[pg 1]
[pg!2]
[pg 3]
HERZL-WORTE
Zusammengestellt
von Felix A. Theilhaber
1 9 2 1
WELT-VERLAG * BERLIN
[pg 4]
Copyright 1921 by Welt-Verlag · Berlin
Einbandentwurf von Menachem Birnbaum
Gedruckt bei Poeschel & Trepte · Leipzig
[pg 5]
THEODOR HERZL
Er ging zu den Reichen und Mächtigen der Erde und sprach zu Königen: „Wir wollen hinausgeleiten“, sprach er, „das jüdische Volk, das Heer der Hungernden und die Unzahl der Getriebenen und der Zerquälten aus dem bittern Joch, aus der schweren Last der Knechtschaft, und ihnen geben ein Heim zur Erlösung, eine Stätte des Rechts und ein Land des Glückes.“ — Also sprach er.
Als aber die Großen in Israel seine Kunde vernahmen, lachten sie seiner und spotteten Träume die Reden. Und sie eiferten gegen ihn und machten seinem Werke einen schlechten Namen. Nur etwelche wenige folgten seiner Losung. Aus den Reihen der Jugend und aus den dunklen Ghetti des Ostens. Die gedachten des Vergangenen zu neuen Taten und kürten den Kommenden die Erde, die einst den Vätern gewesen.
Aber der Herrscher, dem das Land untertänig, hörte nicht harten Herzens und die Tore der Heimat standen nicht offen dem Strome der Irrenden. Hiefür drückten und drängten Not und Verfolgung nur noch mehr und von Neuem. Die Qualen der Hölle taten sich auf. Tausende wurden getötet, zu Abertausenden geschlagen und zu Millionen gejagt und getrieben. Blut floß, und den Schimmer einer Freiheit überdunkelte die rohe Gewalt böswilliger Feinde.
Da überkam Verzweiflung die bisher Hoffnungsfreudigen. Schrecken griff Platz im Lager der Eigenen. Und selbst etliche der Jünger löckten wider den Meister und murrten [pg 6] laut. Und ihre wuchtigen Worte fielen wie Peitschenschläge auf sein Haupt. Er aber trug es ergeben und machte nur noch mehr die Nächte zu Tagen der Arbeit und doppelte die Mühen für sein armes, betörtes Volk. Denn nun brachen Sorge und Hingabe, Schmerz und Liebe allzufrüh sein gehetztes Herz. Allzufrüh.
Also ist die Geschichte des großen Führers des jüdischen Volkes, des ersten Führers seit den Tagen ihrer Vertreibung. Nunmehr werden seine deutungsreichen Worte die Taten des Aufbruchs geleiten und Erinnerung wecken, da die Verheißung anfängt, sich zu gestalten.
Wilmersdorf, in den Tagen von San Remo.
FELIX A. THEILHABER.
[pg 7]
VON ZION
[pg!8]
[pg 9]
DAS VOLK
Es ist ja mancher hingekommen, der lachen wollte, und dem das Lachen verging, als die jüdische Nation, die arme, gequälte, aus vielen Wunden blutende, die Totgesagte, Totgeglaubte, die dennoch nicht sterben kann und will, plötzlich vor ihm aufstand, in der ganzen Majestät ihres Leidens und mit dem Glanze der Hoffnung in ihren Augen. Wir sind ein unglückliches Volk, aber ein Volk, ein Volk.
(Ergebnisse des Kongresses.)
Wir sind ein Volk — der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängnis stehen wir zusammen und da entdeckten wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nötig sind.
Ein Volk kann warten. Es lebt länger als Menschen und Regierungen.
(Der Basler Kongreß.)
Da ist die tiefe Wurzel aller Uebel, von denen die Juden heimgesucht sind. Von außen wird unsere Solidarität angenommen, und danach handeln unsere Feinde. Für Fehler und Vergehen einzelner unter [pg 10] uns wird die Gesamtheit haftbar gemacht, aber im jüdischen Volke besteht das Gefühl der Solidarität nicht — noch nicht.
(Feuer in Galizien.)
Dabei bemerkt man aus Unwissenheit oder Engherzigkeit nicht, daß unser Wohlergehen uns als Juden schwächt und unsere Besonderheiten auslöscht. Nur der Druck preßt uns wieder an den alten Stamm, nur der Haß unserer Umgebung macht uns wieder zu Fremden.
Die Grausamkeiten des Mittelalters waren etwas Unerhörtes, und die Menschen, die der Folter widerstanden, müssen in sich etwas sehr Starkes gehabt haben, eine innerliche Einheit, die uns abhanden gekommen ist. Eine Generation, die vom Judentum abseits aufgewachsen ist, hat diese Einheit nicht und kann ebensowenig mit unserer Vergangenheit rechnen, als in die Zukunft blicken. Darum wollen wir uns wieder in das Judentum zurückziehen und uns aus dieser Burg nicht mehr werfen lassen. Man mag diesen Volksgedanken, der da ist, wegzulächeln versuchen, aber er ist da. Ihn wollen wir hochhalten und hochflattern lassen. Und nachdem wir dieses Bekenntnis abgelegt haben, nachdem wir gesagt haben, daß wir Juden sind, dann erst wollen wir an der Misere anderer teilnehmen.
(Rede in der Österr. Union.)
Es genügt nicht, daß wir uns als ein Volk fühlen und erkennen; nach dem Volksbewußtsein muß auch der Volkswille erwachen.
(II. Kongreßrede.)
[pg 11]
DIE NATION
Wir sind eine Nation. Wer befindet sich im Widerspruch mit der Geschichte?
(Dr. Güdemanns Nationaljudentum.)
So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit.
Der Feind aber ist der eiserne Reifen der Nation.
(Der Zionismus.)
Wir wollen uns ferner nicht eine andere Nationalität als Maske vorbinden.
