Was
der schwarze Hans
erlebte.

Kindererzählung aus der Heimat
von
Theodor Zenner.

Esch an der Alzette.
Druck und Verlag: Kremer & Rettel.
1921.

Meinem Vater selig
in dankbarer Erinnerung
gewidmet.

I.

Der schwarze Hans?!

Wer war denn das? – Vielleicht ein ausgelassener, böser Bube? – ein Räuber? – ein Neger im fernen Afrika?

Nichts von alledem. Der schwarze Hans war nichts anders als ein alter, sehr alter Rabe.

Aus der Naturgeschichte ist euch gewiß bekannt, daß die Raben ein sehr hohes Alter erreichen; ja man sagt sogar, sie könnten es bis auf 200 Jahre bringen. –

So alt war freilich unser Hans noch nicht; aber über 100 und weit darüber gingen seine Jahre. Genau wie alt er sei, wußte er eigentlich selbst nicht; denn die alte Tanne, worin er jedesmal ein Zeichen eingehackt, wenn der garstige Winter von dannen zog und ein neuer Frühling in die Länder kam, war vor 50 Jahren umgehauen worden; und so war Hansens Tagebuch verloren gegangen. Gegen 140 mochten seine Sommer zählen, vielleicht einige mehr, vielleicht einige weniger; doch das verschlägt ja auch nichts; Hans war sehr alt, und das genügt.

Trotz seines hohen Alters war er aber noch sehr rüstig. Zwar ging er wie alte Leute etwas gebückt, aber seine Federn waren noch nicht weiß geworden; sie schillerten nur etwas ins Grünliche hinüber. Er hörte auch noch vorzüglich, und im Fliegen hätte er es mit einem Zwanzigjährigen aufnehmen können. Oft indes klagte Hans, daß in den letzten Jahren sein Augenlicht bedeutend abgenommen habe; er sah bei weitem nicht mehr so klar wie früher. Die Brille, die er im Garten des Lehrers gefunden, leistete ihm daher treffliche Dienste. Fast beständig trug er sie; selbst wenn er erzählte, setzte er sie bedächtig auf, und über die Gläser hinweg sah er scharf seine Zuhörer an.

Viel war der Hans in seinem langen Leben im Lande herumgekommen. Gute und böse Tage und Jahre hatte er gesehen. Für alles hatte er ein offenes Auge gehabt; Land und Leute hatte er fleißig beobachtet, und er hatte sich alles wohl gemerkt und eingeprägt. Sein Gedächtnis war noch frisch, seine Zunge gelenkig wie in ihren besten Jahren. Kein Wunder also, wenn Hans erzählen konnte, wie kaum ein zweiter. Weit und breit war er dafür bekannt, und die Rabenbüblein der ganzen Gegend kamen gerne zu ihm, um seinen Erzählungen zu lauschen.

Umsonst freilich erzählte der alte Hans nicht. Seine kleinen Zuhörer mußten ihm Geschenke bringen, Engerlinge, Regenwürmer und dergleichen Leckerbissen, und nach der Menge der Gaben richtete sich die Länge seiner Geschichten.

Väterchen Hans erzählte gerne. Seine helle Freude hatte er jedesmal, wenn ihm die Rabenbüblein mäuschenstill zuhorchten. Besonders gern erzählte er „gruselig“, so gruselig, daß manchmal die schwarzen Bürschlein regungslos da saßen, kein Auge von ihm abwandten und kaum noch zu atmen wagten.

Heute nun, an einem lauen Sommerabend, waren sie wieder zu ihm gekommen; jeder hatte das Beste mitgebracht, was er zu finden vermocht, und vieles hatten sie zusammengetragen, daß Väterchen Hans ihnen einmal lange, sehr lange erzählen möchte. So hatte er es neulich versprochen, und das wußten sie, wenn Väterchen Hans etwas versprach, konnte man sich darauf verlassen.

Auf einer hohen Eiche, droben bei Folkendingen, hatten sie Platz genommen; zu oberst Vater Hans, um ihn herum ein halb Dutzend schwarzhaariger Rabenbüblein, alle voller Spannung auf die versprochene lange Geschichte.

Lächelnd hatte Meister Hans die hergebrachten Leckerbissen verzehrt; einige Würmlein nur hatte er auf dem knorrigen Aste liegen gelassen, um sich daran zu ergötzen, wenn ihm etwa während der Erzählung die Zunge trocken werden sollte. Bedächtig rückte er die Brille zurecht und begann dann feierlich und voller Weihe:

„Lange ist es her, Kinder, damals, als noch allenthalben dichte Wälder das Luxemburger Land bedeckten, – gegen das Jahr 1780 – da stand meine Wiege droben im Ösling“.

Da lachten die kleinen Rabenbuben hell auf: „Ha, ha, ha, ha! Papa Hans! Deine Wiege! Eine Wiege hast du ja gar nicht gehabt! Ha, ha, ha!“

Vater Hans verzog mißmutig das Gesicht. Wie konnten die vorlauten Buben wagen, ihm, dem alten Manne in die Rede zu fallen? Einen Augenblick sah er sie vorwurfsvoll über die Brille an.

Doch bald lächelte er wieder und fuhr vergnügt fort: „Ja, es ist auch nur um so zu sagen, Kinder. Unser Nest glich doch einer Wiege, denn geschaukelt wurden wir darin mehr als manches Menschenkind in seinem Holzkasten. Auf einer alten Eiche über der Anhöhe bei Michelau stand unser Heim. Sorgsam hatten die Eltern es in die Baumkrone hineingesetzt. Und weich, ganz weich war es gepolstert. Tief unten hatten die Eltern es mit feiner Wolle ausgeschlagen, die sie an den Dornenhecken pflückten, wo die Schafherde vorbeigegangen, und darüber hatten sie schöne weiße Federchen und Daunen gelegt, die sie aus den Tannen bei Bürden holten, wo die Habichte hausten und die Hühnchen und Tauben verzehrten.

Wie mir der Verstand aufging, saß ich droben auf dem hundertjährigen Baume und sah mir die Gegend ringsum mit neugierigen Augen an. Unserm Hause grade gegenüber, auf der jenseitigen Anhöhe, stand das Schloß von Burscheid, voller Schönheit und Pracht! Heute, – ach wie sich die Zeiten ändern! – heute ist es nur mehr eine traurige Ruine, die nicht einmal mehr ein schwaches Bild seiner früheren Herrlichkeit geben kann. Und drunten im Tale floß die Sauer, ein breiter Silberstreifen im saftigen Wiesengrün. In weitem schlankem Bogen zog sich das klare Wasser zwischen den hohen Bergen hindurch, von der Burscheidtermühle an, wo es aus den Bergen zu kommen schien, bis unterhalb Michelau, wo es hinter einem vorspringenden Bergrücken abermal zwischen den Felsen verschwand. Und aus den Tümpeln an ihren Ufern brachten die Eltern Leckerbissen – ah! Fischlein, Fischlein, ah!“ Dabei glitt die spitze Zunge Hansens langsam am Schnabel vorbei, und die kleinen Rabenbuben taten desgleichen. Mit glänzenden Augen sahen sie Vater Hans an; das Wasser lief ihnen im Munde zusammen, und einer nach dem andern schluckte verstohlen, daß man es leise in der Runde gurksen hörte.

„Und du hast keine Angst gehabt, Väterchen Hans,“ unterbrach der kleine Rassi, ein vorwitziges gewecktes Kerlchen, „du könntest vom Baume herunterfallen, als dir die Flügel noch nicht ausgewachsen waren?“

„A... Angst!“ wiederholte Vater Hans und verächtlich schaute er Rassi an. „Bah, Angst! Angst hab ich in meinem ganzen Leben noch keine gekannt. Und wenn der Wind recht heftig durch die Bäume fuhr und an unserm Hause rüttelte, wenn gar von Kehmen herunter ein Gewitter rabenschwarz ins Tal stieg und den Baum schüttelte, daß wir beinahe aus dem Neste geschleudert wurden, dann hatte ich erst rechte Freude.“

Die Rabenbüblein wanderten sich und staunten über solchen Mut.

„Ja, damals, Väterchen Hans“, fuhr der kleine Rapsi, ein Bürschlein, das erst vor drei Tagen flügge geworden war, dazwischen, „damals gab es wohl auch noch keine so bösen Menschenbuben wie jetzt. Wenn du heute im Neste sitzen würdest, dann würde dir schon die Angst kommen, ganz gewiß!“

„Paperlapap,“ grinste Hans. „Buben sind Buben. Auch früher gab es freche Buben, grade so gut wie heute.“

Langsam rückte er mit einer Kralle die Brille zurecht, suchte den dicksten der noch übriggebliebenen Würmer und verzehrte ihn mit sichtlichem Wohlbehagen. Dann setzte er seine Erzählung fort:

„Böse Buben, ja, ja! Als ich noch im Neste saß, da kamen einmal ihrer drei, böse, freche Kerle, – ich sehe sie noch. – Oben über die Felder schlichen sie herunter und gingen am Saume der Hecken entlang. Plötzlich blieben sie stehen. Sie hatten unser Nest entdeckt. Einen Augenblick beratschlagten sie miteinander. Zwar verstanden wir nicht was sie sagten, aber an den verstohlenen, unheimlichen Blicken, die sie nach dem Neste richteten, erkannten wir wohl, daß sie nichts Gutes im Schilde führten. Bald standen sie unter dem Baume. Schon schickten sie sich an, denselben zu ersteigen. Einer umklammerte den knorrigen Stamm, die beiden andern stützten ihn und halfen ihm nach. So kroch er herauf, immer höher und höher. Da habe ich doch ein wenig gefürchtet. Schon saß er in den Ästen. Deutlich hörte ich, wie er mit seinen Gesellen, die unten standen, redete. Schwarze Pläne waren es, die sie ausspannen. „Sind Eier drin“, sprach der Bösewicht, „so werden sie geschlürft, sind Junge drin, dann gehen sie mit in den Käfig. Jeder von uns erhält einen, und die überzählig sind, werden totgeschlagen.“

„Ha, der Mörder,“ knirschten erbost die Räblein!

„Wir waren zu vier Brüderlein“, erzählte Hans wehmütig weiter, „und haben gezittert, als wir die freche Rede hörten.“

„Waren denn der Vater und die Mutter nicht da“, unterbrach hastig der kleine Rassi, „daß sie den frechen Buben fortgetrieben hätten?“

„Ihr könnt euch denken, wie wir geschrieen haben“, entgegnete Hans, „so laut, so laut. Aber die Eltern waren fort, weit fort, um Essen zu holen. Hoch über den Berg, bis zum Kippenhof, waren sie geflogen. Dort hatten sie tagsvorher ein Häslein für uns erbeutet, und das wollten sie uns stückweise zum Neste bringen.

Schon war der böse Bube so nahe gekommen, daß er uns gleich erreichen mußte. Angstvoll drückten wir uns in die entgegengesetzte Ecke des Nestes und schrieen so laut wir nur konnten. Plötzlich, – ach ich zittere so oft ich daran denke! – plötzlich neigte sich das Nest etwas zur Seite und unser armes Brüderlein Jackli stürzte kopfüber in die schaurige Tiefe.“

„Und die andern?“ zitterte Rassi.

„Es ging noch gut,“ atmete Hans auf, gleichsam als erlebe er diese qualvolle Angst ein zweites Mal, „der Kleine hatte sich kein Leid getan; in seiner Todesangst hatte er kräftig mit seinen Flügelein geflattert und unter dem Baum war dichtes, weiches Moos; für uns aber sorgte der Vater. Just wie der böse Bube die Hand nach uns ausstreckte, erschien er, gerade noch zur rechten Zeit. Gleich hatte er die Absicht des bösen Buben erkannt.“

Einen Augenblick hielt der alte Hans inne.

„Und dann, und dann ...?“ drängten neugierig und zitternd einige Stimmen. „Und dann“, fuhr Vater Hans bedächtig fort, „dann hättet ihr einmal meinen guten Vater sehen sollen! So zornig hatte ich ihn noch nie gesehen. Geradeswegs stürzte er auf den Buben los. Mit einem heisern Schrei saß er ihm im Nacken; wütend fuhr sein kräftiger Schnabel auf den Bösewicht nieder. Ha! da hättet ihr einmal Schmerzensschreie hören können! Heulend zog der Bube den Kopf zwischen die Schultern und rutschte am Baume hinab, so schnell er nur konnte. Aber der Vater ließ nicht locker. Immer wieder hieb er auf ihn ein. Hu! wie des Buben Federn flogen! Ganze Büschel Haare zauste der Vater ihm aus; allenthalben lagen sie später um den Stamm der Eiche herum. Hätte man sie sammeln wollen, ein ganzes Nest hätte man damit auf’s feinste polstern können. Kaum war der Bube unten am Boden angelangt, so eilte er den Berg hinunter, so rasch er nur konnte; seine Mütze, die ihm entfallen war, ließ er unter dem Baume liegen und drei Tage später war er noch nicht wiedergekommen, sie zu holen. Seine Begleiter hatten schon das Weite gesucht, sonst hätte der Vater auch ihnen die verdiente Strafe gegeben.“

„Bravo, Bravo!“ jubelten in einem Chor die Rabenbüblein und freudig klopften sie mit den Flügeln. „Der hatte seinen Herrn gefunden, dem war sein Recht geschehen!“

„Und sind sie anderntags nicht wiedergekommen und haben noch größere Buben mitgebracht?“ fragte Rassi erregt.

