Weihnachtsabend.
Roman
von
Theodor Mügge.
Berlin, 1853.
Verlag von Otto Janke.
Es begab sich an einem kalten und stürmischen Dezemberabende des vergangenen Jahres, daß tief im untersten Grunde eines mächtigen fünfstöckigen Hauses, welches im comfortabelsten Theile der Stadt, dicht an der schönsten und vornehmsten Straße steht, ein fleißiges junges Ehepaar emsig arbeitend beisammen saß, als es beinahe Mitternacht schlagen wollte. Dies fleißige Pärchen gehörte zu der bedeutenden Zahl moderner Troglodyten in den großen Tummelplätzen der menschlichen Gesellschaft, die ihre Parias nicht allein fünf oder sechs halsbrechende Treppen hoch in Dachwinkeln und Bodenkammern unterbringt, sondern sie auch tief in den Schoß der mütterlichen Erde hinabsteigen läßt, um allda zwischen feuchten, dumpfigen Mauern zu versuchen, was Hunger und Fieber ihnen anzuthun vermögen.
So übel jedoch sah es in der Kellerwohnung nicht aus, in welcher die beiden Arbeiter saßen. Es war ein ziemlich großes, grün angestrichenes Zimmer, dessen Decke sich tonnenartig wölbte; auch lag es nicht gar tief unter der Oberfläche der Straße. Denn die Fenster waren gut erreichbar, hatten helle große Scheiben und waren von außen mit dichten Läden geschlossen. Es war ganz sichtlich ein noch ziemlich neues Haus und über diesem kleinen tiefen Raume lag ein Schimmer jenes wohlthuenden Geistes der Ordnung und Sauberkeit, der auch mit Armuth zu versöhnen weiß.
Wenige Geräthe waren in dem Zimmer. Ein breites Bett stand an der langen Wandseite, eine Kommode, über welcher ein kleiner Spiegel hing, befand sich ihr gegenüber. Im Hintergrunde glänzte die blanke Front eines Spindes und neben ihm hatte ein andres mit Glasscheiben Platz genommen. Mitten in dem Gemach aber stand ein Tisch und zwischen Fenster und Ofen ein zweiter ganz niedriger, an welchem die beiden Personen saßen.
Es war warm, reinlich und behaglich in dieser unterirdischen Wohnung. Die obere Hälfte des Zimmers lag in schweigender Nacht und Stille, die untere Hälfte war voll Licht und Rührigkeit. Die kleine Lampe hatte einen breiten Schirm; ihre Strahlen fielen auf eine Glaskugel und durch diese mit scharfem Glanz auf die Arbeit des fleißigen Mannes, der mit großer Behendigkeit an einem feinen Stiefel nähte. Es war ein noch ziemlich junger Mann, der hier mit aufgestreiftem Hemd und weißer Arbeitsschürze hinter der Glaskugel saß. Sein langes, glänzend schwarzes Haar fiel über eine hohe und gewölbte Stirn, ein listiges und lustiges Lachen lag auf seinen Lippen, und wenn er aufblickte und seiner Gefährtin bei dieser nächtlichen Arbeit dann und wann ein paar ermunternde Worte sagte, zeigte er zwei Reihen so prächtiger weißer Zähne, wie sie je schwarzes Brod tapfer zermalmt haben.
Die Frau ihm gegenüber war ebenfalls jung und rüstig. Ihre braunen Flechten legten sich an ein gesundes Gesicht mit starken, vollen Zügen und hellen Augen, die entschlossen um sich schauten. Sie sah wie Eine aus, die zu arbeiten weiß und Hände wie Mund auf dem rechten Fleck hat. Während sie mit dem Einfassen einiger Schuhe sich beschäftigte, die vor ihr standen, trat sie dann und wann mit dem Fuß auf den Läufer einer Wiege, welche an ihrer Seite stand, sobald der kleine Schläfer darin sich bewegte. Der rumpelnde Ton der Wiege unterbrach dann die tiefe Stille und wurde abgelöst durch das Heulen des Windes, der an den Fensterläden rasselte, oder durch den dumpfen bebenden Ton rasch rollender Wagen, die auf der großen Straße vorüberfuhren und die Grundmauern des Gebäudes erschütterten.
Nach einer geraumen Zeit sagte die Frau gähnend: Höre auf, Anton, es muß beinahe Mitternacht sein.
Der Schuhmacher warf einen schnellen Blick auf die schwarzwalder Uhr in der Wandecke. Alleweil punkt halb erst, liebste Guste, gab er zur Antwort, aber bist müde geworden den lieben langen Tag.
Na, es geht noch so, erwiederte sie; bei dem schlechten Geschäft wird man so müde eben nicht.
Schlechte Zeiten! brummte der Mann halb laut, werden aber auch darüber fort kommen.
Die Frau seufzte vor sich hin. Man mag es machen wie man will, sagte sie, es ist kein Vorwärtskommen.
An Fleiß fehlts nicht, murmelte er leise.
An meinem Willen auch nicht, setzte sie hinzu.
Bist gut, rief er die Hand freundlich ausstreckend, es wird sich schon machen. Jung sind wir, arbeiten wollen wir, zur Noth geht’s noch, und alleweil mag kommen was da will, manchem ehrlichen Kerl geht’s wohl noch schlechter. Die Frau erwiderte sein Lächeln, sagte aber dann mit einem besonders scharfen Blick: Ich meine nur, Anton, es könnte besser gehen, wenn Du nur wolltest.
Hörst wie der Wind pfeift? fragte er. Es ist ein schandbares Wetter draußen und um nichts danke ich alleweil dem lieben Gott mehr, als daß ich kein Wetterhahn geworden bin.
Ah! geh’ doch mit Deinen Possen, antwortete sie gereizt, ich weiß schon, was es bedeuten soll.
Na, meinte er lachend aufschauend, ich sitze hier warm, lasse den Wind fahren wohin er will, und wenn es mich kränkt im Herzen, seh’ ich Dich an und die Wiege da, so wird’s wieder gut.
Wenn Du uns beide ansiehst, Anton, sagte die Frau, müßte es Dir doch einfallen, daß es gut wäre für uns Alle, wenn Du es machtest, wie es so Viele gemacht haben.
Ihre letzten Worte verloren sich unter dem erschütternden Rollen mehrerer Wagen, die schnell hintereinander vorüberfuhren.
Sakerment! rief der Schuhmacher, was ist das heut für Spektakel. Wir wohnen doch hier um die Ecke und bekommen den Lärm erst aus zweiter Hand, aber es ist als ob die Steine sich bewegten.
Die Herrschaften fahren nach Haus, erwiederte die Frau.
Hole sie der Henker! brummte Anton vor sich hin. Was ist denn eigentlich heute los bei Geheimraths?
Es ist ein Ball oder so etwas, sagte sie. In allen Zimmern brannten die Kronen als ich vorüberging und gefährlich viel Wagen und Menschen standen vor dem Hause.
Dazu haben sie immer Zeit und Geld, meinte der Schuhmacher mit einer gewissen zornigen Betonung.
Du würdest es auch nicht besser machen, wenn Du Geheimrath oder Baron wärst, fiel sie ein.
Hast vielleicht Recht, Guste, sagte er lachend, alleweil ist blos schade darum, daß ich es nicht bin. Aber wenn ich es wäre, würde ich doch meinen Mitmenschen das Leben nicht saurer machen, wie es schon ist; würde mich hüten, es so zu machen, wie sie es mir anthun. Ließe Jeden denken und meinen und glauben was er Lust hat und thäte mich blos darum bekümmern, macht der Anton Mertens mir gute Stiefeln und Schuhe, so ist er mir recht. Mehr kann ich nicht von ihm verlangen.
Ja, wenn Du auch so denkst, rief die Frau, andere Leute sind nun einmal nicht anders; ihre Gründe haben sie auch und mit dem Kopf durch die Wand ist noch Keiner gekommen. Man sieht es ja, wie Viele untergehen oder wenn sie klug sind bei Zeiten zu Kreuze kriechen; wer aber nichts hat und doch nicht klug sein will, der muß nicht Andere anklagen.
Anton antwortete nicht. Er warf seine langen Haare von der Stirn zurück, schüttelte den Kopf dabei und arbeitete eifrig weiter.
Ich habe es Dir nicht gesagt, fuhr seine Frau fort, aber gestern begegnete ich der Frau Geheimräthin und Fräulein Elise auf der Straße. Nun, wie geht’s Auguste? fragte sie, als ich bei ihr vorüber ging und grüßte. Nicht zum allerbesten, sagte ich. Ist Jemand bei Euch krank? fragte sie. Gott sei Dank! gesund sind wir Alle, sagte ich, aber das Geschäft geht schlecht, wir haben viele Kunden verloren; dazu ist mein Kind jetzt unruhig von wegen der Zähne, helfen kann ich Anton auch nicht so viel, wie ich möchte, denn Wirthschaft und Hausstand verlangen Ordnung und nehmen mehr Zeit fort, wie man denkt. So haben wir denn mancherlei Sorgen, obwohl es an Fleiß nicht mangelt. Da seid Ihr selbst schuld, gab sie zur Antwort. Lieber Gott, ich bin gewiß nicht schuld, sagte ich. Nein, Du nicht, sagte sie, Du bist immer vernünftig gewesen, aber Dein Mann taugt nichts.
Donnerwetter! rief Anton ärgerlich lachend, indem er mit seinem Stiefel aufklopfte. Das sagte die alte Hexe Dir ins Gesicht?
Bsch! winkte Guste, wecke das Kind nicht auf.
Er ist fleißig und ordentlich, sagte ich, ich kann nicht über ihn klagen.
Aber er hat keinen Glauben und keine Gesinnung, rief sie so laut, daß ich mich schämte, und das muß ein Mann haben, mit dem man sich einlassen soll.
Als ob ich mich mit ihr einlassen wollte, rief der Schuhmacher.
Liebe, gnädige Frau Geheimräthin, sagte ich, Anton macht seine Arbeit doch gewiß gut und immer sind Sie uns gewogen gewesen, und haben viel für uns gethan.
Aber ich habe nur Undank davon gehabt, fuhr sie auf. Der Geheimrath hat Deinen Mann erziehen lassen, wie sein Vater starb, der es auch wohl verdient hat, daß man sich um das Kind kümmerte, denn er war zwanzig Jahre lang ein treuer Diener. Wir haben Anton in die Schule geschickt, haben ihn in die Lehre gebracht, ihn unterstützt, wo es nöthig war, und aus meinem Hause hat er Dich geheirathet. Was ich damals gethan habe, will ich nicht weiter erwähnen, aber der Geheimrath lieh Euch obenein zweihundert Thaler zu Eurem Geschäft, und wie wir nur konnten, sorgten wir, daß Ihr Kunden bekamt. Für alle diese Güte habt Ihr oder Dein Mann, uns schlecht vergolten. Er hat im vorigen Jahre alle die Tollheiten und Dummheiten mitgemacht.
Ach, gnädige Frau, sagte ich, das haben ja so Viele damals gethan, die weit mehr bedeuten, wie er.
Das war recht, Guste! rief der Schuhmacher jubelnd, hast ihr Eins drauf gegeben wie sich’s schickt. Ich habe den Geheimrath selbst reden hören damals, als wäre er dunkelroth bis in die Nieren. Eine dreifarbige Kokarde hatte er am Hut, dreimal so groß wie meine; auf die Wache ist er gezogen, obwohl er es gar nicht nöthig hatte, und was ich damals zu ihm sagte, war ihm noch lange nicht links genug.
