Freiland.
Freiland.
Ein sociales Zukunftsbild
von
Theodor Hertzka.
Vierte durchgesehene Auflage.
Dresden und Leipzig.
E. Pierson’s Verlag.
Alle Rechte vorbehalten.
Vorrede zur vierten Auflage.
Auch die dritte Auflage ist vergriffen, kaum daß sie die Presse zu verlassen vermochte, und so übergebe ich denn meinen Lesern diese vierte. Möge sie vereint mit ihren Vorgängerinnen dahin wirken, daß der Gedanke, dem ich in den nachfolgenden Blättern Worte leihe, möglichst rasch zur That werde.
Wien im August 1890.
Theodor Hertzka.
Inhalt.
| Erstes Buch. | ||
| 1. | Kapitel | [3] |
| 2. | Kapitel | [9] |
| 3. | Kapitel | [21] |
| 4. | Kapitel | [34] |
| 5. | Kapitel | [47] |
| 6. | Kapitel | [58] |
| 7. | Kapitel | [69] |
| Zweites Buch. | ||
| 8. | Kapitel | [79] |
| 9. | Kapitel | [94] |
| 10. | Kapitel | [105] |
| 11. | Kapitel | [110] |
| 12. | Kapitel | [127] |
| Drittes Buch. | ||
| 13. | Kapitel | [143] |
| 14. | Kapitel | [155] |
| 15. | Kapitel | [169] |
| 16. | Kapitel | [181] |
| 17. | Kapitel | [192] |
| 18. | Kapitel | [200] |
| 19. | Kapitel | [209] |
| 20. | Kapitel | [222] |
| 21. | Kapitel | [240] |
| 22. | Kapitel | [251] |
| Viertes Buch. | ||
| 23. | Kapitel | [267] |
| 24. | Kapitel | [283] |
| 25. | Kapitel | [295] |
| 26. | Kapitel | [307] |
| 27. | Kapitel | [321] |
| Schlußwort | [334] |
Erstes Buch.
1. Kapitel.
Um die Mitte des Monats Juli des Jahres 18.. war in den angesehensten Zeitungen Europas und Amerikas folgende Ankündigung zu lesen:
„Internationale freie Gesellschaft.
Eine Anzahl von Männern aus allen Teilen der civilisierten Welt hat sich zu dem Zwecke vereinigt, einen praktischen Versuch zur Lösung des socialen Problems ins Werk zu setzen.
Diese Lösung suchen und finden dieselben in der Schaffung eines Gemeinwesens auf Grundlage vollkommenster Freiheit und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zugleich, d. i. eines solchen, welches, bei unbedingter Wahrung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes, jedem Arbeitenden den ganzen und ungeschmälerten Genuß der Früchte seiner eigenen Arbeit gewährleistet.
Zum Zwecke der Gründung eines solchen Gemeinwesens soll auf bisher herrenlosem aber fruchtbarem und zur Besiedelung wohlgeeignetem Gebiete ein größerer Landstrich besetzt werden.
Auf diesem ihrem Gebiete wird die freie Gesellschaft keinerlei Eigentum an Grund und Boden anerkennen, ebensowenig dasjenige eines Einzelnen, als ein solches der Gesamtheit.
Behufs Bearbeitung des Bodens, wie überhaupt zum Zwecke jeglicher Produktion, werden sich Associationen bilden, deren jede sich nach eigenem Gutdünken selber verwalten und den Ertrag ihrer Produktion unter ihre eigenen Mitglieder je nach deren Leistung verteilen wird. Jedermann hat das Recht, sich einer beliebigen Association anzuschließen und dieselbe nach freier Willkür zu verlassen.
Die Arbeitskapitalien werden den Produzenten zinslos von Gesellschaftswegen zur Verfügung gestellt, müssen jedoch von denselben zurückerstattet werden.
Arbeitsunfähige und Frauen haben das Recht auf auskömmlichen Unterhalt von Gesellschaftswegen.
Die zu obigen Zwecken, sowie zu sonstigen gemeinnützigen Ausgaben erforderlichen Geldmittel werden durch eine auf das Reineinkommen jeglicher Produktion gelegte Abgabe beschafft.
Die Internationale freie Gesellschaft verfügt derzeit schon über eine Mitgliederzahl und über Kapitalien, die zur Durchführung ihres Planes — wenn auch nur in bescheidenem Maßstabe — ausreichen. Da sie jedoch einerseits der Ansicht ist, daß der Erfolg ihres Versuches desto sicherer und durchgreifender ausfallen muß, mit je größeren Mitteln derselbe ins Werk gesetzt wird, andererseits etwaigen Gesinnungsgenossen Gelegenheit geboten werden soll, sich an dem Unternehmen zu beteiligen, so tritt sie hiermit vor die Öffentlichkeit und giebt bekannt, daß Anfragen oder Mitteilungen, welcher Art immer, an das Bureau der Gesellschaft: Haag, Boschstraße 57 zu richten sind. Auch wird die Internationale freie Gesellschaft am 20. Oktober l. J. im Haag eine öffentliche Versammlung abhalten, in welcher die letzten Beschlüsse vor praktischer Inangriffnahme des Werkes gefaßt werden sollen.
Für den geschäftsführenden Ausschuß der
Internationalen freien Gesellschaft.
Karl Strahl.
Haag, im Juli 18..“
Diese Ankündigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe Aufregung hervor. Der Name des für den geschäftsführenden Ausschuß Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl Strahl war nicht bloß als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller Deutschlands rühmlichst bekannt. Man mußte also das seltsame Projekt ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung bemächtigten sich alsbald desselben mit größtem Eifer. Lange vor dem 20. Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen hätte, ob die Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekündigten Pläne in den Bereich des Möglichen oder des Utopischen gehöre; diese Gesellschaft selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war offenbar zunächst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische Beweise zu gewinnen; sie wollte allfällige Gesinnungsgenossen an sich ziehen und dann handeln.
Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, daß selbst der größte im Haag vorhandene öffentliche Saal nicht genügen würde, die Menge der erschienenen Mitglieder, Gäste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschränken, welches Mittel denn auch darin gefunden wurde, daß die von fernher zugereisten Gäste zwar unentgeltlich, die Ortsansässigen dagegen bloß gegen Erlegung von 20 holländischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erlös dieser Karten wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der 2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in den letzten Winkel gefüllt.
Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende — Dr. Strahl — das Wort, um die Versammlung zu eröffnen und zu begrüßen. Die alle Erwartungen der Einberufer überflügelnde Zahl der neuen Mitglieder und die Höhe der gezeichneten Beiträge zeuge dafür, daß die Bedeutung des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. „Die Überzeugung, daß das Gemeinwesen, an dessen Gründung wir nunmehr schreiten,“ so fuhr Redner fort — „bestimmt ist, Armut und Elend an der Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgeübel des Elends anzusehen sind, sie drückt sich nicht bloß in den Worten, sondern auch in der Handlungsweise des größten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen, opferfrohen Begeisterung, mit der sie — ein Jedes nach seinen Kräften — zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir unseren Aufruf erließen, waren wir unser 84, das Vermögen, über welches wir verfügten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermögen beträgt 205620 Pfd. Sterling.“ (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus unterbrochen.) „Es ist selbstverständlich, daß eine solche Summe nicht von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die man gemeinhin als bei der Lösung des socialen Problems ausschließlich interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich drängt sich dabei die Erkenntnis auf, daß Ekel und Grauen vor den socialen Zuständen der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten Mitmenschen. Denn — und darauf möchte ich besonderen Nachdruck legen — diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen nicht bloß als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten, sie wollen das neue Gemeinwesen nicht bloß für ihre darbenden Mitbrüder, sondern zugleich für sich selber gründen. Und daraus mehr als aus allem Anderen schöpfen wir die felsenfeste Überzeugung vom Gelingen unseres Werkes.“
Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schloß dieser folgendermaßen seinen kurzen Vortrag:
„In Ausführung unseres Programms soll ein annoch herrenloser größerer Landstrich zum Zwecke der Gründung eines unabhängigen Gemeinwesens erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu solchem Vorhaben wählen wollen. Europäisches Gebiet kann aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen; auch in Asien würden wir überall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen könnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, daß die dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung einräumen würden, aber auch dort könnte unser junges Gemeinwesen nur schwer jene ungestörte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen gewährleistet erhalten, die insbesondere für den Anfang eine der Voraussetzungen raschen und ungetrübten Erfolges ist. Bleibt also nur Afrika, der älteste und doch der jüngstentdeckte Weltteil. Dessen centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir nicht bloß schrankenlosen Raum und ungestörte Ruhe zur Entfaltung, sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar günstigsten Verhältnisse des Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochländer, welche die Vorzüge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des dunklen Weltteiles gelegenen Bergländern ist allerdings schwierig, aber gerade das ist’s, was uns für den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen daher vor, die neue Heimat im äquatorialen Innerafrika zu suchen. Und zwar denken wir zunächst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das Land östlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade südlicher bis zum 1. Grade nördlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade östlicher Länge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete für unsere Zwecke finden zu können. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden?“
Allgemeine Zustimmung folgte und stürmische Rufe: „Vorwärts, lieber heute als morgen!“ wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, daß die Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der Vorsitzende das Wort:
„So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat muß erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und gefahrvolles Unternehmen. Durch Wüsteneien und unwirtliche Wälder führt der Weg, Kämpfe mit feindseligen wilden Stämmen werden vielleicht nicht zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur kräftige Männer, nicht Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete muß erst noch organisirt werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, daß der Masse der Unseren eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe gelöst haben, können die Anderen nachfolgen.
„Damit nun alles Erforderliche mit möglichster Kraft, Umsicht und Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewußte Leitung vonnöten. Bisher lagen die Geschäfte der Gesellschaft in den Händen eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wäre eine Erneuerung oder zum Mindesten eine Ergänzung der Geschäftsleitung durch die neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl höchst wünschenswert; trotzdem können wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so rasch auch nicht genügend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als etwas anders, denn als ein bloßes Spiel des Zufalls erscheinen zu lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Bestätigung unserer Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer Mitte nach unserem Ermessen verstärken zu dürfen. Und zwar bitten wir um diese Vollmachten, die übrigens durch Beschluß Ihrer Vollversammlung jederzeit widerrufbar sein sollen, für die Dauer von zwei Jahren. Nach Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch genügend lange miteinander gelebt haben, um uns einigermaßen kennen zu lernen.“
Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.
Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, daß alle Kundmachungen des geschäftsführenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben würden und schloß die Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging.
Die erste That des von der Generalversammlung bestätigten Ausschusses der Internationalen freien Gesellschaft war, daß er für die Leitung des nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei Persönlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete. Diese zwei Führer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart teilen, daß der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu erwählende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der Heerführer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu ersterem Amte wählte der Ausschuß den bekannten Afrikareisenden Thomas Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und Kenia, das sogenannte Massaï-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston war ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst aus Anlaß seiner Ernennung zum Führer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der Ausschuß einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster Freund des Gründers und geistigen Führers der Gesellschaft — Dr. Strahl — der Geeignetste war, diesen während der ersten Epoche der Gründung zu vertreten.
Dr. Strahl hatte allerdings ursprünglich die Absicht, sich den Pfadfindern selber anzuschließen und gleich die ersten Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persönlich zu leiten; die anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache. Sie konnten nicht zugeben, daß der Mann, von dessen fernerem Wirken das Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Maße abhing, sich Gefahren aussetze, die für ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit nicht eben die festeste schien. Auch mußte er bei reiflichem Erwägen selber zugeben, daß für die nächsten Monate seine Anwesenheit in Europa weit nützlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr. Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem großen Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle.
2. Kapitel.
Wir überlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition erwählten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glückliche Durchführung und die ersten Kulturarbeiten in den Hochländern des Kenia nach Auszügen aus dessen Tagebuch mitteilen.
Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten Führers hatte mich anfangs mit Schrecken erfüllt. Der Gedanke, daß von meinen Fähigkeiten zu nicht geringem Teile die glückliche Einleitung eines Werkes abhängen solle, welches wir alle als das bedeutsamste und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewöhnt hatten, erfüllte mich mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit währte nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu entziehen, zu deren Übernahme die Genossen mich als den Passendsten erachteten, und als vollends mein väterlicher Freund Strahl mich fragte, ob ich ein Mißlingen für möglich hielte, wenn die meiner Leitung Unterstellten von gleicher Begeisterung erfüllt wären wie ich, und ob ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, daß diese Voraussetzung zutreffen würde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das Gelingen des Werkes an die Stelle der anfänglichen Verzagtheit, eine Stimmung, die mich fürderhin keinen Augenblick verlassen hat.
Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder wurden übrigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunächst galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten — die zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai —, der kriegerischeste von allen des äquatorialen Afrika ist und ihm nur durch kräftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung aufgehalten zu werden. Schließlich einigte man sich darüber, daß zweihundert „Pfadfinder“ mitgenommen werden sollten. Natürlich mußten diese aus den kräftigsten, zur Überwindung von Anstrengungen, Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der Gesellschaft erwählt werden. Auch jenes Ausmaß von Intelligenz wurde bei jedem Teilnehmer der Expedition für notwendig erachtet, welches dazu gehört, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der übernommenen Mission zu erfassen.
In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschuß an die Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur Expedition Meldenden einzusenden, für deren Gesundheit, kräftige Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube einstehen zu können. Zugleich sollte angegeben werden, welche Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besäßen. Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870 wärmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunächst hundert ausgewählt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen Umständen in erster Linie berücksichtigenswert erschien. Dieses erlesene Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 Ärzte, 8 Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6 theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche Gewerbsleute, die man der Expedition für alle Fälle sichern wollte und schließlich 45 als besonders treffliche Schützen oder als ausnehmend kräftig gerühmte Männer. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren Auslese den Zweigvereinen in der Weise überlassen wurde, daß jedem derselben für angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst rasch in Alexandrien, dem vorläufigen Versammlungsorte der Expedition, einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen (im übrigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefähr der Hälfte, welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt).
Darüber verging der Monat November. Der Ausschuß aber hatte inzwischen nicht gefeiert. Die Ausrüstung der Expedition wurde nach allen Seiten gründlich erörtert, festgestellt und für die Beschaffung aller Erfordernisse vorgesorgt. Für jedes der 200 Mitglieder wurden sechs komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte Jägerwäsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied ein Repetiergewehr bester Konstruktion für zwölf Schüsse, einen Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Außerdem wurden 100 Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierlötige Sprengkugeln schießenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbüchse angeschafft, selbstverständlich ausreichende Munition nicht vergessen.
Die hierauf zu erörternde wichtigste Frage war, ob die Expedition beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Beförderung der mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarküste ab durch Träger, sogenannte Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs die Absicht gehabt, bloß 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der schwereren Laststücke, teils zur Beförderung etwaiger Kranker oder Maroder anzukaufen und als Träger des von ihm auf 400 Zentner veranschlagten Gesamtgepäcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas anzuwerben. Diesen Plan ließ er jedoch sofort fallen, als ich seiner Gepäckliste, die der Hauptsache nach bloß die zum Unterhalte der Expedition für sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel umfaßte, meine Anforderungen hinzufügte. Ich verlangte vor allem die Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen Gegenständen, die uns — am Ziele angelangt — in den Stand setzen sollten, möglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der notwendigsten Bedarfsartikel für viele Tausend uns nachfolgender Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine Reihe landwirtschaftlicher Geräte oder doch jene Bestandteile derselben, die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen lassen, ähnliche Bestandteile für eine Feldschmiede und Schlosserei, sowie für eine Mahl- und Sägemühle; ferner Sämereien und Setzlinge in nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wäre. Schließlich machte ich darauf aufmerksam, daß zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des Weges für die uns nachfolgenden Karawanen die Abschließung fester Freundschaftsbündnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich empfehlen würde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke erforderlich seien, als er sie präliminiert habe.
Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, daß damit die zu befördernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich verdreifachen würde und daß die sohin erforderlichen 1600 bis 2400 Pagazis den Zug allzu schwerfällig gestalten würden. Da schlug Dr. Strahl vor, von der Beförderung durch Pagazis gänzlich abzugehen und ausschließlich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, daß in den Niederungen des äquatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte Wasser insbesondere den Pferden tötlich werde; auf unserer Route sei aber solches nicht zu befürchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren ganz zuträgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl überwinden. Dieselben besitzen — wie er unter anderem auch aus Johnstons Reiseberichten wisse — überall, wo sie Dickicht oder Gestrüpp durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fuß, zu wenig für Packtiere, die deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden müßten, wobei menschliche Träger zeitweilig die Lastenbeförderung zu übernehmen haben. Letzteres wäre nun allerdings bei einer ausschließlich aus Tragtieren bestehenden Karawane mit verhältnismäßig nur wenigen Treibern und Begleitern entweder ganz unmöglich oder doch mit unberechenbarem Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, daß es gelingen müsse, mittels einer entsprechenden Anzahl gut ausgerüsteter Eclaireure den Weg überall auch für Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm etwa 100 mit Äxten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er sich unter der Küstenbevölkerung aussuchen würde, zur Disposition stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu führen.
Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee an, auch die sämtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich — und das habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Anstoß gegeben, müsse für die Einführung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und Zugtieren in der künftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und zwar sei es am besten, diese nützlichen Tiere in thunlichst großer Zahl schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, daß wir beritten uns viel rascher bewegen könnten. Er fügte hinzu, daß er sowohl bei den Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen würde, insbesondere bei den Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die der späterhin zu erzielenden Nachzucht abhänge. Auch dem wurde zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, daß sich durch all dies die Kosten der Expedition ganz außerordentlich verteuern würden. So wie er sie ursprünglich geplant habe, wären mit höchstens 12000 Pfd. Sterl. die Kosten zu decken gewesen, jetzt müsse mit ungefähr der vierfachen Summe gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die Rechnung erwies sich auch nachträglich insofern richtig, als die Expedition in Wahrheit 52500 £ verschlang; aber übereinstimmend wurde hervorgehoben, daß es eine nützlichere Verwendung der doch so reichlich zu Gebote stehenden und fortwährend in raschem Wachsen begriffenen Geldmittel gar nicht geben könne, als den Aufwand für alles, was geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu gründende Gemeinwesen auf möglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten.
Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet und seinem Gewichte nach abgeschätzt war, zeigte sich, daß wir ungefähr 1200 Zentner würden zu befördern haben und zwar:
| 150 | Ztr. | verschiedene Lebensmittel und Getränke; |
| 120 | " | Reisegeräte (darunter 50 wasserdichte Zelte für je 4 Mann); |
| 160 | " | verschiedene Sämereien und Materialien; |
| 220 | " | Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente; |
| 400 | " | Tauschwaren und Geschenke; |
| 120 | " | Munition und Sprengstoffe. |
Außerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4 leichte stählerne Gebirgskanonen für Sprenggeschosse bestellt. Seine Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf, durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen mußten, den Frieden desto sicherer erhalten zu können. Dazu kamen im letzten Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute Hinterlader, die wir billig von der österreichischen Regierung erstanden und teils als Reserve, teils zur Ausrüstung eines Teiles der in Zanzibar anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten.
Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere und 80 Kamele verladen werden. Da wir außerdem 200 Pferde brauchten, um uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze unterwegs eingehender Tiere wünschenswert war, so wurde beschlossen, in allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in Ägypten, teils in Arabien, die Kamele in Ägypten, die Esel in Zanzibar.
Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere Bevollmächtigten wählten und bestellten alles an erster Quelle; nach Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkäufer für Pferde und Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten Johnston und ich — die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen hatten — uns auf den Weg nach Alexandrien.
Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thätigkeit übergehe, muß ich einen Zwischenfall erwähnen, den wir im Ausschusse mit einer jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen werden wollte. Die Dame war reich, schön und exzentrisch, eine schwärmerische Anhängerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewöhnt, an die Möglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wünschen gegenüber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten würden. Ich muß gestehen, daß mich das herrliche Mädchen dauerte, das sichtlich von verzehrendem Thatendrange erfüllt war und die seinem Geschlechte gegenüber an den Tag gelegte ängstliche Schonung als beschämende Zurücksetzung empfand. Allein es ließ sich nichts thun; wir hatten mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten Ehemänner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Miß wandte sich hierauf, da ihr Drängen bei uns Männern vom Ausschusse nichts half, an unsere weiblichen Angehörigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen herzlich und liebenswürdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend in ihrer Schwärmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund mehr, den Männern darin Recht zu geben, daß so zarte Geschöpfe nicht in die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehören. Man hätschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches Unmögliches fordere, und das brachte Fräulein Ellen Fox — so hieß die Amerikanerin — vollends außer sich.
Plötzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die gleichfalls, wenn auch aus anderen Gründen, unsere Expedition mitmachen wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus Begeisterung für unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt. Meine Schwester — um zwölf Jahre älter als ich und ledig geblieben, weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von Distinktion und vornehmem Wesen genügend entsprochen hätte — war eine der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich während der 26 Jahre meines bisherigen Lebens gestoßen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand jedem Hilfsbedürftigen gegenüber stets offen, aber vor allem, was nicht den sogenannten höheren, gebildeten Ständen angehörte, hatte sie eine unüberwindliche Mißachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der socialen Frage Näheres erfuhr, flößte es ihr Grauen ein, daß vernünftige Menschen ernstlich glauben könnten, sie und ihre Küchenmagd seien von Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wußte, daß hier alle Bekehrungsversuche eitel wären, teilte ich der Guten Jahre hindurch nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der Gründung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser spielte. Ich wollte ihr den Kummer über meine „Verirrung“ möglichst lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zärtlich, deren Abgott hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die ängstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre Sache sei. Daß ich ihrer Hut entrückt länger als höchstens zwei bis drei Tage existieren könne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als ein Ding der baren Unmöglichkeit. Nun denke man sich das namenlose Entsetzen dieser meiner Vormünderin, als ich ihr endlich doch die Eröffnung machen mußte, daß ich nicht nur einer socialistischen Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermögen deren Zwecken geweiht, sondern überdies dazu ausersehen sei, 200 Socialisten in das Innere von Afrika zu führen. Es dauerte mehrere Tage, bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten, Thränen, verzweifelte Vorwürfe und Vorstellungen. Ich möge den „Strolchen“ mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen hätten, ruhig überlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben; sie konsultierte unseren Hausarzt über meine Zurechnungsfähigkeit, kam aber dabei übel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar Mitglied der Expedition. Schließlich, da alles nichts fruchtete, eröffnete sie mir, daß sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklärte, dies gehe nicht an, da Frauen nicht mitgenommen würden, führte sie ihr schwerstes Geschütz ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine letztwillige Anordnung, der ich mich fügen müsse; und als ich auch dem gegenüber hartnäckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar bloß während der Zeit meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureißen vermochte. Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mütterchen, vergebens versicherte ich ihr, daß unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige ganz erträgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rühren mit mir haben würden, vergebens versprach ich ihr, daß sie in Halbjahrsfrist etwa mir nachfolgen könne — es half alles nichts, sie gab mich verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rührenden als närrischen Schmerze gegenüber wohl zu beginnen sei.
Da besuchte Miß Ellen meine Schwester; ich mußte, von Geschäften gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurückkam, fand ich Klara wunderbar getröstet. Sie jammerte und stöhnte nicht mehr, ja sie konnte sogar, ohne in Thränen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen. Offenbar hatte Miß Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst gewirkt und ich segnete um deswillen die schöne Amerikanerin, umsomehr, da auch sie uns von da ab durch ihr Drängen nicht mehr quälte. Sie war plötzlich abgereist und ich beglückwünschte mich höchlichst, einer doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein.
Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23, die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon eingetroffen sein zu können, teils durch irgendwelche unvorhergesehene Zwischenfälle noch zurückgehalten waren. Johnston schritt ohne Zögern an die Equipierung, Einübung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern gebildeter Wirtschaftsausschuß; jeder Mann erhielt vollständige Beköstigung und außerdem — sofern er nicht ausdrücklich darauf verzichtete — 2 £ in Bargeld monatlichen Zuschuß. Dieselbe Summe wurde auch später während der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur selbstverständlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermünze, die im äquatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen Bedarfsgegenständen oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die Ausrüstungsgegenstände — Kleider und Waffen — ausgepackt waren, begannen die Übungen. Täglich wurde acht Stunden lang manövriert, marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe geschossen. Später veranstaltete Johnston größere auf mehrere Tage ausgedehnte Märsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militärischer Gehorsam geleistet werden mußte, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen angesichts der Thatsache, daß wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu gründen, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir begriffen eben alle, daß dieser Endzweck unseres Unternehmens und die Expedition, die uns dahin führen sollte, zwei verschiedene Dinge seien; es kam während des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere kein Fall überflüssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte.
Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren wir eine vollkommen eingeübte Elitetruppe. Im Manövrieren konnten wir es mit jedem Gardekorps aufnehmen — natürlich nur hinsichtlich jener Übungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde gegenüber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militärischen Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben wir so unwissend wie die Hottentotten; dafür konnten wir ohne Beschwer 24 Stunden lang mit bloß sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wäre im Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wußten wir mit einer kleinen Batterie Congrève’scher Raketen umzugehen, die Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen ägyptischen Offiziers, eines geborenen Österreichers, der sich in Alexandrien häufig als Zuschauer bei unseren Übungen eingefunden, aus Triest hatte nachsenden lassen.
Am 30. März schifften wir uns auf der „Aurora“, einem prächtigen Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschuß von der englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in Liverpool, Marseille und Genua die für uns bestimmten Waren an Bord genommen, am 22. März in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in Ägypten gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir — den Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und Kamele eingerechnet — höchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer reichlich zwei Wochen für Zanzibar und für die Überfahrt nach Mombas, von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten und wo wir uns, der an der Küste angeblich herrschenden Fiebergefahr wegen, keinen Tag länger als notwendig aufzuhalten gedachten.
Es ging auch alles ganz programmgemäß von statten. In Aden trafen wir unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und mit 25 Kamelen, nicht minder vorzüglicher Rasse; ebenso wurden hier 115 Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge geänderter Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. Ägypten angeschafft worden waren. Am 16. April warf die „Aurora“ im Hafen von Zanzibar Anker.
Die halbe Bevölkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begrüßen. Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf, denn nicht bloß die hier lebende, während der letzten Jahre auf nahezu 200 Köpfe angewachsene europäische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste Persönlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natürlich unser Zanzibarer Bevollmächtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab, daß er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und daß angesichts der uns gegenüber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen eingeborenen Mannschaften mit größter Leichtigkeit von statten gehen werde.
Am 26. April verließen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen des nächsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere sämtlichen Tiere und den größten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wärter und unter Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen — gleichfalls mit der Aurora — dahin gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten zuzuteilen, bezogen wir außerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Für je 2 Handpferde oder Kamele und für je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wärter bestellt, so daß zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145 beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder solcher Gegenstände ausersehen, die jederzeit zur Hand sein mußten; 100 — unter diesen selbstverständlich die Wegführer und zwei Dolmetscher — dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und durchgeführt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen; der Zug ins Innere konnte angetreten werden.
Da wir aber programmgemäß nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europäische Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses überbringen sollte, so hatten wir einige Tage der Muße vor uns, die wir dazu benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen.
Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich ins Meer ergießenden und zu einer mächtigen Bucht sich ausweitenden Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesümpfe umgeben. Der Aufenthalt unmittelbar an der Küste und auf Mombas selber ist daher nicht ganz gesund und keineswegs für längere Zeit rätlich. Aber schon wenige Kilometer landeinwärts finden sich sanftgeschwungene Hügel, bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten smaragdgrüner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemüsebeeten umgebenen Hütten der Wanjika, der hiesigen Küstenbewohner, hervorlauschen, welche Hügel selbst während der Regenzeit einen ganz gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wäre es für einen Europäer gefährlich, hier jahrelang zu wohnen, da die während der Hitzemonate — Oktober bis Januar — herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schädlich wird. Im Mai jedoch, wo die großen Regen, die in den Monaten Februar bis April niedergehen, den Boden und die Atmosphäre tüchtig erfrischt haben, ist die Hitze nicht eben lästig.
Das Eilschiff der französischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag verspätet, so daß es in Zanzibar erst am 4. spät Nachts eintraf; wir aber erhielten, Dank der Liebenswürdigkeit des Kapitäns die für uns bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag früher als wir erwartet hatten. Dieser nämlich, der in Aden erfahren hatte, daß und wo wir auf die von ihm beförderte Post warteten, hielt auf der Höhe von Mombas, das er zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde arabische Dhau an und übergab ihr die für uns bestimmten Pakete, die wir demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, während wir andernfalls bis zum Abend des nächsten Tages hätten auf sie warten müssen. Von den uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, daß der Ausschuß unseren Bevollmächtigten in Zanzibar beauftragt habe, während der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fühlung mit Mombas zu unterhalten und dort für alle Fälle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, daß bis zum 18. April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen Mitglieder auf 8460, das Vermögen auf nahezu 400000 £ gestiegen sei.
Und noch eine kleine Überraschung kam in Begleitung dieser letzten Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden übergeben, geführt von 2 Wärtern, welch letztere uns Grüße von ihrem Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer Ideen und großer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York übersende, überzeugt, daß uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12 Doggen und 20 Schäferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter hoch, die Schäferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies, alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit größter Freude begrüßt wurden. Die beiden Wärter erklärten, daß ihnen zwar unsere Pläne und Ideen höchst gleichgültig seien, da sie „von all dem Zeug nichts verstünden“, daß sie aber, wenn wir es gestatteten, in Begleitung ihrer lieben vierfüßigen Freunde sehr gerne mit uns zögen. Da sie sich als kräftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige Kerle zeigten, überdies versicherten, im Reiten und Schießen leidlich bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und den anderen für Europa bestimmten Nachrichten über Zanzibar expediert und die Anordnungen für morgen getroffen waren, umfing uns die letzte Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt.
