im Winter völlig unbenützbar. Das ganze Leben war durch den Winter blockiert.
Den Mangel der Kohlenindustrie teilte das 18. mit dem 2. Jahrhundert; aber die Neuzeit hatte den Kompaß, das Altertum hatte den Kompaß nicht. Dieser scheinbar so geringfügige Mißstand war es, der das ganze Altertum, das sonst so tatkräftig, entdeckungsfreudig war, lahm setzte. Wie sollte man auf offener See Weg und Richtung nicht verlieren? Man mußte sich immer ängstlich in Sicht des Landes halten, eine beklagenswerte Gebundenheit, und nur der Tollkühne wich bei allerhöchster Not hiervon ab, so wie jener Ikelus, als er dem Galba die wichtige Kaiserbotschaft brachte. Es ging für ihn auf Leben und Sterben. Eben darum vermied man auch nachts auf offener See zu fahren und ging abends in den ersten besten Hafen. Selten, daß einmal zur Nachtfahrt ein Schiff wirklich Lichter aufsetzt[128]. Die kühnen Entdecker unter den Seefahrern, die durch die Straße von Gibraltar stießen, ein Hanno, ein Pytheas, sie sind allerdings bis England und Jütland gefahren, den Nordstürmen Trotz bietend, haben sogar auf der Straße Vasco de Gamas Afrika bis in die Nähe des Äquators zu umschiffen begonnen, denn das war auch bei kompaßloser Küstenfahrt möglich; den Vorstoß nach Amerika hat man dagegen im Altertum nur vorausgesagt, aber nicht ausführen können.
Nun aber der Winter. Im ganzen Winter war kein Schiff mehr auf dem weiten Mittelmeer zu sehen; alles wie weggeblasen; wie eine leere Tenne; wie der Tanzboden, wenn der Wirt Schluß macht und alle Lichter auslöscht. Der Gott Poseidon blieb vier volle Monate in seiner schäumenden Wasserwüste mit seinen Delphinen und Haifischen allein: alle Schiffe und Boote an Land gezogen und auf den Staden aufgelegt. Kapitän und Bootsmann strecken die Glieder aus und ruhen. So hörten wir ja schon vom Apostel Paulus: monatelang blieb er, als er zu Schiff nach Rom wollte, im Winter auf der Insel Malta liegen. Wenn die Sturmwolken gingen, konnte man in der dicken Luft und in der Lichtlosigkeit die Küsten nicht sehen: dies war nach Vegetius der Grund[129], den wir vollauf begreifen. Ganz so wie Paulus wird auch ein gewisser Kephalion, der dem Atticus Briefe überbringen soll, „viele Monate“ zurückgehalten[130]. Mindestens 40 Tage brauchte im Winter ein Brief von Rom nach Spanien, weil er da eben über Land laufen mußte[131]. Cynthia, des Properz Geliebte, will mit einem hohen Beamten nach Epirus reisen, aber Gottlob ist es noch Winter; sie kann noch nicht auf See. „Wenn der Frühling kommt,“ so droht ihr der Dichter, „werde ich am Strand stehen, um dir, wenn du abfährst, nachzuschauen, und dir schlechte Fahrt wünschen.“ Der Frühling kommt, da bleibt Cynthia in Rom, sie reist nicht, und der Liebende ist glücklich.
Im Winter der Nachrichtendienst u. die Zufuhren behindert.