Sie mochte es auch wohl merken, daß es ein Stich sein sollte, fuhr die Frau fort, denn sie sah mich groß an, aber ich machte ein unschuldiges, betrübtes Gesicht. Höre, sagte sie, an vergangenen Dingen läßt sich nichts ändern, was geschehen ist, ist geschehen, aber jetzt, wo die Vernunft wiederkehrt, ist es doppelte Sünde und Schande, noch zu den Unvernünftigen zu gehören. Und das sage Deinem Mann und thue dazu, wie eine Frau, die weiß, was Recht ist. Er soll Einsehen haben, es ist die höchste Zeit. Wir haben ihm seit längerer Zeit unsere Arbeit entzogen, und das aus gutem Grunde. Ebenso haben es unsere Freunde gethan, und jeder rechtliche Mensch wird es thun. — Man giebt Denen nur Arbeit und Verdienst, die sich als rechtschaffene Leute erweisen, es nicht mit den Rotten der Elenden halten, die alle Ordnung vernichten, alle Pfeiler der menschlichen Gesellschaft umstürzen wollen.
Daß dich die Pest! murmelte Anton. — Die verfluchten Aristokraten!
Ach du mein Gott! gnädigste Frau Geheimräthin, sagte ich, Anton ist ein ruhiger, bescheidener Mann.
Er hat sich geweigert, in den patriotischen konservativen Verein zu treten, gab sie zur Antwort, obwohl ich es ihm dreimal gesagt habe. Auch Elise hat es ihm wiederholt gesagt, nicht wahr, Elise?
Das Fräulein sah mich stolz an und sagte dann: halte Dich nicht weiter auf, Mutter, wir müssen weiter. Herr Anton Mertens hat mir geantwortet, er könne sein Gewissen doch nicht verkaufen; so mögen denn seine Gesinnungsgenossen für dies zarte Gewissen sorgen.
Die ist von der rechten Sorte, rief Anton.
Nun geh, sagte die Geheimeräthin, fuhr die Erzählerin fort. Ich habe immer noch Mitleid mit Euch. Schicke Deinen Mann in den Verein, und wenn er sich aufrichtig bekehrt, so wollen wir sehen was zu thun ist. Sonst aber glaube mir, Auguste, es sollte mir leid um Dich thun, aber es kommt noch schlimmer. Die zweihundert Thaler fordert mein Mann zurück; es hat schon geschehen sollen und kann morgen so kommen. Stürzt Euch nicht muthwillig in’s Elend.
Die hartherzigen, erbärmlichen Menschen! schrie Anton wild. Die wollen Christen sein?
Aber Du kannst es doch auch thun, sagte die Frau. Warum willst Du ihnen denn den Gefallen nicht erzeigen? Du gehst in den Verein, da sind viele vornehme und reiche Leute. Sie drücken Dir die Hände, klopfen Dir auf die Schulter, loben Dich, trinken sogar mit Dir und bezahlen es obenein, und Du hast nichts dafür zu schaffen, als zuzuhören, was sie sagen. Du weißt doch, was uns neulich erst Dein Freund Peschke davon erzählte, der doch auch hingegangen ist.
Was ist denn da los? rief der Schuhmacher, indem er seine Arbeit sinken ließ und aufhorchte.
Ein dumpfer Lärm mehrerer Stimmen drang von der großen Straße herüber. Gleich darauf erscholl ein wildes Geschrei, dem ein scharfes, schnell wiederholtes Pfeifen folgte.
Es müssen welche arretirt werden sollen, sagte Anton aufspringend.
Vielleicht sind es Spitzbuben, fiel die Frau ein.
Hörst Du nichts? Es kam mir vor, als ob Gewehre klirrten.
Daß Du hier bleibst, Anton, sagte sie bittend und befehlend, indem sie die Hände nach ihm ausstreckte.
In diesem Augenblicke fiel ein Schuß. — Allmächtiger Gott! sie schießen, schrie sie auf. Du rührst Dich nicht, Anton. Sie hielt ihn am Aermel fest und faßte mit der andern Hand nach der Wiege, wo das Kind weinend aufgewacht war.
Laß mich los; sagte er, ich will bloß an der Kellerthür hören, was los ist. Nicht einen Schritt gehe ich weiter.
Mit einer raschen Bewegung war er frei, und ohne weiter auf das Rufen seiner Frau zu hören, sprang er durch den dunklen Raum, wo er seine Waaren feil hielt, die Treppe hinauf, schob den Riegel von der Thür und öffnete vorsichtig in demselben Augenblick, wo ein athemloser Mensch in diese Oeffnung und in seine Arme stürzte.
Um ein Haar wäre Anton mit seiner Last rückwärts übergeschlagen, aber er hielt sich an dem Ringe der Thür fest, die dadurch sogleich wieder zuschlug. So stand er einige Minuten lang, während draußen viele Männer wild schreiend vorübereilten. Dann schob er leise die Riegel wieder vor und flüsterte dem Flüchtling ein paar Worte zu, die ohne Antwort blieben. Dieser lag mit den Armen um Antons Nacken, der Kopf hing über dessen Schulter; er faßte ihn mit aller Kraft um den Leib und trug ihn die Stufen hinunter.
Komm mit Licht, Guste, rief er mit gedämpfter Stimme. Die Thür that sich auf, Lampenschein fiel herein, aber mit einem Schrei prallte die Frau zurück; sie sah in ein mit Blutstreifen überzogenes, todtblasses Gesicht.
Schweig still! rief Anton seiner Frau zu, indem er den leblosen Körper von der Schulter in seine Arme gleiten ließ. Nicht einen Laut gieb von Dir und stülpe den Deckel auf die Lampe, damit sie draußen den Lichtschein nicht sehen.
Ist er denn ganz todt? fragte sie erschrocken. Wo ist er hergekommen und warum hast Du ihn hier hereingeschleppt? Was sollen wir jetzt mit ihm anfangen? Und wenn es herauskommt, brocken sie Dir eine Suppe ein. Am Ende ist es ein Räuber, ein Spitzbube, ein Mörder, ein Bösewicht, der Schandthaten begangen hat. Ach, mein Gott! wie läuft das Blut von ihm. Nur nicht auf’s Bett, leg’ ihn hierher auf die Decke, wir wollen das alte Lederkissen unterschieben. Ich wollte, Du hättest Deine Füße verstaucht, ehe Du die Treppen heraufgekommen wärst. Aber so bist Du; in Alles mußt Du Dich mischen, überall Deine Nase haben, nur nicht da, wo Du sie haben sollst.
Geduldig und ohne ein Wort zu erwiedern ließ Anton seine Frau weiter keifen. Er mochte wohl fühlen, daß sie nicht so ganz Unrecht hatte, dennoch aber wußte er gewiß, daß ihr Mitleid endlich über ihre Besorgniß und ihren Aerger siegen würde.
Er lief ja alleweil grades Weges in den Keller und in meine Arme hinein, sagte er aufathmend, als er den Leblosen auf die Decke und auf das Lederkissen gelegt hatte. Es war eine Schickung, Guste, daß ich eben die Thür aufmachen mußte, wie er jählings um die Ecke sprang, und eher wollt’ ich meinen Hals zuschnüren lassen, ehe ich den Konstablern etwa zugerufen hätte: hier ist er, da habt Ihr ihn! Pfui Teufel! das wirst Du doch nicht von mir erwarten.
So, antwortete Frau Mertens, das soll ich erwarten? aber was sollen wir denn nun anfangen? Und wenn er todt ist oder wenn es ein Mörder ist?
Bring’ Wasser her, rief der Schuhmacher entschlossen. Hier liegt er nun einmal, und annehmen müssen wir uns seiner, was da auch kommen mag. Ein Räuber oder Mörder wird er nicht sein, sieh doch her, was er für feine Hände hat. Ein schmales, schlankes Bürschchen ist es, wohl guter Leute Kind, das durch einen Zufall Streit bekommen mit den Himmel-Sakermentern, sich nicht mißhandeln lassen wollte und das sie dann unmenschlich behandelt haben. Man weiß ja, wie sie es machen. Bring’ Wasser her, Frau, so rasch Du kannst. Ich glaube, er lebt, eben zuckte er mit den Armen. Gieb den Schwamm da und setze die Lampe auf den Schemel. Jetzt halt ihm den Kopf in die Höhe, oder wart’, ich will es thun.
Er kniete an der Seite nieder und hob den Kopf des Liegenden empor. Dieser hielt in der einen Hand krampfhaft den Hut fest, den er getragen hatte, und machte damit eine plötzliche heftige Bewegung, indem er zugleich einen tiefen Seufzer ausstieß. —
Es mag ihm wohl wehe thun, dem armen Schelm, murmelte Anton, und doch bin ich so vorsichtig, wie ich sein kann. Er schob seinen Finger behutsam unter das blutgetränkte Haar, unterstützte mit der anderen Hand den Rücken und suchte den Körper ein wenig aufzurichten und auf die Seite zu wenden.
Aber schon nach einigen Augenblicken hielt er erstaunt inne. Ein Knoten oder eine Flechte schien sich aufzulösen und eine Fülle langen, dunklen Haars fiel auf das Lederkissen herunter. Alle Wetter! rief Anton halblaut, was ist das? Es ist ein Weib oder ein Mädchen, so wahr ich lebe.
Bei dieser Entdeckung erneute sich der Zorn seiner Frau. Eine schöne Wirthschaft ist das, sagte sie. Ein liederliches Weibsbild, die sich Nachts in Männerkleidern umhertreibt, Gott weiß woher kommt, aufgegriffen werden soll, wie es sich gehört, die schleppt er mir hierher und da liegt sie nun in ihren Sünden. Wirf sie hinaus und laß sie liegen, sie werden schon kommen und sie abholen. Wirf sie hinaus, sag ich Dir, oder ich laufe auf die Straße und schreie nach Hülfe.
Das wirst Du bleiben lassen, Guste, antwortete der unerschütterliche Mann, indem er von seinen Knien zu seiner erzürnten Ehehälfte aufsah. Er hatte den Schwamm in dem Wasser ausgedrückt und fuhr damit leise über Gesicht und Stirn seines Schützlings. So schlecht bist Du nicht, fuhr er dabei fort, daß es Dein Ernst sein könnte von mir zu fordern, ich sollte dies Weib, wer sie auch sein mag, in Nacht und Eis auf die Straße werfen. Element ja! wenn’s wahr wäre, rief er, stärker den Schwamm drückend, ich könnte Dich nicht mehr ansehen. Aber wenn ich es thun wollte, Du würdest sie wieder hereinholen. Todt ist sie nicht, jetzt athmet sie ja, und da hat sie den Schlag auf den Kopf bekommen. Es ist eine lange blutige Schramme, muß ein Säbelhieb sein, aber viel hat es nicht auf sich, wenn es weiter nichts ist. Die Betäubung ist das meiste, Angst und Schreck obenein. Bald wird sie wieder munter sein wie ein Fisch und ehe es irgend ein Mensch gewahr wird, kann sie gehen und sehen, was sich weiter mit ihr zuträgt.
Eine zuckende Bewegung der Unbekannten endete seine Ermahnungen. Sie schlug die Augen einen Augenblick auf und schloß sie wieder; ein paar unverständliche Laute kamen über ihre Lippen und endeten mit einem dumpfen Stöhnen.
