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Humoristische Erinnerungen
aus meinem
academischen Leben
in
Heidelberg und Kiel
in den Jahren 1817–1819

von

Theodor von Kobbe.


Erstes Bändchen.


Bremen,
Verlag von Wilhelm Kaiser.

1840.

Druck von F. W. Buschmann.

Meinen

Universitätsfreunden

voll unsterblicher

Erinnerung

gewidmet.


Inhaltsverzeichnis.

Vorwort. [I]
Erstes Kapitel. [1]
Zweites Kapitel. [13]
Drittes Kapitel. [39]
Viertes Kapitel. [79]
Fünftes Kapitel. [105]
Sechstes Kapitel. [126]
Siebentes Kapitel. [145]
Beglaubigte Abschrift der Protocolle, gehalten in der Abgeordneten-Versammlung zu Jena. [187]

Vorwort.

Smollis Ihr Herren!

Während des Drucks der ersten acht Bogen brauchte ich die Wasserkur in Gräfenberg. In dieser Zeit ist mir auf dem grünen Felde der Erinnerung mancher ärgerlicher Druckfehler erwachsen und leider! keine Zeit zur totalen Vertilgung durch Umdruck, der nur partiell geschehen konnte, mehr vorhanden. Vor allen Dingen bitte ich Seite 19 Zeile 14 und Seite 34 Zeile 9, negierend statt regierend, S. 20. Z. 12, Hirschhorn für Hirschhern. S. 16. Z. 21, Choragen für Choragee. S. 151. Z. 21, Jena’s für Jonas zu lesen, und hie und da sogar ein Wort zu suppliren.

Ihr lieben Commilitonen werdet mir dies schon vergeben, und da Ihr wohl instruirte Leute seid, doch das Richtige heraus lesen. Aber auch von Euch, Ihr gestrengen Recensenten! und von Euch, Ihr griesgrämlichen Philister! und vor Allen vom wohlgesinnten Leser erbitte ich mir Amnestie, welches ja auch ein so schöner gesuchter Artikel unserer humanen Zeit ist. Ich wende mich vertraulich an Euch alle und es ist mir schon als ob meine Ohren die gewünschte Antwort vernehmen:

Fiducit!

Oldenburg
im Großherzogthum Oldenburg
im August 1840.

Theodor von Kobbe.


Erstes Kapitel.

Weinheim. Graf M. — J. Der Hecht. Thibaut. Der badische Hof. Die Burschenschaft. Ms. Duell. — Js Rappierjunge.

»Wie heißt diese Station?«

»Weinheim. — Sie ist die letzte vor Heidelberg.«

»Nun dann ist das Ziel der Reise bald erreicht. Nicht wahr M. und J. darauf wollen wir eine Flaschen leeren?«

M. nickte bejahend. J. sagte burschikos: »Das ist klar, das ist Natur.« Ich: »Herr Postmeister! Wir bitten um eine Bouteille Wein.«

»Ich habe keine Schenke meine Herren! Ein Glas Wasser steht zu Dienst,« lautete die Antwort.

»Wasser das ist klar, das ist Natur!« bemerkte ich J. parodirend.

»Und denn will sich der Ort noch Weinheim nennen. Die einzigste Station von Hamburg her, wo einen nicht einmal schlechter Wein gereicht wird. Wasserheim sollte es heißen.« rief J. verdrießlich.

»Sie können es in Heidelberg nachholen,« lächelte der Posthalter, als wir die mit Extrapostpferden bespannte Chaise bestiegen um zu dem Ort unserer Bestimmung zu gelangen.

»Der Philister will witzig sein und hat nicht einmal Wein, was der schlechteste Witz von der Welt ist,« brummte J. in sich hinein.

Graf M. und ich hatten die Hamburger Schule besucht. — Wir waren dort Freunde und Studiengenossen gewesen. Er hatte einigen Freunden und mir ein Collegium über den Homer, ich den Herrn eins über den Terenz gelesen. Gleichwol stand ich ihm an Schulkenntnissen weit nach. Unser dritter Reisegefährte war ein gewisser J. aus Westphalen, der auf der Altonaer Schule erzogen war und sich zu uns gesellt hatte.

Das erste was wir nach der Ueberfahrt über die Elbe außer Solavee, der Guirlande Haarburgs, sahen, waren drei Maulthiere, die ein alter Kerl vor sich her trieb.

»Maulthier,« so heißt ein Exprimaner der zur Universität geht, in der Burschensprache.

Wir beschlossen den Studententitel zu erfrühen. Nach langen Debatten war derselbe jedoch nur unserm Freunde J., welcher früher auf der Kieler Schule gewesen war, und seinem rothen mit Höllenstein gefärbten Backenbart, wie einem erst kürzlich überstandenen Nervenfieber sein älteres Aussehen verdankte, — und zwar dahin bewilligt, daß er behaupten dürfe, ein halbes Jahr bereits in Kiel studirt zu haben.

J. hatte dies oft auf der Reise zu der Bemerkung benutzt, daß wir junge Schüler seien, welche er auf die Universität führe. Dazu hatten wir schweigen müssen. Allein Nemesis rächte uns.

Als wir den Lutherberg hinter Hannoversch Münden, aus Mitleid gegen unsere Pferde zu Fuße erklommen, sahen wir einen kräftigen Mann von mittleren Jahren, der es, wie wir, mit seiner Chaise machte.

»Wenn ich nicht irre, sind die Herren Studenten,« rief er uns zu.

M. und ich schoben J. als solchen vor. Von uns selbst berichteten wir die Wahrheit, daß wir nur noch burschikose Embrionen seien.

»Lassen Sie uns die Reise gemeinschaftlich machen, wenigstens bis Marburg, wo ich meinen Vater besuchen will. Ich zahle für zwei Pferde das Postgeld, wir lassen dann viere anspannen und fahren mit sechszehn Beinen,« beanfragte der Fremde.

Wir acceptirten diesen annehmlichen Vorschlag und fanden auch später keinen Grund dies zu bedauern. Unser Reisegefährte war der Professor Bucher aus Erlangen, ein Mann von Kopf und Herz, dem ich hier das Zeugniß geben muß, daß ich keinen seiner Collegen kennen gelernt habe, der mir so liebenswürdig vorgekommen ist wie er. — Ist es mir doch noch, wie gestern, daß er mir das Städchen vom Wagen uns zur Linken zeigte, in welchem er seine jetzige Frau zum ersten Male gesehen hatte. Seine Züge verklärten sich schon beim Anblick des Kirchthurms, jede Miene seines Gesichtes wurde zum Liede. Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn ein kräftiger Mann in der Erinnerung an die göttliche Zeit der Ideale schwelgt.

Der an Menschenkenntniß reiche Professor hatte uns bald durchschaut. J. hatte er durch die lustigste Folter von der Welt, indem seine peinliche Frage hauptsächlich in einer Erkundigung nach den Collegien, die J. gehört haben wollte, bestand, — zum Geständniß seiner noch nicht geschehenen Immatriculation gebracht. Er hatte ihm darauf das Prognosticon eines armen Renommisten, der noch manche Unannehmlichkeiten in der Welt bestehen würde, gestellt. Dem Graf M. sagte er eine hohe Stellung in der Welt voraus, die dieser auch jetzt einnimmt. —

Was er mir verkündete, ist erst theilweise eingetroffen. — Sobald es Alles in Erfüllung gegangen ist, will ich den Seher loben. — Aber das sagte ich ihm damals voraus, daß ich seiner Liebenswürdigkeit ewig gedenken, und daß, wenn ich einmal das Glück haben würde, ein Schriftsteller meiner Universitätsjahre zu werden, ich dieser unserer Reise mit Dankbarkeit gegen ihn öffentlich gedenken wollte.

Ich habe hiermit mein Versprechen erfüllt.

Wir fuhren die Bergstraße hinauf unter blühenden Bäumen. Die Natur hatte ihre reizendsten Gewänder angelegt. Wie pupperten unsre Primanerherzen vor Freude! Ich begreife noch zu dieser Stunde nicht, das mir das meine nicht vor Lust gebrochen ist.

Ich sang in Einem fort Studentenlieder bis ich vor Heiserkeit nicht weiter konnte. —

Da ertönte plötzlich ein Ha! aus jeder Kehle.

Wir waren um die Ecke bei Neuenheim gebogen. Wir hatten Heidelberg erblickt, an das Gebirg gelehnt, zu seinen Füßen den munter dahin fließenden Neckar, auf seinem Haupte die Schloßruine als Krone, die Umgebungen, überall mit Weinbergsträußern geschmückt.

Der Eindruck war unbeschreiblich.

Der Postillon führte uns zum goldenen Hecht, auf ausdrückliches Verlangen unsers Freundes J., der sich aus Zarachias Renommisten der Stelle:

»Zum blauen Hecht trug ihn Kalmucks geschwinder Lauf.«

dabei erinnerte.

M. und ich kleideten uns an, um Thibaut aufzuwarten. J. ging seiner Wege, ich glaube er wollte sich nach den Befugnissen der Polizei in Heidelberg erkundigen.

Thibaut, ein genauer Freund von Ms. Vater empfing uns sehr freundlich in seinem Garten. Er selbst war Enthusiast für die Gegend und das Klima Heidelbergs.

»Fühlen Sie einmal die Luft.« das waren die Worte, womit er uns mit ausgestreckter Hand anredete.

Später ging er mit uns und zeigte M. die für ihn gemiethete Wohnung. Dann miethete er für mich bei dem alten Licentiaten B... in der Mittelbadgasse ein Logis. Noch denke ich mit Schauder an die drei bildhäßlichen Töchter des Hauses, sie kommen mir wieder im Schlaf vor, wenn ich Unverdauliches gegessen habe.

»Sie bezahlen eigentlich eine Pistole zuviel,« lächelte der Geheimerath, »allein sie können die Häßlichkeit der Töchter auch wieder höher als eine Pistole anschlagen.«

Ich bin Thibaut wohl für seine Artigkeit und für seine väterliche Präventionstheorie, nicht aber für dies Quartier dankbar. — Ich habe viel Verdruß durch meine Leichtgläubigkeit gehabt, — doch weg mit allen Klatschereien, sie sind alle todt, requiescant in pace.

Von den ersten drei Tagen meines Burschenlebens in Heidelberg weiß ich fast nichts mehr zu referiren. Es flimmert mir sogleich vor den Augen, wenn ich daran denke. Ich lebte den Zustand eines opiumberauschten Türken.

Ich war den ganzen Tag über auf den Burschenkneipen, studirte jedes Gesicht und versuchte mit Jedem ein Gespräch anzuknüpfen, was gerade im Anfang jedes Semesters leicht wurde, besonders da alle Partheien einen Neuling an sich zu ziehen suchten. Ich war alle drei Abende nacheinander bei Thibaut eingeladen, ließ mich aber jedes Mal entschuldigen.

Graf M. sprach ich täglich nur einige Minuten. Er hatte sich in den ersten Tagen größtentheils bei Thibaut aufgehalten, dann aber die Kneipe seiner Landsleute, die damals zu den Westphalen gehörten, besucht, auch auf besondere Verwendung dieser, mit ihnen den Mittagstisch genommen.

