The Project Gutenberg eBook, Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2), by Titus Tobler

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Das gesamte Inhaltsverzeichnis beider Bände sowie die Liste der Verbesserungen befinden sich in der Originalausgabe lediglich am Ende des zweiten Buches. Der Übersichtlichkeit halber wurde das Verzeichnis des betreffenden Bandes an dessen Anfang gestellt, das Inhaltsverzeichnis des jeweils anderen Bandes dagegen an das Ende des Buches. Die Verbesserungen erscheinen am Ende des jeweiligen Bandes; diese sind, soweit sie vom Autor als relevant eingestuft wurden, bereits in das vorliegende Buch eingearbeitet worden.

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Original-Umschlag

Lustreise ins Morgenland.

Lustreise
ins
Morgenland.


Unternommen und geschildert

von

Dr. Titus Tobler.

Erster Theil.


Zürich,

bei Orell, Füßli und Compagnie.

1839.


Inhalt des ersten Bandes.

Seite
Reise nach Triest   [1.]
Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero [10.]
Fahrt nach Alexandrien [25.]
[Alexandrien.]
Lage [58.]
Gebäude [59.]
Krankenhäuser [67.]
Auch das Observazionsspital oder die Observazionshütten [70.]
Die Katakomben und der Pferdestall [78.]
Die Nadeln der Kleopatra und der Flohfänger [80.]
Die Pompejussäule und die Schandsäule [82.]
Die Nachgrabungen [85.]
Leute. Bevölkerung [88.]
Der Ritt zur Beschneidung [91.]
Primarschule [92.]
Die Zeichenschule [93.]
Weiberhändel [95.]
Geld und Geldnoth [97.]
Das Schiff der Wüste [99.]
Anleitung für den Reisenden [100.]
Die Nilfahrt nach Kairo [104.]
[Kairo.]
Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen [134.]
Die Stadt nach ihrer Bauart [140.]
Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei [148.]
Das Militärkrankenhaus [155.]
Die Narrenmenagerie [157.]
Die Stadt der Einäugigen und der Blinden [162.]
Das öffentliche Bad [163.]
Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhundert die Bäder gebrauchten [168.]
Der Sklavenmarkt [173.]
Das Katzenstift [177.]
Gärten [181.]
Die Esbekieh [183.]
Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner [184.]
Tracht [194.]
Speisen und Getränke [198.]
Kaffeehäuser [204.]
Schneller Justizgang [208.]
Der egyptische Tanz [210.]
Der Brautzug [213.]
Der Leichenzug [216.]
Der Straßensänger [218.]
Der Versteigerer [219.]
Der Barbier [220.]
Der Lagerstellenmacher [221.]
Der Glaser [222.]
Der Schuhmacher [223.]
Der Töpferwaarenflicker [224.]
Die Missionarien [226.]
Die Renegaten [228.]
Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus Europa [230.]
Undank für treue Liebe [233.]
Unter österreichischer Protekzion [235.]
Meine Wohnung [236.]
Meine Nahrung und Getränke [238.]
Umgebung von Kairo:
Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim [242.]
Die Wasserleitung [244.]
Altkairo und das armenische Kloster [246.]
Das griechische Kloster und der Altar der h. Frau im koptischen Kloster [247.]
Der Tempel A’mrus [250.]
Der Garten Ibrahim-Paschas und der Nilometer auf der Insel Ruda [253.]
Ausflug nach Heliopolis und Abusabel [258.]
Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh [280.]
Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh [281.]
Wegweiser in und um Kairo [295.]
Rückblick auf Kairo [297.]
Reise durch die Wüste nach El-Arysch [297.]
Die Quarantäne in El-Arysch [321.]

Vorwort.

Von manchen Seiten her wurde ich aufgefordert, die Beschreibung meiner Lustreise in das Morgenland der Presse zu übergeben. Ich hätte es vielleicht nicht thun sollen, — ich entsprach der Aufforderung. Wohl wäre es möglich, daß die Sache allzu leicht genommen würde. Es ist viel minder schwierig, zu reisen, als eine Reise, zum Behufe öffentlicher Mittheilung, zu beschreiben. Wer einzig zur Erholung herumwandern will, ferne vom Vorsatze, etwaige Wahrnehmungen, Beobachtungen und Erfahrungen ans Tageslicht zu ziehen, darf sich nur den Paß und dessen goldenen Rahmen verschaffen; legt er den Wanderstab hin, so verlangt man von ihm im Ernste kaum Rechenschaft darüber, ob er viel oder wenig, richtig oder unrichtig aufgefaßt habe. Umgekehrt verhält es sich mit dem Reisenden, der eine Beschreibung durch den Druck bekannt macht; das Wort ist nicht mehr sein eigen, sondern Gemeingut der Leser, der Gewährsmann wird in die Schranken des öffentlichen Gerichtes gerufen.

Ich sehe gut die weithin langenden Folgen meines Versprechens, und gleichwohl rücke ich heraus mit meinen Tageblättern. Wenn ich die Aufforderung recht verstanden habe, so will man, ohne meine wirklichen Mühseligkeiten, im Geiste mir nachreisen; man erwartet keine neue Entdeckungen weder aus der Vor-, noch Mitwelt, weder in Beziehung auf die Kenntniß des Himmels, noch der Erde, weder ihrer Bewohner, noch Hervorbringnisse; man will Bekanntes in einem traulichen Kreise zusammenplaudern; man denkt billig genug, daß ein Lustreisender, der in einer Spanne Zeit drei Welttheile berührt, der Wissenschaft keine Dienste leistet. Ich rücke darum mit meinen Tageblättern heraus, weil die Erwartungen nicht über meine geringen Ansprüche hinaufreichen.

Aber warum wurde denn die Beschreibung nicht zeitungswarm geliefert? So höre ich die Frage an mich richten. Mit einer Antwort bin ich keinesweges verlegen. Ich mochte nun einmal nicht in den bestaubten Reisekleidern unter so anständige Leute treten. Weil es anders nicht schicklich gewesen wäre, so begann ich den egyptischen und palästinischen Staub herauszubürsten. Freilich da merkte ich bald, daß in meinem Heimathlande nicht mehr die stillen Klostermauern mich umfangen; ein Hinderniß häufte sich auf das andere. Das Reise-Tagebuch lag neben meinem Krankenbuche, und Jedermann weiß, daß die Leidenden in der Regel durch etwas ganz Anderes genesen, als durch Schildereien aus dem Leben eines Pilgers. Kurz, ich stellte die Reisebogen in den Hintergrund, und widmete meine Feder vorzüglich den Tageblättern für meine Kranken. Doch nach und nach schaffte ich, so gut es in der vielzersplitterten Muße gehen wollte, wenigstens einige Ordnung, daß ich nun endlich die Schwelle des Hauses verlasse, um — der Geneigtheit und Nachsicht der Leser mich zu empfehlen.

Lutzenberg, im Appenzeller-Lande,
an Ostern 1839.


Reise nach Triest

Am 22. August 1835 trat ich, vom schweizerischen Kanton Appenzell aus, meine Reise an. Sie nahm ihre Richtung über den Arlberg, über Insbruck, Bozen, Trient, Vicenza, Padua und Venedig nach Triest. Ich werde diese Reise durch eine Gegend, welche, so zu sagen, nur einen Sprung weit von meinem Heimatlande entfernt ist, nicht näher berühren. Ich erwähne bloß, daß ich dießmal mit ungleich mehr Zufriedenheit durch diesen Theil Welschlands reisete, als im Jahre 1826, wohin ich von Wien aus einen Abstecher gemacht hatte. Ich wählte vorzüglich italienische Wirthshäuser, und die Wahrheit heischt von mir das Bekenntniß, daß ich nicht den mindesten Grund zu Klagen über Betrügereien in denselben fand. Niemals handelte ich mit den Wirthsleuten zum Voraus die Mahlzeit ab. Bei deutschen Wirthen dieses Landes befand ich mich eher schlimmer. Zank und Streit mit zwei Vetturini waren ganz unsere Schuld, oder vielmehr die meines Reisegefährten, eines Kroaten, der weniger bezahlen wollte, als wir bereits schon übereingekommen waren. Es bot ein rührendes Schauspiel dar, wie ein Vetturino nur das Seinige verfechten mußte. Wenn die Deutschen oder wenigstens die deutsch Redenden auf diese Weise fortfahren, es dürften sich traun die italienischen Vetturini brüsten, um dem deutschen Uebermuthe die Flügel zu stutzen. Die Deutschen, welche nach Italien reisen wollen, hauen darum leicht über die Schnur, daß sie auf erster Linie mit den Schlechtigkeiten der Italiener allzusehr sich vertraut machen, statt daß sie es sich angelegen sein lassen, die Gedanken in ihrer Sprache auszutauschen. Der Deutsche, gewohnt, beinahe in jedem schlechten italienischen Gewande eine schlechte Seele zu suchen, richtet auch nach dieser, über das Gebirge geschleppten vorgefaßten Meinung, die Behandlung des Italieners. So wie aber dieser wahrnimmt, daß der Fremde an ihm keinen grünen Zweig erblickt, mag es ihn freuen, daß der Reisende sich ja nicht täusche.

Den 29. August.

Ich langte in der überaus lebhaften Handelsstadt Triest an. Meine Empfehlungen an dasige Häuser thaten erwünschte Wirkung. Ein Landsmann gab Anleitung zum Einkaufe der für die Seereise nöthigen Effekten. Ein jüdisches Haus kam mir zuvor, um später den Aufenthalt in Alexandrien mir angenehm zu machen, und versah mich mit Schreiben, damit mir die Reise nach Egypten in finanzieller Beziehung gesichert werden sollte.

Sechs Tage mußte ich warten, bis ein Schiff unter Segel ging. Mein Vertrag mit dem Kapitän, Herrn Simon Budinich aus Lossin, wurde doppelt ausgefertigt, und in demselben ausdrücklich bemerkt, daß ich freie Hand behalten wolle, wenn zur bestimmten Frist die Abfahrt nicht erfolgen würde. Der Vertrag beschlug übrigens, um nach Landart zu sprechen, nicht bloß Logis, sondern auch Kost.

Donnerstag den 3. September.

Ich ließ mein Bett, (ein Kissen, eine Stramatze [Stramazzo, Matratze], eine Wolldecke, [Kotze], zwei Leintücher) und meine übrigen Effekten an Bord bringen. Vom Kai holten sie unsere Matrosen ab, ohne daß ich mich vor der Hand weiter darum bekümmerte. Abends neun Uhr rief ich den Matrosen unsers Schiffes, il Giusto. Gleich ruderten sie mir entgegen, und ich nahm Abschied vom Lande. Frohmüthig bestieg ich meine neue Behausung. Mein Auge weidete sich zuerst an dem Walde von Mastbäumen und an dem sternenreichen Himmel; dann trat ich in die Kajüte, wo ich meine Effekten in Ordnung fand. Ein fester Bursche, der Buchhalter (scrivano), saß eben an einer wohlbesetzten Tafel; ein mit rothem Wein gefülltes Glas wurde nicht selten von seinem Munde magnetisch angezogen. Derselbe plauderte an Einem fort anmuthig und offenherzig; er nannte ohne Umschweif die Regierung von Triest eine strenge. Als er inne ward, ich sei ein schweizerischer Republikaner, gab er Freude zu erkennen. Im Politischen faßte ich mich kurz. Ich suchte darzuthun, daß die Regierungsform nicht immer wesentlich die Wohlfahrt eines Volkes untergrabe oder begründe, und fügte hinzu, daß die Schweizer im Allgemeinen zufrieden leben. Ich sprach mit einer Mäßigung und Zurückhaltung, daß kein Schein da war, als wolle ich den Republikanismus außer meinem Vaterlande verkündigen.

Die Kajüte gefiel mir; blau angestrichen und geräumig; in der Mitte ein Tisch, ringsum Stühle und ein Kanape von hartem Holz. Zum Ueberflusse eingerahmte Bilder: hier das Sinnbild der Dreieinigkeit; dort ein pausbäckiger Zweimaster mit österreichischer Flagge; ferner weibliche Schönheiten aus allen vier Welttheilen. In einer Ecke ein Käfich mit zwei Kanarienvögeln. Für mein Lager war zur Seite der Kajüte ein Kasten, den man cuccietta nennt, und der durch zwei Flügelthürchen verschlossen werden kann. Der Kapitän hatte noch ein besonderes Schlafgemach, welches durch Thüre und Vorhang von der Kajüte getrennt war.

Um zehn Uhr sollte der Kapitän ankommen; allein die Vergnügungen auf dem Lande fesselten ihn über die Zeit. Mich überfiel Schläfrigkeit; ich begab mich zu Bette, nicht ohne einige Besorgniß, auf einem Lager, welches durch seine Weichheit sich nicht zum Besten empfahl, nur mit Mühe den Schlaf zu finden. Bald langte der Hauptmann mit meinem Reisegefährten an. Es dauerte nur noch kurze Zeit, und ich schlief.

Den 4. September.

Nach Mitternacht hörte ich lautes Getrampel. Die Matrosen waren beschäftigt, das Schiff in segelfertigen Stand zu stellen. Erst in der Frühe wurden die Segel dem Winde gegeben. Doch wir mußten zuerst laviren; denn einiger Proviant und das unter polizeilicher Aufsicht gelegene Schießpulver waren noch nicht eingetroffen.

Ein zureichender Grund bewegt mich, meinen Reisegefährten Cesare nicht bei seinem Familiennamen in den Kreis meiner Leser einzuführen. Aus einem großen Dorfe bei Mailand gebürtig, studirte er in Pavia, hielt sich als Apothekergehülfe in Venedig, und die letzten vierthalb Jahre in Triest auf. Er theilte mir, auf verdankenswerthe Weise, eine Reisebeschreibung, Viaggio in Siria e nella Terra Santa von Giovanni Failoni (Verona, 1833, Pietro Bisesti), mit. Ein anderer Passagier blieb zu nicht geringem Verdrusse des Schiffmäcklers aus, wiewohl er sein Jawort zur Abreise gegeben hatte. Er war ein Deutscher, dem Vermögen nach unabhängig, und nur Reiselust entzog ihn seinem Familienschooße. Wenige Tage vor meiner Abreise erhielt er aus Kairo Nachricht vom 31. Juli, daß dort die Cholera herrsche, und eines Mehrern bedurfte der bewegliche Mann nicht, um den Reiseplan vorläufig auf sich beruhen zu lassen. Mittlerweile lief noch denselben Tag, auf welchen unsere Abreise festgestellt war, ein Schiff von Alexandria ein, mit der günstigen Zeitung, daß der Gesundheitszustand in Egypten befriedigend sei. Von Hezels arabische Grammatik, aus der freigebigen Hand des zurückgebliebenen Deutschen, war wohl ein geringer Ersatz für eine Gesellschaft, auf die ich vergeblich mich so lebhaft freute.

Der Kapitän, ein starkbärtiger Mann, von gedrungenem Körperbau, noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, war nicht ohne Bildung. Er sprach etwas Französisch, benahm sich Anfangs zuvorkommend, und beantwortete willig die Fragen, welche dem Reisenden auf der Zunge liegen. Die ganze Bemannung des Schiffes machte keinen widrigern Eindruck, als die Floßknechte, mit denen man auf der Isar und Donau von München nach Wien reist.

Der erste Ort, der mir an der Küste auffiel, war das Kap von Istrien (Capo d’Istria). Ein langes Gebäude bezeichnet das Gefängniß. Dann Isola auf einer Landzunge; la Punta del Salvore. Die Nacht war herrlich; der Mond verbreitete sanft seinen himmlischen Glanz über das schweigende Meer. Triest war noch nicht verschwunden; man erblickte immer noch seinen Leuchtthurm.

Den 5. September.

Endlich sieht man nichts mehr von Triest. Die Luft regt sich ein wenig, und wir machen dabei einige Fortschritte. Das Schaukeln des Schiffes vermochte mir leichten Schwindel zu verursachen, der sich nach einem Trunk mit Rhum vermischten Wassers sogleich verminderte. Ich glaube, die sattelfestesten Legitimisten könnten auf dem Meere Schwindelköpfe werden. Mittags kehrte mein Taumel zurück, und ich fand für gut, mich während des Mittagessens mit der einen Hand am Tische zu halten. Uebrigens schmeckte mir die Suppe vortrefflich, und gleichzeitig erging sich mein Auge an den Mehlperlen, weßwegen sie Paternoster genannt wird; auch mußte ich über die Suppe lachen, daß sie, in allem Ernst, mir im Teller die Ebbe und Fluth des Meeres anschaulich machte. Unsern Cesare wollte der Schwindel ebenfalls übernehmen, er verließ den wohlbedeckten Tisch, und begab sich auf das Verdeck. Der Sirocco (Südostwind), der heute ziemlich stark blies, rieth uns, von der Küste sich mehr zu entfernen, so daß man den Küstensaum in Osten, als einen Spiegelrahmen, wohl wahrnehmen, aber keine Ortschaften unterscheiden konnte.

Den 6. September.

Ein eingetretener Nordostwind brachte uns über Nacht beträchtlich weiter. Wir näherten uns ziemlich dem Ufer. Des Morgens erblickte man zur Linken, uns gerade gegenüber, den hoch über die Hügel emporragenden Berg Caldiera; dann südöstlich das Promontore, wo bei Nacht den Seeleuten eine Laterne leuchtet, und wo wir bald vorbeigeschifft waren; ferner deckte den Hintergrund, in der gleichen Richtung, der Monte d’Ossero, eine breite Bergkuppe, der erhabenste Punkt des Eilandes Lossin. Jenes Promontore bildet den südwestlichen Grenzwinkel des Festlandes, von Istrien. An dem Promontore vorbei; und es beginnt das Mare Ouarenaro, an dessen Ende die Stadt Fiume liegt; auf diesem Meere schlugen die Wellen wilder gegen das Schiff. Nach dem Zeugnisse der Seemänner macht das Ouarenaromeer, im Winter, wenn der Nordwind (tramontana) brauset, die Schifffahrt sehr schwierig. Ich genoß kaum je in meinem Leben so entzückende Augenblicke, als an diesem Morgen. Majestätisch jagte unser Giusto die tobenden Wellen aus einander, die selbst auf das Verdeck stoben. Der Anblick der entstehenden und gleich wieder verschwindenden kleinen Hügel und Thäler war zu köstlich. Süß verschmolzen vaterländische Erinnerungen in den wirklichen Genuß der Seereise.

Ich vernahm, daß in der Nähe des Promontore eine alte griechische Kolonie ihre Sprache und Sitten beibehalten habe. Ich gedenke dessen nicht, weil ich glaube, etwas Neues zu schreiben, sondern weil es mich nicht minder ansprach, als die Thatsache, daß, in der Nähe von Verona, die Bewohner der Sette comuni, als Abkömmlinge deutscher Auswanderer, noch ein deutsches Sprachgerippe reden, obschon sie von der italienischen Sprache umringt sind.

Wir geriethen in eine Inselgruppe: zur Linken Unie, Canidole, zur Rechten die kleine, jedoch nicht minder merkwürdige Insel Sansego, weil sich auf ihr keinerlei Gestein findet, während der Archipel gleichsam nur Steinhaufen vorstellt. Aus Sand und wenig Erde bestehend, wird diese Insel von ungefähr fünfhundert Einwohnern zum Weinbau benutzt, die sich in der Zwischenzeit mit dem Fischfang abgeben.

Den 7. September.

Nach dem Erwachen stellte sich zur Rechten die Insel Pietro di Nembo, und östlich im Hintergrunde eine bergichte Küste dar, welche zu Kroazien gehört. Noch Vormittag erreichten wir den sogenannten Hafen von Lossin grande.

Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero.

Lossin interessirte mich ungemein, weil mein Auge so viel Fremdartigem begegnete. Das ganze Eiland besteht aus Kalkstein, der an den meisten Orten nackt hervorguckt. Er lagert sich schief von Westen nach Osten, und öffnet kleine Buchten oder, mit andern Worten, natürliche Häfen in Menge. Derjenige in Lossin grande gewährt ziemliche Sicherheit vor dem Ungestüm des Windes, faßt aber bloß drei größere Schiffe (bastimenti). Um so geräumiger dagegen ist der Hafen von Lossin piccolo, der wenig zu wünschen übrig läßt. Zwischen den so zahlreichen Steinblöcken, welche der Insel ein ziemlich ödes Ansehen verleihen, erscheint hie und da eine röthliche Erde, welche, obwohl sie nie gedüngt wird, leicht hervorbringt. Die Vegetazion überraschte mich besonders. Fast überall stark- und wohlriechende Pflanzen, welche den freigebigen Süden begleiten. Wenn ich ausging, so war es meine Wonne, einen wohlriechenden Strauß zu pflücken. Die Einwohner selbst scheinen durch die Gewohnheit für die Genüsse, welche die Flora darbietet, unempfänglich geworden zu sein. Nirgends sah ich auch nur einen Blumentopf; nirgends ein Mädchen mit einer Blume oder einem Strauße geschmückt. Unter den angebauten Gewächsen stehen der Oelbaum, der Feigenbaum und die Rebe oben an. Beinahe so oft ich den Oelbaum betrachtete, trug die Phantasie mich in das gelobte Land, wovon das Buch aller Bücher so viel Denkwürdiges erzählt. Vor allen andern ein zahlreich gepflanzter Baum, bemüht er sich an den Abdachungen Lossins, von den Steinen den Charakter der Traurigkeit auszulöschen. Das Lossiner-Baumöl ist sehr gut, und soll selbst demjenigen von Lucca nicht nachstehen. Hundert Pfund (zu 16 Unzen) Oliven geben beiläufig vierzig Pfund Oel. So rechnen die Leute. Außer, daß die Feige frisch gegessen wird, vermengt man sie auch mit Gewürz und bereitet eine Art Teig, der in etwa vier Zoll hohe Kegel geformt und dann an der Sonne getrocknet wird. Man nennt diese Mischung Feigenbrot (pane di fichi), und wird im Winter als Leckerbissen genossen. Auf die Rebe wird möglichst wenig Sorgfalt verwendet; man enthebt sich der Mühe, sie zu pfählen; nur an wenigen Orten wird sie etwa an einer Mauer aufgezogen; sie kriecht daher auf dem Boden fort, wie der Himbeerstrauch. Bei meiner Anwesenheit war die Weinlese zum Theile schon vorüber. Die gesammelten Trauben bringt man in einen Schlauch, von der Gestalt eines mißgeborenen, ausgestopften Kalbes. Es ist recht drollig zu sehen, wie die Weiber solche Mißgestalten auf ihren Köpfen tragen. Der Sack ist in der That nichts Anderes, als das Fell eines Ziegenbockes, welches ganz nahe geschoren, gleich hinter den Vorderbeinen ringsum abgeschnitten und dann umstülpt wird. Die den Hinterbeinen und dem Schweife entsprechenden Oeffnungen zugebunden, wird das abgezogene Fell bloß mit dem Athem aufgeblasen und an der Luft getrocknet. Hierin liegt alle Kunst der Sackbereitung. Der Wein ist stark, aber herbe, schwer, etwas bitterlich. Es gibt auch sehr guten, süßen und geistigen Wein, dessen Bereitung aber auf besonders delikate Weise geschieht, und der nur auf die Tafel fashionabler Lebeleute gesetzt wird. Als Seltenheit wächst auch der Dattel-, Granat-, Zitronen- und Pomeranzenbaum.