Das Wasser macht ihr Schmerzen, flüsterte der gutmüthige Schuhmacher, und sieh mal da, Guste, was es für ein feines, blasses Gesicht ist. Die sieht nicht aus wie Eine, die einen schlechten Lebenswandel führt.
Ein ordentliches, anständiges Mädchen thut das nicht, sagte die Frau, noch immer grollend. Du bildest Dir wohl am Ende ein, einen Tugendspiegel Nachts um 12 Uhr in Rock und Hosen aufgefangen zu haben. — Bei alle dem aber beugte sie sich zu der Leidenden nieder, horchte auf ihr leises schnelles Athmen und unterstützte, ohne ein Wort weiter zu sprechen, die Bemühungen ihres Mannes, dem sie endlich den Schwamm fortnahm und die Waschung selbst verrichtete.
Hole ein reines Tuch aus der Kommode, sagte sie nach einer kleinen Weile, wir müssen es zusammenlegen und einen feuchten Umschlag machen.
Anton sprang auf und brachte, was er fand.
Ach, bewahre Gott, rief Guste, das ist ja ein baumwollenes. Rechts in der Ecke liegen die beiden feinen Leinentücher, die mir Fräulein Elise zur Hochzeit geschenkt hat.
Die willst Du nehmen? fragte Anton erstaunt. Wirst das Blut nicht wieder herauskriegen.
Ich habe nichts anderes, was paßt, sagte sie ärgerlich. Warum hast Du uns das Unglück in’s Haus gebracht.
Anton machte ein Gesicht als wollte er lachen, aber er unterdrückte es zur rechten Zeit und nach wenigen Minuten lag eine Kompresse auf der langen Schnittwunde, die eine zerrissene Oberfläche zeigte, dann wurde das zweite Tuch vorsichtig darüber gebunden und nun sagte Guste: hole rasch den großen Lederstuhl herein, das ist der einzige Platz, wo man sie niedersetzen und wo sie den Kopf anlehnen kann.
Auch dieser Befehl wurde auf der Stelle vollzogen. Der Schuhmacher trug aus seinem Laden den Stuhl herein, auf welchem er seinen Kunden Maß zu nehmen pflegte. Es war ein bequemer Sessel mit Armen und hoher Lehne. Vorsichtig faßte er den Körper unter den Schultern, die Frau trug ihn an den Beinen und nach einer Minute war das Werk vollbracht. Die kleine Lampe brannte wieder unter dem dichten Schirm, das tiefe Schweigen kehrte zurück, die beiden barmherzigen Samariter aber standen ängstlich und ungewiß vor der Unbekannten, die noch immer nicht erwachen wollte.
Das jugendliche und einnehmende Gesicht lag vorn über, der Brust zugeneigt, die sich dann und wann in kurzen heftigen Schlägen hob. Die Arme fielen schlaff auf die Lehnen des Stuhls, über welche die weißen, schmalen Hände herabhingen.
Gearbeitet hat die nicht, murmelte Anton seiner Frau zu.
Es ist mir so, als hätte ich sie schon früher gesehen, flüsterte diese zurück, aber ich weiß nicht, wo es gewesen ist. Sie lüftete den Deckel der Lampe ein wenig und plötzlich fiel ein hell zuckender Lichtstrahl auf den ruhenden Kopf. Es war ein schönes Oval mit hochgewölbter Stirn. Kühn geformte Augenbrauen liefen darunter hin, und lange Wimpern, welche die geschlossenen Augen bedeckten, bildeten einen schwarzen Schatten, der seltsam auf der bläulichen Blässe des Gesichts ruhte. Im Verein mit den festgeschlossenen schmalen Lippen und der Nase, die wie bei einem Todten scharf und blutlos hervortrat, schien es wirklich, als sei das Leben aus dieser Hülle entflohen, wenn nicht die einzelnen krampfhaften Bewegungen dagegen gezeugt hätten.
Und jetzt als das blendende Licht ihre Augen berührte, thaten sich diese rasch auf und sandten einen wirren fragenden und befremdeten Blick umher. Dann umklammerte die linke Hand die Lehne des Stuhls, der Kopf richtete sich von der Brust empor und mit größerer Gewalt als sich vermuthen ließ, rief die Kranke: Was ist mit mir vorgegangen? Wo bin ich? Wer seid ihr? Mein Gott, was ist das?! Sie fuhr mit der Hand an ihren Kopf, fühlte das Tuch und ihr nasses Haar und als kehre ihr in diesem Augenblick die volle Erinnerung zurück, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus, indem sie von dem Stuhle sich aufrichtete und ihre Umgebungen anstarrte.
Beruhigen Sie sich, sagte Anton, ihren Arm fassend, und verhalten Sie sich still. Sie sind nicht im Gefängniß, nicht unter den Konstablern und dergleichen, sondern alleweil bei ordentlichen Leuten, die sich Ihrer angenommen haben, so weit es geschehen konnte.
Weil es so hat sein sollen, Mamsell, oder wer Sie sind, fuhr Frau Mertens fort, als die Fremde sich wieder niedersetzte. Weil es so hat sein sollen, denn eine Fügung ist es jedenfalls, daß Anton eben die Thür aufmachte, wie Sie ihm in die Arme sprangen, aber allemal geschieht das nicht, und sonderbar genug ist es auch, daß Damen um Mitternacht in Mannskleidern sich blutige Köpfe auf offener Straße schlagen lassen.
Na, wer weiß denn, was es für Gründe hat, sagte Anton ihr zuwinkend. Man kann zu allerlei Schaden kommen, man weiß selbst nicht wie, und heut zu Tage steht die Welt auf dem Kopf, es geschehen Geschichten, wie man sie nie erlebt hat. Mags also sein, wie es will, soviel ist gewiß, daß es für diesmal keine Gefahr mehr hat. Draußen ist Alles ruhig geworden, denn nachdem sie in allen Winkeln umhergeschnüffelt haben und geflucht haben wie sich’s gehört, sind sie abgezogen, und hier können Sie nun so lange bleiben bis Sie auf den Beinen fort können.
Das heißt spätestens bis es Tag wird, fiel Guste wiederum ein. Jeder muß am besten wissen, was er zu thun hat und ob er sich bei Tage sehen lassen darf.
Ich danke Ihnen von Herzen für die Güte, welche Sie mir erwiesen haben, sagte die Fremde mit mattem und sanftem Ton, indem sie die Hand von ihrem Gesicht nahm. Ich hoffe in einer halben Stunde schon mich fortbegeben zu können, und nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie Mißtrauen gegen mich hegen. Die Verkleidung, in welcher Sie mich finden, betrifft eine Angelegenheit, welche für Sie kein Interesse haben kann. Durch einen Zufall gerieth mein Begleiter mit einem Polizeisoldaten in Wortwechsel. Der brutale Mensch wollte ihn verhaften, er schleuderte ihn von sich, es kamen zwei andere herbei, die sofort Gewalt brauchten.
Siehst Du wohl, Guste, rief Anton frohlockend, da haben wir die Geschichte, wie ich dachte.
Sie zogen ihre Säbel und in dem Bemühen, uns zu schützen, in der Verwirrung und Bestürzung, empfing ich einen harten Schlag und wurde von meinem Begleiter getrennt, der sich fortgesetzt vertheidigte. Plötzlich fiel ein Schuß, ich floh, verlor die Besinnung und weiß nichts weiter.
Und wer sind Sie denn? Wo ist Ihre Wohnung? fragte die Frau, halb nur gläubig, wie es schien.
Das, Madame, erwiderte die Fremde, muß ich Ihnen verschweigen, aber ich werde Ihnen dankbar sein, gewiß, ich werde dankbar sein, — wenn auch nicht sogleich, fuhr sie fort, denn im Augenblick besitze ich nichts, was ich für Ihre große Güte und Freundlichkeit Ihnen bieten könnte.
Der Ton ihrer Stimme und die Art, wie sie dies sagte, hatte eben so viel Herzliches wie Bestimmtes. — Wir haben nichts um Lohn gethan, erwiderte der Schuhmacher großmüthig. Bleiben Sie hier, bis es hell wird, wir wollen schon mit einander auskommen.
Nein, nein! ich darf nicht bleiben, versetzte die Fremde aufstehend, und von heftiger Unruhe erfüllt, die ihr Gesicht röthete, setzte sie mit größerer Lebhaftigkeit hinzu: Ich fühle mich wohl, und kann nicht länger zögern. Man wird sehr besorgt um mich sein. Oeffnen Sie die Thür und seien Sie überzeugt, daß ich nicht vergessen werde, was mir hier geschehen ist. Leben Sie wohl, Madame, leben Sie wohl! — Sorgen Sie nicht, es geht mit mir, es geht recht gut, ich fühle mich kräftig genug.
Nach einigen Minuten kam Anton lachend zurück. — Fort ist sie, sagte er. Es ist rabenfinster und eben schlägt es Eins. Wie ein Schatten schlüpfte sie an den Häusern hin und verschwand. Die Hand hat sie mir gedrückt, die war so klein und fein und warm. Es muß was Vornehmes sein, Guste.
Aber die Tücher, rief die Frau plötzlich erschreckend. Wo sind die Tücher?
Ja, die hat sie wahrhaftig alle beide mitgenommen.
Das Ehepaar sah sich stumm an. Die sind fort auf Nimmerwiedersehen, rief die junge Frau endlich voller Aerger. Das haben wir für unsere Dummheit, oder für Deine Dummheit vielmehr, denn Du bist an Allem schuld. Es dauerte lange, ehe Anton den Sturm besänftigen konnte.
Die glänzende Wohnung des Geheimeraths Wilkau zeigte am folgenden Morgen deutlich genug die Spuren des Festes, welches am Abend vorher hier gefeiert wurde; allein mit dem ersten Licht des Tages waren fleißige Hände geschäftig, die gewohnte Sauberkeit und Ordnung wieder herzustellen. Drei oder vier rüstige Frauen und Mägde, ein Bedienter mit bedenklich rother Nase und eine Wirthschafterin von gereiftem Alter, die mit leiser Stimme Befehle und handgreifliche Püffe in aller Stille austheilte, liefen auf Socken durch die Zimmer, räumten die Geschirre fort, setzten Stühle und Geräthe an Ort und Stelle, lüfteten und wischten, fegten und bohnten die Fußböden und säuberten jeden Fleck, dem sich beikommen ließ, bis nach einigen Stunden Alles so stattlich, prunkend und nobel aussah, als je vorher.
Endlich wurden die Oefen geheizt, die Fenster geschlossen, die Vorhänge niedergelassen, und wenn die Wirthschafterin bisher mit aller Strenge darauf gehalten hatte, daß kein Gepolter und Gelärm entstand, so kehrte nun die tiefste Stille in diese schönen, dämmernden Räume zurück, in denen das Geräusch des Lebens auf der Straße lange Stunden träumerisch wiederhallte.
Zehn Uhr war vorüber, als eine Flügelthür geöffnet wurde und eine junge Dame, fröstelnd in einen Morgenmantel gewickelt, hereintrat. Die Thür blieb offen stehen und zeigte einen Ecksalon mit Decken belegt; auf der Mitte des großen Tisches waren alle Vorbereitungen zum nahen Frühstück getroffen.
Dem Fräulein folgte eine Zofe, welche dienstfertig und geschmeidig die Vorhänge in dem Wohnzimmer aufzog und eine lustige Bemerkung machte, daß die Sonne schon bis auf die Straße gelangt sei.