Es war nämlich im Frühling 1817 eine halbe Hungersnoth in Heidelberg. Mancher arme Schelm wurde mit Gras im Munde, am Hungerstod gestorben, im Walde gefunden. Ein Laib fast ungenießbares Brod von vier Pfund, kostete 40½ Kreuzer, die Kreuzerwecke konnte mit unbewaffnetem Auge fast nicht wahrgenommen werden. Alle Studententische waren geschlossen, da die Wirthe, welche Schaden bei dem gewöhnlichen Pränumerationspreise hatten, zwar in Erwartung einer guten, später auch eintretenden Erndte, zwar diesen nicht erhöhen aber auch nicht mehr Abonnenten haben wollten.

Eine travestirte Laona irrte ich mit meinem Hunger von Table d’hote zu Table d’hote umher. Ich mußte zwei Monate in den Gasthäusern wie ein durchreisender Fremder täglich einen Gulden für mein Couvert bezahlen bis Herr Hellwerth, der Wirth des Badischen Hofes, mich als wirklichen Stammgast um einen ermäßigten Preis, und wahrlich nicht zu seinen Schaden, annahm. —

Wenn ich mit M. zusammen kam, so lenkte sich das Gespräch natürlich bald auf die wichtige Frage, ob wir überall in eine und in welche Verbindung wir treten wollten. — Ich hatte von den Burschenschaftlern die Arndtschen Lieder:

»Was ist des Deutschen Vaterland?«

»Sind wird vereint zur frohen Stunde!«

so wie das Körnersche:

»Wie wir so treu beisammen stehn.«

gehört, jede Faser meines Leibes war von dieser Vaterlandsglut durchströmt, nur in der Burschenschaft glaubte ich mein Heil finden zu können. —

Ich eröffnete dies M.

Dieser aber erklärte, bei dem Glauben seiner Landsleute bleiben und das Grün-Schwarz-Weiß der Westphalen zu seiner Leibfarbe machen zu wollen.

Ich trat in die Burschenschaft.

Unser Umgang wurde dadurch seltener, jeder war für seine Verbindung zu sehr enragirt, indessen M. noch viel mehr als ich. —

Ein Jahr später sah ich auf der Hirschgasse meinen Freund M., mit einer klaffenden Wunde in der Brust. — Ein feindlicher Burschenschaftschläger, geführt von dem trefflichen S. aus N., war ihm zwischen der dritten und vierten Rippe in die Seite gefahren. Er sah mich mit seinen sterbenden Blicken traurig aber mit Freundeszärtlichkeit an. Das Ganze war um einen nichtswürdigen Kerl hergekommen und Ms. Duell mit eine sogenannte Nachstürzerei, in welche auch ich verwickelt war.

Die Mißverhältnisse mit den Landsleuten, die nothwendige Vermeidung einer Rührung, machten es unmöglich zu ihm zu gehen.

In derselben Stunde verließ ich von Schmerz zerknirscht mit S. aus verschiedenen Thoren Heidelberg. Es war mir unmöglich mit dem tödtlich verwundeten Jugendfreunde in Einem Ort zu leben ohne ihn sehen zu können. Ich floh nach Rastadt, wo ich jeden Morgen durch meinen treuen Freund v. P. ein Gesundheitsbulletin über M. empfing.

Ich verlebte eine höchst qualvolle Zeit. Noch jetzt habe ich einen Brief von v. P., an einen andern in Rastadt Lebenden in Händen, der die Furcht ausspricht, ich würde vor Schmerz verrückt werden.

Sein Gegner S. lief bewußtlos nach Rheinbaiern. Er sank hier unter einem Apfelbaum und schlief ermüdet ein. Hier erschien ihm ein Engel im Traum und sprach zu ihm: »Dein Gebet wird erhört, M. wird genesen. Kehr zurück nach Heidelberg.«

S. that wie ihm der Engel geheißen.

Chelius aber hat ein Meisterstück an M. verübt. Nachdem er fast zwei Jahre an derselben hoffnungslos gelegen und seine Brust täglich eine Masse Eiter ergossen hatte, ist M. ein starker kräftiger Mann geworden.

Erst, als er gerettet war, durfte ich ihn wieder sehen.

Hol’ der Teufel Landsmannschaft und Burschenschaft wenn die solche Freunde kosten, dachte ich, und denke seitdem noch so. —

Unserm dritten Reisegefährten J. erging es wie Bucher vorhergesagt hatte. —

Er war kaum vierzehn Tage in Heidelberg, als er sich gegen einen alten Burschen einen unanständigen ledernen Witz über dessen Schwester, die er gar nicht kannte, erlaubt hatte.

R — bemerkte »Fuchs, solch ein schnöder Witz ist einen Rappierjungen werth.«

Unter dem Wort Rappierjunge versteht man ein Duell mit ungeschärften Rappieren.

»Ich wette«, versetzte J., welcher sich viel darauf zu Gute that, einigen Fechtunterricht von einem Dänischen Unterofficier in Altona erhalten zu haben, »daß ich Dir eher zwei Hiebe beibringe, als Du mir einen.«

»Du Fuchs!« lachte N.

N. war der beste Schläger in Heidelberg. Er dachte sich es doch ein wenig sicher nehmen zu müssen, damit der Fuchs ihn nicht blamire. Er nahm ihn daher sich »sûr« wie die Studenten es nennen.

Beide traten auf die Mensur. J. schlug eine Terz. N. parirte und schlug eine Quart nach. »Herr Jesus!« rief J.

N. hatte ihm fast alle Zähne, seine einzige physikalische Zierde, aus dem Munde geschlagen.

Die meisten Nerven lagen entblößt. Er hat, so lange er in Heidelberg war, entsetzlich am Zahnweh gelitten.

Wo J. geblieben ist, weiß ich nicht.


Zweites Kapitel.

Göthe, Ludwig Robert, Carl Thorbecke, Massenbach, August Wilhelm Schlegel, Jean Paul, Martens, Heinrich Voß, Joh. Heinrich Voß, Wambold, Morstadt, Uexküll.

Zu den Fremden, welche gar oft Heidelberg besuchten, gehörte auch Göthe, den ich freilich nicht mehr dort gesehen, weil er, wenn ich nicht irre, zum letzten Male im Jahre 1815, das Neckar-Athen besucht hatte. — Göthe, daran gewöhnt von allen Dingen Nutzen zu ziehen, sowohl von der Natur als wie von der Kunst, hatte die Huldigungen, welche die Professoren seinem großen Genius brachten, sofort dazu benutzt, sich von jedem irgend ein Collegium lesen zu lassen. Der Mephisto, sit venia verbo, hatte die Gestalt des Schülers angenommen und sich, indem er nur lernte, nicht aber lehrte, fortwährend, so zu sagen, geistig tractiren lassen. Als ich dem Dichterfürsten im Jahre 1818 in der Tanne vor Jena aufwartete, schien er mit einiger Wärme nach dem Professor Schelver, dem damals renomirtesten Magnetiseur in Süddeutschland sich zu erkundigen, von dem ich noch später reden werde.

Was aber Göthe wol am Meisten nach Heidelberg gezogen hat, das mögen die Boißeréeschen Bilder gewesen sein, welche er stundenlang, mit dem innigsten Entzücken betrachtet, und oft in Bezug auf ihre Urheber ausgerufen haben soll: Das waren noch Dichter! Bei dieser Gelegenheit mag eine wenig, vielleicht nur durch meine Humoristischen Blätter bekannt gewordene Erzählung hier einen Platz finden, welche der geschwätzige Erklärer der Boißeréeschen Bilder, Herr Bertram, bei Vorzeigung eines Gemäldes, sicher mehr aus einer localen Erinnerung, als aus Causal-Zusammenhang, denn das Bild stellte den Tod der Maria vor, zum Besten zu geben pflegte:

»Zu der Zeit, als die verbündeten Heere in Frankreich auf ihren Lorbeeren ruhten, war Göthe, wie fast alljährig in jener Zeit, bei uns in Heidelberg zum Besuch. Eines Morgens, als der Alte noch im Bette lag, wurde ihm ein Preußischer Officier, einer seiner blindesten Enthusiasten, gemeldet. Er habe, ließ er den Poeten sagen, einen Umweg von zwanzig Meilen gemacht, um seinen Lebenswunsch »Göthe von Angesicht zu Angesicht zu schauen,« erreichen zu können. Wolfgang erklärte aber rundweg, er wolle den Fremden nicht sehen. Der Officier wiederholte den achselzuckenden Kammerdiener seine Bitte mit dem Anfügen, daß seine Bewunderung des Dichterfürsten ihm die schwerste Strafe zuziehen könne, wenn sein Abweichen von der Marschroute an den Tag käme, er rührte durch seine Mienen den Kleinbotschafter sogar, der wiederholt für den envagé seines Herrn bei diesem interredirte, alle Versuche waren aber vergebens. Göthe blieb regierend im Bette liegen. Da verkehrte sich seines Verehrers Liebe in Zorn. Zur Seite stieß er den Kammerdiener, dann eilte er mit gezücktem Schwerdte an des Dichters Lager, indem er ausrief: »»Noch hab ich jede Schanze auf die ich losstürmte gewonnen, und das Bett eines eigensinnigen Poeten sollte mir verborgen bleiben.«« Was that der erstürmte Göthe? Kaum trat der Officier an sein Lager, als bald durch die heilige Nähe des Sehers, wie durch die Erreichung seines Wunsches calmirt, als der Herr Geheime Rath anfing, successive dermaßen Gesichter zu schneiden, daß der Krieger, der ohnehin nicht lange warten konnte, nur die Züge eines Grimaciers, nichts aber von den Göttermienen des Verfassers der Iphigenia, des Tasso’s und des Faust’s erkennen konnte.«

Zu den interessantesten Literaten seiner Zeit ist Ludwig Robert gewiß mit Recht zu zählen. Von jüdischen Eltern geboren, der Bruder Rahels, hatte er eine sehr sorgfältige Erziehung genossen und war vor allen Dingen ein gründlicher Denker, wenn er gleich noch im Fichteschen »Ich« befangen war. Die Wärme des Christenthums hatte sein Herz durchdrungen, er war ein wohlwollender uneigennütziger Mensch. — Welch einen gewaltigen Einfluß aber die ersten Eindrücke der Jugend auf uns äußern, davon gab er mir einmal ein scherzhaftes Beispiel. »Mein Vater war sehr reich,« erzählte er mir eines Tages, »indessen war die Wohlthätigkeit meiner Mutter unverhältnißmäßig viel größer, als des Vaters Vermögen. Sie gab ohne sein Wissen, jährlich wol tausend, ja was will ich sagen, tausend, gewiß eilfhundert Thaler an die Armen« — Ein geborner Christ, nicht als ob die Wohlthätigkeit nicht mehr bei den Juden zu Hause wäre als bei uns, hätte unmöglich soviel arithmetische Reflexionen in einen solchen Passus gebracht, sein Klimax wäre gewiß von tausend auf zweitausend, und wenn er selbst Mann vom Fach, Kaufmann gewesen wäre, doch wenigstens auf funfzehnhundert gestiegen. —

Als Robert Heidelberg verließ, bat ich ihn um ein Stammblatt, und zwar um einige Verse. Er antwortete mir: »Einen schlechten Spruch in Versen für Sie zu schreiben, geziemt uns nicht.«

»Zur Nutzanwendung mögte der 38jährige gern dem 19jahrigen etwas aufzeichnen, aber das, was er ihm am Liebsten in der Art sagte, darf er ihm nicht sagen; daher wird Robert, weil er Kobbe sehr lieb gewonnen hat ihm zuweilen schreiben und sich nach seinem Thun und Treiben freundlich und herzlich erkundigen. Glauben Sie mich nie unwahr.

