The Project Gutenberg eBook, Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2), by Titus Tobler

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Das gesamte Inhaltsverzeichnis beider Bände sowie die Liste der Verbesserungen befinden sich in der Originalausgabe lediglich am Ende des zweiten Buches. Der Übersichtlichkeit halber wurde das Verzeichnis des betreffenden Bandes an dessen Anfang gestellt, das Inhaltsverzeichnis des jeweils anderen Bandes dagegen an das Ende des Buches. Die Verbesserungen erscheinen am Ende des jeweiligen Bandes; diese sind, soweit sie vom Autor als relevant eingestuft wurden, bereits in das vorliegende Buch eingearbeitet worden.

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Original-Umschlag

Lustreise ins Morgenland.

Lustreise
ins
Morgenland.


Unternommen und geschildert

von

Dr. Titus Tobler.

Zweiter Theil.


Zürich,

bei Orell, Füßli und Compagnie.

1839.


Inhalt des zweiten Bandes.

Seite
Reise nach Jerusalem   [1.]
Einige geographische Bemerkungen über Syrien [13.]
Einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien [15.]
Gaza [28.]
Fortsetzung der Reise nach Jerusalem [30.]
Ende der Reise dahin [38.]
[Jerusalem.]
Oertliche und klimatische Verhältnisse [46.]
Gesundheitszustand und Bevölkerung [52.]
Bauart der Stadt [53.]
Die Kirche des Christusgrabes [56.]
Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem? [63.]
Die Gräber der Könige [69.]
Die Grabhöhle der Maria [71.]
Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen [72.]
Der Brunnen Siloah [73.]
Die Felsanhöhe Zion [75.]
Der Oelberg [79.]
Die übrigen Merkwürdigkeiten [81.]
Physiologischer Karakter der Einwohner [82.]
Sitten und Gebräuche [83.]
Die Tracht [84.]
Das Kriegsvolk [87.]
Die Pilger [94.]
Der Geist der Christen [97.]
Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche [99.]
Der alte deutsche Pater und die große Apotheke [102.]
Meine Zelle im Kloster des Erlösers [104.]
Der Führer um und in Jerusalem [106.]
Rückblick auf Jerusalem [108.]
Ausflug nach Bethlehem [110.]
Die Beschiffung des Lothssees [115.]
Nach Jaffa am Mittelmeere [116.]
[Jaffa.]
Lage, Gassen, Hafen, Bevölkerung [121.]
Jaffa, wie es ehemals war [123.]
Die Tageslänge [125.]
Witterungsbeschaffenheit [127.]
Der Meeressturm und der Schiffbruch [128.]
Gesundheitszustand [132.]
Auf dem Hospizdache [136.]
Das Bauernhäuschen [138.]
Das Quarantänegebäude oder Pestlazareth [145.]
Die Jaffanerin kommunizirt, besprengt sich [147.]
Der Jaffaner [149.]
Die Pilger [150.]
Die arabische Knabenschule der Lateiner [152.]
Der Gruß [156.]
Die Brautwerbung und die Hochzeit [159.]
Die Wöchnerin und das Kind [167.]
Wiegenlied und Kinderjucks [170.]
Die Verehrung der Todten [173.]
Die Rekruten oder die Konskribirten [176.]
Das Weinen oder die Raserei am Neujahrstage 1836 [179.]
Ibrahim-Pascha [184.]
Kleine Petschaften oder Siegel [186.]
Der Hakim [187.]
Die Fleischbank [189.]
Der Zuckerrohrmarkt [191.]
Der Tabakschneider [193.]
Der Nargilebediente; die Rauchvirtuosität [196.]
Der Kaffeeröster und Kaffeezerstößer [197.]
Der Baumwollereiniger und Schilfdeckenweber [199.]
Der wandernde Schiffer und Kinderspiele [201.]
Spiel der älteren Leute [202.]
Meine Lebensart [205.]
Ich lese die Bibel [209.]
Ein Pater sagt, ich werde des Teufels [210.]
Wie die Gleißnerei im Namen der heiligen Religion einen Unschuldigen prügelt; laue Konsulats- und Mönchspolizei [212.]
Der Konsul Damiani; mein Besuch in seinem Hause [217.]
Vorbereitung zur Abreise [222.]
Nach Rhodos [226.]
[Rhodos.]
Lage, Himmel, Volkszahl [236.]
Die Stadt Rhodos [238.]
Das Leichenfeld [241.]
Die Bewohner; das lateinische Hospiz; Knabenspiel; große Hähne [243.]
Der Abend im Schiffsraume [247.]
Spaziergang gegen Trianda [248.]
Nach Konstantinopel, Triest und heim [251.]
Anleitung zu der Pilgerfahrt nach Jerusalem [256.]
Schlußbetrachtungen [267.]

Reise nach Jerusalem.

Gepurzel; Gelage; Kameelschädel als Verzierungen; die angebaute Gegend entzückt; Grenzscheide zweier Welttheile; Raphia und Jenisus; Schattenriß des Reisegesellschafters.

Dinstags gegen Abend des 24. Wintermonates, als am zwölften so heiß ersehnten Kontumaztage, brachen wir fröhlich auf. Die wiedererlangte Freiheit schmeckte süßer, als Honigseim. Mein hochbuckeliger Kontumazist schien Eile zu haben. Kaum wollte ich auf ihn steigen, so stand er auf. Ich konnte mich nicht mehr halten und purzelte, das Rad schlagend, hinunter. Die Freude meines türkischen Nachbars, welcher dem Gepurzel zusah, dauerte jedoch nicht lange; gleich saß ich auf dem Dromedar fest und wir trabten von dannen. Echt morgenländisch bewirthete uns der Quarantänedirektor, dessen Einladung in seine Wohnung wir mit Geneigtheit entsprachen. Beim Anblicke der vielen Trachten, die sich am Abendmahle folgten, hätte man nicht glauben sollen, daß so viel Ueppigkeit an einem Orte anzutreffen wäre, wo uns an den ersten Tagen die Lebensmittel zum Theile mangelten. Da weder Messer, noch Gabel vorgelegt wurden, so mußten wir zum Gerichte die Finger orientalisiren. Dieser patriarchalische Gebrauch ist wirklich sehr bequem; nur wollte mir der Sitz auf dem Boden am kleinen, niedrigen, runden Tische nicht behagen.

Ich könnte die Wonne nicht beschreiben, welche im Hause des Pharmazisten mich, als Freigelassenen aus dem Zelte, beseelte. Ganz komfortable fand ich das Gebäude mit einem einzigen Zimmer, mit blinden Wänden, mit dem Boden von Erde, mit dem Dache von Palmstämmen, von Reisern und Laub. Wieder einmal ordentlich stehen und herumgehen zu können, ohne immer mit dem Kopfe karamboliren zu müssen, war ein unaussprechliches Vergnügen. Nicht mehr plagte die Furcht vor den Thränen des Himmels.

El-Arysch, das Dorf selbst, liegt etwa eine halbe Stunde südöstlich von der Quarantäne. Von Aloe, Datteln und indischen Feigen umkränzt, lacht es so traulich aus der Wüste entgegen. Eben blühten die Bohnen und Alles athmete den Frühling. Der Ort, obwohl nicht groß, hat einen Bassar. Ueber den Thüren der Häuser stehen als Verzierungen Kameelschädel. Die Bevölkerung besteht größtentheils aus Weißen, und gerne begegnet man dieser Menschenfarbe wieder, wenn man eine Zeitlang fast lauter Halbschwarze gesehen hat.

Am Abende zeigte ich dem Pharmazisten einen Theil meiner wenigen, aus Kairo mitgebrachten Alterthümer. Eine aus Stein gehauene Figur faßte eben ein Araber recht ins Auge, als er bemerkte, daß er auch schon Steine auf dem Wege gesehen, aber keine Lust gehabt hätte, sie mitzunehmen. Weil ich nicht arabisch konnte, so hielt mich ein arabischer Jüngling für erzdumm und verglich mich einem Kameele, welches auch nicht reden könne. Während wir schon in unsern Betten ruhten, wurden von arabischen Jünglingen einige Tänze aufgeführt.

Den 25.

Vor Tagesanbruch rief der Pharmazist seine jungen Burschen herein, um die Pfeifen anzünden und einen schwarzen Kaffee bereiten zu lassen. Sie brachten die glühende Kohle in der Zange auf die gestopfte Pfeife, und wir rauchten; sie trugen den heißen Kaffee herbei, und wir tranken. Unser Gastwirth hat die morgenländischen Sitten aufs gutherzigste eingeschlürft, und oft pries er sie als echter Lebemann.

Der Hauptmann und ich ritten mit drei Dromedaren weg. Auch dieser Theil der Wüste war hie und da mit Gewächsen bedeckt. Auf dem Wege erblickten wir dann und wann eine Kameel-, Schaf- oder Ziegenherde. Mittags gelangten wir zu einer Post, um welche ein zahlreiches Volk Hühner wimmelte. Vor derselben erinnerte eine Strecke Salzboden an die Gegend von Choanat. Bei der Post, wo wir nur kurz anhielten, begann angebautes Feld inmitten wüster Ländereien zu meinem Entzücken; es übersiedelte mich wieder nach Europa. Entbehrungen haben doch das Gute, daß sie meistens mit erhöhtem Genusse enden.

In Egypten streift keine Ackerfurche durch Hügelabhänge. Neu waren mir wieder die durchfurchten Abdachungen. Ein Kameel zog an zwei Stricken mit den Schulterblättern den Pflug, welcher nur kleine, etwa vier bis fünf Zoll von einander entfernte Gräben aufwühlte. Dem Ackerfelde folgten Triften, worauf viele Schafe und Ziegen unter der Hut von Mädchen weideten. Die Erde hatte ein anderes Kleid an. Die unermüdlichen Vögel sangen ohne Unterlaß.

Der Weg strich gegen Nordost. Als ich einmal das Meer wahrnahm, lag es gegen Abend. Es stieg in mir der Gedanke auf, daß ich nicht mehr in Egypten, nicht mehr in Afrika, sondern in Asien sei. Dieser Gedanke versetzte meine Seele in angenehme Schwingung. Ich durfte wohl die Grenze des asiatischen Bodens nicht überschreiten, ohne lebhafte Begeisterung für die folgenreichen Thaten seiner längst entschwundenen, ehrwürdigen Bewohner, welche jetzt noch bei uns zum Vorbilde genommen werden. Staunend senkte sich mein Blick auf den alten Welttheil, das Geburtsland von Christus aus Nazareth, das Stromgebiet religiöser Grundansichten, welche mir schon in früher Jugend am fernen Alpengebirge Europens eingeflößt wurden. Ich möchte meine Gedanken und meine Gefühle beim Betreten Asiens nicht näher bezeichnen, aus Besorgniß, daß man sie als unzeitige Ergüsse mißdeuten könnte. Statt alles Mehreren werfe ich bloß die schlichte Frage auf: Kann ein Unterrichteter ohne eine Regung des Geistes und ohne eine Bewegung des Gemüthes den Boden dieses Welttheils berühren? Ich erinnere mich noch der Kinderjahre, in denen ich mir das biblische Asien, die Gegend meiner Sehnsucht, als die Hälfte des Weges in die Ewigkeit vorstellte. Die Träumereien der Jugend verdienen keinesweges die Verachtung, die ihnen gemeiniglich widerfährt; sie haben allerdings nicht selten Bedeutung und Werth; sie sind ein trüber Waldbach, der nur durch die Seihe der reiferen Jahre fließen darf, um klar und genießbar zu werden.

Rafa, Raphia bei den Alten, ist fast ganz vergangen. Eine halb in die Erde gestürzte Säule trauert am Wege in Gesellschaft von zwei aufrecht stehenden. Jene soll die Grenzsäule zwischen Asien und Afrika sein.

Wir kamen diesen Nachmittag neuerdings in die Wüste und über mehrere Sandhügel. — Einmal verlor ich den Hauptmann und unsern neuen Führer, einen Mohren, völlig aus den Augen. Auf einem Scheidewege fiel die Wahl mir schwer. Ich schlug den linken Weg ein, ungeachtet ich dazu den Dromedar, der gerade vorwärts wollte, nur mit Mühe bewegen konnte. Kaum aber war eine Anhöhe erstiegen, so verschwand der Weg und ringsum verdüsterte die Wüste den Ausblick. Ich wendete mich wiederum rechts, der Dromedar fand richtig den Weg und bald verkündigte fleißigerer Bodenbau die Nähe einer Ortschaft. Wir waren schon im Städtchen Kan-Yunos.

Yunos, Jenisus der Alten, ist in Feigen-, Dattel- und Oelbäume gebettet. Im lebhaften Bassar lächelten den Wüsteentronnenen die Dinge an, welche so verschiedene Bedürfnisse beschwichtigen. Erinnerungen an mein Heimathland wurden beim Anblicke grüner Wiesen, des Viehes und der weißen Bevölkerung aufgefrischt; sogar die Breter, als eine Seltenheit in Egypten, erregten meine Aufmerksamkeit. Die große Moschee, von sarazenischem Geschmacke, erhielt sich in gutem Zustande.

Wir mußten diesmal in einem Kân oder Karawanserai einkehren. Es hatte ein Obdach, war aber von zwei Seiten offen. Auf der einen lag ein korinthischer Knauf. Man trifft in Jenisus überhaupt manche Trümmer, mehr oder minder versehrte Denkmäler des Alterthums. Im Karawanserai befand sich eben der Stadtgouverneur. Die Herankommenden küßten ihm den Saum des Kleides. Er ließ in gastfreundlicher Gesinnung durch seinen Bedienten vorzüglich gute Brote und eine dicke Kräutersuppe uns zureichen, die, von Farbe grün, Kaldaunenstücke und Fleischbröckchen enthielt und mir nicht sonderlich schmeckte. Es war indeß mein Appetit ein wenig verdorben; wir wollten den Rest der Butter in der Quarantäne noch zu Rathe ziehen und buken in derselben Brotkuchen, welche zwar dem Gaumen zusagten, allein dem Magen nicht wohl bekamen. Wir belohnten unsern Gastfreund, nach morgenländischer Sitte, mit Stillschweigen.

Ein Kerl versuchte eine seltsame Betrügerei. Mein Reisegesellschafter schickt ihn, ein Geldstück zu wechseln. Er bringt die Münze, aber nicht vollständig. Vor Zorn wie rasend schilt der Hauptmann den Jungen aus, und schon zuckt er die Peitsche gegen ihn. Er öffnet den Mund und das Fehlende tritt unter der Zunge zum Vorscheine.

Mit Sonnenuntergang legte ich mich und schlief zwar fest ein, aber nicht ruhig fort; denn einmal hörte ich undeutlich, daß ein Mann in einem Streite lärmte, ein anderes Mal beschnüffelte ein Hund mein Bein, und ein drittes Mal kam die Katze, sich einer Beute zu bemächtigen.

Den 26.

Gott sei Dank, die Wüste, die beschwerliche, die armselige, die langweilige, ist am Rücken. Von jetzt an leitet der Weg durch lauter besseres Land, bald gepflügtes, bald Weideland. Die Vögel schienen in ihrem unaufhörlichen Geschwätze über die Gegend so hoch erfreut, als ich. Selbst mein Reisegefährte sang in das Tutti, und gerne hätte ich ihn in einen der nächsten Singvögel verwandeln mögen, so lieblich klang seine Stimme. Das Gepräge des Winters auf ganz dürren, abgestorbenen Pflanzen konnte hin und wieder nicht verkannt werden; hingegen war dazwischen der frisch angeschossene, kurze, feine Grasteppich mit um so größerem Zauber des Lenzes gewoben. Der schönste Frühlingsmorgen bei uns kann den heutigen Wintermorgen gegen Gaza nicht übertreffen. Ueber fließendes Wasser setzten wir nie, nur zweimal über tiefere Bachbetten, wie über dasjenige des Besor, an dessen Mündung ins Mittelmeer das alte Anthedon sich ausbreitete. Von Bethagla, zwischen Anthedon und Jenisus, bemerkte ich nicht eine Spur.

Minarets glänzten gegen Norden in einem grünen Haine; es war Gaza, die Hauptstadt der Philister, die Stadt des Starken, des Samson, welcher, nach der Schrift, ein eisernes Thor auf den Berg getragen hat. Wir durften nicht mehr weit, und dann einzig noch an der Menge von stämmigen Kaktus vorbei, und wir ritten durch ein enges Thor in die Stadt. Der Hauptmann begab sich in seine Herberge, und jetzt war der Augenblick der Trennung da, nachdem wir mit einander drittehalb Wochen verlebt hatten.

Nun ein Wort über den Reisegefährten. Eine solche persönliche Seltsamkeit lernte ich noch niemals kennen, und darum lohnt es der Mühe, von ihm einen Umriß zu liefern. Er ist aus Galizien und von Adel. Ich weiß seinen Namen recht gut; ich will ihn aber verschweigen und vergessen. Zuerst Kämpfer als Hauptmann in den Reihen der polnischen Umwälzer, entfloh er dann nach Frankreich und schloß sich der Schaar Polen an, welche aus dem „neuen Vaterlande“ in die Schweiz einbrach. Er wußte sich später Mittel zu verschaffen, um von Marseille auf einem französischen Kriegsschiffe nach Egypten zu kommen. Hier trat er in Kriegsdienst unter dem Feldherrn Abraham (Ibrahim-Pascha) als Kavallerieinstruktor.

Ein Selbstling im wahrsten Sinne des Wortes, sucht er immer seine eigenen Zwecke. Er schmeichelt den Großen und verachtet die Kleinen, damit die einen ihn befördern, und weil die andern ihm nichts nützen. Er wählte sich überall das Beßte aus, so immer den beßten Dromedar, den bequemsten Sattel, die leichteste Ladung, die schmackhafteste Speise u. s. f., um das Uebrige mir zu überlassen. Wenn ich mich über das Reiten beklagte, so tadelte er mich, daß ich nicht reiten könne, und dennoch hielt ich, bei meinem kräftigern Körperbau, das Reiten besser aus, als dieser Rittmeister.

Dabei hegt der Hauptmann wenig Liebe für Wahrheit. Was er erzählte, mußte ich auf der Goldwage prüfen. Auf einer Lüge ertappt, hatte er natürlich Recht, und würde gern in Schimpfungen auf mich losgebrochen sein. Sonst besaß er eine Fülle von Lebensgewandtheit, und im Bezahlen war er redlich; nie belog er mich in Geldangelegenheiten.

Weil mir die Kenntniß der arabischen Sprache abging, so leistete er mir unläugbar wesentliche Dienste, und er übernahm in der Kontumazanstalt fast das ganze Geschäft der Küche, indeß ich ruhig unter Zelt schrieb, und am Ende lüstern in das gute Gericht biß. Mich tyrannisirte übrigens noch kein Mensch so eigentlich, wie dieser polnische Freiheitsmann. Meine Lage fing sich erst zu bessern an, als ich mit dem Oberaufseher der Quarantäne auf freundlicherem Fuße stand und dem Hauptmanne erklärte, daß ich nun sorgenlos sei; denn auch im Nothfalle könnte ich recht gut weiter kommen, weil jener für meine Kameele sorgen würde. Er sah seine Entbehrlichkeit jetzt selbst ein. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, dieser Schwerpunkt des geistigen und sittlichen Menschen, hängt an einem dünnen Faden, dessen Riß uns, wo nicht augenblicklich, doch in seinen Folgen wehe thut.

Ich kann nicht umhin, noch zwei Dinge zu erwähnen. Zu Choanat wurde der Reisegefährte von einer Krankheit heftig überfallen. Ich stand ihm mit Rath und That bei, ich brachte ihm Reis u. dgl. Tags darauf befand er sich wieder wohl. Der Dank war, daß er für meinen schlechten Dromedar keine Geduld wußte. Einmal wollte ich absteigen, um ein Stückchen Natursalz aufzuheben und mitzunehmen. Da regnete es zentnerschwere Vorwürfe über Tändelwaare u. s. f. Es gibt Menschen, welche die Sterne am Himmel gleichgültiger beschauen, als messingene Knöpfe an einem Rocke.