Ist meine Mutter aufgestanden? fragte das Fräulein.
So eben aufgestanden, sagte das Mädchen. Auch der Herr Geheimerath waren schon munter. Friedrich mußte Erkundigung einziehen wegen des Skandals vor unserm Hause.
Nun, was ist es denn gewesen? fragte Fräulein Elise gähnend.
Ein paar Vagabonden, erwiederte die Kammerjungfer, die sich lange schon umhertrieben und an unserer Thür Posto gefaßt hatten. Wahrscheinlich hatten sie die Absicht, sich einzuschleichen und wenn Alles zu Ende war, unser Silberzeug näher zu besehen. — Die Schutzmänner nahmen sie ins Gebet, da schoß der eine Kerl eine Pistole ab, und richtig sind sie davongekommen.
Wie? davongekommen?
Es ist merkwürdig, sagte das Mädchen lachend. Der Eine ist verschwunden, wie ein Gespenst. Der Andere lief mitten durch Alle, die ihn halten wollten und schlug mit seiner Pistole Einen noch an den Kopf, daß er das Aufstehen vergaß. Ein Dutzend waren hinter ihm her, die Kirchstraße hinunter, wo er mit einem Satz über die Kirchhofmauer sprang. — Da standen sie nun wieder und besannen sich, denn nachspringen wollte und konnte Keiner. Endlich halfen sie sich hinüber, aber stundenlang haben sie mit Licht jeden Winkel untersucht und nichts gefunden.
Das Fräulein verließ ihre geschwätzige Dienerin, denn sie hörte die Stimmen ihrer Eltern im Nebenzimmer. — Der Geheimerath saß schon am Kaffeetisch, die Zeitung in der Hand, seine Gattin versenkte sich so eben an der andern Seite in den bequemen Polsterstuhl.
Der lange, hagere Herr, leicht ergrautes Haar um seine hohe Stirn, sein eckiges Gesicht mit hervortretender gerader Nase voll scharf ausgeprägter bureaukratisch stolzer Züge, bildete einen grellen Gegensatz zu seiner wohlbeleibten Frau, deren vollwangiges Antlitz einige kupferfleckige Stellen enthielt.
Nach der ersten Begrüßung trat ein Schweigen ein, während Elise Theil am Frühstück nahm, der Geheimrath weiter las und das Klappen der Tassen allein die Stille unterbrach.
Wird Gravenstein heut Vormittag kommen? fragte die Dame endlich, nachdem sie einige halblaute Worte an ihre Tochter gerichtet hatte.
Er hat es versprochen, erwiederte diese.
Nun, und? sagte sie mit einem lächelnden Blick, der Elisen erröthen machte.
Ich glaube beinahe, daß Du Recht hast, flüsterte diese.
Die Geheimeräthin lachte auf. — Du glaubst es beinahe, rief sie, wir haben nichts dagegen, Kind. Unsere Ansichten kennst Du. Gravenstein ist ein herrlicher Mensch, und Du weißt, was seine verstorbene Mutter, meine gute Cousine Clara, immer gewünscht hat. Deßwegen ist er gekommen, er hat uns überrascht.
Der Geheimrath legte die Zeitung auf den Tisch und mischte sich in’s Gespräch, als seine Tochter eine Antwort gab, die ihm nicht ganz zu gefallen schien.
Wenn Gravenstein nur gekommen ist, sagte Elise, weil seine Mutter es begehrte, würde ich mich doch sehr besinnen, meine Zukunft davon abhängig zu machen.
Possen, sprach der Geheimrath. Alfred ist viel zu selbstständig und starrsinnig, wie wir wissen, um etwas so wichtiges zu thun, wenn er es nicht aus Ueberzeugung thun will.
Aus wahrer Herzensneigung, fiel die Dame ein.
Meinetwegen, sagte ihr Gemahl, aber das kann ich Euch versichern, daß er nicht auf Wunsch der Verewigten gekommen ist, sondern weil ich ihn darum ersucht habe.
Du?! riefen Mutter und Tochter zu gleicher Zeit.
Ich, erwiederte der Geheimrath lächelnd, weil ich mit ihm eine für ihn wichtige Angelegenheit zu besprechen habe.
Welche Angelegenheit, Papa?
Vor der Hand ist das nichts für Euch, sagte Wilkau; übrigens ist es eine Geld- und Geschäftssache. — Alfred kam gestern eben noch zur rechten Zeit, um an dem Balle Theil zu nehmen. Heut Vormittag aber wird er nicht allein Dich, sondern auch mich besuchen. — Ich habe mit Vergnügen gesehen, daß er sich mit alter Freundschaft bei uns gefallen und mit Dir viel getanzt hat.
Er war der schönste Tänzer auf dem Balle, rief die Geheimräthin.
Nun, was das anbelangt, Mutter, erwiederte Elise spöttisch, so ließe sich wohl Manches dagegen einwenden.
Also ist er nicht der beste Tänzer, fiel der Geheimrath mit amtlicher Entschiedenheit ein. Ich glaube es gern. Alfred scheint mir zu schwer und zu ernsthaft, es mag sich mancher flinker drehen, Assessor Stephani zum Beispiel, aber darauf kommt es nicht an. Gute Tänzer, liebe Elise, sind nicht immer gute Männer. Ein Mann aber, der ein bedeutendes Vermögen und ein paar Rittergüter besitzt, mag immerhin ein schlechter Tänzer sein. —
Man kann es sich wenigstens gefallen lassen, lachte das Fräulein. Du hast ganz Recht, Papa.
Der Geheimrath legte über den Tisch fort seine Hand auf Elisens Arm und sagte freundlich blickend: Du siehst heute angegriffen aus, gestern blühtest Du wie eine Rose. Alfred war entzückt, wie er Dich sah; er sprach von Deiner prächtigen Entwickelung mit dem Feuer, dem man anmerkt, woher es stammt. — Du bist ein Schmetterling Elise, es kann jedoch kaum anders sein. Das Hofmachen verdreht allen Mädchen die Köpfe, und Du machst keine Ausnahme von der Regel. Ich wundere mich auch nicht darüber, daß man Dir zu gefallen strebt. Du bist jung, hübsch, lebhaft und bist meine Tochter, aber eines möchte ich Dir empfehlen. Zeichne keinen Deiner Anbeter ferner aus, auch wenn sie noch so schön tanzen und schwatzen; behandle den jungen Herrn Stephani wie Du unsern würdigen Hauswirth, den alten Rentier Zippelmann behandelst, das heißt, jeden in seiner Weise, wenn Du meinst, es sei wohlgethan, an ein ernsthaftes Einlassen mit Alfred zu denken. Er ist stolz, reizbar und von strengen Grundsätzen. — Unseren Segen hast Du auf jeden Fall. Alfred von Gravenstein ist ein junger Mann, wie es wenige giebt. Alle anderen Vorzüge abgerechnet, ist er ein gediegener Charakter; durchaus konservativ in jeder Beziehung, sowohl in der Liebe, wie in der Politik. Vielleicht geht er darin fast zu weit, selbst bis zum Extrem, denn er hat mit Wort und Schrift und That gegen die Umstürzer gekämpft, und sich nicht gescheut, seinen Namen bei allen Bestrebungen voran zu stellen. Dafür findet er jetzt die gebührende Anerkennung und, wenn er will, eine glänzende Zukunft. Ich weiß, daß er in die Kammer gebracht werden soll, wo er eine Rolle spielen wird. Seine Partei hofft etwas von ihm, seine Verwandten können ihn durch ihren Einfluß unterstützen; er kann leicht einmal in’s Kabinet kommen.
Ich zeige Dir das alles nur, Elise, fuhr er fort, als er sah, daß das Fräulein einige stolz lächelnde und nachsinnende Blicke auf ihn richtete, weil Du Verstand und Takt hast. Mische Deine Karten, Ihr Weiber versteht das; ich sage nur das noch: Von allen den jungen Herren, die hier umherschweben, weiß ich keinen, der solche Zukunft hätte. Stephani ist ein ehrgeiziger Kopf, aber sein Vermögen ist unbedeutend. Die Uebrigen kommen nicht weiter in Betracht. Bedenke also wohl, was Du thust. Ich lege Deinem Herzen keinen Zwang an, wünschenswerth würde mir diese Partie aber gewiß sein. Sie brächte mich auch politisch Personen näher, die alberner Weise mir manches nicht vergessen können, was sie nicht besser gemacht haben.
Hier wurde das Gespräch durch den Bedienten unterbrochen, der den Polizei-Kommissarius des Bezirks meldete.
Was will denn der? fragte der Geheimrath verdrießlich. Die Polizei ist ein Institut, ohne welches kein civilisirter Staat bestehen kann. Es ist ganz richtig: je mehr Polizei, je mehr wahre Freiheit, denn um so besser werden Verbrecher gefaßt und gestraft; aber dennoch ist mir persönlich alles was Polizei heißt zuwider. — Doch was hilft’s, laß ihn herein kommen.
Nach einigen Minuten trat ein breitschultriger starkbärtiger Herr herein, den der Geheimrath mit herablassender Freundlichkeit empfing.
Ich bitte um Entschuldigung, sagte der Kommissar, aber ich halte es für meine Pflicht, Ihnen einen Besuch zu machen, Herr Geheimerath.
Es betrifft die nächtliche Ruhestörung vor Ihrem Hause, fuhr er fort, als der Geheimerath mit einer einladenden Handbewegung antwortete.
Die beiden Vagabonden oder Diebe, fiel die Geheimeräthin erfreut ein. Sie haben sie also gefangen?
Noch nicht, gnädige Frau, erwiederte der Beamte, aber auf keinen Fall werden sie uns entgehen. Der Eine ist durch mehrere Hiebe verwundet worden, der Andere wahrscheinlich auch. Wir werden uns die größte Mühe geben, diese Verbrecher in unsere Gewalt zu bekommen, denn die Frechheit, eine Pistole abzufeuern und mit dem Kolben Löcher in Gesichter und Köpfe der Polizeiwache zu schlagen, ist noch nicht dagewesen.
Ich wünsche sehr, daß es Ihnen gelingt, ein Beispiel zu geben, sagte der Geheimerath, was mich jedoch betrifft, so weiß ich von den beiden Dieben nichts, auch nicht, daß wir bestohlen wären.
Ich komme eben deßwegen, sprach der Kommissar höflich, um Ihnen die Mittheilung zu machen, daß allem Vermuthen nach auch kein Einbruch beabsichtigt wurde.
Nicht? fragte Wilkau. Und was denn?
Ein Mord! erwiderte der Beamte.
Himmlischer Vater! schrie die Geheimeräthin auf. Wer sollte ermordet werden?
Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, beruhigen Sie sich, sprach der Kommissarius mit Selbstgefühl. Kein Haar soll Ihnen gekrümmt werden.
Darf ich um näheren Aufschluß bitten, was die mörderische Absicht der beiden Schelme beweist? fragte der Geheimerath.