Ihr Robert«

Heidelberg, den 31. Decbr. 1817.

Robert war meinen poetischen Bestrebungen sehr gewogen. — Freilich demüthigte er mich auch oft, indessen hat er mich dadurch von jedem schriftstellerischen Hochmuth bewahrt. So besinne ich mich unter Anderm, daß er mir zwei Akte eines von mir geschriebenen Trauerspiels mit der niederschlagenden Ermunterung zurück gab! »Schreiben Sie frisch darauf los, noch sechs solche Trauerspiele, verbrennen Sie aber ja alle, dann werden Sie Glück mit dem siebenten haben. Wenn nur alle jungen Dichter diese Sybillenweisheit beherzigten.«

Es ist mir allezeit auffallend gewesen, warum die Schriften Ludwig Roberts so wenig Epoche gemacht haben, und selbst jetzt selten genannt werden. Das Erste läßt sich am leichtesten begreifen. — Denn in der Zeit seiner meisten Productionen war das Publicum nur ganz Jahnisch und Arendtsch; ein Poet durfte nur Körnersche Lieder vor die Augen der Leser bringen. Roberts »Kämpfe der Zeit« erregten einen rauschenden aber bald verklingenden Beifall. Von seinen dramatischen Sachen hat sich »die Macht der Verhältnisse« fortwährend auf der Bühne erhalten. Obgleich unsere chinesischen Vorurtheile keineswegs sich verringert haben, vielmehr in trägen Frieden sich tagtäglich vergrößern, das Stück mithin nur zu sehr die Interessen des Tages anregt, woher auch seine fortwährende Geltung rühren mag, so ist in demselben doch kein tragisches Element zu finden. Die Miserabilitäten der Standesvorurtheile zu bekämpfen, dafür haben wir das Lustspiel, dessen Haupttypus immer der sich aufblähende, einem Ochsen gleichen wollende, und endlich zerspringende Frosch bleibt. — Wenig bekannt ist Roberts Drama »die Gleichgültigen oder die Nichtigen,« ein kostbares Lustspiel, was wahrscheinlich nur um seiner treffenden Wahrheit willen, und weil es alle Stände unerbittlich züchtigt, sich nicht ein Beifall zollendes Publikum erworben hat.

An der Wirthstafel des Badischen Hofes zu Heidelberg lernte Robert in demselben Jahre seine künftige Gattin kennen, das schönste Weib, das meine Augen je erblickt haben. Die Ironie des Schicksals hatte diese Dame, ein würdiges Modell zu einer Madonna, in traurige unwürdige eheliche Verhältnisse gebracht, von denen Robert sie nicht ohne große pecuniäre Opfer erlößte. — Die schöne Frau wurde dadurch zum dankbaren Clärchen gegen ihren Erretter. Noch später hat mir die liebenswürdige Haizinger, ihre getreue Freundin, von der schwärmerischen Liebe erzählt, womit die Gattin Roberts an ihn hing. — Ihr Herz brach mit seinen Augen, wenige Tage nachher wurde auch sie zur Erde bestattet. Von freudigen Gedanken an das Wiedersehn des liebenswürdigen Ehepaars erfüllt, vergesse ich nie die Erschütterung, welche die Antwort einer weinenden Frau in mir hervorbrachte die ich bei der Annäherung des Leichenzugs um den Namen des Todten befragte. »Es ischt halt ä Engel die Wittwe von de Herr Dichter Robert.«

Unvergeßlich bleibt mir ein Doctor Carl Thorbecke aus Osnabrück, welcher damals in Heidelberg privatisirte. Unglück, vielleicht auch eigne Schuld haben ihn später in das Verderben gestürtzt und ich zweifle, ob er noch unter den Lebenden wandelt. Nie hab ich einen Sterblichen gekannt welcher eine solche Macht auf die Stimmung der Menschen übte, die er mit einer fast elementarischen neidischen Koboldskraft fast immer dazu anwandte, den Heitern mit Traurigkeit, den Betrübten mit Frohsinn zu erfüllen. Einem Studenten, welcher unter Bürgschaft eines Professors eine Summe Geldes von dem Banquier Hirschhern zu leihen hoffen konnte, aber im Begriff war, diesen Termin zu versäumen schrieb er folgende jocose Verse:

»Hirschhern kräftig gegen Schwindel,

Wenn man weiß nicht aus noch ein,

Muß verwahrt mit einem Spündel,

Alsobald verschlossen sein.

Darum halt ihn fest im Glase,

Jenen Geist, der sonst verfliegt;

Sonst behältst Du wohl die Nase,

Aber nichts woran sie riecht.«

Ein andermal dichtete er folgendes schöne Lied, das zum Beleg seiner wunderbaren Kühleborn-Natur dienen mag.

»Was willst du singen?

Willst Du singen ein lustig Lied?

Kein lustig Lied! Ich fliege nicht auf dem Wasser

Geschwind, geschwind mit Well’ und Freude,

Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,

Das Schiff läuft aus,

Kommt wieder nach Haus.

Ich fliege nicht auf dem Wasser

Mit Well’ und Freude.

Was willst du singen!

Willst du singen ein traurig Lied?

Kein traurig Lied! Ich stehe nicht am Ufer

Und schau hinab, ich senke nicht mein Herz

Wie einen Eimer in die Tiefe,

Verlorenes zu schöpfen:

Sänger traurigen Liedes

Stehet im segelnden Schiffe still,

Meinet, meinet nicht fortzugehn.

Kein lustig Lied, kein traurig Lied

Willst du singen?

Schweigen will mein Herz?

Nicht schweigen!

Singen will es sehnend Lied!

Wer singet ein sehnend Lied,

Solche Stille Schauer erfährt,

Als wer von Land und Freunden schied

Und das weite Meer befährt,

Lustig Lied ist wie ’ne Wasserfahrt,

Traurig Lied hält das segelnde Schiff an,

Sehnend Lied ist mitten auf der See:

Unten Liebe oben Himmel,

Nirgends Land;

Und aus Wolken und aus Wasser

Eine ausgestreckte Hand.

Auf einander Wellen reiten,

Gegen einander Winde streiten,

Sausen, Brausen,

O wie schön, schön

Zwischen Himmel und Liebe vergehn!«

Noch ein anderes Gedicht Thorbeckens, welches der Vergessenheit entrissen zu werden verdient, möge hier seinen Platz finden:

Im Walde.

Im Wald ist es herrlich!

Im Wald ist es herrlich,

Am Abend ist schön im Walde gehn,

Die Bäume wie stille Freunde stehn,

Aus jedem Strauch die Liebste tritt,

Liebe faßen, Liebe lassen ist jeder Schritt,

Und Bäume und Liebste und Mond gehn mit!

Welch wonniglich Graun,

Da hinnein zu schaun!

Der Wind durch die Zweige sehnend streicht

Und Seel’ und Aug’ und Mond ist feucht,

Und auf dem Feuchten ein Lichtlein schwimmt

Taucht nieder, kommt wieder herauf und glimmt

Und Nachtigall voll die Kehle nimmt.

Als ging’s im Himmel hinnein

Ist hier mit der Liebsten seyn,

Schneller kann keine Reise geschehn,

Als mit dem Monde zu gehn.

Aber ach, wie entsetzlich, entsetzlich weit

Ist die ganze reiche Herrlichkeit,

Wenn die liebste Liebste sich anderswo freut.

Die Politik war Thorbecke durchaus verhaßt, er empfand eine förmliche Idiosynkrasie dagegen und bildete darin einen schreienden Contrast mit dem unglücklichen Obersten Massenbach, welcher sich vor seiner Vertreibung aus dem Badischen und vor seiner Gefangennehmung in Frankfurt eine Zeitlang in Heidelberg aufhielt. — »Mein Gott, wie kann man so wenig Interesse an dem öffentlichen Wohl nehmen,« rief einst Massenbach mit seinen blitzenden, achtzehnjährigen Augen, als Thorbecke die vom Kellner ihm präsentirten neuen Zeitungen auf einen Nebentisch warf, welches der Poet kalt mit der Bemerkung beantwortete: »Herr Oberst! wie muß man innerlich zerfallen sein, wenn man sich mit dem Tranke eitler Politik erlaben und erfreuen will.«

Im Jahre 1818 vollzog August Wilhelm Schlegel, unter den Studenten gewiß mit Recht spottweise »Fräulein Schlegel« genannt, sein Beylager mit der Tochter des Kirchenraths Paulus, seine Flitterhochzeit ohne Flitterwochen.

»Ich hin sonst allen Menschen gut

Aber seine Gegenwart bewegt mir das Blut.«

möchte ich bei der Erinnerung an diesen gepriesenen Schriftsteller ausrufen, über den ich weiter kein Urtheil fällen will, wider den ich aber die stärkste Abneigung fühle, die ich gegen einen Menschen empfunden habe.

Die Bonner Studenten haben mir im Jahre 1838 folgende sehr glaubliche Thatsache von August Wilhelm Schlegel mitgetheilt, daß er dann und wann Damengesellschaften gebe, vorher aber seine eignen Büsten, die allein seinen Salon zieren solle, bekränzen lasse; dann aber wenn alle versammelt seien, eintrete, beim Anblick der Büsten stutze, und sich bei den Damen, als die Bekränzung von ihnen herrührend, mit versuchten Erröthen, bedanke. —

Jean Paul schien meine Idiosynkrasie zu theilen; er hatte eine Scheidung von Tisch — wie Schlegel mit seiner Frau vom Bett, mit dem Kammerherrn und Kammerdiener der Frau von Staël stillschweigend mit ihm verabredet. Beide logirten in Karlsberg, alternirten aber jeden Tag an der Wirthstafel, und zwangen die neugierigen Studenten, welche gerne die beiden »Haupthähne« der Literatur kennen lernen wollten, zwei Mittagsessen zu bezahlen, weil Jeder der Poeten der Anderswoseiende des Gegenwärtigen war.

Die Burschenschaft hatte gar bald die Idee gefaßt, dem großen Jean Paul Richter, dem Dichter der Unschuld und der Armen, wie ihn der geistreiche Börne in seiner unübertrefflichen Lobrede nennt, ein würdiges Lebehoch zu bringen. Sie hatten sich sogar deshalb den Landsmannschaften genähert. Allein das ungerechte Verlangen dieser, die etwa aus hundert und funfzig bestehende Burschenschaft, solle nur als ein einziges Corps, also equal der aus einem Schweizer bestehenden Landsmannschaft sein, und hienach das Contingent der Marschälle, Festordner, Adjudanten und Chapeaux d’honneur bilden, wurde von der Burschenschaft verworfen, die billig genug, nach physischen Köpfen, die verhältnißmäßige Vertheilung der Ehrenstellen verlangt hatte. Die desfalsigen Verhandlungen erregten indessen bei den Vätern der Universität gerechte Unruhe. Es wurde ein Placat erlassen und die Feierlichkeit verboten, weil sich die Herren Studiosen über die Ausführung derselben nicht vereinigen könnten.