„Nie sind sie wiedergekommen, bis heute nicht“, erwiderte Hans triumphierend. Sie hatten sich die Lehre gemerkt und werden sie, denke ich, zeitlebens nicht vergessen haben.

II.

So war denn diese große Gefahr glücklich vorübergegangen. Unter der sorgsamen Obhut der Eltern wuchsen wir heran. Nur mehr wenige Tage trennten uns von der freudigen Stunde, wo wir großjährig werden und unsern ersten Ausflug machen sollten.

Doch da kam jener Unglücksmorgen, den ich nie vergessen werde, und sollte ich auch 500 Jahre alt werden. Die Eltern waren eben wieder weggeflogen. Sie hatten uns mitgeteilt, daß sie bis Diekirch hinuntereilen wollten, wo einer unserer dortigen Verwandten ein Reh in einer Schlinge gefunden hatte. „Dort gebe es,“ sagte der Vater, „ein Freudenmahl, wie unsere Familie schon jahrelang keines mehr gesehen hätte. Vor Mittag könnten sie schwerlich zurück sein. Wir sollten uns hübsch ruhig verhalten; vor allem dürfe sich niemand über das Nest hinüberlehnen, damit kein Unglück geschehe. Auch versprach er uns einen fetten Bissen mitzubringen, daß wir noch lange an jenen Tag denken würden.“

Doch kaum waren die Eltern fortgeflogen, da kamen durch den gewundenen, holperigen Heckenpfad von Lipperscheid herauf drei halberwachsene, ausgelassene Burschen. Zaghaft zogen wir die Köpfchen ein. Tief duckten wir uns in’s Nest, in der Hoffnung, daß sie uns nicht entdecken und dann vorüberziehen würden.

Indes, wir hatten uns getäuscht. Unter dem Baume blieben sie stehen. Wir hörten, wie sie von unserm Neste redeten.

Nachdem sie eine Zeitlang beratschlagt, schickte sich einer der drei an, den Baum zu ersteigen. Es gelang ihm aber nicht, trotz wiederholter Versuche. Auch die beiden andern, welche nach ihm heraufzuklettern suchten, hatten keinen Erfolg. Jedesmal, wenn sie einige Meter erklommen hatten, rutschten sie wieder hinab.“

„Aha, das war gut!“ jubelten die Räblein. „Ihr hattet ihnen doch nichts zuleide getan, da konnten sie ja ruhig ihres Weges weiterziehen!“

„Wir freuten uns“, fuhr Vater Hans fort, „und hätten laut aufjubeln mögen, als wir sie nach einer Weile unverrichteter Dinge abziehen sahen.

Aber leider sollte unsere Freude nicht von langer Dauer sein.

Voll Zorn, daß sie nichts erreicht hatten, stiegen die drei Lümmel die kleine Anhöhe hinauf, welche zur Seite des Feldes unser Nest überragte.

Einige Zeit hatten wir nichts mehr gehört. Schon glaubten wir alle Gefahr verschwunden. Da sauste plötzlich ein dicker Stein an unserm Nest vorüber. Ich lüge nicht, aber ganz gewiß war er dicker als mein Kopf.“

Angstvoll reckten die Räblein ihre Köpfchen und mit weit aufgerissenen Augen stierten sie den alten Hans an. Leise redete er weiter. „Wir duckten uns rasch ins Nest hinein, so tief wir nur konnten. Weitere Steine folgten. Immer zahlreicher hörten wir sie an uns vorbeifliegen. Bald gingen sie in weitem Bogen über das Nest und den Baum hinweg; dann wieder fuhren sie klatschend durch das Laub neben oder unter uns, und leise hörten wir sie unten am Berge aufschlagen.

Lange folgte Schuß auf Schuß. Noch waren sie alle glücklich vorbeigegangen. Weder uns noch unserm Neste war ein Unheil geschehen. Das aber reizte die bösen Burschen noch mehr. Zitternd hörten wir, wie sie abwechselnd einer den andern aufforderten, aus den umliegenden Feldern Steine herbeizutragen. Ohne Rast und Erbarmen schleuderten sie ihre Geschosse weiter.

Nach langen, qualvollen Minuten hielten sie plötzlich inne. Einige Zeit blieb alles still. Ich horchte hinunter. Da ich gar nichts mehr hörte, sprach ich freudig zu meinen Brüderlein: „Endlich sind sie fort.“ Erleichtert atmeten wir alle auf.

Ungefähr fünf Minuten war alles ruhig geblieben. Da beugte sich unser Brüderchen Rappi rasch über den Rand des Restes hinüber. Er wollte spähen, ob die grausamen Kerle wirklich davongegangen seien. Doch, o weh! Gerade in dem Augenblick traf ihn der tötliche Schuß. Hart an die Schläfe getroffen, schrie er plötzlich grell auf. Gleich sank sein Köpfchen seitwärts und färbte die Reiser des Restes blutigrot. Seine sonst so klaren Äuglein füllten sich mit Tränen. Wehmütig sah er uns alle noch einmal an. In wenigen Sekunden wurde sein Blick trüb und immer trüber; einige Male noch ging sein Atem rasch und schwer. Leise stöhnend starb er schon nach etlichen Minuten.

Und von neuem sausten die bösen Steine, die auch uns ein jähes, grausames Ende bringen konnten.“

Regungslos, mit halbgeöffnetem Schnabel saßen die Räblein da und sahen Hans angstvoll an.

Leise, mit tränenerstickter Stimme, fragte Rassi teilnahmsvoll:

„Und was sagten die Eltern, Väterchen Hans, als sie Mittags heimkehrten?“

„O, darüber laß mich schweigen, Rassi,“ entgegnete Hans traurig, „was würden deine Eltern sagen, wenn ein böser Mensch dich totwerfen würde?

Anderntags, als die Mutter auf einem mehr abseits stehenden Baum herzzerreißend um das tote Brüderlein weinte, nahm der Vater schluchzend die kleine, blutbefleckte Leiche in seine festen Krallen und flog damit fort, weit weg über die Berge. Erst nach langer Zeit kehrte er heim. Wohin er das tote Brüderlein begraben, hat er uns nie mitgeteilt.“

Der alte Hans hielt inne. Tränen erstickten seine Stimme.

Das harte Mißgeschick, das den armen kleinen Rappi betroffen, und das große Leid, welches die bösen Buben seinen lieben Eltern bereitet hatten, war auch den Rabenbüblein tief zu Herzen gegangen. Bittere Tränlein rollten aus ihren Augen und tröpfelten leise drunten in das dürre Laub.

III.

„Doch war damit“, fuhr Hans abermal fort, „des Unglückes noch nicht genug. Einige Tage später kam ein großer Kerl – wie ich später erfuhr, war er Knecht auf der Erpeldingermühle – an unserm Baum vorüber. Auch er blieb stehen und spähte einige Zeit nach unserm Neste. Obschon wir uns ganz ruhig verhielten, machte er dennoch bald Anstalten, den Baum zu ersteigen. Er warf seine weiße Mütze zu Boden, umklammerte fest den knorrigen Stamm und kam rasch an demselben empor.“

„Er kommt nicht herauf, er kommt nicht herauf,“ hastete Rassi wieder, „es geht ihm wie den drei Buben, er rutscht wieder hinunter!“

„Ja Rassi,“ lächelte Vater Hans, „so hatten auch wir gehofft, aber umsonst. Schon saß er in den Ästen. Nachdem er einige Minuten gerastet, kletterte er, schwer atmend, weiter. Plötzlich erschien sein großer, weißer Kopf ganz in unserer Nähe. Mit seinen frechen, schwarzen Augen glotzte er uns triumphierend an.“

Mäuschenstill war es wieder in der Runde geworden, die kleinen Rabenbüblein horchten unverwandten Auges.

„Kamen denn diesmal die Eltern nicht zu Hilfe?“ fragte Rassi zitternd. „Väterchen Hans erzähl’, erzähl’! Wie ging es weiter? Kam nicht der Vater und hat den frechen Buben gestraft und hinuntergetrieben, wie den andern Bösewicht einige Tage früher?“

„Leider nicht, Rassi. Die Eltern waren fort und hörten unsere flehentlichen Hilferufe nicht. Was hätte es auch genützt, wenn sie da gewesen wären? Dieser Bursche war viel stärker als der Bube von damals; zudem hatte er sich mit einem Stock bewaffnet, und damit hätte er sich gewiß gegen die Eltern gewehrt; möglicherweise wären sie noch verwundet worden, und schließlich wäre doch der Räuber Meister geblieben.“

„Wie schade“, klagte Rassi traurig, und indem er das Köpfchen neugierig nach vorne streckte, „und dann, Väterchen Hans, und dann?“

„Guten Morgen, ihr Herren Räblein,“ sagte der Spötter. „Jetzt geht einer von euch mit mir zur Mühle“.

Und er nahm einen von uns nach dem andern in die Hand und wog uns bedächtig; dann breitete er uns die Flügel aus und betrachtete sie genau; schließlich fand er mich als den größten von uns allen“.

„Du gehst mir jetzt mit, Hänslein“, sagte er, „und die andern hol’ ich mir später, wenn sie etwas größer sind.“

Damit stieg er mit mir den Baum hinab; leise hörte ich noch einmal die Brüderlein klagen, und seitdem habe ich nie wieder etwas von ihnen erfahren“.

„Ach, der böse Dieb und Räuber! Du hättest ihn beißen sollen, Väterchen Hans, bis er dich freigelassen hätte“, knirschte Rassi zornig, „oder fortfliegen hättest du sollen, es wäre dir gewiß schon gelungen.“

„Es wäre mir nicht gelungen, Rassi“, erwiederte Hans betrübt, „seine schwere Hand hatte mich zu fest umklammert; er preßte mir die Seiten zusammen, daß ich beinahe nicht atmen konnte und in Gefahr schwebte zu ersticken. Unter dem Baume drückte er mich in eine Tasche, die er mit einer Stecknadel sorgfältig verschloß. So war es unmöglich herauszuschlüpfen. In der Tasche war es eng, Kinder; eine Zehe war mir zwischen zwei harten Gegenständen eingeklemmt und schmerzte mich heftig.“

„War es denn hell in der Tasche, Väterchen Hans, und hast du gewußt, wohin der Räuber dich tragen würde?“ unterbrach schon wieder Rassi.

„Ihr könnt euch denken“, lachte Hans, „ganz finster war es drinnen, so schwarz, daß ich nicht einmal die Richtung wußte, in der ich fortgetragen wurde. Nach einiger Zeit blieb mein Räuber stehen. Er öffnete die Tasche, ergriff mich wieder mit seiner Eisenfaust und zog mich ans Tageslicht. Aus der finsteren Tasche plötzlich in den hellsten Sonnenschein zurückversetzt, vermochte ich anfangs nicht aufzublicken. Nach einer Weile erst sah ich, daß sich die Gegend ganz verändert hatte. Vor mir lag ein schöner Wiesengrund. Eine breite Fläche tiefen, stehenden Wassers breitete sich in demselben aus, und seitwärts ging von ihm ein schmaler Graben aus, der das Wasser mitten in das im Hintergrund liegende weiße Haus hineinleitete. Das Haus war gedeckt mit Stroh, auf welchem bis zum First hinauf allerlei Moosarten herumstanden.

Wir befanden uns vor einer alten Mühle. Heute ist sie verschwunden. Bereits vor einigen Jahrzehnten ist sie abgebrochen worden, nachdem sie lange Zeit als unbewohntes, baufälliges Gebäude leer gestanden hatte. Damals war sie noch in Betrieb, und ein Poltern drang aus derselben heraus, daß mir das Herz schneller schlug, und ich mein letztes Stündlein gekommen glaubte.

Indem mein Räuber ein Liedlein pfiff, trug er mich dort hinein. Es war das erste Menschenhaus, welches ich aus der Nähe sah. Allenthalben standen sonderbare Gegenstände, die ich nicht kannte: schwere, runde Steine, groß wie Räder, dann wieder Wagen, Säcke, Ackergeräte u. s. w. Mit verwunderten Augen sah ich alles scheu an. Auf einmal fuhr ich erschrocken zusammen. Hinterher aus dem Hof erscholl ein wildes Schreien Hi ... hi ... hi! so fürchterlich, wie ich es noch niemals gehört hatte. Und als ich hinsah, kamen zwei große, unheimliche Tiere heran, tausendmal größer als ich. Rot waren sie wie die Eichhörnchen, aber viel größer und wilder. Mit schweren Schritten kamen sie gerade auf mich zu. Der Boden zitterte unter ihnen und Augen hatten sie größer wie mein Kopf“.

„Wollten sie dich fressen, Väterchen Hans?“ fragte Rassi erschrocken.