Lossin grande wie piccolo bieten kein übles Aussehen. Die Häuser sind von Stein gebaut; das Wenigste daran von Holz. Die Dächer bestehen aus Hohlziegeln. An einigen Häusern Rinnen, durch welche das Wasser ins Innere der Wohnungen zum Hausgebrauche geleitet wird. Von andern aber rieselt das Wasser in der Rinne, wenn es nicht in Kübeln aufgefangen wird, auf die Straße herunter, wo es fortfließt, um bei starkem Regen ein ordentliches Bächlein zu bilden. Auf Brunnenquellen würde man sich umsonst trösten. Ihre Stelle vertreten Ziehbrunnen. Nicht von allen Häusern erheben sich Kamine. Im Freien, an den Eckmauern der Wohngebäude sah ich an vielen Orten eine Art Herd. Die Mauern schienen mir sehr fest, wozu sich der harte Kalkstein vortrefflich eignet, und der Mörtel zeichnet sich durch Güte aus. Ueberhaupt mögen hier die Mauern viel länger halten, als in nördlichen Gegenden, wo die Kälte unermeßlichen Schaden anrichtet, wie besonders das Jahr 1830 bezeugen kann. Um Gassen anzulegen, wurde an vielen Orten nur der Kalkfelsen ein wenig ausgeebnet. Sie werden länger dauern, als anderwärts die auf’s kunstreichste und kostbarste gepflasterten Straßen. Allein sie laden eben nicht am freundlichsten ein. Die spitzigen Geschiebsteine schneiden beinahe in das Leder der Schuhe, und leicht gleitet man auf den Flächen des Felsen — nicht in den Himmel, wohl aber auf den Boden. Besonders mühsam wird das Gehen außer den Dörfern. Wer einmal in der Schweiz einen recht steinigen, doch bessern Bergweg wandelte, kann sich das Gehen auf den hiesigen Landwegen gar leicht vorstellen. Ueber große Unreinlichkeit auf Plätzen, Wegen u. s. f. könnte man gerade nicht klagen. Keine Misthaufen. Das Vieh ist aber nicht zahlreich; wenig Kühe werden gehalten; am meisten noch Schafe und Ziegen. Letztere haben lange, seidenartige Haare und liefern einen schmackhaften Käse. Nur ein einziges Pferd nahm ich wahr; es ritt darauf eine kranke Frau, sich Bewegung zu verschaffen. Ein Fuhrwerk rollte schon gar nicht vorüber. Es zieht sich zwar eine schmale Straße von dem großen Lossin nach dem kleinen, die allerdings fahrbar wäre, wenn man auf eine Lustfahrt Verzicht leisten wollte. Es darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß auch hier die französischen Umwälzungsmänner eine Spur ihres Wirkens zurückließen, indem sie diese Straße bauten. Andere, als solche Thiere, welche der Hauswirthschaft, so zu sagen, angehören, sind selten.

Um die Bewohner zu beobachten, war mir Mariens Geburtstag willkommen. Soll ich im Namen Lossin grande beklagen, daß die dortigen Frommen die obere Kirche nicht ausfüllten? Wie ich in das Gotteshaus trat, spielte eine Musik, die hätte zum Tanze ermuntern können. Erst als die Orgel ertönte, hob eine ernstere Melodie an. Die Frauen knieten bald auf den Boden, bald ließen sie sich auf die Fersen nieder, andere saßen auf dem Boden, indem sie die Füße auf einer Seite an sich zogen, noch andere kauerten bloß auf einer Ferse, und streckten den andern Fuß vorwärts, daß das Bein der Länge nach auf dem Boden ruhete. Uebrigens wußten sich alle gar züchtig niederzusetzen. Man durfte wenigstens drei Viertheile Frauen auf nur einen Viertheil Männer annehmen: ein Mißverhältniß der Leute beiderlei Geschlechtes, das später klar wird. Ein ziemlicher Theil Frauenzimmer war gar schön aufgeputzt, und ihre Andacht spendete dann und wann einen Blick auf die Seite in die Welt, und vermochte ein weltliches Schmunzeln nicht zu überwinden. Die Zahl der Priester fiel mir auf. Das große Lossin zählt zu seinen 2400 Einwohnern vierzehn Priester, darunter vier, welchen die eigentliche Seelsorge obliegt. Einige Male traf ich einen alten, gutmüthigen Priester auf der Straße: seine Kleidung lieferte einen ansehnlichen Beitrag zu Löchern und Lappen, das heißt, zur Bescheidenheit und Demuth.

Die Leute kleiden sich wohl. Selbst in der Hitze des Tages umgibt die Jacke den Oberleib. Von der Kleidung der Männer springt nichts Besonderes in die Augen. Dem weiblichen Geschlechte gebührt das Lob oder der Tadel eines eigenthümlichen Kopfputzes. Ein Flor von Musseline bildet auf jeder Seite einen Ring, ohne den Kopf zuzudecken. Wer möchte diesen Rückprall einer Kinderei schön nennen?

Die Lossiner thun sich durch Körpergröße hervor. Man muß zwei Menschenschläge unterscheiden, einen italienischen und slavischen. Die Venezianer eroberten zu seiner Zeit die Insel. Vom italienischen Schlage sind sowohl reine, als mit dem slavischen vermischte Sprößlinge vorhanden. Auf den Leuten vom italienischen Schlage ruht der Zug der Schönheit, von etwas Edlem, von Stolz, welcher Zug sich in der Regel charakteristisch beim Herrscher ausspricht. Das pechschwarze Haar und die Gluth der schwarzen Augen könnten uns in die Mauern Padua’s versetzen. Die Bewohner vom slavischen Schlage, weitaus die Mehrzahl, zeichnet ein breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen (selten volle Backen), eine etwas ausgebogene Nase, üppiges, bräunliches oder blondes Haar aus. Wie es zwei Schläge gibt, so zwei Sprachen. Der Sieger brachte das Italienische, welches jetzt noch in den Kreisen der Wohlhabendern geredet wird; bei den Uebrigen das Kroatische, welches vorherrscht, oder die eigentliche Landessprache ist.

Die Leute beschränken sich in ihren Beschäftigungen nicht bloß auf Viehzucht, Ackerbau, die Weiber auf Spinnen, Sticken u. dgl., sondern die Lossiner beziehen ihre Nahrung auch vom Fischfang, und, die Hauptsache, ein bedeutender Theil verlegt sich auf die Schifffahrt. Die Lossiner bilden mit den Bocchesen den Kern der österreichischen Seemacht. Lossin piccolo nennt mit Stolz allein über achtzig größere Kauffahrteischiffe (bastimenti). Da stößt man auf eine Menge Kapitäne, welche die Meere durchsegelten, und von Konstantinopel, Alexandrien, Algier, London u. s. f. erzählen, nur nicht von Stürmen, als etwas Abgedroschenem. Bewog Liebe zu ihren Ehemännern selbst Frauen, sich auf unsichern Fluthen zu entfernen, um zugleich angenehme Berührungen mit den berühmten Städten der Welt herüber zu nehmen.

Der Vater des Kapitäns, Podestà (Gemeindspräsident) Budinich, empfing uns mit vieler Gewogenheit. Am zweiten Tage nach der Ankunft in Lossin wurden Cesare und ich von ihm zu einem Mittagsmahle eingeladen. Gern entsprachen wir der Einladung. Zwei Familien vereinigten sich, um sich und uns Gesellschaft zu leisten; die Menge Kinder dabei lachte, lärmte, befahl u. dgl., so daß Einem die Zeit nicht lange werden konnte. Das Gespräch verbreitete sich größtentheils über Seereisen. Ich wurde als Mann mit deutscher Zunge auf recht schonende Weise behandelt. Einmal sagte der Signor’ Patrong’ zu Cesare, als dieser nicht trinken wollte: Italiani, Sociani. Er sagte es in so gutem, so wenig exkommunizirendem Tone, daß ich es ihm nicht im mindesten übel nehmen durfte. Die Tafel war üppig bestellt, und deßwegen schon ein Dorn in meinem Auge, um mich an einem andern Tage nochmals zu ihr hinzusetzen. Der freundliche Ton der Familien gefiel mir unaussprechlich. Ich möchte behaupten: Familienliebe ist eines der erhabensten religiösen Gefühle. Unser Hauptmann saß neben dem Vater, bescheiden und wenig redend, der innigsten Liebe Blicke brüderlich erwiedernd, welche auf ihn die daneben sitzende Schwester heftete; für ihn plauderte der erfahrnere Vater; der Sohn gebot auf dem Schiffe, wo er an seinem Platze war.

Der Umstand, daß wir wider Erwarten lange nicht in die See stechen konnten, trug dazu bei, daß ich die Insel noch genauer kennen lernte. Die Lebensmittel sind zum Theile sehr wohlfeil. Ein Seidel Wein, d. h. ein Viertel eines Triestiner-Pokale, kostet nicht einmal 5 Pfenninge R. V. So wenig haushälterisch geht man mit den Trauben um, daß solche hie und da auf den Wegen herumliegen. Dagegen ist die Milch überaus theuer. Ein Pokale Schaf- oder Ziegenmilch kostet 12 Kr. R. V., also über die Hälfte mehr, denn so viel Wein.

Als ich eines Nachmittags nach dem kleinen Lossin ging, zog eine Weberin meinen Blick auf sich. Ich trat sogleich in das Zimmer. Eine alte Frau, mit einer Brille auf der Nase, jagte mühsam das Schiff durch die Kette. Der Webstuhl war sehr einfach, klein und so eingerichtet, daß er mit leichter Mühe an einen andern Ort gebracht werden kann. Das Weib wob grobes Tuch. Indem es mit beiden Füßen zugleich, jetzt auf die einen zwei, dann auf die andern zwei Schemmel, überhüpfte, setzte es diese in Bewegung. Gleich hernach nahmen meine Aufmerksamkeit dem Webstuhle gegenüber sich befindende zwei Steine in Anspruch. Es waren Mühlsteine, die von Menschenhand herumgedreht werden, um das Speisemehl zu bereiten. Solche Mühlsteine trifft man in den meisten Bauernhäusern. Dürftigkeit ruft der Einfachheit. Auch dieses Mahl-, Web-, Wohnzimmer u. s. f. war etwas sparsam durch das Fenster beleuchtet, und das meiste Licht trat durch die Thüre. Das Nämliche gilt auch von vielen andern Häusern. So sah ich ein Mädchen nicht ohne Kunst auf einem Rahmen nähen; um aber die, die Augen etwas mehr anstrengende Arbeit verrichten zu können, mußte es sich an die Thüröffnung setzen.

Lossin grande kann sich eines Kalvarienberges rühmen, dessen Aussicht das Meer ringsumher beherrscht. Im Hintergrunde des Ostens steigt das Küstenland Kroaziens himmelan. Doch welch öder Anblick! Fast nichts als Stein oder Felsen bieten sich dem Auge dar. Wenn der Himmel recht hell sei, soll man im Westen selbst Ankona sehen. Da die Bewohner von Lossin keine tiefe Erde aufzuweisen vermögen, so leuchtet bald ein, daß sie keine Gottesäcker, dafür aber Todtengrüfte besitzen. In Lossin grande öffnet sich gleich neben der untern Kirche eine Gruft. Durch eine der fünf Oeffnungen wird die Leiche an Stricken in dieselbe versenkt. Ein Sarg würde zu viel Raum einnehmen, und so werden die sterblichen Ueberreste bloß in ein Tuch gewickelt, um sie beizusetzen. Es kann sich bisweilen ereignen, daß eine Leiche auf eine andere geschichtet wird; doch sucht man dieß bestmöglich zu vermeiden. Die Oeffnung wird nach jeder Beisetzung durch eine Steinplatte geschlossen und zugemauert, damit die kadaverösen Aushauchungen der Gesundheit keinen Schaden zufügen. Der Boden der Gruft ist siebartig durchlöchert, und deckt eine andere Höhle, welche mit dem Meere in Verbindung steht. Durch dieses Sieb finden nun diejenigen Theile des menschlichen Körpers, welche der Verwesung zufallen, einen Ausweg, und das bloße Gerippe bleibt am Ende zurück. Wehe einem Scheintodten, welcher in einer solchen Gruft wieder lebendig würde. Grauenvolleres könnte man sich kaum vorstellen, als das Leben unter faulen, stinkenden Leichen, wo die Aussicht, dasselbe zu retten, so gut, als ganz abgeschnitten wäre. Ich bedaure es, daß ich die Gruft selbst nicht sah. Wohl nahm ich in der Kirche einen ausgesetzten, nur mit einem dünnen Tuche verhüllten Leichnam wahr. Im Hause des Herrn Marco Sopranich zeigte man mir einen Sarg, worin Wachskerzen aufbewahrt werden, auf den Fall, daß im Hause Jemand sterbe.

Die Festtage scheinen die Lossiner nicht so strenge zu feiern, als die Katholiken der deutschen Lande. In Lossin piccolo war an Mariä Geburt die Fleischbude offen, und Einer blies so eben das Fell eines Ziegenbockes auf. Lumpige und unreinliche Leute trugen sich auch an diesem Tage nicht anders, als an Werktagen. Einen großen Theil des Volkes soll die Armuth in hohem Grade drücken. Es ist voreilig, wenn man von vielen Reichen gleich auf den Wohlstand der Bewohner eines Landes im Allgemeinen schließt. Wenn allerdings unter den Lossinern manche sich ansehnlicher Schätze erfreuen, so muß man indeß bedenken, daß das Eiland der See eine Menge Matrosen liefert, welche zu Hause ein Weib mit Kindern unterhalten müssen, und wie unterhalten? Kärglich.

Es war am 10. Abends, als ich dem Podestà, dem Vater des Kapitäns, meine Aufwartung machte, weil die Abfahrt des Schiffes auf den 11. bestimmt war. Ich wurde dießmal über das Befinden der Frau Podestà befragt, und Tages darauf sollte ich mehrern Frauen von Lossin meinen ärztlichen Rath ertheilen. Ich entsprach dem Ansuchen um so lieber, einerseits, als die Wiederaufnahme meiner Geschäfte, wenn auch nur auf kurze Zeit, am ehesten geeignet war, den entstehenden Ueberdruß zu verscheuchen, und um so lieber andererseits, als ich wußte, daß der Arzt mit Dingen in Berührung kommt, die andern Reisenden leichter entgehen. Darf ich mir ein Urtheil zutrauen, so läßt man sich auch in Lossin viel verschreiben, um wenig zu nehmen; man will die Aerzte aushorchen, um aus ihren Ansichten diejenigen zu wählen, die gleichsam am meisten schmeicheln, um nicht zu sagen — die Bequemlichkeit am wenigsten stören. Die alten Frauen zeigten ungemein viel Lebhaftigkeit in der Rede, wie im Benehmen; ich hörte nicht den leisesten Ton der Klage. Die Sprache legte dem Krankenexamen einige Hindernisse in den Weg. Da ich mich im Italienischen nur mit vieler Mühe ausgedrückt haben würde, so begleitete mich der Kapitän, und übersetzte meine in französischer Sprache gestellten Fragen ins Italienische, und bei einer Magd mußte dieses dann erst noch ins Kroatische übertragen werden, weil der Hauptmann von seiner Landessprache zu wenig verstand.

Ein alter Schiffseigenthümer, der an einem Lippenkrebse litt, kam zu mir an Bord, um ärztliche Hülfe zu suchen. Ich hielt deßwegen mit dem achtungswerthen Dr. Boselli, welcher in Lossin piccolo niedergelassen ist, eine Konsultation. Es wurde diese am Borde gepflogen, weil ich wegen der Ruhr nicht ausging, die mich seit zwei Tagen plagte.

Den 14. Herbstmonat.

Dem Eigenthümer des Schiffes, einem reichen Manne, machte es Vergnügen, den Giusto in dem Hafen zu sehen, und so konnten wir einmal wegen dieses fatalen Vergnügens nicht weg. Doch heute war es ihm selbst daran gelegen, daß die Abreise nicht länger verzögert werde. Indessen hatten unglücklicher Weise der Herr Marco und der Himmel ungleiche Launen. Man wollte die Brigg aus dem engen Hafen herausbugsiren; allein der Wind blies so widerlich, daß man den Versuch aufgeben mußte.

Mittlerweile umgab uns Gesellschaft. Der Vater des Kapitäns nebst seiner Gattin und einer hübschen Anzahl Kinder waren am Borde — im Abschiedsgeleite und auf dem Wege zum Landgute. Mich freute es, dießmal die Familie in alltäglichem Putze zu sehen. Der Podestà, ein ziemlich betagter Mann, mit kahlem Kopfe, von fettem Leibe, trug eine hinten breit abgeschnittene Jacke, an der hie und da die Naht von einander gähnte; die schwarze Weste war mit hellbraunem Tabake übersäet; die Schuhe roth, ordentlich schuppig, ein langes Register von Lobsprüchen auf den Schuhflicker. Der gute Mann war stets aufgeräumt; die alltäglichste Frage pflegte er zu deklamiren; er plünderte gerne Stellen aus französischen Schriften, besonders aus Rousseau, welcher so unbarmherzig die Geißel über die Aerzte schwang. Der französischen Sprache keineswegs fremde, überwarf er sich leicht in der Aussprache; z. B. but statt bü (but). Sogar mit lateinischen Brocken sättigte er zuweilen das Gespräche. Auf dem geschichtlichen Felde spielte er am liebsten und beßten. Auf echt italienisch erzählte er, daß Lossin, die Absorus der Alten, früher bevölkert worden sei, als Rom. Die Italiener führen den Adel auf ihre Urväter zurück, wie die wirklichen Adelichen auf den Wipfel ihres hohen Stammbaumes hinauf. So lange die heutigen Italiener nicht mehr leisten, erscheint ihr Adel possirlich genug. Madame, eine Frau von Geist und sehr eingezogenem, stillem Karakter, übernahm die Rolle als Kranke. Während des Mittagmahles setzten ihr die Bewegungen des Schiffes so zu, daß ich nicht eilig genug mein Felleisen öffnen, und ein Fläschchen herausziehen konnte. Die verheirathete Tochter, eine fette, große Gestalt, mit der Adlernase, mit Haaren, deren Farbe am wenigsten gefällt, von Ansehen überaus gutmüthig, in der Rede äußerst nachläßig, schien das größte Wohlgefallen am Lachen zu finden, auf daß sie ihre blendend weißen Zähne weisen könne. Es fiel mir auf, daß die Kinder ihren Vater Signore und ihre Mutter Signora titulirten. Uebrigens will der Titel mit größerem Recht einen Platz, wenn man Jemandem Herr sagt, der mehr oder weniger über Einen herrscht, als einem Andern, dessen Herrschaft man sich gelindestens verbitten würde.

Hatte der Herr Podestà sich satt gegessen, wozu, als zu einem Lieblingsthema, er sich recht Zeit nahm, so suchten wir Unterhaltung im Spiele. Ich konnte ihm die entzückenden Lorbeeren des Gewinnes leicht gönnen, weil ich das Damenspiel auf italienische Weise erst lernen mußte. Mit den Damen wechselten noch das Karten- und Dominospiel.

Ich vernahm, daß die ganze Familie, mit Ausnahme der verheiratheten Tochter, die Nacht am Borde zubringen werde. Das wird wunderlich hergehen, dachte ich bei mir selbst. Doch schickte sich die Sache ziemlich gut. Matratzen wurden auf den Boden ausgebreitet, und nach langem Aufbleiben legte sich Alles bunt darauf, der Dorfschulze, versteht sich, am breitesten, Cesare und ich steckten uns ohne Komplimente in unsere Bettkasten (cuccietta).

Den 16. Herbstmonat.

Gestern wurden vergebens Versuche gemacht, um die offene See zu erreichen. Die Familie blieb am Borde, essend, trinkend, gähnend, schlafend, strickend, spielend, plaudernd, ganz wie den Tag vorher.

In aller Frühe hörte man Lärm auf dem Verdecke. Man bereitete sich vor, das Schiff flott zu machen. Am Eingange des Hafens scheiterten wieder alle Versuche, den Giusto weiter zu bugsiren. Unter einem azurblauen Himmel, der von keiner Wolke getrübt war, durften wir wieder liegen bleiben. — Alles in majorem gloriam einer Laune.

Es war Mittag, der Tisch gedeckt, das Mahl bereitet. Der Scrivano kam zu melden, daß ein wenig Windstille eingetreten sei, welche die Ausfahrt erlauben dürfte. Sogleich Lärmen und Laufen. Endlich gelang die Zangengeburt. Neun Tage mußten wir uns in dem Hafen von Lossin grande aufhalten. Bei der Ausfahrt pikirte mich eine alte Figur von neunzig Jahren. Es war ein etwas lumpig gekleideter, ehrwürdig aussehender Chorherr, der in einem Kahne herumfischte. So muß die Uebermenge Priester hier ihr Brot verdienen.