Die Landsmanschaften lachten, denn Wenigen lag in der That daran, dem edelsten Herzblut, das auf der Erde schlug, zu huldigen. — Andere Gefühle erweckte diese Verordnung bei der Burschenschaft, die sich noch an demselben Abende in der Hirschgasse versammelte, und nach einer ergreifenden Rede des Sprechers, sich sofort zu einem Fackelzuge vereinigte und denselben in Bewegung setzte. Wie es nicht ungewöhnlich ist, daß man bei einer ungesetzlichen Handlung alle übrigen Formen genau beachtet, so ward auch diesmal der Sperrkreuzer am Neckarthore gewissenhafter als je, zur kopfschüttelnden Verwundrung des ergrauten Thorwärters bezahlt, und das Licht der Liebe zog in Gestalt von Pechfackeln vor den Hecht, unausgeblasen von dem Pedellen und von dem an dem andern Tage Schiffer schreckenden Gott der Winde. Es ertönten die Worte: Es lebe Jean Paul[1], der große Dichter, der deutsche Mann! dann ein Gesang gedichtet von Carové, in Ermanglung eigner Melodie auf die Töne des »God save the king« gepfropft. Jean Paul erschien beim ersten gehörten Ausruf. — Die breite Stirn, das nur vom Anblick der Götter erblindete blaue göttliche Auge, die kräftige wenn gleich nicht große Gestalt, das deutsche, auf den Nacken hinabwallende Haar ergriff die Troßbuben und Knappen des poetischen Lebens und nicht wenige vergossen seit ihrem Abschied aus dem Vaterhaus die ersten Thränen. Aber auch Jean Paul entfielen Perlen aus den Wogen eines unsterblichen Gefühls. Kaum hatten die letzten Töne die mit des Dichters Locken spielenden Lüfte durchzittert, als er ausrief: »Mit dem großen Dichter irrt Ihr Euch meine Kinder, aber nicht mit dem Deutschen Mann. Diese Ehre konnte mir nur die Heidelberger Burschenschaft anthun, dafür habe ich während Eures Liedes Gott gebeten, daß er Euch Alle segne. Ich wollte, ich wäre Briareus der Hundertarmige, um Euch mit reichlichen Händedruck Eure Liebe zu vergelten.«

Nachdem Jean Paul diese Worte geredet hatte, ging er in dem ihn immer enger umziehenden Kreise umher, jedem die Hände reichend aus denen schon so viele Segnungen auf die Menschheit geströmt waren. Es war als ob ihnen magnetische Funken entsprühten, deshalb konnte ich nicht umhin, meinen Platz im Kreise zu verlassen, um noch einige Mal den Humoristen zu berühren. Als ich ihm aber das dritte Mal die Hand reichte fiel mir mein Unrecht ein, die subjective Freiheit nicht mehr zum Wohl Aller beschränkt zu haben, und fast kleinlaut rief ich dem großen Dichter zu: »Vergeben Sie, ich habe Sie schon zwei Mal um einen Händedruck betrogen.« »Thut nichts junger Freund,« lächelte Jean Paul, »hier ist noch der vierte und fünfte Händedruck.«

Man bildete jetzt ein Spalier. »Auf die Hirschgasse,« riefen einige Musensöhne, »da ist ein gutes Bier,« wohl wissend wie sehr der alte Dichter ein solches Getränk zu würdigen verstand. »Ich gehe mit Euch,« rief Jean Paul und schritt mit unbedecktem Haupte vorwärts. Allein Carrové und Ferdinand Walter wußten wol wie schwierig es sei, den alten Barden mit ziemlicher Rede zu bewirthen und welchen tollen Begeisterungen er ausgesetzt werde. Sie beredeten ihn daher zur Rückkehr. — Am andern Morgen ließ uns Jean Paul durch seinen Freund, den liebenswürdigen Professor Heinrich Voß sagen: Er habe in der vorigen Nacht vor Freude nicht geschlafen, er hoffe in der nächsten übrigens den Fackelzug noch einmal im Traume zu erleben.

In jener Zeit war ein Clair-voyant in Heidelberg, welcher ein sehr großes Aufsehen und namentlich Jean Pauls Aufmerksamkeit erregte. Der Mann hieß wenn ich nicht irre »Auth,« war der Sohn eines Quacksalbers und mochte in seiner Jugend von allerhand Medicamenten, namentlich aus dem Reiche der Vegetabilien gehört haben, welche er in seinem magnetischen Schlafe gar häufig verschrieb. Er saß alsdann auf einem etwas erhöheten Platze, in einem großen Kreise zu dem Grafen und Fürstinnen sich eingefunden hatten. Jean Paul, Carrové und mehrere Andere verzeichneten als Schnellschreiber seine Orakelsprüche, welche der Professor Schelver, sein Magnetiseur, ihm abfragte. Mir waren fortwährend seine vielen barbarischen gramatikalischen Fehler anstößig, und gerieth ich schon damals zu der festen Überzeugung, daß der Zustand des Hellsehens zwar alles Erlernte, scheinbar Vergessene wieder beleben und dem Geiste vorführen kann, daß er aber nicht im Stande ist, ein noch nicht angeeignetes Wissen plötzlich in den Clairvoyant zu verpflanzen, wodurch man denn zu dem Schluß kommt, daß man nur Ärzte, als Männer von Fach in der höchsten Potenz magnetisiren sollte.

Man trug sich damals allgemein mit folgender Historie herum. Das Collegium medicum und namentlich der Professor Tiedemann sei beauftragt worden den Zustand des Clairvoyants Auth zu untersuchen und sich zu vergewissern, daß derselbe kein Betrüger sei. Einer der Commissionsherren, selbst ein Dilettant im Magnetisiren, habe sich mit Auth auch wirklich in Rapport gesetzt und in den magnetischen Schlaf gebracht. Als man nun aber Fragen an den Patienten gerichtet habe, sei dieser in Zuckungen verfallen und habe sich ein so großes Gewächs am Halse, jede Minute mehr anschwellend erhoben, daß man Schelver haben rufen müßen, der mit zwei Strichen, Krämpfe und Gewächs habe verschwinden lassen.

Jean Paul setzte die Möglichkeit sich in magnetischen Rapport mit einem Andern zu versetzen, lediglich in den Willen des Anderen, des Stärkern. Ich erlaubte mir ihm dagegen zu bemerken, daß wenn dies in Wahrheit gegründet sei, der Wille manches Menschen gewiß seinen Regenten schon in magnetischen Schlaf versetzt hätte, worüber der Dichter lächelte und in die beste Laune gerieth.

Ein andermal ging ich in seiner und einer größern Gesellschaft in den Ruinen des Heidelberger Schlosses umher. Plötzlich blieb er gedankenvoll bei einer Blume stehen, die eine Spinne mit ihrem schnellgefertigten Netze umspann. Als die Geschäftige die Blumenfinsterniß vollendet hatte, und gleich darauf einige Fliegen fing, rief der große Humorist mir lächelnd zu: »Das ist das leibhaftige Bild des Recensenten.« Am andern Tage ging ich, über diese geistreiche Bemerkung nachsinnend, allein zu der recensirten Blume Wohnung. Ein Regenstrom hatte das Gewebe getrennt und die erquickte Rose strahlte schöner als gestern. Freilich war die Spinne ein Recensent, guter Jean Paul! aber der Regen war auch der Strom der Zeit und der andere Tag bildete die Nachwelt.

In demselben Hause worin Jean Paul wohnte, wohnte auch ein Student, den ich Meier nennen will, und der immer mit den größten Männern seiner Zeit zusammengewürfelt wurde. Meier hatte auch einmal Göthe besucht und den Platz neben dem Dichter im Sopha eingenommen. Plötzlich ging die Thür auf. Göthe, der alte Geheimerath von Göthe ging dem Freunde entgegen; der Bursch, welcher den Ankommling wie er sich nachher ausdrückte für einen Jenaer Philister gehalten hatte, blieb ruhig gegen alle Regeln der Lebensart auf dem Sopha sitzen. Der Fremde nahm Göthe’s Platz neben dem künftigen Doctor ein. Der Vater Faust’s und Mephistopheles aber sagte freundlich: »Ich muß die Herren doch mit einander bekannt machen: Der Herr Studiosus Meier, Seine königliche Hoheit der Großherzog von Sachsen-Weimar.«

»Jean Paul besucht mich alle Tage,« pflegte Meier wol zu renommiren, »ich weiß selbst nicht was er an mir findet, aber ich muß ihm immer erzählen. Nur von Poesie und namentlich von seinen Schriften darf ich bei Strafe seines höchsten Zornes nicht mit ihm reden. Ich mag den Kerl, wo man sich so viel ausmacht, nicht erzürnen.«

Es wäre interessant, die Studien, welche Jean Paul damals an Meier gemacht hat in seinen späteren Werken aufzusuchen. Ich behalte mir dieses Privatvergnügen vor und will den guten Meier je anpaulianisirt schon auffinden.

Jean Pauls intimster Freund in Heidelberg war der Professor Heinrich Voß, Sohn des alten Dichters »Johann Heinrich,« der in seiner reichlich vergeltenden Gegenfreundschaft so weit ging, daß er gewöhnlich als Jean Paulscher Agent kleine Zettelchen bei sich trug, auf welche er gute Einfälle, die er aussprechen hörte, verzeichnete, und dabei bemerkte, das ist etwas für meinen Jean Paul. Wirklich soll dieser eine Menge solcher Witzfunken auf einzelnen Blättchen gehabt, und wie bei jenem chinesischen Brettspiel die einzelnen Pflöcke, die einzelnen Witze zu einem Ganzen vereint haben. Das ist freilich denn oft auch in des Dichters Schriften zu bemerken, dessen Gedankenfügung nicht immer Mosaik-Arbeit, sondern oft durch lange ermüdende Brücken vereinigt ist. — Interessant sollen die Unterredungen zwischen Hegel und Jean Paul gewesen sein. Dieser, immer überwunden von dem Feldherrn der Gedanken, soll zur großen Ergötzlichkeit des Philosophen sehr geschickt in die Höhlen der Vorstellung geflohen sein.

Heinrich Voß war ein köstliches Gemüth, schade für ihn, daß es bei ihm nie zum Durchbruch aus dem Familienleben, zur Emancipation aus der väterlichen Gewalt, zur Selbstständigkeit und zu dem sittlichen Moment der Ehe kam. Er war und blieb, wie Wolf ihn, freilich in einem andern Sinne nannte, das puer heidelbergensis. Von sechs bis zwölf arbeitete er, damals größtentheils an der Shakespearschen Übersetzung, dann ging er zum Vater und las dem seine pensa vor. Sein ganzes Leben war den ganzen Tag über das Thun und Treiben eines unter der strengsten väterlichen Gewalt stehenden, kaum confirmirten Knaben. Er kannte bloß den Willen seiner Eltern. Nur am späten Abend liebte er eine heitere Gesellschaft, in der er, ohne Vorwissen seiner Eltern, stets der Letzte verweilte, und die er durch köstlichen Humor, vor Allen zu würzen verstand. Nichts desto weniger, obgleich er oft erst mit dem Mond zu Bette ging, begrüßte er stets die Sonne beim Lever. Solche Anstrengungen so wie der Mangel an Bewegung mußten den Tod des corpulenten Mannes erfrühen. — Einer der Genossen seiner Abendtafel war der jetzt gleichfalls verstorbene an der Heidelberger Schule angestellte Professor Martens, ein wohldenkender aber stets regierender Mann, welcher positiv nur seinen Lehrer, den alten Voß, noch mehr aber den dänischen Dichter Holberg anerkannte, den er, wie ein guter Theolog die Bibel, in jedem Lebensverhältniß zu citiren und zum Schiedsrichter zu machen verstand. Sein höchstwitziges Spottgedicht in Hexametern, auf die Manheimer Schneider, welche dem Kaiser Alexander die Krenk’ wünschen, weil dieser bei einem Heidelberger Kleidermacher einen Frack hatte machen lassen, ist mir leider abhanden gekommen.