Der Kapitän, mag er auch immer seiner sorgfältigen höhern Bildung und seinem Adel keinen geringen Werth beilegen, ist ein Auswurf des Menschengeschlechts. An der Spitze eines Volkes wäre er spröde, ohne Mitleiden, ein Wütherich. Er hatte indeß, wie andere Tyrannenseelen, bewegte Zeitpunkte, da das Herz aufthaute; er würde sich dann, der männlichen Würde uneingedenk, wie ein Kind hingegeben haben. Er wäre unzweifelhaft Muselmann; allein er muß es fühlen, daß der kindliche Schmelz seines Gemüthes, in gewissen Augenblicken, nach der Abschwörung des Glaubens ihm das Herz zum Bruche drängte.

Am Ende der Reise bat der Gefährte mich um Verzeihung, wenn er mich etwa beleidigt haben sollte. Ich achte einen solchen Zug, und doch empfand ich ein wahres Vergnügen bei der Scheidung von einem solchen Menschen, dessen Gesellschaft eine Qual und Pein war, und zwar eine um so größere in der Wüste und in einer spottschlechten Quarantäne.

Ehe ich Gaza näher beleuchte, schicke ich einige einleitende Bemerkungen über Syrien nach seinen topographischen Eigenthümlichkeiten, sowie über die Leute, die es bewohnen, nach den Verschiedenheiten ihrer religiösen Grundansichten voraus. Zuerst

Einige geographische Bemerkungen über Syrien.

Das eigentliche Syrien gränzt im Norden an Kleinasien, im Westen ans Mittelmeer, im Süden an Egypten und im Osten an Arabien, also, daß es mit letzterem umfangsreichen Lande gleichsam eine große Insel bildet, welche vom mittelländischen und rothen Meere, dem Ozean, dem persischen Meerbusen und dem Euphrat umspült wird.

Syrien sticht mehr oder minder schroff ab gegen das Egyptenland, nehme man die Einwohner, den Himmelsstrich oder das Erdreich in Anschlag. Egypten hat einen flachen Boden, der ein Thal mit einem der größten Ströme unseres Erdenrundes vorstellt; Syrien dagegen wird von einer Menge Thäler durchschnitten, woneben Hügel und Berge, am Maßstabe fünf Sechstheile, sich erheben. Eine Gebirgskette zieht durch ganz Syrien, Schritt für Schritt mit der Küste des Mittelmeeres, nur einige Wegstunden davon. Der Libanon (der Weiße) und ihm gegenüber der Antilibanon, der Thabor und der Karmel, der Oelberg und der Hebron, wem sind diese Kuppen des Gebirges nicht bekannt? Der Orontes und der Jordan (el-Arden), die Hauptflüsse Syriens, entspringen auf dem Antilibanon. Denn der und der Libanon schürzen den Knoten des ganzen Gebirges. Von da fließt der Orontes gegen Mitternacht; ihm zur Linken Berg an Berg, zur Rechten theilweise Arabien. So wälzt er seine Gewässer über siebenzig Wegstunden fort und schüttet es in die See, nahe an der Bucht von Antiochien. Der Jordan entquillt keine zwanzig Wegstunden vom Orontes, richtet sich von Mitternacht gegen Mittag und verliert sich im todten Meere oder asphaltischen See (Birket-Luth), welcher von den Jordanquellen bei vierzig Wegstunden abliegt.

In manchen Gegenden von Syrien regnet es ungefähr wie in heißern Gegenden Europas. Das Klima ist im Ganzen sehr gesund. Viele Lagen des Landes sind reizend. In Menge gibt es Berge und Thäler mit zahlreichen Weiden, worauf große Viehherden sich nähren. Man sieht Bäume gar verschiedener Art, vor allem viel Oelbäume. Die christlichen Dorfbewohner, auch die Drusen bereiten vorzüglichen Wein.

Die ganze Statthalterei zerfällt in vier Paschalik: dasjenige von Tripolis und Akre, Aleppo und Damaskus. Zu letzterem gehört das alte heilige Land. Alle Paschalik wurden im Jahre 1833 von Ibrahim-Pascha, dem Stiefsohne des Vizekönigs von Egypten, erobert und demzufolge vom türkischen Kaiser demselben abgetreten.

Haleb und Damask übertreffen an Größe und Wichtigkeit weit alle übrigen Städte Syriens. Am Mittelmeere ist Beirut (Berytus) noch am wichtigsten mit seinem ziemlich sichern und geräumigen Hafen, in den europäische Kauffahrer nicht sehr selten einlaufen.

Beinahe von allen Kriegen des elften, zwölften und dreizehnten Jahrhunderts, als den blutigen Begleitern der Kreuzzüge, wurde Syrien heimgesucht; am drückendsten die drei Städte Jaffa und Akre und Damaskus. Bis auf den heutigen Tag sind die Spuren von den Waffen und dem Aufenthalte der alten Kreuzfahrer, welcher Jahrhunderte lang dauerte, nicht verwischt.

Nun einige Bemerkungen über die verschiedenen Religionsbekenntnisse der Bewohner in Syrien.

I. Der Mohammetanismus heißt auch Islamismus, nach dem arabischen Worte Islam, welches Ergebenheit in Gott bedeutet. Vom berühmten Mohammet gestiftet, begann er in Arabien gegen das Jahr 611 der christlichen Zeitrechnung. Wie damals das Juden- und Christenthum unter den Arabern große Fortschritte machte und der Stamm, dem Mohammet angehörte, der Abkunft von Abraham und Ismael sich rühmte, so glaubte der neue Prediger beiden Religionen einige Grundansichten abborgen zu dürfen, um sie in diejenige Religion überzutragen, welche er zu stiften im Begriffe war. Er nahm das alte und neue Testament großentheils an, indem er Moses, David und Jesus als Gesandte Gottes anerkannte. Er aber ging von der Ansicht aus, daß ihre Lehren mit der Zeit verderbt worden seien, und behielt sich darum vor, der wahren Verehrung des höchsten Wesens auf dem ganzen Erdkreise Bahn zu brechen.

Die Hauptglaubenslehren des Islams sind: Es ist nur ein Gott (Allah uhu) und außer Gott ist kein Gott, und Mohammet ist sein Prophet (Nabi). Es gibt böse und gute Engel. Jene verfolgen unablässig den Menschen, damit er Böses thue; diese sind von Gott beauftragt, ihn auf dem Wege der Versuchung im Guten zu unterstützen. Das Schicksal eines Jeglichen, das Gute, wie das Böse, ist vorausbestimmt und erfolgt unabänderlich, was man Fatalismus heißt. Die Seele ist unsterblich, und am jüngsten Gerichte wird Jeder den Lohn nach seinen Werken empfangen. Unter dem heißen Himmel gleichsam glühend, suchen die Moslim ihr größtes Gut in den sinnlichen Vergnügungen und glauben auch, daß die Auserwählten des Himmels inmitten frischer Gebüsche, am Gestade lauterer Bäche, am Rande reicher Brunnquellen ruhen, umgeben von den verführerischen Huris mit ihren schönen, immerdar jugendlichen Augen, umkoset von jenen Jungfrauen, welche nichts zu thun haben, als den Seligen Genuß zu verschaffen.

Die Hauptsittenlehren sind überhaupt Ehrerbietung, Vertrauen und Gehorsam gegen Gott, Gerechtigkeit, Versöhnlichkeit und Mildthätigkeit gegen die Menschen und Gehorsam der Kinder gegen die Aeltern. Insbesondere aber wird den Gläubigen vorgeschrieben: 1) Die Reinlichkeit, zumal durch die Waschungen. 2) Das Gebet. Es wird im Tage fünfmal verrichtet, allein oder mit Andern und wo? ist freigestellt; nur am Freitage muß es in der Moschee oder in Versammlung geschehen. Obgleich dieser Tag der eigentlich Gott geweihete Tag ist, so können dennoch die Gläubigen an demselben die Zeit vor und nach dem Gottesdienste mit Arbeiten zubringen, welche jeder Stand und Beruf erfordert. Lediglich zwei Feste verlangen gänzliche Ruhe der Arbeit, nämlich das große und kleine Bairam. 3) Das Fasten durch einen Monat (Ramasan), während dessen man die ganze Tageszeit hindurch weder Speisen, noch Getränke zu sich nehmen, selbst nicht Tabak rauchen darf. 4) Das Entrichten des Zehnten. 5) Die Wallfahrt nach dem Heiligthume zu Mekka, welche jeder freie Mohammetaner wenigstens einmal in seinem Leben unternehmen soll, insofern seine Gesundheit es zuläßt.

Das Beispiel der alten Araber und Ismaels, des Sohnes Abrahams, befolgend, verrichten die Mohammetaner die Beschneidung. Sie unterscheiden nach Moses die unreinen Thiere. Der Islam verbietet den Genuß des Weins und jedes andern berauschenden Getränkes. Hingegen gestattet er dem Manne zur nämlichen Zeit vier Weiber und daneben so viel Beischläferinnen (Sklavinnen), als er halten will oder kann.

Die Lehren und Vorschriften der Moslim stehen geschrieben in einem Buche, welches man nach dem Arabischen el-Koran nennt. Die Anhänger geben vor, daß die verschiedenen Abschnitte dieses Buches von Zeit zu Zeit Mohammet, ihrem Propheten, von dem Erzengel Gabriel geoffenbaret worden seien. Ausgenommen die Lehrsätze des Glaubens, handelt der Koran auch von der Sittenlehre, von der Ehe, von der Scheidung, der Nachfolge. Mit einem Worte, er vertritt, in dem religiösen Gewande, mehr oder minder ein Zivil- und Kriminalgesetzbuch. Da er arabisch abgefaßt ist, so wurde diese Sprache die heilige der Perser, Türken und anderer mohammetanischer Völker, welche sämmtlich darin übereinstimmen, daß sie ihre Zeitrechnung mit der im Jahre Christi 622 erfolgten Flucht Mohammets von Mekka nach Medina beginnen. Diese Zeitrechnung nennen sie Hedschra, was Auswanderung oder Flucht bedeutet. Das Jahr der Mohammetaner ist übrigens ein Mondenjahr, das heißt, es zählt elf Tage weniger, als das unsrige.

Unter den Mohammetanern gibt es ebenfalls Leute, welche ein frommes Leben in der Zurückgezogenheit wählen. Diese Art von Mönchen wird mit einem Namen belegt, welcher einen Dürftigen bezeichnet; im Arabischen Fakir, im Türkischen und Persischen Derwisch. Diejenigen, welche sich einem beschaulichen Leben überlassen, tragen den Namen Ssûfi. Die mohammetanischen Mönche bilden verschiedene Orden, deren Alter auf die ersten Khalife zurückreicht. Die meisten Brüder, wie sie sich gegenseitig nennen, haben ein strenges Noviziat und lange Prüfungen zu bestehen, bevor sie in den Orden aufgenommen werden. Viele leben gemeinsam in einem Kloster; Andere führen ein Einsiedlerleben; noch Andere lassen sich in einer Gegend nieder, oder ziehen Land auf Land ab. Allen steht es frei, ihren Stand zu ändern und das Leben so einzurichten, wie es ihnen am beßten gefällt. Die meisten Brüder, welche einem beschaulichen Leben sich ergeben, befleißen sich einer Weltüberwindung, die man nicht weiter treiben könnte, und beträchtlich ist die Anzahl Bücher, worin ihre Hirngespinste verzeichnet sind. Die anderen Brüder dagegen, welche die Welt lieben, leben zügellos, und man vermag nichts so Ausschweifendes auszusprechen, das von ihnen nicht begangen würde. Solche heißen Kalendris und Santone.

Die mohammetanische Kirche war zu allen Zeiten in viele Sekten gespalten, welche, nicht besser, als die Christen gegen einander, sich grausam bekriegten. Der Krieg hob gleich nach dem Ableben Mohammets das Haupt empor. Der Prophet vergaß, seinen Neffen und den Gemahl seiner eigenen Tochter Fatima, mit Namen Ali, zu seinem Nachfolger zu erklären. Als daher die Anhänger Mohammets das Khalifat nach einander Abubeker, Omar und Othman übertrugen, gab es damals Rechtgläubige, welche wider die Ungerechtigkeit Lärm schlugen und sich weigerten, einen andern für einen gesetzlichen Fürsten anzuerkennen, als Ali. Wie dann später dieser zum Khalifen erhoben ward, warfen sich viele von den Widersachern gegen ihn auf, und der Bürgerkrieg tränkte mit Blut alle Gegenden, in welchen das neue Gesetz Eingang fand. Dies ist der Ursprung der beiden Hauptsekten, in welche heute noch die Anhänger Mohammets zerfallen, und welche von diesen durch die Namen Sunniten und Schiiten unterschieden werden.

II. Das Judenthum zählt eine große Anzahl von Gläubigen fast im ganzen Morgenlande, vorzüglich aber in Syrien, wo viele von ihnen heilig gehaltene Denkmäler angetroffen werden. Diese Religion nimmt keine andere Offenbarung an, als die Jehovas durch Moses und die Propheten für das auserwählte Volk. Die Juden, oder, wie man sie auch heißt, die Hebräer oder Israeliten betrachten in Gott nur eine Person. Ihre heiligen Bücher sind das alte Testament, zum größten Theile in hebräischer Sprache geschrieben. Sie erwarten die Ankunft eines Messias, welcher für die Gläubigen ein großes Reich gründen soll. Sie nehmen die Beschneidung vor, haben viel Zeremonien und heiligen den Sabbath. Als sie Judäa im Besitze hatten, standen ihnen Opferpriester vor, genannt Leviten nach dem Stamme Levi. Statt derselben lehren nun Meister in der Schrift, unter dem Namen Rabbiner, in den Synagogen oder in den jüdischen Tempeln das Gesetz. Auch diese Religion zählt ihre Spaltungsgläubigen. Am meisten geltend machten sich die Talmudisten und Rabbinisten, letztere so geheißen wegen ihrer Achtung für die Lehren der Rabbiner, erstere wegen ihrer Verehrung des Talmud, eines Buches, das viel gute, mitunter aber auch wenig gesunde Dinge enthält.

III. Mitten unter Mohammetanern und Maroniten leben die Drusen auf den Bergen Libanon und Antilibanon. Sie machen aus ihrem Glaubensbekenntnisse, einem bunten Gemische christlicher und mohammetanischer Religionsvorschriften, ein großes Geheimniß. Sie hassen die Mohammetaner, bekennen sich aber äußerlich doch zum Islam. Sie wollen die Nachkommen jener Christen sein, welche in den ersten Zeiten des Nazarenismus über den Jordan sich zurückgezogen hatten. Die Akal sind eine Art Priester; selbst Weiber werden in den Orden der Akal aufgenommen. Dieselben stehen dem Gottesdienste in den Kapellen oder Khalue vor. Die Kinder werden bei den Drusen nicht beschnitten. Gastfreundlichkeit wird an dieser Völkerschaft vor Allem gepriesen.

IV. Unter den eigentlichen Christen versteht man solche, welche, ohne an die Lehren Moses und der Propheten sich ausschließlich und streng zu binden, an die Offenbarung im neuen Testamente, an Christus, an die Vergebung der Sünden und an die Auferstehung des Fleisches glauben. Sie nehmen die Taufe vor und feiern den Sonntag. Von so vielen Glaubensbekenntnissen, in die sich die Christen theilen, nimmt man in Syrien neun wahr, welche sämmtlich einige Priester in Jerusalem und zum Theil im großen Tempel des Christus-Grabes unterhalten.

1. Die griechische oder morgenländische Kirche. Die Hauptunterschiede derselben von der römisch-katholischen Kirche betreffen die hierarchische Selbstständigkeit außer der Linie der päpstlichen Oberherrschaft, die Lehre, wonach der heilige Geist nur vom Vater ausgeht, das Abendmahl unter zwei Gestalten und die Priesterehe. Die Griechen haben sieben Sakramente, welche sie Geheimnisse nennen; allein sie verknüpfen damit nicht den gleichen Begriff, wie die Lateiner. Sie betrachten nur zwei als von Gott eingesetzt, nämlich die Taufe und das Abendmahl. Die übrigen fünf Sakramente halten sie für Anordnungen der Kirche. Sie verrichten die Firmelung zugleich mit der Taufe, welche letztere in einer dreimaligen Eintauchung des ganzen Körpers in Wasser besteht. Sie verwerfen die Unauflöslichkeit der Ehe, z. B. bei Ehebruch, und sie verbieten das Heirathen zum vierten Male. Sie unterwerfen sich den strengsten und den härtesten Bußübungen. Sie halten an den Beschlüssen der ersten und zweiten nizänischen, der ersten, zweiten und dritten konstantinopolitanischen, der ephesischen und chalcedonischen ökumenischen (allgemeinen) Kirchenversammlung. Der ökumenische Patriarch in Konstantinopel gilt als das Oberhaupt der nicht-russischen Kirche.

2. Die armenische Kirche, welcher beinahe alle Armenier angehören. Diese Christen begehen wenig Feste, und verwerfen die Verehrung der Heiligen. Sie haben etliche Patriarchen. Der erste unter ihnen führt den Titel: Katholikos, und hat seinen Sitz in Etschmiazim bei Eriwan. Ihre Abweichungen von der lateinischen Kirche stimmen mit denen der griechischen ungefähr überein. Viele Armenier traten in den Schooß der römischen Kirche.

3. Die Kopten, die auch unter dem Namen der Christen von Egypten, Nubien und Habesch bekannt sind. Diese Monophysiten haben die Verehrung der Bilder angenommen, und zwei Sonderbarkeiten zeichnete sie aus: Sie behielten, obschon sie die Taufe einführten, die Beschneidung bei, welche indeß mehr als angeerbte alte Volkssitte, denn als religiöse Zeremonie angesehen werden darf; sie heiligen den Sonntag und einen Theil des Sabbaths. Ihr Patriarch, ziemlich arm, hat seinen Sitz in Kairo, den Titel: Patriarch von Alexandrien und Jerusalem, und er bestellt für Habesch einen Generalverweser, welcher Abunak heißt.

4. Die Kirche der Maroniten, genannt nach Maron, ihrem Stifter, der im fünften Jahrhunderte lebte, und welcher der Kirche eine eigene Verfassung gab. Die meisten Maroniten halten sich am Berge Libanon und in Zypern auf. Sie unterwerfen sich den Beschlüssen der vier ersten ökumenischen Kirchenversammlungen, und erkennen in Christus eine Person und zwei Naturen. Allein als Monotheleten lassen sie diesen zwei Naturen nur einen Willen zu. Ein großer Theil dieser Glaubensbekenner schloß sich den Lateinern an, hielt jedoch beinahe an allen Gebräuchen der morgenländischen Kirche fest. Diesen Maroniten wird das Oberhaupt von Rom gegeben. Es führt den Titel: Patriarch von Antiochien, und wohnt im Kloster auf dem Libanon.

5. Die chaldäische (syrische) oder Nestorianische Kirche. Ihre Anhänger verwerfen die Beschlüsse der dritten, zu Ephesus gehaltenen ökumenischen Kirchenversammlung, wo ihre Lehre verdammt wurde. Sie nehmen in Christus zwei Personen an, und weigern sich, Marien, der Gattin Josefs, den Namen Gottesgebärerin zu verleihen. Sie verabscheuen die Verehrung der Bilder. Seit dem Jahr 1599 vereinigten sich viele Nestorianer mit den römischen Katholiken, unter Vorbehalt der Priesterehe und des Abendmahls in zwei Gestalten.

6. Die Kirche der Eutychianer oder Monophysiten heißt nur die drei ersten ökumenischen Kirchenversammlungen gut, und nimmt in Christus einzig die Mensch gewordene göttliche Natur an. Deswegen wird das Zeichen mit einem Finger gemacht.

7. Die Jakobiten. Sie nennen sich also nach Jakob Baradai, einem syrischen Mönche des sechsten Jahrhunderts, welcher in der Absicht Syrien und Mesopotamien durchzog, um die Monophysiten in eine Kirche zu vereinigen. Er brachte sie in der That unter eine kirchliche Oberherrschaft. Sie stehen unter zwei Patriarchen, unter dem syrischen zu Diarbeker oder Aleppo und unter dem mesopotamischen im Kloster Saphran bei Medin. Die Jakobiten haben mit den koptischen Christen die Gewohnheit der Beschneidung gemein, verehren die Bilder, und die meisten traten zur lateinischen Kirche über, indem sie jedoch einigen eigenthümlichen kirchlichen Gebräuchen forthuldigten.