„Ja, so hatte ich auch gefürchtet“, lächelte Hans, „aber sie gingen vorüber, ohne nach mir zu schauen und verschwanden in einem schwarzen Loch hinter dem Gebäude. Später hörte ich, daß man sie Pferde nannte“.

Laut krächzend lachten die Räblein auf.

„Und die hast du gefürchtet, Vater Hans“, kicherte Rassi, der vor lauter Lachen fast nicht mehr reden konnte, „die guten Pferde, welche uns die fetten Raupen und Würmer herausgraben, wenn sie das schwere Eisen durch die Felder ziehen. Die hätte ich aber nicht gefürchtet!“

„Du willst immer den Held spielen, Rassi“, entgegnete Hans, voll Freude, daß seine kleinen Zuhörer sich so an seiner Erzählung ergötzten, „wenn du sie zum ersten Mal gesehen hättest, und du wärest festgehalten gewesen wie ich, dann hättest auch du gefürchtet, kleiner Prahlhans“.

„Väterchen Hans, nur weitererzählen!“, klang es bittend aus der Runde, „der dumme Rassi muß immer schwätzen und dich unterbrechen; Väterchen Hans, und dann?“

IV.

“Ja Kinder, dann kam für mich eine traurige Zeit, meine Gefängnisjahre könnte ich sie nennen. Ich wurde in einen großen Käfig gesperrt und mußte dort den ganzen Tag auf einem Stabe hocken. Der Stab war rund und glatt, so daß ich jeden Augenblick achtgeben mußte, um nicht herunterzurutschen. Auch Nachts mußte ich da sitzen, immer an derselben Stelle. Von allen Seiten kam die Kälte leise hereingeflogen; nur gegen den Regen war ich geschützt durch ein graues Tuch, welches Abends über den Käfig ausgebreitet wurde. Und manchmal in finsterer Nacht schlichen böse Tiere, die Katzen, mit grünschimmernden, raubgierigen Augen leise um den Käfig herum und reichten ihre bekrallten Tatzen durch das Gitter herein, um mich zu packen und mir den Garaus zu machen. Aber der schwarze Hans blieb wohlweislich in der Mitte des Käfigs sitzen, und ihre Mühe war umsonst“.

„Hast du denn nichts zu essen bekommen im Käfig?“ fragte schon wieder der vorwitzige Rassi.

Vater Hans lächelte. „Dann hätte ich ja bald verhungern müssen. Essen bekam ich wohl, mehr sogar als ich brauchte. Aber es war arme Kost, beinahe immer dasselbe. Dicke Milch und Kartoffeln, ohne Abwechslung, Morgens und Mittags und Abends dazu. Mein Räuber hatte einen eignen Löffel geschnitzt, um mich zu füttern. Ein langes, schmales Holz war es, das er inwendig etwas ausgehöhlt hatte. „Hänschen gaak,“ sagte er dann, und jedesmal mußte ich den Schnabel weit aufsperren, worauf er mir die Speise in den Mund drückte. Wenn ich aber einmal keinen Hunger hatte und den Schnabel nicht öffnen wollte, dann preßte er mir denselben auf und zwängte mir die Speise hinein. Trotz meines Widerwillens dagegen mußte ich sie dann doch schlucken, um nicht zu erwürgen. Ach, welche Zeit!

Als ich dann größer wurde, ging es freilich besser; da brachte der Knecht mir das Essen in einer Holzschüssel, stellte es in die Ecke des Käfigs und sagte: „Hans gaak!“ worauf er sich wieder entfernte. Seit der Zeit habe ich meinen häßlichen Namen Hans. Zu Hause nämlich hatten meine Eltern mir einen viel schöneren Namen gegeben. Raspio hatte meine gute Mutter mich immer genannt. Aber die Menschenbuben sind böse; Schimpfnamen gefallen ihnen besser, und so ist mir der Name Hans geblieben bis auf den heutigen Tag.

Auch andere törichte Reden führte der dumme Bursche, wenn er mir das Essen brachte. „Vogel friß oder stirb“, sagte er gewöhnlich, wenn er wegging. Dann lachte er selbst über diesen dummen Witz und er schien noch zu staunen über solch’ vermeintliche Weisheit. Ich aber sah ihm verächtlich nach und dachte: „Wenn Dummheit weh täte, was hätten manche Menschen Schmerzen!“ So hatte mein Vater immer gesagt.“

Auf einer alten Eiche bei Folkendingen hatten sie Platz genommen; alle waren voller Spannung auf die versprochene, lange Geschichte.

„Recht hast du gehabt, Vater Hans,“ nickte Rassi, „der dumme Kerl! Doch Väterchen, Milch und Kartoffeln, war das schmackhaft?“

„Schmackhaft schon“, bejahte Hans, „aber bei weitem nicht so lecker wie die Engerlinge und Fischlein, welche die Eltern brachten. Und auch der besten Gerichte wird man schließlich überdrüssig, wenn sie zu oft aufgetragen werden.“

Schon wieder platzte Rassi heraus: „Dann hätte ich es einfach stehen lassen und hätte nichts gegessen, Väterchen Hans!“

„Ja Rassi, du hast gut sprechen! Wenn der Hunger nicht wäre! Da muß man essen, auch wenn die Speise weniger zusagt!“

„Aber warum bist du denn nicht fortgeflogen, als du größer warst? Deine Flügel sind doch stark geworden. Warum bist du nicht heimgeeilt zu deinen Eltern?“

„Daran hatte ich schon gedacht, kleiner Naseweis. Aber die Türe des Käfigs war immer sorgsam verschlossen, und das Gitter war fest. Manchmal habe ich versucht es zu öffnen, habe mich manchmal an den Eisenstäben müde geschnabelt, aber der Käfig war zu fest, zu fest; alle Mühe war umsonst. Wenn ich dann hinaufsah zum blauen Himmelszelt, an dem die Wolken, vom sanften Winde getragen, langsam und still dahinschwebten, wenn ich unter ihnen die andern Rabenbuben lustig dahinfliegen sah mit frohem Gesang, ja Kinder, dann wurde mir oft das Herz dick. Manchmal weinte ich still und dachte: „Ach, wenn doch die Menschen wüßten, welches Leid sie einem freien Vöglein antun, wenn sie es einsperren, sie könnten doch nicht so grausam sein und müßten es wieder in die Freiheit ziehen lassen.

Dann dachte ich auch an die armen Eltern und die Brüderlein droben, die ich schon so lange nicht mehr gesehen.“

Traurig klang wieder Hansens Stimme, denn jedesmal, wo er von seinen lieben Eltern redete, war sein Herz bewegt.

„Ach Väterchen Hans“, trösteten gleich einige der Büblein, „denk nicht mehr an jene traurigen Tage. Heute hast du ja die goldene Freiheit. Erzähle weiter.“

„Meine Gefangenschaft im Drahtkerker dauerte, wenn ich mich gut erinnere, ungefähr sieben Jahre.“

Ein wehmütiges „Ah“ entschlüpfte den Räblein.

„Einige Freudentage gab es allerdings in jedem Jahr. Im Frühling und Herbst war es, wenn der tiefe Mühlteich gereinigt wurde. Dann gab es Freude für die Menschen in der Mühle, aber auch für den armen Raspio in seinem eintönigen Gefängnis. Da gab es allemal Fische in Hülle und Fülle. Ha, wie ich da von der Küche her die Pfannen krachen hörte! Es war eine helle Freude. Die kleinen Fischlein, welche im Schlamme zurückgeblieben waren, wurden für mich gesammelt; manchmal fand sich auch ein Fröschlein dabei, und an diesen Leckerbissen konnte ich mich dann ergötzen nach Herzenslust.“

Leise hörte man wieder die Zünglein der aufmerksamen Zuhörer schnalzen, und der alte Hans selbst mußte schlucken, da er an diese Sonnentage seiner Jugend zurückdachte.

„Aber ach“, sprach er, „diese Tage kamen nur zweimal im Jahr, und sie waren so bald wieder vergessen. Dann zog wieder das ewige Einerlei in meinen Speisezettel: Dicke Milch und Kartoffeln und wieder dicke Milch und Kartoffeln. Und dann die Langeweile! Stetig an derselben Stelle sitzen, Tag um Tag und Woche um Woche. Etwas Zerstreuung brachten nur die Tage, an denen für die umliegenden Ortschaften gemahlen wurde. Alle die in der Mühle aus und ein gingen, mußten an meinem Käfig vorbei, und so hatte ich Gelegenheit, sie genau zu beobachten. Ich habe es auch redlich getan; habe mir alle genau angesehen und manchmal meine bare Freude an ihrer Torheit gehabt. Kinder! wenn Dummheit weh täte ...! Junge Burschen sah ich oftmals kommen, stolzen Schrittes mit ihrer Last, und sie prahlten gern mit ihrer Kraft. Jeder von ihnen wollte der Stärkste und Tüchtigste sein. Besondere Freude machte es mir, sie zu beobachten, wenn sie zu mehreren zusammen waren. Ei, wie sie da in die Hände spuckten und die Mehlsäcke auf die Schulter warfen! Stolz blickten sie noch einmal rasch um sich, ob man auch ihre Stärke bewundere, sagten einen kräftigen „Guten Abend“ und traten den Heimweg an. Aber wenn sie an meinem Käfig vorübergingen, hörte ich sie schon leise und verhalten keuchen, und ich mußte über die Prahlhanse lachen, wenn sie drüben, schon gleich beim Bergaufstieg, Rast machen mußten.

Aber was in der Mühle geschimpft wurde! Von den Namen, die mir gegeben wurden, will ich nicht einmal reden. Da gab es den ganzen Tag nichts anders als Hans hier und Hans da, gaak hier und gaak da. Freilich gefielen mir diese Schimpfnamen nicht, doch was sollte ich tun? Ich mußte mir dieselben ohne Klage gefallen lassen; ein Zornesausbruch meinerseits hätte den Burschen doch nur Freude bereitet und hätte sie noch schlimmer gegen mich gemacht. So blieb ich denn still auf meiner Stange sitzen, träumte vor mich hin und stellte mich schlafend. Dann zogen sie bald ab und ließen mich in Ruhe.“

„Ganz recht hast du getan, Väterchen,“ nickte Rassi, „so hätt’ ich es auch gemacht.“

„Übrigens“, fuhr Hans fort, „konnte ich mich trösten, denn es gab jemanden in der Mühle, der noch viel mehr gescholten wurde, wie der arme Raspio. Es war der Müller selbst. Kaum einer seiner Kunden verließ die Mühle, ohne sich bitter über ihn zu beklagen. Zwar verstand ich nicht alles, was sie brummten und schalten, aber es schien mir alles auf dasselbe hinauszuklingen: „Das sei nicht mehr gemoltert, das sei einfachhin gestohlen; bald könne man in einer Tasche forttragen, was man von diesem Wuchermüller noch mit nach Haus bekomme. Der klagte wieder, er habe zu wenig Kleie bekommen und jener, sein Mehl sei zu schwarz und entspreche nicht dem guten Getreide, welches er in die Mühle eingeliefert habe; kurz, der ewigen Klagen gab es gar kein Ende.“

Der kleine Rassi trippelte ungeduldig auf seinem Ästchen. Eines machte ihn besonders neugierig, wie Väterchen Hans die Freiheit wiedererlangt. Alles, was in der Erzählung nicht darauf hinwies, interessierte ihn weniger, und so drängte er denn schon wieder weiter: „Väterchen Hans, und dann? Kamst du denn noch nicht bald in die goldene Freiheit?“

„Ach, Rassi, noch lange, lange nicht. Da kamen noch mancherlei Tage dazwischen, gute, aber auch schlimme. Einer der allerschlimmsten meines Lebens aber war der, wo ich in die Schule ging.“

Wiederum erklang ein schallendes Rabengelächter über die Bäume.

„So, Väterchen, auch in der Schule bist du gewesen? Ei, das muß lustig sein! Erzähl’, erzähl’!“

V.

„Nein Kinder, lustig ist es für den armen Raspio keineswegs gewesen. Eines Tages erschien mein Kerkermeister, der Müllerknecht, am Käfig und rief mir freundlich zu: „So, dann komm Hänschen, komm!“

Ich sah ihn erstaunt an, denn er sah ganz anders aus als sonst. Er trug nicht den weißen Anzug mit der gleichfarbigen Mütze, sondern schwarze Kleider, die beinahe so hübsch waren, wie Rabenkleider. Statt der mehlbestaubten Mütze zierte ihn an jenem Tag ein weißer Strohhut mit buntfarbenem Band. Es war nämlich einer jener Tage, wo die Glocken allenthalben so feierlich klangen, von Diekirch herüber über den Goldknapp und aus der Höhe von Burscheid hernieder. Frühmorgens, da der Wind von Norden kam, hatte ich sogar den hellen Klang des Willibrordusglöckleins der Kapelle von Lipperscheid vernommen.

An solchen Tagen kamen nie Leute zur Mühle; die Müllersleute aber gingen dann regelmäßig in Festtagskleidern schon am Morgen fort und kehrten erst gegen Mittag heim.