Unter mehreren Briefen, welche ich von ihm besessen, finde ich nur noch einen einzigen, der freilich von nicht großem allgemeinen Interesse ist, aber doch von der bodenlosen Gutmüthigkeit zeugen mag, womit derselbe zu helfen bereit war.

Heidelberg, den 18. October 1817.

»Unser Freund M. hat mir gesagt, daß Sie wegen der Ferne Ihres Wohnortes und der gegenwärtigen Abwesenheit des Herrn von H. nicht sogleich die Summe von zweihundert Gulden aufzubringen wüßten, und mich gebeten, Ihnen solche vorstrecken. Wie gerne ich dies auf der Stelle gethan hätte, wissen Sie, aber gerade jetzt kann ich es nicht. Ich bitte Sie also die Summe von einem Andern aufzunehmen, verbürge mich hiermit, daß Sie solche am ersten Januar 1818 sammt der üblichen Vergütung wieder bezahlen werden, und leiste die Bürgschaft mit derselben Freude, wie ich sie meinem eignen Bruder würde geleistet haben. Sollten Ihre Gläubiger meine Handschrift nicht kennen, so bin ich jede Stunde bereit mich zu stellen, wenn Sie es fodern und mich als der Schreiber dieser Zeilen zu legitimiren. Auch bin ich erbötig, den von Ihnen zu schreibenden Schein über die Empfangssumme mit meiner Namensunterschrift zu unterzeichnen.«

Dr. Heinrich Voß,
Professor der Philosophie auf der
hiesigen Universität.

Zu den interessantesten Tischgästen, welche damals im Badischen Hofe dinirten, ist ein Domherr v. Wambold zu rechnen, ein Epikuräer, im edelsten Sinne des Worts, der seinen Stand schon im Heidenthum gegründet hätte; dann — Morstadt mein alter Freund, dieses Universalgenie, dessen Gehirn gewiß eben so viel Brei wie Cüvier, und wenigstens esprit pour quatre, hat, und ein origineller Liefländischer Baron Uexküll, der seinen 3jährigen Urlaub als Adelicher im Auslande schon seit zwanzig Jahren in Deutschland zu benutzen schien. Ich habe mit diesen Herrn die interessantesten Diners und Soupers meines Lebens verlebt.

Heinrich Voß hatte mich lieb gewonnen. Jeden wärmsten Momenten seiner Freundschaft pflegte der gute Sohn, mir wie einen Knaben von einer Weihnachtsbescheerung von dem Glück zu erzählen, seinem Vater vorgestellt zu werden. Schon um des Sohnes willen, aber auch von dem abgesehen, war mir die Bekanntschaft des berühmten und in so vieler Hinsicht verdienten Mannes erwünscht, welche mir noch dadurch erleichtert wurde, daß der alte Herr sich über eine Idylle, welche ich auf Geßners Leier schon auf der Hamburger Schule gedichtet, und die sich in meiner »Leier des Meisters in den Händen des Jüngers« befindet, günstig geäußert hatte.

Der alte Voß empfing mich in seinem mit einer hohen steinernen Mauer umgebenen Garten, in dessen Mitte seine Wohnung lag. Ich kann nicht sagen, daß sein Anblick auf mich einen günstigen Eindruck machte, ich fühlte mich um vier Jahre verjüngt von einem fremden Schulmonarchen stehend, der mir Horazens Kochsatiren erklärte. Denn nur Speisen, und wie man in Heidelberg die Zubereitung derselben nicht gehörig verstehe, waren der Inhalt seiner Anrede. Namentlich wurde Hegels Kohl als sehr blähend getadelt. — Dann ging der alte Herr auf seine Werke über und klagte, wie ihn sein Verleger von der Übersetzung irgend eines Autors, rücksichtlich der Zahl der gedruckten Exemplare betrogen, und im vorigen Jahre zu einer Reise in den Norden bewogen habe. — »Ich wußte es wohl,« redete er, »daß eine Schelmerei dahinter stecken mußte. Denn ich habe es noch nie erlebt, daß meine Bücher Ladenhüter geworden sind.« Zum Schluß erzählte Voß von Zacharias Werner, der katholisch geworden sei, obgleich er ihm, Voß, dem dieser Übertritt geahnet, so fest das Gegentheil versprochen habe. — Er zog jetzt mit allen Gründen gegen Werner zu Felde und endete dann mit dem mir unvergeßlichen Gevatterschnack: »Aber was sollte man auch von ihm erwarten? Als er das letzte Mal in meinem Hause war, hatte er, wie ich mit Bestimmtheit erfahren, im rothen Ochsen, wo er logirte, eine bedeutende Quantität Wein getrunken. Nichts desto weniger trank er so viel Wein bei mir, daß meine Ernestina, welche sonst nicht daran gewöhnt ist, ihren Gästen den Wem nachzuzählen, trippelnd zu mir kam, sprechend: Väterchen, Väterchen! sieh einmal wie der Mann trinkt.« — Diese Worte, denen Voß nicht die Thatsache hinzuzufügen vermochte, daß Werner berauscht mithin seiner Aufnahme unwürdig geworden sei, machten einen üblen Eindruck auf mich und veranlaßten mich der schließlichen Einladung des alten gewiß in so mancher Hinsicht verdienten und respectabeln Herrn, sein Hausfreund zu werden, nicht zu folgen. Ich habe ihm nie wieder gesehen, und hatte alle meine List nöthig um den Sohn, der jetzt Einladung auf Einladung zu seinen Eltern folgen ließ ausweichend zu bescheiden.


Drittes Kapitel.

Die Burschenschaft. Das Ehrengericht. Die Landsmannschaft. Die Cerevisia. Die Kurländer. Die Holsteiner und Schleswiger. Die Meklenburger. Die Schwedisch-Pommeraner. Die Schweizer. Die Hansestädter. Das Hazardspiel. Die Hanoveraner. Die Westphalen. Peter Fix. Die Würtemberger. Ruhs.

Die Burschenschaft war in Heidelberg kurz nach den Feldzügen entstanden. Der größte Theil derselben hatte den Freiheitskrieg mitgemacht. Die Verehrung womit Körner das Haus Habsburg besungen hatte, durchzitterte noch die Brust aller Burschen; Liedern zur Verherrlichung Scharnhorst’s und Blücher’s, folgte ein Toast zu Ehren des Preußischen Königs. Es war allen bundestagsmäßig zu Muthe, wie die Auszüge aus den Protocollen der burschenschaftlichen Verhandlungen in Jena auch ergeben werden, man wollte das Gefühl Deutscher Nationalität so lange als möglich erhalten, und fast Jeder glaubte, die Burschenschaft sei auf Universitäten das einzige Vehikel hiezu. — Eine strafbare Tendenz hat die Heidelberger Burschenschaft bis zum Jahre 1819 nicht im Entferntesten gehabt. Die Emissaire der Schwarzen aus Giessen und einzelne politische Schwärmer aus allen Ständen fanden in der Burschenschaft keinen Anklang. Wäre man meinem Rathe gefolgt, den ich zu Hundert Malen öffentlich ausgesprochen habe, alle Verhandlungen dem academischen Senate vorzulegen, die Burschenschaft würde bis auf den heutigen Tag eine tolerirte Verbindung sein. Denn welche Regierung könne es verantworten ein Institut zu zerstören, welches Sittlichkeit den Studenten zur Bedingung machte, die Scheidemauern unvernünftiger und unsittlicher Landsmannschaften stürtzte, Liebe und Versöhnung predigte, jeden Zweikampf erst vor ein Ehrengericht zur Sühne brachte und sich gegenseitig den Zweck, weshalb man auf Universitäten ist, »das Lernen,« stets in das Gedächtniß rief. — Hier sind übrigens die großen Verdienste nicht zu übersehen, welche Hegel sich um die jungen Gemüther erwarb. Seine phylosophische Rechtswissenschaft, seine Lehre von Staat als der wirklichen sittlichen Idee, trat zwar nur vor das Bewußtsein weniger, aber doch größtentheils der besten Köpfe, denn diese fühlten wie Verrina sagt, etwas von dem alten Meister, »was man Respect nennt,« und übertrugen ihre Empfindung unwillkührlich auf die Übrigen, indem sie sie überzeugten, daß man erst gar Vieles lernen müsse, bis man die Welt verbessern könne.

Durch das Ehrengericht sind zu meiner Zeit viele Duelle verhütet worden. Der Zufall will, daß ich ein von mir selbst aufgenommenes Protocoll noch besitze, dessen Aufnahme freilich höchst mangelhaft ist, welches aber doch hier seinen Platz finden mag.

Sitzung des Ehrengerichts den 19. März 1818.

In der heutigen Abendsitzung wobei N... fehlte, war Sch... als Substitut eingetreten. R... war für den abwesenden Sprecher N... als Sprecher gewählt.

von L... erschien und erklärte:

»Als er heute auf der Gutmannei Whist mit N... aus Schwaben und Z. gespielt habe, sei ihm N... 1 fl 30 Xr. schuldig geworden. Fr. von L... habe darauf gesagt, ich will dir morgen das Geld zahlen, da ihm aber eingefallen sei, daß N... ihm noch acht Köpfe oder 2 fl 12 Xr. schuldig sei habe er zu N... gesagt: da du mir noch Geld schuldig bist, so will ich das davon abrechnen. Hierauf habe N... dies geleugnet und als Z. von v. L... als Zeuge dieser Schuld angerufen, diese bestätigt habe, zum N... gesagt, daß er diese Schuld abrechnen müsse. Darauf habe N... gesagt: »»Du sollst mir das Geld auf der Stelle geben.«« v. L... habe darauf erwiedert: »»Jetzt gerade thu ich es nicht«« sei aufgestanden und weggegangen. Darauf, habe N... gesagt, dies sei eine »Büberei.« Da v. L... diese Worte nicht genau verstanden, habe er den Z. zum N... geschickt und ihn deshalb constituiren und in den Fall, daß N... das Wort »Büberei« gesagt, ihn auf Pistolen fordern lassen. — N... habe das Gesagte gegen Z. bestätigt und ihn morgen halb drei Uhr, auf die Hirschgasse bestimmt.«

von L... erklärte dabei, daß er den N... deshalb auf Pistolen gefodert habe, weil er sich wohl erinnere wie sehr er gegen N... im Kampfe mit dem Schläger im Nachtheil sei.

N... leugnet, daß v. L... gesagt habe er wolle morgen das Geld geben, derselbe sei vielmehr mitten im Spiel aufgestanden. Das Wort »Büberei« habe er im Unmuth aber nicht im beleidigenden Sinne ausgesprochen.

