Anmerkungen zur Transkription
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Kriegsgefangen.
Erlebtes 1870
Kriegsgefangen.
Erlebtes 1870
von
Th. Fontane.
Berlin, 1871.
Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
(R. v. Decker).
Das Uebersetzungsrecht ist vorbehalten.
Meinen Freunden
Inhalt.
| I. Abtheilung. | Seite |
| „In’s alte, romantische Land” | [1] |
| 1. | Domremy | [3] |
| 2. | Neufchateau | [19] |
| 3. | Langres | [32] |
| 4. | Von Langres bis Besançon | [53] |
| 5. | Die Citadelle von Besançon | [65] |
| 6. | Rückblicke | [90] |
| II. Abtheilung. |
| „Comme officier supérieur” | [103] |
| 1. | Von Besançon bis Lyon | [105] |
| 2. | Lyon | [115] |
| 3. | Moulins | [126] |
| 4. | Gueret | [141] |
| 5. | Poitiers-Rochefort | [154] |
| 6. | Marennes | [162] |
| III. Abtheilung. |
| Ile d’Oléron | [175] |
| 1. | Die Insel Oléron | [177] |
| 2. | Ankunft | [182] |
| 3. | Die Citadelle | [188] |
| 4. | Rasumofsky | [193] |
| 5. | Blanche | [202] |
| 6. | Le Rempart | [207] |
| 7. | Mittag | [212] |
| 8. | Theestunde | [216] |
| 9. | Regentage | [229] |
| 10. | Der Ueberfall von Ablis | [244] |
| 11. | Drei von den 3. Garde-Ulanen | [256] |
| 12. | Fünf vom 14. Jäger-Bataillon | [265] |
| 13. | Begräbniß | [275] |
| 14. | Sturm im Glase Wasser | [280] |
| 15. | „Sentinelle, prenez garde à vous.” | [288] |
| IV. Abtheilung. |
| Frei | [293] |
| 1. | Unverhofft kommt oft | [295] |
| 2. | Der letzte Sonntag | [303] |
| 3. | Der letzte Abend | [311] |
| 4. | Abschied | [321] |
| 5. | Rückreise | [327] |
„In’s alte, romantische Land.”
1. Domremy.
Wie heißt der Ritter?
Baudricourt. Er steht
**
*
Ich bin nur eines Hirten niedre Tochter
Aus meines Königs Flecken Domremy,
Der in dem Kirchensprengel liegt von Toul.
(Jungfrau von Orleans.)
Am 2. Oktober war ich in Toul. Ich kam von Nancy. Nancy ist eine Residenz, Toul ist ein Nest. Es machte den Eindruck auf mich wie Spandau vor dreißig Jahren. Die Kathedrale ist bewunderungswürdig, das Innere einer zweiten Kirche (St. Jean, wenn ich nicht irre) von fast noch größerer Schönheit, aber von dem Augenblick an, wo man mit diesen mittelalterlichen Bauten fertig ist, ist man es mit Toul überhaupt.
In 2 Stunden hatt’ ich diese Sehenswürdigkeiten hinter mir und dennoch war ich gezwungen, 2 Tage an dieser Stelle auszuhalten. Dies hatte darin seinen Grund, daß unmittelbar südlich von Toul das Jeanne d’Arc-Land gelegen ist, und daß es, Dank dem Kriege und den Requisitionen, unmöglich war, in der ganzen Stadt einen Wagen aufzutreiben. Die Partie selber aufzugeben schien mir unthunlich, ich hätte jede Mühe und jeden Preis daran gesetzt. Endlich, am Nachmittage des zweiten Tages, hieß es: Madame Grosjean hat noch einen Wagen. Ich athmete auf. In einem schattigen Hinterhause, dicht neben der Kathedrale, fand ich die genannte Dame, die bei zurückgeschlagenen Gardinen in einem großen Himmelbette saß. Sie war krank, abgezehrt, hatte aber die klaren, klugen Augen, die man so oft bei hektischen Personen findet, und die nie eines Eindrucks verfehlen. Wir unterhandelten in Gegenwart zweier Gevatterinnen, die mindestens eben so gesund waren, wie Madame Grosjean krank. Das Geschäftliche arrangirte sich leicht; nur ein Uebelstand blieb, an dem auch jetzt noch die Partie zu scheitern drohte: das einzig vorhandene Gefährt, ein char à banc, war nämlich zerbrochen und Mr. Jacques, Schmied und Stellmacher, hatte erklärt, überbürdet mit Arbeit, die Reparatur nicht machen, keinesfalls aber den Wagen abholen lassen zu können. In diesen letzten Worten schimmerte doch noch eine Hoffnung. Ich eilte also auf die Straße, engagirte zwei Artilleristen vom Regiment »Feldzeugmeister«, spannte mich selbst mit vor, und im Trabe jagten wir nun mit der leichten Kalesche über das holprige Pflaster hin, in den Arbeitshof des Mr. Jacques hinein. Dieser war ein Hüne, also gutmüthig wie alle starken Leute. Meine Beredsamkeit in Etappen-Französisch amüsirte ihn ersichtlich und wir schieden als gute Freunde, nachdem er versprochen hatte, bis Sonnenuntergang die Reparatur machen zu wollen. Er hielt auch Wort.
In der Dämmerstunde klopfte es an meine Thür. Ein Blaukittel trat ein, theilte mir mit, daß er der »Knecht« der Madame Großjean sei, und daß wir am andern Morgen 7 Uhr fahren würden. Soweit war Alles gut. Aber der Blaukittel selbst flößte mir wenig Vertrauen ein, am wenigsten, als er schließlich versicherte: die Partie sei in einem Tage nicht zu machen, wir würden nach Vaucouleurs fahren, von dort nach Domremy und von Domremy wieder zurück nach Vaucouleurs, aber mehr sei nicht zu leisten; in Vaucouleurs müßten wir übernachten. Er berief sich dabei auf einen russischen Grafen, mit dem er vor Jahresfrist dieselbe Partie gemacht habe, und begleitete seine Rede, die mir aus nichts als aus den vollklingenden Worten »Kilometer« und »quatre-vingt-douze« zu bestehen schien, mit den allerlebhaftesten Gesten. Ein starker Verdacht schoß mir durch den Kopf; wer indessen viel gereist ist, weiß aus Erfahrung, daß auf solche Anwandlungen nicht allzuviel zu geben ist, und ich entließ ihn ohne Weiteres mit einem kurzen: Eh bien, demain matin 7 heures. Ich freute mich sehr auf diesen Ausflug. Das Mißtrauen, das so plötzlich in mir aufgestiegen war, galt mehr dem Blaukittel in Person, als der Gesammtsituation, und dieser Person glaubte ich schlimmsten Falls Herr werden zu können. Ich lud meinen Lefaucheux Revolver und wickelte ihn derart in meine Reisedecke, daß ich durch einen Griff von rechts her in die nun muffartige Rolle hinein, den Kolben packen und eine »Gefechtsstellung« einnehmen konnte. Ich muß dies erwähnen, weil es zu einer späteren Stunde von Wichtigkeit für mich wurde. Daß ich den Revolver nicht mit mir führte, um etwa auf eigene Hand Frankreich mit Krieg zu überziehen, brauch ich wohl nicht erst zu versichern; man hat aber die Pflicht, sich gegen mauvais sujets und die Effronterien des ersten besten Strolches zu schützen.
7 Uhr früh rasselte der Wagen über das Pflaster und hielt vor meinem Hotel. Ich war fertig; eine Viertelstunde später lag Toul hinter uns.
Bis Vaucouleurs sind 3 Meilen. Von rechts her traten mächtige Weingelände, in der Mitte des Abhangs mit hellleuchtenden Dörfern geschmückt, bis an die Straße heran; nach links hin dehnten sich Fruchtfelder, dahinter Bergzüge, oft in blauer Ferne verschwimmend. Es war eine entzückende Fahrt; die Chaussee bergansteigend und wieder sich senkend, dann und wann ein Flußstreifen, eine Wassermühle, dazu rund umher das Herbstlaub in hundert Farben schillernd. Ehe wir noch die erste große Biegung des Weges erreicht hatten, erfüllte sich, was sich immer zu erfüllen pflegt: ein Fußgänger stand am Wege und bat, aufsteigen zu dürfen. Der Kutscher stellte ihn mir als einen seiner »Freunde« vor. Ich kann nicht sagen, daß er mir dadurch besonders empfohlen worden wäre, und ich rückte meine Reisedecke unwillkürlich etwas zurecht. Ich hatte aber unrecht. Der neue Fahrgast erwies sich als ein freundlicher, angenehmer Mann; plaudernd über Krieg und Frieden fuhren wir um 10 Uhr in Vaucouleurs hinein.
Ein reizender kleiner Ort. Der Kutscher hatte zwei Stunden dafür festgesetzt, Zeit genug, die alte Kapelle und das leidlich wohlerhaltene Schloß des »Ritters Baudricourt«, das die Stadt beherrscht, zu besuchen. Ueber diese Erinnerungsstätte zu berichten, ist hier nicht der Ort. Um 12 Uhr weiter nach Domremy.
Domremy — das von den Bewohnern dortiger Gegend immer nur Dórmy ausgesprochen wird — liegt noch drittehalb Meilen südlich von Vaucouleurs. Das Terrain verändert sich hier etwas und nimmt mehr und mehr den Charakter eines Defilees an. Die Höhenzüge zur Rechten bleiben dieselben, aber von gegenüber treten die Berge näher heran, während unmittelbar zur Linken ein breites Wiesenthal sich zieht, drin die Meuse fließt; das Ganze nicht ohne Reiz, aber ein wenig kahl und verbrannt, voll frappanter Aehnlichkeit mit dem Nuthethal, das sich von Potsdam aus, an Saarmund vorbei, bis hinauf an die alte sächsische Grenze zieht. Halben Wegs erreicht man Burey en Vaux, das Dörfchen, wohin Jeanne d’Arc zu ihrem Oheim Durand Laxart ging, als sie im elterlichen Hause nicht länger wohlgelitten war; dann (zur Linken) ein mittelalterliches, halb schloßartiges Gehöft, bis endlich, bei einer Biegung des Weges, Domremy selbst mit einzelnen seiner blitzenden Dächer sichtbar wird. Nicht mit seiner Kirche. Es hat nur eine Kapelle, die, etwas tief gelegen, sich hinter Pappeln und anderem Baumwerk versteckt.
Die letzten zehn Minuten vor Einfahrt in das Dorf waren die schönsten. Es war, als ob die Reisegötter hier noch einmal den Zweck verfolgten, ein Uebriges für mich thun und die ganze Scene künstlerisch abrunden zu wollen. Ein Geistlicher in weißem Haar und breitkrämpigem Hut kam des Weges; wir grüßten einander. Ein Hirt folgte; strickend schritt er seiner Heerde vorauf. Durch die herbstlich klare Luft zogen Tausende von Sommerfäden, und auf meine neugierige Frage, welchen Namen diese weißen Fäden in Frankreich führten, antwortete mein Kutscher: les cheveux de la St. Vierge. War es denkbar, unter glücklicherer Vorbedeutung in das Dorf der Jeanne d’Arc einzuziehen? Und doch täuschten alle diese Zeichen.
Um 3 Uhr etwa fuhren wir in die Hauptstraße von Domremy hinein. Es ist ein Dorf von mittlerer Größe, eher klein. Der Eindruck, trotz hellen Sonnenscheins und des weißen Anstrichs der Häuser, war ein düsterer; Alles schien auf Verfall und Armuth hinzudeuten. In der Mitte des Dorfes hielten wir vor einem rußigen, anscheinend herabgekommenen Gasthause, das in verwaschenen Buchstaben die Inschrift trug: Café de Jeanne d’Arc. Es war unheimlich. Ich hatte dieselbe, mich direkt ins Herz treffende Empfindung wie am Abend vorher, wo der Blaukittel mich besucht und seine Botschaft ausgerichtet hatte.
Ich eilte, mich diesem Eindruck zu entziehen; die geweihte Stätte, wo »la Pucelle« geboren wurde, schien mir der geeignetste Platz dazu. Ich brach also unverzüglich auf. Es waren nur 150 Schritt; in einem Stück Gartenland lag das ehrwürdige Gemäuer. Ich zog die Glocke an einem sauberen drahtgeflochtenen Gitterthor, das den Garten von der Straße schied. Eine »Religieuse« öffnete und machte die Führerin. Und siehe da, als ich erst in der Nische über der niederen Eingangsthür das in Stein gemeißelte Bild der gewappneten Jungfrau, innerhalb des Hauses selbst aber den alten eichenen Wandschrank sah, der ihr Jahre lang als Truhe gedient hatte, fiel alles Mißtrauen wieder von mir ab und ich fühlte mich ganz dem Zauber dieser Stunde hingegeben. Ich machte meine Notizen, trat dann zurück in den Garten und versenkte mich noch einmal in den Anblick dieses in Geschichte und Dichtung gleich gefeierten Ortes. Convolvulus rankte sich um die Stämme einiger Cypressen; Resedabeete füllten die Luft mit ihrem Duft, die Religieuse sprach leise freundliche Worte; — alles war Poesie.
In unmittelbarer Nähe des Hauses »de la Pucelle« liegt die Kapelle. Sie ist gothisch. Einige Glasfenster, namentlich eines, dessen bunte Scheiben das Wappen der Jeanne d’Arc aufweisen, deuten auf das 15. Jahrhundert zurück; das meiste aber ist modern. Ich verweilte wohl eine Viertelstunde an dieser Stelle, mir jedes Kleinste einprägend, und trat dann wieder vor das Portal der Kapelle, zu deren Linken sich eine Statue der Pucelle erhebt. Diese kniet im Gebet, preßt die linke Hand aufs Herz, während sie die rechte gen Himmel hebt; — eine wohlgemeinte, aber schwache Arbeit.
Ich klopfte eben mit meinem spanischen Rohr an der Statue umher, um mich zu vergewissern, ob es Bronce oder gebrannter Thon sei, als ich vom Café de Jeanne d’Arc her eine Gruppe von 8 bis 12 Männern auf mich zukommen sah, ziemlich eng geschlossen und unter einander flüsternd. Ich stutzte, ließ mich aber zunächst in meiner Untersuchung nicht stören und fragte, als sie heran waren, mit Unbefangenheit: aus welchem Material die Statue gemacht sei? Man antwortete ziemlich höflich: »aus Bronce«, schnitt aber weitere kunsthistorische Fragen, zu denen ich Lust bezeugte, durch die Gegenfrage nach meinen Papieren ab. Ich überreichte ein rothes Portefeuille, in dem sich meine Legitimationspapiere befanden, selbstverständlich nur preußische. Man suchte sich darin zurecht zu finden, kam aber nicht weit und forderte mich nunmehr auf, zu besserer Feststellung sowohl meiner Person, wie meiner Reiseberechtigung ihnen in das Wirthshaus zu folgen.
Die ganze Scene, so peinlich sie war, hatte, der Gesammthaltung der Dorfbewohner nach, nicht gerade viel Bedrohliches gehabt und schien nach unserem Eintreten in das Wirthshaus, wo bald Wein und Reimser Biscuit herumgegeben wurden, ein immer helleres Licht gewinnen zu wollen. Ich machte alle Umstehenden, deren Zahl von Minute zu Minute wuchs, mit dem Inhalt meiner Legitimationspapiere bekannt und setzte ihnen offen den Zweck meiner Reise und dieser speziellen Excursion nach Domremy auseinander, was alles wohl aufgenommen wurde. Aber der kleine Lichtstrahl, der eben durchbrechen wollte, sollte bald wieder schwinden. Ich war eben noch im besten Peroriren, als ein junger Bauer, der sich mit meinem Stock zu thun gemacht hatte, die Krücke aus der Stockscheide zog und mit einem »ah, un poignard« die mir zuhörende Gesellschaft überraschte. Es durchfröstelte mich etwas, weil ich klar einsah, was jetzt nothwendig kommen mußte. Ich faßte mich aber schnell und zur Initiative greifend, die allein einem Schlimmeren vorbeugen konnte, sagte ich mit Ruhe: Naturellement, Messieurs, je suis armé. Ich sprach es so, daß man heraushören mußte: mit diesem Poignard allein ist es nicht gethan. Man verstand mich auch sofort und von mehreren Seiten hieß es jetzt: »ah, ah! sans doute un revolvèr«, während Andere dazwischen riefen: »où est-il? où sont ses effets? cherchez! apportez!« Man brachte alsbald meine Reisedecke und bestand seltsamerweise darauf, daß ich sie selber öffnen solle. Es war, als hätt’ ich sie mit Torpedos geladen. Ich konnte mich selbst in diesem Augenblicke eines Lächelns nicht erwehren, löste die Riemen, wickelte die Decke auseinander und überreichte meinen Revolver. Er ging von Hand zu Hand; ich konnte wahrnehmen, daß er mit sehr verschiedenen Gefühlen betrachtet wurde.
Die Situation war bereits heikel genug, aber schlimme Momente kommen nie allein; so auch hier. In eben diesem Augenblick, wo die Stimmung gegen mich ziemlich hoch ging, drängte sich durch den dichtesten Haufen ein wüst aussehender Geselle, der, gedunsen und kurzhalsig, seiner apoplektischen Anlage durch 6 Litre Wein täglich zu Hülfe zu kommen schien, stellte sich sperrbeinig vor mich hin, schlug mit der Faust auf seine Brust und erklärte mit lallender Zunge: »Je suis le Maire.« Dies kam mir sehr ungelegen. Ich griff zu einem verzweifelten Mittel und sagte ihm unter Verbeugung, »daß ich erfreut sei, ihn zu sehen«, was bei Einzelnen (ich hatte also richtig gerechnet) sofort eine gewisse Heiterkeit zu meinen Gunsten erweckte und die Gebildeteren veranlaßte, die Dorfobrigkeit, die noch allerhand faselte, bei Seite zu schieben. Dies war sehr wichtig für mich. Solch trunkener Imbecile, an dem Alles, was Vernunft und Wahrheit ist, nothwendig scheitern mußte, war das Schlimmste, was mir in solchem Momente begegnen konnte.
Einer aus dem Kreise der Minorität trat jetzt an mich heran und fragte ruhig: ob ich damit einverstanden sei, daß man mich nach Neufchateau auf die Souspräfektur führe? Ich mußte lächeln; ebenso gut hätte er mich fragen können, ob ich damit einverstanden sei, gehängt zu werden? Ich mußte eben tragen, was über mich beschlossen wurde.
Meine Einwilligung war kaum ausgesprochen, als man meinen Kutscher, der mich übrigens nicht verrathen hatte, antrieb, seinen Braunen wieder einzuspannen. Ich bezahlte meine Zehrung, die Wirthin nahm das Geld und sah mich theilnahmsvoll an. Sie schien sagen zu wollen: die Welt ist toll geworden. Im Moment, wo ich auf den Flur hinaustrat, legte ein hübsch aussehender, rothblonder Mann seine Hand auf meine Schulter und flüsterte mir zu: »Monsieur, encore un moment!« Er wies auf ein großes Hinterzimmer, in das er voranschritt; ich folgte. Als wir allein waren, zeigte er mir ein Papier, das an seiner Spitze ein umstrahltes Dreieck und in dem Dreieck, soviel ich erkennen konnte, einige hebräische Zeichen trug. »Connaissez vous cela?« Es schien mir ein Freimaurer-Papier. Ich antwortete: »Nein«, hinzusetzend, daß ich die Bedeutung allerdings zu kennen glaubte. »Ah! c’est bon!« Er steckte sein Papier wieder ein und ich war entlassen. Ob er wirklich meine Freilassung durchsetzen wollte, oder ob das Ganze umgekehrt nur eine Falle war, darüber kann ich bloß Vermuthungen hegen. Das Eine ist so gut möglich, wie das Andere.
Wir stiegen auf. Rechts der Kutscher, links ein Franctireur, ich eingeklemmt zwischen beiden; hinter uns, auf einem Strohbündel, lagen zwei Blousenmänner. Die Sonne war im Niedergehen, der Abend klar und schön; so ging es auf Neufchateau zu.
2. Neufchateau.
What may this mean,
That thou
Revisit’st thus the glimpses of the moon?
**
*
How now! a rat?
Hamlet.
Die Blousenmänner schliefen; mein Nachbar der Franctireur aber plauderte und rauchte seine Cigarrette. Er war frisch, patriotisch, bescheiden; meine Situation flößte ihm eine gewisse Theilnahme ein. Ich fragte nach dem Souspräfekten. Der Franctireur nannte mir den Namen: Mr. Cialandri, ein Corse. Ich kann nicht sagen, daß mir bei diesem Zusatz besonders wohl geworden wäre. Ein Corse! Die Engländer haben ein Schul- und Kinderbuch, das den Titel führt: »Peter Parley’s Reise um die Welt, oder was zu wissen noth thut.« Gleich im ersten Kapitel werden die europäischen Nationen im Lapidarstyl charakterisirt. Der Holländer wäscht sich viel und kaut Tabak; der Russe wäscht sich wenig und trinkt Branntwein; der Türke raucht und ruft Allah. Wie oft habe ich über Peter Parley gelacht. Im Grunde genommen stehen wir aber allen fremden Nationen gegenüber mehr oder weniger auf dem Peter-Parley-Standpunkt; es sind immer nur ein, zwei Dinge, die uns, wenn wir den Namen eines fremden Volkes hören, sofort entgegentreten: ein langer Zopf, oder Schlitzaugen, oder ein Nasenring. Unter einem Corsen hatte ich mir nie etwas anderes gedacht als einen kleinen braunen Kerl, der seinen Feind meuchlings niederschießt und drei Tage später von dem Bruder seines Feindes niedergeschossen wird. Man kann daraus abnehmen, welcher Trost mir aus der Mittheilung erwuchs, daß Mr. Cialandri ein Corse sei.
Es dunkelte schon, als wir in Neufchateau einfuhren. Die Straßen waren wenig belebt; nach einigem Hin- und Herfragen hielten wir vor der Souspräfektur. Der Anblick war der freundlichste von der Welt. Ein Gitter, ein kiesbestreuter Vorhof, dahinter eine Villa, im italienischen Castell-Styl aufgeführt. Das Baumaterial war rother Ziegel; Wein und Pfirsich rankten am Spalier. Nach erfolgter Anmeldung wurde ich Trepp’ auf geführt. In einem mit türkischem Teppich ausgelegten Salon saßen die Damen des Hauses; ein Diener brachte eben die Lampen; ich verneigte mich. Mr. Cialandri empfing mich an der Schwelle des dahinter gelegenen Zimmers, das dieselbe Eleganz zeigte: Marmorkamin, breite Spiegel, Fauteuils. Auf einem derselben wurde ich gebeten, Platz zu nehmen. Mr. Cialandri setzte sich mir gegenüber. Das Kaminfeuer beleuchtete seine Züge.
Es war ein schmächtiger Mann, von vollkommen weltmännischer Tournüre, dabei augenscheinlich krank. Er entschuldigte sich, daß er im Flüstertone sprechen müsse. Sein Auge war dunkel, sein Teint erdfahl; wenn sich irgend eine Blutrache an ihm vollzogen hatte, so konnte sie nur den Charakter anhaltender Aderlässe gehabt haben. Er drückte sein Bedauern aus, bei den Zeitläuften, die leider herrschten, mich nicht ohne Weiteres in Freiheit setzen zu können; der Capitain der Gensdarmerie, nach dem er bereits geschickt habe, werde das Weitere veranlassen.