Bald erhielt unser Podestà einen Besuch am Borde von seinem Stellvertreter. Ich möchte wohl um keinen Preis dessen Kupfernase gekauft haben, aus lauter Besorgniß für einen Trinker, Notabene für keinen Wassertrinker, gehalten zu werden.

Abends verließ uns die Familie Budinich, welche sich auf ihr Landgut begab. Der Podestà drückte mir zwei Küsse auf den Mund, und der Anstand forderte von mir ein Gleiches. Nichts widersinniger, als daß die Männer sich küssen, und dabei die Bärte aneinander reiben. Mein Urtheil über diese Familie fällt mit Entschiedenheit günstig. Tugendhaftigkeit, Religiosität, die von Bigottismus weit abliegt, hinderten jedoch keinesweges, daß mehr Ordnungsliebe noch eine äußere Zierde wäre. Unsere Matrosen ruderten, vom Kapitän begleitet, die Gäste ans Land, und nach anderthalb Stunden setzten wir unsere Seereise fort. Diesen Tag ergötzten mich zwei Delphine, die drollig davon schwammen.

Den 17.

Links endete der Gebirgszug von Kroazien. Dort in der Nähe liegt Sarah. Südwestlich erblickten wir den Berg von Ankona, dem wir, vom Sirocco genöthiget, uns immer mehr näherten. Der Wind nahm Abends so zu, daß es stürmte.

Den 18.

Diese Nacht brauste der Meeressturm, welcher uns zur Rückkehr zwang. Die Wuth des Meeres vergönnte mir keinen Schlaf, und ich mußte mich selbst in der Cuccietta halten, um nicht von einer Seite auf die andere geworfen zu werden. In der Kajüte purzelte bald dieses, bald anderes Geräthe. Des Morgens wollte ich auch Zeuge des Schauspieles sein. Ich möchte es nicht beschreiben, weil es zu gewöhnlich ist, und beinahe in alle Schilderungen von Seereisen, manchmal selbst da, wohin es im Ernste nicht gehört, als Würze eingestreut wird. Auf dem Verdecke fragte mich der Hauptmann: Wie gefällt es Ihnen? Das ist sehr schön, antwortete ich, hingerissen vom Anblicke. Doch die angenehmen Momente dauerten nicht lange. Auf die Einladung des Hauptmanns ließ ich mich am Steuerborde nieder, im tröstlichen Glauben, daß ich von diesem, wie von einer Brustwehr, geschützt würde. Kaum war ich recht festgesessen, als eine Welle über Bord schlug, mich zudeckte und durch und durchnäßte. Ich legte mich zu Bette um darin das Ende der Szene zu erwarten.

Kurz nach Mittag warfen wir im Hafen San Pietro di Nembo Anker, wo wir schon gestern Abends vorbeigesegelt waren. Unangenehme Gefühle bemächtigten sich meiner, weil das Schicksal mir nicht besser zum Vorwärtskommen dienen wollte.

Den 19.

Wir begaben uns zur Kirche von San Pietro di Nembo. Ohne Thurm, ungemein ärmlich und klein ist sie. Unter einem Dache vereinigen sich brüderlich das Wirths- und Pfarrhaus. Dieses nämlich stellt eine Kammer im obern Stocke vor. Cesare und ich besuchten den Pfarrer. Ein fetter Herr mit einer Perrücke, wußte er über sein Elend viel zu klagen. Er beseufzete sein Schicksal das ihn der Carità unterwerfe. Es sei nicht zu unserer Ehre gesagt, daß die Börse dabei nicht das mindeste Mitleid empfand. Lateinisch verstand der Mann Gottes nicht; höchstens mag ihm das Latein bei der Messe verständlich sein. Auf meine Frage: Quomodo nominatur haec insula? erwiederte er: Ego sum parocho hic. Dieser Mann kann sich, wie der Anschein lehrt, in einer Gemeinde, die nur etwas mehr denn zweihundert Seelen zählt, fett essen.

Ich rede mit meinen Lesern wohl ab. Es ist ebensosehr meinen Ansichten, als meinen Neigungen entgegen, konfessionistische Plänkeleien zu eröffnen. Ich ehre die katholische Religion, aber nicht alle ihre Bekenner, nicht alle ihre Priester. Ich habe es mit Personen zu thun, aber nicht mit der Dogmatik. So sehr ich dem Zartgefühl gegen Andersdenkende und Andersgläubige Rechnung trage, so wenig nehme ich Anstand, ein freies Wort über Personen, ohne Unterschied ihres Glaubensbekenntnisses, zu führen.

Nachmittags besuchte ich die Wohnungen auf der südlich gelegenen Insel San Pietro di Nembo. Dieses Eiland ist im Allgemeinen sehr gedeihlich, und dem größten Theile nach ein Weingarten köstlich schmeckender Trauben. Die Feigen wachsen üppig neben den Oliven. Würde der Bischof in Veglia, Giovanni Antonio, welchem das Eiland angehört, diesem mehr Aufmerksamkeit zulenken, es müßte beinahe zu einem Paradiese erblühen.

Die Wohnungen theilen mit dem Lande nicht das gleiche Lob. Wie die ungarischen, in die Länge gebaut, haben sie nur ein Erdgeschoß; den Kamin trifft man zur Seltenheit, und seine Stelle vertritt die Thüre oder eine Queröffnung im Dache. Nicht minder selten sind die Fenster; ich sah nicht ein einziges. Des Sommers tritt genug Licht durch die Thüre, und wenn, was selten, im Winter die Kälte es nicht erlaubt, die Thüre offen zu halten, so macht man auf dem Herde ein Feuer an, und umlagert dieses, sich zu wärmen. Ich erinnere mich, des Sommers auf Schweizerbergen mich aufgehalten zu haben, da es schneite, und da es nicht weniger kalt war, als es in San Pietro di Nembo mitten im Winter sein dürfte. Ich litt auf dem Berge von der Kälte sehr wenig. Ich setzte mich ans Feuer, oder legte mich ins Bett, wie auch die Hirten zu thun pflegen. Die Häuser von San Pietro di Nembo sind von Stein gebaut und mit Hohlziegeln gedeckt. Anstalten für Bedürfnisse, die ich nicht weiter bezeichne, nahm ich nicht wahr. Das Feld sei ja thätig genug, mögen die Leute denken, indem sie die Reinlichkeit zu niedrig anschlagen. Man suche in San Pietro keine eigentliche Backhäuser. Als ich einem Haufen Steine begegnete, schaute ich hinein, und siehe, es war ein Backofen mit kleinen Broten angefüllt; er mußte wohl zu dem etwas weiter unten stehenden Häuschen gehören. Besonders zog meine Aufmerksamkeit ein Haus auf sich, dessen Mauern bloß aus übereinandergelegten Steinen bestanden, ohne daß sie mit Mörtel verbunden gewesen waren. Ich ging mit buona sera hinein, und fand zwar, daß das Innere der Mauern übermörtelt war. Wer aber hätte hier einen Keller, eine Kammer, eine Küche, eine Stube, eine Mühle gesucht? — Um das Maß der Wirthschaft zu füllen, gleich außen an der Mauer fand sich ein Backofen. Die Gesetze sind gegen die Winzer nachsichtig. Jedes Häuschen verkauft sein eigen Gewächs, und so besteht das Dörfchen aus lauter Schenkhäusern.

Die Bewohner, nicht ausgezeichnet groß, nicht schön, sind meist von heller Farbe. Uebrigens sehen sie lebhaft und fröhlich aus. Zwei Weibspersonen fanden gar großes Vergnügen, mit den Füßen im Meere, den Saum ihrer Röcke, die sie trugen, zu waschen, und ihr schallendes Gelächter bei diesem Geschäfte konnte sogar mich ergötzen. Was die Leute indeß auszeichnet, ist die Unreinlichkeit und Lumpigkeit. Es ging ein Weib vor mir her, an dem ich nichts unbegreiflicher fand, als daß es einen Rock trug; denn dieser war so in aller Aufrichtigkeit voller Löcher, daß — —. Ich sah größere Kinder, die halb entblößt umher gingen. Wegen des Schmutzes konnte man an vielen Kleidern, und unter den Kindern an vielen Gesichtern die Farbe nicht gehörig erkennen. Nur das Auge sah man rein, schön, unschuldig; wäre es aber möglich gewesen, auch dieses zu verunreinigen, man würde es sonder Zweifel gethan haben.

Von diesen unzierlichen Leuten kommt ein guter Wein in den Handel. Es war eben die Weinlese vorüber, als ich das Eiland besuchte, und mich belustigte die einfache Bereitung des Nektars. Ein Böttcher hämmert in dem dunkeln Häuschen die Fässer zurecht, und ein Mann steht im Fasse, um Trauben herauszuschöpfen. Man wird da nichts weiter sehen; man gehe nur gleich auf die Seite des Häuschens. Da zertritt und zerdrückt ein Mann, im Freien tanzend, die Trauben. Sie stehen über einem Brete, in einem hölzernen walzenförmigen Käfiche. Wenn der Treter darin keinen Saft mehr auszupressen vermag, so wird derselbe weggehoben; der Treber mit einem dicken Seile schneckenartig umwunden, und dann, einen Deckel darüber, gekeltert. Wo man hinblickte, überall Weinfässer. Hier, wo die Einfachheit ihren Sitz aufschlug, hat doch der Bauer seine Fässer voll Wein, und würzt damit täglich seine Gerichte; hier, wo Unzierlichkeiten allen Anstand auslachen, findet man wohl noch einen Mörser oder eine Bank von Marmor. Doch allenthalben wenigstens einiger Kontrast!

Ich wollte die Schafmilch kosten; allein die Schafe werden bloß im Frühjahre gemolken.

Es gibt Leute, welche die Schulen mit schelen Augen ansehen. Sie werden sich freuen, daß die San-Pietrianer einer Schule entbehren. Der Bischof gehört nicht zu manchen edeln Bischöfen der katholischen Kirche, die es sich zur Gewissenssache machen, für die Geistesbildung und Herzensveredlung alle Sorge zu tragen.

Sonntags, den 20. Herbstmonat.

Der Nordwind stellte endlich sich ein. Wir lichteten die Anker. Allein um den Kapitän abzuholen, mußten wir rückwärts steuern, in kräftigem Kampfe gegen denjenigen, der uns für die Fahrt nach Alexandrien nicht mehr Gunst hätte erweisen können. Der Kapitän ließ uns zudem beinahe ans Ufer segeln, und damit Alles ja recht langsam und zeremoniös hergehe, sich von seiner ganzen Familie bis an Bord begleiten. Durch die Schuld des Hauptmanns verloren wir fünf der günstigsten Stunden. Dießmal wich von mir die Geduld, und auf meiner ganzen bisherigen Reise hatte ich keine trübern Augenblicke. Ich lasse mir die Geduld gerne gefallen, wenn ein ungünstiger Wind, dem kein Mensch den Lauf befiehlt, die Fahrt hemmt; wo aber diese rein vom menschlichen Willen abhängt, erscheint die Sache in einem andern Lichte. Es wäre Pflicht des Kapitäns gewesen, an Bord zu bleiben, und er hätte beherzigen sollen, daß, nachdem bereits fünfzehn Tage auf der kleinen Reise von Triest nach Lossin verstrichen waren, jeder günstige Augenblick für den Reisenden ein goldener sein mußte. Ich kann diejenigen, welche von Triest aus das adriatische Meer in seiner Länge befahren, nicht genug warnen, daß sie sich einem Kapitän von Lossin grande anvertrauen, darum schon, weil es sehr schwer hält, bisweilen gar unmöglich ist, aus dem Hafen zu dringen, selbst beim günstigsten Winde.

Links sah ich die Isola grossa, welche Dalmatien angehört.

Den 21.

Bei der Isola grossa vorbei; die Eiländer San Andrea und Lissa.

Den 22.

Windstille und schönes Wetter.

Den 23.

Vor dem Winde. Meist sah ich nichts, als Himmel und Wasser. Es ist fürwahr ein eigener Anblick. Das Meer bildet eine Scheibe, dessen Mittelpunkt das Schiff ist. Der Himmel wölbt sich wie ein Deckel über die Wasserscheibe. Das ist nun freilich Alles, was man sieht.

Der Abend war ungemein lieblich und angenehm. Keine herbstliche Kühle, kein Nebel. Nach dem Untergange der Sonne schien der Horizont auf der Abendseite lange wie glühend. Als ich mich zu Bette legte, fühlte ich ungefähr die nämliche Wärme, wie bei uns mitten im Sommer.

Den 24.

Albaniens Gebirge unterbrachen das Einerlei von Himmel und Wasser. Eine frohe Stimmung entströmte dem Gedanken, daß ich schon einen Theil der Türkei erblicke. Bisher sah ich keine andere, als christliche Länder. Auf einmal drängten sich in meiner Phantasie die eigenen Religionsgebräuche, die Moscheen, der Halbmond, der Turban vor. Begreiflich wurde meine Sehnsucht nur um so reger, einmal das Land der Mohammetaner zu betreten. — Bis Abend waren wir so weit vorgerückt, daß auch die Küste von Italien, gegen Otranto hin, als ein schmaler, unansehnlicher Streifen dem Auge sich darstellte, indeß das türkische Gebirge, der Monte della Pegola (Pechberg, weil dort Schiffspech ausgebeutet wird), nunmehr sich in die Ferne verbarg.

Ich bestätige die Erfahrung manches Reisenden, daß man mit den natürlichsten Fragen die Seemänner leicht in Unmuth bringt. Als ich dem Kapitän einen konditionellen Satz über den Wind mittheilte, brummte er beinahe kopfschüttelnd: Wenn sagt alle Welt. Er schimpfte früher auf die Trockenheit der Engländer, und ich ergriff diesen Anlaß, ihm zu erwiedern: Es wäre mehr, als englische Trockenheit, wenn man sich der Wenn fürder enthalten wollte. Ich überzeugte mich, daß ich anderwärts einlenken müsse. Meine Neugierde fand Mittel. Theils waren die Matrosen mittheilender, wenn ich den Namen eines Landes, das ich eben erblickte, erfragen wollte, theils sah’ ich dem Tagebuchhalter (scrivano) nach, wenn er täglich den Standpunkt in Bezug auf geographische Länge und Breite; wenn er die Richtung, welche der Wind und das Schiff nahm, wenn er den stündlich zurückgelegten, in Seemeilen ausgedrückten Weg in das Buch eintrug. Was wollte ich mehr? Denn durch die Güte des Kapitäns stand mir doch die hydrographische Karte und der Teleskop zu Gebote, daß im Grunde nichts mehr zu wünschen übrig blieb. Nur das Gespräch ging ab, und wollte ich es erzwingen, mußte ich meine Seele in zwei Theile spalten, damit wenigstens meine Seelenhälften mit einander plaudern können. Die Zukunft entzifferte der Kapitän in der That nicht viel besser, als ich und unsere Wetterpropheten, welche auf ein Jahr in den Himmel hineingucken, um die Kalender zu schreiben.

Schon früher verlangte mich, die Apotheke des Kapitäns zu sehen. Nun keine erwünschtere Gelegenheit, als heute. Der Kapitän benutzte die Anwesenheit des Pharmazisten, um mit ihm die Arzneien durchzugehen, ob sie noch brauchbar und ob sie richtig angeschrieben seien oder nicht. Ich hätte meine Ohren zustopfen mögen, so sehr wurde gequacksalbert und in den Markt geschrieen. Auch in der Arzneikiste des Kapitäns spielt le Roi, und ich vergesse nie den Fanatismus, mit dem ein Deutscher in Triest für diesen Arzt sprach, ihn den einzigen wahren Heilkünstler nannte, und ihn als Heiland der Medizin nicht genug preisen konnte. Ich glaubte, die Geschichte könnte uns vor Thorheiten solcher Art schützen; aber nein, immer kehren sie zurück, und selbst in unserm zu oft aufgeklärt genannten Jahrhunderte, nistet der tollste Unsinn, nicht etwa bloß in den untern, sondern auch in den höhern Kreisen der menschlichen Gesellschaft.

Vor Mitternacht noch verließen wir das adriatische Meer. Es endet auf der türkischen Seite in Valona, und in Otranto auf der italienischen Küste.

Den 25.

Immer guter Wind. Wir waren so fern, daß ich von der Insel Korfu (Corcyra) das Gebirge undeutlich erblicken konnte. Ich sah heute zum ersten Male das mittelländische, oder, wenn man näher will, das jonische Meer; aber Wasser ist Wasser. Abends die Luft so warm, als an unsern Sommerabenden. Ich durfte, bei offener Kajüte, mich nur mit einem Leintuche bedecken.

Den 26.

Ich erblickte in der Ferne Santa Maura (Leucadia), etwas näher Cephalonien (Cephallenia) und südöstlich das Eiland Zante (Zacynthus). Cephalonien lag deutlich vor den Blicken. Wie blau gefärbt erhoben sich die Berge im Süden. Abends gab die hinuntersinkende Sonne diesem Eilande ein besonders malerisches Aussehen. Jedes Uebel hat wieder sein Gutes. Wäre mir nicht der köstliche Ausblick entzogen worden, wenn guter Wind unsere Segel geschwellt hätte?

Sonntags, den 27. Herbstmonat.

Cephalonien stellte sich in den Hintergrund; dafür breitete Zante sich immer mehr aus. Neben vielen Einkerbungen des Landes unterschied ich Wohnungen der Zanteser. Ausgezeichnet schön konnte ich die mir zugewendete Seite der Insel nicht finden.

Endlich tauchte aus dem Meere ein Theil vom griechischen Festlande, der Peloponnes der Alten, das heutige Morea. Gefühle der Bewunderung für die alten Griechen, waren die ersten, die mich ergriffen. Der Bewunderung folgte dann Freude, daß ich so glücklich war, einen Theil ihres Landes zu sehen. Ach, als ich die Feldherren des Kornelius Nepos las, deren Beschreibung mein junges Gemüth so lebhaft anzog, wie hätte ich damals glauben dürfen, daß mein Auge es erreiche? So ungefähr dachte ich beim Anblicke der griechischen Halbinsel.

Abends erkannte man das Licht des Leuchtthurms auf der Insel Stanfagni. Hier soll auch ein griechisches Kloster stehen.

Den 28.

Heftiger Gegenwind, der üble Sirocco hielt mich den ganzen Tag gefangen im Bette. Wir mußten laviren.

Den 29.

Zum Glücke wieder Abendwind, daß die Wellen sich aufbäumten. Er blies uns hübsch weiter.

Für das Auge nur Himmel und Meer.

Abends lief ein Schiff in unsere Nähe. Die Flaggen wurden beiderseits aufgezogen. Durch ein kurzes Sprachrohr ward zu einander gesprochen. Aus den Fragen ergab sich, daß der Hauptmann, mit Reisenden am Borde, von Alexandrien den Weg nach Marseille nehme, und daß in Alexandrien Pest und Cholera herrschen. Diese Nachricht schlug meinen Reisegefährten Cesare ganz nieder, weil er keine Rezepte für die Cholera mitgebracht habe. Der Kapitän seufzte aus Besorgniß, daß die Schiffsladung schwer halten werde. Hat doch ein Jeglicher seinen Grund. Es ist etwas Angenehmes, auf der Wasserwüste Leuten zu begegnen. Der entzückende Abend bewog uns, auf dem Verdecke zu speisen.

Den 30.

Heute fühlte ich zum ersten Male so völlig, daß ich unter einem ganz andern, dem schönsten blauen, aber heißen Himmel lebe. Von der Hitze litt ich zwar nicht, weil ich den Schatten sorgfältig aufsuchte. Schon waren wir über den 36ten Grad nördlicher Breite hinausgerückt.

Den 1. Weinmonat.

Schöne Witterung fuhr fort. Morgens schon erspähete ich einen Gebirgsstreifen von Kandien, welcher über Wolken oder Nebel emporragte. Bescheiden trat die winzige Insel Gozzo auf. Wir wurden bisweilen von Schwalben besucht.

Den 2.

Windstille. Heerrauch, so daß man nicht immer Kreta (Kandien) erblickte. Das Farbenspiel beim Untergange der Sonne gewährte ein herrliches Schauspiel. Westwärts bis zum Schiffe schien das Meer in flüssiges Gold verwandelt. Der Spiegel war glatt, außer den sanften langsamen Wallungen. Das Wasser zeigte sich so liebsam, als lüde es ein, mit ihm den Abschied der Sonne zu verherrlichen. Doch unter dieser gefälligen Schminke grausiger Abgrund. Die Sonne selbst, wie glühendes Erz, goß eine helle, lodernde Säule in das Meer — uns zu. Als die Spanier nach Amerikas Schätzen dürsteten, konnten sie das Gold nicht schöner, nicht reizender sich vorstellen, als es mir vor Augen schwebte.

Den 3.

Windstille. Mittags erhob sich ein leiser Wind, und die Focklee-, so wie die Vormarsleesegel rechterseits bekamen Pausbacken. Indeß stand die Kandia immer noch nahe, und Abends zeigte sich der weitherumschauende Idaberg in seiner ganzen Pracht.

Sonntags den 4. Weinmonat.

Ein wenig Wind. Das schönste Wetter, so warm und so heiter, als in unsern Heumonaten. Der Gedanke erfüllte mich sehr oft mit Freude, daß ich die sommerlichste Witterung genieße, während es zu gleicher Zeit bei uns kalte Morgen und Abende, unfreundlichen Regen und Nebel gebe. Das Land war entschwunden aus dem Gesichtskreise.

Den 5.

