1. bis 3. Tausend
ISLÄNDISCHE MÄRCHEN
UND VOLKSSAGEN
DEUTSCH VON
ÅGE AVENSTRUP
UND
ELISABETH TREITEL
1919
AXEL JUNCKER VERLAG
BERLIN W. 15
Inhalt
| Seite | |
| Der Huldrekönig von Selö | [7] |
| Das Sätermädchen | [16] |
| Die Alfkönigin | [24] |
| Der Huldretanz in der Silvesternacht | [36] |
| Die Pfarrerstochter von Praestebakke | [40] |
| Der Ernteknecht | [42] |
| Thord von Throstestad | [48] |
| Die Kinderwiege | [52] |
| Der Wechselbalg von Sogn | [53] |
| Das Seemännchen | [55] |
| Der Nöck | [58] |
| Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer | [60] |
| Bischof Brynjolf | [62] |
| Der Troll im Felsen | [64] |
| Die Riesin | [66] |
| Gilitrutt | [73] |
| Der Bauer von Gnupar | [77] |
| Guldbraa und Skegge | [79] |
| Jon und die Riesin | [89] |
| Ketil von Silfrunarstad | [100] |
| Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen | [108] |
| Der Nachttroll | [110] |
| Die Geisterhaube | [112] |
| Der Bräutigam und das Gespenst | [114] |
| Der Küster von Mörkaa | [121] |
| Sigurd und das Gespenst | [127] |
| Der mutige Bursch | [130] |
| Die Sage von Jon Asmundsson | [144] |
| Die Brüder | [160] |
| Der Ulfssee | [164] |
| Der Südfahrer-Asmund | [170] |
| Die Zauberer auf den Westmändsinseln | [177] |
| Der Sending | [183] |
| Der Eheteufel | [185] |
| Der rote Stier | [187] |
| Das Fäßchen | [190] |
| Hleidrargaards Skotta | [193] |
| Die Schuhe aus Menschenhaut | [198] |
| Sagen von Saemund dem Weisen | [203] |
| Sagen von Kalb Arneson | [221] |
| Gudbjart Floke und der Bischof von Holar | [228] |
| Die Frau von Malmö | [231] |
| Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar | [235] |
| Der Mann von Grimsö und der Bär | [252] |
| Der Bär, der mit der Tonne rang | [255] |
| Wie die Seehunde entstanden sind | [257] |
| Das Seehundsfell | [258] |
| Der Lindwurm im Lagarfluß | [260] |
| Der dankbare Rabe | [262] |
| Asmund und Signe | [264] |
| Die beiden Ebereschenbäume | [268] |
| Der glühende Schlüssel | [271] |
| Wie es Jons Seele erging | [272] |
Der Huldrekönig auf Selö
Eines Sommers waren einige Leute, wie sie zu tun pflegten, zum Fischen auf Selö im Reydarfjord. Und es traf sich, als der getrocknete Fisch ans Land gebracht wurde, daß ein großer Teil der Fische des Pfarrers von Holme in der Fischbude zurückblieb. Das Wetter verschlechterte sich in dem Maße, daß man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, um sie zu holen und begannen sofort, die Fische aus der Hütte ins Boot zu tragen. Die Bootsleute sagten, sie würden gern nach der anderen Seite der Insel gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben sei. Einer von ihnen erklärte sich bereit zu gehen, während die anderen die Fische hinuntertrugen. Er ging also, und die anderen trugen die Beute in das Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es ihnen nur mit knapper Not gelang, die Fische in das Boot zu schleppen. Sie schifften sich alle ein und warteten eine Weile auf den Abwesenden; als er aber kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins Boot zu ziehen; da riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben müßte, sie würden ihn aber am nächsten Tag holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß es am besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, und steuerten dem Lande zu; er aber blieb hilflos zurück.
Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und der Mann ging deshalb nach der Fischerhütte, ohne einen Ausweg zu wissen, und dort blieb er bis zum Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort Hungers zu sterben, und er lief aus der Hütte hinaus. Da entdeckte er einen freundlichen Stern; er glaubte aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer hinzusehen, schien er ihm einem Licht in einem Fenster zu ähneln. Er lief eine kleine Weile, bis er an ein Haus kam, das so prächtig war, daß es einer Königshalle glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde:
»Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche Mensch, der heute auf der Insel zurückgelassen worden ist, ist an das Haus gekommen; gehe hinaus und hole ihn; denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür stirbt.«
In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen zu ihm; sie führte ihn hinein und sagte ihm, daß er seine Schneekleider ablegen solle. Dann führte sie ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr schönen Saal, der mit Gold und Edelgestein geschmückt war. Da sah er viele Frauen, und eine unter ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte sie mit Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob sich die schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine kleine, aber hübsche Kammer, setzte ihm Wein und Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen wurde. Die Nacht verging also; aber am nächsten Morgen kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab ihm aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib dienen konnte.
So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend kam die schöne Jungfrau zu ihm und sagte, wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes erwiesen hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und sie ihr nicht abschlagen, nämlich daß er, wenn am nächsten Tage eine Tanzbelustigung abgehalten würde und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel anzusehen, nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen dürfe; denn sie würde ihm genug bringen, damit er sich hier drin zerstreuen könne. Er versprach ihr, daß er nicht neugierig sein würde. Am ersten Feiertag morgens brachte sie ihm Wein und was sonst zu seiner Nahrung dienen konnte, bot ihm Lebewohl und ging ihres Weges.
Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. Da dachte er bei sich, was für eine große Freude dort wohl herrsche, und daß es gewiß nichts schaden könnte, wenn er einen Augenblick hinauslugte; es brauchte ja niemand zu sehen.
Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu können, und als er hinausblickte, sah er eine große Menge Menschen; einige tanzten, andere führten allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah er einen königlichen Mann sitzen, eine Krone auf dem Haupt und eine Frau zu jeder Seite. Er dachte, das müßten die Königin und die Tochter des Königs sein; diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun nicht länger hinauszusehen und ging vom Fenster fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend.
Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war sie wider ihre Gewohnheit schweigsam; jedoch sagte sie ihm, daß er sein Versprechen, nicht hinauszusehen, schlecht gehalten habe, obgleich sie es so habe einrichten können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt habe.
Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah.
In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, um sich den Tanz anzusehen, und daß er ihr gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein dürfe. Er versprach nun bei allem, was ihm heilig war, daß er diesmal nicht hinausblicken würde. Sie brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei Zeitvertreib und ging fort.
Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch mehr Lärm und Freude draußen als zu Weihnachten. Da sagte er sich, daß er jetzt nicht hinaussehen wolle, denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da begann ihn aber die Neugierde zu quälen – so gar nichts von der großen Freude zu erfahren, – und er spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller als das vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende Ritter vor der Königin und dem König. Da zog er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß niemand das Auge nach seinem Fenster wandte, und so ging es bis zum Abend. Als die Jungfrau aber am Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht und machte ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. Trotzdem trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen nicht; denn sie war ihm genau so gut wie vordem.
Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. Am Osterheiligabend kam die Jungfrau zu ihm, sprach ihn freundlich an und bat ihn, am nächsten Tag ja nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte, daß die Freude groß wäre; denn wenn ihr Vater merke, daß sie ein männliches Wesen bei sich hätte, dann würde es sie das Leben kosten. Am Ostermorgen kam sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur hätte wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn dann. Die Belustigung begann wieder wie zuvor. Aber als der Tag verging, begann die Einsamkeit ihn zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die danebenliegende hinein; denn er dachte, die Jungfrau würde es nicht merken, wenn er von dort aus hinauslugte. Einen Augenblick spähte er hinaus und sah dasselbe wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. Da war sie unwillig gegen ihn und sagte, daß er sie heute im Stich gelassen hätte wie das vorige Mal; sie wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt bekommen hätte, aber kühler wäre er gegen sie gewesen, als er zu sein pflegte; sie hätte nicht erwartet, daß er ihr so untreu sein würde, und er werde es wohl später in anderen Dingen auch sein.
Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß morgen der erste Sommertag wäre, und daß dann Leute vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in der Frühe nach der Fischerhütte gehen sollte; aber um eins wollte sie ihn bitten, wenn er Wert darauf lege, daß sie ihm das Leben während des Winters erhalten hätte; und das sei, daß er das Kind anerkennen solle, das sie jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte ihr Leben, und wenn sie den Vater nicht angeben könne, dann würde ihr Vater sie töten. Aber wenn sie den Vater nennen könne, dann würde er sie nicht töten, und sie bitte ihn nun um weiter nichts, als daß er sich ihr gegenüber in dieser Angelegenheit treu erweisen solle. Das versprach er ihr, und er sagte, es werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des Kindes zu sein. Es koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit davon hätte.
Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle ihre Wohltaten gegen ihn während des Winters, und früh am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte er sich nach der Halle umsehen, aber er sah weiter nichts als steinige Hügel und Felsen am südlichen Teil der Insel; dann ging er nach der Fischerhütte.
An diesem Tage war mildes Wetter und die See ruhig, und als der Tag etwas verstrichen war, sah er ein Boot vom Lande herkommen; als die Bootsleute aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen entgegen. Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, denn er war sehr dick und fett, und sie glaubten deshalb, daß es sein Geist sei; denn sie dachten nicht anders, als daß er im Winter gestorben wäre; und niemand wagte, ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm ans Land zu kommen. Schließlich aber stieg der Bootsführer doch ans Land und fragte ihn, ob er ein lebendiger Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe sei, der im Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. Er sagte, daß er derselbe Mann wie im Herbst sei, als sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der andere aber sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange ohne Nahrung hätte leben können. Der Inselmann sagte, daß der Seetang auf Selö keine schlechtere Nahrung sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr wollte er ihnen nicht erzählen; er stieg aber zu ihnen in das Boot, und sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die meisten wunderten sich, ihn lebendig zurückkommen zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt, wie er den Winter über hätte leben können, niemand aber bekam mehr von ihm zu wissen, als jene auf der Insel von ihm erfahren hatten.
Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes Wetter, und es kamen viele Leute zur Kirche, und an diesem Tage wollte auch der Knecht dorthin. Als aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem Altar, ehe man es sich versah, und eine golddurchwirkte Decke war über das Kind gebreitet, aber kein Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne Frauenhand auf dem Rand der Wiege ruhte; alle wunderten sich hierüber und sahen sich an; der Pfarrer aber nahm das Wort und sagte, daß dies Kind getauft werden wolle, und daß es wohl nicht irrig wäre, daß irgend jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm stehe, und am ehesten glaube er von seinem Knecht, daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen habe; der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da sagte der Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des Knechts taufen, der aber leugnete wieder und sagte, daß er nichts mit der Sache zu tun hätte. Der Pfarrer erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf der Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, daß er das Kind nie anerkennen würde und verbot dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen.
Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand in demselben Augenblick, und zugleich ertönte heftiges Weinen, das sich allmählich aus der Kirche verlor. Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der Kirche nach. Da hörten sie das Weinen und das Schluchzen in der Richtung nach dem See verschwinden, die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche und wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit benutzt.
Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten jedoch war der Pfarrer davon ergriffen. Der Knecht aber verfiel später in Tiefsinn. Der Pfarrer fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er ihm alles, daß er den Winter über bei einem König und seiner Tochter gewohnt hätte, und daß es ihn sein Leben lang gereuen würde, daß er das Kind nicht anerkannt habe.
Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr derselbe, und hiermit endet die Erzählung von dem Huldrekönig auf Selö.
Das Sätermädchen
Einmal wohnte auf dem Nordland ein Pfarrer, der ein Mädchen erzogen hatte. Hoch oben zwischen den Bergen lag die Säterwirtschaft[1] des Pfarrhofs, auf die der Pfarrer gern im Sommer seine Kühe und Schafe unter Aufsicht eines Sätermädchens und eines Hirten schickte. Als seine Pflegetochter älter geworden war, mußte sie der Haushaltung auf dem Säter vorstehen, und sie erledigte das so gut wie jede andere Arbeit; denn sie war ein kluges Frauenzimmer, hübsch anzusehen und flink in vielen Dingen. In diesem Teil des Landes hatte sie nicht ihresgleichen. Darum warben viele reiche Männer um ihre Hand; sie aber gab ihnen allen miteinander einen Korb. Der Pfarrer sprach einmal mit seiner Pflegetochter über dieses Kapitel und riet ihr, sich zu verheiraten, denn, sagte er, er wäre nun ein alter Mann und könnte ihr daher nicht immer eine Stütze sein. Sie aber wollte nichts davon hören; ihr Sinn sei weit von solchen Dingen entfernt, sagte sie; sie wäre sehr zufrieden, wie es sei, und nicht jeder hole sein Glück in der Ehe. Darüber wurde also vorläufig weiter nichts gesprochen.
Als ein Teil des Winters verstrichen war, schien es den Leuten, als beginne das Sätermädchen etwas rundlich unter dem Gürtel zu werden, und je weiter es auf den Frühling zuging, desto runder wurde sie. Im Frühjahr sprach ihr Pflegevater wieder mit ihr; er bat sie jetzt, ihm offen und ehrlich zu sagen, wie es eigentlich mit ihr bestellt wäre; sie erwarte sicher ein Kind, meinte er, und darum wäre es am besten, daß sie in diesem Sommer nicht nach dem Säter zöge. Sie bestritt aber, daß sie ein Kind erwarte, es fehle ihr nichts, und ihre Arbeit auf dem Säter würde sie in diesem Sommer genau so tun, wie sie es früher getan hätte. Der Pfarrer sah, daß er nichts aus ihr herausbekommen könnte und ließ ihr daher ihren Willen; er beauftragte aber die Männer, die sie nach dem Säter begleiteten, sie nicht allein zu lassen, und das versprachen sie ihm hoch und heilig.
Oben auf dem Säter war das Mädchen lustig und froh, und es verstrich eine Zeit, ohne daß etwas geschah. Die Leute beobachteten sie sehr genau und ließen sie nie allein.
Da geschah es eines Abends, daß der Hirt alle Schafe und Kühe vermißte, und jeder, der seine Beine gebrauchen konnte, mußte den Säter verlassen, nur das Sätermädchen blieb allein zurück. Es ging langsam mit dem Suchen der Leute, ein dichter Nebel senkte sich herab, und deshalb fanden sie das Vieh erst gegen Morgen. Als sie wieder nach Hause kamen, war das Sätermädchen auf und ungewöhnlich flink und leicht auf den Füßen. Als eine Zeit vergangen war, sah man dann auch, daß sie nicht mehr so rund wie früher war; aber wie es zugegangen war, das wußte man nicht, auch fand man jetzt nicht, daß ihre Rundlichkeit so gewesen war, als wenn eine Frau ein Kind erwartet.
Im Herbst zogen sie wieder nach Hause von dem Säter, Männer und Vieh, und da sah der Pfarrer, daß das Mädchen eine schlankere Gestalt hatte als sie im Winter zuvor gehabt hatte. Er drang in die übrigen Säterleute und fragte sie, ob sie wider seinen Befehl gehandelt und das Sätermädchen allein gelassen hätten. Sie aber erzählten ihm, wie es gewesen wäre, daß sie es nur ein einziges Mal verlassen hätten, um das fehlende Milchvieh zu suchen. Da wurde der Pfarrer zornig und wünschte ihnen die schwere Not, weil sie gegen seinen Befehl gehandelt hätten; im übrigen hätte er das im Frühjahr geahnt, als das Sätermädchen nach dem Säter zog.
Im nächsten Winter kam ein Mann, der um die Pflegetochter des Pfarrers freien wollte; sie aber wollte nichts von seinem Freien wissen; der Pfarrer jedoch sagte, daß sie nichts abhielte, ihn zu heiraten; denn alle wären darin einig, ihn zu loben, und er sei aus gutem Geschlecht. Er hätte im letzten Frühjahr den Hof seines Vaters übernommen, und seine Mutter hätte ihr Altenteil bei ihm. Dieser Freier bekam also keinen Korb, gleichviel, ob mit dem Willen des Mädchens oder ohne ihn. Ihre Hochzeit wurde im Frühjahr beim Pfarrer gefeiert. Aber ehe der Braut ihr Brautkleid angezogen wurde, sagte sie zu ihrem Bräutigam: »Da du mich gegen meinen Willen heiratest, nehme ich dir jetzt das Versprechen ab, daß du niemals einen Wintergast beherbergst, ohne mich vorher davon benachrichtigt zu haben, denn sonst ergeht es dir übel!« Das versprach ihr der Mann.
Dann wurde also die Hochzeit gefeiert, und sie zog mit ihrem Gebieter nach Hause und übernahm den Hausstand, aber ohne besondere Lust; denn sie war niemals froh, und ihr Gesicht war stets finster, obgleich sie der Mann auf Händen trug und kaum zuließ, daß sie die Hand in kaltes Wasser steckte. Jeden Sommer saß sie zu Hause, während die andern mit dem Heu auf der Wiese beschäftigt waren, und immer blieb ihre Schwiegermutter bei ihr, um sie zu erheitern und ihr beim Essenbereiten behilflich zu sein. Manchmal saßen sie und strickten und spannen, und die Alte erzählte dann Sagen, um ihre Schwiegertochter zu unterhalten.
Einmal, als sie mit ihrer Erzählung fertig war, sagte die Alte zu ihrer Schwiegertochter, daß sie jetzt etwas erzählen müsse. Die andere aber erwiderte, daß sie keine Sagen kenne; als die Alte jedoch weiter in sie drang, versprach sie schließlich, die einzige Sage, die sie kenne, zu erzählen, und sie begann folgendermaßen:
»Auf einem Hof lebte einmal ein Sätermädchen. Unweit des Säters lagen große Felsen, an denen sie oft vorbeiging. Darinnen wohnte ein schöner, junger Huldremann, den sie bald kennen lernte, und es entstand Liebe zwischen den beiden. Er war so gut und lieb zu den Mädchen, daß er ihr nie etwas abschlug und sich ihrem Willen stets in allem fügte. Das Ende vom Liede war, daß das Sätermädchen, als eine Zeit vergangen war, ein Kind erwartete. Als sie im nächsten Sommer nach dem Säter sollte, drang ihr Brotherr in sie, um zu erfahren, ob sie in gesegneten Umständen wäre; das aber bestritt sie und zog hinauf nach dem Säter, wie sie es zu tun pflegte. Ihr Herr bat aber diejenigen, die mit auf dem Säter waren, sie nie allein zu lassen, und das versprachen sie ihm. Trotzdem verließen sie sie einmal, um das Vieh zu suchen, und da fühlte sie Geburtswehen. Da kam ihr Liebhaber zu ihr, saß bei ihr und half ihr bei der Geburt, und darauf wusch und wickelte er das Kind. Ehe er aber mit dem Knaben fortging, ließ er sie aus einem Glas trinken, und das war der süßeste Trank, den ich je …« hier fiel ihr das Knäuel, mit dem sie strickte, aus der Hand; sie bückte sich danach und verbesserte sich – »den sie je gekostet hatte, wollte ich sagen, und da wurde sie gesund und frei von allen Folgen. Von da an sahen sich der Huldremann und das Mädchen nicht wieder; gegen ihren Willen wurde sie mit einem anderen Manne verheiratet; ihr Sinn aber stand immer nach ihrem ersten Liebsten, und von dieser Zeit an sah sie nie einen frohen Tag. Und jetzt ist die Erzählung aus.«
Ihre Schwiegermutter dankte ihr für die Erzählung und bewahrte sie im Gedächtnis. So verging wieder eine Zeit, ohne daß etwas geschah; die Frau ging wie immer umher und trug ihren Kummer, immer jedoch war sie gut und liebevoll gegen ihren Gebieter.
Eines Sommers, als es schon weit in der Heuernte war, kamen zwei Männer, ein größerer und ein kleinerer, zu dem Bauern auf das Feld. Sie hatten beide breitkrempige Hüte auf dem Kopf, so daß man ihnen nur undeutlich ins Gesicht sehen konnte. Der größere nahm das Wort und bat den Bauern um Obdach für den Winter. Der Bauer antwortete, daß er niemand aufnehme, ohne daß seine Frau davon wisse, und sagte, daß er erst mit ihr über diese Angelegenheit sprechen wollte. Der Mann bat ihn, doch nicht so ungeschickt zu sprechen, als wenn ein so resoluter Mann derartig unter dem Pantoffel seiner Frau stände, daß er in solchen Kleinigkeiten wie die, zwei Menschen einen Winter lang in Kost zu nehmen, nicht selbst bestimmen dürfte. Das Ende war, daß der Bauer ihnen Winterobdach versprach, ohne daß er seine Frau erst darum befragt hatte.
Abends kamen die Fremden mit dem Bauern nach Hause; er ließ sie in eine Kammer eintreten und bat sie, dort zu bleiben. Dann ging er zu seiner Frau und erzählte ihr, wie die Dinge standen. Die Frau wurde darüber sehr unwillig und sagte, daß das ihre erste Bitte gewesen wäre und wahrscheinlich auch die letzte sein würde. Da er die Fremden nun aber allein aufgenommen hätte, müßte es auch seine Sache sein, was aus ihrem Aufenthalt im Winter folgte; und dann wurde nicht mehr über die Sache gesprochen.
Nun war alles ruhig, bis die Eheleute im Herbst zum Abendmahl gehen wollten. Es war damals Sitte, wie es heute noch in verschiedenen Gegenden auf Island der Fall ist, daß diejenigen, die zum Tische des Herrn wollen, zu allen Leuten auf dem Hof gehen, sie küssen und sie um Verzeihung für ihre Vergehen ihnen gegenüber bitten. Die Hausfrau war den Wintergästen bis zu diesem Tage ausgewichen und hatte sich nie vor ihnen sehen lassen, und auch diesmal ging sie nicht zu ihnen, um Abschied zu nehmen.
Die Eheleute gingen fort. Als sie aber außerhalb der Einzäunung des Heimackers waren, fragte der Bauer seine Frau: »Du hast doch unseren Wintergästen auch Lebewohl gesagt?« Sie erwiderte: »Nein.« Er bat sie, doch nicht so gottlos zu handeln, fortzugehen, ohne sich vorher von ihnen verabschiedet zu haben. »In den meisten Dingen zeigst du, daß du mich wenig achtest, erstens darin, daß du diese Männer empfangen hast, ohne mich danach zu fragen, und nun darin, daß du mich zwingen willst, sie zu küssen. Jedoch will ich dir gehorchen, aber du mußt selbst die Folgen auf dich nehmen; denn es gilt mein Leben und aller Wahrscheinlichkeit nach auch deins.«
Sie kehrte nun nach Hause zurück, und weil es so lange dauerte, bis sie wiederkam, kehrte der Bauer auch um und ging dorthin, wo er seine Wintergäste zu finden erwartete, und fand sie auch in ihrer Kammer.