Die Situation, Alles in Allem genommen, schien mir nicht hoffnungslos; aber sie sollte sich bald verändern. Der Capitain trat ein, verbeugte sich leicht und nahm dann den mit leiser Stimme gegebenen Bericht des Souspräfekten entgegen. Dann und wann warf er ein kurzes Wort ein und blickte, scharf musternd, mit seinen dunklen Augen zu mir herüber. Ich hasse im Allgemeinen nichts mehr als diese thörichten Augenkämpfe, die, aus einer falschen Vorstellung von Muth und Mannhaftigkeit hervorgehend, schon so viel Unheil angerichtet haben; diese Blicke aber hielt ich aus. Woher mir, bei sonstiger Scheuheit, die Kraft dazu kam, weiß ich nicht. Gleichviel, ich hielt aus. Gefühl der Unschuld, Abwehr gegen offenbare Provokation, endlich die ruhige Ueberzeugung, daß man durch sich Kleinmachen noch nie das Herz eines Feindes erobert hat — all’ das mochte zusammenwirken.
Der Capitain wandte sich jetzt an mich:
Vous êtes officier prussien?
Non!
Vous avez fait une „excursion” à Domremy?
Oui!
Vous suivez votre armée?
Oui et non! En tout cas je n’en dépends pas.
Ah, ah! — Vous avez été à Toul?
Oui!
A Nancy!
Oui!
Vous êtes médecin?
Non.
Mais vous portez la croix rouge!
Oui; comme légitimation.
Ah, ah!
Nun folgte wieder ein Geflüster und eine Seitenmusterung, worauf ich gebeten wurde, ihm zu folgen. Ich verbeugte mich gegen den Souspräfekten, die Damen im Salon erwiederten höflich meinen Gruß und ich stieg rasch in den Flur des Hauses nieder. Im Hinaustreten auf den Vorhof besann sich der Capitain (wofür ich ihm danke) plötzlich eines Besseren, ließ eine Hinterpforte öffnen und führte mich auf abgekürztem Wege und durch Straßen, wo Niemand unserer achtete, in das Gefängniß der Stadt.
Es war ein weitschichtiges Gebäude, Corridore, ein Gewirr von Treppen; endlich öffneten wir ein Zimmer, darin der Greffier von Neufchateau seine Wohnung hatte. Im Kamin knackten die großen Scheite; die Flamme schlug hoch auf und gab dem niedrigen aber geräumigen Gemach mehr Licht, als die kleine Lampe, die auf dem Tische stand. Im Moment unseres Eintretens erhob sich der Greffier, nahm die Lampe, schlug den Schirm zurück und schritt uns entgegen. Ich war wie vom Donner getroffen; das leibhaftige Ebenbild meines Vaters stand vor mir. Wir schrieben den 5. Oktober; vor drei Jahren, fast um dieselbe Stunde, war er gestorben; — hier sah ich ihn wieder, frisch, lebensvoll, hoch aufgewachsen, mit breiten Schultern und großen Augen, im Auge selbst jene Mischung von Strenge und Gutmüthigkeit, wie sie ihm eigenthümlich gewesen war.
Der Capitain übergab mich dem Greffier, der den vollklingenden Namen Mr. Palazot führte, verbeugte sich gegen mich mit einem Anflug von Ironie und ließ mich mit meinem Hüter allein. Ich war jetzt Gefangener.
Mr. Palazot rückte seinen Stuhl vom Kamin an den Tisch, stellte die üblichen Fragen und machte einige Notizen, nachdem ich Uhr und Geld und ein kleines Perlmuttermesser, das gerade ausgereicht haben würde, einen Maikäfer zu ermorden, bei ihm deponirt hatte. Nachdem so alles Dienstliche abgemacht worden war, glättete sich die Stirn des Alten! er warf ein neues Scheit in die Flamme und forderte mich auf, an seiner Mahlzeit teilzunehmen. Es waren Carotten in einer Petersiliensauce. Ich lehnte dankend ab, bat aber um ein Glas Wasser und einen Löffel Cognac. Mein alter Gascogner nickte, gab in die Küche hinaus die Ordre und alsbald erschien Madame Palazot, um mir das Gewünschte zu bringen. Wir saßen nun zu dritt um den runden Tisch und sprachen von Krieg und Frieden. Die üblichen Trivialitäten wurden ausgetauscht und aufs Neue festgestellt, daß Krieg eine sehr böse und Friede eine sehr schöne Sache sei. Nachdem wir uns innerhalb dieses Glaubensbekenntnisses gefunden, wurden die Herzen immer offener. »Madame«, eine herzensgute Frau, holte das Bild ihres Sohnes, eines hübschen Husaren-Offiziers, dessen Regiment die großen Kavalleriechargen bei Mars la Tour mitgemacht hatte und von dem seit der Einschließung von Metz keine Nachrichten mehr eingetroffen waren. »Il est mort«, — dabei liefen der Alten die Thränen über das Gesicht; der Alte sah starr vor sich hin, spießte eine Carotte auf, legte aber die Gabel wieder nieder, ohne gegessen zu haben. Ein braunfleckiger, weißer Hühnerhund, der dem Sohn gehörte, stimmte winselnd in die Familientrauer mit ein. Eine halbe Stunde später kam Besuch, ein junger Advokat, natürlich Republikaner. Mr. Palazot war Orleanist. Die Debatte wurde immer lebhafter, der Advokat sprach sich mehr und mehr in Feuer und Flamme hinein: »L’Alsace et la Lorraine à l’Allemagne?! jamais, jamais! Vous voulez une guerre d’extermination, une guerre à outrance, — eh bien vous l’aurez.« Mir schwindelte der Kopf. Die furchtbaren Aufregungen dieses Tages, die sich immer wieder aufdrängende Frage: »was wird?« die Diskussionen in einer fremden Sprache, — eine völlige Erschöpfung kam über mich und ich bat, mich in mein Zimmer zu führen. Ich glaube, ich sagte wirklich Zimmer.
Es mochte 9 Uhr sein. Mad. Palazot, auf meine Bitte, gab mir vier wollene Decken mit; der Alte selbst nahm ein Licht und führte mich in mein »Zimmer« hinüber. Es trug die Inschrift »cachot«. Wir sagten einander gute Nacht, der Bolzen wurde vorgeschoben.
Ich kann nicht sagen, daß mich ein Schrecken angewandelt hätte; im Gegentheil, ich hatte das Gefühl einer innerlichen Befreiung; ich war allein. In diesem Wort liegen Himmel und Hölle. Ich empfand zunächst nur jenen. Der übliche Gefängnißapparat, der Schemel, der Wasserkrug, das eiserne Bett machten mich lächeln. Ich sprach vor mich hin: alles ächt. Das Ganze hatte zudem nichts Abschreckendes. Die Wände waren weiß, die Laken sauber, durch das breite Gitterfenster fiel das Mondlicht bis in die halbe Tiefe des Zimmers, drunten, in weißem Schimmer, lag die Stadt. Ich schritt eine Viertelstunde lang auf und ab; dann entkleidete ich mich und wickelte mich in die Decken. Ich war todmüde und hoffte »einen guten Schlaf zu thun«.
Es war anders beschlossen. Ich mochte 5 Minuten geschlafen haben, als mich ein lautes Nagen und Knabbern weckte. Ich fuhr auf und horchte. Kein Zweifel, Ratten. Wie mir dabei zu Muthe wurde, kann ich nicht beschreiben. Ich wußte sofort: einen Schlaf giebt es in dieser Nacht nicht mehr für dich. Hätt’ ich auch anders darüber gedacht, die Bewohner hinter Wand und Diele hätten mich bald eines andern belehrt. Nie hab’ ich diese Thiere mit solcher Frechheit sich gebehrden sehen; sie waren überall; zupften und zerrten an den Decken, ließen sich durch mein Husten und Zurufen nicht im Geringsten stören und machten, wenn sie unter dem Fußboden geschwaderartig und mit stampfendem Gepolter hinjagten, den Eindruck einer infernalen Kavallerie auf mich. Jeden Augenblick mußt’ ich fürchten, daß sie mein Bett mit Sturm nehmen würden.
Der erste Seufzer kam aus meiner Brust. Bis dahin hatt’ ich mich gehalten. Ich stand auf, kleidete mich an, wickelte mich in meine Reisedecke und setzte mich auf das Fensterbrett, das gerade breit genug war, meinem Körper Platz zu geben. In solcher Stellung, nur mal rechts, mal links meine Rückenlehne suchend, durchwachte ich die Nacht, zählte ich die Viertelstunden. Das höllische Gethier, das mich einfach als einen Eindringling betrachtete, ließ übrigens auch jetzt nicht von mir ab; sie drängten sich an den Schemel, den ich als eine Art Treppenstufe an das Fenster geschoben hatte und suchten diesen zu erklettern; als sie aber ihre Anstrengungen scheitern und mich beständig auf Wache sahen, gaben sie endlich ihre Chargen auf. Um 4 Uhr wurde es still; um 5 Uhr dämmerte es.
Um 7 Uhr erschien Mr. Palazot. Ich sagte ihm, daß ich nicht geschlafen hätte und weshalb nicht. Er lächelte. »Ja, ja.« Am Kaminfeuer sollten jetzt die Gespräche vom Abend vorher wieder aufgenommen werden; aber, trotz angeborner Höflichkeit, — ich konnte nicht. Eine Viertelstunde lang, während ich wieder ein wenig Wasser und Cognac trank, hielt ich es aus; dann fragte ich ihn, ob er mir wohl erlauben wolle, in seinem Sorgenstuhl den versäumten Schlaf der Nacht nachzuholen? Er nickte, gab mir sein bestes Kissen und ich rückte mich zurecht. An Schlaf war natürlich nicht zu denken, auch lag mir nur an Ruhe, an der Möglichkeit, mir selber anzugehören.
So saß ich eine Stunde; das Feuer knisterte, der Hühnerhund gappste nach den Fliegen, der Alte las, Mad. Palazot ging leise, wie auf Socken, auf und ab. Mit dem Schlage neun wurde es draußen laut; schwere Schritte klangen auf der Treppe; drei Gensdarmen, große schöne Leute, traten ein. Unter ihrer Eskorte, so erfuhr ich jetzt, sollte ich nach der Festung Langres, zum Brigadegeneral gebracht werden. Abschied war bald genommen: meiner freundlichen Wirthin sprach ich die Hoffnung aus, daß sie ihren Sohn wiedersehen möge. Sie weinte: jamais, jamais!
Der Bahnhof lag an der entgegengesetzten Seite der Stadt. Ich mußte also die Hauptstraße der ganzen Länge nach passiren. Es war eine Art Volksfest; die Nachricht von meiner Verhaftung hatte sich schon am Abend vorher in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet. Als ich so Haus bei Haus, an den Gruppen Neugieriger vorüber mußte, ging mir die Strophe eines alten Liedes durch den Sinn:
Mary Hamilton schritt die Straß entlang,
Alle Mädchen schauten herfür,
Die Männer und die Frauen
Standen fragend in der Thür.
So das Lied. Mary Hamilton schritt auf einen Hügel zu, um dort zu sterben. Wohin schritt ich?
3. Langres.
Was schüttelt Dich nun? was erschüttert den
Sinn? Ein innrer Schauer durchfährt mich.
Egmont.
Von Neufchateau bis Langres werden 12 Meilen sein. Wir machten die Fahrt in vier Stunden, im Allgemeinen durch Neugier, oder Schlimmeres, wenig belästigt. Die einzige Klasse von Personen, die sich hier, wie auch späterhin, durch eine gewisse feindselige Zudringlichkeit auszeichnete, waren Beamte niedern Grades, die in noch junger Beziehung zum »rothen Bändchen« standen, kleine Carrièremacher, die auf diese Weise ihrer nationalen, aber mehr noch ihrer persönlichen Eitelkeit fröhnen wollten. Sie traten an das Coupéfenster, unterwarfen mich einem Kreuzverhör, musterten mich, und verschwanden wieder. Sie waren nicht geradezu unhöflich, nur das ganze Verfahren überhaupt bildete eine Unart.
Es war gegen 2 Uhr, als wir Langres erreichten. In halbstündiger Entfernung vom Bahnhof, auf einem Bergrücken, lagen Stadt und Festung; dort mußten wir hinauf. Trotz Oktober war eine glühende Hitze; die Sonne stach. Halben Wegs bat ich, einen Augenblick rasten zu dürfen; man war sogleich bereit, und stellte mir anheim, diese Berg-Ersteigung in so viel Etappen zu machen, wie mir bequem sei. Endlich waren wir oben, das Festungsthor nahm uns auf.
Gefängnisse und Verhörslokale, zu meinem nicht geringen Leidwesen, lagen hier, wie an allen anderen Orten, die ich zu passiren hatte, immer am entgegengesetzten Ende der Stadt, so daß ich das Spießruthenlaufen durch eine feindlich gesinnte Bevölkerung gründlich kennen lernte. Ich erweiterte auf die Weise zwar meine Städtekenntniß, aber ich hätte auf diesen Wissenszuwachs gern Verzicht geleistet. Die Straßenjugend, auch hier in Langres, war ziemlich arg hinter mir her, namentlich in den engeren Gassen, und wenn mir von den Zurufen auch vieles entging, so hatte ich doch gerade Ohr genug, um das immer wiederkehrende »pendre« und »fusiller« sehr deutlich herauszuhören.
Endlich standen wir vor dem Verhörslokal; die Militairgerichtsbarkeit der Brigade hatte hier ihren Sitz. Man führte mich in ein niedriges Büreau-Zimmer, an dessen großem Doppel-Schreibtisch zwei Capitaine beschäftigt waren. Der Gensdarmerie-Wachtmeister entlud seine Ledertasche und legte allerhand Papiere, darunter auch die Legitimationskarten, Briefe und Notizbücher, die man mir in Domremy abgenommen hatte, auf den Tisch. Der scharfe Gang bergan (der eingebüßten Nachtruhe ganz zu geschweigen) hatte mich so angestrengt, daß ich einer Ohnmacht nahe war. Da ich aber zugleich empfand, daß es auf die Antworten, die ich hier zu geben haben würde, sehr erheblich ankommen müsse, so bat ich zuvor um ein Glas Wasser. Man brachte mir Wein. Ich stürzte es herunter und war nun wie neubelebt. Die Fragen, die an mich gerichtet wurden, waren dieselben wie in Neufchateau, aber ruhiger, weniger feindselig. Man wollte auch hier einen Offizier aus mir herauspressen, um so mehr als das vom Gensdarmeriecapitain ausgestellte Begleitpapier mich ohne weiteres als einen solchen angemeldet hatte, meine Erscheinung und Sprachweise aber, vor allem die Notizen meines Taschenbuchs, die ein Interprete rasch durchfliegen mußte, schienen im Ganzen die Situation zu meinen Gunsten zu ändern. Es kam nur darauf an, ob dieser Eindruck dauern oder durch irgend etwas anderes paralysirt werden würde.
Das ganze Verhör hatte kaum 10 Minuten gedauert; ich wurde entlassen und durch meine Begleiter einige Straßen weiter in ein graues schloßartiges Gebäude geführt. Ich betrat es mit einer gewissen Zuversicht, die sich darauf gründen mochte, daß ich, am Schluß meines Zwiegesprächs mit den beiden Capitainen, das Wort »Kaserne« gehört zu haben glaubte, ein Wort, das mir in der Lage, in der ich mich befand, schon halb wie Freiheit klingen mußte. Ich sollte indeß nicht lange in diesem Irrthum bleiben. Ein kleiner, schwarzäugiger Franzose (Monsieur Bourgaut, wie ich später erfuhr) nahm mich in Empfang, stellte die üblichen Fragen und führte mich dann Trepp’ auf, über lange Corridore hin, in ein geräumiges, in allem übrigen aber meinen Erwartungen wenig entsprechendes Zimmer. Mr. Bourgaut selbst war ungemein beweglich und geschäftig, plapperte mit halblauter Stimme lange Sätze vor sich hin, die ich nicht verstand und verschwand dann rasch, nachdem er sich wie ein Kreisel verschiedene Male umgedreht hatte. Das Ganze gefiel mir nicht allzu sehr. Mit einer Art Sehnsucht dachte ich an meinen alten Palazot zurück.
Ich war nun allein und suchte mich mit meiner neuen Behausung bekannt zu machen. Die Thür war auf geblieben, das schien mir ein gutes Zeichen, aber freilich auch das einzige. Das breite Fenster war dicht vergittert, der Deckenkalk in großen Stücken herabgestürzt, die Dielen zernagt oder durchgetreten. An den weißen Wänden war nichts sichtbar als breite, braune Flecke, wo es durchgeregnet, und lange schmale Streifen, mal grau, mal roth, wo ein Vorbewohner ein Zündholz probirt hatte. Der Kamin war zugemauert, nur ein zweihandgroßes Loch hatte man gelassen, das jetzt durch einen rostigen Eisenschieber geschlossen war. Der Zugwind machte, daß dieser Schieber beständig hin und her klapperte, was mir alsbald unerträglich wurde. Ich wollte also durch eingeklemmtes Papier nach Möglichkeit Ruhe schaffen und zog den Schieber in die Höhe. In dem dunklen Loch dahinter lagen abgenagte Knochen. Es war nichts Aengstliches, nur Ueberreste eines Mahls, das ein Gefangener von besserem Appetit als ich selber, an dieser Stelle eingenommen hatte; aber ich kann doch nicht sagen, daß ich angenehm dadurch berührt worden wäre.
Ich trat nun an das Fenster und durch die Gitterstäbe hinunterblickend, mußte ich jetzt den letzten Rest der Vorstellung aufgeben, daß ich mich in einer Kaserne befände. Aus dem von allen vier Seiten eingeschlossenen Hofe, zum Theil unter den Säulen, die ihn colonnadenartig umstanden, saßen 20 oder 30 Graujacken und zupften Wolle. Ich wußte nun wo ich war. Auch an der allerdirektesten Bestätigung sollte es alsbald nicht fehlen. Monsieur Bourgaut erschien mit einem Tische in der Thür, drehte sich mit demselben wieder dreimal herum, schob ihn in eine der Ecken und sagte dann, als er meiner in der Fensternische gewahr wurde: »Retirez vous; vous ne connaissez pas ces gens là bas; ce sont des Condamnés«. Es überlief mich ein wenig. Im Verlaufe meiner Kriegsgefangenschaft bin ich später Tag um Tag mit »Condamnés« zusammengewesen und habe dabei erfahren, daß auch ein wegen Trunkenheit oder Disciplinarvergehen zu drei Tagen Gefängniß Verurteilter diesen für unser Ohr entsetzlichen Namen führt. Damals aber waren mir die Condamnés noch einfach »Verdammte« und ich hatte durchaus das Gefühl mich »tra la perduta gente« zu befinden.
Ich wurde gefragt, welches Nachtessen ich zu nehmen wünsche? Ich bat nur um etwas Thee. Mr. Bourgaut äußerte sich zustimmend (leider wieder in längerer Rede) und empfahl sich. Es begann nun zu dämmern; in ihren schweren Holzschuhen klappten und polterten die Condamnés über alle Treppen und Gänge des ehemaligen Schlosses hin; die Riegel wurden vorgeschoben; nur mein Zimmer blieb zunächst noch offen. Die Thür war leise angelegt. Ich schritt in der Diagonale auf und ab, überlegte, berechnete, balancirte, ein letzter Tagesschimmer leuchtete noch einmal über den Dachfirst gegenüber; dann wurd’ es dunkel. Ich setzte meine Marschübungen fort. Plötzlich stutzte ich, als ich von der Thür her zwei feurige Punkte auf mich gerichtet sah. Ich erschrak, aber nur, um im nächsten Momente mich desto freier zu fühlen. Eine prächtige Katze hatte ihren halben Körper durch die Thürklinse geschoben und folgte unter leisem Spinnen, mit dem Ausdruck der Verwunderung, meinem endlosen Auf und Ab. Ich rief »Miß, Miß«, besann mich dann aber rasch, daß die französischen Katzen eine andere Anrede verlangen und legte in das landesübliche »mimi« meinen allerzärtlichsten Ton. Ich hatte wohl Grund dazu. Der Anblick meines liebsten Freundes hätte mir nicht so viel Trost gegeben. Ich wußte jetzt, daß ich die nächste Nacht schlafen würde. Und danach vor allem stand mein Sinn.
Selbst Mr. Bourgaut, der noch einmal wiederkam, um mir meinen Abend-Thee zu bringen, konnte mich in diesem Vorsatz und dieser Hoffnung nicht stören, so wenig auch die Worte, mit denen er sich mir empfahl, geeignet waren, meiner Nachtruhe Vorschub zu leisten. Er nahm nämlich eine gewisse feierliche Haltung an und erklärte dann, um vieles deutlicher und accentuirter als gewöhnlich: Demain matin, Mr. le Général, en présence des autorités civiles et militaires, décidera votre sort.
Dies »décidera votre sort« hatte einen ziemlich finstern Klang, und ein nahe liegendes Reimwort antwortete in mir darauf; aber das Physische war doch in diesem Augenblicke mächtiger, als alles andere; ich trank meinen Thee und 5 Minuten später schlief ich fest.
Ich weiß nicht wie lange. Aber mitten in der Nacht fuhr ich auf. Der Körper hatte sich ein Genüge gethan und die unruhige Seele, die bis dahin vergeblich den wie todt Schlafenden gerüttelt und geschüttelt hatte, hatte ihn jetzt plötzlich ins Leben zurückgeweckt. Es war »demain matin«. Ich hörte nur eins: »décidera votre sort«. Welches? Eine furchtbare Angst ergriff mich und mit übergeschäftiger Phantasie fing ich an zusammen zu addiren, was alles gegen mich sprach. Es gab eine hübsche Summe. Luneville, Nancy, Toul waren die drei Punkte, von woher man die Preußen erwartete. Ich kam von Toul. Der ganze Weg, den ich gemacht, war ein Defilee. Man hatte Waffen bei mir gefunden. Das rothe Kreuz, das an meinem Arm prahlte, war ich nicht befugt zu tragen, wenigstens nicht nach Anschauung unserer Feinde. Meine Legitimations-Papiere, die alle mehr oder weniger auf Anrufung der preußischen Militair-Autoritäten zu meinem Schutz und zu meiner Unterstützung hinausliefen, sprachen mehr gegen als für mich. Wie federleicht wogen dagegen die paar Aufzeichnungen meines Notizbuches, die alles waren, was ich direkt und unverzüglich zu meiner Vertheidigung beibringen konnte! Ich sah nur schwarze Kugeln in die Urne fallen und — mon sort fut décidé. Eine halbe Stunde lag ich so, oder vielleicht länger, ich weiß es nicht. Dann hatt’ ich mich mit der Gewißheit meines Schicksals auch wieder gefunden. Eine Fassung kam über mich, deren ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich war fertig mit Allem und bat Gott, mich bei Kraft zu erhalten und mich nicht klein und verächtlich sterben zu lassen. Genug davon. War es Erschöpfung, oder war es die Ruhe vollster Ergebung, — ich schlief wieder ein.