Schöne Witterung; wenig Wind. Abends spannte mich die lange Weile so recht auf die Folterbank; doch unberechnete Umstände können sie oft schnell verscheuchen. So flog eine Schwalbe daher, müde, schläfrig und so kirre, daß ich sie schmeichelnd streicheln konnte, zu meiner innigsten Freude. Endlich fing ich sie ohne Mühe mit der Hand. Die Philosophie wappnete und wehrte sich vergebens gegen die Langeweile, und ein kleiner Vogel machte allen Kampf der erstern zu Schanden.

Den 6.

Zum ersten Male waren wir überall vom Nebel eingeschlossen, doch nur auf sehr kurze Dauer. Was hat ein Haus auf dem Lande zu rühmen, wenn Nebel es umgibt? Man sieht Haus und — Nebel; hier sehe ich Schiff und Nebel, und doch noch zur Unterhaltung das frohe Spiel des Windes an den Segeln — — —.

Endlich fing Mittags an ein frischer Nordwest zu blasen, der unser Schiff beflügelte.

Seit zwei Tagen steuerte ein Schiff hinter uns. Wir waren 200 Seemeilen von Alexandrien entfernt, als es die Flagge aufsteckte, zum Zeichen, daß es der Hülfe bedürfe. Das Nothzeichen besteht darin, daß die große Flagge gehißt und in die Quere zusammengezogen wird. Wir segelten dem Schiffe, das wir früher für ein griechisches hielten, sogleich entgegen und bald bekamen wir es in die Schußweite. Welch ein Anblick für mich. Die Flagge ganz roth; am Borde Barbaresken, welche nach Mekka zu wallfahrten vorhatten. Der Kapitän, ein Alexandriner, mit seinem schwarzen Gesichte, dem Turban und den Pluderhosen war ein gar rühriges, lebhaftes Wesen. Ein Matrose mit einem türkischen Bunde bestieg behende die Strickleiter. Unser Schiffshauptmann entsandte jenem auf italienisch den Gruß: Guten Abend. Er wurde von dem alexandrinischen Kapitän in der gleichen Sprache erwiedert. Was verlangen Sie? fragte unser Hauptmann. Er versetzte, daß er Mangel an Wasser bekommen werde, und wenn solches unter den Pilgern ruchbar würde, eine Empörung im Schiffe zu besorgen stände. Unser Hauptmann fragte ihn weiter, ob er keine Krankheit am Borde hätte? Nein, antwortete er, es ist Alles sauber. Budinich versprach ihm Wasser, doch wolle er Windstille abwarten, weil sonst die Fahrt zu viel einbüßen müßte. Um zu beurtheilen, mit wie viel nautischen Kenntnissen der arabische Seemann ausgerüstet ist, genügt einzig noch zu wissen, daß der Reis (Kapitän) die Frage stellte, wie weit es bis Alexandrien wäre? Als er dann die Entfernung erfuhr, erschien er hoch erfreut, und fügte hinzu, daß wir morgen in Alexandrien einträfen. Der Auftritt ergötzte mich ungemein. Ich besah mit bewaffnetem Auge die hingehockten Hadschi (Pilger) in die Runde. Unser Kapitän hatte keinen Gedanken an einen Streifer (Korsar). Ich wußte es nicht, und vertraute dem Hauptmann und — unsern Kanonen.

Den 7.

Vor gutem Winde. Obschon unsere Brigg nicht der beßte Segler war, blieb das egyptische Fahrzeug dennoch zurück, so daß wir es ganz aus den Augen verloren. Unter solchen Umständen wäre es überaus schmerzlich gewesen, einige Segel einzuziehen, bis der Araber uns eingeholt haben würde. Was werden aber die ohne Hilfe zurückgebliebenen Mohammetaner von der christlichen Liebe denken? Als es gestern hieß, daß ein Schiff auf der weiten, hohen See Hilfe begehre, so entzückte mich der Gedanke, daß man selbst auf diesem treulosen Elemente nicht ganz verlassen sei, und ich sagte zum Hauptmann, es sei Christenpflicht, Andern in der Noth zu helfen. Nein, entgegnete er, es sei moralische Pflicht. Noch besser. Denn wenn es bloß Christenpflicht wäre, dem Nebenmenschen beizustehen, was wollten die Mohammetaner, nothleidenden Christen gegenüber, thun, jene Andersgläubigen, welche die christliche Pflicht als solche nicht kennen? Es muß also eine allgemeinere, als bloße Christenpflicht geben. Es ist Menschenpflicht, Andern in der bedrängten Lage hilfreiche Hand zu reichen.

Nun ein weiteres Wort über meinen Hauptmann und den Gefährten Cesare. Jenem macht die Gutmüthigkeit Ehre, die Launenhaftigkeit Mühe, das jugendliche Alter Belehrung fühlbar. Der Pharmazist, eine lange, hagere Gestalt mit glänzend schwarzen Haaren, mit einer schmalen, kurzen Stirne, einer vollen Baßstimme, ist ein seltenes Muster von einem rechthaberischen, anmaßenden Menschen[1]. Selbst über arzneiwissenschaftliche Dinge mußte ich ihm Recht lassen, nur um unangenehme Auftritte zu vermeiden. Qualvoller kann man sich die Lage eines Arztes kaum denken, als die meinige war. Wo nur etwas Weniges haperte, war Cesare mit Arzneien, z. B. mit einem Abführmittel, bereit. Er zeigte sich unerschöpflich, dem Hauptmann Rezepte zu diktiren. Ich schwieg, weil ich zu gut einsah, daß die Quacksalberei ihr Hauptlager hier aufgeschlagen hatte. Von solchen Querköpfen als Arzt anerkannt zu werden, konnte mich nicht begierig machen. Betrübend und ergötzlich war es zu gleicher Zeit für mich, wahrzunehmen, daß die Quacksalberei im Ganzen wenig Segen hatte. Der Kapitän befand sich erst besser, als er auf das Einnehmen der Arzneien Verzicht that. Ich suchte ihm begreiflich zu machen, daß man der Natur mehr vertrauen müsse, und daß, bei fortwährendem Verschlucken von Arzneistoffen, bisweilen der Körper in einem Grade von Abhängigkeit sich daran gewöhne, wofern jene ihn nicht ganz zerrütten. Cesare selbst litt nicht am wenigsten, vielleicht nicht am unverdientesten. Um durch ein Beispiel anschaulich zu machen, was für seichte Gespräche mitunter geführt wurden, so zankten sich die Helden lange, indem Cesare behauptete, daß Egypten, so zu sagen, in Europa liege. Er las in dem Universo pittoresco, einem, aus dem Französischen ins Italienische übersetzten Werke, daß Egypten, zwischen Asien und Afrika, von den Geographen bald zu jenem, bald zu diesem Welttheile gezählt werde. Er faßte die Stelle unrichtig auf, und behauptete, daß es heiße, Egypten gehöre weder Asien, noch Afrika an. Nun schloß er, es müsse Europa zufallen. Cesare wandert nach Egypten, um sich Schätze zu sammeln. In wie weit ihn edle Gründe leiten, konnte ich nicht erschauen; so viel wurde mir klar, daß er ein überspannter Glücksritter war. Als er in der gleichen Schrift las, daß, nach Pariset, der Verbreitung der Pest durch Verbrennung der Leichen, wie vor Alters, ein Ziel gesetzt werden könne, gerieth er in gänzliche Wallung, und äußerte sich, daß man dieses Mittel ausführen sollte, ja ausführen müsse, weil er an die Untrüglichkeit schon glaubte. Je mehr dem Menschen an gründlichem Wissen gebricht, desto mehr läuft er Gefahr, eine Beute der Leichtgläubigkeit zu werden.

Seit einigen Nächten fühlte ich eine Plage, die ich früher nie kannte. Ich mag die neue Auflage lebendiger Pfennige nicht nennen.

Den 8. Weinmonat.

Diesen Morgen entdeckte der Hauptmann auf dem Mastkorbe Alexandrien. Ich fühlte keine besondere Freude bei der Mittheilung dieser Nachricht, einestheils, weil die Witterung in der letzten Zeit, seit mehr denn drei Wochen, die schönste war, die je mein Leben erheiterte, anderntheils, weil ich die Zeit recht leicht mit Lesen, Schreiben, z. B. mit Uebersetzen aus dem Italienischen, mit der Tagebuchhaltung, früher auch mit Spiel, hinbringen konnte, so daß mich nur wenige Stunden eigentliche Langeweile folterte, — dann auch, weil das Landen an einem Orte mit zwei Pestilenzen einige unangenehme Gefühle erregte, so sehr das Interesse der Wissenschaft die Resignazion vorbereiten mochte.

Daß ich ruhrkrank wurde, habe ich oben erwähnt. Es entging mir nicht, daß die Ruhr einen ernsthaftern Karakter hätte annehmen können. Ich hege die Ueberzeugung, daß ich die schnelle Wiederherstellung vorzüglich einer ganz geregelten Lebensart, namentlich dem Aufenthalte im Bette, verdanke. Bei den Worten, daß ich leide, rief Cesare aus: Corpo di Dio, er macht mit der ganzen Krankheit die Reise. Ein Matrose setzte kaltblütig hinzu: Er wird bald abreisen. Das war richtig der Fall, aber in einem andern Sinne. Ich konnte so ganz bequem zuhören. Ich widerlegte den falschen Propheten damit, daß ich mich mindestens bald eben so gut befand, als zu Hause.

Die Seekrankheit konnte mir so wenig etwas anhaben, als Cesare. Wenn die See hoch ging, bekamen wir höchstens einen schweren, schwindlichten Kopf, und die Eßlust verminderte sich, welche bei mir sonst sich sehr lebhaft ankündigte. Ich verzichtete auf ein einziges Nachtessen.

Die Beschwerden zur See entspringen unstreitig aus den unordentlichen Bewegungen des Schiffes. Der wärmere Wind trägt das Seinige bei, um dieselben zu vermehren; allein die sogenannte Seekrankheit hervorzubringen, wird er kaum vermögen. Ich sage mit Fleiß: unordentliche Bewegungen; denn die gleichmäßigen würden wenig zu bedeuten haben, und das Schaukeln bald hin und her, der Länge und Breite nach, bald auf- und abwärts, zumal das stoßweise, kommt in Anklagezustand. Das Schaukeln zur See läßt sich platterdings nicht mit dem Schaukeln zu Lande auf gleiche Linie stellen. Andere Beschwerden rühren offenbar vom übeln Geruche faulender Stoffe, z. B. des faulenden Wassers im Schiffsraume, her, einem Geruche, welcher um so stärker wird, je unordentlicher das Schiff bewegt wird. Ich hörte selbst den Hauptmann oft über die sentina klagen, welche ihm Kopfweh verursachte.

Man rühmt gegen die Seekrankheit Limonade, oder schwarzen Kaffee mit Zitronensaft, ohne Zucker. So lange die Ursache, das Schaukeln oder der üble Geruch, dauert, leisten wohl wenig Mittel viel. Essen, wenn man sogar vom Appetite nicht eingeladen wird, schadet nichts, es nützt eher, wie ich aus Erfahrung weiß. Wenn die Witterung es zuläßt, begibt man sich am beßten auf das Verdeck, und statt zu liegen oder zu sitzen, steht man, indem man trachtet, den Bewegungen des Schiffes auszuweichen, und den Körper in möglichst senkrechter Stellung zu erhalten. Zudem zügle man die Einbildungskraft. Wer sich in den Kopf setzt, daß er speien müsse, kann es leicht dahin bringen. Man erwägt zu wenig, welcher Menge von Uebeln die Selbstherrschaft vorbeugt.

Ich habe von der Seekrankheit der Thiere wenig gelesen. Sie werden zuversichtlich von derselben nichts Großes sich vorstellen. Daß den Thieren das Unglück zu Theil ward, keine Vernunft zu besitzen, genießen sie andererseits das Glück, sich nicht durch Vormalung einer unglücklichen Zukunft, mittelst der Vernunft, die Tage des Lebens zu beunruhigen. An unsern Thieren, den Kanarienvögeln, Katzen, Ratten, Hühnern, nahm man keine Störung durch den Aufenthalt auf dem Schiffe wahr. Man sieht — doch, daß wir in guter Gesellschaft lebten. Wir hatten gebetene und ungebetene Gäste.

Schon seit der Frühe sah ich das Wasser des Meeres rothgelblich, trüber. Es war mit dem Nilwasser getränkt. Es fing an von Schiffen und Vögeln belebter zu werden. Erst um neun Uhr ungefähr erblickte ich mit bewaffnetem Auge Alexandrien, nämlich den Palast des Pascha — freilich nur geometrische Linien, ein todtes, vom Meere auftauchendes Viereck im Sonnenglanze. Wir waren bloß noch zehn Seemeilen von Alexandrien.

Bald näherte sich die Küste, die rechts, ein röthlicher, wenig erhabener Sandhügel, sich gleichsam ins Meer verlor; Häuser, deren Umrisse undeutlich waren, erhoben sich immer zahlreicher; im Hintergrunde aber, wie auf einen Hügel gepflanzt, strebte die Pompejussäule und, ein wenig links, der Obelisk der Kleopatra empor. Alles schien eine Insel zu sein, und hatte so wenig Ungefälliges, daß man hätte glauben mögen, von Lido aus Venedig sich zu nähern.

Es fuhr ein Schiff in solcher Entfernung an uns vorüber, daß wir es beinahe hätten entern können; seine Flagge trug das Zeichen des Halbmondes. Alles überraschte mein Auge, ausgenommen das Schiff. Wir waren schon so weit vorgerückt, daß wir den Lothsen, das ist der Wegweiser für unser Schiff, erwarteten. Endlich wimmelte ein schwarzer Punkt, der fortan größer wurde, bis man die Ruderknechte unterscheiden konnte. Doch wurden sie bisweilen von einer Wellenwand fast ganz verborgen. Weil die Einfahrt wegen der Bänke gefährlich ist, so sind Lothsen unerläßlich. Schon hat der Lothse uns eingeholt. Wir fragten nach dem Gesundheitszustande. Es steht gut, antwortete er, weder Pest, noch Cholera. Das Gespräch wurde auf italienisch geführt. Der Araber, ein großer Mann von tiefbrauner Gesichtsfarbe, mit großer Bognase, schwarzem Barte, und von etwas stolzer Haltung, sprach fertig fränkisch, wie man das Gemisch von Italienischem und wenig Morgenländischem in der Levante nennt. Er saß auf dem spitzigen Hintertheile seiner Barke, so daß die Füße von den aufliegenden Oberschenkeln bedeckt waren. Mit einer Hand lenkte er das kleine Steuer wie im Zauber. Nachdem sein Kahn an das Schlepptau unserer Brigg genommen war, erhielt er das Kommando, und unser Kapitän durfte es nur wiederholen[2].

Bald flog ein anderer Kahn mit zwei lateinischen Segeln daher. Er war mit vielen Männern besetzt. Eine dicke Figur mit einem Schulzenbauche, einem langen Schnurrbarte und einer rothen Mütze, von deren Mitte eine große Troddel herunterschwabbelte, fiel mir am meisten auf, kaum aber die bedenkliche Hintansetzung der Etikette, daß er einen Fuß auf der Bank, den andern unten hatte. Beim Anlegen schlugen die Wellen hoch auf, und er runzelte, nicht gegen diese, sondern gegen die heiße Sonne die Stirne. Es war ein Polizeikommissär. Neben ihm stand ein junger Dolmetsche, der nach dem Namen des Kapitäns und des Schiffes, nach der Zahl der Passagiere, nach dem Orte der Abfahrt, der Dauer der Reise und nach der Befrachtung fragte. Er zog eine Bleifeder und ein vielfach in das Viereck zusammengelegtes Papier heraus, welches er auf den Handteller nahm, darauf etwas zu schreiben. Weil wir der Angabe des Lothsen über den Gesundheitszustand wenig Glauben beimaßen, so wurde die gleiche Frage wiederholt, und eben so befriedigend beantwortet. Schon stieß der lateinische Segler von hinnen. Wie eine eben sich öffnende Blüthenknospe erschloß sich die Freude sichtbar auf den Antlitzen unserer Leute. Cesare, welcher seit wenigen Tagen gegen mich den Stummen machte, bekam die Sprache auf einmal wieder. Nimmersatt am Sehen, so sehr reizte Alles meine Aufmerksamkeit, vergaß ich das Geschehene, und wir fanden den Faden der Mittheilung, — — durch die merkwürdigen Araber angeknüpft. Freude und Leid sind oft Bindemittel, indem vor ihrer mächtigen Erschütterung kleinere Erscheinungen auf dem Gebiete des Gemüths leichter und standloser als Flaum entfliehen.

Bald fuhr in einer andern Barke ein mit einem Hute bedeckter, wohlgekleideter Mann einher. Aehnliche Fragen wie früher. Noch ein Kahn mit einem hübschen Manne, der einen Hut trug, stieß gegen unser Fahrzeug. Dieser Herr erkundigte sich über den Gesundheitszustand. So weit bekümmern sich die Mohammetaner, oder doch Andere in ihrem Namen. Die Antwort lautete freilich sehr wohl. Unser Kapitän übergab sofort eine Ausweisschrift, welche nicht ohne Beobachtung der Gesundheitsvorschriften angenommen wurde. Der Steuermann des Gesundheitsbeamten hob nämlich auf einmal eine große, weißblechene, viereckige, offene Büchse empor, und in diese ließ unser Kapitän seine Schrift fallen. Der Gesundheitsbeamtete selbst ergriff mit einer Hand ein Stückchen Holz, mit der andern ein vorne abgerundetes Messer, das einen hölzernen Griff hatte, er wendete dann die zusammengelegte Schrift mit diesen Werkzeugen um, bis sie entfaltet vorlag. Nach Lesung der Schrift wurde die Strickleiter erstiegen, und auf der Stelle eröffnete sich freier Verkehr an unserm Borde. Es war, wie wenn man aus dem Regen in die Sonne tritt, wie wenn den eingesperrten Bienen im Korbe Luft gemacht wird. Ein Araber, der an einer Traubengeschwulst des Auges litt, erinnerte mich bei Zeiten an die egyptische Augenplage.

Aber schon sind wir im Hafen, und noch hoch am Tage, sinkt der Anker. Rechts von den Ruinen bewegen sich in langsamen Kreisen zierliche Windmühlen, dreißig bis vierzig an der Zahl; links preiset der stattliche Palast des Statthalters europäischen Geschmack; die Mitte der Schaubühne schließt ein Gesäe unansehnlicher Häuser hinter einem Walde von Masten. Man mußte von dem Gedanken durchdrungen werden, daß man in einem andern Welttheile athme, und sah man bloß ins Meer, so fragte man sich neugierig über das trübe, in der Sonne rothgelblich schillernde Wasser, worüber ein Schwarm Vögel flatterte.

Ich schickte mich an, ans Land zu gehen. Neben mir Kriegsschiffe, über deren Größe ich erstaunte; vorwärts wieder Halbmonde auf den Flaggen; dort eine Barke mit trommelnden Soldaten; hier guckt eine Europäerin aus der Kajüte heraus, und fragt nach Neuigkeiten; dort ein Morgenländer mit der Pfeife im Munde, hinter einer behaglich auf dem Schiffsrande hockenden, den Schweif um die Beine niedlich windenden Katze, und hinter dem Netze von Tauen; ein englisches Dampfboot; ein hellenisches Schiff, dessen Name mit großen griechischen Buchstaben geschrieben war; kurz, eine Menge Fahrzeuge, rechts und links, vorwärts und rückwärts, ein bewohntes Meer. Ich höre Musik, vom Lande her Lärm, als wäre ich einer Kirmes nahe. Hurtig stieg ich auf den breternen Steg, und wenig Schritte, ich war zu Land, auf Sand, in Afrika, in Egypten, in Alexandrien. Unbeschreibliche Freude erfüllte mein Gemüth. In Deo gratias ergoß sich beinahe unwillkürlich das Herz, — meine ersten Worte in Afrika. Die mir nächste Person auf dem Lande war linker Hand ein halb entblößter Mensch von ungefähr dreißig Jahren und schwarzbrauner Farbe. Er lag abwechselnd auf den Knien und warf sich auf den Staub nieder, faltete manchmal die Hände, verdrehte oft die Züge des Gesichtes. Das ist ein Verrückter, dachte ich, und wenn er es nicht ist, so verwendet er doch seine gesunde Vernunft zur Verrücktheit. Was soll ich sagen? Er verrichtete, nach dem Gesetze Mohammets, das dritte Gebet zwischen Sonnenhöhe und Sonnenuntergang (el-Asser); aber ich sehe ein, daß ich mit meinem verwerfenden Urtheile zurückhalten muß. Die religiöse Mimik will tiefer gewürdiget sein. Hat denn, frage ich, das Zusammenstrecken der zehn Finger bei den Protestanten mehr Bedeutung, als die Niederwerfung vor Gott bei den Morgenländern, oder das Niedersinken auf die Knie bei den römischen Katholiken?

Der alte Hafen ist jetzt den Europäern direkte geöffnet, und, außer den wiederholten Anfragen, deren gedacht ward, gibt es keinerlei Umstände, um in denselben zu gelangen. Wie vieles hat sich nun seit fünfzig Jahren umgestaltet. Das Traurigste aber ist, daß das türkische Regierungssystem auf keine sichere Grundlage sich stützt, da beinahe mit jeder neuen Besetzung eines Paschaliks (Statthalterschaft) eine neue, bald vor-, bald rückwärts schreitende Ordnung der Dinge eingeführt wird.

Ich miethete in der Stadt ein Zimmer, und begab mich wieder an Bord, an welchem ich die letzte Nacht hinbringen soll.

Ich konnte vor Freude über den jetzigen Aufenthalt den Schlaf kaum finden. Indessen bemerkte ich, daß es etwas kühler wurde, mein Kopf unbedeckt war, und die Frische, die ich an jenem fühlte, meinen Schlaf verhindere. Ich zog das Oberleintuch herauf und machte eine Kaputze. In wenig Minuten war ich eingenickt. Lärm weckte mich.

Den 9.