Da sah er, wie der größere Wintergast seine Frau umschlungen hatte und mit ihr auf dem Boden lag; und beider Herzen waren vor Gram gebrochen. Der andere Gast aber stand weinend neben ihnen, als der Bauer eintrat; gleich darauf verschwand er, ohne daß jemand wußte, wohin er gegangen war.
Alle aber wußten jetzt von dem, was die Frau ihrer Schwiegermutter erzählt hatte, daß der größere Fremde der Huldremann gewesen war, den sie auf dem Säter kennen gelernt hatte, daß der andere aber, der verschwunden war, ihr Sohn gewesen war.
Fußnoten:
[1] Säter = Alm.
Die Alfkönigin
Ein Bauer wohnte auf einem Hof, oben zwischen den Bergen, nirgends aber wird erwähnt, wie er oder der Hof hießen. Der Bauer war unverheiratet, hatte aber eine Hausmeisterin, die Hildur hieß, von deren Geschlecht man nichts wußte. Sie stand dem inneren Hausstand vor und war flink in allen Dingen. Sie war beim Gesinde des Hofes beliebt, und bei dem Bauern auch, aber es war nie zu merken, daß das Verhältnis zwischen ihnen die Grenzen der Schicklichkeit überschritt. Sie war aber auch eine gesetzte Frau, ziemlich in sich gekehrt, doch freundlich im Verkehr.
Die häuslichen Verhältnisse des Bauern waren sehr gut, mit Ausnahme des Umstandes, daß es ihm schwer fiel, einen Hirten zu finden; er war aber ein reicher Schafbauer und glaubte, sein Haus verlöre den Grundstein, wenn der Hirt fehle. Das kam nun weder davon, daß der Bauer streng gegen seine Hirten war, noch davon, daß die Hausmeisterin es an dem fehlen ließ, was zu ihrem Gebiet gehörte. Der Grund, daß sie nicht einig werden konnten, war vielmehr der, daß die Hirten nie alt im Dienst wurden und am ersten Weihnachtsfeiertag stets tot in ihrem Bett aufgefunden wurden.
In jenen Zeiten war es im ganzen Land Sitte, am Heiligabend Gottesdienst abzuhalten, und es wurde für ebenso feierlich gehalten, dann zur Kirche zu fahren, wie am ersten Feiertag selbst. Aber auf Gebirgshöfen, die weit von der Kirche entfernt lagen, war es für diejenigen, die sich der Verhältnisse wegen nicht eher bereit machen konnten, das Haus zu verlassen, bis der Stern zwischen Morgen und Mittag stand, keine Kleinigkeit, zum Gottesdienst zu kommen, und es war üblich, daß die Hirten bei diesem Bauern nicht früher nach Hause kamen. Wohl brauchten sie nicht den Hof zu hüten, wie es Sitte war, daß es einer oder der andere in der Weihnachts- und Silvesternacht tat, während die übrigen Leute des Hofes in der Kirche waren; denn seit Hildur zu dem Bauern gekommen war, hatte sie sich stets von selbst dazu erboten, während sie gleichzeitig besorgte, was zum Fest in Ordnung gebracht werden mußte: Essen kochen und anderes, was dazu gehört, und sie wachte immer bis spät in die Nacht, so daß die Kirchgänger zuweilen zurückgekommen, zu Bett gegangen und eingeschlafen waren, ehe sie zu Bett ging. Als es eine Zeitlang so gegangen war, daß die Hirten des Bauern alle plötzlich in der heiligen Nacht gestorben waren, fing man an, in den Ortschaften darüber zu sprechen, und es fiel deshalb dem Bauern sehr schwer, jemanden für diese Arbeit zu dingen, und je mehr starben, desto schwerer wurde es. Weder auf ihn, noch auf sein Gesinde fiel der Verdacht, daß sie den Tod der Hirten verschuldet hätten, da sie alle gestorben waren, ohne daß eine Wunde an ihnen zu sehen war. Schließlich sagte der Bauer, daß er es nicht mehr über sein Gewissen bringen könnte, Hirten zu dingen, die den sicheren Tod zu erwarten hätten, und daß nun das Schicksal darüber bestimmen möge, wie es mit seinem Viehstand und Wohlstand würde.
Als der Bauer sich hierfür entschieden hatte, und fest entschlossen war, niemand zu diesem Zweck zu dingen, kam einmal ein flinker und kräftiger Mann und bot ihm seinen Dienst an. Der Bauer sagte: »So nötig habe ich deinen Dienst nicht, daß ich dich annehmen muß.« Der Fremde fragte: »Hast du einen Hirten für den nächsten Winter gedungen?« Der Bauer erwiderte: »Nein« und sagte, daß er sich entschlossen hätte, für die Folge niemand zu dingen, »und du hast wohl gehört, wie unglücklich es bisher meinen Hirten ergangen ist.« »Gehört habe ich davon,« sagte der Fremde, »aber ihr Schicksal soll mir keine Furcht einjagen.« Da gab der Bauer nach, weil der andere ihn so eindringlich bat, und nahm ihn als Schafhirten in seinen Dienst. Nun verstrich eine Zeit; der Bauer und der Hirt waren sehr zufrieden miteinander, und dieser war bei allen gern gesehen, denn er war ein Mann von gutem Betragen, keck und ausdauernd in all seinem Vorhaben.
Es geschah nichts, bis Weihnachten kam; da ging es wie immer: der Bauer zog am Heiligabend mit seinen Leuten zur Kirche, nur seine Hausmeisterin blieb im Hause zurück, und der Hirt blieb beim Vieh; der Bauer zog also fort und ließ die beiden allein zurück. Es ging auf Abend, ehe der Hirt wie gewöhnlich nach Hause kam; er aß seine Grütze und ging dann zur Ruhe. Da fiel ihm ein, daß es vielleicht sicherer für ihn wäre, wach zu bleiben als zu schlafen, falls etwas passierte, obgleich er keine Furcht hegte, und deshalb blieb er wach liegen. Als der größte Teil der Nacht vergangen war, hörte er die Kirchgänger kommen; sie bekamen einen Bissen zu essen und gingen dann zu Bett. Noch merkte er nichts, als er aber glaubte, daß alle eingeschlafen wären, fühlte er, daß seine Kräfte zu schwinden begannen, was nicht weiter merkwürdig war, so müde, wie er nach des Tages Mühe war.
Er glaubte, es wäre schlimm mit ihm bestellt, wenn ihn jetzt der Schlaf übermannte, und er bot darum all seine Willenskraft auf, um sich wach zu erhalten. Es verging nun keine lange Zeit, bis er jemand an sein Bett treten hörte, und er glaubte zu sehen, daß es die Hausmeisterin Hildur sei, die hier ihr Wesen triebe. Er stellte sich, als schliefe er ganz fest und merkte, daß sie ihm etwas in den Mund steckte. Das war, wie er fühlte, ein Zaum für den Hexenritt, und er ließ sich ruhig aufzäumen. Als sie ihm das Zaumzeug angelegt hatte, befestigte sie die Zügel, wie es ihr am bequemsten war, setzte sich auf seinen Rücken und ritt in sausender Eile fort, bis sie, wie ihm schien, an einen Graben oder eine Spalte in der Erde kam. Da sprang sie von ihm herab, auf einen Stein, und ließ die Zügel hängen, worauf sie vor seinen Augen in der Spalte verschwand. Der Hirt fand, es sei schlimm und wenig aufklärend, wenn Hildur solchermaßen vor ihm verschwände, ohne daß er wüßte, was aus ihr geworden sei; er merkte aber, daß er mit angelegtem Zaum nicht weit käme, so viel Zauberei steckte darin. Er nahm deshalb den Ausweg, daß er den Kopf an dem erwähnten Stein rieb, bis er sich das Zaumzeug abgescheuert hatte und dann ließ er es liegen. Dann warf er sich in die Spalte, in die sie vor ihm gesprungen war.
Es schien ihm, daß er noch nicht weit in die Spalte hinuntergekommen war, als er Hildur wieder erblickte; sie war auf einigen schönen Wiesen angelangt, über welche sie bald den Weg zurückgelegt hatte. Nach all diesem konnte er wohl begreifen, daß es mit Hildur nicht richtig zuging, und daß sie sicher mehr Kniffe unter ihrem Pelz verbarg, als man ihr ansehen konnte, wenn sie oben auf der Erde unter den Menschen weilte. Auch das konnte er verstehen, daß sie ihn bald erblicken würde, wenn er auf der Wiese hinter ihr herging. Er nahm deshalb einen Stein, der ihn unsichtbar machte, aus seiner Tasche und verbarg ihn in der linken Hand, lief dann hinter ihr her und beeilte sich, so sehr er konnte. Als er weiter auf die Wiese gekommen war, sah er eine große und prächtige Halle, und Hildur folgte dem Weg, der zu ihr hinführte. Er sah eine große Schar von Menschen aus der Halle ihr entgegenkommen; zuerst, an der Spitze, ging ein Mann, der am prächtigsten von allen gekleidet war, und es schien dem Hirten, als begrüße dieser seine Frau, als Hildur kam, und hieße sie willkommen; die anderen aber, die im Gefolge des Häuptlings waren, begrüßten sie fröhlich als ihre Königin. Mit dem Häuptling zogen Hildur zwei halberwachsene Kinder entgegen, und mit heller Freude begrüßten sie ihre Mutter. Als die ganze Menge der Königin ihre Huldigung dargebracht hatte, begleiteten alle sie und den König nach der Halle, und dort bereitete man ihr einen ehrenvollen Empfang, kleidete sie in königliche Gewänder und streifte ihr goldene Ringe auf den Arm. Der Hirt folgte der Menge nach der Halle, hielt sich aber die ganze Zeit dort auf, wo am wenigsten Leute waren, wenn auch derart, daß er alles, was vorging, sehen konnte. In der Halle sah er so viel Pracht und Glanz, daß er Ähnliches nie geschaut hatte. Tische wurden hervorgeholt und gedeckt, und er wunderte sich über all die Herrlichkeit. Nach einer Weile sah er Hildur in die Halle eintreten, in das prächtige Gewand gekleidet, von dem vorher die Rede gewesen ist. Jedem wurde sein Platz angewiesen; Königin Hildur nahm den Ehrensitz neben dem König ein; das ganze Gefolge aber nahm zu beiden Seiten Platz, und die Mahlzeit dauerte nun eine Weile. Dann wurden die Tische wieder abgedeckt, worauf die Männer und die Jungfrauen, so viele dazu Lust hatten, zum Tanz antraten, während andere Vergnügungen wählten, die mehr nach ihrem Sinn waren; der König und die Königin aber saßen da und sprachen miteinander, und ihr Gespräch schien dem Hirten sowohl mit Freude wie mit Kummer vermischt zu sein.
Während des Gespräches des Königs mit der Königin kamen drei Kinder, die jünger waren als die vorhererwähnten, zu ihnen herein und äußerten ebenfalls ihre Freude darüber, daß sie ihre Mutter wiedersahen. Königin Hildur erwiderte ihren Gruß liebevoll, nahm das jüngste Kind auf den Schoß und streichelte es, es war aber schlecht gelaunt und unruhig. Die Königin ließ dann das Kind herunter, streifte einen Ring vom Finger und gab ihn ihm zum Spielen. Da wurde das Kind still und spielte eine Weile mit dem Gold, verlor den Ring aber schließlich auf dem Boden. Der Hirt stand in der Nähe, beeilte sich und erhaschte den Ring, als er zu Boden fiel, steckte ihn zu sich und verbarg ihn gut, ohne das es jemand merkte; es schien aber allen merkwürdig, daß der Ring nirgends zu finden war, als man nach ihm suchte. Als die Nacht zum größten Teil verflossen war, begann Königin Hildur, sich zum Fortgang zu rüsten, aber alle, die in der Halle waren, baten sie, noch länger zu verweilen, und waren sehr traurig, als sie sahen, daß sie fortziehen wollte.
Der Hirt hatte beobachtet, daß an einer Stelle in der Halle ein uraltes Weib saß, das entsetzlich anzusehen war; sie war die einzige von allen, die sich weder über die Ankunft der Königin Hildur gefreut hatte, noch sie bat, zu bleiben, als sie fortziehen wollte. Als der König die Wanderlust Hildurs sah, und daß sie sich nicht zum Bleiben überreden ließ, weder durch seine noch durch anderer Bitten, ging er zu dem Weib und sagte: »Nimm nun deine Flüche zurück, Mutter, und erhöre meine Bitten, so daß meine Königin mir nicht mehr fern zu sein braucht und meine Freude über unsere Zusammenkünfte von so kurzer Dauer ist, wie sie es jetzt war.« Das alte Weib antwortete ihm voller Zorn: »All meine Flüche sollen bestehen bleiben, und nichts soll mich erweichen, sie zu widerrufen.« Der König schwieg dazu und ging voller Kummer zu seiner Königin, legte ihr den Arm um den Hals und küßte sie und bat sie noch einmal mit sanften Worten, doch nicht fortzuziehen. Die Königin sagte, daß die Flüche seiner Mutter ihr verböten, anders zu handeln; sie äußerte, es wäre nur wenig Wahrscheinlichkeit dafür da, daß sie sich häufiger sehen könnten, des Schicksals wegen, das über sie verhängt wäre, und daß die Tötungen, die ihretwegen geschehen wären, und deren es nun so viele geworden seien, nicht länger verborgen bleiben könnten, und daß sie deshalb die wohlverdiente Strafe für ihre Taten erleiden müßte, obgleich sie sie ungern verübt hätte.
Während sie in diese Klagen ausbrach, entfernte sich der Hirt aus der Halle, als er sah, wie die Dinge standen; er ging geradeswegs über die Wiese nach der Spalte und wieder hinauf auf den Weg. Dann versteckte er den Zauberstein, zäumte sich wieder auf und wartete, bis Hildur kam. Nach Verlauf einer kurzen Zeit kam Königin Hildur allein und mit trauriger Miene; sie setzte sich auf seinen Rücken und ritt nach Hause. Als sie dort angekommen waren, legte sie ihn wieder in sein Bett, zäumte ihn ab, ging darauf selbst zu Bett und begann zu schlafen. Obgleich der Hirt die ganze Zeit über hellwach gewesen war, stellte er sich doch schlafend, damit Hildur nichts merken sollte. Als sie aber zu Bett gegangen war, machte er sich nichts mehr daraus, vorsichtig zu sein; er verfiel in tiefen Schlaf und schlief, wie zu erwarten war, bis weit in den Tag hinein.
Am nächsten Morgen stieg der Bauer von allen auf dem Hof zuerst aus dem Bett; denn es lag ihm am Herzen, seinen Schafhirten zu sehen, er erwartete aber statt der Weihnachtsfreude den Kummer, ihn tot in seinem Bett zu finden, so wie es früher geschehen war. Während der Bauer sich anzog, erwachten die übrigen Leute des Hofes und zogen sich ebenfalls an, der Bauer aber ging an das Bett des Hirten und berührte ihn mit der Hand. Da merkte er, daß er am Leben war, und war froh darüber und pries Gott in hohen Tönen ob dieser Gnade. Da erwachte der Hirt frisch und munter und zog sich an. Währenddessen fragte ihn der Bauer, ob etwas Neues während der Nacht passiert sei. Der Schafhirt erwiderte: »Nein, aber einen sehr merkwürdigen Traum habe ich gehabt.«
»Wie ist denn der Traum gewesen?« fragte der Bauer. Da begann der Hirt seinen Bericht von dem Augenblick an, von dem wir erzählt haben, daß Hildur an sein Bett getreten war und ihn aufgezäumt hatte, und dann gab er jedes Wort und jedes Ereignis so genau wieder, wie er sich daran erinnern konnte. Als er mit seiner Erzählung fertig war, saßen alle schweigend da, außer Hildur, die sagte: »Alles, was du gesagt hast, ist gelogen, wenn du nicht durch deutliche Zeichen beweisen kannst, daß es so zugegangen ist, wie du erzählst.« Der Hirt ließ sich dadurch nicht in Verlegenheit bringen, sondern holte den Ring hervor, den er nachts vom Erdboden im Alfheim aufgenommen hatte, und sagte: »Wenn ich es auch nicht für meine Pflicht halte, eine Traumsage mit Zeichen zu beweisen, so trifft es sich doch so glücklich, daß ich einen klaren Beleg dafür habe, daß ich in dieser Nacht bei den Huldren gewesen bin; oder ist das nicht dein Fingerring, Königin Hildur?« Hildur antwortete: »So ist es, und Gott segne dich dafür, daß du mich aus der Sklaverei befreit hast, die mir meine Schwiegermutter auferlegt hat; nur ungern habe ich alle die Missetaten begangen, die sie mir geboten hat.« Königin Hildur fing dann ihre Geschichte also an:
»Ich war eine Huldrejungfrau aus geringem Geschlecht, aber der, der jetzt König über das Alfheim ist, wurde von Liebe zu mir erfaßt und, obgleich es sehr gegen den Willen seiner Mutter war, nahm er mich zur Frau. Da wurde meine Schwiegermutter so zornig, daß sie ihrem Sohn versprach, daß er nur kurze Freude an mir haben solle, jedoch würde es uns gestattet sein, uns ab und zu zu sehen. Mir aber erlegte sie auf, daß ich Sklavin unter den Menschen werden sollte, und damit war das Unglück verbunden, daß ich jedesmal zu Weihnachten den Tod eines Menschen verursachen sollte, dergestalt, daß ich, während er schlief, ihn aufzäumen und auf ihm denselben Weg reiten sollte, den ich diese Nacht auf dem Hirten geritten bin, um den König zu besuchen; und dies sollte solange währen, bis ich dieser Bosheit überführt und deswegen getötet würde, wenn ich nicht einen so kecken und mutigen Mann fände, daß er mir nach Alfheim zu folgen wagte und dann beweisen könnte, daß er dorthin gekommen wäre und gesehen hätte, womit die Leute sich dort beschäftigten. Nun ist klar, daß sämtliche früheren Hirten des Bauern um meinetwillen den Tod gefunden haben, seit ich hergekommen bin, und ich hoffe, daß man mir nicht anrechnen wird, was gegen meinen freien Willen geschehen ist; denn niemand hat den unterirdischen Weg gefunden und ist aus Neugierde in die Wohnstätte der Huldren eingedrungen, vor diesem mutigen Mann, der mich nun aus meiner Sklaverei und von meinem Fluch erlöst hat, und ich werde ihn dafür belohnen, wenn es auch nicht gleich geschieht. Jetzt kann ich nicht länger hier bleiben, habt Dank für die Güte, die ihr mir erwiesen habt, aber die Sehnsucht zieht mich nach meinem Heim.«
Nachdem sie so gesprochen hatte, verschwand Königin Hildur, und später sah man sie nie wieder unter den Menschen.
Von dem Schafhirten aber wird erzählt, daß er sich verheiratete und im nächsten Frühjahr einen Hausstand gründete. Das konnte er auch, denn erstens zeigte sich der Bauer freigebig ihm gegenüber, als er aus seinem Dienst zog, und dann war er auch selbst nicht ohne Vermögen. Er wurde seiner Gegend von sehr großem Nutzen, und stets wandte man sich an ihn um Rat und Hilfe; so beliebt aber war er und so glücklich, daß die Leute nicht recht begreifen konnten, wie es zuging, und glaubten, bei ihm hätte jedes Tier zwei Köpfe.
Er aber sagte, daß er Königin Hildur für seinen ganzen Wohlstand zu danken habe.
Der Huldretanz in der Silvesternacht
Zwei Brüder stritten sich, ob es Huldrevolk gäbe. Der eine behauptete, daß es existiere, der andere aber bestritt es entschieden. So ging es eine Zeitlang, bis derjenige, der das Dasein des Huldrevolks leugnete, aufbrauste und sagte, er wolle ausziehen und nicht eher wiederkommen, bis er Gewißheit bekommen hätte, ob es Huldrevolk gäbe oder nicht. Da wanderte er über Berge und unbewohnte Landstrecken, Hügel und Täler, wurde aber doch nicht klüger.
Es wird von seiner Reise weiter nichts berichtet, bis er eines Silvesterabends nach einem Hof kam, auf dem die Leute sehr traurig waren. Der Reisende war redselig und fragte, was ihre Freude so trübe. Die Ursache dazu wäre, erzählten sie, daß niemand zurückbleiben wolle, um den Hof zu hüten, während die übrigen zum Gottesdienst ritten; denn in jeder Neujahrsnacht wäre seit langer Zeit der Hüter des Hofes verschwunden, und darum wolle niemand zurückbleiben; jeder, der es täte, erwarte ja seinen Tod. Der Fremde bat die Leute, sich vor solchem abergläubischen Gerede nicht zu fürchten, und erbot sich, den Hof zu hüten. Hierüber fiel allen ein Stein vom Herzen, aber sie waren doch in Furcht und Ängsten, wie es ablaufen würde.
Als die Leute des Hofes zum Gottesdienst fortgeritten waren, begann er, ein Brett aus der Wandbekleidung über dem ersten Bett in der Badstube[2] zu lösen und kroch zwischen Wand und Wandbekleidung hinein, schob dann das Brett wieder vor, ließ aber doch eine kleine Ritze stehen, damit er die ganze Badstube überblicken könnte.
Der Hund aber, der bei ihm war, lag auf dem Fußboden.
Eine kleine Weile, nachdem er das geordnet hatte, vernahm er Geräusch von Menschenstimmen und Fußtritten draußen, und gleich darauf hörte er eine Menge Menschen in die Badstube kommen. Er sah, daß der Hund gepackt und zu Boden geschleudert wurde, so daß jeder Knochen in ihm zerbrach; dann hörte er, daß die eben Angekommenen miteinander davon sprachen, daß es auf dem Hofe nach Menschen röche; einige meinten aber, daß das nicht so verwunderlich sei, da die Leute eben erst zum Gottesdienst gegangen wären.