3. Kapitel.
Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der Kirangozis (Karawanenführer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem Schlafe. Große, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden angezündet, an denen das Frühstück — Thee oder Kaffee mit Eiern und kaltem Fleisch für uns Weiße, eine Fleisch- und Gemüsesuppe für die Suahelis — gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen für den Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100 Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30 Berittenen, schon eine Stunde später auf. Ihm war die Aufgabe zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehölz führte, mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, daß unsere umfangreichsten Gepäckstücke ungefährdet auf dem Rücken der Tragtiere passieren könnten, Gewässer nach Thunlichkeit zu überbrücken und die Lagerplätze für das nachrückende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem Behufe mußte diese Truppe — je nach der Beschaffenheit der vor uns liegenden Wegstrecke — einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung nehmen. Für den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Führer sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, genügte ein Vorsprung von wenigen Stunden.
Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tête nahmen hier 150 von uns Weißen, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst die Handpferde, dann die Esel, zum Schluß die Kamele; der Nachtrab war durch 20 Weiße gebildet. So verließen wir endlich, als die Sonne schon heiß herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurück, sandten unsere Scheidegrüße dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie deutlich zu hören war — und vorwärts ging es unter Hörnerklang und Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Höhen hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten Wüste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns erreichte Landstrich offenbar nur in der heißen Jahreszeit; jetzt, wo die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir die Landschaft eher parkähnlich. Schönes, wenn auch nicht eben hohes Gras wechselte ab mit Gebüschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Ausläufer des Küstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch üppiger, die Bäume häufiger und höher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen das nutzlose Jagen noch nicht abgewöhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem förmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des bloß dreistündigen Marsches sehr erschöpft; das vorangegangene vierstündige Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen höchst unangenehm zu werden.
Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette, unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten des dichten Lianen-Baldachins gestärkt, brachen wir schon um 4 Uhr nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu fünfstündigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz, in der Nähe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert, um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafür hinterließ sie uns unter der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jäger unterwegs geschossen, zum Abendimbiß.
Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns — eingedenk der Qualen des gestrigen Vormittags — schon um 4½ Uhr unterwegs. Das Land war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heiße Arbeit gefunden hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrüppe abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen wäre. Da jene jedoch tüchtig aufgeräumt hatten, so kamen wir überall rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages Durumaland hinter uns hatten und die große Wüste betraten, die sich von da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt.
Sonst ist über diese Marschtage nichts zu berichten, als daß wir stets ziemlich pünktlich um 4½ Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern genügende Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen ausreichenden Vorrat für den Durchzug durch die Duruma-Wüste einzuhandeln. Das Land scheint von großer natürlicher Fruchtbarkeit zu sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen, da die Bewohner der unablässigen Einfälle der Massai halber sich aus ihren unzugänglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben hörten wir Klagen über die Missethaten jener ritterlichen Räuber, die erst vor einigen Wochen einen Stamm überfallen, die Männer niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszuspähen. Unsere Versicherung, daß wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller Stämme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schließen gedächten, von dieser Plage demnächst befreien würden, nahmen die Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch überall in der Umgegend.
Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in die Wüste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt, daß ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns befinde. Wir änderten darauf unsere Dispositionen, ließen das Gepäck und die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain günstig war, sofort zum Gefecht. Die Geschütze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum, letztere in die beiden Flügel unserer in einer langen Linie sich ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es verstrich auch keine fernere Viertelstunde, daß wir die Massais, die ungefähr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir ließen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf auch wir unser Tempo mäßigten und langsam bis auf hundert Meter heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte, ob wir Tribut zahlen oder kämpfen wollten? „Ist das Euer Land“, war die Gegenfrage, „daß Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir haben Geschenke für unsere Freunde, schreckliche Waffen für unsere Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen, wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret zurück in Eure Krals, damit wir nicht genötigt seien, unsere Waffen und Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid thäte, denn wir wünschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten.“
Letztere Versicherung wurde offenbar für ein Zeichen der Schwäche angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschüchtert schienen, schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere Trompeten, und während wir Reiter vorsprengten, eröffneten die Kanonen und Raketen ihr Feuer — nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrängten Massen sie eben so schreckliche als überflüssige Verheerungen angerichtet hätten, sondern über deren Köpfe hinweg. Die Massai hielten nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschütze donnerten, die Raketen zischend und knatternd über sie hinfegten und überdies die unheimlichen Geschöpfe mit vier Füßen und zwei Köpfen — wir Reiter nämlich — auf sie zustürmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre Panik womöglich zu steigern, während die Reiter sich damit beschäftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in unsere Gewalt zu bringen.
Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber und Kinder zu befreien, wäre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollständig gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wären, die ihnen rasches Laufen unmöglich machte. Als nämlich diese armen Geschöpfe den Lärm des Gefechts sahen und hörten, machten sie verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai nachzulaufen. Klüger benahmen sich die Rinder, die durch die Schüsse und Raketenschläge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser Lager zutreiben ließen.
Die gefangenen Massai waren prächtige, verwegen aussehende Kerle, die trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden, doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich — ein sehr glücklicher Umstand — auch der Leitunu, d. i. der oberste, unumschränkte Anführer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von reichlich 2 Meter Höhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am liebsten sein kurzes Schwert, die „Sime“, in die eigene Brust gestoßen hätte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma ihn und die Seinen zu verhöhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit großer Strenge. Laut, daß es die Gefangenen hören konnten, erklärte er, auch die Massai sollten unsere Freunde werden, wir hätten sie blos deshalb gezüchtigt, weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, daß wir ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hülfe bedürften, um jene zu tödten, wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen hätten, wie wir in die Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schüsse aus unseren gewaltigen Maschinen genügt hätten, um alle Massai in Stücke zu reißen? Um ihnen — mehr aber noch den Massai — die Wahrheit dieser ohnehin mit tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehörten Worte zu zeigen, ließ Johnston eine volle Lage unserer sämtlichen Geschütze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene, strohgedeckte Lehmhütte abgeben. Natürlich brach diese sofort zusammen und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den gewaltigsten Eindruck machte.
„Jetzt geht“, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhörten und zusahen, zu den Wa-Duruma, „nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir befreit haben, und laßt die Massai in Ruhe. Wir werden dafür sorgen, daß sie Euch in Zukunft nicht mehr belästigen, aber vergesset nicht, daß in wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden“.
Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wußten, was sie aus der Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, ließ Johnston den gefangenen Massai ihre Waffen zurückgeben und forderte sie auf, sich gleichfalls zu entfernen; binnen höchstens 2 Wochen gedenke er sie in Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen; um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zögerten die El Moran (der Name für Massaikrieger); schließlich trat Mdango, ihr Leitunu, vor und erklärte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den Ihrigen, heimzuziehen, wäre für eine so kleine Massai-Schaar der sichere Tod, und wenn sie schon sterben müßten, so sei es ihnen größere Ehre, von der Hand so gewaltiger weißer Leibons (Zauberer), als durch feige Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht hätten, sie demnächst zu besuchen, so mögen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen.
Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Eröffnung vor innerer Genugthuung; den Massai gegenüber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und erklärte feierlichen Tones, das sei eine so große Gunst, die sie da verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig würdig erwiesen, daß er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit den Seinigen abhalten müsse, bevor er ihnen Bescheid geben könne. Damit ließ er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunächst zu Pferde hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gespräches mit. „Daß wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der großen Zahl der von ihm geführten El Moran zu schließen, einer der einflußreicheren sein dürfte, erfüllen, versteht sich von selbst; der Mann muß vollständig gewonnen werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm das Ergebnis unseres „Schauri“ mitteilen.“
„Höre“ — so wandte er sich an Mdango, „wir haben beschlossen, Deinen Wunsch zu erfüllen, denn Euere Brüder in Leitok-i-tok sollen nicht sagen, daß wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt hätten. Aber nachdem wir einmal — wenn auch ohne Blutvergießen — unsere Waffen gegen Euch gerichtet, können wir Euch — das verbieten unsere Gebräuche — nicht als Gäste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollständig gesühnt ist. Dies wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter uns Blut-Brüderschaft schließt, der ihn zum Gefangenen gemacht hat. Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten?“
Die El Moran bejahten dies mit großer Bereitwilligkeit; hierauf neues „Schauri“ unter uns, dem dann die 43fache Verbrüderung nach den eigentümlichen Gebräuchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde gewonnen, die sich — wie Johnston versicherte — eher in Stücke hauen lassen, als zugeben würden, daß uns ein Leides geschehe, wo sie es irgend verhindern könnten.
Über all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glühend heiß zu werden versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wüste zu betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurück und rüsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der einzigen Nahrung der Massai-Elmoran — bereitet, und zum Schlusse eine riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heißem Wasser gespendet, die allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung überschritt alle Grenzen, als die diversen 43 Blutbrüder nach genossenem Punsche mit einer Freundschaftsgabe von je einer — roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels.
Die Duruma-Wüste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gänzlich unbewohnt und während der trockenen Monate berüchtigt wegen ihres beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit, fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2 und 3 Metern vertieften natürlichen Löchern erträgliches Wasser in genügender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel zu leiden, was uns veranlaßte, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen, durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Kräfte für den nun folgenden bösesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlöcher wurden von da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos: eintönige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit häßlichem Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg durchnäßt durch einen uns plötzlich überraschenden Platzregen, das liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge.
Hier lernten wir zum ersten Male die entzückende Pracht äquatorialen Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Höhe bis zu 1550 Metern, ist vom Gipfel bis zum Fuße mit üppiger Vegetation bedeckt, zahlreiche silberhelle Bäche und Flüsse rauschen und tosen an seinen Abhängen zu Thale und die Rundschau von günstiger situierten Aussichtspunkten ist geradezu entzückend. Da wir hier einen vollen Rasttag hielten, so benützten die meisten von uns die Gelegenheit zu Ausflügen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu Handels- und Missionszwecken angesiedelte Engländer in liebenswürdigster Weise als Führer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das Gewirr köstlicher, schattenreicher Thäler und Gipfel, das uns rings umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in Teita als auch für die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich erstreckende Wüstenei durchführen mußte. Aber meine glücklicheren Genossen erstiegen die umliegenden Höhen, übernachteten zumeist auf oder dicht unter denselben, erquickten sich an der kühlen Luft derselben und kamen zurück trunken von all der Schönheit die sie genossen. Im übrigen war es auch am Fuße der Teitaberge kaum minder entzückend. Das Bad unter einem der plätschernden Wasserfälle, umfächelt von den milden Lüften und Düften die der Abend brachte, würde stets zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens zählen — wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere Naturscenen geboten hätte.
Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Märschen weiter durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jäger reiche Beute an Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen überall mit den Stämmen und Häuptlingen durch Geschenke besiegelte Freundschaftsbündnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch die menschenleere, dafür aber desto wildreichere Wüste von Taweta, die im übrigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am Nachmittag des 17. die kühlen Wälder der Vorberge des Kilima vor uns — wo uns eine seltsame Überraschung erwartete.
Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere Gewehrsalven hatten — wie dies in Afrika üblich — dort soeben die Ankunft einer Karawane verkündigt, als Johnston und ich, die wir an der Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhängtem Zügel auf uns zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Führer unseres Vortrabs, Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit der er auf uns zujagte, einigermaßen besorgt, dann aber zeigte uns sein lachendes Gesicht, daß es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenführe. Er winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend: „Deine Schwester und Miß Fox sind in Taweta!“
Wir beide, Johnston und ich, müssen auf diese unerwartete Botschaft hin erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt in ein tolles Gelächter aus, in welches endlich auch wir einstimmten. Dann erzählte er, die beiden Damen hätten ihn und die Seinen, die gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als träfen sie sich daheim auf der Straße, begrüßt, ihre Verblüffung gänzlich ignoriert und auf Befragen im gleichmütigsten Tone erzählt, sie wären am 30. April, also während wir in Mombas saßen, von Aden kommend, in Zanzibar eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani übergefahren und von dort über Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem alten ehrwürdigen Neger, der Miß Fox überall begleite, und ihren vier Elefanten — denn auf dem Rücken solcher Tiere wären sie zu grenzenlosem Erstaunen der Neger gereist — ganz ausnehmend wohl befänden. „Fräulein Klara läßt Dich grüßen und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr, Dich an ihr schwesterliches Herz zu drücken.“
Da ich sah, daß Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach Taweta hineinführen, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum daß ich den Boden berührt hatte, laut weinend ans Herz drückte. Nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, suchte ich von meiner Schwester nähere Aufklärung über die Art ihres Erscheinens hier mitten unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemühen; so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie Thränen und Ausrufe der Freude über unser Wiedersehen sowie des nachträglichen Entsetzens über all die Gefahren, vor denen mich leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glück bewahrt. Inzwischen hatten wir uns Miß Fox genähert, die meinen Gruß zwar etwas spöttisch, aber deßhalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr.
Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung verständigt und das Komplott in seinen Grundzügen angelegt, die näheren Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend. Meine Schwester hatte in Miß Fox die Energie und die erforderlichen pekuniären Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Männer auf eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Miß Fox dagegen in meiner Schwester die Gefährtin und ältere Beschützerin gefunden, ohne welche auch sie vor einem solchen Geniestreich zurückschreckte. Da insbesondere Miß Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorräte, Tauschwaren und Reisegeräte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns für Tragtiere statt für Pagazis, wählte aber, um wenigstens in Einem Punkte originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es überall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals gezähmte Elefanten in Menge gebe, so mußten — das war ihr Kalkül, indische Elefanten auch überall im äquatorialen Afrika fortkommen. Ein Geschäftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier Prachtexemplare dieser Dickhäuter verschafft, diese mitsamt acht erprobten indischen Führern und Wärtern nach Aden expediert, wo sie dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige Wegführer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der Küste mit uns zusammenzutreffen, der Weg über Pangani genommen, auf welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lästig geworden, im übrigen aber, insbesondere Dank der liebenswürdigen Fürsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoßen sei. Ihre Suaheli-Leute hätten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den Elefanten und Indern gedächten sie sich uns anzuschließen — es sei denn, daß wir sie allein in Taweta zurücklassen wollten.
Was war unter so bewandten Umständen zu thun? Es verstand sich von selbst, daß die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehörten und was mich anlangt, so müßte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich behaupten, ich sei meiner Schwester oder Miß Fox ob ihrer Hartnäckigkeit gram geworden. Die ärgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren — wie ja der Erfolg zeigte — auch von Frauen recht gut zu überwinden; ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrübt hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren — wie ich mit Genugthuung bemerkte — mit dem Zuwachse, der uns in Taweta geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten mitsamt ihrer schönen Last — denn nebenbei bemerkt ist auch meine Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schönes Weib — ihren Platz in der Karawane angewiesen.
Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, daß wir in 8-10 Tagen an den Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen würden, daß es unsere Absicht sei, ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten gefallen würde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Hütten bauen würden, zum größten Vorteil gereichen, denn wir würden ihn reich und unbesiegbar allen Feinden gegenüber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten würden wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen könnten, dazu genügende Macht besäßen und noch viele Tausende unserer weißen Brüder nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien Durchzug aber würden wir, wenn er uns nicht friedlich gewährt werde, überall zu erkämpfen wissen. Schließlich banden wir unseren Blutbrüdern noch ans Herz, dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen möglichst zahlreiche Stämme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche längs des Weges nach dem Naiwascha-See — unserer Route an den Kenia — wohnen, und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wünschen von einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen überaus kostbarer Geschenke für ihre Herzallerliebsten, die sogenannten „Dittos“ mit, als da sind, Messingdraht, messingene Armbänder und Ringe mit falschen Steinen, Handspiegel, auf Schnüre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bänder. Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Währung, wie wir uns später zu überzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos über unsere Freigebigkeit. Geradezu unschätzbar aber war in ihren Augen das Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrückte: ein Kavalleriesäbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge für jeden der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser Waffe ad oculos zu demonstrieren, ließ Johnston durch einen in solchen Kunststücken bewanderten Belgier den mächtigsten der Massaispeere, dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen, und wies dann den zu Bildsäulen erstarrten Kriegern die völlig unversehrte Schwertklinge vor. „So schneiden unsere „Siemes,“ sagte er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; hütet Euch aber, sie bei Raubzügen oder Mordthaten zu ziehen, sie würden Euch in der Hand zerspringen wie Glas und Unheil über Eure Köpfe bringen.“ Damit winkten wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen verloren.
In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden Märschen Ruhe zu gönnen und uns an den über alle Beschreibung entzückenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl als an Großartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus übertreffenden Landes zu erlaben, und schließlich um unsere Ausrüstung mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen Agenten einigermaßen zu ergänzen. Diese Herren, wie nicht minder die freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst über jene Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr herrsche und da sich ergab, daß wir von einer derzeit bei den Dittos modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveauté geltenden Sorte Baumwolltücher vollends auch nicht einen Ballen besaßen, so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.
Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima Ndscharo in seiner vollen überwältigenden Majestät. Nahe an 4000 Meter steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trägt dieser zweizinkige, sich zu 5700 Metern über die Meeresfläche erhebende Riese auf seinem breiten, wuchtigen Rücken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung sich nicht die Gletscher unserer europäischen Alpenriesen, ja in gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so unvermittelt nebeneinander den Kontrast der üppigsten, saftigsten Tropenwelt und der schauerlichen Öde zerrissenen Geklüftes und ewigen Eises, wie hier im äquatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fuße des Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und Quell-Lande von Taweta; aber während die schneebedeckten Gipfel des Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt vom Fuße desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergönnt ist, die Reize beider zugleich zu genießen und durch den Kontrast zu steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergründlichen Schlünde der Gletscherspalten zählen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen Eises der des ewigen Sommers gerückt. Und welchen Sommers! Eines Sommers, der seine reichsten Schätze an Schönheit und Fruchtbarkeit gewährt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man muß diese schattigen und doch lichten Wälder, diese allenthalben durch den blumenduftenden Boden hüpfenden krystallklaren Bäche gesehen, diese kühlenden Lüfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen Bergabhänge würzen, um seine Schläfen empfunden haben, um zu wissen, was Taweta ist.
An materiellen Genüssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Ländchen eine überreiche Fülle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner, köstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschäumenden kleineren Gebirgswässern, Wildpret in tausenderlei Varietäten, befriedigen selbst den unersättlichen Hunger nach Fleisch; das Pflanzenreich schüttet ein nicht minder reiches Füllhorn fast aller in den Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus. Dabei ist alles so wohlfeil, daß selbst der übermütigste Schlemmer nicht im Stande ist, mehr als wenige Pfennige täglich auszugeben — falls die liebenswürdigen, gastfreundlichen Wataweta überhaupt Zahlung annehmen, was z. B. uns gegenüber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere unsere Versicherung zu statten, daß wir auch Taweta von diesen bösen Gästen befreien würden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lästig erwiesen hatte. Auch war unsere Hand den Taweta-Männern und mehr noch den Weibern gegenüber stets offen. Europäische Geräte aller Art, Kleidungsstücke, primitive Schmucksachen, und hauptsächlich eine Auslese von Photographien und bemalten Münchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen Gastfreunde, so daß, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen, wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verließen, als die Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis über die Grenze ihres Gebietes begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der keineswegs unschönen Tawetafräulein, das sein Herz an einen der weißen, oder wohl auch der Suaheli-Gäste verloren haben mochte, vergoß bittere Thränen und klagte sein Leid mit Vorliebe — unseren beiden Damen, die glücklicher Weise von diesen Ergüssen und Eröffnungen tawetanischer Mädchen-Seelen kein Wort verstanden. Prüderie ist im äquatorialen Afrika eine gänzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schönen würden ebensowenig begriffen haben, daß irgend Jemand Übles darin finden könne, wenn man einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegenträgt, als ihre weißen Schwestern begriffen hätten, daß man derlei Dinge in aller Unschuld ausplaudern könne, ohne daß Freunde und Verwandte daran den geringsten Anstoß nähmen.
4. Kapitel.
Nach Massailand führen von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.
Das Land ist fruchtbar und schön auf beiden Seiten; wir wählten aber die letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und wir uns in keine überflüssigen Händel mengen wollten, auch ganz im allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schüchternen Wadjagga dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen Tagemärschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von düsteren, senkrecht abfallenden Felsen eingefaßten Dschallasee, durch die waldigen Bergabhänge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, übersetzten dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bäche, die vereint den Tsabofluß bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder der Eingeborenen bewässern. Überall tauschten wir reiche Geschenke und schlossen Freundschaftsbündnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt, die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in großer Menge ergab.
Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach überschritten, stieß unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte er nicht bloß den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern allen Stämmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte übermittelt und sie zu einem großen Schauri am Minjenjeberge — einen halben Tagmarsch von der Grenze gegen Useri — eingeladen. Sie waren zahlreich erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Männer und Krieger, letztere in einer Gesamtstärke von über 3000 Mann, und vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war der einstimmige Beschluß, uns ein Freundschaftsbündnis anzutragen.
Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser Lager, wo wir sie Mann für Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam Mdango für seine diplomatischen Bemühungen ein buntes, goldgesticktes Ehrenkleid (wo bei Geschenken von „Gold“ die Rede ist, welches die Centralafrikaner nicht kennen und nicht schätzen, muß überall unechte Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Eßbesteck aus Weißblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der letztgenannten Dinge mußte ihm allerdings erst mühsam beigebracht werden, doch sei bemerkt, daß Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange blieb und daß er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der Gabel mit angemessener Würde bediente.
Andere Massaigrößen wurden gleichfalls, wenn auch nicht so verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen bedacht; alle El-Moran aber erhielten außer Perlenschnüren und Tüchern für ihre Mädchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Männer farbige Mäntel, und jedes Weib — Frau oder Mädchen — das unser Lager mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und allerlei broncenen und gläsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fünfzig von uns damit beschäftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzückt durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verließen die letzten Massaimänner unser Lager, während gerade die hübschesten der jungen Mädchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten aufzusuchen. Die Männer bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der Ordnung, daß ihre Frauen und Töchter so freigebigen Fremden auch nach Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in Massailand, und wir hatten Mühe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren, ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach europäischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu beleidigen.
Am nächsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral — es waren deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten — auf, den Leitunu und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die den Vertragsabschluß mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging merkwürdig rasch von statten und schon eine Stunde später war die Ratsversammlung, an welcher unsererseits bloß Johnston, ich und 6 Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien eröffnet. Zuerst gab es einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen würden, von Seiten der Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den weißen Freunden gegenüber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt:
1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenüber, als da sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri, unverbrüchlich Frieden und Freundschaft einhalten.
2. Die Massai werden von keiner von Weißen geführten Karawane unter irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem Durchzuge derselben in jeder Weise behülflich zu sein, insbesondere, so weit ihre Vorräte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel beizustellen.
3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder beliebigen Zahl zu unserer Verfügung stellen, die Geleits- und Wachdienste zu leisten haben und uns während der Dauer ihrer Verwendung militärischen Gehorsam schuldig sind.
4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schützen und ihnen gegen fremde Angriffe beizustehen.
5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns alljährlich Mann für Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff und je 50 Schnüre Glasperlen, deren Auswahl ihnen überlassen bleibt, oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und Mantel.
6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten außer voller Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnüre oder deren Wert als tägliche Besoldung.
Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener Befriedigung aufgenommene Aktenstück wurde durch eine symbolische Blutverbrüderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen Feierlichkeiten bekräftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei aufnahm, so wußten wir, daß die öffentliche Meinung von Leitok-i-tok und eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei.
Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, daß es unsere Absicht sei, über Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die unterwegs wohnenden Massaistämme womöglich alle in den Bund aufzunehmen und dann entweder über Kikuja oder über Leikipia an den Kenia vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen Beziehungen mit jenen Stämmen, deren Gebiete wir zu durchziehen hätten, verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die unter Führung unseres — inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem Ansehen gelangten — Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah wie wir wünschten und Mdango fühlte sich durch die auf ihn gefallene Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten, wurden übrigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege über Kikuja aber rieten uns die Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehören einer ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt. Sie wurden uns als verräterisch, feige und grausam zugleich geschildert, als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz unmöglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her wußten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander bekämpfender „Nationen“ legen dürfe, so machte obige Schilderung vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als daß wir derselben entnahmen, die Wakikuja seien „Erbfeinde“ der Massai. Wie sehr im Rechte wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde bedeutet, daß es bei der ursprünglichen Abrede sein Bewenden habe. Er solle uns in Eilmärschen voranziehen, wo möglich bis an die Grenzen von Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das große Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verständigten und berufenen Massai-Stämmen abzuhalten gedächten. Was es mit den Wakikuja, die das Gebiet östlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, würden wir selber untersuchen.
Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach mehrstündigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge hinter uns und wir betraten die kahlen Flächen der Ngiriwüste. Der Weg durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir die Berge von Kapte, längs deren Westabhang wir in einer Seehöhe von 1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintönige unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern aufsteigenden Kapteberge, an den Abhängen meist grasreiches Parkland, auf den Kuppen dunkle Wälder zeigend. Zahlreiche Bäche, die stellenweise malerische Wasserfälle bilden, rauschen von ihnen hernieder und vereinigen sich im Dogilaniland zu größeren Flüssen, die, soweit das Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in den Ukerewe, diesen größten unter den Riesenseen Centralafrikas, münden. Alle Stämme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst diejenigen, mit denen wir noch kein Bündnis geschlossen hatten. Zu ihnen allen war die Wundermär von den weißen Männern gedrungen, die sich bei ihnen ansiedeln wollen und die so mächtig und freigebig zugleich seien; Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war überall freudig aufgenommen worden, große Scharen waren schon unterwegs. Andere schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von „Hongo“ nirgend die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes.
Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte über den heimtückischen, häßlichen Charakter dieses Volkes waren uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter Form wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen führten nämlich ein Andorobomädchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen hatten. Die Andorobo sind ein Jägervolk, welches ohne festen Wohnsitz durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der Zanzibarküste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher die Gegenden am Fuße des Kenia, nördlich von Kikuja nach Elefanten durchstreift, war Sakemba — so hieß das fragliche ungefähr 18 Jahre zählende Mädchen — vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta kam. Das Mädchen hatte — eine Seltenheit bei diesen Rassen — eine unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und Miß Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzählten, sie warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwärtigen Herrn abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort würden ihre Angehörigen gern einige schöne Elefantenzähne an ihre Auslösung wenden. Durch das inständige Flehen des Negermädchens gerührt, bewilligten Klara und Miß Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als sehr intelligent und über die Verhältnisse ihres Heimatlandes wohlunterrichtet sich erweisende Mädchen hatte schon in Miveruni gehört, wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nächster Gelegenheit seinen Beschützerinnen versichert, daß die Sache lange nicht so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie einander demzufolge gegenseitig möglichst viel Übles zufügen, so glaubten und erzählten sie auch alles erdenkliche Böse über einander. Wahr wäre allerdings, daß die Wakikuja lieber aus dem Hinterhalt als in offener Feldschlacht kämpften, und so tapfer, als die Massai seien sie auch nicht; verräterisch und grausam aber wären sie nur gegen ihre Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der könne sich so gut auf sie verlassen, als auf Angehörige irgend eines anderen Volkes. Die Andorobo zögen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so übermütig wie diese. Der direkte Weg an den Kenia aber führe für uns über Kikuja, während die Straße über Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen länger wäre.
Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu zweifeln, dessen letzten, für uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf die Karte vollauf bestätigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit Kikuja zu versuchen. Während also der größere Teil der Expedition unter Johnstons Führung die Straße nördlich an den Naiwaschasee weiter verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepäck bei dem Grenzorte Ngongo-a-Bagas östlich ab. Meine Absicht war, bloß Sakemba, als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu meiner Rückkehr der Obhut Johnstons zu übergeben. Allein meine Schwester erklärte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomädchen nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, überdies aber versicherte, daß für diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig — auch von den Massai — bekräftigt wurde, so waren meine Schwester und Miß Ellen mit von der Partie.
Sowie wir die Grenze von Kikuja überschritten, nahmen uns gewaltige schattige Wälder auf, die jedoch keineswegs „undurchdringlich“ genannt werden können, vielmehr das Eigentümliche haben, daß sie an sehr zahlreichen Stellen von breiten Durchschlägen durchschnitten sind, die geradezu den Eindruck machen, als wären sie von einem geschickten Gärtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern; stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, daß der Boden mit dem schönsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und daß schattige Kühle in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschläge entstanden sind, war und blieb mir rätselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen den hochstämmigen Bäumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir konnten ganz gut bemerken, daß dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns folgten, jede unserer Bewegungen beobachtend und offenbar nicht ganz im Reinen darüber, was sie aus uns machen sollten. Daß wir aus dem feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mißtrauen erregen, denn wir waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne daß unsere Begleiter sich hervorwagten.
Dem mußte ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener Zwischenfall leicht zu Mißverständnissen und daraus sich ergebenden Feindseligkeiten führen konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. „Warum nicht“, meinte sie, „dabei ist so wenig Gefahr für mich, als wenn ich allein in die Hütte meiner Eltern träte“. Ich ließ also Halt machen, die Andorobo schritt furchtlos auf die Büsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wußten und hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurück, die abgesandt worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen, d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weiße seien und ob sich — der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten — wirklich auch zwei weiße Mädchen unter uns befänden. Dunkle Gerüchte über uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wußten sie nicht, was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schönen. Unsere Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Männern zurückzukehren, sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn auch Folge leisteten, so daß wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben waren.