Mit dem Morgengrauen war ich wach. Ob mir’s ein Traum eingegeben, gleichviel, es stand plötzlich für mich fest, daß Alles davon abhänge, einen wenigstens vorläufigen Beweis zu führen, daß ich nicht preußischer Offizier sei. Von dem Momente ab, wo es mir geglückt sein würde, diese Annahme zu erschüttern, werde man nichts mehr übereilen, und erst über die nächsten 24 Stunden hinweg, müsse sich, bei Nachforschung und ruhiger Ueberlegung, meine absolute Unschuld wie von selbst ergeben. Um 6 Uhr saß ich an dem langen Tisch, den Mr. Bourgaut am Abend vorher zurecht gerückt hatte, um 8 Uhr war ich in Brouillon und Abschrift mit einem langen Memoire fertig, das bereits um 9 Uhr auf dem Büreau des Generals lag. »Donnez-moi du temps et vous me donnez tout« hieß es darin. Den Beweis meiner Nicht-Militairschaft hatte ich bis zur Evidenz geführt. Woher mir in einer fremden Sprache, die ich stets über Gebühr vernachlässigt hatte, die Möglichkeit kam, ohne Diktionnair oder sonstiges Hilfsmittel, ein solches Memoire zu schreiben, weiß ich nicht. Oder sag’ ich lieber: ich weiß es.
Der Vormittag verging, der Nachmittag, der Abend. Les autorités civiles et militaires waren nicht zusammengetreten. Es fiel mir wie eine Last von der Brust, ich athmete auf und als mir mein zappelmännischer Mr. Bourgaut, mit dem ich mich, trotz seiner schießenden schwarzen Augen, mehr und mehr auszusöhnen begann, am Abend den Thee brachte, flüsterte er mir freundlich zu: Tout va bien, tranquillisez-vous! »Tranquillisez-vous«. Das klang besser als »Décidera votre sort«. Ich schlief fest. Auch der nächste Tag verging ohne Kriegsgericht. Ich durfte jetzt annehmen, daß ich gerettet sei. Ich fühlte mich dem Leben wiedergegeben.
Ich blieb noch eine kurze Zeit in Langres, während welcher Epoche hin und her verhandelt wurde, was man eigentlich mit mir machen solle? Meine vollkommenste Unschuld war evident, dennoch konnte man sich nicht entschließen, mir ohne Weiteres die Freiheit zurückzugeben. Es geschah, was immer in solchen Fällen zu geschehen pflegt: eine Autorität schob einer andern die Verantwortlichkeit zu. Es wurde beschlossen, mich von der Brigade an die Division zu verweisen. Ehe dies aber ausgeführt wurde oder auch nur bestimmt zu meiner Kenntniß gelangte, vergingen noch drei Tage. Diese waren mein Idyll zu Langres.
An dem ersten dieser drei Tage wurde mir in aller Morgenfrühe »Monsieur Louis«, der Sohn des Hauses, durch Papa Bourgaut vorgestellt und von diesem Moment an war ich nicht mehr Alleinbewohner meines Gefängnisses, sondern theilte es mit »mon cher Louis«. Es war ein allerliebster Junge, dreizehnjährig, frisch, naiv, voller Begabung, namentlich nach der Seite des Künstlerischen hin. Der Umstand, daß gerade die großen Ferien waren, machte es ihm möglich, 12 Stunden des Tages mein Gesellschafter zu sein. Ich gewann den Jungen lieb, aber 12 Stunden war doch fast zu viel.
Wunderbares Leben, das in solchem Gefängniß, wenigstens zeitweilig, an der Tagesordnung ist. Sehr viel anders, als es der Draußenstehende sich ausmalt. Wir begannen in der Regel mit einer Stunde deutschen Unterricht. Er hatte Lesebücher, darin auch viele deutsche Gedichte eingestreut waren, unter andern Claudius’ »Abendlied«. Und so lasen wir denn:
Der Mond ist aufgegangèn,
Die goldenen Sterne prangèn,
immer mit dem Accent auf der letzten Sylbe, was einen unendlich komischen Eindruck machte. Nach dem deutschen Unterricht kamen Räthsel und Rebus an die Reihe, worin er mir unendlich überlegen war. Dann schritten wir zu den verschiedensten Gesellschaftsspielen; wir arrangirten mit großen Zwei-Sousstücken eine Art Boccia, die darauf hinauslief, das ausgeworfene Zwei-Sousstück zu treffen, oder ihm möglichst nahe zu kommen; dann gingen wir zum jeu au bouchon über, das, dem eben absolvirten Boccia verwandt, die Pointe verfolgte, einen mit Sousstücken belegten Pfropfen zu treffen, bis zuletzt jenes bekannte Geduldspiel, das im Französischen junchets, im Englischen und Holländischen »Spilleken«, im Deutschen aber Zitterspiel heißt, alles andere in den Hintergrund drängte. Wir spielten es mit Schwefelhölzern, oft mehrere Stunden lang; an einem dicken Exemplar, das eigentlich aus drei, durch Phosphormasse zusammengeklebten Hölzchen bestand, hing in der Regel der Sieg. Es galt als Zehner.
Waren wir dann ermüdet von dem vielen Spielen, so wußte cher Louis durch eine Art ernsteren Sport die Nerven wieder zu beleben. Er hatte ein kleines Pistolet, dessen Lauf nur etwa die Dicke einer Rabenfeder besaß, und gegen welches die rostigen Schlüsselbüchsen meiner Jugend wahre Monstrekanonen waren. Dieses Pistolet handhabte cher Louis nun mit eben soviel Kühnheit wie Geschick. Er holte eine Schachtel mit Amorces, d. h. also mit Knallpapieren, deren jedes nur die Größe eines kleinen Stückchens englischen Pflasters hatte. Diese Amorces verwendete er doppelt: zunächst als Zündpulver, indem er eins der Stückchen Papiere auf die Pfanne legte, dann aber namentlich auch als eigentliche Explosionsmasse, indem er aus etwa 6 oder 8 Amorces die Knallsubstanz sandkorngroß herausschälte und mit diesen 6 oder 8 Körnchen die Waffe lud. Ein Schrotkorn, das dem Kaliber entsprach, wurde aufgesetzt. Nun hefteten wir eine Papierscheibe an die Wand, und während Papa Bourgaut unten in seinem entlegenen Büreauzimmer Listen schrieb und revidirte, standen wir hier oben mit unserer Mordwaffe und feuerten auf 5 Schritt ins Schwarze, daß der Kalk von den Wänden flog.
Endlich am Mittag des fünften Tages — ich hatte all die Zeit über von Kaffee und Thee gelebt — erschien mein »Gardien-chef« (Bourgaut), um mir mitzutheilen, daß ich am nächsten Morgen nach Besançon transportirt werden würde. Er hielt eine lange Rede, noch länger als gewöhnlich. Ich konnte nicht völlig folgen und bat ihn, mir den Inhalt aufzuschreiben. Er war bereit. Zum Unglück schrieb er aber ebenso rasch wie er sprach, und ich war wenig gebessert. In dieser Verlegenheit blieb mir, nach dem Verschwinden des Papas, nur der Appell an cher Louis. »Louis, dites moi, qu’est c’est que ça?« Der Junge las, las wieder, drehte das Papier, endlich schüttelte er den Kopf und sagte ruhig: »ce n’est pas français«. In naiver Weise, ohne Beimischung von eigentlicher Unbescheidenheit, sprach sich darin das Gefühl jener Ueberlegenheit aus, das immer die Söhne über den Vater haben. Nach Scheiterung beim Sohne mußte ich am Ende, wohl oder übel, an die erste Instanz zurück. Papa Bourgaut nahm die Anfrage weiter nicht übel und faßte nunmehr epigrammatisch die Situation dahin zusammen: »renvoyé dans votre pays par la Suisse, ou autorisation supérieure pour séjourner en France«. In diesen paar Worten lag ein ganzer Himmel. Das »Renvoyé« ergab sich danach als das stärkste Strafmaß, das mir zudiktirt werden konnte, wohl aber war mir die Möglichkeit gegeben, im Lande bleiben und meine Schlachtfelder-Studien fortsetzen zu können. Ich war wie genesen, betrachtete mich als frei und hundert freundliche Bilder des Wiedersehens stürmten auf mich ein. Das Gefühl des Glückes war so groß, daß ich die Frage, »ob ich unter diesen Umständen wohl geneigt sei, ein ordentliches Abendmahl einzunehmen«, sofort mit einem herzlichen »ja« beantwortete. Acht Uhr wurde festgesetzt und Seitens der Familie Bourgaut der Wunsch ausgesprochen, daß ich das Mahl in ihrem Familienzimmer einnehmen möchte. Ich rüstete mich also mit aller möglichen Feierlichkeit, klopfte meinen Rock an allen vier Bettpfosten aus, streichelte den hart mitgenommenen Sammtkragen und knöpfte die Uhr ein, die bis dahin, ordnungsmäßig deponirt, nur für diese feierliche Gelegenheit wieder eingehändigt worden war.
Punkt 8 Uhr trat ich in den Salon, ein großes Hinterzimmer, das sich bis dahin meinen Blicken verborgen hatte. Es war sehr sauber gehalten, auf der Heerdstelle brannten große Scheite Buchenholz; während über dem Kamin, in einer Art von Aureole, die Photographien aller derer hingen, die dem Hause Bourgaut anverwandt oder zugethan waren. Ich musterte sie alle und versuchte mich in Hypothesen über Charakter und Lebensstellung. Wir nahmen endlich Platz, cher Louis, der etwas neckisch und übermüthig war, wurde ein paar Mal mit »ce n’est pas poli« zur Ruhe verwiesen, die gute Laune erlitt aber durch solche Zwischenfälle keine Einbuße, und die Riesentaube, die mir endlich durch Madame Bourgaut vorgesetzt wurde und freilich einer ganz anderen Geflügelgattung anzugehören schien, als jener furchtbare Sperlingsbraten, der bei uns zu Lande unter diesem Namen servirt zu werden pflegt, war nur im Stande, die gute Laune zu steigern. Das Fest stand auf seiner Höhe, als beim dritten oder vierten Glase Wein eine mittelalterliche Dame eintrat, die den Namen »Tante« führte. Sie war sehr stark, unverheiratet und von heiteren Gesichtszügen. Wir sprachen von »cher Louis«, dessen Pathe sie war, und die Bemerkung drängte sich mir auf, ob ihr Liebling, eben unser Freund Louis, nie Geschwister gehabt habe? Als dies verneint wurde, ging ich zu der heiklen, übrigens von der Statistik oft aufgeworfenen Frage über: wie es nur komme, daß die Franzosen meist 2, die Deutschen meist 4 und die Engländer meist 14 Kinder hätten? Diese letztere Zahl, mit der ich es nicht allzu genau zu nehmen bitte, gab nun das Signal zu allgemeiner Heiterkeit. Die Tante, die zu fühlen schien, daß sie es wohl verdient hätte in England geboren zu sein, befand sich au comble du bonheur und ihr Lachen fing an mich mehr oder weniger zu beunruhigen. Es war nur möglich, durch irgend eine Diversion weiterem Unheil vorzubeugen; ich brachte also ein halbes Dutzend Toaste aus, gleichviel was, ließ Frieden, Freiheit, Völkerglück leben, stieß mit Allen an, mit der Tante dreimal, und trat dann, etwas abrupt, meinen Rückzug an, ohne das Ende der Festlichkeit abgewartet zu haben.
Oben rollte ich meine paar Sachen in die Reisedecke hinein und warf mich aufs Bett. In 12 Stunden hoffte ich in Besançon, in 24 Stunden in Freiheit zu sein. Es war anders beschlossen.
4. Von Langres bis Besançon.
Ei, wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen?
Faust.
Besançon, wie schon angedeutet, erschien mir lediglich als Etappe zurück in die Freiheit. Ganz abgesehen von den direkten Zusicherungen Mr. Bourgauts, glaubte ich, nach einem gewissen ästhetischen Gesetz, die Lösung des Konflikts innerhalb der nächsten 24 Stunden erwarten zu müssen. Mein Leben hatte mir bis dahin immer den Gefallen gethan, sich nach künstlerischen Prinzipien abzurunden, derart, daß ich nicht nur Exposition, Schürzung und Lösung des Knotens jederzeit bequem verfolgen, sondern auch in einem gewissen Verwickelungsstadium genau vorhersagen konnte: nun kommt noch das, dann dämmert es wieder und dann wird es Tag. So, guter Dinge, stand ich auch vor diesem Erlebniß. Der dritte Akt, der tragisch werden wollte, schien mir mit allen Fährlichkeiten überwunden, selbst der vierte Akt (die Tante und der Taubenbraten) lag glorreich hinter mir und ich blickte auf Besançon wie auf ein bloßes Schlußtableau, in dem, nach dem Vorbilde des Fürsten, der plötzlich seinen Stern zeigt und alles glücklich macht, ein alter wohlwollender General auftreten und mir sagen würde: »Mr. F., wir beklagen die Ungelegenheiten, die wir Ihnen gemacht haben; Sie sind ein lieber Mensch; reisen Sie glücklich.« Es ging aber diesmal alles verquer; von regelrechter Entwicklung keine Rede. Immer neues Wirrsal. Erst als ich ganz resignirt war, wurd’ es besser.
Ich fahre jetzt in Darstellung meiner Erlebnisse fort. Sechs Uhr früh am anderen Morgen trat ich in den Hof des Gefängnisses; die Gensdarmen warteten schon. Ein kurzer Abschied; dann ging es im Geschwindschritt bis an den Bahnhof. Diesmal bergab. Die frühe Morgenstunde sicherte einigermaßen vor der Zudringlichkeit der Bevölkerung.
Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört; alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft, die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32. Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne, was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß, rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet. Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld, was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die »Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die Morgenfrische kalt überlief.
Mein Gespräch mit dem landsmännischen Unteroffizier mochte eine Viertelstunde gedauert haben; es war nun Zeit mich meinen eigentlichen Begleitern zu widmen. Sie ließen mir auch keine Wahl; namentlich der eine, ein alter Chasseur d’Afrique, der 20 Jahre in Algier gewesen war, bemächtigte sich meiner. Wie ein Sturzbach brach es über mich herein. Wer dabei geneigt sein möchte anzunehmen, daß solche Passivität, solch bloßes Stillhalten, zu dem ich mich verurtheilt sah, am Ende nicht als große Anstrengung betrachtet werden könne, der irrt. Ein taubes, theilnahmloses über sich ergehen lassen wird von dem Sprecher sehr bald als solches erkannt und als persönliche Beleidigung empfunden; es handelte sich also für mich darum, immer auf dem qui vive zu sein und jeden Augenblick zu wissen, was obenauf schwamm. Ich wurde ganz erschöpft und mit eigenthümlichen Empfindungen gedachte ich einer Strachwitz’schen Douglas-Ballade.
Sie ritten vierzig Meilen fast
Und sprachen Worte nicht vier.
Beneidenswerther Douglas! Wir hatten noch nicht vier Meilen gemacht und waren längst in die Tausende hinein.
Endlich heuchelte ich Schlaf, schloß mit krampfhafter Gewalt die Augen, als vermöcht’ ich durch gesteigertes Zudrücken auch eine größere Garantie der Ruhe zu gewinnen, und rasselte nun in wachen Träumen ins Land hinein. Etwa halben Wegs erreichten wir Gray, einen größeren Ort, wo angehalten wurde. Es gab ein wirres Durcheinander, dem ich mich, durch Ausharren auf meinem Platze, zu entziehen suchte; aber ich sollte nichtsdestoweniger in die bunte Scene, als eine Art Mitspieler, hineingezogen werden. Das Coupé stand offen, Hunderte, die ein Unterkommen suchten, starrten hinein und verschwanden wieder, sobald sie die Plätze belegt oder besetzt sahen, bis plötzlich aus einer dieser auf und ab wogenden Gruppen ein herzliches Lachen und zugleich die Worte zu mir herklangen: Bon jour, Monsieur; vous souvenez-vous de Domrémy? Einen Augenblick, weil ich das Wort »Domremy« nicht deutlich gehört und ohne dies Wort keinen Schlüssel zum Verständniß hatte, starrte ich wie verwirrt in die beständig grüßende und nickkopfende Soldatengruppe hinein, bis es mir endlich wie Schuppen von den Augen fiel. Der Vorderste, in rother Schärpe und Hahnenfeder war einer jener Herren, die meine Verhaftung vor dem Hause der »Pucelle« herbeigeführt, hinterher aber freilich die Rechnung wie quitt machend, durch ihren Beistand mich vor den Insulten des Dorfpöbels gerettet hatten. Gerade eine Woche war seitdem vergangen. Die ganze Franctireursschaft von Domremy zog jetzt südwärts, um sich dem großen, unter Garibaldi zu bildenden Freicorps anzuschließen. Unser Wiederzusammentreffen, so weit von dem Schauplatz unserer ersten Begegnung entfernt, weckte allgemeine Heiterkeit, auch bei denen, die blos flüchtig davon hörten, und alles drängte herbei, um die augenblickliche Bahnhofs-Sehenswürdigkeit von Gray wie einen alten Bekannten zu grüßen.
Hier in Gray ging auch der 32er Unteroffizier auf eine andere Bahnlinie über; wir anderen fuhren, unter Beschreibung einer Curve, zunächst auf Auxonne zu. Dies ist abermals ein Kreuzungspunkt; wir mußten die Wagen wechseln und hatten eine halbe Stunde Zeit, um ein kleines Dejeuner zu bestellen. Ein interessanteres Frühstück hab’ ich all mein Lebtag nicht eingenommen. Es traf sich, daß wir unter den Ersten im Wartesalon waren, also einen guten Platz und einen Imbiß erhalten konnten, eh’ der Rest, der, von einer Seitenlinie her, ziemlich gleichzeitig mit uns eintraf, seinen Sturm auf das Büffet ausführen konnte. Es waren etwa 500 Soldaten, die sich alle auf Dijon, Belfort und Besançon zu dirigirten. Wenn ich sage 500 Soldaten, so giebt dies freilich eine nur sehr unvollkommene Vorstellung von dem »Wallenstein’s Lager«, das sich auf 10 Minuten hier in Scene setzte. Theaterhaft bunt drängten sich Linie, Gardes mobiles und Legionaire; die Hauptmasse bildeten die Franctireurs. Ich konnte sie nicht ansehen, ohne immer wieder an einen lesenswerten Aufsatz Hugo v. Blomberg’s zu denken: »Ueber das Theatralische im französischen Volkscharakter.« Welche natürliche Begabung sich zurecht zu machen, sich zu drapiren und ornamentiren! Es war nicht Einer unter ihnen, von dem man nicht hätte sagen können: seht, welch ein Bild! Bei jedem ein Ueberschuß von Roth, aber immer kleidsam, als Gürtel, Schärpe, Aufschlag. Viele hatten ein Gefühl davon, wie hübsch sie aussahen, und schritten an dem breiten Pfeilerspiegel des Wartesalons nie vorüber, ohne einen Blick hineinzuthun und sich »befriedigend« zu finden. Alle Jahrgänge waren vertreten und neben rothbäckigen jungen Leuten, die kaum die Kinderschuhe ausgezogen, bewegten sich Weißköpfe, alte Troupiers, die ersichtlich froh waren, aus dem langweiligen Alltagsleben heraus und wieder in frisches Wasser hinein zu kommen. An Haß oder Hohn gegen den »Prussien«, als den sie mich natürlich sofort erkannten, war gar nicht zu denken; sie waren zu gutmüthig dazu, vielleicht auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Eine Frage aber drängte sich mir beständig auf: Wer regiert diese Truppe? Sie schienen absolut führerlos zu sein.
Nach halbstündigem Aufenthalt ging es weiter auf Besançon zu. Wir kamen bald in seine Nähe und fuhren gegen 2 Uhr in den weiten Kessel hinein, in dem die Stadt gelegen ist. Die Befestigungen derselben umgürten nicht unmittelbar die Stadt, sondern sind auf den einschließenden Bergen gelegen. Bis zum Ausbruch des Krieges, vielleicht bis zur Kapitulation von Sedan, war »la Citadelle de Besançon« das eigentlich beherrschende Fort. Von dem Augenblick an aber, wo es feststand, daß der Krieg auch hier seinen Schauplatz suchen werde, mußte man sich wohl oder übel überzeugen, daß die Citadelle zwar die Stadt beherrsche, ihrerseits aber von den nahegelegenen Kuppen höherer Berge beherrscht werde. Man schritt denn auch sofort zur Befestigung und Armirung dieser eigentlich dominirenden Punkte und in diesem Augenblicke mag Besançon als eine der am besten befestigten Festungen des Landes gelten.
Der Weg vom Bahnhof bis zur Kommandantur war wieder so weit wie möglich; wir mußten durch die ganze Stadt hindurch. Ich habe Besançon nachher noch öfter passirt (beispielsweise wenn die Verhöre stattfanden) und ich fasse gleich an dieser Stelle zusammen, wie es sich mir überhaupt präsentirte. Daß es zur Hälfte aus Uhrmachern besteht (20,000) und als der eigentliche Konkurrenzort von Genf zu betrachten ist, setze ich als bekannt voraus. Die Stadt macht einen sehr guten Eindruck, wohl zumeist deshalb, weil sie einen bestimmten Charakter, ein Gesicht für sich hat. Alle charakteristischen Städte wirken viel anheimelnder, als die architektonisch-korrekten; ja die malerische Schönheit — ich erinnere nur an Kopenhagen — ist so entschieden siegreich über die bauliche, daß wir zuletzt jede Stadt schön nennen, die wie ein reizendes Bild uns berührt.
Als eine solche präsentirt sich auch Besançon. Seine Quaderhäuser, mit keinem anderen Façadenschmuck als einem Balkon oder einem Bogen am Fenster, sind freilich weder sonderlich originell, noch pittoresk; desto mehr jedoch sind es seine Kirchen. Vor allem die alte Kathedrale. Aber nicht sie allein. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein moderner Bau, die Johannis- oder Magdalenenkirche. Ich bin, was den Namen angeht, meiner Sache nicht sicher. Desto sicherer steht das Bild vor meinem Auge. Pfeiler mit korinthischem Kapitell schaffen eine griechische Front, aus der zugeschrägt ein tumulusartiger Thurm aufwächst, der gewiß der Schrecken jedes geschulten Architekten ist. Aber nicht des Malers. Man verweilt mit Interesse bei dieser Baumeisterlaune und ein goldenes, weithin leuchtendes Kreuz, das aus Stäben reich geflochten wie eine Riesen-Filigranarbeit das Ganze bedeutungsvoll abschließt, adelt es und giebt ihm den kirchlichen Charakter.
Wir hatten endlich die Kommandantur, die hier den Namen »la Division« führt, erreicht und nahmen in einem Vorzimmer auf einem Armensünderbänkchen Platz. Ein beständiges Kommen und Gehen von Adjutanten und Ordonnanzen; so vergingen fast zwei Stunden. Die Gensdarmen, die nach ihrem Mittagbrod verlangten, wurden ungeduldig. Endlich erschien ein blasser Herr, dessen ausgearbeiteter, beinahe kahler Schädel in einem argen Größen-Mißverhältniß zu dem kleinen Gesichte stand. Die Augen waren klug und lebhaft. Er musterte mich scharf und rasch mit einem bloßen Streifblick, wie Leute das thun, die für das Beleidigende des Anstarrens eine feine Empfindung haben. Er überreichte dann dem Gensdarmerie-Brigadier mehrere Papiere; ich hörte meinen Namen und gleich darauf die ruhige Weisung: »à la Citadelle«.
5. Die Citadelle von Besançon.
Misery acquaints a man with strange
bedfellows.
Shakespeare (Tempest).