8. Die alte abendländische, die lateinische oder römisch-katholische Kirche. Alle Welt weiß, daß sie den römischen Papst als Statthalter Jesu Christi und ihr Oberhaupt anerkennt, welchem die meisten Lateiner die Eigenschaft der Unfehlbarkeit in Glaubenssachen ausschließlich zutrauen. Die Römischen haben sieben von Gott eingesetzte Sakramente; sie verrichten die Taufe durch Begießung mit Wasser; sie nehmen beim Abendmahle die Verwandlung an; sie halten Ohrenbeichte, verehren Heilige, glauben an ein Fegfeuer, thun Werke der Buße, empfangen Ablaß der Sünden, die Mönche werden durch Gelübde gebunden, die Priester müssen im ledigen Stande leben. Die Kirchenversammlungen sind unfehlbar, nicht bloß die allgemeinen, welche vor der Trennung der morgenländischen und abendländischen Kirche gehalten wurden, mit Ausnahme des Concilium Trullanum oder Quinisextum, sondern auch viele andere. Die letzte Kirchenversammlung war in Trient vom Jahre 1545 bis 1563.

9. Man darf sich nicht wundern, daß die abendländischen Christen ohne ein sichtbares Oberhaupt der Kirche, nämlich die Protestanten, welche für die Bekehrung der Heiden eine rastlose Thätigkeit entwickeln, auch Geistliche aufweisen können, die, aus Religionsabsichten, in Jerusalem festen Sitz genommen haben.

Die Mannigfaltigkeit der Religionsbekenntnisse fordert zur ernstesten Betrachtung auf. Es ehren bis auf diesen Tag die Menschen Gott auf ihre verschiedenen Weisen, trotz des Glaubenszwanges, trotz der Bannflüche, trotz der Blutströme. Dem überstrengen Vater entläuft der Sohn im Augenblicke seiner Ermannung. Die Sadduzäer, die abendländischen Christen, die Protestanten waren nicht aus sich selbst erzeugt, sondern sie hatten ihre rechtmäßigen Erzeuger in dem Pharisäismus, in der morgenländischen Kirche, in dem römischen Papstthume. Wir feiern die Männer, welche Duldsamkeit predigen. Wie todt muß die Wahrheit der Geschichte sein. Die Duldsamkeit sollte sich wohl von selbst verstehen.

So viel als einleitende Bemerkungen.

Gaza.

Gaza, sprich Gâsa, liegt reizend auf einer kleinen Anhöhe, drei Viertelstunden vom Meere (vom alten Hafen Majumas). Gegen Aufgang stellt sich der Hebron. Bäume, Fruchtfelder und Wiesen wechseln in der Umgegend, um das Auge zu ergötzen. Eben sah ich die Kühe im Grünen friedlich weiden. Die Stadt ist nicht groß, und enthält, nach den Versicherungen des Militärarztes daselbst, Dr. Tarabra, eines durchaus kenntnißreichen und einsichtsvollen Mannes, sechs- bis siebentausend Einwohner. Die Gassen sind schmal, krumm, uneben, ungepflastert; die einen Häuser haben platte, andere dagegen kuppelförmige Dächer. Die Moschee, einst eine griechische Kirche, ist groß und schön. Man findet viele alte Ruinen, z. B. Säulen mit Knäufen, und Nachgrabungen müßten Schätze aufdecken.

Die Bevölkerung ist weiß; viele Männer zeichnen sich durch Schönheit aus; das verschleierte Antlitz der Frauenspersonen entzieht sich der Beurtheilung; die Kinder sind blaß oder gelblich. Die Bassar durchrauschet viel Leben. Unweit von denselben erblickte ich wieder die Zelte unsers Kontumaznachbars Mustafa-Bei und in ihren Sternen viel Freundlichkeit.

Ich hatte eine Empfehlung an den Dr. Tarabra, welcher mich sehr gastfreundlich aufnahm und behandelte. Ich verdanke ihm, außer den Mittheilungen über die Größe der Bevölkerung, noch andere, welchen ich hier zum Theile einen Platz anweisen werde. Die arabischen Weiber empfangen in Gaza sehr leicht; sie gebären ohne Hebammen, selten aber fünf bis sechs Male. Als die Pest ihre Verheerungen anrichtete, mußte Tarabra, in der Eigenschaft eines Physikus der Provinz, alle Todesfälle bewahrheiten, und da fand er das Verhältniß der gestorbenen Kinder zu den gestorbenen Erwachsenen wie 5 zu 1. Dieses Verhältniß beweiset eine schreckliche Sterblichkeit der Kinder, selbst wenn sich dasselbe wie 3 zu 1 umwendet. Am meisten klagte Tarabra über die griechischen Weiber. Durch ihr unsinnig strenges Fasten, welches sich beinahe einzig auf schlecht gekochte Linsen und Oliven beschränke, bedingen sie die Absonderung einer schlechten Milch, welche den Säugling bisweilen nicht zu ernähren vermöge. Er sah sich bewogen, den griechischen Bischof deshalb um Dispensen anzugehen. Die Bewohner von Gaza leiden vorzugsweise an Rheumatismen und Katarrh (nicht aber an Lungenkatarrh). Oft verschlimmern sie letztere Krankheit durch die landesüblichen Bäder. Auch kommt der Scharbock nicht selten vor. Die Araber werfen sich am liebsten in die Arme unwissender Menschen. Eine große Plage anderer Länder, nämlich die Lungenschwindsucht, geißelt die Einwohner von Gaza sehr selten, und hier dürfte vielleicht der Schwindsüchtige mehr Linderung hoffen, als in dem gepriesenen Nizza.

Fortsetzung der Reise nach Jerusalem.

Allee; Um- und Unfall; Ebene Sephela; Aushaltigkeit der Thiere; verführerischer Weg; Nutzen des Hundegebells; Länge des Philisterlandes; Freude über eine fränkische Herberge in Ramle.

Den 27. Wintermonat.

Ich faßte ungerne den Entschluß, das anmuthige Gaza so bald zu verlassen.

In Egypten zauderte ich immer noch mit der Ausführung der Reise nach Asien. Wäre sie unterblieben, ich würde einen unverzeihlichen Unterlassungsfehler begangen haben.

Dr. Tarabra hatte die Güte, Alles für die Abreise zu veranstalten. Die Regierung raffte für den Bedarf der nach Arabien beorderten Truppen alle Kameele zusammen, und ohne die menschenfreundlichen Bemühungen meines Kunstgenossen für die Auswirkung eines Regierungsbefehles würde ich zuversichtlich keines sogleich bekommen haben. Ich nahm in dankbaren Ausdrücken Abschied von meinem Gastfreunde, und schwang mich auf das Kameel; mein ganzes Gepäcke lag neben und unter mir. Einen Schritt vor Gaza wurde ich angehalten. Die Sonne ging immer höher, ohne daß ich um die Ursache des Stillstandes wußte. Es sammelten sich immer mehr Zuschauer um mich herum. Endlich verlor ich — die Geduld. Ich krächzte in der Sprache der Kameeltreiber ch ch, das Kameel fiel auf die Kniee, und ich stieg ab, im Vorhaben, bei Tarabra meine Klage vorzubringen. Im Nu kam mein Treiber auf einem Esel dahergeritten. Wahrscheinlich wollte man durch die Verzögerung ein Geschenk erzwingen, oder der Treiber harrte auf der Lauer, um Zeit zu gewinnen, damit ich heute nicht mehr in Ramle anlange. Kurz, jetzt ging es.

Der Weg zog durch einen Wald alter, in Menge zerklüfteter, in regelmäßigen Reihen stehender Oelbäume. Gaza muß nach dem Zeugnisse unserer Tage ehedem von großer Bedeutung gewesen sein.

Wenn man die ausgetretenen Wege besieht, so träumt man sich hinter Jahrtausende zurück, da auf ihnen der Fuß der Menschen, um nur der alten Kananäer, Philister und Juden zu gedenken, schon wandeln mochte; überschaut man den Boden des Feldes, so wird man seine Güte lobpreisen, daß er ohne Speisung fort und fort mit Ueppigkeit die Früchte hervorbringt.

Beinahe mitten auf dem Wege nach Ramle hatte mein Thier einen kerngesunden Einfall. Um den Reiter los zu werden, fiel es auf die Kniee und legte sich auf die Seite. Ich kroch vom Sattel hinweg. Mit bestaubten Kleidern setzte ich mich sogleich wieder auf das Kameel, welches dann ohne weitere Umfälle den Weg fortsetzte.

Der Kalkstein senkt sich von Südwest nach Nordost, und guckt mit seinen Höckern hie und da hervor. Die Erde ist fahl bis gegen Ramle, wo sie röthlich zu werden beginnt.

Etwa an acht Dörfern auf der Ebene Sephelah kam ich vorüber. Wie nahe ich an den alten Ortschaften Askolon, Astod, Gath, Jabueh und Ekron vorüberritt, vermag ich freilich nicht zu bestimmen. So viel ist gewiß, daß kein fließender Bach, weder der Eschkol (Traubenbach), noch der Jarkon, überschritten wurde, und die gerühmten Weinpflanzungen entgingen meinem Auge. Die Häuser Sephelahs stehen alle städteartig beisammen. Weil sie niedrig und die Dächer bauchig oder gewölbt sind, so erkennt man von der Ferne ein Dorf mit einiger Schwierigkeit; anders verhält es sich, wenn der Giebel hoch aufragt. Das palästinische Dorf sieht häßlich aus. Die Häuser sind von unbearbeiteten Steinen aufgeführt, die Dächer derselben sehr dick, mit einer feuerfesten Rinde von Erde, so daß sich darauf hie und da ein geschlossenes Grün ansetzt. Dieser Umstand vermehrt noch die Schwierigkeit, mit der man ein Dorf aus der Ferne erkennt.

Die Weiber auf dem Felde, deren Gesichter ich mit meinem Auge gleichsam erhaschen konnte, waren hübsch. Andern sah ich nur einen Streifen vom Antlitze, welches der Schleier in ein noch größeres Geheimniß verhüllte, als bei den Egypzierinnen.

Bis Ramle sind zwölf Kameelstunden. Das Thier mußte diesen Weg unaufhörlich gehen, ohne daß es Nahrung bekam. Selbst dem kleinen Esel ward kein besseres Loos zu Theil, und durch den größten Theil des Weges trug er den Führer. Die Thiere halten im Morgenlande mehr aus, als in Europa. Sind sie etwa in diesem Welttheile verwöhnt oder verzärtelt? Ich sah, erzählt Wesling, unter der heißen Sonne ziemlich locker angebundene Pferde der Beduinen mit zwei oder vier Loth Wasser für einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hinlänglich gelabt werden.

Zwei Männer zu Esel schloßen sich nicht weit von Gaza als Reisegefährten an. Bei einem Dorfe wollte einer von ihnen links auf einen kleinen Weg mich leiten, der mir ein verführerischer Feldweg zu sein schien. Ich sagte: Nein, ritt rechts davon, und man folgte mir auf dem wirklich richtigen Wege. Etwa drei Stunden von Ramle verließen mich diese Leute, und lenkten in ein Dorf, wohin sie auch mich locken wollten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, daß dieser Reisegefährten einer mir eine Mütze einhändigte, die ich verloren hatte. Es scheint der gute Eindruck noch nachgewirkt zu haben, den er dadurch bekommen mochte, daß ihm ein wenig Speisen aus meinem Vorrathe dargereicht wurden. Ich gab sie zwar nicht ihm selbst, sondern dem Treiber; allein die Araber haben es im Brauche, die Speisen Andern mitzutheilen, und dem Geber in aufrichtiger Gefälligkeit erkenntlich zu sein.

Ich hätte wohl ein ganzes Register von Klagen über meinen Treiber. Er war ein junger, unbärtiger Kerl, und wußte nicht einmal den Weg nach Ramle. Darum fragte er oft darnach; darum wollte er das Uebernachten in einem Dorfe erpochen. Die Sonne war untergegangen, und ich ritt mit diesem unwissenden Jungen. Gegen acht Uhr hörte ich das Gebell eines Hundes. Dasselbe gab mir die Gewißheit, daß ich von Hunden und — folglich auch von Leuten nicht mehr ferne sei. So unwillkommen das Hundegebell sonst, so willkommen war es mir dieses Mal.

Schon zeugte der Boden von fleißigerem Anbaue; die indischen Feigen begleiteten wie ein Geländer die breiter werdende Straße; nun schon entdeckte ich Licht; das Minaret glänzte in der frei- und festtäglichen Beleuchtung; es erscholl ein Chor von Hundegebell. Völlig verschwanden meine Zweifel über die Nähe der Stadt. Unser Weg aber kreuzte sich, und der unwissende Bursche fragte deutend mich um Weisung. Ich war entschlossen, nach der Gegend, wo die Hunde bellten, zu reiten, und winkte sogleich mit der Hand.

Noch sollte mir ein kleiner Unfall begegnen. Nahe schon am Orte meiner Bestimmung trank ich gerade in vollen Zügen das süße Glück, als ein niedriger Baumzweig mir ins Auge fuhr, daß ich im Augenblicke nichts, als einige Funken sah, und daß ich wund und blau wurde. Endlich bin ich in der Stadt Ramle.

Um den Umfang des Philisterlandes zu würdigen, darf ich nur daran erinnern, daß ich es an einem Tage in seiner Länge durchritt; die Breite desselben ist nur unbedeutend. Die Erzählung von den Kriegen, welche die Juden mit den Philistern führten, ist geeignet, die Vorstellung von der Größe des Philisterlandes irre zu leiten.

Müde, aber sehr müde, gleichsam wie zerschlagen stieg ich am Stadtthore ab. Man versicherte mich, daß man beim Reiten auf einem Kameele oder Dromedare ähnlichen Beschwerden ausgesetzt sei, wie auf dem Schiffe. Dies war bei mir wenigstens nicht der Fall, ohne daß ich die Aussage eines Deutschen bezweifeln möchte, welcher dieses Reiten glatterdings nicht ertragen konnte, und daher mit dem Reitthiere zu Fuß ging. Als ein gutes Vorbauungsmittel gegen die Beschwerden, welche das Reiten etwa verursachen könnte, empfiehlt man allgemein das feste Gürten des Unterleibes. Auch ich bediente mich dieses Mittels, das mir in der That sehr behagte.

Ich hatte Empfehlungen an zwei im Dienste des Vizekönigs stehende Franken. Wie sollte ich sie bei Nacht in den menschenleeren Gassen aufsuchen? Ich ließ an einem Hause derb anklopfen. Die Stille in demselben verkündigte die Ruhe aller Hausgenossen. Doch man ließ vom Klopfen nicht ab. Zum Glücke endlich öffnete ein halb gekleideter Mann die Thüre. Er wußte die Wohnungen der bezeichneten Franken. Der Antheil nehmende, gute Mann war bald beredet, mir jene zu zeigen. Leider verfehlte ich die Franken, die sich in Akre befanden. Mir blieb nichts übrig, als in dem lateinischen Hospizium der Spanier, die man mir eben nicht zu ihrem Vortheile schilderte, Herberge zu nehmen.

Dieser Tag war ein unsriger Sommertag. Die Wolken, durch welche die Strahlen der Sonne in Strähnen brachen, arbeiteten an einem Schauer, und der Regen drohte bei der schwülen Witterung. Tags lärmten in großer Menge die Thiere der Luft, die Vögel, und Nachts die Thiere der Erde, die Insekten. Alles, was da lebt auf und über der Erde, singt Tag und Nacht das Hochzeitlied, zur Freude der Menschen.

Ach, wie war ich bei meiner Müdigkeit froh, in einer fränkischen Herberge ausruhen zu können. Von den Patres freundlich begrüßt, ward ich ins Refektorium eingeladen. Sie setzten mir Eier, Fische, Käse, Brot und Wein vor, und ich sättigte mich mit Wohlgefallen.

Den 28.

Ueber Nacht rollte Sommerdonner.

Ich wollte nach Jerusalem abreisen; allein da der Eseltreiber noch durch das Beladen der Esel mit Fischen (vom Hospizium, welches mir es verheimlichte) mich zum Warten nöthigte, und da ich unter solchen Umständen nicht glauben durfte, daß ich noch bei Tageszeit in Jerusalem anlangen würde, so blieb ich, obwohl sehr ungerne, zurück. Bereits nämlich verließ ich das Hospizium. Ich stand schon am Orte, wo die Esel beladen wurden; das Felleisen war schon aufgepackt. Ich drängte auf schnelle Abreise. Es half nichts, indem der Muchero (Eseltreiber) wähnen mochte, daß ich weder selbst das Felleisen forttragen, noch bei der schwachen Morgendämmerung das Hospiz finden werde. Der Mann aber thäte sich verrechnen. Ich hob das Felleisen auf die Schulter und trug es ins Hospiz.

Rama, Ramla oder Ramle, ungewiß das Arimathia der Bibel, ist weder hübsch, noch groß, aber in einer sehr fruchtbaren Gegend und unter einem milden Himmel. Auch hier liegen Ueberbleibsel von Alterthümern, z. B. Säulen, herum. Von der Stadt aus eröffnet sich eine köstliche Aussicht ins Gebirge Juda bis zum Ephraim.

Der Bassar ist unansehnlich. Ich konnte der Anlockung nicht widerstehen, Brot und einige Früchte zu kaufen, die ich mit Lust verzehrte.

Zum Zeitvertreibe besuchte ich das griechische Kloster, welches ebenfalls Pilger beherbergt. Der Erzpriester empfing mich mit vieler Freundlichkeit, verstand aber keine der fränkischen Sprachen, und so mußten wir uns begnügen, einander anzuschauen, was doch unstreitig viel bequemer ist, als eine auf Nadeln setzende Anrede von Komplimenten zu halten.

Ende der Reise nach Jerusalem.

Uebereinkunft unter den Augen der reverendissimi patres; Abreise um vier Uhr Morgens; Trümmerchroniken; St. Jeremias und sein Brunnen; Terebinthenthal; Einförmigkeit des Judagebirges; si mira Gerusalemme; im Neuhause abgestiegen; vortrefflicher Wein; vor Freude fast Leid am Moriah.

Sonntags den 29. Wintermonat.

Ich habe mich einen Abend vorher mit dem asiatischen Eseltreiber des Hospiziums unter den Augen der Mönche abgefunden. Heute griff man der gestrigen Vergeßlichkeit damit unter die Arme, daß man mein Gepäcke ohne größere Bezahlung nicht mitnehmen wollte. Mit dem Hospizium war kein Streit anzufangen. Froh, von nicht sehr würdigen Vätern mich einmal entfernen zu können, gab ich nach, obgleich ich über das Vorgefallene ein wenig schmollte. Weit mehr ärgerte mich, daß der roth- und triefäugige Knecht des Hospiz mir die Flasche voll Rhum zerschlug oder zerbrechen ließ.

Etwa um vier Uhr in der Frühe reiste ich einzig in Begleit eines jungen Menschen ab. Ich durchritt eine Ebene, welche die Nacht mir verbarg. Beim Grauen des Tages erreichte ich den Anfang des Gebirges von Juda. Auf einem Hügel hart am Wege stand ein Dörfchen. Nun schlängelte sich der Weg gegen Morgen durch ein Thal, dessen Hügel allmälig zu Bergen sich aufthürmten. Der Paß ist nur eine kurze Strecke enge. Hie und da unterbrechen den Boden Bäume und der Pflug. Ueberdies wird die Gegend durch die lärmenden Hirten belebt. Bevor man den Scheitel des nächsten Berges gewinnt, wo eine schöne Fernsicht bis auf das Mittelmeer sich aufschließt, erblickt man rechter Hand, auf einem Hügel, vom Wege unfern ein Dorf inmitten von Oelbäumen. Dort mag die Hälfte des Weges von Ramle bis Jerusalem sein. Von dem Scheitel jenes Berges läuft der Weg zuerst ziemlich eben, dann hinunter und hinauf. Jetzt hinuntersteigend, kommt man an dem Dorfe St. Jeremias vorüber, welches an die nördliche Abdachung eines Berges gebaut ist. Den heitern Blick desselben erwiedern mit einem ernsten und finstern einige Ruinen daneben, welche wohl aus den Zeiten der Kreuzzüge stammen. Diese, wie andere Trümmer an verschiedenen Stellen im Gesichtskreise auf der Bergreise sprechen wie Chroniken. In Jeremias ist das jüdische Gebirge milde; der Feigenbaum trug noch die Blätter, während die Kälte sie in höhern Gegenden gepflückt hat.