(V. Kongreßrede.)
Wir bleiben wahrnehmbar, wir sind eine Gruppe, eine historische Gruppe von Menschen, die erkennbar zusammengehört und einen gemeinsamen Feind hat, das scheint mir die ausreichende Definition für die Nation zu sein. Ich verlange von der Nation nicht eine Gleichsprachigkeit oder vollkommen gemeinsame Merkmale der Rasse. Diese ganz ruhige Definition genügt für die Nation. Wir sind eine erkennbar zusammengehörende historische Gruppe von Menschen, die durch den gemeinsamen Feind zusammengehalten werden. Das sind wir, ob wir es leugnen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht.
(Rede in der Österr. Union.)
[pg 12] Es beruht auf der Erkenntnis einer Anzahl von Menschen, daß sie durch geschichtliche Umstände zusammengehören und in der Gegenwart aufeinander angewiesen sind, wenn sie nicht zugrunde gehen sollen.
(Dr. Güdemanns Nationaljudentum.)
Die Motive der Menschen sind so verschieden, wie sie selbst. Zusammen bilden sie das Dickicht der Nation. Wer aber keinen freien Ueberblick hat, der sieht, wie man zu sagen pflegt, den Wald vor lauter Bäumen nicht.
(M. C. Montefiores Ansichten.)
Diesen Juden müßte man eine Beschäftigung im Freien geben. Nun ist kein Mensch reich genug, um den Transport der Massen herbeizuführen. Das kann nur erfolgen, wenn man den Gedanken in die Massen hineinlegt, wenn man den Mann dazu anregt, sich selbst zu helfen. Das ist ungefähr so, wie wenn Sie einen Elefanten aufheben wollten, um ihn an einen andern Ort zu bringen; da brauchte man einen furchtbar großen Apparat dazu — die Elefantenjäger aber kitzeln ihn mit einem Stachel und lenken ihn dorthin, wo sie ihn haben wollen. Dieser Stachel, mit dem wir die Massen nach einem besseren Punkte bringen wollen, ist die nationale Idee.
(Rede in Wien.)
[pg 13]
STAATSBÜRGERTUM
Wir haben Vaterländer, das sind die, wo wir Staatsbürger sind — so weit man es eben gestattet — aber wir haben kein Mutterland. Und dieses Mutterland sucht der Zionismus mit der Seele.
(Dr. Güdemanns Nationaljudentum.)
Man gehört einem Vaterland nicht an, sondern es gehört einem; jedem einzelnen gehört das ganze Vaterland. Wem aber sein Vaterland nicht gehört, der ist übel dran.
(Protestrabbiner.)
Vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühten wir uns, den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unsern Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge angeschrieen; oft von solchen, deren Geschlechter noch nicht im Lande waren, als unsere Väter da schon seufzten. Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden; es ist eine Machtfrage, wie alles im Völkerverkehre. Ich gebe nichts von unserem ersessenen guten Recht preis, wenn ich das als ohnehin mandatloser Einzelner sage.
[pg 14]
JUDENPOLITIK
Durch unsere zweitausendjährige Verstreuung sind wir ohne einheitliche Leitung unserer Politik gewesen. Das aber halte ich für unser Hauptunglück. Das hat mehr geschadet als alle Verfolgungen. Denn es war niemand da, der uns — wäre es auch nur aus monarchistischem Eigennutz — zu rechten Männern erzogen hätte. Im Gegenteil. Zu allen schlechten Gewerben wurden wir hingedrängt, im Ghetto festgehalten, wo wir aneinander verkamen, und als man uns herausließ, wollte man plötzlich, daß wir gleich die Gewohnheiten der Freiheit hätten.
(Theodor Herzl und Baron Hirsch.)
Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm eben nicht zu helfen.
(II. Kongreßrede.)
Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, in der Judenfrage ein Politikum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflößen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfurcht, die noch aus der engen Judengasse stammt.
(VI. Kongreßrede.)
Die Judensache muß dem Belieben vereinzelter Personen — wie gutwillig diese auch seien — entrückt sein. Es muß ein Forum entstehen, vor dem [pg 15] jeder für das, was er in der Judenfrage tut und läßt, zur Rechenschaft gezogen werden kann.
(An Hildesheimer; bei [A. Friedemann.])
Im übrigen ist die Politik bei uns in Altneuland kein Geschäft oder Beruf, weder für Männer noch für Frauen.
Leute, die von ihrer deklamierten Ueberzeugung zu leben versuchen, statt von ihrer Arbeit, werden rasch erkannt, verachtet und unschädlich gemacht.
Von Anfang an war ich der Ansicht, daß eine diplomatische Initiative von England werde kommen müssen, weil England, wenn es — gleichsam in der Luftlinie — nach Indien blickt, Palästina streifen muß, und weil England heute noch eine gewisse „serenity“ in der Auffassung der Judenfrage besitzt.
(Der ewige Jude.)
DER ZIONISMUS
Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland.
(II. Kongreßrede.)
In einem Worte ist unsere Tätigkeit und ihr Fortgang zusammenzufassen: Wir organisieren die Judenheit für ihre kommenden Geschicke.
(IV. Kongreßrede.)
[pg 16] Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes.
(II. Kongreßrede.)
Der politische Zionismus denkt nicht lediglich daran, die notleidenden Juden fortzuschaffen; es muß auch im vorhinein dafür gesorgt werden, daß sie das heutige Elend nicht mit einem unbestimmten, unberechenbaren vertauschen.
(Der Kongreß.)