Ich hatte dies »à la Citadelle« keineswegs erwartet, vielmehr von unmittelbarer Freilassung und Unterbringung in einem Hotel geträumt; nichtsdestoweniger erschreckte mich diese Ordre nicht geradezu. Ich entsann mich eines Besuches, den ich vor vielen Jahren einmal auf der Spandauer Citadelle gemacht hatte, und knüpfte an Festungshaft, die für mich ohnehin nur 24 Stunden dauern konnte (so wähnte ich), die Vorstellung von Nachmittagskaffee und einer Partie Sechsundsechszig. Welche Illusionen!
Der Berg war wieder sehr hoch. Wir passirten zunächst im Hinaustreten aus der Stadt ein triumphbogenartiges, höchst pittoreskes Portal, hinter dem sich (schon am Abhange des Citadellberges) die Kathedrale, eine mächtige Jesuiterkirche, erhob. Ich suchte mir ihr Bild einzuprägen, reckte den Hals und stieg immer höher; alles im Geschwindschritt. In Freiheit — bei attestirter Herz- und Lungenschwäche — hätte ich geglaubt, auf dem Platze bleiben zu müssen; hier ging es. Auf dem niedrigen aber breiten Mauerwerk, das den Weg einfaßte, streckten sich die dienstfreien Mannschaften der Citadelle und schliefen in den allerwunderlichsten Positionen. Die meisten lagen auf dem Bauch und hatten ein oder auch beide Beine rechtwinklig in die Höhe. An ihnen vorbei, über eine Zugbrücke hin, mündete der Weg endlich auf einen Vorplatz, den allerhand Bauten unregelmäßig umstanden. An der einen Steinwand, dicht neben einem schmalen Thorwege, hing ein Brett mit verwaschener Inschrift: Prison militaire.
Das sah nicht sehr einladend aus; meine Hoffnungen sanken jetzt rapide, wie das Wetterglas bei Erdbeben. Die Ablieferung erfolgte unter den üblichen Formalitäten und ein alter Sergeant führte mich an ein langgestrecktes Haus mit fünf Thüren, deren Inschriften auf Prévenus, Disciplinaires und Condamnés lauteten. Es hatte aber mit diesen Unterschieden nichts auf sich, alles wurde durch einander geworfen. Nachdem wir in die verschiedenen Thüren hineingeguckt, kehrten wir endlich zur ersten zurück, und der Sergeant belehrte mich dahin, daß ich hier zu wohnen haben werde. Es war ein gewölbter Raum von bedeutender Tiefe, in dem damals 12 Pritschen standen; auf der zwölften befand sich ein Berg von Strohsäcken; ein Dutzend Gefangene gingen im Zimmer auf und ab oder saßen auf den Bettständen umher. Mein Eintreten machte nicht das geringste Aufsehen; man war an solche Erscheinungen gewöhnt. Ich legte mein kleines Bündel (mein Reisegepäck war in Toul geblieben) auf ein Wandbrett und setzte mich, um mich von der Anstrengung des Bergsteigens zu erholen. Die erste Anfrage, die an mich erging, war: »ob ich mich für die »Abendsuppe« einschreiben lassen wolle«, was ich ohne Weiteres ablehnte, da ich doch mindestens dieselben Ansprüche wie in Neufchateau und Langres auch an dieser Stelle glaubte erheben zu können. Ich begab mich denn auch in das Büreau des Vorstandes, welcher letztere den Titel »Monsieur le Principal« führte und stellte ihm mein Anliegen vor, das auf ein Zimmer und selbstständige Beköstigung lautete, aber rundweg abgeschlagen wurde. Dies sei unmöglich. In einem prison militaire existire dergleichen nicht.
Gut. Ich kehrte auf meinen Bettplatz zurück, kreuzte die Hände über’m Knie und starrte in’s Blaue, soweit dies an diesem Orte möglich war. Nach einer halben Stunde, auf ein Signal, das mir entgangen war, stürzte alles auf den Hof und kehrte nach 2 Minuten mit der schon erwähnten »Abendsuppe« zurück, die ich so stolz abgelehnt hatte. Ich sollte indeß nicht zu kurz kommen. Ein junger badischer Gefreiter, mit dem ich mich gleich in den ersten Minuten bekannt gemacht hatte, stellte einen glücklich eroberten Kübel vor mich hin und forderte mich auf zu kosten. Ich mußte es schon Artigkeits halber. Es war heißes Wasser, mit Brot und Kartoffel, durch etwas Salz und Zwiebel schmackhaft gemacht. Ich aß und nahm von da ab an der allgemeinen Gefangenenkost Theil. Sie bestand in einer Fleischsuppe Morgens und einem halben Laib Brod. Wein, Käse und die Abendsuppe waren erlaubte Extras, für die aber gezahlt werden mußte. Mir wurde später (als ich leicht erkrankte) Thee bewilligt; aber dabei blieb es. Ich habe dies ohne besonderes Herzeleid ertragen und an mir selber wieder die alte Wahrnehmung gemacht, daß die sogenannten »verwöhnten Leute«, wenn sie nicht absolute Gecken sind, sich in den Wechsel der Glücksumstände am leichtesten finden. Die Bekanntschaft mit den Finessen und Delikatessen des Lebens macht zuletzt ziemlich gleichgiltig dagegen; ihr Werth ist ein relativer, oft geradezu ein imaginairer, und die flüchtigste Erkenntniß davon macht es einem verhältnißmäßig leicht, diese Art von Opfer zu bringen.
Es hatte freilich bei dieser Art von Opfern nicht sein Bewenden; Härteres, sehr Hartes wurde mir zugemuthet. Indessen es sei drum. Die Dinge liegen hinter mir, und es thut nicht gut, ja es schädigt einen geradezu, die ganze petite misère eines solchen Daseins auf den Tisch zu legen. Misère weckt Mitleid, aber auch dégoût. Es ist, als ob es auch von diesen Dingen hieße: aliquid haeret. Ich lasse Gras darüber wachsen und führe lieber Erlebnisse vor, über die leichter und lachender zu berichten ist. Ich beginne mit Schilderung einzelner Persönlichkeiten, die mir das Schicksal zu Bettgenossen gab. Mit einigen war ich die ganze Zeit über, volle 18 Tage, zusammen, andere schieden früher, theils um ihre Freiheit wiederzufinden, theils um in Kriegsgefangenschaft landeinwärts geführt zu werden.
Ich lasse dem deutschen Elemente, das anfangs ziemlich stark vertreten, zuletzt nur noch in einzelnen Exemplaren vorhanden war, den Vortritt. An der Spitze desselben, nicht seinen Jahren, aber allem andern nach, stand der junge badische Gefreite, »le caporal badois«, dessen ich schon erwähnt habe. Wir schlossen eine Freundschaft, soweit dies der Altersunterschied zuließ.
Er war aus Pforzheim, eines reichen Fabrikanten Sohn, und würde, frischen, braven Herzens wie er war, nach dem Vorbilde der »400 Pforzheimer« gewiß tapfer gefallen sein, wenn ihn das Schicksal in eine ähnliche Situation gestellt hätte. Aber gleich im ersten Gefecht, das er mitzumachen hatte, war ihm der Auftrag geworden, nicht in Gemeinschaft mit 399 andern, sondern ganz allein, eine Munitionscolonne aus Saint-Dié, wenn ich nicht irre, herzubeordern; auf diesem Einsamkeitsmarsche war er durch ein Dutzend Franctireurs umstellt und gefangen genommen worden. Seine äußere Erscheinung ließ ihn im ersten Augenblick kaum als reicher Leute Kind erkennen. Der badische Waffenrock, den er trug, saß noch schlechter als ein preußischer (was viel sagen will) und in Folge dicker Leibbinden und Unterhosen hatte sich das ganze Brust- und Rückenstück des Rockes nach oben geschoben. Der Eindruck davon verschwand aber in demselben Moment wo er lachte, und er lachte viel. Er präsentirte dann vier Schneidezähne, die nur an den Rändern leise lädirt, eine feine kaum haarbreite Goldeinfassung erhalten hatten. Unverkennbar ein zahnärztliches Meisterstück und muthmaßlich enorm theuer. Diese vier Zähne wirkten wie die Visitenkarte eines Banquiersohnes. Wir waren fast 14 Tage zusammen und plauderten das Mannigfachste durch. Er schwärmte für Preußen, hielt uns ohne Weiteres für ein Heldengeschlecht und hatte bei seinem ersten Verhör dem Colonel eine Rede in diesem Sinne gehalten, die freundlich aufgenommen und ein paar Tage später in den Lokalblättern von Besançon in nuce gedruckt worden war. Ich muß hinzufügen, daß er geläufig französisch sprach. Dies alles war gut; aber weitaus am meisten interessirte es mich doch, wenn er leuchtenden Auges über den Juwelenhandel einen kleinen Vortrag hielt. Dann erschloß sich mir eine neue Welt. Gerade auf diesem Gebiet hatte ich wenig Gelegenheit gehabt, mich zu orientiren. So jung er war, so sprach er doch von Smaragden, wie andere junge Leute von schönen Augen sprechen. Er schilderte mir einen Besuch in einem Pariser Juwelenladen, den er im Sommer 1870, kurz vor Ausbruch des Krieges, gemacht hatte, wobei ihm die Sorglosigkeit, mit der die Besitzer ihr Geschäft betrieben, das Imponirendste gewesen war. Auf eine bloße Empfehlungskarte hin, hatte man ihm für 6000 Francs Smaragden mit nach Pforzheim gegeben, alles rasch und sans phrase, während junge und alte Juwelenkäufer (meist Juden) an den andern Tischen des Lokals standen, die Diamanten aus ihren Baumwollpacketen herausnahmen, nebeneinander auf die flache Hand legten und minutenlang sich in den Anblick dieser Herrlichkeit vertieften; dabei zugleich jede kleinste Werth- und Schönheitsnüance erkennend. »Das Bijouterie-Geschäft«, so schloß er wohl, »hat seine Reize, aber es ist klein, ärmlich, prosaisch neben dem Steinhandel.«
Ein zweiter Deutscher unserer Colonie führte den Namen: »le cocher de Bismarck«. Er trug ein ächt preußisches Kutscher-Costüm mit Stulpstiefeln, Wappenknöpfen und breiter Goldborte, und war in der Nähe von Epinal, auf Spionage hin, verhaftet worden. Eine wunderliche Figur, gutmüthig und schlau zugleich; bei Fritzlar im Hessischen zu Hause. Was ihn mir interessant machte, war, daß er 17 Jahre lang als Kunstreiter-Groom die Loissets, die Franconis, die Cinisellis begleitet hatte. Ich darf sagen, in jeder Stadt Europas über 50,000 Einwohner war er gewesen; er wußte in Petersburg, Konstantinopel und Lissabon gleich vortrefflich Bescheid, sprach ein gutes Französisch, ein leidliches Englisch und hatte von allen andern Sprachen wenigstens eine oberflächliche Kenntniß. Ich muß bemerken, daß er niemals den Gesellschaften als solchen, sondern immer nur einem einzelnen hervorragenden Mitgliede derselben als Reitknecht und Pferdepfleger angehört hatte. Die längste Zeit über war er bei einem ungarischen Schärpen- und Reifenspringer gewesen, von dem er mit ungeheuchelter Hochachtung sprach. Er betrachtete dies alles als ernsthafte Kunst, lobte die Ordnungsliebe, die Sauberkeit, die Gewissenhaftigkeit seines Herrn, stellte der Mehrzahl der Damen die glänzendsten Tugendzeugnisse aus und ließ mich wieder recht empfinden, wie sehr wir Draußenstehenden auf diesem wie auf ähnlichen Gebieten mit unsern Vorstellungen in die Irre gehen. Die Welt ist oft schlechter als wir sie nehmen, aber noch öfter vielleicht ist sie besser.
Der Dritte, zu dem ich in Beziehung trat, war »le maître d’école«, ein Deutsch-Franzose. Ich konnte mich anfangs nicht mit ihm befreunden, theils weil er etwas Sonderbares, beinahe Unheimliches in seinem tiefliegenden Auge hatte, theils weil ich das Bild des »Schulmeisters« aus den Geheimnissen von Paris nicht los werden konnte. Es kam dazu, daß er sich beim Sprechen etwas zierte und durch Correctheit und obligate Nasaltöne den »maître d’école« beglaubigen wollte. Er war, wie so viele andere, denuncirt und verhaftet worden, weil er mit einem preußischen Offizier gesprochen hatte. Endlich kam der ersehnte Tag der Freiheit; daheim in Lothringen saß seine Frau mit sechs Kindern. Aber wie hin kommen? Er fragte mich, ob ich ihm das Reisegeld geben könne. Ich that es ohne Weiteres. In solchen Zeiten empfindet man doppelt: gieb, auf daß Dir gegeben werde. Dem Manne traten die Thränen in die Augen und er dankte mir herzlich, übrigens ohne sich das Geringste zu vergeben. Der eigentliche Gewinner war ohnehin ich. Hatte ich dem Manne einen Dienst geleistet und seine Dankbarkeit erworben, so war ich ihm doch ungleich mehr verpflichtet, daß er mir die Gelegenheit dazu gegeben hatte. Die Kunde von dieser Großthat lief wie ein Feuer durch die ganze Citadelle von Besançon; ich war auf einen Schlag »etablirt«, man gab mir ungesucht eine exceptionelle Stellung und der alte Sergeant, auf den ich wohl noch zurückkomme, adressirte sich immer mit den Worten an mich »un homme comme vous«. Ich hatte Ursach, mich Alles dessen zu freuen; zugleich empfand ich schmerzlich die furchtbare Macht des Geldes. Wen diese Worte etwas verwunderlich anblicken, der vergesse nicht, daß unter Blinden der Einäugige König ist. Es schlug vielleicht manch gütigeres Herz auf der Citadelle von Besançon; aber was frommte es, so lange sich diese Güte nicht »berechnen« und nicht in Zahlen ausdrücken ließ.
Neben dem Schulmeister schlief »le bon tireur«, ein schöner Mann, an dem nur auszusetzen war, daß er es zu sehr wußte. Er kam aus Rom, hatte ein Jahr lang der Legion von Antibes angehört, und diente jetzt, wie viele andere seiner alten Kameraden, in einem Marsch-Bataillon. Die Geschenke hübscher Frauen, dazu die zahlreichen Prämien, die er sich als brillanter Schütze erworben (er trug immer einen breiten Leibgurt, der in Front die Lederhülsen für mindestens 30 Patronen aufwies), hatten ihn sichtlich verwöhnt und gaben seinem elastischen Gange, seiner beinahe eleganten Tournure doch ein Maß von Prätension, das zu seiner Stellung nicht paßte. Er war wegen Hochfahrenheit zahllose Male bestraft und saß jetzt hier, weil er auf den Zuruf seines Capitains »vous êtes un lâche« geantwortet hatte »pas plus que vous«. Er machte beständig Vorstellungen an den General, in denen er eine ähnliche kecke Sprache führte und sich auf sein gutes Recht steifte, »weil er zuerst beleidigt worden sei«. Auf meine Bemerkung, daß solche Eingaben, in so selbstbewußtem Tone abgefaßt, in Preußen ganz unmöglich seien, antwortete er nur mit superiorem Lächeln: »Je sais, je sais: vous avez encore le régime du bâton; nous sommes plus libre en France.« Er ließ sich das auch nicht ausreden.
Eine andere Figur war »le raconteur«, der Liebling und das Ferment der ganzen Gesellschaft. Er machte mir das Bett, gab mir sein Strohkissen, deckte mich mit seiner Decke zu, so daß ich eigentlich nicht weiß, wie er sich durch die kalten Nächte durchgeschlagen hat. Er war ein ausgesprochener Humorist und hatte, neben seinem Spaßmacherthum, vor allem auch jene Herzensgüte, ja jene Feinheit der Empfindung, die den wirklichen Humoristen allemal charakterisirt. Er erzählte sehr gern, aber im Erzählen beobachtete er beständig, ob er vielleicht Anstoß gäbe, oder durch ein Zuviel die Geduld erschöpfe; glaubte er derartiges wahrzunehmen, so schwieg er sofort und wartete ab, bis er ermuntert wurde, den Faden wieder aufzunehmen. Er hatte ein Paar Diensthosen verkauft, um seine Kameraden in Wein freihalten zu können; darauf hin war er, nachdem ihn eben diese Kameraden angezeigt hatten, zu 6 Monaten verurtheilt worden. Für mich ein offenbarer Vortheil. Ich liebte ihn förmlich. Bei weiterer Schilderung meiner Tage in Besançon komme ich auf ihn zurück.
Der letzte, von dem ich zu sprechen gedenke, war »le penseur libre«, ein kleiner, kratzbürstiger Kerl, nah an funfzig, seines Zeichens ein »Kommissionär in Hülsenfrüchten«. Er war eingesperrt worden, weil er den Preußen eine Ladung Mehl verkauft hatte. In einem scharfen Gegensatz zu dieser merkantilen Beschäftigung stand sein geistiges Leben. Er war Philosoph; sein Lieblingsschriftsteller Victor Cousin, dessen gediegene Uebersetzungen der klassischen Literatur, griechisch wie lateinisch, er besaß, beziehungsweise auswendig konnte. In einer Anzahl kleiner blauer Notizbücher, die er als Vademecum auch mit ins Gefängniß genommen, hatte er sich die Weisheit des Alterthums für den Hausgebrauch zurecht gemacht. Gleich den zweiten Tag fragte er mich, ob es mir Recht sei, Seneca’s Betrachtungen über den Tod, über das ruhige sich schicken ins Unvermeidliche, zu lesen? Ich hielt es für artig, »ja« zu sagen, und mußte nun zwei Stunden lang meinen Kopf und meine Augen anstrengen, um mich in diesen »Blaubüchern« zurecht zu finden, die für mich wenigstens das Schicksal aller blue books theilten, ziemlich langweilig zu sein. Solche Gedanken aus sich heraus zu gebären, sie selbstständig zu haben, kann Trost verleihen und das Gemüth adeln; es zurecht gemacht an sich herantreten sehen, ist mindestens unfruchtbar. Da wirkt ein Gesangbuchvers von Paul Gerhardt doch anders! Es blieb nun aber nicht blos bei Seneca. Dieser furchtbare penseur libre hatte, mit Hülfe seines Victor Cousin eine eminente Kenntniß von Plato, Tacitus, Plutarch und vielen andern noch, und vielleicht niemals hat ein deutscher homme de lettres vor einem französischen Hülsenfruchthändler eine so kümmerliche Rolle gespielt, wie ich. Er wußte Alles, ich wußte nichts. Glücklicherweise war ich nicht in der Stimmung, über diese constanten Niederlagen mich besonders zu grämen. Auch bin ich ihm das Zeugniß schuldig, daß er mich nie ironisch behandelte, und sein offenbares Uebergewicht keinen Augenblick mißbrauchte.
Ich versuche nun, nachdem ich den Leser mit den »Spitzen der Gesellschaft« bekannt gemacht habe, ihm im Weiteren einen Tag zu schildern, wie wir ihn in der Citadelle zuzubringen pflegten.
Um 6 Uhr rasselte draußen das Schlüsselbund, die schwere Thür wurde geöffnet, der Sergeant trat ein, und das Abzählen begann, um festzustellen, daß über Nacht nichts von der Heerde verloren gegangen sei. Wir waren zuletzt 22 in einem ursprünglich für höchstens 12 Personen bestimmten Raum. Dem Ueberwerfen der nothwendigsten Kleidungsstücke folgte draußen auf dem Hof der Waschprozeß; abgetrocknet wurde an den Bettlaken, die von der Nacht her noch etwas Wärme conservirten. Einige Aristokraten der Gesellschaft, zu denen ich leider nicht gehörte, hatten es bis zu einem Handtuch gebracht. Nur ein Stück »Monstre-Savon« war mir von Langres her geblieben.
Nun begann der Morgenspaziergang, und zwar in einem mit Flußkieseln bestreuten Hofe, der 40 Schritt lang und 15 Schritt breit sein mochte. Von diesen 15 Schritt in der Breite waren aber wieder 5 Schritt zu einer Art Terrasse abgeschnitten, welche letztere ein Allerheiligstes bildete, das von uns nicht betreten werden durfte. Es war die »Gartenanlage« der Citadelle, auf deren Beeten etwas Kerbel und Petersilie, an der Wand aber ein wie verkrüppelte Georginen aussehendes Strauchgewächs wuchs. Es trug Tomaten-Aepfel, die nicht reif werden wollten.
Wie es für etwa 80 Menschen möglich wurde, auf diesem Stückchen Hof ein oder zwei Stunden lang spazieren zu gehen, weiß ich nicht; gleichviel es geschah. Der blaue Himmel, die Morgenfrische thaten meinen Sinnen wohl, nur wurde dies Behagen, durch unliebsame Töne aus der Ferne her, häufiger unterbrochen, als mir angenehm sein konnte. Es war in der Regel 7 Uhr; eine Salve krachte herüber; das Echo antwortete in den Bergen. Eine Gruppe trat dann zusammen, einer warf den Cigarren-Rest in die Luft und sagte ruhig: heute werden drei erschossen. Ich konnte nicht gleichgültig dabei bleiben; wie ein physischer Schmerz ging es mir oft durch die Brust.
Die Promenade wurde fortgesetzt; die Meisten lachten, plauderten; wenige trugen schwer. Zwischen 8 und 9 hieß es in viertelstündigen Pausen: »à l’eau«, »du pain«, »la commission«, Schlachtrufe, die jedesmal ein halbes Dutzend Personen abriefen, die nun Wasser und Brod für die Gesammtheit herbeizuschaffen, oder aber (»la commission«), die Extras in Empfang zu nehmen und zu vertheilen hatten. Alle diese Rufe waren aber bedeutungslos neben dem Rufe »à la soupe«, der ungefähr um 9½ Uhr laut wurde. Nun stürzte Alles der Küche zu und kam mit Schüsseln und Kübeln zurück, die eine leidlich gute Fleischbrühe enthielten; die einzig warme Mahlzeit, die vorschriftsmäßig und gratis verabreicht wurde. Ein gutes Stück Fleisch war wie ein Gewinn in der Lotterie.
