Du deutsches Kind!
Eine Gabe für unsere Jugend.
Dargereicht von J. B. Laßleben.
Bilder von Albert Reich.
Hochwald-Verlag München-Kallmünz
Ein jeder nehme wohl in acht, was Lust und Ehr' ihm hat gebracht: Der Wirt seinen Krug, der Krämer sein Tuch, der Bauer seinen Pflug, das Kind sein Buch.
Robert Reinick.
Druck von Michael Laßleben (Oberpfalz-Verlag)
Kallmünz/Bayern 1922
[Zum Tagewerk.]
Gehe hin in Gottes Namen greif dein Werk mit Freuden an! Frühe säe deinen Samen! Was getan ist, ist getan.
Sieh nicht aus nach dem Entfernten; was dir nah' liegt, mußt du tun. Säen mußt du, willst du ernten; nur die fleiß'ge Hand wird ruhn.
Müßigstehen ist gefährlich, heilsam unverdroßner Fleiß; und es steht dir abends ehrlich an der Stirn des Tages Schweiß.
Weißt du auch nicht, was geraten oder was mißlingen mag, folgt doch allen guten Taten Gottes Segen für dich nach.
Geh denn hin in Gottes Namen, greif dein Werk mit Freuden an! Frühe säe deinen Samen! Was getan ist, ist getan.
Philipp Spitta.
[Der Vater und die drei Söhne.]
An Jahren alt, an Gütern reich, teilt' einst ein Vater sein Vermögen und den mit Müh erworb'nen Segen selbst unter die drei Söhne gleich. „Ein Diamant ist's,“ sprach der Alte, „den ich für den von euch behalte, der mittels einer edlen Tat darauf den größten Anspruch hat.“
Um diesen Anspruch zu erlangen, sieht man die Söhne sich zerstreu'n. Drei Monden waren kaum vergangen, so stellten sie sich wieder ein.
Drauf sprach der älteste der Brüder: „Hört! es vertraut' ein fremder Mann sein Gut ohn' einen Schein mir an; ich gab es ihm getreulich wieder. Sagt, war die Tat nicht lobenswert?“— „Du tat'st, mein Sohn, was sich gehört,“ ließ sich der Vater hier vernehmen; „wer anders tut, der muß sich schämen; denn ehrlich sein ist unsre Pflicht. Die Tat ist gut, doch edel nicht.“
Der zweite sprach: „Auf meiner Reise fiel einmal unachtsamerweise ein Kind in einen tiefen See.
Ich stürzt' ihm nach, zog's in die Höh und rettete dem Kind das Leben. Ein ganzes Dorf kann Zeugnis geben.“— „Du tatest,“ sprach der Greis, „mein Kind, was wir als Menschen schuldig sind.“
Der jüngste sprach: „Bei seinen Schafen war einst mein Feind fest eingeschlafen an eines tiefen Abgrunds Rand; sein Leben stand in meiner Hand. Ich weckt' ihn und zog ihn zurücke.“— „O,“ rief der Greis mit holdem Blicke, „Dein ist der Ring! Welch edler Mut, wenn man dem Feinde Gutes tut.“
M. G. Lichtwer.
[Das Tischgebet.]
An der Tafel im Gasthaus zum goldnen Stern waren beisammen viel reiche Herrn. Vor ihnen standen aus Küch' und Keller gar lieblich lockend die Flaschen und Teller. Schon saßen sie da in plaudernden Gruppen, die Kellner reichten die dampfenden Suppen und mehr noch begann Gemüs' und Braten mit süßem Wohlgeruch zu laden.
Da kam zur Türe still herein ein Fremder mit seinem Töchterlein und setzte sich unten am langen Tisch, um auch zu kosten von Wein und Fisch. Oben klirrten die Löffel und Messer, klangen die Gläser und scherzten die Esser.
Da tönt auf einmal gar hell und fein eine Stimme in den Lärm hinein, wie wenn von fern ein Glöcklein klingt, wie wenn im Wald ein Vogel singt. Und wie auch der Strom der Rede rauscht, still wird es rings und jeder lauscht: der Krieger, der von den Schlachten erzählt, der Kaufmann, der über die Zölle geschmält, die Reisenden, die von Abenteuern gesprochen und von Ungeheuern, die Stutzer, die von Pferd und Wagen und Hunden und Moden so vieles sagen.
Und wie sie schauen nach dem Orte, von woher dringen die lieblichen Worte: mit gefalteten Händen das Mädchen steht und spricht sein gewohntes Tischgebet. Und wie beseelt von höherem Geist falten auch sie die Hände zumeist und horchen alle mit rechtem Fleiße auf des betenden Kindes Weise. Drauf setzt es sich nieder mit stiller Freude und achtet nicht auf all die Leute. Die aber, ergriffen im tiefsten Innern, mußten sich oft noch daran erinnern. Und mancher hat wieder gebetet fortan, was er schon lange nicht mehr getan.
Friedrich Güll.
[Dem Vaterland.]
Das ist ein hohes, helles Wort, Dem Vaterland! das hallt durch unsre Herzen fort wie Waldesrauschen, Glockenklang, Drommetenschmettern, Lerchensang; das fällt, ein Blitz, in unsre Brust, zu heil'ger Flamme wird die Lust! Dem Vaterland!
Dem Vaterland! Das Wort gibt Flügel dir, o Herz. Flieg auf, flieg auf, schau niederwärts die Wälder, Ströme, Tal' und Höhn; o deutsches Land, wie bist du schön! Und überall klingt Liederschall und überall ein Widerhall: Dem Vaterland!
Dem Vaterland! Das seinen Töchtern hat beschert der keuschen Liebe stillen Herd, das seinen Söhnen gab als Hort die freie Tat, das treue Wort, das feiner Ehren blanken Schild zu wahren allzeit sei gewillt,— dem Vaterland!
Dem Vaterland! O hohes Wort, o helles Wort, du tön' für alle Zeiten fort wie Waldesrauschen, Glockenklang, Drommetenschmettern, Lerchensang! zu heil'ger Flamme weih' die Lust, so lange schlägt die deutsche Brust dem Vaterland! Heil dir, Heil dir, du deutsches Land!
Robert Reinick.
[Deutscher Rat.]
Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr, laß nie die Lüge deinen Mund entweih'n! Von alters her im deutschen Volke war der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.
Du bist ein deutsches Kind, so denke dran; noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer. Aus einem Knaben aber wird ein Mann; das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr.
Sprich ja und nein und dreh' und deutle nicht! Was du berichtest, sage kurz und schlicht; was du gelobest, sei dir höchste Pflicht! Dein Wort sei heilig, drum verschwend' es nicht!
Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran; zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach; doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an, und eine Stimme ruft in dir: „Sei wach!“
Dann wach' und kämpf', es ist ein Feind bereit: Die Lüg' in dir, sie drohet dir Gefahr. Kind! Deutsche kämpften tapfer allezeit. Du, deutsches Kind, sei tapfer, treu und wahr!
Robert Reinick.
[Geschichte vom Nußknacker.]
Zwei Knaben hatten im Walde Haselnüsse gepflückt, saßen unter den Stauden und wollten Nüsse essen; aber keiner hatte sein Messerlein bei sich, und mit den Zähnen konnten sie sie nicht aufbeißen. Da jammerten sie sehr und sagten: „Ach, käme doch nur jemand, der uns unsre Nüsse aufknacken wollte!“ Kaum gesagt, so kam ein kleines Männlein durch den Wald einher gezogen. Aber wie sah das Männlein aus? Es hatte einen großen, großen Kopf, an dem ein langer, steifer Zopf bis an die Ferse herabhing, eine goldene Mütze, ein rotes Kleid und gelbes Höslein. Indem es nun so einhertrippelte, brummte es das Liedlein:
„Heiß, heiß, beiß, beiß Hans heiß' ich, Nüsse beiß' ich; geh' gern in den grünen Wald, wenn die Nuß vom Strauche fallt; mach's dem lust'gen Eichhorn nach, knack' und nag' den ganzen Tag!“
Die Knaben mußten sich schier zu Tode lachen über den kleinen, drolligen Burschen, den sie für ein Waldzwerglein hielten. Sie riefen ihm zu: „Wenn du Nüsse beißen willst, so komm her und knack' uns diese auf, damit wir sie essen können!“ —Da brummte das Männlein in seinen langen weißen Bart:
„Hansl heiß' ich, Nüsse beiß' ich; hab' ich aber mich beflissen, euch ein Dutzend aufgebissen, gebt mir zum Lohn ein paar davon!“
„Ja, ja!“ schrien die Buben, „du kannst mitessen, knacke nur fleißig auf.“—Das Männlein stellte sich zu ihnen hin—denn am Sitzen hinderte es sein steifer Zopf—und sprach:
„Hebet auf den langen Zopf, schiebt die Nuß in meinen Kropf, drücket nieder und so fort, schnell ist jede Nuß durchbohrt.“
Also taten sie, und hörten das Lachen nicht auf, wenn sie den Kleinen immer beim Zopfe nehmen mußten und nach jedem tüchtigen Knack die Nuß aus dem Munde sprang. Bald waren alle Nüsse aufgebissen, und das Männlein brummte:
„Heiß, heiß, beiß, beiß, will meinen Lohn nun auch davon!“
Der eine der Knaben wollte nun dem Männlein den versprochenen Lohn spenden; der andere aber, ein böser Bube, hinderte ihn daran, indem er sprach: „Warum willst du dem Bürschlein von unsern Nüssen geben? Wir wollen sie allein essen. Geh nur fort jetzt, Nußbeißer, und suche dir deine Nüsse selbst!“
Da ward das Nußbeißerlein gewaltig erzürnt und brummte:
„Gibst du mir keine Nuß, so machst du mir Verdruß; ich nehme dich beim Schopf und beiß' dir ab den Kopf!“
Da lachte der böse Bube und sagte: „Du mir den Kopf abbeißen? Mache lieber, daß du fortkommst, sonst laß' ich dich mein Haselstaudengertlein fühlen!“ Zugleich drohte er mit seinem Stöcklein; der Nußknacker wurde ganz rot vor Zorn, hob sich mit einem Händchen den Zopf auf, schnappte wie ein Fisch im Wasser und—knack— der Kopf war weg.
Das ist die Geschichte von dem ersten Nußknacker. Habt wohl acht, Kinder, daß euch die Köpfe oder wenigstens die Fingerlein nicht abgebissen werden; denn wie ihr Ahnherr, so machen auch die Enkel und Urenkel des Nußknackergeschlechts mit bösen Kindern nicht lange Federlesens!
F. v. Pocci.
[Der alte Landmann an seinen Sohn.]
Üb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann wirst du wie auf grünen Au'n durchs Erdenleben gehn; dann kannst du sonder Furcht und Grau'n dem Tod ins Auge sehn.
Dann wird die Sichel und der Pflug in deiner Hand so leicht; dann singest du beim Wasserkrug, als wär' dir Wein gereicht. Dem Bösewicht wird alles schwer, er tue, was er tu'. Der Teufel treibt ihn hin und her und läßt ihm keine Ruh'. Der schöne Frühling lacht ihm nicht; ihm lacht kein Ährenfeld; er ist auf Lug und Trug erpicht und wünscht sich nichts als Geld. Der Wind im Hain, das Laub am Baum saust ihm Entsetzen zu. Er findet nach des Lebens Traum im Grabe keine Ruh'. Sohn, übe Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann suchen Enkel deine Gruft und weinen Tränen drauf, und Sonnenblumen, voll von Duft, Blühn aus den Tränen auf.
Hölty.
[Der getreue Eckart.]
„O wären wir weiter, o wär' ich zu Haus! Sie kommen, da kommt schon der nächtliche Graus; sie sind's, die unholdigen Schwestern. Sie streifen heran und sie finden uns hier, sie trinken das mühsam geholte, das Bier, und lassen nur leer uns die Krüge.“
So sprechen die Kinder und drücken sich schnell; da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell: „Nur stille, Kind! Kinderlein, stille! Die Hulden, sie kommen von durstiger Jagd, und laßt ihr sie trinken, wie's jeder behagt, dann sind sie euch hold, die Unholden.“
Gesagt, so geschehn! Und da naht sich der Graus und siehet so grau und so schattenhaft aus, doch schlürft es und schlampft es aufs beste. Das Bier ist verschwunden, die Krüge sind leer; Nun saust es und braust es, das wütige Heer, ins weite Getal und Gebirge.
Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell, gesellt sich zu ihnen der fromme Gesell: „Ihr Püppchen, nur seid mir nicht traurig!“ — „Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis aufs Blut!“ — „Nein keineswegs, alles geht herrlich und gut, nur schweiget und horchet wie Mäuslein!
Und der es euch anrät und der es befiehlt, er ist es, der gern mit den Kindelein spielt, der alte Getreue, der Eckart. Vom Wundermann hat man euch immer erzählt; nur hat die Bestätigung jedem gefehlt, die habt ihr nun köstlich in Händen.“
Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug ein jedes den Eltern bescheiden genug und harren der Schläg' und der Schelten. Doch siehe, man kostet: „Ein herrliches Bier!“ Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.
Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag; doch fraget, wer immer zu fragen vermag: „Wie ist's mit den Krügen ergangen?“ Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergötzt; Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt und gleich sind vertrocknet die Krüge.
Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, so horchet und folget ihm pünktlich! Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; dann füllt sich das Bier in den Krügen.
Goethe.
[Die beiden Pflugscharen.]
Von gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes, die andere ward in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und siehe! sie war ganz mit Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wiedersah und sich selbst mit ihr verglich! Denn diese fand sie hell und glatt, ja, glänzender als sie anfangs gewesen war. „Ist das möglich?“ rief die verrostete aus; „einst waren wir einander gleich; was hat dich so herrlich gemacht, während ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet worden bin?“ — „Eben diese Ruhe“, erwiderte jene, „war dir verderblich. Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.“
G. Meißner.
[Die beiden Äxte.]
Ein Zimmermann ließ seine Axt in einen tiefen Strom fallen und bat den Flußgott inbrünstig, er möchte ihm, da er arm sei, wieder dazu verhelfen. Der Flußgott war so gnädig, stieg auf und brachte eine — goldene Axt zum Vorschein.
„Das ist die meinige nicht!“ sprach der Zimmermann ganz gelassen. — Der Geist tauchte von neuem unter und langte eine silberne hervor.
„Auch diese gehört mir nicht!“ sprach der Arme und zum dritten Male langte der Flußgott eine Axt von Eisen mit einem hölzernen Stiele heraus. —
„Das ist die rechte! das ist sie!“ rief der Arbeitsmann fröhlich.
„Gut! Ich sehe, du bist eben so wahrhaft und ehrlich, als arm“, sprach der mitleidige Geist. „Zur Belohnung nimm alle drei mit.“
Die Geschichte ward bald in der ganzen Gegend ruchbar. Ein Schalk, der sie erfahren, nahm sich vor zu versuchen, ob auch gegen ihn der Flußgott so mildtätig sein würde. Er ließ seine Axt mit Willen in den Strom fallen, flehte zum Flußgott und hatte das Vergnügen, ihn aufsteigen zu sehen. Er klagte ihm seinen Verlust, und der Geist brachte, wie ehemals, eine goldene hervor.
„Ist sie das, mein Sohn?“
„Ja, ja, das ist sie!“ antwortete der Lügner und griff schon darnach. „Halt, Nichtswürdiger!“ erschallte nun die Stimme des erzürnten Geistes. „Glaubst du denjenigen zu hintergehen, der bis ins Innere deines Herzens blicken kann? Zur Strafe deines Lugs und Betrugs verliere auch dasjenige, was bisher dein war!“ Und ohne Axt mußte er nach Hause wandern.
G. Meißner.
[Sparbüchslein.]
Teuer ist die War' und das Geld ist rar: Spar'!
Lang ist auch das Jahr, groß der Tage Schar: Spar'!
Eh' dein Geld ist gar, jetzt und immerdar: Spar'!
Spar' für die Gefahr, für die grauen Haar: Spar'!
Sag' nicht: Wenn und zwar! — Bis zu deiner Bahr: Spar'!
Friedrich Güll.
Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt.
Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren, da prüft' er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren, ihr Vaterunser, Einmaleins, und was man lernte mehr; zum Schlusse rief die Majestät die Schüler um sich her.
Gleichwie der Hirte schied er da die Böcke von den Schafen, zu seiner Rechten hieß er stehn die Fleißigen, die Braven. Da stand im groben Linnenkleid manch schlichtes Bürgerkind, manch Söhnlein eines armen Knechts von Kaisers Hofgesind'.
Dann rief er mit gestrengem Blick die Faulen her, die Böcke, und wies sie mit erhobner Hand zur Linken in die Ecke; da stand im pelzverbrämten Rock manch feiner Herrensohn, manch ungezognes Mutterkind, manch junger Reichsbaron.
Da sprach nach rechts der Kaiser mild: „Habt Dank, ihr frommen Knaben, ihr sollt' an mir den gnäd'gen Herrn, den güt'gen Vater haben; und ob ihr armer Leute Kind und Knechtesöhne seid, in meinem Reiche gilt der Mann und nicht des Mannes Kleid.“
Dann blitzt' sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel: „Ihr Taugenichtse, bessert euch, ihr schändet euren Adel; ihr seidnen Püppchen, trotzet nicht auf euer Milchgesicht, ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht!“
Da sah man manches Kindesaug' in frohem Glanze leuchten und manches stumm zu Boden sehn und manches still sich feuchten; und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt, wen heute Kaiser Karl gelobt, und wen er ausgeschmält.
Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit halten im Schulhaus mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten: Den Platz nach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach dem Verstand, so steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.
Karl Gerock.
Hurtig an die Arbeit.
Mein Kind, du bist schon lang der Mutter aus der Wiegen; nun hilf dir selbst; wie du dich bettest, wirst du liegen. Die Flügel wuchsen dir, gebrauche sie zum Fliegen! Der kommt nicht auf den Berg, der nicht hinaufgestiegen. Greif an die Schwierigkeit, so wirst du sie besiegen!
Friedrich Rückert.
[Meister, Geselle und Lehrling.]
Wer soll Meister sein? Wer was ersann. Wer soll Geselle sein? Wer was kann. Wer soll Lehrling sein? Jedermann.
Joh. Wolfg. v. Goethe.
Der Künstler und sein Sohn.
Der Meister saß in seiner Werkstätte und meißelte an einem Herkules. Da trat eines Tages sein Söhnlein zu ihm und fragte: „Vater, was machst du da?“ Der Vater antwortete: „Ich bildne einen Herkules.“ Und er erzählte ihm darauf, wie ein gar großer und gewaltiger Mann der gewesen, und wie er Löwen und Schlangen und Riesen erlegt, und noch viele andere wundersame Heldenstücke getan. Da sagte der Knabe: „Vater, ich will auch einen Herkules machen.“ — „Tue das, mein Kind!“ versetzte der Meister lächelnd. Und er gab demselben einen Klumpen Ton, aus dem jener den Herkules machen könnte. Nach einiger Zeit fragte der Vater: „Wie ist's mit dem Herkules?“ Der Knabe antwortete: „Es fügt sich nicht recht; ich will lieber einen Reiter machen.“ Der Vater nickte und sprach: „So mach' denn einen Reiter!“ Nach einer Weile stiller Arbeit rief der Knabe: „Vater, es geht mit dem Reiter auch nicht; ich will nur gleich einen Hanswurst machen.“ Und er knetete nun aus dem Ton zuerst einen großen Wanst; dann fügte er Hände und Füße daran und setzte zuletzt einen spitzen Hut drauf, unter dem ein Kopf stak mit einer großen Nase. So war denn der Hanswurst fertig. Das Söhnlein klatschte voll Freuden sich in die Hände; der Vater aber schüttelte den Kopf und dachte sich, — was sich jeder leicht denken kann.
Ludwig Aurbacher.
[Die Pfirsiche.]
Ein Landmann brachte aus der Stadt fünf Pfirsiche mit, die schönsten, die man sehen konnte. Seine Kinder aber sahen diese Frucht zum erstenmale. Deshalb wunderten und freuten sie sich sehr über die schönen Äpfel mit den rötlichen Backen und dem zarten Flaum. Darauf verteilte sie der Vater unter seine vier Knaben, und einen erhielt die Mutter.
Am Abend, als die Kinder in das Schlafkämmerlein gingen, fragte der Vater: „Nun, wie haben euch die schönen Äpfel geschmeckt?“ „Herrlich, lieber Vater!“ sagte der Älteste. „Es ist eine schöne Frucht, so säuerlich und so sanft von Geschmack. Ich habe mir den Stein sorgsam bewahrt und will mir daraus einen Baum erziehen.“ „Brav!“ sagte der Vater; „das heißt haushälterisch auch für die Zukunft gesorgt, wie es dem Landmanne geziemt!“
„Ich habe den meinigen sogleich aufgegessen,“ rief der Jüngste, „und den Stein fortgeworfen, und die Mutter hat mir die Hälfte von dem ihrigen gegeben. O! das schmeckte so süß und zerschmilzt einem im Munde.“ „Nun,“ sagte der Vater, „du hast zwar nicht sehr klug, aber doch natürlich und nach kindlicher Weise gehandelt. Für die Klugheit ist auch noch Raum genug im Leben.“
Da begann der zweite Sohn: „Ich habe den Stein, den der kleine Bruder fortwarf, aufgehoben und zerklopft. Es war ein Kern darin, der schmeckte so süß wie eine Nuß. Aber meinen Pfirsich habe ich verkauft und so viel Geld dafür erhalten, daß ich, wenn ich nach der Stadt komme, wohl zwölf dafür kaufen kann.“ Der Vater schüttelte den Kopf und sagte: „Klug ist das wohl, aber kindlich und natürlich war es nicht.“
„Und du Edmund?“ fragte der Vater. Unbefangen und offen antwortete Edmund: „Ich habe meinen Pfirsich dem Sohne unseres Nachbars, dem kranken Georg, der das Fieber hat, gebracht, er wollte ihn nicht nehmen. Da habe ich ihn auf sein Bett gelegt und bin hinweggegangen.“
„Nun!“ sagte der Vater, „wer hat denn wohl den besten Gebrauch von seinem Pfirsich gemacht?“ Da riefen sie alle drei: „Das hat Bruder Edmund getan!“ Edmund aber schwieg still. Und die Mutter umarmte ihn mit einer Träne im Auge.
A. Krummacher.
Die treuen Brüder.
Zur Zeit der Ernte kamen zwei rüstige Jünglinge aus dem Gebirg herab in das ebene Land, wo es an Arbeitern fehlte und sagten zu einem Bauern: „Wir beide wollen euch die ganze Erntezeit hindurch helfen, euer Getreide hereinzubringen, wenn ihr uns die Kost und zehn Taler Lohn gebt!“
„Zehn Taler ist zu viel,“ sagte der Bauer; „ich meine, zehn Gulden[1] wären mehr als genug.“ „Nein,“ sagten die Jünglinge, „es müssen gerade zehn Taler sein, mit weniger ist uns nicht geholfen. Wollt ihr uns nicht so viel geben, so bieten wir unsere Dienste einem andern an.“
„Wozu habt ihr denn so viel Geld notwendig?“ fragte der Bauer. „Seht,“ sagten sie, „wir haben zu Hause einen jüngeren Bruder, der bereits vierzehn Jahre alt ist. Ein geschickter Wagner will ihn in die Lehre nehmen, verlangt aber durchaus zehn Taler Lehrgeld. So viel Geld aber weiß unser alter Vater nicht aufzubringen. Da haben wir zwei ältere Brüder uns denn verabredet, dieses Geld zu verdienen.“
„Nun wohl,“ sagte der Bauer, „wegen eurer brüderlichen Liebe will ich euch zehn Taler geben, wenn ihr so fleißig arbeitet, daß ich damit zufrieden sein kann.“
Die beiden Brüder arbeiteten an den heißen Erntetagen unermüdet im Schweiße ihres Angesichtes; sie waren morgens am frühesten auf und legten sich abends am spätesten zur Ruhe.
Als die Ernte glücklich eingebracht war, bezahlte der Bauer ihnen die zehn Taler und sprach: „Ihr habt euern Lohn redlich verdient und da gebe ich jedem von euch noch einen Taler darüber.“
Wenn Geschwister einig leben, treulich sich zu helfen streben — kann es etwas Schönr'es geben?
Chr. v. Schmid.
Der Bauer und sein Sohn.
Ein guter dummer Bauernknabe, den Junker Hans einst mit auf Reisen nahm und der, trotz seinem Herrn, mit einer guten Gabe recht dreist zu lügen wiederkam, ging kurz nach der vollbrachten Reise mit seinem Vater über Land. Fritz, der im Geh'n recht Zeit zum Lügen fand, log auf die unverschämt'ste Weise. Zu seinem Unglück kam ein großer Hund gerannt. „Ja, Vater,“ rief der unverschämte Knabe, „ihr mögt mir glauben oder nicht, so sag' ich euch und jedem ins Gesicht, daß ich einst einen Hund im Haag[2] gesehen habe,
hart an dem Weg, wo man nach Frankreich fährt, der — ja, ich bin nicht ehrenwert, wenn er nicht größer war als euer größtes Pferd.“
„Das,“ spricht der Vater, nimmt mich wunder, wiewohl ein jeder Ort läßt Wunderdinge seh'n. Wir zum Exempel geh'n jetzunder und werden keine Stunde geh'n, so wirst du eine Brücke seh'n, (wir müssen selbst darüber geh'n), die hat dir manchen schon betrogen; (denn überhaupt soll's dort nicht gar zu richtig sein). Auf dieser Brücke liegt ein Stein, an den stößt man, wenn man denselben Tag gelogen, und fällt und bricht sogleich das Bein.“
Der Bub' erschrak, sobald er dies vernommen. „Ach,“ sprach er, „lauft doch nicht so sehr! Doch, wieder auf den Hund zu kommen, wie groß sagt' ich, daß er gewesen wär'? Wie euer größtes Pferd? Dazu will viel gehören. Der Hund, jetzt fällt mir's ein, war erst ein halbes Jahr; allein, das wollt' ich wohl beschwören, daß er so groß als mancher Ochse war.“
Sie gingen noch ein gutes Stücke; doch Fritzen schlug das Herz. Wie konnt' es anders sein? Denn niemand bricht doch gern ein Bein. Er sah nunmehr die richterliche Brücke — und fühlte schon den Beinbruch halb. „Ja, Vater,“ fing er an, „der Hund, von dem ich rede, war groß, und wenn ich ihn auch was vergrößert hätte, so war er doch viel größer als ein Kalb.“
Die Brücke kommt. Fritz! Fritz! wie wird dir's gehen! Der Vater geht voran; doch Fritz hält ihn geschwind. „Ach, Vater,“ spricht er, „seid kein Kind und glaubt, daß ich dergleichen Hund gesehen; denn kurz und gut, eh' wir darüber gehen, der Hund war nur so groß, wie alle Hunde sind.“
Christian Fürchtegott Gellert
Das Kind.
Die Mutter lag im Totenschrein, zum letzten Mal geschmückt; da spielt das kleine Kind herein, das staunend sie erblickt.
Die Blumenkron' im blonden Haar gefällt ihm gar zu sehr, die Busenblumen, bunt und klar, zum Strauß gereiht, noch mehr.
Und sanft und schmeichelnd ruft es aus: „du, liebe Mutter, gib mir eine Blum aus deinem Strauß, ich hab' dich auch so lieb!“
Und als die Mutter es nicht tut, da denkt das Kind für sich: „Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, so tut sie's sicherlich.“
Schleicht fort, so leis' es immer kann, und schließt die Türe sacht und lauscht von Zeit zu Zeit daran, ob Mutter noch nicht wacht.
Friedrich Hebbel.
Das Kind am Brunnen.
Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, am Hügel weiden die Schafe. Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, da stehen Blumen und Kräuter. Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie drinnen. Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, die Blumen lockens von hinnen. Nun steht es am Brunnen, nun steht es am Ziel, nun pflückt es die Blumen sich munter; doch bald ermüdet das reizende Spiel, da schaut's in die Tiefe hinunter. Und unten erblickt es ein holdes Gesicht mit Augen, so hell und so süße. Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht, viel stumme freundliche Grüße! Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf! Herauf! so meint's das Kind; der Schatten: Hernieder! Hernieder! Schon beugt es sich über den Brunnenrand. Frau Amme, du schläfst noch immer!
Da fallen die Blumen ihm aus der Hand und trüben den lockenden Schimmer. Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, verschluckt von der hüpfenden Welle; das Kind durchschauert's fremd und kalt, und schnell enteilt es der Stelle.
Friedrich Hebbel.
[Des Mägdleins Schmuck.]
Es wächst ein Blümlein Bescheidenheit, der Mägdlein Kränzel und Ehrenkleid. Wer solches Blümlein sich frisch erhält, dem blühet golden die ganze Welt.
Auch wird ein zweites, das Demut heißt, als Schmuck der Mägdelein hoch gepreist. Die Englein, singend an Gottes Thron, es trag'n als Demant in goldner Kron'.
Ein drittes Blümlein, wo diese zwei nur stehen, immer ist dicht dabei: heißt Unschuld, sieht gar freundlich aus, das schönste Blümchen im Frühlingsstrauß.
So pflege, Mägdlein, die Blümlein drei mit frommer Sorge und stiller Treu'! Denn wer sie wahret, wird nimmer alt, er trägt die himmlische Wohlgestalt.
Ernst Moritz Arndt.
Der Jähzorn.
Ein junger Schäfer hütete im Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe. Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu nehmen, einige Schritte zurück, rannte dann auf den Schäfer zu und versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen dem Bocke nach und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer aber raufte sich vor Jammer die Haare aus und bereute zu spät seinen Jähzorn.
Chr. v. Schmid.
Eifer führt zum Ziel.
Der Hase verspottete einst die Schildkröte ihrer Langsamkeit wegen. „Die Natur“, erwiderte diese, „hat mir freilich keinen schnellen Schritt verliehen; dennoch getraue ich mir wohl mit dir um die Wette zu laufen.“
Mit Hohn und Scherz ward von dem Hasen dieser Vorschlag angenommen. Man bestimmte ein Ziel. Beide machten sich zu gleicher Zeit auf den Weg. Und unermüdet kroch auf schnurgeradem Pfade die Schildkröte fort. Ganz anders machte es der Hase. Um zu zeigen, wie sehr er seinen Mitbewerber verachte, hüpfte er bald rechts bald links und kam demungeachtet viel früher bis auf die Mitte des Weges. Ermüdet von den vielen Seitensprüngen legte er allda sich nieder um ein wenig zu schlummern. „Ich kann ja doch“, dachte er bei sich selbst, „die Schildkröte mit drei oder vier Sprüngen wieder einholen!“ So schlief er ruhig, bis er von einem lauten Gelächter der Zuschauer erwachte. Jetzt wollte er sich hurtig aufraffen und ans Ziel eilen, als er — o Schande! — die Schildkröte bereits an demselben erblickte.
A. G. Meißner.
Einer für alle.
Beim Sturm auf Lüttich (1914) hatte eine deutsche Batterie nach schweren Verlusten eine gute Stellung gewonnen. Immer hitziger wurde der Kampf. Die schwere Artillerie der Festung schleuderte dem Angreifer zentnerschwere Granaten entgegen. Da plötzlich — es war auf dem Höhepunkt des heißen Artilleriekampfes — fällt eines dieser Riesengeschosse mit dumpfem Schlag mitten in die deutsche Batterie. Der Sand spritzt nach allen Seiten, das Geschoß liegt offen in der Höhlung. Jeden Augenblick kann es losgehen und alles Lebende ringsum töten. Da schießt dem Unteroffizier Heinemann der Gedanke durch das Gehirn: Lieber einer als alle! Er springt hin, rafft das schwere Geschoß auf und schleppt es an den Leib gepreßt eilends aus der Batterie hinaus. Wäre es in diesen Sekunden geplatzt, er wäre in tausend Stücke zerrissen worden. Aber die Tat glückte. Eine Strecke außerhalb der Stellung legte er die gefährliche Last zur Erde und eilte zurück. Doch kaum ist er eine Strecke gesprungen, da war die Zeit der Granate gekommen. Sie zersprang mit furchtbarem Brüllen und spritzte ihren totbringenden Eisenhagel nach allen Seiten. Wie durch ein Wunder aber blieb der Tapfere heil. Nur ein Splitter traf ihn in die Ferse, und als sieben Stunden später die Festung fiel, konnte er noch siegreich mit einziehen.
„Hamburger Fremdenblatt“.
Der Schatzgräber.
Ein Winzer, der am Tode lag, Rief seine Kinder an und sprach: „In unserm Weinberg liegt ein Schatz, Grabt nur darnach!“ — „An welchem Platz?“ Schrie alles laut den Vater an. — „Grabt nur!“ O weh, da starb der Mann.
Kaum war der Alte beigeschafft, So grub man nach aus Leibeskraft. Mit Hacke, Karst und Spaten ward Der Weinberg um und um gescharrt. Da war kein Kloß, der ruhig blieb; Man warf die Erde gar durchs Sieb Und zog die Harken kreuz und quer Nach jedem Steinchen hin und her. Allein da ward kein Schatz verspürt Und jeder hielt sich angeführt.
Doch kaum erschien das nächste Jahr, So nahm man mit Erstaunen wahr, Daß jede Rebe dreifach trug. Da wurden erst die Söhne klug Und gruben nun jahrein, jahraus Des Schatzes immer mehr heraus.
Gottfr. Aug. Bürger.
[Hoffnung.]
Es reden und träumen die Menschen viel von bessern künftigen Tagen, nach einem glücklichen, goldenen Ziel sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer Verbesserung. Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, sie umflattert den fröhlichen Knaben, den Jüngling locket ihr Zauberschein, sie wird mit dem Greis nicht begraben; denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, erzeugt im Gehirne des Toren; im Herzen kündet es laut sich an: Zu was Besserm sind wir geboren. Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht.
Friedrich von Schiller.
Der beste Empfehlungsbrief.
Auf das Ausschreiben eines Kaufmanns, durch welches ein Laufbursche gesucht wurde, meldeten sich fünfzig Knaben. Der Kaufmann wählte sehr rasch einen unter denselben und verabschiedete die andern. „Ich möchte wohl wissen,“ sagte ein Freund, „warum du gerade diesen Knaben, der doch keinen einzigen Empfehlungsbrief hatte, bevorzugtest?“ „Du irrst,“ lautete die Antwort, „dieser Knabe hatte viele Empfehlungen. Er putzte seine Füße ab, ehe er ins Zimmer trat, und machte die Türe zu; er ist daher sorgfältig. Er gab ohne Besinnen seinen Stuhl jenem alten, lahmen Manne, was seine Herzensgüte und Aufmerksamkeit zeigt. Er nahm seine Mütze ab, ehe er hereinkam, und antwortete auf meine Fragen schnell und sicher; er ist also höflich und hat gute Sitten. Er hob das Buch auf, welches ich absichtlich auf den Boden gelegt hatte, während alle übrigen dasselbe zur Seite stießen oder darüber stolperten. Er wartete ruhig und drängte sich nicht heran — ein gutes Zeugnis für sein anständiges Benehmen. Ich bemerkte ferner, daß sein Rock gut ausgebürstet und seine Hände und sein Gesicht rein waren. Nennst du dies alles keinen Empfehlungsbrief? Ich gebe mehr darauf, was ich von einem Menschen weiß, nachdem ich ihn zehn Minuten lang gesehen, als auf das, was in schön klingenden Empfehlungsbriefen geschrieben steht.“
Magdeburger Zeitung.
Reinlichkeit.
Rein gehalten dein Gewand, rein gehalten Mund und Hand! Rein das Kleid von Erdenputz, rein die Hand von Erdenschmutz! Sohn, die äußre Reinlichkeit ist der innern Unterpfand.
Friedrich Rückert.
[Hermann Billings Berufung.]