Schon in aller Frühe. Ich hörte zwar nicht mehr das Geklingel im Hintertheile des Schiffes und die antwortenden Glockenschläge über der Kajüte der Matrosen, zum Zeichen, wie lange das Geschäft des Ruderbesteurers dauere; ich hörte nicht mehr: Rende la guardia al timone, a che tocca la (terza); in dem Kastenbette hörte ich nicht mehr den Wellenschlag neben mir an der Wandung, oder das Kollern, oder bei günstiger Fahrt das Gezische, ähnlich demjenigen beim Pumpen des dicker gewordenen Rahms: aber das taktmäßige, weinerliche Rufen und Singen ganz eigener Art erklang noch, der Losungsruf der Matrosen, daß sie vereint und gleichzeitig große Kraft anwenden, z. B. um eine Last zu heben, aber das monotone, grelle Pfeifen der egyptischen Seetruppen tönte jetzt herüber. Wie ich den Matrosenruf zum ersten Male vernahm, machte er einen höchst unangenehmen Eindruck auf mich, welchen nur nach und nach die Gewohnheit mildern konnte. Unser ragazzo (Schiffsjunge), beinahe immer auf dem Meere, ohne viel Anderes singen zu hören, trillerte das Geleier der Matrosen zu seiner Ergötzung daher.

Endlich hieß es: eingepackt, und ich setzte Fuß ans Land, um mit meinem Gepäcke das Zimmer zu beziehen.

Ohne Tagesordnung bringe ich verschiedene Denkwürdigkeiten von Alexandrien.

Alexandrien.

Lage.

Die Stadt Alexanders (Skanderun) liegt auf einer Landzunge, die in der Richtung gegen Nordwest ins Meer sich verliert. Die Spitze verläuft in einen Lappen, der sich südwestlich umbiegt, und in einen Faden, der sich in entgegengesetzter Richtung bis zu einer kleinen Festung ausdehnt. Hier, an der Stelle dieses Vertheidigungswerkes, soll einst der Pharus gestanden haben. Der westliche Zungenrand begränzt den alten Hafen und der östliche den neuen, welcher letztere indeß wegen seiner Untiefe, durch die gränzenlose Nachlässigkeit der jetzigen Beherrscher Egyptens, sehr wenig belebt ist, immerhin aber sich sehr hübsch herausstellt. Auf der Wurzel der Zunge hatte sich das alte Alexandrien ausgebreitet, und dieselbe ist jetzt nur wenig angebaut. Dagegen strotzt es gleichsam von Ruinen, sobald man den Schutt weghebt. Die schönsten Marmorsäulen sind von diesem bedeckt, und eben grub man eine hervor. Unlängst zog man auch ziemlich viel Goldmünzen heraus.

Man kann heutzutage nicht mehr behaupten, daß die Stadt landwärts von einer Wüste umgeben sei. Gegen Mittag schließen sich schöne Gärten an, woraus die Dattelpalme den neu angekommenen Europäer dem Afrikaner willkommen heißt. Der am nördlichen Ufer des Mareotis angelegte Garten des Ibrahim-Pascha verdient vor andern Lob. In der Nähe desselben übernimmt ein Strich angebauten Landes die versöhnende Rolle zwischen dem üppigen Garten und dem kahlen Sandmeere der Sahara. Der Mareotissee selbst, mit seinen wenig aufragenden, wüsten, gelbsandigen Ufern, sieht eher einem Sumpfe gleich, und gewährt daher keinen angenehmen Anblick.

Gebäude.

Die Moscheen sind meistens häßlich; die Minarets oder Thürme steigen nicht hoch empor. Beide weiß, überkalkt, ohne Schmuck, ohne ein Bild, mit dem Gepräge des Zerfalles. Antike Säulen tragen hie und da den Söller (Decke) des Tempels oder den Thurm. Der Zerstörungswuth, die vor Zeiten den Ton angegeben hatte, entgingen doch zum Theile die Säulen, und als brauchbare Baustoffe trifft man sie auch an andern Gebäuden. Indeß liegen Säulenstücke noch müßig herum. Eine einzige Moschee erspähete ich, die man schön nennen darf.

Der Sommerpalast des Vizekönigs liegt auf dem bezeichneten Zungenlappen (Ras-el-tin), vortheilhaft für das Auge. Auf der Morgenseite trat ich durch ein bewachtes Thor der Umfangsmauer, und ich gelangte auf einen schönen, geräumigen Platz. Mit gespanntem Gemüthe richtete ich meinen Blick umher, rechts auf das einstöckige, statt der Glasfenster — mit hölzernem Gitterwerke versehene Harem, links auf den Palast des Pascha, der, ebenfalls nur ein Geschoß hoch, in einen Giebel sich aufdachet. Das Wohn- oder Audienzzimmer des Vizekönigs schaut gegen den Hof oder gegen Mitternacht. Diese Lage erklärt sich leicht, da unter einem so heißen Himmel die Sonne geflohen und der Schatten gesucht wird. Den Eingang in den Palast bildet eine Halle, welche schöner, weißer Marmor auskleidet. Hier immerwährender Schatten, angenehme Kühlung. Da sieht man Höflinge in ihren orientalischen Prachtgewändern ein- und ausgehen, um nicht zu sagen, ein- und ausschlendern. Die Hoflakaien warten ihrer Herren. Stolze Hengste stehen an einer Reihe gesattelt in Bereitschaft. Das Roß des Pascha, mit nicht sehr ausgezeichnetem Schmucke, wird vom Sattel nie befreit, auf daß es immer gerüstet sei, seinen Herrn von hinnen zu tragen.

Ich sah eben eine Truppe Araber in ihren mitunter schmutzigen Mänteln einherschreiten, denen man zwar Fassung genug, aber doch so viel ansah, daß sie sich zu einer Vorstellung vorbereiteten, indem sie die Mäntel etwas zurecht legten und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Truppe zog festen und weidlichen Schrittes die breite Marmorstiege hinauf. Als sie vor dem Pascha erschien, erblickte ich diesen vom Hofe aus; denn das Fenster war offen. Mehemet-Ali imponirte durch seine Haltung, trug eine rothe Mütze, einen auf die Brust herabwallenden, dichten, grauen Bart, und hatte das schöne Aussehen eines muntern Greises. Ich schaute neugierig hinauf, und keine Seele hinderte mich daran. Man sagte mir später, daß ich hätte hinaufgehen und an der Thüre des Audienzzimmers zusehen dürfen. Solche Dinge geschehen im Morgenlande weniger geheim, als in Europa. Freilich darf man nicht unberücksichtiget lassen, daß die physische Kälte die Europäer so oft zum Schließen der Fenster und Thüren nöthiget. Die Leibwache des Pascha ist mit blauem Tuche, einer rothen Mütze und mit gelben, plumpen Schuhen bekleidet. Ein Wachposten kam aus dem Palaste, die Füße ungleich bewegend, die Schuhe gleichsam nachschleppend, lachend, beinahe spielend. Bei aller Leichtigkeit des Karakters fällt es dem französischen Militär doch nie ein, am Posten oder unterwegs von einem Posten zum andern Spaß zu treiben. Selbst unsere Knaben von acht bis vierzehn Jahren benehmen sich ernster, wenn sie sich in den Waffen üben.

Die Häuser sind von dreierlei Art: europäische, türkisch-egyptische und die Hütten.

Die europäischen Häuser liegen im Frankenviertel. Ein Theil derselben hat flache Dächer oder Söller. Ibrahim-Pascha ließ ansehnliche aufbauen — um einen sehr geräumigen Platz. Ibrahim (Abraham) thut wirklich zur Verschönerung und Belebung der Stadt sehr viel, wobei er durch Beziehung schwerer Hauszinse seine Rechnung recht gut findet. Die Konsulatsgebäude stehen nahe beisammen. Hoch über ihren Dächern flattern die Flaggen, welche dem Abendländer einen sehr wohlthuenden Anblick gewähren, und ihm gleichsam Schutz und Sicherheit zulispeln. Wenn ein Schutzempfohlener stirbt, so wird eine besondere Flagge, doch minder hoch gehißt. Den Söller der hohen fränkischen Häuser heißt man Terrasse, auf der man sich angenehm aufhält. Von derselben erhebt sich ein offenes Thürmchen, Belvedere genannt, und mit Recht, da man darauf eine schöne Aussicht genießt. Man kann auf einem Thürmchen die ganze Stadt und die Häfen übersehen. Die Flachheit der Dächer beklagen manche Europäer. Während der Regenzeit dringt durch das Deck Wasser, welches das Wohnen nicht weniger unangenehm, als ungesund macht.

Man will behaupten, daß der Regen, welcher im Winter tageweise und in starken Güssen anhalte, in Alexandrien von Jahr zu Jahr häufiger falle, und man schreibt dieß den im Weichbilde angepflanzten Bäumen zu. In der That ist der Regen in Mexiko seltener geworden, seit der in seiner Nähe belegene Wald ausgehauen ist. Die Franken scheinen sich zu überzeugen, daß geneigte Dächer zum Bedürfnisse gehören, und während meiner Anwesenheit zog man einen Kanal durch die Frankengasse, um das Regenwasser abzuführen. Weil ohnehin in der Stadt keine Gasse gepflastert ist, so wird der Schmutz, bei starkem Regen, tief und lästig. Ich vermuthe aber, daß man von rascher Abänderung des Klima und vom jährlich zuwachsenden Regen ein wenig träume, wie denn auch die Vorstellung von der sengenden Gluth der egyptischen Sonne bei Manchen übertrieben sein mag. Ich könnte den Doktor Prosper Alpinus[3], der vor zwei Jahrhunderten Egypten bereiset hat, zum Zeugen anrufen. Er bemerkt, daß in einem Theile dieses Landes, wie in Kairo, der Regen eine seltene Erscheinung sei, wogegen es an der Meeresküste, in Alexandrien und Damiat, oft und sehr stark regne. Wenn auch, vor Christo, Pomponius Mela das wahrscheinlich viel baumreichere Egypten ein regenloses Land („terra expers imbrium“) nennt, so darf man wohl immerhin nicht glauben, daß dieß zur Zeit des Autors durchhin wahr sein mochte, sondern vielmehr, daß er die Regenlosigkeit auf einzelne Gegenden bezogen, und diese für das Ganze genommen hat.

Mischten die Egypzier sich nicht in das Schauspiel, wenn man in das am neuen Hafen liegende Frankenquartier kommt, man würde gerne läugnen, daß man den Boden Afrikas unter den Füßen hätte, so sehr ist Alles über den europäischen Leisten geschlagen. Laden an Laden, Kaffeehäuser und zwei Wirthshäuser sorgen für die Bequemlichkeiten der Europäer. Alexandrien ist halb europäisch, halb afrikanisch, und darum erscheint es dem europäischen Ankömmlinge eben so freundlich, als merkwürdig.

Die türkischen Häuser, in der Regel ziemlich niedrig, haben gegen die Gasse einen großen Vorsprung oder Erker, worin man zu faulenzen pflegt; die Fenster werden meist von einem niedlich gearbeiteten engen Holzgitter versehen. Solches kann unter einem milden Himmel gut angehen; allein es dürften nur Kälte und Regen stärker werden, so würden die empfindsamen Bewohner unfehlbar leiden. Manchen Häusern verleiht der Kalk ein schneeichtes Weiß.

Die Hütten zeugen von Einfachheit und Elend. Von der Form eines unordentlich kantigen Würfels, enthält die Hütte bloß ein Gemach, und in dieses führt eine einzige Oeffnung zur Aufnahme der Thüre, welche mit einem hölzernen Schlosse gesperrt werden kann. Wenn man nicht mehr als das Hausgeräthe auf arabisch nennen müßte, so würde man im Nu arabisch verstehen. Der Boden dient als Sessel, als Tisch, als Bettstelle u. dgl., und ist somit ein wahres Wunderding. Mann und Weib, Kinder, Freunde und Verwandte legen sich neben einander, und füllen, wenigstens auf dem Boden, den Raum der Hütte. Die Kleider, womit Manche sich des Tages bedecken, sind im guten Falle die einzige Bettung für die Nacht, und die Leute entkleiden sich in der Regel nur dann, wenn sie der allzu dienstfertigen Kreaturen auf die anständigste Weise los werden wollen. Es soll die Armuth eines Theiles der Alexandriner so groß sein, daß nicht beide, welche eine Hütte bewohnen, ausgehen können, weil sie nur ein Kleid besitzen. Darum warte der eine Elende nackt in der Hütte, bis der andere in dem gemeinschaftlichen Kleide zurücktreffe. Die Hütten sind von Erde aufgeführt und von Farbe schwarzgrau. Sie vermögen lange andauernden Regen nicht zu bestehen. Es ist nicht lange her, daß in einer kalten Regennacht viele Hütten einstürzten; eine Menge obdachloser Bewohner erkrankte und starb. Erst jetzt mochten die Leute den Segen ihres Himmels dankbarer erkennen. Wie viel Schweißtropfen rinnen über die Stirne herunter, bis der Europäer sein Heizungsholz, seine Strümpfe, Schuhe, seine Winterkleider zusammengebracht, bis er seine Wohnung mit allem Nöthigen ausgerüstet hat. Ein Theil der Hütten gefällt sich in der Nähe des vizeköniglichen Palastes. Dort bietet sich die beste Gelegenheit dar, über den schroffsten Gegensatz von „Herr und Unterthan“ Betrachtungen anzustellen. Eine andere Abtheilung von Hütten besetzt den Süden der Stadt, neben den vielen schönen Zisternen des Alterthums, und verspottet die Ruinen, jene Mauern, welche Jahrtausenden widerstanden, und noch die baufälligen Hütten unserer Tage tragen müssen.

Das sind die polsterarmen Hütten, und werden so viele Alexandriner darin geboren, und wo anders strecken sich diese auf das Sterbelager? Und doch werden die polsterreichen Europäer mit nicht minder Schmerzen geboren, und doch müssen sie auch sterben, todt werden müssen sie trotz ihrer Eiderdunen.

Krankenhäuser.

Das europäische, das am Mahmudiehkanal, das auf dem Ras-el-tin und die Observationshütten.

Das europäische Krankenhaus ist für die Europäer bestimmt, wie schon der Name bezeichnet. Es liegt, von kleinen Araber-Hütten auf der einen Seite umgeben, unweit des Frankenquartiers. Das Gebäude, nach europäischem Geschmack, nimmt sich für das Auge recht gut aus[4]. So weit mir ein Blick in das Krankenhaus, das wenigstens eine gute Verwaltung ankündigt, vergönnt war, schöpfte ich die Ueberzeugung, daß der Europäer in seinen kranken Tagen hier gut verpflegt wird, und in dieser Beziehung Europa ihn nicht mit schmerzlichen Erinnerungen quält. Diejenigen, welche mehr (täglich einen levantischen Thaler) bezahlen, bekommen ein eigenes Zimmer, damit ihren Wünschen noch besser entsprochen werden könne. Was vielleicht am hemmendsten auf die Unternehmung einer Reise ins Morgenland wirkt, ist die Vorstellung von der Verlassenheit und den Scheusalen in den kranken Tagen; die Bemerkungen über die Krankenanstalt aber können kaum verfehlen, diese irrige Vorstellung zu verdrängen.

Das Mahmudiehkrankenhaus steht nahe am Mahmudiehkanale, den großen Baumwollenmagazinen gegenüber. Ehe man zum Gebäude kommt, geht man durch ein Gitterthor, womit eine Art Verschlag oder ein Pfahlzaun geschlossen wird. Der Eintritt durch diesen ist Jedermann gestattet. Von der Gitterthüre bis zum Krankenhause beträgt die Entfernung nur wenige Schritte. Den Zwischenraum kleiden, dem Auge sehr wohlthuend, Garten- und Wildgewächse. Am Thore des Krankenhauses selbst stieß ich auf Schwierigkeiten. Der Soldat, welcher Wache hielt, wies mich zurück, doch nicht unsanft. Ich wurde eben einen Mann gewahr der schrieb, und der mir ein Arzt zu sein schien. Ich redete ihn in französischer Sprache an. Es war ein französischer Arzt, mit Namen Etienne, der mir sogleich die Gefälligkeit erzeigte, mich im Krankenhause herumzuführen.

Von allen Krankheiten interessirte mich am meisten die egyptische Augenentzündung. Die daran Leidenden füllen mehrere Säle. Sie ist beinahe ein größeres Uebel zu nennen, als Pest und Cholera. Denn entweder genesen die an diesen beiden Krankheiten Leidenden, wie meistens, ganz, oder sie sterben — ganz. Der letztere Fall kann für die Betreffenden im Grunde nicht unglücklich sein. Welch ein Uebel dagegen ist es, völlig blind zu werden. Von zehn Arabern wird man einen entweder Halb- oder Ganzblinden finden. Ich sah weniger blinde Weiber, als blinde Männer, und die Krankheit scheint den Erwachsenen feindlicher als den Unerwachsenen.

Aus den Krankenzimmern trug ich die Ueberzeugung, daß die Leidenden, wo nicht auf eine glänzende, doch auf eine befriedigende Weise behandelt werden. Meine Erwartung ward übertroffen. Mag ein Anderer das Krankenhaus eine Nachäfferei der europäischen heißen, es wird in demselben so zu sagen Alles geleistet, was sich unter den obwaltenden Umständen thun läßt. Davon, wie Diät und Regimen gehalten wird, kann ich übrigens nichts mittheilen, wenn nicht das Wenige, daß in der Küche Reinlichkeit und guter Geruch mich bewillkommten. Das Haus ward von etlichen neunzig Kranken bewohnt. Beiläufig erwähne ich, daß diejenigen, welche außer dem Bette sich aufhielten, Achtung für Etienne erwiesen, indem sie militärisch sich stellten. Ich konnte nicht umhin meine Glossen zu machen, wenn der Eingeborene gegen den Fremden sich so unterwürfig geberdete.

Geht man zu dem Palaste des Vizekönigs, so sieht man rechts, in der Nähe des Residenzschlosses, ein dem Umfange nach großes, aber niedriges, einstöckiges Gebäude, das von Pallisaden umzingelt ist: wie das letzte, ein Militärspital. Es ist das Krankenhaus auf dem Ras-el-tin (Feigenkap) oder das Tasikispital. Früherhin eine Kaserne, bildet es mehrere Höfe, und ich konnte keine regelmäßige Bauart wahrnehmen. In der Bade- und Dampfbadeanstalt, deren Pracht mich überraschte, begegnet das Auge allenthalben weißem, geschliffenem Marmor bis an die Kuppeln, welche von zahlreichen, runden, mit Glasscheiben verstopften Oeffnungen zum Einlassen des Lichtes durchbrochen sind. Auch dieses Krankenhaus erfreut sich einer Einrichtung, welche den Bedürfnissen abhelfen dürfte.

Das Observazionsspital oder die Observazionshütten.

Ich ritt eines Nachmittags dahin; allein der Arzt war noch nicht eingetroffen. Ich ging unterdessen zum Mahmudiehkrankenhause, welches, dem Meere etwas näher, den Observazionshütten gegenüber liegt. Dr. Etienne ritt eben auf einem Esel daher. Kaum unterhielt ich mich mit ihm, als ein Kranker plötzlich umfiel. Ich sagte: Es ist ein Cholerakranker. Dr. Etienne verneinte, wahrscheinlich weil er glaubte, er könne mir einen Schrecken ersparen. Seine Geschäfte riefen ihn hinweg, und ich begab mich zu den Observazionshütten. Hören wir später das Weitere.

Diese Hütten sind mit einer Pallisadirung umgeben. Man lasse aber den Pinsel der Einbildung fallen, welcher schöne Gemälde entwirft; zur Seltenheit ist ein Pfahl genau so dick, und so hoch wie der andere. Die Pallisadirung fesselt durch ihre Unordentlichkeit schon von weitem das Auge, und wenn ein Europäer das Militär noch nicht kennte, welches, mit dem schwarzbraunen Gesichte, zwar einen Säbel und ein Kleingewehr trägt, aber sonst in Wenigem einem der europäischen Krieger gleich, oder auch bloß ähnlich sieht, so würde er schlechterdings die Hütten für Alles eher, als für ein Staatsgebäude erklären. Die Pallisadirung wird vom Militär bewacht, und dieses läßt Niemand, wenigstens den Europäer nicht, durchschlüpfen. Ich wartete wenige Minuten am Gatter der Observationshütten, und es kam der Arzt, Herr Gallo, ein Grieche, auf dem Esel geritten. Ich machte schon in einem geselligen Kreise seine Bekanntschaft, und so durft’ ich auf seine wohlwollende Aufnahme zählen.

So eben trug man einen Kranken daher über die Gatterschwelle. Plötzlicher Lärm entstand. Die Wärter eilten mit Pestzangen herbei, seinen Träger zurückzustoßen. Nun wurde der Kranke auf den Boden gestellt; allein zu schwach, um sich aufrecht halten zu können, sank er auf die Erde nieder: Der nämliche Kranke, welchen ich an der Pforte des Mahmudiehkrankenhauses umfallen sah. Er war wirklich cholerakrank.

Die Observazionshütten sind nichts, als Hütten, und zwar elende, fensterlose, schlecht ausgezimmerte, daß zwischen den Bretern, woraus die Wände bestehen, Licht eintrat, und zu einer andern Zeit unzweifelhaft Wind und Regen eindringen werden. Die Thüren werden mit einem Vorlegeschlosse gesperrt. Der Boden ist die nackte Erde, und Brutus hätte nur den Spitalboden küssen dürfen, um den Götterspruch von Delphi zu erfüllen. Das Ganze stellt eine Art Dörfchen vor. Die Hütten sind dazu bestimmt, eines pestartigen Uebels verdächtige Fälle, Pest- oder Cholerakranke, so wie auch kranke Sträflinge aufzunehmen. Einen schauderhaften Anblick für mich erregte die Kette, welche von einem Krankenbette zum andern, von einem Leidenden zum andern in gesenktem Halbbogen hinüberlangte. Die Bettstellen sind ein hölzerner Käfich, welchen ich zum ersten Male im Krankenhause auf dem Ras-el-tin wahrnahm. Wenige lagen nur auf einem Strohteppich, und auf etwas Wollenzeug, welche die Blöße der Erde zudeckten.