Ich habe hier die Aussage des Mannes, der zuerst die Inculpaten bemerkte, beobachtete, festhielt und den Kampf mit ihnen begann. — Er zog einige Bogen Papier hervor und las:
„Gegen neun Uhr bemerkte ich zwei Männer, welche vor dem Hause auf und abgingen, und wohl eine Stunde lang trotz des bösen Wetters nicht vom Platze wichen. Es kamen immer noch Wagen, welche bei dem Geheimerath vorfuhren, und jedesmal sah ich, daß die Verdächtigen die Aussteigenden genau beobachteten. — Ich drängte mich in ihre Nähe, allein ich konnte von ihren Gesichtern wenig sehen, da sie die Kragen ihrer Ueberzieher bis über die Ohren hochgezogen hatten. — Ihr Flüstern aber und ihr ganzes Benehmen verstärkte meinen Verdacht. Endlich, es hatte eben zehn Uhr geschlagen, fuhr wieder ein Wagen vor, aus welchem ein großer schlanker Herr stieg, der schnell ins Haus ging.
Ist er das? rief der Eine mit gedämpfter Stimme. Der Andere nickte, hielt seinen Kameraden aber am Arm fest. — Laß mich los, fuhr der Erste fort, ich will ihm nach, ich treffe ihn auf der Treppe. Aber der Andere schien mich bemerkt zu haben, er zog ihn zurück und sagte flüsternd: Noch nicht, hier nicht!
Der Elende! rief nun der Erste, er tanzt, aber ich will ihm Musik machen. Sei sicher, der Verräther soll uns nicht entkommen. Bei diesen Worten gingen sie fort und über eine Stunde lang war nichts von ihnen zu sehen. Dann aber kamen sie nochmals vorüber, und da ich mit meinen Kameraden inzwischen Abrede genommen, vertrat ich den beiden Menschen den Weg und forderte sie auf, mich zu begleiten, was sie trotzig verweigerten.“
Das Uebrige ist bekannt, sprach der Kommissar. Es kommt aber nun darauf an, ob Sie, Herr Geheimerath, Ihre Frau Gemahlin oder das gnädige Fräulein sich nicht erinnern, wer von Ihren Gästen so spät gekommen ist?
Der Geheimerath warf einen raschen Blick auf Frau und Tochter, und zuckte die Achseln. — Es sind um zehn Uhr und gegen zehn Uhr mehrere Herrn gekommen, die ich nicht genau nahmhaft machen kann, sagte er.
Ist aber nicht Jemand dabei, der sich durch seine Gesinnung den besondern Haß wüthender Anarchisten zugezogen haben kann? fragte der Beamte.
Glauben Sie, daß es solche Subjekte waren? erwiederte der Geheimerath.
Der Eine trug einen Hut mit breiter Krempe und breitem Bande, der Andere soll einen dichten Bart rund um’s Gesicht gehabt haben. Man erkennt den Vogel an den Federn.
Herr Alfred von Gravenstein, sagte der Bediente eintretend, indem er dem Geheimerath eine glänzende Karte hinhielt.
Sehr willkommen, erwiederte dieser, doch halt! Führe den Herrn von Gravenstein in mein Zimmer, ich komme sogleich.
Es ist nichts! sagte der Geheimrath zu dem Beamten. — Wenn einer unserer Freunde wirklich von den mörderischen Drohungen fanatischer Schurken berührt werden könnte, so müßte es Alfred von Gravenstein sein. Ist er nicht etwas spät gekommen, Elise?
Gewiß, lieber Vater, er kam spät; ich glaube jedoch nicht, daß es zehn Uhr war.
Unsinn! fuhr der Geheimrath, die Hände reibend, fort. Gravenstein ist gestern erst hier angekommen, er ist seit Jahren nicht hier gewesen, wer sollte ihm auflauern? — Die ganze Geschichte scheint mir, offen gestanden, wenig auf sich zu haben; vielleicht kommt uns nähere Aufklärung durch weitere Nachforschungen und jedenfalls haben wir nichts mehr damit zu thun. Wir lassen die Damen Toilette machen, Herr Kommissar, sobald sich jedoch irgend etwas ermittelt, hoffe ich es von Ihnen zu hören, während wir in der Stille ebenfalls unser Heil versuchen wollen.
Nach einigen scherzenden Worten begleitete er den Beamten hinaus, aber im Vorzimmer hielt er ihn plötzlich fest.
Ich bin dennoch beunruhigt, sagte er, denn eine Möglichkeit ist allerdings vorhanden, daß die energische patriotische Gesinnung unseres jungen Freundes ihm wüthende Feinde gemacht hätte. Jedenfalls würde es gut sein, ihn genau zu beobachten.
Wo wohnt er? fragte der Kommissar.
Für jetzt noch im russischen Hofe, aber er wird heute oder morgen eine Privatwohnung nehmen.
Ich werde dafür sorgen, daß ihm keine Gefahr zustößt, sagte der Kommissar zuversichtlich.
Sie werden mich auf’s Erkenntlichste verbinden, erwiederte der Geheimrath, ihm die Hand drückend, wenn Sie bestmöglichst für ihn sorgen.
Er soll keinen Augenblick ohne eine Sicherheitswache sein.
Aber er darf nichts davon merken, fuhr Wilkau leise fort. Er ist stolz und empfindlich.
Seien Sie unbesorgt, flüsterte der Beamte lächelnd, er wird nicht ahnen, daß er keinen Schritt thun kann, ohne gut beschützt zu sein.
Und darf ich darauf rechnen, daß Sie mir Nachricht geben über Alles, was ihn betrifft?
Sie sollen jeden Morgen einen kleinen Rapport darüber erhalten, wie Herr von Gravenstein seinen Tag verlebte.
Vortrefflich, sagte der Geheimerath, dem Kommissar nochmals die Hand reichend, ich hoffe mich Ihnen erkenntlich zeigen zu können. Alfred von Gravenstein ist der Sohn meines theuersten Freundes. Er steht mir und meiner Familie sehr nahe. Ich darf meiner Frau und Tochter nicht die geringste Besorgniß erregen. Sie verstehen!
Ich verstehe vollkommen, sagte der Kommissar sich verbeugend.
Und ich kann mich auf Sie verlassen?
Auf’s Bestimmteste, Herr Geheimrath. Ich versichere nochmals, er soll keinen Schritt thun können, ohne daß wir es wüßten.
Der Geheimrath nickte ihm lebhaft zu, öffnete dann selbst die Glasthür des Corridors und ging mit Befriedigung nach seinem Zimmer.
Mein theurer Alfred! sagte er hereintretend und beide Hände dem jungen Herrn entgegenstreckend, der sich von dem Platze am Fenster erhob, wo er wartend mit einem Buche in der Hand gesessen hatte, entschuldigen Sie mich und so auch die Meinigen. Wir haben sämmtlich bis in den Tag hinein geschlafen. Wie ist Ihnen der Abend bekommen?
So gut mir Ungewohntes bekommen kann, erwiederte Alfred von Gravenstein. Ich bin heut in aller Frühe schon umhergelaufen, um eine für mich passende Wohnung zu finden, weil das Gasthausleben mir tief zuwider ist.
Sie sind ein Mann der Ruhe und Ordnung, lachte der Geheimrath. Ich erinnere mich, daß als Sie noch hier studirten und in unserem Hause wohnten, Alles in Ihrem Zimmer aufs Sauberste aussah und Ihre Pünktlichkeit bewundernswerth war.
Zu den Flüchtigen und Zerstreuten, das heißt, zu den liebenswürdigen Verwirrten habe ich nie gehört, erwiederte Alfred lächelnd. Ich halte den Sinn für Ordnung für Etwas, was mit dem Lebensglück der Menschen in engster Wechselwirkung steht. Eben dieser Sinn für Ordnung ist es, der den Meisten leider fehlt, daher die Unordnung, der Leichtsinn, die wachsende Verarmung, und so in Kettenschlüssen weiter: die wachsenden Verbrechen, die Eingriffe in die Rechte und das Eigenthum Anderer, der Aufruhr, der Verrath.
Sehr wahr, nur zu wahr! rief der Geheimrath, der diese Worte mit beifälligem Kopfnicken begleitete, aber wer will der Prophet in der Wüste sein, und was nützt es den Leidenschaften Weisheit zu predigen? Sie haben dazu die volle Energie gehabt, Alfred, haben sich dem Strom entgegengeworfen, haben Sie aber nicht dafür auch den Haß und die Rache einer ganzen Partei auf sich geladen.
Der junge Herr von Gravenstein lächelte verächtlich. Er schlug die Arme über seine breite Brust und hob stolz seinen Kopf auf, der nicht aussah, als wohne ein Gefühl der Furcht darin. Die hohe kräftige Gestalt sah ritterlich genug aus, um Helm und Harnisch seiner Ahnen aus dem vierzehnten Jahrhundert wieder umzuschnallen. Kurzes blondes Haar fiel auf eine eckige Stirn, unter welcher große blaue Augen glänzten, die nur zu starr blickten, um schön zu sein. Ein kurzer blonder Bart hielt Lippe und Kinn besetzt, und dies Gesicht voll entschlossener, fester Züge hatte etwas zurückschreckend Strenges und Hartes.
Die Feigheit dieser sogenannten Partei, sagte er, ist wenigstens eben so groß wie ihre Verworfenheit.
Nun, sprach der Geheimrath, es kommen doch noch immer Fälle vor, an denen man sieht, daß verwegene Bursche, die zum Aergsten entschlossen sind, der Rotte nicht fehlen.
Sie nennen das rechte Wort, erwiderte Alfred. Eine Rotte von Elenden aller Art soll uns jedoch nicht mehr beschäftigen, als unumgänglich nöthig ist.
Ich fürchte dennoch, fiel Wilkau lächelnd ein, daß Sie mancherlei mit ihr zu thun haben werden, eben weil es unumgänglich nöthig ist. Ich habe Sie in meinem Briefe darauf vorbereitet.
Sie haben mir geschrieben, sagte Alfred, daß die fünftausend Thaler, welche meine verstorbene Mutter dem Herrn Herzer geliehen hat, in Gefahr sind, verloren zu gehen, und mich aufgefordert, die nöthigen Schritte zu thun.
So ist es, gab der Geheimrath zur Antwort, und ich halte mich doppelt verpflichtet Ihnen beizustehen, weil ich es war, der Ihre Mutter bewog, das Geld herzugeben. — Es sind jetzt zehn Jahre her, Herzer war damals uns genau befreundet, er brauchte das Geld zur Vergrößerung seiner Fabrik musikalischer Instrumente, zum Bau einer Schneidemühle und Dampfmaschine, und da er ein eben so geschickter Künstler wie spekulativer Kaufmann war, trug ich gern dazu bei, Ihre Mutter zu bestimmen, ihm ein Kapital anzuvertrauen. Haben Sie die Schuldverschreibung mitgebracht?
Hier ist das Instrument in bester Form Rechtens, erwiederte der junge Mann. Das Kapital soll in zehn Jahren nicht gekündigt werden, es sei denn, daß die Zinsen nicht pünktlich erfolgen.
Haben Sie diese stets richtig erhalten?
Pünktlich und richtig bis auf Tag und Stunde.
Für das Kapital, fuhr der Geheimrath fort, bürgen alle Einrichtungen, Geräthe, Maschinen und Bestände der Fabrik, überdies aber sämmtliches Mobiliarvermögen des Schuldners.
Meine Mutter hat sich vorgesehen, sagte Alfred.
Nach Ablauf der zehn Jahre erfolgt die Rückzahlung, es sei denn, daß eine Verlängerung von beiden Theilen genehmigt wird. Hat Herzer bei Ihnen darauf angetragen?
Er hat bei seiner letzten halbjährigen Zinszahlung allerdings geäußert, daß es ihm angenehm sein würde, wenn ich eine Verlängerung eintreten ließe.
Und was haben Sie geantwortet?