Gelangt man von St. Jeremias ins Thal, so zieht rechterseits ein Brunnen die Aufmerksamkeit auf sich. Es liegen jetzt noch Stücke einer Marmorsäule herum. Sie war vielleicht ein Bestandtheil der Verzierung eines Brunnentempels. Weiter beginnt das Weinland. Die Rebe steht da stämmig wie ein Baum, ohne Stütze, ohne Band. Der Blätter gelbe Farbe feierte den Herbst. Auch anderwärts am Wege nach Jerusalem trifft man Weinfeld.

Ich bestieg dann eine Bergspitze mit malerischer Aussicht — auf den wenigstens anderthalb Stunden offen liegenden Weg. Darauf kam ich in eine tiefe Thalschlucht, ins Terebinthenthal, ehe ich aber sie erreichte, an einem Brunnen vorüber, auf dem eine arabische Inschrift steht. Die Sitte der alten Morgenländer befolgend, errichten die Mohammetaner über den Quellen kleine Tempel. In der Thalschlucht selbst, welche von dem Laub der Feigen- und Zitronenbäume beschattet wird, weilt das Auge des Wanderers auf einem ziemlich freundlichen kleinen Dorfe. Von dem Bollwerk einer Ruine herunter redete mich ein Mann an, der vielleicht mich gastlich einladen wollte.

Jetzt ging es auf die letzte Bergkuppe, fast oben neben einer langen Reihe von Kameelen langsamen Schrittes gegen Sonnenuntergang.

Der Weg auf dem Juda ist zwar ein wenig schmal, doch schwierig nirgends, vielmehr überall deutlich, fest ausgetreten, in Summa fürtrefflich für den, welcher die schweizerischen Berge bereiset hat. Neben diesem Wege erhebt sich das Land hier und da stufenförmig, gleich Weingärten, was unzweifelhaft läßt, daß der Anbau des Bodens einst weit mehr geblühet hatte. Gleich am Eingange ins Gebirge erkennt man ohne Mühe die Vierecke der Felder, nunmehr voll kleineren Steingerölles. Auf Geschiebe stößt man im Gebirge ungemein häufig, und der Hauptzug desselben ist Kahlheit. Zwischen den Steinen und Felsen gedeihen wohl gewürzhafte Kräuter, grüne Gebüsche, lachende Bäume; allein diese sind unvermögend, die Gegend im Ganzen lieblich und freundlich zu kleiden. Im Uebrigen verdient der Juda wirklich den Namen eines Gebirges, selbst nach dem Wörterbuche des Hochländers; nur mangeln höhere Berge, die einen majestätischen Eindruck machen. Meist sind die jüdischen abgerundet, und böschen sich gleichmäßig. Kein Bach wälzte sich rauschend bergab durch die Schluchten und Thäler; nirgends tosete der Berggeist in wildem Schaum über einen Felsabsturz; ich konnte im Terebinthenthale höchstens über eine Brücke setzen, welche über einen trockenen Bach sich wölbte.

Auf dem Wege über das Gebirge begegneten mir nicht selten Leute, darunter unverschleierte, aber eben nicht schöne Frauen und Mädchen, auch ein Weib auf einem Kameele. Mein Hut vor Allem schien sie zu befremden. Einigen las man auf ihren Gesichtern: Ach wäre nur die Polizei nicht so strenge, wie gerne wollte ich diesen Menschen ausplündern. Möchten die leidenschaftlichsten Gegner einen Mehemet-Ali und Ibrahim-Pascha nur als Urheber zahlloser Ungerechtigkeiten und Verbrechen auslästern, so viel Unparteilichkeit werden auch sie besitzen, um diesen Männern nachzurühmen, daß unter ihrem mächtigen Arme die Abendländer eines unschätzbaren Gutes, nämlich öffentlicher Sicherheit, sich erfreuen.

Wie ich auf dem letzten Bergscheitel stand, entschwebte mir der Gedanke, daß ich von der Tochter Zions nicht mehr ferne sein könne. Ich durfte eine kurze, nicht sehr merklich abschüssige Strecke fortrücken, bis ich weißgraue Thürme und Streifen von Mauern erblickte. Ich hielt sie für Jerusalem. Ich wurde in dieser Meinung bestärkt, weil Weiber, nach Art der Marktleute, mit beladenen Köpfen uns begegneten. Als ich zudem das Schmettern der Trompeten vernahm, gerieth meine Seele in den Zustand der größten Spannung. Noch ein wenig weiter, und der Führer, ein arabischer Jüngling, schlug auf einmal meine Ungewißheit aus dem Felde, mit den fränkischen Worten: Si mira Gerusalemme (Man sieht Jerusalem). Da ist denn die Schaubühne so verschiedenartiger Auftritte, so schroffer Zerwürfnisse, so blutiger Kriege, so mächtiger Umwälzungen, so harter Drangsale, so freudiger Begeisterungen. Das ist die vielgenannte Stadt, wie keine auf dem ganzen Erdballe so reich an Erinnerungen für den gläubigen Christen und den Staub von Israel.

Glaubst du Jerusalem in einem Thale, wo es von oben her einen köstlichen Anblick darbiete? Du lebst in der Täuschung. Es liegt nur wenig tiefer, als der letzte Bergscheitel und von diesem in der Entfernung etwa einer kleinen Stunde. Glaubst du Jerusalem in der Mitte anmuthiger Fluren? Du wirst dir der lieblichen Trugbilder aufs schmerzlichste bewußt. Der Weg leitete bloß durch steinigen Boden, wie ihn Strabo schon nannte, selbst bis zu den Mauern; das seltene Grün zwischen den Felsen und Geschieben leistet wenig oder keine Entschädigung. Als die Stadt ganz nahe vor mir lag, so erschien sie ohne eigentliche Bedeutung und ohne Pracht. Eben übte sich das egyptische Militär in den Waffen vor den Mauern am Berge Gihon, und die Einsilbigkeit der Stadt ließ mir Muße übrig, das Kriegsvolk zu durchmustern.

Ich kam etwa um zwei Uhr Nachmittags im Zickzack durch das Jaffathor, und wenn auf dem ganzen Wege mein Auge in keinem einzigen murmelnden Bächlein sich badete, so fiel mir gleich eine Pfütze auf, mitten in der äußerst schlecht gepflasterten Gasse. Diese Pfütze, dieses Straßenpflaster und elende Häuser, — das ist, was in Jerusalem zuerst meinen Blick fesselte. In die zweite Gasse links bogen wir ab. Bald erreichten wir das Neuhaus (casa nuova), ein Gebäude, welches dem Kloster der Franziskaner oder des Erlösers (S. Salvatore) angehört, wiewohl ein Gäßchen jenes von letzterem trennt.

Mein Gepäcke wurde in den Hof des Neuhauses gelegt und, nachdem mir von dem freundlichen Klosterverwalter der Aufenthalt bewilliget worden, in ein Zimmer geschafft. Ich schnitt ein saures Gesicht, als ich vergebens Fenster suchte. Auf meiner Wanderung über das Judengebirge war es kühl, jetzt fing es mich an den Füßen ordentlich zu frieren an, und später fror es mich so stark, daß ich Mühe hatte, mich zu erwärmen.

Da das Mittagessen schon vorüber war, so mußte ich mit übrig gebliebenen Speisen mich begnügen. Der reichlich vorgesetzte Wein schmeckte mir vortrefflich, und je mehr ich nippte, desto herrlicher mundete mir der edle Saft der Rebe. Auch genoß ich seit meiner Abreise von Kairo kein schöneres und besseres Brot.

Ich verspürte einige Müdigkeit, zwar nicht vom Gehen, obschon ich den weitaus größten Theil des Gebirgsweges zu Fuß zurücklegte, sondern vom Reiten wegen des unförmlich breiten Sattels. Darum unternahm ich diesen Tag nur noch einen kleinen Spaziergang durch etliche Gassen der Stadt. In meiner frohmüthigen Stimmung zu Jerusalem zwischen dem Gehinnon und Josaphat, dem Zion und Oelberg und Golgatha sang ich mitten durch den Bassar unter der Menge von Menschen. Mein Gesang aber hörte plötzlich auf. Warum? Das will ich erzählen. Bei meinem Mangel der nähern Kenntnisse von der Stadt schritt ich arglos durch das Thor an der Vormauer der Omarsmoschee, welche auf der Stelle des Salomonstempels erbaut sein soll. Die Mohammetaner liefen gegen mich drohend heran, ich merkte, den Tempel im Angesichte, daß ich mich verging, und unverzüglich kehrte ich um. Mein unsaumseliges Benehmen hatte jedoch keine andere Folge, als die, daß der Gesang sich in Pausen auflöste.

Jerusalem.

Oertliche und klimatische Verhältnisse.

Jerusalem oder Soliman, bei den Arabern El-Kots (die Heilige), liegt an einem ziemlich steilen Bergabhange. Der Berg beginnt eben sich schroffer zu senken, und es erheben sich die Mauern der Stadt, auf drei Seiten von einem tiefen und schmalen Thale, wie von einem Festungsgraben, umgeben. Die Natur war so zuvorkommend, um die Stadt zu befestigen, daß die Kunst aus Dankbarkeit ihren Theil beitragen sollte. Beinahe in der Mitte der Abendseite der Stadtmauern steht das Jaffathor (Bab-el-Kalil). Hier beginnt das Thal Gihon, streicht, den Berg Gihon zur Rechten, eine kurze Strecke gegen Mittag, und läßt kaum einen zum Theil verschütteten, zur Zeit wasserleeren Teich, den Teich Berseba (nach Jonas Korte) oder Bethsabe (nach einem andern Schriftsteller), zurück, als es sich gegen Morgen wendet, unter dem Namen Gehinnon etwa eine halbe Viertelstunde weit, um links mit dem Thale Kidron oder Josaphat zusammenzustoßen. Das letztere Thal, von der Brücke an keine Viertelstunde lang, geht von Mitternacht gegen Mittag. In dem Thale Gihon fließt der Bach Gihon, und in dem Thale Kidron der Bach Kidron. Der Wasserüberfluß ergießt sich in den Lothssee (todte Meer). Also auf drei Seiten ist Jerusalem von einer Thalschlucht umfangen: auf der Bethlehem nähern Abendseite vom Gihon, auf der Mittagsseite vom Gehinnon und auf der Morgenseite vom Kidron. Indeß ist vom Jaffathor an gegen Mitternacht, wo die Stadtmauer gegen Sonnenaufgang umlenkt, gegen Emaus und vor dem Damaskusthore kein Thal, sondern ziemlich ebenes, aber rauhes Land.

Der Boden der Stadt ist uneben; im Allgemeinen neigt er sich nach der aufgehenden Sonne. Eine Felsanhöhe und zwei Hügel sind deutlich zu unterscheiden. Der Zion steigt von Mitternacht sehr sanft an. Desto schroffer stürzt er gegen die Bergthäler Gihon und Gehinnon. Zion nennen die heutigen Schriftsteller die Felsanhöhe im Winkel dieser Thäler. Das Thor, welches auf den Zion sich öffnet, heißt Zions- oder Davidsthor (Bab-el-Nabi-Daud), und man gelangt nicht geradenweges über die Schlucht Gehinnon zu der gegenüberstehenden Schluchtlehne Hinnon, über welche der Weg nach Bethlehem weiset, sondern man geht durch das Zionsthor und das Jaffathor, bis man auf langem Umwege dem Zion gegenüber sich befindet. — Das Franziskanerkloster liegt im Nordwest der Stadt. Beim Neuhause geht es steil hügelan. Wenn man durch die Thüre von Mitternacht her zu ebener Erde eingeht, so muß man mehrere Treppenstufen hinuntersteigen, bis man auf der Südseite zu ebener Erde herauskommt. Selbst die Gasse südlich am Kloster fällt gähe gegen Morgen. Ich will den Liebhabern alter Namen die Freude nicht mißgönnen, diesen Hügel im Nordwest der Stadt Akra zu benennen, ob er gleich, darf ich meinen Augen trauen, an Höhe den Zion übertrifft, welcher, wenn ich recht deute, einst die Oberstadt hieß. — Unter dem Akra, dem Josaphatsthale näher, im Nordwest der Stadt erhebt sich ein anderer Hügel. Der Bequemlichkeit willen in der Beschreibung und des geschichtlichen Anklanges wegen belege ich ihn mit dem Namen Bezetha. Der Anfang der sogenannten Schmerzensgasse (via dolorosa) richtet sich in ziemlicher Neigung von Morgen gegen Abend, und von dort zieht eine andere Gasse auf der entgegengesetzten Seite und in entgegengesetzter Neigung von Abend gegen Morgen, nämlich gegen das Josaphatsthal. Unter den Stadtmauern durchgängig hat dieses Thal besonders gähe Wände. — Die Moschee Omars soll auf der Felsnadel Moriah stehen, wo der weise König Salomo die Baustelle für den Tempel kaum groß genug fand, weil sie, „überall gähe, gegen das Thal hing (Flavius Josephus)“. Die Felsnadel war längst abgetragen. Moriah steht von Mittag dem Bezetha gegenüber, wie der Zion dem Akra. Und die vier Anhöhen oder Hügel in Jerusalem heißen, nach den alten Urkunden, Moriah und Bezetha, Zion und Akra. Ich aber unterschied mehr nicht, als zwei Hügel; denn Zion ist eine Felsanhöhe, und der Name Berg verwirrt in der Sprache der Deutschen den Sinn.

Ich ermangelte nicht, Flavius Josephus, welcher nicht lange nach Christus lebte, so genau, als möglich zu vergleichen. Aufrichtiges Geständniß der Unzulänglichkeit im Verstehen fördert das Gedeihen der Wahrheit mehr, als unklare, anmaßende Vielwisserei. Wie man mich auch immer beurtheilen mag, ich gestehe frischweg, daß ich nicht im Stande war, das Dunkel völlig zu verdrängen, welches einige Stellen in der Lagebeschreibung des Jerusalemers Josephus umschwebt. Mich spornt keine Lust an, gesehen zu haben, was ich nicht gesehen hatte. Denjenigen, welche sich mit der Erklärung behelfen, daß durch gewaltige Naturereignisse der Boden Jerusalems eine andere Gestalt angenommen habe, erwiedere ich mit den Worten: Warum ragen noch so merkwürdige Ueberbleibsel des hohen Alterthums in unser Zeitalter herein, hier der Brunnen in der Tiefe zwischen Moriah und Zion, jenseits am Kidron die Grabmale, dort außer der Stadt gegen Mitternacht die Grabhöhlen? Ich will allerdings die außerordentliche Zerstörung und Umwandlung Jerusalems gerne zugeben, und in Kraft dessen selbst bemerken, daß ich keinen einzigen von jenen ganzen Steinen antraf, welche, nach der Geschichte, zwanzig Ellen lang und zehn breit waren. Man fragt mit Erstaunen: Wohin sind sie denn verschwunden? Wer hat sogar diese schweren Massen entführt oder zerstört? So wenig oder schwer ich Flavius Josephus verstehe, so treu und faßlich finde ich dagegen die Ortszeichnung des Pilgers Hans Jakob Ammann, welcher ihr mit den Schweizer-Wörtern „Halden“ und, dem „Tobel“ Josaphat gleichsam eine vaterländische Farbe auftrug.

Zur Zeit meines Aufenthaltes flossen in Jerusalem keine Bäche, weder der Kidron, noch der Gihon. Jener ist ein wildes Wasser bei stärkerem und anhaltenderem Regen.

Die Grundlage ist etwas röthlicher und so harter Kalkfelsen, daß er die Politur nicht versagt. An vielen Orten tritt er nackt hervor, und an andern überkleidet ihn eine dünne Schichte von Erde und vielen kleinen Geröllen. Der Boden ist demnach weder gut zur Weide, noch zum Anbaue. Mit Mühe sucht das Auge die Palmen, gleich wären sie aus Egypten hieher verbannt. Oel- und Feigenbäume, fast die einzigen Stammgewächse, verdichten sich nicht zu Wäldern wie bei Gaza und Ramle, sondern stehen ziemlich einzeln. Von unausdauernden, wildwachsenden Pflanzen verbreiten mehrere einen gar angenehmen Geruch. An wenigen Stellen wird das Grün der Wiesen von den Steinen nicht unterbrochen. Wo man es erblickt, wirkt seine Lebhaftigkeit wohlthuend, und wenn man die Kühe darauf grasen sieht, möchte man in patriarchalischem Entzücken die Steine und Gerölle der Wüste vergessen. Langsam gleitet der Pflug an den Abhängen des Kidrons und Gehinnons. Derselbe ist einfach genug, daß er die Steingeschiebe oder die Schuttsteine nicht scheuen darf. Ein Eisen, das in die Erde wühlt, ein dünner Baum, welcher dieses Eisen hält und den Zugstrick aufnimmt, noch eine Handhabe hinten für den Ackermann, — das ist der Pflug unter dem Moriah, auf welchem ehemals der reiche Tempel des israelitischen Volkes stolz emporstrebte. In den Thälern, worin einst so heilige Stimmen hinauf zum Throne Jehovas erhallten, zittert jetzt die Luft von dem rohen Geschrei des Pflügers. Nicht allein der Strich gegen Ramle, wohl aber die ganze Umgegend trägt überhaupt das Gepräge der Unebenheit, der Zerrissenheit, der Kahlheit, der Unergibigkeit. Was ist nachsichtiger, als die Vaterlandsliebem welche die Häßlichkeit einer Gegend läugnen kann?

Der Himmel ist weit minder heiß, als in Kairo. Der Ostwind wehte kalt. Während des Sommers regnet es äußerst selten, und die strengern Wintermonate sind die eigentliche Regenzeit. In der regenreichern Zeit herrscht nasse Kälte und fällt manchmal Schnee[1]. Mir dünkt, daß die Einwohner, vorzüglich die Weiber, zu wenig gegen die Kälte sich schützen. Auch sind die Fensterscheiben eine Seltenheit, während sie doch zu Kairo in Menge vorgefunden werden.

Gesundheitszustand und Bevölkerung.

Jerusalems Lage und Himmelsstrich hält man für ungesund. Wechselfieber, Durchfälle und Ruhren kommen häufig vor. Der in dieser Stadt stazionirte egyptische Militärarzt, ein Italiener, machte mir die Mittheilung, daß es gegenwärtig mehrere Ruhrfälle unter den Truppen gebe. Selbst die Pest verschont die Stadt Davids keinesweges und im laufenden Jahre sah man sie übel haushalten. Die Egypzier sollen in der Regel im ersten Monate ihres Aufenthaltes zu Jerusalem von einer Unpäßlichkeit befallen werden, nach und nach aber sich gut an die Gegend gewöhnen. Es gebrach mir an Zeit zur Einsicht in die Todtenbücher, um über die Sterblichkeit ein haltbareres Urtheil zu fällen. Ebenso wenig darf ich rühmen, etwas Zuverlässiges über die Bevölkerung vorführen zu können. Den bisherigen Angaben mangelt es an Gründlichkeit, und neue Vermuthungen, die meinige von 12,000 Seelen, würden sich gerade mit dem gleichen Vorwurfe strafen.

Bauart der Stadt.

Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß, ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde gehen.

Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht. Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere, hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, — für die Thiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal, daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe, umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wären Ammanns Worte: Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen, für das heutige Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.