Nach der Suppe begann eigentlich wieder eine mehrstündige Einschließung, die von 10 Uhr früh bis 4 Uhr Nachmittags zu dauern hatte. Dies wurde aber nie in voller Strenge inne gehalten, eines Theils wohl, weil wir ohnehin über alle Gebühr hinaus eingepfercht waren, andern Theils, weil wir tagelang Regenwetter hatten, und die uns dadurch auferlegte, totale Einsperrung an den klaren Tagen, schon um unserer Gesundheit willen, wieder ausgeglichen werden sollte. Ein starker Bruchtheil der Gesellschaft zog sich aber um 10 oder 11 von selbst, aus eigenem Antrieb, in die Kasemattenräume zurück, um sich zu strecken oder Briefe zu schreiben, oder Dame zu spielen. Dies letztere geschah in ziemlich ingeniöser Weise. Auf jeder Pritsche befand sich ein mit Bleistift oder Dinte aufgezeichnetes Damenbrett, dessen Steine einerseits aus den leicht beschaffbaren Kieseln des Hofes, andererseits aus rund geschnittener Brodkruste bestanden. Alle Franzosen spielten es gern und mit besonderem Geschick. Mitunter verirrte sich ein Zeitungsblatt in unsere Mitte; hinter dem letzten Bettstand, der mit seinen aufgetürmten Strohsäcken wie ein Schirm wirkte, etablirte sich auch wohl eine geheime Piquetpartie; unbeweglich daneben saß der penseur libre und las Abhandlungen über die Frage: »Wann einer Zeugenaussage zu trauen sei und wann nicht.«
Endlos waren diese Stunden von 10 bis 4; sie hatten aber doch ihre Unterbrechungen, einmal, wenn der Kommandant der Citadelle und der Ronden-Offizier ihren Umgang hielten, namentlich aber, wenn »Neue« eintrafen oder die in bloßer Untersuchungshaft gehaltenen aus dem Verhör in der Stadt zurückkamen. Durch diese Elemente hingen wir mit der Welt zusammen und folgten dem Laufe der Politik und des Krieges. Ob das Berichtete wahr war oder nicht, war der Mehrzahl völlig gleichgültig; es unterhielt doch. Den einen Tag war General Moltke erschossen, den nächsten Tag gefangen, den dritten hatte er einem Kriegsrathe präsidirt; der König, der Kronprinz, Prinz Friedrich Karl, alle waren sie einige Tage lang todt, um dann wieder unter den Lebenden zu erscheinen. Es fiel keinem ein, sich über diese Widersprüche zu verwundern; man nahm sie als selbstverständlich hin; ja, man war vielleicht dankbar dafür. Der Stoff wuchs auf diese Weise. Etwa in der Mitte des Monats erschien Garibaldi in Besançon; drei, vier Tage später hieß es, »die Preußen rücken an«; mit beiden Nachrichten hatte es ausnahmsweise seine Richtigkeit. Es wurde viel von »in die Luft sprengen« gesprochen, und im Großen und Ganzen bemächtigte sich des deutschen Elements ein wenig behagliches Gefühl bei der Aussicht, von den eigenen landsmännischen Granaten todtgeschossen zu werden. Ich machte dem liebenswürdigen Kommandanten der Citadelle, der sich oft halbe Stunden lang mit mir unterhielt, eine halb scherzhafte Vorstellung darüber, worauf er ruhig antwortete: »Ja, diese Obergewölbe sind in 5 Minuten weggeblasen«. Der Trost, der uns daraus erfloß, war begreiflicherweise gering.
Die Preußen (es war die badische Division) hatten sich uns inzwischen mehr und mehr genähert. Am 23. hieß es: Heute giebt es eine Schlacht; 8 Kilometer von hier, bei Chatillon müssen sie zusammenstoßen. Und in der That, es kam zu einem Gefecht. Wir hörten deutlich den Donner der Kanonen und von dem Tisch unseres Gefängnisses aus, der uns gestattete, durch die obersten Scheiben hindurch, über die Festungsmauer fortzusehen, folgten wir einzelnen Bewegungen nachrückender französischer Bataillone. Einige von uns schwuren, den Lichtstreifen fliegender Granaten deutlich an dem schwarzgrauen Regenhimmel gesehen zu haben. Um 5 Uhr Abends kam Meldung aus der Stadt: »1200 Badois sont captivés, ils arriveront ce soir encore.« Zwei Stunden später trafen auch wirklich die Gefangenen ein. Es waren aber nur fünf. Als ein echter Oberländer gefragt wurde: »wo denn die 1200 seien«, antwortete er ruhig: »’s is halt a Trost, wenn mer mit 500 ins Gefecht geht, kann mer nit 1200 verliere«. Ich übersetzte es, was sofort allgemeine Heiterkeit erweckte. Von Groll keine Spur.
So war es Sonntag den 23. Oktober. Aehnlich an anderen Tagen. Wir lebten von Gerüchten. Erst die »Abendsuppe«, die bei Dunkelwerden servirt wurde, machte regelmäßig der politischen Diskussion und — dem Tage selbst ein Ende. Mit dem Moment, wo die Blechlöffel wieder hinter dem Brett steckten, fiel der Vorhang. Die Nacht begann.
Nun rasselte, wie am Morgen, das Schlüsselbund; der Sergeant, ein alter grognard, passirte abermals unsere Reihen mit hochgehobener Laterne, zählte die Häupter seiner Lieben und verschwand dann mit einem freundlich-bärbeißigen: bon soir, messieurs. Eine halbe Stunde später lag alles ausgestreckt unter den Decken, jeder mit einer Nachtmütze über der Stirn und nur »le raconteur« hockte noch auf seinem zusammengerollten Zeugbündel und wartete auf das Signal zum Erzählen. Er war die Scheherezade dieses Kreises, dem die Aufgabe oblag, den Sultan »Volk« in Schlaf zu erzählen. Es gab ein halbes Dutzend Lieblingsgeschichten: le dragon vert, le curé et le saint esprit, Milord à Paris, — alle liefen sie auf Liebesabenteuer, auf Spott gegen die Geistlichkeit und auf Ridikülisirung der Engländer hinaus. Das letztere war meist das Wirksamste. Unendliche Heiterkeit begleitete diese Vorträge, und nie hätte ich es für möglich gehalten, in einem Kasemattengefängniß einem solchen Uebermaß von guter Laune, von Lachen und Ausgelassenheit zu begegnen. Ich stimmte dann und wann mit ein, ohne recht zu wissen, um was es sich handelte. Das Lachen selbst war so herzlich, daß es mit fortriß.
Diese Erzählungen dauerten oft 2 Stunden. Um 8 Uhr hielten dann mehrere Trommeln und Hörner, eine Art großer Zapfenstreich, ihren Umgang um die Citadelle, und in dem Moment, wo sie schwiegen, klangen von Besançon die Abendglocken der Cathedrale herauf. Ein paar leidenschaftliche Raucher fuhren manchmal mit dem Streichholz über die Wand hin, um die verglimmende Pfeife neu zu beleben; ein flüchtiges Licht blitzte durch den dunklen Raum; noch ein paar Züge, dann schliefen auch sie. Alles still. Nacht lag über der Citadelle von Besançon.
6. Rückblicke.
So lang der Wirth nur weiter borgt,
Sind sie vergnügt und unbesorgt.
Faust.
Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben,
Was Dich in Wahrheit hebt und hält
Muß in Dir selber leben.
Ich war 18 Tage in Besançon; am 29. Oktober verließ ich es, um, quer durch Frankreich hindurch, über Lyon und Moulins, dann über Poitiers und Rochefort nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean geschafft zu werden. Die letzten drei Tage auf der Citadelle waren mir in verhältnißmäßigem Comfort vergangen; ich hatte sie, in Folge eingetretener Intervention, im Offizier-Gefängniß zugebracht, wo ich, in allem was Speis’ und Trank angeht, in der angenehmen Lage gewesen war, meiner Gewohnheit gemäß oder wie es im Französischen heißt — »im Einklang mit meinem ancien régime« leben zu können. Ein Ausdruck, der mich jedesmal amüsirte. Ueber diese »guten Tage von Besançon« berichte ich in aller Kürze im Eingange des nächsten Kapitels; aber hier schon, als am passendsten Platz, versuche ich die Eindrücke wiederzugeben, die ich in fast dreiwöchentlichem Zusammenleben mit französischen Soldaten und Civilpersonen verschiedenster Art, von dem Charakter des Volkes, von den Vorzügen und Schwächen desselben empfangen habe.
Es ist Pflicht zu sagen, daß diese Eindrücke die allerangenehmsten waren und daß ich mir keine Nation denken kann, die in so vielen, ihrer aufs Gerathewohl gewählten Repräsentanten im Stande wäre, ein günstigeres Urtheil hervorzurufen. Im Allgemeinen wird man sagen können, daß, je nach den Landestheilen, in denen man lebt, auf 10 oder 7 oder 5 Individuen immer ein unleidlicher Mensch kommt; hier lebte ich mit 70 oder 80 Gefangenen zusammen, die in der Zeit meiner Anwesenheit zwei oder dreimal wechselten (so daß ich etwa 200 verschiedene Personen kennen lernte) und nicht die geringste Unannehmlichkeit, geschweige Unart habe ich zu erfahren gehabt; sie waren alle verbindlich, rücksichtsvoll, zuvorkommend, dankbar für jeden kleinen Dienst, nie beleidigt durch Widerspruch, vor allem ohne Schabernack und ohne Neid. Wir könnten, nach dieser Seite hin, viel von ihnen lernen. Es offenbarte sich mir ein unerschöpflicher Schatz von Gutmütigkeit, leichtem Sinn und heiterer Laune. Lauter Sanguiniker. Viele waren eitel, andere ruhmredig. Wenn ich aber den Rodomontaden dieser letztern scherzhaft erwiderte, hatte ich jedesmal die Lacher auf meiner Seite. Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme, voll lebhaften, patriotischen Gefühls waren. Auch ihr Bildungsgrad, um das noch zu bemerken, hatte mindestens, bei sonst gleichen Voraussetzungen, das Niveau des unsrigen, wie ich denn überhaupt glaube, daß wir uns nach dieser Seite hin, allzu selbstgefälligen Vorstellungen hingeben. Wir glauben eine Art Schul-Monopol zu besitzen und es giebt Leute unter uns, die, einen alten »Dieterici« in der Hand, wo möglich den Beweis führen möchten, daß jenseit der deutschen Grenze alles Lesen und Schreiben aufhöre, wie etwa 20,000 Fuß hoch das Athmen aufhört.
Ich meinerseits habe indessen immer nur gefunden, daß die Bewohner anderer Kulturländer, besonders der westlichen, nicht schlechter lesen, wohl aber erheblich besser schreiben können, als die Menschen bei uns. So in England, Schottland, Dänemark; so auch wieder in Frankreich. Die statistischen Zahlen um deshalb zu befehden, fällt mir nicht ein; sie werden schon richtig sein. Es wird unzweifelhaft, namentlich in England und Frankreich, ganze Volksschichten geben, die ich nicht kennen lernte, unterste Schichten, die von der Schule unberührt, mithin auch unerobert blieben; die Zahlen sollen also bestehen bleiben. Aber gestützt auf eben diese Zahlen wächst für viele unter uns ein falsches Gesammtbild empor, ein Bild, das von vornherein verschoben und immer ins Dunkle retouchirt, schließlich einfach zu einem Zerrbild wird. Hinterm Berge wohnen auch Leute. — Ich kehre nun zu meinen Mitgefangenen zurück.
Sie waren liebenswürdig, gutherzig, neidlos (so etwa sagt’ ich); aber so angenehm der Eindruck war, den sie als Individuen hervorriefen, so traurig war der Eindruck, den jeder einzelne als Theil des Ganzen machte. Sie boten das Bild völliger Zerfahrenheit, zu nichts eine Herzensstellung einnehmend, als zu »La France« und zur Ruhmesgeschichte ihres Landes. Dies ist etwas, aber nicht viel; oft mehr eine Gefahr, als ein Segen. Losgelöst von allem Tieferen wird auch die Vaterlandsliebe (die dann nur eine gewisse Form persönlicher Eitelkeit ist) leicht zu einer Carrikatur, überschlägt sich und gewinnt den Charakter des Hohlen, einer schillernden Seifenblase, eines Nichts. Diese Wahrnehmung hatte ich sehr oft. Ein fester, schöner Glaube existirte an nichts, weder an die Dinge der sichtbaren noch der unsichtbaren Welt. Die Geistlichkeit wurde beständig verhöhnt, der Kaiser war ein Spott, die Marschälle ein Gegenstand der Verachtung; ich begegnete keiner anderen Ueberzeugung als der einen, daß alles käuflich sei. Sedan war ein »job« im großen Stil; nur Mac-Mahon behielt seinen diamantnen Glanz. Der französische Soldat hielt aus bei ihm, wie der österreichische (1866) bei Benedek. Aber diese eine leuchtende Ausnahme zeigte nur die Zweifelstrübe, in der man alles andere erblickte, desto deutlicher. Regierung, Kirche, Gesetz, alle drei waren nach ihrer Meinung nur da, um das Volk in Banden zu schlagen und sich selbst zu behaupten und zu bereichern. Alles Einzelne sich selber Zweck, nie im Dienst einer Idee, nie im Dienst des Ganzen! Der Eindruck war kläglich und zeigte den tiefsten Verfall. Wie oft sprach es still in mir: glücklich das Land, das diesen Heimsuchungen noch nicht erlegen ist. Das Furchtbare einer Revolution, sie sei nun berechtigt gewesen oder nicht, habe ich nie so lebendig empfunden wie hier. Die klugen Engländer! Sie haben dasselbe gethan, aber sie haben eines vermieden: das Brechen mit der Tradition.
So viel über meine Mitgefangenen. Auch noch ein Wort über Wahrnehmungen, die ich, während der schlimmen Tage (denn sie waren nicht alle schlimm) an mir selber machte.
Ich hob schon hervor, wie gleichgültig mich der Wechsel der äußern Glücksumstände, der Wegfall des sogenannten Comfort berührte; ich fand bald heraus, daß sich bei einer dünnen Fleischbrühe, einem Glase Landwein und einigen Schnitten Weißbrod sehr wohl leben lasse, im Grunde genommen besser als bei Majonnaisen und Nußtorte. Beiläufig eine furchtbare Zusammenstellung, die durch einen zwischengeschobenen Rehrücken nicht besser wird. Tag um Tag wurde ich an den Ausspruch eines gefeierten Wiener Arztes erinnert, der mir vor Jahren versicherte, »daß er erst Herr seiner Zeit und seines Geistes geworden sei, seitdem er von einer Tasse Bouillon, etwas Brod und einigen Rüben oder Erdäpfeln lebe.« Ich meinerseits trank viel Thee, aber nur um mich zu erwärmen und durch Wärme gesund zu erhalten; von Wohlgeschmack konnte bei dem seltsamen Gebräu, das auf der Citadelle von Besançon den Namen »Thee« usurpirte, keine Rede sein.
So gleichgültig wie gegen allerhand »Lebensbedürfnisse«, die schließlich eben keine Lebensbedürfnisse sind, beobachtete ich mich auch gegen gewisse Ansprüche und Feinfühligkeiten des Ehrenpunktes. Was mir, vier Wochen früher, ganz speziell auch auf diesem Gebiete als eine Lebens-Unerläßlichkeit erschienen wäre, erschien mir jetzt als Luxus und weil als Luxus auch als entbehrlich und abthubar. Dies überraschte mich, als ich erst dazu kam, über diese Dinge nachzudenken, am meisten; doch haben mir andere seitdem versichert, daß sie dieselbe Gleichgültigkeit gegen all diese mannigfachen Formen und Scenen der Erniedrigung, die eben keinem Gefangenen erspart werden, empfunden hätten. Das durch die Straßen Geschleppt-, das Angegafft- und Angestarrtwerden, das Geschrei und Gejohle des Pöbels, die zudringlichen Fragen, das Hutabziehen- und Geradestehenmüssen, das Abgezählt werden bei erhobener Laterne, all das war lästig, bedrücklich, zu Zeiten sehr unangenehm; ich kann mich aber keines Momentes entsinnen, wo ich all dies als ehrenrührig empfunden hätte. Die Gefangenen, auf ihrem Transporte quer durchs Land, wurden meistens gekettet; ich wartete ruhig auf den Moment, wo mir ein gleiches Loos zufallen würde. Es blieb aus, es blieb mir erspart. Ich weiß aber, daß auch das mich in meinem Gleichmuth wenig gestört haben würde. Man hat das Gefühl des völligen Preisgegebenseins, des Ueberantwortetseins auf Gnade und Ungnade und empfindet deutlich, daß die Uebergriffe, die sich der Machthaber erlaubt, wohl die Ehre dieses Machthabers, nicht aber die eigene treffen können. Vieles zudem, was Flitter ist, wird in solchen Momenten als Flitter erkannt. Das Meiste, worin wir stecken, ist konventionell! Der Stein des Gassenbuben, der gegen uns erhoben wird, mag alles treffen, nur unsere Ehre nicht. Wie eine Zauberformel, die hieb- und schußfest macht, schützt uns das alte: Sancta simplicitas.
Ich litt nicht unter dem Wegfall dessen, was man mit größerem oder geringerem Recht als die künstlich gesteigerten Ansprüche einerseits des Wohllebens, andererseits eines gewissen Gefühls-Luxus, ansehen kann, aber ich litt dafür unter dem Wegfall solcher Dinge, die sich der gebildete Mensch recht- und pflicht mäßig zur zweiten Natur gemacht hat, unter dem Wegfall der Sauberkeit und alles dessen, was zum geistigen Bedürfniß gehört.
Die Unmöglichkeit einer gewissen, wenn auch bescheidentlichen Pflege des Körpers wurde peinlich genug von mir empfunden, und diese Empfindung glaub ich, hat man nicht als etwas künstlich Hinaufgeschraubtes anzusehen. Es ist Pflicht, auf eine Reihenfolge, oder eine bestimmte Zubereitung von Schüsseln, wie bescheiden diese immerhin sein mögen, auf launenhafte, unmotivirte Angewöhnungen, vor allem auf alles, was den Charakter der Verwöhnung trägt, verzichten zu können, aber es ist nicht Pflicht, nicht in der Ordnung, sich gegen die Wasch- und Wasserfrage in allen ihren Stadien, in gleicher Weise gleichgültig zu stellen. Es giebt freilich, und dies ist nicht ironisch gemeint, einen äußersten Erhabenheits-Standpunkt, wo auch dies wieder als ein Aeußerliches und Gleichgültiges abfällt, wie die Geschichte der Märtyrer und der Heiligen lehrt, aber mit diesem Maße hat der moderne Mensch nicht Anspruch gemessen zu werden. Für uns liegen die Dinge so, daß mit dem Gefühl des äußerlichen Unsauberseins mehr und mehr auch die Vorstellung einer gewissen innerlichen Unreinheit über uns kommt, ein Gefühl, das uns gradatim allen Muth und alle Zuversicht raubt, und uns schließlich dahin bringt, im tiefsten Mißtrauen gegen uns selbst, jede Unbill als etwas Selbstverständliches und Wohlverdientes hinzunehmen.
Ich litt hierunter, während der ersten Wochen in Besançon, wie schon angedeutet, ziemlich erheblich; worunter ich aber doch noch mehr litt, das war, daß auch meinem Geiste alles frische Wasser genommen wurde, sich drin zu erlaben; die Berührung mit geistig Ebenbürtigem hörte auf und ich verfiel der Phrase, dem Geschwätz, der Trivialität. Es bildete sich eine Conversationsform aus, die ich als Greffier-, Schließer- und Gensdarmen-Unterhaltung bezeichnen möchte, eine unsagbar schreckliche Form geistigen Verkehrs, immer dasselbe, so daß ich zuletzt genau berechnen konnte: »jetzt kommt das«. Der Wiederkäuungsprozeß erreichte Grade, daß man sich das Leben hätte wegwünschen mögen. Das Aufsagen meines auswendig gelernten Spruches von: »Reise auf den Kriegsschauplatz, Anwesenheit in Toul und Verhaftung in Domremy«, weil es sich hierbei um Tatsächliches handelte, um Realitäten, die Niemand besser kannte, als ich, war dabei lange nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Conjectural-Strategie und die in den Wolken schwebende hohe Politik, die ich nolens volens treiben mußte! Fragen, über die sich Generalstab und Cabinet bis diese Stunde den Kopf zerbrechen, hatte ich längst gelöst. Ich ließ beständig Armeen marschiren, diese Armeen immer neue Curven und Schleifen bilden, hunderttausende von Franzosen wurden bald hier, bald dort gefangengenommen und nur drei Generale ließ ich als widerstandsfähig und selbst gefahrdrohend für uns gelten, die alten Wintergenerale: Dezember, Januar und Februar. So viel als Stratege. Meine eigentlichsten Unthaten verübte ich aber doch als Taschen-Bismarck. Ich schrieb die Waffenstillstands-Paragraphen, entwarf Präliminarien, setzte den Tag des Friedens-Abschlusses auf 24 Stunden ganz genau fest und zog die künftige Grenzlinie zwischen Frankreich und Deutschland mit einer Sicherheit, die nur durch meine genaue Berechnung der Kriegskosten übertroffen wurde. Ich habe (sonst gewissenhaft und beinahe peinlich in Sachen der Unterhaltung) während dieser Gefängnißwochen wahre Berge von Schwatzsünden auf mein Haupt geladen und muß dennoch schließlich mich selber wieder dahin rechtfertigen, daß ich nicht gut anders konnte, wenn ich nicht durch kühle Reservirtheit alle Wohlgeneigtheit meiner Machthaber einbüßen wollte. Ich hatte beständig ein Gefühl der Scham und des Unwürdigen, das in diesem Auftischen vager, fundamentloser Hypothesen und willkürlicher Redensarten lag, und dennoch
... war es Sünde,
So es noch einmal vor mir stünde,
Ich thät es wieder, thät es doch.
»Comme officier supérieur.«
1. Von Besançon bis Lyon.
An der duftverlornen Gränze
Jener Berge tanzen hold
Abendwolken ihre Tänze.
**
*
Trübe wirds, die Wolken jagen
Und der Regen niederbricht.
Lenau.
Die letzten dreimal 24 Stunden meiner Gefangenschaft in Besançon hatten, wie zu Eingang des vorigen Kapitels bereits bemerkt, ein heitereres Kleid getragen als die vorausgehenden Wochen, freundlichere Tage bereiteten sich für mich vor, wenngleich ich, in demselben Moment, in dem sie begonnen, die bis dahin immer noch gehegte Hoffnung auf das Bourgautsche »renvoyé dans votre pays« zu Grabe tragen mußte. Meine Freisprechung erfolgte, aber nicht meine Freilassung. Ich habe bei diesen Vorgängen noch einen Augenblick zu verweilen.
Am 15. Tage meiner Gefangenschaft erschien der Citadell-Kommandant, mein besonderer Freund und Fürsprecher, in der großen Kasematten-Halle, um mir mitzutheilen, daß sich das Kriegsgericht inzwischen von der Wahrheit meiner Aussagen, will also sagen von meiner vollständigen Unschuld, überzeugt habe. Der General indessen sei nichts destoweniger der Ansicht, daß ich als Kriegsgefangener im Lande verbleiben müsse. Wie aus meinem Notizbuche, meinen Papieren und meinen eigenen Angaben hervorgehe, sei ich nicht nur mit vielen preußischen Offizieren bekannt, sondern habe auch »militairische Augen«, denen die Zustände und Vorgänge im Lande, die Befestigungen und Truppenbewegungen nicht entgangen sein würden. Darauf hin sei es unmöglich, mich in meine Heimath zu entlassen; ich würde vielmehr, mit einer Anzahl badischer Gefangener, nach der Insel Oléron im atlantischen Ocean transportirt werden.
So freundlich diese Worte gesprochen wurden, so trafen sie mich doch zunächst sehr hart. Ich hatte mich eben immer noch mit Illusionen getragen. Der Kommandant nahm dies wahr und gütigen Sinnes fuhr er fort: »ich bin im Uebrigen erfreut, die böse Nachricht, die ich Ihnen bringen mußte, durch eine gute einigermaßen balanciren zu können. Se. Eminenz der Cardinal hat sich für Sie verwandt. Sie werden in Folge dieser Verwendung als officier supérieur angesehen und bei ihrem Eintreffen auf île Oléron einer relativen Freiheit theilhaftig werden; Sie werden sich auf der Insel ungehindert bewegen können. Die Bevölkerung der Westdepartements, besonders der Inseln, ist liebenswürdig, gastfrei, human. Ich werde Ihnen zudem eine Empfehlung an einen Freund und Verwandten mitgeben. Ihre Abreise wird sich noch einige Tage hinausschieben; bis dahin aber werden Sie bereits all der Vorrechte theilhaftig sein, die Ihnen von diesem Augenblick an zuständig sind. Mr. le Principal (dies war die euphemistische Bezeichnung für den Greffier) wird das Weitere veranlassen.« Ich dankte; ein Soldat nahm mein Bündel und, unter Händeschütteln von meinen Mitgefangenen Abschied nehmend, übersiedelte ich nunmehr unverzüglich in das, auf einem anderen Citadellhofe gelegene, aristokratische Viertel.