Es war um das Jahr 940 nach Christi Geburt, da hütete nicht weit von Hermannsburg in der Lüneburger Heide ein dreizehn- bis vierzehnjähriger Knabe die Rinderherde seines Vaters auf der Legde[3], als plötzlich ein prächtiger Zug von gewappneten Rittern dahergezogen kam. Der Knabe sieht mit Lust die blinkenden Helme und Harnische, die glänzenden Speere und die hohen Reitersleute an und denkt wohl in seinem Herzen: das sieht noch nach was aus! Aber plötzlich biegen die Reiter von der sich krümmenden Straße ab und kommen querfeldein auf die Legde zugeritten, wo er hütet. Das ist ihm zu arg; denn das Feld ist keine Straße, und das Feld gehört seinem Vater. Er besinnt sich kurz, geht den Rittern entgegen, stellt sich ihnen in den Weg und ruft ihnen mit dreister Stimme zu: „Kehrt um; die Straße ist euer, das Feld ist mein.“
Ein hoher Mann, auf dessen Stirn ein majestätischer Ernst thront, reitet an der Spitze des Zuges und sieht ganz verwundert den Knaben an, der es wagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hält sein Roß an und hat seine Freude an dem mutigen Jungen, der so kühn und furchtlos seinen Blick erwidert und nicht vom Platze weicht.
„Wer bist du, Knabe?“ „Ich bin Hermann Billings ältester Sohn und heiße auch Hermann, und dies ist meines Vaters Feld; Ihr dürft nicht darüber reiten.“
„Ich will's aber,“ erwiderte der Ritter mit drohendem Ernst; „weiche, oder ich stoße dich nieder.“ Dabei erhob er den Speer. Der Knabe aber bleibt furchtlos stehen, sieht mit blitzendem Auge zu dem Ritter hinauf und spricht: „Recht muß Recht bleiben, und Ihr dürft nicht über das Feld reiten, Ihr reitet denn über mich weg.“
„Was weißt du von Recht, Knabe?“ — „Mein Vater ist der Billing[4],“ antwortete der Knabe; „vor einem Billing darf niemand das Recht verletzen.“
Da ruft der Ritter noch drohender: „Ist das denn Recht, Knabe, deinem Könige den Gehorsam zu versagen? Ich bin Otto, dein König.“
„Ihr wäret Otto, unser König, von dem mein Vater uns so viel erzählt? Nein, Ihr seid es nicht! König Otto schützt das Recht, und Ihr brecht das Recht: Das tut Otto nicht, sagt mein Vater.“
„Führe mich zu deinem Vater, braver Knabe,“ antwortete der König, und eine ungewöhnliche Milde und Freundlichkeit erglänzte auf seinem ernsten Angesichte.
„Dort ist meines Vaters Hof, Ihr könnt ihn sehen,“ sagte Hermann; „aber die Rinder hier hat mir mein Vater anvertraut; ich darf sie nicht verlassen, kann Euch also auch nicht führen. Seid Ihr aber Otto der König, so lenket ab vom Felde auf die Straße; denn der König schützt das Recht.“
Und der König Otto der Große gehorchte der Stimme des Knaben und lenkte sein Roß zurück auf die Straße.
Bald wird Hermann vom Felde geholt. Der König ist bei seinem Vater eingekehrt und hat zu ihm gesagt: „Billing, gib mir deinen ältesten Sohn mit; ich will ihn bei Hofe erziehen lassen; er wird ein treuer Mann werden, und ich brauche treue Männer.“ Und welcher gute Sachse konnte einem Könige wie Otto etwas abschlagen?
So sollte denn der mutige Knabe mit seinem Könige ziehen, und als Otto ihn fragte: „Hermann, willst du mit mir ziehen?“ Da antwortete der Knabe freudig: „Ich will mit dir ziehen; du bist der König, denn du schützest das Recht.“
Otto übergab den jungen Billing guten Lehrmeistern, in deren Pflege und Leitung er zu einem tugendlichen und tüchtigen Manne erwuchs. Der König hielt ihn für einen seiner nächsten Freunde und vertraute dermaßen der Klugheit, Tapferkeit und Treue seines Pfleglings, daß er, als er seine Römerfahrt antrat, ihm das eigene angestammte Herzogtum Sachsen zur Verwaltung übergab. Dieser Hermann Billing ist der Ahnherr eines blühenden Geschlechtes geworden, welches bis zum Jahre 1106 dem Sachsenlande seine Herzoge gab.
Ferdinand Bäßler.
[Wohltun macht Freunde.]
Ein Venetianer, der häufig das Fichtelgebirg besuchte, um da nach edlen Metallen besonders nach Goldkörnern zu graben, kehrte oft bei einem Landmanne in Wülfertsreuth ein, der ihn gastfreundlich aufnahm und ihm bot, was er vermochte. Einstmals kam er wieder, jedoch um für immer Abschied zu nehmen. „Ich kehre jetzt in meine Heimat zurück, um die Früchte meiner langjährigen Mühen friedlich zu genießen,“ sagte er, „und werde wohl nie mehr deine gastliche Schwelle überschreiten. Wenn du jedoch einst irgend ein Anliegen auf dem Herzen hast, so komme zu mir in das ferne Venedig und ich will dir von deinem Kummer helfen. Ich glaube, ich werde dich noch bei mir sehen.“ Er schied.
Und siehe, nach langen Jahren zogen schwere Wolken über das kleine Haus, so daß der arme Mann keinen Retter mehr wußte aus Not und Sorgen als seinen alten Freund in Welschland. Da machte er sich auf, pilgerte gen Süden und erreichte glücklich die große Meerstadt. Nun ward ihm aber bange, als er die weiten Straßen beschaute. Wie wollte er seinen Freund ausfindig machen, dessen fremden Namen er längst vergessen?