„Hänschen komm,“ sprach der Knecht noch einmal, „jetzt geht es in die Schule.“ Dann lachte er auf, „denn“, sagte er, „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

Was Schule sei, wußte ich nicht und verstand deshalb auch nichts von dem, was er vorhatte. Ich wäre deshalb am liebsten ruhig in meinem Käfig geblieben. So zog ich mich denn seitwärts und rückte auf der Stange bis in die äußerste Ecke des Käfigs.

Mein Räuber aber war damit keineswegs zufrieden. Er versuchte mich nun durch List aus dem Käfig hervorzulocken. Indem er mit seinem langen Holzlöffelchen in den Überresten meines Mittagsmahles herumrührte, rief er schmeichelnd: „Hänschen komm,“ ein um das andere Mal. Auch das half nichts. „Rühr’ nur“, dachte ich, schüttelte still den Kopf und blieb in meiner Ecke sitzen. Ich hoffte, er würde mich dann in Ruhe lassen.

Aber bald merkte ich, daß er anfing ungeduldig und zornig zu werden. Um ihn nicht noch mehr zu reizen, entschloß ich mich denn schweren Herzens, aus meiner sicheren Ecke herauszukommen; aber schon hatte er ein Reis ergriffen, mit dem er mir einige harte Schläge über die Stirne versetzte.

„Die Schule geht gut an“, dachte ich und hüpfte, vom Schmerz getrieben, bis in die Mitte des Käfigs. Mit fester Hand ergriff mich daselbst der Räuber und zog mich aus dem Käfig hervor.

Meine Flügel waren groß geworden, und im Stillen meines Herzens stiegen süße Hoffnungen und Pläne auf. „Vielleicht“, dachte ich, „vielleicht kommt jetzt in einem unbewachten Augenblick die Gelegenheit, rasch zu entschlüpfen, auf ewig dir und deiner Schule Lebewohl zu sagen und drüben über den Bergen die goldene Freiheit wiederzufinden.“

Rassi reckte abermal das Köpfchen.

„Indes sollte diesmal meine schöne Hoffnung noch nicht ihre Erfüllung finden.

Unter der schattigen Linde am Ende des Hofes machte der Knecht Halt. Um einen grüngestrichenen Gartentisch herum standen einige aus Haselstauden roh geflochtene Stühle und Bänke. Dort setzte er sich nieder. Ich hatte nun gemeint, er werde mich vor sich auf den Tisch stellen und dann ...! Schon hatte ich nach Kippenhof hinauf geschickt, mein Plan war fertig.

Doch, hatte der Knecht meine verstohlenen Blicke gesehen oder traute er mir ohnedies nicht, er nahm einen starken Bindfaden und strickte mich damit fest an den Tisch. „Man weiß halt nicht“, sprach er leise, „was in solch einem Rabenhirn vorgehen kann!“

Mitleidsvoll blickte Rassi den alten Hans an. „War der Faden stark, Väterchen,“ fragte er, „und hättest du ihn nicht durchreißen können, wenn du einmal rasch und fest gezogen hättest?“

„Es war unmöglich Rassi ... Über den Krallen war der Strick befestigt, und dick war er, so dick, daß wir zu zehn ihn nicht hätten zerreißen können.

Dann begann die sogenannte Schule. „Hannes“, sprach der Knecht, „nun hübsch aufgepaßt!“ Dann fing er an: „Ta-ta, Ta-ta! Allons Hans, ta-ta, ta-ta“ und immer wiederholte er dasselbe. „Ist der Bursche närrisch geworden“, dachte ich, „oder was will er mit seinem blöden Ta-ta? – Will er mir am Ende wieder einen neuen Namen geben? War schon der Schimpfname Hans nicht mehr gut genug? Der hatte mir schon wenig gefallen, jetzt auch noch Ta-ta zu heißen! „Nein, nein,“ dachte ich, „spar dir deine Mühe, Knechtlein, daraus wird nichts“.

So schaute ich denn einfach vor mich hin und ließ alles geduldig über mich ergehen. Aber mein Lehrer gab sich damit nicht zufrieden. Immer wiederholte er jenes garstige Wort „Ta–ta“. Dann und wann stieß er mich dazu auf den Schnabel und sagte: „Allez Hans!“ Zuletzt, da ich der ganzen Sache überdrüssig wurde, rief ich einmal kräftig „Raspio“, um ihm zu bedeuten, daß ich bei dem von meiner Mutter erhaltenen Namen zu verbleiben gedenke und nicht gesonnen sei, andere Namen, wie Hans oder Tata, anzunehmen.

Meine Antwort schien dem Peiniger Freude zu bereiten. „Brav, Hans“, sagte er, „brav! aber Ta-ta, ta-ta“, und dann ging dieselbe Leier weiter, fünfzig, sechzig Mal. Dabei sah ich den Burschen immer ungeduldiger und zorniger werden. Immer lauter sprach er sein Tata. Die Zornesader auf seiner Stirne begann zu schwellen, und immer unsanfter schlug er mich auf den Schnabel. Schüchtern sprach ich noch einmal „Raspio“, dann schwieg ich vollständig, denn ich sagte mir, einen zornigen Menschen soll man nicht noch mehr reizen.“

„Das war auch das Allerbeste“, warf Rassi rasch dazwischen.

„Doch auch mein Schweigen brachte den Knecht nicht wieder zur Ruhe. Grobe, sehr grobe Worte und Schimpfnamen wechselten schon mit seinem Tata; dann redete er von Halsumdrehen und Ersäufen im Mühlenteich. Wie gerne hätte ich wieder still in meinem Käfig gesessen! Als ich aber dieserhalb einen flehentlichen Blick auf den Burschen richtete, fühlte ich plötzlich einen derben Faustschlag auf meiner Stirne. Halb bewußtlos sank ich zusammen. Was weiter geschah, kann ich mich nicht recht entsinnen. Ich fühlte noch, wie eine feste Hand mir die Brust umkrampfte, hörte noch abgerissene Worte, wie Schloß Burscheid und verlaufen; verschwommen sah ich noch meinen Käfig wieder und fühlte dann, wie ich hart auf dem Boden desselben aufschlug. Erschöpft blieb ich auf demselben liegen.“

„Der grausame Narr“, knurrten die Räblein und knirschten zornig mit den Schnäbeln.

„Wie lange ich bewußtlos da lag, kann ich nicht sagen. Als ich zu mir kam, war es stockfinstere Nacht. Zitternd vor Kälte kauerte ich mich in die Ecke des Käfigs, wo ich bald wieder in tiefen Schlaf versank. Bei meinem Erwachen glitt schon vom Kippenhof her die Sonne über die vom blühenden Ginster vergoldeten Abhänge, und silbern glitzerten ihre Strahlen in den plätschernden Wellen der Sauer.

Vom Schlage am vorhergehenden Tage verspürte ich nur mehr sehr wenig; doch ich war ganz durstig geworden. Glücklicherweise war das Wasser meiner Schüssel nicht ganz ausgetrocknet, und so konnte ich mich am kühlen Trunk erquicken. Bald fühlte ich mich wieder ganz wohl. Essen wurde mir an jenem Tage keines gebracht bis am Nachmittag.

In derselben Einförmigkeit vergingen von da an wieder meine Tage.“

Abermals rückte der alte Hans an seiner Brille und stierte scharf auf dem Aste umher; denn schon war es etwas dunkel über dem Walde geworden. Vater Hans suchte nach seinen übriggelassenen Leckerbissen. Endlich hatte er noch einen dicken Engerling gefunden. Während er denselben langsam verzehrte, flatterten die Räblein einige Male leise mit den Flügeln und lächelten einander freudig zu, weil Väterchen Hans heute so lange erzählte. Dann setzten sie sich wieder still, denn schon war Hans zur Fortsetzung seiner Erzählung bereit.

„Eines Tages, als eben die Müllersleute in Festtagskleidern verreist waren, erschien am Nachmittag der Knecht wiederum an meinem Käfig. Angstvoll dachte ich wieder an die Schule. Aber davon ging diesmal keine Rede. Er hatte einen Korb mitgebracht, und ohne ein Wort zu sagen, nahm er mich aus dem Käfig hervor. Dann setzte er mich in den Korb hinein und verschloß sorgsam den Deckel desselben. Daran fühlte ich, wie er den Korb aufhob und mit mir davonging. „Was soll er vorhaben? Wohin wird er mich tragen?“ das waren die bangen Fragen, die mich beschäftigten.

Im Korbe war es ganz dunkel. Ich konnte nichts sehen. Ich hörte nur, daß der Knecht auf einem harten Wege Schritt für Schritt weiterging. Dann und wann pfiff er ein lustiges Liedlein, in das sich von fernher der muntere Gesang freiheitsfroher Vöglein mischte.“

„Wohin hat er dich denn getragen? Erzähle etwas rascher, Väterchen,“ drängte Rassi.

„Nach Verlauf von etwa einer Stunde wurde der Korb plötzlich niedergesetzt. Draußen hörte ich das Rauschen und Plätschern eines großen Wassers, wie mir schien. In raschen Schlägen hämmerte mein Herz. Sollte der Knecht mich weggetragen haben, um mich im Wasser zu ertränken, wie er damals unter der Linde gedroht hatte? „Dann Raspio“, sagte ich mir, „ist nun dein letztes Stündlein gekommen, ein Entweichen hier ist nicht möglich.“ – Doch dachte ich wieder, „das kann doch kaum seine Absicht sein; wollte er mich töten, so hätte er mich nicht so weit fortzutragen brauchen; da hätte es genügt, mich in den Mühlteich oder in den Fluß daneben zu werfen, und kein Hahn hätte mehr nach mir gekräht, wie die Menschen zu sagen pflegen.

Während ich solchen Gedanken nachging, wurde der Korb wieder aufgehoben, und wir gingen weiter. Wir mußten über ein Gewässer, entweder über eine Brücke oder einen Steg geschritten sein und nun an der andern Seite bergan steigen, denn ich fühlte, wie der Knecht nun bedeutend langsamer und schwereren Schrittes ging.

Von oben herunter hörte ich das rauhe Bellen eines großen Hundes.“

Wiederum stierte Väterchen Hans suchend auf dem Aste hin und her.

Über den Waldbäumen war eben die rote Scheibe des Vollmondes aufgestiegen, und mattes Licht legte sich über die Gegend. „So, Kinder“, unterbrach jetzt plötzlich Vater Hans, „nun wollen wir für heute Schluß machen. Die Nacht ist gekommen, da heißt es für die kleinen Kinder zu Bette gehen; auch der alte Raspio muß nun sein Lager aufsuchen. Ein andermal will ich euch weitererzählen.“

Ein langgezogenes „Ah“ ertönte aus dem Kreise der kleinen Zuhörer. „Nein, Väterchen Hans, noch nicht aufhören!“, bettelten sie alle zusammen. „Jetzt wird es erst recht schön im Walde. Wir sind noch gar nicht müde; übrigens kann bei diesem warmen Wetter ja doch niemand schlafen; und du Väterchen kannst morgen früh ruhen; wir werden dir wieder viel Essen bringen, dann brauchst du den ganzen Tag nicht auszufliegen und kannst rasten nach Herzenslust. Bitte, Vater Raspio, erzähl noch ein wenig weiter!“

Darauf hatte der kluge Hans nur gewartet. So gab er sich denn gleich zufrieden und setzte fröhlich seine Erzählung fort.

„Während wir weitergingen, erscholl das Hundegebell immer näher. Zuletzt waren wir so nahe gekommen, daß es aus einem Hause dicht neben uns zu kommen schien. Erschrocken fuhr ich zusammen. Eine rauhe, barsche Stimme rief ein donnerndes Halt. Der Knecht blieb stehen, und die Stimme fragte: „Wohin?“

Schüchtern entbot der Knecht seinen „Guten Abend“, worauf sich folgendes Zwiegespräch entwickelte:

„Ich habe hier im Korbe eine schönen jungen Raben. Voriges Jahr erst habe ich ihn gefangen und abgerichtet. Auch habe ich ihn einige Worte reden gelehrt.“

„Ei du schwarzer Lügner“, dachte ich. „Voriges Jahr! Sieben sind es ihrer schon, wo ich in deinem öden Kerker hocken mußte. Abgerichtet habe ich ihn! Jawohl, mit Fausthieben abgerichtet, du Wüterich. Einige Worte hast du mich sprechen gelehrt! Aha, jetzt geht mir ein Licht auf; dein blödes Ta-ta sollte wohl die Lektion sein, die du mich gelehrt hättest.“

Doch noch immer redete der Lügner weiter: „Da ich nun gehört, der Burgherr wolle einen abgerichteten Raben für sein Büblein, das kleine Schloßherrlein kaufen, habe ich meinen Hans hieher gebracht und möchte ihn dem Burgherrn zum Kaufe anbieten.“

„Das kann ich schon selbst besorgen,“ antwortete die fremde Stimme. „Zeig’ her!“ Damit wurde der Korb geöffnet und ich herausgenommen.