Das Ehrengericht berieth sich über diesen Punct und erkannte:

Daß v. L... zu seiner Pistolenforderung einen unzulässigen Grund, nämlich den, daß N... ihm als Schläger überlegen sei, gehabt habe. Das Ehrengericht finde daher für keinen Fall gut, das Pistolenduell als von ihm bewilligt zuzulassen, und ertheile dem v. L... daher hiemit die Weisung diese Foderung zurückzunehmen. — Da das Ehrengericht aber dafür halte, daß N... keineswegs einen Grund zu dem Worte Büberei, welchem übrigens in diesem Lande auch nicht der beleidigende Sinn wie in Norddeutschland, da es hier nur Kinderei bedeute, beizulegen sei, so erwarte es, daß sobald v. L... die Pistolenforderung, auch N... das Wort »Büberei« als in der Hitze ausgestoßen, zurücknehme.

V. L... nahm hierauf die Pistolenforderung, N... das Wort »Büberei« zurück.

Es folgen die Unterschriften der Ehrenrichter.

Wenn nun gleich das Ehrengericht nur vermittelnd eintrat, so sind doch während meines fast zweijährigen Aufenthaltes in Heidelberg nur zwei Duelle in der Burschenschaft consumirt worden, während mit den Corpsburschen täglich zwei Kämpfe vorfielen.

Die Contrerevolution äußerte auch unter den Studenten ihre unausbleiblichen Wirkungen, sie paralisirte die Burschenschaft zum Corps und vereinigte umgekehrt die Landsmannschaft zu einer burschenschaftlichen Verbindung. Früher war dies anders, da trieb die Göttin Eris ihren Apfelhandel unter den Landsmanschaften selbst, die ohne Gegenwirkung nur sich vereinigten, wenn es galt, einem Professor die Fenster einzuwerfen oder einen Philister in Verruf zu bringen. Zwar gehörte ihnen die ganze Welt, und hatte früher auf der Seniorenconvent die ganze Erde so getheilt, daß Nassau Amerika, Westphalen Asien, Kurland Afrika und jedes Corps nach Verhältniß seiner Größe einen bedeutenden Placken aus der Gemeinheit der Erde erhalten hatte. Ein Senior hatte sogar vorgeschlagen die Sterne zu vertheilen, das war aber noch bisher unterblieben. — Aber ein unglücklicher Neuseeländer, den die Diplomatik der Studiosen zum Schweizer bestimmt hatten, war kaum ohne Erlaubniß unter die Nassauer gegangen, als er sich mit einem Schweizer, der gerade damals allein gegen den Grundsatz tres faciunt collegium seine Landsmannschaft repräsentirte, auf Tod und Leben schlagen mußte. Den Helvetier traf ein Hieb in die allzukühne linke Hand, die Nassauer wurden stolz auf ihren neuen Landsmann, und der Überwundene trank »smollis« mit dem Neuseeländer, indem er ausrief: Welch ein Verlust für die Schweiz, daß du Neuseeländer ein Nassauer geworden bist.

Das Biersaufen war damals zu einer grauenerregenden Höhe gestiegen. Es gab sogenannte »Staats-Bierschwaben,« welche es bei einem Commersch bis auf zwei und siebenzig Schoppen, also bis auf sechs und dreißig Bouteillen brachten. Dabei war das Bier wie noch jetzt, im Durchschnitt schlecht, und wenn gleich berauschend, geistlos. Vergebens ließen die Professoren der Medizin fast in allen Stücken ihr »Wehe« über ein solches unmäßiges Trinken ertönen, umsonst wollten sie gewissermaßen accordiren, indem sie eine Quantität als höchstes Maaß bewilligten, daß schon jede Grenze überschritt, die Schüler des Hypokrates selbst, hielten sich keinesweges selbst, viel weniger ihre Commilitonen in Schranken. Ja, es passirte sogar einmal das Unglaubliche, daß sieben, freilich größtentheils verkommene Studenten, die ich alle namhaft machen könnte, sich das Ehrenwort gaben, sich zu Tode zu trinken, oder wenigstens beim Pereat, (auch Lustig meine Sieben; besonders in Jena, genannt,) einem Kartenspiel, wobei stets gesungen und gezecht wird, die Ewigkeit zu belauern. Sie begaben sich Alle nach Neuenheim zu den Gastwirth Freund, wo sie ihre Parthie, die mit Vieren gespielt wird, abwechselnd, vier Tage und fünf Nächte uno tenore durchhielten, während die drei Unbeschäftigten, bis sie wieder berufen wurden, auf Stroh ruhten. Die academische Polizei kam endlich hinter den Skandal, zu welcher Kenntniß ich beigetragen zu haben, mir schmeicheln darf und zersprengte die Bierherren, von denen sie sogar einige consilirte.

War auch in der Burschenschaft der Genuß des Bieres noch »Trinken« zu nennen, so überschritt er doch das Maaß. — Der Gedanke, den Biergenuß zu regeln, dabei die jungen Sprudelköpfe vor demagogische Umtriebe zu behüten, veranlaßte mich der ich eigentlich in jenen Jahren das Bier gar nicht liebte, der Stifter einer Cerevisia zu werden, die im humoristischen Gewande alle gefährliche Elemente des Burschenlebens unschädlich machen sollte. Ich erfand die Bier-Mythe, daß ich der Sohn der Biervernunft sei, die sich so zu sagen in mir verkörpert habe und legte mir den Titel »Eminenz« bei. Zu gleicher Zeit erließ ich ein Gesetz der Zwölf Tafeln, wovon das Erste; Eminentia errare nequit (die Eminenz kann nicht irren) schon auf die Tendenz der andern schließen läßt. Ich führte Orden ein, den »pour le merite,« den »Sanct Kannen-Orden« und den »Orden des Biervließes,« welche durch Jasminen, Weinblätter und rothe Rosen repräsentirt, und noch auf der schon verwitternden Platte, welche bei der Hirschgasse in den Steinwall gesetzt worden ist, mit der Inschrift, Eminentibus, Eminentia (den Vortrefflichen die Eminenz) zu sehen sind. Die Grade waren »Junker, Ritter, Vicecommandeure, Commandeure und Großkreutze.« Da ein jeder Eintretende den Bieradel und einen Biernamen erhielt, so wurde dadurch das Fuchsprellen beseitigt, weil oft ein Fuchs, (Studenten im ersten Semester) einen höheren Grad als der alte Bursch bekleidete. — Jeder Rausch führte eine Degradation herbei, wurde daher sorgfältig vermieden. Einen armen Theologen, der sich nach erhaltenem ersten Graden diesen Fehler zu Schulden kommen lassen, weigerte ich die Wiederaufnahme, weil ich ihn für schwindsüchtig und alles Bier für ihn schädlich hielt. Ich hatte mich nicht geirrt, einige Tage nach meinem Scheiden von Heidelberg segnete er das Zeitliche, wie er mich in der Abschiedsstunde mit den schriftlichen Worten gebenedeit hatte:

»Sind wir auch vielleicht auf immer getrennt, so hält uns doch das Band der Biervernunft zusammen und gerne bleibe ich treu bis in den Tod der Biervernunft und Eminenzen.«

Die größere Hälfte der etwa aus 150 Mitgliedern bestehenden Burschenschaft schwor zur Bierfahne. Dadurch gewann natürlich mein Einfluß bei allen Beratungen. Denn es gab allerdings manche noch wirklich in Bier befangene unter meinen Getreuen, welche nur im Allgemeinen blindlings der Eminenz beitraten, als demjenigen der in allen Dingen das Biervernünftigste sage. Ja ich habe oft in mir lächeln müssen, wenn ich, was alle Jahre zwei Mal geschah, unter den Hopfenkranz im Cerevishäuschen trat, in welchem Moment die Biervernunft in mir verkörperte, und einige meiner Unterthanen mich mit Überzeugung von meiner Apotheosirung wie einen Dalei Lama ehrfurchtsvoll anstarrten, und den diese hohe Ceremonie begleitenden Vers:

Nimm jetzt des Bieres Glas

Biere es aus fürbaß,

Biere mit Eil’

Daß Dich das Bier bewegt

Zur Biervernunft Dich trägt,

Daß Dein Herz bierig schlägt

Biervernunft Heil!

mit wahrer Andacht, ja selbst unter hervorstürzenden Thränen sangen. Ein ächter Cerevisianer, trank, wenn ihm der Arzt das Bier durchaus untersagt halte, nie sein Glas Wasser in meiner Gegenwart, ohne sich von mir den Cerevissegen: Sit aqua tua cerevisia (Dein Wasser sei Bier) geholt zu haben. Auch schlug sich selten einer ohne meine Benediction und kurios genug, der Zufall hat gewollt, daß niemals ein von mir Gesegneter eine Wunde bekommen hat. Als ich vor einigen Jahren in Heidelberg einige ehemalige Cerevisianer wieder in demselben Häuschen versammelte, hatte ich decretirt, es solle angenommen werden, daß alle Vergangenheit dahin aufgehoben sei, daß unsere Universitätsjahre vorgestern — unsere zwanzig Jahre der Trennung gestern, und endlich unsere Zusammenkunft das frohe Heute sein sollte. Man gehorchte mir mit Heiterkeit, und so begab es sich denn, daß Mancher nicht wußte, wohin sein Flaus, den er vorgestern getragen, gerathen, und daß er referirte, seine Frau habe ihm gestern zehn Kinder geboren.

Kurz nach Errichtung der Cerevisia versuchte man meine Souverainität zu stürzen, indem man eine bierständische Verfassung verlangte. Meine Lage war um so kritischer als einige meiner Großkreutze, die Rädelsführer der gottlosen Parthei waren. Ich versprach die Einführung, sobald die Cerevisianer dafür reif seien, stellte ihnen vor wie ich der Burschenschaft dafür verantwortlich sei, ein gesittetes Ganzes zu erhalten, kurz ich temporisirte, ich hielt die Sache so lange hin, wie möglich. — Die Großkreutze gewann ich durch Freigebigkeit und einige neu ornirte Ehrenstellen, wie die eines Biervaters, Bierkanzlers und Adoption eines Königlichen Sohnes, und als ich endlich meiner Sache gewiß war, erklärte ich, daß es von nun an bei Strafe der Bieracht verboten werde, von bierständischer Verfassung zu reden. In diesem Sinne handelte ich sofort, ich führte eine geheime Bierpolizei ein, welches natürlich zu vielen humoristischen Denunciationen und Debatten Anlaß gab, unsere Zusammenkünfte würzte, und erlebte endlich das hohe Glück, mich als souverainer unumschränkter Bierfürst anerkannt zu sehen.

Im Wesentlichen aber war mein Zweck so erreicht. Ich gab meinen Bierstaat der Lächerlichkeit mit Selbstverspottung Preis, und bewahrte dadurch meine Freunde vor politischen Träumereien, welche in späteren Zeiten eine so grausame Nemesis erfahren haben. Noch jetzt strömen mir jährlich von ergrauenden Familienvätern die Danksagungen zu, daß ich sie durch meine humoristische Cerevisia vor bürgerlichem und geistigem Tode bewahrt habe.

Wenn es bei unsern Commerschen Mitternacht geworden war, durfte kein Tropfen Bier eine ganze Stunde bis Ein Uhr getrunken werden. Die Mythe lehrte, dann habe die Cerevisia keine Eminenz. Diese sei wie einst Numa Pompilius bei der Nymphe Egeria im Hain, im Odenwald bei der Biervernunft. — Dies hatte die Folge, daß die Kopfwehbegabten nüchtern wurden, oder was noch besser war zu Hause gingen, eventualiter aber einen großen Hemmschuh beim Trinken anlegen mußten. — Bemerkenswerth ist, daß sich in der Cerevisia nie ein Streit unter den jungen Flammenköpfen entsponnen hat, der eine, unter den Studenten so leicht entstehende Foderung zur Folge gehabt hätte.