Nachdem diese Gäste sich umgesehen hatten, sah der Mann, der auf der Lauer saß, daß sie einen Tisch in die Badstube stellten und eine golddurchwirkte Decke, eine große Kostbarkeit, darüberbreiteten, und daß alles, womit sie den Tisch deckten, dazu paßte; Schüsseln und Teller, Trinkgeschirr und Messer, alles war aus Silber. Dann setzten sie sich zu Tisch, und alles ging mit großem Anstand her. Sie ließen einen Jungen an der Tür Posten stehen, der aufpassen sollte, wann der Tag anbräche, und der war entweder draußen oder drinnen. Der Mann beobachtete, daß der Junge jedesmal, wenn er hereinkam, gefragt wurde, wie spät es jetzt wäre; er aber erwiderte immer, daß es noch lange Zeit sei bis zum Tag.
Nun begann der Mann allmählich, von der Zwischenwand etwas loszulösen, damit er schnell hinauskommen könnte, wenn es notwendig sein sollte. Als die Fremden aber satt waren, sah er, daß ein Mann und eine Frau vorgeführt wurden, und dann sah er einen Dritten, der ihm ein Priester zu sein schien, ihnen entgegenkommen. Dann begann ein Gesang, und die üblichen Hochzeitspsalmen wurden gesungen, und alles ging zu, wie es bei guten Christen Sitte ist. Als die Trauung beendet war, wurde getanzt, und die Freude dauerte eine Weile. Als sie eine Zeitlang getanzt hatten, kam der Türhüter des Huldrevolks herein und wurde wieder gefragt, ob noch viel von der Nacht übrig wäre, und er antwortete, daß noch der sechste Teil übrig sei. Da rief der Lauernde, der sich aus der Öffnung geschlichen hatte und hinter dem Türhüter stand: »Du hast gelogen, denn jetzt steht der Tag mitten am Himmel!« Hierüber war das tanzende Huldrevolk so entsetzt, daß es augenblicklich seinen Türhüter erschlug; mittlerweile aber kroch der Mann, der den Hof bewachen sollte, wieder zwischen die Wand und deren Bekleidung. Als das Huldrevolk den Türhüter getötet hatte, liefen alle, so schnell sie konnten, hinaus, wie Lämmer auf einem Schafsteg, und ließen all ihre Sachen zurück. Als der Mann das sah, verfolgte er sie in einiger Entfernung, und das letzte, was er von ihnen sah, war, daß sie sich in einen See in der Nähe des Hofes stürzten. Dann kehrte er wieder nach Hause zurück und sammelte alles, die Speisenreste und das kostbare Geschirr.
Kurz darauf kamen die Leute des Hofes aus der Kirche nach Hause; sie waren erfreut, den Mann, der den Hof gehütet hatte, zu sehen, und fragten ihn, ob er etwas gemerkt hätte. Er erwiderte, daß es nicht viel gewesen sei, und er erzählte ihnen dann alles. Da wurde es den Leuten klar, daß sich die früheren Hüter gezeigt haben müßten, und daß das ihr Verderb geworden war, genau so, wie es der des Hundes wurde, der gesehen worden war.
Die Leute des Hofes dankten dem Mann, der den Hof gehütet hatte, mit vielen und schönen Worten für seinen Mut und schenkten ihm alles, was das Huldrevolk zurückgelassen hatte und er nur forttragen konnte. Dann wanderte er nach Hause und traf dort seinen Bruder an. Er erzählte ihm nun alles und sagte zugleich, er würde nun nicht mehr bestreiten, daß es Huldrevolk gäbe. Später übernahm er nach seinen Eltern den Hof, heiratete und hatte Glück in allen Unternehmungen seines Lebens. Er wurde für einen trefflichen Mann in seiner Gegend gehalten, war strebsam und wußte guten Rat in schwierigen Fällen. Von dem Hof aber, den er in jener Nacht gehütet hatte, wird erzählt, daß dort nie mehr ein Mensch in einer Silvesternacht verschwand.
Fußnoten:
[2] Die gemeinsame Wohn- und Schlafstube.
Die Pfarrerstochter von Praestebakke
Auf Praestebakke im Skaptafellssyssel lebte einmal ein Pfarrer, der Einar hieß; er war ein reicher Mann und hatte viele Kinder. Er hegte großen Abscheu vor Huldresagen und sagte, daß das Huldrevolk nie gelebt hätte; er forderte es heraus, ihn zu besuchen und dann rühmte er sich, daß er wohl nicht zu finden gewesen wäre.
Eines Nachts aber träumte ihm, daß ein Mann an sein Bett träte und sagte: »Von nun an sollst du nicht mehr leugnen können, daß es Huldren gibt; denn jetzt nehme ich deine älteste Tochter, und du wirst sie nie wieder sehen. Du hast uns Huldren häufig genug gereizt.«
Am nächsten Morgen war die älteste Tochter des Pfarrers, die damals zwölf Jahre alt war, verschwunden. Man suchte sie überall, aber sie war nirgends zu finden.
Als aber später ihre kleinen Geschwister auf der Wiese spielten, kam sie zu ihnen und spielte mit ihnen. Gern hätten sie sie mit nach Hause genommen, da aber verschwand sie für immer. Sie erzählte ihren Geschwistern noch, daß die Leute dort, wo sie nun wäre, gut zu ihr seien, und daß sie es nicht besser haben könnte.
Ihr Vater träumte oft von ihr, und ihm erzählte sie dasselbe, was sie ihren Geschwistern gesagt hatte, und außerdem, daß ihr der Pfarrerssohn des Huldrevolks zum Bräutigam bestimmt sei.
So ging es eine Zeitlang, bis sie einmal im Traum zu ihrem Vater kam und ihm sagte, daß sie ihn nun am nächsten Tag als Hochzeitsgast zu sehen wünschte; denn dann sollte ihre Hochzeit gefeiert werden.
Von dieser Zeit an träumte er nicht mehr von ihr.
Der Ernteknecht
Einmal zog ein junger Mann von den Südlandsgegenden nach dem Nordland, um Erntearbeit zu verrichten. Als er nordwärts nach den Heiden gekommen war, überfiel ihn ein dichter Nebel, und er verlor den Weg. Es kam Schneetreiben und Kälte. Der Mann machte daher Halt und schlug sich ein Zelt auf. Als er dann seine Wegzehrung hervorholte und zu essen begann, kam ein sehr verwahrloster und verhungerter, roter Hund in das Zelt hinein. Der Südländer wunderte sich, daß ein Hund an einem Ort zu ihm kam, an dem er nicht erwartet hatte, ein Tier zu sehen. Der Hund war so häßlich und sonderbar, daß ihm ganz angst wurde; nichtdestoweniger gab er ihm so viel zu fressen, wie er wollte. Der Hund fraß gierig, lief dann fort und verschwand draußen im Nebel. Der Mann kümmerte sich nicht weiter um ihn, und als er seine Mahlzeit beendet hatte, legte er sich schlafen, den Sattel unter dem Kopf.
Er schlief nun ein und träumte, daß eine Frau zu ihm in das Zelt träte. Sie war hochgewachsen und ziemlich bejahrt. Sie sagte: »Ich danke dir, junger Mann, meiner Tochter wegen, aber dich zu belohnen, wie du es verdient hast, steht nicht in meiner Macht; jedoch will ich, daß du diese alte Sense annimmst, die ich hier unter deinen Sattel lege. Ich hoffe, daß sie dir von Nutzen sein wird, und sie wird stets gleich gut schneiden, wohin sie auch trifft. Nie darfst du sie im Feuer glühen; denn dann taugt sie nichts mehr; sollte es dir aber nötig erscheinen, so darfst du sie gern an einem Stein wetzen.« Darauf verschwand die Frau.
Der Ernteknecht erwachte aus seinem Schlaf und sah, daß sich der Nebel gelichtet hatte, und daß es heller Tag war. Die Sonne stand hoch am Himmel. Das erste, was der Mann zu tun hatte, war, seine Pferde zu sammeln und sich zum Aufbruch zu rüsten. Darauf band er das Zelt zusammen und packte es auf die Pferde; als er aber seinen Sattel von der Erde aufhob, fand er darunter eine halb abgenutzte Sense mit Rostflecken. Da erinnerte er sich des Traumes und verbarg die Sense, zog weiter, und alles ging gut. Den Weg fand er bald, und nun ging es, so schnell er nur konnte, den bewohnten Gegenden zu. Als er aber nach dem Nordland kam, wollte ihn niemand in Dienst nehmen; denn alle hatten die Ernteleute, die sie brauchten, schon gedungen, und es war bereits eine Woche von der Heuernte verstrichen. Da hörte er, daß in der Gegend eine Frau wohne, die noch keinen Ernteknecht angenommen hätte. Sie war reich an Gut, und man glaubte, sie könne mehr als Brot essen. Sie pflegte keine Ernteleute zu dingen, und nie begann sie das Heu früher zu mähen als eine Woche oder vierzehn Tage nach den anderen; und doch wurde sie meist ebenso schnell auf ihrem Heimacker fertig wie die übrigen. Wenn sie dann wirklich ab und zu einen Knecht in Dienst genommen hatte, behielt sie ihn nicht länger als eine Woche und gab ihm keinen Lohn. Zu ihr wies man den Südländer, nachdem man ihm gesagt hatte, wie sie wäre, und da er nirgends Arbeit finden konnte, ging er dorthin und bot sich an, ihr das Heu zu mähen. Sie nahm ihn gut auf und sagte, daß sie ihm erlauben wolle, eine Woche dazubleiben. »Aber Lohn gebe ich dir nicht,« sagte sie, »außer, wenn du so viel Heu in einer Woche mähst, daß ich am Sonnabend nicht alles, was du gemäht hast, zusammenharken kann.« Das schien ihm eine gute Bedingung zu sein, und er begann also zu mähen.
Er nahm nun seine Sense, das Geschenk der Huldrefrau, und sie schnitt gut, fand er. Nie brauchte er sie zu schärfen, und so mähte er ununterbrochen fünf Tage lang. Es gefiel ihm dort sehr gut, und die Frau war sehr freundlich gegen ihn. Einmal kam er in die Schmiede; dort sah er eine ungezählte Menge Sensenschäfte und Harken und einen großen Haufen Sensen. Er wunderte sich darüber und fand, die Frau hätte nicht gerade Mangel an Erntegerät.
Am Freitag Abend ging er zu Bett, wie immer. Nachts träumte ihm, daß die Huldrefrau, die ihm die Sense geschenkt hatte, zu ihm käme und sagte: »Viel Heu hast du schon gemäht, aber deine Herrin wird nicht viel Zeit brauchen, um es zusammenzuharken, und dann jagt sie dich fort, wenn sie dich morgen überholt. Geh darum in die Schmiede, wenn du glaubst, daß das Heu, das du gemäht hast, nicht ausreicht, und nimm so viele Sensenschäfte wie du für gut hältst, befestige Sensen daran und trage sie aufs Feld hinaus und sieh zu, wie es dann geht.« Nachdem die Huldrefrau das gesagt hatte, ging sie fort, der Ernteknecht aber erwachte, stand auf und begann zu mähen. Morgens kam seine Herrin hinaus und trug fünf Harken in der Hand. Sie sagte: »Viel Heu hast du gemäht, viel mehr, als ich geglaubt hätte.« Darauf legte sie die Harken hier und dort auf die Wiese und begann zu harken, und da sah der Ernteknecht, daß sie viel Heu zusammenharken könnte, die anderen Harken jedoch nicht weniger, obgleich er keinen Menschen bei ihnen sah. Als die Mittagszeit näher rückte und er sah, daß das gemähte Heu nicht ausreichen würde, ging er in die Schmiede und holte einige Sensenschäfte und befestigte Sensen daran. Dann ging er wieder hinaus und verteilte diese Sensen auf der ungemähten Wiese, und alle fingen an zu mähen, und augenblicklich wurde der Fleck größer. Das ging nun den ganzen Tag so, bis zum Abend, und das gemähte Heu reichte aus. Abends aber ging die Frau nach Hause und nahm ihre Harken mit. Den Ernteknecht bat sie, ihr zu folgen. Sie sagte, er verstände mehr, als sie gedacht hätte, und davon würde er Gutes haben, und solange er selbst wolle, könne er nun bei ihr bleiben. Er blieb den Sommer über bei ihr, und sie wurden gut miteinander fertig. Sie ernteten viel Heu, ließen sich aber doch gute Zeit. Nach der Ernte gab sie ihm einen sehr großen Lohn, und damit zog er nach dem Südlande. Im nächsten Sommer und allen folgenden, die er auf Erntearbeit zog, nahm er Dienst bei ihr. Dann übernahm er selbst einen Hof auf dem Südlande und wurde immer für einen tüchtigen Mann gehalten. Er war ein flinker Seemann und geschickt zu allem, was er in Angriff nahm; immer mähte er sein Heu allein und nahm dazu nie eine andere Sense als die, welche ihm die Huldrefrau geschenkt hatte, und trotzdem wurde er ebenso schnell mit seinem Heimacker fertig wie andere Leute.
Da geschah es eines Sommers, daß er zum Fischen hinausruderte; da kam sein Nachbar zu seiner Frau und bat sie um eine Sense; denn er hätte seine Sense zerbrochen und wüßte nicht, wie er sich sonst helfen sollte. Da begann die Frau unter den Gerätschaften ihres Mannes zu suchen und fand die gute, alte Sense, aber keine andere. Sie lieh dem Bauern die Sense, warnte ihn aber davor, sie im Feuer zu glühen; denn das tue ihr Mann nie, sagte sie. Er versprach es und ging nach Hause. Er befestigte die Sense an dem Schaft, begann zu mähen, konnte aber keinen einzigen Strohhalm mit ihr schneiden; darüber wurde er zornig und begann die Sense zu wetzen; aber das half nicht. Da ging er in die Schmiede, um die Sense zu hämmern, und er dachte, es wäre keine Gefahr dabei, wenn er die Sense auch im Feuer glühen würde. Sobald sie aber ins Feuer gekommen war, schmolz sie wie Wachs und wurde zu lauter Eisenschlacke. Er ging zu der Frau und erzählte ihr, wie die Dinge lägen; sie fürchtete sich nun sehr, denn sie wußte, daß ihr Hausherr sehr erbost sein würde, wenn er es erführe, und das war denn auch der Fall; jedoch hörte man nicht, daß er sich lange darüber ärgerte, nur gab er seiner Frau einen Backenstreich, und das war das erste- und das letztemal, daß sie einen bekam.
Thord von Throstestad
Ein Mann hieß Thord; er wohnte auf Throstestad am Höfdestrand im Skagefjord. Er hatte, wie es den Leuten schien, ein sonderbares Gemüt. Es geschah eines Winters, daß er bei so starkem Schneetreiben von zu Hause nach dem Handelsplatz ging, daß er glaubte, es sei kein Wetter, um einen Weg zu finden. Er trug einen Sack mit Waren, und mit diesem ging er nun unten über die Sümpfe; denn von dort ist es nicht weit bis nach Hofsos. Als er ein kleines Stück gegangen war, verlor er den Weg, setzte seine Wanderung jedoch bis zum Abend fort; da glaubte er, ein paar Buden zu sehen; sie waren so hoch, daß er darüber staunte; er ging hin und fand die Fenster erleuchtet. Er ging an ein Fenster und sah Menschen drin, die sich mit Saitenspiel und Tanz belustigten. Dann näherte er sich der Tür und klopfte an. Sogleich kam ein Mann im Rock an die Tür und fragte, was er wolle. Thord sagte, wie es wäre, daß er den Weg verloren hätte, und sagte auch, daß er gern Obdach haben würde, wenn es sich machen ließe. Der andere erwiderte, daß er das wohl erhalten könnte. »Folge mir nun hinein mit deinem Warensack. Morgen werde ich mit dir handeln, und es wird dir wohl nicht weniger gefallen, hier zu handeln als in Hofsos.« Thord traute seinen Augen kaum; ihm war das alles wie ein Traum. Der Mann im Rock führte ihn in die Stube hinein, obgleich er nicht fein angezogen war; da waren viele Leute, die Frau des Hauses, die Kinder und das Gesinde, und alle waren sehr geputzt und sangen und waren fröhlich.
Der Mann im Rock oder der Herr des Hauses sagte leise zu seiner Frau, aber doch so laut, daß der Mann es hörte: »Ein verirrter Wanderer ist gekommen, er ist müde und braucht etwas zur Stärkung. Gib ihm einen Labetrunk, mein Schatz.« Er tat ihr leid, der Ärmste; sie erhob sich schnell und holte gutes und reichliches Essen für ihn. Der Herr des Hauses aber kam mit zwei Bechern, goß ein, leerte den einen Becher darauf selber und bat Thord, den anderen zu leeren. Das tat er, und er glaubte, nie in seinem Leben so guten Wein getrunken zu haben. Es war sehr lustig, und Thord hatte keine Langeweile, obwohl er sein Abenteuer etwas merkwürdig fand. Er bekam einen Becher nach dem andern und begann, trunken zu werden. Dann wurde er in ein gutes Bett gebracht und schlief nachts seinen Rausch aus. Am nächsten Morgen bekam er wieder Nahrung und Wein, die noch besser als am Abend zuvor waren.
Dann ging der Herr des Hauses mit ihm hinaus und fragte ihn, ob er handeln wolle, worauf Thord »Ja« erwiderte. Sie gingen dann in den Kramladen, in dem allerlei Waren lagen. Thord ließ seine Waren wiegen, und der Kaufmann gab ihm einhalb mal mehr dafür als gewöhnlich in Hofsos gegeben wurde. Thord erhielt nun Korn in seinen Sack, Leinwand und verschiedene Kramwaren, die er brauchen konnte. Alles bekam er für die Hälfte des üblichen Preises, und als er fertig war, gab ihm der Kaufmann ein großes Tuch für seine Frau und Weißbrot für seine Kinder und sagte, daß Thord nun dafür belohnt werden sollte, daß er einmal seinen Sohn aus Lebensgefahr gerettet hätte. Thord glaubte nicht, daß es sich so verhielte, der Kaufmann aber sagte, daß das doch der Fall sei. »Du warst einmal mit mehreren Männern unterhalb Thordshöfde; ihr wolltet nach Drangö hinüber und lagt und wartetet auf guten Wind. Deine Kameraden belustigten sich mit Steinwerfen und zielten nach einem Felsen; es war aber warmes Sonnenwetter an jenem Tag, und mein Sohn hatte sich deshalb unter dem Felsen zur Ruhe gelegt; denn er war müde und hatte die ganze Nacht gewacht. Du verbotest ihnen, Steine zu werfen, und sagtest, daß solche Steine keinen Zweck hätten. Wohl hörten sie dann auf, aber sie verhöhnten dich wegen deiner Launen und sagten, daß du immer ein wunderlicher Mann gewesen wärst. Und hättest du sie nicht daran gehindert, so würden sie meinen Sohn getötet haben.«
Nach diesem Gespräch rüstete sich Thord, um nach Hause zu ziehen; denn jetzt war helles Wetter. Er sagte allen Lebewohl; der Kaufmann aber brachte ihn auf den Weg, wünschte ihm eine glückliche Wanderung und kehrte dann wieder nach Hause zurück.
Thord zog nun weiter, der Heimat zu, als er sich aber wieder den Handelsplatz ansehen wollte, entdeckte er weiter nichts als Thordshöfde, das unweit vor ihm lag; er wunderte sich sehr darüber, ging nach Hause, traf seine Frau an und erzählte ihr alles, zeigte ihr die Waren und gab ihr das Tuch. Sie freute sich sehr darüber und dankte ihrem Mann für das Geschenk. Thords Waren kamen weit herum, um gesehen zu werden, und nie hatte man Ähnliches hierzulande gesehen, und vielleicht wäre ihresgleichen nicht zu finden, auch wenn man an vielen Orten suchen würde.
Thord sah weder den Kaufmann, noch seine Leute jemals wieder. Aber an den Waren hatte er etwas zu zeigen, solange er lebte.
Die Kinderwiege
Kirstine, die auf Klein-Thveraa wohnte, erzählte von ihrer Mutter, die hellseherisch war, daß sie einmal als Kind auf der Wiese gewesen wäre und von da aus zwei Weiber hätte den Berg herunterkommen sehen, die ein männliches Wesen zwischen sich hatten, das etwas trug. Als sie sich näherten, sah sie, daß es eine Wiege war, über die etwas Rotes gebreitet lag. Dann nahmen sie den Mann und bleuten ihn tüchtig durch, bis er allmählich kleiner und schließlich zu einem Zwerg wurde. Dann begannen sie, ihn zu kneten, bis er nicht größer als ein Wickelkind war. Darauf legten sie ihn in die Wiege, breiteten das rote Tuch darüber, trugen sie zwischen sich und steuerten mit alledem dem Hof zu.
Da erzählte das Mädchen ihrer Mutter, was sie alles gesehen hatte, diese aber machte eine hastige Wendung, lief nach Hause und kam vor den Huldreweibern an eine Kinderwiege, die sie draußen auf dem Hof hatte stehen lassen. Als die Huldreweiber das sahen, nahmen sie ihr das Kind sofort wieder aus der Wiege heraus, verprügelten es und stießen es vor sich her. Bei dieser Behandlung wurde der Zwerg im Handumdrehen immer größer, bis er war, wie er ursprünglich gewesen war; dann folgte er ihnen auf den Berg, und dort verschwanden sie alle drei.
Der Wechselbalg von Sogn
Der Hof Sogn wurde einmal von zwei Bauern bewohnt; der eine Halbhofbauer hatte einen Sohn, von dem man glaubte, daß er nicht recht gescheit sei; denn er konnte weder lesen, noch schreiben oder sich sonst etwas vornehmen, sondern lag immer im Bett und aß, wie es den Leuten schien, für zwei. Am ehesten glaubte man von diesem Jungen, daß er ein Wechselbalg sei; es dauerte aber doch eine ganze Weile, bis man dessen ganz sicher war.