Ein großer, bärtiger Mann nahm mich in die Hand. „Schön ist er schon,“ sprach er, indem er mich scharf besah, „und mit seinem Sprechen wird es nicht so weit her sein“, fügte er spöttelnd hinzu. Nach einigem Feilschen einigten sich die beiden; der Knecht erhielt einige Kupfermünzen und wandte sich nach kurzem Gruß talabwärts, während der schwarze Mann mich unter einem hohen, überwölbten Tor hindurch in mein neues Heim, das Schloß Burscheid hineintrug.

VI.

Inwendig führte der Weg leicht bergan und mündete zunächst auf einen größern freien Platz. Rundum sah ich nichts als breite graue Mauern und hohe runde Türme mit ganz schmalen engen Fenstern. Darüber ausgebreitet ein wolkenloser, blauer Junihimmel. Später sollte ich Zeit und Muße genug finden, mir alles genau anzusehen.

Über den Hof hinweg schritt der Mann mit mir zur nördlichen Ringmauer. Dort bot die Burg am schwersten Zugang. Steil, fast jäh fielen da die gewaltigen Felsen, auf denen das Schloß aufgebaut stand, bis tief unten in die rasch dahinfließende Sauer. An dieser Mauer, dem Innern der Burg zugekehrt, lagen die herrlich gepflegten Gärten. Breite Blumenbeete mit allerlei Ziersträuchern wechselten miteinander in wundervollem, reichem Farbengemisch. Unter einem vorspringenden Dache gegen den Regen geschützt, stand daselbst ein großer Vogelkäfig. Durch Quergitter war er in eine ganze Reihe von kleinern Käfigen eingeteilt. Dort öffnete der Mann eine Türe und schob mich hinein. Mein neuer Kerker war viel geräumiger als der in der Mühle drunten. Seine Drahtseiten waren hübsch weiß angestrichen; ein richtiger Eichenast bot bequeme Sitzgelegenheit; mit einem Wort, mein neues Heim war sehr wohnlich eingerichtet, es war ein herrschaftliches Gebäude.“

„Doch Kerker ist Kerker“, sagte Rassi, „und hätte er auch goldene Mauern. Besser arm in der Freiheit, als in einem Schlosse gefangen.“

„Allerdings“, entgegnete Hans, „aber da ich gefangen sein mußte, freute ich mich doch, daß mein neuer Kerker schöner war, als der frühere. Doch wie erschrak ich, als ich aus den Nachbarkäfigen eine ganze Reihe Augen auf mich gerichtet sah.

Dicht neben mir hockte ein großer, brauner Kerl mit gekrümmtem, starkem Schnabel. Unruhig trippelte er hin und her, spreizte seine Nackenfedern und warf mir wütende Blicke zu. Es war ein Falke, der zur Jagd abgerichtet war, und der manchem armen Turteltäubchen das Lebenslichtlein ausblies.

Zwischen den Falken und unserer Familie besteht, wie ihr wißt, ewiger Streit, und deshalb hätte er wohl auch mir am liebsten gleich ein jähes Ende bereitet. Glücklicherweise trennte uns ein festes Eisengitter. Nachdem er mich einige Minuten mit frechen, herausfordernden Blicken gemustert, zog er sich in die Ecke seines Käfigs zurück und blickte nach einer andern Seite.

Rechts von mir hauste ein großer, weißer Uhu. Hu! was hatte der zwei kecke Augen im Katzenkopf. Am Abend leuchteten sie in fahlem Grün, als habe er Lichter im Kopf mit grünen Gläsern. Auch vor ihm fürchtete ich mich anfangs nicht wenig; doch erfuhr ich bald, daß er besser sei, als sein Äußeres schien. Er war ein recht gemütlicher Bursche, der mir mit seinen köstlichen Erzählungen manches Stündlein verkürzte und mir des öftern am Morgen einen Leckerbissen in meinen Käfig warf. Des Nachts wurde er nämlich freigelassen, und wehe dann den armen Mäuslein oder Fröschen, die sich aus dem Gemäuer oder aus den Hecken um das Schloß herum hervorwagten.

Kleinere Vögel waren in den obern Käfigen untergebracht. Alle sah ich munter und fröhlich umherhüpfen und hörte sie manchmal aus voller Brust ein lustiges Liedlein singen. „Meinen Nachbarn scheint es wirklich nicht schlecht zu gehen“, dachte ich, „hoffentlich werde auch ich dann einigermaßen hier zufrieden sein können.“

So war es in der Tat. Die Freiheit ausgenommen, fehlte mir im Schlosse eigentlich nichts.“

„War das Schloß damals noch von Edelleuten bewohnt, Väterchen“, fragte Rapsi, „oder hauste der Mann, der dich gekauft hatte, allein dort oben?“

„Geduld Kleiner, Geduld! Alles will ich euch erzählen. Eins nach dem andern!

Anderntags, gleich am Morgen, erschien ein etwa zehnjährigen blonder Knabe mit seinem Lehrer am Käfig. Freudig klatschte der Kleine in die Händchen, als er meiner ansichtig wurde. Rasch griff er in die Tasche, zog ein Stücklein süßen Kuchens hervor und rief mich ganz lieb und freundlich zu sich. Seine Stimme klang so gut und sanft, daß ich mich gar nicht vor ihm fürchtete. Er nahm mich in die Hand, streichelte mich sanft und fragte seinen Lehrer, ob er mich gleich mitnehmen dürfe? Doch der Lehrer bedeutet ihm, er müsse bis Mittag warten, da der Burgwart erst meine Federn stutzen müsse, damit ich nicht fortfliegen könne. Der Kleine gab sich damit gleich zufrieden, drückte mir den Rest des Kuchens in das Gitter und sagte dann: „Auf Wiedersehen Räblein, bis heute Mittag.“ Freundlich nickte ich ihm zu, denn am ganzen Auftreten dieses Kindes hatte ich schon gemerkt, daß ich von ihm nichts zu fürchten brauche.“

„Wie hast du gesagt, Väterchen,“ fragte Rassi neugierig, „deine Federn stutzen, was war denn das?“

„Auch ich wußte es nicht, Rassi. Angstvoll fragte ich mich, was der Hauslehrer damit meinen könnte? Sollte man mir etwa die Schwungfedern ausreißen? Sollte man mir die Flügel abschneiden, damit ich als Krüppel ewig an den Boden gefesselt wäre?

Bald sollte ich es erfahren.

Gegen 10 Uhr erschien der Burgwart, ein großer, düsterer Mann. Zunächst stellte er das Essen in alle Käfige, ausgezeichnete Speisen: Fleisch, Käse und Brot, sowie einen kleinen Blechnapf mit Wasser. Meine Nachbarn begannen gleich ihr Mahl zu verzehren. Ich folgte ihrem Beispiel und tat das Gleiche. Da ich seit dem Vortage außer dem Stücklein Kuchen nichts genossen hatte, war ich sehr hungrig, und das erste Mahl im Schlosse mundete mir ganz vortrefflich. Darnach setzte ich mich auf meine Stange, um einige Stündlein Mittagsruhe zu halten.

Indes, bald wurde ich gestört. Der Burgwart erschien wieder mit einer großen Schere. Ohne ein Wort zu reden nahm er mich aus dem Käfig heraus und zog mir den rechten Flügel auseinander. Die Schere knackte, und beinahe die Hälfte aller meiner schönen Federn lag abgeschnitten am Boden. Dann kam die Reihe an den linken Flügel. Zuletzt stutzte er auch noch die Steuerfedern meines Schwanzes. Jetzt verstand ich, was man mit „Stutzen“ meinte. Nachdem der Mann mir die Flügel wieder zusammen gelegt, knackte er noch hie und da ein Spitzchen ab und setzte mich in den Käfig zurück.

Traurig sah ich die abgeschnittenen Federspitzen vor dem Käfig umherliegen und nach und nach im Winde davonflattern. Aus dem Falkenkäfig nebenan schien mir ein heimliches Kichern zu kommen, und wie ich scheu hinüberlugte, sah ich, wie sein Insasse mich unverwandten Auges mit spöttischen Blicken betrachtete. Der Uhu aber saß still auf seinem Aste und nickte in tiefem Schlafe.“

„Hat es dich geschmerzt, Väterchen?“ fragte Rapsi mitleidig.

„Nein Kinder“, antwortete Hans, „Schmerzen empfand ich zwar keine in den abgeschnittenen Federn, aber doch zürnte ich dem bösen Burgwart, denn nun wußte ich wohl, daß ich nicht mehr fortfliegen könnte, und daß ich alle diesbezüglichen Hoffnungen wenigstens vorläufig aufgeben mußte.

Von Bürden her leuchtete die Nachmittagssonne gerade in meinen Käfig herein. An der Rückwand desselben sah ich mein Schattenbild; es war viel schlanker als tagszuvor.

VII.

Als die Trompete des Burgwächters fünf Uhr verkündet hatte, erschien der kleine Burgherr und nahm mich aus dem Käfig heraus. Jubelnd eilte er mit mir in die Laube unter der schattigen Kastanie, nahe dem Eingang des Schlosses. Dort stellte er mich auf eine aus dünnen, schön geglätteten Latten gezimmerte Bank und setzte sich neben mich. Ich versuchte nicht einmal fortzufliegen, denn es war mir klar, daß bei meinen abgeschnittenen Flügeln jeglicher Fluchtversuch vergebliche Mühe wäre. Mein kleiner Herr, „Rudi“ war sein Name, hatte mir allerlei süße Leckersachen mitgebracht, die ich froh verzehrte. Das liebe Kind vermied sorgsam alles, was dem armen Raspio weh tun konnte, und so freute ich mich bei ihm und war ohne jegliche Furcht.

O wie viel schöne Stunden habe ich bei diesem Kinde zugebracht! Nie konnte ich gegen ihn die geringste Klage erheben.

Munter schritten wir nebeneinander über den Burghof, er in größeren und ich in kleinern Schritten; dann wieder setzte er mich auf seine Hand und seine Schulter und hüpfte mit mir im Kreise herum. Ein Reiter auf seinem stolzen Rößlein konnte nicht herrlicher fahren als der schwarze Raspio.“

Sichtlich erfreut hüpften einige Male die Rabenbüblein leise auf und schaukelten nachher noch einige Zeit auf ihren Ästchen langsam auf und nieder.

Unten im Walde hörte man durch das dürre Laub ein Häslein eilenden Schrittes vorüberhuschen. Einen Augenblick horchte Vater Hans auf. Dann fuhr er ruhig weiter:

„Am liebsten verweilte ich mit Rudi droben auf dem hohen, flachen Turm. Dort standen zwei Bänke um einen runden Tisch. Schön geschnittene Lorbeer- und Oleanderstöcke gaben kühlen Schatten und schützten gegen die allzu starke Sommersonne.

Von dort aus hatte man die schönste Aussicht. Den vielgezackten Burgpfad konnte man überblicken, von der Mühle aus bis zur Pforte. Im Tale floß die Sauer, in der sich die hohen grünen Berge spiegelten; im Hintergrund, gegen Südosten, am Fuß des Donatiberges, kauerte im Grün das blendend weiß getünchte Michelau. Drüben in den Hecken sah ich im alten Pfade die Leute dahinziehen, winzig klein, da sie so weit entfernt waren, muntern Schrittes die lebensfrohen Buben und schweren Fußes die gebückten Alten. Vom Turme aus lauschte ich auch manchmal den frohen Liedern, die allenthalben aus den Hecken tönten, wenn im Frühling die Lohe geschlissen wurde. Von allen Seiten ertönte dann vom frühen Morgen bis zum späten Abend lustiges Klopfen und Knacken. Und vom Tale an bis auf die höchsten Bergesspitzen legten sich nach und nach, langen weißen Knochen gleich, die entrindeten Stangen. Von dort aus sah ich auch manchmal jenes herrliche Schauspiel, das den Öslingerbergen eigen ist, wenn im September die Hecken „gesangt“ und gebrannt werden. Hei! wie knisterten dann bis in die späte Nacht hinein die Reiser!“

Mit einem heiseren Schrei saß er ihm im Nacken; wütend fuhr sein starker Schnabel auf den bösen Buben nieder.

„Mein Großvater war auch aus dem Ösling“, unterbrach der kleine Rapsi eilig, „davon hat er mir auch mehr als einmal erzählt. Doch, ist es wahr, Väterchen, daß man dann das Feuer immer oben anlegt, daß es nach unten brennen muß? Das versteh’ ich nicht, gewiß würde es doch besser und schneller brennen, wenn man es unten im Tale anzündete?“

„Freilich, so ist es,“ erwiderte Hans zustimmend, „auch ich konnte mir es nie erklären. Doch die Menschen haben es immer so getan, sie müssen wohl einen Zweck dabei haben.“

„Ich kenne den Zweck, ich kenne ihn,“ jubelte Rapsi. „Legte man das Feuer unten an, so würde es allzurasch brennen; die Flammen könnten auf die umliegenden Hecken und Wälder übergreifen und großen Schaden anrichten. Deshalb zündet man die Reiser oben an; das Feuer brennt nur langsam, und mit leichter Mühe bleibt man Herr desselben.“

„Ganz recht“, erwiderte Hans, „so ist es in der Tat. Zudem werden beim Brennen der Hecken noch andere Vorsichtsmaßregeln getroffen. Ehe man das Feuer anlegt, wird die Brandstätte genau begrenzt; auf Meterbreite wird die abgeholzte Fläche ringsum von allem dürren Laub und Reisig sorgfältig gesäubert. Auch wird das Feuer wohl bewacht; ein entstehendes Schadenfeuer würde allsogleich bemerkt und gelöscht werden.