Bei den Schwaben befand sich dermalen ein gewisser X., der in den letzten beiden Semestern sich endlich entschloß, sich mit seiner Fachwissenschaft bekannt zu machen. Er fing nun zwar an bei verschlossenen Thüren zu studiren, aber bei seinem Höpfner Thibaut und corpus juris standen stets einige Bierkrüge, welche er zum Anderssein seiner Selbst gemacht hatte. Er trank sich regelmäßig alle Stunden mit folgenden Worten vor: »X. einen Schoppen vor — Gut war die Selbst-Antwort, einen Schoppen nach und wieder einen vor.« — Dies Vor- und Nachtrinken mußte nun bei Strafe des Bierverrufs innerhalb fünf Minuten geschehen. — Als nun X. einmal von Kameraden, die an der Thür gehorcht und in das Zimmer gedrungen waren, zwischen dem Vor- und Nachtrinken gestört, und durch diese höhere Macht, so wie durch sein Schamgefühl in den unverdienten Bierverruf gekommen war, dachte der ehrwürdige Cerevisianer, nachdem ihn die Landsleute verlassen, edel genug, diesen Bierschimpf nicht ertragen zu wollen, und die Größe X. paukte die Nichtgröße X. mutterseelen allein, auf eigne Hand, mit einer ungeheuren Quantität Gèrevis aus dem Status der Schande.

Um den Freunden der Karten einen Genuß zu bereiten, hatte ich ein Spiel erfunden, das nur um Bier und Ehre gespielt, und wozu, wie bei dem »Pernat,« gesungen wurde. Die Idee war, daß des Careau König die Eminenz sei, die andern Könige »Großkreutze,« welche sich unter einander stachen und auch bedient werden mußten, wenn die Eminenz ausgespielt wurde. Careau König stach Alles, Careau Dame, (das Bierfräulein) den Careau Buben, (den Bierjunker) die übrigen Careaus Cerevisianer stachen sich wie im Whist, aus alle andern Farben. Die Coeurs als »Bierrenoncen,« stachen die schwarzen Farben. Im Uebrigen zählte Alles in Mariage. Hätte ich Zeit dazu, ich würde das Spiel weiter ausbilden, da diese mir aber gar sehr mangelt, so will ich diese Arbeit einem Tage- oder Abend-Dieb überlassen. Das Spiel hatte übrigens viele Combinationen und Regeln, die ich zum Theil selbst schon vergessen hatte. Zwei und zwei spielten zusammen wie ein Whist. Diejenige Parthei, welche zuerst hundert zählen konnte, hatte gewonnen. Jedes bedeutende Ereigniß wurde mit Couplets begleitet. Sobald die Bierdame vom König gestochen wurde, sang man:

(Melodie: Gaudeamus.)

Venit, virgo hilaris

Casum nullum timens

Sed puella rapitur

Et a rege capitur

Vah! puella cadit.

Das Kobbeschef (von jeu) wurde in dem Local der Hirschgasse zuweilen an zwanzig Tischen, also von achtzig Menschen gespielt.

Die Kurländer waren unter den Landsmanschaften die gefürchtesten, und eine gewisse Tüchtigkeit, ein persönlicher Muth und eine pecuniäre Aufopferung ihnen nicht abzusprechen. Die letzte war übrigens mehr angeeignet als angeboren; denn da die Väter, wegen der später weiten Entfernung den abreisenden Söhnen oft den Betrag der Studienkosten für mehrere Jahre mitgaben, so war ein solcher Neuling eine sehr willkommene Erscheinung. Der arme Fuchs mußte aber gar bald sein Geld hergeben und war oft in einigen Tagen seines ganzen Vorraths beraubt. Dafür aber hatte er wieder seine Ansprüche an die nachfolgenden Füchse, denen die Freigebigkeit auch bald incoulirt wurde. — Schlimm für den, der einmal Schelmletzt spielen mußte, doch war dies nicht leicht zu fürchten, da die Curonen, wenn sie relegirt wurden, gleich den Ratzen ihren Wohnort in Compagnie zu verlassen pflegten. Übrigens mißfielen mir die Meisten, in deren Riesenkörper meistens perfide, grau grüne Augen steckten. Es waren zum Theil übermüthige Junkersöhne, die nur darauf ausgingen die Zahl der tollen Streiche, welche ihre Väter auf Universitäten begangen hatten, würdig zu vermehren. Gloriam quam pepere majores, digne studeat servare posteritas. Ein gewisser C. schoß sich, — eine feindliche Kugel bog seine Baarschaft, vier Sechsbögner und einen Kronthaler, die auf dem Herzen des Pauckanten lagen krumm, ohne den C. zu verwunden, der fast nur höflich gegen die Vorsehung die Worte ausstieß: Weiß der Teufel ich glaube es ist ein Gott!

Der verst. v. M. Senior der Holsteinschen Landsmanschaft in Göttingen glaubte, daß sein Corps nicht genug in Ansehen bei den deutschen Russen stehe. Nichts desto weniger nahm er eine Einladung zu einer Spazierfahrt wie zu einem Commersch von ihnen an, genoß nach Herzenslust, bedankte sich aber nach Beendigung der Fête mit den Worten: »So nun erkläre ich Euch Alle für dumme Jungen.« Diese unerhörte Renommage brachte übrigens keinesweges eine Unzufriedenheit bei den Kurländern hervor, vielmehr nannten sie den v. M. »einen liebenswürdigen Menschen, einen kleinen fidelen Kerl, vor dem, wie vor seinem Corps, dessen Senior er sei, man die unbedingteste Hochachtung haben müsse.« Auf den Mensuren, bei den Duellen, sprachen sie gewöhnlich ihr Lettisch, dem wir Pomeraner, Mecklenburger und Holsteiner unser schwarzbrodmäßigstes Plattdeutsch zu ihrem großen Verdruß entgegen setzten. Verschieden von den Kurländern waren die Liefländer, meistens geborne Salonmenschen, von denen ich mit einigen befreundet war. Die Namen Gulefoky und Porten sind mir in das Herz gegraben. Doch habe ich zu vielen wegen ihres reservirten Wesens nie recht Muth fassen können.

Das originellste Völkchen bildeten, wie auf allen Hochschulen, die Schleswiger und Holsteiner. Die ersten, welche einen wunderbaren Dialect haben, einen didactischen, der an den eines Schulmeisters oder Irrenarztes erinnert, stimmten mit den Holsteinern in ihrer humoristischen Selbstverspottung so wie auch darin überein, daß sie durchaus kein sogen. Genie unter sich aufkommen ließen, vielmehr wenn es emportauchen wollte, wie sie es nannten, gehörig duckten. Man konnte unter ihnen nur gehörig Posto fassen, wenn man sich fortwährend demüthigte und selbst die komischen Seiten des Landsmannes den man verhöhnen wollte, sich selber andichtete. Singulär war dabei das Heimweh dieser Hyperboräer im himmlischen Baden, wo die meisten einstimmten, wenn einer auf der Schloßterrasse ausrief: — »Aber! meine Seel, das ist hier doch nix, ich wollte ich wäre so Gott! (Schleswigsche Betheuerungsformel) in Düsternbrock bei Bruhe und äße rothe Grütze.« Wie die Holsteiner den grünen Schweizerkäse, (den Schabziager) den Glarnern täuschend nachmachen, so ist ihr Heimweh auch von dem eidgenössischen nicht zu unterscheiden.

Der Sinn für Deutschheit, welcher sich jetzt in den Herzogthümern so mächtig regt, war damals noch nicht in den Deutsch-Dänen zu einer Geltung gekommen, sie hingen alle mit bewundernswürdiger Pietät an ihrem durch politisches Unglück so hart heimgesuchten König Friedrich den Sechsten, wenn sie nebenbei auch keine große Sympathie für die einzeln in Heidelberg studirenden Dänen entwickelten. Diese waren auch größtentheils wunderliche Gesellen, welche behaupten, Göthe habe Plagiate an Oehlenschlägers Schriften begangen, Dänemark sei ein Normalstaat, Holberg das größte poetische ingenium der Schöpfung und nichts schwerer als paa (auf) Doctor und Poet in Copenhagen zu studiren. Wahr ist es, daß man in einem solchen Examen ein gewaltiger Petrus á memoria sein mußte, indessen ist Rath dazu da, ein solcher zu werden. Es giebt nämlich in Kopenhagen einige Leithammel in jeder Facultät, bei denen man so zu sagen, wie bei einem Schneider ein Kleid, sich einen Character, den ersten, zweiten oder dritten anmessen lassen kann, der auch höchst selten verpaßt wird. — Jetzt nimmt Einen der Magister in die Lehre, instruirt ihn sowohl vorwärts wie rückwärts, und schickt seinen Schüler nicht eher in die Examenschlacht, bis er ihn so gewappnet hat, um des bestellten Grades sicher zu sein. — Würde übrigens sein Schüler einen schlechten Grad bekommen, so wäre dies ein sehr großer Schade für den Lehrer selbst, der in diesem Falle seines ganzen Honorars verlustig geht.

In jener Zeit besuchten der geistreiche Dichter Ingemann aus Soron und ein alter ehrwürdiger Probst Schmidt aus Norwegen, Heidelberg auf ihrer Reise nach Italien. Ich führte beide Herren in unseren Versammlungen, welchen dieselben mit der größten Theilnahme beiwohnten, ja den Skalden zu einem vortrefflichen dänischen Gedichte veranlaßte, daß ich verdeutsch geben werde, wenn es mir gelingt das zu ängstlich Verwahrte vor dem Drucke dieser Zeilen wieder aufzufinden.

Der Holsteinische Adel war zu meiner Zeit der respectabelste und zeigte sich als solcher auch in seinen Musensöhnen. Allenthalben Tüchtigkeit der Gesinnung, wie sich jetzt auch in den Vätern manifestirt, wissenschaftliches Streben und Urbanität. Die auguste Pferdeliebhaberei der neuern Zeit hat freilich Manches verdorben, die Götter und Menschen betreffende Conversation ist nur zu häufig eine vierbeinige, indessen ist der Typus stehen geblieben und thut die Adelszeitung in der That wohl daran ihre Beispiele »von edlen Handlungen illustrer Personen« unterm Schleswig-Holsteinischen Adel zu sammeln und sich zu diesem Zwecke dort einen Agenten zu halten. Merkwürdig ist, daß da wo ein Stolz, wie in der wohlbekannten Grafenfamilie doch sichtbar wird, er mehr als Familien- denn Adelsstolz hervortritt, sich mithin auch gegen seines Gleichen geltend macht.

Die Mecklenburger waren brave Leute, nur zuweilen unangenehme Copien der Kurländer, geborne Gegner der Holsteiner, wozu die Schlacht bei Sahnstedt in dem Befreiungskriege viel beigetragen haben mochte, und mir zu sehr Pferdeliebhaber. Die Spaltung zwischen Adel und Bürger war auf der Universität schon fühlbar. Ihr Sinn ist schon in der Jugend auf das Practische gerichtet, ich habe keinen Schwachkopf aber auch kein poetisches Gemüth unter ihnen gefunden.