Die erste Hütte, in die ich geführt wurde, war zur Observazion bestimmt. Nicht Bettstellen darf man hier suchen, noch Sönderung. Cholerakranke und ein von Wechselfieber Befallener waren neben einander auf nackter Erde ausgestreckt; einer der erstern kreuzte seine Beine über den andern. Im Ganzen fanden sich drei neu hereingebrachte Kranke zur Observazion, wovon einer als nichtcholerisch erklärt wurde. Ueberdieß sah’ ich noch etwa sechs andere Choleristen.

Ich nahm die Weltcholera in den Hütten zum ersten Male wahr, und ich werde nun bei dieser Seuche ein wenig mich aufhalten. Man setzt in denselben voraus, daß die Cholera sich durch einen Ansteckungsstoff fortpflanze, und es werden gegen sie ungefähr die nämlichen Maßregeln ausgeführt, wie gegen die morgenländische Pest. Ehe Herr Gallo einem Kranken den Puls fühlte, ließ er sich die Hände mit Baumöl begießen, ohne daß jedoch die Schuhsohlen beölt worden wären.

Das Bild der Cholera ist dasselbe wie in Europa. Gänzliche oder fast gänzliche Abwesenheit des Pulses an der Hand, die Haut kalt, über den Phalangen schrumpfig, wie bei einer Wäscherin, der Abgang einer wässerigen, weißlichen Flüssigkeit sursum et deorsum, das Auge gläsern, wie erstorben, der Blick stier und bedeutungslos, die Nase dünn und spitzig, die Löcher mit Staub, die Lippen trocken und bläulich, die Zunge beinahe starr und wird vom stoßweise Lallenden nur mit Mühe gezeigt, die Backen zu eckigen Vertiefungen eingefallen u. s. f. Kurz, im höhern Grade der Krankheit hat man einen lebendigen Todten vor sich. Der Anblick von Cholerakranken ergriff mich nicht besonders; denn die schwarzbraune Farbe der Araber ist nach europäischen Begriffen ohnehin widerlich, und sie veränderte sich nicht bedeutend, außer daß sie schmutziger wurde. Die Kranken schienen mir keineswegs auffallend zu leiden; sie gaben kein Gestöhne oder irgend einen Schmerzlaut von sich. Die asphyktisch Cholerischen waren vom tiefen Schlafe trunken. Diejenigen, welche in den Hütten untergebracht werden, ziehen beinahe Alle das traurige Loos eines frühzeitigen Todes.

So angenehm das Mahmudieh- und Ras-el-tin-Krankenhaus meine Erwartungen übertrafen, so sehr ich auch geneigt wäre, ein günstiges Urtheil zu fällen, so wenig kann ich der Observazionsanstalt Lobsprüche ertheilen. Es stellt sich in der That zwischen einer solchen und keiner Anstalt wenig Unterschied heraus. Dagegen lauten die Forderungen, daß gerade das Pestlazareth auf dem humansten Fuße stehe. Wo ist die Hülfe dringender, als bei Pest und Cholera? Wo ist es für einen Kranken, mag er selbst ein gefesselter Sträfling sein, peinlicher, als zwischen oder doch in der Nähe solcher Kranken, welche der ganze Rüstzeug der Regierung und die öffentliche Meinung der Franken für ansteckend ausgibt? Wie leicht werden die Erkältungen in der Regenzeit. Es ist für den Ruhm nicht genug gesorgt, daß man einen Obersten des Landes reich besolde, oder einen fremden Marschall mit Ehrenbezeugungen überhäufe, so lange die Noth armseliger und beladener Unterthanen aus einem Krankenstalle schreit.

Nach der einmal gefaßten oder vorgefaßten Meinung von dem ansteckenden Karakter der Cholera sperren sich die meisten Europäer in Alexandrien gegen diese Seuche, wie gegen die Pest, ab. Ich kann nicht umhin, das völlig umgekehrte Verfahren der Kontagionisten in Europa, ins Gedächtniß zurückzurufen, nach welchem die Kranken selbst isolirt werden. Ein sicheres und das beste, aber das inhumanste, die Pflichterfüllung und Berufstreue schnurstracks verhöhnende Mittel, sich vor der Cholera zu schirmen, ist die zeitige Entfernung vom Orte, wo die Krankheit herrscht, an einen solchen, welcher davon frei ist.

Ebenso betrachten die europäischen Alexandriner die Pest durchaus als kontagiös. Sie schließen sich ihretwillen ein, doch nicht überall so, daß gar nicht mehr ausgegangen wird. So besorgte ein Handelsmann die Geschäfte außer dem Hause, in welchem seine Mitarbeiter und das Gesinde stets eingesperrt waren. Er stülpte unten die Beinkleider auf, beölte die Schuhsohlen und, mit einem großen Stocke bewaffnet, machte er sich auf der Gasse Bahn, damit ihn Niemand berühre. Der Araber weicht ohne Anstand aus. Jener Mann, den ich zum Beispiele wählte, rettete sich durch die Pestzeit[5].

Wenn sonst auf der Straße die häßlichsten Weiber jeden Augenblick erhaschen, ihr Antlitz vor dem Europäer zu verhüllen, so überraschte es mich, in einer der Pesthütten kranke Weiber unverschleiert zu sehen. Sie verriethen beim Erscheinen des Arztes, seines Assistenten und meiner Person nicht die mindeste Verlegenheit, und rollten ihre schwarzen Augen rechts und links, so oft es sie gelüstete. Unter den Kranken befand sich, wie sich etwa der Pariser vornehm ausdrücken würde, auch eine Galante.

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Die Gesundheitspolizei würde in der Stadt noch Manches aufzuräumen haben. Dem Garstigsten vom Menschen begegnet man an den meisten Orten. Ueber dem Bassar, nämlich auf den Deckbretern, häufen sich Unreinigkeiten fast jeder Art, die wohl selten weggeschafft werden. Aeser erblickte ich wenige. Wie dem auch sei, so werden immerhin einige Gassen gekehrt und etliche Plätze mit Wasser besprengt[6]. Gleichwie die Unreinigkeiten am Gesichte auf Nachlässigkeit und schlechte Gesundheitspolizei des Mikrokosmus schließen lassen, so zeigen die Unreinigkeiten an den Gebäuden und auf den öffentlichen Plätzen mit der Gewißheit der Uhr an, wie wenig sich der Staat um das öffentliche Gesundheitswohl bekümmere.

Die Katakomben und der Pferdestall.

Hat man den Mahmudiehkanal überschritten, und ist man an den großen Baumwollenmagazinen vorüber, so leitet der Weg durch eine wüste Gegend, und bald gelangt man zu den Katakomben, welche, südwestlich von Alexandrien, an der Seeküste sich hinziehen. Wo das Meer in Gemächer fließt, heißen diese die Bäder Kleopatra’s. Sie waren es auch wahrscheinlich, und jetzt noch könnte man hier mit Bequemlichkeit Seebäder gebrauchen. Von da ging ich in eine der vielen Oeffnungen. Der Eingang bildet eine geräumige Höhle, welche jetzt als Pferdestall dient. Am Lichte der Fackel wendete ich mich links. Ich trat in einen Tempel, welcher, mit sorgfältiger Hand in den Felsen ausgehauen, durch seinen einfachen und edeln Styl mir ungemein gefiel. Weiter kam ich in eine Menge viereckiger, kleinerer und größerer Gemächer. Bald durfte ich aufrecht gehen, bald mußte ich durch eine Oeffnung oder einen Gang geduckt mich durchhelfen; selbst war ich genöthiget, durchzuschlüpfen oder durchzukriechen. Ich hatte mich wie in einem Labyrinthe verloren. Der Araber, die einzige Seele mit mir, hätte mich an den Ort des Verderbnisses führen können, ich würde ihm nachgegangen oder nachgekrochen sein, wenigstens bis an die Schwelle. Die Größe der unterirdischen Arbeit beschäftigte in diesem Augenblicke am meisten meinen Geist. Ich vergaß der Schakals und Hyänen, die Herr von Prokesch in den Katakomben hausen läßt. Denn ich sah nichts Böses, nur Alles leer, öde, ausgestorben, höchstens einige Gebeine herumliegen, oder ein Käuzlein auffliegen[7]. Ich athmete bei meinem unterirdischen Spazierengehen und Spazierenkriechen keine erstickende Luft, wie Herr von Prokesch (I. 23). Allerdings fühlte ich Hitze, doch keine drückende. An den Wänden konnte ich weder Zeichen, noch Farben finden.

Wer mochte wohl die Katakomben geleert, geraubt, entweiht haben? Wie sehr sind die Religionsformen der Wandelbarkeit unterworfen. Mit saurer Mühe brach man einst die Zellen in den Felsen, mit religiöser Verehrung setzte man die Todten bei; nun ist Alles Heilige aus den heiligen Oertern entwichen, und es fehlt dem Araber nur noch der Geldreiz, daß er seinen Auswurf nicht in den Zellen aufhäuft. Mich beschämte der Gedanke, wie viel mehr Ehre die Alten den menschlichen Ueberresten erwiesen haben, als unsere Zeitgenossen bezeugen. Vielleicht würden sie, wenn sie wieder lebendig wären, uns der Unmenschlichkeit oder des Barbarismus beschuldigen, weil wir den Leichen so wenig Rechnung tragen, daß sie in unlanger Zeit spurlos verschwinden, und auch nicht einen Haltpunkt des Andenkens darreichen, etwa mit Ausnahme der Leichenbeine, welche, unter Zerstörung des Individualitätswerthes, herumgeworfen, oder in der größten Unordnung aufgestapelt werden.

Die Nadeln der Kleopatra und der Flohfänger.

Hart am neuen Hafen sieht man die Nadeln oder Obelisken der Kleopatra, den einen stehen und den andern liegen. Ich näherte mich dem stehenden Obelisken von der Südseite. Ich erblickte einen verwitterten Stein. Ich wendete mich um, die Ostseite zu besehen. Gleicher Anblick. Wie ich mich gegen die Nordseite wendete, siehe, da saß am Schatten des Obelisken ein nackter, erwachsener Mann, welcher die Nähte seines Hemdes durchspionirte und an dem Todschlage oder Toddrucke eines gewissen Missethäters wahrscheinlich eben so sehr sich ergötzte, als ich mich an den Obelisken. Daß es ernsthaft zuging, mußte ich daran merken, daß der neue Adam kaum aufschaute, und ein daneben sitzendes Mädchen in aller Unschuld ihn in seinen Bestrebungen bestens unterstützte.

Ist es nicht eine halbe Gotteslästerung, daß man vor einem so erhabenen Denkmale, welchem die Seele in edler Begeisterung zugelenkt wird, ein Scheusal von Prosa auskramt? In der Natur ist aber überall Gegensatz — neben dem Erhabenen das Niedrige, neben dem Edeln das Unedle. Wenn wir uns dergleichen erhabene Monumente vorstellen, so dichtet freilich unsere Einbildungskraft Allem um sie herum den Anstrich des Erhabenen an; es dürfen keine lumpige oder entblößte Leute in ihrer Nähe herumstehen, herumwandeln oder herumsitzen, sondern nur edle, halbverklärte Geister müssen herumschweben. Wie denn von jeher das Große, Erhabene und Edle seine Verächter und Spötter fand, so wiederholt sich diese Verachtung und dieser Spott im Angesichte der Obelisken. Kann man sich wohl eine größere Verachtung oder einen ironischern Spott auf ein Werk, welches die vereinte Anstrengung so vieler Menschen kostete, denken, als einen Flohfänger, der von aller Pracht nichts wollte, als den Schatten? Ein solches Schauspiel gewinnt selbst höhern Sinn in poetischer und politischer Beziehung.

Schon beherrscht mein Auge die Nordseite des Obelisken. Diese hat sich mit den Hieroglyphen noch in gutem Zustande erhalten; so auch die Westseite. Der Obelisk besteht aus rothem Granit und erhebt sich siebzig Pariserfuß. Nicht durch seine Größe, noch durch seine Form macht er Eindruck, sondern man betrachtet diesen Stein erst mit rechter Aufmerksamkeit, wenn man weiß, daß er ein einziges Stück und ein sehr altes Geschichtbuch ist. Die Sache beim Lichte besehen, bewundern wir nicht den Stein selbst, sondern einzig den ihm aufgeprägten Geist der Menschen. Sonst dürften wir jede Handvoll Erde, die so gut ein Alterthum ist, wie der Obeliskenstein selbst, in die Liste der Denkwürdigkeiten aufzeichnen.

Der zweite Obelisk liegt gleich neben dem stehenden. Die Hälfte bedeckt der vielmächtige Sand; die andere verzeigt Hieroglyphen. Die Engländer sollen ihn umgestürzt haben, in der Absicht, denselben nach ihrem Vaterlande zu bringen, wovon sie bloß die Berechnung des kostspieligen Transportes abgehalten hätte. Der Luxor wurde in der That von den Franzosen freundlicher behandelt.

Die Pompejussäule und die Schandsäule.

Man hat mir so viel von der Pompejussäule vorgeschwatzt, daß ich sie zuerst nicht sehen wollte. Ich stand lieber still bei den Kameelen, in dem Bassar und zu aufmerksam bei den elenden, beinah mehr mit Ketten, als mit Kleidern bedeckten Sträflingen.

Die Säule wurde zu Ehren des Kaisers Diokletian errichtet. Die Statue steht nicht mehr. Die Engländer, welche 1776 den Schaft bestiegen, und auf dem Fußgestelle eine Schale Punsch tranken, entdeckten noch einen Fuß. Die Säule ruht auf einer vortheilhaft erhobenen Stelle im Süden der Stadt. Gleich an ihrem Fuße breitet sich ein Leichenacker aus, auf welchem ich die Turbane durchmusterte. So eben lag eine, in ein blaues Tuch gewickelte Leiche auf einer Bahre, neben Weibern ohne Klage, während gegraben wurde. An manchen Orten Europens hat man das Grab im Vorrathe, und hier muß die Leiche darauf warten. Um keine Verletzung der Sitten und Gebräuche mir zu Schulden kommen zu lassen, stieg ich vom Esel und ging zu Fuß querein durch den Leichenacker. Der Treiber wollte den Esel mir nachführen; allein er wurde angewiesen, mit dem Thiere den Weg um das Leichenfeld einzuschlagen. Man mußte dießmal von der Ansicht geleitet worden sein, daß der Esel nicht würdig wäre, auf den Gräbern der Menschen zu wandeln. Mit dem Purismus ist es aber eine kitzliche Sache; immer und immer wirft er den Fallstrick des Widerspruchs vor. Läßt man jetzt den Esel nicht über die Gräber traben, so versenkt man vielleicht später Ungeziefer in die Gräber. Ich muß es ganz herausbrocken; sonst haben die Worte keine Kraft.

Vom Leichenacker aus gesehen, prangt die Säule des Pompejus als ein großartiges Denkmal, auf welchem das Auge mit Lust weilt. Die ganze Höhe der Säule, nämlich des Schaftes mit Knauf und Piedestal, mißt 98 Pariserfuß. Der Schaft besteht aus einem einzigen Stücke rothen Granits. Billig staunt man darüber, wie ein 68 Pariserfuß langer und 7 bis 8 Fuß im Durchmesser haltender Stein (der Schaft) gebrochen, fortgeschafft, ausgearbeitet und aufgestellt werden konnte.

Das Verdienst, daß die Säule noch aufrecht steht, verdankt sie dem Umstande, daß sie von stummem Stein und schwer ist. Wäre sie mit D. O. M. überschrieben gewesen, so würde sie wahrscheinlich zerstört worden sein, wie die Alexandriner-Bibliothek, deren Verlust einer der unersetzlichsten für die Menschheit genannt werden darf. Es erregt Abscheu im höchsten Grade, daß die Leidenschaften der Menschen schadenfroh zerstören, was Andere Schönes und Erhabenes mühsam zu Stande brachten, und nichts vermag mehr, den Hochmuth unseres Zeitalters zu beugen, als die Betrachtung, daß die gleichen Leidenschaften den Krieger ohne Aufhören in den barbarischen Kampf rufen, in welchem so manches unschuldige Leben verblutet.

Reisende, welche die Säule bestiegen, bezeichneten diese mit ihren Namen. So viel Namen; so viel Entweihungen, so viel Beschuldigungen der Eitelkeit, so viel Stoff zum Aergernisse. Man würde sich scheuen, einen altrömischen Kriegsmann in eine Pariser-Jacke zu zwingen, aber die gleiche Thorheit an der alten, ehrwürdigen Säule zu begehen, trägt man kein Bedenken.

Bei der Pompejussäule genießt man eine schöne Aussicht auf Stadt und Land, Gärten und Wüsten, Hafen und Meer.

Die Nachgrabungen.

Wenn auch nicht das wissenschaftliche, so regt sich ein anderes Interesse, welches die Nachgrabungen im Schutte veranlaßt. Ibrahim-Pascha will neue Bauwerke, und so läßt er die von den längst entschwundenen Vorfahren gemeißelten Bausteine aus dem Schutte heraufholen. Daher sieht man an den im modernen Style sich erhebenden Gebäuden Steine aus der grauen Vergangenheit, die man bloß zurechtsägt, damit sie sich desto besser in die lästige Gegenwart fügen.

Ich sah zwei Schachte, in denen man Nachgrabungen anstellte, und meine Aufmerksamkeit wurde doppelt angespannt: in den Rahmen der neuen Welt waren die Arbeiter und die Behandlung derselben, so wie die Art und Weise in Verrichtung der Arbeit u. s. f., in denjenigen der alten Welt die Antiquitäten gefaßt. Wenn die lebensreiche Jetztwelt mich mit größerer und unwiderstehlicherer Macht zu ihr hinreißt, so wolle der Vorweltler mir nach Herzenslust grollen, aber nur nicht eher, als bis er sich den Alterthumsschlaf aus den Augen gerieben hat. Es standen zwei Aufseher da, ein Grieche, ein dem Anscheine nach unwissender Mensch, und ein farbiger Mohammetaner. Beide hielten Peitschen in den Händen. Mich empörte es, wie der letzte ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, welches eine ungemeine Lebhaftigkeit zeigte, und seine Arbeit mit Gesang begleitete, liebkosete, und später ihm mit der Peitsche aufmaß, so daß es entsetzlich schrie, freilich nicht ohne Verstellung. Mehr noch, als das Schlagen ärgerte mich, daß man es duldet. Schimpft nicht auf die Tyrannen, aber auf diejenigen, welche sie leiden. Wenn die Leute nicht in eine Art thierischer Unterwürfigkeit versunken wären, wenn bei ihnen die Selbstachtung nicht gleichsam erloschen wäre, so würde bald eine andere Saite aufgezogen sein. Die Europäerin meint nun zum allermindesten, daß jenes egyptische Mädchen vom bittersten Zorne und Hasse gegen den Aufseher ergriffen wurde. Nichts weniger, als dieß. Kaum schien der Schmerz ausgesumset zu haben, so kehrte die frühere Fröhlichkeit zurück, und man konnte aus dem freundlichen Benehmen des Aufsehers gegen das ihm wieder freundlich zulächelnde Mädchen deutlich schließen, daß nach der Arbeit zwischen diesen zwei Leutchen ein herzlicheres Verhältniß obwalten müsse.

Fast ganz nackte Männer hoben den Schutt hervor; man dürfte wohl sagen, ganz nackte, weil so nichts vor den Blicken verborgen war, indem die Lumpen bald diesen, bald jenen Theil kümmerlich verhüllten. Ich war an den Anblick solcher Leute noch nicht gewöhnt; allein die kleineren und größern Mädchen schienen das nicht zu beachten, was in der Meinung des Europäers die Wohlanständigkeit so tief verletzen würde. Der Schutt wurde in, aus Dattelblättern geflochtene, kleine, runde Körbe geworfen, und so auf dem Kopfe weggetragen. Zugleich richteten es die Lastträger, um sie scherzweise so zu nennen, gar fein ein, dergestalt, daß der eine auf den andern warten konnte, damit ja wieder einige Augenblicke in süßem Nichtsthun dahinfließen. Man las auf den Gesichtern der Arbeiter, und auch alle ihre Bewegungen verriethen es, daß nicht die mindeste Lust zur Arbeit sie beseelte, und daß sie lediglich aus Furcht vor der Gewalt oder aus Zwang sich dazu anschickten. Viele in Alexandrien wohnende Europäer hegen die Ueberzeugung, daß ohne Peitsche und Stock der Araber von seinem Hange zum Müßiggange nicht loszurütteln und zur Arbeit zu bewegen wäre. So bald er etwas erspart habe, behaupten sie, lege er sich auf die Bärenhaut, und verthue oder vergeude wieder Alles. Uebrigens sorgt der Pascha mit väterlicher Theilnahme dafür, daß die Arbeiter nicht zu viel Geld in die Hände bekommen; denn die 30 bis 40 Para, welche er ihnen täglich in die Hand preßt, reichen kümmerlich für die allernothwendigsten Bedürfnisse hin. Würden Mehemet-Ali und Mahmud den abendländischen Fürsten darin nachahmen, daß sie, statt der Chiffres, ihre Köpfe auf der Silbermünze abprägen ließen, sie dürften gewiß nicht besorgt sein, daß sie in den Händen dieser egyptischen Arbeiter rothe Backen bekämen.

Leute. Bevölkerung.

Auf den Straßen ist es ungemein lebhaft. Die Budengassen (Bassar) sind theilweise gedrängt voll. Man darf sich mit Recht wundern, daß, bei allem Gedränge, die in ein bloßes Hemde gekleideten mohammetanischen Weiber den Franken selten berühren. Die bunte Kumpanei von so verschiedenen Menschen mit ihren abweichenden Sitten und Religionsformen, der bunte Wechsel von so verschiedenen Thierarten, als von Kameelen, Büffeln, Eseln, Pferden, hin und wieder das Knarren von Lastkarren (welche der Regierung gehören) wirkt beinahe betäubend. Nirgends traf ich mehr Getriebe und mehr Rührigkeit, als im Arsenale und in den Schiffswerften. Tief in die Nacht dauert der Lärm, und wenn das Getümmel der Menschen verstummt, so erhebt sich das Gebell der herrenlosen Hunde. Schwerlich wird dem Schlaflosen je eine feierliche Stille vergönnt.