Ich blieb hier noch drei und einen halben Tag. Das Leben gewann wieder Reiz; ich konnte schreiben, Zeitungen lesen, mich sammeln, ungestört meinen Gedanken nachhängen. Es waren glückliche Tage. Meine besondere Freude war der Kommandant, dem ich, wie schon erwähnt, von Anfang an so viele Freundlichkeit zu verdanken gehabt hatte. »He took a fancy for me.« Freilich hatte ich für diese Freundlichkeit auch meinerseits schwer zu zahlen, denn eine Nachmittagsconversation, die nie unter zwei Stunden, einmal aber volle vier Stunden dauerte, war eine Anstrengung für mich, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke. Es trat dabei schließlich, mal für mal, ein Zustand völliger Erschöpfung ein, in dem ich schon längst nicht mehr einen Gedanken, aber zuletzt auch kein einzig Wort mehr finden konnte. Wie immer dem sei, es war wohlgemeint, und ich befand mich genau in einer Lage, in der mir das Wohlwollen eines Menschen, noch dazu eines Vorgesetzten, Alles bedeuten mußte.
Am 29. Oktober, drei und eine halbe Woche nach meiner Gefangennehmung in Domremy, wurde ich in meine eigentliche Kriegsgefangenschaft, »far in the West« abgeführt. Die Reise quer durchs Land, so lehrreich, so anregend, so bedeutungsvoll sie war, war doch ein neues Schreckniß. Wer als Kriegsgefangener durch Frankreich geschleppt worden ist, weiß, was das sagen will. Die Begegnungen und Erlebnisse auf dieser zehntägigen Reise gebe ich nun in diesem zweiten Abschnitt.
Sechs Uhr früh (am 29.) traten wir auf dem Hofe an, außer mir noch 5 kriegsgefangene Badenser. Im Geschwindschritt ging es den Berg hinunter, an Jesuitenkirche und Kommandantur vorbei, auf den Bahnhof hinaus. Die Bevölkerung ließ uns ruhig ziehen. Der Nebel fiel fast wie ein Regen.
Von Besançon bis Lyon werden noch nah an 30 Meilen sein. Die Landschaft bot anfangs nichts Besonderes, nur wo wir Flüsse zu passiren hatten, zeigten sich Bilder von eigenthümlichem Reiz. An den Ufern hin, oft auf Landzungen, die sich bis in die Mitte des Stroms erstreckten, erhoben sich schloßartige Gehöfte mit Rundthurm und Spitzdach; hohe italienische Pappeln, die alle noch ihr herbstlich gelbes Laub trugen, bildeten die Avenuen oder standen in Gruppen um das Gehöft umher; es berührte mich, als wäre ich all diesem auf Gallerien, in breitem goldenen Rahmen schon mal begegnet.
So ging es 15 oder 20 Meilen weit. Da änderte sich das Bild. Wir hatten die Jura-Kette blau und duftig zur Linken, nach rechts hin dehnte sich ein Flachland, eine fruchtbare Niederung, von Waldstreifen und kleinen Höhenzügen coulissenartig durchzogen. Am fernen Horizont, nach eben dieser Seite hin, hing der gelbglühende Ball der Sonne und lieh allem ein entzückendes Licht; es war als sähe man eine der weitgedehnten Veduten Claude Lorrains. Dann kam eine große Stadt, Bourg (Hauptort im Departement Ain), dessen berühmte Kirche Brou, mit den reichen Mausoleen des Hauses Savoyen, umblitzt vom Wiederschein der sich neigenden Sonne, an dem nach Osten hin wolkengrauen Himmel stand.
Von Bourg traten wir ersichtlich in eine mehr südliche Landschaft ein. Namentlich die Architektur, das Aussehen der Dörfer, gewann einen abweichenden Charakter, alle Gothik hörte auf und das Flachdach, die italienische Vigne, wurde allgemein.
Zwischen 4 und 5 gelangten wir in den Bereich der Rhone. Alles Land war überschwemmt, Häuser und Bäume wuchsen wie aus einem großen See heraus, bis wir in der Dämmerstunde die aufgeworfenen Erdbefestigungen und bald darauf auch den ersten, weit vorgeschobenen Bahnhof Lyons erreichten. Als wir in der zweiten Bahnhofshalle hielten, war es dunkel; dazu regnete es. Dies galt immer als ein Glück. Es war gleichbedeutend mit Wegfall jeder Volks-Escorte.
Vom Bahnhofe aus ging es zunächst eine Steintreppe hinauf; damit hatten wir das Niveau der Stadt gewonnen, die in gedämpftem, flackerndem Lichterglanze vor uns lag. Wir passirten eine Rhonebrücke (so schien es mir wenigstens), tausend Gasflammen warfen hüben und drüben ihren Schein in den breiten Strom, einige erleuchtete Pfeiler, wie Wahrzeichen für die Schiffahrt, schienen daraus hervorzuragen. Dann kam ein großer Platz; nach links hin schimmerte ein Standbild halb nebelhaft, und in einiger Entfernung an ihm vorbei marschirten wir in eine der langen Straßen hinein, die von verschiedenen Seiten her auf den Platz mündeten. Nach 10 Minuten hielten wir vor dem Gefängniß, pochten und traten in den Hof.
Es goß jetzt in Strömen. Die Gensdarmen und einige unliebsame Gestalten, die trotz ihrer Uniformen stark an 1793 erinnerten, sprachen lebhaft hin und her; endlich wurde ich aufgefordert, einzutreten. Die armen Badenser wollten folgen, aber man stieß sie unter Geschrei in den Hof zurück. Ich erachtete jetzt den Augenblick für gekommen, ein Schreiben vorzuzeigen, das mir, kurz vor meinem Aufbruch von Besançon, unterschrieben und untersiegelt eingehändigt worden war, und so zu sagen meine französische Ernennung zum »officier supérieur«, zugleich die Aufforderung an alle Militair- und Civilbehörden enthielt, »mir die meinem Range schuldigen Ehren« (»dû à mon rang«), zu erweisen. Das Papier wurde gelesen; der diensttuende Sergeant indeß, ein frecher, verlebter, verliederter Kerl, hatte wenig Lust, Notiz davon zu nehmen und erklärte, es sei unmöglich. Inzwischen waren andere Beamte erschienen, unter ihnen der eigentliche »gardien-chef«, ein geborner Pariser, an dem nichts auszusetzen war, als daß er für seine Stellung zu sanft und zu gebildet sprach. Auch das kann zu einem Fehler werden. Man denke sich einen Scharfrichter, der seinem Opfer zuflüstert: »Das Leben ist der Güter Höchstes nicht.« Wie immer dem sei, die wohlaccentuirte Rede meines neuen »Principal« hat wenigstens das Gute, daß Platz für mich geschafft und eine Art »Fremdenstube« zu meiner Aufnahme hergerichtet wurde. In diese trat ich jetzt ein. Im ersten Augenblick erschrak ich, denn sie war nichts als eine vergrößerte Alte-Wäschkiste, auf die ganz und gar die Beschreibung paßte, die Falstaff, in den Merry wives of Windsor, von einem solchen Wirthschaftsstücke entwirft. Eine unglaubliche Lokalität! Bettlaken, Strümpfe, Chemisen aller Arten und Grade lagen in den Ecken aufgeschichtet, dazwischen halb-erbrochene Bücherkisten, Koffer von Seehundsfell, die längst die letzte Borste eingebüßt; an den Riegeln aber hingen rothe Militairhosen (letzte Garnitur), verstaubte Uniformstücke, ein verrosteter Degen und Spinnweben in langen Fahnen. Besonders bedrohlich erschien mir ein großer aufgeplatzter Sack mit Kalbshaar, der mitten im Zimmer lag und eine Art Gebirgsstock für alles übrige bildete. Einen ähnlich ängstlichen Eindruck machte das Bett, aber der gardien-chef, der selbst empfinden mochte, wie wenig das alles zu den Ansprüchen eines officier supérieur stimmte, half aus eigenen Mitteln nach und erschien mit einem brauncarirten Plumeau, mir dadurch für meinen Lyoneser Aufenthalt einen Comfort und einen Luxus schaffend, den ich während all der Wochen meiner Gefangenschaft, weder vorher noch nachher, gehabt habe. Enfin — ich kauerte mich in meinem Bett zurecht, zog meinen Körper gerade ausreichend zusammen, um unter dem etwas knapp bemessenen Federkissen Platz zu finden und schlief ein, während die Spinneweben leise über mir wehten.
2. Lyon.
Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm?
Das ist Sturm.
**
*
Nicht daß man in schweigende Nacht mich warf,
Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich Dich nicht hören darf,
Mein tief aufdonnerndes Meer.
Strachwitz.
In aller Frühe war ich wach, machte meine Toilette und sah alsbald eine junge Frau, die Besitzerin eines nahe gelegenen Cafés, erscheinen, die nach meinen Befehlen fragte. Ich bestellte möglichst viel, da ich nach gerade einzusehen begann, daß der officier supérieur sein Patent weniger aus dem Portefeuille, als aus dem Portemonnaie zu beweisen habe und daß überall räthselvoll-geheime Beziehungen zwischen den Gefängniß-Autoritäten und den nahegelegenen Restaurants beständen. Wer diese für sich hatte, hatte sich alsbald auch die Geneigtheit jener erworben: mit Liberalität gelangte man fast bis an die Grenzen der Libertät.
Die Freundlichkeit der jungen Frau, die all die Tage über fast immer selbst kam und an der fremdländischen Unterhaltungsweise ersichtlich ein Gefallen fand, that mir wohl und war jederzeit wie ein Lichtschein, der in den grauen Dämmer meines Gefängnisses fiel. Ich sog mir noch einen besondern Trost daraus, da ich offen bekennen will, die Tage meines Aufenthalts in Lyon unter einem beständigen Herzschlagen zugebracht zu haben. Ich war durch lange Unterhaltungen, die ich in Besançon geführt, noch mehr durch die Lyoner Journale, die ich während der letzten Tage auf der Citadelle regelmäßig zu lesen pflegte, über die Stimmung der Rhone-Hauptstadt vollkommen aufgeklärt und hatte mit allem Fug und Recht das bange Gefühl, mich auf einem Krater zu befinden. In Besançon hatten die Obrigkeiten geherrscht, hier herrschte bereits die Masse, oder stand doch jeden Augenblick auf dem Punkt, die Herrschaft an sich zu reißen. Vor drei Tagen war das Redaktionslokal des »Salut public«, vor fünf Tagen die Wohnung des für imperialistisch geltenden Divisions-Generals vom Volke gestürmt worden; ich konnte, Angesichts dieser Thatsachen, die Frage nicht los werden: »was nun, wenn diese Septembriseurs in die Gefängnisse einbrechen und furchtbar Musterung halten?« Hinterher ist über solche Anwandlungen von Furcht gut lachen, im Momente selbst aber war die Situation alles andere eher als lächerlich.
Es geschah überdies allerhand, das nicht gerade angethan war, das fehlende Gefühl der Sicherheit mir wieder zu geben. Verschiedene Leute aus der Stadt, vielleicht Freunde des Gefängnißvorstandes, kamen, um mit mir zu politisiren; sie waren alle artig, fast verbindlich in ihren Formen, aber ersichtlich aufgeregt und zerstreut.
Endlich sollt’ ich erfahren, was die Ursache war: »Bazaine hatte capitulirt«; die Nachricht drang bis in meine vergitterte Zelle. Einige Stunden später ward es mir gegenüber wieder bestritten, aber nur, weil man es bestreiten wollte. Ich war übrigens fast eben so aufgeregt, wie die Franzosen, die kamen und gingen.
Die letzten Besucher hatten mich eben verlassen und ich suchte es mir in einer Art Gartenstuhl, während ich die Füße auf den aufgeplatzten Sack mit Kalbshaar stellte, möglichst bequem zu machen, als draußen, von den Thürmen der unmittelbar anstoßenden Kathedrale hernieder ein Läuten begann, wie ich es all mein Lebtag nicht gehört habe, vielleicht auch nicht wieder hören werde. Eine tiefgestimmte Riesenglocke gab alle 10 Sekunden einen Schlag, eine zweite Glocke, in regelmäßigen Schwingungen, rollte klangvoll und gewaltig dazwischen; hinein aber in dies großartig ernste und zugleich melodische Concert klang das disharmonische Geschrei und Geächz kleiner und allerkleinster Glocken, wie wenn in Posaunentöne hinein ein halbes Dutzend Pickelflöten kreischt. Es war tiefe Klage, lauter Hilferuf, leises Gewimmer; eine unbeschreibliche Angst bemächtigte sich meiner, hörbar schlug mir das Herz. Was war es? war ein Feuer ausgebrochen? nein! kein Lichtschein röthete den Himmel, keine Wagen und Spritzen rasselten über das Pflaster hin; nur ein lautes Geschrei von Menschenstimmen kam die Straße herauf, immer näher. Ich war ganz sicher, daß sich ein Volksaufstand vorbereite, daß »la terreur« heranziehe und seine Herrschaft proklamire. Was war zu thun? ich sah stumm vor mich hin und wartete ab. So ging es eine Viertelstunde, dann war alles wie abgeschnitten; die Glocken schwiegen, das Gekreisch draußen war vorübergezogen, alles still.
In Fieberhast lief ich alle Möglichkeiten durch, endlich hatt’ ich es: der andere Tag (2. November) war Todtentag. Dies Glocken-Wehklagen hatte den Tag aller Seelen eingeläutet.
Der Allerseelentag verlief ruhig, weniger Geräusch als sonst war äußerlich wahrnehmbar; nur im Gefängniß selber belebte sich’s über den Alltagsverkehr hinaus. Das machte, sieben norddeutsche Schiffscapitaine waren von Marseille her als Gefangene eingetroffen und warteten in einem kleinen Büreauzimmer auf den Bescheid des Lyoner Divisions-Generals, der über ihren weiteren Verbleib entscheiden sollte. Man schwankte zwischen Tours, Clermont und Moulins. Es war um die Mittagsstunde, als ich, durch freundliche Vermittlung des gardien-chef, Gelegenheit fand, meinen Landsleuten mich vorzustellen. Wir verplauderten eine angenehme halbe Stunde, gegenseitig unsere Herzen ausschüttend. Es waren sämmtlich Pommern und Mecklenburger, der Mehrzahl nach große, breitschultrige Leute, aber alle von jenem sentimalen Zug, dem man bei starken Naturen, namentlich auch bei Seeleuten, so oft begegnet. Sie hatten alle etwas Trauriges, Verschleiertes im Auge und nur die Wahrnehmung beruhigte mich (sie waren eben beim zweiten Frühstück), daß ihr frischer, meerentstiegener Appetit unter dieser Stimmung keinen Augenblick gelitten habe. Mehrere Limburger Käse, die sie in flachen runden Schachteln, genau so wie man Feigen verschickt, mit sich führten, verschwanden im Umsehn. Einer, ein Kleiner, mit genirtem Blick, nahm an der allgemeinen Sentimentalität nicht Theil; er war offenbar der Klügste und hatte sich, auf mir unerklärliche Weise, sogar mit neuen deutschen Zeitungen auszurüsten gewußt. Vielleicht ein kühner Griff in ein Marseiller Lesecabinet! Als die Reihe des Erzählens an mich kam und mein herkömmliches Sprüchel: »Toul, Jungfrau von Orleans, Vaucouleurs und Domremy« diesmal in deutscher Sprache von mir aufgesagt worden war, fragte der Kleine nach meinem Namen. Ich nannte ihn. Er lächelte listig-vertraulich und überreichte mir gleich darauf eine neueste, höchstens 5 oder 6 Tage alte Nummer der »Hamburger Börsenhalle«, worin ich in einer Berliner Correspondez die Geschichte meiner Verhaftung las. Ich kann wohl sagen, daß das einen sonderbaren Eindruck auf mich machte.
Wir politisirten auch ein wenig. Das Hauptgespräch drehte sich natürlich um die Capitulation von Metz. Ich sagte ihnen, »die Sache würde neuerdings wieder bestritten«, worauf der Kleine mir zuflüsterte: »wir wissen nur zu gut, daß es wahr ist; wir haben es, so zu sagen, an uns selber erfahren. Die Nachricht war noch keine 2 Stunden in Marseille bekannt, als wir von Oran her landeten und durch die Stadt mußten. An diesen Marsch will ich denken. Die Aufregung war furchtbar; das Hafenvolk drohte uns, drängte sich an uns, warf mit Steinen, neben uns her aber, in dichten Colonnen, zogen die Mobil- und Nationalgarden und trugen große schwarze Fahnen, zum Zeichen der Trauer. Wir waren froh, als wir unter Dach und Fach waren.«
Einer der Capitaine, ein großer, schöner Mann, mit einem langen schwarzen Sappeurbarte, war nicht nur verheirathet, sondern hatte auch seine kleine blonde Frau, eine Rostockerin, mit auf die Fahrt genommen; eine »Hochzeitsreise nach Konstantinopel« in glücklicher Mischung des Nützlichen mit dem Angenehmen. Die Frau regierte natürlich, und zwar nicht nur ihren Mann, sondern auch die sechs andern, was bei der besondern Stellung, die sie einnahm, keinen Augenblick zu verwundern war. Sie sprach ein leidliches Französisch, machte deshalb den Interpreten und focht für die Gesammtheit alle Kämpfe siegreich durch. Ihr Ehegespons war ihr eigentlich nur »beigegeben«. Dies hatte seine gute Seite, aber doch auch seine schlimme. Ueberall wo die 7 Capitaine eintrafen, wurden 6 in’s Militairgefängniß abgeführt, der siebente aber, der junge Gemahl, folgte seiner Frau in das beste Hotel der Stadt und bezog Zimmer mit ihr. Er war ihr ad latus. Dies, um es zu wiederholen, hatte unzweifelhaft sein Angenehmes, aber ebenso wenig ließ sich verkennen, daß der so Bevorzugte seiner Königin gegenüber einer gewissen hofstaatlichen Abhängigkeit bereits völlig verfallen war. Er wußte es übrigens selbst und trug es mit ritterlichem Anstand.
Wir trennten uns, nachdem wir einen gemeinschaftlichen Café noir eingenommen hatten, der, in richtiger Rollenvertheilung, meinerseits aus Kaffee und Cognac, seitens der Capitaine aus Cognac und Kaffee hergerichtet worden war.
Unter allen Gefangenen, mit denen ich durch Monate hin in Berührung gekommen bin, waren die Schiffscapitaine (diese wie andere, denen ich später begegnete) immer die behäbigsten, die am besten situirten, und dennoch flößten sie mir stets eine ganz besondere Theilnahme ein. Dies mochte darin seinen Grund haben, daß jeden Einzelnen sein Schicksal völlig unvorbereitet, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Selbst ich, bei aller Friedfertigkeit meines Berufs, war doch immerhin mit dem Bewußtsein in Frankreich eingerückt, daß eben Krieg sei und daß ich die Chancen und Gefahren des Krieges bis zu einem gewissen Grade zu theilen haben werde. Anders diese Capitaine. Sie hatten in tiefem Frieden ihren heimatlichen Hafen verlassen, in tiefem Frieden Gibraltar und die Dardanellen passirt, und sahen sich, ohne die geringste Kenntniß von dem, was sich inzwischen in der Welt zugetragen hatte, plötzlich unter Breitseiten genommen und fortgeführt. Man kann sagen, sie waren noch eher Kriegs gefangene, als sie vom Kriege selber wußten.
Noch am Abend des Allerseelentages theilte mir mein gardien-chef mit, daß ich am andern Morgen weiter escortirt werden würde, wahrscheinlich nach Moulins. Er lud mich zugleich ein, ihn auf eine halbe Stunde in seiner Wohnung zu besuchen. Ich folgte der Einladung und erfuhr die Auszeichnung, daß mir zu Ehren eine große papperne Kathedrale, die von einem Zellengefangenen angefertigt worden war, durch ein kleines Wachslicht erleuchtet wurde. Ich bewunderte alles, verbreitete mich ausführlicher über Architekturformen, Wachslichte und Isolirhaft und nahm dann Abschied von meinem freundlichen Wirth und Chef. Ich kroch zum letzten Male unter das Plumeau und schlief wie in meinen besten Tagen.
3. Moulins.
Was ist das?! Deutlich (nur getrübt
Vom Dunst der hin und wieder schiebt)
Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten,
Und nun, nun kömmt es hergeschritten,
Ganz wie ein Schatten an der Wand,
Es hebt den Arm, es regt die Hand, —
Nun ist es an den Tisch geglitten.
Annette Droste-Hülshoff.
Sieben Uhr am andern Morgen nach Moulins. Die Stadt (Lyon) war noch ziemlich still; auf dem großen Platze, an dessen einer Seite unsere Straße mündete, sah ich jetzt das Reiterbild des ersten Kaisers im Morgenlichte aufragen; an der Stelle aber, wo ich bei meiner Ankunft tausend im Wasser sich spiegelnde Lichter gesehen zu haben glaubte, exercirte jetzt eine ganze Brigade Mobilgarde in breiten Zugfronten; was mir bei Dunkel und niederfallendem Regen als das Bett der Rhone erschienen war, war eine breite, mit Bäumen und Obelisken besetzte Esplanade. Man achtete unserer wenig; einige Hälse drehten und reckten sich nach uns, ein paar Minuten später hatten wir unsere Plätze im Coupé eingenommen.
Das Land war ziemlich reizlos auf viele Meilen hin. Ich begann schon die Ursache davon in mir selber zu suchen und einfach anzunehmen, daß das Auge des Gefangenen todt sei für die Schönheiten der Natur, als ich plötzlich, etwa an der Grenze des Departements Allier, gewahr wurde, daß es doch an der Landschaft und nicht an mir selber gelegen haben müsse. Wir traten mehr und mehr in ein entzückendes Stück Natur ein, das ich vielleicht am besten als das »Land um Vichy« bezeichne, denn an diesem berühmten Brunnen- und Badeort kamen wir auf Entfernung von wenigen Stunden vorüber.
Ich muß die Scenerie dieses Departements Allier, die mir ganz eigenthümlich zu sein schien, näher zu beschreiben suchen. Alle Landschaft, die ich bis dahin in Frankreich gesehen hatte, in Lothringen, Champagne, Franche Comté, war durch wenige Linien wiederzugeben: weite Höhenzüge und weite Thäler dazwischen. Eine Landschaft derart entbehrt nicht eines gewissen großen Stils, aber immer wiederkehrend, immer in derselben Weise mit Wein oder Laubholz besetzt, wirkt sie zuletzt monoton und giebt sich — weil alles große Flächen bietet, selbst die Berghänge — um vieles öder, trister, als sie in Wahrheit ist. Hier plötzlich nun traten wir in ein Gebiet ein, das sich vorgesetzt zu haben schien, diese bisherigen Eindrücke alle auf einen Schlag zu balanciren. Die Hügel schoben und drängten sich so dicht aneinander, als wären sie aus einer Riesenspielzeugschachtel genommen, während sie in Zahl und Form mich beständig an die endlosen Kuppen und Kegel des historischen Dreiecks zwischen Main und Tauber erinnerten. Aber diese Gedrängtheit der Landschaft war doch nur eine Seite derselben; schöner und charakteristischer noch berührte mich der tiefe, flußdurchschlängelte Wiesengrund, der sich um jeden Hügel sorglich herumlegte und diesen, wie mit Bewußtsein, zu einer kleinen Berginsel gestaltete. Dazu hatte alles einen satten, braungrünen Ton, der mich mehr als einmal an Ruysdael erinnerte, von dem ich noch 4 Wochen vorher einiges Treffliche in Nancy gesehen hatte.