Ich habe ihm im Allgemeinen geschrieben, daß ich keineswegs geneigt wäre, einem wackeren Manne Verlegenheiten zu bereiten.
Einem wackeren Manne! Freilich, wer wird das thun! sagte der Geheimrath, aber einem Betrüger wird man zuvorzukommen suchen.
Meinen Sie, daß Herzer an Betrug denkt? fragte Alfred betroffen.
Er ist ruinirt, erwiderte Wilkau, fassen Sie zu, wenn Sie etwas von Ihrem Gelde retten wollen. — Noch sucht er vor der Welt sich zu halten, seinen Schuldnern Sand in die Augen zu streuen, heimlich aber trifft er Vorbereitungen, sich in die Zufluchtshöhle aller Spitzbuben und Schufte, nach Amerika zu begeben. — Ein großer Transport kostbarer Instrumente soll in wenigen Tagen über Hamburg nach New-York abgehen. Angeblich will er dort ein Magazin errichten. Sein Sohn Felix ist mehrere Jahre jenseit des Wassers gewesen und vor einem Monate erst zurückgekommen. Vater und Sohn haben nun den allerliebsten Plan geschmiedet, erst was sie noch besitzen und dann sich selbst in Sicherheit zu bringen.
Und woher, fragte Alfred von Gravenstein, wissen Sie das Alles so genau?
Sein eigener Verwandter und früherer Kompagnon, unser Hauswirth, Herr Zippelmann, hat mir Eröffnungen darüber gemacht. — Es ist ein reicher, allgemein geachteter und angesehener Mann. — Hören Sie ihn darüber, er kennt Herzer am besten.
Ich habe eine andere Meinung von ihm gehabt, sagte der junge Mann. Er schien sehr thätig, unterrichtet und verständig zu sein.
Ich erinnere mich mit Vergnügen des Kreises dieser gebildeten Familie, die mir, so jung ich war, immer als ein Muster schöner Häuslichkeit vorschwebte. Den jungen Herzer habe ich wohl kaum einmal flüchtig gesehen, aber eine Tochter — wenn ich nicht irre, hieß sie Clara nach meiner Mutter, die sie über die Taufe gehalten — versprach ein ausgezeichnetes musikalisches Talent zu werden. Es thut mir daher doppelt weh, von Ihnen zu hören, wie übel es mit dieser einst so glücklichen Familie steht.
Es steht so, sagte der Geheimrath mit einem bösen Lächeln, daß Sie eilen müssen, wenn Sie etwas haben wollen.
Gravenstein schüttelte den Kopf, indem er einen scharfen Blick auf den Geheimrath richtete. Sie waren einst, wie ich denke, ein sehr vertrauter Freund des Mannes.
Ich war es, erwiderte Wilkau, so lange ich es sein konnte. Herzers Haus war lange Jahre lang äußerst angenehm; er selbst ein begabter Mensch. Kein Fremder von Talent und Namen kam hierher, der nicht bei ihm eingeführt wurde. Obenein galt er als vermögend und auf dem Wege zu großem Reichthum.
Um so mehr Grund für seine Freunde aus guter Zeit, fiel Alfred mit mühsam verhaltenem Unmuth ein, ihn zu stützen, als trübe Tage kamen. Ich kann mir denken, daß Herzer’s großes Geschäft durch den Aufruhr und die Handelsstockungen furchtbar gelitten hat.
Ganz gewiß, sagte der Geheimrath. Er steckte tief in verwickelten Geschäften als die Revolution losbrach, beschäftigte überdies eine große Zahl Arbeiter und kam in Wien bei dem Sturm und Brand zur Herstellung der Ordnung um ein Magazin, das von den Kroaten gänzlich zertrümmert wurde, ohne daß eine Entschädigung zu erreichen gewesen wäre.
Der arme Herzer! rief Alfred von Gravenstein. Das sind schwere unverschuldete Schicksale.
Was seine Schuld betrifft, fuhr der Geheimrath kalt lächelnd fort, so besteht diese darin, daß er sich mitten in die Wühlereien warf, Theil nahm an den wildesten Klubs und unter der Zahl der Schlechtgesinnten leider noch jetzt mit obenan steht.
Was sagen Sie da! rief der junge Baron mit geröthetem Gesicht.
Ich sage, erwiderte Wilkau, daß die ganze Familie wie aus einem Gusse ist. Der Sohn macht dem Vater den Rang streitig. Im Frühjahr, wo er hier war, machte er es so arg, daß man ihn fortschicken mußte, und ganz von demselben Stoffe ist das süße Clärchen.
Wenn es so ist, sagte Gravenstein düster blickend, dann freilich haben Sie Recht, dann wäre Mitleid Mitschuld. Es wäre mehr als Thorheit, sich betrügen zu lassen. Morgen läuft das Darlehn ab, ich werde es einfordern und mein Recht behaupten.
Und Beschlag auf Alles legen, ehe er sich besinnen kann, fiel der Geheimrath ein.
Auch darin haben Sie Recht. Ich werde Ihrem Rathe folgen.
So geben Sie mir den Schuldschein, sprach der Geheimrath, während seine Augen von lebhafter Befriedigung glänzten. Ich werde mit einem Freunde über die nöthigen Mittel sprechen, um Alles in Bereitschaft zu halten, damit er Ihnen nicht entgehen kann. — Und jetzt, theurer Alfred, kommen Sie zu Elisen herüber. Wir haben den ganzen Morgen von Ihnen gesprochen und sind glücklich, Sie wieder bei uns zu sehen. Nichts in der Welt hätte uns größere Freude machen können.
Der Geheimrath führte Alfred von Gravenstein in das große Wohn- und Empfangzimmer; als er jedoch die Thür öffnete, war seine Laune auf einen Augenblick gestört, denn er fand nicht, wie er erwartete, die Damen allein.
Zwei Herren unterhielten die Geheimräthin, während Elise am Tische sitzend in einem Hefte zu lesen schien.
Nun da ist Alfred, sagte der Geheimrath, zugleich nickte er dem Besuch freundlich entgegen und setzte dann hinzu: das trifft sich ja herrlich, Sie so früh bei uns zu sehen. Herr Professor Viereck, Herr Alfred von Gravenstein, Herr Zippelmann, unser lieber Freund und Hauswirth. Er deutete dabei auf die beiden Herren und auf Alfred, der die Vorstellungsverbeugungen kurz und steif erwiderte.
Herr Zippelmann, eine ziemlich hagere Gestalt, machte dagegen eine sehr unterthänige Reverenz. Sein kahler Kopf, der von grauen Haarstreifen bedeckt war, die aus dem Nacken aufwärts gekämmt, höchst kunstvoll und lebensgefährlich an den Ohren vorbei nach dem Scheitel aufwärts liefen, neigte sich so tief, als wollte er versuchen, ob es möglich sei, mit der langen, schmalen Nase die Stiefelspitzen zu erreichen. Sein Rücken blieb eine volle Minute dann in so horizontaler Richtung, daß Alfred von Gravenstein unwillkürlich lächelte, weil ihm die Geschichte einfiel, in welcher ein Fürst seinem devoten Minister aus Zerstreuung die Kaffeetasse auf den gekrümmten Rücken setzt und nach einer halben Stunde sie noch auf derselben Stelle findet. Er war überzeugt, daß Herr Zippelmann es ganz eben so gemacht haben würde, obwohl er diesmal nicht so lange aushielt, sondern mit einem Blinzeln aus seinen grauen Augen und einem einnehmenden Grinsen sich wieder aufrichtete.
Ganz unähnlich diesem höflichen Nachbar schien der Professor, ein im Hochgefühl seines Ichs schwelgender Mann zu sein. Er war klein und rund, eine gewaltige Silberbrille saß auf einer etwas dicken, aufgestülpten Nase, zu der sein röthliches, aufgedunsenes Gesicht vortrefflich paßte. Aber er trug sich stolz, und ein gewisses herausforderndes Wesen begleitete den kurzen stummen Gruß und den messenden Blick, welchen er auf Alfred warf.
Der Herr Professor ist so gütig gewesen, lieber Wilkau, sagte die Geheimräthin, uns die erfreuliche Nachricht zu bringen, daß unsere Weihnachtssammlung einen höchst günstigen Fortgang hat. Sie müssen wissen, lieber Alfred, daß wir in unserem patriotischen, konservativen Vereine den Beschluß gefaßt haben, unseren ärmeren leidenden Mitbürgern und deren Kindern eine Weihnachtsfreude zu machen.
Ein höchst edler und menschlich schöner Entschluß, erwiderte der junge Mann, indem er sich zu Elisen wandte.
An welchem die Damen mit ihrem schönen Mitleid das meiste Verdienst sich zusprechen dürfen, wie ich die Ehre habe zu bemerken, fiel der Professor mit einer pathetischen Handbewegung ein.
Wissen Sie was, Professor? sagte Herr Zippelmann sich grinsend die Hände reibend, es ist eine schöne Idee, ungefähr so wie die deutsche Einheit, Hehe! — Ist es nicht wahr, Herr Geheimrath, wie die deutsche Einheit? Ganz akkurat so wie die deutsche Einheit! Der Professor zuckte mit einem stieren Blick auf Herrn Zippelmann die Achseln. — Ich weiß in der That nicht, sagte der Geheimrath lachend, wie Sie Ihren Vergleich rechtfertigen wollen.
Hehe! sagte Herr Zippelmann, die deutsche Einheit war auch so eine Bescheerung für das deutsche Volk, das sich dazu freute, wie Kinder zum Christbaum, und von der Nichts übrig geblieben ist, gerade so wie von unserer Sammlung Nichts übrig bleiben wird, als das Gelüste, es möchte bald wieder Weihnachten sein und unsere Taschen sich dann noch etwas weiter aufthun.
Ich denke, fiel die Geheimräthin mit einem frommen Blicke ein, Jeder wird die Taschen so weit aufthun, wie er es immer vermag, um seine leidenden Mitbrüder zu unterstützen.
Die darauf ein heiliges Recht besitzen, wie ich die Ehre habe zu bemerken, rief der Professor, indem er eine rednerische Stellung einnahm und mit Würde umherblickte. Wir Alle sind die Söhne einer großen Mutter, die Kinder eines Vaters, der seinen Geschöpfen das Gefühl gegeben hat, glücklich zu sein. Leider gelingt dies aber Vielen nicht; so ist es denn Pflicht der glücklichen Brüder, ihnen die Hand zu reichen und sie emporzuheben.
Edle Grundsätze! sehr edle Grundsätze! sagte die Geheimräthin, indem sie Alfred anblickte.
Hehe! schrie Zippelmann grinsend dazwischen, sehr edle Grundsätze! Aber je mehr man giebt, je mehr soll man geben, und je schlechter die Aussichten, je schlechter sind die Menschen. Geben, herausgeben, theilen, ungerechten Mammon abnehmen, das nennen sie soziale Gedanken. Ich gebe recht gern, wenn es sein muß, aber ich sage Ihnen, was heut geschieht, um zu zeigen, daß wir unsere armen Brüder lieben, wird über’s Jahr von den lieben Brüdern gefordert werden und noch etwas dazu. Es ist akkurat so, wie mit der deutschen Einheit.
Sie vergessen, Herr Zippelmann, sagte der Professor stolz, daß es unsere Pflicht ist, den Verlassenen Trost zu bringen.
Sie zu wahren Menschen zu machen durch unser Beispiel, sprach der Geheimrath.