Der arabische Alexandriner ist eine wahre Lärmtrompete. Er lernt laut; arbeitet er, so singt er. Wenn dreißig bis vierzig Arbeiter eine Last heben, so tönt nicht unangenehm für das Ohr der Chor der Menge, welcher dem Solo des Kommandirenden antwortet. Alle die Lärmereien sollen eine religiöse Bedeutung haben. So rufen die Mohammetaner gar oft ihren Propheten an, der auch Hamma heißt.

Ueber die Bevölkerung der Stadt konnte ich nichts Zuverlässiges in Erfahrung bringen. Jährlich sollen, nach einem eben so gut unterrichteten, als angesehenen morgenländischen Bewohner Alexandriens, im Durchschnitte dreitausend Menschen sterben. Es leidet kaum einen Zweifel, daß die Sterblichkeit in Alexandrien, dessen Lage allgemein für ungesund gehalten wird, groß ist. Lassen wir, wie in Rußland, den fünfundzwanzigsten Theil der Bevölkerung jährlich sterben, so erhalten wir eine Gesammtheit von fünfundsiebzigtausend Menschen. Jedenfalls steigt die Einwohnerzahl weit höher, als man sie in Europa glaubt. Uebrigens hat sie durch die letzte Pest (1834/5) bedeutend abgenommen, obwohl man, wie man mich versicherte, am Gedränge in den Gassen keinen Unterschied bemerke. Nach den Einen sollen unter dem Todesstreiche der letzten Pest 13,000, nach Andern selbst 20,000 Menschen gefallen sein. Man muthmaßt, daß die Regierung geflissentlich die Zahl der Gestorbenen minder groß (etwa 11,000) angab, und man will bestimmt wissen, daß manche in den Hütten an der Pest Verstorbene gleich unter denselben in die Erde verscharrt wurden, weil die Gesundheitspolizei gegen verpestete Hütten sogleich zu Maßregeln schritt, welche den Araber belästigten. Die Bevölkerung Alexandriens gleicht einem Polypen. Schneidet man ein Stück davon, alsbald wird das Verlorene wieder ergänzt. Wenn die arabische Bevölkerung der Stadt auch viel einbüßt, so wird der Verlust doch wieder in kurzer Zeit ersetzt, theils weil das arabische Weib gerne und leicht Kinder bringt, theils weil vom Lande immerfort Lückenbüßer einrücken. Es mag nebenbei die Bemerkung nicht überflüssig erscheinen, daß der Pascha seine Stärke in der größtmöglichen Vermehrung seiner Unterthanen sucht. Er thut ihr daher jeden Vorschub. So darf ein Seesoldat nicht ans Land gehen, wenn er kein Weib nimmt. Wie wenig wurzelfest ein solches Prinzip sei, könnte er von unsern Lehrern der politischen Oekonomie lernen. Hohl und trügerisch ist der Gewinn für das Ganze, wenn die Zunahme und der Verlust der Bevölkerung in gleichem Grade steigen. Eine klein scheinende Sache ist manchmal von großer Wichtigkeit, und hier die Erhaltung der Bevölkerung, und wollte der Pascha nach diesem Ziele ringen, so könnte er nicht nur über die gleiche, sondern selbst über eine intensiv stärkere Bevölkerung gebieten, sich nicht nur einen Theil seiner Laufbahn von Dornen säubern, sondern auch Andern tausend Unbilligkeiten und Ungerechtigkeiten, tausend Kümmernisse und Seufzer ersparen.

Der Ritt zur Beschneidung.

Was ist das für ein Reuter dort auf stolzem Rosse, den Bassar durchziehend? Was für eine gellende Musik? Was für ein rufendes, wogendes Menschengedränge, aus dem — Salz gegen das Roß anstäubt? Ach, eine Komödieankündigung; mit solchen Ausposaunungen füllt man die Ohren in allen Krähwinkeln der Welt. O Wahnsinn, welcher dergleichen verdeutet! Das wohlaufgeputzte Kind, welches der Reuter auf dem Schooße hält, ist ein mohammetanischer Knabe, mit dem man an den Ort reitet, wo die Beschneidung vorgenommen werden soll. Freilich soll, muß u. s. f., mögen nun seine Augen triefen von Krankheiten und naß sein vor Wehmuth. Was — Wehmuth? Sein Weinen hört man ja nicht, weil das Ohr von Pauken und Tambour und Schalmeien übertäubt wird.

Die Mohammetaner halten auf der Beschneidung sehr viel. Erst wenn der Knabe beschnitten, ist er ein Moslim (Rechtgläubiger). Die Großen begleiten dieselbe mit sehr viel Gepränge. Die Beschneidung des nachherigen Sultans Mehemet dauerte vom 21. Mai bis zum 30. Brachmonat 1582. Die abgeschnittene Vorhaut wurde in einer goldenen Schale der Mutter des Sultans, und das Barbiermesser blutig der Großmutter zugeschickt. Wenn man damit zugleich die Rohheit der türkischen Sitte bezeichnen möchte, so versteht sich von selbst, daß auch Sauls Forderung (1. Samuel, 18, 26 und 27) in der Vorderreihe roher Sittenzüge steht.

Primarschule.

Du gehst auf den Gassen. Du hörst einen Lärm, ein Brumsen und Sumsen. Auf einmal erblickst du eine Menge Kinder, die in einer offenen, über die Gasse nur wenig erhöheten Bude hocken[8], den Körper vor- und rückwärts bewegen, eine weiß bemalte, hölzerne Schreibtafel in der Hand halten. An einer Wand hockt der Schulmeister, und macht mit seinem Körper eben so komische Bewegungen. Er lehrt und ißt Bohnen zu gleicher Zeit.

Das ist eine Kinderschule. Nirgends sah ich die fröhliche Ausgelassenheit der Kleinen in höherm Grade als hier.

In Alexandrien gibt es mehrere Schulen. Ich glaube nicht, daß sie gesetzlich bestehen. Weil in den Schulen die Religion nach dem Koran gelehrt wird, so schickt der Mohammetaner aus religiösem Eifer die Kinder in dieselben. Der Schreiber wird unter dem Volke sehr geachtet. Mädchen nahm ich unter den Schülern nicht wahr.

Die Zeichenschule.

Ich begegnete im Arsenale einem Europäer, den ich um Auskunft fragte. Sein Aeußeres wollte eben nicht viel versprechen. Mit zuvorkommender Gefälligkeit führte er mich in ein Zimmer, wo etwa zwanzig ältere Zöglinge zeichneten, davon mehrere schon an zwei Weiber verheirathete. Mein Führer, aus Marseille gebürtig, stand der Schule, die er erst vor kurzem gegründet hat, selbst vor. Die Araber saßen auf Bänken vor Tischen, und die Muster lagen oder hingen vor ihnen. Mir schienen die Zöglinge Eifer an den Tag zu legen, und ihre Arbeiten, Laub- und Blumenwerk, z. B. für Tapeten, geriethen nicht übel. Der Zeichenlehrer eröffnete mir, daß der Araber viel Talente besitze, daß er aber zu sehr Schlaraffe sei, um sie anbauen zu wollen. Er bestätigte, was ich von Andern vernahm, daß er denselben nur durch strenge Zucht zur Arbeit und zum Fortschritte bringe. Von Stockschlägen faselte der Franzose ganz geläufig, als wäre er mit ihnen aufgewachsen. Der Mangel gründlicher Kenntniß in der arabischen Sprache stellt dem Lehrer viele Hindernisse in den Weg. Indessen bemüht er sich eifrig, diese Sprache in seinen Besitz zu erlangen, damit seine Mittheilungen leichter werden. Da der Lehrer selbst nicht gar viel Zeit im Schulzimmer zubringt, so sucht er sich durch eine Art Lancasterschen Unterrichtes zu helfen. Während seiner Abwesenheit vertritt der beßte Zögling die Stelle eines Lehrers. Die Lehrlinge werden im Ganzen strenge gehalten. Des Mittags dürfen sie nicht ausgehen, und sie speisen im Zimmer. Eben hockten zwei auf dem Boden, und langten mit ihren Fingern eine Art Brei aus einem großen Teller heraus.

Der Pascha verbindet mit dieser Schule offenbar den Zweck, sich von dem Abendländer mehr und mehr unabhängig zu machen. Vielleicht sind die goldenen Tage des letztern in Egypten vorüber, so bald er den Pascha und seine Leute einen solchen Schatz gelehrt haben wird, daß die Anleitung und die Mithilfe des Fremdlings entübrigt werden können.

Weiberhändel.

Zum Troste der Europäerinnen gibt es auch in Afrika Weiberhändel.

Ich lag unter dem Fenster, über einem Bassar. Auf einmal wendete sich eine Mohrin kreischend und, mit einem Schäufelchen drohend, rasch gegen einen Türken. Das Weiße des Auges gegen die Schwärze der Haut, wie das Licht gegen den Schatten, abstechend, warf den lebhaften Glanz der Gemüthsbewegung. Der Türke stand in stolzer Ruhe; fest heftete er seinen Blick an das Weib. Auf einmal fiel ein minder schwarzes Weib der ersten in diejenige Hand, welche das Schäufelchen hielt. Die Weiber wetteiferten mit Lärmen. Was für ein Ende wird der Auftritt noch nehmen? Wie treffen doch die zierlichen Europäerinnen und die plumpen Afrikanerinnen den gleichen Punkt, ob auch nicht so haargenau; denn in Europa raufen sich Weiber die Haare, hier dagegen greifen sie nicht nach dem Kopfe, sondern halten sich einander die Hand, oder kneipen und reißen an den Kleidern. Daß die auf einander erbosten afrikanischen Damen mehr nach dem in der Gemüthsaufwallung gepreßten Herzen greifen, ist es etwa instinktmäßiger? Ich glaube nicht, daß, wenn es keine Männer gäbe, die Welt aussterben, sondern bloß, daß die übrig bleibenden Weiber von einander aufgerieben würden, nämlich zuerst die guten von den bösen, dann die bösen von den bösesten. Und das habe ich nicht nur schon im Stillen gedacht, sondern ich wollte es auch vor Männiglich sagen, wozu es freilich keines Muthes bedarf; denn sollte ich mit meinem harten Urtheile irgend eine Schöne zum Zorne aufregen, so bin ich überzeugt, daß sie sich selbst, im Schmucke desselben, vor dem Mann mißfiele, und daß sie ihn viel lieber an einer schwachen Mitschwester entlüde.

Es kam, um zu unserm Spektakel zurückzukehren, Polizei dazwischen, und so nahm der Handel flugs ein Ende. Natürlich wurde ich an der Fortsetzung meiner nicht ganz unangenehmen Beobachtung gestört.

Geld und Geldnoth.

Eine englische Guinee gilt 100 Piaster (Krusch); 40 Para (Medi) machen einen Piaster aus. Beiläufig 8 Piaster kommen einem Gulden Reichswährung gleich. Die egyptischen Goldmünzen sind 10, 9, 4 und 3 Piasterstücke. Diese letztern empfehlen sich wegen ihrer Kleinheit wenig. Man darf ordentlich auf der Hut sein, um sie nicht zu verlieren. Die Silbermünzen sind 1, ½, ¼ und ⅛ Piaster, selbst ein Para. Es gibt übrigens auch ¼, ¼ Piaster und 1 Parastück in Kupfer. Dieß die Hauptmünzen. Man könnte wohl noch mehr angeben, wenn man weitläufiger sein wollte.

In Alexandrien ist Noth an Scheidemünze, so daß bisweilen für das Wechseln von 4 Piaster in Gold ohne Anstand 10 Para abgezogen werden. Ich war einmal genöthigt, einem Araber, der meine Sprachen nicht besser als ich seine verstand, so viel Para zu bezahlen. Anfänglich glaubte ich freilich hintergangen worden zu sein, weil eine so beschaffene Ordnung von Unordnung mich allzusehr befremdete. In Kaffee- und Wirthshäusern tritt gewöhnlich der Fall ein, daß man nicht quitt rechnet. Bald bleibt der Wirth, bald der Gast schuldig. Einmal konnte der Wirth mir keine kleine Münzen zurückgeben, und erklärte, mit Annahme der Zahlung zu warten. Wie staunte ich über das gastwirthliche Zutrauen, welches das Morgenland so lieblich verkündiget. Man fasse sich wohl, dieses Zutrauen ging auf den Stelzen der Münznoth. Ein andermal blieb ein Kaffeewirth, aber ein Grieche, mir eine Kleinigkeit schuldig. Die Begehr nach Scheidemünze fällt, wenigstens dem Fremden, ungemein beschwerlich; man muß gleichsam auf dieselbe Jagd machen, indem man jede Gelegenheit auffängt, um eine größere Münze auszugeben, die beim Umwechseln kleinere zurückwirft. Dazu kommt noch eine andere Unbeliebigkeit, daß schwierig zu erkennende falsche, oder gebrochene und beschädigte Münze im Umlaufe ist, welche nicht angenommen wird.

Zählen wir doch nichts zu den Unmöglichkeiten. Vielleicht rührt die Scheidemünznoth vom Kometen her, den ich in Egypten gerade zum ersten Male, als einen hübschen, langen Schweif, in der nördlichen Himmelsgegend zur Sicht bekam. Im Kaffeehause erregte diese Erscheinung plötzlich ernstes Rufen, lautes Lärmen, eiliges Laufen, anders nicht fürwahr, als wäre Feuer ausgebrochen. Wenn der Schwanzstern nun dieses zu bewirken, und, wie es denn bekannt ist, Krieg und Pest heraufzubeschwören vermag, wie soll er die Leute nicht auch in die Klemme des kleinen Geldes treiben können? Uebrigens bin ich selbst froh, daß die Sterngucker den Spaß dort ungefähr errathen haben; denn mich bangte nicht wenig, der Komet werde gar ausbleiben, dieweil er aus dem Wirrwarr der Himmelspropheten sich etwa nicht herauszufinden wisse, die in der Festsetzung des Tages oder der Nacht für das Stelldichein so nicht einig werden wollten oder konnten.

Das Schiff der Wüste.

Auf Alexandriens Boden reichten auch die vielen Kameele meiner Neugierde Nahrung dar. Zu Lande werden meist auf dem Rücken dieser Vierfüßer die Lasten fortgeschafft. Wie ein Faden spinnt sich eine lange Reihe von Kameelen oft mitten durch das Menschengedränge in den Gassen, eines hinter das andere gebunden. In ein weitfenstriges Netz von Stricken werden größtentheils die Lasten aufgeladen; so Steine, so Säcke, so Anderes. Das hohe Kameel bewegt sich in gemessenen langen und eher langsamen Schritten, während der niedrige Esel mit seinen kurzen Füßen trippelt. Der Fuß des Kameels ist wie das Pendul einer Thurmuhr, der Fuß des Esels wie dasjenige einer Taschenuhr. Und noch mehr Gegensatz. Das Kameel ernst, der Esel flatterhaft; das Ohr des großen Kameels klein, des kleinen Esels groß. Es macht Spaß, diese zwei Thiere neben einander zu sehen.

Anleitung für den Reisenden.

Langt man im Hafen an, so fährt der Kapitän in seiner Schaluppe ans Land. Ergreift man nicht gleich diese Gelegenheit, so holt man später auf einer der Barken, die im Hafen jederzeit bereit liegen, die Effekten, höchstens für einen Piaster. Zu Lande wird das Gepäcke von den Mauthbeamteten untersucht, welche einen Piaster von mir forderten. Ein Lastträger bringt für einen Piaster das Gepäcke bis ins Logis. Eine größere Last würde man am beßten auf Esel oder auf Kameele laden, und auch auf letztern kostet die Fortschaffung des Gepäckes nicht viel. Ehe ich das Zimmer im Wirthshause zu den drei Ankern (welches sonst dem kostspieligeren zum goldenen Adler nachgesetzt wird) bezog, fand ich mich mit dem Wirthe ab. Das Zimmer war geräumig, mit der Aussicht auf einen Bassar, das Bett rein; die Flügelthüren mußten mit einem Vorlegeschloß gesperrt werden.

Mein Paß war von der Polizei in Triest mit nicht mehr Umständlichkeiten nach Alexandrien visirt, als reisete ich von dort nach Venedig, und der Kapitän händigte am Orte der Bestimmung ihn selbst dem österreichischen Konsul ein. An das Reisen nach Egypten binden sich überhaupt keine polizeiliche Schwierigkeiten. Nachdem mein Paß in meinem Kantone ausgefertigt war, wurde er einzig dem österreichischen Gesandten bei der schweizerischen Eidgenossenschaft zum visiren übersandt, weil ich in Europa keinen andern als österreichischen Boden beschreiten wollte. Die Polizei abgerechnet, fiel er hier weder in die Hände eines Konsuls, noch sonst Jemandes. Als ich mich beim österreichischen Konsulate in Alexandrien anmeldete, eröffnete es mir, daß es mir den Paß nach Kairo unterschreiben werde, wenn ich hinauf reisen wolle, und daß ich ihn dann abholen könne. Das Visum erhielt ich „gratis“, und ich mußte nur einem egyptischen Angestellten, welcher sich auf der Konsulatskanzlei befand, für einen Vorweis bei der Douane am Mahmudiehkanale einen oder zwei Piaster, so wie den Douaniers selbst, welche auf eine den Fremden sehr belästigende Weise die Effekten durchsuchen, wiederum einen kleinen Tribut bezahlen. Manche bedecken den Statthalter mit Ruhm wegen seiner Liebe zu den Abendländern, und die gleichen Abendländer dürfen bloß den Fuß auf Egypten setzen, und er benützt, wie es am Tage liegt, jede Gelegenheit, um ihnen das Geld aus der Tasche herauszudrücken. Als Arzt hatte ich nur meine nothwendigsten Effekten mit einer Zugabe weniger Arzneien bei mir, und demungeachtet mußte ich den Inhalt des Felleisens in Alexandrien zweimal untersuchen lassen.

Wer sich mit Empfehlungsschreiben versieht, thut wohl daran. Die meinigen leisteten mir wesentliche Dienste, was ich auch dankbar anerkenne. Ich stellte mir etwas schwer vor, daß ich, als Ankömmling auf Afrika, in Mitte arabischer Zungen mich zurecht finden werde. Mein Erstes war, durch einen Araber geführt, meine Empfehlungsschreiben an einen Schweizer aus Schaffhausen abzugeben. Ich fand ihn — einen Freund; ich fühlte mich in seiner Nähe so traulich wie zu Hause. Er ertheilte mir zu Allem Anweisungen, deren ich so sehr bedurfte. In der Gesellschaft der Herren Ott, Wehrli, Wyß, Korvettenkapitäns Baumgartner, welche Schweizer sind, und des Oberarztes der Marine, Dr. Koch aus München, hatte ich erfreuliche Gelegenheit, die nöthigen Erkundigungen einzuziehen.

Wenn man einen entferntern Gegenstand besehen will, so bedient man sich am beßten eines Esels. Fiacres gibt es gar nicht und im Ganzen äußerst wenig Gefährte. Man kann aber auch zu Fuß gehen, was ich meistens that, und selten wurde ich von den Eseltreibern bestürmt. Diese fangen eigentlich nur an, in Jemand zu dringen, oder sich in den Weg zu stellen, und ihn so aufzuhalten, wenn sie ihm anmerken, daß er einen Esel sucht. Alsdann ist er augenblicklich von zwölf- bis zwanzigjährigen Leuten umringt, welche, laut lärmend, sich anbieten und so nahe sich andrängen, daß sie Einem die Kleider verunreinigen. Das unverschämte Andrängen war mir immer höchst widerlich, selbst wenn ich dadurch im beengten Raume nicht gehindert worden wäre, den mir beliebigen Esel und Treiber auszuwählen. Man schwingt sich endlich auf ein Thier, bloß um die Stürmer los zu werden; denn sobald man auf dem Esel sitzt, ändert sich die Szene, als wäre ein Licht ausgeblasen, — gänzliche Stille tritt plötzlich ein. Außer dieser Kriegslist schützt auch noch die Peitsche vor der Unverschämtheit. Einige Male folgten mir Eseltreiber, Esel voran, mit dem ermüdenden: Volete un’ buon’ burrico? weit nach. Ich kehrte rasch um, und dann wandelte ich wieder vorwärts. Es half wenig. Die Drohung mit der geballten Faust wies zu guter Letze die Meister in der Zudringlichkeit zurecht.

In einem halben Tage kann man das Sehenswürdigste finden. Man reitet zuerst zu den Katakomben, wo Leute aus den arabischen Hütten den Wißbegierigen unter die Erde führen. Von da zu dem Garten Ibrahim-Paschas, mit den Blicken über den See Mareotis. Weiter zu der Pompejussäule, zu den Obelisken und zuletzt zum Pharus. Für den Ritt nach den Katakomben, zur Pompejussäule und zu den Nadeln Kleopatras gibt sich der Eseltreiber mit vier Piaster zufrieden. Vielleicht verdienen auch die Ruinen der Athanasiuskirche und der Katharinakirche besehen zu werden.

Die Nilfahrt nach Kairo.

Linkische Lastträger; seichter Kanal; licentia poetica; Kornspeicher; Fruchtbarkeit des Nilthals; possirlicher Hühnerhandel; eine Abendunterhaltung; das Schlachten eines Lammes; Gewandtheit der Barkenknechte; die reisende Familie; Truppe nackter Kinder; Einerlei der Aussicht; Kaffeewinkel; Bewässerung des Landes; seltsame Schiffsladung; Pyramidenanblick; Telegraphen; Bulak; hôtel de l’Europe.