Bei St. Marie des Fosses war ein längerer Aufenthalt; wahrscheinlich die Station, von wo aus in ruhigen Zeiten die Diligencen und Journalieren nach Vichy hinüberfahren; riesige, halb abgerissene Affichen deuteten darauf hin. Eine Stunde später fuhren wir in den Bahnhof des Bischöflichen Moulins ein.
Ein Bischofssitz! das war eins. Vor allem aber heimelte der Name mich an; was konnte reizender klingen als Moulins. Ich stellte es mir vor als von Wind- und Wassermühlen umgeben, die einen still und lauschig, die andern rasch und plauderhaft, und dazwischen eine Bevölkerung von Klosterschülern und Mühlknappen, die einen schwarz, die andern weiß, aber alle gleichmäßig heiter, ihr Leben theilend zwischen Singen und Angeln. Nie war eine Vorstellung falscher gewesen.
Schon auf dem Bahnhofe (es war 4 Uhr Nachmittags) wurden wir umringt. Der Weg führte durch eine Vorstadt, die zu gutem Theile aus dem Stadtpark und ähnlichen Anlagen bestand; hier, auf zahllosen Bänken, war die Kindermuhme und ihr Anhang zu Hause, hier tobte der Gamin statt des erwarteten stillen Klosterschülers, und ehe 5 Minuten um waren, hatten wir ein Gefolge, das nach Hunderten zählte. Allerhand Blaukittel gesellten sich hinzu, drohende Worte aussprechend, und während wir sonst daran gewöhnt waren, unsere Gensdarmen das neugierig andrängende Volk bei Seite schieben zu sehen, zeigten sie hier eine unverkennbare Verlegenheit und ließen den tobenden Menschenhaufen gewähren. So ging es in die Stadt hinein, ein paar steile Gassen hinan, dann hatten wir die Straßenfront des Gefängnisses, ein Stück Mauer mit einem eingebauten Conciergenhaus, erreicht. Unter Gezische und den üblichen Schmeichelworten verschwanden wir in dem niedrigen Portal.
Hier war kaum Aufenthalt. Wir traten alsbald auf einen Hof hinaus, der von verschiedenen Baulichkeiten, kreuz und quer und hoch und niedrig, umstellt war und warteten unseres Looses. Der Gensdarmerie-Wachtmeister, dem ich meine mehrerwähnte »Bestallung« schon vorher überreicht hatte, machte inzwischen vor dem Büreau-Personal meinen Anwalt; einer der Herren zuckte verlegen die Achseln, kam mir aber bis zur Schwelle entgegen und bat mich einzutreten. Ich folgte. Es zog auf dem Hofe empfindlich; nichts destoweniger wär’ ich lieber draußen geblieben, so stickig war die Luft des kleinen Zimmers, in dessen einer Ecke ich Platz nahm. Ein eiserner Ofen, gegen dessen ganzes Geschlecht ich eine Todfeindschaft unterhalte, stand glühend in der Mitte und das Kohlengas legte sich wie betäubend um meine Sinne. Ich wurde aber mit Gewalt aus diesem Zustand gerissen; ein elegant gekleideter Herr, stark, kurzhalsig, das Bild des Apoplektikus, erschien in der Thür und trat auf mich zu. Er musterte mich; das Kinn saß ihm in einem türkisch geblümten Shawl, das bekannte rothe Band blühte im Knopfloch; so entspann sich folgende knappe Unterhaltung:
Vous êtes arrêté?
Oui.
Où donc?
A Domremy.
Comme espion?
Oui.
Que vous êtes?!
Ich hatte nicht Geistesgegenwart genug, einfach zu schweigen, sondern lehnte diese Bezeichnung kurz ab. Dies war offenbar ein Fehler. Indessen man ist klüger, wenn man vom Rathhause kommt. Die Unterredung selbst habe ich hierher gesetzt, weil sie die einzige Insolenz ist, der ich während der ganzen Zeit meiner Gefangenschaft ausgesetzt gewesen bin. Ich hatte viel zu ertragen, auf noch mehr zu verzichten, aber nach dieser Seite hin wurde ich geschont.
Inzwischen hatten die Beamten, denen mein Patent wieder viel Sorge gemacht hatte, über mich »befunden« und waren schlüssig geworden, daß ich, in meiner Eigenschaft als »officier supérieur«, in der Infirmerie des Hauses untergebracht werden solle. Man entschuldigte sich einigermaßen, daß man nichts Besseres habe; das ganze Gefängniß sei ein alter Donjon der Grafen von Bourbon; sehr mittelalterlich, eine Art »Bastille«. »Tout-à-fait dans le style avant 1793«, setzte der Eine lächelnd hinzu.
Wir stiegen nun eine Art Wendeltreppe hinauf, wie sie alle alten Thürme haben, geriethen auf einen holprigen Steinflur, der von der Seite her durch ein kleines rundes Thürfenster ein spärliches Licht erhielt, und tappten nun auf eben diese Lichtstelle zu. Es war die »Infirmerie«. Der Schließer schob einen Riegel zurück und wir traten ein. Ich konnte im ersten Augenblick, bei dem Dunkel, das auch hier noch vorherrschte, nur wahrnehmen, daß wir uns in einem ungewöhnlich großen Raum befanden; ob Saal, Halle, oder Kornboden war zunächst nicht zu unterscheiden. Schreck und Heiterkeit wechselten in meiner Stimmung; alles war gespenstisch und lächerlich zugleich. E. T. A. Hoffmann hätte hier eine glückliche Stunde feiern können. Auch in mir überwog bald ein gewisses poetisches Interesse jede andere Regung. Der Schließer führte mich an einen Bettstand, der für mich hergerichtet worden war, legte mein Gepäck zu Füßen und wünschte mir gute Nacht.
Ich setzte mich neben mein Bündel auf die Eisenkante des Bettes, um zunächst einige Orientirung zu gewinnen. Dies dauerte auch nicht lange. Es war eine mächtige, quadratische Halle, in der ich mich befand, mit tiefen Fensternischen und zahlreichen Bettständen; alle mit dem Kopfende der Wand zu. Mitten durch den Raum, nach Art einer Brücke, war ein großer Bogen gespannt, der ein zweites Stock trug. Unter diesem Bogen, genau im Centrum des Ganzen, stand ein flacher Kochofen, aus dessen drei Löchern ein Lichtschein aufstieg, derselbe, der uns, als wir noch draußen umhertappten, den Weg hierher gezeigt hatte. Jetzt sah ich, bei eben diesem Schimmer, daß drei vermummte Gestalten um den Ofen her saßen. Mitunter, wenn einer der drei mit einem Schüreisen in die Gluth fuhr, wurd’ es auf einen Moment etwas heller und ich konnte dann erkennen, daß es blutjunge Leute waren, die hier fröstelnd und zusammengekauert sich an der spärlichen Gluth zu wärmen suchten. Ich trat jetzt an sie heran. Einer erhob sich, um mir seinen Stuhl anzubieten, was ich auch annahm. Ich versuchte nun eine Conversation; die Antworten blieben aber einsilbig, bis aus einer Ecke am Fenster her endlich meine Unterhaltungsversuche aufgenommen und ich verbindlich eingeladen wurde, »doch mehr ins Licht zu rücken«.
Dies hätt’ ich nun wohl gleich bei meinem Eintreten gethan, wenn die Ecke am Fenster damals schon eine Lichtecke gewesen wäre; sie war es aber erst während der letzten Minute geworden, wo, nach mehreren gescheiterten Versuchen, eine Art Küchenlampe glücklich in Brand gesetzt worden war. Ich dankte jetzt dem Sprecher zunächst und rückte dann in den Lichtkreis ein, der einen Durchmesser von 4 Schritt haben mochte; alles andere lag nach wie vor in Dämmer.
Ich befand mich nunmehr in dem Westend der Infirmerie, in dem »aristokratischen Viertel«, das, wie ich bald erfahren sollte, ausschließlich aus den beiden »cuisiniers« des Gefängnisses bestand. Im ersten Augenblicke wußte ich nicht, ob sie Haus-Beamte oder Mitgefangene wären, doch ließen ihre eigenen Mittheilungen mich nicht lange in Zweifel darüber. Mein- und Dein-Fragen, falsche Wechsel, unmotivirte Schwüre, so schien es mir, hatten sie hierher geführt. Es war ein Junger und ein Alter. Der Junge war Koch von Fach, hatte in Homburg, Aachen, Baden-Baden die große Schule durchgemacht und peinigte mich durch lange Schilderungen des Koch- und Bade-Lebens, die er mit Fistelstimme und einer unheimlich geschraubten Begeisterung vortrug. Gemüthlicher war der Alte. Er war über sechszig, trug eine Brille mit ungewöhnlich großen Gläsern und war seines Zeichens ein lateinischer Sprachlehrer aus Moulins. Seit Jahr und Tag kochte er nun als Auxiliar-cuisinier die Gefangenensuppe und behandelte den Wechsel der Dinge en philosophe. Dabei republikanisirte er scharf. Ich mußte immer an »Vater Karbe« denken. Den Verdacht, daß er eigentlich ein verkleidetes altes Weib sei, was das Gespenstische steigerte, bin ich übrigens nie ganz los geworden. Doch mag das auf sich beruhn.
Dieser Alte dirigirte nun die Infirmerie. Er hatte Streichhölzer, Salz, zwei Handtücher und ähnliche Luxusartikel; sein eigentliches Ansehn beruhte aber doch auf seiner »Bibliothek« und vor allem auf jener Küchenlampe, die ich ihn eben hatte anzünden sehen. Diese Lampe wurde denn auch von ihm selber, wie von allen Mitgefangenen gehegt und gepflegt; alles putzte an ihr herum, um sie hübsch blank zu erhalten, und rührend war es geradezu, mit welcher Liebe und Zartheit ihr defekter Cylinder behandelt wurde. Anderthalb Stunden lang, wie ich mich am andern Tage überzeugen konnte, drehte sich alles um ihn. Der Cylinder (ein sogenannter Bauchcylinder) hatte nämlich außer den ihm rechtmäßig zustehenden zwei Löchern oben und unten, noch zwei Seitenlöcher gerade an der Bauchstelle und diese Havarie immer wieder auszubessern war die Aufgabe aller Insassen der Infirmerie, besonders der beiden Cuisiniers. Es wurden zwei Stückchen Papier geschnitten von der Größe einer Kartoffelscheibe und am Rande hin mit angefeuchteten Oblatenschnitzeln besetzt. Dies kunstvoll hergerichtete Pflaster wurde dann auf die große Wunde gelegt, der gestörte Luftzug war nun wieder hergestellt und alles drängte sich an den Tisch, um das abermals gelungene Werk zu begrüßen. So war es am zweiten Tag.
Auch gleich der erste Abend, trotzdem alles schon geschehen war, ließ mich noch Einblick gewinnen in eine »Reparatur«. Der Alte, der (schon von Metier wegen) an Klassizität meinem penseur libre in Besançon wenig nachstand, unterhielt mich eingängig noch eine halbe Stunde; dann ging ich zu Bett. Am Fenster brannte das Lämpchen und hatte seinen Lichtkreis. In diesem Lichtkreis saß der lateinische Lehrer und Auxiliar-Koch und las in Rabou’s »La grande Armée«. Weißhaarig, die große Brille auf der großen Nase, sah er aus wie eine Eule. In dem weiten Rest des Zimmers herrschte Dämmerung. Das Feuer in dem Kochofen wurde immer kleiner; wenn einer der drei Umsitzenden aufstand und auf und ab schritt, tanzten riesige Schatten an Wand und Decke hin. Es war wie die Laterna magica in Kindertagen. Das Getrappel über uns, wo Gefangene auf und ab liefen, um sich zu erwärmen, hörte endlich auf; alles wurde still. Nur die Cylinderlampe brannte dankbar die Nacht hindurch.
Als ich aufstand, waren die Cuisiniers nicht mehr zugegen; der Küchendienst hatte sie bereits abgerufen. Statt ihrer machten sich jetzt die Drei, die am Abend vorher beim Kochofen so tapfer ausgehalten hatten, im Zimmer zu schaffen, wuschen, fegten, lüfteten und beeilten sich, mir meine Wünsche zu erfüllen, mein Leben erträglich zu machen. Ich ließ Wein und Cognac kommen, und half dadurch ihrem Eifer nach. Sie versicherten sämmtlich, daß ihre Krankheit (wir waren ja in einer »Infirmerie«) darunter nicht leiden würde. Der eine, ein Luxemburger, hatte die Gelbsucht. Ich lasse dahin gestellt sein, ob der Hausarzt später die Zustände gerade dieses Patienten verbessert gefunden hat.
Um 10 Uhr war ich so weit, mich, ein Buch in der Hand, in eine der großen Fensternischen setzen zu können. Diese Nischen hatten über 7 Fuß Tiefe. Zu Füßen des alten Donjon lag Moulins, jetzt so schön und lachend, wie ich es mir vordem gedacht hatte. Um die goldenen Spitzen seiner Cathedrale spielte das Frühlicht und durch den Schimmer hin flogen die Tauben.
Ich begann zu blättern. Es war das Buch, das der Alte bis spät in die Nacht hinein emsig studirt hatte: »La grande Armée«. Ich las 50 Seiten: das Lager bei Boulogne, die Capitulation von Ulm, Austerlitz, zuletzt Jena, — nach diesem hatte ich genug; ich war verstimmt. Und ich glaube mit Grund. »Solche Bücher,« sagt’ ich mir, »schreibst Du selbst. Sind sie ebenso, so taugen sie nichts. Die bloße Verherrlichung des Militairischen, ohne sittlichen Inhalt und großen Zweck, ist widerlich.« Damit klappte ich das Buch zu und sah wieder auf die Cathedrale hinüber.
Dann machte ich meinen Spaziergang von Thür zu Fenster und von Fenster zu Thür, bis um Mittag die ersehnte Nachricht kam, »morgen früh weiter ins Land hinein«. Wohin, wußte Niemand.
4. Gueret.
Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt
Verschwinden? der dem Schwachen beisteht,
Der den Neid nicht kennet, denn er ist der Größte!
(Jungfrau von Orleans.)
Nach meiner Berechnung mußte die Weiterreise auf Tours gehen, also nach dem Sitz der »provisorischen Regierung«. Ich wünschte dies, und hatte bereits eine Anrede an den Minister Cremieux fertig, der dann, dacht’ ich, seinem Collegen Gambetta ein paar Worte zuflüstern und nach zustimmendem Kopfnicken dieses letztern, meine Freilassung anordnen würde. All dies scheiterte aber vorweg an einer unerbittlichen Thatsache: es ging nicht auf Tours. Die nächste Etappe hieß Gueret.
Die Fahrt dorthin war insoweit eine höchst angenehme, als das Landschaftsbild, das ich zum Beginn des vorigen Kapitels zu beschreiben versucht habe, sich fortsetzte. Dicht in einander geschobene Berg- und Hügelpartien, schmale Wiesengründe, Wasserläufe, dazwischen Tunnel, Brücken, Viadukte, die Kuppen und Abhänge mit Kastanien, Nußbaum und den verschiedensten Obstarten, aber nicht mit Weingeländen besetzt, — so ging es durch diese schönen, aber verhältnißmäßig wenig fruchtbaren Landschaften hin, die den Namen des Departements »La Creuze« führen.
Am Mittag schon, bald nach 1 Uhr, trafen wir in Gueret ein. »Ein freundliches Städtchen«, hatten uns die Gensdarmen gesagt, die ihrer Sache selbst so sicher waren, daß sie die Karabiner, die mir immer mehr fürs Volk als für uns da zu sein schienen, auf dem Bahnhof ließen, also uns nahezu unbewaffnet in die Stadt begleiteten. Diese steckte reizend in den Bergen; hier und dort wuchs ein Thurm, eine Esse über die Pappeln hinaus und graue Rauchwolken lagen wie schwebend, fast unbeweglich, in der stillen, regenschweren Luft. Wir passirten eine Plantage, einzelne Gehöfte, Niemand zeigte sich; mit dem Eintreten in die Stadt aber gestaltete sich das Bild wie immer. Hunderte von Jungen, die in dem scheinbar menschenleeren Ort wie Pilze aus der Erde wuchsen, umdrängten uns im Nu, alte Weiber, von denen jedes einzelne in eine beliebige Macbeth-Aufführung ohne die geringste Kostüm-Veränderung hätte eintreten können, erschienen in allen Thüren und unter dem Geschrei: Bismaarck, Bismaarck (immer mit langgezogenem a) verschwanden wir endlich im Gefängnißthore. Ich muß übrigens hinzufügen, daß das Ganze doch mehr den Charakter einer Volksbelustigung hatte. Gueret bezeichnete in dieser Beziehung die Grenze. Von da ab wurde es immer besser, bis zuletzt, auf dem Küstenstriche des Westens, jeder Beisatz von Verbissenheit aufhörte.
Das »Büreau« des Gefängnisses bestand aus drei Personen, aus dem Schließer, dem gardien-chef und der Frau dieses letzteren, einer großen braunäugigen Person von etwa sechsunddreißig, die nach der Art, wie sie uns musterte, eine Vergangenheit haben mußte. Selbst mit einer Lücke neben dem einen Augenzahn wußte sie geschickt zu kokettiren; sie gehörte eben zu denen, denen alles dienen muß, die oberen und die unteren Mächte. Ihr Beistand schien mir gewichtig. Ich machte einen Versuch, mich ihrer zu versichern, doch hatte sie Verstand und Erfahrung genug, um einen jungen Badenser mit Vollbart und rothen Backen vorzuziehen.
Inzwischen war mein vielcitirtes Beglaubigungspapier (»comme officier supérieur«) wieder vorgezeigt worden und schuf hier eine völlige Verwirrung. Man wußte offenbar nicht, was man daraus machen sollte. Die ganze Scene erinnerte mich lebhaft an die Vorgänge, die sich in kleinen Badeörtern mit Filial-Apotheken regelmäßig zu wiederholen pflegen, wenn Lehrling, Gehülfe, Prinzipal das aus der großen Stadt kommende Rezept nicht entziffern, das neueste Modemittel nicht errathen können und nach langem Getuschel und Aufwand einiger Fremdwörter endlich erklären: ein solcher Arzneikörper existire nicht. So schien auch der gardien-chef entschlossen, nicht geradezu die Existenz eines officier supérieur, aber doch die Verpflichtung seinerseits bestreiten zu wollen, in seinem Gefängnisse einen solchen unterzubringen. Man kam endlich überein, gar nichts zu thun und mir die Initiative zu überlassen.
Wir stiegen nunmehr die Treppe hinauf; ein großer viereckiger Raum wurde geöffnet, die Badenser traten ein und man wartete ersichtlich, ob ich folgen würde. Ich folgte aber nicht. Dies machte einen Eindruck, und in rascher Ausnutzung des Moments bat ich jetzt um ein apartes Zimmer. Man weigerte sich auch nicht, blieb aber der Rolle treu, Alles der historischen Entwickelung zu überlassen, und ließ mich zunächst, das Weitere abwartend, in eine nebenangelegene Zelle eintreten. Sie war absolut kahl. Ich sagte ruhig: ah, c’est bon; seulement la fourniture là, — elle n’est pas très complète. Dieser Hohn wirkte; der gardien-chef lächelte verlegen, und ehe er sich noch besinnen konnte, schob ich ein: du feu me paraît indispensable; naturellement je le payerai. Das war das erlösende Wort und ohne Säumen wurde ich nunmehr in ein drittes Zimmer geführt, das als Schmuckkästchen der Gesammtlokalität zu gelten schien. Es war gewiß auch das beste, was man hatte, aber immer noch trist genug. Das Bett bestand aus einem Strohsack, der Kamin war ein großes schwarzes Loch und das Geflecht des Binsenstuhls hing wie ein Strohwisch nach unten. Es wirkte beinahe unheimlicher als der Nachbar-Raum; dennoch hatte ich nach gerade Erfahrung genug, um gleich zu erkennen, daß hier die Elemente zur Entwickelung gegeben waren. Es kam nur auf die rechte Hand an. Ich stellte mich also vor den Schließer hin, versicherte ihm, daß ich einen starken Appetit hätte und ihn bitten müsse, mir ein Diner und eine Flasche vom besten Wein zu bestellen. Ich fügte einen Frank für seine vorläufige Bemühung hinzu. Ersichtlich betroffen, willigte er ein. In der Thür rief ich ihn zurück und flüsterte vertraulich: Sie sorgen wohl für ein Feuer und ein gutes Bett. Er versprach Alles. Ich hatte meinen Zweck erreicht. Diner und Wein, die mir gleichgültig waren, fielen ihm schließlich als gute Prise zu, aber drei wollene Decken sah ich sich über die Matratze breiten und im Kamin flackerten und prasselten alsbald die großen Scheite von Kastanienholz. Eine Stunde später war das Zimmer wie umgewandelt. Ich saß auf dem Stuhl, der sein Geflecht wieder gewonnen hatte, wiegte mich hin und her und blickte träumend in die immer ruhiger werdende Flamme. Liebe, freundliche Gesichter traten mir entgegen; ich sah deutlich die großen klugen Augen meines Lieblings; es war mir, als spräch’ es lieb und traut in mein Ohr. So saß ich im Gefängniß zu Gueret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.
O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.
Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Werth,
Weil man’s nicht mehr erhoffen mag
Daß so die Stunde wiederkehrt.
Die Fluth des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh’, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;
Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, daß uns keine fehlt
Und gönn’ uns jede Stunde ganz.
Der andere Morgen war hell und sonnig; aber ein scharfer Wind pfiff. Ich mußte trotzdem in den Hof hinunter, um meine Morgentoilette zu machen. Es war also immer noch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. An einem steinernen Brunnentrog badete ich den Oberkörper; eine »Brosse à dents« und ein geschliffenes Flacon mit Esprit de Menthe (Souvenirs von Langres her), die ich beide auf den breiten Rand des Steintrogs legte, nahmen sich in dieser Umgebung ziemlich wunderlich aus.
Etwa um 10 Uhr erhielt ich Besuch, der dann fast bis zum Moment meiner Weiterreise keinen Augenblick abriß. Der erste, der erschien, war ein Arzt, ein Mann von etwa sechszig, klugen Auges, mit Doktorhut und Doktorstock. Er habe gehört, so führte er sich ein, daß ich aus Berlin sei; »ob ich den berühmten Professor Wirscho kenne«? Ich stutzte einen Augenblick, fand mich aber schnell zurecht und erkannte, daß unser Virchow gemeint sei. Das gab nun ein Hin und Her. Er sprach lebhaft und voll Verbindlichkeit gegen die Deutschen, deren Wissenschaftlichkeit er auf allen Gebieten anerkannte. Auch in der Medizin. Nach so viel empfangenem Lob, glaubte ich schließlich auch ein Uebriges thun zu müssen und bemerkte, »daß die Pariser Schule wohl ebenbürtig sei«. Dies machte indessen gar keinen Eindruck auf ihn, und nur zum Zeichen, daß er meine Worte wohl verstanden habe, begann er seinen nächsten Satz mit der leichthingeworfenen Bemerkung: »naturellement, l’école de Paris c’est la première du monde« und fuhr dann in seinen Auseinandersetzungen, namentlich in einer Parallele zwischen Virchow und anderen deutschen Physiologen fort. Es war spezifisch französisch. Ich bemerke noch, daß er sich lebhaft nach dem Dr. Jacoby in Königsberg erkundigte, der überhaupt, neben Bismarck und Moltke, die in ganz Frankreich am meisten besprochene Persönlichkeit war. Jeder kannte ihn und Jeder knüpfte Hoffnungen an ihn. Der Ertrinkende greift nach einem Strohhalm.