Nun trat aber ich, begleitet bloß von einem Dolmetsch mitten unter sie und fragte, wo ihr Sultan oder ihre Ältesten wären. Sultan hätten sie keinen, war die Antwort, sie seien unabhängige Männer; ihre Ältesten dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. „Dann laßt uns sofort ein Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen“. Der Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so saßen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen vorbringen. Zunächst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer späterhin bethätigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, daß wir auch die Wakikuja uns zu Freunden zu machen wünschten, woraus für sie Ruhe vor den Massai und großer Gewinn von uns sich ergeben würde. Wir aber verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch ihr Gebiet. Sodann ließ ich einen, für solchen Anlaß bereitgelegten Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, öffnen und erklärte: „Das gehört Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten Male gesehen, erinnern möget. Niemand soll sagen: „„Ich saß bei den weißen Männern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer““.“
Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der ausgebreiteten Geschenke ließ nichts zu wünschen übrig. Wegen Verteilung der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren zukünftigen Freunden, als aber diese glücklich ohne ernsten Unfall vorüber war, ging es an Beteuerungen überschwänglicher Zärtlichkeit und Dienstbeflissenheit uns gegenüber. Zunächst wurden wir eingeladen, ihre sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Hütten mit unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer möglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafür, daß unausgesetzt einige von unseren Leuten in unauffälliger Weise Wache standen. Das Gepäck ließ ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen hatten. Im übrigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaßregeln als überflüssig; Niemand führte Böses gegen uns im Schilde und auch die in den ersten Stunden noch immer hervortretende Ängstlichkeit der Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei — nebenbei bemerkt — die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen. Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als höchst ersprießlich, wie uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hülfegeschrei eines Wakikujajünglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht wähnend, sich mit einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu Tode Erschrockenen, im übrigen jedoch gänzlich Unverletzten, aus den Fängen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf unsere Güter zu besorgen.
Am nächsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige Tagmärsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen könnten, zu einem Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten dabei die Wakikuja ohne Bezahlung für irgend etwas zu nehmen in wahrhaft verschwenderischer Weise. Wir schwammen förmlich in Milch, Honig, Butter, allerlei Fleisch- und Geflügelsorten, Mtamakuchen, Bananen, süßen Kartoffeln, Yams und einer großen Auswahl sehr wohlschmeckender Früchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschöpfliche Überfluß insbesondere an Feldfrüchten wohl stammen möge, denn in den Lichtungen der Wälder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rätsel gelöst, denn sowie wir den „Guaso Amboni“ genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden recht ansehnlichen Fluß erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar Kikuja seinen unerschöpflichen Körnerreichtum. Ganz fern im Norden dieses Plateaus sahen wir eine mächtige Gebirgsgruppe blauen, in der Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Führer und Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man könne von hier aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen.
Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mächtige Rührung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorläufig nur aus weiter Ferne, die zukünftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel aber blieb unsichtbar in Wolken gehüllt während der zwei Tage unseres Aufenthaltes an der Ostlisière des Kikujawaldes. Wir machten dort in einem entzückenden Haine riesiger Brotbäume Halt, wo gastfreie Wakikuja uns ihre Hütten einräumten. Der Ort heißt Semba und war als Versammlungsplatz für das große Schauri verabredet worden. Wir fanden denn auch eine große Zahl Eingeborener bereits versammelt und am nächsten Tage wurde Alles zu größter beiderseitiger Zufriedenheit zwischen uns geordnet und festgemacht, so daß wir schon am 16. Juni den Rückmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht über Ngongo, sondern, einen Nebenfluß des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der Kikujatafelberge jäh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen. Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschöpft, aber wohlbehalten und in köstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu können, als auf dem ursprünglich in Aussicht genommenen Wege über Leikipia möglich gewesen wäre.
Am Naiwascha — einem von malerischen Bergzügen, deren höchste Gipfel sich zu 2800 Meter erheben, umsäumten schönen See von ungefähr 80 Quadratkilometer Flächenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem großen Friedens- und Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die Botschaft, daß sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer Freunde gehörig zu betrachten hätten, wurde zwar von den El-Moran mit gemischten Gefühlen entgegengenommen; indessen fügten sie sich doch ohne Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknüpften Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.
Dieses Fest aber bestand aus einer zweitägigen großen Schmauserei, bei welcher wir nicht weniger als 6000 Gäste — Weiber und Kinder ungerechnet — mit riesigen Quantitäten Fleisch, Backwerk, Früchten und Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war. 150 fette Stierkälber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen, unzählbares Federwild, und gar nicht zu übersehende Mengen von Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in 160 je 30 Liter fassenden Töpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht weniger als viermal frisch gefüllt werden mußten. Nichtsdestoweniger kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft — vom Feuerwerke abgesehen — fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke — und zwar nur ein Teil der uns von zahlreichen Stämmen als Zeichen dankbarer Wertschätzung dargebrachten — das Wild hatten wir natürlich nicht gekauft, sondern geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so billig, daß man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland — glücklicherweise — nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorräte anzugreifen, daß sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den mitgenommenen Maschinen und Geräten befand sich nämlich auch eine Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Fülle. Nur wurde dafür Sorge getragen, daß diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen erlauscht und späterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche — diese Pest der Negerländer — wollten wir nicht unter unseren Nachbarn einbürgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar heiß, aber anständig verdünnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum, was übrigens nicht hinderte, daß während der zwei Festtage 18 Hektoliter dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der Jubel, insbesondere während des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten hatte, durch stimmkräftige Herolde ausrufen ließen, das Volk der Massai sei von nun an alljährlich für den 19. und 20. Juni hier an dieser Stelle von uns zu Gaste geladen, wären wir aus purer Begeisterung beinahe in Stücke gerissen worden.
Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und der Ordnung des Gepäcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten. Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rückwege gewählten Pfad über die steilen Abhänge der das Naiwaschathal umsäumenden Berge vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurück, welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen, so rasch als möglich nach Mombas und von da an den Ausschuß der Internationalen freien Gesellschaft gelangen könne. Von Mombas nach Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten nun, daß unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer bloß je eine eintägige Anstrengung zugemutet würde, während eines solchen Tages bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen zurücklegen könnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der ausdauerndsten Renner zurückbeordert; diese Kuriere erhielten die Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100 Kilometern — wo böse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg leicht ist, etwas mehr — zu verteilen. An Gepäck bekamen sie nebst Waffen und Munition bloß so viel europäische Bedarfsartikel und Tauschwaren auf den Weg, als die 8 überzähligen Pferde, die zugleich als Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im übrigen konnten wir uns jetzt darauf verlassen, daß sie überall, wo sie längs der von uns durchzogenen Straße auf Eingeborene stoßen, mit offenen Armen aufgenommen und reichlich verpflegt werden würden. Der gleiche Etappendienst wurde selbstverständlich auch zwischen Ngongo und dem Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer maß, so genügten hier zwei Etappen, so daß ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also vorausgesetzt, daß eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen gelangen werde — was sich denn auch als richtig erwies.
Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel, der von uns Kaukasiern bloß insofern unangenehm empfunden wurde, als er uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals erlebt hatten, zum Zähneklappern brachte. Für die Nordländer und insbesondere für die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die wallenden, vom Dufte balsamischer Bäume und Sträucher durchtränkten Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da — es war gegen 8 Uhr — erhob sich plötzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren überwältigende Großartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst kürzlich verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelände, in welchem smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender Saat abwechselten. Der Boden überall mit leuchtenden Blumen bedeckt, deren süßen Duft uns die laue Brise in berauschender Fülle entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier tummelt sich übermütig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei ungeschlachte Nashörner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend Meter von uns dem Walde zu, und in noch größerer Ferne trottet eine nach Hunderten zählende Herde Büffel dem gleichen Ziele entgegen.
Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Südost, durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa 8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser Standplatz, seine Fluten nach Osten trägt und soweit wir es übersehen können, mindestens ein Dutzend von Quellbächen von beiden Seiten der ihn einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Südseite — auf welcher wir uns befinden — entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mächtiger, denn ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas, dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf abhebendes riesiges Eisfeld und darüber hinausragend zwei krystallklare Spitzen.
Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschönheiten gegenüber stumpf sind, brechen bei diesem Anblicke in betäubendes Jubelgeschrei aus; wir Weißen aber stehen in Entzücken versunken, drücken uns stumm die Hände und gar Mancher wischt verstohlen eine Thräne aus dem Auge. Das Land der Verheißung liegt vor uns, schöner, herrlicher, als wir zu träumen gewagt, die Wiege einer beglückenden Zukunft für uns und, wenn unser Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch für die spätesten Geschlechter.
Von da ab war’s, als ob unsere Füße und die unserer Tiere Flügel bekommen hätten. Die reine, erquickende Luft dieses schönen Tafellandes, erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung ermöglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27. überschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich verproviantieren mußten, weil von da ab gänzlich unbewohntes Gebiet begann, durchstreift bloß von wandernden Andorobo. Das Land glich, so weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die größere Hälfte des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wäldchen, über murmelnde Bäche und ansehnliche Flüsse; aber Giraffen, Elefanten, Nashörner, Büffel, Zebras, Antilopen und Strauße, an den Flußufern Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, daß sie unserem Zuge kaum auswichen, ja einige übermütige Zebras begleiteten uns unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt unserer Pioniere uns Bahn hauen mußte. Das Terrain, schon seit zwei Tagen, seitdem wir nämlich den Amboni überschritten hatten, allmählich ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fuße der Keniaberge angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloßer Gürtel von verhältnismäßig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rücken einer der vor uns gelagerten Erhöhungen erreicht hatten, lag vor uns, fast mit Händen zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht seiner Gletscherwelt.
Wir waren am Ziele!
5. Kapitel.
Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge — denn von da ab überging die Leitung der Expedition in meine Hände — das ausführliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen kurzen Schlußbericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich erklärte in diesem Berichte, daß wir dafür einstehen könnten, bis zur nächsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brüder vorbereitet zu haben; ebenso könnten wir versprechen, von Mombas zum Kenia einen für langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis längstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in genügender Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf, ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und genügender Wagen zu veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig angekündete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen, gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel nur immer möglich, in die neue Heimat zu befördern. Zum Schlusse bat ich um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in Begleitung einer neuen Schar kräftiger junger Mitglieder.
Die zwei Kuriere mit dieser Depesche — die Kuriere hatten nämlich überall zu zweien zu reisen — ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab; pünktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am selben Tage noch hatte der Ausschuß meinen ihm von Zanzibar telegraphisch durch unseren Bevollmächtigten weiterbeförderten Bericht in Händen, während er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings erst zwanzig Tage später erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war die Rückantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe den gleich mir über dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden seltsam bewegten Brüdern vorlesen. Sie war sehr kurz: „Dank für hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 überschritten; Wagen für je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt; werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um möglichst häufige Nachricht.“ Letzterem Wunsche war inzwischen meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fünf fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der Erzählung über unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von da ab zweierlei Vorgänge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Küste.
Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und kühl, sein Gefäll jedoch ein auffallend mäßiges. Er durchströmte von Nordwest nach Südost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30 Kilometer Länge, welches sich halbmondförmig an die Vorberge des Kenia schmiegte; dessen größte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer, während es sich am Westende bis auf 1½, am Ostende bis auf 4 Kilometer verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen- und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Süden von den grasbedeckten Hügeln, die wir überschritten hatten, im Westen von schroffen Felswänden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte sich zwischen den Hügeln des Südens und den Felsen des Nordrandes eine Lücke, durch welche der Fluß seinen Abzug fand, und zwar, wie von dorther trotz der großen Entfernung herübertönendes Donnern und Brausen anzeigte, in Form eines mächtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher von 95 Metern Fallhöhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau fand dieser Fluß, der sich späterhin als der Oberlauf des an der Wituküste in den indischen Ozean mündenden Dana erwies, durch ein enges Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen vermochten. Vom Norden her, den Abhängen der Keniavorberge entlang, eilten dem Dana vier größere und zahlreiche kleinere Bäche zu, die während ihres Laufes über die Felsenschroffen eine Menge mehr oder minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehöhe dieses, einem großen Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.
Noch während wir uns mit der näheren Untersuchung dieser Hochebene beschäftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe, möglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden Höhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich doch nicht entschließen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu legen, bevor ich zum mindesten oberflächlichen Überblick über das Gesamtgebiet des Kenia gewonnen hätte. Die Auskünfte, die uns diesbezüglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als dürftig und ungenügend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und nun hatten wir ortskundige Führer, wie wir sie nur wünschen konnten. Was wir zunächst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Führung je eines Andorobo zogen aus und kehrten — die erste schon am Abend des nächsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit ziemlich erschöpfenden Berichten zurück.
Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten sie von verschiedenen leichter zugänglichen Punkten des Hauptstockes, zum Teil aus Höhen von nahezu 5000 Metern, großartige Rundsichten erlangt. Danach war die offenste, für Viehzucht und Ackerbau günstigste Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten. Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht bloß malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende Abwechselung von offenem Land und Wald, Hügel und Ebene, die wir im Süden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene Wälder. All das konnte späterhin ohne Zweifel in üppiges Kulturland umgewandelt werden; vorläufig aber war selbstverständlich bereits kulturfähiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns erfüllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thälern und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Südwesten, etwa fünf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die Vorberge zurück, den Raum freilassend für eine ausgedehnte offene Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abfluß der Dana ist. Den Flächeninhalt dieses Thales schätzten unsere Kundschafter auf ungefähr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin überein, daß es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schönheit wäre. Zugänglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus welcher der Dana hervorbreche, nur müsse dieselbe, so lange geeignete Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus, sondern auf dem Umwege über ein südlich einmündendes kleines Seitenthal betreten werden.
Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nächsten Tage schon war ich, ohne die Rückkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten, unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in der That sehr praktikabel sich erweisende Weg führte von unserem Lagerplatze zunächst an das Westende des Plateaus, dann südlich ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana durchflossene Schlucht mündete, die jedoch hier weder so eng, noch so ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht aufwärts verfolgend, standen wir nach einer Stunde plötzlich inmitten des gesuchten Thales.
Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12 Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmäßigkeit aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhügel, dessen Grundlinie dagegen durch die jäh und schroff sich emportürmenden Felswände des Kenia gebildet wird, von deren Höhe, die Wolken überragend, die schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majestätischen Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland. Das Publikum, welches diese Arena füllt, sind zahllose Elefanten, Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stück, welches in demselben zur Aufführung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers. Hoch oben, in unerreichbarer Höhe, entspringen unter dem Kuß der glühenden Sonne zahllose Wasseradern den bläulich und grünlich strahlenden Eisklüften; schäumend und funkelnd, bald zerstäubt in alle Farben des Regenbogens, bald vereint in weißlichem Glaste, eilen sie hernieder, stets kräftiger anwachsend, stets unbändiger tobend, bis endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu einem mächtigen Flusse, der nun mit donnerndem Tosen, das bei günstiger Windrichtung selbst da unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hören ist, seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustürmt; dort angelangt aber stürzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jäh herab, in Atome zerstäubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Fluß ist urplötzlich in den Lüften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleißenden Klippen; erst 500 Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu fließendem Wasser, um von da ab in kleineren Absätzen dumpf brausend und grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.
In sprachloses Entzücken versunken standen wir lange vor diesem Naturwunder sonder gleichen, dessen unsägliche Majestät und Schönheit Worte nicht schildern können. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und Farbenglanz, gierig das Ohr den aus märchenhafter Höhe herabklingenden Ton der Wässer, gierig die Brust das duftgeschwängerte Labsal ein, welches als Atmosphäre dieses Zauberthal durchfächelt. Zuerst fand das Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzückten Seherin gleich hatte sie lange dem Spiel der Wässer zugeschaut; da rief sie plötzlich, als ein stärkerer Windhauch den Nebelschleier des Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwertähnlich geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: „Seht hin, das Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht hat, ist bei unserem Erscheinen zerstäubt; „Eden“ laßt uns diesen Ort nennen!“
Daß dieses Thal — der Name Eden wurde für dasselbe einhellig acceptiert — unser zukünftiger Wohnort sein müsse, stand bei uns allen sofort fest. Eine nähere Untersuchung desselben ergab, daß dessen Gesamtfläche 160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35, auf den die Höhen umsäumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten, dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abfluß des Keniagletschers bildende Dana mündet am Nordwestende des Sees in diesen und verläßt ihn am Südostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da oben vermuten sollte, erwärmen sich hier mit merkwürdiger Raschheit; die Temperatur des Sees erreicht an heißen Tagen bis zu 24 Grad Celsius. Außer dem Dana münden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den Keniaklippen, teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. Wir zählten deren nicht weniger als elf, darunter eine heiße, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.
Daß wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht müßig gewesen, versteht sich von selbst. Zunächst hatten sich schon am 1. Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die eine unter Leitung Demestres’ und dreier anderer Ingenieure, sollte die Straße bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche Zugvieh — dessen Menge einstweilen auf 5000 Stück Ochsen präliminiert war — auftreiben und die Verproviantierung längs der ganzen Wegstrecke sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston bekam bloß 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schäferhunde mit. Wie diese Expeditionen ihre Aufgabe lösten, davon später.
Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200 Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren überdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weiße, 80 Suahelis und 475 Tiere — die Hunde und Elefanten ungerechnet. Außerdem waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der anstelligsten zurück, die anderen sandte ich — begleitet von fünf der Unserigen — noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300 kräftige Zugochsen, 150 Kühe, 400 Schlachtochsen und einige tausend Zentner verschiedener Sämereien und Nahrungsmittel einzukaufen und successive an den Kenia zu befördern. Nachdem ich dies erledigt, verteilte und übergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun zunächst zu beschäftigen hatten, sachverständigen Händen. Einer unserer Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die Sägemühle zugewiesen — dazu selbstverständlich die entsprechenden Arbeitskräfte; zum Holzfällen war eine besondere Sektion bestimmt, eine andere sollte die landwirtschaftlichen Geräte in Stand setzen und ergänzen. Einer der am Kenia zurückgebliebenen Ingenieure hatte mit 100 Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brücken über den Dana zu bewerkstelligen.
Am 5. Juli fand die Übersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain wurde genau vermessen und zuvörderst rings um den See die zukünftige Stadt abgesteckt, mit ihren Straßen und Plätzen, öffentlichen Gebäuden und Belustigungsorten. Dieser — zunächst allerdings bloß in unserem Geiste existierenden Stadt — reservierten wir vorerst einen Raum für 25000 Familienhäuser, deren jedem auch ein ansehnliches Gärtchen zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Außerhalb dieses Bauareals — das späterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden mochte — wurden 1000 Hektaren als vorläufiger Ackergrund ausgesucht; sie erhielten ein Netz kleiner Bewässerungskanäle und sollten so bald als möglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des zahllos umherschwärmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere, die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen, sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der Hunde im Freien weideten.
Inzwischen hatte die Sägemühle, die wir nicht mit nach Eden genommen, sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bäche hart am Flusse errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten, welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier größerer Flachboote benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes den Fluß aufwärts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen später erhoben sich an dessen Ufern vierzig geräumige Holzbaracken, in welche nun wir Weiße aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten übersiedelten; die Neger zogen es vor, in den Grashütten zu bleiben, die sie sich unter dem Schutze eines Wäldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfüßigen Invasion unübersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum für ungefähr zweitausend Tiere und war überdies mit einem gedeckten Raume versehen, der bei Regenwetter Schutz gewährte.
Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflügen ergänzt; gleichzeitig war aus Kikuja der erste Viehtransport — 120 Ochsen und 50 Kühe samt 200 Schafen und zahllosem Geflügel eingetroffen. Sofort wurden unter Anleitung unserer Ackerbauer Pflügeversuche gemacht. Die Kikujaochsen sträubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber hatten wir sie doch so weit, daß sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug gespannt, leidlich ackern ließ. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da der schwarze, fette Boden, gebunden überdies durch die üppige Grasnarbe, sich außerordentlich schwer aufbrechen ließ. Jedes Ochsenpaar mußte zwar anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhältnismäßig kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fünfzehn fernere Pflüge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflügen waren bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflügt, die sodann geeggt und gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Sämereien — hauptsächlich Weizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schließlich wieder eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthälfte war diese Arbeit gethan, kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen.
Inzwischen war auch ein — vorläufig bloß 10 Hektare umfassender — Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zukünftigen Stadt als das Ackerland, denn während letzteres bei dem zu gewärtigenden Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mußte für den Garten ein möglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein solcher, der außerhalb des Weges der zukünftigen städtischen Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Gärtner besaßen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10 Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemüsen, Blumen, kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils aus der alten Heimat herübergebracht, teils unterwegs vorgefunden und mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten. Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewässerungskanäle versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche gesichert.
Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere praktikable Fahrwege rings um den Edensee, längs des Flusses bis zum Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man darf sich darunter keine Kunststraßen vorstellen, es waren eben Feldwege, die jedoch die Beförderung ganz ansehnlicher Lasten ohne sonderliche Kraftverschwendung ermöglichten. Der Dana wurde an drei Stellen für Fuhrwerk und an zwei anderen für Fußgänger überbrückt; sonst waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem großen Plateau führt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen beiden Orten mußten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit am Ufer Raum für einen Weg geschaffen werde.
Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tüchtige Wagen und Karren fertig geworden, die alsbald nützliche Verwendung fanden.
Größere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmühle. Dieselbe wurde mit zehn kompleten Mahlgängen am Oberlaufe des Dana, einen Kilometer vor dessen Einfluß in den Edensee, errichtet. Diese Stelle wurde aus dem Grunde gewählt, weil dicht oberhalb derselben eine große Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe Gefälle hat, das erst am großen Wasserfall, am Ostende des Plateaus, unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorläufig okkupierte Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstraße zur Mühle und konnten für dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausnützen. Die komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mühle hatten wir aus Europa mitgebracht; die Räder, Wellen und die zehn Mühlsteine dagegen erzeugten wir uns selber. Auch diese Mühle war — vorläufig zwar nur aus Holz und Fachwerk erbaut — Ende September fertig, allerdings schon mit Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der während der ersten Hälfte des gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoßen war.
Ich habe bereits erzählt, daß ich sofort nach unserem Eintreffen am Kenia neue Vorräte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt und daß dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein; hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten, unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18. August mit bloß 50 sehr leicht bepackten Handpferden — die 300 Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, sämtlich Pferde — auf den Weg, ohne, von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen mitzunehmen; sie verließ sich beinahe gänzlich auf die Aushülfe von seiten unserer unterwegs beschäftigten Wegbauer und der uns freundlich gesinnten Bevölkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschluß, alle etwa zu gewärtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit bloß eintägiger Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere Mitte. Fünf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere mußten unterwegs marod zurückgelassen werden; sie selber aber trafen sämtlich bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschöpft, im übrigen aber in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage später rüstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden, zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage später. Die größere Hälfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoßen waren und der darauf schon sehnsüchtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten neuen Vorräte — in allem etwas über 300 Zentner — enthielten auch mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche Kräftezuwachs beflügelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Maße.
Die Mahlmühle wurde — wie schon erzählt — noch Ende September fertig. Sie fand sofort vollauf Beschäftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen allmählich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sägemühle reichlich Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Mißernte hatten, brauchten die ersten paar Tausend fernerer Ankömmlinge nicht Hunger zu leiden.
Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heißen Jahreszeit, der üppige, durch unser Bewässerungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit regelmäßig versehene Boden einen Segen, der aller europäischen Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt jedes gesäete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren Ähren, sondern in dichten, mächtigen Ährenbüscheln endete jeglicher Halm, der europäische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, daß schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert Meter oberhalb der Mahlmühle eingerichtet worden war, die alsbald unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils aus mitgebrachten Bestandteilen, hauptsächlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige Erntemaschinen und zwei mit Pferdegöpel zu treibende Dreschmaschinen geliefert hatte.
Zu solcher Leistung aber war diese Werkstätte befähigt, weil unsere Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schätzen auch Eisen und Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet, zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein. Es wurde in der Nähe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv, aber doch genügend, um ganz brauchbares Guß- und Schmiedeeisen zu liefern, das uns in unseren Ausführungen sofort unabhängig machte von den aus Europa mitgebrachten Vorräten. Nun erst besaßen wir eine, wenn auch kleine, so doch auf eigenen Füßen stehende Maschinenindustrie, und diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten.
Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten Leistungsfähigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sägemühlen und einer Bierbrauerei. Die Sägemühlen brauchten wir, um für die stetig anschwellende Menge der angekündigten Ankömmlinge bequeme Unterkunft zu schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten heimischen Getränks zu überraschen. Sowie die Gerste geschnitten und gedroschen war, ging’s ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Gärtner an den Hängen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Güte gezogen, und bald füllten zahlreiche Fässer des edlen Getränkes einen unter Benutzung natürlicher Höhlungen angelegten kühlen Felsenkeller.
Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und Genugthuung auf unsere viermonatliche Thätigkeit im Keniagebiete zurückblicken. Sechshundert nette Blockhäuser für ebensoviel Familien harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorräte an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung und Ausrüstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte sich nicht minder schön entwickelt und seine köstlichen Gaben waren teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier genügte unsere eigene Produktion vorläufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen Bedarfes; aber dem ließ sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir regelmäßig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet, welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf Ochsenkarren mit sich führend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten, ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermöglicht hatten. Seitdem wir unsere Eisenhütten besaßen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafür brachten sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorläufig nicht mehr bedurften, hauptsächlich Elfenbein, von welchem wir, teils durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; für unser Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergnügen das doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschätzten Materials, und jedes eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein bezahlt; das Vieh und die Vorräte, die Werkzeuge und Maschinen — vom Lande gar nicht zu reden — gingen gratis drein.
6. Kapitel.
Während wir am Kenia solcherart damit beschäftigt waren, den aus der alten Welt erwarteten Brüdern das neue Heim behaglich einzurichten, arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Führung nicht minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben.
Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging Demestre nichts an; sein Geschäft begann erst am Saume der die Keniaregion umgürtenden großen Wälder. Von hier bis zur Grenze zwischen Kikuja und Massailand bei Ngongo übergab er die Ausführung des Werkes dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt der Ingenieur Möllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion, Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrät, ein Russe; die letzte und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bösesten Einöden enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen waren 5 Weiße zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstärkt durch die doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150 Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Benützung unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am 15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegen ritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke Teita-Taweta in Angriff nehmen ließ, eilte dann weiter nach Mombas und brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Küstenleuten auf der schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen.
Diese Arbeiten waren überall dreifacher Art. Zunächst mußten an den wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab, insbesondere aber in den Wüsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen, und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig genug, um nicht nur die Arbeiter während der Bauzeit, sondern späterhin Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu versorgen. Da es im äquatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige Regengüsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu besorgen, daß große Cisternen, denen das Regenwasser aus genügend weitem Umkreise zufloß, selbst in den heißen Monaten erschöpft werden könnten; nur mußten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand als auch gegen Schmutz geschützt werden. Ersteres geschah durch Eindeckung und Überdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen sowie dadurch, daß das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen konnte, durch eine mehrere Meter mächtige Sand- und Schotterschicht hindurchgeleitet wurde. Die natürlichen, jedoch in Zeiten anhaltender Dürre austrocknenden Wasserlöcher, die sich in allen Einöden vorfanden, zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen seien, denn es waren das selbstverständlich die tiefsten Punkte, nach denen zu das Regenwasser seinen natürlichen Abfluß nahm. Die bedeutendsten dieser Wasserlöcher brauchten blos entsprechend vertieft, gegen Verdunstung des ihnen zuströmenden Wassers geschützt und mit den oben erwähnten natürlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25 gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2 bis 8 Metern. Gewöhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt. An jedem dieser künstlichen Wasserbehälter ward zur Überwachung gegen Verunreinigung ein Wächter angesiedelt.
In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwärts hergestellte Straße benutzt, bloß von Hindernissen etwas sorgfältiger befreit und wo sie durch den Busch gehauen werden mußte, um mehr als das Doppelte erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Höhen zu überschreiten waren, mußte eine neue, minder jäh ansteigende Trace gesucht werden. Daß auch einige Brücken zu bauen waren, bedarf wohl keiner Erwähnung.
Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven Unterkunftshäusern für Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise- und Schlafräume für einige Hundert Menschen, Pferche für zahlreiche Rinder und Magazine für Lebensmittel wurden in Abständen von 12 bis 20 Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet.
Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September, auf allen anderen Sektionen 14 Tage später vollendet. Die aufgenommenen Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur Überwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand für das wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hälfte in Löhnen, zur Hälfte in Subsistenzmitteln für die Arbeiter; zu bezahlendes Baumaterial gab es nicht.
In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen die ursprünglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schließlich, da die Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche größer und größer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte sich auf durchschnittlich etwas über 8 Schill. (Mark), wobei jedoch reichlich die Hälfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per Stück.
Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, daß von Mombas täglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe zurückbefördert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas, während die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer bloß zwischen je zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher Art täglich 250 Personen befördert werden, und um die sämtlichen, vom Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage erforderlich, es sei denn, daß ein Teil derselben den Weg zu Pferde zurücklegte.
Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhältnis zu ihrer Größe doch leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach. 10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzplätze, bei Nacht ein erträgliches Lager. Eine höchst einfache Vorrichtung ermöglichte eine derartige Veränderung in der Anordnung der Sitze, daß unter denselben für 6, auf denselben für 4 andere Personen genügender Raum zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Stöße des Gefährtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen Regen wie Sonnenbrand, und die — des Nachts zur Lagerstätte dienenden — Matratzen waren tagsüber derart unterhalb des Lederdaches angeschnallt, daß dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze gewährte. Auch für die Unterbringung des Gepäcks war in sehr praktischer Weise gesorgt.
Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an — und zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In der Voraussicht, daß der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhören, ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet, diese Einwanderung soweit nur irgend möglich in eigener Hand zu behalten, hatte sie 12 große, schnellfahrende Dampfer von durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung genommen, weder für den Transport noch für die Verpflegung auf der ganzen Reise, dafür mußte sich auch Jedermann mit dem gleichen, allerdings nicht geringen, Ausmaße von Komfort begnügen. Auf Deck waren große Speise- und Gesellschaftsräume, unter Deck zwar kleine, aber für jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der Beitrittserklärungen zur Gesellschaft; die älteren Mitglieder hatten die Priorität. Natürlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in der Reihe der zu Befördernden verlustig zu werden.
In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd oder zu Wagen zu wählen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Märschen voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65 Stationen mußte beachtet werden; doch war thunlichst dafür gesorgt, daß der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, bloß mit den zum Wechseln der Gespanne nötigen Pausen, oder bedächtiger, unter Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei günstigem Wetter in 14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren dazu 20 Tage und darüber erforderlich.
Alle getroffenen Anordnungen bewähren sich aufs vollständigste. Nirgends gab es Aufenthalt, die Verpflegung ließ nichts zu wünschen übrig; eine Massaieskorte, die Johnston in der Stärke von 10 Mann für jede Station organisiert hatte, sorgte während der Nachtreisen für Sicherheit gegen wilde Tiere, hatte überhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo überwachten das Ganze. Die Eingeborenen kamen den ersten Wagenzügen mit staunendem Jubel, Allen aber mit größter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen. Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistämme ließen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer Verehrung und Liebe für die „am großen Berge angesiedelten“ weißen Brüder zu überhäufen.
Die ersten neuen Ankömmlinge — unter ihnen unser geliebter Meister — trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor über die damit anhebende neue Ära der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch kurz erzählt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.
Zunächst ist zu erwähnen, daß noch im Monat August eine zahlreiche Gesandtschaft von Massaistämmen aus Leikipia — das ist das Land nordwestlich von Kenia — und aus den Distrikten nördlich vom Naiwascha- bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gruß und Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die Gewährung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf; trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewähren und alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von einigen tausend Pfd. Sterling jährlich war die vollständige Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tüchtigsten unter allen Volksstämmen der ganzen Äquatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft. Wir hatten nunmehr genügende Sicherheit, allmählich wachsende Kultur in diesen bisher von unaufhörlichen Fehden und Raubzügen heimgesuchten Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres großen Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem wir sie lehrten, Wohlstand und Überfluß für sich selber zu erzeugen, die Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklärte mich gerührt über die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnächst eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die, übrigens auch ihrerseits nicht mit leeren Händen erschienenen Massai — sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwänzige Schafe als Ehrengabe mitgebracht — entlassen. Johnston, den ich sofort von dem Vorgefallenen verständigte, übernahm die Ausführung des gegebenen Versprechens. Daß er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni gestoßen, reichlich mit Hülfsmitteln versorgte, habe ich schon berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstraße erfüllt war, zog er — zu Anfang des Monats Oktober — an den Naiwaschasee, von da weiter durch die mächtige, meist überaus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehöhe, die, eingerahmt von 1000-2000 Meter höheren Randbergen, die Hochseen von Massailand enthält, nämlich außer dem Naiwascha-, dem wunderbaren Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken, und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in einer bloß 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwärts steigend durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfällen, das wald- und wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistämmen, wie nicht minder mit den „Ndemps“ am Baringosee, Bündnisverträge geschlossen hatte.
In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zähmungsversuchen zu berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging ursprünglich von Miß Fox aus, der dabei in erster Reihe bloß die Absicht vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankömmlinge Freude zu bereiten. Für diese Idee gewann sie meine Schwester, eine große Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja zunächst dafür, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zähmungsversuche mit diesen Tierchen über Erwarten rasch und gut gelangen, so daß schon nach Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher als eine Abart der hauptsächlich in Westafrika vorkommenden Schopfantilope (Cephalophus rufilatus) bestimmten. Auch dieser Versuch war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu und ungeberdig, daß man sie schließlich laufen ließ; aber mehrere Junge gewöhnten sich überraschend schnell an ihre Wärterinnen und liefen denselben nach, wie die Hündchen. Diese Antilopengattung wird nicht größer, als etwa ein mittelgroßes Schaf, insbesondere die jungen Tiere nehmen sich mit ihren rötlichen Schöpfen überaus putzig aus und geberden sich in allen Stücken wie übermütige Zicklein. Miß Ellen und meine Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, Äffchen, Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten Kinderwelt zu allerlei Kunststücken dressiert wurden.
So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwärter, die Miß Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, seiner „Herrin“ gegenüber — denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewöhnen, sich als vollkommen unabhängige Männer zu fühlen — die Frage wagte, ob sie nicht auch ein Elefanten-Baby als Schoßtierchen wünsche? Als diese bejaht wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Führern für einige Tage in die Wälder zu ziehen. Da Miß Ellen ihre Elefanten zum Baudienste hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu unschätzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht stören mochte, sagte sie dies dem Inder und erklärte, auf die Erfüllung ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren könne. Der Inder ging; aber die Idee, daß seine geliebte Herrin sich etwas versagen sollte, was ihr — das hatte er sofort bemerkt — großes Vergnügen bereitet hätte, rüttelte ihn aus seiner gewohnten fatalistischen Indolenz auf; er grübelte über die Sache zwei Tage lang und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversäumnis der vier Elefanten dadurch gut zu machen, daß er und die anderen Kornaks nebst dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit dressieren wollten. „Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht dressieren, gleich den indischen“, wandte Miß Ellen ein. Der Inder erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren sämtlich der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie möchten das Rüsseltier sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekämen, wenn es erst einmal in ihrer Gewalt wäre. „Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr das früher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mußtet, wie gut man hier Elefanten gebrauchen kann?“ forschte die Amerikanerin weiter, erhielt jedoch darauf bloß ein lakonisches „Weil Du uns nicht gefragt hast“ zur Antwort.
Miß Ellen wußte sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von Edenthal mit Herden gezähmter Elefanten zu versehen — denn wenn sich diese Tiere überhaupt zähmen ließen, dann konnte man hier ebensogut Tausende als Einen zur Stelle schaffen — ließ sie nicht zur Ruhe kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzähmbar, und wir alle, die sie diesfalls befragte, mußten ihr bestätigen, daß es nirgends in Afrika gezähmte Elefanten gebe. Sie wurde über dieses Problem nachgerade beinahe trübsinnig; sichtlich gelüstete es sie, es auf einen Versuch ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu können, und erstere in der Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden, das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr — als die Elefanten ihr Eigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdünken über dieselben verfügen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele Faënze, von einem längeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurück und stellte sich, als ihn Miß Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, daß es thatsächlich keine zahmen afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies müsse bloß daran liegen, daß die Afrikaner verlernt hätten, dies edle Tier dem Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewiß nicht, was schon daraus hervorgehe, daß zur Römerzeit dressierte Elefanten in Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstünden, werde ihnen dieselbe hier so gut gelingen wie in Indien.
Und so geschah’s. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der nahen Wälder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so, wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden führerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs mit einigem Befremden empfangen, schließlich aber in aller Freundschaft aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere zunächst mit dem Führer der Herde, dem stärksten und schönsten Bullen, zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Füße an einen starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stießen sie ihren Angstruf — einen scharfen Trompetenton — aus, als ob sie irgendeine Gefahr bemerkt hätten und stürmten davon, auf welches Signal hin die Inder unter Geschrei und Flintenschüssen hervorstürzten, was die ganze Herde veranlaßte, den Zahmen in größter Eile nachzufolgen. Der arme Gefesselte konnte natürlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an dem Stricke zerrte, und die Inder ließen ihn trampeln und trompeten, ohne sich vorläufig um ihn zu kümmern. Ihre nächste Sorge war, die Spur der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde gefesselt und dann unter großem Spektakel verlassen. Noch drei weitere Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die Herde argwöhnisch geworden zu sein, denn die berüsselten Verräter kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurück.
Nunmehr erst wurde jedem der fünf Gefesselten — unter ihnen ein Weibchen mit einem etwa einjährigen Jungen in der Größe eines mittleren Kalbes — ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen die Vorderfüße eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne daß die Betrogenen wütenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in höchst brutaler Weise durch Rüsselschläge und Zahnstöße bewältigt. Hierauf machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer alles für Elefantengaumen Genießbare — also Gras, Büsche und Baumzweige zu entfernen; wo dazu die Rüssel nicht ausreichten, drängten sie die Gefesselten auf die Seite und ermöglichten es den Treibern, mit Axt und Beil das Werk zu vollenden.
Als der Abend anbrach, waren alle fünf Gefangenen geknebelt und jeder Möglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr mußten sie aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Löwen oder Leoparden die Gelegenheit wahrnähmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brüdern der Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nächtlichen Toben Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prügel und Stöße vollbracht ward und überließen sie dann abermals ihrem Schicksale.
Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und Durst und bekamen, so oft ihre verräterischen Brüder nach ihnen sahen, jämmerliche Schläge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut, daß sie gar nicht mehr tobten, sondern kläglich brüllten, als sich ihre Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rüsseln und Zähnen über sie herfielen. Da erschien nun den Mißhandelten ein rettender Engel — in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunächst unter drohenden Geberden und einigen schallenden Schlägen die Schergen von ihrem Opfer und hielt diesem dann ein Gefäß Wasser hin. Stutzte darauf der wilde Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu überblicken, so war die Tragikomödie aus, das Tier gebändigt. Denn es acceptierte in diesem Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollständig getränkt und gefüttert und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung heimgeführt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst recht rabiat — was allerdings bei dreien von den Fünfen der Fall war — so mußte mit der Prügel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis der Elefant zu begreifen begann, Erlösung aus seiner Lage könne hier nur das schreckliche zweibeinige Geschöpf spenden.
Schließlich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die einzige Gefahr dieser Jagd bestand bloß darin, daß der Jäger sich auf die Sicherheit seines Urteils über den Charakter des Gefesselten verlassen mußte in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte. Zwar standen die zahmen Elefanten hülfsbereit und aufmerksam dabei; da jedoch ein einziger Rüsselhieb des gereizten Tieres genügen kann, einen Menschen zu töten, so gehört immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu der Sache. Die Inder versicherten übrigens, daß ein halbwegs an den Umgang mit Elefanten Gewöhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlässig auf dessen Absichten schließen könne; man brauche daher bloß die Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen völlig nahe zu treten, bevor man in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei überhaupt nichts zu fürchten.
Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fünf Gefangenen zurück, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber doch schon insoweit „zahm“ waren, daß sie sich ruhig einsperren, füttern, tränken und unterrichten ließen. Nach Verlauf fernerer zwei Wochen waren sie der Hauptsache nach „fertig“, d. h. brauchbar zu allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die Seite gegeben wurde. Miß Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie besaß ein herziges Elefantenbaby, das zwar für ein Schoßtierchen etwas zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben mag und sich rasch zum erklärten Liebling von ganz Edenthal aufschwang; und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschöpfliche Quelle sehr schätzbarer Arbeitskraft eröffnet, auf welche ohne sie niemand geraten wäre. Denn hätte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt, die Expedition mitzumachen, so wären wohl schwerlich so rasch indische Elefanten und Elefantenführer an den Kenia gekommen, und ohne diese wären die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjägern ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zähmung auch nur jemand gedacht hätte.
Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rüstig fort, so daß binnen kurzem der Elefant das hauptsächlichste Tragtier am Kenia wurde und überall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze Entfernungen oder auf Gebieten, die für Wagen unpassierbar waren, bewältigt werden sollten.
Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zähmung anderer Tiere nicht bloß zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen. Zunächst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Füllen erwiesen sich — wenn sehr jung eingefangen — als leidlich gelehrig und nicht sonderlich scheu und in den zweiten Generationen unterschieden sich später unsere zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren. Strauß und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den größten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zähmung des afrikanischen Büffels. Es ist das das bösartigste, unbändigste und gefährlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so vollständig gezähmt, daß es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als Zugtier vollständig verdrängte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Kühe konnte man wenigstens so weit bringen, daß sie dem Wärter aus der Hand fraßen, und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Büffel anlangt, so zeigten diese genau den nämlichen Charakter wie das gewöhnliche Rind. Die Bullen blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverläßlich, die Kühe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig wie nur irgend ein Wiederkäuer. Als Milchkühe wurden sie bei uns niemals geschätzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als Zugtiere aber waren unsere Büffelochsen unvergleichlich. Es gibt für diese riesigen Tiere — sie überragen das größte Hausrind um reichlich ½ Fuß, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fuß und ihre Hörner lassen sich an der Wurzel mit zwei Händen nicht umspannen — keine zu schweren Lasten; wo vier gewöhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Büffel ihren gleichmäßigen Schritt weiter, als wären sie ledig. Dabei vertragen sie Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre längst gezähmten Verwandten — kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen noch nicht überall zu finden sind, als geradezu unschätzbar.
Das dritte Ereignis — doch dieses geht eigentlich direkt nur mich persönlich an und gehört bloß insofern in den Rahmen dieser Erzählung, als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zuständen in Edenthal zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunächst erzähle, wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brüder in der neuen Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten.
7. Kapitel.
Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmächtigten der Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes: ich hätte befehlen können und es wäre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht bloß meinen eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses gemäß, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer Versammlung frei über sich selber verfügender Männer benahm. Wo immer möglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fügte mich der Meinung der Mehrheit und traf selbständige Verfügungen bloß in dringenden Fällen oder wenn es sich um Zuweisung von Aufträgen an Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverständnisse mit allen betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von ihren speziellen Genossen selber gewählt, und wenn dabei auch in allen wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten und Vorschläge zur Ausführung gelangten, (so daß — wenn im Bisherigen zumeist der Kürze halber gesagt wurde: „ich ordnete an, ich designierte“ — damit dem Wesen nach die Wahrheit erzählt wurde) so geschah dies doch nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig unterordneten. Dabei wußten wir alle, daß dies keine auf Dauer berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen für sich, alles was wir erzeugten, gehörte nicht dem Erzeuger, auch nicht der Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die „freie Gesellschaft“, die wir gründen wollten, war noch nicht gegründet, sie befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenüber nichts anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewöhnlichen Lohnarbeitern bloß dadurch unterschieden, daß ihnen selber überlassen war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als „Unternehmergewinn“ für die Auftraggeberin zurücklegen mochten. Hätte mich böser Wille einzelner Genossen dazu genötigt, so war ich nicht bloß im Rechte, sondern auch entschlossen, den „Bevollmächtigten“ hervorzukehren; daß ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei, das Behagen, das uns alle erfüllte, zu steigern und war auch insofern von großem Werte, als dadurch der Übergang zu den späteren endgültigen Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ändert aber nichts an dem Sachverhalt, daß unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.
Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen für jedermann — ob Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weißer oder Neger — die gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags; nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am Sonntag ruhte ebenso gleichmäßig alle Arbeit.
Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im Edensee — es waren zu diesem Behufe mehrere Badehütten errichtet — ein Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in solchen Künsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir Kleidungsstücke zum Wechseln besaßen, so wurden des Morgens immer die während des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafür die gestern gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages für den morgigen Gebrauch in Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frühstück, gleich allen Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von Suahelis — um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse französischer Kochkunst sich meine Schwester große Verdienste erworben hatte. Dieses erste Frühstück bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee, Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Käse, Honig, Eier, kalter Braten nebst Brot oder anderem Gebäck. Nach diesem ersten Frühstück wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frühstück kam, bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise — Omelette, Fisch oder Braten mit Brot, etwas Käse und Früchten, dazu als Getränk entweder das köstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu bereiten verstehen. Nach diesem Frühstück, welches in der Regel 15 bis 20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf die große Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heißeren Monaten, von den Meisten zunächst zu einem zweiten Bade im See benutzt, welchem irgendeine häusliche Zerstreuung, Lektüre, Konversation oder Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel groß; während der heißen Monate stieg das Thermometer häufig auf 35 Grad Celsius im Schatten. Zwar verhüteten kühle Brisen, die bei schönem Wetter regelmäßig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia her wehten und zwar desto stärker, je heißer der Tag sich anließ, daß der Aufenthalt im Freien jemals unerträglich wurde; aber am angenehmsten und zuträglichsten war während der Mittagsstunden jedenfalls das Verweilen in gedeckten Räumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit Gemüsen, süßem Backwerk und Früchten der mannigfachsten Art, dazu abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes Stündchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektüre, Spiel, worauf, nachdem die ärgste Hitze vorüber war, die zweistündige Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser ließen Einzelne ein drittes kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frühstück ähnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu größeren Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, daß hinsichtlich aller Mahlzeiten, wie überhaupt aller Genußmittel als Regel galt, daß Jedermann wählen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezüglich der geistigen Getränke hielten wir es anders — aus leicht begreiflichen Gründen. Späterhin, wenn Jedermann auf eigenen Füßen stand, mochte er es auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von Gesellschaftswegen verpflegt wurden, mußten wir schon mit Rücksicht auf unsere Neger Beschränkung üben.
Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tüchtige Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zählendes Orchester von Blas- und Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es das Wetter erlaubte, hören ließen. Zwei oder drei Stunden nach Sonnenuntergang pflegte es kühl zu werden; in wenigen Nächten behauptete sich das Thermometer über 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad Celsius, so daß die Nachtruhe stets erquickend war.
An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflüge in die benachbarten Wälder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vorträge.
Die von uns bewohnten Blockhäuser waren eigentlich dazu bestimmt, je einer Familie als zukünftiges, wenn auch bloß provisorisches Heim zu dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden Gärtchens und deckte mit seinen 6 Räumen: Vorzimmer, Küche und 4 Stuben, selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Häuschen nun wurde einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashütten gleichfalls in Edenthal aufzuschlagen, war selbstverständlich auch ein besonderes Häuschen eingeräumt.
Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht. Während der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen, sah sich aber durch die Rücksicht auf einen zweiten Schützling, der inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox nämlich, in der Ausführung ihrer Vorsätze gehindert. Sie konnte doch unmöglich dies junge Mädchen inmitten so vieler Männer allein lassen; ebenso wenig aber konnte sie uns beide — obwohl wir in ihren Augen die reinen Kinder waren — Thür an Thür im selben Häuschen unterbringen. Was hätten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne daß ich es bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und unbefangenem Geplauder eigentümlich gemengte Konversation der jungen Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das genügte Schwester Klara nicht und sie geriet schließlich auf den Gedanken, uns zu verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen „Narrheit“ — unserer sozialen Ideen nämlich — paßten wir ganz gut zu einander, und wenn auch — ihrer Meinung nach — außer Zweifel stand, daß in dieser Ehe gesunder, hausbackener Menschenverstand gänzlich fehlen würde, so war ja sie dazu da, für die beiden Kindsköpfe zu sorgen und zu handeln.
Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefaßt, legte sie sich als vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, daß in diesem Punkte weder bei mir, noch bei Miß Ellen auf unbedingten Gehorsam zu rechnen wäre, zunächst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe höchst mangelhaften eigenen Erfahrungen, ausgerüstet bloß mit dem keinem Weibe fehlenden instinktiven Feingefühle, die überraschende Entdeckung — daß wir beiden bereits bis über die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie über diese Wahrnehmung so erstaunt, daß sie ihren Augen keinen Glauben schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als daß eine Täuschung möglich gewesen wäre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Miß Fox so genau kannte, wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen Zusammenleben mit der offenherzigen und freimütigen Amerikanerin selbstverständlich war, der konnte sich nicht darüber täuschen, was es zu bedeuten habe, wenn ein Mädchen, das bisher nur seinen Idealen: Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen und das keinem Manne gegenüber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige für die Ideen, denen er diente — wenn dieses selbe Mädchen in Aufregung geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hörte, und im vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzügen dessen sprach, der hier in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine Gefühle anlangt, so wußte Schwester Klara allzu genau, daß mir am Weibe bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig Interessante gewesen, als daß es ihr nicht wie Schuppen von den Augen hätte fallen sollen, als ich sie kürzlich, nachdem ich Miß Fox, die eben abseits mit etwas beschäftigt war, lange und andächtig betrachtet hatte, mit den Worten apostrophierte: „Ist nicht jede Bewegung dieses Mädchens Musik?“
Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklärte, daß wir uns heiraten müßten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Miß Ellen wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenblaß, erklärte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten. „Würden diese übermütigen Männer, die uns Frauen allen Sinn für das Ideale, jede Fähigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend behaupten, daß meine vorgebliche Begeisterung für unser soziales Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft für einen Mann, daß ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis an den Äquator gelaufen? Nein, — ich liebe Deinen Bruder nicht — ich werde überhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten!“ Dieser heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thränen, die jedoch — als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte — für Zeugen der Empörung ob des kränkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Miß Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklärte die mir vorgehaltenen Symptome meiner Leidenschaft als bloße Zeichen psychologischen Interesses an einem weiblichen Geschöpfe, welches echter Begeisterung für abstrakte Ideen fähig sei.
Doch eine mütterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefaßt, ihren Bruder — und noch dazu an ihre Freundin — zu verheiraten, ist nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute und mannigfache Gründe hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf geradem Wege nicht ging, wählte sie einen krummen — keinen neuen, aber einen oft bewährten: sie machte uns beide eifersüchtig. Jedem von uns erzählte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem „dummen Plane“, da der andere Teil nicht mehr frei wäre. Da sie mir gegenüber schlauerweise hinzufügte, sie habe ihr Projekt bloß ersonnen, um zugleich mit der jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebührenden Mutterpflichten mir gegenüber neuerlich übernehmen zu können, so glaubte ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, daß Ellen einen Verlobten in Amerika zurückgelassen, welcher demnächst schon hier eintreffen werde. „Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse erst herausgerückt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee zusetzte. Es ist nur ein Glück, daß Du mein Junge Dir nichts aus der kleinen Duckmäuserin machst; das wäre jetzt eine schöne Bescherung, wenn Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt hättest.“
Ich erklärte mich mit dieser Wendung der Dinge höchlich zufrieden, hatte aber das Gefühl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet würde. Deutlich und klar stand jetzt plötzlich meine Liebe vor meinem inneren Auge, eine glühende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfräulich geblieben. Ich konnte hinfort — das ward mir zu unumstößlicher Gewißheit — noch leben und kämpfen — mich des Lebens und des Erkämpften freuen, nimmermehr! Aber war es denn auch gewiß und unabwendbar? Gab es denn keine Möglichkeit, diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt plötzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu rauben, gab es keine Möglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch ist es überhaupt denkbar, daß Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben würde? Hin zu ihr, mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis!
Damit stürmte ich hinüber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine Schwester ein ähnlich Märchen auch Ellen erzählt. Sie habe sich nun einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher in der Hoffnung, daß meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen würde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wäre, als auch ich mich weigerte, dringender geworden, und da hätte ich ihr endlich gestanden, mich hinter ihrem Rücken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit dem nächsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzählung unterbrach.
Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfüllten Fragen nach dem amerikanischen Bräutigam gaben ihr die Sprache wieder. Zugleich aber hatte sie auch den Schlüssel der Situation gefunden: daß ich sie liebe, daß meine Schwester uns beide getäuscht. Was weiter folgte, läßt sich leicht erraten. So kam es, daß Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in Edenthal anlangte — und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich vorher noch erzählen wollte.
Ob das Entzücken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male ans Herz drückte, das größere gewesen oder jenes, mit welchem ich den Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einführte in jenes irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen — das wage ich nicht zu entscheiden.
Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit unserer neuen Heimat und des kräftig pulsierenden fröhlichen Lebens, das sie bereits erfüllte, Thränen der Freude, in diesen aber die sichere Bürgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfaßte mich zwar nicht jene überschwängliche, für die Brust, die ihr zum ersten Male sich öffnet, schier unerträgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als die Geliebte mir in Küssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber wenn einst mein Haar weiß und mein Nacken gebeugt sein wird, dürfte wohl die Erinnerung an jene bräutlichen Küsse mein Blut nicht mehr so siedendheiß durch die Adern jagen, wie heute, während der Gedanke an die Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur Erlösung unserer leidenden, enterbten Mitbrüder aus den Martern vieltausendjähriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine beseligende Kraft einbüßen wird, so lange ich unter den Lebenden wandle und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist.
Lange, lange stand der Meister auf den Höhen vor Edenthal, jede Einzelheit des entzückenden Bildes andächtig in sich aufnehmend; dann zu uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere Heimat werden solle, schon den Namen gegeben hätten. Als ich dies verneinte, mit dem Beifügen, daß ihm, der dem Gedanken Worte lieh, welcher uns hierher geführt, auch das Amt gebühre, das Wort für das Land zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da rief er: „Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtsstätte finden: „Freiland“ wollen wir es nennen!“
Zweites Buch.
8. Kapitel.
Wir nehmen nunmehr den Faden der Erzählung dort auf, wo ihn das Tagebuch Ney’s verlassen.
Zugleich mit dem Vorsitzenden waren 3 Mitglieder des dirigierenden Ausschusses in Edenthal eingetroffen; 5 andere folgten binnen wenigen Tagen mit der ersten Wagenkarawane aus Mombas nach, so daß deren — Ney, Johnston, und den auf dieser Beiden Vorschlag kooptierten Demestre eingerechnet, in Freiland 12 anwesend waren. Da es im ganzen derzeit 15 Ausschußmitglieder gab, so waren ihrer noch drei zurückgeblieben und zwar je eins in London, Triest und Mombas, wo sie bis auf Weiteres als Bevollmächtigte des Ausschusses den abendländischen Geschäften der Gesellschaft vorstehen sollten. Ihr Amt war die Aufnahme neuer Mitglieder, die Einkassierung und provisorische Verwaltung der einfließenden Gelder und die Überwachung der Auswanderungen nach Edenthal.
Ihre Instruktion bezüglich der Aufnahme neuer Mitglieder ging vorerst dahin, jeden sich darum Bewerbenden aufzunehmen, sofern er kein rückfälliger Verbrecher und des Lesens und Schreibens kundig wäre. Erstere Einschränkung bedarf wohl keiner eingehenden Motivierung. Wir hatten allerdings unbedingtes Vertrauen in die veredelnden, weil das treibende Motiv der meisten Laster beseitigenden Folgewirkungen unserer socialen Reformen; wir waren vollkommen beruhigt darüber, daß Freiland keine Verbrecher erzeugen und selbst durch Elend und Unwissenheit da draußen zu Verbrechern Gewordene, wenn nur irgend möglich, dem Laster entreißen werde; für den Anfang aber wollten wir es vermeiden, von schlimmen Elementen überschwemmt zu werden, und angesichts des verzeihlichen Bestrebens einzelner Staaten, sich ihrer rückfälligen Verbrecher in irgend welcher Weise zu entledigen, mußten wir von Anbeginn vorbauen.
Härter mag erscheinen, daß wir der Einwanderung von gänzlich Unwissenden eine Schranke zogen. Doch gerade das war ein notwendiges Erfordernis unseres Programms. Wir wollten das absolute, freie Selbstbestimmungsrecht des Individuums auch auf dem Gebiete der Arbeit an die Stelle des Jahrtausende hindurch geltenden Knechtschaftsverhältnisses setzen; wir wollten den unter der Botmäßigkeit der Brotherren stehenden Arbeiter zum selbständigen in freier Vereinbarung mit freien Genossen auf eigene Gefahr thätigen Produzenten umgestalten — es ist daher selbstverständlich, daß wir zu diesem unserem Werke blos solche Arbeiter gebrauchen konnten, die zum mindesten über die unterste Stufe der Brutalität und Unwissenheit hinaus waren. Daß wir damit gerade die Elendesten der Elenden zurückstießen, ist wahr; aber abgesehen davon, daß dem Unwissenden zumeist das klare Bewußtsein seines Unglücks und seiner Entwürdigung fehlt, seine Leiden daher in der Regel blos physischer und nicht auch moralischer Natur sind, wie die des mit Intelligenz gepaarten Elends, abgesehen davon durften wir uns auch durch weichliches Mitleid nicht dazu verleiten lassen, den Erfolg unseres Werkes zu gefährden. Der Unwissende muß beherrscht werden und da wir unsere Mitglieder nicht erst allmählich zu freien Produzenten erziehen, sondern unmittelbar in die freie Produktion einführen wollten, so mußten wir uns, wie gegen das Verbrechen, auch gegen die Unwissenheit schützen.
Sollte hinwieder geltend gemacht werden, daß Kenntnis des Lesens und Schreibens allein denn doch kein genügendes Kennzeichen jenes Ausmaßes von Bildung und Intelligenz sei, welches bei Menschen, die ihre Arbeit selber regieren sollen, vorausgesetzt werden müsse; so ist darauf zu erwidern, daß zu diesem Behufe allerdings ein sehr hoher Grad der Intelligenz erforderlich ist, aber nicht bei allen, sondern bloß bei verhältnismäßig nicht sehr zahlreichen der solcherart sich selber organisierenden Arbeiter, während bei der Majorität jenes Mittelmaß von Geisteskräften und Geistesausbildung durchaus genügt, dessen es zu richtiger Erkenntnis des eigenen Interesses bedarf. Wenn hundert oder tausend Arbeiter sich zusammenthun, um für gemeinsame Rechnung und Gefahr zu arbeiten, so kann und muß nicht jeder derselben die Fähigkeiten zur Organisation und Leitung dieser gemeinsamen Produktion besitzen; dieses höhere Ausmaß von Intelligenz wird bloß bei einigen Wenigen unerläßlich sein, während es für die Majorität genügt, daß sie richtig beurteilen könne, was mit der gemeinsam zu betreibenden Produktion erzielt werden soll und kann und welche Eigenschaften Diejenigen besitzen müssen, in deren Hände die Wahrung dieses gemeinsamen Interesses gelegt wird. Gerade in diesem Punkte aber ist die Kenntnis der Schrift von ausschlaggebender Bedeutung, denn das gedruckte Wort allein ist es, welches den Menschen und sein Urteil unabhängig macht von den zufälligen Einflüssen der unmittelbaren Umgebung, seinen Verstand der Belehrung erst öffnet. Es wird sich später zeigen, in wie hohem Maße die ausgedehnteste, lediglich durch Schrift und Druck zu vermittelnde Öffentlichkeit aller Vorgänge auf dem Gebiete jeglicher produktiven Thätigkeit zum Gelingen unseres Werkes beitrug.