Um so bewunderungswürdiger war die geniale Kühnheit Caesars[132], der im Bürgerkrieg gegen Pompejus alles riskierte und sein Heer zu solcher Jahreszeit über die Adria und hernach nochmals von Sizilien nach Tunis warf[133]. Erst wer die Dinge, die ich hier vortrage, beachtet, kann solche Leistungen voll würdigen. Es waren ganz vereinzelte, heroische Ausnahmen. Und nun werden uns auch auffallende Erscheinungen im politischen Leben des Altertums verständlich. Markus Antonius, der Triumvir, verbringt den Winter des Jahres 41 auf 40 v. Chr. mit Kleopatra untätig in Alexandria; während dessen macht seine ehrgeizige Gattin Fulvia, die selber in Waffen einherging, in Italien Krieg gegen den Machthaber Oktavian; auch des Antonius Bruder Lucius ist dabei und führt das Heer; der Winterkrieg um Perusia entbrennt. Perusia, die Stadt, fällt; Lucius kommt um; Fulvia selbst muß aus Italien fliehen. Von all dem ahnt Mark Anton in Ägypten gar nichts, bis das Frühlingsäquinoktium vorüber ist und das erste Kurierschiff von Puteoli nach Alexandria läuft. Da sieht der Herr des Orients plötzlich die kolossal veränderte politische Lage und muß rasch seine Entschlüsse fassen[134]. Es war, als wäre das Kabel gerissen, und es erinnert uns unwillkürlich an das, was wir während des Weltkriegs Ende April 1916 erlebt haben. In Dublin erhebt sich plötzlich der Aufstand Irlands gegen die Engländer; das Postgebäude, die Bahnhöfe werden dort von den Iren besetzt; in London aber weiß man davon nichts, bleibt ganz ohne offizielle Nachrichten, bis zufällig ein paar Reisende die Sache in London erzählten; „eine vollständige Überraschung“. Die Iren hatten diese Isolierung dadurch bewirkt, daß sie das Kabel nach England und außerdem in ihrem Lande selbst alle Telegraphendrähte durchschnitten[135]. Ganz ähnlich begründet war die Überraschung, war die Nachrichtenlosigkeit des Mark Anton.
Nun denke man sich das antike Rom oder Neapel im Winter. Italien konnte sich nicht selbst ernähren. Jedes Jahr mußte es sich bis zum Herbst und zum Schluß der Schiffahrt von außen vollständig verproviantieren; die Handelsflotten mußten ausreichende Wintervorräte an Korn und an anderen Eßwaren, auch an Schreibpapier, von den Provinzen herangeschafft haben. In mächtigen Speichern lagen die Vorräte aufgehäuft. Dann kam die tiefe Winterstille über Stadt und Land, die große Siesta. Die Kaufherren hatten nichts zu tun, der Export und Import regte sich nicht. All die Tausende von Werkleuten waren unbeschäftigt. Eine Industrie gab es kaum im Lande, wenn wir die großen Ziegeleien und Topffabriken nicht rechnen. Auch die ungedeckten Theater und Amphitheater waren beim Winterregen schlecht zu benutzen. Was sollte man weiter tun, als zu Haus Feste feiern, schmausen und schlafen? Man saß also in seinen kalten vier Wänden, vertrieb sich im Kleinleben die Tage, so gut es ging, vertrank den ganzen Monat Dezember[136], rechnete sein Soll und Haben nach; auch für Senatsdebatten war vollste Muße, für Redeturniere und Dichterdeklamationen. Dazu aber kam noch eins: man stand spät auf und ging früh zu Bett, mit der Wintersonne. Man hatte damals noch die natürliche Zeit, die sich nach dem Tageslicht richtet; der Wintertag war kürzer als der Sommertag. Man konnte sich ausschlafen — bis endlich der Frühlingsanfang kam: der beglückende 5. März, die Eröffnung der Schiffahrt! Die Wintervorräte waren aufgebraucht. Zur Feier des Tages wurde aus allen Häfen am 5. März ein menschenleeres Schiff ins Meer hinausgestoßen. Mochte es in den Wellen untergehen; es war ein Opfer, das man den Göttern darbrachte, und zwar der Göttin Isis. Denn nach Ägypten, dem Lande der Isis, ging doch immer fast aller Seehandel, auch der Transit. Das Schiff war als Spende für die Göttin prächtig geschmückt und mit Spezereien angefüllt. So trieb es hinaus, indes froh andächtig das Volk im Festschmuck am Ufer stand und ihm nachspähte. Die Winterblockade war aufgehoben.
Eine Blockade! Soll ich mit dem Wort enden? Uns Deutsche muß das Wort heute nachdenklich stimmen. Muß es uns nicht in der schicksalsschweren Gegenwart, in der wir leben, unwillkürlich an unser Deutschland erinnern? Auch wir sind ja bis heute blockiert, und es ist uns ein Wort der Qual geworden. Wann kommt der Tag, wo wir, endlich wieder ein freies Handelsvolk wie jene Alten, ein Schiff festlich schmücken können, um es hinaus ins Meer zu treiben? Wir glauben an keine Isis mehr. Aber wir glauben an den guten Geist in uns und über uns, der uns zur rechten Stunde endlich doch das Gelingen geben wird.
Die Laus im Altertum.