Als er das Einsegnungsalter erreicht hatte, geschah es einmal im Winter, daß alle Leute, außer ihm, aus der Badstube gegangen waren, um ihren Beschäftigungen nachzugehen; er aber lag in seinem Bett, wie er zu tun pflegte. In derselben Badstube aber lag die Frau des andern Halbhofbauern im Wochenbett, und neben ihr lag das Kind. Als die Leute hinausgegangen waren, hörte die Wöchnerin, daß den Jungen ein so heftiges Gähnen überkam, daß sie sich unbehaglich zu fühlen begann und ins Zittern geriet, als sie sein unheimliches Benehmen sah. Darauf hörte sie, wie er anfing, sich im Bett hin- und herzuwerfen und zu strecken; dann sah sie, daß er sich im Bett aufrichtete und sich so hoch reckte, daß er bis an die Decke der Badstube reichte. Die hatte aber an der einen Seite eine Galerie, und hoch oben im Sparrenwerk waren kleine Querbalken. Da überfiel ihn das Gähnen von neuem, und er lehnte den Kopf oben gegen einen Querbalken, so daß er ihn mitten im Schlund hatte, wenn er gähnte, dergestalt, daß der obere Teil seines Mundes obenauf, der untere Teil aber unter dem Balken lag; er war auch sonst so furchtbar häßlich und abscheulich anzusehen, daß die Frau einen Todesschreck bekam und himmelhoch aufschrie vor Angst über das Gesehene, und weil sie sich allein mit ihm in der Badstube wußte; und noch lange nach diesem unheimlichen Gesicht war sie sehr furchtsam. Kaum aber hatte die Frau diesen Schrei ausgestoßen, als er wie von einer Kugel getroffen zusammensank und ins Bett kroch und sich zurechtlegte, ehe die Leute wieder hereinkamen.
Von diesem Tage an war man nicht mehr im Zweifel, daß der Junge ein Wechselbalg war.
Das Seemännchen
Eine alte Redensart hierzulande sagt: »Da lachte das Seemännchen.« Der Ursprung dazu, so wird erzählt, ist der, daß ein Bauer einmal einen Seezwerg fing, der sich Seemännchen nannte, und einen großen Kopf und lange Hände hatte, von den Lenden abwärts aber glich er einem Seehund. Nichts wollte er dem Bauern verraten, und darum brachte ihn dieser wider seinen Willen mit ans Land.
Die Bäuerin, die jung und übermütig war, kam an die See hinunter und empfing ihn mit Jubel, küßte und streichelte ihn. Darüber freute er sich sehr, und er lobte sie sehr; seinen Hund aber schlug er, als er auch seine Freude über seine Heimkehr zeigen wollte. Das sah das Seemännchen, und da lachte es. Der Bauer fragte, worüber es lache. »Über deine Dummheit,« erwiderte es.
Als der Bauer von der See nach Hause ging, stolperte er über einen Erdhöcker und fiel. Er verfluchte den Erdhöcker hundertmal, weil er erschaffen worden war und seinen Platz gerade auf seinem Feld bekommen hatte. Da lachte das Seemännchen, das sich nur ungern tragen ließ, und sagte: »Der Bauer ist ein Tropf!«
Der Bauer behielt das Seemännchen drei Tage bei sich. Ein paar Handelsburschen kamen zu ihm, um ihre Waren zu verkaufen. Noch nie hatte der Bauer so dicksohlige und solide Schmierlederstiefel bekommen können, wie er sie haben wollte, diese Handelsburschen aber glaubten, daß sie die besten hätten. Der Bauer konnte zwischen Hunderten von Stiefelpaaren wählen, fand aber, daß sie alle zu dünn waren, um halten zu können. Da lachte das Seemännchen und sagte: »Mancher irrt sich, auch wenn er sich für klug hält.«
Weder im Guten noch im Bösen wollte das Seemännchen mehr Weisheit von sich geben, als schon erzählt worden ist; unter der Bedingung aber, daß es wieder an dieselbe Stelle in der See gebracht würde, wo es aufgefischt worden war, sagte es, wollte es sich auf das Ruderblatt des Bauern setzen und alle seine Fragen beantworten, sonst aber würde es stumm bleiben.
Nach Verlauf von drei Tagen tat also der Bauer, wie das Seemännchen wollte, und als es nun auf dem Ruderblatt saß, fragte es der Bauer, was die Fischer zu tun hätten, um guten Fang zu haben. Das Seemännchen erwiderte: »Aus gekautem und geknetetem Eisen müssen Angelhaken geschmiedet werden, und die Schmiede muß dort liegen, wo das Brausen von Fluß und Meer zu hören ist; der Angelhaken muß im Schaum eines Rosses gehärtet werden, und zur Angelschnur muß graues Stierfell und eine Leine aus rohem Roßfell genommen werden. Als Köder muß das Herz eines Vogels und Flunderfleisch dienen, mitten auf den Haken aber muß Menschenfleisch gesteckt werden. Wenn du nicht so Fische fangen kannst, hast du nur eine kurze Lebenszeit. Aber der Angelhaken des Fischers muß nach außen gebogen sein.«
Der Bauer fragte dann, über welche Dummheit er damals gelacht hätte, als er seine Frau lobte, den Hund aber schlug. Das Seemännchen erwiderte: »Über deine Dummheit, Bauer! Denn dein Hund liebt dich mehr als sein eigenes Leben! Deine Frau aber wünscht dir den Tod und ist das liederlichste Weib. Der Erdhöcker, dem du fluchtest, war dein Geldhügel, und viel Reichtum barg er. Darum warst du ein Tor, Bauer, und darum habe ich dich ausgelacht. Und die schwarzen Schuhe würden dein Leben lang gehalten haben, denn du hast nicht mehr viele Tage zurückzulegen, und eigentlich könnten sie dir für die drei Tage genügen.«
Da sprang das Seemännchen vom Ruderblatt hinab, und so trennten sie sich. Und es geschah ganz so, wie das Seemännchen gesagt hatte.
Der Nöck
Die Bauern des Sprengels sollten einmal die Umzäunung der Kirche auf Bard in Fljot ausbessern. Eines Morgens früh waren alle zur Stelle, außer einem alten Mann, der als etwas boshaft und wenig umgänglich galt. Es ging auf Mittag, aber der Alte kam nicht, und die andern fanden, er ließe reichlich lange auf sich warten. Um Mittag herum sahen sie ihn jedoch endlich kommen, ein graues Pferd hinter sich am Zügel führend. Als der Alte kam, wurde er mit Schimpfworten von den früher Gekommenen empfangen, weil er so spät zur Arbeit kam, die ihm genau so gut wie den andern zukam; er nahm das aber sehr ruhig hin und fragte nur, was er zu tun hätte; und der Zufall wollte, daß er mit denjenigen im Trupp gehen mußte, die die Torfstücke und Lehmklumpen heranzuschleppen hatten, aus denen die Umzäunung aufgeführt werden sollte, und damit war der Alte ganz zufrieden.
Das Grauchen war sehr bösartig und schlecht gegen die anderen Pferde, biß und schlug sie und riß sich von ihnen los, und das Ende vom Liede war, daß keins der anderen Pferde sich seiner erwehren konnte. Die Leute, denen es gehörte, hielten das für einen großen Schaden, und sie wurden darüber einig, ihm um so größere Lasten aufzuerlegen, aber das half wenig. Es trug seine doppelte Last mit derselben Leichtigkeit, mit der es seine früheren Bürden getragen hatte, und es hörte mit seinen Unarten nicht eher auf, bis es alle übrigen Pferde verjagt hatte und allein zurückblieb.
Da nahm der Alte das Pferd und lud ihm eine ebenso große Bürde auf den Rücken, wie man vorher sämtlichen Pferden zusammen zu tragen gegeben hatte, und ging dann hin und her mit dem Pferd, das sich nun ganz ruhig verhielt. Auf diese Weise brachte er alles, was zur Ausbesserung der Umzäunung gebraucht wurde, heran. Als er aber mit der Arbeit fertig war, nahm er dem Pferd den Zaum ab und schlug es damit auf die Lenden, indem er es losließ. Das gefiel dem Grauchen aber nicht besonders; es schlug hinten aus und stieß mit beiden Hinterbeinen in das Stück der Umzäunung, das im Laufe des Tages aufgeführt worden war; dadurch fiel ein großes Stück der Einfriedigung heraus, und wie oft man auch später das Loch ausfüllte, es wollte doch nie recht halten, weshalb hernach an dieser Stelle eine Zauntür zur Kirche angebracht wurde.
Das letzte aber, was man von dem Treiben des Pferdes sah, war, daß es einen Sprung machte, sobald es sich frei fühlte, und es hörte nicht auf, bis es in den Holtesee untergetaucht war.
Und da begriffen alle, daß es der Nöck gewesen war.
Kort aus Mödruvold und das Meerungeheuer
Kort war einmal, wie er zu tun pflegte, auf dem Winterfischfang und hatte in dieser Zeit mit mehreren Fischern seinen Aufenthalt in einer Seebude unten am Wasser. Die Tür wurde mit einem Schloß verschlossen, das sich nur mit einem Schlüssel aufschließen ließ.
Eines Nachts geschah es, nachdem sie am Abend zuvor die Tür von innen zugeschlossen hatten und alle eingeschlafen waren, daß Kort träumte, daß ein Ungeheuer in die Bude käme und ihn bei der Hand faßte. Es schien ihm dann so, als ob er aufstünde und mit ihm unter das Bett kröche, und von dort zerrte ihn das Ungeheuer durch die Wand hinaus; das war aber ein unbequemer Weg, fand er. Dann führte ihn das Ungeheuer an den Strand und bis zum Flutmesser hinunter, und da merkte er, daß es ihn in die See locken wollte, dann aber träumte er, daß er im Schlaf wie rasend wurde, was er manchmal zu werden pflegte, und daß er das Ungeheuer unsanft anpackte. Der Schluß ihres Kampfes war, daß Kort den Sieg davontrug und es in die See stieß.
In demselben Augenblick erwachte er, und da stand er unten am Flutmesser in seinen Unterkleidern, in denen er sich abends zur Ruhe gelegt hatte. Sein erster Gedanke war, daß er im Schlaf dorthin gewandelt sein müßte; als er aber nach Hause an die Bude kam und die Tür verschlossen fand, wie sie sie abends verlassen hatten, so daß er nicht hineinkommen konnte, ehe er seine Kameraden geweckt hatte und sie ihm aufgeschlossen hatten, begann ihm klar zu werden, daß hier andere Künste als nur das Schlafwandeln mit im Spiel gewesen waren, und daß es in Wirklichkeit zugegangen war, wie er geträumt hatte.
Bischof Brynjolf
Als Bischof Brynjolf einmal in Skalholt auf einer Rundreise war, schlug er sein Zelt an einem Berg auf. Er hatte vier oder fünf Mann im Gefolge. Nachts erwachte der Bischof davon, daß eine über die Maßen große Hand durch das Zelt gestreckt und draußen gesagt wurde: »Ein Zelt für einen Bauern, einen bäurischen Mann!« Der Bischof sah, daß eine Riesin gekommen war und zwar keine von den kleinsten. Er sagte ihr, daß sie dasjenige von seinen Pferden, das er ihr näher bezeichnen würde, nehmen und behalten sollte. Da ging die Riesin ihres Weges und nahm das Pferd mit. Sie warf es so leicht über die Schultern, als wäre es ein Schaf und stapfte auf den Berg hinauf.
Im nächsten Sommer machte der Bischof an derselben Stelle Halt. Als aber seine Leute wach wurden, war er aus dem Zelt verschwunden. Sie gingen hinaus, um ihn zu suchen. Nach vielem Suchen fanden sie ihn in einer Höhle im Berge, in der er saß und mit der Riesin sprach, die im vorigen Sommer sein Zelt besucht hatte. Sie sahen, daß sie weinte, und es war, als ob Hagel aus ihren Augen stob. Wovon aber der Bischof und sie gesprochen hatten, das erfuhren die Leute nicht. Er folgte ihnen dann und zog wieder heimwärts.
Nach dieser Zeit aber hatte der Bischof stets die Gewohnheit, an jedem Weihnachtsheiligabend einen Hengst draußen vor der Scheune auf Skalholt anbinden zu lassen. Morgens war der Hengst immer verschwunden, und man wußte dann, daß ihn sich die Riesin zum Festtagsschmaus geholt hatte.
Der Troll im Felsen
Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die Tochter des Pfarrers; man suchte sie lange überall, aber nirgends war sie zu finden. Aus dem Fjord erhebt sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird. Die Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst ihr Vieh dort auf der Weide zu haben und es nach Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr blieb das beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde nie vermißt.
Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters ihren üblichen Landungsplatz nicht erreichen; eins von ihnen steuerte unter einen Felsen in den Skrudur hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land, setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen Felsenabsatz und begannen, das Marienlied zu singen. Da öffnete sich der Felsen, und eine ungewöhnlich große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger und einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk kam zum Vorschein und reichte ihnen eine große Schüssel voll Grütze, mit so vielen Löffeln drin, als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen, jetzt macht es mir kein Vergnügen.« Als die Fischer durch die warme Grütze satt und neubelebt waren, verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein. Am nächsten Tag kamen sie ans Land.
Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe mit einem anderen Fischerboot. Die Fischer saßen auf dem Felsenabsatz und sangen das Andrelied ganz leise bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches, und sie hörten, daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir Vergnügen, jetzt macht es nicht meiner Frau Vergnügen.«[3] Satt kehrten sie zurück ans Land, als das Wetter sich beruhigt hatte.
Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund auf dem Ostland umherzog und Seen und Brunnen weihte, und die Schlange im Wasserfall unter dem Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn der Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich habe viel Gut, und es wird mir schwer, es mitzunehmen, und das will ich dir sagen, daß du weitere Reisen nicht machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um mir Schaden zuzufügen.«
Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den Felsen zu weihen.
Fußnoten:
[3] Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während er sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll war, wie er selbst.
Die Riesin
In alten Tagen wohnte einst auf Blaahvam am Blaafjeld eine Riesin mit Namen Kraaka; sie wohnte in einer Höhle, von der heute noch Spuren vorhanden sind, und die so hoch oben zwischen den Felsen bei Blaahvam liegt, daß es für Menschen unmöglich ist, hinaufzukommen. Kraaka tat sehr viel Böses; häufig überfiel sie das Vieh der Mygsöer, und sie schädigte diese dadurch, daß sie ihre Schafe und ihre Leute tötete.
Kraaka war sehr mannstoll und liebte es nicht, in der Einsamkeit zu leben; und so geschah es nicht selten, daß sie sich Männer unten aus den bewohnten Gegenden holte und sie bei sich behielt; aber wenige hielten es bei ihr aus; sie liefen entweder davon oder nahmen sich das Leben.
Einmal hatte Kraaka einen Schafhirten aus Baldershjem, mit Namen Jon, ergattert; sie nahm ihn mit in ihre Höhle und wollte ihn nun recht pflegen. Er aber fand wenig Geschmack daran und wollte von alledem, was sie ihm auftischte, nichts genießen. Sie versuchte alle erdenklichen Künste, um ihm das vorzusetzen, was am meisten nach seinem Geschmack war, es half aber alles nichts. Endlich ließ der Schafhirt verlauten, daß er seinen Appetit wiedererlangen würde, wenn er eine Mahlzeit von einem zwölfjährigen Meerkalb bekommen könnte. Kraaka erfuhr durch ihre Zauberei, daß ein zwölfjähriges Meerkalb an keinem anderen Ort aufzutreiben sei als auf Siglunäs, und obgleich dieser Ort weit von Blaahvam entfernt lag, wollte sie doch den Versuch machen, das Kalb zu erwischen. Sie zog also fort und ließ den Mann zurück; als sie aber ein kleines Stück Weges zurückgelegt hatte, fiel ihr ein, daß es doch sicherer wäre nachzusehen, ob sie nicht von ihm zum besten gehalten worden wäre und er entsprungen sei, sobald sie ihm den Rücken gekehrt hatte. Sie lief deshalb zurück nach ihrer Höhle, der Hirt aber saß ruhig darin; dann ging sie wieder fort und kam diesmal ein Stück weiter auf dem Wege; da befiel sie wieder dieselbe Angst, daß ihr der Mann untreu geworden sein könnte, und sie rannte daher wieder zurück in ihre Höhle; aber es war genau so wie das erstemal, der Mann saß ganz ruhig da. Nun zog sie im Ernst fort und glaubte, daß sie keine Angst mehr wegen des Hirten zu haben brauchte. Sie ging den geraden Weg nach Siglunäs, indem sie nördlich Hrisö quer über den Oefjord ging, und es wird von ihrer Wanderung weiter nichts gemeldet, als daß es ihr gelang, das Kalb einzufangen, und daß sie denselben Weg zurückzog, den sie gekommen war.
Kaum aber glaubte der Hirt, daß Kraaka glücklich den ganzen Weg hinter sich hätte, als er sich aus der Höhle schlich und davonlief. Kurz nachdem er die Höhle verlassen hatte, kam Kraaka zurück und sah bald, daß er entwichen war. Sie begann ihn also in größter Eile zu verfolgen, und als der Hirt nur noch ein kurzes Stück Weges bis Baldershjem zurückzulegen hatte, hörte er ein starkes Dröhnen hinter sich; da wußte er, was das zu bedeuten hatte, daß es Kraaka wäre, die kam. Als sie ihm so nahe gekommen war, daß er ihre Stimme hören konnte, rief sie: »Hier ist das Meerkalb, Jon; es ist zwölf Jahre alt, ja beinahe dreizehn.« Der Hirt aber beachtete sie weiter nicht, und als er den Hof erreicht hatte, stand der Bauer in seiner Schmiede und arbeitete. Da lief er denn hinein und trat in demselben Augenblick hinter den Bauern, als Kraaka die Tür erreichte. Der Bauer nahm das glühende Eisen aus der Esse und lief Kraaka entgegen und drohte, es ihr in den Leib zu stoßen, wenn sie nicht umkehre, nachdem sie versprochen habe, ihn oder seine Leute nie wieder zu belästigen. Da hatte Kraaka keine andere Wahl als wieder umzukehren, und das tat sie. Nach diesem Tage aber hörte man nie wieder, daß sie den Bauern auf Baldershjem zu nahe trat.
Ein anderes Mal nahm sich Kraaka einen Schafhirten aus Grönnewand und schleppte ihn mit in ihre Höhle. Es kam wie früher, daß auch dieser Hirt nichts von dem genießen wollte, was Kraaka ihm anzubieten hatte, und das ging ihr sehr zu Herzen. Schließlich sagte er, daß er wohl junges Bockfleisch essen würde, damals aber gab es nirgends Böcke, außer auf der Landzunge Hafrafells im Oexefjord, und, obgleich es ein weiter Weg war, um sie von dort nach Hvam zu holen, wollte Kraaka doch versuchen, sich das Bockfleisch zu verschaffen. Ehe sie aber fortzog, nahm sie einen ungeheuer großen Stein und setzte ihn vor die Tür der Höhle; denn diesen Hirten wollte sie keinesfalls verlieren, so wie sie den früheren verloren hatte. Sie ging nun fürbaß, und als sie an den Jökelbach zwischen den Bergen kam, sprang sie zwischen zwei hohen Felsen über ihn, und seitdem heißt diese Stelle heute noch »Der Hexensprung«. Über ihre Wanderung wird weiter nichts erzählt, bis sie nach der Landzunge Hafrafells kam. Da nahm sie sich zwei Böcke, band sie mit den Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. Dann kehrte sie denselben Weg zurück und sprang an derselben Stelle wie das erstemal über den Jökelbach. Als sie aber über den Bach gekommen war, war sie von der Wanderung sehr müde geworden und wollte sich ein bißchen verschnaufen. Sie machte die Böcke los und setzte sie zum Weiden in eine Kluft, die seitdem »Die Bockkluft« heißt. Als sie sich eine Weile ausgeruht hatte, nahm sie die Böcke und setzte ihre Wanderung fort.
Von dem Hirten aber wird erzählt, daß er Tausende von Künsten versuchte, um aus der Höhle hinauszukommen, nirgends aber fand er ein Loch oder eine Spalte, durch die er entschlüpfen konnte. Schließlich fand er ein großes und scharfes Schwert, das Kraaka gehörte. Er nahm das Schwert und durchhieb damit den Stein, mit dem die Tür versperrt war, so daß er schließlich ein so großes Loch gemacht hatte, daß er entschlüpfen konnte. Als er hinausgekommen war, lief er, was das Zeug hielt, seines Weges und eilte den bewohnten Gegenden zu. Und man hat nie etwas anderes gehört, als daß er unversehrt nach Hause gelangte.
Kraaka hatte einmal zu einem großen Weihnachtsgastmahl eingeladen und wollte nun alles aufs beste herrichten. Es fehlte aber etwas, fand sie, wenn sie ihren Gästen nicht Menschenfleisch als Leckerei vorsetzte; am Heiligabend ging sie also fort nach den bewohnten Gegenden; als sie aber an die obersten Höfe in dem Ort Mygsö kam, stand jeder Hof leer, da alle Leute zur Kirche nach Skutustad gegangen waren; denn damals war es Sitte und Brauch, in jeder heiligen Nacht Gottesdienst abzuhalten. Alle Leute waren schon in der Kirche; Kraaka aber näherte sich der Kirchentür und sah einen Mann auf einer Bank in einer Ecke sitzen. Sie streckte den Arm nach ihm aus, um ihn aus der Kirche zu zerren, er aber stieß aus Leibeskräften mit den Füßen nach ihr und schrie um Hilfe. Diese erhielt er augenblicklich, und das Ende vom Liede war, daß sich die ganze Gemeinde gegen Kraaka vereinigte, um den Mann ihren Händen zu entreißen, sie aber ließ nicht los, bis die eine Kirchenmauer gelockert war und sich nach außen bog. Dann wird erzählt, wie Kraaka zornig wurde und wünschte, daß die Kirchenmauer nie mehr feststehen sollte. Dieser böse Wunsch scheint in Erfüllung gegangen zu sein; denn seitdem ist die südliche Kirchenmauer auf Skutustad immer sehr baufällig gewesen.
Es wird auch erzählt, daß Kraaka wegen dieser und anderer Possen, die die Bewohner in dem obersten Teil des Ortes Mygsö ihr spielten, ihnen versprach, daß sie ihnen dagegen einen bösen Streich spielen würde, an den sie lange denken sollten. Oberhalb des Ortes, wo die Bauern ihre Sommerweideplätze hatten, lag damals ein großer Binnensee. Dorthin begab sich Kraaka eines Tages und sammelte ein großes Bündel Reisig, das sie dann mit Torfstücken und Kies ausfüllte, so daß es eine unbändig große Fuhre wurde. Diese Fuhre zog sie hinter sich her, vom Wasser bis zum Ort Mygsö und quer durch ihn hindurch bis nach dem Laxbach, unweit der Stelle, an der er seinen Auslauf aus dem Mygsee hat. Da, wo sie die Fuhre entlangzog, entstand eine große Vertiefung; in diese leitete dann Kraaka das Wasser mit dem Fluche, daß dieser Bach durch die Vertiefung fließen solle, solange der Ort Mygsö bewohnt würde; und daß er den Leuten die Wiesen und angrenzenden Felder überschwemmen solle; und daß zum Eindämmen des Wassers nur dieselben Dinge verwendet werden dürften, aus denen ihre Fuhre zusammengesetzt wäre, und daß der Bach schließlich den obersten Teil der Ortschaft zerstören solle.
