Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden aber sinngemäß ergänzt.
Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in voneinander abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb desselben Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original nicht verändert.
In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge genannt, deren Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden können. Im vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in ‚Hamburger Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort verwendete ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.
Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich doppelt verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt.
Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ ([S. 86–93]) wurde im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche Fassung. In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung zusammengefasst, danach folgt die deutsche; die ursprüngliche Formatierung wurde hierbei strikt beibehalten. Die Seitennummern bleiben den entsprechenden Textstellen zugeordnet, so dass sie in diesem Abschnitt nicht fortlaufend erscheinen.
Antiquaschrift in der Originalausgabe wird hier durch kursive Schrift dargestellt.
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Humoristische Erinnerungen
aus meinem
academischen Leben
in
Heidelberg und Kiel
in den Jahren 1817–1819
von
Theodor von Kobbe.
Zweites Bändchen.
Bremen,
Verlag von Wilhelm Kaiser.
1840.
Druck von F. W. Buschmann.
Inhaltsverzeichnis.
| Achtes Kapitel. | [1] |
| Neuntes Kapitel. | [25] |
| Zehntes Kapitel. | [77] |
| Elftes Kapitel. | [124] |
| Zwölftes Kapitel. | [142] |
| Dreizehntes Kapitel. | [162] |
| Vierzehntes und letztes Kapitel. | [187] |
Achtes Kapitel.
Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß. Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß in Auerbach. Philipp Stieffel.
Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.
Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. — Aber schon um den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.
Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers »die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft wurde. — Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit dem ersten Character belohnt wurde.
Wie einst mit flehendem Verlangen
Pygmalion den Stein umschloß,
Bis in des Marmors kalte Wangen
Empfindung glühend sich ergoß,
So schlang ich einst mit Liebesarmen
Um corpus juris mich mit Lust,
Bis es zu athmen, zu erwarmen
Begann an des Juristen Brust.
Und theilend meine Flammentriebe
Die Stumme eine Sprache fand,
Mir wiedergab den Kuß der Liebe,
Und meines Herzens Klang verstand.
Da klang mir lieblich jede Stelle,
Gleich reiner Quellen Silberfall,
Selbst aus der trockensten Novelle
Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.
Es dehnte mit allmächt’gem Streben
Die enge Brust ein kreisend All’,
Hervorzutreten auf’s Catheder
Mit Weisheitswort und Witzesschall.
Wie groß war diese Welt gestaltet,
So lang’ der Hörsaal mich noch barg,
Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!
Dies Wenige wie klein und karg!
Wie sprang von Savigny beflügelt,
Beglückt durch theoretschen Wahn,
Von keiner Praxis noch gezügelt
Ich da in die gelehrte Bahn!
Bis an der Glosse bleichste Sterne
Erhob mich der Entwürfe Flug;
Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,
Wohin ihr Flügel mich nicht trug.
Wie leicht ward ich dahin getragen,
Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!
Auf meinem Tische, o! da lagen
Die Folianten kreuz und queer!
Cujaz mit civilist’scher Krone,
Donell in des Systemes Glanz
Auch Schulting lockt mit reichem Lohne,
Selbst Glück mit rings verstohlnem Kranz.
Doch ach! schon in des Sommers Mitte
Verloren meine Gönner sich,
Sie wandten treulos ihre Schritte,
Und einer nach dem Andern wich.
Zu leicht an sich war Glück entflogen,
Cujazius blieb unenthüllt,
In dem Donell las ich zwei Bogen
Und schnitt mir nur heraus sein Bild.
Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,
Doch Schulting führte mich zu weit,
Ach allzuschnell nach kurzem Lenze
Entfloh die schöne Quellenzeit.
Und immer stiller wards und immer
Verlaß’ner auf dem Burschenpult.
Von Savigny borgt ich noch Schimmer
Doch dazu riß auch die Geduld.
Von all dem rauschenden Geleite,
Wer harrte liebend bei mir aus?
Wer steht mir tröstend noch zur Seite,
In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?
O! die du alle Wunden heilest,
Du Thibauts viel gefaßte Hand,
Für das Examen Kraft ertheilest,
Du, die ich ungesucht schon fand!
Und du, der gern sich mit ihm gattet,
Wie er der Prüfung Quaal beschwört,
O Höpfner Du, der nie ermattet,
Der selten schafft, doch nie zerstört;
Der zu dem Bau der Ewigkeiten
Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
Doch dem in des Examens Zeiten
Cujaz und corpus juris weicht!