Das Altertum nannte einen Grabbau von gewisser Großartigkeit ein Mausoleum. Der Name rührt von dem berühmten Grabmal des kleinasiatischen Königs Mausolos her. Im letzten Krieg ist daraus der Scherzname Lausoleum entstanden; der Name war Scherz, die Sache selbst aber bitterer, ja erbitterter Ernst. Es waren damit die trefflich organisierten Entlausungsstätten für unsere wackeren, schwer geplagten Krieger, aber auch für die feindlichen Gefangenen gemeint, die aus dem Feindesland, vor allem aus dem östlichen, der Heimat aller Unsauberkeit, nach Deutschland kamen und vor dem Überschreiten der Grenze einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden. Sie erlitten es gern, denn das Schrecklichste fiel von ihnen ab. Auch das Lausoleum war somit eine Grabstätte, wenn wir den Scherz, der in dem Namen liegt, ausschöpfen wollen. Es war die Grabstätte des ärgsten deutschen Landesfeindes geworden; aber nicht die Laus, sondern der Körper, der sie trug, feierte aus diesem Grab die Auferstehung, den Übergang in ein besseres Dasein, und er fühlte sich selig, wie im Himmel.
Russische Mönche, Byzantiner. Die Laus bei Bauern und Fischern.
Da das Wort Lausoleum eine gelehrte und klassische Reminiszenz ist und an das Griechische und Antike anklingt, so möchte man fragen, ob denn das so oft und gern gepriesene klassische Altertum die Läuseplage etwa auch schon kannte, und wie es sich ihrer erwehrt hat. Hat jener König Mausolos, den ich nannte, mit Verlaub, sich nicht auch gelegentlich gegen einen peinlichen Hautreiz wehren müssen? In den Museen stehen all die griechischen Götter und Heroen, Apoll und Hermes und Meleager, die griechischen jungen Speerträger und Ringer (um von den Göttinnen ganz zu schweigen) in Gips und Marmor so appetitlich und sauber da. Hat wirklich das trivialste und zudringlichste aller Insekten ihre Haut nie berührt? Im Jahrgang 1915 der Hygienischen Rundschau Nr. 24 befindet sich ein anregender Aufsatz über „Die Laus in der Kulturgeschichte“[137]. Da werden ungefähr alle Zeiten und Völker in bezug auf diesen Schmarotzer des menschlichen Körpers in Betracht gezogen, und wir hören insbesondere von den östlichen Völkern manches Erstaunliche; so auch von der Toleranz und Schonung, die die orthodoxen Christen des byzantinischen und des russischen Reichs, vor allem die dortigen Mönche in ihrem Klosterleben, die aber auch die frommen Buddhisten in Indien gegen diese widerwärtigen Blutsauger, die auf ihnen zur Weide gingen, ausgeübt haben. Man tötete sie nicht! Der Satz „Liebet eure Feinde“ wird da in unerhörter Weise verwirklicht: eine erschreckende Verirrung der Tierliebe und der Gottesfurcht. Ja, auch unser alter deutscher Dichter Fischart, auch Rabelais dient in jenem Aufsatz als Zeuge für diese und ähnliche Dinge, und so bringt er endlich auch einige aufklärende Angaben, die die alten Griechen und Römer betreffen. Doch lohnt es sich, bei diesen beiden Völkern uns etwas ausführlicher umzusehen, da wir damit in eine Kulturperiode der Menschheit Einblick erhalten, die unserer modernen in so manchen Punkten ebenbürtig, in manchen sogar auch überlegen war[138].
Es sei vorangestellt, daß das Tier, das uns jetzt beschäftigen soll, auf griechisch phtheir[139], auf lateinisch pediculus heißt.
Wer an den großen, wundervollen Homeros denkt, wird die Reinlichkeitsfrage gar nicht erst erheben. Wer möchte in solchem Zusammenhang den Namen Achills oder der Helena aussprechen? Odysseus kehrt zu seiner Penelope heim. Der Haushund lebt noch, der einst jung war, als Odysseus Ithaka verließ; jetzt liegt das Tier im Verscheiden und ist räudig geworden. Aber Homer schildert uns das Ungeziefer nicht, das auf ihm nistet.