Es versteht sich von selbst, daß diese beiden Bedingungen für aufzunehmende Mitglieder auch bisher schon vom Ausschusse gefordert wurden, und zwar das zweitgenannte ursprünglich in ziemlich strenger Form. Da sich jedoch gezeigt hatte, daß das geistige Niveau der meisten Bewerber ein überraschend hohes war, indem der Hauptsache nach von den körperlich arbeitenden Klassen sich blos die Elite in ausgedehnterem Maße für unser Unternehmen interessierte, und da nunmehr, wo die Zahl der Mitglieder 20000 überschritten hatte, die mitunterlaufende Unwissenheit nicht mehr so gefährlich sein konnte, so begnügte sich der Ausschuß mit der Forderung, daß die Anmeldungen eigenhändig und schriftlich geschehen müßten.
Die Zahl der sich meldenden Mitglieder — es ist zu bemerken, daß Frauen und Kinder stets mitgerechnet sind — war in stetigem Wachstume begriffen, insbesondere seit Veröffentlichung der ersten Berichte über die am Kenia angelegte Kolonie. Als der Ausschuß sich unter Hinterlassung seiner Delegierten in Triest einschiffte, hatte der Mitgliederzuwachs 1200 in der Woche erreicht; drei Monate später war er auf 1800 wöchentlich gestiegen. Die Aufgabe der europäischen Bevollmächtigten war es nun, die neuen Mitglieder — gleichwie dies vorher schon mit den alten geschehen — sorgfältig nach Geschlecht, Alter und Beruf zu registrieren und mit jeder Schiffsgelegenheit die entsprechenden Listen nach Freiland zu expedieren; sie hatten den — nach wie vor unentgeltlich erfolgenden — Transport bis Mombas zu organisieren und zu überwachen und waren mit Vollmacht versehen, alle zu diesem Behufe erforderlichen Ausgaben, im Bedarfsfalle auch den Ankauf neuer Schiffe, gegen nachträgliche Verrechnung und Genehmigung zu bestreiten. Sache der Bevollmächtigten war es ferner, den sich zur Reise rüstenden Mitgliedern mit Rat und That an die Hand zu gehen; auch hatten sie Vollmacht, hilfsbedürftigen Genossen materiell beizuspringen. Die Mitgliederbeiträge zeigten ähnlich wachsende Tendenz, wie die Mitgliederzahl; es wuchs eben offenbar das Interesse und Verständnis für unser Unternehmen nicht blos in den arbeitenden, sondern auch in den besitzenden Klassen; der Wochenzufluß steigerte sich in der Zeit von Ende September bis Ende Dezember von rund 20,000 £ auf 30,000 £. Über diese Gelder war, nach Bestreitung der den Delegirten eingeräumten Kredite, dem Ausschusse die Verfügung vorbehalten, dessen Vollzugsorgan übrigens auch in diesem Punkte bei allen in der alten Welt zu bestreitenden Auslagen die zurückgelassenen Delegierten waren.
Am 20. Oktober hielt der Ausschuß seine erste Sitzung in Edenthal, um über die geeignetesten Vollzugsmaßregeln zur Konstituierung jener freien Vergesellschaftungen schlüssig zu werden, deren Sache von da ab die Produktion in Freiland sein sollte. Die Ausschußsitzungen waren von jeher öffentlich gewesen, d. h. jedes Mitglied der Gesellschaft hatte Zutritt zu denselben und so sollte es auch fernerhin bleiben; eine bloß provisorisch eingeführte Neuerung dagegen war es, daß die Zuhörerschaft auch eingeladen wurde, an den Verhandlungen — allerdings nur mit beratender Stimme, teilzunehmen. Diese Maßregel hat die Bestimmung, in der Zwischenzeit, bis die Presse ihre informierende und kontrollierende Wirksamkeit beginnen konnte, deren Rolle zu übernehmen.
Die Grundlage des zur Durchführung gelangenden Organisationsplanes war schrankenlose Öffentlichkeit in Verbindung mit ebenso schrankenloser Freiheit der Bewegung. Jedermann in ganz Freiland mußte jederzeit wissen, nach welcherlei Produkten jeweilig der größere oder geringere Bedarf und in welchen Produktionszweigen jeweilig der größere oder geringere Ertrag vorhanden sei. Ebenso aber mußte Jedermann in Freiland jederzeit das Recht und die Macht haben, sich — soweit seine Fähigkeiten und Fertigkeiten reichen — den jeweilig rentabelsten Produktionszweigen zuzuwenden.
Die zu treffenden Maßnahmen hatten also zunächst diese zwei Punkte ins Auge zu fassen. Eine sorgfältige Statistik hatte in übersichtlicher, und was die Hauptsache ist, in denkbar raschester Weise jede Bewegung der Produktion auf der einen, des Consums auf der anderen Seite zu registrieren; ebenso galt es, die Preisbewegung aller Produkte zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Angesichts der entscheidenden Wichtigkeit dieser Veröffentlichungen mußte Vorsorge getroffen werden, daß Täuschungen oder unbeabsichtigte Irrungen bei denselben von vornherein ausgeschlossen seien — ein Problem, welches wie im Nachfolgenden gezeigt werden wird, in vollkommenster und doch einfachster Weise gelöst wurde.
Und damit nun die solcherart erlangte Kenntnis auch von Jedermann praktisch zum eigenen Vorteile ausgenutzt werden könne, was nur möglich ist, wenn Jedermann in die Lage versetzt wird, sich jenem seinen Fähigkeiten entsprechenden Arbeitszweige zuzuwenden, der jeweilig die höchste Rente bietet, mußte dafür gesorgt werden, daß Jedermann jederzeit in den Besitz der hierzu erforderlichen Produktionsmittel gelangen könne. Dieser Produktionsmittel giebt es zweierlei: Naturkräfte und Kapitalien. Ohne diese Beiden nützt die genaueste Kenntnis jener Arbeitszweige, nach deren Erzeugnissen gerade der dringendste Bedarf vorhanden ist und die deshalb die höchsten Erträge liefern, eben so wenig, als die vollendetste Geschicklichkeit in diesen Produktionen. Der Mensch kann seine Arbeitskraft nur verwerten, wenn er über die von der Natur gebotenen Stoffe und Kräfte, wie nicht minder über entsprechende Instrumente und Maschinen verfügt; und zwar muß er, um mit seinen Mitbewerbern konkurrieren zu können, Beides in gleich guter und vollkommener Beschaffenheit besitzen, wie diese. Man muß nicht bloß Boden zur Verfügung haben, um Weizen zu bauen, sondern auch gleich ergiebigen Weizenboden wie die anderen Weizenbauer, sonst wird man mit geringerem Nutzen, ja möglicherweise sogar mit Schaden arbeiten; und der Besitz des ergiebigsten Bodens wird die Arbeit noch nicht ermöglichen, oder doch nicht gleich ertragreich machen, wenn man die erforderlichen landwirtschaftlichen Geräte nicht, oder doch nicht in jener Vollkommenheit besitzt, wie die Konkurrenten.
Was nun die Kapitalien anlangt, so machte sich die freie Gesellschaft anheischig, sie Jedermann nach Wunsch zur Verfügung zu stellen, und zwar zinslos, gegen Rückzahlung in gewissen Fristen, deren Ausmaß je nach der Natur der beabsichtigten Anlagen in der Weise festgestellt wurde, daß die Abtragung aus den Produktionsergebnissen stattfand. Da die Arbeitsinstrumente und sonstigen kapitalistischen Arbeitsbehelfe in beliebigem Umfange und in beliebiger Qualität hergestellt werden können, so wäre damit der eine Teil des Problems gelöst gewesen.
Anders verhält sich die Sache mit den Naturkräften, als deren Repräsentanten wir den Boden, an den sie doch gebunden sind, gelten lassen wollen. Den Boden hat Niemand erzeugt, es hat also Niemand Eigentumsanspruch auf ihn und Jedermann hat das Recht, ihn zu benutzen; aber den Boden hat nicht bloß Niemand erzeugt, es kann ihn auch fernerhin Niemand erzeugen; Boden ist daher bloß in beschränkter Menge vorhanden und außerdem ist auch der vorhandene Boden nicht von gleicher Güte. Wie soll es nun trotzdem möglich sein, nicht bloß Jedermanns Anspruch auf Boden, sondern sogar auf gleich ertragreichen Boden zur Geltung zu bringen?
Um dies zu erklären, muß zunächst noch die dritte und in Wahrheit fundamentalste Voraussetzung der wirtschaftlichen Gerechtigkeit dargelegt werden. Wenn in deren Sinne jedem Arbeitenden der ungeschmälerte Ertrag der eigenen Arbeit zugesprochen wird, so ist dies nur insofern und unter der Voraussetzung wirklich gerecht, daß angenommen wird, der Arbeitende sei selber und ausschließlich der Erzeuger dieses ganzen Ertrages. Das war er aber nach der alten Wirtschaftsordnung mit nichten. Der Arbeitende erzeugte als solcher nur einen Teil des Produkts, während ein anderer Teil vom Arbeitgeber — derselbe sei nun Grundbesitzer, Kapitalist oder Unternehmer — hervorgebracht wurde. Ohne den organisatorischen, disciplinierenden Einfluß dieses Letzteren wäre die Mühe der Arbeitenden unfruchtbar, oder doch weit minder fruchtbar gewesen; der Arbeiter lieferte bisher stets nur die zusammenhanglose Kraft, während der ordnende Geist Sache des Arbeitgebers war.
Damit soll nicht gesagt sein, daß die größere geistige Kraft bisher ausnahmslos oder notwendiger Weise auf Seite des Letzteren sich befunden; auch die Techniker und Direktoren, die den großen Produktionsanstalten vorstehen, gehören dem Wesen nach zu den Lohnarbeitern und ganz im allgemeinen kann ohne weiteres zugegeben werden, daß die höhere Intelligenz in zahlreichen Fällen nicht bei den Arbeitgebern, sondern bei den Arbeitern sich gefunden haben mag. Trotzdem ist es der Arbeitgeber, dessen Verdienst überall dort, wo es galt, mehrere Arbeitende zu gemeinsamem Werke zu vereinigen und zu disciplinieren, diese Vereinigung und Disciplinierung gewesen. Für sich zu produzieren, vermochten die Arbeitenden bisher stets nur vereinzelt; sowie ihrer Mehrere unter einen Hut gebracht werden sollten, war ein „Herr“ notwendig, ein Herr, der mit der Peitsche — dieselbe mag nun aus Riemen, oder aus den Paragraphen einer Fabrikordnung geflochten sein — die Widerstrebenden beisammenhält und dafür — nicht für seine höhere Intelligenz, den Ertrag der Arbeit einstreicht, den Arbeitenden, sie mögen nun dem Proletariate oder der sogenannten Intelligenz angehören, nur so viel einräumend, als zu ihrem Unterhalte erforderlich ist. Noch niemals bisher haben die Arbeitenden den Versuch gewagt, ohne Herrn, als freie eigenberechtigte Männer und nicht als Knechte — dabei aber mit vereinten Kräften zu produzieren. Die Benützung jener gewaltigen, den Ertrag der menschlichen Thätigkeit so unendlich vervielfältigenden Instrumente und Einrichtungen, die Wissenschaft und Erfindungsgeist der Menschheit an die Hand gegeben, setzt vereintes Wirken Vieler voraus, und dieses hat sich bisher nur Hand in Hand mit der Knechtschaft bewerkstelligen lassen. Man spreche nicht von den Produktivassociationen eines Schulze-Delitzsch und Anderer; sie haben am Wesen der Knechtschaft nichts geändert, bloß der Name der Herren ist ein anderer geworden. Auch in diesen Associationen gibt es nach wie vor Arbeitgeber und Arbeiter; Ersteren gehört der Ertrag, Letztere erhalten Stall und gefüllte Futterraufe gleich den zweibeinigen Arbeitstieren des Einzelunternehmers oder der gewöhnlichen Aktiengesellschaft, deren Aktionäre zufällig keine Arbeiter sind. Damit die Arbeit frei und eigenberechtigt werde, müssen sich die Arbeitenden als solche, nicht aber als kleine Kapitalisten zusammenthun; sie dürfen keinen wie immer genannten oder gearteten Arbeitgeber über sich setzen, also auch keinen solchen, der aus einer Genossenschaft von Ihresgleichen besteht; sie müssen sich als Arbeitende und nur als solche organisieren, dann erst haben sie auch als solche Anspruch auf den vollen Arbeitsertrag. Und diese Organisation der Arbeit ohne jeglichen Rückstand des altererbten Herrschaftsverhältnisses irgend eines Arbeitgebers ist das Grundproblem der socialen Befreiung; ist dieses glücklich gelöst, so folgt alles Andere ganz von selbst.
Diese Organisation aber war mit nichten so schwierig, als auf den ersten Blick scheinen mag. Der Ausschuß ging von dem Grundsatze aus, daß die richtigen Organisationsformen freier Arbeit sich am besten durch das freie Zusammenwirken sämtlicher an dieser Organisation Beteiligten werde finden lassen. Besondere Schwierigkeiten vermochte er dabei nicht zu entdecken. Handelte es sich dabei doch dem Wesen nach um höchst einfache Dinge. Um z. B. ein Eisenwerk zu errichten, brauchten die Arbeiter den Gesamtmechanismus der Eisenfabrikation keineswegs sämtlich zu verstehen; was notthat, war bloß zweierlei: erstlich daß sie wußten, welcherlei Leute sie an die Spitze ihrer Fabrik zu stellen hätten und zweitens, daß sie diesen Leuten einerseits genügende Gewalt einräumten, um die Arbeit in Ordnung zu erhalten, anderseits aber auch sie genügend kontrollierten, um jederzeit das Heft über ihr Unternehmen in eigenen Händen zu behalten. Dabei konnten ohne Zweifel sehr ernste Fehler begangen werden; man konnte sich in der Organisation der leitenden sowohl als der überwachenden Organe, im Ausmaße der erteilten Vollmachten arg vergreifen; aber gerade die einmal bereits erwähnte, schrankenlose Öffentlichkeit aller Produktionsvorgänge, die von Gesamtheitswegen auch aus anderen Gründen gefordert werden mußte, erleichterte den Arbeiterschaften ihr Werk wesentlich, und da alle Genossen einer jeden Produktiv-Association im entscheidenden Punkte genau die gleichen Interessen hatten, und ihre gesammelte Aufmerksamkeit jederzeit auf diese Interessen gerichtet war, so lernten sie wunderbar rasch die gemachten Fehler verbessern, so daß schon nach wenigen Monaten der neue Apparat leidlich arbeitete und in merkwürdig kurzer Zeit einen hohen Grad von Vollkommenheit erreichte. Fleiß und Emsigkeit aller Genossen aber ließen von Anbeginn nichts zu wünschen übrig, was angesichts der vollkommen entfesselten Eigeninteressen, sowie der unablässigen gegenseitigen Anfeuerung und Kontrolle Gleichberechtigter und Gleichinteressierter eigentlich selbstverständlich ist.
Der Ausschuß arbeitete daher zum Gebrauche der Associationen zwar ein sogenanntes „Musterstatut“ aus, jedoch keineswegs in der Meinung, daß dasselbe sich wirklich mustergiltig erweisen werde oder auch nur könne, sondern bloß um einen Anfang zu machen, den Genossenschaften gleichsam ein Formular zu bieten, das sie als Gerippe ihrer eigenen, durch Erfahrung allmählich entstehenden Organisationsentwürfe gebrauchen könnten. Thatsächlich war dieses „Musterstatut“, anfangs von allen Genossenschaften beinahe unverändert angenommen, nach kaum einem Jahre überall so gründlich geändert und ergänzt, daß von seinen ursprünglichen Bestimmungen meist nur die leitenden Prinzipien übrig blieben. Diese aber waren die folgenden:
1. Der Beitritt in jede Association steht Jedermann frei, gleichviel ob er zugleich Mitglied anderer Associationen ist, oder nicht; auch kann Jedermann jede Association jederzeit verlassen.
2. Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen, seiner Arbeitsleistung entsprechenden Anteil am Nettoertrage der Association.
3. Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhältnisse der geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Maßgabe jedoch, daß älteren Mitgliedern für jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft länger angehören, als die später Beigetretenen, ein Präcipuum von x Procent eingeräumt ist. Ebenso kann für qualifizierte Arbeit im Wege freier Vereinbarung ein Präcipuum bedungen werden.
4. Die Arbeitsleistung der Vorsteher oder Direktoren wird im Wege einer, mit jedem Einzelnen derselben zu treffenden freien Vereinbarung, einer bestimmten Anzahl täglich geleisteter Arbeitsstunden gleichgesetzt.
5. Der gesellschaftliche Ertrag wird erst am Schlusse eines jeden Betriebsjahres berechnet und nach Abzug der Kapitalrückzahlungen und der an das freiländische Gemeinwesen zu leistenden Abgaben zur Verteilung gebracht. Inzwischen erhalten die Mitglieder Vorschüsse in der Höhe von x Procent des vorjährigen Reinertrags für jede geleistete oder angerechnete Arbeitsstunde.
6. Die Mitglieder haften für den Fall der Auflösung oder Liquidation der Association nach dem Verhältnisse ihrer Gewinnbeteiligung für die kontrahierten Darlehn, welche Haftung sich bezüglich der noch aushaftenden Beträge auch auf neueintretende Mitglieder überträgt. Auch erlischt mit dem Austritte eines Mitgliedes dessen Haftung für die schon kontrahiert gewesenen Darlehn nicht. Dieser Haftbarkeit für die Schulden der Association entspricht im Falle der Auflösung oder Liquidation der Anspruch der haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermögen.
7. Oberste Behörde der Association ist die Generalversammlung, in welcher jedes Mitglied das gleiche aktive und passive Wahlrecht ausübt. Die Generalversammlung faßt ihre Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit; zu Statutenänderungen und zur Auflösung und Liquidation der Association ist ¾ Majorität erforderlich.
8. Die Generalversammlung übt ihre Rechte entweder direkt als solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre aus, die ihr jedoch verantwortlich sind.
9. Die Leitung der gesellschaftlichen Geschäfte ist einem Direktorium von x Mitgliedern übertragen, die von der Generalversammlung auf x Jahre gewählt werden, deren Bestallung jedoch jederzeit widerruflich ist. Die untergeordneten Funktionäre der Geschäftsleitung werden von den Direktoren ernannt; doch geschieht die Feststellung des Gehaltes dieser Funktionäre — bemessen in Arbeitsstunden — auf Vorschlag der Direktoren durch die Generalversammlung.
10. Die Generalversammlung wählt jährlich einen aus x Mitgliedern bestehenden Aufsichtsrat, der die Bücher sowie das Gebahren der Geschäftsleitung zu überwachen und darüber periodischen Bericht zu erstatten hat.
Es fällt sofort auf, daß in diesem Statut bloß für den Fall der Auflösung der Association (Absatz 6) von dem die Rede ist, was scheinbar doch als Hauptsache angesehen werden sollte, nämlich vom „Vermögen“ der Associationen und von den Ansprüchen der Mitglieder an dieses Vermögen. Der Grund liegt aber darin, daß ein Vermögen der Association im gemeingebräuchlichen Sinne gar nicht existiert. Die Mitglieder besitzen allerdings das Nutznießungsrecht der vorhandenen Produktivkapitalien; da sie aber dieses Recht mit jedem beliebigen Neueintretenden jederzeit teilen und selber durch nichts anderes, als durch das Interesse am Ertrage ihrer Arbeit an die Association gebunden sein sollen, so darf es Vermögensinteressen bei den Associationen gar nicht geben, so lange dieselben im Betriebe sind. Und in der That ist ein — sei es auch noch so nützlicher — Gegenstand, den Jedermann benutzen kann, kein Vermögensbestandteil. Es giebt keine Eigentümer, bloß Nutznießer der Associationskapitalien. Und sollte darin vielleicht ein Widerspruch mit jener Bestimmung erblickt werden, wonach die dargeliehenen Produktivkapitalien von den Associationen zurückgezahlt werden müssen, so darf nicht übersehen werden, daß auch diese Kapitalrückzahlung — den bereits erwähnten Fall der Liquidation ausgenommen — von den Mitgliedern bloß in ihrer Eigenschaft als Nutznießer der Produktionsmittel geleistet wird. Da die Kapitalrückzahlungen von den Erträgen in Abzug gebracht, diese aber je nach der Arbeitsleistung unter die Mitglieder verteilt werden, so leistet eben auch jedes Mitglied Abzahlung je nach seiner Arbeitsleistung. Und wenn man noch genauer zusieht, so wird man finden, daß diese Abzahlungen in letzter Linie eigentlich von den Verbrauchern der von den Associationen erzeugten Güter getragen werden; sie bilden — selbstverständlich — einen Teil der Betriebskosten und müssen notwendigerweise im Preise des Produkts Deckung finden. Daß dies auch überall vollkommen geschehe, dafür sorgt mit unfehlbarer Sicherheit die freie Beweglichkeit der Arbeitskräfte. Eine Produktion, bei welcher diese Abzahlungen im Preise der Erzeugnisse nicht vollkommen Deckung gefunden hätten, wäre solange von Arbeitskräften teilweise verlassen worden, bis das sinkende Angebot die Preise entsprechend erhöht hätte. Ist hinwieder die Abzahlung geleistet, so entfällt dieser Bestandteil der Betriebskosten; die betreffenden Gesellschaftskapitalien können als amortisiert angesehen werden und nunmehr sinken — wieder unter dem Einflusse der Freizügigkeit der Arbeitskräfte — die Preise des Produkts, so daß die Mitglieder der Association ebensowenig einen Sondervorteil aus der Benützung lastenloser Kapitalien ziehen, als sie früher einen Sondernachteil aus der Abtragung dieser Lasten hatten. Vorteil und Nachteil verteilt sich — immer Dank der freien Beweglichkeit der Arbeitskräfte — stets gleichmäßig auf die Gesamtheit aller Arbeitenden Freilands.
Man sieht, die Produktivkapitalien sind infolge dieser einfach und unfehlbar funktionierenden Einrichtung streng genommen ebenso herrenlos, als der Boden; sie gehören Jedermann und daher eigentlich Niemand. Die Gemeinschaft der Produzenten giebt sie her und benützt sie, beides genau nach Maßgabe der Arbeitsleistung jedes Einzelnen; und Zahlung für den gemachten Aufwand leistet die Gemeinschaft aller Konsumenten, abermals ein Jeder genau nach Maßgabe seines Konsums.
Daß mit der absoluten Freizügigkeit der Arbeit weder beabsichtigt, noch jemals erreicht wurde, daß der Ertrag überall das absolut gleiche Niveau einhielt, ist selbstverständlich. Abgesehen davon, daß ja die Ungleichheiten oft erst nachträglich, bei Gelegenheit der Bilanzabschlüsse, sich zeigen, also auch erst nachträglich durch Zu- und Abfluß von Arbeitskräften ausgeglichen werden können, giebt es eine nicht unerhebliche, dauernde, jeder Ausgleichung entrückte Verschiedenheit der Gewinne, die in der Verschiedenheit der mit den unterschiedlichen Arbeitszweigen verknüpften Anstrengungen und Unannehmlichkeiten ihre naturgemäße Begründung hat. Nur ist es allerdings in Freiland anders, als in der alten Welt, wo nur zu oft die Last der Arbeit im umgekehrten Verhältnisse steht zu ihrem Ertrage; bei uns müssen schwierige, lästige, unangenehme Arbeiten ausnahmslos höheren Gewinn abwerfen, als die leichteren, angenehmeren — sofern Letztere keine besonderen Fähigkeiten voraussetzen — sonst würde man Jene sofort verlassen und sich Diesen zuwenden. Außerdem ist auch das im 3. Absatze den älteren Mitgliedern eingeräumte Präcipuum — dasselbe schwankt bei verschiedenen Gesellschaften zwischen 1 und 3 Prozent per Jahr, summiert sich also bei längerer Arbeitszeit zu ganz respektabler Höhe und ist dazu bestimmt, die erprobten Arbeitsveteranen an das Unternehmen zu binden, — ein Hindernis absoluter Gewinnausgleichung selbst bei ganz gleichgearteten Associationen.
Einer kurzen Erläuterung bedarf Punkt 5 der Statuten. Für das erste Betriebsjahr war natürlich die Berechnung der den Associationsmitgliedern zu leistenden Gewinnvorschüsse in Prozenten des vorjährigen Reinertrags nicht möglich, und der Ausschuß schlug daher für dieses erste Jahr ein Fixum von 1 Shilling (1 Mark) per Stunde vor. Man wird vielleicht erstaunen über die — insbesondere unter Berücksichtigung der am Kenia herrschenden Preisverhältnisse — auffallende Höhe dieses Ansatzes und billig fragen, von wo der Ausschuß den Mut schöpfte, auf derartige Erträge zu hoffen, daß solche Gewinnanteile, und noch dazu „vorschußweise“ ausbezahlt werden könnten. Es gehörte aber dazu keine besondere Kühnheit, vielmehr war dieser Ansatz in Wahrheit mit äußerster Vorsicht bemessen. Das Ergebnis der bis dahin in Gang gesetzten gesellschaftlichen Produktionen war nämlich thatsächlich ein wesentlich günstigeres gewesen. Die Körnerwirtschaft z. B. hatte bei einem Arbeitsaufwande von insgesamt 44,500 Arbeitsstunden einen Rohertrag von 42,000 Centnern verschiedener Sämereien ergeben. Deren Preis in Edenthal betrug derzeit im Durchschnitt allerdings nicht ganz 3 Schilling per Centner, da wir mehr davon erzeugen konnten, als wir brauchten, der Export über Mombas aber, der einstweilen noch recht primitiven Transportmittel halber, keinen größeren Ertrag, als eben diese 3 Schilling ergab. Wir hatten also rund 6,000 Pfd. Sterling landwirtschaftlichen Rohertrag. An Produktionskosten hierfür waren zu berechnen: 400 Pfd. Sterling für Materialien, 300 Pfd. Sterling als Amortisation der investierten Kapitalien (Werkzeuge und Vieh), so daß 5300 Pfd. Sterling Netto-Gewinn verbleiben werden. Da zur Deckung all der gemeinnützigen Ausgaben, die im Sinne unseres Programms Sache des gesamten Gemeinwesens sind, und von denen später noch gesprochen werden soll, eine Abgabe von nicht weniger als 35 Prozent in Aussicht genommen war, so verblieben rund 3400 Pfd. Sterling als verfügbarer Gewinn. Repartiert man nun diesen auf die geleisteten 44,500 Arbeitsstunden, so berechnet sich die Arbeitsstunde mit 1,5 Schilling. Das war aber auch annähernd der Durchschnittsertrag der anderen bislang betriebenen Produktionen gewesen, soweit sich derselbe für die Vergangenheit, in welcher es einen regelmäßigen Markt für alle Waren am Kenia noch nicht gab, überhaupt feststellen ließ; so viel war mit größter Beruhigung anzunehmen, daß für den Fall, als wir den Preis jedes Arbeitsprodukts durch Angebot und Nachfrage hätten regulieren können, im Durchschnitt für jedes derselben mindestens jener Preis hätte bezahlt oder angerechnet werden müssen, der dem landwirtschaftlichen Ertrage entsprach. Denn Körnerfrüchte, zu 3 Schilling ab Edenthal gerechnet, hätten wir doch vorerst erzeugen und absetzen können, so weit unsere Arbeitskraft reichte; es hätte also in der hinter uns liegenden Betriebsperiode Jedermann mindestens 1,5 Schilling für eine Arbeitsstunde erwerben können. Der nächsten Betriebsepoche schon gingen wir aber — wie man bald sehen wird — mit wesentlich verbesserten Hülfsmitteln entgegen, es mußte also, von unvorhergesehenen Unglücksfällen abgesehen, die Ergiebigkeit unserer Arbeit sehr namhaft steigen, so daß, als wir 1 Schilling Vorschuß für die Arbeitsstunde beantragten, unsere Meinung dahin ging, kaum die Hälfte des wirklichen Verdienstes vorweg zahlen zu lassen — eine Voraussetzung, der die Erfahrung durchaus entsprach. In den späteren Betriebsepochen wurde es bei den meisten Associationen üblich, 90 Prozent des vorjährigen Reinertrages als zu bezahlenden Vorschuß zu bestimmen.
Die Honorierung der Direktoren anlangend, ist zu bemerken, daß dieselbe bei den verschiedenen Gesellschaften von Anbeginn höchst verschieden war. Wo zur Leitung keine ausnahmsweisen Kenntnisse und kein besonderer Scharfblick erforderlich war, begnügten sich die Vorsteher damit, daß ihre Mühewaltung einer Arbeitsleistung von täglich 8-10 Stunden gleichgesetzt wurde; es gab aber auch Direktoren, die bis zu 24 Stunden täglich angerechnet erhielten, was schon im ersten Jahre einem Jahresgehalt von ungefähr 850 £ entsprach. Den Funktionären minderen Grades wurden in der Regel zwischen 8 und 10 Arbeitsstunden angerechnet; die kontrollierenden Aufsichtsräte erhielten für ihre Funktion meist keinerlei Extravergütung.
Die den Associationen gewährten Kredite erreichten im ersten Betriebsjahre durchschnittlich 145 £ per Kopf der beteiligten Arbeiterschaft — und wenn nun die Frage auftaucht, von wo wir diese Beträge für die Gesammtzahl unserer Mitglieder aufbrachten, so ist die Antwort: eben durch die Mitglieder. Und zwar sind hier nicht blos die von den Mitgliedern anläßlich ihres Beitritts zur Internationalen freien Gesellschaft gezahlten freiwilligen Beiträge gemeint, denn diese waren in erster Reihe dem Transportdienste zwischen Triest und Freiland geweiht, und hätten, auch wenn sie allesammt zur Ausstattung unserer Associationen mit Kapitalien herbeigezogen worden wären, zu diesem Behufe nicht genügt; die im Laufe des ersten Jahres beanspruchten Kredite umfaßten die Gesamtsumme von nahezu 2 Millionen Pfd. Sterling, während die gleichzeitig eingelaufenen freiwilligen Beiträge nur unwesentlich 1,5 Mill. Pfd. Sterling überstiegen. Die hauptsächlichen Mittel, die wir zu obigen Krediten an unsere Mitglieder gebrauchten, lieferte uns einerseits das durch die verfügbaren Vorräte repräsentierte gesellschaftliche Vermögen, andererseits die von den Mitgliedern gezahlte Steuer.
Nicht unerwähnt darf hier bleiben, daß sich der Ausschuß für die ersten Jahre die Entscheidung über Ausmaß und Reihenfolge der zu gewährenden Kredite vorbehielt. Diese — wenn auch blos negative — Einmischung in die Betriebsverhältnisse der Associationen stand allerdings nicht im Einklange mit dem Prinzipe des unbedingten Selbstbestimmungsrechtes der Produzenten, war aber insolange unvermeidlich, als unser Gemeinwesen jene hohe Stufe der Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht thatsächlich erreicht hatte, welche eben die Voraussetzung vollkommener Durchführung aller ihm zu Grunde liegenden Prinzipien ist. Späterhin, als die Ausrüstung mit auf der Höhe des technischen Fortschritts stehenden Produktionsmitteln der Hauptsache nach bei uns vollbracht war und es sich folglich nurmehr darum handelte, das Vorhandene fortlaufend zu ergänzen und zu verbessern, konnte niemals die Frage sein, ob die Überschüsse der laufenden Produktion auch genügen würden, selbst den weitestgehenden neu auftauchenden Kapitalansprüchen zu genügen. Anders zu Beginn, wo die Kapitalbedürfnisse unbegrenzt und die Hülfsmittel noch unentwickelt waren. Mehr, als es zu leisten vermochte, konnte das freie Gemeinwesen nicht bieten, und es mußte sich daher eine Auslese der zu bewilligenden Investionskredite vorbehalten. Dank der durch die freie Beweglichkeit der Arbeitskräfte sich geltend machenden durchgreifenden Interessensolidarität konnte dies geschehen, ohne daß damit auch nur vorübergehend eine gefährliche Bevorzugung oder Benachteiligung der verschiedenen Produzenten in ihren wesentlichen materiellen Interessen verknüpft gewesen wäre. Denn wenn — wie dies kaum zu vermeiden war — durch die gewährten oder verweigerten Kredite einzelne Produktionen begünstigt oder benachteiligt wurden, so hatte dies unmittelbar und selbstverständlich ein derartiges Zu- und Abströmen von Arbeitskraft zur Folge, daß die auf die gleichen Arbeitsleistungen entfallenden Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten.
Doch wie gesagt, nur auf Ausmaß und Reihenfolge der zu gewährenden Kredite erstreckte sich diese in den ersten Jahren geübte Einmischung, nicht aber auf die Art der Verwendung derselben. Diesbezüglich wurde von Anbeginn das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit der Produzenten zu vollständiger Durchführung gebracht. Da die Produzenten für die Rückzahlung der empfangenen Kapitalien aufzukommen hatten, so blieb es ihre Sache, für die nützliche Verwendung derselben Sorge zu tragen. Allerdings sind es — wie früher erwähnt — die Konsumenten, welche in letzter Linie die Kosten der gemachten Anlagen bezahlen; aber das thun sie selbstverständlich nur, wenn und insoweit diese Anlagen nützlich und notwendig sind. Hätte eine Association überflüssige oder schlechte Maschinen angeschafft, so wäre es ihr unmöglich gewesen, die für dieselben zu leistenden Abzahlungen auf die Käufer ihrer Erzeugnisse abzuwälzen, sie hätte durch solche Investionen ihren Gewinn nicht erhöht, sondern geschmälert, und man durfte es daher füglich dem Eigeninteresse der bei den Associationen Beteiligten überlassen, dafür Sorge zu tragen, daß derartige Kapitalvergeudung unterbleibe.
Wir kommen nun zu der Frage, wie es möglich war, das gleiche Anrecht Aller auf gleich ergiebigen Boden zur Wahrheit zu machen. — Auch dieses Problem löste sich in einfachster Weise durch die im Prinzipe der freien Vergesellschaftung enthaltene freie Beweglichkeit der Arbeitskräfte. Zwar gab es auch in Freiland besseren und minder guten Boden wie überall in der Welt; aber da dem besseren Boden mehr Arbeiter zuströmten, als dem schlechten und da einem bekannten ökonomischen Gesetze zufolge der Mehraufwand von Arbeitskraft auf gleicher Bodenfläche mit verhältnismäßig sinkendem Ertrage verknüpft ist, so entfiel für den einzelnen Arbeiter, respektive für die einzelne Arbeitsstunde auf bestem Boden kein höherer Reinertrag, als auf überhaupt noch in Arbeit genommenem schlechtesten.
Im Danaplateau z. B. konnten mit einem Arbeitsaufwande von 80 Stunden 120 Centner Weizen vom Hektar gewonnen werden, in Edenthal mit dem gleichen Arbeitsaufwande bloß 90 Centner. Die Bodenassociation im Danaplateau hatte daher, da der Centner Weizen 3⅛ Schilling galt und ⅛ Schilling zur Deckung aller Spesen ausreichte, am Schlusse des Jahres 4½ Schilling pro Arbeitsstunde als Gewinn und konnte von diesem nach Abzug der Steuer und der Kapitalrückzahlungen 2¾ Schilling zur Verteilung bringen. Die Mitglieder der Edenthal-Association dagegen erhielten bloß 2 Schilling pro Arbeitsstunde Gewinnanteil, und da nähere Untersuchung ergab, daß dieser Unterschied nicht in zufälligen Witterungsverschiedenheiten und auch nicht in minderer Arbeit, sondern in der Beschaffenheit des Bodens zu suchen sei, so war die Folge, daß im nächsten Jahre die neu eingewanderten Feldarbeiter mit Vorliebe den besseren Boden des Danaplateaus aufsuchten. Dort kamen jetzt durchschnittlich 105 Arbeitsstunden auf den Hektar, in Edenthal bloß 60; die mehraufgewendeten 25 Stunden ergaben aber auf Ersterem keinen Rohertrag von je 1½ Centner, wie im Durchschnitt die früher aufgewendeten 80 Stunden, sondern bloß einen solchen von knapp ¾ Centner, d. h. der Ertrag stieg nicht von 120 auf 157½ sondern bloß auf 138 Centner, sank also per geleisteter Arbeitsstunde auf 1,34 Centner, was zur Folge hatte, daß der Gewinn, ungeachtet der inzwischen wegen Verbesserung der Kommunikationsmittel eingetretenen namhaften Preissteigerung des Getreides, sich bloß auf 5 Schilling erhöhte, wovon 3 Schilling pro Stunde zur Verteilung gelangten. In Edenthal dagegen verminderte sich der Rohertrag durch den Entgang von 20 Arbeitsstunden per Hektar bloß um je 8 Centner; er betrug also jetzt für 60 Arbeitsstunden 82 Centner oder 1,27 Centner per Arbeitsstunde. Die Edenassociation zahlte also eine Kleinigkeit mehr als die von Dana und da zudem der Aufenthalt in Edenthal mit größeren Annehmlichkeiten verknüpft war, als der im Danaplateau, so wandte sich nun der Zuzug von Ackerbauern wieder insolange nach Edenthal, bis endlich — nach 2 ferneren Betriebsepochen — eine ungefähr fünfprocentige Gewinndifferenz zu Gunsten Danas hervortrat, bei welcher es dann, von kleinen Schwankungen abgesehen, auch sein Bewenden hatte.
Ebenso aber, wie das durch die Freizügigkeit der Arbeitskräfte verwirklichte Prinzip der Interessensolidarität Denjenigen, der thatsächlich schlechteren Boden bearbeitet, in den Mitgenuß der Vorteile besseren Bodens setzt, so partizipiert auch jeder, in welchem Produktionszweige immer Beschäftigte an allen wie immer gearteten Vorteile des besten Bodens und umgekehrt zieht auch der Bodenbebauer, wie überhaupt jeglicher Produzent, Gewinn aus sämmtlichen Produktionsvorteilen, die in welchem Arbeitszweige unseres Gemeinwesens immer erzielt werden, gerade so, als ob er bei demselben unmittelbar beteiligt wäre. Alle Produktionsmittel sind Gemeingut; über das Ausmaß des Nutzens, den ein jeglicher von uns von diesem gemeinsamen Eigentume ziehen mag, entscheidet nicht der Zufall des Besitzes — aber auch nicht die Fürsorge einer Alles bevormundenden kommunistischen Obrigkeit, sondern einzig die Fähigkeit und der Fleiß eines Jeden.
9. Kapitel.
Ausgedehnteste Öffentlichkeit aller wirtschaftlichen Vorgänge war — wie bereits erwähnt — die oberste Voraussetzung des richtigen Funktionierens der im Vorherigen geschilderten überaus einfachen Organisation, die in Wahrheit in nichts anderem, als in der Hinwegräumung aller, der freien Bethätigung von weisem Eigennutze geleiteter individueller Willkür im Wege stehenden Hindernisse bestand. Um so notwendiger war es, diese souveräne Willkür wohl zu beraten, dem Eigennutze alle Handhaben zu richtigem und raschem Erfassen seines wahren Vorteils zu bieten.
Kein wie immer geartetes Geschäftsgeheimnis! Das war gleichsam mit eines der Grundgesetze von Edenthal. Da draußen, wo der Kampf ums Dasein darin gipfelt, einander nicht blos auszubeuten und zu verknechten, sondern überdies wirtschaftlich zu vernichten, wo infolge der allgemeinen, aus Unterkonsum hervorgehenden Überproduktion konkurrieren gleichbedeutend ist mit: einander die Kunden abjagen; da draußen in der alten Welt wäre Preisgebung der Geschäftsgeheimnisse gleichbedeutend mit Preisgebung mühsam ergatterten, erlisteten Absatzes, also mit Untergang. Wo die ungeheure Mehrzahl der Menschen kein Anrecht auf steigende Produktionserträge besitzt, sondern sich — unbekümmert um die Ergiebigkeit der Arbeit — mit „Arbeitslohn“, d. i. mit dem zur Lebensfristung Erforderlichen begnügen muß, dort kann es auch keine Verwendung für die Gesammterträge hochproduktiver Arbeit geben. Denn die wenigen Besitzenden können unmöglich die stetig wachsenden Überschüsse verzehren und ihr Bestreben, solche zu kapitalisieren, d. h. in Arbeitsinstrumente zu verwandeln, scheitert an der Unmöglichkeit der Verwendung von Produktionsmitteln, für deren Produkte es keine Verwendung giebt. Es herrscht also in der ausbeuterischen Welt ein stetiges Mißverhältnis zwischen Produktivkraft und Konsum, zwischen Angebot und Nachfrage, und die selbstverständliche Folge ist, daß der Absatz Gegenstand eines eben so stetigen und schonungslosen Kampfes zwischen den verschiedenen Produzenten ist. Nicht möglichst viel und gut zu erzeugen, sondern für einen möglichst großen Teil der eigenen Erzeugnisse einen Markt zu erobern, ist die vornehmste Sorge der ausbeuterischen Produzenten, und da dieser Absatzmarkt angesichts des oben klargelegten Mißverhältnisses stets nur auf Kosten anderer Produzenten erlangt und behauptet werden kann, so besteht hier notwendigerweise ein dauernder und unversöhnlicher Interessenkonflikt. Anders bei uns. Wir können des Absatzes jederzeit sicher sein, denn bei uns kann nicht mehr erzeugt werden, als gebraucht wird, da ja der gesamte Produktionsertrag dem Arbeitenden gehört und der Verbrauch, die Befriedigung irgendeines realen Bedürfnisses, die ausschließliche Triebfeder der Arbeit ist; bei uns kann also durch Preisgebung seiner Absatzquellen niemand um seine Kunden kommen, da ihm für die eventuell verlorenen notwendigerweise andere zufallen müßten.
Und welchen Anlaß hätte anderseits der Produzent da draußen, seine Erfahrungen Anderen mitzuteilen? Können sie von der erlangten Kenntnis überhaupt anderen Gebrauch machen, als einen auf seinen Nachteil abzielenden? Kann er die ihm ihrerseits mitgeteilte Kunde zu etwas anderem benützen, als wieder zu ihrer Schädigung? Läßt er den Anderen heran zur Teilnahme an seinem Geschäfte, wenn dieses das ertragreichere ist, oder läßt ihn Jener in das seine, wenn es sich umgekehrt verhält? Steigt die Nachfrage nach den Erzeugnissen eines Produzenten, so steht ihm der Arbeits-„Markt“ offen, wo er stets Knechte in Hülle findet, die zur Arbeit bereit sind, ohne nach deren Ertrag zu fragen, sofern sie nur ihren „Lohn“ erhalten. Also nicht einmal die Konsumenten sind da draußen an der Öffentlichkeit der Geschäftsführung interessiert, die übrigens, wie schon gesagt, ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Ganz anders auch dies bei uns in Freiland. Wir lassen Jedermann teilnehmen an unseren Geschäftsvorteilen, können dafür aber auch teilnehmen an Jedermanns Geschäftsvorteilen, und wir müssen diese veröffentlichen, weil Mangels eines Marktes willen- und interesseloser Arbeiter, diese Veröffentlichung der einzige Weg ist, bei steigender Nachfrage entsprechende Arbeitskräfte heranzuziehen.
Und was die Hauptsache ist: während da draußen Niemand ein wirkliches Interesse daran hat, daß die Produktion Anderer sich hebe, ist bei uns Jedermann aufs lebhafteste dabei interessiert, daß Jedermann möglichst leicht und gut produziere. Denn die klassische Phrase von der Solidarität aller wirtschaftlichen Interessen ist zwar bei uns zur Wahrheit geworden, da draußen aber nichts anderes, als eine jener zahlreichen Selbsttäuschungen, aus denen sich die nationalökonomische Doktrin der ausbeuterischen Welt zusammengesetzt. Allgemeine Steigerung der Produktion, des Reichtums ist dort wo die alte Wirtschaftsordnung herrscht, ein Unding. Wo der Massenkonsum nicht zunehmen kann, dort können auch Produktion und Reichtum nicht wachsen, sondern nur verschoben werden, Ort und Eigner wechseln; um was die Produktion des Einen zunimmt, genau um das nämliche muß die irgendeines Anderen abnehmen — es sei denn, daß auch der Verbrauch einigermaßen gewachsen ist, was jedoch, wo die Massen ausgeschlossen sind vom Genusse wachsender Arbeitserträge, nur zufällig und keineswegs schritthaltend mit der gewachsenen Arbeitsergiebigkeit geschehen kann. Bei uns in Freiland dagegen, wo die Produktion — angesichts der mit ihr naturnotwendig genau proportional wachsenden Konsumtionskraft — ins Ungemessene steigen kann und steigt, soweit nur unsere Fertigkeiten und Künste es gestatten, bei uns ist es das oberste, absoluteste Interesse der Gesamtheit, jedermanns Arbeitskraft verwertet zu sehen, wo jeweilig die höchsten Erträge für ihn zu erzielen sind, und niemand giebt es, der nicht Vorteil daraus zöge, wenn dies in möglichst vollkommener Weise überall geschieht. Der Einzelne oder die einzelnen Associationen, die vermöge unserer Organisation genötigt sind, einen zufällig erlangten Vorteil mit anderen zu teilen, erleiden durch dieses einzelne Faktum für sich betrachtet allerdings einen Gewinnentgang; aber unendlich größer ist für alle Fälle der Vorteil, den sie davon haben, daß Ähnliches überall geschieht, daß die Produktivität unablässig wächst, und ihr eigener Nutzen gebietet also, daß es überall — sohin selbstverständlich auch bei ihnen — geschehe. In wie ungeahnt hohem Maße dies der Fall ist, wird die fernere Geschichte von Freiland sattsam zeigen.
Über die zu ausgedehntester Öffentlichkeit der wirtschaftlichen Vorgänge abzielenden Maßnahmen ist folgendes zu sagen. Wir gehen von dem Grundsatze aus, daß die Gesamtheit sich so wenig als möglich hindernd oder anordnend, dagegen so viel als möglich orientierend und belehrend in das Thun und Lassen der Individuen zu mengen habe. Jedermann mag handeln, wie ihm beliebt, sofern er nur die Rechte anderer nicht kränkt; aber wie er immer handle, sein Thun muß vor jedermann offen daliegen. In Gemäßheit dieses Grundsatzes wurde schon in der alten Heimat bei Anmeldung des neuen Mitgliedes dessen wirtschaftliche Eignung festgestellt und die betreffenden Listen gelangten — wie einmal schon erwähnt — mit möglichster Beschleunigung an den Ausschuß. Dem lag weder müßige Neugier, noch polizeiliche Bevormundungssucht zu Grunde, vielmehr wurden diese Daten ausschließlich zu Nutz und Frommen der Produktionsgenossenschaften sowohl als der Neuangemeldeten selber veröffentlicht. Die Folge davon war, daß Letztere in der Regel schon bei ihrer Ankunft am Kenia auf sie vorbereitete und eingerichtete Arbeitsstätten vorfanden, und zwar allemal diejenigen, an denen sie die jeweilig beste Verwertung ihrer Arbeitskraft fanden. Niemand zwang sie, sich diesen ohne ihr Zuthun getroffenen Vorbereitungen anzubequemen, aber da dieselben in denkbar bester Weise ihrem eigenen Vorteile dienten, so thaten sie es — von vereinzelten Ausnahmen abgesehen — mit der größten Freude.
Der zweite und wichtigste Gegenstand der Publikationen waren die Betriebsausweise der Produzenten — der Associationen sowohl als der — in geringer Zahl stets vorhandenen — Einzelproduzenten. Von ersteren, als den weitaus wichtigeren und überdies ihrer Natur nach schon zu sorgfältiger Buchführung genötigten, wurde sehr viel, in Wahrheit die Bloßlegung ihres gesamten Gebahrens verlangt. Rohertrag, Spesen, Reinertrag, Einkauf und Verkauf, Arbeitsleistung, Verwendung des Reinertrags, alles mußte fortlaufend veröffentlicht werden und zwar je nach der Beschaffenheit der betreffenden Daten einmal jährlich, anderes in kürzeren Abständen, der gemachte Arbeitsaufwand z. B. allwöchentlich. Von Seite der wenigen Einzelproduzenten begnügte man sich mit dem, was infolge der nunmehr zu beschreibenden Einrichtung auch ohne ihr Zuthun über sie bekannt wurde.
Einkauf und Verkauf aller erdenklichen Produkte und Handelsartikel Freilands war nämlich in großen Warenhallen und -lagern konzentriert, deren Leitung und Überwachung von Gesamtheitswegen geschah. Es war zwar niemand verboten, zu kaufen und zu verkaufen, wo ihm beliebte, diese öffentlichen Magazine boten aber so gewaltige Vorteile, daß Jedermann, der sich nicht selber schädigen wollte, sie in Anspruch nahm. Gebühren für Einlagerung und Manipulation wurden nicht berechnet, da wir von der Anschauung ausgingen, daß es ganz gleichgültig sei, ob man in einem Lande, wo Jedermann einen seiner Produktion entsprechenden Verbrauch hat, diese Manipulationsgebühren von den Konsumenten als solchen, oder in Form eines minimalen Steuerzuschlages von ihnen in ihrer Eigenschaft als Produzenten einhebe. Als reiner Gewinn verblieb die Ersparnis aus der Vereinfachung des Verrechnungswesens.
Die oberste Verwaltung von Freiland war aber zugleich auch der Bankier der gesamten Bevölkerung. Nicht bloß jede Association, sondern Jedermann hatte sein Konto in den Büchern der Centralbank, diese besorgte die Inkassi und die Auszahlungen, von den Millionen Pfunden angefangen, die späterhin gar manche Genossenschaft im Inlande wie im Auslande zu fordern und zu entrichten hatte, bis hinab zu den auf die Arbeitsleistung des Einzelnen entfallenden Gewinnanteilen und dessen Kleider- oder Küchenrechnungen. Ein in Wahrheit „alles“ umfassendes Clearingsystem ermöglichte die Durchführung dieser zahllosen Geld- und Kreditoperationen beinahe ohne jeden Aufwand wirklichen Geldes, lediglich durch Zu- und Abschreibungen in den Büchern. Niemand zahlte bar, sondern gab Anweisungen auf sein Konto bei der Centralbank, die ihm seine Forderungen gutschrieb, die Ausgaben zu seinen Lasten buchte und ihm allmonatlich mitteilte, mit welchem Betrage er bei ihr aktiv oder passiv sei. Denn auch die von Gesamtheitswegen gewährten, zu kapitalistischer Ausrüstung der Produktion dienenden, im vorigen Kapitel erwähnten Kredite gingen selbstverständlich durch die Bücher der Bank. Diese war solcherart über jede wie immer geartete geschäftliche Beziehung im ganzen Lande fortlaufend bis ins kleinste Detail unterrichtet. Sie wußte nicht bloß, wo und wie teuer die Produzenten ihre Vorräte und Rohstoffe einkaufen, ihre Erzeugnisse absetzen, sie kannte auch die Haushaltungsbilanz, das Einkommen und den Küchenzettel jeder Familie. Selbst der Kleinhandel konnte an der Allgegenwart dieser Kontrolle nichts ändern. Die meisten Lebensmittel und zahlreiche andere Bedarfsartikel wurden von diesen Geschäftszweig betreibenden Associationen den Kunden ins Haus gestellt; auch diesen konnte die Bank auf den Heller nachrechnen, wieviel sie verdient hätten, denn auch deren Einkäufe wie Verkäufe gingen durch die Bücher dieses Instituts. Die Konti der Bank aber mußten mit den Ausweisen des statistischen Amtes stimmen, und so besaßen denn alle Veröffentlichungen eine nicht bloß annähernd und schätzungsweise, sondern absolut sichere Grundlage; selbst wer es gewollt hätte, wäre schlechterdings außer stande gewesen, irgend etwas zu verheimlichen oder zu fälschen.
Diese allumfassende, automatisch sich ergebende Durchsichtigkeit der gesamten Produktions- und Erwerbsverhältnisse bot nun auch für die in Freiland eingehobenen Abgaben eine vollkommen verläßliche Grundlage. Grundsatz war, daß alle Ausgaben des Gemeinwesens von jedem Einzelnen genau nach Maßgabe seines Reineinkommens gedeckt werden sollen, und da es in Freiland anderes Einkommen als das von Arbeit nicht gab, dieses aber genau bekannt war, so machte die Verteilung der Abgaben nicht die geringsten Schwierigkeiten. Dieselben wurden ganz einfach schon bei Entstehung des Einkommens erfaßt, und zwar durch Vermittlung der Bank nicht bloß bei den Associationen, sondern auch bei den wenigen Einzelproduzenten. In Wahrheit hatte ja das Gemeinwesen durch seine Bank jegliches Einkommen früher in Händen als der Bezugsberechtigte selber, und es brauchte diesem daher die Abgabe bloß in Rechnung zu stellen, unter den Passiven zu buchen, und die Steuer war einkassiert. Man betrachtete daher in Freiland diese Steuer gar nicht als Abzug vom Reineinkommen, sondern gleichsam als eine vom Bruttoertrage in Abrechnung kommende Auslage, etwa gleich den Betriebsspesen. Niemand empfand sie, trotz ihrer sehr bedeutenden Höhe, als Last, schon aus dem Grunde nicht, weil Jedermann wußte, daß der größte Teil derselben ihm oder den Seinen wieder zurückfließen werde, jeder Heller derselben aber ausschließlich gemeinnützigen Zwecken gewidmet sei, deren Früchte ihm mittelbar zu Gute kämen. Die Auffassung war also durchaus berechtigt, zwischen den durch Vermittlung der Gesamtheit und den im engeren Kreise vorgenommenen fruchtbringenden Ausgaben keinerlei Unterschied zu machen.
Diese Abgaben aber waren sehr hoch; sie betrugen im ersten Jahre 35 Prozent des Reinertrages und sanken niemals unter 30 Prozent, trotzdem das Einkommen, von welchem die Abgabe erhoben wurde, den gewaltigsten Aufschwung nahm. Denn die Aufgaben, welche sich das Gemeinwesen in Freiland gerade zu dem Zwecke gesteckt hatte, um diesen Aufschwung des Reichtums zu ermöglichen, waren sehr umfassend und beanspruchten die kolossalsten Beträge.
Die eine dieser Aufgaben war die Beistellung der zu Zwecken der Produktion erforderlichen Kapitalien. Doch mußte bloß im Anfang dieser Bedarf seinem ganzen Umfang nach aus der laufenden Steuer gedeckt werden, während späterhin die Rückzahlungen der Schuldner dem neuen Bedarfe teilweise die Wage hielten.
Eine stetig wachsende Ausgabenpost bildete das Erziehungswesen, welches Summen verschlang, von denen man außerhalb Freilands keine Vorstellung besitzt.
Ebenso beanspruchte das Kommunikationswesen einen in riesigen Dimensionen zunehmenden Aufwand und das nämliche gilt vom öffentlichen Bauwesen.
Die Hauptpost des freiländischen Ausgabenbudgets aber bildete der Titel „Versorgungswesen“, unter welchem die Ansprüche all jener zu verstehen sind, denen wegen thatsächlicher Arbeitsunfähigkeit, oder weil sie im Sinne unserer Grundsätze von Arbeit entbunden werden sollten, ein Recht auf auskömmlichen Unterhalt eingeräumt war. Zu diesen gehörten alle Frauen, alle Kinder, alle Männer über 60 Jahre und selbstverständlich alle Kranken oder Invaliden. Die Bezüge dieser verschiedenen Versorgungsberechtigten waren sämtlich so hoch bemessen, daß nicht bloß der dringenden Notdurft, sondern auch höheren Ansprüchen, wie sie nach dem jeweiligen Stande des allgemeinen Reichtums in Freiland gebräuchlich waren, Genüge geschah; zu diesem Behufe mußten sie derart berechnet sein, daß sie parallel mit dem Einkommen der arbeitenden Bevölkerung stiegen, waren daher nicht in festen Summen, sondern in Teilbeträgen vom Durchschnittseinkommen ausgeworfen. Der Jahr für Jahr erhobene, im Durchschnitt aller im Lande betriebenen Produktionen auf den einzelnen Produzenten entfallene Reinertrag war die Versorgungseinheit, und von dieser Einheit entfiel nun auf jede alleinstehende Jungfrau oder Witwe — sofern sie nicht das Lehreramt oder Krankenpflege ausübten und hierfür entsprechend bezahlt wurden — 30 Prozent; verheirateten sie sich, so sank ihr Anspruch auf 15 Prozent der Einheit; auf die drei ersten Kinder jedes Haushalts entfielen je 5 Prozent. Vater- und mutterlose Waisen wurden in öffentliche Verpflegung genommen und erforderten einen Aufwand von durchschnittlich 12 Prozent der Einheit. Männer über 60 Jahre und Kranke oder Invaliden erhielten 40 Prozent.
Es mag hier sofort bemerkt werden, daß diese sämtlichen Versorgungsbeträge nach außerfreiländischen Begriffen geradezu horrend zu nennen wären; schon im ersten Jahre betrug die Einheit 180 Pfd. Sterling, es bekam also eine Jungfrau oder Witwe 48 Pfd. Sterling, eine verheiratete Frau 24 Pfd. Sterling, eine Familie mit drei Kindern und Frau wieder 48 Pfd. Sterling, ein Greis oder Invalide 54 Pfd. Sterling, was angesichts der bei uns damals herrschenden Preise mehr war, als die meisten europäischen Staaten ihren höchsten Funktionären oder deren Witwen und Waisen an Pension zahlen. Denn ein Zentner feines Mehl kostete in jenem ersten Jahre am Kenia 7 Shilling oder Mark, ein fetter Ochse 12 Shilling, Butter, Honig, das köstlichste Obst waren zu ähnlichen Preisen zu haben, Wohnung beanspruchte nicht mehr als höchstens 2 Pfd. Sterling im Jahr, kurzum mit ihren 48 Pfd. Sterling konnte bei uns eine ledige Frau in Überfluß leben und brauchte sich nichts Wesentliches von jenen Annehmlichkeiten und Vergnügungen zu versagen, die zu jener Zeit in Edenthal überhaupt erreichbar waren. Und späterhin, als die Preise in Freiland denn doch einigermaßen stiegen, eilte das Steigen der Arbeitserträge, d. i. also auch der Versorgungsbeträge dem gewaltig voran, so daß der in diesen gewährte Überfluß stets ausgesprochener wurde. Allein das lag eben in der Absicht des Volkes von Freiland. Warum? Davon wird an geeigneter Stelle noch die Rede sein, insbesondere auch davon, warum den Frauen ausnahmslos Versorgungsrecht zugesprochen wurde und warum bloß das Lehramt und die Krankenpflege als ihnen zugedachter Beruf erwähnt ist. Auch von den Ansprüchen der Kinder wird noch gesprochen werden. Hier sei nur konstatiert, daß die Deckung all dieser Ansprüche selbstverständlich stetig wachsende Summen erforderte.
Recht namhafte Ausgabeposten waren auch die für Statistik, Lagerhaus- und Bankwesen; indessen nahmen die Kosten dieser Verwaltungszweige — trotz ihres großen absoluten Wachstums — relativ, nämlich im Verhältnisse zu dem steuerbaren Einkommen, so rasch ab, daß sie schon nach wenigen Jahren auf einen minimalen Prozentsatz der Gesamtausgaben gesunken waren.
Dagegen kosteten Justiz, Polizei, Militär und Finanzverwaltung, die in anderen Ländern reichlich Neun-Zehnteile des Gesamtbudgets verschlingen, in Freiland nichts. Wir hatten keine Richter und Polizeiorgane, unsere Steuern flossen von selber ein und Soldaten kannten wir auch nicht. Nichtsdestoweniger wurde bei uns nicht gestohlen, geraubt oder gemordet, gab es keine Steuerrückstände und wehrlos waren wir, wie sich aus dem Späteren ergeben wird, keineswegs. Im übrigen mögen unsere Waffen- und Munitionsvorräte sowie unsere an die kriegerischen Massai gezahlten Subsidien immerhin als Surrogat für ein Militärbudget gelten. In Bezug auf das Justizwesen waren wir so arge Barbaren, daß wir nicht einmal einen Zivil- oder Kriminalkodex für nötig hielten, nebenbei bemerkt, einstweilen auch keinerlei geschriebenes Verfassungsrecht besaßen. Der Ausschuß, immer noch im Besitze der ihm im Haag erteilten Vollmacht, begnügte sich, alle seine Maßnahmen in öffentlichen Versammlungen darzulegen und die Zustimmung der Gemeine zu verlangen, die ihm auch einstimmig gewährt wurde. Zur Schlichtung etwa auftauchender Streitigkeiten unter den Mitgliedern wurden — einstweilen gleichfalls vom Ausschusse empfohlene — Schiedsrichter gewählt, die einzeln in mündlichem Verfahren nach bestem Wissen ihre Entscheidungen treffen sollten und von denen der Appell an das Schiedsrichter-Kollegium offen stand; sie hatten aber allesamt so gut wie nichts zu thun. Gegen Laster und deren gemeingefährliche Folgen maßten wir uns kein Straf-, sondern bloß ein Schutzrecht an, und zwar erachteten wir die Besserung als das beste und wirksamste Schutzmittel. Da geistig und moralisch normal veranlagte Menschen in einem Gemeinwesen, welches alle berechtigten Interessen jedes seiner Mitglieder gleichmäßig berücksichtigt, sich unmöglich gewaltsam gegen fremdes Recht vergehen können, so betrachteten wir allenfallsige Verbrecher als geistig oder moralisch Kranke, deren Heilung eine Angelegenheit des öffentlichen Interesses sei. Sie wurden daher — je nach dem Grade ihrer Gemeingefährlichkeit — in Beobachtung oder in Gewahrsam genommen und insolange geeigneter Behandlung unterzogen, als dies nach dem Urteile kompetenter Fachmänner im Interesse der allgemeinen Sicherheit rätlich erschien. Fachmänner im obigen Sinne waren aber nicht die Friedensrichter, welche bloß darüber zu entscheiden hatten, ob das verklagte Individuum dem Besserungsverfahren zu unterziehen sei, sondern besondere, zu diesem Behufe eigens erwählte Ärzte. Dem in Beobachtung oder Gewahrsam Genommenen stand es frei, an das Kollegium der vereinigten Ärzte und Friedensrichter zu appellieren und seine Sache vor demselben öffentlich zu vertreten, wenn er sich durch das Verfahren des ihm vorgesetzten Arztes gekränkt erachtete.
Die Anstellungen der sämtlichen Beamten für öffentliches Bauwesen, Kommunikationswesen, Statistik, Lagerhaus und Centralbank, Unterrichtswesen etc. gingen provisorisch vom Ausschusse aus. Die Gehalte wurden in Stundenäquivalenten angesetzt, gleich denen der genossenschaftlichen Funktionäre, und zwar betrugen diese Gehalte den Durchschnittswert von 1200 bis zu 5000 Arbeitsstunden jährlich, was im ersten Jahre schon 150 bis 600 Pfd. Sterling ausmachte. Die Bevollmächtigten in London, Triest und Mombas wurden mit je 800 Pfd. Sterling im Jahre bezahlt. Bemerkt muß hier werden, daß diese Delegierten bloß 2 Jahre lang auf ihrem auswärtigen Posten verharrten und dann Anspruch auf entsprechende Verwendung in Freiland hatten. Seinen eigenen Mitgliedern bestimmte der Ausschuß einen Gehalt von je 5000 Stundenäquivalenten.
Jedes Ausschußmitglied stand einem der 12 Verwaltungszweige vor, in welche die sämtlichen öffentlichen Geschäfte Freilands provisorisch geteilt wurden. Die Verwaltungszweige waren:
| 1. | Das Präsidium |
| 2. | Versorgungswesen |
| 3. | Unterricht |
| 4. | Kunst und Wissenschaft |
| 5. | Statistik |
| 6. | Straßenbau und Kommunikationsmittel |
| 7. | Post, dazu später Telegraph |
| 8. | Auswärtige Angelegenheiten |
| 9. | Lagerhaus |
| 10. | Centralbank |
| 11. | Gemeinnützige Unternehmungen |
| 12. | Sanitätswesen und Justiz. |
Hiermit wären in großen Zügen die für den Anfang in Freiland geltenden Verwaltungs- und Organisationsprinzipien geschildert. Dieselben bewährten sich allseitig aufs vortrefflichste. Die Bildung der Genossenschaften ging ohne den geringsten Anstand vor sich. Da die Mehrzahl der successive anlangenden Mitglieder gegenseitig einander fremd war, mußte man sich bei Besetzung der leitenden Stellen vorläufig auf die Empfehlungen des Ausschusses verlassen, begnügte sich deshalb auch zumeist mit provisorischen Wahlen, die jedoch ziemlich rasch durch definitive ersetzt werden konnten. Die schon vorgefundenen Produktionen: Landwirtschaft, Gartenkultur, Viehzucht, Mahlmühle, Sägmühle, Bierbrauerei, Kohlengruben und Eisenwerke, wurden nach Maßgabe des täglich mit den Mombas-Karawanen einlangenden Kräftezuwachses namhaft erweitert und mit wesentlichen Verbesserungen ausgestattet. Eine stattliche Zahl neuer Industrien reihte sich unmittelbar daran. Eine der ersten war eine — der Hauptsache nach schon fertig importierte und nur zu adjustierende Druckerei mit 2 Rotations- und 5 Schnellpressen, und gestützt auf diese eine täglich erscheinende Zeitung; diesen reihten sich in rascher Folge eine Maschinenfabrik, eine Glashütte, eine Ziegelei, eine Ölmühle, eine chemische Fabrik, eine Näh- und Schuhfabrik, eine Bautischlerei und eine Eisfabrik an. Am 1. Januar des neuen Jahres wurde der erste kleine Schraubendampfer für den Remorquierdienst im Edensee und Danaflusse vom Stapel gelassen, welchem die ihres ausgezeichneten Verdienstes halber außerordentlich rasch anwachsende Betriebs-Association in kurzen Intervallen zahlreiche andere und größere Lasten- und Personendampfer folgen ließ.
Gleichzeitig nahm auch der Ausschuß einen nicht unbedeutenden Teil der neu eintreffenden Kräfte für mehrere auf öffentliche Kosten zu bewerkstelligende Arbeiten und Einrichtungen in Anspruch; den dabei beschäftigten Arbeitern mußte selbstverständlich ein, der Durchschnittshöhe des allgemeinen Arbeitsertrages entsprechender — und wo es sich um besonders anstrengende Leistungen handelte, ein diesen Durchschnitt entsprechend übersteigender, Verdienst gesichert werden. Diese Arbeiten waren in erster Reihe die provisorischen Hausbauten für die neu eintreffenden Mitglieder. Dabei wurde daran festgehalten, daß jede Familie je ein eigenes Häuschen erhalte, während für die alleinstehenden Ankömmlinge mehrere große Hotels eingerichtet wurden. Die Familienhäuser waren der Größe nach verschieden — von 4 bis zu 10 Wohnräumen, jedes mit einem Garten von 1000 Quadratmeter Fläche ausgestattet. Jeder Ankömmling konnte ein ihm nach Größe und Lage passend erscheinendes wählen, selbstverständlich gegen je nach Belieben ratenweise oder sofortige Abzahlung. Solcher Häuschen mußten im Monatsdurchschnitt nicht weniger als 1500 fertiggestellt werden; sie waren aus starken Bohlen in doppelter Lage solid gefügt und der Bauaufwand stellte sich auf durchschnittlich 8½ Pfd. Sterling für jeden Wohnraum. Für die Benutzung der Hotelzimmer wurde eine zur Amortisation der Baukosten und Deckung der Regie genügende Wochengebühr von ½ Sh. berechnet.
Gleichzeitig mit diesen Wohnhäusern wurde der Bau von Schulen in Angriff genommen, und zwar mußte, da bis auf weiteres dem Eintreffen von 1000 bis 1200 Schulkindern im Monatsdurchschnitt entgegenzusehen war, fortlaufend für genügende Räume zu entsprechender Unterbringung dieser so rasch anwachsenden Menge Vorsorge getroffen werden. Selbstverständlich waren auch diese — gleich den Wohnhäusern — teils im Edenthale, teils auf dem Danaplateau errichteten Schulräume nur provisorische Barackenbauten, dabei aber licht, luftig und geräumig.
In der Lebensweise am Kenia hatte sich im übrigen einstweilen noch wenig verändert, mit Ausnahme des Umstandes, daß Edenthal, vor Eintreffen der ersten Wagenkarawane ein mäßiges Dorf, binnen wenigen Monaten zu einer mehr als 20000 Seelen zählenden ansehnlichen Stadt herangewachsen war. Auf dem Danaplateau, wo sich zuvor nur einige Hütten gefunden hatten, waren zwei ansehnliche Dörfer entstanden, das eine mit den Arbeiterschaften einiger Fabriken am Ostende, hart neben dem großen Wasserfalle, das andere, näher zu Edenthal gelegen, der Sitz einer Ackerbaukolonie. Gemeinsam war all diesen Bewohnern von Freiland ein ausgesprochener Zug sorgloser Fröhlichkeit und unverkennbaren Behagens. Die Lebensweise blieb, was die Wohnungs- und Kleidungsverhältnisse anlangt, noch sehr primitiv, dagegen herrschte in Speisen und Getränken Überfluß, ja Luxus. Mit den Mahlzeiten wurde es der Hauptsache nach so gehalten, wie einige Monate zuvor von den ersten Ankömmlingen; nur hatten die Frauen gar bald eine ganze Reihe neuer und sinnreicher Verwendungsarten der vielen köstlichen Landesprodukte herausgefunden. Das Register der erreichbaren ästhetischen und geistigen Genüsse hatte vorerst keine sonderliche Bereicherung erfahren. Die Zeitung, eine von der Unterrichtsverwaltung angelegte Bibliothek, die beinahe Tag für Tag durch neueintreffende Bücherkisten bereichert wurde, zu Neujahr aber doch erst 18000 Bände zählte, die dem insbesondere während der heißen Mittagsstunden sehr lebhaften Lesebedürfnisse keineswegs voll genügen konnten, mehrere neue Sing- und Orchestervereine, Lese- oder Debattierzirkel und zwei Dutzend Klaviere — das war alles, was zu dem ursprünglich Vorhandenen gekommen war. Daneben wurde in den herrlichen Wäldern fleißig gejagt, Ausflüge nach nicht allzu schwierig erreichbaren Aussichtspunkten waren an der Tagesordnung — kurz man suchte sich das Leben so angenehm als möglich zu machen, ohne jedoch einstweilen große Abwechslung in das Programm der Vergnügungen und geistigen Genüsse bringen zu können. Das hinderte aber nicht, daß Glück und Zufriedenheit in jedem Hause herrschten.
Auch hinsichtlich der Arbeitseinteilung war im großen Ganzen das ursprünglich beobachtete System beibehalten worden. Die Männer arbeiteten meist zwischen 5 und 10 Uhr morgens und zwischen 4 und 6 Uhr abends; die Frauen — im Bedarfsfalle unterstützt von Eingeborenen — versahen inzwischen das Haus und die Kinder, sofern diese nicht in der Schule waren. Doch erachtete sich niemand gerade an diese Zeiteinteilung gebunden; jedermann arbeitete wann und so lange es ihm beliebte; auch hatten einige Associationen, deren Betrieb die gänzliche Unterbrechung der Arbeit während der Mittagszeit schwer vertrug, einen Turnus eingeführt, der während der heißen Tagesstunden dem Werke einige Hände sicherte. Da auch hierzu niemand gezwungen werden konnte, wurde es üblich, die lästigere Mittagsarbeit höher anzurechnen, als die zu der übrigen Tageszeit, wonach dann die erforderlichen Freiwilligen sich fanden. Dasselbe gilt für die in einzelnen Etablissements notwendige Nachtarbeit.
10. Kapitel.
Als das erste Jahr unseres Aufenthaltes am Kenia vergangen war, zählte Freiland 95000 Seelen, wovon 27000 arbeitsfähige Männer, die, zu 218 Associationen vereinigt, 87 verschiedene Gewerbe betrieben. Die letzte Ernte — es gibt nämlich hier zwei Ernten im Jahr, die eine nach der kleinen Regenzeit im Oktober, die andere nach der großen im Juni — hatte von 14500 Hektaren angebauten Ackerlandes nahezu 2 Millionen Centner Getreide getragen, die einen Wert von 300000 Pfd. Sterling repräsentierten und den dabei beschäftigten 10800 Arbeitern im Durchschnitt nahe an 2½ Schilling Gewinn für jede darangewendete Arbeitsstunde ergaben. Doch darf man nicht etwa glauben, daß diese sämtlichen Arbeiter ihre gesamte Zeit durch landwirtschaftliche Beschäftigung ausfüllten; das war blos während der Saat- und Erntetage der Fall gewesen, während in der ganzen übrigen Zeit stets zahlreiche Landbauer in den benachbarten industriellen Etablissements lohnende Verwendung ihrer im Ackerbau gerade überschüssigen Arbeitskraft fanden. Der Durchschnittsertrag der Industrien stellte sich um eine Kleinigkeit höher, als der der Landwirtschaft, und da im Mittel 40 Stunden wöchentlich gearbeitet wurde, so betrug der Wochenverdienst eines gewöhnlichen Handarbeiters von mäßigem Fleiße in dieser zweiten Jahreshälfte durchschnittlich 5¼ Pfd. Sterling.
Nächst der Landwirtschaft beanspruchte die Eisen- und Maschinenfabrikation die zahlreichsten Arbeitskräfte, ja, wenn man nicht die zeitweilig in Verwendung kommende Arbeiterzahl, sondern die überhaupt aufgewendeten Arbeitsstunden zum Maßstabe nimmt, so war diese Industrie der Landwirtschaft sogar stark voraus. Und dies ist nicht zum Verwundern, denn Maschinen verlangten und bestellten alle Associationen, um ihren Betrieb möglichst zu verbessern. In der alten Welt, wo Arbeitslohn und Arbeitsertrag grundverschiedene Dinge sind, besteht auch zwischen Rentabilität und theoretischer Vollkommenheit von Maschinen ein fundamentaler Unterschied. Um theoretisch brauchbar zu sein, muß eine Maschine bloß Arbeitskraft ersparen, d. h. die zu ihrer Herstellung und Betriebführung erforderliche Arbeit muß geringer sein, als die durch ihren Gebrauch zu ersparende. Der Dampfpflug z. B. ist dann eine theoretisch gute und nützliche Maschine, wenn die Fabrikation eines Dampfpfluges mit samt der Erzeugung des zu seiner Heizung erforderlichen Kohlenquantums weniger menschliche Arbeit verschlingt, als auf der anderen Seite beim Pflügen mit Dampf gegen das Pflügen mit Rindern gewonnen wird. Etwas anderes aber ist die Rentabilität einer Maschine — wohlverstanden außerhalb Freilands. Um rentabel zu sein, muß der Dampfpflug nicht Arbeitskraft, sondern Wert oder Geld ersparen, d. h. er muß weniger kosten, als die durch ihn ersparte Arbeitskraft gekostet hätte. Das ist aber da draußen mit nichten schon deshalb der Fall, weil die ersparte Arbeitskraft größer ist, als die zur Herstellung des Pfluges und der Kohle erforderliche. Denn während die Arbeit, die der verbesserte Pflug erspart, blos ihren „Lohn“ erhält, muß bei dem gekauften Pfluge und der gekauften Kohle neben der zu ihrer Herstellung erforderlich gewesenen Arbeit auch noch der aus drei Bestandteilen bestehende „Gewinn“, nämlich Grundrente, Kapitalzins und Unternehmerlohn, bezahlt werden. So kann es kommen, daß der Dampfpflug von seiner Entstehung bis zu seiner Abnützung 1 Million Arbeitsstunden erspart, selber aber mitsamt dem ganzen, zu seinem Betriebe erforderlichen Kohlenquantum bloß 100000 Arbeitsstunden verschluckt hätte — und dennoch höchst unrentabel ist, d. h. denjenigen, der gestützt auf die Sicherheit so riesiger Kraftersparnis ihn kaufen und benutzen wollte, den größten Schaden verursachte. Denn die Million ersparter Arbeitsstunden bedeutet eben nicht mehr, als eine Million ersparter Stundenlöhne, also beispielsweise ersparte 10000 Pfd. Sterling, wenn der Arbeitslohn bloß 1 Pfund für 100 Arbeitsstunden beträgt. An den zur Herstellung des Pfluges und der Betriebsmittel erforderlichen 100000 Arbeitsstunden, die für sich allein allerdings bloß 1000 Pfd. Sterling beansprucht haben mögen, haftet aber außerdem noch die Rente, welche die Besitzer der Eisen- und Kohlengruben einheben, der Zins, der für die investierten Kapitalien gezahlt werden muß und schließlich der Gewinn der Eisenfabrikanten und Kohlenerzeuger; all dies kann unter Umständen mehr betragen, als die Differenz von 9000 Pfd. Sterling zwischen den hier und dort aufgewendeten Arbeitslöhnen, und wenn es der Fall ist, verliert der abendländische Arbeitgeber Geld daran, daß er eine Maschine kauft, die tausend Prozent Arbeit erspart. Ganz anders bei uns; die lebendige Arbeit, die der Dampfpflug uns erspart, ist Stunde für Stunde genau so viel wert, als die im Pfluge und in der Kohle steckende, bereits in Warenform verwandelte Arbeitszeit; denn in Freiland giebt es keinen Unterschied zwischen Arbeitsertrag und Arbeitslohn; in Freiland ist daher jede theoretisch brauchbare, d. i. jede wirklich Kraft ersparende Maschine zugleich notwendigerweise rentabel. Dies der Grund, warum in Freiland die Maschinenindustrie von so enormer, stetig zunehmender Bedeutung sein mußte. Die eine Hälfte unseres Volkes war damit beschäftigt, jene stählernen, von Dampf, Elektricität, Wasser, komprimierter oder verdünnter Luft in Bewegung gesetzten sinnreichen Werkzeuge herzustellen, mittels deren die andere Hälfte ihre Leistungsfähigkeit verhundertfachte, und notwendigerweise mußte sich daher bei uns in der Verwendung von Maschinenkraft eine Vielseitigkeit und Vollkommenheit entwickeln, von welcher man außerhalb der Grenzen unseres Landes keinerlei Vorstellung besitzt.
Die wichtigsten Einrichtungen, die noch vor Ablauf dieses ersten Jahres in Angriff genommen wurden, waren erstlich die Herstellung von Dampfpflügen und — vorläufig noch durch tierische Kraft bewegten — Säe- und Erntemaschinen, genügend zur Bearbeitung von 26000 Hektaren, die für die Oktoberernte unter den Pflug genommen werden sollten. Wir rechneten dabei, durch einmaligen Aufwand von 3½ Mill. Arbeitsstunden mindestens 3 Millionen Arbeitsstunden jährlich zu ersparen. Das wäre da draußen in der alten Welt für die solcherart überflüssig werdenden Arbeiter ein großes Unglück gewesen, ohne daß die Gesamtheit davon den geringsten Vorteil gehabt hätte; wir dagegen wußten für derart ersparte Arbeitsstunden vortreffliche Verwendung; sie wurden zu allerlei Veredlungsindustrien frei, für deren Produkte eben infolge der gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit die Abnehmer sofort gegeben waren.
Eine zweite, noch im Laufe des nächsten Jahres zu vollendende Arbeit war die Verbesserung der Kommunikationsmittel durch Ausbaggerung des Danaflusses von der Mahlmühle oberhalb des Edensees bis zum großen Wasserfall am Danaplateau, und durch Anlage einer das Danaplateau durchziehenden Eisenbahn. Daran sollten sich Seilbahnen auf einige der Keniavorberge zu Zwecken des Bergwerks- und Forstbetriebs schließen.
Daß alle bestehenden Industrien neuerlich vergrößert und eine stattliche Reihe neuer eingerichtet wurden, versteht sich von selbst. Erwähnt mag dabei werden, daß nur solche Fabriken in Edenthal oder am Oberlaufe des Dana angelegt wurden, die weder die Luft, noch das Wasser verdarben; die minder reinlichen Betriebe siedelten sich entweder am Ostende des Danaplateaus, hart am Wasserfalle, oder auch unterhalb desselben an. Später wurden Einrichtungen getroffen, die der Vergiftung der Wässer durch industrielle Abfälle ganz im Allgemeinen ein Ende machten.
Die Stadt Edenthal war auf 48000 Seelen angewachsen und deckte mit ihren 10600 Häuschen und Gärten, ihren zahlreichen großen, wenn auch immer noch im Holzbarackenstil gehaltenen öffentlichen Bauten, mehr als 16 Quadratkilometer. Die zu riesiger Zahl angewachsenen Rinderherden wie nicht minder die Pferde, Esel, Kamele, Elefanten und die neu importierten Schweine und feinen Schafsorten übersiedelten zum größeren Teile nach dem Danaplateau.
Schon zu Beginn des zweiten Jahres hatten uns unsere europäischen Bevollmächtigten angezeigt, daß die bei ihnen einlaufenden Anmeldungen sich in gewaltigen Dimensionen vermehrten. Die in den Zeitungen veröffentlichten Berichte aus Freiland — es waren inzwischen Korrespondenten einiger der größten europäischen und amerikanischen Journale bei uns eingetroffen — hatten die Auswanderungslust selbstverständlich in hohem Grade entfacht und wenn nicht alle Anzeichen trogen, hatten wir uns für das zweite Jahr unseres Aufenthalts am Kenia auf einen Zuzug von mindestens dem doppelten, wahrscheinlich aber von dreifachem Umfange, wie im ersten Jahre, gefaßt zu machen. Es mußte also für Beschaffung der erforderlichen Kommunikationsmittel Vorsorge getroffen werden. Da zahlreiche der bemittelten neuen Mitglieder einstweilen die Schiffe fremder Gesellschaften gegen Zahlung benutzten, anstatt darauf zu warten, bis auf unseren Schiffen die Reihe an sie käme, so war das Dringendste, für Vermehrung der Fahrgelegenheiten von Mombas ab zu sorgen. Es wurden daher schleunigst 1000 neue Wagen nebst der entsprechenden Anzahl von Zugtieren gekauft und successive vom März ab in Betrieb gesetzt. Gleichzeitig aber kaufte unser Londoner Bevollmächtigter sechs und kurze Zeit darauf noch vier weitere Dampfer von 4000-10000 Tonnen Laderaum, die zu unseren Zwecken umgebaut, je 1000 bis 3000 Passagiere faßten. Mit Hülfe dieser neuen Dampfer wurde zunächst der Verkehr über Triest verstärkt; die größten Schiffe kamen an dieses, zum Transport über Suez für ganz Mitteleuropa günstigst gelegene Ausfallthor; daneben aber wurde zweimal in der Woche eine Fahrt ab Marseille und einmal im Monat eine Fahrt ab San Franzisko über den stillen Ocean eingerichtet. Nachdem noch für alle Fälle eine dritte Serie von 1000 Wagen bestellt worden war, erachteten wir uns den Anforderungen des bevorstehenden zweiten Jahres gegenüber ausreichend gerüstet.
So standen die Dinge, als Demestre mit der Erklärung vor den Ausschuß trat, daß die primitive Art der Beförderung von Mombas ab angesichts der voraussichtlich auch in Zukunft anhaltenden gewaltigen Einwanderung unmöglich genügen könne. Wir müßten sofort an den Bau einer Eisenbahn von Edenthal an die Küste denken.
Alles, was Demestre zur Begründung seines Vorschlages sagte, war so richtig und einleuchtend, daß derselbe ohne Debatte einhellig angenommen wurde, ja, daß sich Jedermann insgeheim wunderte, ihn nicht schon längst selber gemacht zu haben. Es handelte sich jetzt nurmehr darum, die Trace der zukünftigen Eisenbahn festzustellen. In erster Reihe stand der alte Weg, durch Kikuja ins Massailand, durch dieses, den Kilima östlich umgehend über Tawenta und Teita nach Mombas. Eine zweite, möglicherweise viel günstigere Trace, ließ sich zwei Längengrade weiter östlich, aber gleichfalls nach Süden gerichtet und in Mombas die Küste erreichend, durch Kikuja ins Land der Ukumbani und dort das Flußthal des Athi bis Teita verfolgend, denken. Diese Trace konnte günstigenfalls eine Distanzverkürzung von nahe an 200 Kilometern mit sich bringen. Die dritte, kürzeste Route an den Ocean aber wäre die in streng östlicher Richtung, den Dana verfolgend, durch die Gallaländer an die Wituküste gewesen; hier konnte eventuell nahezu die Hälfte der Distanz erspart werden, denn in der Luftlinie waren wir östlich keine 450 Kilometer vom Meere entfernt.
Diese drei Alternativlinien sollten also näher untersucht werden, so genau, als es binnen wenigen Monaten möglich wäre; denn länger als höchstens ein halbes Jahr sollte mit dem Beginne der Bauarbeiten nicht gezögert werden. Die Tracierung der alten Route, die er schon ziemlich genau kannte, behielt sich Demestre vor; nach dem Athi und dem Dana wurden zwei andere tüchtige Ingenieure, begleitet gleich Demestre von einem Stabe nicht minder tüchtiger Kollegen, entsendet. Außerdem aber mußten diese beiden letzteren Expeditionen, da sie noch gänzlich unbekannte Gebiete mit wahrscheinlich feindlichen Einwohnern zu durchziehen hatten, wehrhaft gemacht werden. Sie waren je 300 Mann stark und hatten außer entsprechenden Repetirgewehren auch einige Kriegselefanten, Kanonen und Raketen mit sich. Überdies waren alle drei Expeditionen von einer kleinen Schar Naturforscher — unter diesen hauptsächlich Geologen — begleitet. Anfangs Mai zogen diese Expeditionen aus; womöglich noch vor der kleinen Regenzeit — im August — sollten sie zurück sein.
11. Kapitel.
Die Haager Versammlung der „Internationalen freien Gesellschaft“ hatte, wie man sich erinnern wird, dem Ausschusse Generalvollmacht für die Dauer von zwei Jahren erteilt. Am 20. Oktober lief diese Frist zu Ende, und bis dahin mußte sich die Gesellschaft eine neue, endgiltige Verfassung geben, eine frei durch das Volk von Freiland gewählte Behörde die bisherigen Vollmachten des Ausschusses übernehmen. Dieser berief daher schon für den 15. September eine constituierende Versammlung, und zwar, da die Zahl der Bewohner Freilands zu groß war, als daß allesamt zu einer Beratung hätten vereinigt werden können, indem er das Land in 500, der Einwohnerzahl nach gleiche Sektionen teilte und jede Sektion zur Wahl eines Abgeordneten aufforderte. Diese derart zustande gekommene Repräsentantenversammlung erklärte er sofort zur vorläufigen Trägerin der obersten souveränen Gewalt und forderte sie auf, das Weitere zu verfügen, es ihr anheim stellend, ob sie ihn bis zu Ausarbeitung der Verfassung noch vorläufig in Funktion belassen, oder irgend eine neue, sofort zu schaffende Behörde mit der Geschäftsführung von Freiland betrauen wolle. Die Versammlung entschied sich nach kurzer Debatte einstimmig für das Erstere und beauftragte überdies den Ausschuß, einen Verfassungsentwurf vorzulegen. Da ein solcher für alle Fälle bereits fertig ausgearbeitet war, so konnte dieser Forderung sofort willfahrt werden. Dr. Strahl legte den Verfassungsentwurf namens des Ausschusses „auf den Tisch des Hauses“, dieses beschloß dessen Drucklegung und trat schon nach drei Tagen in die Beratung der neuen Verfassung. Auch diese Beratungen waren, angesichts der großen Einfachheit der vorgeschlagenen Grundgesetze und Ausführungsbestimmungen nicht sehr langatmig und schon am 2. Oktober konnten diese, einhellig approbiert, als solche verkündet, und in ihrem Geiste die neue Verwaltung in Kraft gesetzt werden.
l. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveräußerliche Anrecht auf den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten Produktionsmittel.