Die Bassar sehen aus, wie in andern Städten, sind aber an Unansehnlichkeit und Schmutzigkeit vielen überlegen. Einer ist gewölbt, und das Gewölbe von einer Entfernung zur andern mit einer viereckigen Oeffnung durchbrochen, wodurch das Licht der Sonne auf Gasse und Buden strömt.

Die Stadt besitzt viele unterirdische Gänge zur Ableitung der Unreinigkeiten und des Wassers. Eben grub man auf dem Hügel Bezetha, wo jetzt eine Kaserne steht, und wo einst der Palast des Herodes gestanden haben soll. Man stieß etwa zehn Fuß in der Tiefe der Gasse auf einen alten Gang, dessen Mauerwerk man von einander riß, um daraus einen neuen zu bauen.

Die Häuser haben entweder platte, oder kuppelförmige Dächer ohne Ziegel, sind nicht hoch und durchwegs von Stein; viele altern und weichen aus dem Senkel. Thüren und Läden scheinen zufällig durch den Wind hingeweht. Im Abendlande würde man über die meisten Häuser als Armseligkeiten die Achsel zucken und diejenigen bedauern, welche darin wohnen müßten. Eine große Zahl europäischer Beuchhütten verdiente im Vergleiche mit einer Menge Jerusalemer-Häuser den Namen schöner Gebäude. Neben und mit so manchen bewohnten Häusern im beßten Einvernehmen erhalten sich nicht selten Ruinen, wie: Gewölbe, umgestürzte Marmorsäulen oder aufrecht stehende Säulenstümpfe. Von Wehmuth ergriffen, wandelte ich unter diesen Siechen und Leichen, welche in unsern Tagen den Dienst erfüllen, daß sie das Andenken an die Größe und den Reichthum der Vorwelt auffrischen, während jetzt Kleinliches und Armseliges den Blick ermüden und verdüstern. Aus Jerusalem insbesondere ergeht der ernste Ruf, über den Wechsel der Dinge Betrachtungen anzustellen. Vor zwei Jahrtausenden würden es gewiß Wenige vom Volke Israel geglaubt haben, wenn man prophezeit hätte, daß die aramäische Sprache im Fortschritte der Zeit innerhalb der Markung Judäas die Herrschaft verlöre. Dafür wimmelt heute in der Stadt ein Babylon von Sprachen: das Arabische, Griechische, Lateinische, Italienische u. s. f., das Arabische selbst im Munde der Hebräer. Eroberungen von Ländern und Völkern folgt immer zuletzt und am zähesten die Eroberung des geistigen Volksschatzes, der Sprache.

Und da ich gerade von den Sprachen rede, so bemerke ich im Vorbeigehen, daß in dem Theile des Morgenlandes, welchen ich bereisete, unter den abendländischen Sprachen die italienische oder die sogenannte lingua franca überwiegt. Man würde zwar mit der französischen Sprache in Kairo recht gut, nicht aber an allen übrigen Frankenorten ausreichen.

Die Kirche des Christusgrabes.

Der Geist, in dem man die gefeierten Stellen besucht, darf weder zu zweiflerisch, noch allzu gläubig sein. Es unterliegt keiner Frage, daß mehrere große Ereignisse, deren die Schrift erwähnt, in Jerusalem und seinem Weichbilde sich aufgerollt haben; aber: Wo? — ob nun denn beim Fuß und Zoll hier und nicht dort, hüben und nicht drüben, oben und nicht unten, — das stelle man doch, bei der Fülle allwissender Ueberlieferungen und bei der Dürftigkeit an rein geschichtlichen Haltpunkten, in den heiligen Zufluchtsort der Menschenseele, ohne zu verunglimpfen oder — zu verketzern. Zur Annahme der Wunder selbst sich zu bekennen, gehört nicht einmal zur Recht- und Strenggläubigkeit im engern Verstande, damit auch nicht zur Ketzerei, so man anders dieses Wort hier gebrauchen darf.

Wenn der Anblick der Häuser für die Anstrengungen der Reise wenig Entschädigung verspricht, so überrascht hingegen aufs angenehmste die Kirche des Christusgrabes durch ihre Größe und den Adel ihres Baustyls. Der majestätische Dom rührt den Christen, zieht ihn an, ladet ihn ein. Die Kirche liegt unter dem Kloster des Erlösers und über der Omarsmoschee, ungefähr in der Mitte des Dreiecks, wenn man eine Linie vom Zion zum Bezetha, vom Bezetha zum Akra und vom Akra zum Zion zieht.

Es war an einem Montage, als ich den Tempel besuchen wollte. Ich ging mehr, denn einmal vergeblich zur Thüre. Indeß öffneten die Griechen dieselbe ebenso wenig ihren glaubensverwandten Pilgern, welche sich vor der Kirche in ziemlicher Anzahl versammelten. Tages darauf hatte ich die Freude, die Grabeskirche offen zu sehen. Ich trat hinein, und siehe, da hockten zur Linken zwei Türken in aller Bequemlichkeit auf dem Diwane, indem sie eine Pfeife rauchten und ihre lebhaften, schwarzen Augen sehr weltlich herumdrehten. Ehemals galt es als eine Art Begünstigung, wenn man gegen Erlegung eines Kopfgeldes das Christusgrab besuchen durfte. Ohne Anstand wird jetzt der Zutritt zu den Heiligthümern gestattet. Die Christen verdanken die Abschaffung der mannigfachen Scherereien dem Bezwinger Syriens, Ibrahim-Pascha.

Hier bin ich nun im Tempel, der, nach der Behauptung der Gläubigen, sich über Golgatha und das Grab Christi wölbt. Wer zählt die Andächtigen, welche in dem Gotteshause schon Labsal tranken? Wer möchte aber auch die abscheulichen Auftritte des Parteihasses unter den verschiedenen Bekennern der christlichen Religion schildern? Gleich beim Eintritt in die Kirche fallen marmorne Steinplatten, nahe in der Mitte zwischen Golgatha und dem Grabe, auf. Dort soll Christus gesalbet worden sein. Wendet man sich links, d. h., gegen Abend, so sieht man eine über den Boden der Kirche und des Kirchenplatzes sich erhebende kleine Kapelle, welcher die Merkzeichen des Felsens oder der Felsenhöhle abgehen. Sie heißt Grabeskapelle. Wenn sie äußerlich nicht dem Künstler genügt, so mag sie doch den Freund irdischen Glanzes befriedigen. Der Eingang in das Innere ist so enge, daß nicht zwei Menschen neben einander durchkommen könnten. Darin wird das heilige Grab oder das Grab Jesu Christi verehrt. Dem Eintretenden steht zur Rechten, als das Grabmal, ein platt gedeckter, etwa einen halben Fuß hoher, von Morgen gegen Abend gerichteter Sarg, aus weißem Marmor, worüber eine schwere Menge blendend funkelnder Goldleuchter hängt. Auf der andern Seite der Kirche, gegen Morgen, führt, wie es heißt, unter dem Kalvarienfelsen eine Treppe in einen Keller, die Kapelle Adams. Was ich aber von Golgatha und dem Grabe im wahren Grunde halte, werde ich später mit Umständlichkeit erörtern.

An der Wandung der Kirche wechseln viele Altäre. Die Lateiner besitzen eine besondere Kapelle. Lateinische Pilger weilen wohl auch drei Tage und drei Nächte in dem Tempel. Man bringt dannzumal die Speisen aus dem Kloster in die Küche der Kirche, um sie hier aufzuwärmen und zu vertheilen.

Die Griechen können unmöglich verbergen, daß sie über das Christusgrab den Meister spielen. Sie betragen sich sehr hochmüthig, und schauen mit Verachtung auf die andersdenkenden Christen herab. Es ist in der That eine wohlthätige Maßregel, daß die Mohammetaner in der ersten Kirche der Christenheit Polizei halten. Unzweifelhaft wären sonst die Zänkereien und Balgereien unter den Nazarenern des verschiedenen Kirchengebrauches weit häufiger und ernster. — Einige Gläubige konnten sich nicht oft genug niederwerfen und bekreuzen.

Vor und in der Kirche schwärmen zudringliche Bettler herum, die wahrhaft Aergerniß erregen. Neben denselben werden von Andern an der Kirchenpforte Kreuze und andere sante cose (Heiligthümer), z. B. der ausgeschnitzte Christus am Kreuze, feil geboten. Die Christen in Jerusalem sorgen gar wohl dafür, daß der Pilger, ehe er die Schwelle der Grabeskirche überschreitet, das Einmaleins wiederhole, und sich der vergänglichen Güter, des Geldes, erinnere. Es verdient doch wohl die Beherzigung eines Jeglichen, daß um den Baum eines zwar unerschütterlichen, aber nicht verdauten Glaubens an die Lehren aus dem Munde der Priester und Gesetzkenner — die Wucherpflanzen der Weltbegierde gerne ihre Netze stricken, wenn diese Priester und diese Gesetzkenner in ihrem Eifer vergessen, auf den Stamm des Glaubens die Zweige der Tugend zu pfropfen.

Ich kann mich vom Grabe Christi nicht entfernen, ohne einer schaudervollen Begebenheit zu gedenken. Als um das Neujahr 1834 der Feldherr Ibrahim dasselbe besuchte, entstand ein solches Gedränge, daß in der Kirche zweihundert Menschen vom Leben abgerufen wurden, ohne diejenigen in Rechnung zu bringen, welche an der Pforte im Gedränge sogleich oder später in Folge desselben starben. Ein Pater erzählte mir, wie er über die Todten wandeln mußte, und einen andern erschütterte das gräuelvolle Schauspiel so tief, daß er seither an Schwermuth leidet.

Und nun halte ich stille, um auf die Schädel- und Grabstätte zurückzublicken. Habe ich denn viel Lohnendes wahrgenommen? Wurden meine Erwartungen erfüllt? Ich will meiner Antwort einige Worte vorausschicken, in Erinnerung der Menge, von welcher die Jetztzeit unbedenklich des Unglaubens beschuldiget wird. Ich will zuerst Männer reden lassen, welche, nach der Volksmeinung, in der guten Vorzeit des Glaubens lebten. Nachdem Salomo Schweigger, der Pilger des sechszehnten Jahrhunderts, die Heiligthümer Jerusalems angeführt, bricht er in das unumwundene Geständniß aus: Ich für meine Person habe all’ dergleichen Heiligthümer anders nicht gesehen, sind mir auch weniger zu Herzen gegangen, als das geringste Ding. Ich kann auch weniger davon sagen, als wenn ich nie wäre daselbst gewesen, ausgenommen das heilig Grab. So weit Schweigger, dem ich die Unparteilichkeit schuldig bin, seine Worte über dieses Heiligthum anzuführen. Das heilig Grab, spricht er, bedünkt mich aber kein erdichtet Heilthum, sondern in Wahrheit das Grab Christi zu sein, in Ansehung, daß dasselbige ohne Schrecken und ohn’ Entsetzen von Niemand, es seien Christen oder Türken, mag gesehen werden. Denn als ich’s gesehen, ging ich nicht dergestalt hinein, als hielt’ ich’s für das Grab Christi, sondern, wie alle anderen Heilthümer mir verdächtig waren, als wenn es nur erdichtete Heilthümer wären oder Geldnetze, also auch dies. Als ich aber hineinkam in das Gewölb, kam mich und auch die Herren aus der Gesellschaft solche Furcht und Schrecken an, daß uns alle Härlein gen Berg standen, und uns bedünkte, wir schwebten zwischen Himmel und Erden, ja als wären wir von der Erden verzuckt. Es erweckt auch eine solche herzliche Andacht und Eifer in uns gegen Christo zum Gebet und christlicher Danksagung, daß’s über alle Maßen ist. Wie man eben von Schweigger vernimmt, unterlag er am Christusgrabe einem so außerordentlichen Eindrucke, daß man seine Worte zwar nicht in Abrede stellt, aber doch kaum begreift, weil so Manche heutzutage dahin wallen, ohne über die Maßen ergriffen zu werden. Hans Jakob Ammann, der im Jahre 1613 das Christusgrab besuchte, drückt sich so aus: Auf jetzt beschriebene Weise wird das heilig Grab gezeigt, und siehet, der dahin reiset, von dem Orte des Felses, da Christus begraben, ebenso viel, als der, so gar nicht dahin kommt........ Ob man schon die Leute also bereden will, es sei das rechte in Felsen gehauene Grab, so hab ich doch das Widerspiel augenscheinlich gefunden, da ich mit einem Messer den Kalk zwischen den Fugen, da die marmelsteinernen Tafeln zusammengestoßen, herausgestochen, und keinen Felsen, sondern nur Mauern gefunden habe.

So sprachen vor Jahrhunderten Schweigger und Ammann, der eine gegen die Echtheit von Golgatha, der andere gegen die des Christusgrabes. Jetzt werde ich mich selbst bestreben, eine der wichtigsten Fragen aus der Ortsbeschreibung Jerusalems zu lösen.

Liegt das Grab Christi in oder außer der jetzigen Stadt Jerusalem?

Es schiene im hohen Grade befremdend, wenn eine so wichtige Stätte, wie das Christusgrab, von den Urchristen nicht genau ins Auge gefaßt, und diese Ortskunde nicht von Geschlecht auf Geschlecht mündlich überliefert worden wäre. Schenkt man, wird man entgegenhalten, so vielen weltlichen Stellen Aufmerksamkeit und Glauben, so fordert die Gerechtigkeit, daß man auch heiligen Stätten die Aufmerksamkeit nicht entreiße, und den Glauben an sie nicht tödte. Dazu kommt noch, was die Weltgeschichte erzählt. Hadrianus ließ nämlich, zum Aergernisse der Christen, am Orte, wo Christus hingerichtet und begraben worden, einen Götzentempel erbauen; allein schon im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erhob sich unter Helena, der Mutter Konstantins des Großen, an der Stelle des im heiligen Eifer geschleiften Götzentempels die Grabeskirche.

Offen lege ich das Geständnis ab, daß die mündlichen und diese schriftlichen Ueberlieferungen für mich völlig genügend wären, um die Echtheit der Schädel- und Grabstätte anzunehmen. Man darf indeß nicht einseitig und nicht zu rasch vorgehen; es müssen nothwendig und vor Allem die biblischen Urkunden geprüft und verglichen werden. Schweigen sie über die Oertlichkeit, so ergänze ich die Lücke mit der Weltgeschichte und den mündlichen Ueberlieferungen; reden sie, so stelle ich auf ihren Entscheid ab.

Die vier Evangelisten Matthäus und Markus, Lukas und Johannes erzählen, daß Christus auf der Schädelstätte (mons calvariæ, hebräisch Golgatha) gekreuziget, und dann daneben in dem Felsengrabe eines Gartens beigesetzt worden sei.

Wo liegt Golgatha mit dem Grabe daneben? Nahe der Stadt Jerusalem war der Ort, wo Jesus gekreuziget worden, überliefert der Jünger Johannes (19, 20). Ist es von allem Zweifel ferne, daß Golgatha außer, doch nahe bei der Stadt lag, so bleibt man gleichwohl bei Ausmittelung der Stelle nahe um Jerusalem, d. h., in seinem ganzen Umkreise, im Ungewissen, und diejenigen, welche die fragliche Nähe bei der Stadt auf dem Gihon erblicken, haben, wenigstens meines Wissens, nichts für sich, als Schlußfolgerungen.

Wo Gihon und die Grabeskirche liegen, darüber wurde früher Aufschluß ertheilt, und es leuchtet aus Allem aufs gewisseste hervor, daß die jetzige Grabeskirche dem Gihon nicht angehört. Ich urtheile nicht bloß nach dem Augenmaße, sondern auch nach einem Grundrisse der Stadt, welchen ein Ingenieur, Failoni, gezeichnet hat, und welcher ganz besonders deutlich darlegt, daß das alte Jerusalem eine aller Wahrscheinlichkeit widersprechende, beinahe krüpplichte, gleichsam kerbthierförmige Lage oder Gestalt haben mußte, wenn man das heutige Christusgrab außer die alte Stadt versetzte. Man wird genöthiget, zwischen dem Zion und Akra von West einen tiefen Ausschnitt zu machen, von welchem auch bei Flavius Josephus überall nicht die Rede ist. Wer auch nie das Glück hatte, in Jerusalems Mauern zu leben, wem bloß vergönnt ist, eine treuere Abbildung von der Stadt zu sehen, der wird beim ersten Anblicke der Grabeskirche gleich über der Omarsmoschee, gleich über dem Moriah, die Bedenklichkeiten nicht unterdrücken können.

So lange mir nicht mehr Belege zu Gebote stehen, dürfte ich freilich nicht geradezu mit unbiegsamer Hartnäckigkeit behaupten, daß das von den christlichen Priestern gezeigte Golgatha und Christusgrab eine geschichtliche Täuschung seien; ich habe aber hinlänglichen Grund, zu neuem Denken und Forschen in dieser Sache aufzumuntern. Wollte man sich denn in Erläuterungen einlassen, so mochte eine solche Täuschung um so leichter Wurzel schlagen, je sehnlicher man die Baustelle für den Grabestempel dort wünschen mußte, wo man vor feindlichen oder räuberischen Ueberfällen sicherer sein konnte. Es kann Niemanden entgehen, daß eben die Mauern der Stadt diese größere Sicherheit gewähren. Schon die einzige Thatsache — um auf andere nicht zurückzukommen — daß ein christliches Kloster auf dem Zion, will heißen, außer den Stadtmauern, den Türken abgetreten werden mußte, nimmt entschieden Partei für solche, die eine Täuschung für wahrscheinlich halten, und hätte dieser Fall niemals sich ereignet, so würde man vernünftigerweise zwischen einem armseligen Kloster und einer Kirche mit ansehnlichen Schätzen eine Unterscheidungslinie durchführen.

Das Grab selbst oder die Kapelle desselben, welche die Grabeshöhle vorstellen soll, ist überdies, sie kann nicht besser, zu Erregung von Zweifeln geeignet. Nach der Erzählung der Evangelisten wickelte Josef von Arimathia den Leichnam Christi in Leinwand, legte ihn ins Grab (κατέθηκεν), welches in Felsen gehauen war, und wälzte einen Stein über die Grabesöffnung (ἐπὶ τὴν θύραν)[2]. Das ist ebenso einfach, als gegründet in den morgenländischen Sitten. Man wickelt in unsern Tagen den Leichnam in weiße Leinwand, und versenkt ihn uneingesargt ins Grab. Im Evangelium geschieht des Umstandes keine Erwähnung, daß Christus in einen Sarg gebracht wurde. Es meldet vielmehr, ohne ein Weiteres, daß derselbe eingewickelt ins Grab gelegt wurde, welches dann ein Stein deckte. Wenn man in der Grabeskirche, an der Stätte, da Christus gekreuziget ward, einen Garten, und im Garten ein neues Grab (Johannes 19, 41) sucht, so lacht heute kein Garten, und es thut sich kein Grab auf; aber das Auge überrascht ein Sarg, unzweifelhaft die fromme Zugabe von Priestern. Allerdings wüßten Zweifler, wenn man selbst die Todesgruft, selbst den Stein, selbst die Spezereien heute noch auf das klarste sähe, einen Ausweg dahin, daß Alles nachgekünstelt sei; allein die Einfalt hat vor ältern Zeiten viel zu wenig erwogen, daß der treueste Befund nach dem Wortlaute der biblischen Urkunden vor den Angriffen der Zweifelsucht weitaus am sichersten schützen würde.

Es war zwar die Grabeskapelle früherhin nicht ganz so, wie jetzt, aber doch im Wesentlichen gleich: stets enge, wenig zugänglich, mit brennenden Leuchtern. Vormals mußte man sogar, um zum Grabmale zu gelangen, durch eine kleine viereckige Oeffnung, als eine seltsame Grabesöffnung, schlüpfen, wovon Salomo Schweigger in seiner alten Treuherzigkeit eine Abbildung lieferte. Ich werde mich jedoch wohl hüten, die Abbildung von diesem Schlüpfen in Worten ausführlich auszudrücken, weil ich besorgen müßte, den Besuch des Grabes ins Lächerliche herabzuziehen. Man war, wie es scheint, schon beim Bau der Kapelle beflissen, die Wirkung hervorzubringen, daß das Gefühl vorherrsche, und der überall beengte Geist vor demselben erstumme.