Aber dem Homer, dessen Person unter der modernen Kritik zum Schatten geworden ist — denn wer kann ihn sich noch deutlich als Menschen denken? —, ihm ist im Altertum eine ausführliche Biographie angedichtet worden, und da lesen wir: der Dichter der Iliade, der weithin Griechenland durchwandert, findet irgendwo am Meeresstrand Fischersleute und läßt sich in ihrer Gesellschaft nieder; da kommen die Söhne der Fischer vom Meer, steigen aus den Booten, aber ohne Beute, und geben nun das berühmte Rätsel auf:
Was wir nicht fingen, ist bei uns; nicht bei uns ist, was wir fingen.
Selbst ein Geist wie Homer löst dies Rätsel nicht; denn er ist zu erhaben für solche Dinge. Die Läuse sind’s, um die es sich handelt; erst wenn sie gefangen sind, hören sie auf, bei uns zu sein; die nicht gefangen sind, die eben haben wir!
Diese Stelle steht fast einsam da in der griechischen Literatur. Die Zoologie der Griechen, Aristoteles und seine Nachfolger, haben die Laus natürlich beachtet und in ihr System aufgenommen. Aber ihr eigenartiges Leben und Weben, ihr Kribbeln und Krabbeln, ihre Tücke und blutgierige Menschenliebe uns lebendig zu schildern, dazu lassen sich solche Autoren nicht herbei. Schon das Homer-Erlebnis aber verrät uns: nur bei Fischern und anderen Leuten rein dörflichen Lebens, oder doch nur da, wo vollkommene Armut herrscht, sind diese leidigen Parasiten zu finden; nur da sind sie von uns vorauszusetzen; die schönheitssüchtige Literatur der Griechen blickt selten in diese dörfliche Volksschicht hinab und nimmt auch dann, wenn sie es tut, solcher Armseligkeiten nicht wahr. Bei dem derben Lustspielschreiber Aristophanes tritt einmal die „Armut“ als Person auf die Bühne, und von ihr heißt es da in der Tat: sie bewirkt, daß um das Haupt des Armen Läuse, Wanzen und Flöhe sich tummeln, so daß er aus dem Bett springt: „auf, an die Arbeit!“[140] Für den, der solche Plage mit sich herumtrug, gab es auch ein besonderes Wort, der „Läuseheger“ und „Läuseträger“. Wir reimen darauf noch: der Läusejäger. Aber das Wort steht nur in den Lexika[141]; wir finden nicht, daß es bei den Schriftstellern selbst in Gebrauch war.
Es gab außer den Dorfleuten in der älteren Zeit noch eine andere Sorte von Menschen, auf die der Ausdruck paßte. Das waren gewisse Anhänger des alten Pythagoras, die Pythagoristen, die so fromm sind, daß Hades, der Gott der Unterwelt sie, wenn sie sterben, zum Lohn mit an seinen Tisch zieht, obschon sie im Schmutz starren. Sie tun das aus philosophischer Überzeugung. Wir hören, wie man in Athen diese Sonderlinge, die nur Kräuter essen, nur Wasser trinken, sich aber nie waschen und den Rock voll Läuse haben, verhöhnt hat[142]. Aber sie standen außerhalb der Gesellschaft; das war kein wirkliches griechisches Leben.
Die Laus fehlt bei Aristophanes u. sonst. Reinlichkeit der Städter.
Höchst auffällig, daß sonst die ganze Literatur von solcherlei Menschen nichts zu wissen scheint, und zwar nicht nur die griechische, sondern nahezu ebenso auch die der Römer! Die antike Literatur ist immun und von früh an insektenfrei. Aristophanes, derselbe Dichter, den ich schon nannte, er war keineswegs nur der anmutige Possenreißer, im Gegenteil: ein Unflat war er, der sonst wahrlich kein Blatt vor den Mund nimmt, um in derbsten Tönen alle sexuellen Realitäten wie auch die Dinge der Leibesnotdurft vorzuführen. Aber die Insektenplage?