Ihre Nachbarn, die Schwedisch-Pommeraner bildeten den mir liebsten deutschen Volksstamm. Ich glaube nicht, daß sie ihrer längern Verbindung mit Schweden ihre Biederkeit verdanken, sie war aber zu meiner Zeit auf eine überraschende Weise in ihnen vorhanden. Sie hafteten Alle in solidum unter sich, war Einer schwer erkrankt, so schienen sie alle plurig, war Einer beleidigt, so schien die deutsche Blutrache aufzuleben, war Einer schuldig, so schossen die Andern für ihn zusammen, ja als Einer sich sogar einmal blamirte, schienen sie alle verwirrt und mit blamirt. Es war dies ein Fall wo der gute musikalische X. im, durch Weinlaune und Neckerei herbeigeführten Zorn, die Hand nach einem Freunde ausgestreckt, dieser aber die Realinjurie sehr geschickt mit den Worten abgelenkt hatte: »Solche Pöbelhaftigkeiten verbitte ich mir selbst im Spaß.« Die Sache kam zur Untersuchung, es wurde auf den Verruf des Beleidigers angetragen, und ich von den Pommeranern zum Vertheidiger ihres Landsmannes gewählt. Meine Defension gelang mir so gut, daß X. der inzwischen mit seinem Gegner auf Schlägerei und ohne Binden, losgegangen war, zum großen Jubel seiner Landsleute, die mir so herzlich die Hand drückten, frei gesprochen wurde. —

Nie verließ den Pommer eine gewisse Ruhe, womit er Alles selbst das Begeisternde angriff. — Als Typus hiefür diene folgende Anekdote: Der ehrliche v. S., welcher sich einen derben Rausch geholt hatte, trug eine Leiter ins Freie indem er den ihn Fragenden wohin er wolle, ruhig antwortete: Ich will in den Himmel steigen.

Unter den Preußischen Pommeranern entsinne ich mich einen Hr. v. G., der mir gegenüber in dem Fahrbachschen Hause wohnte, wo die ungeheuren Pfeifenquäste eines relegirten Kurländers den Griff an dem Klingelzug des Zimmers bildeten. Als ich mich einmal in der Winterzeit zur Beschaffung einiger Arbeiten, eine Zeitlang um fünf Uhr Morgens wecken ließ, erregte dies einiges Aufsehen unter meinen Freunden, welche meine Nicodemus-Natur nur zu wohl kannten. Da ich indessen Beharrlichkeit zeigte machte ich bald einige Proseliten, und namentlich bat mich G. ihm als meinem Übernachbar, — bei meinem Lever sofort seinen Namen zu rufen. — Das geschah denn auch regelmäßig, indessen nicht lange Zeit mit Effect für meinen Freund, der sich bald an mein Rufen gewöhnt hatte, wie ich früher an das Rauschen des Brunnens in der Mittelbadgasse.

Ich hatte bemerkt, daß kurz nach meinem Rufe, die Schallern (Fensterladen) der ganzen Kettengasse sich successive öffneten, indessen kein Arg weiter daraus gehabt. — Nun begab es sich, daß nicht gar lange nachher, zwei auf einander folgende Kommersche mich erst um Vier Uhr Morgens zu Hause führten. Meine Laune wollte es indeß, daß ich jedes Mal meinem Freunde G. noch vor dem Niederlegen seinen Namen zurief und dann mich auf mein Lager warf.

Als ich am zweiten Abend in die sogenannte Kolonie zu dem Bäcker und Weinwirth Schwarz etwa um 8 Uhr zum Nachtessen kam, fand ich denselben auf seinen Arm gestützt, schlafend. — »Ei was Herr Schwarz!« hub ich an, »erst zu Nacht gespeißt, und dann geschlafen. Wer schläft denn so früh?« »Sie haben gut spreche Herr Baron,« erwiederte der aus seinem Schlummer hervortauchende Weinwirth. »Sie habe uns zwei Tage gut gehabt. Ich parire die ganze Kettegaß’ und die ganze Hauptstraß’ auf dieser Seit’ ist hundsmüd!«

»Aber wie kann ich daran Schuld sein?«

»Sehe Sie Herr Baron,« fuhr Schwarz fort, »Sie wohnen ins Silberschmidt Soise. Die Frau ischt ä akkerate Frau und die weckt Ihne meinetwege um fünf wann de Frankfurter Poschtkarre komme. Itzt sind Sie ufgestande und habe aus Ihne Ihr Fenschter den Herrn Baron v. G. gerufe. Das habe mir Nachbare bemerkt und allemal sein mir ufgestanden, wonn Sie G. gerufe habe. Itzt habe Sie uns Alle mit ihrem G. Rufen aber zwei Morge um drei Stunde früher aus dem Bett getrieben. Ischt des Recht, mir lasse uns holt aber nicht wieder anführe.«

»Ei Ihr verwünschten Philister!« entgegnete ich lachend aber voll Burschenstolz. »Wie könnt Ihr denn verlangen, daß ich euer Haushahn oder gar Euer Wecker sein soll.«

Meine Geschichte aber erregte einen entsetzlichen Trödel unter den Burschen.

Die Schweizer saßen bei einem Conditor in der Mittelbadgasse zusammen und tranken im Kaffeehause ihr Bier. — Mir fällt dabei ein, daß im Süden namentlich in Carlsruhe das Wort Kaffeehaus ein eben so unpassender Name ist, wie die Ableitung des »lusus« a non lucendo. Wie in einigen Städten das Schauspielhaus oft das einzige Haus ist worin nicht geklatscht wird, trinkt der Fremde im ganzen Jahre vielleicht nicht eine einzige Tasse Kaffee, obgleich das Wirthshausschild den vorüber Gehenden zu einem solchen Tranke einladet.

Die meisten Schweizer waren in der Burschenschaft ohne sich im Ganzen lebhaft dafür zu interessiren. Sie stritten sich lieber unter einander beim Conditor, wo sie ihre Cantone durch politische Zwiste würdig repräsentirten. Der vorzüglichste unter ihnen, ein Mann von edlem Herzen und klarem Kopfe, der einzigste auf den die Hegelsche Disciplin schon damals sichtlich einwirkte, ist vielleicht jetzt der ausgezeichnetste Schweizer, der allbeliebte Landamman Schindler in Glarus. — Zwei unzertrennbaren Freunden, Rauschenbach und Stünze überkam kurz nach einander der Tod auf eine seltsame Weise. Dem ersten flog beim freundschaftlichen Rappiren[2] ein Stück der abspringenden Klinge seines Gegners in den Schädel. Kein Trepan konnte ihn retten, er starb nach wenigen Stunden. Rauschenbach der Schinzmacher schnitt sich, obgleich er Mediciner war, ungeschickt einen Leichdorn. Die Wunde wurde gefährlich, der kalte Brand trat dazu und unser athlestischster Student mußte elendiglich umkommen, da er zu spät in eine Amputation des Beines gewilligt hatte.

Rauschenbach war der beste Schläger unserer Burschenschaft, während die Landsmanschaften in dem Kurländer W. ihren Haupthahn hatten. Ein jedes Mitglied der einen Parthei hätte seinen ganzen Wechsel für ihren Heros verwettet, und so mußte es am Ende denn ja kommen, daß sich die beiden Herren befehdeten. Sie contrahirten:

»Morgen gehen Rauschenbach und W. auf der Hirschgasse mit einander los,« so hieß es eines Tages, und zwar in den Ferien, wo zwar kaum die Hälfte der Musensöhne in Heidelberg war aber von diesen wiederum kein Einziger in der Kampfhalle fehlte. —

So standen sich wie einst die Horatier und Kuriatier entgegen, jeder Theil für den Ruhm seines Kämpfers zitternd.

Allein der vierte Gang entschied zum Nachtheil der Burschenschaft. Rauschenbach schien durch die klobigen Schläge seines Gegners verwirrt, seine schnell erwiederten Hiebe fielen nur flach, er selbst aber bekam eine Wunde in den Arm. Da er der Beleidiger war, so war das Duell durch seine Verwundung beendigt.

Die naive Bemerkung des Überwundenen gegen seinen Gegner: »Mit Schlägern können Sie mir wohl etwas beibringen, allein ich fodre Sie, wenn meine Wunde einmal geheilt ist, auf einen Rappierjungen,« versetzte mich in eine humoristische Stimmung, nicht aber alle Burschenschaftlern, welche glaubten, Rauschenbach habe sich ein Dementi dadurch gegeben, weil er die Ehre der Fechtkunst höher als die der Burschenschaft setze. —

Diese Äußerung wurde auch von den Corps sehr malitiös, als die eines Manschottarii gedeutet, man lachte, wir nahmen hingegen natürlich die Parthie unseres Besiegten. In zehn Minuten waren vierzig Duelle contrahirt, welche indessen später durch die academische Polizei annullirt wurden.

Spaßhaft war die Beschreibung der Trauer eines sehr vornehmen Baseler, worin seine und jede vornehme Familie in dieser Kaufmannsstadt versetzt wird, wenn ein Sprößling derselben auf die Idee kommt, zu studiren. Es wird kein Mittel unversucht gelassen, um den Schwärmer von seiner unglücklichen Idee abzubringen. Zuletzt verspricht man ihm baldige Aufnahme in die Firma und wenn es gar nicht anders ist eine reiche Cousine. Ist alles vergeblich, so wird in einer Art Familienrath der bürgerlich Todte bei einer Tasse Thee beweint und über den Verfall der guten alten Zeit geseufzt.

Unter den freien Städtern gefielen mir die Frankfurter am meisten. Wer erinnert sich nicht des lustigen Sängers vom Prinzen Eugenius? Wer nicht des kräftigen O., des biedern F.? — Der liebenswürdige Bremer Castendyck ist schon vor mehreren Jahren als Amtmann in Bremerhafen gestorben. Von den Hamburgern sind diejenigen, welche überall etwas vom Studentenleben durchmachten, die Chargen der zufriedenen Unzufriedenen geworden. Unter den Aristokraten war schon damals oft ein Hauptstreit, wie viel Mark der und oder habe, ob der Commerz-Deputation löblich oder wohllöblich gebühre, u. dergl. m. Von den Hamburger Juristen ist zu sagen, daß sie viel für ihr Fach gelernt haben. Allein sie ergreifen auch größtentheils nur die practische Seite. Die lyrischen Anlagen im Menschen verlangen zu ihrer Entfaltung etwas Hunger und Unglück[3] sie weichen nur zu leicht von dem materiellen reichen Hamburger, bei dem nach der Börse ein glänzendes Abendessen einer reichbesetzten Mittagstafel folgt, welche nur durch einige Rubber Whist getrennt wird, etwa wie Hamburg und Altona nur durch die kurze Straße des Hamburger Berges geschieden sind. — Der geistvolle Bluhme mein alter Schulcamerad besuchte mich mit dem jetzt auch verstorbenen Siemsen in Heidelberg und verlebte frohe Tage bei uns, die ihn viel mehr anheimelten als sein Aufenthalt in Göttingen, wo man dermalen zwar sich nur selten nach neun Uhr in öffentlichen Wirthshäusern zeigte indessen desto mehr Verbotenes auf den einzelnen Kneipen trieb. —