Sie zu uns zu erheben, wie der Professor so schön sagt, fuhr seine Gemahlin fort. Ihre Herzen der Tugend und der Liebe zu öffnen.
Ja, rief der Professor mit Energie, das ist die Aufgabe unseres Lebens: Liebe auszusäen, den Haß zu vernichten, brüderliche Gefühle in die Herzen zu bringen und einen Bund zu errichten, der uns Alle zu glücklichen Menschen, das heißt zu Kindern Gottes macht. Ich habe die Ehre Ihnen zu bemerken, daß ich manche meiner Freunde schon auf dem Wege fand, den Herr Zippelmann geht. Noch gestern äußerte mein Freund, der Oberst von Arnstein: alle unsere Vereine und Bestrebungen würden doch nichts helfen, und ein anderer meiner Freunde, Graf Buchholz, meinte, man verwöhne nur damit den großen Haufen, der uns an der Nase umherführe. Ich bewies beiden jedoch so eindringlich ihr Unrecht, daß sie mir mit tiefer Rührung die Hände reichten.
Hehe! sagte Herr Zippelmann, es ist aber doch wahr. Sie nehmen das Geld und die Geschenke und behalten ihre schlechte Gesinnung bei, nachher wie vorher. Die sitzt fest bei dem Volke. Es giebt nur Ein Mittel, um die Demokraten los zu werden, das besser ist, als alle Weihnachtsgaben. Ein einziges praktisches Mittel.
Welches Mittel? fragte der Professor angeregt.
Aufhängen! rief Herr Zippelmann vergnügt, einfach aufhängen! Hehe, was meinen Sie, Herr Geheimrath. Wüßten wir beide nicht ein Paar, die gleich baumeln sollten?
Das Sicherste wäre es jedenfalls, erwiderte Wilkau lachend, indeß muß ich dem Herrn Professor doch Recht geben, daß die sanften Mittel der Menschenliebe viele Verirrte und Irrende zur Wahrheit und Vernunft zurückführte. Mit den Unverbesserlichen wird man sich nicht einlassen, allein den Schwachen und Zagenden muß man die Hand reichen, ihnen muß man zeigen, daß ihre wiederkehrende gute Gesinnung Beistand und Hülfe zu erwarten hat. So betrachte ich unseren Verein und diese Weihnachtssammlung. Wir sind eine Art Freimaurerorden. Unsere Bundesbrüder haben Rechte an uns, wer zu uns tritt, muß Schutz finden. Er muß unsere Zeichen tragen, unseren Fahnen folgen, unsere Götter anbeten. Wollte man sich damit einlassen, Jedem zu geben, so würde ich es abgeschmackt finden, denn wir haben einen bestimmten Zweck bei unseren Wohlthaten.
Es fällt uns auch gar nicht ein, die Demokraten zu bestechen, sagte der Professor mit einem strengen Blick auf Herrn Zippelmann. Im Gegentheil, wir wollen mit diesem fabelhaften Wesen nichts gemein haben. Ich habe die Ehre, fabelhaft zu sagen, denn ich möchte wissen, was denn eigentlich ein Demokrat sei?! Ich weiß es nicht, rief er, sich auf die Brust schlagend, und wie Viele ich schon darnach gefragt habe, es weiß es kein Mensch. Die Demokraten wissen es am allerwenigsten.
Hehe! rief Herr Zippelmann, es ist Schade, daß Sie nicht vor einer halben Stunde etwa mich besucht haben, Professor Viereck, es war gerade Einer bei mir, der Ihnen eine gute Erklärung darüber geben konnte: der junge Herzer, Felix Herzer, Sie kennen ihn doch?
Der Professor wurde roth und stierte den Rentier wild an. Ich habe die Ehre Ihnen zu bemerken, sagte er dann stolz, daß ich mit der Gemeinheit mich nie befasse, sondern nur mit Leuten umgehe, die eine Debatte wissenschaftlich zu führen wissen. Mein Freund, der Baron Hellwitz, sagte neulich: Gott sei Dank, daß wir uns wieder gehörig waschen und mit Handschuhen in Gesellschaft gehen dürfen. Das haben wir endlich glücklich erreicht. Wir haben die Gemeinheit wieder in den Winkel gebracht und können das Sprichwort von Neuem anwenden: Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist. Er schleuderte einen seiner vernichtenden Blicke auf Herrn Zippelmann, der ihn schalkhaft angrinste und seine langen, magern Hände rieb, während der Professor von der Geheimräthin zum Fenster genöthigt wurde, wo sie ihn mit der Weihnachtssammlung beschäftigte, um den Streit abzubrechen.
Alfred von Gravenstein hatte während dieser ganzen Zeit am Tisch Elisen gegenüber gesessen und mit ihr Vielerlei halblaut und heimlich gesprochen. Ihre zahlreichen Erinnerungen aus früheren Tagen beschäftigten sie, Personen und Verhältnisse boten reichlichen Stoff, und Gravenstein hatte dabei Gelegenheit, die schöne Tochter des Geheimraths seiner kritischen Prüfung zu unterwerfen. — Elise war in der That eine glänzende Erscheinung. Groß und schlank, ein wenig blaß, aber die Hautfarbe durchsichtig klar und die graublauen Augen nicht ohne Feuer und Stolz, war sie aller ihrer Vorzüge und Ansprüche sich bewußt. Ihre fein gewählte Toilette war eben so einfach wie zierlich, und was Alfred immer bewundert hatte, den Reiz ihrer Unterhaltung, ihre lebhaften Fragen und Antworten und ihre muthwilligen Neckereien und Scherze, die von einem allerliebsten Lachen begleitet wurden, fand er im reichsten Maße wieder.
Ich wollte, sagte sie endlich halblaut bei dem Gezänk des Professors, wir könnten ungestört unsere Herzen ausschütten. Diese langweiligen Pedanten mit ihren Vereinen und politischen Salbadereien fangen an mir unerträglich zu werden.
Ei, erwiderte Alfred lächelnd, haben Sie gar keine politischen und patriotischen Sympathien, Elise?
Wie können Sie zweifeln, war die Antwort. Ich glaube wirklich, daß ich mir einiges Verdienst zuschreiben darf, meinen Vater von kleinen Abirrungen auf den rechten Weg geführt zu haben. Mir ist nichts widerlicher als das souveräne Volk und was damit zusammenhängt. Ich habe einigen Volksfesten und Volksbällen beiwohnen müssen, die mir den Geschmack auf immer verdorben haben.
Aber wenn ich nicht irre, sagte er mit einem spöttischen Zucken der Lippen, sind Sie durch diesen glorreichen Professor und seines Gleichen nicht sehr viel gebessert. Die konservativen Bälle und Feste um Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu veredeln und patriotisch heraufzubilden, sind nach den Beschreibungen, welche ich davon erhalten habe, auch nicht besonders einladend.
Elise nickte ihm lustig zu. Ich werde dafür sorgen, flüsterte sie, daß Sie nächstens selbst die Probe machen. Es ist herzzerreißend, aber es hat doch viel Komisches, zu sehen, wie Herren und Damen aus den feinsten Kreisen, die früher um keinen Preis sich in die Nähe dieser Handwerker und Arbeiter gewagt hätten, jetzt mit spartanischer Selbstverläugnung Geld, Zeit und sich selbst wegwerfen, um sie zu unterhalten, zu belustigen, zu erfreuen und in brüderlicher Vertraulichkeit bei guter Laune zu erhalten.
Wir werden auch darüber fortkommen, versetzte Alfred stolz lächelnd, indem er zu Zippelmann und dem Professor hinblickte, und solche Subjecte, wie diese da, nicht mehr brauchen.
Ich müßte mich irren, sagte sie lachend, oder Sie haben gegen dies würdige Paar, das mich oft schon köstlich belustigt hat, einen unverdienten Widerwillen gefaßt. Beide sind meine Verehrer und bringen mir Huldigungen dar, die mich stolz machen müssen.
Alfred betrachtete die schöne Dame mit tadelndem Ernst. Man soll mit Narren und Taugenichtsen auch nicht einmal Scherz treiben, sagte er.
O! Sie sind doch immer noch der alte Moralist, erwiderte sie; ich muß versuchen, Ihnen das abzugewöhnen. Um’s Himmels willen! Alfred! wir haben seit Jahr und Tag so viel von den ernsthaften Narren zu leiden gehabt, daß es uns wohl vergönnt sein kann, über die Gecken zu lachen. Fangen Sie keine Händel mit mir an, wie ehemals, fuhr sie fort, als er etwas antworten wollte. Ach, glauben Sie, mein theurer Freund, ich habe so viel Sorge um Sie, und möchte so gern Sie heiter und froh wissen, daß alle meine Laune vergeht, wenn Sie mich nicht augenblicklich wieder freundlich ansehen.
Ihre Augen begegneten sich und Alfred fühlte ein stärkeres Klopfen seiner Pulse. Er glaubte etwas in Elisens Blicken zu lesen, das einen überwältigenden Eindruck auf ihn machte. Ehe er jedoch zu seinem beglückten Lächeln das passende Wort finden konnte, legte der Geheimrath die Hand auf seine Schulter und winkte ihm geheimnißvoll zu. Einen Augenblick, lieber Alfred, sagte er, Sie sollen etwas Neues hören.
Kommen Sie hierher, fuhr er fort, indem er ihn zum Ofen führte, wo Herr Zippelmann so eben bequem angelehnt eine Priese aus seiner großen goldenen Dose nahm, die er wohlgefällig besichtigte. Sie sollen hören wie es Herzer macht. Sein Sohn ist heut bei Herrn Zippelmann gewesen: lassen Sie sich erzählen, was er wollte.
Ach, sagte Herr Zippelmann, mit einem wehmüthigen Blick auf Alfred von Gravenstein, ich höre mit Bedauern wie es mit Ihrem Kapitale steht. Sie haben keine Deckung, nicht die geringste Deckung, und wenn Sie nicht zufassen, gleich morgen bei richtiger Zeit, werden Sie wenig mehr finden, was sich der Mühe verlohnt zu nehmen.
Erklären Sie sich näher, wenn ich bitten darf, erwiederte Alfred.
Hehe! grinste Herr Zippelmann, indem er mit dem Zeigefinger zierlich auf seinem kahlen Scheitel kratzte: das ist wieder so eine Geschichte, grade wie von der deutschen Einheit. Ist es nicht wahr, liebster Geheimrath? Absolut, wie von der deutschen Einheit!
Der junge Edelmann warf einen stolzen und ungeduldigen Blick auf ihn. Ich habe gehört, daß der junge Herzer Sie heut besucht hat? sagte er.
Ich sage, es ist gerade so damit wie mit der deutschen Einheit, fuhr Herr Zippelmann ungestört fort; das heißt, es ist Schwindel und geht pleite. — Ist es nicht so, meine Herren? Hehe! auf mein Wort, es ist so.
Der Geheimrath hielt es für Zeit sich einzumischen, denn Alfred war im Begriff das Gespräch aufzugeben. Die Sache ist einfach die, sprach er leise, daß der junge Herzer in keiner andern Absicht unsern Freund aufsuchte, als um ihm Geld abzuschwindeln. — Herr Zippelmann ist mit Herzer verwandt; er ist früher sogar ein Theilnehmer des Geschäfts gewesen, hat sich aber zurückgezogen und ist so glücklich gewesen sein Kapital zu retten.
Ich merkte den Braten längst, hehe! sagte Herr Zippelmann, sich vergnügt die Hände reibend.