Sehr bald nach dem Doktor erschien der Vicar. Ein großer, schöner Mann, blond, von den freundlichsten Augen und dem gefälligsten Wesen. Ueberhaupt war ich von hier ab in keinem Gefängniß mehr, in dem ich nicht den Besuch eines Geistlichen, oft von zweien, empfangen hätte. Dies ist eine sehr schöne Sitte. Freilich müssen die Geistlichen danach sein. Wenn sie kommen, um einem die Hölle heiß zu machen, oder auch nur, um einen Sermon zu halten, steif, langweilig, salbungsvoll, so sind sie unerträglich, wenn sie kommen, wie diese französischen Aumoniers, so kann kein Herz so roh, so verschlossen, so religionslos sein, daß es nicht Freude empfände an so menschlich schönem Zuspruch.
Dieser Vicar war nun von einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit, fein, klug, unterrichtet. Schade, daß ich erst um eine Stunde später erfuhr, wer er eigentlich war; unsere Unterhaltung würde sonst einen noch freieren Verlauf genommen haben. Er lenkte nämlich bald ins Politische hinüber, verwarf das Empire in lebhaften Ausdrücken, ein Bild 20 jähriger Corruption vor mir entrollend, beleuchtete dann die Republik, die in Frankreich eigentlich ohne wahren Boden, vielmehr abwechselnd ein Schatten oder ein Schrecken sei und versicherte mich dann einmal über das andere, daß alles Heil lediglich in Wiederanknüpfung an den abgerissenen Faden, lediglich in Legitimismus, in Henri-quint zu finden sei; der Orleanismus werde dann später (durch die Verhältnisse legitim geworden) die große Erbschaft antreten. Wie mir das im Ohr klang! Nach dem wüsten Geschrei in Lyon und Moulins endlich wieder eine Menschenstimme! Ich fühlte mich wie mir selbst zurückgegeben und vergaß fast, daß ich in einem Gefängniß sei. Ich sage »fast«. Es wäre besser gewesen, ich hätt’ es ganz vergessen; neue weitere Aufschlüsse würden der Lohn gewesen sein. Aber ich konnte das alles in jenem Augenblick nicht wissen! Neben dem lebhaftesten Interesse, mit dem ich folgte, lief doch immer wieder die Frage her: Wer ist es, der diese Sprache führt. Will man dich aushorchen? Sollen sich neue Verlegenheiten für dich bereiten! So blieb ich vorsichtig, abwägend, auf meiner Huth, ich bekämpfte sogar einzelne seiner Sätze, Auslassungen über Henri-quint, die ich wenigstens prinzipiell ohne Weiteres hätte unterschreiben müssen. Wie gesagt, ich hätt’ es rückhaltlos wagen können. Der junge Vikar, der anderthalb Stunden lang die Grundsätze der Legitimität vor mir verfochten hatte, war ein Vicomte d’Ussel, ein jüngerer Sohn der gleichnamigen, im Departement la Creuze begüterten Grafen-Familie. Der Legitimismus der Familie war übrigens kein Geheimniß; ihr Ansehn nur um so größer. Der Respekt, mit dem ich, noch am andern Tage, ein halbes Dutzend Personen darüber sprechen hörte, war sehr unrepublikanisch.
Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen, daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von Confessions wegen bereits Erlebte, von Nationalitäts wegen noch einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf dem Wege nach Poitiers.
5. Poitiers-Rochefort.
Jetter. Diese Kerle sind wie Maschinen,
in denen ein Teufel sitzt.
sie so bald Brüderschaft mit uns trinken
würden.
Egmont.
Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und Namensklang zu bauen.
Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß ein Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm; man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung, Benehmen eher ein »Brigadier« in unserem, als in französischem Sinne war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet, dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens 40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden, klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber entschieden abgelehnt. Ich war ihr Gast, nicht sie die meinigen. Dazu ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu sprechen. Wenige, die nicht die Solferino-Medaille trugen. Alle die liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt; — dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie später, als sich die aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.
Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht einzulassen.
All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs, wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch (natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.
Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in Poitiers, wie überhaupt. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt, nie schlechter Laune und sind mir nach dieser Seite hin geradezu als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse Wohlerzogenheit oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener humaner Zug, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom Metier, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war Dienst und damit abgemacht.
Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl, der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65) Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan, der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.
Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich — und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach Rochefort. Die Fahrt war der vom Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11 Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid, ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und erfroren sei.
6. Marennes.
Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei
Nur fliegt die Wandergans vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Th. Storm.
Gebt uns ein Lied!
»Wenn ihr begehrt, die Menge.«
Faust.
Bedrückend, wie der Traum, war das Erwachen. Bleiern lag es um meine Stirn; als ich mich erheben wollte, fiel ich kraftlos zurück, das Gespenst des Nervenfiebers stand vor mir. Wer einmal das Heraufziehen dieses schweren Gewitters an sich beobachtet hat, behält eine Erinnerung davon auf Lebenszeit. Ich kam aber drüberhin; wahrscheinlich hatte mich der Kohlendampf vom Tage vorher nur betäubt und ließ meinen Zustand schlimmer erscheinen als er war. Es war Mittag, als ich in den Hof hinunterstieg, um mich in frischer Luft zu erholen.
Ich mochte während dieses Spaziergangs auf alle die mich sahen einen ziemlich tristen Eindruck gemacht haben, denn bei meiner Rückkehr in den großen Corridor überraschte mich die Meldung, daß ich umquartiert worden sei. Der Direktor habe es so angeordnet. Ich ging, um zunächst meinen Dank auszusprechen und stieg dann treppauf in meine neue Behausung. Es war das Arbeits- und Wohnzimmer des Sohnes (jetzt bei der Armee in Paris), das man mir eingeräumt hatte und der langentbehrte Anblick des Wohnlichen that mir in diesem Augenblick der Erschöpfung und des Kleinmuths unendlich wohl. Der Gesunde kann diese Dinge leicht entbehren, dem Kranken sind sie ein Labsal. Ein Schreibtisch, ein Bücherbrett, ein paar Bilder, über die Fliesen waren Teppichstreifen gelegt; im Kamin brannte ein hohes Feuer, auf dem Sims standen ein paar Vasen, dazwischen ein Spiegel. Ich sah hinein. Das erste Mal seit 5 Wochen! Ich konnte nicht finden, mich verbessert zu haben.
Zu Seiten des Kamins stand ein breiter Stuhl, ein gesticktes Kissen war in die Rückenlehne gelegt. Ich suchte unter den Büchern, wählte eine »Archéologie chrétienne« und rückte nun vor das Feuer. Von Notre-Dame und der Reimser Kathedrale lesend, vergingen die Stunden; ehe noch der Abend kam, war ich genesen. Der Direktor erschien, um nach meinem Befinden zu fragen. Wir sprachen von unseren Söhnen, der seine in Paris, der meine davor; die Väter saßen hier friedfertig bei einander. Wir kamen auch auf das Gefängnißwesen. »Das Reglement ist gut, aber kein Reglement erschöpft alle Fälle und Möglichkeiten; es heißt eben auch da: der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig.« Wie sehr empfand ich die Wahrheit alles dessen. Einer solchen ideellen Auffassung ihres schweren und wichtigen Berufs bin ich bei den französischen Gefängnißvorständen mehrfach begegnet. Sie erkannten ihre Pflicht darin, zu erheben, nicht niederzudrücken; keine Sentimentalität, aber Humanität. Alle diese Männer empfanden sich als Träger einer Aufgabe und nahmen eine Stellung zu dieser.
Die Insel Oléron, für die wir, meine badischen Mitgefangenen wie ich selbst, bestimmt waren, konnte von Rochefort aus zu Schiff, die Charente hinunter, ohne weitere Zwischenstationen in höchstens vier, fünf Stunden erreicht werden; die Behörden zogen es aber vor, uns — unter Ausschluß dieses Flußweges — so weit wie möglich den Land weg machen zu lassen, d. h. also, bis zu einem äußersten, vorspringenden Punkte hin, dem dann die Insel auf kaum Kanonenschußferne gegenüber liegt. Diese Bevorzugung des Landweges vor dem Wasserwege schuf uns noch eine Etappe. Diese Etappe war Marennes.
Der Weg von Rochefort bis Marennes betrug wenig über zwei Meilen; es war also eine gute Gelegenheit gegeben, unser durch Eisenbahnfahrten nur mäßig in Circulation gehaltenes Blut durch einen vierstündigen Marsch wieder frisch und umlaufslustig zu machen. Die Nachricht davon wurde auch mit allgemeinem Jubel aufgenommen; ich als »officier supérieur« indeß erhielt die Zusicherung eines Wagens, womit ich denn auch, trotz aller Wertschätzung energischen Blutumlaufs, schließlich sehr einverstanden war.
Um 9 Uhr setzte sich die Colonne in Bewegung. Ich sage absichtlich die Colonne, denn wir waren am Tage vorher durch zwölf andere Gefangene, meist Matrosen und Schiffsjungen, verstärkt worden und musterten jetzt im Ganzen 18 Mann. Es war ein vollständiger Zug. Erst 2 berittene Gensdarmen, dann mein Fuhrwerk, dann die Colonne, dann wieder Gensdarmen, dann Volk. So ging es bei schönstem Wetter aus Rochefort hinaus; die Luft war frisch, aber nicht scharf, die Sonne fiel auf die generalsartigen Wachstuchhüte der Gensdarmen und ließ diese hell erglänzen. Die Stimmung aller war wie der Morgen.
Ich marschirte eine Viertelmeile mit, weil ich, zunächst wenigstens, wie alle anderen das Bedürfniß nach Bewegung hatte, dann nahm ich meinen Platz auf dem Gefährte ein. Es war ein zweirädriger Bau, von dem ich unentschieden lasse, ob der Verbrecherkarren oder die norwegische Carriolpost in ihm vorwog; was das Balancirbrett anging, das dem Kutscher und mir als Sitz diente, so war es ganz und gar skandinavisch, nur der Skudsjunge fehlte. Statt dessen hatte auf dem rechten Brettflügel ein Alter in einem Schafpelz mit langhaariger Ziegenfell-Pellerine Platz genommen. Dies sah unendlich komisch aus. Er plauderte viel, aber sehr geschickt und suchte namentlich alle langen Sätze zu vermeiden, ganz ersichtlich, um mir die Conversation zu erleichtern.
So ging es fast eine Meile, wo wir in einem großen Dorfe, ich glaube St. Agnair, eine erste Rast machten. Die Auberge hatte ganz den Charakter einer spanischen Posada; alles war räucherig und geschwärzt, ein Hängekessel über dem Feuer, Heiligenbilder, die Weiber alt und häßlich, und inmitten dieser Wüstheit ein großes Bauer mit Canarienvögeln, deren hellgelbes Gefieder wunderbar kontrastirte mit dieser Fülle von Schwarz und Rauch. Ich bestellte Kaffee und gerieth beim Anblick einer großen Kaffeemühle, die herbeigeschleppt wurde, in solche Freudigkeit, daß ich auf einem Schemel am Feuer Platz nahm und energisch zu drehen begann, während in das Gesumm des brodelnden Wassers hinein die Scheite knackten und die Canarienvögel sangen.
Nach einer guten halben Stunde ging es weiter, immer in demselben Aufzuge. Das landschaftliche Bild aber wurde von hier ab ein völlig anderes. Bis St. Agnair hin waren wir durch eine einfache Flachlandsgegend gezogen, die ebenso gut auch bei Alt-Landsberg oder Jüterbog hätte liegen können; jetzt erst traten wir in ein Terrain ein, das diesen Küsten eigentümlich ist, in die »Marais« (Meersümpfe), angeschwemmtes, dem Meere entwachsenes Land, das aber immer noch zweilebig geblieben ist und in seinem Luch- und Sumpfcharakter nicht recht weiß, wozu es sich halten soll. In anderen Gegenden ist dies angeschwemmte Land, wie beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Westküste, ein vorzüglicher, die besten Ernten gebender Boden, hier aber erweist er sich als stumpf, lehmarm, unfruchtbar und trägt nur eine kümmerliche Kruste, gerade stark genug, um ein mittelmäßiges Gras zu produciren und eine ziemlich ausgedehnte Viehzucht zu gestatten. Dabei ungesund wie alle Sumpfgegenden.
Die schon mit südlicher Kraft wirkende Sonne an diesem Küstenstriche hat es aber doch ermöglicht, in diesen »Marais« eine eigene Industrie groß zu ziehen, die nicht nur vielfach die Bevölkerung nährt, sondern auch landschaftlich diesen Gegenden einen besondern Stempel aufdrückt. Das ist die Seesalzfabrikation. In große flache Teiche wird, mit Hülfe der Fluth wenn ich nicht irre, das Seewasser geleitet und durch den einfachen Prozeß der Verdunstung auf Seesalz hin bearbeitet. Mit großen Krücken, den »râbles«, werden die Krystalle herausgefischt und dann in daneben befindlichen, meist backofenartigen Strohhütten aufbewahrt. Auf Meilen hin sieht das Auge nichts wie Wiesen, Teiche und Strohdächer. Sehr monoton, aber sehr eigenthümlich.
Nach abermals anderthalb Stunden erreichten wir eine scharfe Biegung der Chaussee, die Straße begann ein wenig zu steigen und der Thurm von Marennes, eine hohe gothische Spitze, wurde sichtbar. Wir hatten von dieser Wegebiegung aus nur noch eine gute halbe Stunde; das belebte wieder. Die etwas aus Schritt und Tritt gekommene Colonne ordnete sich, die Gensdarmen, die sich nach deutschen Kommandos erkundigt hatten, kommandirten unter Lachen: »links, rechts, links, rechts«, und von der Front her erscholl jetzt der Ruf: singen. Ich drehte mich um und nickte ihnen zu, wurde aber in demselben Augenblick von dem bangen Gedanken erfaßt: was wird es jetzt geben? was wird gesungen werden? Richtig, die Wahl überstieg noch meine kühnsten Erwartungen; ein Badenser intonirte: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, und die Matrosen fielen sofort heiser und wehmuthsvoll ein: »daß ich so traurig bin«. Sie waren aber alles andere eher wie traurig; namentlich der eine, ein bildhübscher Kerl, der unserem Steffeck in seinen besten Tagen wie ein Zwillingsbruder ähnlich sah, hatte in St. Agnair dem »vin blanc« erheblich zugesprochen und hin und her wankend machte er jetzt allerdings den Eindruck einer gewissen Auflösung, aber nicht in Schmerz.
Endlich war man mit allen Versen durch, eine kleine Räusperungspause trat ein, die uns bis auf 1000 Schritt an die im Mittagslichte hell daliegende Stadt führte. Ein Wäldchen, Birken und Eichen, eine sauber gehaltene »Plantage«, lag uns bereits zur Rechten und schon begannen einzelne Spaziergänger sich unserem Zuge anzuschließen. Das gab neuen Künstlermuth, und siehe da, ein alter anhaltiner Marketender, der beim Butteraufkauf in der Nähe von Laon von Franctireurs gefangen genommen worden war, kommandirte jetzt mitten aus der Colonne heraus: »Die Wacht am Rhein.« Ich mußte laut auflachen. Eine auf die größte Dummheit gesetzte Prämie hätte keine bessere Wahl zu Stande bringen können. Die Colonne war aber so unkritisch wie möglich; ein halbes Dutzend Stimmen unterstützten die Forderung, und unter der in jeder Strophe auf’s Neue abgegebenen Versicherung, daß »lieb Vaterland ruhig sein könne«, zogen wir, hundert Meilen westwärts des Rheins, als Kriegsgefangene in Marennes ein. Die halbe Stadt hatte sich schon vorher uns zugesellt. Es war, wie wenn die Puppenspieler irgendwo einziehen. Ich als Direktor. Mein Alter mit der Ziegenfell-Pellerine sah aus wie der Zauberer der Gesellschaft. Unzweifelhaft erstes Mitglied.
Das Gefängniß nahm uns auf; Besuche kamen, wir waren weit mehr eine Sehenswürdigkeit, als wie Feinde. Der Souspräfekt begrüßte mich; ein feiner, blaß und kränklich aussehender Herr, der mich lebhaft an Mr. Cialandri, den Souspräfekten in Neufchateau, erinnerte. Was lag alles dazwischen! Tod und Leben.
Wir hatten ziemlich freie Bewegung, jede kleine Annehmlichkeit wurde gewährt, freilich für Summen, die an’s Lächerliche grenzten. Ich bezahlte ein Hammelcotelett wie ein Diner bei Very. Gegen Abend erschienen der Maire und sein erster Secretair in meiner Zelle. Es kam Licht; die beiden Herren nahmen auf einer Bank Platz, ich auf dem Bettrand; so plauderten wir. Sie waren, als Schäfer verkleidet, bei Sedan von den Preußen gefangen genommen worden und hatten beide auf dem Punkte gestanden, ihre Schlachten-Amateurschaft mit dem Leben zu bezahlen. Herzog Wilhelm von Mecklenburg hatte sie gerettet und freigegeben. Da waren sie nun wieder in Marennes. Als Dritter im Bunde saß ich daneben! Meine Amateurschaft für romantische Plätze hatte mich auf französischer Seite in dieselbe bedrohliche Situation gebracht. Wir tauschten unsere Erlebnisse aus, zugleich unsere Befriedigung darüber, daß wir es überhaupt noch konnten.
Dann trennten wir uns, der Schließer entschuldigte sich, daß er »schließen« müsse; eine halbe Stunde später schloß ich die Augen. In der Nacht horchte ich auf, ob ich nicht den Wogengang des »Atlantic« hörte, dem ich jetzt auf eine halbe Stunde nahe war. Mitunter schien es mir, als rausche und grüße es herüber. Aber es war nur der Wind, der durch den Kamin fuhr.
Ile d’Oléron.
1. Die Insel Oléron.
Auf dem erhöhteren Fels erscheint ein zerfallenes Vorwerk,
Mit Schießscharten versehn, sei’s, daß hier immer ein Wachtthurm
Ragte, den offnen Strand vor Algiers Flagge zu hüten,
Sei’s, daß gegen den Stolz Englands und erfahrene Seekunst
Erst in der jüngeren Zeit es erbaut der Napoleonide.
Platen.
Zwischen den Mündungen der Loire und Gironde, aber mehr in Nähe dieser letzteren, buchtet der atlantische Ocean ziemlich tief ins Land hinein und schafft hier eine Küstenformation, die eine Landung des Feindes begünstigt. Es handelte sich also seit lange darum, das Land an dieser verwundbaren Stelle fest zu machen. La Rochelle und Rochefort, die an dieser Bucht gelegen sind, wurden Festungen. Dies genügte aber nicht. Die Annäherung mußte bereits erschwert werden und hierzu boten die vorgelegenen Inseln die beste Gelegenheit. Die kleineren wurden ihrem ganzen Umfange nach in Forts verwandelt, die größeren wurden mit einem Kranz von Werken umgeben. Dieser größeren Inseln waren zwei: Isle Ré und Isle d’Oléron, von denen man jene als ein Außenfort von La Rochelle, diese von Rochefort ansehen kann. Zwischen beiden, als ein Punkt von besonderer Wichtigkeit, liegt noch die kleine Insel Aix. Zu allen Zeiten hatte diese Inselgruppe eine Bedeutung in der Geschichte des Landes; schon das Mittelalter kannte ein »Oleronisches Seerecht« (ich glaube das älteste), und was die Befestigungswerke angeht, so fügte jede neue Regierung seit den Tagen Ludwigs XIV. das eine oder andre hinzu.
Eine ganz besondere Wichtigkeit gewannen diese Inseln während des 25jährigen Kampfes Englands gegen die Republik und das Empire. Hier spielte der letzte Akt des Kaiserreichs. Zwischen Isle Ré und Isle d’Oléron, die Ausgänge schließend, lag die englische Escadre unter Admiral Hotham, die Auftrag hatte, eine Flucht des Kaisers zur See zu hindern; in vorderster Reihe der Bellerophon, Capitain Maitland. Am 3. Juli war der Kaiser in Rochefort, am 12. Juli auf Isle d’Aix, wo er am 14. die berühmt gewordenen Zeilen an den Prinz-Regenten richtete: »En butte aux factions qui divisent mon pays, et à l’inimitié des plus grandes puissances de l’Europe, j’ai consommé ma carrière politique. Je viens, comme Thémistocle, m’asseoir sur le foyer du peuple britannique; je me mets sous la protection de ses lois, que je réclame de Votre Altesse Royale, comme celle du plus puissant, du plus constant, du plus généreux de mes ennemis.«
Den Tag darauf begab sich der Kaiser an Bord des Bellerophon, um Frankreich nicht wiederzusehen. Am 26. Juli lag er auf der Rhede von Plymouth, am 16. Oktober, am Jahrestage der Schlacht von Leipzig, landete er auf St. Helena.
Seit 1815 wurde die Inselgruppe vor Rochefort und La Rochelle nur immer als Detentionsort genannt, zumal während der ununterbrochenen Kriege jenes zweiten Kaiserreichs, das sich mit den Worten introducirt hatte, der Friede sein zu wollen. Anno 54 und 55 waren Russen, Anno 59 Oesterreicher hier in Gefangenschaft; im Winter 70 auf 71 machte die Insel die Bekanntschaft der Preußen und Bayern.
Isle d’Oléron ist 4½ Quadratmeile groß, also ebenso groß wie Wollin, etwas größer wie Fehmarn. Die Bevölkerung, ziemlich zahlreich und wohlhabend, hat sich in zwei Städten und vier Dörfern concentrirt. Die beiden Städte sind Chateau und St. Pierre. St. Pierre ist um etwas größer, steht aber an Bedeutung hinter Chateau zurück. Hier ist die Citadelle, hier sind die Forts und Kasernen, hier wohnen die Behörden; es ist der beherrschende Punkt, während St. Pierre, als behagliche Ackerstadt, inmitten der Insel liegt. Der Boden von Isle d’Oléron wechselt zwischen großer Fruchtbarkeit und Sterilität; weite Strecken sind Sumpfland wie die Marais zwischen Rochefort und der Küste, und hier wie dort hat man diese unfruchtbaren, wenn auch jetzt trocken gelegten Sümpfe zur Gewinnung von Seesalz hergerichtet, ganz in der Art, wie ich es in dem Kapitel Marennes beschrieben habe. Der ärmste Theil der Bevölkerung lebt von dieser Salz-Industrie; andere sind Schiffer, Fischer und versorgen den inländischen Markt mit Fischen und Austern, von denen sich die letzteren (sie sind grünlich und von einem aparten Wohlgeschmack) der besonderen Geneigtheit der Pariser Gourmands erfreuen. Die Wohlhabenden auf Isle d’Oléron sind die Ackersleute; einige Wenige treiben Handel.
Dies war die Insel, für die wir bestimmt waren, der wir jetzt zufuhren.
2. Ankunft.
Steige, Insel, aus dem blauen
Reinen Wogenbad empor,
Hell ist schon die Stadt zu schauen
Und das weiße Haus am Thor.