Der Bach, der noch heutigen Tages an derselben Stelle fließt, ist nach Kraaka benannt worden und heißt der Kraakabach; er tut den Mygsöbauern großen Schaden; er läuft an sämtlichen Wiesen der Höfe vorüber, die zu oberst im Ort liegen, und beschädigt sie dadurch, daß er alljährlich Land fortspült und Sand aufwühlt; denn im Frühjahr reißt er ständig Löcher in seine Ufer und spült auf diese Weise Sand und Lehm auf die Wiesen hinauf. Mehrere Höfe stehen deshalb in Gefahr, niedergelegt werden zu müssen; alljährlich werden diese Löcher ausgefüllt, und immer werden dazu Reisig, Kies und Torfstücke verwendet, dieselben Dinge, aus denen Kraaka ihre Fuhre zusammengesetzt hatte; es ist aber jetzt schon ein so großer Mangel an Reisig um den Mygsee herum, daß man kaum so viel davon aufbringen kann, als benötigt wird, um den Kraakabach einzudämmen. Alten und klugen Leuten ist es denn auch jetzt klar geworden, daß die Flüche und Verwünschungen der alten Kraaka bald in Erfüllung gehen werden.
Gilitrutt
Unter den Inselfelsen im Ostland wohnte einmal ein junger Bauer. Er war ein fleißiger und strebsamer Mann. Gute Weideplätze lagen um sein Haus herum, und er hatte viele Schafe. Zur Zeit dieser Erzählung hatte er sich eben verheiratet. Seine Frau war jung, aber untauglich und faul. Nichts mochte sie tun, und sie kümmerte sich nur wenig um die Wirtschaft. Dem Manne gefiel das gar nicht, er konnte aber nichts daran ändern.
Im Herbst gab er ihr eine Menge Wolle und bat sie, während des Winters Stoff daraus zu weben, die Frau aber gab ihm keine gerade, freundliche Antwort darauf; und es ging zum Winter, ohne daß sie die Wolle anrührte, obwohl der Mann sie häufig daran erinnerte.
Einmal kam ein ziemlich hochgewachsenes, altes Weib zu der Frau und bat um eine kleine Gabe. »Kannst du als Entgelt etwas für mich arbeiten?« fragte die Frau. »Das könnte ich schon tun,« sagte das Weib, »was aber sollte das wohl sein? Wolle zu Stoff weben,« sagte die Frau. »Gib sie her,« sagte die Alte, worauf die Frau einen ungeheuer großen Wollsack holte und ihn ihr gab. Die Alte nahm den Sack, warf ihn sich auf den Rücken und sagte: »Das Zeug werde ich dir am ersten Sommertag bringen.« »Was für eine Bezahlung willst du dafür haben?« fragte die Frau. »Nicht viel,« sagte die Alte, »du sollst mir meinen Namen beim drittenmal Raten nennen, dann sind wir quitt.« Das versprach die Frau zu tun, und die Alte ging ihres Weges.
Der Winter schwand, und der Bauer fragte seine Frau häufig, was denn aus der Wolle geworden wäre. Sie erwiderte, das ginge ihn nichts an, er würde es aber am ersten Sommertag erfahren. Der Mann sprach dann nicht weiter davon, und man gelangte in die letzten Winterwochen hinein. Da begann die Frau, über den Namen der Alten nachzudenken, sah aber nicht den geringsten Ausweg, ihn erfahren zu können. Darüber wurde sie traurig und schwermütig. Der Mann sah, daß eine Veränderung mit ihr vorgegangen war und wollte wissen, was ihr fehlte, und sie erzählte ihm alles. Da wurde ihm angst, und er sagte, daß sie übel gehandelt habe; denn das wäre gewiß eine Hexe, die vor hätte, sie zu holen.
Einmal, als der Bauer oben unter den Felsen wanderte, stieß er auf einen großen Kieshügel. Er war gerade mit seinen Sorgen beschäftigt und wußte kaum, was er anfangen sollte, da hörte er ein paar Schläge unten in dem Hügel. Er ging dem Geräusch nach und kam an eine Spalte und sah dort, daß da unten ein übermenschlich großes Weib saß und webte. Sie hatte das Zeug zwischen den Beinen und schlug ohne Unterlaß darauf. Sie summte vor sich hin: »Hi, hi und ho, ho! Die Hausfrau weiß nicht, wie ich heiße; hi, hi und ho, ho! Gilitrutt heiße ich, ho, ho! Gilitrutt heiße ich, hi, hi und ho, ho!« Damit fuhr sie bis ins Unendliche fort und schlug eifrig auf das Zeug. Der Bauer war froh, denn er dachte, daß das die Alte sein müßte, die seine Frau im Herbst besucht hatte. Er kehrte heim und schrieb den Namen »Gilitrutt« auf einen Zettel. Seine Frau aber ließ er nichts davon wissen, und so kam der letzte Wintertag. Die Hausfrau war sehr kummervoll und zog sich den Tag über nicht an. Da ging der Bauer zu ihr und fragte sie, ob sie den Namen ihres Arbeitsweibes wüßte; sie aber antwortete: »Nein,« und sagte, daß sie sich nun zu Tode grämen müßte. Der Bauer sagte, daß sie das nicht brauchte; er gab ihr den Zettel mit dem Namen und erzählte ihr, wie alles zugegangen war. Sie nahm den Zettel, zitterte aber vor Furcht; denn sie hatte Angst, daß der Name vielleicht falsch sein könnte. Sie bat ihren Mann, bei ihr zu bleiben, wenn die Alte käme, er aber sagte: »Nein, da du ihr allein die Wolle gegeben hast, so ist es auch am besten, daß du allein ihr den Lohn gibst,« und darauf verließ er sie.
Nun kam der erste Sommertag. Die Frau lag in ihrem Bett, sonst aber war kein Mensch auf dem Hof. Da hörte sie heftiges Poltern und dröhnende Schritte unter der Erde. Die Alte erschien, und sie sah nicht gerade sehr anmutig aus. Sie warf einen großen Ballen Wollstoff auf den Fußboden und sagte: »Wie heiße ich also, wie heiße ich also?« Die Frau, die vor Angst mehr tot als lebendig war, sagte: »Signy.« »So heiße ich nicht, so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!« sagte die Alte. »Asa,« erwiderte die Frau. »So heiße ich nicht,« sagte die Alte, »so heiße ich nicht, rate noch einmal, Hausfrau!«
»Du heißt doch nicht Gilitrutt?« fragte da die Frau. Als die Alte das hörte, erschrak sie so sehr, daß sie der Länge nach zu Boden fiel und ein furchtbares Gepolter machte. Dann erhob sie sich wieder, ging fort und wurde nie wieder gesehen. Die Frau freute sich nun über alle Maßen, von diesem Ungeheuer so billigen Kaufes losgekommen zu sein, und wurde nun ein ganz anderer Mensch. Sie wurde fleißig und pünktlich und wirkte später ihre Wolle immer selbst.
Der Bauer von Gnupar
Ein Bauer auf Gnupar im Syssel Thingö träumte einmal, daß eine Frau zu ihm käme und sich darüber beklagte, daß seine Kinder Steine in einen Binnensee in der Nähe wärfen und dadurch die Forellen verscheuchten, von denen sie leben müßte. Der Bauer aber kümmerte sich nicht um ihre Klagen und fand, es wäre nicht notwendig, den Kindern ernstlich ihren Unfug zu verbieten; darum fuhren sie auch fort, Steine in das Wasser zu werfen, wie sie es früher getan hatten. Da kam dasselbe Weib zum zweitenmal zu dem Bauern im Schlaf und drohte ihm mit ihrer Rache.
Im nächsten Winter geschah es eines Abends, daß sämtliche Fensterscheiben im Hof zerschlagen wurden. Der Bauer stürzte hinaus, um zu sehen, wer ihm diesen Streich gespielt hätte; er sah aber niemand, auch zeigte der frischgefallene Schnee weder Spuren von Menschen, noch von Tieren.
Ein anderes Mal wurde das Licht, das auf dem Tisch stand, gleichsam von einer menschlichen Hand ausgelöscht, ohne daß ein Mensch zu sehen war. Ein Mädchen ging in die Küche hinaus, um das Licht wieder anzuzünden, sie konnte aber das Feuer am Herd nicht zum Aufflammen bringen. Dreimal versuchte sie, es anzuzünden, und alle dreimal wurde ihr das Licht sofort wieder ausgelöscht. Da kam schließlich der Bauer selbst hinaus, und ihm gelang es nach vieler Mühe, das Licht zum Brennen zu bringen.
Einmal wurden dem Bauern ein Paar schwere und dicke Schuhe von einer unsichtbaren Hand an den Kopf geworfen; er wurde zornig und warf die Schuhe nach derselben Richtung, aus der sie gekommen waren, zurück; da aber wurden sie ihm mit doppelter Geschwindigkeit wieder ins Gesicht geschleudert.
Schließlich wurde den Leuten bei diesen Heimsuchungen so unheimlich zumute, daß der Bauer mit allem, was ihm gehörte, von dem Hofe fortzog, der von dieser Zeit ab nicht mehr bewohnt wurde.
Guldbraa und Skegge
Hvam in den Tälern, der alte Hauptsitz der Sturlunger, liegt in einem nicht sehr breiten Tal. Ein Bach fließt durch das Tal, und gerade gegenüber Hvam, jenseits des Baches, liegt ein Hof, der Akur heißt; andere Höfe gibt es nicht in dem Tal. Akur ist früher bewohnt gewesen, auch wenn es so aussieht, als gehöre er eigentlich zum Besitztum von Hvam; denn schon in der Sturlungersage wird von Akur an der Stelle berichtet, wo Sturla seinen Traum erzählt und sagt, es schiene ihm, als wäre er am Abhang »gegenüber Akur«. Nach Guldbraa, die zuerst auf Akur gewohnt haben soll, sind mehrere Orte im Tal benannt worden, und über sie ist folgende Erzählung im Westlande allgemein bekannt.
Audur, die Bodenreiche, nahm alles Land am Hvamsfjord in Besitz und wohnte später auf Hvam. Dort lebte sie, von großer Pracht und vielem Reichtum umgeben. Auf der östlichen Seite des Baches graste das Vieh, die Felder aber lagen gegen Westen im Tal und reichten bis zum Abhang hinauf. Diese Felder waren sehr fruchtbar, jedoch ließ Audur ein Stück der Erde brach liegen, wenngleich dies genau so fruchtbar wie der übrige Boden zu sein schien, und mit Strenge verbot sie ihren Knechten, je den ganzen südlichen Acker zu bebauen oder das Vieh dort weiden zu lassen, und wenn das einmal geschah, so durfte das Vieh beim nächsten Melken nicht benutzt werden.
Es geschah, als Audur, die Bodenreiche, sehr alt geworden war, daß einmal ein wunderschönes, junges Weib nach Hvam kam. Sie nannte sich Guldbraa, niemand aber wußte, wo sie herkam, oder aus welchem Geschlecht sie war. Sie traf die Hausfrau nicht selbst an, sondern nur ihren Hausmeister. Sie fragte ihn, weshalb die Felder südwärts des Baches nicht bebauet wären; er aber antwortete ihr, daß Audur verboten hätte, sie je zu bebauen. Da lachte sie laut und wollte dieses Land kaufen. »Ich will lieber den kleinsten Hügel davon haben als den ganzen Boden von Hvam; denn es ahnt mir, daß die Sitte hier allgemein, und das Haus gebaut werden wird, das ich am meisten von allen hasse; gib mir deshalb sofort das Kaufrecht für das Land, ohne erst Audur zu fragen,« sagte sie und reichte ihm einen Beutel, der mit Gold gefüllt war; da ihm aber das Gold gut gefiel und Audur das Regiment über den Hof außerdem aus der Hand gegeben hatte, nahm er das Gold und gab ihr das Kaufrecht.
Audur erhielt bald Kenntnis davon und verjagte ihren Hausmeister; sie sagte, daß er keinen Segen durch dieses Gold haben würde; denn es ahnte ihr, daß diese Guldbraa eine Hexe und ein schlimmer Gast sei; nun aber waren ihre Ahnungen von dem Lande südwärts des Baches in Erfüllung gegangen. »Jedoch wird das Glück dem Boden Hvams anhaften,« sagte sie, »so daß das nichts schaden wird.« Da kam der Hausmeister mit dem Beutel nach Hause und wollte ihn Audur geben, um sie zu besänftigen. Er band ihn auf, aber es wälzte sich ein großes Bündel Schlangen unter furchtbarem Gestank aus dem Beutel, und er verlor den Verstand und starb kurz darauf. Er wurde nebst dem Beutel in eine Spalte des Felsens gelegt, der auf dem Grund und Boden stand, den Guldbraa gekauft hatte, und seitdem heißt dieser Ort die Schlangenschlucht.
Audur ließ den Kauf zu Recht bestehen; aber alle Felder südwärts des Baches, unten vom See hinauf bis an eine tiefe Felsenkluft im Tal, ließ sie brachlegen; sie ließ drei Kreuze auf den Rand des Felsens setzen, weshalb diese Stelle später die Kreuzkluft genannt wurde, und sie sagte, daß Guldbraas Zauberkünste keine Macht über diese Kreuze haben würde, solange sie lebte. Guldbraa ließ auch niemanden diese Kreuze anrühren und hütete sich, ihr Vieh dort in die Nähe kommen zu lassen. Sie baute einen großen Hof auf ihrem Stück Land; da errichtete sie ein Opferhaus und nahm große Opferungen vor und übte viel Zauberei aus. Immer aber mißlangen ihre Zauberkünste, wenn sie während derselben die Augen nach Hvam wendete; sie sagte, daß sie stets irgendwo auf dem Heimacker von Hvam ein großes Licht sehe, dessen hellen Schein sie nicht vertragen könnte; davon werde sie zerstreut und mache Fehler in ihrer Wissenschaft. Ein ähnlicher Glanz leuchtete ihr aus Audurs Kreuzen am Felsrand entgegen, jedoch glaubte sie nicht, daß diese ihr so gefährlich werden würden wie das Licht vom Heimacker. Nie begegneten sich Audur und Guldbraa, auch erlaubten sie nicht, daß sich ihr Gesinde über den Bach hinweg besuchte, und nie kam ihr Vieh zusammen. Audur war Christin, hatte aber keine Kapelle auf ihrem Hof; sie verrichtete ihre Gebete auf Kroßholar; denn von dort aus konnte man das Opferhaus auf Akur nicht sehen. Bevor sie starb, bestimmte Audur, daß sie nicht in ungeweihter Erde liegen wolle; sie sagte aber, daß sie sich vor den Gewalttätigkeiten der Heiden fürchte und bat darum, neben dem Flutmesser bestattet zu werden. Jetzt heißt der Ort, an dem sie liegt, der Audurstein, und er ist noch heutigen Tages ein Strandzeichen im Hvamsfjord; da sagt man nämlich bei starker Strömung, die See sei entweder halb gestiegen oder gefallen, wenn sie sich am Audurstein bricht.
Guldbraa wohnte nicht lange auf Akur nach dem Tode Audurs; denn obgleich ihre Macht dadurch zunahm, daß das Heidentum allgemein wurde und die Hvamsleute heidnischen Gottesdienst und Opferungen auf Kroßholar abzuhalten begannen, konnte sie doch keine Ruhe finden, da Audurs Grab am Flutmesser unterhalb ihres Besitztums lag und sich ihre Kreuze über ihr, an der Kluft auf dem Felsenrand befanden. Da war sie schlimm daran, und darum überließ sie den Hvamsleuten das Akurland, nahm aber selbst den innersten Teil des Tales in Besitz. Da war es sehr finster, und die Sonne steht im Sommer dort tief, den größten Teil des Winters aber kommt die Sonne an der Südseite des Tales überhaupt nicht zum Vorschein. Sie wählte ihren Aufenthaltsort so weit wie möglich im Tal drin, wo es am schmalsten und dunkelsten war, und diese Stelle wird von jener Zeit an Guldbraas Hügel genannt.
Guldbraa wagte nicht, an den Kreuzen Audurs vorbei in das Tal hineinzuziehen, ehe sie sich mit ihrer Zauberei gestärkt hatte. Sie ging zu ihrem Opferhaus, und dort verweilte sie lange, unter seltsamem Gebahren; als sie herauskam, ließ sie sich die Augen verbinden. Eine Truhe, mit Gold gefüllt, nahm sie aus dem Opferhaus mit, und an ihrem Deckel ließ sie einen großen Ring anbringen, der in der Tür des Opferhauses befestigt gewesen war, stieg darauf zu Pferd und ritt mit der Truhe vor sich davon, indem sie den Ring festhielt, während ihr Hofknecht das Pferd am Zaum führte. Sie verbot ihren Leuten, je nach den Kreuzen am Abhang zu blicken. Aber als derjenige, der ihr Pferd am Zügel durch die Kreuzkluft führte, unversehens den Abhang hinaufblickte, blieb er ein Weilchen stehen, und da es schwer war, durch die Kluft zu kommen und Guldbraa das Pferd eifrig antrieb, stolperte es. Dabei fiel die Truhe vor ihr herunter, während Guldbraa nur den Ring in der Hand behielt. Darüber erschrak sie so, daß sie die Binde von den Augen riß, um zu sehen, was aus der Truhe geworden war; da aber fielen ihr die Kreuze am Felsenrand gerade in die Augen. Da schrie sie laut auf und sagte, daß sie ein unerträgliches Licht blende; sie gebot ihrem Hofknecht, ihr die Truhe zu reichen und mit aller Kraft vorwärts zu reiten. Aber den Ring, den sie zurückbehalten hatte, schleuderte sie weit von sich und sagte, daß sie es lange bereuen würde, ihn mitgenommen zu haben. »Das sehe ich nun hinterher,« sagte sie, »daß der Ring für die Dinge bestimmt ist, die meinen Gedanken am meisten zuwider sind.«
Guldbraa setzte nun ihren Ritt fort. Aber als sie ein kleines Stück Weges von der Kluft fortgeritten war, bekam sie so heftige Augenschmerzen, daß sie, als sie Guldbraas Hügel erreichte, das Augenlicht verloren hatte. Dort verweilte sie nun eine kurze Zeit, blind und unter vielen Verdrießlichkeiten, bis sie in eine schwere Krankheit verfiel. Da rief sie ihre Hofknechte zu sich und befahl ihnen, sie an eine Schlucht zu bringen, in die sie sich hineingleiten lassen wollte. Sie sagte, daß sie liegen wolle, wo die Sonne nie zu sehen und das Läuten der Glocken nie zu hören wäre. In diese Schlucht aber stürzt gegen Nord ein Wasserfall, und unter ihm befindet sich eine Höhle. Die Schlucht ist schwindelnd tief, und der Wasserfall lärmt und braust dort unten.
Guldbraa ging in die Höhle hinein und legte sich auf das Gold. Als sie in dem Wasserfall ein Spukgeist geworden war, vernichtete sie einen Hof auf Guldbraas Hügel; als es zu dunkeln begann, konnten weder Menschen, noch Tiere ihr Leben dort auf dem Hügel oder auf dem Abhang behalten, und die Schafhirten glaubten später, dort Spuk zu bemerken. Aber alles Gespensterunwesen hörte auf, sobald eine Kirche in Hvam gebaut worden war. Jetzt wird der Ort, an den Guldbraa sich hinbringen ließ, Guldbraas Schlucht und Guldbraas Fall genannt.
Der Ring von der Tür des Opferhauses befindet sich noch an der Kirchentür zu Hvam. Es ist ein großer Bronzering, dessen Handgriff stark abgenutzt ist; unter der Kramme befindet sich eine uralte Kupferplatte, auf der in erhöhter Arbeit zwei Männer in Waffenkleidung mit dem Helm auf dem Kopf und dem Schwert an der Seite und mit kurzem Panzer bekleidet zu sehen sind. Der eine jagt dem andern einen Speer in die Brust, der am Rücken wieder heraustritt.
Es wird in der Sage vom Christentum und an mehreren Orten erzählt, daß der Priester Thangbrand, als er in den Westfjorden umherzog, auch nach Hvam kam. Seine Predigt fand dort nur widerwillige Ohren. Die Hausfrau kam nicht heraus, sondern blieb drin und opferte, während ihr Sohn Skegge unterdessen Thangbrand und seine Männer verhöhnte.
Von diesem Skegge wird erzählt, daß er lange in Hvam gewohnt und den heidnischen Glauben sehr gestärkt habe. Er war selbst ein Zauberer und ein Heide von Kopf bis zu Fuß, genau wie seine Mutter. Aber trotzdem war er kein so großer Zauberer, daß er Guldbraas Spuken bewältigen konnte. Oft tötete sie ihm die Hirten und das Vieh, wenn sie nach Guldbraas Hügel kamen. Das gefiel Skegge nicht, um so weniger, als er immer Lust gehabt hatte, Guldbraas Truhe aus dem Wasserfall heraufzuholen. Er sagte, was ja auch wahr war, daß sie besser bei ihm als bei ihr, dem toten Geist, aufgehoben sei.