Herzer behauptete hierauf, daß sein Compagnon größere Summen aus dem Geschäft gezogen habe, als ihm gebührten. Es entstand ein höchst verwickelter Prozeß daraus, Rechnungen und Gegenrechnungen erforderten Vorsicht. Quittungen wurden beigebracht und bestritten und endlich ein Eid geleistet, worauf in letzter Woche Herzer abgewiesen und verurtheilt worden ist.
Alfreds Auge ruhte nachdenkend auf dem Rentier, in dessen magerem Gesichte ein höhnisches Lächeln von Falte zu Falte flog.
Nun denken Sie sich die Schlechtigkeit dieser Menschen, sagte er in seiner Weise grinsend. Vor einer Stunde kommt der Felix zu mir, also der Sohn, ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen. Er ist lange fort gewesen, ich habe ihn in Jahren kaum ein paar Male gesehen, aber im Sommer, als er damals sich hier aufhielt, hat er mich einmal auf’s tiefste gekränkt, denn ein gröberer, unbändigerer Bursche wird nicht leicht gefunden. — Sie wissen auch ein Lied davon zu singen, liebster Geheimrath, hehe!
Er kam, fiel der Geheimrath ein, um von Neuem die abgeschlagenen Forderungen geltend zu machen, oder doch eine Art Vergleich zu Stande zu bringen und wollte durch Vorstellungen etwas erreichen.
Hehe! rief Herr Zippelmann seine grauen Augen zukneifend, er wollte mich rühren, wollte mein Herz erweichen; stellen Sie sich vor, er wollte mich erweichen!
Das gelang ihm ohne Zweifel nicht, sagte Alfred von Gravenstein mit unverhehlter Verachtung.
Nicht einen Groschen, nicht einen Pfennig sollen sie haben, lächelte Herr Zippelmann sanft den Kopf schüttelnd. — Der Bursche erzählte mir höchst beweglich, daß sein Vater unverschuldet in großer Verlegenheit sei, daß seine Redlichkeit und übergroßes Vertrauen ihn dahin gebracht hätten, seine Aussichten aber sehr glänzend sein würden, wenn nur erst diese Krisis überstanden wäre. — Es ist Alles so wie mit der deutschen Einheit, hehe! gerade so wie mit der deutschen Nation, die auch mächtig und groß werden wird, wenn nur erst die Krisis glücklich überstanden wäre.
Nun, sprach der Geheimrath, der junge Herzer theilte Herrn Zippelmann mit, daß er in wenigen Tagen mit einem Transport schöner und kostbarer Instrumente nach New-York abgehen werde. Er bestätigte Alles, was ich Ihnen darüber schon mitgetheilt habe.
Und ich gab ihm meinen Segen, sagte Herr Zippelmann, wohlgefällig nickend. Amerika ist ein schönes großes Land, die ganze deutsche Einheit flüchtet sich dahin. Warum sollen die freien deutschen Bürger nicht dort ihre schwarz-roth-goldenen Kokarden tragen können? Aber Geld, um sie fortzuschaffen, habe ich nicht. Nicht einen Groschen, nicht einen Pfennig!
Die Hauptsache ist, flüsterte der Geheimrath, daß so viel feststeht, Herzer will, was er noch hat, fortschicken. Als Herr Zippelmann sich auf nichts einlassen wollte, wurde der junge Herzer grob und heftig, und überhäufte unseren redlichen Freund, der sich nicht beschwatzen ließ, mit Beleidigungen, die ihm übel bezahlt werden können, denn zufällig ist ein Zeuge in der Nähe gewesen.
Gott bewahre! sagte Herr Zippelmann sanftmüthig, ich will nicht klagen gegen den Bettler und Tagedieb, aber eine redliche Freude wird mein Herz erfüllen, wenn ich etwas beitragen kann, dem Herrn von Gravenstein zu seinem Gelde zu helfen. — Der Herr Geheimrath, fuhr er fort, hat mir den Schuldschein gezeigt, der wohl eine kleine Hoffnung geben kann, wenigstens Etwas zu retten, wenn man sich nicht irre machen läßt und den richtigen Weg einschlägt.
Was würden Sie mir also rathen? fragte Alfred.
Hehe! lachte Herr Zippelmann, seine langen Hände reibend, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, möchte Ihnen die Schuld abkaufen.
Das wäre vielleicht so übel nicht, fiel der Geheimrath ein.
Aus redlichem Gemüthe ist es gesagt, fuhr Herr Zippelmann fort, aber junge vornehme Herren sind selten geeignet solche Sachen zu betreiben, und bei aller Sorgfalt kann doch viel oder Alles verloren gehen. — Es ist ein Mann der Herzer, der in alle Schuhe paßt, aber es wäre zu versuchen, ich möchte beinahe um die Hälfte gehen. Wirklich ich könnte mich entschließen um die Hälfte zu gehen. Es ist auch so eine Geschichte, accurat wie die deutsche Einheit. Wenn man das ganze Reich nicht zusammenkriegen kann, nimmt man mit ein Stückchen Union vorlieb, kommt zuletzt mit der schönen Idee nach Haus, und verliert am Ende auch die unterwegs aus der Tasche. Hehe! Herr Geheimrath, was meinen Sie dazu?
Ich meine, sagte der Geheimrath, daß es hier allein auf den Willen des Herrn von Gravenstein ankommt, Ihren Vorschlag anzunehmen.
Aber der junge Freiherr schüttelte schweigend den Kopf.
Nun, wie Sie wollen, rief Herr Zippelmann süß grinsend; wie Sie wollen, Herr Baron, ich habe nichts dagegen. Zwei Tausend fünf Hundert Thaler will ich geben, baar, heut noch oder vielmehr sie können auf die Minute Geld bekommen. — Hehe! was ich für ein dummer Teufel eigentlich bin, will mich da mit Geschichten einlassen, die mich nichts angehen. — Also Sie wollen nicht, Herr von Gravenstein, oder wollen Sie?
Alfred schwieg noch immer, indem er Zippelmann betrachtete, während der Geheimrath sich zu ihm neigte und mit leiser Stimme sagte, Sie sollten es thun, aber vier Tausend fordern.
Ich thue es allein darum, weil ich ein Menschenfreund bin, fuhr inzwischen Herr Zippelmann fort. Wenn ich bedenke, daß Sie um Ihr Geld kommen sollen, fühle ich ein Mitleid in meinem Herzen, und bedenke ich wieder, daß Herzer die volle fünf Tausend Thaler bezahlen soll, bei seiner jetzigen Noth, so bin ich wieder davon ergriffen.
Sie wollen also eigentlich zum Vortheil Ihres Verwandten mir die Schuld abkaufen, um ihm zu dienen? fragte Alfred.
Freilich, rief Herr Zippelmann seine langen Hände faltend und einen andächtigen Blick nach oben sendend, das ist mein gutgemeinter Wille. Es ist eine sündhafte Familie, die von Gottesfurcht nichts weiß und ihr zeitliches und ewiges Verderben verschuldet. Aber dennoch werde ich thun, was ich thun kann, was zu ihrem wahren Besten gereicht.
Aus den kleinen glänzenden Augen des Wucherers drang ein triumphirender Blick, der zugleich so boshaft und doch so heuchlerisch demüthig war, daß er den Widerwillen des jungen Mannes nur verstärken konnte.
Ich danke für Ihr gütiges Anerbieten, sagte er kalt, ich werde die Schuld nicht verkaufen.
So, so! sagte Herr Zippelmann, ihm freundlich zunickend, das heißt Sie wollen die vollen dreitausend haben.
Auch die will ich nicht haben, fiel Alfred ein.
Ich glaube nicht, Herr Zippelmann, sagte der Geheimrath, daß es der Baron unter viertausend thut.
Meinen Sie? rief Herr Zippelmann. Aber der arme Herzer! Man muß doch einiges Mitgefühl haben selbst für Menschen, die es nicht verdienen.
Ich habe kein Mitgefühl für Menschen dieser Art, sprach Alfred. Es giebt für mich also keinen Grund mein Geld auch nur theilweis zu verlieren. Da Hoffnung vorhanden ist, daß ich bekommen kann was mein ist, so will ich dies selbst versuchen und danke Ihnen nochmals.
Sie haben Recht, grinste Zippelmann, ganz Recht Herr Baron. So wahr ich lebe, ich bin froh darüber. Fassen Sie ihn nur ordentlich an; Alles oder nichts! Gerade so wie die deutsche Einheit, Herr Geheimrath. Man muß nur zusehen, daß nicht etwa das Nichts übrig bleibt, wenn man die Hand aufmacht.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und ein noch junger Mann trat herein, dessen einnehmendes kluges Gesicht Alfred schon gestern bei dem Balle bemerkt hatte. Als der Geheimrath ihn Assessor Stephani nannte, erinnerte er sich auch des Namens wieder, aber eine dunkle Wolke schwebte an ihm hin, als er dem stattlichen Mann nachblickte, der die Damen mit zwangloser Feinheit begrüßte.
Der Assessor war ein junger schlanker Herr mit dunklen lebhaften Augen und geistvollen Zügen. Leicht gelocktes Haar lag auf seiner Stirn; er bewegte sich rasch und frei, seine Blicke hatten etwas Kühnes und scharf Beobachtendes, seine ganze Erscheinung aber etwas sehr Einschmeichelndes und Angenehmes. Es war unmöglich ihn nicht mit Wohlgefallen zu betrachten. Sein freies Gesicht mit dem einnehmenden Lächeln gab nicht allein Anlaß dazu, die feinen und gefälligen Formen trugen mehr noch dazu bei. — Was er sagte und erzählte hatte den Reiz der Frische, der unmittelbar anregt und belebt. Seine Fragen flogen nach allen Seiten: er wußte den ganzen Kreis zu beschäftigen und was er mittheilte war für Alle berechnet.
Alfred von Gravenstein hörte eine Zeitlang zu wie er den Professor aufs Lustigste aufzog und ihn zu einer Reihe lächerlicher Aufschneidereien verführte. Der Geheimräthin erzählte er in drolliger Weise eine Anzahl Klatschgeschichten vom Hofe, sammt Neuigkeiten aus der Stadt, und sprach dann mit Elisen von den Herrlichkeiten des Balles mit allerlei Neckereien und pikanten Ausfällen auf Personen, die er dazu ausersehen hatte.
Von Zeit zu Zeit fiel sein Blick auf Alfred und ging gleichgültig weiter. Während er alle Anwesenden erheiterte, selbst mit Herrn Zippelmann scherzte und die Einen auf Kosten der Anderen belustigte, stand Gravenstein steif und nachdenkend bei dem Wucherer, der noch immer nicht die Absicht aufgegeben hatte, den Schuldschein an sich zu bringen.
Wie sich Alles gut trifft und paßt, sagte der Geheimrath endlich. Da ist der Herr Assessor Stephani, ein Sohn des Präsidenten und ein so hoffnungsvoller junger Mann, daß er Gehülfe der Ober-Staatsanwaltschaft geworden ist. — Hören Sie einen Augenblick, lieber Assessor, rief er laut, ich möchte eine Frage an Sie richten.
Mit der freundlichsten Miene unterbrach der junge Herr seine Unterhaltung mit Mutter und Tochter. — Was befehlen Sie, Herr Geheimrath? fragte er lächelnd.
Zuvörderst weiß ich nicht, ob sich die Herren schon kennen, erwiederte Wilkau. Herr Alfred von Gravenstein. —