Dem übertriebenen Eiferer widerfährt oft das Loos des Lügners, welchem man zuletzt die Wahrheit nicht mehr glaubt. Es bedarf keines Beweises, daß, zumal im Streite für die Religion, der überspannte Eiferer in seinen Seitensprüngen gerne die einfachsten Dinge mit Wundern vergoldet, und so kann er auch in der Regel auf den Beifall der Männer mit nüchterner Urtheilskraft wenig rechnen, wie willig und gerne sie immer die Wahrheit vernehmen und glauben. Die Menschen, in deren Brust die Flamme maßloser Leidenschaft auflodert, haben die Schuld offenbar sich selbst zuzumessen, wenn ihnen der unwissende oder wenig unterrichtete Haufe mehr glaubt und vertraut, als Leute, die mit einem größeren Vorrathe an Kenntnissen ausgerüstet sind. Es ist sehr wahrscheinlich, daß überhaupt der religiöse Glaube besser und fester stände, wenn nur nicht die Verkündiger und Verbreiter desselben über die Schale (die Form) den Kern (das Wesen) zu oft übersehen hätten.

Die Gräber der Könige.

Außerhalb des Thores von Damaskus (Bab-el-Scham) liegt gleich zur rechten Hand die gegen die Stadt schauende Felsenhöhle, in welcher Jeremias seine Klagelieder gesungen haben soll, und ungefähr in einer halben Viertelstunde davon erreicht man die sogenannten Gräber der Könige. Der Boden zwischen der Stadt und den Gräbern ist mit vielen Steinen übersäet. Darunter zeichnen sich hin und wieder Mosaiksteine aus, an welchen ich den festen Mörtel deutlich unterscheiden konnte. Will man die Gräber besehen, so tritt man durch ein mit Schutt mehr, als bis zur Hälfte gefülltes Thor in einen großen, unbedeckten Raum, welcher, wie dieses, aus dem Kalkfelsen gehauen ist. Der Grund war grün, und diente den Kühen zur Weidung. An der Abendseite dieses Raumes öffnet sich der Eingang zu den Grabhöhlen. Ihn zieren halb erhabene Arbeiten, welche von einem so einfachen, als edeln Geschmacke zeugen. Man kommt, nicht ohne Komplimente zu schneiden, durch den theilweise verwitterten Eingang in einen Vorsaal. Dieser führt in vier Kammern, die sich hinwieder in Nebenkammern verzweigen. Alle sind Hauwerke im Felsen ohne Schmuck und Inschrift. Dagegen tragen die Grabdeckel, hohle Halbwalzen von Stein, auf der einen Seite Verblümungen als Zierath. Die dicken Thüren der Todtenkammern von gleichem Felsen haben auf der einen Fläche einfache Zeichnungen von Vierecken, wie Täfelthüren. Man findet sowohl ganze Thüren, als auch Bruchstücke, keine aber eingehängt. Vor zwei Jahrhunderten liefen dieselben noch in ihren Angeln.

Die Aushöhlung des harten Felsens muß ein mühsames, kostspieliges Werk gewesen und jedenfalls von Vielvermögenden des Landes angeordnet worden sein. Man schreibt jetzt die Todtenkammern den Römern zu. In frühern Zeiten hielt man sie für die Gräber der Könige von Juda.

Die Grabhöhle der Maria.

Hinweg durch das Stephansthor, vorbei am Stephansplatze, vorwärts über die kleine, steinerne Brücke des Kidrons, — und man sieht gleich linker Hand den Eingang in eine Höhle. Siebenundvierzig Stufen von glattem Marmor leiten in ihre Tiefe. Es ist die Grabhöhle unserer lieben Frau, ihres Gemahls und ihrer Mutter. Eine Menge Blendwerk, Goldleuchter, geschliffene Steine der Kapelle verkümmern den Gedanken an eine natürliche Höhle. Eben lasen die griechischen Priester ihre Messe. Das Näselnde der Stimme widerte mich in hohem Grade an. Noch am widerlichsten näselte ein Knabe das Kyrie (Herr). Ich habe am Gottesdienste wenig Ernst, wenig Würdigkeit zu rühmen.

Hart an Mariens Grabhöhle stößt eine Höhle der Lateiner, worin die Apostel geschlafen haben sollen. Sie bildet den schroffesten Gegensatz der erstern: einfach und glanzlos.

Ueber der Marienhöhle stand in ältern Zeiten eine Kirche, bekannt unter dem Namen Marienkirche.

Die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.

Ueberschreitet man die Kidronbrücke, und hält man am Fuße des Oelberges stille, so wird man staunend den Blick gegen Morgen auf Denkmale heften, die sich aus der grauen Vorzeit so gut erhalten haben, als die Pyramiden und Obelisken Egyptens. Es sind die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen.

Das Grabmal Absaloms ist zum Theil aus dem Felsen gehauen; der thurmähnliche Aufsatz dagegen besteht aus Mauerwerk. Im Widerspruche mit der Ueberlieferung aber wurde, nach Flavius Josephus, zwei Stadien von Jerusalem dem Absalom eine marmorene Säule errichtet. Das Grabmal Josaphats, ein einziger, aus dem Felsen gehauener Stein, stellt ein kleines Häuschen vor. Schutt füllt fast das ganze Innere, welcher mit einem so geringen Aufwande wegzuschaffen wäre, und der mehr ein Denkmal auf die Trägheit der Zeitgenossen, als das Denkmal eines Verstorbenen zu sein scheint. Unverantwortlicherweise hält man es nicht einmal der Mühe werth, dasjenige recht zu betrachten, was die Urväter mit Anstrengung und Sorgfalt ausgearbeitet hatten. Nahe dem Grabmale Josaphats liegt jenes des Zacharias und an der westlichen Abdachung des Oelberges überhaupt eine Menge gehauener Grabhöhlen und jüdischer Grabsteine. Diese sind unförmliche Grabdeckel, höchstens an ihrer Oberseite glatt gemeißelt und mit einer hebräischen Grabschrift versehen.

Kenner stimmen mit einander nicht überein, ob die Grabmale Absaloms, Josaphats und Zachariassen wirklich jüdische seien. So lange dieser Hauptstreit nicht geschlichtet ist, bleibt es unerheblich, das erste, zweite oder dritte Denkmal nach Absalom, Josaphat oder Zacharias zu nennen. Niemand aber bezweifelt ihr hohes Alterthum.

Der Brunnen Siloah.

Geht man vom Zionsthore links hinunter, steigt man an der Südostseite Jerusalems, gegenüber dem Dorfe Siloah, nicht hoch über dem Kidron einige Stufen in die Tiefe, schreitet man vorüber an dem baufälligen, kleinen, steinernen, einst von Säulen überragten Wasserbehälter, die vielleicht den Siloahthurm getragen haben; so bemüht man sich dann noch eine Treppe hinunter, und wen gelüstet oder dürstet, der darf nur sich neigen, um aus dem unverschlossenen, gänzlich in den Kalkfelsen greifenden Brunnen Siloah zu schöpfen und zu trinken. Ein Gang von zwei Fuß Breite, durchläuft er eine Ebene von dreihundertundsiebenzehn Schritten. Anfangs ist er zwei Mann hoch; nach zweihundert Schritten aber nimmt die Höhe ab, bis man zuletzt nicht anders, als auf beschwerliche Weise, mit geducktem Leibe, sich vorwärts bewegen kann. Schutt verhindert das weitere Vordringen gegen den Moriah. Das Wasser hat überall die gleiche Höhe von etwas mehr als einem Fuß. Die auftretende Sohle fühlt Sand und unter diesem den Stein. Der Gang wendet sich rechts. So erzählte mir der sonst nicht sehr verläßliche Führer, welchen ich zu diesem unterirdischen Spaziergange bewog.

Der über fünfhundert Fuß in den Kalkfelsen eingehauene Brunnen ist unstreitig ein ungeheures Werk. Der Tiefe und Breite nach verdient er kaum Erwähnung; allein wegen seiner beträchtlichen Länge enthält er einen Reichthum an süßem Wasser, das wohl auch vor Alters zu Bewässerung naher Gartenanlagen benützt worden sein mag. Wäre von den Alten ein solcher Gang unter dem Felsenbette eines Stromes getrieben worden, so würde er ein denkwürdiger Vorgänger des Londoner-Tunnel sein.

Ammann gedachte des Siloah-Brunnens mit mehr Bestimmtheit, als andere, die nach ihm denselben beschrieben haben: Unten an dem Berg Zion fleußt ein ziemlicher Bach aus dem Felsen heraus. Der Wege oder Gang dieses Wassers ist in den Felsen künstlich gehauen, daß man weit dem Wasser nach in den Felsen schliefen kann. Und fleußt dieses Wasser in den Felsen vom Tempel und der Stadt Jerusalem hinab. Auf der Höhe dieses Felsens soll auch der Thurm Siloah gestanden sein. Und gleich vor diesem Felsen gibt es ein klein Teichlein. Darinnen soll sich der Blinde im Evangelio gewaschen haben, da Christus zu ihm gesagt: Gehe hin, und wasche dich im Teich Siloah. So weit Ammann.

Zwischen dem Stephansplatze und dem Siloahbrunnen zeigte man mir noch eine Quelle unter dem Namen Marienquelle, vielleicht den Drachenbrunnen Nehemias.

Die Felsanhöhe Zion.

Am Jaffathore gegen Mittag erhebt sich ein großer, alter Thurm, ehemals das Pisaner-Schloß, jetzt aber von den Wegweisern Davidsthurm genannt. Man verdeutete mir sogar das Fenster, durch welches der König David seine Augenweide an der sich badenden Bath Seba fand, obschon der Verfasser der Bücher Samuels (2, 11, 2) erzählt: Von dem Dache des königlichen Palastes sah David ein schönes Weib sich baden.

Nähert man sich von da dem Zion, so liegt links an der Gasse das Kloster der Armenier. Es gibt beinahe nichts Glänzenderes, als die Kirche desselben. Niemand unterbrach darin die feierliche Stille, kein Sterblicher war da, meine Aufmerksamkeit abzulenken, und so konnte man um so ungestörter sich ergehen an dem morgenländischen Prunke, an den edeln Steinen und Metallen, die überall zur Schau gelegt sind, und das Auge schier blenden. Es mag für die Morgenländer tief berechnet sein, daß die Priester ihre heiligen Stellen mit Dingen ausschmücken, welche einen mächtigen Eindruck auf die Sinne erregen. Dem kalt forschenden Verstande des Abendländers ist damit freilich wenig gedient, welcher auf höherem Standpunkte die Beschaulichkeit gerade von der Sinnlichkeit unabhängig machen möchte. Die Kirche soll über dem Orte aufgeführt sein, wo der Apostel Jakob enthauptet worden war. Man öffnete sie mir ohne alle Schwierigkeit.

Außer dem Zionsthore, gegen den Brunnen Siloah, sieht man einen Theil der alten Wasserleitung von Bethlehem, welche die Stadtmauer durchdringt. Von dem Thore kommt man beinahe eben bis zur Moschee und zum Spitale auf dem Zion. Man wird vielleicht diesen Worten mit Mühe Glauben schenken, und ich möchte nicht zürnen. Der Wegweiser mußte mir selbst an Ort und Stelle mehrmal betheuern, daß Zion der Zion sei, weil meine Einbildungskraft so ungerne von einem Berge lassen wollte. Auch der ehrliche Ammann, welcher aufs allernaiveste die Risse des Kalvarienfelsens beschreibt, ging „fast eben hinaus auf den Berg Zion.“

Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters Kaiphas gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen die Burg Davids eingenommen und auf welchem Jesus das Abendmahl eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich kleinen und eher öden Scheitel des Zions.

Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel, ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des Ueberirdischen.

Der Oelberg.

In der Stadt, links am Wege zur Stephanspforte und in der Nähe der letztern bemerkte ich einen ausgemauerten Wasserbehälter. Man nennt ihn den Teich Bethesda. Er stand einsam, und es sind um ihn die Kranken verschwunden, welche in demselben einst ihr Heil suchten. Kein Engel durchfächelt mehr den Spiegel des Wassers. Es scheinen die Bethesdaengel ins Abendland, zu den Priestern Aeskulaps entflohen zu sein. Durch die Stephanspforte und über den Stephansplatz erreichte ich bald Mariens Grabhöhle. Von da an aber ging es ziemlich gähe hinan, auf einem breiten Fußwege, kaum eine Viertelstunde lang bis zum Gipfel des Oelberges, welcher über ganz Jerusalem emporragt. Nicht die günstigste Stimmung bewirkt auf der Höhe ein arabisches Dorf elender Häuser mit Kothdächern. Ich sah am Wege ein Weib, wie es Mist in die Hand nahm, um damit eine Einfriedigung von Steinen zu beklecksen oder, wie es meinte, zu bemörteln.

Auf dem Oelberge verwahrt der Moslim den Schlüssel zu der Stelle, welche der Christ verehrt, nämlich zu der kleinen Moschee, welche über jene sich wölbt. Man erblickt in der Mitte derselben das Stück eines nackten Felsens, von dem aus Jesus in den Himmel gefahren sein soll. Vertiefungen des Steines gibt man für Eindrücke der Fußtritte aus.

Ich bestieg den Thurm der Moschee, um die Aussicht freier zu genießen. Ich brannte vor Begierde, Jerusalem, in der Tiefe gegenüber, zu überschauen. Von hier aus gewährt die Stadt einen angenehmen, merkwürdigen Anblick. Der Prachttempel Omars, groß und buntfarbig, unten grün, daneben gegen Mittag der Tempel der Präsentazion, nunmehr eine Moschee, und die Dome des Grabes Christi zeichnen sich vortheilhaft aus. Nördlich thürmt sich das Gebirge Ephraim auf, so die Berge Garizim und Ebal in Samaria; östlich zunächst liegt Bethanien weiter weg die Ebene von Jericho, dann die Senkung, welche das Thal des Jordans andeutet, und selbst ein kurzer, glänzender Streif dieses Flusses, so wie auch das obere Ende des Lothssees, im fernen Hintergrunde Peräa, ein Theil des Gebirges Gilead; südlich erheben sich die Anhöhen von Bethlehem, südlich und westlich das Hochland Juda. Wären auch die Gegenstände, über die man in wenig Augenblicken dahineilt, nicht voll hehrer Erinnerungen, so würde man die Aussicht köstlich heißen, und man scheidet ungerne von dem wahrhaft fesselnden Standpunkte. Der Oelberg, wiewohl er nicht eigentlich hoch ist, übertraf weitaus meine Erwartungen.

Unten am Wege auf den Oelhügel stehen acht ungemein alt aussehende Oelbäume, wie man versichert, im Garten Gethsemane. Es wachsen übrigens am Oelberge auch andere Oelbäume und auch Feigenbäume, aber in dünner Zerstreutheit, und die Steine maßen sich daneben so viel an, daß der Hügel eher über Unfruchtbarkeit klagt.

Die übrigen Merkwürdigkeiten,

welche in Jerusalem und seiner Nähe gezeigt werden, will ich hier, nach den Mittheilungen der Führer, bloß in Kürze berühren. Der eine Dragoman weiß wohl auch etwas mehr, als der andere, und der dritte und vierte zu viel oder zu wenig.

Das zugemauerte goldene Thor unter der Omarsmoschee in der Stadtmauer; der Palast des Pilatus; die Häuser der heiligen Frauen, des Markus, Thomas, Jakob; der Bogen des Ecce Homo, der verfluchte Feigenbaum, die Schweißhöhle, der Jeremiasbrunnen; die Stellen, wo Jesus das Unser Vater lehrte, sein Todesurtheil voraussagte, wo er gefangen genommen wurde, wo er seiner Mutter, wo er den heiligen Frauen begegnete, wo er das Schicksal Jerusalems beweinte, wo er fiel oder sich auflehnte, und dadurch Gepräge auf dem Steine zurückließ, wo Petrus seine Sünden beweinte, dem Malchus ein Ohr abschnitt, und wo er gegeißelt ward, wo Simon genöthiget, das Kreuz aufzunehmen, wo Judas sich erhängte, wo Stephan gesteiniget wurde (der Stephansplatz zwischen dem Damaskusthor und der Kidronbrücke); das Lager der römischen Armee, als Titus Jerusalem belagerte, das Lager des Grafen der Normandie, das Quartier des Grafen von Flandern, di Paolo, Eustach Tankred, des Gottfried von Bouillon und des Grafen von Toulouse, u. dgl.

Physiologischer Karakter der Einwohner.

Wenn ich mich befleißigen werde, den Jerusalemer nach seinen körperlichen Eigenschaften hervorzuheben, so verstehe ich unter demselben hauptsächlich die Bauersleute der Umgebung, weil sie wohl das Bild der Vorältern treuer bewahrt haben werden, als der städtische Mischmasch.

Die Haarfarbe ist schwarz, die Hautfarbe weiß oder bräunlich; insbesondere macht sich ein schöner Anflug eines zarten Wangenroths bemerkbar. Rothe, blauäugige und blonde Leute gibt es selten. Der Körper eher groß, dabei gut und fest gebaut; das Zellgewebe mit ziemlich viel Fett. Die Stirne nicht sehr hoch und mäßig breit. Die Nase lang, gebogen, mit herabstehender Spitze und dünnen Flügeln, im Ganzen ziemlich groß. Die Lippen eher dünn und der Mund groß. Die Zähne schön. Das Gesicht spitzt sich, nach dem Umrisse eines Eies, von der Stirne nach dem Kinne zu. Das Ohr von mittelmäßiger Größe schließt sich dem Haupte an. Der Gang und überhaupt die Bewegung ist lebhaft, die Haltung des Leibes gerade. Die Weiber stehen den Männern an Schönheit nach. Vielleicht waren aber die schönen weiblichen Schätzbarkeiten verschleiert oder zu Hause. Aus den Augen der Männer, worunter bildschöne, strahlt eine ruhige Gluth. Ich sah nicht leicht etwas Ausdruckloseres, als den Blick und namentlich den halboffenen Mund der Frauen und Mädchen, welche sich vor dem Denken ordentlich zu fürchten scheinen.

Sitten und Gebräuche.

Sie herrschen im Allgemeinen ungefähr so, wie in Alexandrien, wo sie bei meiner Ankunft aus Europa mich beinahe betäubten. Wenn ich in Alexanders Pflanzstadt über die Gasse ging, so überraschte mein Ohr eine Art Gerassel. Ich trat näher; es war eine Mühle; ein Thier mit verbundenen Augen trieb im Zuge das Mühlerad. Also traf ich es auch in Jerusalem. Ein Mann, in den Gassen Großkairos herumziehend, bemüht sich, mit einem Kruge unter dem Arme, die Aufmerksamkeit der Menschen dadurch zu wecken, daß er, zwei Schüsselchen auf einander schlagend, ein hohes Geklingel verursacht. Es ist ein Meth- oder Sorbetverkäufer. Also sah ich es auch in Jerusalem. Auch hier hockt man bei Arbeiten. Lange Reihen von Kameelen, eines oder zwei mit einer Klingel, schreiten gleichsam als lebendige Alterthümer durch die Stadt.

Eine besondere Würdigung verdient

Die Tracht.

Ich will die Kleidung des Weibes voranschicken; denn da dieses überhaupt so viel Werth auf sie setzt, so gebührt ihm doch wohl der Vorrang.