Eines Tages zog er bei schönem Wetter ausgerüstet hinaus, um im Guldbraas Fall hineinzusteigen. Der Weg durch das Tal war weit, und es begann zu dunkeln, ehe er den Wasserfall erreichte. Zwei Hofknechte, die die Stricke halten sollten, begleiteten ihn. Skegge glitt in den Fall hinein, und es dauerte nicht lange, bis die Knechte ein starkes Gepolter, Donnern und anderen Lärm hörten; es hörte sich an, als wenn ein schwerer Kampf unter dem Wasserfall stattfände; es wurde ihnen todesangst, und es hätte nicht viel gefehlt, daß sie fortgelaufen wären; da aber gab ihnen Skegge ein Zeichen, daß sie die Stricke hochziehen sollten. Das taten sie; aber als Guldbraas Truhe bis an den hervorspringenden Rand der Schlucht gekommen war, sahen sie sich unwillkürlich um, und es schien ihnen, als stände das ganze Tal bis nach Hvam hinunter in hellen Flammen, so daß die Flammen sich von Fels zu Fels verbreiteten. Da entsetzten sie sich so, daß sie von den Stricken fortliefen, und die Truhe fiel zurück in den Fall. Als sie von dem Hügel herabgestiegen waren, sahen sie nichts Außergewöhnliches, trotzdem aber hielten sie erst im Laufen inne, als sie das Haus erreicht hatten. Skegge kam erst viel später, übel zugerichtet; denn er war blau und blutig. Er trug einen großen, mit Gold gefüllten Kessel auf dem Arm; den hatte er mit Gold aus Guldbraas Truhe gefüllt, und er hatte sich mit den Händen aus der Schlucht emporgeschwungen. Der Kampf zwischen Guldbraa und Skegge war hart und lang gewesen, aber Guldbraas Gespensterwesen hatte er nicht zu vernichten vermocht; denn nie war es so schlimm gewesen wie nach dieser Zeit. Sie tötete Skegge einen Hirten nach dem andern, und schließlich konnte er niemanden mehr als Viehhirten bekommen; denn alle, die es wurden, starben.
Skegge war nach seinem Besuch in der Schlucht nicht mehr der Alte; sowohl die Folgen des Kampfes, wie der Tod seiner Hirten packten ihn so schwer, daß er sich zu Bett legen mußte. Aber als es so weit gekommen war, daß sich niemand mehr bewegen ließ, das Vieh zu hüten, stand Skegge eines Tages auf und ging zu seinen Schafen. Tag und Nacht vergingen, ohne daß Skegge wiederkam, aber spät am nächsten Tage kam er nach Hause, mehr tot als lebendig; denn niemand hatte gewagt, nach ihm zu sehen. Da trug er Guldbraas Truhe auf dem Rücken. Er sagte, daß ihr Spuk jetzt keinen Schaden mehr anrichten würde, daß er selbst ihr aber wohl folgen müsse. Er ging darauf wieder zu Bett und stand nicht mehr auf. Er wünschte vor seinem Tod, daß das Gold, das im Kessel war, zum Ankauf von Kirchenbaumaterial verwendet werden möge, so daß eine Kirche in Hvam erbaut werden könnte. Er sagte, daß er, als er das erstemal in den Wasserfall gestiegen wäre und mit Guldbraa gerungen hätte, seinem Freund Thor ein Versprechen gegeben habe; der habe ihn jedoch getäuscht; das letztemal aber hätte er, als er sich in noch größerer Gefahr befand, das Versprechen gegeben, Geld zu stiften, um eine Kirche in Hvam zu bauen, wenn er aus Guldbraas Krallen errettet würde. Da aber hätte eine starke Flamme in ihren Augen aufgeleuchtet, und ehe er das Wort gewußt habe, sei sie da unten in der Schlucht zu Stein geworden. Und heute noch ist der Geist in Guldbraas Fall zu sehen.
Trotzdem aber wollte Skegge sich nicht bekehren oder sich neben der Kirche zu Hvam begraben lassen; dagegen gebot er, daß man ihn in einen Hügel auf der nördlichen Seite des Heimackers legen sollte. Das wurde getan, und Guldbraas Truhe wurde ihm unter den Kopf gelegt. Dort steht noch jetzt ein großer Stein, der der Skeggestein heißt. Das Tal, nach dem er gerichtet ist, heißt das Skeggetal, und Guldbraas Hügel liegt gegen Süden in diesem Tal.
Jon und die Riesin
Auf dem Nordland lebte einmal ein Bauer, der fuhr jeden Herbst und Winter nach den Westmändsinseln zum Fischen. Er hatte einen Sohn, der zur Zeit dieser Erzählung erwachsen war. Der Sohn hieß Jon und war ein hoffnungsvoller Jüngling.
Einmal nahm der Bauer Jon mit auf seine Fischfahrt nach den Inseln. Sie zogen den geraden Weg, und es wird nichts von ihrer Fahrt oder von der Ausbeute ihres Fischens erwähnt. Im nächsten Herbst ließ der Bauer Jon allein südwärts nach dem Fischplatz ziehen; denn nun war er selbst alt geworden und traute sich nicht mehr Kraft genug zu, um hinauszurudern. Ehe aber Jon das Haus verließ, bat ihn der Vater vor allen Dingen, nicht unter einigen hohen Felsen zu rasten, die an dem Bergabhang lagen, und an denen entlang der Weg führte. Er legte ihm das so ernstlich ans Herz, daß Jon versprach, dort nicht Halt zu machen, was auch geschehen würde, und wie das Wetter auch wäre.
Dann zog Jon mit zwei Packpferden und einem Reitpferd fort. Die Pferde wollte er während des Winters zum Durchfüttern auf den Landinseln einstellen, wie sein Vater es getan hatte. Von seiner Fahrt wird weiter nichts erzählt, als daß alles nach Wunsch ging. Er kam an den Bergabhang, wie er sollte, und zog eine Zeitlang an ihm entlang. Der Tag war größtenteils schon verstrichen, und Jon bemühte sich, am Abhang vorbeizukommen, wie ihn sein Vater gebeten hatte. Aber als er in die Nähe der Felsen gekommen war, von denen ihm sein Vater erzählt hatte, überfiel ihn ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Regen. Da kam er gerade an einige hohe Felsen und sah einen so schönen Halteplatz, wie er ihn sich nur wünschen konnte, auf einer Anhöhe unter den Felsen. Da war reichliches Gras und Schutz gegen den Regen. Er begann zu überlegen, was nun zu tun sei. Es gefiel ihm hier, und er konnte nicht verstehen, was denn Schlimmes dabei sein könnte, an dieser Stelle auszuruhen, und der Schluß seiner Überlegungen war, daß er sich zu bleiben entschloß. Er zäumte darauf die Pferde ab und band ihnen die Vorderfüße zusammen. In kurzer Entfernung sah er den Eingang zu einer Höhle oben in dem Felsen. Dorthin trug er seine Sachen, legte sie an die eine Seite der Höhle, unweit des Eingangs, machte es sich darauf zwischen seinem Gepäck behaglich und begann zu essen.
Es war dunkel in der Höhle. Als aber Jon im besten Zuge mit seiner Mahlzeit war, hörte er mehrfaches Geheul aus der inneren Höhle. Er erschrak etwas darüber, ermannte sich aber bald wieder. Er suchte einen riesigen Fisch aus seinem Reisevorrat heraus, riß ihm die Haut herunter, so daß sie unbeschädigt blieb, strich dick Butter über den ganzen Fisch und breitete die Haut wieder darüber. Als er damit fertig war, schleuderte er den Fisch, so weit er konnte, in die Höhle hinein und sagte, daß diejenigen, die da hinten wären, sich vor dem in acht nehmen sollten, was er ihnen schicke, wenn sie aber Lust dazu hätten, so könnten sie es gern behalten. Jon hörte bald, daß das Geheul aufhörte, und daß jemand begann, den Fisch zu zerreißen.
Als Jon mit seiner Mahlzeit fertig war, legte er sich zur Ruhe nieder und wollte nun schlafen. Da hörte er, wie es im Kies außerhalb der Höhle raschelte, und daß jemand mit schweren Tritten auf den Eingang zukam. Bald sah er, daß es eine große und dicke Riesin war, und es schien ihm, als leuchte ihre ganze Gestalt im Dunkel. Jon wurde bei diesem Anblick ungemütlich zumute. Als aber die Riesin durch die Tür der Höhle trat, sagte sie: »Er riecht nach Menschen in meiner Höhle.« Darauf ging sie mit langen Schritten in die Höhle hinein und warf ihre Last auf den Boden. Es dröhnte so heftig, daß die Höhle erzitterte. Da hörte Jon, daß die Alte mit jemand drin zu sprechen begann. Er hörte, daß sie sagte: »Das ist besser getan als ungetan, und es wäre schlimm, wenn es unbelohnt bliebe.« Und er sah dann, daß sie sich mit einer Kerze näherte. Sie begrüßte Jon bei seinem Namen, dankte ihm im Namen ihrer Kinder und lud ihn zu sich in die Höhle. Er nahm die Einladung an; die Alte aber steckte ihre beiden kleinen Finger in die Ösen der Stricke, mit denen sein Gepäck zusammengebunden war, und trug es ebenfalls hinein. Als sie weiter nach hinten gekommen waren, sah Jon zwei Betten; in dem einen lagen zwei Kinder; das waren die Kinder der Riesin, deren Geheul er kurz zuvor gehört hatte, und die den Fisch gegessen hatten. Auf dem Boden aber lag ein Haufen Forellen, die die Alte abends geangelt und auf dem Rücken nach Hause getragen hatte, und davon kam es, daß ihr Äußeres im Dunkel gefunkelt hatte. Die Alte fragte Jon, wo er lieber schlafen wollte, in ihrem Bett oder in dem der Kinder. Er zog es vor, in dem Bett der Kinder zu schlafen. Die Riesin bereitete dann den Kindern ein Lager auf dem Fußboden, bezog aber das Bett neu und sorgte für seine Schlafstelle. Jon legte sich schlafen, wachte aber davon wieder auf, daß die Alte ihm ein Gericht gekochter Forellen brachte. Er dankte ihr dafür, und während er aß, saß die Alte da und plauderte mit ihm und war ungemein munter. Sie fragte ihn, wo er zu rudern gedacht hätte. Das erzählte er ihr. Da fragte sie ihn, ob er schon einen Platz im Boot bei irgend jemand gefunden hätte. Jon erwiderte: »Nein.« Da erzählte ihm die Alte, daß alle Bootplätze auf der Insel schon besetzt seien, so daß keiner mehr jemanden annehmen könnte, und daß er keine Wohnung finden würde, außer bei einem alten Fischer, der jetzt kaum eine Gräte aus dem Wasser angele, und nur ein fast unbrauchbares Boot besäße, dessen Mannschaft aus untauglichen Burschen bestände, weil er kein ordentliches Stück Mannsleute mehr bekommen könnte. »Ich rate dir,« sagte sie, »dir einen Platz in dem Boot dieses Fischers zu mieten; er wird sich zwar sträuben, dich zu nehmen, du aber sollst nicht nachgeben, bis er darauf eingeht. Ich kann dich jetzt nicht so belohnen, wie ich müßte, für das, was du an meinen Kindern getan hast,« fuhr die Riesin fort, »aber hier habe ich zwei Angelhaken, die ich dir schenken will. Den einen sollst du selbst, den andern aber der Alte haben. Immer sollt ihr beide allein beim Angeln sein; die Haken werden sich, wie ich hoffe, als fischtauglich erweisen. Immer sollt ihr als letzte von allen hinausrudern und ständig aufpassen, daß ihr als die ersten abends nach Hause kommt. Ihr sollt nicht weiter rudern als bis an den Felsen, der gerade vor dem Landungsplatz steht. Wenn du nun nach Landösand kommst, wirst du die letzten Boote fahrtbereit finden. Versuche, mit ihnen nach den Inseln zu kommen, und binde deine Pferde am Strand zusammen, bitte aber niemanden, für sie zu sorgen und kümmere dich weiter nicht um sie. Ich werde im Winter ein bißchen für sie sorgen. Und wenn das Unwahrscheinliche geschehen würde, daß du im Winter Glück beim Fischen haben solltest, dann wäre es mir lieb, wenn ich deinen Pferden ein Pferd für mich folgen lassen könnte, um mir ein paar Fische zu holen; denn ich bin, wie ich dir verraten will, ein großes Leckermaul nach Dörrfisch.« Diese Bitte versprach Jon zu erfüllen und in allen ihrem Rat zu folgen.
Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen brach Jon von der Höhle auf und trennte sich in Freundschaft von der Riesin. Über seine Reise wird nichts gemeldet, bis er nach Landösand kam. Dort lagen die letzten Boote, die nach den Inseln hinaus sollten, fahrtbereit. Jon schirrte eiligst die Pferde ab und band sie am Strand zusammen, ohne jemand zu bitten, für sie zu sorgen. Darüber trieben die andern Spott mit Jon und sagten, daß die Pferde sicher gut imstande sein würden, wenn die Fischzeit vorüber wäre. Jon kümmerte sich aber nicht um ihren Spott und tat, als wenn er nichts hörte und zog mit ihnen nach den Inseln hinaus. Als er dort ankam, suchte er sich einen Bootplatz, konnte aber nirgends einen finden, denn jeder hatte so viel Leute bekommen, wie er Platz hatte. Endlich kam er zu dem alten Fischer, an den die Alte ihn gewiesen hatte. Er bat ihn, ihn anzunehmen. Der Alte aber wollte sich darauf nicht einlassen und sagte, daß er solch einem flinken Mann keinen Schaden antun wolle. »Ich angle nie die kleinste Gräte aus dem Wasser,« sagte der Alte, »und habe nur untaugliche, junge Burschen, die mein elendes Boot besorgen; ich kann nur bei bestem und ruhigstem Wetter hinausrudern, und es ist nicht verlockend für einen flinken Mann, sich an meine Untüchtigkeit zu binden.« Jon fand, daß das sein eigener Schaden werden müßte, und er bettelte so lange bei dem Alten, bis er ihn schließlich annahm, und Jon zog bei ihm ein; die Leute aber fanden nicht, daß er Glück dabei gehabt hätte, einen Platz zu finden und verhöhnten ihn sehr.
Nun kam die Fischzeit. Eines Morgens erwachten Jon und der Alte davon, daß alle Fischer auf den Inseln bei schönstem, windstillstem Wetter hinausruderten. Da sagte der Alte: »Ich weiß nicht, ob ich auch versuchen soll, das Boot flott zu machen wie die andern. Ich glaube nicht, daß viel dabei herauskommt.« Jon fand, daß keine Gefahr dabei wäre, es zu versuchen. Da zogen sie ihre Lederanzüge an und stießen vom Land ab. Als sie aber gerade gegenüber von der eigentlichen Landungsstelle waren, schien es Jon, als ob er den Felsen erkenne, von dem die Riesin gesprochen hatte. Er fragte daher den Alten, ob es nicht klug wäre, es hier zu versuchen. Der Alte war erstaunt und sagte, daß das keinen Sinn hätte. Jon bat ihn, ihm spaßeshalber zu erlauben, nur einmal seine Schnur an dieser Stelle auszuwerfen. Das ließ der Alte zu. Kaum aber hatte Jon die Schnur ausgeworfen, als er einen Fisch heraufzog. Da reichte er dem Alten den andern Angelhaken, das Geschenk der Riesin. In Kürze kann nun erzählt werden, daß sie an diesem Tage dreimal an dieser Stelle das Boot voll hatten, und daß auf jeden von ihnen sechzig Stück vorzügliche Fische kamen. Da ruderten sie ans Land, lange bevor die andern kamen, – und dann waren sie bald damit fertig, die Fische zu reinigen und zuzubereiten. Alle waren erstaunt, wie viele Fische der Alte gefangen hatte. Sie fragten ihn, wo es so viele gäbe, und er erzählte ihnen, wie es war. Tags darauf ruderten die Inselbewohner früh hinaus, angelten am Felsen, merkten aber nichts von Leben an dieser Stelle, weshalb sie wieder fortruderten, dann aber fuhren erst Jon und der Alte hinaus. Es ging ihnen genau wie am vorigen Tag. Es sind nicht viele Worte darüber nötig, daß Jon und der Alte den ganzen Winter nach dem Felsen hinausruderten, und daß jeder zwölfhundert fing, und von allen auf der Insel waren die beiden am meisten vom Glück begünstigt. Am vorletzten Tag ruderten sie zum letztenmal hinaus, und da geschah es, als sie einmal die Leinen aufzogen, daß beide Angelhaken verschwunden waren, und so weit sie bemerkten, mußten sie losgemacht sein. Sie machten sich aber weiter keine Gedanken über diese Sache, sondern steuerten nach dem Land.
Nun ist zu erzählen, daß Jon mit dem Fisch nach dem Festlande zog und auf demselben Boot übergesetzt wurde, mit dem er im Herbst hinausgefahren war. Unterwegs spottete die Bootsmannschaft darüber, wie gut genährt seine Pferde nun wären, sie würden gewiß seine gedörrten Fische nach dem Nordland tragen können, meinten sie. Als sie sich aber dem Land näherten, sahen sie Jons Pferde am Strand aneinander gebunden stehen, genau wie er sie verlassen hatte. Nun waren die meisten neugierig und wollten sich die Pferde näher ansehen; sie waren aber nicht wenig überrascht, sie so feist zu finden, als wären sie den ganzen Winter über gemästet worden. Aber außer Jons Pferden stand noch ein Pferd da mit einem Saumsattel, braun von Farbe und schwer gebaut. Jons Genossen bekamen fast Angst vor ihm, denn sie hielten ihn für einen großen Zauberer, da er so glücklich geangelt hatte und seine Pferde in so gutem Stande waren, ohne daß jemand, so viel man wußte, für sie gesorgt hatte.
Jon band die gedörrten Fische auf die Pferde und lud ebenso viele auf das braune allein, wie auf seine beiden. Darauf ritt er allein nach Norden.
Nichts wird weiter von seinem Ritt berichtet, bis er an die Höhle der Riesin kam. Sie empfing ihn freundlich, und er blieb ein paar Tage bei ihr. Er gab ihr alle Fische, die der Braune getragen hatte. Sie plauderten über viele Dinge miteinander. Sie erzählte ihm, daß ihre Kinder im Winter gestorben wären, und daß sie sie unter dem Felsen neben ihrem Mann begraben hätte. Sie erzählte ihm auch, daß sie es gewesen sei, die ihnen die Haken von den Angelschnüren genommen hätte, als sie das letztemal ruderten, und daß sie gleichzeitig die Pferde an den Strand gebracht habe. Sie fragte Jon, ob er etwas von zu Hause gehört hätte, er aber erwiderte: »Nein.« Da sagte sie, daß sie ihm berichten könne, daß sein Vater im Winter gestorben sei, und da er das einzige Kind wäre, würde er ja jetzt die Wirtschaft übernehmen. Er würde nun nach dem Hof ziehen und sich im Sommer eine Frau nehmen und ein sehr glücklicher Mann werden. Schließlich sagte sie, daß sie eine Bitte an ihn hätte. Jon fragte, was für eine Bitte das sei. Die Riesin sagte: »Ich habe nun nicht mehr viel Zeit übrig, und ich will dich bitten herzukommen, sobald du von mir träumst; denn ich will dich bitten, mich neben meinem Mann und meinen Kindern zu begraben.« Dann zeigte sie ihm die Stelle, wo diese begraben waren. Sodann machte sie eine Seitenhöhle auf, in der zwei Truhen standen, die mit Gold und allerlei seltenen Schätzen gefüllt waren. Diese Truhen, sagte sie, sollte er von ihr erben, und das braune Pferd ebenfalls. Sie würde die Truhen schon zusammenbinden und hinaussetzen, ehe sie sterbe, und etwas darunter stellen, so daß er nur das Pferd dazwischenzusteuern und dann die Ösen über die Traghölzer am Saumsattel zu spannen brauche. Sie würde dem Braunen den Saumsattel schon auflegen, und er würde die Truhen mit Leichtigkeit tragen können, ohne daß er selbst nötig hätte, irgend etwas daran zu ändern, bis er nach dem Nordland käme. Dann trennten sich Jon und die Riesin mit großer Liebe voneinander. Von seiner Reise wird nun weiter nichts erzählt, als daß alles gut ging, bis er nach dem Nordland kam. Dort fand er alles, wie es die Riesin gesagt hatte, und alles geschah nach ihrem Wort. Jon übernahm die Wirtschaft seines Vaters und trat die ganze Erbschaft an, und früh im Sommer heiratete er eine Bauerntochter aus dieser Gegend. Nun ging es auf die Zeit, in der die Wiesen gemäht werden sollten, ohne daß etwas Neues geschah. Da träumte Jon eines Nachts von der Riesin. Sofort erinnerte er sich ihrer Bitte und stand aus dem Bett auf. Es war dunkle Nacht; draußen stürmte und regnete es. Jon bat seinen Knecht, seine beiden Reitpferde zu holen. Der Knecht gehorchte sofort, und Jon machte sich eiligst zu dem Ritt bereit. Seine Frau fragte ihm, weshalb er so plötzlich mitten in der Nacht und bei solchem Wetter fortwolle. Er wollte aber nichts darüber erzählen, bat sie jedoch, seinetwegen nicht unruhig zu sein, auch wenn er ein paar Tage fortbleiben würde. Dann zog er fort und ritt so schnell seine Pferde laufen konnten. Alles ging gut, und er kam an die Höhle. Die Riesin stand draußen und konnte nur noch ein paar Worte mit ihm sprechen. Er blieb bei ihr, bis sie ihre Seele ausgehaucht hatte und begrub sie dann an der Stelle, die sie selbst gewählt hatte. Darauf nahm er das braune Pferd, das mit dem Saumsattel dastand.
Vor der Höhle standen zwei Truhen mit Ösen daran. Jon steuerte das Pferd zwischen sie, legte die Stricke über die Sattelhölzer und zog dann mit allem fort. Der Ritt nach dem Nordland verlief glücklich. Jon blieb nun auf seinem Hof und wurde ein sehr reicher Mann. Er wohnte lange und zufrieden auf dem Hof, den er von seinem Vater geerbt hatte, hatte Erfolg in allem und genoß großes Ansehen bei alle Leuten.
Und so weiß ich nichts mehr von dieser Erzählung.
Ketil von Silfrunarstad
In längst vergangenen Zeiten wohnte auf Silfrunarstad im Skagefjord ein Bauer, dessen Name nicht bekannt ist. Dieser Bauer hatte viele Schafe; es war aber auch ein Boden da, der sich ausgezeichnet zur Schafzucht eignete. Er ließ sein Vieh gern vorn auf dem Berg an der Bessehütte grasen, manchmal jedoch auch weiter entfernt, und es verging eine lange Zeit, ohne daß sich etwas Merkwürdiges zutrug, und er wohnte jahrelang ganz ruhig dort.