Den geflügelten Mistkäfer führt er zwar vor, in Riesengröße; der Held des Stückes fliegt auf dem Mistkäfer gen Himmel unter Gestank. Den Philosophen Sokrates läßt er ferner mit Flöhen umgehen; der Floh ist der Aristokrat unter diesen Tieren, und Sokrates nützt ihn gleich zu wissenschaftlich-experimentellen Zwecken aus; er will wissen, wie weit Flöhe springen können. Ein Floh hopste vom Kopfe des Chairephon auf den Kopf des Sokrates; nun werden die Flohfüße in Wachs abgegossen und dann irgendwie die Sprungweite gemessen[143]. So heißt es noch anderswo bei demselben Dichter, daß die jungen Mädchen tanzen wie die Flöhe in den wollenen Bettdecken[144]. Ja, auch Schaben und Wanzen fehlen da nicht und sitzen im Haus am Mauerwerk fest[145]. Insonderheit der Reisende fürchtet sich vor den Wanzen in den Nachtherbergen[146]. Aber Läuse? Nein! Die Weiber ziehen sich in naturwüchsigstem Gebaren bei Aristophanes aus und an und reden dabei die natürlichsten Dinge. Läuse fehlen. Auch eine Rasierszene ist da, wo alles voll Ulk und sehr umständlich hergeht; Anlaß genug, solche Gäste in den Barthaaren zu finden; sie finden sich nicht[147]. Der bäuerische Volksmann Dikäopel sitzt frühmorgens einsam in der leeren Volksversammlung, wartet, daß die anderen Bürger kommen, und gähnt und rekelt sich derweilen, zupft sich die Haare und tut sonst noch, was wenig anständig ist; aber er laust sich nicht.
Nur Andeutungen gestattet sich der Dichter; sein Stück „die Wolken“ fängt bei Nacht an; ein alter Athener liegt da zur Nachtruhe und kann nicht schlafen; „will es noch nicht Tag werden? mich beißen die Sorgen,“ seufzt er, und nochmals: „mich beißt die Sorge vor dem Exekutor aus dem Bett heraus!“ Da haben wir die beißende Sorge als Ersatz.
Aber wie bei Aristophanes, so steht es auch sonst. Die Hirtenpoesie des Theokrit, die sich unter Ziegen und Kuhherden bewegt, wahrt auch sonst gern allerlei realistische Züge; erst recht tut dies die Tierfabel des Aesop (Phädrus, Babrius). Aber nur Mücken und Ameisen erscheinen da; vom Biß der Ameise wird da gehandelt. Weiter greift auch die Fabeldichtung nicht hinab.
Wohl aber verrät uns Aristophanes an einer Stelle, daß es in der groben Bühnendichtung früherer Zeiten doch anders hergegangen war. Da, wo er stolz vor sein athenisches Publikum tritt und darlegt, wodurch er all seine Vorgänger übertreffe und wie er es sei, der das Lustspiel zu etwas Neuem, Großem und Herrlichem gemacht, da lesen wir, daß die früheren rohen Volksdichter Athens sich begnügten, Leute aus dem Volk, die in Lumpen gehen, vorzuführen, und solche, die da „mit Läusen fechten“[148].
Da taucht also die Laus auf, nach der wir mit der Lupe suchten, und sogar ein Gefecht, eine Phtheiromachie; aber nur, um wieder fast völlig für uns zu verschwinden. Aristophanes hat an der angegebenen bedeutsamen Stelle das Programm der ganzen klassischen Literatur aufgestellt: das Programm der Läuselosigkeit.
Bad; Gymnastik; Rasieren. Die griechischen Frauen.
Woran liegt das? Die Antwort kann nur sein: an der außerordentlichen Reinlichkeit der Städter, die selbst für die kleineren Stadtgemeinden („Poleis“) Altgriechenlands bezeugt oder doch vorauszusetzen ist. Das leidet keinen Zweifel. Denn nicht nur in den Gymnasien allerorts war Wasch- und Badegelegenheit; es gab auch noch besondere Badeanstalten mit Wannen[149], und auch selbst in den Häusern der kleinen Bürger gab es regelmäßig Badetröge, Badewannen, Badestuben. Man lese dafür solche Stellen wie in des Aristophanes Wespen (v. 141) und Thesmophoriazusen (v. 559). Ein unzurechnungsfähiger, unruhiger Alter will aus seinem Haus; er wird aber nicht herausgelassen; die Tür ist abgeschlossen. Da fürchtet man, er könne von seiner Badestube aus durch den Wasserablauf schlüpfen und so den Ausgang finden. Ein andermal hat sogar angeblich ein Mord in der Familie stattgefunden, und unter der Badewanne im Haus hat man den Ermordeten eingescharrt. Das gibt uns Einblick in die bescheidenen bürgerlichen Wohnhäuser Alt-Athens im 5. Jahrhundert v. Chr., in denen sonst die Hühner und Schweine mit herumliefen. Ein vielgescholtener Demagog Athens war damals Kleon; von ihm wird uns berichtet, wie er den „Demos“ auf das schlaueste gängelt und verzieht; er läßt ihn morgens Gericht halten, schickt ihn dann ins Bad, dann zum Essen und zahlt ihm dazu Tagegelder aus der Staatskasse. Der „Demos“ aber ist das Gesamtvolk der Stadt; ganz Athen badete, wenn der geschäftige Vormittag vorüber[150]!