Freitags den 16. Weinmonat.

Ich schied von Alexandrien. Aus Rücksicht für die gute Gesellschaft mit einem Dragoman der französischen Regierung und einem jungen, piemontesischen Kaufmanne reisete ich nicht eher ab, wie ich vorhatte, ja ich ließ mich sogar lieber während dieses Tages bis gegen Abend ins Wirthshaus einsperren. Denn da die Cholera immer weiter um sich griff, und der Wirth keine Maßregel dagegen versäumen wollte, so unterstellte er sein ganzes Haus der Quarantäne. Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, ob die neue Ordnung der Dinge, z. B. der Einkauf von Lebensmitteln, das Parlamentiren vom Rastelle aus bei dem Besuche eines Freundes, mich mehr betrübte oder belustigte. Noch wunderlicher kam es mir vor, wie der italienische Wirth mich als Verpesteten behandelte, weil ich über Nacht Brechen und Anderes litt, und eine Zeitlang mich wirklich von der morgenländischen Brechruhr ernsteren Grades befallen glaubte. Die mit Reiswasser gefüllte Flasche übergab der kummervolle Italiener nicht mir unmittelbar, sondern mittelst eines vor meiner Zimmerthüre stehenden Geschirres, in welches die Flasche ging. In das Weise der Menschen flicht sich auch manchmal so viel Thörichtes, daß man oft nicht weiß, wo der Verstand aufhört oder anfängt.

Ich sorgte für einen kleinen Vorrath an Lebensmitteln, auch Holz, und zwar kaufte ich dieses nach dem Gewichte. Die eine Fürsorge ist vergeblich, und nur für Leckergaumen räthlich. Ueberall am Nil bekommt man gutes Brot, Hühner, Eier, auch Reis, und in den meisten Dörfern Milch, Alles in geringem Preise. Einzig Zitronen, Zucker und Rhum mögen nebst Kohlen und einem Kochofen dienen. Ich kann voraussetzen, daß der über Meer Gelangte auch ein Bett mit sich schleppe.

Von zwei Arabern wurde mein Gepäcke aus der Ankertaverne nach dem Mahmudiehkanal getragen, aber täppisch oder träge genug, indem dieselben, im Schweiße gebadet, die Bürde bald los- bald zusammenbanden, jetzt niederlegten, dann aufnahmen. Ich traf eben da meine Reisegefährten. Es sollte mein Gepäcke nur noch unter den bekannten Förmlichkeiten die Zolllinie überschreiten; ich bestieg das Fahrzeug, und wir stießen in den Kanal. Der Wind blies günstig. Bald verschwand die Pompejussäule aus unsern Augen — und der Tag.

Den 17.

Die Ufer des Kanals sind niedrig, oft wüst, genußarm. Der Kanal ist schmal, hie und da seicht, und Manche glauben, daß in kurzer Zeit der immer mehr anwachsende Niederschlag des Nilschlammes ihn unschiffbar machen werde. Dergestalt würde das glänzende Unternehmen Mehemet-Alis, den Nil mit der See Alexandriens zu verbinden, in Schatten sinken, nachdem es in aller Welt so hochgepriesen war.

Wir segelten einer französischen Dame voran. Vornehm steckte sie durch einen baufälligen Laden ihren Kopf heraus. Von einem Monsieur unserer Barke wurde sie nur befragt, ob sie des Nachts viele Flöhe gehabt hätte. Das war eine schlechte licentia poetica, aber eine natürliche. Gegenseitige Theilnahme an den Plagen ist wenigstens ein Erguß der Gemüthlichkeit.

Um Mittag langten wir in Atse an. Hier verbindet sich der Kanal mit dem westlichen Arme des Nils. Das Dorf mit seinen elenden, schwarzgrauen Hütten gleicht einem Ameisenhaufen, so viel Leben und Regsamkeit zeigt sich in dem Bassar und an den Stapelplätzen. In der Kornhalle, aber keinem Konterfei der Pariser, liegt das Getreide auf dem Boden an einem Haufen unter freiem Himmel. Der Kornhändler hockt auf dem Kornkegel und schmaucht mit aller Behaglichkeit eine Pfeife. Auf diesen Markt soll man nicht gehen, um Eßlust zu fördern. Solche Getreidemärkte besitzt auch das übrige Egypten. Die Kornspeicher stellen indeß andere Male einen, mit einer Mauer umfangenen, unbedeckten Platz vor. Ich wollte im Bassar eine Limonade trinken; allein den widerlichen Geschmack dieses mit Meth oder Melis zubereiteten Getränkes konnte ich nicht überwinden. Ich war noch nicht so weit in das Reisen eingeschossen, daß ich Alles verschlingen wollte. Im Bassar gewahrte ich eine Höckerin mit einem nackten Kinde, das an den Blattern litt. In Egypten hausen diese auf eine schreckliche Weise.

Billig nahm der Nil mit seinem weißgelblichen Schiller meine Aufmerksamkeit in Anspruch. So habe ich denn ein Ziel meiner Reise erreicht. Mit Recht danken dir, o Nil, die Bewohner des Landes, daß du die von dir überschwemmten Ländereien segnest. An andern Orten schadet im Gegentheile der Fluß durch Ueberschwemmung. In der Mitte zwischen den Quellen und Mündungen ist der Weltstrom am größten, und an andern Orten wird der Fluß um so größer, je näher er gegen das Meer anströmt. Nicht durch majestätische Größe, mehr aber durch den reißend schnellen Lauf zeichnet sich dieser Nilarm aus. Und welch’ eine Fruchtbarkeit der Nilufer! Alles keimt üppig, und man sieht der Natur an, daß sie mit der größten Leichtigkeit hervorbringt. Sie scheint den Bewohnern zuzurufen: „Nehmet von mir, so viel ihr wollet; denn ich ermüde nicht mit Wiedergeben.“ Der Karakter der Nilgegend ist eigentlich kein schwerer, sondern ein leichter, kein ernster, sondern ein frohmüthiger, ein jugendlicher. Das alte, das schon so oft und oft geerntete Land ist noch ein Kind.

Es war Mittag. Die Sonne brannte durch einen Flor atmosphärischer Dünste. Wir verweilten einige Stunden, weil die Waaren von unserer Barke auf eine andere umgepackt werden mußten. Gepäcke um Gepäcke aus den Händen legend, schrie der das Schiff beladende Araber Zahl um Zahl laut: für mich eine gute Gelegenheit, die arabischen Zahlen zu lernen. Bei diesem und andern Auftritten verging mir die Zeit leicht, doch angenehmer, als gegen Abend ein herrlicher Wind dahersäuselte, die etwas drückende Hitze zu mildern. In Atfe hält sich ein französischer Konsularagent auf, welcher uns besuchte.

Gegen die Neige des Tages stachen wir in den Nil. Die zwei lateinischen Segel schwollen lustig an, wie die Backen der Kinder, welche dem Aeolus ins Handwerk greifen wollen. Bald lagen wir vor der Stadt Fuah, in der ein Thurm am andern emporragt. Jetzt trat Windstille ein. Der Abend war lieblich warm. Die Leute vertrieben ihn mit Spiel und Tanz, und ich glaube zuversichtlich, daß sie wenig Empfänglichkeit für die Lehren unserer Mystiker gehabt hätten, nach denen das lachende Nilthal ein Jammerthal wäre oder hoffentlich werden sollte.

Sonntags, den 18.

Gegenwind. Das Schiff an einem Seile gezogen.

Ich kaufte drei Hühner für etwa 30 Kreuzer R. V. Man darf aber Eines nicht außer Auge setzen: die egyptischen Hühner erlangen keineswegs die Größe der unserigen. Eine Henne sieht aus wie bei uns ein junges Huhn. Es fiel mir zum ersten Male nicht wenig auf, wie eine Gluckhenne (von der Größe eines europäischen, halbausgewachsenen Huhns) sich bemühte, ihre so außerordentlich winzigen Küchelchen mit den Flügeln zu beschirmen. Hätte ein Säugling an die Brust eines zehnjährigen Mädchens sich geschmiegt, es wäre mir kaum spaßhafter vorgekommen. Auch die Eier der egyptischen Hühner sind bedeutend kleiner.

Ich nahm sofort meine angekauften Hühner zur Hand, wendete mich gegen das Nilufer und ging an diesem hinauf, um an einer vortheilhaften Stelle zu warten, wo ich wieder in den Kahn steigen könnte. Auf einmal verfolgte mich ein Weib wehklagend, juh, juh schreiend. Ich wußte nicht recht was es wollte; nur glaubte ich aus seiner Stimme und aus seinen Geberden entnehmen zu müssen, daß es wähne, ich hätte die Hühner ihm gestohlen. Schon umzingelten mich Leute, selbst von der Polizei; ich sollte mein Eigenthum abtreten. Was anfangen? Ich suchte durch Deuten verständlich zu machen, daß ich mich zur Barke begeben wolle, wo man Aufschluß ertheilen werde. Das Glück brachte gerade den Piemonteser. Meine Vermuthung wich der Gewißheit. Er sagte mir, das Weib habe seine Hühner bezeichnet, und ich solle sie ihm zeigen. Ich that es, und die Bestohlene — überzeugte sich sogleich von ihrem Irrthume. Das Weib war wenigstens moralisch so gut, daß es diesen eingestand. Es gehört zur Macht des Irrthums, wie kleine Zwiste, so selbst blutige Kriege zu entzünden, und ich durfte mich in der That glücklich preisen, daß aus diesem Handel nicht gar ein Krieg entsprang.

Wir rückten heute vor bis Mohalèt-Abu-Ali, einem Orte am Ufer des Delta. Nach einem nebelichten Tage war der Abend sehr schön und wie ergötzlich, das will ich in Kürze erzählen.

In diesem Dorfe wohnt eine Art Großer, welchem die Barken des westlichen Nilarms zugehören sollen. Er kannte den Vater des Piemontesen. Wir schickten ihm Rhum, oder er ließ vielmehr holen. Bald beehrte er uns selbst mit seiner Gegenwart, und trank den Rhum vor Aller Augen. Er erfreute die Gesellschaft zugleich mit einer blinden Sängerin. So wurde der Abend mit rauschendem Vergnügen, unter Sang, Tanz und Spiel verbracht. Wenn die Egypzier mit der Schalmei (Surna) und dem Tambur (Deff) spielen, so klatschen sie mit den Händen den Takt, manchmal unter dem Rufe Hamma. Mich belustigte das fröhliche Geberdenspiel. Man versicherte mich, daß die Sängerin ihre Rolle vortrefflich spielte. Es fesselte mich vor Allem das lange Pausiren, die vielen Molltöne und der Liebeston, eine Art Ach (a-a), der letzte, ersterbende Seufzer der Liebe. Dem Dragoman, einem mit den Sitten und der Sprache des Landes vertrauten Manne, schmeckte die Soirée überaus köstlich. Ich genoß dabei im Ganzen wenig. Weil ich die Nachtluft im Freien fürchtete, stellte ich mich bloß dann und wann, kein Vaterunser lang, unter die Thüröffnung der Kajüte. Ein Kind würde kaum scheuer, unter den Polizeiaugen des sparsamen Vaters, in den Honigtopf gelangt sein. Wenn die Araber mich auslachten, so hatten sie — Recht.

Ich lasse nun ein Verzeichniß der an den Nilufern gelegenen Ortschaften in der Reiheordnung folgen, wie wir an ihnen vorübergefahren sind[9].

Rechtes Ufer. Linkes Ufer.
Allah-uhu. Sanahbahdieh.
Schurafa. Iluieh.
Salamunih. Kaffer-Schech-Hasan.
Mahalèt-Malèk. Somchroat.
Dissuh. Rachmanieh.
Kaffer-Ibrahim. Margass.
Dimikunum. Miniet-Selamme.
Mahalèt-Abu-Ali.

Den 19.

Es wird ein Schaf von einem Manne auf dem Rücken in die Barke getragen: ein Geschenk von Seite des Barkeninhabers, der uns gestern Abend einen Besuch abstattete. Das schien mir echt morgenländischer Ton. Das Geschenk galt dem Piemonteser. Kurz darnach kam der Barkeninhaber mit seinem jungen Sohne. Sie ließen sich voller Würde am Borde nieder und wurden mit Kaffee bewirthet. Mich wunderte, wie gar der Junge sich so ernst, männlich und geschickt benahm. Mißtrauen wir doch nie dem vielvermögenden Einflüsse des Beispiels in der Erziehung. Vater und Sohn begleiteten uns eine Strecke weit, und ließen sich sodann ans Land tragen.

Bald ward das Schaf geschlachtet und zerhauen. Ein Jeglicher hoffte auf einen guten Bissen. Wir feierten munter die Ostern.

Die Barkenknechte sind Leute von erprobter Geschicklichkeit. Wenn, aus Mangel an Wind, die Barke am Seile geschleppt werden sollte, so nahmen sie die Kleider, wickelten diese zusammen, legten sie über den Kopf, sprangen ins Wasser, schwammen davon, bis sie waten konnten, und, ans Ufer gekommen, zogen sie, bisweilen ohne einen Faden am Leibe, das Schiff. So geschieht es bei Tage, wie bei Nacht, und nicht einmal selten. Auch dem aufsitzenden Fahrzeuge zu Hülfe springen die Amphibien ins Wasser, und heben mit Rücken und Händen die Barke vom Strande. Zu diesem Ende sind sie genöthigt, unterzutauchen, und bemerkenswerthe Zeit bleiben sie manchmal unter Wasser, um die Last zu bewegen.

Wir kamen an einem Landhause des Pascha vorbei.

Unsere Gesellschaft auf der Barke war zahlreich. Stelle man sich vor die gebieterischen Franken und die beugsame Mannschaft des Schiffes, ein Weib mit Kindern und einen alten, magern Kuppler, ein altes Weib neben einem jungen, welches Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, und seinen häßlichen, großen Mund mit Aengstlichkeit verbarg, und man hat das bunte Bild von unserer reisenden Familie. Beinahe aber hätte ich die liebenswürdige Puppe vergessen, welche, eher einer Vogelscheuche ähnlich, einem kleinen Mädchen viel Freude bereitete. Eine Mutter behandelte ihren Säugling mit einer Grausamkeit, welche dem zarten Geschlechte wenig zur Ehre gereicht. Wenn er weinte, so schlug sie ihm mit der Hand fort und fort auf den Mund. Das ist die liebenswürdige Kunst der Egypzierin das Weinen zu zerschlagen. Bei den arabischen Müttern überhaupt nahm ich wenig Zärtlichkeit für ihre kleinen Kinder wahr. Die Brust reichen sie zwar jeden Augenblick, aber, wie es beinahe scheint, mehr aus Gewohnheit und darum, weil sie selbst daran Freude finden, als weil sie solche den Kindern gönnen.

Die Beschreibung meines Zahnwehes dürfte Niemandem angenehm sein. Man wird lieber vernehmen, daß den Araber in der Regel schön weiße Zähne zieren, und daß er selten an Zahnschmerzen leidet. Das zweite Zahnen erfolgt bei den egyptischen Kindern in einem Alter von 6½ Jahren. Sogar ältere Leute erfreuen sich noch weißer Zähne. Es wird allgemein von den Franken behauptet, daß die arabischen Weiber früh altern. Dieß dürfte nicht so durchgängig wahr sein. Eben weil bei ihnen die blendend weißen Zähne lange erhalten werden, so erscheinen sie nicht besonders alt. Die Franken hätten auch bedenken können, daß die geringe Korpulenz, welche so gerne die Jahre multiplizirt, unter den Arabern jedes Alter begleite. Bis Tunup.

Rechtes Ufer. Linkes Ufer.
Dimènki. Kaffer-Osmann.
Kaffer-Megẻr. Sibréchît.
Saffiéh. Maéssra.
Móhalédié. Hali-Dächmèt.
Minidschéhnâ. Sibirîs.
Kaffer-Dówâe. Kaffer-Senâgli.
Génaht. Kaffer-Chadẻr.
Salhadschar. Niklé.
El-Kótabé. Dahrygieh.
Férahstak. Amié.
Mohallèt-el-Läbben. Kaffer-Ibn-Schäet.
Abîtsch. Kaffer-Laihs.
Kufur-Bilsẻ. Schabûr.
Kaffer-Hósâr. Sèlamûn.
Kaffer-Schech-Ali. Kaffer-Harimm.
Manûfur. Chäli-Dächmèt (Hali-Dächmet).
Kaffer-Sajàd.
Tschalgamûn.
Kufur-Haschasch.
Kaffer-Jukûb (Jabobsdorf).
Kaffer-Bâgi.
Kaffer-Tschèddid.
Kaffer-Mischléh.
Mischléh.
Sahyahra.
Tunup.

Den 20.

Am Ufer standen mehrere Bettler, die auch in andern Gegenden von Egypten nicht selten sind. Doch laufen oder rennen sie nicht so unverschämt nach, als in einigen Schweizer-Gauen. Wie in Europa, so spaziren hier die Fliegen auf Zucker. Man jammere nun aber nicht über den Fliegenschwarm, so lange man den Zucker nicht weghebt.

Die Reisebeschreiber erwähnen der Weiber die zahlreich in Krügen aus dem Nile Wasser holen. Ich sah sie sehr selten, und ihre Scheu vor den Männern konnte ich nicht bestätigen. Nichts weniger, als daß sie aus Zartgefühl mit ihren Händen das Gesicht verhüllten. Es muß seit einiger Zeit Manches anders geworden sein. Mich wundert, daß die Reisebeschreiber die ungemein geringe Menge Wassers nicht hervorhoben. Bei uns würde man ein Mädchen ausspotten, wenn es nur einen Krug voll Wasser holte. Man weiß, daß unsere Weibsleute große Gelten voll Wasser auf dem Kopfe oder an den Händen tragen.

An vielen Fellahs (Bauern) würde man vergebens mehr suchen, womit sie ihren Leib bedecken, als eine Lendenschürze. Ich fand jedoch wenig Unanständiges in dieser Kleidungsart, vielmehr etwas Vernünftiges in Beziehung auf die heiße Sonne. Gar viele Kinder, selbst größere, wandeln völlig entblößt herum. Der Anblick einer Truppe nackter Kinder unter freiem Himmel hat immerhin etwas Eigenes. Ihre auffallend großen Bäuche könnten sie wahrscheinlich mit andern Kindern theilen, wenn diese nackt ausgingen, und somit ihre Bäuche den Blicken zugänglicher würden.

Mir thut es leid, den Nilufern nachsagen zu müssen, daß sie, in die Dauer besehen, langweilen. Beinahe immer das nämliche Einerlei. Keine Hügel, keine Berge, keine Seen, dafür flaches Uferland, welches unmerklich in den Horizont verfließt. Selten stützt sich der Himmel auf eine Landlehne. Am Nilufer erblickt man zwar viele Dörfer, aber auch die sehen in der Regel einander beinahe gleich, wie ein Ei dem andern. Aus der Ferne verheißen sie eine seltene Pracht, schon bewundert man antike Paläste, über welche der schlanke Minaret emporsteigt; die runde Moschee füllt das Maß der Täuschung. Alles scheint in Palmen und Sykomoren gebettet. Ja recht viel Reiz in der Ferne, aber in der Nähe Kothhaufen als Mauern, enge, von armseligen Leuten betretene Gäßchen, krumme Minarets, kärgliche, von schönen Waschhäusern überbotene Moscheen. Nichts schmerzt so sehr, als fortwährend getäuscht zu werden. Einfacheres kaum, als ein Häuschen an den Nilufern. Ein viereckiges Zimmer ohne Fenster, mit einer Thüröffnung über dem Erdboden; das Dach platt; der Baustoff aus einer Art von Backsteinen, welche von Schlamm und Mist geformt und an der Sonne gedörrt werden. So die große Mehrzahl der Häuser. In Ghisahi bieten sie eine andere Gestalt. Sie erheben sich kegelförmig. Diese Zuckerhüte dienen den Tauben zur Wohnung.

Gegen Abend langten wir in Nadîr, einem Marktflecken, an. Hier sprach ich deutsch mit einem Hannoveraner, welcher auf einer andern Barke hergefahren war. In Kaffeewinkeln schienen zwei Frauenzimmer sich wenig zu freuen, daß der Vizekönig das berüchtigte Patent zurückgezogen hat. Der Aufenthalt der französischen Armee in Egypten, während dessen freier Verkehr unter den Leuten beiderlei Geschlechts gestattet war, so wie die vom Pascha ausgefertigten Patente lehren, zu welcher unsäglichen Ausgelassenheit der heiße Himmelsstrich führte. Der Vizekönig hat wohl weniger aus religiösen Gewissensbissen diese Patente zernichtet, als vielmehr aus dem Grunde gesellschaftlicher Ordnung.

Auf unserer Barke wurde mancher Spaß getrieben, mitunter auch solcher, welchen zu beschreiben die Feder sich weigert. Der Reis (Kapitän) schlug z. B. einen Barkenknecht. Er genießt übrigens das Recht, seine Leute zu schlagen, wenn sie sich gegen ihn vergehen. Ein Knabe von etwa zwölf Jahren wurde von Jedem, wer wollte, durchgeprügelt. Er bekommt als Barkenjunge monatlich fünf Piaster zum Lohne. Es gibt europäische Burschen, welche sich für 38 Kreuzer nicht so viel prügeln ließen, geschweige daß sie noch als Zugabe einen Monat lang arbeiten würden.

Die meisten Nächte brachte ich ziemlich gut zu. Das Schiff fuhr selten, und wenn es auch unter Segel ging, so gleitete es so sanft dahin, daß ich keine Bewegung verspürte. Alles, was ich während der Nächte erlauschte, war das Bellen der Schäferhunde, das Krähen der Hähne, das Quacken der Frösche und das eigene Pfeifen der Nachtvögel. Hingestreckt auf mein Bett in einem engen und dunkeln Winkel wurde ich, bei meinen Gedankenausflügen in die weite Ferne, durch die Laute jener Thiere an die Wirklichkeit meiner Lage erinnert.