Vom Turme aus sah ich aber auch den alten Eichbaum, wo einst vor langen Jahren unser Nest gestanden. Sehnsüchtig schaute ich oft hinüber, ob ich nicht die Eltern sehen könnte oder die Brüderlein, aber alles Spähen blieb umsonst. Hätte ich reden können, Rudi hätte gewiß auf meine Bitten hin den Burgwart hinübergeschickt, sich nach unserm Neste zu erkundigen; aber meine flehentlichen Blicke verstand er nicht. So mußte ich denn traurig hinübersehen, und da ich keine Spur der Meinigen entdeckte, konnte ich nichts anders denken, als böse Räuber hätten auch die Brüderlein fortgenommen, und die Eltern seien dann todestraurig hinweggezogen in fremde Länder zu bessern Menschen.“

„Das war aber langweilig“, unterbrach nun wieder Rassi, „immer an derselben Stelle droben auf dem Turm zu sitzen und immer nur dasselbe zu sehen Tag für Tag.“

„Ich hatte geglaubt, du seiest eingeschlafen, Rassi,“ entgegnete Väterchen Hans, „daß du so lange still sein konntest. Doch wenn du glaubst, auf der Burg sei es langweilig gewesen, dann irrst du dich. Im Gegenteil, es gab dort viele Abwechslung. Freudige Stunden erlebte ich mit Rudi, freudige Stunden, besonders wenn fremde Spielleute und Musikanten zur Burg kamen. Abends saß dann die ganze Schloßfamilie mit diesen gern gesehenen Gästen auf dem Turme; Rudi hielt darauf, daß auch ich dabei sein durfte, und dann lauschten wir bis tief in die Nacht hinein den wunderschönen Erzählungen, Liedern und Melodien dieser fahrenden Sänger. Manchmal wurden uns dabei die Augen naß, denn so oft erzählten jene Leute von Ritterskindern, die ihren Eltern aus der heimatlichen Burg weggeraubt wurden, und die dann in der Fremde ein trauriges Leben führten. Aber schließlich brachte sie doch ein glückliches Geschick endlich wieder heim zu den vor Freude überglücklichen Eltern.

In jenen Stunden, glaubt mir es Kinder, wurde auch das Herz des armen Raspio dick, er dachte zurück an seine Eltern, und der glimmende Hoffnungsfunke, sie noch einmal wiederzufinden, leuchtete in ihm wieder zur hellen Flamme auf.

Freilich auch traurige Tage gab es auf der Burg; denn mögen auch noch so feste Türme und Ringmauern eine Menschenwohnung umschließen, gegen das Leid sind sie dadurch nicht geschützt; früh oder spät wird es auch dort seinen Einzug halten und den Freudenhimmel, der vielleicht jahrelang über dem Hause war, mit dunkeln, schweren Wolken überziehen.

Im September war es, als das Laub der Lohhecken schon rot und gelb zu werden anfing, als Nachmittags lange weiße Spinnfäden sich schlängelnd zwischen den Bergen dahinzogen, da saßen Rudi und ich wieder zusammen auf dem Turme. Schon seit einigen Tagen schien der Kleine äußerst niedergeschlagen. Zwar war er gegen mich ganz lieb und gut, aber er redete so wenig. Manchmal blickte er wie geistesabwesend in die Berge hinein, stützte das Köpfchen in die Hand und weinte bitterlich. Etwas Besonderes mußte sein gutes Herzchen drücken; den Gegenstand seiner Trauer indes konnte ich nicht erraten. Da stand er plötzlich auf, nahm mich auf die Hand und sagte traurig: „Räblein, Mütterchen ist krank, sehr krank.“ Bittere Tränen rollten über seine Wangen. Schweigend trug er mich zu meinem Käfig zurück und eilte still über den Hof in die Ritterwohnung. In den nächsten Tagen sah ich das liebe Kind nicht wieder. Eine traurige Stille lag über der ganzen Burg. Leise nur redeten die Bedienten miteinander. Fremde Männer – es seien gelehrte Ärzte, sagte man, – sah ich kommen. Als einer von ihnen wieder fortging, sah ich Rudis Vater ihn bis zum Schloßtor begleiten, wo die beiden noch einige Zeit ganz leise miteinander redeten. Als sich der fremde Mann verabschiedet hatte, ging der Schloßherr einsam und traurig im Hofe auf und ab, und als er an unserm Käfig vorüberschritt, merkte ich, wie aus seinen Augen heiße Tränen stürzten.

Anderntags, da sich die Abendschatten leise über die Gegend zu legen begannen, läutete das Glöcklein der kleinen Schloßkapelle Rudi’s liebem Mütterlein das Totenlied. Leise schwebten des Glöckleins Töne traurig hinab ins Tal. Die armen Leute der ganzen Gegend horchten erschrocken auf, und in des Glöckleins Trauerklang mischte sich ihr Wehklagen, denn die Verstorbene war ihnen stets eine wohltätige, gute Mutter gewesen.

Scharenweise kamen sie anderntags von allen Seiten herbei, um noch einmal jene mildtätigen Hände zu sehen, die ihnen so viel Gutes gespendet hatten.“

„Oh! der arme kleine Rudi,“ klagte Rassi traurig. „Und hast du auch das Begräbnis gesehen, Väterchen Hans?“

„Gewiß Kinder, großartig waren die Leichenfeierlichkeiten für die dahingeschiedene Edelfrau. Die adeligen Familien fast des ganzen Landes waren erschienen, ihr das letzte Geleite zu geben. Tagszuvor waren die Bewohner der näher gelegenen Schlösser mit ihrem Gefolge angekommen: Die Herren von Esch an der Sauer, Wiltz, Schüttburg und Clerf; Vertreter der weiter entfernten Burgen konnten erst am Begräbnistage selbst erscheinen, da einzelne zwei Tagereisen zu machen hatten. Frühmorgens kamen die Herren von Hollenfels, Simmern und Ansemburg; die Herren von Befort hatten sich durch einen Eilboten entschuldigen und herrliche Blumen am Sarge niederlegen lassen.

Nahe der Schloßmauer am stillsten Orte des Burggartens, fand die Verstorbene vorläufig ihre letzte Ruhestätte.

VIII.

Lange Zeit dauerte es, bis wieder frohes Leben in die Burg zurückkehrte; ja ich kann sagen, daß es nie wiederkehrte wie früher. Einige Tage später kam zwar Rudi und nahm mich wieder mit auf den Turm, aber nach immer war er so traurig. Die schwarzen Kleider, die er vom Tode der Mutter an während zweier voller Jahre trug, schienen auch den Sonnenschein seines Herzens überdüstert zu haben.

In der letzten Zeit schien überhaupt die Freude von der Burg verschwinden zu wollen. Noch zu Lebzeiten von Rudi’s Mutter hatten schon manchmal besorgte Stunden daselbst geherrscht. Schon seit längerer Zeit waren die Sänger, die früher so häufig zur Burg kamen, ausgeblieben. Statt ihrer aber waren Boten gekommen, fern her aus Frankreich, und sie hatten düstere Nachrichten von dort mitgebracht. Sie hatten erzählt, wie blutgierige Menschen die Herrschaft an sich gebracht hätten; König Ludwig und seine Gemahlin seien auf dem Schafott hingerichtet worden; die adeligen Familien würden verfolgt und viele von ihnen verließen das Land.

Immer zahlreicher wurden diese Unglücksboten; schon erschienen Flüchtlinge, die einige Wochen blieben und dann weiterzogen nach den Schlössern an Untermosel und Rhein. Tief erschüttert hatte ich einmal gehört, wie ein fremder Mann herzzerreißend redete über das Schicksal des kleinen Ludwig von Frankreich. Tieferzürnt hatte er erzählt von jenem grausamen Mann, dem Schuster, dem man das arme Kind übergeben, nachdem man ihm Vater und Mutter getötet, und der dann seine Wildheit an dem armen Knaben ausließ.

Der kleine Rudi aber hatte seine Fäustchen geballt. „Wenn ich da gewesen wäre,“ hatte er gesagt, „ich hätte dem kleinen Ludwig geholfen, wir wären an den bösen Mann gegangen und hätten ihn zu zwei wohl bemeistert.“ Seine Mutter aber hatte Rudi an sich gezogen, hatte einen Kuß auf seine Wange gedrückt und schluchzend gesagt: „Armes Kind, wenn nicht auch du noch leiden mußt von bösen Menschen.“

Einige Zeit waren solche Unglücksnachrichten wieder verstummt. Lange schon war kein fremder Bote und kein Flüchtling mehr auf dem Schloß erschienen. Alles schien wieder seinen gewöhnlichen Lauf anzunehmen.

In diese Zeit nun fiel ein Ereignis, das mich lebhaft ergriff, und das sich mir tief in das Herz eingrub. Die Verurteilung und Hinrichtung der beiden jugendlichen Verbrecher Franz und Jakob Heintzen.“

„Sind es die, welche gehängt worden sind?“ fragte Rassi, „davon hat mir mein Großvater schon öfters erzählt, er war auch dabei gewesen.“

„Ja, sie sind am Galgen gestorben,“ antwortete Väterchen Hans, „das ist eine gar traurige Geschichte. Doch da ihr sie ja kennt, kann ich darüber hinweggehen.“

„Nein, Väterchen, nein. Wir haben sie noch nie gehört“, baten die Übrigen und auch Rassi nickte: „Ja, Väterchen, erzähl’ sie noch einmal; mein Großvater hat zwar davon gesprochen, aber solche Erzählungen könnte ich jeden Tag hören, ich würde nicht müde werden, sag’ Vater, waren die beiden schon alt, und wie kam es, daß sie so böse Verbrecher wurden, die so arg gestraft werden mußten?“

„Anfangs der Zwanziger waren sie,“ sprach Hans, „und es kam, wie es in solchen Fällen gewöhnlich kommt: „Im Kleinen fängt es an, im Großen hört es auf.“ Ich erfuhr alles genau, als die Richter im Schlosse waren, droben in der Laube, wo ich mit Rudi zugegen war, als sie alles genau besprachen. Schon in ihrer Kindheit waren die beiden sehr unfolgsame und unbändige Buben. Von niemanden ließen sie sich etwas sagen; über alle Ermahnungen der Vorgesetzten setzten sie sich leichtfertig hinweg. Ihre Eltern störten sie nicht, sondern nahmen sie noch in Schutz. Kam jemand, der sich über neue Streiche ihrer ausgelassenen Kinder beklagte, so sagten sie einfach, ihre Kinder seien nicht schlimmer wie die andern; man solle sie nur ruhig lassen, wenn sie einmal größer geworden, würden sie schon machen, wie es recht wäre.

„Im Kleinen fängt es an!“ Ja, Kinder, in den alten Sprichwörtern steckt Erfahrung und Wahrheit. Mit Kleinigkeiten fingen die Heintzenknaben an zu stehlen; zuerst heimlich Obst und Früchte in den Gärten und Feldern; manches davon trugen sie auch heim; die Eltern nahmen es an und lobten die kleinen Diebe ihrer Klugheit und Geschicklichkeit wegen.

Da sie größer wurden, gewöhnten sie sich an Müßiggang und Trinken. In der Dorfschenke waren sie fleißige Besucher. Die Dorfbewohner wunderten sich zwar, daß ihnen so viel Geld zur Verfügung stehe, daß aber dieses Geld von den Diebstählen herrühre, die sich in den letzten Monaten in der Umgegend immer mehr häuften, ahnten sie nicht. Eines Tages, frühmorgens, als es eben erst im Osten zu dämmern begann, schlichen aus den Lohhecken zwei verkleidete, geschwärzte Burschen, die eilig hinter der Scheune des Heintzenhauses verschwanden. In jener Nacht war der Burgförster von zwei Wilderern überfallen und übel mißhandelt worden. Da man aber nicht bestimmt nachweisen konnte, daß die jungen Heintzen wirklich die Täter waren, mußten sie freigesprochen werden. In der Umgegend gingen von Tag zu Tag schlimmere Gerüchte über die Beiden um.

Immer mehr gerieten sie auf die Bahn des Bösen.

Eines Abends waren sie wieder angetrunken nach Hause gekommen; die Eltern hatten ihnen Vorstellungen gemacht, waren aber von den beiden verrohten Burschen schwer mißhandelt worden; eine volle Woche hatte der Vater das Bett hüten müssen. Endlich gingen den Eltern die Augen auf; sie ernteten die Früchte einer verfehlten Kindererziehung. Es grauste ihnen vor den schlimmen Dingen, die sie herannahen sahen. Nun wollten sie ihre Kinder wieder zu braven und fleißigen Menschen machen, durch gute Worte wollten sie dieselben von ihren bösen Wegen zurückführen, aber es war zu spät.