Was die Männerwelt betraf, so kommt nun die Nackt-Turnerei in den geschlossenen Räumen der Gymnasien dazu; und dazu diente das Öl. Ein Turner ohne Einölung der gesamten Körperhaut war für die Griechen nicht denkbar; ständig wurde deshalb auch nach dem Abschluß der Sportübungen mit dem Striegel Öl und Schweiß vom ganzen Körper abgeschabt. Wo war da noch Raum, ein geruhsamer Wirkungskreis für Insekten? Man denke an den marmornen „Schaber“ des Lysipp im Vatikan. Wie können an solchem Jüngling Parasiten haften?
Eine gleichsam absolute Reinlichkeit, die sich noch steigerte, als nun gar auch das Rasieren Pflicht wurde. Durch 500 Jahre geht das ganze Altertum, und zwar auch die alten Herren, mit so ausrasiertem Gesicht wie Napoleon, Goethe und Schiller. Man denke an den Alexanderkopf, an Julius Caesar, Augustus, Menander. Im Bartwuchs aber findet sonst das lausige Getier gern Unterschlupf, wie das Wild im Walde[151]. Der Unterschlupf war damit niedergelegt. Nur gewisse Fanatiker des Naturwüchsigen, Philosophen und dergleichen, fügten sich der neuen Mode nicht.
Etwas anders steht es mit den Frauen. Sie badeten zwar fleißig, aber sie turnten nicht und ölten sich nicht ein[152], und insbesondere ihre Frisur konnte leicht zur Heimstätte des Gefürchteten werden. Es bestand die Redensart, wenn eine Frau in Trauer war und darum ihr Haupthaar sich glatt wegscheren ließ, sie werde bis auf die Laus geschoren[153]. Das läßt freilich tief blicken.
So begegnet uns denn in der Tat ein einziges Mal eine Dame der feinen Welt, die auch wirklich an diesem Übel litt. Die bessere griechische Gesellschaft und ihr Geistesleben war nicht denkbar ohne die schöne Halbwelt; die Hetären waren, wie allbekannt, Vertreterinnen der besten Bildung, des guten Tons und des Geschmacks, und Künstler, Dichter, Politiker und Philosophen wurden von ihrer Lebenskunst gefesselt. Daher besitzen wir ganze Kataloge von Namen dieser anziehenden Schönheiten. Eine einzige unter ihnen, die Phanostrate, führte den Spitznamen „die am Läusetor“ (Phtheiropyle, gebildet wie Thermopyle), warum? Weil sie die Gewohnheit hatte, vor ihre Haustür zu treten und sich dort die Läuse abzusuchen. Es war gewiß gut, daß sie dies Geschäft nicht in ihrem Hause besorgte. Demosthenes hat in seinen Reden diese Person erwähnt; aber er gibt uns den garstigen Spitznamen nicht; ein Demosthenes nimmt den nicht in den Mund. Nur das Volk Athens hat die Dame so gerufen[154]!
Sokrates. Kyniker. Läuse fehlen auch in der röm. Literatur.