Das Weib trägt ein blaues Hemde (Leibrock), das bis auf die Fersen flattert, und dessen Aermel in ein langes, spitzes, frei herumfliegendes Band enden. Dieser Leibrock, welcher durch einen Brustschlitz angezogen und mit einer Binde um die Lenden gegürtet wird, ist die einfachste Kleidung. Zu der zusammengesetztern gehört ein gestreiftes Ueberhemde (Ueberrock), welches bloß bis an die Knie und mit den Aermeln bis an die Ellbogen reicht, so daß der Leibrock die Vorderarme und Unterschenkel allein deckt. Vorne gespalten, kann das Ueberhemde wie eine Jacke angezogen werden. Die Leibkleidung wird der Morgenländer nicht als unzüchtig bezeichnen, welcher kaum beachtet, daß sie einen Theil des Busens den Blicken nicht entzieht. Den Kopf verhüllt ein weißer Schleier, ein lumpiger bei der armen Klasse, ein grober und schmutziger bei der mittlern, ein feiner und zierlicher bei der reichen. Die Schleier bei der letztern sind ungemein groß, fallen über die Schultern, die Brust und den Rücken, und verlaufen in Spitzen über den Fersen. Dieser Kopfschleier vertritt die Hauben und Hüte der Europäerinnen. Die Christinnen tragen im Durchschnitte keinen Gesichtsschleier. Die Mehrzahl der Weiber geht barfuß. Sogar an ziemlich kalten Tagen des Christmonats sah ich viele über die schmutzige Gasse barfuß ziehen. Die Uebrigen gehen in Schuhen von verschiedener Form, die meisten in rothen mit langem Ueberleder. Dabei fiel mir das Schuhgestelle außerordentlich auf. Um nämlich die Schuhe, die im Morgenlande auf die Dauer nicht wasserdicht sind, trocken zu erhalten, befestiget man auf jede Sohle querüber zwei etwa vier Zoll hohe Bretchen, und man wandelt mit einer solchen Vorrichtung trocken des Weges. Allein dieses Gehen kostet Mühe, zumal auf den glatten und nassen Steinen der unebenen Gasse. Ein Weib ging so langsam auf den Schuhbretchen einher, daß es mir verleidet und ich beinahe lieber bis auf die Haut durchnäßt worden wäre.

Ohren- und Fingerringe nahm ich nicht wahr, wohl aber silberne oder messingene Spangen am Vorderarme. Für jene Ringe tragen indeß die Frauensleute andere Zierden, die so recht in den wilden Kram noch taugen. Gleich unter den Nasenöffnungen wird ein Fleck des Gesichtes auf jeder Seite blau gefärbt, und, die Wahrheit gestanden, es würde sich dies ohne weitere Zugabe nicht einmal sehr übel ausnehmen. Dann sitzt ein solcher Fleck auf der Stirne zwischen den Augenbraunen; oder zur Seite des Kinns die Figur ÷÷ oder mitten im Kinne ; oder zur Seite der Mundwinkel Eines oder Mehreres, wo nicht Alles zusammen, befremdet den Abendländer bald bei dieser, bald bei jener Frauensperson. Andere Beobachter könnten, wie ich nicht zweifle, noch mehr erzählen. Mir schien schon das Gegebene zu viel, selbst wenn die Punktirung eine sinnige Schrift vorstellen sollte. Es wäre für die Abendländer ein neuer Quell des Gewerbefleißes geöffnet, geriethen sie je auf den Einfall, Bücher an sich abzutatowiren oder auf Menschen Büchersäle zu bauen.

Der Mann trägt ein langes, vorne in der Länge gespaltenes, um die Lenden zugegürtetes Hemde meist von blauer Farbe. Das kürzere Ueberhemde steht am Vordertheile der Länge nach offen, und hat, wie dasjenige der Weiber, ebenfalls breite Streifen, z. B. von rother Farbe. Ich durfte mich ordentlich zusammenfassen, um die Tracht der Jerusalemer festzuhalten; denn in einer Stadt, wo so viel Trachten durch einander wimmeln, wird die Aufmerksamkeit gar leicht zerstreut. Bald ein polnischer Jude, bald ein russischer Edelmann, bald ein Grieche, bald ein Franke etc. mischen sich in das dem Landeseingebornen Eigenthümliche. Die Tracht europäischer Juden hat viel Gemeinsames mit derjenigen der Eingebornen; sie gewinnt unstreitig geschichtliche Bedeutsamkeit, und keinen Augenblick schwebe ich im Zweifel, daß die Israeliten des alten Testamentes sich ähnlich kleideten, wie die neuen Rabbinisten oder Talmudisten. Der Bauer des Landes trägt seinen üppigen Bart ungeschoren; hingegen lassen die meisten Städter bloß den Schnurrbart stehen und scheren den übrigen Bart, alle aber den Kopf. Der morgenländische Christ bedeckt sein Haupt mit einem Turban gleich andern Morgenländern. Man sieht rothe, grüne, weiße, blaue, bunte Turbane. Viele Mohammetaner haben, wie in Egypten, eine rothe Mütze (Fes) auf ohne Bund.

Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen, bewaffneten Mannschaft vermag der Statthalter Egyptens die Syrier zu zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der Dinge in Bezug auf Polizei sich aufs herrlichste bewährt. Ob aber das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft, vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, so würde die schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

Strabo nennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber, Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier heute dazu sagen?

Um zu den Verbesserungen Mehemet-Ali’s zurückzukehren, so will ich nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am Leben erhalten werden.

Die Regierung Mehemet-Ali’s reibt sich an so manchen Gegensätzen: Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen, selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.

Begeben wir uns wieder zu den Heerschaaren, so führt der Faden der Beschreibung zur Bemerkung, daß ebenfalls Jerusalem von der egyptischen Plage, dem Militär, heimgesucht wird.

Ich hätte schon an andern Orten, voraus in Kairo, Gelegenheit gefunden, über die egyptischen Truppen ein einläßlicheres Wort fallen zu lassen. Ich bin dem Militär von jeher fremde geblieben, und was man am wenigsten versteht, berührt man am ungernsten.

Ich schilderte früherhin, daß, bei meinem wenig feierlichen Einzuge in Jerusalem auf dem müden, fast kniefälligen Esel, vor den Mauern der Stadt Truppen meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Gewandtheit und Regelmäßigkeit bei ihren Waffenübungen überstiegen alle Erwartung. Wie der Künstler seine Bildsäulen in einer geraden Reihe aufstellt, so stehen die Wehrmänner neben einander, nur darnach schauend, was sie ablernen sollen, und darnach horchend, was man ihnen befahl.

Die Bewaffnung des Soldaten besteht in einem wohlgeputzten Gewehre, wozu ein Säbel und eine kleine Patrontasche gehören. Letztere trägt der Soldat an einem gelbledernen Riemen über dem Rücken, auf welchem er zugleich in einem Habersacke die nöthigsten Bedürfnisse nachschleppt.

Die Kleidung ist bald von weißem, bald von rothem, bald von anderfarbigem Zeuge. Pumphosen umgeben enge die Unterschenkel, und enden innen und außen halbmondförmig, dergestalt, daß die Bogenlinie nach unten gekehrt ist. Den Oberleib und den Hals umschließt genau eine vorne zugeknüpfte Weste, und von den Aermeln derselben werden die Arme klamm umspannt. Eine Bauchbinde hält die Hosen und deckt ihre Verbindung mit der Weste. Die Kopfbedeckung ist eine rothe (Fẻs) und darunter eine weiße Mütze (Tarbusch), welche letztere gewaschen wird. Strümpfe fehlen. Der Schuh hat ein sehr langes Ueberleder. Der Soldat bewegt sich in der ganzen Kleidung mit Leichtigkeit, nur in den Schuhen nicht. Niemand wird abredig sein, daß man in der Montur die fränkische und morgenländische Tracht mit Klugheit zu vereinigen wußte. Die egyptische Soldatenkleidung von grünem oder blauem Tuche nimmt, etwas Plumpes abgerechnet, sich recht gut aus. Indeß vermochten die Europäer ihren Einfluß noch keinesweges in dem Grade geltend zu machen, daß das Pfeifen und Trommeln nicht etwas Wildes, Türkisches verriethe. Noch mehr aber fällt auf, wenn der wachhaltende Soldat mit dem Gewehre im Arme niederhockt u. dgl.

Zur Nahrung erhält der Soldat für zehn Tage das Quantum Reis, Bohnen, Linsen und Butter. Fleisch bekommt er zweimal in der Woche, im Fastenmonat aber alle Tage nach Untergang der Sonne. Die Speisen kocht der Soldat sich selbst, und das Getränke mag er holen, wo er will.

Was die Ausrüstung anbelangt, so gibt die Regierung dem Gemeinen alle sechs Monate ein Paar Schuhe und Hosen, eine Weste (Jacke) und ein Hemde, alle Jahre dagegen die rothe Mütze, einen Kaputrock und einen Teppich zum Lager oder als Bettung. Die weiße Mütze, die Bauchbinde und etwa Strümpfe schafft er sich selbst an. Beim Eintritte in den Dienst wird er sogleich vollständig bewaffnet; er ist jedoch gehalten, die Waffen auf eigene Kosten auszubessern.

Der monatliche Sold des Gemeinen beträgt 14½ Piaster; es fallen somit auf einen Tag nicht einmal 4 Kreuzer R. W. Ueberdies wird der Sold auch in Syrien sehr nachlässig ausbezahlt. Zur Zeit war er schon vierzehn Monate im Rückstande. Und wenn noch die Bezahlung erfolgt, so macht sie nicht reinen Tisch, sondern sie tilgt bloß einen Theil der Schulden. Ueber nachlässige Zahlung wird allgemein Klage geführt, und mit ihr vorzüglich ist der Leichtsinn oder vielleicht gar die Nothwendigkeit des Schuldenmachens eingerissen. Einmal über das andere langweilt man sich mit der Frage: Wann wird der rückständige Sold ausbezahlt? Ich hörte übrigens nie, daß die Zahlung, mag sie auch noch so spät geleistet werden, je ausblieb.

Je geringer der Lohn ist, welchen der gemeine Söldner empfängt, desto glänzender werden die Offiziere besoldet. Ohne den Taib (gut, Vergütung, Entschädigung) zu rechnen, steigt die monatliche Besoldung eines Obersten auf 16 Beutel (Seckel); den Beutel zu 500 Piaster. Er kann somit täglich etwa 34 Gulden R. W. verzehren. Der General erhält monatlich 24 Beutel. Die Verleihung des Generalstitels hatte für Clot auch besonders in Beziehung auf das Einkommen eine vortheilhafte Seite. Dem Bataillonsarzte (medico maggiore) sind für den Monat 750 Piaster Sold, 140 Piaster Taib und überdies jährlich 1000 Piaster für die Ausrüstung ausgesetzt. Die Anstellung gewährt wenigstens das Bequeme, daß sie nicht bindet, weil zu jeder beliebigen Zeit die Entlassung angenommen werden muß, sobald man sie einreicht.

Die Pilger.

Die griechische Kirche liefert am meisten Pilger, nicht nur viel Griechen, sondern auch viel Russen, und die verschiedenen Trachten vergönnen einen ergötzlichen Anblick. Wenn der russische Krieger sein Blut in den Schlachten nicht gespart hat, wenn er schon nicht mehr fähig ist, die Waffe zu tragen; er kehrt doch nicht zur Ruhe zurück, es erwacht in ihm, statt des weltlichen, der religiöse Kampf, und er wallfahrtet nach Jerusalem, um mit seinen Heiligthümern einen Frieden, nicht für das Hienieden, aber für die Ewigkeit abzuschließen. Die Griechen, sogar arme, verlassen ihren heimathlichen Herd, um Gott ihre Dienste anzubieten. Würden sie sonst das Leben mit Kargheit dahinbringen, so scheuen sie die Auslagen für die Wallfahrt und den Aufenthalt nicht. Ich sage ausdrücklich: den Aufenthalt; denn die griechischen Priester reichen ihren Pilgern die Nahrung nicht auf Kosten des Klosters. Die Pilgrime müssen, wie verlautet, vielmehr froh sein, wenn ihre Seelsorger sich nicht von ihnen bereichern.

Lateinische Christen unternehmen die Pilgerfahrt ungemein selten. Zu ihrer Beherbergung ist das Kloster des Erlösers bestimmt. Freie Bewirthung, selbst auch für Protestanten, ward großmüthig vom Papste geboten. Unter den abendländischen Pilgern gibt es nicht lauter fromme, sondern auch solche, die von Kloster zu Kloster herumstreifen, und darin gut essen und trinken, damit die auf solche Weise zurückgelegte Prachtreise ihnen am Ende daheim zur Fundgrube eines müßigen Glückes werde. Ich kannte einen solchen Pilger, der durch ganz Palästina ohne einen Reisegefährten zu Fuß herumwandelte. Einen Andern traf ich in Ramle, später auch in Jerusalem. Ein Schlesier, sprach er deutsch. Ich erinnere mich kaum einer schmutzigern Kleidung, als dieser deutsche Gärtner trug. Man muß die Beweggründe zu seiner Reise hören, um den Gehalt des Mannes zu prüfen. Zweimal sei er auf den Tod krank gewesen, und habe zuletzt das Gelübde gethan, das heilige Land einmal zu besuchen. Mit nichts, als mit dem schmutzigen Hemde am Leibe, mit Hosen, einem Rocke, Hute, Halstuch und mit schlechten Schuhen, mit wenigen in Tücher verpackten Habseligkeiten, die er an einem Stocke auf der Schulter trug, durchstrich er das jüdische Land bis auf den Libanon, und zwar ohne Kenntniß des Arabischen oder Türkischen, des Griechischen oder Lateinischen, des Französischen oder Italienischen. Drei Tage hielt er sich in Damaskus auf, ohne den Namen der Stadt zu wissen. Heuchlerisch suchte er mich zu überreden, daß er auf einer abenteuerlichen Nachtreise das Zeugniß vom Kloster des Erlösers verloren habe. Weil ihm die Sprache abging, um sich den Mönchen verständlich zu machen, konnte er mich bewegen, daß ich mich für ihn als Dolmetscher verwendete, und die Patres waren gutmüthig genug, ein zweites Zeugniß auszufertigen. Mich erfüllte ein seltsam Erstaunen, als er mir später erzählte, daß er Alles erlogen habe. Es ist der Nämliche, welcher, nach eigenem Geständnisse, einen österreichischen Reisepaß sich zu erschleichen wußte. Ein Franzose ohne Habe, aber mit einer reichen Lügenzunge, ebenfalls ein Pilger, verwendete all’ seinen Witz, um mich zu betrügen. Der Umstand, daß ich immer schußfertig auf dem Anstande war, machte ihn gegen mich unmuthig und bitter. Solches Gesindel betet unter Kniebeugungen und Bekreuzungen an den heiligen Stellen, wo, nach den biblischen Urkunden, Christus für die Menschen sein Blut vergoß, und wo sein Leichnam ins Grab gelegt wurde.

Es ist zudem merkwürdig, daß derlei geldentblößte Leute, die sich gegen den Gastfreund mit einem Geschenke nicht erkenntlich zeigen können, am lautesten aufbegehren und die Unverschämtheit am weitesten treiben.

Die Speisen und Getränke sollen in den Klöstern des jüdischen Landes durchgängig sehr gut sein. Vorzüglich rühmt man die Freundlichkeit der Klosterleute auf dem Libanon und ihren köstlichen Wein.

Der Geist der Christen.

Die heilige Stadt — welcher Wortmißbrauch. Man tadelt allgemein den Geist der Christen zu Jerusalem. Hier, wo man zum reinsten Christussinne aufgefordert werden sollte, wächst so viel Unkraut unter so wenig Waizen. Schlaffheit vertritt lebendiges Streben nach Wahrheit, Formenwesen geläuterte Begriffe, Pharisäismus religiöse Wärme. Man räumt dem Mohammetaner den Vorzug ein, ich glaube, mit Recht. Viele der verschiedenen christlichen Glaubensbekenner benehmen sich so unwürdig, daß man sich beinahe schämen möchte, ein Christ zu heißen. Eine weite Kluft unauslöschlichen Hasses gähnt zwischen den vielfarbigen Bekennern des Christenthums.

Die Griechen verdienen zuerst den Tadel. Um zu einem Zwecke zu gelangen, lassen sie keine Mittel unversucht. Man weiß kaum, wie man von Leuten denken soll, welche, wie die griechischen Priester, ausdrücklich berufen sind, Heiligthümer zu verehren, und an ihrem eigenen Heile zu arbeiten, und welche gleichwohl so viele Heillosigkeiten begehen. Daß sie vom Glauben an einen vergeltenden Gott durchdrungen sind, hält zu begreifen schwer, und wenn sie diesen Glauben noch hegen, so ist er ein schlechter, weil er mit der Annahme gepaart sein muß, daß der Glaube ohne Tugend selig mache. Ich will zwar nicht behaupten, daß es unter den griechischen Priestern nicht auch wackere Männer gebe; nur sind diese, nach übereinstimmenden Aeußerungen, nicht häufig.

Die lateinischen Priester sehen im Allgemeinen ziemlich alltäglich aus. Wenige liebten das lateinische Gespräche, und doch lesen alle die Messe in lateinischer Zunge. Freilich begnügen sich manche Menschen dieses Schlages, in majorem Dei gloriam auf der Oberfläche herumzuschwimmen, ohne daß ihnen der Gedanke beifällt, in der Taucherglocke vom Grunde die Schätze heraufzuholen. Ich darf kaum bemerken, daß die lateinischen Mönche gemeiniglich alle Andersgläubige bemitleiden, weswegen man mir wohlmeinend rieth, ja nirgends den Protestantismus durchblicken zu lassen. Der rothbäckige Verwalter rühmte eines Abends die Gastfreundschaft des Klosters mit den Worten, daß es alle Franken beherberge, klopfe ein Katholik oder ein — — — an. Ich verzeihe dem guten Pater eine solche wenig würdige Sprache, für die ich Gedankenstriche, als die geeignetesten Schriftzeichen in unserer Zeit, wählte. Vom Pater Superior, unter dem Titel Reverendissimus, spricht Jedermann mit Achtung.

Es befinden sich jetzt, wie man mich versicherte, zwei protestantische Missionarien, ein englischer und amerikanischer, in Jerusalem. Man lobt sie, und die protestantischen Fremden, wenigstens die Engländer, ziehen größtentheils ins Missionariat. Ich besuchte weder den einen, noch den andern. Hätte ich mich aber in der Stadt länger aufgehalten, so würde ich ihre Bekanntschaft gerne gemacht haben. Sie stehen, meines Wissens, mit den übrigen Christen in kaltem, jedoch in keinem feindlichen Verhältnisse.

Der Ablaß der römisch-katholischen Kirche.

  1. Gänzlichen Sündenablaß erhält man:
    1. beim Betreten des heiligen Landes, wenn man sieben Vater unser und Ave Maria betet; denn die Mühseligkeiten und Gefahren, welche mit der langen Reise verbunden sind, werden als eine Buße für die eigenen Sünden betrachtet;
    2. beim Eintritte ins Thor von Jerusalem, nach Verrichtung von ebensoviel Gebeten;
    3. in der Franziskanerkirche zum Erlöser in Jerusalem, und zwar am Altare der Verkündigung sowohl, als des Abendmahls von Christus und seiner Erscheinung vor Thomas;
    4. in der Kirche des Christusgrabes, nämlich an den Altären der Kreuzerhöhung und Kreuzigung, am Steine der Salbung, an der Säule der Geißelung, in der Kapelle des Christusgrabes und der Helena, am Orte der Kreuzerfindung;
    5. in Jerusalem an den Plätzen, wo Maria, die Mutter des Christus, empfangen und geboren ward, am Bogen des Ecce Homo, im Palaste des Pilatus, nahe am Orte der Geißelung;
    6. in der Umgegend vor Jerusalem, nämlich bei der Ankunft auf dem Zion, im Besondern im Hause des Hohenpriesters Kaiphas, am Bächlein Kidron, auf der Brücke, wo Christus seine Kniee eindrückte, am Grabe seiner Mutter Maria und des Lazarus in Bethanien, auf der Burg von Magdalo, an der goldenen Pforte;
    7. in Bethlehem, und zwar am Altare, wo Christus geboren ward, am Altare der Krippe, so wie der Anbetung der Weisen aus dem Morgenlande;
    8. in der Umgebung Bethlehems, im Lande der Hirten, wie am Orte der jetzt verlassenen Kapelle, wo denselben der Engel erschien;
    9. in St. Johannes auf dem Berge, am Altare seiner Geburt, in der Wüste, wo er das Evangelium predigte;
    10. in Nazareth, nach dem Eintritte in die Stadt und am Altare der Empfängniß;
    11. in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa und zwar auf dem Berge Thabor, in der Stadt Nain, in Sephoris (Szaffad), wo die Aeltern Marias geboren wurden, in Kana, am Geburtsorte der drei Apostel Bartholomäus, Matthäus und Simon, am Jordan.
  2. Ablaß auf sieben Jahre und zweihundertundachtzig Tage:
    1. zu Jerusalem in der Grabeskirche, am Altare der Kleidervertheilung, an der Kleidersäule, ferner im Gefängnisse auf dem Bezetha und am Orte, wo Christus Magdalenen erschien;
    2. in Bethlehem, am Grabe der Unschuldigen, im Oratorium des Hieronymus, an seinem Grabe, am Grabe der Paula, ihrer Tochter Eustochia und des Eusebius, in der Schule des Hieronymus;
    3. in der Umgegend von Bethlehem, am Grabe der Rahel, im griechischen Eliaskloster, auf dem Felde, wo der Engel den Habakuk wegtrug, in der Zisterne der heiligen drei Könige, am Terebinthenbaume, in St. Saba;
    4. in St. Johannes auf dem Berge, an der sogenannten Marienquelle, am Orte, wo die zwei Basen einander begegneten, an dem Orte, wo Philip den Eunuchen der Königin von Aethiopien taufte;
    5. in Nazareth, im Hause Josefs, am Tische des Herrn, an der Quelle der Jungfrau;
    6. in der Umgegend von Nazareth und in Galiläa, bei der Maria der Furcht, auf dem Seligkeitsberge, dem Aehrenfelde, am Orte der Speisung mit Broten und Fischen, am See Genesareth, in Bethsaida und Kapernaum.

Ich glaubte irrig die Ablaßstellen, wovon ich mehrere besuchte, wenigstens durch Kreuze bezeichnet. Ohne einen Führer würde man, im Geiste des Ablasses, sehr wichtige Stellen unbeachtet überschreiten.

Der alte deutsche Pater und die große Apotheke.

Im Kloster des Erlösers lebt ein grauer Achtziger aus Mähren, Pater Vital. Mich verlangte, den Greis zu sehen. Ein schöner Mann mit blauen Augen, rosigem Wangenschimmer und gebeugtem Körper begrüßte mich mit der einnehmendsten Herzlichkeit. Mir wollte Jerusalem und seine Umgebung nicht gefallen, und ich fragte ihn um seine Meinung über das Leben in diesem Lande. „Ja, was ist es?“ antwortete er. „Man ist nun einmal da. Es muß gut sein.“ Der Sinn der Worte war leicht zu deuten.

Ich traf den Pater gerade in der Werkstätte. Er treibt im Kloster das Geschäft eines Apothekers und Arztes. Dazu ist er also noch Pater. Alle gute Dinge sind drei. Von der Werkstätte gingen wir in die Apotheke. Wenn nur das Halbe wahr ist, was an den Büchsen und Gläsern geschrieben steht, so besitzt sie einen reichen Schatz von Arzneistoffen, daß man sich in der That verwundern muß, wenn man die Lage Jerusalems in einer bildungsarmen Gegend berücksichtigt.

Die herrschende widrige Witterung machte mich ein wenig unpäßlich. Ich ermangelte nicht, dies dem Pater Vital zu eröffnen, zugleich aber die Bemerkung beifügend, daß ich ein Arzt sei. Ohne irgend zu untersuchen, trug mir der Mann Gottes einen Schnapps Rosoli aus der Apotheke mit einer Schnelligkeit und Zuversicht an, daß ich unwillkürlich auf die Vermuthung geführt wurde, es mögen hin und wieder die Klagen eines Preßhaften mit diesem leckern Safte beschwichtiget werden. Ich verbat mir dieses Mittel darum, weil es mein Uebelbefinden nothwendig verschlimmern würde. So mag denn hier die Arzneigeberei beschaffen sein. Schnappskuren wären gar zu schmackhaft[3].

Meine Zelle im Kloster des Erlösers.

Ich hatte eben kein fürstliches Aussehen, und ich kann mir es wohl erklären, wenn man mir nicht aller Orten die beßten Zimmer anwies.

Ich habe früher die freundliche Aufnahme von Seite des Klosterverwalters erwähnt, und diesmal bloß nachzutragen, daß er dem Klosterbedienten Elias zu verstehen gab, er solle mir ein kleines, doch gutes Kämmerlein einräumen, weil man die andern Zimmer für die hohen Personen, die man eben erwarte, bereit halten müsse.

Mein Zimmer, mit einem Bette, Tisch und Sessel, war durchaus schlecht, ohne Fenster, nicht einmal mit gut schließenden Läden, und eine Oeffnung über der Thüre hatte gar keine Vorrichtung zum Sperren. Lustig pfiff der gefällige Wind, die zum Theil schlaflosen Nächte mir zu vertreiben. Es scheint allenthalben dafür gesorgt, daß die Welt zum Himmel hinauf lacht. Wäre es nur nicht ziemlich kalt gewesen, ich würde die Orgeltöne des Windes noch süßer gefunden haben. Beim Schreiben war ich in einen Mantel, die Füße in eine wollene Decke gewickelt, und dennoch konnte ich mich auf diese Art mit genauer Noth wärmen. Die Ueberzeugung wurzelte in mir fest, daß ich in einem solchen Zimmer von meiner Unpäßlichkeit nicht genesen könne, und daß ich daher auf die Abreise dringen müsse, wenn mir anders die Gesundheit am Herzen liege.

Die Schattenseite des Lebens bietet doch ungemein viel Abstufungen dar.

Auf dem Meere dachte ich: Wenn ich nur zu Lande wäre, ich wollte zufrieden sein.

Bei den Pyramiden von Memphis dachte ich: Wenn ich nur wieder unter Franken wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in Kairo dachte ich: Wenn ich nur wieder in einem kältern Himmelsstriche wäre, ich wollte zufrieden sein.

Und in der Wüste dachte ich: Wenn ich nur wieder auf bewohnten Boden meinen Fuß setzen könnte, ich wollte zufrieden sein.

Und in dem Gefängnisse unter dem Zelte dachte ich: Wenn ich nur wieder ein vor dem Regen schützendes Zimmer und die Freiheit hätte, ich wollte zufrieden sein.

Und beim beschwerlichen Ritte von Gaza dachte ich: Wenn ich nur einmal wieder Ramle erreichte, oder wenn mir nur wieder die Bequemlichkeiten des Schiffes auf der See vergönnt wären, ich wollte zufrieden sein.

Wie vielmal wollte ich zufrieden sein, und wie vielmal war ich es nicht? Das kann sich so fügen: Im Augenblicke, da man eine Widerwärtigkeit fühlt, erscheint sie am größten; die vergangene tritt in dem Grade kleiner vor die Seele, als ein Gegenstand vor das Auge, der sich immer weiter entfernt.

Billig stimme ich in das allgemeine Lob auf die gute Bewirthung des Klosters. Die Speisen waren alle schmackhaft. Mir that es wehe, daß ich die in einem zinnernen Becher mir zugereichte Porzion weißen Wein wegen meiner eine strengere Lebensweise gebietenden Unpäßlichkeit nicht ganz trinken durfte. Ich kostete noch keinen edlern Wein, und ich nahm davon sogar als Arznei auf die Reise mit. Nach der Versicherung des Klosterbedienten wächst er in Bethlehem.

Der Führer um und in Jerusalem.

Zu den Sehenswürdigkeiten ist ein Führer vonnöthen. Wendet man sich — das Vorzüglichste, das man thun kann — ans lateinische Kloster, so wird es für einen Dragoman sorgen.

Die Kirche des Christusgrabes ist nicht immer offen. Deswegen muß man im Kloster darnach fragen, wann sie aufgeschlossen werde, um nicht vergeblich sich hin- und herzutreiben. Diese Kirche zu sehen, soll das erste Augenmerk sein. Zu ihrer Aufsuchung wird kein Führer gerade nothwendig. Es weiß den Tempel Jedermann. Viele auf der Gasse verstehen italienisch. Doch in der Grabeskirche selbst bedarf man einiger Anleitung.

Man schlägt mit dem Führer folgende Wege ein:

1) Um die Stadt. Durch das Thor von Damaskus zur Jeremiasgrotte. Dann zu den Gräbern der Könige. Nun richtet man sich gegen das Josaphatsthal; man überschreitet die Kidronbrücke. Jetzt nach einander die Grabhöhle Mariens und der Apostel, sowie der Garten Gethsemane. Hernach auf den Oelberg. Herab zu den Gräbern Absaloms, Josaphats und Zachariassen. Zurück über den Kidron. Unter dem Moriah (Moschee Omars) die Brunnen, insbesondere derjenige Siloahs. Auf letzterem Wege lasse man sich das blinde Thor des, wie man vorgibt, ehemaligen Salomonstempels zeigen. Jetzt ersteige man den Zion; die Hausstelle des Kaiphas und die Stelle der Davidsburg. Das Alles wird man ohne Hinderniß besuchen können; einzig die Mariengruft ist meist gesperrt. Es genügt, daß der Führer sie einmal weise. Man fragt, wann sie offen sei, und man macht allein einen Spaziergang dahin, da sie sehr leicht zu finden ist. In das Dunkel der königlichen Gräber und des Siloahbrunnens muß man sich leuchten.

2) In der Stadt. Wir waren schon in der Kirche des Christusgrabes. Unweit von hier glaubt man den Palast des Pilatus; man gehe durch die sogenannte Schmerzensgasse bis zum vorgeblichen Palast des Herodes und zum sogeheißenen Kerker Christi. Von da begibt man sich in die Nähe der Omarskirche, die man doch von außen ein wenig besehen kann.

Der Führer wird nicht umhin können, mannigfaltige Erinnerungen und Erzählungen, z. B. von heiligen Eindrücken in Steinen, von Häusern heiliger Weiber und Männer, an die Wege zu knüpfen. Ich geleitete bloß zum Sehenswürdigsten.

Bei guter Witterung wird man in einem Tage, bei schlechter in zwei Tagen zuversichtlich allenthalben herumkommen.

Rückblick auf Jerusalem.

So wenig der erste Anblick der Stadt meiner Erwartung entsprach, so tief, ich muß es laut gestehen, wurde sie beschämt, als ich anfing, die Denkwürdige mit Aufmerksamkeit zu zergliedern. Wenn auch nicht der Buchstabengläubige und der ungestüme Zweifler, so kehrt doch der ruhige Prüfer aus der gefeierten Stadt zurück. Jerusalem verdient mit vollem Rechte von dem Alterthumsforscher, zumal aber von dem Israeliten und Christen, besucht zu werden. Es erscheint nicht wenig auffallend, daß hier die Nachgrabungen, um Alterthümer zu entdecken, nicht nach einem durchgreifenden Plane, wie an so manchen andern, geschichtlich vielleicht weniger wichtigen Orten veranstaltet werden. Es liegt über allen Zweifel hinaus, daß der Nachgrabende in Jerusalem mannigfaltige Schätze der Vorwelt hervorziehen würde, die zu Erklärung des alten und neuen Testamentes ungefähr so viel beitragen könnten, als das ganze Heer von Stuben- und Schriftgelehrten seit Jahrhunderten wirklich dazu beigetragen haben. Es versteht sich wohl von selbst, daß, um so zu sagen, keinerlei heilige oder unheilige Besorgnisse von den Nachgrabungen abhalten dürfen. Die Wahrheit ist in der That heiliger zu achten, als daß es erlaubt wäre, auf das Erforschen derselben zu verzichten, weder den Einen, weil sie etwa fürchten, daß der neue Fund den bisherigen Glauben schwäche, noch den Andern, weil sie besorgen, daß er ihn stärke.

Ausflug nach Bethlehem.

Holperiger Weg; das unscheinbare Elias mit einer reizenden Aussicht nach Jerusalem und Bethlehem; Rahels Grab; in Bethlehem Pfützenreichthum, das Franziskanerkloster, der Stall und die Krippe; die Bethlehemiten und Bethlehemitinnen; zu Fuß nach Jerusalem zurück.

Durch die Erzählung der Unannehmlichkeiten mit einem Eseltreiber will ich Niemand belästigen; man hat manchmal mit solchen Leuten so viel Mißliches, daß man beinahe das alte Gebot zurückwünschen möchte, nach welchem den Christen untersagt war, in und um Jerusalem zu reiten.

Ich ging durch das Jaffathor, wendete mich links über das Thal Gihon, und bald war ich auf der Thallehne Hinnon, Jerusalem gegenüber und mit diesem ungefähr in gleicher Höhe. Der Anblick der Stadt verheißt von hier aus nicht viel; kaum zeichnet sich der Zion aus.

Der holperige Weg gleicht unsern Bergwegen. Die Leute lassen sich die Mühe reuen, ein kleines Sträßchen anzulegen, so leicht es wäre. Man hat nicht ganz Unrecht, vom Zustande der Straßen auf die Bildungsstufe der umwohnenden Menschen zu schließen.

Jetzt bekam ich über dem Hinnon einen Esel. Ich ritt durch eine Ebene in der Richtung gegen Mittag. Wo dieselbe zu einem langen, von Abend gegen Morgen oder gegen das uneigentlich sogenannte todte Meer streichenden Hügel aufschwillt, liegt in der Mitte und auf dem Rücken selbst das griechische Kloster des Elias: wenig vorstellende Mauern, welche schwerlich ein Abendländer für ein Gotteshaus ansähe. Das reizlose Aeußere mag der Lüsternheit des Beduinengesindels am beßten wehren. An dem Eliaskloster vorüber, und auf dem Scheitel des Hügels erweitert sich die Aussicht nach Mittag und Mitternacht. Rückwärts nimmt man Abschied von Jerusalem, und vorwärts gegen Mittag begrüßt man Bethlehem, welches wie an einen Abhang gekleibt ist. Im Glanze der Abendsonne fiel dasselbe vortheilhaft ins Auge. Es scheint hier sehr nahe, und doch haben wir erst die Hälfte des Weges am Rücken. Vom Lothssee erblickt man nur ein kleines Silberdreieck, welches von Gebirgen des ostjordanischen Landes majestätisch überragt wird. Zwischen dem Eliaskloster und Bethlehem steht an dem, von Elias aus, sehr unebenen Wege rechts, nach der Ueberlieferung, Rahels Grab unter einer mohammetanischen Kuppel.

Man kommt vor Bethlehem gerne aus der steinichten, mehr oder minder öden Gegend in eine gewächsreichere, worin wenigstens Rebe und Feige und Kohl gedeihen. Unter einem Gewölbe hindurch tritt man ins Dorf. Kaum weiß man vor Wasser und Schlamm, wo man den Fuß hinstellen darf.

Bethlehem, an der nördlichen Abdachung eines Hügels, gewährt keine erhebende Aussicht. Den zwar gut gemauerten Häusern mangeln Fenster.

Im Franziskanerkloster stieg ich ab. Der Pater Guardianus, ein einsichtiger und kenntnißreicher Mann, empfing mich mit Freundlichkeit, und es wurde mir ein gutes, großes Zimmer angewiesen. Abends ereilte mich das Mißgeschick, von der Prozession, mit brennender Kerze in der Hand, gleichsam fortgerissen zu werden. So gerne würde ich mit einem Führer allein und in der Stille den Ort, wo, der Ueberlieferung zufolge, Christus geboren ward, besucht haben. Es ist diese Stelle, unmittelbar unter der Kirche, von einer köstlich gezierten Kapelle überwölbt. Als die Patres in diese herabgestiegen waren, sanken sie in Demuth auf die Kniee, und erhoben die Stimmen des Gebetes. Der Guardian schenkte mir die Aufmerksamkeit, daß er mir ein gedrucktes lateinisches Büchlein mit den Gebeten einhändigte, welche vor jedem Altare verrichtet werden. Wer würde auf dieser Stätte sich nicht in ernste Betrachtungen vertiefen? Welche große Eröffnungen sind, nach dem Glauben der Christen, von dem Manne ausgegangen, dessen Geburtsstätte vor meinen Augen lag („hic de virgine Maria Jesus Christus natus est“). Aber auch welches Unheil erzeugte der Aberwitz, welcher mit Herrschsucht im Reiche der Meinungen sich in den Sinn der Worte unsers großen Meisters hinaufwagte? Wie lange noch bleibt es bloß frommer Wunsch, daß nur einen Hirten eine Heerde umgeben möchte? Man zeigt auch die Krippe, welche zum Lager des neugebornen Kindes gewählt worden sein soll. Außer der Geburtskapelle wallt man in mehrere Höhlen, worin die fromme Erinnerung Altäre und Grabmale gebaut hat, einen z. B. auf Hieronymus, einen hochwürdigen Mann. Es ist von einem Engländer behauptet worden, daß, im Widerspruche mit den Urkunden, die Geburtskapelle unterirdisch sei. Ich möchte dieser Behauptung aus guten Gründen nicht beipflichten. An der Baustelle des Klosters schießt der Boden der Erde gähe ab, und wenn der Boden der Kirche in ebener Linie durchgeführt wurde, so konnte der Stall den Raum zwischen dem Erd- und Kirchenboden einnehmen.

Das Kloster ist ziemlich groß; seine Mauern sind so dick und massiv, wie die einer Festung. Großen Schaden litt es letztes Jahr durch ein Erdbeben, und eben war man mit Verbessern des Gebäudes beschäftiget. Mehrere Mädchen gingen aus und ein, um die Maurer zu bedienen. Diese, wie andere Bethlehemitinnen gewannen in meinen Augen nicht den Preis der Schönheit, welchen Reisende ihnen zudachten.

Die Bethlehemiten sind lauter Christen, und zwar beinahe alle lateinische, nur in geringer Zahl griechische. Aus ihren Gesichtern sprechen die Züge von Schlaffheit, Schlauheit, von Niederträchtigkeit. Ich verdanke dem Pfarrer des Klosters, einem Spanier, die Mittheilung, daß im verwichenen Jahr 122 (lateinische) Kinder geboren wurden. Die ganze Gemeinde von Bethlehem nähert sich der Zahl von 4000. Im laufenden Jahre starben binnen fünfzehn Tagen über 40 Kinder an den wahren Menschenpocken und bloß eine erwachsene Person.

Es werden in Bethlehem sehr viel heilige Dinge, meist aus Perlmutter, gearbeitet. Kurz nach meiner Ankunft begab sich zu mir ins Zimmer ein Bethlehemit mit einer Menge Kruzifixe, Marienbilder, Rosenkränze u. s. f., wovon ich mehreres einkaufte.

Zu spät in Bethlehem, das zwei leichte Wegstunden von Jerusalem entfernt ist, eingetroffen, blieb ich daselbst über Nacht. Ich rühme billigermaßen die freundliche Bewirthung und den guten Wein; nur war es mir unangenehm, daß ich, in Berücksichtigung meiner Gesundheit, nicht nach allen aufgetragenen Speisen langen durfte.

Am folgenden Morgen wollte ich zu Fuß zurückkehren; allein man — — —. Ich wußte zum Glücke noch, daß ich nicht weit von meinem Kopfe Füße habe, und ohne Worte zu machen, trat ich den Rückweg an. Meine kurze Fußreise war ein Lustwandel, während dessen ich die Gegend mehr genoß, als es bei einem Ritte hätte der Fall sein können. Und Gewinn war schon der lebendigere Gedanke, daß Tausende und Tausende von Menschen vor längst verflossenen Jahrhunderten von Bethlehem nach Jerusalem zu Fuße einherwandelten, wie ich nun dahin ziehe. Verläßt man das Dorf Bethlehem, so schaut linker Hand oben das Kloster Johannes auf uns herab. Ungefähr auf der Hälfte Weges holte ich Gesellschaft ein, nämlich einige Marktweiber, welche auf dem Kopfe Holzreiser trugen. Nicht sehr lange aber hielten sie Schritt mit mir; es war eine Strecke über Elias, als ich sie verließ. In dem ungestörten Besitze meiner Gedankenwelt, in der frohen Vergegenwärtigung der Vorzeit, welche der alte Boden unter meinen Füßen heraufbeschwor, ging ich wieder meines Weges allein, wie vor Bethlehem, und ohne irgend ein unangenehmes Begebniß erreichte ich Jerusalem.

Die Beschiffung des Lothssees.