Bisher war unsere Bewegung gleichsam im Ghetto geblieben, da hat sie freilich schon genug Mißverständnisse und Kämpfe erregt. Nun ist sie ins Freie hinausgekommen und beschäftigt die öffentliche Meinung auf dem ganzen Erdenrund. Viele Hunderte von Zeitungen haben sie ihren Lesern in der eben vergangenen Woche mitgeteilt. Es gibt noch tote Stellen, wo man ratlos schweigt; auch das wird nicht mehr lange dauern. Wenn einmal die Glocken zu läuten anfangen, müssen alle Glocken läuten.
(Ergebnisse des Kongresses.)
Der Zionismus fegt als reinigender Sturm durch das ganze Judentum. Die dürren Aeste werden geknickt, in den Wipfeln muß Raum sein für die ewig jungen Triebe, die hinauf wollen in das Sonnenlicht.
(M. C. Montefiores Ansichten.)
[pg 17] So halten die Zionisten sich für verpflichtet, immer unter Aufrechterhaltung ihrer Prinzipien und ihres Programmes, wo immer es notwendig ist, den Versuch zu machen, das harte Los der unterdrückten Juden durch angemessene Mittel zu mildern.
(Herzl vor der Londoner Fremdenkommission.)
Ich weiß nicht, wann ich sterben werde, aber der Zionismus wird nie sterben. Seit den Tagen von Basel hat das jüdische Volk wieder eine Volksvertretung; folglich wird der Judenstaat in seinem eigenen Lande erstehen.
(Selbstbiographie.)
Die Rolle der Reichen in der Gemeinde, die Gefügigkeit mancher Priester, das zwitterhafte Bestreben, die alte Tradition mit einem übertriebenen Nachahmen der Landesgewohnheiten zu vereinigen, die dreiste Bettelhaftigkeit der wirtschaftlich Schwächeren — für das alles hat der Geschichtskundige Erklärungen voller Nachsicht. Aber wenn wir der Gemeinde auch nicht zürnen, so sind wir doch weit entfernt, uns von ihr beeinflussen zu lassen. Der Zionismus stellt eine andere Gemeinde des Judentums auf, eine neue, größere, eine einzige. Und ein anderes repräsentatives System.
(Der Basler Kongreß.)
Ich glaube, Ihnen sagen zu können, daß wir dem Judentum etwas gebracht haben; der Jugend eine [pg 18] Hoffnung, dem Alter einen Traum, allen Menschen etwas Schönes.
(1. Berliner Rede. Siehe [A. Friedemann, „Das Leben Theodor Herzls“.])
Ich weiß nicht, ob ich selbst es erleben werde, aber ich bin fest überzeugt, daß Leute meines Alters die Verwirklichung unseres Wunsches sehen werden. Wir werden im Lande Israels als freie Menschen wohnen. Ob ich selbst dabei sein werde oder nicht, ist für die Sache gleichgültig. Aber wenn ich dabei sein werde, so werde ich mich über nichts mehr so freuen, von nichts mehr so hingerissen sein, wie vom ersten Baseler Kongreß im Jahre 1897. Denn das war das erste Lebenszeichen des scheintoten jüdischen Volkes.
(Rede in London.)
VON DER IDEE
Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem andern zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat wohl eine solche Gewalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu träumen: „Uebers Jahr in Jerusalem!“ ist unser altes Wort. Nun handelt es sich darum, zu zeigen, daß aus dem Traum ein tagheller Gedanke werden kann.
[pg 19] Von irgend einem Einzelnen betrieben, wäre es eine recht verrückte Geschichte — aber wenn viele Juden gleichzeitig darauf eingehen, ist es vollkommen vernünftig, und die Durchführung bietet keine nennenswerten Schwierigkeiten. Die Idee hängt nur von der Anzahl der Anhänger ab.
Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen.
Durch den Ernst und die Ruhe unserer Beratungen können wir das Ansehen dieser Tribüne immer höher heben. Durch Unbesonnenheiten und Gezänke würden wir es rasch zerstören. Diese Tribüne wird so hoch sein wie die Reden, die man auf ihr hält. Unseren Worten verleiht keine äußere Macht Nachdruck; wenn sie also irgend eine Bedeutung haben sollen, kann es nur von der inneren Macht der Idee kommen und von der Reinheit der Gesinnungen, welche hier verkündet werden. Das muß sich jeder von uns beständig vor Augen halten, wenn er hier für das jüdische Volk und zum jüdischen Volk sprechen will.
(III. Kongreßrede.)
Es ist merkwürdig, daß wir Juden diesen königlichen Traum während der langen Nacht unserer Geschichte geträumt haben. Jetzt bricht der Tag an. Wir brauchen uns bloß den Schlaf aus den Augen zu reiben, unsere Glieder zu strecken und den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln.
(A Solution of the Jewish Question.)
[pg 20] Alte Gefangene gehen nicht gern aus dem Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen, nachgewachsen ist; die Jugend, welche die Alten mitreißt, auf starken Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung.
Eine Fahne, was ist das? Eine Stange mit einem Fetzen Tuch. Nein, mein Herr, eine Fahne ist mehr als das. Mit einer Fahne führt man die Menschen, wohin man will, selbst ins Gelobte Land.
Für eine Fahne leben und sterben sie, es ist sogar das Einzige, wofür sie in Massen zu sterben bereit sind, wenn man sie dazu erzieht. Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes — besonders wenn es so in aller Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben.
(Herzl und Baron Hirsch.)
Auch das Ideal wird immer neu geboren, und es gibt Renaissancen, die unsereiner nicht mehr begreift.
Wir verstehen, daß für eine Gemeinschaft von Menschen das Ideal ein Nutzen, ein Vorteil — sagen wir es heraus: daß es unentbehrlich ist. Das Ideal zieht uns hinan.
[pg 21]
MITTEL UND WEGE
Unsere Wochenschrift ist ein „Judenblatt“. Wir nehmen dieses Wort, das ein Schimpf sein soll, und wollen daraus ein Wort der Ehre machen.
(Programm der Welt.)
Die künstlichen Mittel, die man bisher zur Ueberwindung des Judennotstandes aufwandte, waren entweder zu kleinlich — wie die verschiedenen Kolonisierungen — oder falsch gedacht.
Was ist denn damit getan, wenn man ein paar tausend Juden in eine andere Gegend bringt? Entweder sie gedeihen, und dann entsteht mit ihrem Vermögen der Antisemitismus — oder sie gehen gleich zugrunde.
Das wäre gerade so, wie wenn man dem Juden sagte: „Da hast du eine Armbrust, zieh' in den Krieg!“ — Was? Mit einer Armbrust, wenn die anderen Kleinkaliber-Gewehre und Kruppsche Kanonen haben?
Die Armbrust ist eine schöne Waffe, und sie stimmt mich elegisch, wenn ich Zeit habe. Aber sie gehört ins Museum.
Kommt einer bei Nacht und Nebel heimlich heran, so darf er sich nicht wundern, wenn man ihm Halt! Wer da? entgegenruft. Und um so schlimmer [pg 22] für ihn, wenn er darauf keine gute, klare Antwort geben kann. Uebrigens ist das auch gar nicht die Situation, in der irgend eine Antwort unverdächtig klingt. Wir machen es darum anders. Wir erklären unsere Absichten am hellen Tage, den wir Gott sei Dank nicht zu scheuen haben.
(III. Kongreßrede.)
Um den Kranken nur von einer Seite auf die andere zu legen, brauchte nicht so viel Scharfsinn, Mühe und Geld aufgewendet werden. Versuchen wir lieber, ihn zu heilen.
(III. Kongreßrede.)
Wären die Professoren nicht so schrecklich zerstreute Menschen, die ihren Regenschirm immer irgendwo im Altertum stehen lassen, sie müßten uns eigentlich zuschauen, ob wir klug oder töricht schaffen. Selbst unsere Fehler könnten manche Lehre ergeben. Aber die Herren Professoren, die das Werdende nie verstehen, kommen erst später; nachher freilich wissen sie alles besser als wir, und sie erklären uns das Gewordene.
(Unterwegs.)
Man findet jüdisches Geld in schweren Massen für eine chinesische Anleihe, für Neger-Bahnen in Afrika, für die abenteuerlichsten Unternehmungen — und für das tiefste, unmittelbarste, quälendste Bedürfnis der Juden selbst fände man keines?
[pg 23] In der jüdischen Finanzmacht schlummern noch sehr viele ungenützte politische Kräfte. Von den Feinden des Judentums wird diese Finanzmacht als so wirksam dargestellt, wie sie sein könnte, aber tatsächlich nicht ist. Die armen Juden spüren nur den Haß, den diese Finanzmacht erregt; den Nutzen, die Linderung ihrer Leiden, welche bewirkt werden könnte, haben die armen Juden nicht. Die Kreditpolitik der großen Finanzjuden müßte sich in den Dienst der Volksidee stellen. Finden aber diese mit ihrer Lage ganz zufriedenen Herren sich nicht bewogen, etwas für ihre Stammesbrüder zu tun, die man mit Unrecht für die großen Vermögen einzelner verantwortlich macht, so wird die Verwirklichung dieses Planes Gelegenheit geben, eine reinliche Scheidung zwischen ihnen und dem übrigen Teile des Judentums durchzuführen.
Ich habe niemals Wunder versprochen, sondern nur die Selbsthilfe als den Weg der Erlösung bezeichnet.
(Rede im Makkabäerklub.)
DER AUSZUG
Dem deutschen Kaiser werde ich sagen: Lassen Sie uns ziehen! Wir sind Fremde, man läßt uns nicht im Volke aufgehen, wir können es auch nicht. Lassen Sie uns ziehen! Ich will Ihnen die Mittel und Wege angeben, deren ich mich für den Auszug bedienen [pg 24] will, damit keine wirtschaftliche Störung, keine Leere hinter uns eintrete.
(Theodor Herzl und Baron Hirsch.)
Zum Bleiben wie zum Wandern muß die Rasse zunächst an Ort und Stelle verbessert werden. Man muß sie kriegsstark, arbeitsfroh und tugendhaft machen. Nachher auswandern — wenn es noch nötig ist.
Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimilieren können oder wollen, bleiben zurück und werden resorbiert.
(II. Kongreßrede.)
Vielmehr ist klar vorherzusehen, daß in jedem Lande der Wert und das Ansehen der Juden steigen würde, wenn ihre Zahl abnähme. Und wenn schließlich nur die Assimilierten zurückbleiben, wird man sie als die Rarität behandeln, die sie sind.
(M. C. Montefiores Ansichten.)
Bei einer solchen Auswanderung gibt es auch viele starke, tiefe Gemütsbewegungen. Es gibt alte Gewohnheiten, Erinnerungen, mit denen wir Menschen an den Orten haften. Wir haben Wiegen, wir haben Gräber, und man weiß, was dem jüdischen Herzen die Gräber sind. Die Wiegen nehmen wir mit — in ihnen schlummert rosig und lächelnd unsere Zukunft. Unsere teueren Gräber müssen wir [pg 25] zurücklassen — ich glaube, von denen werden wir habsüchtiges Volk uns am schwersten trennen. Aber es muß sein.
DIE WANDERUNG
Aus den fürchterlichen Pferchen im Osten Europas brechen seit zwanzig Jahren ununterbrochen Hunderttausende verzweifelter Menschen auf, um anderwärts ein Stück Brot und ein bißchen Freiheit zu suchen. Welcher Mensch, der nicht ein versteinertes Herz in der Brust trägt, wird diese jammervolle Wanderung aus dem Elend ohne Erschütterung mit ansehen können? Aber diese halbverhungerten und ganz verzweifelten Parias tragen nicht nur ihre eigene Not um den Erdkreis herum, sondern auch die der anderen. So fliehen sie vor dem Haß und erzeugen ihn überall, wo sie erscheinen. Kraft ihrer größeren Armut reißen sie den bisher Aermsten das Brot vom Munde weg.
(Der ewige Jude.)
Ich weiß es nicht, ob wir noch in dieser Generation die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist es, vorausgesetzt, daß wir klug und entschlossen sind. Aber das weiß ich, daß schon das Wandern auf diesem Wege uns zu anderen Menschen machen wird. Wir gewinnen unsere verlorene innerliche Einheit wieder und mit dieser ein bißchen Charakter, und zwar unseren eigenen [pg 26] Charakter. Keinen marranischen, erborgten, unwahren, sondern unseren eigenen. Und dann erst wollen wir mit allen anderen rechtschaffenen Menschen wetteifern in Gerechtigkeit, Nächstenliebe und hohen Freisinn, wollen uns auf allen Feldern der Ehre betätigen, in Kunst und Wissenschaft es vorwärts zu bringen trachten, damit ein Glanz von unseren Taten auf die Aermsten unseres Volkes zurückfalle.
(Rede in der Österr. Union.)
Dazu muß vor allem in den Seelen tabula rasa gemacht werden von mancherlei alten, überholten, verworrenen, beschränkten Vorstellungen. So werden dumpfe Gehirne zunächst meinen, daß die Wanderung aus der Kultur hinaus in die Wüste gehen müsse. Nicht wahr! Die Wanderung vollzieht sich mitten in der Kultur. Man kehrt nicht auf eine niedrigere Stufe zurück, sondern ersteigt eine höhere.
Als die Völker in den historischen Zeiten wanderten, ließen sie sich vom Weltzufall tragen, ziehen, schleudern. Wie Heuschreckenschwärme gingen sie in ihrem bewußtlosen Zuge irgendwo nieder. In den geschichtlichen Zeiten kannte man ja die Erde nicht. Die neue Judenwanderung muß nach wissenschaftlichen Grundsätzen erfolgen.
Die Wanderung ist zugleich eine aufsteigende Klassenbewegung.
[pg 27] Wenn wir noch einmal aus Mizraim wandern, werden wir die Fleischtöpfe nicht vergessen.
Aber die ersten, die gläubig, begeistert und tapfer hinübergehen, werden die besten Plätze haben.
Diese, die zögernden späten Nachzügler werden hüben und drüben am schlechtesten daran sein.
KOLONISATION
Um eine große Ansiedlung zu begründen, muß man eine Flagge und eine Idee haben. Die waren nicht vorhanden, darum konnte kein Erfolg kommen.
(Herzl vor der Londoner Fremdenkommission.)
Aber selbst die Kolonisierungsversuche wirklich wohlmeinender Männer haben sich bisher nicht bewährt, obwohl es interessante Versuche waren. Ich glaube nicht, daß es sich dem oder jenem nur um einen Sport gehandelt habe; daß der oder jener arme Juden wandern ließ, wie man Pferde rennen läßt. Dazu ist die Sache denn doch zu ernst und traurig. Interessant waren diese Versuche insofern, als sie im kleinen die praktischen Vorläufer der Judenstaats-Idee vorstellten.
[pg 28] Das heilige Land ist eine Wüste. Aber es gibt Oasen! Die Oasen sind unsere jüdischen Kolonien.
Um die Juden aufs Land zu ziehen, mußten sie ihnen ein Märchen der Goldgewinnung erzählen. Phantastisch konnte es so lauten: Wer ackert, sät und erntet, findet in der Garbe Gold. Ist ja auch beinahe wahr. Nur wissen die Juden, daß es ein kleines Klümpchen sein wird. So konnten sie ihnen vernunftmäßiger sagen: wer am besten wirtschaftet, bekommt eine Prämie, die sehr hoch sein kann.
Vielleicht denkt jemand, es werde eine Schwierigkeit sein, daß wir keine gemeinsame Sprache mehr haben. Wir können doch nicht Hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen?
Die dem allgemeinen Verkehre am meisten nützende Sprache wird sich zwanglos als Hauptsprache einsetzen.
Wie schnell oder wie langsam die von uns vorbereiteten Wirkungen eintreten werden, das können wir nicht bestimmen. Von uns hier hängt es nicht ab. Wir konnten nur die Anlage herstellen. Die Kraft können wir nicht liefern. Die Kraft muß vom jüdischen Volk geliefert werden — wenn es will.
(V. Kongreßrede.)
[pg 29] Wir sehen es folglich nicht als unsere Aufgabe an, die Leute hinüberzuschaffen. Unsere Aufgabe ist es: drüben für sie bessere Bedingungen herzustellen. Dann kommt, wer will. Dann kommt, wer Arbeit und Sicherheit für das Erworbene sucht, wer etwas mehr Freiheit, Recht und Ehre genießen will, als er jetzt hat.
(Die Millionen der Ica.)
Bei ihrer Ankunft werden aber die Einwanderer von den Spitzen unserer Behörden feierlich empfangen werden. Ohne törichten Jubel, denn das Gelobte Land muß erst erobert werden. Aber schon sollen diese armen Menschen sehen, daß sie zu Hause sind.
DAS GELOBTE LAND
Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht indem wir sie gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreißen. Nein, indem wir sie mit ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden übersetzen.
Die freie Heimat! Wenn die Bewegung entsteht, werden wir die Einen nachziehen, die Anderen uns nachfließen lassen, die Dritten werden mitgerissen und die Vierten wird man uns nachdrängen.
[pg 30] Das erste Ziel ist, wie schon gesagt, die völkerrechtlich gesicherte Souveränität auf einem für unsere gerechten Bedürfnisse ausreichenden Landstrich.