Nichts ist auffallender als Sokrates, den uns Plato in unzähligen Schriften schildert und hinstellt, als ob er vor uns lebte. Plato weiß ganz wohl, daß es Läuse gibt, und da, wo er über verschiedene Künste handelt, stellt er einmal auch mit der Kunst der Strategie und der Jagd die Kunst des Läusefangs zusammen; neben der Strategie und Thereutik steht also die Phtheiristik[155]. Man sollte sich diesen Ausdruck merken, da wir für alle guten Künste so gern griechische Fremdwörter brauchen! Von Sokrates nun aber versichert uns Plato, daß er sich, mit wenigen glorreichen Ausnahmen, nie wusch und badete und daß er immer barfuß ging. Trotzdem kann der Verdacht, eine Laus an Sokrates zu finden, nicht aufkommen. Plato selbst läßt solchen Verdacht nicht zu. Ist es nur Pietät? sollte von ihm nur deshalb, weil er der erhabene Träger aller edelsten Gedanken ist, das gemein Triviale ferngehalten werden? Vielmehr ist Sokrates in Wirklichkeit sauberer als sein Ruf gewesen. Er war durchaus hoffähig, so schlicht er auftrat. Die eklen Standesunterschiede, die heute leider dem Adligen und Landbaron mit dem Fabrikarbeiter, dem Professor mit seinem Flickschuster einen täglichen Verkehr nicht gestatten, gab es in jenem glücklichen Athen noch nicht. Ob reich ob arm, der Männerverkehr stand ausschließlich auf Du und Du: selbst den Kaiser Roms hat jeder armseligste Eckensteher geduzt; und Sokrates, der dürftige, zieht also auch, ohne Anstoß zu geben, die ersten Größen der Stadt, wo er will und so oft er will, in seine Gespräche und tritt, wie er ist, als gern gesehener Gast in die vornehmsten Häuser Athens ein. Er hat durch das, wonach wir suchen, sicherlich keinen Anstoß gegeben; er war immun.
Und was von ihm galt, gilt nun auch von den eigentlichen Straßenphilosophen, die sich deshalb die Hundsphilosophen, die Kyniker nannten, weil sie bedürfnislos wie die Tiere leben wollten. In der Tat sind die Kyniker für die Bettelmönche des Mittelalters, insbesondere für das Mönchtum der griechisch-orthodoxen Kirche, die eigentlichen Vorgänger gewesen. Aber wenn diese christlichen Mönche die Läuse, mit denen Gott der Herr sie plagt, als eine Zuwendung des Höchsten sorglich hüten, die wahren Läuseheger und Läuseträger, so läßt sich das von einem Diogenes und seinesgleichen keineswegs behaupten. Es ist jener Diogenes, der in Athen in einem tönernen Faß auf dem Tempelgrundstück des Metroons seine Wohnung aufschlug. Sehen wir näher zu, so erfahren wir, daß der Mann badete wie jeder andere, ja daß er sich auch einölte, wie ein rechter Grieche. Er war eben Städter und kein Dorfbewohner. Überdies stellte er sich gelegentlich nackt in den Winterregen, so daß alle über seine Abhärtung staunten. Als er in eine Badeanstalt kommt, die nicht sauber genug gehalten ist, fragt er: „Wo reinigen sich die, die hier baden[156]?“ Ein beredteres Zeugnis für die Bedeutung des Bades bei den Griechen, als dieses, kann es nicht geben.
Mit dem Römervolk steht es nun aber nicht anders als mit den Griechen. Wer kann es wagen, einen Cicero, Vergil, Seneca und Tacitus in Zusammenhang mit diesen Dingen zu bringen? Der Stich der Wassermücke war unangenehm; der wird in einem kleinen Epos von Vergil oder einem Vergilnachtreter einmal wirklich gefühlvoll besungen[157]: ein schlafender Hirte wird durch den Stich der Wassermücke geweckt, als gerade eine Schlange im Gras auf ihn lauert, und das Tierchen hat so dem Menschen das Leben gerettet; aber eine Laus naht sich dem Hirten nicht. O nein! Begreiflich genug. Denn die römische Kultur war eben im Geistigen und Technischen, in allem Nützlichen und Schönen griechisch. Ja, gerade für das Badewesen hat der Römer nicht nur in der Tiberhauptstadt, sondern auch in den kleinsten Nestern Italiens und allen Provinzialstädten wie Trier, auch in den Soldatenlagern wie im Kastell der Saalburg noch viel mehr getan als der Grieche. Es war ein Schlemmen in wohliger Nässe in den öffentlichen römischen Thermen, die gerade nur für das niedere Volk bestimmt gewesen sind und, um große Volksmassen aufzunehmen, die Größe unserer größten Kirchenbauten durch ihren Umfang weit übertrafen. Kleine Badeanstalten von Privatunternehmen gingen noch nebenher; der Reiche hatte seine eigenen Marmorbäder in seinen Villen und Palästen und protzte damit, so daß die Ärzte warnen: es wird zuviel gebadet, das Volk wird verweichlicht! Die weit über Land geführten römischen Wasserleitungen waren womöglich noch großartiger als ihre berühmten Militärstraßen. In all dem Wasser mußte das Fußvolk der Läuse zu Grunde gehen.