2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähige haben Anspruch auf auskömmlichen, der Höhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden Unterhalt.
3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphäre eines Anderen greift, in der Bethätigung seines freien individuellen Willens gehindert werden.
4. Die öffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschließungen aller volljährigen (mehr als 20jährigen) Bewohner Freilands ohne Unterschied des Geschlechts verwaltet, die sämtlich in allen, das gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und passive Stimm- und Wahlrecht besitzen.
5. Die beschließende sowohl als die ausübende Gewalt ist nach Geschäftszweigen geteilt und zwar in der Weise, daß die Gesamtheit der Stimmberechtigten für die hauptsächlichen öffentlichen Geschäftszweige gesonderte Vertreter wählt, die gesondert ihre Beschlüsse fassen und das Gebahren der den fraglichen Geschäftszweigen vorstehenden Verwaltungsorgane überwachen.
In diesen fünf Punkten ist das Um und Auf des öffentlichen Rechts von Freiland niedergelegt; alles weitere ist nichts anderes, als das selbstverständliche Ergebnis oder die nähere Ausführung derselben. So ergeben sich die Prinzipien, auf denen die Associationen sich aufbauten — Anrecht des Arbeiters am Ertrage, Verteilung desselben nach der Arbeitsleistung und freie Vereinbarung mit höherwertigen Arbeitskräften — naturgemäß und notwendigerweise aus dem ersten und dritten Grundgesetze. Da jedermann über sämtliche Arbeitsmittel verfügte, so konnte niemand sich gedrängt sehen, auf den Ertrag der eigenen Arbeit zu verzichten, und da niemand gezwungen werden konnte, seine höheren Fähigkeiten anderen zur Verfügung zu stellen, so mußten diese höheren Fähigkeiten, sofern man ihrer zur Leitung der Produktion bedurfte, im Wege freier Vereinbarung entsprechende Verwertung finden.
Mit Bezug auf das im zweiten Absatze ausgesprochene Versorgungsrecht der Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähigen ist zu bemerken, daß dieses im Sinne unserer Grundsätze als Ausfluß der Wahrheit angesehen wurde, daß der Reichtum des Kulturmenschen nicht Produkt seiner eigenen, individuellen Fähigkeiten, sondern das Ergebnis der geistigen Arbeit zahlloser vorangegangener Generationen sei, deren Erbe dem Schwachen und Arbeitsunfähigen gerade so gebühre, wie dem Starken und Tüchtigen. Alles, was wir genießen, verdanken wir nur zu unendlich geringem Teile unserer eigenen Intelligenz und Kraft; auf diese allein angewiesen, wären wir arme, in tiefstem, tierischem Elend vegetierende Wilde; die reiche Hinterlassenschaft unserer Vorfahren seit unvordenklicher Zeit ist es, von welcher wir zehren, der wir neunundneunzig Hundertteile all unserer Genüsse verdanken. Ist dem aber so — und kein Zurechnungsfähiger hat dies jemals in Abrede gestellt — dann haben all unsere Geschwister Anrecht auf Mitgenuß der Erbschaft. Daß diese Erbschaft ohne unsere, der Starken, Arbeit unfruchtbar wäre, ist allerdings richtig, und unbillig, ja thöricht und undurchführbar wäre daher das Verlangen der schwächeren Geschwister nach gleicher Teilung. Aber geschwisterlichen, nicht auf das bloße Erbarmen, sondern auf Anerkennung ihres Erbrechts gestützten Anteil des dem gemeinsamen Erbgute — und es sei immerhin bloß durch unsere Arbeit — abgewonnenen reichen Ertrages können sie fordern; sie stehen uns nicht als bettelnde Fremdlinge, sondern als erbberechtigte Familiengenossen gegenüber. Und unser, der stärkeren Geschwister eigenes wohlverstandenes Interesse verlangt die rückhaltlose Anerkennung dieses guten Rechtes jedes Angehörigen der menschlichen Familie. Denn unser eigenes Glück kann nicht gedeihen, wenn wir Geschöpfe, die Unseresgleichen sind, entwürdigen, zu Not und Schmach verurteilen. Gesunder Egoismus verbietet uns, dem Elend und seinen Kindern, den Lastern, irgend einen Schlupfwinkel inmitten von Unseresgleichen offen zu halten. Frei und „edelgeboren“, ein König und Herr dieses Planeten muß jeder sein, dessen Mutter ein menschliches Weib gewesen, sonst wird seine Not zu einem fressenden Geschwüre, welches um sich greifend den stolzen Bau auch unserer, der Starken, Herrlichkeit vergiftet.
So viel über das Versorgungsrecht im allgemeinen. Was aber speziell das den Frauen zugesprochene anlangt, so war bei diesem die fernere Erwägung maßgebend, daß das Weib seiner physischen und psychischen Beschaffenheit nach nicht zu aktivem Kampfe ums Dasein, sondern einerseits zu dessen Fortpflanzung, anderseits zu dessen Verschönerung und Veredlung bestimmt ist. So lange wir alle, oder doch die ungeheuere Mehrheit von uns allen, in unablässigem, jammervollem Kampfe mit des Lebens gemeinster, tierischer Notdurft uns quälten, konnte von Rücksicht auf die Schwäche und auf den Adel des Weibes keine Rede sein; die Schwäche konnte — gleich der jedes anderen Schwachen — nicht der Rechtstitel auf Schonung, sondern mußte zu einem Anreize der Unterjochung werden; der Adel des Weibes war geschändet — abermals gleich dem jedes rein menschlichen, wirklichen Adels. Eine Sklavin und ein käufliches Werkzeug der Lüste war das Weib ungezählte Jahrtausende hindurch — und die vielgerühmte Civilisation der letzten Jahrhunderte hatte daran dem Wesen nach nichts geändert. Auch unter den sogenannten Kulturnationen der Gegenwart blieb das Weib rechtlos, und was schrecklicher ist, es blieb, um sein Dasein zu fristen, angewiesen darauf, sich dem ersten Besten zu verkaufen, der um seiner Reize willen die Verpflichtung übernahm, es zu „versorgen“. Diese von Recht und Sitte geheiligte Prostitution ist in ihren Wirkungen verheerender, als jene andere, ihr Wesen unverhüllt zur Schau tragende, die sich von ihr bloß dadurch unterscheidet, daß hier der schmähliche Handel nicht auf Lebenszeit, sondern für kürzere Frist geschlossen wird, für Jahre, Wochen, Stunden. Gemeinsam ist beiden, daß das süßeste, heiligste Kleinod der Menschheit, das Herz des Weibes, zum Gegenstande gemeinen Schachers, zu einem Mittel des Lebensunterhalts gemacht wird, und schrecklicher als die Prostitution der Straße ist die von Gesetz und Sitte geheiligte der Versorgungsehe, weil unter ihrem verpestenden Gifthauche nicht bloß Würde und Glück der jeweilig lebenden, sondern auch Saft und Mark der zukünftigen Geschlechter verdorren. Da die Liebe, jener geheiligte Instinkt, der bestimmt ist, das Weib in die Arme jenes Gatten zu führen, mit dem vereint es der kommenden Generation die tüchtigsten Mitglieder schenken könnte, zum Erwerbsmittel, dem einzigen das ihm offen stand, geworden, so mußte das Weib, um zu leben, sich — in sich aber die Zukunft der Rasse schänden.
Glück und Würde, wie das zukünftige Heil der Menschheit, erfordern daher im gleichen Maße, daß das Weib der entehrenden Notwendigkeit enthoben werde, im Gatten zugleich den Versorger, in der Ehe das einzige Rettungsmittel gegen materielle Not zu sehen. Aber auch gemeiner Arbeit darf das Weib nicht überwiesen werden. Auch das verbietet das Glück der jeweilig lebenden und die Tüchtigkeit der zukünftigen Generation in gleicher Weise. Die Gleichberechtigung des Weibes dadurch verwirklichen wollen, daß man ihm gestattet, im Broterwerb mit dem Manne zu konkurrieren, ist eben so nutzlos als verderblich; nutzlos, weil dem weiblichen Geschlechte als Ganzes genommen eine solche Befugnis, von welcher es nur in Ausnahmefällen wirklichen Gebrauch machen kann, doch nicht hilft; verderblich, weil das Weib mit dem Manne hier nicht konkurrieren darf, ohne seinen edleren schöneren Aufgaben untreu zu werden. Und diese Aufgaben liegen nicht etwa in der Verfolgung von Küche und Wäschespinde, sondern in der Pflege des Schönen in der gegenwärtigen Generation einerseits und der geistigen wie körperlichen Entwickelung des Nachwuchses anderseits. Das Weib muß daher nicht bloß in seinem eigenen, sondern ebenso im Interesse des Mannes und insbesondere in jenem der zukünftigen Geschlechter dem Kampf um des Lebens Notdurft gänzlich entrückt werden; es darf kein Rad im Getriebe des Broterwerbs, es muß ein Juwel am Herzen der Menschheit sein. Nur eine „Arbeit“ ist dem Weibe angemessen: die der Kindererziehung und allenfalls noch die Pflege von Kranken und Gebrechlichen. In der Schule und am Siechbett kann weibliche Zärtlichkeit und Vorsorge eine passende Vorschule für die Pflichten des späteren eigenen Hauses finden, und hier mag die alleinstehende Frau zugleich Erwerb suchen, sofern sie es wünscht. Als selbstverständlich darf gelten, daß im Sinne unserer Prinzipien jeder dem Weibe gegenüber geübte abwehrende Zwang durchaus verpönt war. Verboten war der Frau nicht, welches Gewerbe immer zu ergreifen, was denn in vereinzelten Fällen auch jederzeit geschah, insbesondere auf dem Gebiete der geistigen Berufe; aber die öffentliche Meinung in Freiland billigte dies eben auch nur in Ausnahmefällen, d. h. wenn hervorragende Fähigkeiten solches Thun rechtfertigten und es muß bemerkt werden, daß unsere Frauen in erster Reihe es waren, welche sich auf die Seite dieser öffentlichen Meinung stellten.
Daß der Versorgungsanspruch der Frauen um ein Vierteil geringer bemessen wurde, als derjenige der Männer — die konstituierende Versammlung bestätigte nämlich nicht bloß das Prinzip, sondern auch das bereits mitgeteilte Ausmaß der verschiedenen Versorgungsrechte — hat nicht in einer Minderbewertung des weiblichen Anspruches seine Motivierung, sondern lediglich in der Thatsache, daß die Bedürfnisse des Weibes geringer sind, als die des Mannes. Wir gingen von der Ansicht aus, daß die Frau mit ihren dreißig Hundertteilen des durchschnittlichen Arbeitsertrages eines freiländischen Produzenten ebenso reichliches Auslangen finden werde, als ein versorgungsbedürftiger Mann mit seinen vierzig Hundertteilen; und die Erfahrung hat dies vollauf bestätigt.
Es hatte jedoch nicht bloß die alleinstehende Jungfrau oder Witwe, sondern auch die Ehefrau — wenn auch bloß den halben — Versorgungsanspruch. Das begründete sich dadurch, daß auch das verheiratete Weib nicht auf die Versorgung des Mannes angewiesen und dadurch in ein materielles Abhängigkeitsverhältnis zu diesem gebracht sein sollte. Da im Haushalte die Thätigkeit der Frau immerhin mit einem Teile ihres Eigenbedarfs zu veranschlagen ist, so bedurfte es, um dem Ehemanne die Versorgungslast abzunehmen, auch nur einer teilweisen Versorgung von Gesamtheitswegen. Mit dem beginnenden Kindersegen vermehrt sich die Familienlast neuerlich, und da diese abermals durch das Weib erwächst, so steigerten wir den Versorgungszuschuß insolange, bis er wieder die volle Höhe des Versorgungsanspruches der Frau, d. i. 30 Prozent erreichte.
Das vierte Grundgesetz, das allgemeine, auf volljährige Frauen ausgedehnte Stimmrecht, bedarf wohl keiner besonderen Erläuterung. Zu bemerken wäre hier nur, daß sich diese Bestimmung auch auf die in Freiland wohnenden Neger erstreckte, mit dem Beifügen jedoch, daß des Lesens und Schreibens Unkundige insofern von der thatsächlichen Ausübung politischer Rechte ausgeschlossen waren, als alle Abstimmungen durch eigenhändig auszufüllende Stimmzettel vorgenommen wurden. Wir gaben uns übrigens redlich Mühe, unseren Negern nicht bloß das Lesen und Schreiben, sondern auch eine Reihe anderer Kenntnisse beizubringen, und da dies im allgemeinen von gutem Erfolge begleitet war, so nahmen unsere schwarzen Brüder allmählich an allen unseren Rechten teil.
Näherer Erklärung bedarf dagegen Punkt 5 der Grundrechte, wonach die Gemeine ihr Beschluß- und Kontrollrecht über alle öffentlichen Angelegenheiten nicht durch eine, sondern durch mehrere, nach Verwaltungszweigen geordnete Körperschaften ausübte, die von der Gemeine auch ebenso gesondert gewählt wurden. Dieser Bestimmung verdankt die Verwaltung von Freiland ihre geradezu erstaunliche Sachkenntnis, das öffentliche Leben Freilands seine nicht minder beispiellose Ruhe und das Fehlen aller tiefergehenden, leidenschaftlichen Parteiungen. In den Staaten Europas und Amerikas besteht bloß die vollziehende Gewalt aus Männern, die unter Rücksicht auf ihre Sachkenntnis und Befähigung für jenen Zweig des öffentlichen Dienstes ernannt, respektive gewählt sein sollten, dem vorzustehen ihres Amtes ist. Selbst das ist nur mit sehr großen Einschränkungen der Fall, ja insbesondere den sogenannten parlamentarischen Verfassungen Europas und Amerikas gegenüber muß mit Recht behauptet werden, daß sie gerade an die Spitze der verschiedenen Verwaltungszweige Männer stellen, die nur zu oft von den wichtigen Angelegenheiten, denen sie vorstehen sollen, sehr wenig verstehen. Die Versammlungen, aus deren Mitte und durch deren Willen parlamentarische Minister zur Macht gelangen, sind in der Regel gänzlich außer Stande, durchweg sachkundige Männer zu berufen, schon aus dem Grunde nicht, weil sie solche häufig gar nicht in ihrer Mitte besitzen. Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht selbst parlamentarische Schönredner und Berufspolitiker in der Regel immer noch mehr von ihrem Amte verstehen, als jene Günstlinge der Macht und des blinden Glücks, die in nichtparlamentarischen Ländern das Ruder führen — aber Sachverständige sind sie nicht, können sie nicht immer sein. Doch wie gesagt, die Organe der Exekutive sollten es doch zum mindesten sein, es besteht die Fiktion, daß sie es seien, und ein Mann, der sich in irgend einem Fache rühmlich hervorthut, hat damit wenigstens einen — wenn auch thatsächlich ziemlich untergeordneten — Anspruch mehr, in diesem Fache Verwendung im öffentlichen Dienste zu finden. Für die gesetzgebenden Körperschaften des Abendlandes dagegen ist Sach- und Fachkenntnis nicht einmal prinzipiell ein Grund der Wahl. Die Männer, welche Gesetze erlassen und deren Ausübung zu kontrollieren haben, brauchen grundsätzlich von all den Angelegenheiten, auf welche sich diese Gesetze beziehen, nicht das Geringste zu verstehen. Das Vertrauen ihrer Wähler ist vom Grade dieses ihres Verständnisses in der Regel unabhängig, sie werden nicht als Fachmänner, sondern als „gesinnungstüchtige“ Männer gewählt.
Das aber hat einen doppelten Übelstand im Gefolge; es macht zunächst den öffentlichen Dienst mehr als irgend eine Privatangelegenheit zum Spielballe menschlicher Unwissenheit und Unklugheit; das Wort Oxenstiernas: „Du weißt nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird“, ist in weit höherem Maße, als allgemein geglaubt wird, ein wahres Wort; der durchschnittliche Grad von Klugheit und Sachkenntnis in zahlreichen öffentlichen Verwaltungszweigen der sogenannten civilisierten Welt, steht tief unter dem in den Privatgeschäften der nämlichen Länder gemeinhin anzutreffenden Durchschnittsniveau. Zum zweiten aber gestaltet diese, zugleich centralisierte und kenntnislose Organisation der öffentlichen Verwaltungszweige das Parteigetriebe zu einem leidenschaftlichen und erbitterten Kampfe, in welchem stets alles an alles gesetzt werden muß und in welchem beinahe niemals sachliche Erwägungen, sondern stets nur die vorgefaßten politischen Meinungen entscheiden. Unablässiger Kampf, stete, leidenschaftliche Erregung ist also die zweite, notwendige Folge dieser verkehrten Einrichtung.
Eine Änderung derselben ist aber schlechthin unmöglich, so lange die geltende soziale Ordnung in Kraft bleibt. Denn solange dies der Fall ist, fährt das allgemeine Wohl noch immer besser, wenn die öffentlichen Angelegenheiten von Unwissenden, ohne Rücksicht auf ihre Fachkenntnis Gewählten, verwaltet und kontrolliert werden, als wenn Fachleute von Beruf die Macht erhielten, in Sachen ihres Faches namens der Gesamtheit zu handeln. Das Interesse dieser wirklichen Fachmänner ist nämlich in der ausbeuterischen Gesellschaft dem der großen Masse nicht bloß häufig, sondern in der Regel entgegengesetzt. Man denke sich einen europäischen oder amerikanischen Staat, in welchem die Fabrikanten über Fabrikation, die Landwirte über Bodenproduktion, die Eisenbahnleute über Transportwesen, und so fort die sachkundigen Vertreter jedes Interessen-Zweiges über das sie zunächst interessierende Gebiet Gesetze machen, ausführen und überwachen könnten! Da in der ausbeuterischen Gesellschaft der Kampf ums Dasein auf gegenseitige Unterdrückung und Verdrängung gerichtet ist, so müßten die Folgen einer solchen „Verfassung“ für sie geradezu schrecklich sein, und in jenen, unter dem Sammelnamen der politischen Korruption bekannten Fällen, wo es vereinzelten Interessenkreisen gelang, ihren Willen dem der Gesamtheit unterzuschieben, überschritt auch thatsächlich die Schamlosigkeit der Ausbeutung alle Grenzen.
Anders in Freiland; bei uns giebt es keine dem Gesamtinteresse entgegenstehenden oder auch nur nicht vollkommen mit diesem harmonierenden Sonderinteressen. Produzenten z. B., die in Freiland auf den Gedanken gerieten, ihren Gewinn dadurch zu erhöhen, daß sie den Import mit Zöllen belegten, müßten Blödsinnige sein; denn daß sie die Konsumenten zwängen, ihre Fabrikate höher zu bezahlen, würde ihnen nichts nützen — da sofort der Zufluß von Arbeitskraft ihren Gewinn wieder auf sein Durchschnittsniveau herabbrächte — dagegen würde ihnen allerdings schaden, daß sie allen andern Produzenten das Produzieren erschwert hätten, denn dadurch würde eben jenes Durchschnittsniveau der Gewinne, über welches sich ihr eigener niemals dauernd erheben kann, herabgedrückt worden sein. Und genau das nämliche gilt für alle unsere Interessenkreise. Dadurch, daß jeder derselben Jedem zugänglich ist, und daß Niemand das Recht und die Macht hat, einen irgendwo erwachsenden Vorteil für sich allein zu beanspruchen, sind wir in der glücklichen Lage, in allen Interessenfragen Jenen die Entscheidung anzuvertrauen, welche die zunächst Interessierten, also die Sachkundigsten sind. Dadurch aber gestalten sich Gesetzgebung und Verwaltung nicht bloß sachkundig im höchsten Grade, es verschwindet auch aus dem öffentlichen Leben jene leidenschaftliche Voreingenommenheit, die da draußen das charakteristische Merkmal des Parteigetriebes ist. Da überall wohlverstandenes gemeinsames Interesse und Vernunft entscheiden, so haben wir niemals Grund, uns zu erhitzen. Bei unseren Wahlen handelt es sich gar nicht darum, „einen Gesinnungsgenossen durchzubringen“, sondern höchstens um Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher der Kandidaten wohl der Erfahrenste, Klügste sein möge. Und da die Fähigkeiten eines Jeden unter uns wegen der Organisation unserer gesamten Arbeit auf die Dauer unmöglich verborgen bleiben können, so sind Irrtümer in diesem, für unser öffentliches Leben allein maßgebenden Punkte kaum möglich.
Da die Konstituante die Zwölfteilung der Verwaltung beibehalten hatte, so gab es von da ab in Freiland neben den zwölf verschiedenen Exekutivbehörden — die in ihrem Wirkungskreise etwa mit den abendländischen Ministerien in Parallele zu stellen wären — zwölf verschiedene beratende, beschließende und überwachende, aus der allgemeinen Wahl hervorgegangene Versammlungen an Stelle der einheitlichen abendländischen Parlamente. Diese zwölf Versammlungen wurden sämtlich von der Gesamtheit aller Wähler gewählt, es hatte zum Mindesten jeder Wähler das Recht, bei allen Wahlen seine gleichgewichtige Stimme abzugeben; aber die Einteilung der Wahlkörper war verschieden, und die Wahlen fanden für jeden der zwölf Vertretungskörper gesondert statt; ein Teil derselben, nämlich die für die Geschäfte des Verwaltungspräsidiums und der Finanzen, für Versorgungswesen, Unterricht, Kunst und Wissenschaft, Sanitätswesen und Justiz, fand nach Wohnbezirken, die Wahlen in die anderen Vertretungskörper fanden nach Berufskategorien statt. Zu letzterem Zwecke waren die sämtlichen Einwohner Freilands je nach ihren Berufsgeschäften in zahlreiche größere oder geringere Wahlkörper geteilt, deren jeder, je nach der Zahl seiner Angehörigen einen oder mehrere Abgeordnete wählte; von ganz kleinen Berufsklassen waren je einige möglichst gleichartige zu je einem Wahlkörper zusammengelegt; die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Wahlkörpern hing vom Belieben jedes Wählers ab, d. h. es konnte sich Jedermann — und ebenso selbstverständlich auch jede Frau — in eine ihm oder ihr genehme Berufsklasse eintragen lassen, und übte dann in dieser das Wahlrecht für die von diesen Klassen gewählten Vertretungskörper aus.
Die obersten Beamten der zwölf Verwaltungszweige wurden sodann je von den zwölf Vertretungskörpern ernannt; die Ernennung der anderen Beamten war Sache der Verwaltungschefs. In allen wichtigeren Fällen hatten diese alle den Vertretungskörpern vorzulegenden Maßnahmen vorher gemeinsam untereinander zu beraten.
Die Beratungen der verschiedenen Vertretungskörper fanden in der Regel gesondert und meist auch in verschiedenen Sessionsperioden statt; einzelne derselben waren in Permanenz, andere traten bloß einigemal im Jahr für wenige Tage zusammen; auch die Mitgliederzahl dieser Fachparlamente war verschieden; das schwächste derselben, das für Statistik, bestand bloß aus 30 Mitgliedern, die vier zahlreichsten zählten je 120 Mitglieder. Wenn Angelegenheiten, die mehrere Vertretungskörper gemeinsam interessierten, zur Sprache kamen, so traten die betreffenden Körperschaften zu gemeinsamen Sitzungen zusammen. Kompetenzstreitigkeiten waren unmöglich, da der bloße von Seiten welches Vertretungskörpers immer ausgesprochene Wunsch, an den Beratungen irgend eines anderen Teil zu nehmen, dazu genügte, um die betreffende Angelegenheit zu einer gemeinsamen zu machen.
Das naturgemäße Ergebnis dieser Organisation war, daß jeder Bewohner Freilands bloß an jenen öffentlichen Angelegenheiten teilnahm, von denen er etwas verstand oder doch zu verstehen glaubte, und daß er in jedem Verwaltungszweige jenem Kandidaten seine Stimme gab, der seiner Meinung nach der berufenste und befähigteste gerade für den fraglichen Verwaltungszweig war, was wieder zu naturgemäßen — abendländischem Begriffe nach allerdings schier unglaublichen — Folge hatte, daß jeder öffentliche Verwaltungszweig von den sachverständigsten und berufensten Männern in ganz Freiland verwaltet wurde. Und dabei entwickelte sich sehr bald eine höchst eigentümliche Art politischer Ehre, die gleichfalls sehr verschieden war von der überall anderwärts geltenden. Gilt es da draußen für „gesinnungstüchtig,“ der einmal erwählten Partei unterschiedlos durch Dick und Dünn zu folgen, ihr seine Stimme und seinen Einfluß zu leihen, gleichviel ob man von der Sache, um die es sich gerade handelt, etwas versteht oder nicht, so verlangt die politische Ehre eines Bürgers von Freiland zwar noch viel entschiedener, daß er seine Aufmerksamkeit und seinen Eifer den öffentlichen Angelegenheiten widme; die öffentliche Meinung verübelt es ihm aber höchlich, wenn er — gleichviel aus welchen Rücksichten — sich in solche Angelegenheiten mengt, von denen er offenbar nichts versteht, so daß streng genommen schon vom Wähler verlangt wird, daß er in jenen Verwaltungszweigen, bei denen er das Gewicht seiner Stimme geltend macht, einigermaßen Fachmann sei. Die Wahlen befinden sich daher durchweg in sehr guter Hand, Beeinflussung der Wählerschaften durch phantastische Vorspiegelungen oder Versprechungen wären, selbst wenn versucht, niemals von Erfolg. Es giebt keinen Wähler, der für sämtliche zwölf Vertretungskörper wählen würde; speziell die Frauen halten sich mit verschwindenden Ausnahmen fern von allen Wahlen, die nach Berufsklassen vorgenommen wurden; dagegen beteiligen sie sich sehr lebhaft an den nach Wohnbezirken stattfindenden; speciell bei denen für Unterrichtswesen geben ihre Stimmen den Ausschlag. Auch ihr passives Wahlrecht kommt zur Geltung und in den Vertretungskörpern für Versorgungswesen, Kunst und Wissenschaft, Sanitätswesen und Justiz sitzen häufig, in dem für Unterricht stets mehrere Frauen. An der Exekutive beteiligen sie sich niemals. Der Vollständigkeit halber mag noch erwähnt werden, daß die gewählten Abgeordneten für ihre Thätigkeit bezahlt werden und zwar erhalten sie für jeden Tag der Sessionsdauer je acht Stundenäquivalente.
Nachdem die Verfassung von der Konstituante angenommen worden war, löste sich diese auf und es wurden sofort die Wahlen für die zwölf Vertretungskörper vorgenommen. Pünktlich am 20. Oktober traten diese zusammen und der Ausschuß legte in deren Hände seine Gewalten nieder. Die alten Ausschußmitglieder wurden jedoch als Chefs der verschiedenen Verwaltungszweige wiedergewählt, mit Ausnahme von Vieren, welche erklärten, kein öffentliches Amt mehr anzunehmen und an deren Stelle neue Männer traten. Die Regierung von Freiland war endgiltig konstituiert.
Inzwischen waren die drei zur Feststellung der geeignetsten Trace für eine Eisenbahn an die Küste entsendeten Expeditionen zurückgekehrt. Die eine derselben, die auf der kürzesten Route, im Danathale an die Wituküste, operiert hatte, war zwar auf keine ungewöhnlichen Terrainschwierigkeiten gestoßen und die Voraussicht, daß diese weitaus kürzeste Strecke sich als die technisch empfehlenswerteste erweisen werde, hatte sich bewährt; auch im übrigen hatte sich bis zu einer Entfernung von 200 Kilometern vom Kenia keinerlei ernstliche Schwierigkeit ergeben; aber von da ab bis an die Küste setzten die jenes Gebiet bewohnenden Gallastämme der Expedition einen so hartnäckigen und bösartigen Widerstand entgegen, daß die Feindseligkeiten zwei Monate lang kein Ende nahmen, zahlreiche Gefechte bestanden werden mußten, in denen sich die Gallas zwar stets schwere Züchtigungen holten, die aber doch nicht bewirken konnten, daß die Expedition anders, als in stetem Kriegszustande ihre doch durchaus friedliche Mission zu erfüllen vermochte. Der Eisenbahnbau durch jenes Gebiet hätte durch einen förmlichen Feldzug zur Pacifizierung oder Vertreibung der Galla eingeleitet werden müssen und wäre auch dann nur unter dauernder Kriegsbereitschaft zu vollenden gewesen. Diese Linie mußte also — vorläufig zum mindesten — fallen gelassen werden.
Nicht minder gewichtige Gründe sprachen gegen die Linie über Ukumbani längs des Athiflusses. Die Trace durch das Flußthal wäre zwar ohne sonderliche technische Schwierigkeiten gewesen, aber sie durchzog, insbesondere in der zweiten Hälfte, ungesundes Sumpf- und Dschungelland, welches in nächster Zukunft nicht kulturfähig zu machen war. Entschied man sich dagegen für eine, das eigentliche Flußthal verlassende, die begleitenden Höhenzüge durchquerende Nebenvariante, so waren die technischen Verhältnisse nicht günstiger und die voraussichtlichen Baukosten nicht geringer, als bei der dritten Linie, der längs unserer alten Straße nach Mombas nämlich, die denn auch einhellig gewählt wurde. Zu ihren Gunsten sprach der gewichtige Umstand, daß sie befreundete Gebiete durchzog, die in nicht zu ferner Zukunft höchst wahrscheinlich von freiländischen Kolonisten zum Wohnplatze erkoren werden durften; daß sie die längste und kostspieligste von allen war, konnte daher, wenn der Kostenunterschied nicht allzusehr in die Wagschale fiel — was, wie sich zeigte, thatsächlich nicht der Fall war — nicht abhalten, ihr den Vorzug zu geben.