Faulenzerei, Diebstahl und Alkohol waren derart ihre vertrauten Freunde geworden, daß sie sich nicht mehr zur Umkehr und Änderung ihres Lebens bewegen ließen.“

„Väterchen Hans, nicht wahr,“ unterbrach Rassi, „da hätte gepaßt, was dir der Knecht damals so töricht gesagt, als er dich in die Schule nahm: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.““

„Ja, du hast Recht, Rassi,“ entgegnete Hans. „„Jung gewohnt, alt getan,“ sagt das Sprichwort, und wenn die Kinder schon frühzeitig schlimme Wege gehen, sind sie später schwer davon abzubringen. „Die Katze läßt das Mausen nicht.“

So kam denn die schwarze Nacht des 17. Mai, von der die ganze Gegend noch lange Jahre erzählte. Spät am Abend vom Felde heimkehrende Landleute hatten zwei vermummte Männer begegnet, die aus dem Dorf kamen und in der Richtung nach Brandenburg und Landscheid weitergingen. Scheu waren die beiden am Wegesrand vorübergegangen und hatten den Abendgruß nicht erwidert. Der Nickelsbauer, welcher an jenem Abend im Heintzenhaus vorgesprochen, um ihre beiden Söhne für den folgenden Tag zur Heuernte anzuwerben, hatte sie nicht zu Hause gefunden; ihre Mutter aber hatte ihm die schüchterne Antwort gegeben, sie seien für einige Tage weiter hinauf ins Ösling, nach Munshausen, zu ihren dortigen Verwandten auf Besuch.

In jener Nacht war der Pächter der Bleesmühle unterhalb Gralingen ermordet und beraubt worden. Vor wenigen Tagen hatte er auf dem Jahrmarkt in Ettelbrück eine schwere Koppel Ochsen zu einem außergewöhnlich hohen Preise verkauft. Viel war in der Gegend von diesem Handel gesprochen worden.

In jener Nacht war der Pächter allein zu Hause gewesen, da seine Verwandten nach Vianden zur Kirmeß gegangen waren und erst anderntags heimkehren sollten. Der Pferdeknecht hatte in der Scheune geschlafen und vom Verbrechen nichts gemerkt, bis er morgens die blutüberströmte Leiche seines Herrn im Hausflur aufgefunden hatte. Alle Schränke waren erbrochen und das Geld verschwunden.

Die Aufregung in der ganzen Gegend war ungeheuer.

Bald lenkte sich der Verdacht auf das Heintzenhaus, denn die beiden Burschen waren es, welche am Morgen die Kunde von dem Verbrechen mit viel Entrüstung im Dorfe verbreiteten. Dem Nickelsbauer schien es verdächtig, daß die beiden nach Aussage der Mutter für einige Tage abwesend sein sollten und nun waren sie schon wieder zu Hause. Alles sprach sich leise herum; am Abend wurden die beiden Heintzen in Untersuchungshaft abgeführt.

Hartnäckig leugneten sie die Tat. Wo sie aber in jener Nacht gewesen, wußten sie anfangs nicht zu sagen. Zuletzt bestanden sie darauf, sie hätten nach Diekirch gehen wollen, da sie aber ein Gewitter gefürchtet, seien sie halbwegs umgekehrt und wieder nach Hause gekommen.

Gleich nach ihrer Verhaftung war eine Haussuchung im Heintzenhaus vorgenommen worden. Eine größere Summe Papiergeldes wurde dabei zu Tage gefördert, und weder Eltern noch Kinder wußten Aufschluß über dessen Herkunft zu geben. Zuletzt erkannte der Metzger, welcher die Ochsen der Bleesmühle gekauft hatte, in dem vorgefundenen Gelde eine Anzahl derselben Scheine wieder, die er dem Ermordeten in Ettelbrück ausgehändigt hatte. So verdichtete sich der Verdacht gegen die beiden immer mehr; immer mehr verwickelten sie sich in Widersprüche. Nach mehreren Wochen lügenhafter Abrede gaben sie endlich das Verbrechen zu und legten ein vollständiges Geständnis ab. Auch bekannten sie die Tat mit Vorbedacht begangen zu haben: „Zwar wäre es ihnen lieber gewesen,“ sagten sie, „wenn sie das Geld ohne Mord hätten an sich bringen können, doch hätten sie sich mit Waffen versehen, für den Fall, wo sie an der Arbeit überrascht werden sollten. Einer Gefangennahme und späteren Verurteilung hätten sie um jeden Preis vorbeugen wollen und so hätten sie den Mord geplant, für den Fall, wo ihr Einbruch hätte ruchbar werden können.“ Einige Monate vorher bereits hätten sie zu zwei verschiedenen Malen einen Einbruch in der Mühle versucht, wären aber jedesmal dabei verscheucht worden.

Unter solchen Umständen stand es fest, daß die beiden Verbrecher nicht freigesprochen werden konnten, sondern daß ihnen gegenüber die Gerechtigkeit in ihrer ganzen Strenge zur Anwendung kommen mußte. Niemand wunderte sich deshalb, als die beiden Gerichte, welche das Urteil zu fällen hatten, einstimmig das Todesurteil aussprachen.

Im tiefsten Verließ des Burggefängnisses warteten die Verurteilten auf den Tag der Hinrichtung. Wann diese aber stattfinden sollte, wußte ich noch nicht.

Da erschien eines Tages Rudi morgens zu ungewöhnlich früher Stunde an meinem Käfig und nahm mich mit auf unsern geliebten Ausschauturm. Ich fragte mich erstaunt, weshalb wir denn heute schon so früh hinaufstiegen. Bald sollte ich es erfahren.

Dem Ausschauturm grade gegenüber, auf dem kleinen Rundplatz auf der äußersten, etwas vorspringenden Felsenkante, standen zwei hohe Balken, die ich früher nie daselbst gesehen hatte. An diesen Balken war oben ein kurzer Seitenarm angebracht. Von diesen herab hing ein starkes Seil, dessen unterstes Ende in eine Schlinge auslief. An einem der Balken stand eine schwere Leiter angelehnt. Kleine Gruppen von neugierigen Zuschauern standen dicht in der Nähe, reckten die Köpfe zusammen und unterhielten sich mit verhaltener Stimme. Auch Kinder sah ich an der Hand ihres Vaters schüchtern den Berg heraufkommen und ängstlich nach den beiden Balken schielen. Damit das schaurige Beispiel einer Hinrichtung sie heilsam schrecke, hatten die Väter sie mitgebracht, obwohl manche derselben gewiß lieber zu Hause geblieben wären.

Am jenseitigen Berge flatterten Raben von Baum zu Baum. Allmählig flogen sie näher und näher zur Burg heran. Leise Hoffnung stieg in mir auf, daß vielleicht meine lieben Eltern unter ihnen seien, und ich sie heute wiedersehen könnte. Wieder andere Raben flogen hoch in der Luft kreisend um das Schloß herum und ließen heisere, langgezogene Schreie gegen die Wälder von Flehbour ertönen.

Gegen acht Uhr öffnete der Gefängniswärter mit großen Schlüsseln die Haupttür des Burgverließes. Zwei Burgwächter, in ihrer frühern schwarzen Rüstung, begleiteten ihn. Angstvoll blickte ich hinunter, denn an all diesen Veranstaltungen erkannte ich, daß die Hinrichtung zweifellos an diesem Morgen stattfinden würde. Nach einigen Minuten kamen die drei wieder aus dem Verließ hervor. In ihrer Mitte führten sie gebunden die beiden jungen Verbrecher. Beschämt sahen diese zu Boden; beide hatten ein äußerst bleiches, verstörtes Aussehen. Das Gesicht zur Erde geneigt, gingen sie ganz gebrochen aber willig zur Richtstätte mit.

Kein Wörtlein hörte ich mehr aus dem Munde der Zuschauer. Die Kinder hatten sich hinter ihre Väter versteckt. Überall tiefes, angstvolles Schweigen.

Nun standen die beiden droben unter den hergerichteten Galgen. Den jüngern der Brüder sah man heftig weinen.

Bis dahin hatte auch Rudi angstvoll nach der Richtstätte hinübergespäht; nun konnte er den Anblick nicht länger mehr aushalten. Weinend lief er die Treppe hinunter und verschwand nach den Zimmern der Herrschaft.

Auch ich wäre am liebsten davongelaufen, aber die Raben von drüben waren immer näher gekommen; einzelne hockten schon auf den Bäumen grade unter unserm Turm. Sollten vielleicht auch meine Eltern jetzt heranfliegen? Der Gedanke allein hielt mich zurück.

Da ich wieder nach der Richtstätte hinblickte, baumelte schon der ältere der beiden Verbrecher zwischen Himmel und Erde. Leise drehte er am Stricke hin und her. Einige Male ging noch ein hastiges Zittern und Zucken durch seinen Leib; dann hing er schlaff und regungslos.

Schon stand die Leiter am zweiten Galgen. Leichenblaß stieg der jüngere Heintzen hinauf. Seine Knie schlotterten, daß ich jeden Augenblick fürchtete, er werde heruntertaumeln. Aber schon hatte ihm der schwarzgekleidete Scharfrichter den Strick umgelegt. Mit hastigem Rucke stieß er auch ihn von der Leiter herab.

In tiefem Schweigen war das schaurige Werk vor sich gegangen. Nur die wenigsten der Zuschauer kamen näher an den Galgen heran. Langsam und lautlos verschwanden sie talabwärts nach verschiedenen Richtungen. Auch Scharfrichter und Schergen kehrten zur Burg zurück. Nun standen die beiden Galgen einsam und verlassen mit den an ihnen hängenden Toten.

Solch Grauenhaftes habe ich in meinem Leben nicht wieder gesehen. Diesen schaurigen Anblick kann ich nie vergessen, und sollte mein Leben noch 100 weitere Jahre dauern.

Regungslos hingen die Mörder da mit fahlem, entstelltem Gesicht. Und erst ihre blaue heraushängende Zunge!“ ...

Jäh hatte Väterchen Hans seine Erzählung abgebrochen. Scheu sahen die Räblein um sich. Jeder freute sich, daß er nicht allein war.

„Doch nicht lange mehr hingen die beiden einsam an ihrem Galgen. Schon waren einige der Raben an die Balken herangeflogen, und mit heisern Stimmen hatten sie sich auf die Hingerichteten gestürzt. Nach wenigen Minuten waren ihre Gesichter zerfleischt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Da konnte auch ich nicht länger hinsehen; meine Eltern hier zu sehen, hoffte ich nicht mehr; zu solch schrecklichem Tun hätten sie nie geholfen, dafür kannte ich sie zu gut.“

Erschüttert saßen die Rabenbüblein in der Runde. Auch der sonst so vorlaute Rassi hatte still gehorcht und zitterte leise. „Väterchen Hans“, sprach er bittend, „nachher wenn du aufhörst zu erzählen, gehst du mit mir nach Hause, gelt? Ich habe so weit, und heute Abend fürchte ich mich allein zu gehen.“

Hans lächelte, daß es ihm gelungen war, sogar Rassi in Angst zu versetzen, beruhigte den Kleinen, den er doch gerne hatte und versprach wenigstens ein Stück Weges mit ihm zu fliegen. Wohlgemut setzte er dann seine Erzählung fort.

IX.

„Ein kalter Winter zog 1794 über die Länder. Beinahe drei Monate lang lag überall tiefer Schnee. Selten nur wurde ich aus meinem nach allen Seiten mit Strohmatten wohl verdeckten Käfig herausgenommen. Seit dem Tode der Mutter kam Rudi nur mehr selten zu mir, meistens blieb er im Innern des Hauses. Tiefer Schnee verdeckte auch die Blümlein, welche er so sorgsam auf das Grab seiner Mutter gepflanzt hatte; ja das Grab selbst war unter der Schneehülle verschwunden. Bisweilen sah ich das liebe Kind traurig am Grabe stehen und bitterlich weinen. Einige Male kam er und nahm mich für ein Stündlein mit ins warme Wohnzimmer. „Siehst du Räbi“, sprach er dann, „dort an der Mauer schläft lieb Mütterlein den langen Schlaf. So nahe ist sie noch, aber sie redet nicht mehr mit mir, wenn ich an ihrem Grabe weine. Zwar weine ich immer nur leise, damit der gute Vater nicht noch trauriger wird, aber Mütterlein könnte mich wohl hören in der kalten Erde, aber noch nie, nie hat sie ein Wörtlein geredet. Sieh, Räbi, wir sind froh in der warmen Stube, aber lieb Mütterlein muß draußen sein im kalten, schneebedeckten Grabe. Die Blümlein, die ich ihr gepflanzt, sind im Herbste welk geworden und nun ganz erfroren. Aber wenn wieder der Frühling kommt, dann soll Mütterchen nicht mehr zu klagen brauchen; da werde ich andere Blümlein holen aus den Hecken und Feldern, die schönsten, welche ich nur finden kann, und lieb Mütterlein wird ein Gärtlein haben über ihrem Grabe, schöner noch als im vergangenen Jahre.“

Und Rudi hat dem toten Mütterchen im kühlen Grabe Wort gehalten.

Als die ersten Frühlingsblümchen kamen, die Maßliebchen und die Schlüsselblumen, da eilte er hinaus und keiner Müdigkeit achtend, brachte er seine Sträußlein, stellte sie hin auf das Grab, und die Tränlein rannen still über seine Wangen und tropften leise neben die Blümlein auf Mütterleins Grab.

Als aber drunten an der Sauer die blauen Vergißmeinnichte zu blühen und zu sprießen begannen, da eilte er hinab und trug sie freudig herauf zum Grabe; am Rande desselben pflanzte er sie mit liebenden Händen und täglich näßte er sie, daß sie weitersprossen und Mütterleins Grab zieren sollten.

Wieder flackerten im September die „Sangen“. Wieder färbte sich das Laub, und aus der sterbenden Natur flogen wehmütige Gefühle in die Herzen der Menschen. Wiederum kamen auch in letzter Zeit müde Wanderer, Flüchtlinge aus Frankreich, denen die Heimat zur Fremde geworden, und die nun weiterzogen zu andersredenden Menschen, bis bessere Zeiten sie heimgeleiten würden an den väterlichen Herd. Was sie erzählten, klang so traurig und bitter; von Gesetzen sprachen sie, streng und grausam gegen Adel und Priester, von Verbannung, Kerker und Tod. „Auch bis in die Gaue des Luxemburger Landes werde der Sturm kommen“, sagten sie, „zweifellos“. Rudi’s Vater solle klug sein und sich beizeiten vorsehen; auch seines Bleibens könne nicht lange mehr in Burscheid sein, am allerbesten täte er gewiß, gleich mit ihnen weiterzuziehen an den Rhein.

Lange wollte Rudi’s Vater davon nichts hören. Haus und Heimat, Bekannte und Diener, die ihm treu ergeben waren, verlassen, um in der Fremde das harte Brot der Verbannung zu essen, dazu konnte er sich nicht leicht entschließen, und jedenfalls wollte er es verschieben, so lange er nur immer könne. Als aber von Tag zu Tag die Unglücksboten sich mehrten, als die durchreisenden Auswanderer immer zahlreicher wurden und ihn ängstigten, da gab er endlich schweren Herzens nach und teilte Rudi mit, sie könnten nicht länger mehr auf dem Schlosse bleiben. In bessern, ruhigern Zeiten, so Gott wolle, würden sie nach der liebgewonnenen Heimat zurückkehren ...

Als die Allerheiligenwoche zu Ende ging, bespannten die Knechte eines Tages schon beim Morgengrauen zwei schwere Wagen. Das Wertvollste des ganzen Schlosses trugen sie zusammen und packten es sorgsam ein. Bei Sonnenaufgang hatten sie bereits die Burg verlassen.

Kurz darauf kam Rudi an der Hand des Vaters über den Hof. Mit trauerndem Antlitz traten Vater und Kind an die Ringmauer zum Grabe der geliebten Mutter. Kein Wörtlein konnte ich hören. Nachdem sie lange schweigend da gestanden, gab der Vater dem Kleinen einen Wink, es sei Zeit zum Aufbrechen. Am Schloßtor stand schon der herrschaftliche Wagen in Bereitschaft. Schluchzend sah ich Rudi niederknien und einen letzten Kuß auf die Steinplatte drücken, worauf der Name seiner verstorbenen Mutter eingegraben war. Schnell pflückte er die letzten Sträußchen Vergißmeinnicht, die noch am Grabesrande blühten, ab und legte sie behutsam in ein mitgebrachtes Buch. Mit verweinten Augen sah ich Vater und Sohn an meinem Käfig vorbei schweigend dem Tore zuschreiten.“

„Und sind sie da schon gleich für immer abgereist, Väterchen Hans?“ fragte Rassi mitleidsvoll.

„Das war auch meine Furcht, Rassi. Ängstlich sah ich deshalb zur Pforte. Doch ich dachte mir: Es kann doch nicht sein! Ohne Abschied von mir zu nehmen, wäre Rudi gewiß nicht weggegangen. Es konnte also nur zu einem kurzen Besuch sein, daß sie fortgingen; über einige Tage würden sie gewiß wiederkehren. Während ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, sah ich plötzlich Rudi wieder vom Wagen, den er schon erstiegen hatte, herunterspringen. Eilig kam er zu meinem Käfig. „Räbi“, sagte er traurig, als er mich herausholte, „jetzt geht Rudi fort und vielleicht wird er lange, lange nicht mehr wiederkommen. Weit, weit fort muß ich gehen und wie Vater sagt, können wir Räbi bis dahin nicht mitholen. Später werden wir vielleicht wiederkehren und Räbi dann mitnehmen. Dem Burgwart habe ich gesagt, daß er gut auf Räbi achtgebe und dir viel gutes Essen bringe. Wenn du aber fortfliegen willst, so magst du auch dieses tun. Deinen Käfig will ich dir offen lassen, du kannst dann fortfliegen in die Wälder und später wiederkommen, wenn Rudi einmal wieder auf der Burg wohnt.“ Darauf zog er noch ein großes Stück Kuchen aus der Tasche und legte es in meinen Käfig hinein. „Lebewohl Räblein“, sprach er mit zitternder Stimme und ging dann fort, ohne ein weiteres Wörtlein zu reden. Am Burgtor sah ich ihn zum letzten Mal, als der Wagen um die Ecke bog; sein Gesichtchen hatte er in die Hände gestützt; er weinte bitterlich. Seither habe ich das liebe Kind nie mehr wiedergesehen.

Traurig saß ich nun im Käfig und dachte zurück an die schönen Tage, die ich mit dem Kleinen verbracht und die niemals mehr wiederkommen sollten.“

„Väterchen Hans, Rudi hatte ja die Türe des Käfigs offen gelassen, daß du fortfliegen könntest,“ hastete Rassi erregt. „Hast du das denn nicht gleich getan? Dann warst du aber dumm, Väterchen Hans!“

„Geduld, Geduld, Rassi, eins nach dem andern. Als ich das immer leiser werdende Geräusch des davonrollenden Wagens nicht mehr hörte, hüpfte ich rasch aus dem Käfig hervor. Das letzte Stück Kuchen, das Rudi mir zurückgelassen, verzehrte ich vor dem Käfig und, indem ich dann vor demselben hin und her spazierte, überlegte ich, was ich nun beginnen sollte. Sollte ich wieder in den Käfig schlüpfen, dort bleiben und mich auf die Güte des Burgwartes verlassen? Sollte ich auf der Burg bleiben, bis Rudi zurückkäme? Ja, aber wenn er vielleicht gar nicht mehr heimkehren sollte, wie er es angedeutet; wenn vielleicht die Franzosen ins Luxemburgische kommen sollten, wenn sie das „Wälderdepartement“, wie sie es nannten, durchziehen, vielleicht wieder die Burg belagern und einnehmen sollten, wie sie es vor 100 Jahren getan, wie einst Rudi mir erzählt hatte! – Oder sollte ich die mir dargebotene Gelegenheit benutzen und der goldenen Freiheit folgen, die mir winkte? Dieses letzte schien mir das Beste. Später könnte ich ja doch immerhin zurückkehren, wenn ich wollte.“

Schon wieder fuhr Rassi dazwischen: „Ja, Väterchen Hans, so mußt du es machen. Flieg schnell fort, lang genug warst du eingesperrt, nichts geht über die schöne Freiheit.“

Väterchen Hans lachte: „Ja Rassi, das war auch meine Ansicht. Meine Flügel waren wieder etwas gewachsen, so daß ich hoffen durfte, fliegen zu können, wenn vielleicht auch noch nicht ganz weit. So lief ich denn schnell bis in die Mitte des Hofes zurück, nahm einen großen Anlauf, schlug kräftig mit den Flügeln und gelangte glücklich auf die hohe Ringmauer. Dort blieb ich einen Augenblick sitzen und schaute nach allen Seiten, ob ich den davonfahrenden Wagen nicht mehr entdecken könnte. Es war unmöglich, denn die Wege führten alle durch den Wald.

Mein erster Gedanke war nun, hinüberzufliegen nach der alten Eiche, wo einst unser Nest gestanden hatte. Beherzt schwang ich mich von der Mauer hinab und schwebte im Gleitflug langsam zur Sauer. Welche Freude mich zum erstenmal im Luftmeere schaukeln zu können! Bergab flog ich ganz vorzüglich, beinahe ohne Anstrengung. Schon schwebte ich über dem Wasser. Freilich ein wenig Angstbeklommen fühlte ich doch, als ich über den Fluß flog, und mir mein Bild zitternd aus dem tiefen Wasser wiederstrahlte. Am andern Ufer setzte ich mich zu kurzer Rast auf die Wiese nieder. Ein Schnecklein kroch eben im Grase. „Da ist mein Tisch ja schon gedeckt“, dachte ich, und schon war der Leckerbissen in meinem Munde verschwunden.

Doch nun hieß es weiterfliegen. Einige Sekunden sah ich nach oben. Auf direktem Wege diese steile Höhe zu erklimmen schien mir unmöglich, dazu waren meine Flügel zu klein und zu schwach. So entschloß ich mich denn, auf Umwegen mein Ziel zu erreichen. „Wer langsam geht, kommt auch ans Ziel,“ hatte der Burgwart immer gesagt. So flog ich denn flußaufwärts und stieg unterwegs immer höher bis in die Mitte des Berges oberhalb der heutigen Burscheidter Mühle. Auf einer schlanken Pappel dicht am Bergeseinschnitt, wo bei Regenwetter der Helkeschbach niederstürzt, mußte ich ein Weilchen rasten, denn schon fühlte ich mich sehr ermüdet. Sonst wäre ich gewiß bald in die Hecken gestürzt, und wie hätte ich mich daraus wieder erheben können? Ein leichter Wind beugte die Pappelspitze langsam hin und her und schaukelte mich mit derselben. Da der Wind von Nordwesten kam, war er für meinen Weiterflug sehr günstig.

Nachdem ich ungefähr ein Viertelstündchen geruht und die Lungen mit neuem Luftvorrat gefüllt, schwang ich mich abermals über die Bäume und flog dem Flusse entlang, langsam aber stetig höher steigend. Schon sah ich die Felder, die einst unser Nest überragt hatten, und von denen aus die Buben mein Brüderlein totgeworfen. Nach einigem Suchen fand ich auch unsere Eiche wieder; das Nest war verschwunden. Nur einige Reiser hingen daselbst wirr durcheinander; alles war verlassen und verfallen.

Während des ganzen Nachmittags blieb ich wehmütig an der alten Heimstätte zurück, flog bald hin und her und rief nach allen Seiten, ob ich vielleicht die Eltern finden könnte oder einen meiner lieben Brüderlein. Allein alles war umsonst. Auf meinen Ruf hin kamen zwar einige Raben heran, aber ich kannte sie nicht. Spöttisch betrachteten sie meine abgeschnittenen Federn und machten hämische Bemerkungen, die mich im Herzen schmerzten. „Er ist von bessern Leuten! Ha ... a a ah!“, lachten sie, „und er kleidet sich nach der neuesten Mode.“ Ich wollte ihnen Erklärungen geben, aber sie ließen mich nicht reden. „Sei nur still, du einfältiger Protz“, sagten sie, „wir kennen dich schon. Ein feiner Herr hast du sein wollen und deshalb bist du zur Burg geflogen, hast Burgkuchen gefressen und gegen uns gesprochen beim Jagdfalken, daß er von Tag zu Tag gegen uns wütender wurde und noch in der letzten Woche zwei von unsern Brüdern erschlagen hat.“

Abermals wollte ich beteuern, daß sie sich in all diesen Anschuldigungen irrten, doch vergebens. Sie ließen mich gar nicht zu Worte kommen. „Einen Tag“, sagten sie, „habe ich noch Zeit, mich wieder aus dem Staube zu machen. Sollte ich anderntags noch das Unglück haben, mich in der Gegend zu zeigen, so würden sie die ganze Sippe zusammenrufen und mir die Augen aushacken; dann könnte ich blind zur Burg zurückflattern und weiter Gnadenbrot fressen wie bisher. Übrigens wäre es wohl möglich, daß ich nur herübergekommen sei, um zu spionieren, wo der Falke uns wieder am besten überfallen könnte. Ich sei gewarnt und solle mich darnach richten!“

„Das war aber gar nicht schön von ihnen,“ sagte Rassi zornig. „Väterchen Hans, du hattest ihnen ja noch nichts zuleide getan.“

„Was sollte ich aber tun, Rassi?“ fuhr Hans fort. „So entschloß ich mich denn weiter zu ziehen und in einer andern Gegend meinen Wohnsitz aufzuschlagen. Da ich übrigens meine Eltern nicht wiedergefunden hatte, fiel mir der Abschied nicht schwer.