Fehlen bei d. Spottdichtern, anders in d. älteren Zeit Roms.
Spottdichter, die auch das Widerwärtigste heranziehen, hat Rom genug gehabt; alte Vetteln, die bei lebendigem Leibe verfaulen[158], mit grünen Zähnen und krankem Zahnfleisch; Grind und Aussatz am Kopfe und übler Mundgeruch; Bocksgeruch der Männer; Triefäugige; einer, der sich mit Urin die Zähne putzt; vergoldete Nachtstühle und ihre Benutzung[159], und noch Ärgeres sind ihre Themen. Nicht nur Catull und Horaz, vor allem hat uns Martial zwölf ganze Bücher voll schlimmster Anzüglichkeiten hinterlassen. Daß aber vor Unsauberkeit sich jemand einmal jucken muß, wird von ihnen niemals irgend jemandem aufgemutzt. Die Laus fehlt[160]. Jemand sitzt einsam; es wird gefragt: „Ist jemand bei ihm?“ Antwort: „Nicht einmal eine Fliege!“ Über die Fliege geht die Phantasie nicht hinaus[161].
Einmal taucht allerdings auch die Wanze auf. Im Haus des Furius, sagt Catull, herrscht ein solches Hungersystem, daß sogar die Wanze auswandert, weil sie da ihr Dasein nicht fristen kann[162]. Diese Plage fand sich also allerdings in vielen Häusern; aber sie gehört nicht zu unserem Gegenstand.
Hieran reiht sich die Beobachtung, daß ja auch die Tiere Läuse haben. Auch das entzog sich natürlicherweise der Kenntnis der Alten nicht; vielmehr gingen sie so weit, wo es nötig schien, auch an den Tieren die Läuse sorglich zu entfernen. Hoch entwickelt war die Pferdezucht, Fischzucht, Geflügelzucht, und betreffs der Hühner galt nun die Vorschrift, daß man den Kücken in der Zeit, wo die Federn sich bilden, die Läuse „häufig“ absuchen soll; so schreibt es der gelehrte Landwirt Varro in seinen landwirtschaftlichen Gesprächen vor (De re rustica III, 9, 14). Das förderte die gesunde Entwicklung der Tiere.
So viel von der Sauberkeit des Römers. Aber so war es nun doch nicht immer in Rom. Ganz anders steht es auffälligerweise in der altrömischen Poesie, als sie noch in ihren Anfängen steckte. Da regte sich wirklich das Tierleben noch auf der Menschenhaut. In den alten Bühnenstücken, da regt es sich. Woher kommt das? Das Bäderwesen fehlte nachweislich zu jenen Zeiten in Rom noch, oder es war noch ganz unentwickelt; ich meine die Zeiten der Scipionen und Gracchen, das 3. und 2. Jahrhundert v. Chr., und damit wird es um so klarer, daß am Bäderwesen alles liegt.
„Du hast ja eine einsame Laus von ungeheurer Größe auf deiner Nase sitzen!“ so wird in jenen Theaterstücken gerufen[163]. Es war natürlich sehr auffallend, daß es nur eine war, denn man traf sonst immer viele gesellig beisammen. „Der Lausbedeckte“ ist eine altlateinische Wendung, die an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrig läßt[164], und ein solcher Mensch kam damals in den Volksstücken des Titinius auch wirklich auf die Bühne, wo es hieß: solcher Dreckmensch gehört aufs Land[165]. In den Liebeshändeln, die Plautus uns vorführt, sind die bösen Kuppler, die schöne Mädchen anpreisen und von den Jünglingen Geld erpressen, ständige Figuren. Plautus nennt diese Kuppler, diese Aussauger, die Läuse, Wanzen und Flöhe der Großstadt[166].
Noch älter als er ist der Dichter Livius Andronicus, der ein Soldatenlustspiel „Das Schwertlein“ (Gladiolus) schrieb; wir besitzen es nicht; aber eine Stelle ist uns daraus erhalten, die uns so viel erkennen läßt. Der Kriegsmann prahlt immer in hohen Tönen und wird deshalb immer zum Narren gehalten. Hier prahlte er in einem Schlachtbericht, den er gab, ungefähr so:
An fünfhundert, nein, an tausend schlug ich tot an einem Tag!
Prompt folgt darauf die höhnische Frage: