CHAD GADJA
Das Peßachbuch

Herausgegeben von
HUGO HERRMANN

Berlin 1914
Jüdischer Verlag

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INHALTSVERZEICHNIS.

Seite
[Die Anordnung des Peßachfestes] (aus der Bibel) 7
[Aus der Peßach-Hagadah] 13
Theodor Zlocisti, [Die Peßach-Hagadah] 39
S. Ben-Zion, [Mit dem Frühling] 57
[Pharaos Traum] 72
[Von Moses] 74
I. L. Lewinski, [Mit reichem Gute] 79
[Vom Auszuge] 89
[Die Ordnung beim Schlachten] 90
[Peßach in Jerusalem zur Römerzeit] 92
Mendele Mocher Sforim, [Der Tausch] 97
[Das Peßach der Samaritaner] 109
S. J. Agnon, [Der Seder] 111
[Von der Wallfahrt] 124
Z. Kasdai, [Peßach im Kaukasus] 126
J. L. Perez, [Der Zauberkünstler] 133
Ch. N. Bialik, [Melameds Hoffnung] 141
[Peßach im Jemen] 145
Martin Buber, [Der Seder des Unwissenden] 152
Leopold Kompert, [Das Mazzothbacken] 159
Heinrich Heine, [Der Rabbi von Bacherach] 169
Pauline Wengeroff, [Peßach in Rußland vor siebzig Jahren] 192
Julius Heilbrunn, [Die Chagigah in Rechoboth] 209

DIE ANORDNUNG DES PESSACHFESTES.

Zweites Buch Moses, Kapitel 12.

Der Ewige sprach zu Moses und Aaron im Lande Mizrajim: „Dieser Monat sei euch der erste der Monate; an der Spitze der Monate des Jahres stehe er euch. Sprecht zu der ganzen Gemeinde Israel also: Am zehnten dieses Monates nehme jeder ein Lamm, für jedes Haus je ein Lamm. Sind aber in einem Hause zu wenige für ein Lamm, so nehme er es zusammen mit dem nächsten Nachbarn an seinem Hause, bis ihrer so viele sind, als ein Lamm verzehren können. Ein fehlerfreies, männliches, jähriges Lamm sei es; von den Schafen oder den Ziegen nehmet es. Bewahrt es bis auf den vierzehnten Tag dieses Monats; und schlachtet es, jedes Häuflein in der ganzen Gemeinde Israel, gegen Abend. Dann nehmet von dem Blute und bestreichet damit beide Türpfosten und die Oberschwelle der Häuser, worin ihr es esset. Esset das Fleisch in derselben Nacht, am Feuer gebraten; ungesäuerte Brote mit bitteren Kräutern esset dazu. Esset es weder roh noch in Wasser gesotten, sondern am Feuer gebraten, das Haupt mit den Schenkeln und Eingeweiden. Laßt nichts davon übrig bis zum Morgen; was davon bis zum Morgen übrig bleibt, das verbrennt. So aber sollt ihr es essen: die Gürtel um die Lenden, die Schuhe an den Füßen, Stäbe in den Händen; so verzehrt es in Eile: es ist ein Peßach für den Ewigen. Ich will das Land Mizrajim in dieser Nacht durchziehen und alle Erstgeburt im Lande Mizrajim schlagen, von Menschen wie von Vieh; alle Götter Mizrajims will ich strafen, ich, der Ewige! Das Blut sei euch als Zeichen an den Häusern, worin ihr seid; ich werde das Blut sehen und an euch vorübergehen, daß euch nicht Leid und Verderben treffe, wenn ich das Land Mizrajim schlage. Dieser Tag sei euch ein Gedenktag, feiert an ihm dem Ewigen ein Fest für all eure Nachkommen; als ewigen Brauch feiert es. Sieben Tage esset ungesäuertes Brot; am ersten Tage sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern entfernen, denn wer Gesäuertes ißt vom ersten Tage bis zum siebenten, soll weggetilgt werden aus Israel. Am ersten Tage haltet eine Festversammlung, am siebenten Tage haltet eine Festversammlung; an ihnen soll alle Arbeit ruhen; nur was jeder zur Nahrung braucht, dürft ihr zubereiten. Haltet das Gesetz des ungesäuerten Brotes; denn an diesem selben Tage habe ich eure Scharen aus dem Lande Mizrajim geführt. Haltet diesen Tag für all eure Nachkommen als ewigen Brauch. Im ersten Monat, am vierzehnten Tage, des Abends, esset ungesäuertes Brot, bis an den einundzwanzigsten Tag des Monats, des Abends. Sieben Tage soll kein Sauerteig in euren Häusern zu finden sein, denn wer Gesäuertes ißt, soll weggetilgt werden aus der Gemeinde Israel, er sei nun ein Fremdling oder heimisch im Lande. Esset kein gesäuertes Brot; wo immer ihr wohnet, eßt ungesäuertes Brot.“

Und Moses rief alle Alten in Israel und sprach zu ihnen: „Auf! Nehmet ein Schaf für eure Familien und schlachtet das Peßach! Nehmt ein Büschel Ysop, taucht es ins Blut in dem Becken und bestreichet die Oberschwelle und die beiden Türpfosten mit dem Blute im Becken; und keiner gehe aus seines Hauses Tür bis zum Morgen! Der Ewige wird einherziehen, die von Mizrajim zu treffen; wenn er das Blut sehen wird an der Oberschwelle und den beiden Türpfosten, wird er an der Tür vorübergehen und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen, jemand zu treffen. Haltet dies als Brauch, für dich und deine Kinder ewiglich. Und wenn ihr in das Land kommt, das der Ewige euch geben wird, wie er zugesagt hat, so haltet diesen Dienst. Und wenn eure Kinder euch fragen: ‚Was habt ihr da für einen Dienst?‘ — so sprechet: ‚Es ist das Peßachopfer des Ewigen, der in Mizrajim an den Häusern der Kinder Israel vorüberging, als er Mizrajim traf, unsere Häuser aber verschonte.‘“ Da neigte sich das Volk und bückte sich. Und die Kinder Israel gingen hin und taten, wie der Ewige Moses und Aaron geboten hatte; also taten sie.

Um Mitternacht aber schlug der Ewige alle Erstgeborenen in Mizrajim, vom Erstgeborenen des Pharao an, der auf seinem Throne saß, bis zum Erstgeborenen des Gefangenen, der im Kerker saß, und auch alle Erstgeburt des Viehs. Da stand der Pharao auf in dieser Nacht samt seinen Höflingen und allen von Mizrajim, und es ward ein lautes Geschrei in Mizrajim, denn es war kein Haus, worin nicht ein Toter lag. Da rief er Moses und Aaron des Nachts und sprach: „Auf, zieht hinweg von meinem Volke, ihr mitsamt den Kindern Israel, geht und dienet dem Herrn, wie ihr gesagt habt. Auch eure Schafe und Rinder nehmet mit, wie ihr gesagt habt; geht und bittet auch für mich.“ Und die von Mizrajim drängten das Volk, eilends aus dem Lande zu ziehen, denn sie sprachen: „Wir alle sind des Todes!“ Da trug das Volk den Brotteig, ehe er gesäuert war, in ihre Kleider eingebunden, auf den Schultern. Und die Kinder Israel taten, wie Moses gesagt hatte, und verlangten von denen von Mizrajim silberne und goldene Geräte und Kleider. Und der Ewige gab dem Volke Ansehen bei denen von Mizrajim, so daß sie ihnen willfahrten; so plünderten sie die von Mizrajim.

So zogen die Kinder Israel von Raamses nach Sukoth, sechshunderttausend Mann zu Fuß ohne die Kinder. Und auch viel Gesindel zog mit ihnen, Schafe und Rinder, ein großer Haufe Vieh. Und sie buken den Teig, den sie aus Mizrajim gebracht hatten, zu ungesäuerten Kuchen; es war ja nicht gesäuert, denn sie wurden aus Mizrajim getrieben und durften nicht verweilen noch sich Reisezehrung bereiten. Die Zeit aber, die die Kinder Israel in Mizrajim wohnten, war vierhundertdreißig Jahre; nach Ablauf der vierhundertdreißig Jahre, an einem Tage, zog das ganze Heer des Ewigen aus dem Lande Mizrajim. Diese Nacht wird dem Ewigen gehalten, da er sie aus dem Lande Mizrajim führte; diese Nacht soll dem Ewigen gehalten werden von allen Kindern Israel und für all ihre Nachkommen.

Also an einem Tage führte der Ewige die Kinder Israel aus dem Lande Mizrajim, nach ihren Scharen.

SEHT DAS BROT der Armut, das unsere Väter im Lande Mizrajim aßen!

Wer hungrig ist, komme und esse. Wer bedürftig ist, komme und feire mit uns Peßach.

Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Erez-Israel; dieses Jahr Knechte, nächstes Jahr freie Männer.


WODURCH IST AUSGEZEICHNET diese Nacht vor allen Nächten?

Denn in allen Nächten essen wir Gesäuertes und Ungesäuertes,

in dieser Nacht aber nur Ungesäuertes;

In allen Nächten essen wir von allen Pflanzenarten,

in dieser Nacht aber nur bitteres Kraut;

In allen Nächten sind wir nicht verpflichtet auch nur einmal einzutauchen,

in dieser Nacht aber zweimal;

In allen Nächten essen wir aufrecht sitzend oder angelehnt,

in dieser Nacht aber nur angelehnt.

KNECHTE WAREN WIR unter Pharao in Mizrajim; doch der Ewige, unser Gott, führte uns mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme von dort heraus. Wenn der Heilige — gepriesen sei er! — unsere Väter nicht aus Mizrajim geführt hätte — wahrlich, wir und unsere Kinder und unserer Kinder Kinder wären Knechte geblieben in Mizrajim. Und wären wir auch alle Weise, wären wir klug, wären wir alt und erfahren, wären wir Kenner der Thorah: doch wären wir verpflichtet, von dem Auszug aus Mizrajim zu erzählen; und wer am meisten vom Auszug aus Mizrajim zu erzählen weiß, der sei gepriesen.

ES WIRD BERICHTET von Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi Elasar, dem Sohne Asarjahs, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon, daß sie in B’ne-B’rak speisten. Und sie erzählten die ganze Nacht hindurch vom Auszuge aus Mizrajim, bis ihre Schüler kamen und ihnen zuriefen: „Ihr Herren Lehrer! Die Zeit des Morgengebetes ist da!“

VON VIERERLEI SÖHNEN spricht die Thorah: einer ist klug, einer böse, einer einfältig und einer weiß nicht zu fragen.

WAS SAGT DER KLUGE? „Welche Zeugnisse, welche Vorschriften und welche Befugnisse hat der Ewige, unser Gott, euch gewährt?“ Und du vermelde ihm die Gebräuche des Peßach und daß man nach dem Genusse des Peßachopfers keinen Nachtisch herumreichen darf.

WAS SAGT DER BÖSE? „Was habt ihr da für einen Dienst?“ „Ihr“ und nicht „wir“. Damit aber, daß er sich aus der Gemeinschaft ausschloß, leugnete er die Hauptsache. Darum stumpfe ihm die Zähne ab und sprich zu ihm: „Eben dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajim zog.“ „Mir“ und nicht „dir“; denn wenn er dort gewesen wäre, er wäre nicht erlöst worden.

WAS SAGT DER EINFÄLTIGE? „Was ist das?“ Ihm sage nur: „Mit starker Hand führte uns Gott aus Mizrajim, aus dem Hause der Knechte.“

DER ABER NICHT ZU FRAGEN WEISS, den mache aufmerksam; denn es heißt: „Erzähle deinem Sohne an diesem Tage: ‚Dies tat mir der Ewige, als ich aus Mizrajim zog.‘“

VON ANFANG AN waren unsere Väter Götzendiener; seither aber weihte Gott uns seinem Dienste; denn es heißt: „Es redete Jehoschua zu allem Volke: So sprach der Ewige, der Gott Israels: jenseits des Stromes saßen eure Väter von der Urzeit an: Terach, der Vater Abrahams und Vater Nachors, und sie dienten anderen Göttern. Da nahm ich euren Vater Abraham von jenseits des Stromes und führte ihn durch das ganze Land K’naan; ich vermehrte sein Geschlecht und gab ihm den Jizchak. Ich gab dem Jizchak Jakob und Esau, und dem Esau gab ich das Gebirge Seïr, es zu beherrschen; Jakob aber und seine Söhne zogen hinab nach Mizrajim.“

GEPRIESEN SEI, der Israel seine Verheißungen treulich hält, gepriesen sei er; denn der Heilige, gepriesen sei er, hat den Ausgang berechnet, um auszuführen, was er Abraham unserem Vater im Bunde versprochen. Denn es heißt: „Er redete zu Abraham: Wisse wohl, daß dein Geschlecht als fremdes in einem Lande leben wird, das nicht ihm gehört, und daß sie elende Knechte sein werden durch vierhundert Jahre. Aber auch das Volk, dem sie dienen, werde ich richten — und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute.“

DARUM SO STAND ER bei unsern Vätern und uns; denn nicht nur ein einziger erhob sich gegen uns, um uns zugrunde zu richten, sondern in jedem neuen Geschlechte erheben sie sich gegen uns, uns zu verderben, und der Heilige — gepriesen sei er! — reißt uns aus ihren Händen.

GEH HIN und lerne, was Laban, der Aramite, unserem Vater Jakob zu tun gedachte. Der Pharao wütete nur gegen das männliche Geschlecht, Laban aber gedachte die Gesamtheit zu vernichten. Denn es heißt: „Der Aramite stellte dem Vater nach, da zog er hinab nach Mizrajim und machte sich dort mit einer kleinen Familie ansässig, dort aber wurde er zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volke.“

Die von Mizrajim aber verleumdeten uns, bedrückten uns und legten uns schwere Arbeit auf.

Die von Mizrajim verleumdeten uns, wie es heißt: „Wohlan, sprach der Pharao, wir wollen uns klugerweise vor ihnen wahren, sonst könnten sie allzu zahlreich werden. Und wenn sich ein Krieg erhöbe, würden sie sich auch noch zu unsern Feinden schlagen, uns bekämpfen und aus dem Lande ziehen.“

Sie bedrückten uns, wie es heißt: „Da setzten sie Frohnvögte über das Volk, um es mit ihren Frohndiensten zu drücken; und es baute dem Pharao Vorratsstädte, Pithom und Raamses.“

Sie legten uns schwere Arbeit auf, wie es heißt: „Sie trieben die Kinder Israel zur Arbeit mit Härte.“

Und wir schrien zu dem Ewigen, dem Gott unserer Väter, und der Ewige hörte unsere Stimme, er sah unser Elend, unsere Mühsal und unsere Bedrängnis.

Wir schrien zu dem Ewigen, dem Gott unserer Väter, wie es heißt: „Lange Zeit danach starb der König von Mizrajim. Die Kinder Israel seufzten unter der Arbeit und schrien; und ihr Ruf nach Befreiung von der Arbeit drang zu Gott empor.“

Der Ewige hörte unsere Stimme, wie es heißt: „Und Gott hörte ihr Wehklagen und Gott gedachte seines Bundes mit Abraham, mit Jizchak und mit Jakob.“

Er sah unser Elend, unsere Mühsal und unsere Bedrängnis, wie es heißt: „Und ich sah die Qual, womit die von Mizrajim sie quälen.“

Und der Ewige führte uns aus Mizrajim, mit starker Hand und ausgerecktem Arm, mit furchtbarer Macht und mit Zeichen und Wundern.

Der Ewige führte uns aus Mizrajim, nicht durch einen Engel, nicht durch einen Seraph, nicht durch einen Abgesandten, sondern der Heilige, gepriesen sei er, in seiner eigenen Herrlichkeit, wie es heißt: „Ich will das Land Mizrajim in dieser Nacht durchziehen und alle Erstgeburt im Lande Mizrajim schlagen, von Menschen wie von Vieh; alle Götter Mizrajims will ich strafen, ich, der Ewige.“

Mit starker Hand und ausgerecktem Arm, mit furchtbarer Macht und mit Zeichen und Wundern. Dies sind die zehn Plagen, die der Heilige, gepriesen sei er, über die von Mizrajim gebracht hat: Verwandlung des Wassers in Blut, Frösche, Stechmücken, wilde Tiere, Viehpest, Beulen, Hagelschlag, Heuschrecken, Finsternis und Tötung der Erstgeburt.

WELCHE FÜLLE VON WOHLTATEN erwies uns Gott!

Hätte er uns nur aus Mizrajim geführt, ohne die Ägypter zu richten — es hätte uns genügt.

Hätte er die Ägypter gerichtet, nicht aber auch ihre Götzen — es hätte uns genügt.

Hätte er ihre Götzen gerichtet, nicht aber ihre Erstgeborenen erschlagen — es hätte uns genügt.

Hätte er ihre Erstgeborenen erschlagen, nicht aber uns ihren Reichtum gegeben — es hätte uns genügt.

Hätte er uns ihren Reichtum gegeben, nicht aber uns das Meer geteilt — es hätte uns genügt.

Hätte er uns das Meer geteilt, nicht aber uns trockenen Fußes hindurchgeführt — es hätte uns genügt.

Hätte er uns trockenen Fußes hindurchgeführt, nicht aber unsere Feinde darin ersäuft — es hätte uns genügt.

Hätte er unsere Feinde darin ersäuft, nicht aber durch vierzig Jahre für unsern Unterhalt in der Wüste gesorgt — es hätte uns genügt.

Hätte er durch vierzig Jahre für unsern Unterhalt in der Wüste gesorgt, nicht aber uns mit Manna gespeist — es hätte uns genügt.

Hätte er uns mit Manna gespeist, nicht aber uns den Sabbath gegeben — es hätte uns genügt.

Hätte er uns den Sabbath gegeben, nicht aber uns an den Berg Sinai geführt — es hätte uns genügt.

Hätte er uns an den Berg Sinai geführt, nicht aber uns die Thorah gegeben — es hätte uns genügt.

Hätte er uns die Thorah gegeben, nicht aber uns nach Erez-Israel gelangen lassen — es hätte uns genügt.

Hätte er uns nach Erez-Israel gelangen lassen, nicht aber uns das Heiligtum erbaut — es hätte uns genügt.

NICHT EINE WOHLTAT, sondern unzählig viele verpflichten uns Gott. Denn er führte uns aus Mizrajim, er richtete die Ägypter, ebenso ihre Götzen, er erschlug ihre Erstgeborenen, er gab uns ihren Reichtum, er teilte uns das Meer, er führte uns trockenen Fußes hindurch, er ersäufte unsere Feinde darin, er sorgte durch vierzig Jahre für unsern Unterhalt in der Wüste, er speiste uns mit Manna, er gab uns den Sabbath, er führte uns an den Berg Sinai, er gab uns die Thorah, er ließ uns nach Erez-Israel gelangen, er erbaute uns das Heiligtum, um all unsere Sünden zu versöhnen.

RABBI GAMLIEL sagte: „Wer folgende drei Dinge am Peßach nicht nennt, hat seine Pflicht nicht erfüllt. Diese sind: Das Peßachopfer, die Mazzah, das bittere Kraut.“

DAS PESSACHOPFER, das unsere Väter zu der Zeit aßen, als das Heiligtum noch stand, was bedeutet es? Es bedeutet, daß der Heilige — gepriesen sei er! — die Häuser unserer Väter in Mizrajim überging. Denn es heißt: „Sprechet: ‚Es ist das Peßachopfer des Ewigen, der in Mizrajim an den Häusern der Kinder Israel vorüberging, als er Mizrajim traf, unsere Häuser aber verschonte.‘ Da neigte sich das Volk und bückte sich.“

DIESES UNGESÄUERTE BROT, das wir essen, was bedeutet es? Es bedeutet, daß der Brotteig unserer Väter nicht Zeit hatte zu gären, bis ihnen der König, der aller Könige König ist, der Heilige — gepriesen sei er! — erschien und sie erlöste. Denn es heißt: „Sie buken den Teig, den sie aus Mizrajim gebracht hatten, zu ungesäuerten Kuchen; es war ja nicht gesäuert; denn sie wurden aus Mizrajim getrieben und durften nicht verweilen noch sich Reisezehrung bereiten.“

DIESES BITTERE KRAUT, das wir Essen, was bedeutet es? Es bedeutet, daß die Ägypter das Leben unserer Väter in Mizrajim verbitterten. Denn es heißt: „Sie verbitterten ihnen das Leben durch schwere Arbeit mit Lehm und Ziegeln und durch allerlei Feldarbeit und sonstige Dienste, wozu sie sie mit Strenge zwangen.“

ZU JEGLICHER ZEIT ist ein jeder verpflichtet, sich so anzusehen, als ob er selbst aus Mizrajim gezogen wäre. Denn es heißt: „Erzähle deinem Sohne an diesem Tage: Dies tat der Ewige mir, als ich aus Mizrajim zog.“ Nicht allein unsere Väter erlöste der Heilige — gepriesen sei er! —, sondern auch uns erlöste er mit ihnen; denn es heißt: „Uns führte er von dort heraus, um uns das Land zu geben, das er unsern Vätern verheißen.“

DARUM sind wir verpflichtet, zu danken, zu loben, zu preisen, zu rühmen, zu verherrlichen, zu feiern, zu segnen, zu erheben, zu verehren, anzubeten ihn, der an unsern Vätern und an uns all diese Wunder getan hat. Er führte uns aus der Knechtschaft zur Freiheit, aus dem Kummer zur Freude, aus der Trauer zum Feste, aus dem Düster in helles Licht, aus Gebundenheit zur Erlösung. Laßt uns denn vor ihm singen: Hallelujah!

DA ISRAEL AUS MIZRAJIM ZOG, das Haus Jakob aus dem fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich. Das Meer sah und floh, der Jordan wandte sich rückwärts, die Berge hüpften wie Widder, die Hügel wie junge Lämmer. Was ist dir, o Meer, daß du fliehst, du Jordan, daß du dich rückwärts wendest? Ihr Berge, daß ihr hüpft wie Widder, ihr Hügel, wie junge Lämmer? Vor dem Herrn erbebe, du Erde, vor dem Gotte Jakobs, der den Fels wandelt in Wassersee, den Kieselstein in einen Wasserquell!

SO TAT HILLEL zur Zeit, da das Heiligtum stand: „Er umwickelte Mazzah mit bitterem Kraute und aß es auf einmal, um zu erfüllen, wie es heißt: ‚Mit Mazzoth und bitteren Kräutern soll man es essen.‘“

ERGIESSE DEINEN ZORN über die Völker, die dich nicht kennen, und über die Reiche, die deinen Namen nicht anbeten; denn sie verdarben Jakob und zerstörten seine Flur.

Ergieße deinen Grimm über sie und die Flamme deiner Wut treffe sie.

Verfolge sie mit Wut und tilge sie unter dem Himmel des Ewigen hinweg.

NICHT UNS, o Ewiger, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre, um deiner Milde, um deiner Treue willen! Warum sollen die Heiden sprechen: „Wo ist nun ihr Gott?“ Ist doch unser Gott im Himmel; was immer er will, vollendet er. Ihre Götzen aber sind Silber und Gold, Werk von Menschenhand. Sie haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht, sie haben eine Nase und riechen nicht. Hände und tasten nicht, Füße und gehen nicht, und kein Laut dringt aus ihrer Kehle. Ihnen gleich sind, die sie schufen, alle, die auf sie bauen. Israel baut auf den Ewigen, er ist sein Schirm und Schild. Das Haus Aarons baue auf den Ewigen! Er ist sein Schirm und Schild. Die Anbeter des Ewigen bauen auf den Ewigen; er ist ihr Schirm und Schild.

LOBET DEN EWIGEN, alle Völker! Preiset ihn, alle Stämme! Denn gewaltig ist über uns seine Gnade und die Wahrheit des Ewigen in Ewigkeit. Hallelujah!

DANKET DEM EWIGEN, denn er ist gütig, ewig währt seine Gnade.

Es spreche Israel: Ewig währt seine Gnade.

Es spreche das Haus Aarons: Ewig währt seine Gnade.

Es sprechen die Anbeter des Ewigen: Ewig währt seine Gnade.

SO WAR ES UM MITTERNACHT.

Schon viele Wunder tatest du des Nachts.

Abimelech, dem Könige von Gerar, drohtest du Tod im Traum des Nachts,

Laban, den Aramiten, versetztest du in Schrecken des Nachts,

Israel rang mit dem Engel und siegte über ihn des Nachts;

Es war um Mitternacht.

Die Erstgeborenen derer von Mizrajim trafest du des Nachts,

Daß sie sie nicht fanden, als sie aufstanden des Nachts,

Den stolzen Mut Sisseras, des Fürsten, zertratest du beim Sternenschein des Nachts;

Es war um Mitternacht.

Belsazar, der aus den geweihten Gefäßen sich bezechte, ward erschlagen des Nachts,

Daniel ward aus der Löwengrube gerettet, der die Zeichen deutete der Nacht,

Haß trug Haman im Herzen und schrieb Blutbefehle des Nachts;

Es war um Mitternacht.

Laß bald kommen den Tag, der nicht Tag ist noch Nacht,

Setze Wächter über deine Stadt Jerusalem, bei Tage wie bei Nacht,

Erhelle wie Licht des Tages das trübe Dunkel der Nacht;

Es war um Mitternacht.

SEIN IST DER RUHM, sein ist die Ehre.

NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM!

ALLMÄCHTIGER GOTT, bau Deinen Tempel schiere, also schier: in unsern Tagen, schiere, ja schiere. Barmherziger Gott, gerechter Gott, Demütiger Gott, hoher Gott, würdiger Gott, Sanfter Gott, huldvoller Gott, trauter Gott, Juden-Gott, kräftiger Gott, lebendiger Gott, Mächtiger Gott, namhaftiger Gott, ewiger Gott, Furchtbarer Gott, zarter Gott, königlicher Gott, Reicher Gott, starker Gott, Du bist Gott und niemand mehr. O bau Deinen Tempel schiere, also schier: in unsern Tagen, schiere, ja schiere!

EINS — WER WEISS ES? Eins — ich weiß es: Eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Zwei — wer weiß es? Zwei — ich weiß es: Zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Drei — wer weiß es? Drei — ich weiß es: Drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Vier — wer weiß es? Vier — ich weiß es: Vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Fünf — wer weiß es? Fünf — ich weiß es: Fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Sechs — wer weiß es? Sechs — ich weiß es: Sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Sieben — wer weiß es? Sieben — ich weiß es: Sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Acht — wer weiß es? Acht — ich weiß es: Acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Neun — wer weiß es? Neun — ich weiß es: Neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Zehn — wer weiß es? Zehn — ich weiß es: Zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Elf — wer weiß es? Elf — ich weiß es: Elf sind der Gestirne, zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Zwölf — wer weiß es? Zwölf — ich weiß es: Zwölf sind der Stämme, elf sind der Gestirne, zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

EIN BÖCKLEIN, ein Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

Es kam ein Kätzlein und aß das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Hündlein und biß das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

Es kam ein Stöcklein und schlug das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein! ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Feuerlein und verbrannte das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Wässerlein und löschte das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Öchslein und soff das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Schlächterlein und schlachtete das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Todesenglein und schlachtete das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam der liebe Gott und schlachtete das Todesenglein, das geschlachtet das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!


DIE PESSACH-HAGADAH.

Von Theodor Zlocisti.

Israel das auserwählte Volk! Hat der Stolz dieses Bekenntnis geboren, der Stolz, der die Verpflichtung in sich trägt? Oder ist diese Überzeugung nur ein ethisches Erziehungsmittel unserer alten Meister, die unermüdlich Barrikaden türmten um die Zelte Jakobs, daß sie festblieben im brausenden Sturm der Zeiten und nicht ihr schützendes Dach verlören, wenn einmal die Sonne in mitleidigen Gnaden der Gemeinde lächelte? Formel und Stimmung der Segenssprüche und Gebete steigerten Israels Überzeugung von seiner Erwähltheit auch dann noch zu schöpferischem Leben, als das Verlangen nach der Erlösung von der Fessel jüdischer Verpflichtung jene — sonst ungeübte — Bescheidenheit aufkommen lassen mochte, nichts anderes und nicht mehr denn die Völker der Erde zu sein. Sein zu — wollen.

Die Geschichte sprach. Vor ihrer eindringlichen Rede mußte das Murren derer verstummen, die Israels Vergangenheit wie Sträflingsketten empfanden auf dem Wege des „Fortschritts“, der so viele Flüchtlinge sah.

Freiheitssehnsucht und das Ahnen einer höheren Berufung, das die Seelen in der Sklavennot festmachte im Entschluß und stark zur Tat, fügten die Stämme zum Volke. Aus mythischem Gewölk stieg es in den Lichtkreis der Geschichte. Völker, die am Morgen blühten, versanken in die Nacht. Der Trutz der Gewaltigen zerbrach. Die Kleinen verdorrten in der Schwüle. Die Herren der Welt und ihre Werke starben. Aber Israel, der Knecht Gottes, mußte leben. Und lebt.

Nur das Tote und was das Gesetz des Sterbens in sich trägt, hat eine Geschichte. Das jüdische Volk hat nur eine Vergangenheit. Es lebt, da es kämpfen muß: um sich, um Gott, um eine Zukunft. Es lebt harrend des Messias, der sich durch den Propheten Eliah ankündigt. Es lebt für das goldene Zeitalter der Menschen, das nur die Resignation sterbender Völker, die Verzweiflung der Geschichtsnationen in die Vorzeit, die war und nicht wiederkehrt, hat verlegen können.

Israel lebt; und dieses Lebendigsein läßt seine Vergangenheit nicht zur Geschichte erstarren. Was in den Zeiten war, muß den Geschlechtern wirklich sein. Und Gegenwart! War einstmals Erlebtes nicht unwertiges Beiwerk, sondern das Erlebnis, dann ist es heut wie einst: ewige Gegenwart, die kein Verblühen kennt.

Dieses ist des Peßachfestes letzter Sinn. Dieses ist das gestaltende Prinzip der Hagadah, das formende Element von Peßachbrauch und Sitte. „In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der einzelne verpflichtet, sich selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen dessen, was der Ewige mir getan hat bei meinem Auszug aus Mizrajim... Nicht unsere Väter allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, sondern auch uns hat er mit ihnen erlöst, denn es heißt: Und uns hat Er von dort herausgeführt, um uns zu führen und um uns zu geben das Land, das er unsern Vätern zugeschworen.“

Peßach als Geschichtsfest, als ein Fest der Erinnerung zu feiern, mußte als Entehrung gelten. Wer den Auszug aus Mizrajim nicht als ein persönliches Erlebnis in sich trug, war ein Abtrünniger, frevelte an dem Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Nur der Böse — der Feind Israels! — konnte fragen: „Was soll dieser Dienst — euch?! Euch! Nicht ihm! Er schließt sich aus der Gemeinschaft aus. So verleugnet er das Wesentliche. Mache ihm darum die Zähne stumpf und sage ihm: Wegen dessen, was der Ewige mir getan hat bei meinem Auszug aus Mizrajim... Mir, nicht ihm. Er wäre von dort nicht befreit worden.“

Sich selbst als den Erlösten zu fühlen und fröhlich die Verpflichtung aus dieser Gnade zu tragen: das war die Überwindung der Zeiten. Ägypten war nicht einst. Es lebt fort als das Land unserer Knechtschaft. Und in neuer Gestalt nur steht es auf, Israel zu vernichten. Die Feinde wechseln. Die Feindschaft bleibt. Das Werkzeug der Frohnherren erneuert sich, und der Haß findet keckere Künste der Versklavung —: aber im Peßach trägst du die Gewißheit der Erlösung. Die Befreiung der Nation nimmt dem einzelnen die Kette ab. Und der einzelne, der in sich das Werk der Befreiung fühlt, erlöst das Volk. So verknüpft Peßach dich mit dem Volke und bindet die Geschlechter durch die Ewigkeit gemeinsamen Schicksals! Neue Zeiten steigen empor mit neuen Geschehnissen. Es sind die alten, nur in neuem Mummenschanz. Neue Geschlechter kommen. Es sind die alten, wird das Erlebnis des Vaters nur das Erlebnis des Sohnes. Aber die Kette der Geschlechter ist zerrissen, wenn der Sohn stumm steht vor der tiefsten Erregung des Vaters. Und also strebt das Erziehungsproblem unserer Meister empor zur Versöhnung und Verschmelzung der Gewordenen und der Werdenden: „Erzähle ihnen nicht. Sondern lehre die Kinder — fragen.“ Mah nischtanah halajlah haseh mikol halejloth ... Das Fest der Vergangenheit wird das Fest derer, die in sich die Zukunft tragen.

Als der Tempel noch auf der Höhe Zions stand, gab es wohl noch kein besonderes Rituale. Aus allen Städten und Gauen kamen die Familien in die heilige Stadt, um dort mit Opfern und fröhlichem Gelage ihre eigene Befreiung zu feiern. An drei Millionen Menschen — Freiheitkünder — sah noch kurz vor dem „jüdischen Kriege“ Jeruschalajim. Peßach machte sie zu einem Volke, wie die ägyptische Befreiung sie zu einem Volke gemacht hatte. Wie es die Kraft immer aus sich gebar, in Raum und Zeit Getrenntes zu vereinen, aus den Umständen Geschiedenes zusammenzufügen, so löste es in alter Zeit die Spannung der sozialen Schichten und der religiösen Bünde. Der Arme war der Gast des Reichen. Ha lachma anja — dies ist das Brot des Elends. Es gehörte den Dürftigen. Die Genossenschaften, die in der levitischen Reinheit lebten — die Chawerim —, wollten sich jetzt nicht vom Am haarez unterscheiden, dessen Sein und dessen Werk im Erdhaften wurzelten: Zu Peßach hieß es: Kol Israel chawerim. Das Fest weihte auch die Ungeweihten. Erst in der Folge weitete sich der Sinn dieser Formel zur Notwendigkeit eines Lebensprinzips aus. Pharao lag noch nicht am Boden. Römische Kohorten durchzogen das Land. Der Tempel fiel. Das Imperium romanum schwoll um eine neue Kolonie an. Viele mußten ins Elend ziehen. Aber des Peßach konnten sie nicht vergessen. Die im Lande blieben auf heimischer Scholle — den Zöllnern frohnend wie einst den Zwingherren in Ägypten — zogen wie einst hinauf in die heilige Stadt, opferten das Lamm und sangen, wie uns des Nazareners Jünger melden, den Lobgesang. Frühe schon war also das Hallelgebet in die Festordnung eingefügt worden. An die Stelle der fließenden Bräuche eines fröhlichen Freiheitsfestes hatte die Sorge um die Erhaltung des Volkstums die Ordnung gesetzt. Die Meister sahen den Gang der äußeren Geschicke schmerzergriffen. Aber weit in die Zeiten hinausblickend griffen sie besonnen das Werk an: der Weiterführung und Umformung mosaischen Gesetzes und jüdischer Sitte. Den neuen Lebensbedingungen des Exils sich weise anpassend, wollten sie die Verbannung überwinden, überdauern. Sprache und Brauch und die Übungen des heiligen Dienstes durften, sollten sich wandeln, damit die Seele des Volkstums in unbefleckter, unberührter Reinheit blieb. Peßach mußte gerettet werden. Es war die Rettung selbst! Die enge Beziehung der Nation zum Erlebnis ihrer Volkswerde — leidenschaftlicher annoch, als das äußere Band der Staatseinheit zerriß — mußte den Erstarrungsprozeß des Peßachrituale hinauszögern. Noch kämpfte das „Haus Schammais“ mit der Schule Hillels, ob nur der erste Psalm des Hallelgebetes — „Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn“ — vor dem Festmahl gesungen werden sollte oder auch der zweite, der sich dichter dem Sinn des Festes anschmiegte: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus dem fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich.“ Noch war die Formel des Weihespruches nicht festgeschmiedet. Rabbi Tarfon, der die Schergen der römischen Herrschaft fürchtete, fügte ihm nur den Satz bei:... „und uns diese Nacht erleben ließest, daß wir Mazzah und Maror darin essen dürfen“. Aber der jüngere Rabbi Akiba, der im barkochbäischen Aufstande das heilige Banner der Propheten trug, der gotterfüllte Märtyrer des letzten nationalen Verzweiflungskampfes, Akiba preßte die lodernde Flamme patriotischer Sehnsucht in die Worte: „Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem Dienste, daß wir wieder essen dürfen von den Fest- und Peßachopfern, deren Blut — dir wohlgefällig — die Wand deines Altars berührt, und daß wir dir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du Gott, der Israel erlöst.“ Mächtig brauste der Jubel dieses Festes persönlichen Erlebnisses auf. Und der Weihespruch, den die Weisen schufen, steigerte noch die Größe des Erlebnisses: ... „der uns erlöst hat und unsere Väter erlöst hat aus Ägypten.“ Die Väter traten zurück vor der Befreiung des lebenden Geschlechtes. Im Leid der Gegenwart sollte es die Wonne der Freiheit fühlen.

Allein da die letzte nationale Hoffnung verschüttet war, sollte sich der Ernst gleich einem schweren Tau in die sonnenfrohen Flügel der Festesfreude legen. Einst schwelgte der Jude nach dem Peßachmahle bei feurigem Weine. Lieder erklangen im Kreise; und die kichernde, schmeichlerische Flöte, das Lieblingsinstrument der Juden, zauberte im Kusse mit trunkenen Lippen hüpfende Weisen hervor. Da leuchteten die Augen und die Stirnen glühten. Die Glieder regten sich zum Tanze. Und freudetrunken zog die Jugend in die Häuser der Freunde. Sie scherzten und lärmten, bis die kühle Nacht sie hinausrief auf die Berge; sprangen sie nicht wie Widder, und die Hügel nicht wie junge Schafe? Das Echo der Felsen und Wände sang fröhlichen Refrain; und die Sterne lächelten...

Als zum Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der Mischnah festlegte, war das hellenisch anmutende Epikomon untersagt. Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituale durfte kein Wein mehr genossen werden. „Warum all die Zeugnisse, Vorschriften und Gesetze?“ fragt das kluge Kind. Und beziehungsvoll soll der Vater antworten: „Man lasse die Peßachfeier nicht mit einem Epikomon schließen.“ Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch. Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend das einst erdhafte Volk.

Das Leben auf eigener Scholle war verwehrt. Das Leben im eigenen Geiste konnten nicht Feuer und Schwert und nicht die Macht der Cäsaren vernichten. Wenn nur die Kette der Geschlechter sich nicht löste! Im Kinde das nationale Erlebnis der Befreiung aus Mizrajims Sklaverei zu einem persönlichen aufsteigen zu lassen, wurde, je weiter die Zeiten schritten, um so deutlichere Aufgabe der Peßachübung. Schon Rabban Gamliel hatte gefordert, daß am Peßachabend von den drei Dingen, dem Peßachlamm, dem ungesäuerten Brote und den bitteren Kräutern gesprochen werden sollte. Das Kind mußte sehen, fragen und hören. In den Sinnbildern der bitteren Leiden Israels sollte ihm der Auszug aus Ägypten gegenwärtig werden. Und also fortbauend fügten unsere Meister Stein um Stein zu unserer Hagadah. Nicht eine geschichtliche Überlieferung galt es weiterzugeben; nicht antiquarische Kenntnisse zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn des Peßachopfers schwand, als der Opferkult in die Form national durchsetzter Gebete eingeschmolzen war. Die Frage, warum sitzen wir heut angelehnt, wurde eingefügt. Und die anderen Fragen wurden nach den aus verändertem Milieu gegebenen Vorstellungen des Kindes neu gewendet. Die Antwort des Vaters gab zunächst wohl nur den schlichten Bericht von den Leiden Israels in der ägyptischen Sklaverei und von ihrer Befreiung. Aber in den Jahrhunderten wurden aus alten Büchern Geschichtchen entlehnt, die dem Feste galten und zur Seele eines jüdischen Kindes sprechen konnten. Als letztes Zwischenstück kam die geistvolle, packende Erzählung von den vier verschieden gearteten Söhnen, die nach dem Sinn des Festes fragen.

So wuchs die Peßach-Hagadah. Wie der Peßachabend die große Stunde des Kindes wurde, wurde die Hagadah das Buch des Kindes. Es löste sich aus den großen Folianten, in deren gewundenen Wegen es wie ein verborgener Garten lag; und führte klein und zierlich sein eigen Leben. Gebetstücke schmiegten sich an. Fromme Lieder baten um Eingang. Aber als um das Jahr 1100 die Hagadah ganz als selbständiges Werk auftrat, war ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wie der Peßachabend die Geburtsstunde des Erlebnisses war, das sich immer wieder erneute, also verjüngten sich Brauch und Sitte, und neue Lieder schmeichelten sich ein, ernste und scherzende, wie das Lied von Böcklein, Chad Gadja, das Adirhu und die nachdenkliche Zahlenspielerei des Echad mi jodea.

Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen, mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß sie seine Welt sein — mußten.

So war die Peßach-Hagadah ein Buch auch für dieses jüdische Kind; wert und lieb noch den Gereiften, die ihrer kindheitarmen Kindheit gerne dachten, mit seiner niedergehaltenen Natürlichkeit und seinem gesteigerten Intellektualismus. Ein Buch, in dem die verängstete, freiheitsehnende Seele sich im Spiegelbilde fand. Ein Buch, das sich dem Alltag entzog und — alljährlich nur für zwei Abende der dunklen Truhe entführt — in den Monaten aufgestapelt die Freude am Lichte, an Freiheit und leuchtenden Augen trug. So war es, daß eine fast zärtliche Liebe dieses Buch wie nie ein anderes jüdisches Buch umgab. Es wurde häufig abgeschrieben, und sinnende Künstler wußten mit goldigen Farben, mit kecken Buchstaben und zierlichen Bildern den Ernst der schweren Buchstaben ins Heitere zu schmücken. Fünfundzwanzig dieser illuminierten Handschriften-Hagadahs haben in unsere Tage die Kunde liebevoller Sorgfalt getragen. Sie stammen aus dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, aus Spanien, Frankreich und Deutschland. Allein als schon die Druckerkunst die Demokratisierung des Buches begonnen hatte, starb die Freude an dem persönlichsten Besitz einer bemalten Handschrift nicht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert blühten jüdische Meister dieser heiteren Kunst, und Aaron Schreiber Sterrlingen aus Gewitsch in Mähren war weit berühmt als Hagadahschreiber in den Landen. Auf schwerem Pergamente lebte die Geschichte vom Auszug aus Mizrajim. In langen Tagen und in Nächten erstand die Schrift; und Sinnen und Sorge, Segen und Versagung in den Schöpferstunden gruben sich in die Buchstaben ein. Bald liegen sie kauernd am Boden; bald streben sie empor, als wollten sie wie eine Jakobleiter der Enge des Irdischen entstreben. Noch ist der Buchstabe nicht zum Blei erstarrt. Getreulich folgt er Willen und Laune des Schöpfers. In den krausen, verschnörkelten Initialen spiegelt sich noch das verworrene Gewoge der Absichten, der Hoffnungen und Zagnisse, die jeden Gestalter im Anbeginn seiner Arbeit durchziehen. In den Zwischenstücken, die so scheinen wollen, als seien sie eine Erholung für den Leser, ruht der Sturm des Schaffens; und besonnen, nachdenklich wird die Linie der Zeichnung. Und wenn ein Stück zu Ende gebracht, tollt sich die Freude am gelungenen Werk in den Kapriolen der Phantastik aus. Die Lust am grotesken Buchstaben, der sich in Schlangenschwänzen, Giraffenhälsen, Karikaturenköpfen, in Blüten und Gezweige verliert, das Behagen an bizarren Schlußstücken und der sittliche Ernst, der Zwischenstücke formt — große Worte etwa, die wie Könige des Gedankens in Schloß und Burgen stehen oder sich in dichter Dornenhecke ungeweihtem Auge zu verbergen scheinen —: sie haben sich in allen handschriftlichen Hagadahs erprobt. In den Bilderbeilagen weichen sie indessen ab. Die älteste — zugleich das köstlichste Erbe jüdischer Künstlerschaft — die Hagadah von Serajewo bringt in enger Folge Bilder zur Genesis und zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Die Illustration des eigentlichen Peßachrituale tritt hier zurück. Andere wieder schließen sich enger den Begebenheiten an, die im Peßach ihre ewige Wiederkehr feiern. Moses, sein wundersames Schicksal und seine Berufung werden der Mittelpunkt dieses eingeengten Bildkreises. Die Erzählungen von den vier Weisen, die zu B’ne-B’rak vom Peßach sprachen, bis daß der Morgen sie zum Gebete rief, die Typen der vier Fragenden, Rabban Gamliel, der die Festordnung schuf, werden im Bilde deutlich. Und Eliah sehen wir nahen, den ewigen Wanderer, der wie ein gütiger Tröster aus dem düstern Wirrsal der Gegenwart in den Frieden des Messias weist.

Wie sich die Formensprache des Zeichners aus dem Primitiven, über die Technik der Renaissance zum Realismus aufhellt, so prägt sich in der Auswahl der Motive die Stimmung der Zeiten aus. Dunkle Tage kommen, da der Haß die stachliche Peitsche schwingt. In den frühen Hagadahhandschriften, die stolze Herren aus romanischen Landen sich zeichnen ließen, herrscht das Bild, dem die Bibel den Vorwurf gibt. In den deutschen des späten Mittelalters will sich die Legende verkünden. Die große aristokratische Linie verläuft ins Volkstümliche, in die Träumereien des Gedrückten, in die Enge des Hauses. Die Helden und Starken — Simson, David — kommen in die Hagadah und — das Genrebild des häuslichen Lebens!

Der Weg dieser Entwicklung mündet in den Drucken und verliert seine letzte Spur im — Kliché. Von den 895 Ausgaben, die in den vier Jahrhunderten von 1500–1900 erschienen sind, tragen 194 bildnerischen Schmuck.

In den ersten Drucken, von denen uns Stücke erhalten sind, ringt noch ein echter, gottergebener Kunsttrieb. Der Druck vervielfältigte, demokratisierte das Buch. Aber der Meister saß in einsamer Klause, schnitt krause Gedanken, heilige und frohe Stimmung in seine Buchstaben und Stöcke; und die Phantasie des rechten Werkmannes machte das dürre Holz lebendig. Die Prager Hagadah von 1526 und die von Mantua aus dem Jahre 1560 sind köstliche Schöpfungen. Technisch gebunden an die Formen des deutschen Holzschnittes, motivisch geleitet durch die letzten illustrierten Handschriften-Hagadahs, ästhetisch erzogen durch die Renaissance finden sie den Weg zu persönlicher Gestaltung. Jede Seite hat ihr eigenes Leben. Ein naiver Kunstsinn verteilt den Raum. Die Zeilen sind ungleichmäßig, oft wie Blöcke aufgebaut, oft wie Terrassen ansteigend. Fruchtgirlanden rahmen die Seiten ein. Aber nicht in langweiliger Wiederholung. Stücke fallen aus, um einem Bildchen Platz zu geben; oder wuchtig rückt der Textwert vor. Mit den einfachsten Mitteln wird ergötzliche Mannigfaltigkeit erreicht. Die Bilder begleiten den Text; oft nur ein einziges Wort verdeutlichend. Die Legende drängt sich vor und das liturgische Element. Die Peßachfeier im Hause wird in realistischen Triptychen dargestellt. Und die Hasenjagd fehlt nicht. Sie war aus einem Merkwort entstanden: J. K. N. H. S. (Jajim, Kiddusch, Ner, Hawdalah, S’man): Jagnehas sprachen es die deutschen Juden. Und also kam die in der alten Kunst beliebte und symbolisch vielgedeutete Hasenjagd in die — Hagadah. Das kraftvolle Sch’foch chamathcha al hagojim — der Fluch gegen die Völker, die Gott nicht erkennen — erhält ein eigenes Schmuckblatt: Adam und Eva, Judith mit dem Haupte des Holofernes, Simson, der das Tor vom Tempel des Gottes Dagon trägt, und — Eliahu auf seinem müden Eselein. Die vier Fragenden stehen noch jeder für sich. Aber der Bösewicht trägt schon den Harnisch des Landsknechtes.

Es war nicht mehr die hohe Kunst und die volle Farbenpracht der illuminierten Handschriften. Aber es blieb doch ein Reichtum künstlerischer Gesichte und die Vielgestaltigkeit des Typographen.

Indes: Je weiter die Zeiten vorschritten, um so kunstloser, eintöniger wurden die Zeichnungen, bis sie im Morast der Erbärmlichkeit rettungslos stecken blieben. Es ist, als wäre mit dem Judentum auch der jüdische Gestaltertrieb in nicht mehr verstandener Überlieferung erstarrt —: war Peßach nur noch alter, geheiligter, anbefohlener Brauch, und war es nicht mehr das immer sich erneuernde Erlebnis der Befreiung?

Ist die Peßach-Hagadah tot? Und hat sie deshalb eine Geschichte? Oder will sich der große Tag verkünden, da Israel wieder hinaufzieht gen Jeruschalajim, zur Stadt des Herren, um dorten in fröhlichem Feste die Erlösung aus Mizrajim zu feiern, weil es in junger Seele die eigene Erlösung erlebt?


MIT DEM FRÜHLING.

Von Sch. Ben-Zion.

„Der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, vergangen.“ Der Lehrer fuhr wieder heim in seine Stadt und die Schule ist aus und vorüber. Nur einige Erinnerungen an die Melodie zum Hohenliede sind geblieben, die wie weiße Wolken am Himmel schweben. Awremel ist jetzt ein freier Mann; sogar einen Fingerring besitzt er, einen Ring von reinem Silber, den er im Kehricht fand. Er weiß aber noch nicht recht, was er mit seiner Freiheit und seiner Herzensfreude und mit dem Fingerring anfangen soll.

Der Himmel ist hell, die Sonne klar und neuer Schein über der Welt. Wie schön, wie lieblich wäre es jetzt, hinauszugehen und unter der Wölbung des reinen Himmels hinzuwandeln und still in die Tiefen der Welt zu träumen! Oder mit allen Gespielen wie junge Füllen hinzusprengen, die dem Wind nachjagen, den Duft der feuchten Erde, des neusprießenden Grases zu atmen, Könige zu wählen, Heere anzuführen und Krieg zu erklären!... Aber ach, eins hindert an all dem, eins ist unheilvoll: der Schmutz. Alle Gassen sind voll Morast, so daß nicht einmal ein trockener Übergang möglich ist.

Und im Hause geht erst recht alles drunter und drüber. In allen Zimmern eine heillose Unordnung; mit jedem Schritt stolpert man über allerlei Möbelstücke und Gerätschaften, die von ihren gewohnten Plätzen fortgerissen und durcheinandergerüttelt sind. Eiserne und kupferne Töpfe werden mit Knirschen und Kreischen geputzt, so daß die Ohren zerreißen und alle Nerven im Körper erzittern. Den Kissen und Matratzen werden die Überzüge abgenommen, dann klopft man sie mit Stöcken, dichter Staub steigt auf, Federn fliegen; und der Staub erhebt sich und füllt einem die Augen, er fällt wieder und legt sich auf alles; alles sieht so schmutzig aus, dazu ist es mit Kalk und Lehm beschmiert. Und von all dem Schmutz hat man einen faden Geschmack im Munde, wie von gelöschtem Kalk oder geknetetem Lehm.

Das alles hätte Awremel schließlich nicht gestört; hier seine Kraft und seinen Heldenmut zu zeigen, wo es ein gottgefälliges Werk war, das Haus auf den Kopf zu stellen, hätte ihm nur gepaßt. Aber seine Mutter stört ihn und vertreibt ihn von überall. Hier steht die neue Kiste, die man für Mazzoth gekauft hat, und dort ein Fäßchen für Borschtsch zu Peßach. Diesem „Allerheiligsten“ darf man nicht nahekommen. Wenn er in die Küche kommt und den Herd nur anrührt, jammert die Mutter gleich: „Herr der Welt, wozu lebe ich noch?“ Auch der alten Dienerin, die sonst zu Awremel immer so sanft ist, weil er doch ein „Gelehrter“ ist, darf er jetzt ohne Lebensgefahr nicht in die Nähe. Sie tüncht und kalkt mit der Magd, hadert mit ihrem Schicksal und lamentiert: „Herr der Welt, wie soll ich bis zum Seder-Abend mit all der Arbeit fertig werden?“

Der Herr der Welt scheint aber an ihrem Schmerz wenig Anteil zu nehmen und macht sich im Himmel und auf Erden einen prächtigen Frühling. Der Tag leuchtet immer tiefer, die Sonne gleißt, die Luft weht lau, der Wind geht frisch und eine geheimnisvolle Freude verbreitet sich im ganzen Weltraum.

Was soll aber Awremel anfangen? Er klettert auf den Schrank, um die Peßach-Hagadah zu suchen. Dabei wirft er ein Gebetbuch in den Kübel, in dem die Magd den Kalk mischt. Der Kalk spritzt hoch auf, daß die Magd fast blind wird. Die Mutter will ihn fassen, er springt herab, balanziert zwischen den Gefäßen, die dastehen, zerbricht einen irdenen Topf und entwischt.

„Unglücksjunge,“ ruft ihm die Mutter nach, „was hast du hier zu suchen? Trink Tee und geh ins Beth-Hamidrasch beten, wie jeder Mensch.“ Das leuchtet Awremel ein; schnell verschwindet er und verzichtet sogar auf den Frühstückstee; denn im Beth-Hamidrasch kann er seinen Gespielen seinen Ring zeigen, seinen Fund, und sie können ihm vielleicht einen Rat geben, was er damit tun soll.

Aber er findet im Beth-Hamidrasch keinen von seinen Freunden. Sie haben nicht so nahe wie er, so sind sie nicht gekommen. Der Schmutz hat sie umschlossen wie eine Wüste. So steht er einsam und allein unter den Erwachsenen, die schnell beten, und hat gar keine Lust, mitzubeten. Ihn beschäftigt nur eine einzige Frage: was soll er mit dem Ring tun? Soll er ihn verkaufen? Woher dann einen Käufer nehmen? Er muß ihn zuvor putzen, und zwar mit der Pasta, womit der Diener die Leuchter im Beth-Hamidrasch für die Feiertage putzt. Jede Ware gilt, wonach sie aussieht. Wenn der Ring wie neu sein wird, wird sich vielleicht irgendwie ein Bräutigam finden, der ihn als Verlobungsring kauft. Aber der Diener ist bärbeißig, er ist ein Soldat noch aus der Zeit Nikolaus I., und er jagt Awremel fort und läßt ihn nicht einmal zusehen. So geht Awremel fort und blickt voll Neid auf die neue Borte an dem Gebetmantel des reichen Reb Jeschua Heschel. Auch sie ist aus Silber; aber weil das Silber schön poliert ist, blühen zwischen den Fäden Lichtfunken wie goldene Augen. Und Awremel schlendert weiter und putzt seinen Ring, damit er ebenso schön glänze. Er reibt ihn am Leder seiner Schuhe und an dem Futter seines Rockes; und dabei belauscht er das Gespräch zweier Schnorrer, die einander erzählen, durch wieviele Dörfer und Städte sie in ihrem Leben gekommen sind. Der Dajan Reb Selig legt jetzt T’fillin; es ist schon spät und der Ring glänzt schon, aber er glänzt noch bei weitem nicht so, wie die Borte. Er will weiterputzen, während er zusieht, wie der Dajan seine T’fillin abnimmt und die Riemen zusammenlegt wie die Flügel einer Taube. Und Awremel putzt und putzt. Der Dajan hat bereits dreimal die Decke der Bundeslade geküßt, dann ist er fortgegangen; das Beth-Hamidrasch leert sich, Awremel wird müde und weiß nicht, wieweit er in seinem Gebete gekommen ist. Sein Herz ist leer und er schluckt vor Hunger seinen Speichel. Aber doch ist es ihm angenehm, so einsam und allein auf der Fensterbank zu sitzen, die von der Sonne beschienen ist, und in die Gasse zu sehen.

„Die Zeit unserer Freiheit.“ Freiheit ist ein schönes Ding. Es gibt keinen Zwang der Schule, keinen Zwang des Hauses; es ist still, friedlich und licht. Er sitzt da, schaut hinaus und weiß, daß an seinem Finger ein dicker silberner Ring glänzt; er sieht Wasserlachen im Schmutz der Straße stehen, moorartige Pfützen, die aber glitzern wie helles Gold und Märchen von rieselnden Quellen erzählen. Eine Kuh mit hängendem Bauch und vollem Euter, deren Rippen sich wie Beulen aus der schmutzigen Haut heben, steht regungslos, wie eine Statue, nahe der Wand. Sie zuckt nicht, kaut nicht wieder, bewegt kein Ohr; sie ist nur damit beschäftigt, ihren ausgefrorenen Körper der Sonne hinzuhalten. Ein großer Hahn mit seinen Hühnern bricht mit großem Aufruhr aus einem Bodenfenster; sie haben sich gegen ihren Zwingherrn empört, die Steige zerbrochen und verbreiten sich nun mit Gekreisch und Gegacker über das Dach. Der Hahn schlägt mit den Flügeln und ruft seine Freiheit mit lautem Kikeriki vom Dachfirst aus in die Welt. Zwei Leute tragen an einer Stange einen großen Korb voll Mazzoth vorbei, die im Sonnenschein leuchten; Awremel spürt ihren warmen Duft durch das Fenster und sein Hunger zerrt in ihm.

Er springt von der Fensterbank und will sich einreden, daß er schon zu Ende gebetet hat. Ist es denn anzunehmen, daß er bis zur Essenszeit mit dem Gebete nicht fertig geworden sein sollte? Da erscheinen eben zwei junge Leute, die miteinander eifrig und leise sprechen; anscheinend disputieren sie über eine wichtige Sache. Awremel ist der Meinung, es lohne sich, ihnen zuzuhören; und als sie stehen bleiben, schleicht er sich in ihre Nähe. Die Zeit, die er lauschend verbringt, kann ja zugleich für ein Gebet gelten; auf eins mehr oder weniger kommt es wahrhaftig nicht mehr an. So hört er, wie der eine, der Rote, zu dem Blassen mit dem dicken wollenen Halstuch sagt:

„Und glaubst du denn, das Hohelied sei wirklich eine Allegorie auf das Volk Israel? Gar keine Spur, sage ich dir! Es sind einfach Liebesgespräche zwischen Salomo und Sulamith und ihrem Herzensfreunde, dem Hirten....“

Der Blasse staunt und zweifelt, sein Gesicht flammt auf und er fragt: „Wie?“

Da springt Awremel aus seinem Lauscherwinkel hervor, lacht den beiden ins Gesicht und läuft aus dem Beth-Hamidrasch. Hinter dem Hause, unter einer Leiter und auf einem umgekehrten Faß ißt er sein Mittagmahl, Butterbrot, das ihm die Mutter gegeben, und ein Stück Zucker, das er „genommen“ hat. Und da er satt und zufrieden ist, findet er keinen anderen Platz als diese Leiter. Er steigt hinauf und steht schon auf der letzten Sprosse; alles in ihm spricht: „Die Zeit unserer Freiheit.“ Die Freiheit pocht in seinem Herzen wie ein gefangener Vogel, der an die Wände seines Käfigs pickt und davonfliegen möchte. Alle Dächer leuchten im Lichte der Freiheit; er hätte Lust, sich mit einem Satz auf den First zu schwingen und von Dach zu Dach über die ganze Stadt hinzuhüpfen.

„Sieh, da kommt er, springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Mein Geliebter gleicht einem Reh oder dem jungen Hirsche.“

Zwei Störche, Boten der Freiheit, fliegen über ihm dahin. Und was sind all die Geräusche von den Höfen her, all das Kreischen, Schlagen, Reiben, was ist es? Sind das nicht Rufe der neuen Freiheit? Freiheit in der Welt, Freiheit im Hohenliede. Über die Bibelverse ist ein neues, heiteres Licht ausgegossen.

„Die Blumen zeigen sich im Lande, der Lenz ist gekommen und der Turteltaube Ruf läßt sich in unserm Lande hören. Der Feigenbaum, schon reifen seine Früchte...“ Wenn man das alles wörtlich und einfach nimmt, ohne Deutung, ohne „Das heißt“ und „Er will sagen“ — kluge Worte hat der Rote gesprochen.

Von der Leiter zum Dachboden ist’s nur ein Sprung.

Unter dem Dache herrscht ein geheimnisvolles Halbdunkel. Alles ist still, nur eine Henne gackert von der Steige im Winkel her. Und vom Dache hört man ein freches Zwitschern: die Vögel plaudern dort und kratzen mit den Klauen ihrer dünnen Füßchen in einem bescheidenen Winkelchen: Sulamith verbirgt sich dort. „Meine Taube in den Felsspalten, in den Steinritzen...“

Die Welt draußen lebt, freut sich, arbeitet, ist geschäftig; hierher entflieht, um sich zu verbergen, nur alles Weiche, alles Süße, das in jedem Laute lebt. Hier tönt nur die Stille und Heimlichkeit, das Zittern des Alls. Und dies bildet hier einen köstlichen Schatz, einen Schatz verborgener Freuden.

Ein Windhauch kommt seines Wegs vorüber, flüstert und klappert im Kamin, zwängt sich herein, bläst in den goldenen Staub, der in der Sonne tanzt, bewegt die Spinnenfäden und verschwindet wieder... Awremel hockt in seinem Versteck, im schattigen Winkel, er kauert sich noch enger zusammen und schließt die Augen vor der Wonne seiner vielen Genüsse. Und ihm ist, als hätte der Wind ihn mitgenommen und an einem einsamen Ort in einen weichen Schoß gelegt, dort zu schlafen wie ein Kind. Aber die neue Wonne, die ihn erfüllt, läßt ihn nicht schlafen. Er weiß nicht, was er mit seiner Seele, was er mit dieser Wonne anfangen soll — so wie er mit dem Ringe nichts anzufangen weiß. Er ist reich über alle Maßen und hat für seine Schätze keine Verwendung. Er steht auf und geht langsam vor, als schleiche er listig, die helle Freude der Welt zu haschen; er klettert auf die Hühnersteige und legt seinen Kopf zum Dachfenster hinaus: welche Weite, welche Welt erschließt sich ihm da!

Er sieht alles und niemand sieht ihn: als hätte er eine Tarnkappe aufgesetzt. Er ist ein Herrscher, der niemand über sich hat. Und jenseits der Dächer, jenseits der Höfe, jenseits der weißen Wäsche, die an den Schnüren hängt und sich im Winde bewegt, sieht er einen grünen Berg, auf dessen Gipfel ein helles Wäldchen in einem dünnen blaugrauen Nebel fast verborgen ruht. Und der Berg dehnt sich in den Nebel hinein ins Unendliche und schmilzt wie ein Stück Zucker in heißem Wasser. Awremels Blick schwebt über den Wolkenhügeln, die vom fernen Horizonte aufsteigen, weiß wie Perlmutter. Er schwebt über den Schneestreifen, die zerschmelzen und wie flüssiges Gold gleißen. Eine Herde von Schafen und Ziegen zieht den Berg herab, der ganze Abhang ist bunt und gefleckt; und in Awremels Seele regt es sich mächtig, daß er in einem lauten Gesange seinen Jubel Luft machen muß. „Tu mir kund, o du, den meine Seele liebt: Wo weidest du? wo lagerst du am Mittag?... — Mit mir, vom Libanon, o Braut, komm mit mir vom Libanon! Meine Schwester Braut, von den Löwenwohnungen, von den Pantherbergen!“

Er und seine „Schwester Braut“ wandeln nebeneinander, beide schweben leicht dahin, ohne die Erde zu berühren, aneinander geschmiegt in zartem Kosen, sie zittern und schweben in der Luft wie zwei junge Pflänzlein, von einem würzigen Windhauch berührt. „Ich will zum Balsamberge gehen und zum Weihrauchhügel.“

Er ruft sein Lied von der Höhe hinaus und eine dünne, zarte, klare Stimme antwortet ihm mit melancholischer Weise aus der Tiefe:

„Lieb Mütterlein, o schweige still,

Daß niemand es erfährt;

O lösche meines Herzens Höllenbrand:

Gib, was es heiß begehrt!“

Dieses Lied singt die schwarze Adel, die Tochter Evas, der Witwe, die am Nachbarhofe wohnt. Ihr Häuschen ist so klein wie Kinderspielzeug, die Fenster sind winzig und hart über dem Erdboden. Die kleine Adel steht auf einem Schemel und tüncht die Außenwand der Hütte. Eine lichte Strahlenkrone flimmert um ihre Locken, in die der Wind bläst, daß sie ihr über Stirn und Augen fallen. Sie hebt ihr Gesicht, das von der Wärme des Tages blüht, zu ihm auf, blinzelt mit den Augen, rümpft das Näschen vor der Lichtfülle, die ihn umfließt, und öffnet ihre Lippen zu einem kleinen Lächeln. Sie bückt sich, taucht den Pinsel in den Kalkeimer vor ihren Füßen und kehrt zu ihrem traurigen Liedchen zurück.

„Vor Sehnen nach der Liebsten mein

Ist krank mein Herz und Blut.

Sie wohnt in einem kleinen Hüttelein,

Hat keines Hellers Gut.“

Und zum dritten Male ertönt die sehnsüchtig klagende Weise:

„Mein Mut siecht hin, mein Arm erschlafft,

Schwer trag ich dein Gebot.

Verweigerst du, die meine Seele liebt,

So bleibt mir nur der Tod.“

Und mit einer Stimme, die vor Sehnen vergeht, wiederholt sie:

„Verweigerst du, die meine Seele liebt,

So bleibt mir nur der Tod.“

In Awremels Köpfchen geht alles drunter und drüber. Er ist wie trunken von dem Liede, er will etwas tun, um Adel in Erstaunen zu setzen. Er fühlt: er ist leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch, stark wie ein Löwe. Aber er kann doch nicht auf das Dach steigen und hinunterspringen —! So klettert er schleunigst die Leiter hinab, springt über den Zaun und in Adels Hof und nähert sich ihr, eben als sie den Pinsel wieder in den Kalkeimer taucht. Er faßt sie an der Hand und sagt: „Ich — ich — will dir den Pinsel eintauchen!“

Sie steht auf dem Schemel und tüncht die Wand mit dem Pinsel, den er eingetaucht hat. Ihr Kopf legt sich in den Nacken zurück, ihr leuchtendes Gesicht ist erhoben und ihre schwarzen Augen ruhen verborgen in dem Schatten ihrer langen Wimpern. Sie glänzen wie Punkte lauteren Goldes. Awremel sieht zu ihr auf und sein Herz ist voll Wonne; ohne es zu wissen, genießt er das Glück einer Blume, die in Tau und Licht badet.

Plötzlich stößt „seine“ Adel einen kleinen Schrei aus, preßt die Lippen aufeinander und zieht ihr Näschen vor Schmerz in Falten. Sie beugt sich zu ihm und zeigt ihm ihren Finger, in den der Kalk eine kleine Wunde gebrannt hat; dann reicht sie ihm einen Leinenstreifen, er solle ihr damit den Finger verbinden. Awremel ist eifrig und voller Freude, daß er Adel gehorchen und ihr helfen, daß er den Schmerz seiner „Schwester Braut“ stillen darf. Er wickelt den Streifen fest um ihren Finger. Doch hat er keinen Faden, den Verband festzubinden; und ohne nachzudenken, nimmt er mit freudiger Bewegung seinen Silberring und streift ihr ihn über den gestreckten Finger. Er steckt ihr den Ring fest an und sein Herz schlägt ihm laut bis in den Hals hinauf. Und er lächelt und spricht die Trauungsformel: „Du bist mir verlobt durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses und Israels.“ Aber sogleich erschrickt er über das, was er getan hat...

„Wir wollen uns immer lieb haben, Awremel,“ spricht sie zu ihm: ein Scherz, der Wahrheit enthält.

„Gewiß, gewiß,“ versichert Awremel; dabei schämt er sich und zittert und erwägt, ob er jetzt nicht verpflichtet ist, ihr einen Scheidebrief zu schreiben?

Plötzlich wendet er sich von Adel ab und läuft schleunigst davon, vor dem Mädchen und vor dem Ring an ihrem Finger, klettert über den Zaun und auf die Leiter und verbirgt sich in der Dachkammer. Dort preßt er das Gesicht in die Hände; Tränen würgen ihn; hier will er vor Schande sterben an „seines Herzens Höllenbrand“, hier in dieser Bodenkammer „bleibt ihm nur der Tod.“

Und da ertönt Adels Stimme wieder in flehenden Tönen:

„Schon drei lange Tage zürnst du mir;

Sage, Liebster mein, was tat ich dir?

Glaubest, Zweifler du, ich lieb dich nicht?

Frag den Wunderrabbi, wie man tut,

Laß dir deuten, was der Traum dir spricht —

Gib mir deine Hand, sei wieder gut!“

Sie schämt sich nicht und sorgt sich nicht; aber auf ihm lastet seine Tat wie ein schwerer Alb, wie ein Traum aus einer schlaflosen Nacht, in dem trübe Bilder und Irrlichter wechseln. Er sitzt in der Finsternis wie ein von Gott Geschlagener und wartet, bis Adels Stimme schweigt. Dann erhebt er sich, steigt vom Boden hinab, traurig, schuldbeladen und sündig, wie einer, der zum Richtplatz geht... Die untergehende Sonne wirft einen roten Schein auf sein verschämtes Gesicht und leuchtet in feurigem Glanze.


PHARAOS TRAUM.

Es war 130 Jahre nach der Ankunft der Kinder Israel in Mizrajim und sechzig Jahre nach Josephs Tode, da hatte der Pharao einen seltsamen Traum. Er erblickte einen hohen Greis mit einer Wage in der Hand; in der einen Schale lagen alle Bewohner Mizrajims, Männer, Weiber und Kinder, in der andern Schale aber lag ein Lämmchen; und das Lämmchen wog alle die von Mizrajim auf. Der König erschrak über diesen Traum, den er nicht zu deuten wußte. Am Morgen aber versammelte er eilends alle Gelehrten und Sterndeuter von Mizrajim und erzählte, was er gesehen; und alle waren in Furcht und Grauen ob des Gesichtes.

Endlich trat einer der Großen des Hofes, Bileam, der Zauberer, vor den Pharao und sprach: „Dieser Traum bedeutet für ganz Mizrajim ein großes Unheil.“ Der König fragte ihn, was es denn sei. Da verkündete der Weise: „Den Kindern Israel wird ein Sohn geboren werden, der Mizrajim vernichten wird. Ich aber, mein Herr und König, will dir einen Rat geben: befiehl, daß man jeden neugeborenen Sohn unter den Kindern Israel töte; vielleicht, daß so der Traum nicht in Erfüllung geht.“

Das leuchtete dem Pharao und seinen Leuten ein, und er folgte dem Rate.

Im dritten Jahre nach Moses Geburt saß einst der Pharao zu Tische und speiste; zu seiner Rechten saß die Königin, zu seiner Linken seine Tochter Bithja und vor ihm alle Großen seines Hofes. Bei Bithja aber saß der Knabe Moses, in bunte Gewänder gekleidet. Und Moses gefiel dem Pharao, so daß dieser ihn auf den Schoß nahm. Da streckte der Knabe die Hand aus, nahm die goldene Krone vom Haupte des Pharao und setzte sich sie auf. Darüber erschrak der König und die Großen verwunderten sich. Bileam aber, der Zauberer, nahm das Wort und sprach: „Mein Herr und König, gedenke des Traumgesichtes, das du einst erblicktest und das dein Knecht dir deutete! Ist nicht dies eines von den hebräischen Kindern? Der Geist Gottes steckt in ihm und aus seiner Weisheit handelt er; er ist es, der Mizrajim vernichten wird! Gib schleunigst Befehl, ihm das Haupt abzuschlagen!“

Der Pharao fand den Rat gut. Da entsandte Gott den Engel Gabriel; der nahm die Gestalt des Jithro, eines der Großen und Freunde des Königs, an und sprach: „Mein Herr und König, hüte dich, unschuldiges Blut zu vergießen! Der Knabe hat ja noch keinen Verstand! Wenn du mir es gestattest, will ich dir einen Rat erteilen: lege einen funkelnden Rubin und eine glühende Kohle vor dieses Kind hin; streckt es die Hand aus und ergreift den Rubin, dann weißt du, daß es Verstand hat, dann hat es den Tod verdient und wir verfahren mit ihm nach der Gerechtigkeit. Greift es aber nach der Kohle, dann ist erwiesen, daß es keinen Verstand besitzt, und es ist frei.“

Dieses Wort gefiel dem Pharao und seinen Freunden; sie legten den Rubin und die Kohle in eine Schale und stellten sie vor Moses hin. Der Knabe streckte die Hand aus und griff schon nach dem Rubin, doch der Engel stieß seine Hand fort, daß er die Kohle faßte; er führte sie zum Munde und berührte mit ihr seine Lippen und die Zungenspitze. Darum war Moses von so schwerer Zunge. Damals aber ward er auf diese Weise gerettet.