Noch vor einigen Jahren wurde die Goldgräberei auf eine wunderlich einfältige Weise betrieben. Wie abenteuerlich ist es in Kalifornien zugegangen? Da liefen auf ein Gerücht hin die Desperados aus aller Welt zusammen, stahlen die Erde, raubten einander das Gold ab — und verspielten es dann ebenso raubmäßig. Heute! Man sehe sich heute die Goldgräberei in Transvaal an. Keine romantischen Strolche mehr, sondern nüchterne Geologen und Ingenieure leiten die Goldindustrie. Sinnreiche Maschinen lösen das Gold aus dem erkannten Gestein. Dem Zufall ist wenig überlassen. So muß das neue Judenland mit allen modernen Hilfsmitteln erforscht und in Besitz genommen werden.
Wir sind bereit, die Bauzeit des Judentums herbeizuführen — alles haben wir dazu in Hülle und Fülle; die Menschen, das Material, die Pläne. Wir brauchen nur noch — den Bauplatz.
(II. Kongreßrede.)
Werden wir Häuser, Paläste, Arbeiterwohnungen, Schulen, Theater, Museen, Regierungsgebäude, Gefängnisse, Spitäler, Irrenhäuser — kurz Städte bauen und das neue Land so fruchtbar machen, daß es dadurch das Gelobte wird?
(Theodor Herzl und Baron Hirsch.)
[pg 31] In dem alten Lande wünschen wir nur eine neue Blüte für den jüdischen Geist.
(II. Kongreßrede.)
Das Land unserer Väter existiert also noch. Es ruht nicht auf dem Boden eines Meeres. Es gibt Leute, die dort leben und fröhlich arbeiten. Die alte Erde verjüngt sich dort unter den regsamen Händen. Sie trägt wieder Blumen, sie trägt wieder Früchte, sie wird vielleicht auch eines Tages, das Glück und die Ehre der Juden tragen.
(Rede im Makkabäerklub.)
Da ist es, Juden! Kein Märchen, kein Betrug! Jeder kann sich davon überzeugen, denn jeder trägt ein Stück vom Gelobten Land hinüber: der in seinem Kopf, und der in seinen Armen, und jener in seinem erworbenen Gut. Wir werden endlich als freie Männer auf unserem eigenen Boden leben und friedlich in unserem eigenen Heim sterben.
(A Solution of the Jewish Question.)
DER JUDENSTAAT
Der Judenstaat! Welcher Wahnwitz! Oder soll man sagen: Dummheit? Oder ist es nicht noch eher der Spaß eines Humoristen, der einmal die Welt recht herzlich lachen machen möchte — auf Kosten seines eigenen unglücklichen Volkes?
(Rede im Makkabäerklub.)
[pg 32] Der Judenstaat ist ein Weltbedürfnis, folglich wird er entstehen.
Dieses Land, das elende, und das Volk, das elende, zusammengeführt, werden einen Zustand ergeben, daß beiden geholfen ist.
(Rede in Wien.)
Es wird auch im Judenstaat Unglückliche, Kranke und Arme geben. Aber der Druck, der alle Leiden noch bitterer macht, wird aufhören, und kein Talent wird daran verderben, daß es jüdischen Ursprungs ist.
(Rede im Makkabäerklub.)
Palästina ist unsere unvergeßliche historische Heimat. Dieser Name allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.
Sie werden doch wissen, daß ich gegen die Infiltration in Palästina bin — wir würden dort nur neue massacrirbare Armenier ansiedeln.
(An Samuel Pineles; bei [A. Friedemann.])
Begreifen denn die jüdischen Gegner des Judenstaates nicht, daß wir schon durch das bloße Aussprechen [pg 33] dieser Forderung die Achtung der Welt erwerben? Wir haben mindestens so viel Recht, wie die anderen, ein Land als Körper unserer normalen Existenz zu verlangen. Wir haben dieses Recht erworben durch Leiden, die in der Geschichte des menschlichen Geschlechts beispiellos sind. Ein Strom von Blut hat unseren Gang durch die Jahrhunderte begleitet. Es waren sinnlose Qualen, wenn wir sie nicht in der Hoffnung auf den Judenstaat aushielten. Werfen wir unser Judentum weg, wie ein zerfetztes altes Kleid, wenn wir nicht an den Judenstaat denken!
(Rede im Makkabäerklub.)
Israel! Andere Völker waren auch von Mißgeschicken heimgesucht, aber es kommt ihnen immer wieder eine ungetrübte Zeit. Jedem Kriege folgt ein Frieden. Nur das verstreute Israel wird immer besiegt und kommt nach den Niederlagen nicht zur Ruhe. Die materielle Sicherheit ist aber die Grundlage der moralischen Gesundheit und darum wünschen wir mit aller Inbrunst, erstreben wir mit all unserer Kraft für unser Volk die materielle Sicherheit, die es nur auf seinen Boden finden kann. Und die moralische Gesundheit eines tatsächlich in der ganzen Welt verstreuten Volkselements ist von Wichtigkeit für die ganze Welt.
(Tagebuch 1898.)
Da sieht sie ihr altes Land am Mittelmeer herrlich gelegen, mit kaltem, gemäßigtem und warmen Klima; ein Land, aller Kulturen fähig, mit langruhenden [pg 34] Bodenschätzen und doch für andere nichts wert, weil andere nicht die befruchtenden Menschenströme hinzuleiten vermögen, die dem Zionismus gehorchen. Und wenn wir nun nicht verzückt oder verlogen in die Wolken starren, sondern ruhigen Blickes nach jenem Punkte hindeuten, der wirklich die Erlösung bedeutet, so bedarf das keiner geheimen Auslegungskünste. Dort ist das Zion der Armen, der Jungen und auch der Frommen.
(Dr. Güdemanns Nationaljudentum.)