Da geschah es eines Weihnachtsheiligabends, daß die Herde des Bauern auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbeitrieb, und er erwartete, daß sie jeden Augenblick käme. Er pflegte dem Hirten immer selbst beim Hereinlassen der Schafe behilflich zu sein; daher ließ er Auslug nach ihnen halten, und eine ganze Weile später, als er annahm, daß sie jetzt nach Hause gekommen sein müßten, ging er selbst hinaus; die Schafe waren aber nicht gekommen, sondern immer noch auf demselben Fleck zu sehen. Da sandte der Bauer Leute hin, die die Schafe heimwärts treiben sollten, der Hirt aber war nirgends zu finden, und die Nacht verging, ohne daß er nach Hause kam. Der Bauer mußte deshalb jemand anders die Aufsicht über die Schafe halten lassen. Man suchte nun nach dem Hirten, er war aber nirgends zu entdecken. Zu Anfang hatte man allerlei Vermutungen über sein Verschwinden, aber es kam so, daß die Leute allmählich weniger davon sprachen, wie es ja immer der Fall zu sein pflegt, wenn eine Zeit vergangen ist.
Nun ereignete sich nichts bis zum nächsten Weihnachtsfest. Am Heiligabend aber, als das Vieh auf dem Nachhauseweg am Grimshöi vorbei sollte, blieb es dort stehen, und es ging dort auf dieselbe Weise wie im Jahre zuvor zu. Der Bauer war sehr bekümmert darüber und machte sich allerhand Gedanken über das Verschwinden seiner Hirten. Das Gerede über all dies begann von neuem, und man fand, es ginge nicht mit rechten Dingen zu; nur wenige wollten die Schafe des Bauern hüten, und es fiel ihm sehr schwer, Leute für seinen Dienst zu finden.
Im Frühjahr aber trat ein junger Mann in seinen Dienst, der Ketil hieß; er war achtzehn Jahre alt und hatte Kraft und Mannesmut in der Brust. Im Herbst übernahm er das Hüten der Schafe und trieb sie auf die Weide, wie es früher geschehen war. Es ging auf Weihnachten. Am Tage des Heiligabends war das Wetter schön und Ketil trieb seine Schafe auf die Wiese wie sonst. Der Bauer beabsichtigte nun, genauer aufzupassen, wenn sie nach Hause kämen und sobald es sich tun ließ, nachzusehen, wie es dem Hirten ginge. Als es anfing zu dunkeln, ging also der Bauer aus dem Hause hinaus und schaute nach den Schafen aus; als er aber nichts von ihnen sehen konnte, ging er wieder hinein. Nach Verlauf einer kurzen Zeit aber kam er wieder heraus, und da waren die Schafe an den Grimshöi gekommen. Sofort ging er hin, Ketil aber war nirgends zu sehen. Das war ein harter Schlag für den Bauern, denn es gefiel ihm nicht besser, Ketil zu verlieren als die andern. Er glaubte denn auch felsenfest, daß es in Zukunft keiner mehr unternehmen würde, seine Schafe zu hüten.
Von Ketil aber ist zu erzählen, daß er, als der Tag ziemlich verstrichen war, seine Schafe in einer großen zerstreuten Trift am Felsenabhang entlang nach Hause trieb. Als er in die Nähe von Grimshöi gekommen war, sah er eine übermenschlich große Gestalt aus einem Einschnitt, der sich unten im Berg, gegenüber dem Hof von Silfrunarstad, befindet, heraustreten; dort ist nämlich ein kleiner Felsen gleichsam vom Felsen losgerissen, welche Öffnung »Die Schlucht« genannt wird. Das Ungeheuer nahm die Richtung auf die Schafe zu, die sich ängstlich um Ketil scharten. Er sah jetzt, daß es ein unglaublich großes Trollweib war. Es rief Ketil an und bat ihn um ein Schaf für das Fest. Ketil fand die Sache etwas schwierig, und er erzählte ihr, daß die Schafe nicht ihm gehörten, er hätte nur ein Schaf, das ein paar Tage alte Lämmer bei sich hätte; die zeigte er ihr und sagte ihr, daß sie diese nehmen könnte, wenn sie wollte. Sie brauchte nicht lange Zeit, um sie einzufangen, band sie an den Hörnern zusammen und warf sie über die Schulter. Dann fuhr sie auf Ketil zu, nahm ihn in ihre Arme und kehrte denselben Weg, den sie gekommen war, zurück. Als sie aus der Schlucht heraufgekommen war, ging sie an dem Berge entlang und machte große Schritte. Ketil sah ein, daß es ihm nichts nützte, wenn er auch zappelte, außerdem konnte er sich kaum bewegen. Sie setzte ihren Weg fort, bis sie an die Kluft in der Nähe des Bolstadbaches gekommen war, an einen großen Wasserfall, der dort unten im Berge ist. Diese Felsenkluft ist beinahe ungangbar. Dort stieg das Trollweib hinab in ihre Höhle unter dem Wasserfall. Sie ließ Ketil los und warf ihre Bürde auf den Boden. Sie bat Ketil, die Schafe zu schlachten und zuzubereiten; mit ihnen wollte sie, wie sie sagte, einen Weihnachtsschmaus für ihn und sich selbst halten. Sie setzte einen Kessel aufs Feuer und kochte das Essen eiligst. Darauf fing sie an, mit großer Gier zu essen und ließ Ketil mitessen. Sie erzählte ihm, daß sie die Ursache wäre, daß die Hirten von Silfrunarstad verschwänden, und daß sie die beiden vorigen Jahre hintereinander am Heiligabend zu ihnen gekommen wäre und sie gebeten hätte, ihr ein Schaf zu schenken, aus dem sie ihr Heiligabendessen bereiten könnte. Sie hätten ihr aber nur mürrische Antworten gegeben und sie tüchtig ausgescholten, und darum hätte sie sie in Behandlung genommen. Nun hätte aber er freundlich ihre Bitte erfüllt, und er würde ein sehr glücklicher Mann werden, da er doch weniger als einer der beiden andern zu verschenken gehabt hätte. Sie erzählte ihm, daß im Hornung sein Hausherr entschlafen würde; dann sollte er den Hof übernehmen und sich im nächsten Frühjahr auf ihm ansiedeln. Ketil aber sagte, daß er keinesfalls den Hof übernehmen könne, denn erstens wären die Felder groß und schwierig, und dann hätte er auch kein Geld. Außerdem fehle ihm eine Wirtschafterin und Hofgesinde. Sie aber sagte, daß er schon Geld in die Hand bekommen würde; denn binnen einem Monat würde sie sterben, und dann würde er alles erben, was in ihrer Höhle an Goldeswert wäre, und so würde es ihm nicht an Geld fehlen, um sich auf Silfrunarstad anzusiedeln. Darum aber wollte sie ihn bitten, sagte sie, daß er in einem Monat nach ihr sehen und ihren Leichnam dort vorn in den Wasserfall legen solle, wenn es ihm möglich wäre. Sie sagte, daß das Eigentum seines Hausherrn im darauffolgenden Frühjahr verkauft werden würde, er solle davon kaufen, was er brauche, und Geld zum Bezahlen solle er sich aus ihrer Höhle holen. Er solle dasselbe Gesinde dingen, das jetzt auf Silfrunarstad diene, und dann solle er um die Tochter des Pfarrers auf Havsteenstrand freien. Ketil fand jedoch, daß das ein wenig glücklicher Rat sei, er war ja ein armer, ungebildeter Mensch. Sie bat ihn, keine Angst davor zu haben. »Und hier ist ein Gürtel,« sagte sie, »den sollst du ihr um die Hüften legen. Er hat die Eigenschaft, daß sie Liebe zu dir faßt, wenn sie ihn um hat, und dann wird alles gut gehen.« Der Gürtel war aber auch ein seltener Schatz.
Ketil wollte nun nach Hause ziehen; denn er glaubte, daß sich sein Hausherr sicher über seine Abwesenheit gräme. Die Riesin aber sagte, daß das nichts zu sagen habe und bat ihn, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, und er fügte sich darein. Am nächsten Morgen begleitete sie ihn aus dem Wasserfall hinaus, zeigte ihm, wie man in die Höhle gelangen könne und ließ es ihn selbst versuchen, was ihm auch gut gelang. Darauf bot sie ihm Lebewohl und sagte dann, daß sie beide sich nicht häufiger sehen würden; sie wünschte ihm alles erdenkliche Glück und sagte, daß ihm die meisten Dinge nach Wunsch geraten würden, und daß dies der Anfang seines Glückes sei. Sie trennten sich unter großer Freundlichkeit; sie ging in ihre Höhle zurück, er aber beeilte sich, so sehr er konnte, um sein Heim zu erreichen.
Dort lag der Bauer zu Bett, so nahe war ihm das Verschwinden Ketils gegangen. Als aber Ketil nun kam, waren alle froh, besonders der Bauer, der gleich aus dem Bett stieg und glaubte, er hätte ihn aus der Hölle selber zurückerhalten. Er fragte Ketil, was denn seine Abwesenheit verschuldet hätte. Davon aber wollte Ketil nicht viel sprechen, und er erzählte weder von der Riesin, noch von ihrer Höhle. Dann hütete Ketil die Schafe wie zuvor.
Nach Verlauf eines Monats ging er in die Höhle hinein. Da fand er die Riesin tot. Ketil hatte Feuerzeug mit, zündete Licht an und trug ihren Leichnam aus der Höhle hinaus, und er erzählte später, daß er nie zuvor solch eine Kraftprobe bestanden hätte. Dann untersuchte er die Höhle und fand großen Reichtum an allerlei kostbaren Sachen und Gold. Er ließ aber vorläufig alles liegen.
Im Hornung wurde der Bauer krank, und nachdem er einen halben Monat zu Bett gelegen hatte, starb er. Da verlangte Ketil den Hof in Pacht, erhielt aber eine unwillige Antwort; denn der Eigentümer hielt es für die größte Torheit, ihn an ihn zu verpachten, jedoch gab er ihn auch keinem andern in Pacht. Es ging nun auf das Frühjahr, und die Erben verkauften das meiste der Einrichtung auf Silfrunarstad; Ketil kaufte einen großen Teil davon und bezahlte gleich bei der Zuteilung. Er hatte schon den größten Teil des Gesindes auf dem Hof gedungen, und nun fiel es ihm leicht, ihn zu pachten.
Im Frühjahr zog er nach Havsteenstad, wo er zum erstenmal mit der Tochter des Pfarrers zusammentraf; er gab ihr den Gürtel und legte ihn ihr um. Darauf brachte er sein Anliegen vor, daß er dorthin gekommen wäre, um um ihre Hand zu freien. Sie schien dem Manne hübsch und hoffnungsvoll, und da nun der Gürtel die Liebe in ihrer Brust entfachte, so versprach sie ihm ihr Ja, wenn ihr Vater seine Einwilligung dazu geben würde. Da trug Ketil dem Pfarrer sein Anliegen vor und bat ihn um seine Tochter. Der Pfarrer erwiderte sehr kühl darauf, und man merkte wohl, daß er fand, daß Ketil seiner Tochter nicht ebenbürtig sei, er, der nur schlecht und recht ein Bauer war. Weil aber Ketil nun reicher geworden war, als man früher glaubte und er sonst ein kluger und besonders tüchtiger Mann war, ließ sich der Pfarrer schließlich überreden, seine Einwilligung zu geben, daß sie ihm für diesen Sommer als Wirtschafterin nach Hause folgte; und darüber wurden sie dann einig.
Ketil zog nun mit der Pfarrerstochter nach Hause, und sie wurden im Sommer gut miteinander fertig. Im Herbst kam ihr Vater, und das Ende der Beratung war, daß Ketil sich mit der Tochter des Pfarrers verlobte, und im Herbst wurde ihre Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie liebten sich sehr und wohnten auf Silfrunarstad bis in ihr hohes Alter. Ketil hatte Glück in allem und wurde ein schwer reicher Mann, so daß niemand sich erinnern konnte, daß je ein so reicher Mann auf Silfrunarstad gewohnt hätte. Er hatte ja auch keinen Mangel an Geld aus der Höhle der Riesin, so lange er sein Heim in Ordnung brachte, und er richtete sich in jeder Hinsicht nach ihrem Rat. Diese Erzählung hörte man aus seinem eigenen Munde, als er ein alter Mann geworden war. Lange hatte sie sich später im Gedächtnis der Leute erhalten und sich von Mann zu Mann fortgepflanzt.
Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen
Zwei Männer waren einmal in den Bergen und sammelten Moos. Eines Nachts lagen sie beide in ihrem Zelt. Der eine schlief, der andere aber lag wach. Da sah dieser seinen schlafenden Kameraden aus dem Zelt hinausschreiten; er stand auf und ging ihm nach, konnte aber kaum so schnell laufen, daß der Abstand sich zwischen ihnen verringerte. Der Schlafende steuerte hinauf nach den Gletschern zu.
Da sah der andere eine Riesin, die oben auf den Zacken eines Gletschers saß. Sie streckte abwechselnd die Arme aus und zog sie wieder an die Brust zurück, und auf diese Weise zauberte sie den Mann an sich. Er lief ihr gerade in die Arme, worauf sie mit ihm davoneilte.
Im nächsten Jahr sammelten Leute aus seiner Ortschaft Moos an derselben Stelle in den Bergen; da kam er zu ihnen, war aber so schweigsam und in sich gekehrt, daß man kaum ein Wort aus ihm herausbekommen konnte. Die Leute fragten ihn, an wen er glaube, und er antwortete, daß er an Gott glaube.
Im zweiten Jahr kam er abermals zu denselben Leuten, die wieder in den Bergen waren, da aber war er einem Troll so ähnlich geworden, daß sie sich vor ihm fürchteten. Jedoch wurde er befragt, an wen er glaube; er gab aber keine Antwort, und diesmal verweilte er nicht so lange bei den Leuten wie in dem Jahr zuvor.
Im dritten Jahr kam er wieder zu den Leuten, und nun war er ein richtiger Troll geworden und hatte ein schier entsetzliches Aussehen. Da war aber einer, der ihn doch zu fragen wagte, an wen er glaube, er aber erwiderte, daß er an »Trunt, Trunt und die Trolle in den Bergen« glaube und verschwand darauf. Von diesem Tage ab wurde er nicht mehr gesehen; lange Jahre aber wagte auch niemand, Moos an dieser Stelle zu sammeln.
Der Nachttroll
An den Sommerweideplätzen, die den Bauern vom Mygsee gehörten, wohnte in alten Zeiten eine Riesin in einem Berg, der nach ihr »Der Schwanz der Riesin« heißt. Sie war einer der Nachttrolle, deren Natur es ist, daß sie nicht vertragen können, die Sonne zu schauen und deshalb stets nachts arbeiten müssen.
Diese Riesin bereitete den Bewohnern viel Schaden unter anderem dadurch, daß sie nachts die Fische aus dem Mygsee stahl. Man erzählt, daß sie in einem kleinen Boot umherruderte, das sie dann auf dem Rücken nach Hause trug. Eines Sommers hatte man Glück beim Fischen in Strandvig, das damals, wie später auch, der beste Fischplatz am Mygsee war. Den Sommer über machte es sich die Riesin zur Gewohnheit, jede Nacht Fische in der Bucht zu stehlen, und das gefiel den Strandbewohnern sehr wenig. Eines Nachts, spät im Sommer, begab sie sich an den See hinunter, um, wie sie gewöhnt war, darin zu fischen. Als sie aber hinunterkam, sah sie einen Bauern in der Bucht, der mit Angeln beschäftigt war. Sie hielt sich für nicht stark genug, um den Bauern anzugreifen, der mit drei anderen zusammen war, und wollte deshalb warten, bis er mit dem Angeln fertig war; der Bauer aber blieb, wo er war, vielleicht, daß er wußte, wie es mit der Riesin bestellt war, wenn es auf die Morgendämmerung ging. Die Riesin begann ungeduldig zu werden, wollte jedoch nicht unverrichteter Sache nach Hause zurückkehren. Endlich hörte der Bauer mit Angeln auf, und die Riesin ging hinunter und zog Netze in der Bucht auf. Als sie mit dieser Arbeit fertig war, machte sie sich auf den Nachhauseweg, als sie aber schon die halbe Strecke zurückgelegt hatte, ging die Sonne auf, und es wird nun erzählt, daß sie ihr Boot an der Stelle absetzte, an der sie sich gerade bei Sonnenaufgang befand, worauf alles miteinander in Stein verwandelt wurde.
Die Spuren davon sind heutigen Tages noch deutlich zu sehen. Das Boot steht noch auf einem Hügel, der mitten zwischen dem »Schwanz der Riesin« und dem Mygsee liegt und seitdem der »Bootshügel« heißt. Das Boot ist genau wie die Boote gebaut, die jetzt auf dem Mygsee benutzt werden, nur mit dem Unterschied, daß es größer ist. Man kann deutlich seine ganze Form erkennen, und noch kann man die Ruder sehen, und wo sie gesessen haben, und daß hierzu Einschnitte an den Seiten des Bootes benutzt worden sind und nicht die jetzt gebräuchlichen Ruderdullen. Im Hintersteven des Bootes befindet sich ein großer Haufen, und man glaubt, daß die Riesin sich hier zur letzten Ruhe niedergelegt habe.
Die Geisterhaube
In einem Ort, in dem eine Kirche liegt, wohnten unter anderen ein junger Gesell und ein Mädchen. Der Gesell hatte die Gewohnheit, dem Mädchen häufig Angst einzujagen, sie aber war so daran gewöhnt, daß sie sich nicht mehr erschrecken ließ; denn was sie auch sah, sie glaubte doch immer, daß er es sei, der ihr Furcht machen wolle.
Einmal geschah es, daß Wäsche gewaschen wurde, und darunter eine Menge weißer Nachthauben, die damals viel getragen wurden. Abends wurde das Mädchen gebeten, die Wäsche vom Kirchhof zu holen. Sie lief hinaus und begann, die Wäsche zu sammeln. Als sie beinahe fertig geworden war, sah sie, daß ein weißer Geist auf einem der Gräber saß. Da dachte sie bei sich, daß der Knecht sie wieder erschrecken wolle. Sie lief hin und entriß dem Geist die Haube, denn sie glaubte, der Gesell hätte sich eine der Hauben aufgesetzt und sagte: »Es gelingt dir diesmal nicht, mich zu erschrecken!« Dann ging sie mit der Wäsche hinein, drinnen aber war der Gesell.
Nun wurde die Wäsche nachgezählt, und da war eine Haube zu viel, die innen erdig war. Da erschrak das Mädchen. Am nächsten Morgen saß der Geist auf dem Grab, und man wußte nicht, was man anfangen sollte; denn niemand wagte, ihm die Haube zu bringen, und man schickte deshalb in die Nachbarschaft, um sich guten Rat zu holen. Es war ein alter Mann in der Gegend, der meinte, es ließe sich nicht vermeiden, daß dieser Fall schlimme Folgen hätte, wenn das Mädchen nicht selbst dem Geist die Haube brächte ,und sie ihm in Anwesenheit vieler Menschen schweigend auf den Kopf setzte. Man drang in das Mädchen, um sie zu überreden, dem Geist die Haube aufzusetzen, und sie ging auch hin, das Herz im Halse, stülpte dem Geist die Mütze auf den Kopf und sagte, als sie damit fertig war: »Bist du nun zufrieden?« Der Geist aber drehte sich um, schlug sie und sagte: »Ja, bist du auch zufrieden?« Und damit stürzte er sich in das Grab hinab. Das Mädchen fiel um von dem Schlag, und die Leute liefen hinzu und hoben sie auf, sie war aber tot.
Der Gesell aber bekam einen Verweis, weil er sie so oft erschreckt hatte; denn dadurch, glaubte man, wäre er die eigentliche Ursache des ganzen Unglücks. Da hörte er auf, den Leuten Angst einzujagen. Und so ist diese Erzählung aus.
Der Bräutigam und das Gespenst
Vier Männer waren einmal dabei, ein Grab zu schaufeln; einige sagen, daß es auf dem Kirchhof zu Reykholar war. Es waren alles lustige Leute, einer von ihnen aber war doch der übermütigste von allen. Als das Grab tiefer zu werden begann, kamen eine Menge Menschenknochen zum Vorschein und darunter ein Oberschenkel, der einem ungeheuer großen Mann gehört hatte. Der übermütigste der grabenden Männer nahm den Schenkelknochen in die Hand, besah ihn sich genau und maß ihn an seinem eigenen Schenkel, und die Sage erzählt, daß er ihm von der Fußsohle bis an die Hüfte reichte, obgleich er ein Mann von mittlerer Größe war. Er sagte im Scherz: »Darin kann ich nicht irren, daß dieser Mann ein tüchtiger Ringer gewesen ist, und es würde spaßhaft sein, ihn als Gast zu haben, wenn ich einmal Hochzeit feiere.« Die anderen gaben ihm darin recht, sprachen jedoch weiter nichts darüber. Dann legte der Mann den Oberschenkelknochen zu den übrigen Knochen.
Nun wird erst fünf Jahre später wieder etwas berichtet, als dieser junge Mann sich mit einem Mädchen verlobte und schon das zweite Aufgebot stattgefunden hatte. Da träumte seiner Braut drei Nächte hintereinander, daß ein furchtbar großer Mann an ihr Bett käme und sie fragte, ob ihr Bräutigam daran dächte, was er einmal vor ein paar Jahren zu ihm im Übermut gesagt hätte, und in der letzten Nacht fügte er hinzu, daß er dem nicht entgehen würde, ihn als Tischgast bei der Hochzeit zu haben. Das Mädchen antwortete darauf nichts, aber unheimlich war ihr im Schlaf zumute, als sie das erfuhr und sah, wie groß der Mann war. Sie erzählte ihrem Bräutigam die Träume nicht eher, bis sie dreimal von dem Mann geträumt hatte. Da sagte sie morgens zu ihm: »Wen hast du denn gedacht, zu unserer Hochzeit einzuladen, mein Schatz?« »Das weiß ich noch nicht, mein Herz,« erwiderte er »daran habe ich noch nicht gedacht, ich wollte erst die drei Aufgebote erledigt haben.« »Hast du denn bis jetzt gar keinen eingeladen?« fragte sie. Er antwortete, daß er das, soweit er sich erinnern könnte, nicht getan habe; er begann jedoch nachzudenken, und es kam ihm sonderbar vor, daß sie ihn so eifrig danach fragte. Nach einiger Überlegung sagte er, daß er sicher noch niemand eingeladen hätte; allerdings habe er vor ein paar Jahren im Scherz zu dem Schenkelknochen eines verstorbenen Mannes, der aus einem Grabe ausgegraben worden wäre, gesagt, daß es wohl spaßig sein würde, einen so hochgewachsenen Mann als Gast zu haben, wenn er einmal Hochzeit feiern sollte, aber darum könnte man doch nicht behaupten, daß er jemand eingeladen hätte. Seine Braut wurde dabei etwas ernst und sagte, daß derlei Scherze nicht angebracht gewesen wären, und am wenigsten bei den Knochen der Hingeschiedenen. »Und nun kann ich dir sagen, daß der, mit dem du diesen Scherz getrieben hast, sicher ernstlich die Absicht hat, als Gast auf unserer Hochzeit zu erscheinen.« Und dann erzählte sie ihm alle ihre Träume, und welche Drohungen der große Mann in der letzten Nacht ausgestoßen hätte. Über all dies war ihr Bräutigam entsetzt und sagte, daß sie darin recht hätte, daß es besser gewesen wäre, wenn sein Mund mit derartigen Scherzen geschwiegen hätte.