»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß, selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn »Eminenz« ausgestellt wurden.
Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der zweite begrüßt. — Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt, die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. — Glaubwürdigen Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen Loseburg (auch »Schnurri-Major, Carbonädel« genannt,) zu Bonn gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll. Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.
Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von meinen Wangen.
Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide zu verschmelzen.
Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden, obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. — Die Abreise mußte aber simulirt werden.
Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.
Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.
Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der Scheide, vor sich.
Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in escarpins, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei Chapeaux d’honneurs auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist. — Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen.
Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in Eminenz verwandelten.
Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich, nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden. Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg zurückführen zu lassen.
Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur, nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft behandelte uns wie Philister.
Wir hatten uns burschikos überlebt.
Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.
Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt, gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu bringen versprochen hatte.
Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz, ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden der Welt!«
»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen Zweifel wieder.«
Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der Berichterstatter.
»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.
Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben, daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die Zurückbleibenden.
»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«
»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.
Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!! »Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg auszurichten, so sag es uns doch!«
Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.
Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden Blicken.
Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen gemacht. — Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich seiner nicht mehr.
Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht verblasen hätten. — Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. — Solche Tonkünstler sind wahre Kaspar Hauser, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen. Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß sie geigen sollten. — Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.
Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station trennen zu wollen.
»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der Flasche zukommen lassen wollte.«
»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu meinenden älteren Bruder spielen.«
»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, fiat justitia pereat mundus.«
»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.
»Jawohl« entgegnete der Andere. — »Der ist grade der competente Richter dafür.«
Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren unbrüderlichen Rechtshandel.
Es handelte sich nur darüber ob das Wort »Philister« bei den Studenten einen schlechten Kerl oder einen Nicht-Burschen bedeute.
Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren Worte
»Es bedeutet beides«
und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen Cerevisianern zu träumen.
Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem es ausgemacht hatte das ominöse Wort »Philister« nie wieder gegen einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
Und wenn er sie beim Kragen hätte.
In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald dessen Garaus gefolgt ist.
Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. — »Ach! der ist ja total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.
Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte. Wir entschlossen uns daher den Kutscher pro rata seines Weges, zu bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen. Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne Unterbrechungen fortsetzen zu können.
Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt zahlen müßten.
Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.
»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.
»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des mille bocus, wohnt der Schultheiß.«
Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.
Die Karavane brach auf — der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich, mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; — sodann der Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die Hornisten. —
Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der Gerechtigkeit an.
Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen haben.
Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten, sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht suchen wollten, öffnete er die Thür.
»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache führen.«
Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.
Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.
Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte, und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »Er ist ein grober Mensch« begleitete.
Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben werden.
Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand der ehelichen Liebe.
»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen Stuhl steigend, von wo er uns, ein »mille bocus miniature«, Alle übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen nach den göttlichen Gesetzen langte.
»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.
»Von Rechts Wege.«
Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in eine sprachlose Betrübniß.
Wir wandelten schweigend heim. — »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin, sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.
»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.
Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf Rache. —
Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart nicht wieder unternommen.
Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer Stunde bekommen. —
»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und der Proceß haben ihn entnüchtert.«
»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«
»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen Beklagten an. — »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«
Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht hersetzen.
Aber ich thue es doch — Nein, ich thue es nicht. — Er sagte — er sagte, — es ist demüthigend — »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« —
Das war zu viel. — Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.
Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige, wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde lagen.
Unsern ci devant Kutscher hörte ich höhnisch lachen.
Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte aber erst in derselben Stunde zu Darmstadt an, als die von mir ersehnte Post von Frankfurt nach Cassel abging. —
In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen werden.
Mir schrieb ein Freund:
»In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. — Aber ach ich sehe Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie voriges Jahr mit Dir.«
Ich rescribirte meinen Cerevisianern:
»Habt Ihr immer trüben Sinn
An den Neckarthoren,
Weil ich dort geschieden bin
Und Euch dort verloren;
Hebt doch Brust und Kopf empor,
Habt Ihr’s nicht vernommen?
Glaubt: durch dieses selbe Thor
Werd’ ich wiederkommen.«
Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.
»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,« bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines Mannes nicht fähig gehalten. — Erlauben Sie mir eine Frage:
»Sind Sie verheirathet?«
»Nein! gnädige Frau!«
»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf diese Weise selbst verjüngen können!«
»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.
»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen, von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder antworten?«
»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete Professor an der polytechnischen Schule, Philipp Stieffel in Carlsruhe.« —
»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein wackerer Vater.«
Neuntes Kapitel.
Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W — s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen Berliner. Kassel.
Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen. Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben, die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche Kant »klein« aber »schön« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu gewähren. — Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen Glauben wie in Israel gefunden. —
Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? — Von den letzten wie von den ersten, durch Aufhebung des Druckes. Glaubt nur es ist kein Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.
Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur table d’hôte! Ich hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur, lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu fragen. Was heißt »Falkiren«?«
»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.
Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W—s« hatte mir dieser entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen. Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr erst wieder verläßt.
Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde und wie es mir schien, in B—schen Diensten stand. Dieser sprach von einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse, und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.
»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie. Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott, als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt, beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung, Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das Verhältnis zum Absoluten in Form des Gefühls, der Vorstellung des Glaubens, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis gegeben.« —
Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«
»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete, »allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«
»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.
Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen Greises zu hören.
Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,« von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.
Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes, überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe — Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.
Das Desert wurde aufgetragen.
»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger Kalk versprochen.«
»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.
»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe, daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig. Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne, Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage, namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an, »weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu belegen.«
K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:
»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon geschrieben,« endete er.
»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und Poet doch wohl haben, daß wenn es bei großer Strafe verboten ist, etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns alliirt sind.«
»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu erweisen.«
Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«, fragte er mich sogar einmal.
»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon ergriffen.«
»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. — Denken Sie sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«
Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich, mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten »Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker, seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. — O lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch nennt »Ideale« seien. — Das kann man freilich von den jetzigen nicht sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, par preference vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.
Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht, die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.
In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen — willig machten sie mir Platz.
Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel heller war als das meinige.
Ich forschte nach der Ursache.
»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. —
»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art Mitleiden.
»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«
»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das ist ein großer Unterschied.«
»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl von allen Seiten die Antwort.
»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine Kunde Eppelwein vorsetze. — Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein großer Unterschied.«
»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch ä Onkel und ä Braut —«
»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«
»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig, und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke hab’. — Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« — Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken rothnasigen Oheim nit wenig. — Da begab es sich, daß wir an eine Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. — Kenne Sie Auerbach und de Wirth Dieffenbach?«
»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast verstimmt.
»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort. — »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de Onkel vorzutrage. — Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. — Leider kam er auf die Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.
»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.
»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier, wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«
»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer Babett,« forschte ich.
»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm trinke.«
»Nun und das wollten Sie nicht?«
»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. — Das reizte aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu, ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt, der ist nit von meine Blut. — Ich blieb die Antwort nit schuldig, der Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«
»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,« ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. — Ihr Schluchze das ich obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp fiel.«
»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims. Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. — »Sei letztsch Wort ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«
»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich, da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las, daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte, ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander Städtche ein ander Mädche.«
»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett ist ungesund und harthörig geworde. — Ich sag oft zu mir selbst wer weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf meine Satz. — Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« —
Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine Begeisterung für den Eppelwein verdankte.
Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius erinnert und an seinen Refrain:
Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,
Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.
Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä großer Unterschied.«
Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten, wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten Schinkens nur zwei wunderliche Dinge — ein ganz trüber Punsch und ein Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei, daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung zu Stande gebracht habe. — Solche weise Todtengespräche werden einst in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn den scheinbar frommen Satz geschaffen: De mortuis et absentibus nil nisi bene. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu geblendet, in viele kleine — wie der gute Homer.
Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.
»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister, »der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so geschah’s. — Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten. Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer. Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen mit den Worten ihm nachstreckte:
»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« —
»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«
Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.
Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.
Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei, war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.
Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages. Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht ganz täuschend reproducire. —
Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine Taschenkalender feil bieten zu können.
»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene ein, »dat is der Satiricker Friederich.«
»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.
Ich nickte bejahend.
»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen Lectüre gekommen bin?«
»Wie sollte ich das wissen?«
»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de Friedrichsstraße Nummer 46.«
Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.
»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier« nennen that. — Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«
»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der minor natu.
»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder Defrene und Compagnie« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun thäten.«
»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war damals de rothe Lise?« —
»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de Geliebte von den russischen Jelehrten.«
»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage hier zu besuchen, die Freundschaft thun will.«
»Jette, ick meehne Lise, sagte, das Ding soll vielleicht wol angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«
»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben. Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«
»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder, den Franz,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.
»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und nich kann. Hu! des ist jräsig!« —
Genug die Geschichte war uff en Donnerstag —