DER FÜHRER
Wir haben einen Grundsatz bei unseren Weisen gefunden: Die Ehren gebe man dem, der sie nicht sucht!
Ruhm besteht nicht im Beifall der Menge, sondern im Urteil der Geschichte. Je größer ein Mensch ist, desto länger kann er darauf warten, daß man ihn versteht, sei es auch erst in fernen Tagen.
([A. Friedemann] a. O. S. 83.)
Der Einzelne, der auch nur Miene machte, ein solches Riesenwerk zu unternehmen, könnte ein Betrüger oder ein Wahnsinniger sein.
Ich meine nicht, daß es etwas Unrechtes sei, wenn man sich mit Geschäften abgibt. Nur ein [pg 35] Schriftsteller soll kein Geschäftsmann sein, und beim Diener einer Volksbewegung ist es etwas Unerträgliches.
(Rede in London.)
Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein.
In dem, was ich Ihnen (Baron Hirsch) sagen will, wird Ihnen manches einfach und manches phantastisch erscheinen. Mit Einfachem und Phantastischem führt man die Menschen.
(Theodor Herzl und Baron Hirsch.)
Ja, nur das Phantastische ergreift die Menschen. Und wer damit nichts anzufangen weiß, der mag ein vortrefflicher, braver und nüchterner Mann sein und selbst ein Wohltäter im großen Stil. Führen wird er die Menschen nicht, und es wird keine Spur von ihm bleiben.
(Theodor Herzl und Baron Hirsch.)
PERSÖNLICHES
Zum Zionisten hat mich nämlich — der Prozeß Dreyfuss gemacht.
(North American Review 1899 nach Thon.)
[pg 36] Wie Kant aufschrieb: An Johann darf nicht mehr gedacht werden. Mein Johann ist die Judenfrage. Ich muß sie rufen und wegschicken können.
Tagebuch vom 16.6.1895.
(bei [Kellner].)
(Von der Abfassung des Judenstaates.)
Ich hatte dann eine sehr ernste Krisis durchzumachen; ich kann sie nur damit vergleichen, wenn man einen rotglühenden Körper in kaltes Wasser wirft. Freilich, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird er Stahl.
(Selbstbiographie.)
(Von der Veröffentlichung des Judenstaates.)
Da ich mich nicht umstimmen ließ, rieten sie mir, die Idee wenigstens in der unverbindlichen und unterhaltenden Form eines Romanes vorzubringen mit Liebesgeschichten, menschlichen Einzelschicksalen und einer Malerei künftiger Zustände im Judenlande. Das war ja auch mehr im Einklang mit meiner bisherigen Tätigkeit als Stückeschreiber und Feuilletonist. Wohl sah ich ein, daß dies ein gutes Propagandamittel für die Idee wäre und mir die Gefahr ersparte, mich bis auf die Knochen zu blamieren. Aber dann wäre keine Tat daraus geworden. Man hätte in den Salons und Eisenbahncoupés davon gesprochen, viele hätten über den launigen Einfall gelacht, und manche hätten vielleicht heimlich in das Buch hineingeweint. Was war damit erreicht? Noch ein Märchen in tausend und einer Nacht des Leidens. [pg 37] Nein, es sollte Tag und Tat werden. Aufrütteln mußten wir das jüdische Volk, statt es einzulullen. Und wirklich, es hat sich aufrütteln lassen.
(Der Zionismus.)
Vor allem haben wir uns sozusagen Röcke ohne Taschen angezogen und haben es unmöglich gemacht, irgend einen Vorteil für uns zu haben.
(Rede in Wien.)
Ich habe nicht das Majoritätsbedürfnis, ich brauche keine Majorität. Was ich brauche, ist nur, daß ich mit meiner eigenen Ueberzeugung im Reinen bin. Dann bin ich zufrieden, selbst wenn kein Hund von mir ein Stück Brot annimmt.
(Stenogramm der Sitzung des großen A. C. vom 11.IV.04. Rede Herzls gegen die Charkower.)
Ich bin stärker als Sie, (zu seinem Gegner) darum bin ich versöhnlich, weil ich weiß: wenn wir streiten werden, werde ich siegen.
(Stenographisches Protokoll, S. 477.)
In einem solchen guten Moment, im Herbst 1898 war es, daß ich in London meinen Brüdern im Eastend sagte, daß ich die Verwirklichung unserer Hoffnungen für nahe bevorstehend halte. Das hätte ich nicht sagen sollen. Man fiel über mich her wie über einen Charlatan. Das Urteil wird aber eine spätere Zeit sprechen, der alle Beweismittel vorliegen werden.
(Rede im Makkabäerklub.)
[pg 38] Ich, der ich vielleicht ein Stück Kuchen zu essen habe, habe nicht das Recht, das Stück Brot, das Armen angeboten wird, abzuweisen, weil ich es nicht will, oder weil ich es nicht brauche.
(A. C. Sitzung 11. 4. 1904. Stenographisches Protokoll.)
. . . Daß ich an der Güte unseres Menschenmaterials nicht mehr zweifelte, als ich die Kraft des nationalen Erwachens in mir selbst erlebte. Zur Zeit, als Ihr — und mein — Freund seine tief aus dem Herzen kommenden Worte niederschrieb, war ich noch ein spöttischer Jude, der wahrscheinlich gelacht hätte, wenn ihm diese Aufzeichnung zu Gesicht gekommen wäre. Aber es ist in mir eine Wandlung vorgegangen, die ich das Glück und den Stolz meines Lebens empfinde.
(Brief an Gustav G. Cohen.)
[pg 39]
VOM GOLUS
[pg!40]
[pg 41]
DIE ASSIMILATION
Unter Assimilation verstehe ich wörtlich, was das Wort bedeutet: so ähnlich zu werden, daß man sich in nichts unterscheidet.
(Herzl vor der Londoner Fremdenkommission.)
Die Assimilierung, worunter ich nicht etwa nur Aeußerlichkeiten der Kleidung, gewisser Lebensgewohnheiten, Gebräuche und der Sprache, sondern ein Gleichwerden in Sinn und Art verstehe, die Assimilierung der Juden könnte überall nur durch die Mischehe erzielt werden.
Nun würde allerdings die staatsbildende Bewegung, die ich vorschlage, den israelitischen Franzosen ebensowenig schaden, wie den „Assimilierten“ anderer Länder. Nützen würde sie ihnen im Gegenteile, nützen! Denn sie wären in ihrer „chromatischen Funktion“, um Darwins Wort zu gebrauchen, nicht mehr gestört. Sie könnten sich ruhig assimilieren, weil der jetzige Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es ihnen auch glauben, daß sie bis ins Innerste ihrer Seele assimiliert sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen.
[pg 42] Sie glaubten vornehmer auszusehen, wenn sie sich nicht als Juden zu erkennen gaben. Aber gerade dadurch zeigten sie die Gesinnung von Bedienten und Freigelassenen. Und sie konnten sich noch über die Geringschätzung wundern, die ihnen zu teil wurde, da sie doch wahrlich keine Selbstachtung an den Tag gelegt hatten. Nachgekrochen waren sie den anderen, und es ereilte sie dafür die gerechte Strafe: sie wurden abgelehnt.
. . . Die Leere und Nutzlosigkeit der Bestrebungen „zur Abwehr des Antisemitismus“. Mit Deklamationen auf dem Papier oder in geschlossenen Zirkeln ist da nicht das mindeste getan. Es wirkt sogar komisch. Immerhin mögen — neben Strebern und Einfältigen — auch sehr wackere Leute in solchen Hilfscomités sitzen. Sie gleichen den Hilfscomités nach und vor Ueberschwemmungen und richten auch ungefähr so viel aus.
(Nach [Kellner], S. 137.)
Solange sie scheu und unaufrichtig von Partei zu Partei, von Nation zu Nation taumeln werden, nur um für das ein wenig Schutz zu erlangen, was sie für uneingestehbar halten, nämlich für ihr Judentum — so lange wird man sie nicht achten noch lieben, nicht einmal dulden. Wer sich für anderes ausgibt, als er offenbar ist, erregt Mißtrauen, und dieses dumpfe Gefühl setzt sich herabsteigend bei den Pöbelmassen in Gewalttaten um.
(Die entschwundenen Zeiten.)
[pg 43] An den Siegesfeiern dürfen sie nicht als Vollberechtigte teilnehmen, und die Niederlagen läßt man an ihnen aus, so hüben wie drüben. Sie sind, wie es auch ausgehe, die Geschlagenen.
(Die entschwundenen Zeiten.)
MAUSCHEL
Mauschel ist der Fluch des Juden.
(Mauschel.)
Diese Leute, von denen man fortwährend hört, bald durch den Skandal ihrer Maitressen, bald durch den Triumph ihrer Rennpferde, bald durch die Börsenmanöver, mit denen sie den Mittelstand der Börse zu Proletariern machen, bald durch die Korruption, die sie um sich her wie einen Pesthauch verbreiten; diese Leute, die man überall sieht, nur nicht, wo die armen Juden in einem schweren Kampfe stehen, diese Leute mögen sich in acht nehmen, daß nicht in ihrem Rücken eine zweite Volksbewegung gegen sie aufstehe, numerisch schwächer, aber gerade darum verzweifelter als die erste. Ah ja, es gibt sogenannte „Wohltäter“ unter ihnen; das heißt, sie züchten Schnorrer. Das heißt, sie schaden dem jüdischen Volke auch noch durch milde Gaben aus denjenigen Vermögen, die mitunter auf kompromittierende Art entstanden sind. Ah ja, die Herren sind auch geschickt genug, sich persönlich vom Antisemitismus loszukaufen: durch Gefälligkeiten, Geld und Opfer an Ueberzeugung — die letzteren kosten sie am wenigsten.
(Dr. Güdemanns Nationaljudentum.)
[pg 44] Es sind die Leute, die im sicheren Boot sitzen und den Ertrinkenden, die sich an den Bootrand klammern möchten, mit dem Ruder auf die Köpfe schlagen.
(Protestrabbiner.)
Es wird immer zu den großen Merkwürdigkeiten gehören, daß die Herren gleichzeitig um Zion beten und gegen Zion auftreten.
(II. Kongreßrede.)
Für den schlimmsten Fall richtet Mauschel seinen Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgend einem Lande, wo er allenfalls bei einer anderen Nation unterschlüpfen könnte. Dort angelangt, spielt er nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, die nicht sind wie er. Dabei begeht er die wunderliche Inkonsequenz, sich von den Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zu sprechen.
(Mauschel.)
Den sehnsüchtigen Ruf: „Uebers Jahr in Jerusalem!“ hatte eine Generation der anderen übergeben, und nur in den letzten Jahrzehnten des nationalen Verkommens war bei manchen Rabbinern die wäßrige Deutung üblich geworden, das Jerusalem dieses Spruches solle eigentlich heißen London, Berlin oder Chicago. Wenn man die jüdischen Ueberlieferungen in dieser Weise auslegt, dann bleibt freilich vom Judentum nicht mehr viel anderes übrig als das Jahresgehalt, das diese Herren beziehen.
(Der Zionismus.)
[pg 45] Die jüdische „Mission“ ist etwas Sattes, Behagliches, Gutsituiertes. Seit Jahr und Tag sehe ich mir die Leute an, die mir diese „Mission“ zur Antwort geben, wenn ich von der wachsenden Not unserer Armen rede. Diese Missionäre befinden sich alle vortrefflich.
(Dr. Güdemanns Nationaljudentum.)