Abends ging er zu Bett, wie immer, nachts aber schien es ihm, als käme ein ungeheuer großer Mann, der einem Riesen ähnlich sah und ein unfreundliches und barsches Aussehen hatte, zu ihm und fragte, ob er jetzt gewillt wäre, das Versprechen, daß er ihm vor fünf Jahren gegeben hätte, einzulösen, nämlich ihn als Tischgast auf seiner Hochzeit zu haben. Der Bräutigam war ganz entsetzt und antwortete, daß es wohl dabei bleiben müßte. Der andere sagte, daß er es nicht ändern könne, ob es ihm nun gefiele oder nicht, und daß es ganz überflüssig gewesen sei, sich mit seinen Knochen zu beschäftigen, und daß es ihm ganz gut wäre, wenn er jetzt zu spüren bekäme, was das zu bedeuten hätte. Dann verließ ihn das Gespenst, er aber schlief bis zum Morgen und erzählte seiner Braut dann, was er geträumt hatte und bat sie um einen guten Rat. Sie sagte, daß er Zimmerleute und Bauholz kommen und dann in großer Eile ein Haus aufführen lassen solle, das zu der Größe des Mannes passe, der sie beide im Traum besucht hätte, derart, daß er aufrecht, darin stehen könne; inwendig aber solle jede Wand so lang sein, wie sie bis an die Querbalken hoch sei, dann solle er Decken aufhängen lassen, wie man einen anderen Hochzeitssaal auszuschmücken pflege; er solle ein weißes Tuch über den Tisch dieses Gastes breiten, ihm geweihte Erde auf einer Platte und Wasser in einer Flasche bringen lassen, denn andere Gerichte würde er nicht genießen; er solle einen Stuhl an den Tisch und ein Bett hereinstellen lassen, falls er Lust verspüren sollte, sich auszuruhen; drei Kerzen solle er auf seinen Tisch stellen, und er selbst müsse ihn dorthin begleiten, sich aber in acht nehmen, ihm voran zu gehen, und vor allem aufzupassen, daß er nicht unter einem Dach mit ihm sei. Auch dürfe er keinerlei Einladung von ihm annehmen, wenn er damit kommen würde, und so wenig wie möglich solle er mit ihm reden, die Tür aber zuschließen und ihn dann verlassen, wenn er ihm die aufgetischten Gerichte angeboten hätte. Der Bräutigam verhielt sich nun genau so, wie ihm seine Braut vorgeschrieben hatte, ließ ein freistehendes Haus von passender Größe aufführen und alles so einrichten, wie schon erzählt worden ist.
Nun näherte sich der Festtag, und die Trauung wurde auf die übliche Weise vollzogen; dann setzte man sich zu Tisch, und als es dunkel geworden war, erhob man sich wieder von der Tafel, ohne daß etwas Besonderes geschah. Dann gingen einige Hochzeitsgäste im Hochzeitssaal auf und ab, andere wieder saßen bei den Bechern und plauderten. Das Brautpaar saß noch still, wie es Sitte ist. Da ertönte ein harter Schlag gegen die Tür, keiner aber hatte besondere Lust aufzumachen. Da zupfte die Braut leise ihren Bräutigam, der aber wie eine Leiche im Gesicht dabei aussah. Eine kleine Weile verstrich, dann wurde wieder an die Tür geklopft, und diesmal viel lauter als das vorige Mal. Da nahm die Braut ihren Bräutigam bei der Hand, führte ihn, obgleich er sich sträubte, an die Tür und öffnete. Da sahen sie einen entsetzlich großen Mann, der sagte, daß er jetzt als Hochzeitsgast gekommen sei. Die Braut stieß ihren Bräutigam sanft aus dem Hochzeitshaus hinaus, damit er diesen Gast empfinge, und indem sie die Tür wieder zuschloß, bat sie Gott, ihn zu stärken.
Von dem Bräutigam aber ist zu berichten, daß er mit diesem Manne nach dem Haus ging, das er für ihn hatte aufführen lassen und ihn hineinwies. Der Gast wollte, daß der Bräutigam vorangehe, das aber wollte dieser nicht. Das Ende war dann, daß der Fremde voran in das Haus ging und sagte, daß sich der Bräutigam von diesem Augenblick an hüten solle, sich je wieder mit den Gebeinen eines toten Mannes einzulassen. Der Bräutigam tat, als hörte er das nicht, sondern bat den Gast, sich an den aufgetischten Gerichten gütlich zu tun und ihm nicht zu verübeln, daß er nicht bei ihm bleiben könne. Der andere aber bat den Bräutigam, doch endlich einen Augenblick hereinzukommen; das wollte der Bräutigam aber keinesfalls. Da sagte das Gespenst: »Da du diesmal keine Zeit hast, bei mir zu bleiben oder zu mir hereinzukommen, hoffe ich, daß du mir doch das Vergnügen machst, als Gegengabe bei mir als Gast zu erscheinen.« Der Bräutigam lehnte das aber mit Bestimmtheit ab und verriegelte die Tür. Dann ging er in das Hochzeitshaus, in dem es ziemlich ruhig war; denn alle waren bei dieser Begebenheit still geworden. Nur die Braut saß mit munterem Gesicht da. Die Gäste entfernten sich allmählich, einer nach dem andern. Das Ehepaar aber ging zur Ruhe und schlief bis zum Morgen.
Morgens wollte der Bauer nach dem Gast sehen, der am Abend zuvor zuletzt gekommen war. Die Braut aber sagte, daß er keinen Schritt dorthin tun solle, bis sie mitkäme. Sie gingen beide nach dem Hause, sie voran, und er schloß auf; da war keine Spur von dem Gast zu sehen; er hatte die Flasche geleert, die Erde von der Platte aber überall auf den Boden verstreut. »Das habe ich geahnt,« sagte die Frau, »wärest du nach dem Hause vorangegangen und hättest du mit dem Fuße in diese Erde getreten, dann wärest du in die Gewalt des Gespenstes geraten und hättest nie auf die Menschenwelt zurückkehren können. Mir aber schadet es nichts, wenn ich hineintrete, und nun werde ich das Haus fegen und säubern.«
Andere erzählen, daß das Gespenst, als es wieder fortgehen wollte, an die Tür gegangen sei, entweder von dem Hochzeitshaus selbst oder von der Schlafkammer des Ehepaars, und gesungen habe:
»Meinen Dank ihr nicht verdient!
Für das Festmahl auf dem Tisch;
Mein Getränk war Wasser frisch,
Meine Speise Erd’ und Lehm.«
Von diesem Tage an besuchte es diese Leute nicht mehr, und sie lebten lange in Liebe und Glück zusammen.
Der Küster von Mörkaa
Es lebte in alten Tagen ein Küster auf Mörkaa im Oefjord; sein Name wird nicht genannt, er war aber gut Freund mit einem Mädchen, das Gudrun hieß und nach der Aussage einiger Leute auf Baegisaa jenseits des Hörgbaches zu Hause war, wo sie bei dem Pfarrer im Dienst war.
Der Küster hatte ein Pferd mit grauer Mähne, das er Faxe nannte, und das er immer ritt. Es geschah einmal kurz vor Weihnachten, daß er nach Baegisaa kam, um Gudrun zum Weihnachtsfest nach Mörkaa einzuladen, und er versprach, sie zu einer bestimmten Zeit abzuholen und sie zu dem Schmaus am Tage vor Heiligabend zu begleiten. In den Tagen, bevor der Küster hinritt, um Gudrun einzuladen, war viel Schnee gefallen, und Eis hatte sich auf dem Wasser gebildet; aber an dem Tage, an dem er nach Baegisaa ritt, war Tauwetter, und im Laufe des Tages wurde der Bach durch Treibeis und starke Strömung unpassierbar. Er zog von zu Hause fort, ohne daran zu denken, was sich tagsüber geändert haben könnte, und glaubte, der Bach wäre noch derselbe wie am Morgen. Über den Öxnedalsbach führte eine Brücke; als er aber an den Hörgbach kam, war dieser gestiegen und hatte das Eis gesprengt. Er ritt daher an dem Bach entlang, bis er gegenüber von Saurbör war, dem nächsten Hof von Mörkaa, wo eine Brücke über den Bach führt. Der Küster ritt auf die Brücke hinunter, kaum aber hatte er ihre Mitte erreicht, als sie zerbrach und er in den Bach fiel.
Als der Bauer auf Tuevold am nächsten Morgen aus seinem Bett stieg, sah er ein gesatteltes Pferd auf seinem Heimacker stehen, und es war ihm, als ob er des Küsters Faxe wiedererkenne. Dabei wurde ihm etwas eigen zumute, denn er hatte den Küster am vorhergehenden Tage dort vorbeireiten sehen, aber nicht bemerkt, daß er zurückgekehrt war, und er ahnte bald, was vorgefallen war. Er ging nun auf den Acker hinaus, und es war richtig Faxe, der da stand, triefend naß und arg mitgenommen. Dann ging er an den Bach hinunter, nach der sogenannten Tuevoldsnaes; dort fand er den Küster gleich vorn an der Landzunge, an die er als Leiche angetrieben war. Der Bauer zog sogleich nach Mörkaa und erzählte diese Neuigkeit. Als man den Küster fand, war sein Hinterkopf sehr von den treibenden Eisschollen beschädigt worden. Er wurde nach Mörkaa gebracht und in der Woche vor Weihnachten beerdigt.
Seitdem der Küster von Baegisaa fortgezogen war und bis zu dem Tage vor Heiligabend war keine Nachricht über das Vorgefallene von Mörkaa gekommen, des ununterbrochenen Tauwetters und der starken Strömung wegen. Aber am Tage vor dem Fest hatte sich das Wetter geändert, und nachts war das Wasser im Bach gesunken, so daß Gudrun Hoffnung hatte, zum Weihnachtsfest nach Mörkaa zu kommen. Gegen Abend begann sie sich zu putzen, und als sie sich fast fertig geschmückt hatte, hörte sie jemand an die Tür klopfen; ein anderes Mädchen, daß bei ihr stand, öffnete, sah aber niemand draußen; draußen war es weder hell noch dunkel; denn der Mond segelte hinter Wolken, die unaufhörlich an ihm vorbeiglitten.
Das Mädchen kam herein und sagte, daß sie nichts gesehen hätte, Gudrun aber meinte: »Dann wird es wohl mir gelten, nun werde ich hinausgehen.« Sie war inzwischen fertig geworden mit Putzen, und sie brauchte sich nur noch den Mantel anzuziehen. Sie nahm den Mantel und zog den einen Ärmel an, den andern aber warf sie über die Schulter und hielt ihn fest. Draußen sah sie Faxe vor der Tür stehen und daneben einen Mann, den sie für den Küster hielt. Ob sie mit einander sprachen, weiß man nicht, der Mann aber hob Gudrun aufs Pferd, bestieg es dann selbst und setzte sich vor sie.
Sie ritten nun eine Weile, ohne miteinander zu reden, und kamen an den Hörgbach, an dessen Ufern hohe Eisblöcke aufgeschichtet lagen; als das Pferd über solch ein Eisstück sprang, wurde der Hut des Küsters hinten aufgehoben, und da erblickte Gudrun den bloßgelegten Schädel. In diesem Augenblick verzogen sich die Wolken vor dem Mond; da sagte er:
»Der Mond gleitet,
Der Tod reitet,
Siehst du nicht den weißen Fleck
Im Genick,
Garun, Garun?«[4]
Sie entsetzte sich darüber, schwieg aber. Andere dagegen sagen, daß Gudrun selbst seinen Hut aufhob und dabei den weißen Schädel entdeckte, und daß sie dann gesagt habe: »Ich weiß nun, woher das kommt.«
Nun wird nichts mehr über ihre Gespräche oder ihren Ritt berichtet, bis sie nach Mörkaa gekommen waren, wo sie vor der Seelenpforte[5] vom Pferde stiegen; da sage er zu Gudrun:
»Hier nun warte, Garun, Garun,
Bis geführt ich Faxe, Faxe,
Weiter an die Mauer, Mauer.«
Er ging dann fort mit dem Pferd, sie aber blickte zufällig in den Kirchhof hinein und erschrak, als sie ein offenes Grab entdeckte. Da kam ihr der Gedanke, den Glockenstrang zu ziehen; plötzlich aber packte sie jemand von hinten, und es wurde nun ihr Glück, daß sie keine Zeit gehabt hatte, beide Mantelärmel anzuziehen; denn er zog so stark, daß der Mantel an der Schulternaht des Ärmels, den sie angezogen hatte, entzweiriß. Das letzte aber, was sie von dem Küster sah, war, daß er sich, mit dem Mantelfetzen in der Hand, in das offene Grab warf, worauf die Erde von beiden Seiten über ihn herabgefegt wurde.
Gudrun fuhr fort zu läuten, bis die Hofleute von Mörkaa herauskamen und sie holten, denn ihr war bei alledem so angst geworden, daß sie weder zu gehen, noch mit dem Läuten aufzuhören wagte; sie konnte sich wohl denken, daß sie hier mit dem Geist des Küsters zu tun hatte, obgleich sie vorher keine Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Darüber erhielt sie Gewißheit, als sie ins Gespräch mit den Leuten von Mörkaa kam, die ihr die ganze Geschichte von dem Tode des Küsters erzählten, während sie ihnen dagegen von ihrem Ritt berichtete.
In derselben Nacht, als alle zu Bett gegangen und die Lichter gelöscht waren, kam der Küster und stürmte mit solchem Ungestüm auf Gudrun ein, daß die Leute aufstehen mußten, und niemand konnte ein Auge in dieser Nacht zutun. Noch einen halben Monat danach konnte sie nie allein sein, und jede Nacht mußte jemand bei ihr wachen. Ja, einige sagen sogar, daß der Pfarrer selber auf dem Bettrand bei ihr sitzen und im Gesangbuch lesen mußte. Schließlich wurde ein Zauberer westlich vom Skagefjord geholt. Als er kam, ließ er einen großen Stein, der oberhalb des Heimackers lag, ausgraben und ihn an den Giebel des Schlafhauses wälzen. Abends, als es zu dunkeln begann, kam der Küster und wollte in das Haus hinein, der Zauberer aber erwischte ihn südlich vom Giebel, zwang ihn dort mit vielen Beschwörungen in die Erde und wälzte dann den Stein über ihn; und dort soll der Küster heute noch liegen.
Nach dieser Zeit hörte der Spuk auf Mörkaa auf, und Gudrun erholte sich wieder. Etwas später zog sie wieder heim nach Baegisaa, aber man sagt, daß sie nie wieder dieselbe wurde, die sie früher gewesen war.
Fußnoten:
[4] Garun = Gudrun. Gespenster können nämlich nicht »Gud«, Gottes Namen, oder ein Wort, das Gottes Namen enthält, aussprechen.
[5] Isl. »sàluhlid« = die Pforte, durch die die Leichen in die Kirche gebracht werden.
Sigurd und das Gespenst
Auf einem Hof wohnte ein Bauer, der einen Sohn hatte, der Sigurd hieß. Allen Leuten kam es so vor, als ob der Sohn ein wunderlicher Kauz sei; wenig beliebt war er, er war aber auch ein solcher Ausbund, daß kein Auskommen mit ihm war.
Einmal kam auf diesen Hof ein Mann, mit Namen Sigurd, der den Bauern bat, den Winter über dort bleiben zu dürfen und die Erlaubnis dazu erhielt. Der Fremde konnte weiter nichts verrichten als die Harfe spielen. Die beiden Namensvettern aber wurden so gute Freunde, daß der Bauernsohn sich nicht gern woanders aufhielt als bei dem Fremden.
Der Winter verstrich, und zum Frühjahr zog der Wintergast wieder fort. Nachdem er das Haus verlassen hatte, langweilte sich der Bauernsohn überall, so daß er nirgends bleiben konnte, und im Herbst zog er hinaus, um Sigurd zu suchen. Er ging auf jeden Hof, zog von Ortschaft zu Ortschaft, von Syssel zu Syssel und fragte überall nach seinem Namensvetter Sigurd. Endlich kam er an einen Pfarrhof, in dem er auch nach seinem Namensvetter fragte. Niemand wußte etwas von ihm, so viel aber erzählte man ihm doch, daß kürzlich ein Mann, der Sigurd hieß, angekommen wäre, er sei aber eben gestorben. Er fragte, wo er liege. Man sagte ihm, daß er draußen in der Küche läge, und daß er gerade in den Sarg gelegt worden wäre. Er bat, dort hingehen zu dürfen, und nachdem er die Erlaubnis dazu bekommen hatte, blieb er die ganze Nacht über am Sarge sitzen. In der Nacht stieg der tote Sigurd aus dem Sarg, ging hinaus und blieb lange fort. Sigurd, der Bauernsohn, aber saß unterdessen am Sarg.
Es traf sich, daß die Frau des Pfarrers auf dem Hof jüngst ein Kind geboren hatte. Gegen Morgen kam das Gespenst wieder und wollte in den Sarg. Der Bauernsohn sagte, das dürfe es nicht, wenn es ihm nicht erzähle, was es getrieben habe. »Ich habe mit meinem Geld gespielt,« sagte das Gespenst. »Und jetzt will ich wieder in meinen Sarg,« fuhr es fort. »Nicht, ehe du mir sagst, wo das Geld liegt,« sagte Sigurd. »Das wirst du nicht erfahren,« sagte das Gespenst. »Dann kommst du auch nicht in den Sarg,« erwiderte Sigurd. Da erzählte das Gespenst, daß es unter der Ecke in der Badstube läge. »Wie viel ist es?« fragte Sigurd. »Ein Scheffel,« erwiderte das Gespenst. »Hast du weiter nichts vorgehabt?« fragte Sigurd. »Nein,« antwortete das Gespenst. »Du hast sicher noch mehr ausgefressen,« sagte Sigurd. »Du kommst nicht eher in den Sarg, bis du es mir gesagt hast.« »Ich habe die Pfarrersfrau getötet,« sagte das Gespenst. »Warum hast du das getan?« fragte Sigurd. »Ich wollte ihr Freund sein, als sie noch lebte,« sagte das Gespenst, »sie aber wollte nicht.« »Wie hast Du denn das angestellt?« fragte Sigurd. »Ich habe ihr alles Leben, das in ihr war, in den kleinen Finger hineingestrichen,« erwiderte das Gespenst. »Kann sie nicht wieder zum Leben erweckt werden?« fragte Sigurd. »Ja,« antwortete das Gespenst, »wenn die Schnur, die ich ihr um den kleinen Finger gebunden habe, so behutsam gelöst wird, daß kein Blut fließt. Jetzt aber will ich in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst.
»Nicht eher, bis du mir versprichst, nie wieder aus dem Sarge zu steigen,« antwortete Sigurd. »Ich will in den Sarg hinein,« sagte das Gespenst. »Versprich mir erst das andere,« erwiderte Sigurd. Das Ende vom Liede war, daß das Gespenst versprach, nie mehr aus seinem Sarg aufzustehen. Es legte sich nun in den Sarg, und dieser schloß sich wieder.
Am Morgen kam Sigurd auf den Hof und traf die Leute in großer Trauer an. Er fragte, was ihnen fehle, und sie erzählten ihm, daß die Frau des Pfarrers in der Nacht gestorben sei. Er bat um die Erlaubnis, sie sehen zu dürfen, und man zeigte ihm, wo sie lag. Er löste die Schnur an dem kleinen Finger der Pfarrersfrau und strich ihren ganzen Körper, bis sie allmählich wieder auflebte. Dann erzählte er dem Pfarrer von seinem Handel mit dem Gespenst und zeigte ihm das Geld, um die Wahrheit seines Berichts zu beweisen. Er wurde nun in allen Ehren von dem Pfarrer gehalten, der ihn in seinen Dienst nahm und, wie gesagt wird, einen sehr tüchtigen Mann aus ihm gemacht haben soll, und es wird erzählt, daß Sigurd sich von diesem Tage an immer gut führte.
Und so endet diese Erzählung.
Der mutige Bursch
Es war einmal ein sehr bockbeiniger Bursch, der sich aus nichts etwas machte. Seine Nächsten, ob es nun seine Eltern oder Anverwandten waren, waren darüber voller Kummer; denn was sie auch mit ihm anstellten, sie konnten ihn durch nichts in Schrecken versetzen. Als sie ihn ganz aufgegeben hatten, brachten sie ihn beim Pfarrer unter, den sie von allen für am besten geeignet hielten, etwas aus dem Burschen zu machen und seinen Mut zu zähmen.
Als der Bursch zum Pfarrer gekommen war, zeigte sich bald dasselbe, daß es nichts gab, wovor er sich fürchtete, was der Pfarrer auch anstellen mochte. Der Bursch aber zeigte dem Pfarrer gegenüber ebensowenig Trotz und Vorwitz wie gegen diejenigen, bei denen er vorher gewesen war. So verging nun einige Zeit; der Bursch blieb bei dem Pfarrer, und dieser gab sich alle erdenkliche Mühe, ihn auf irgendeine Weise in Schrecken zu versetzen, es gelang ihm aber nie. Einmal im Winter waren drei Leichen, die beerdigt werden sollten, in die Kirche gebracht worden; weil sie aber so spät am Tage ankamen, wurden sie in die Kirche gestellt, um erst am nächsten Tag beerdigt zu werden. Es war in damaliger Zeit hierzulande Sitte, daß die Leichen nicht in Särgen beerdigt wurden, und so kam es, daß diese Leichen nur die Totenkleider anhatten. Als die Leichen in die Kirchen gebracht worden waren, ließ der Pfarrer sie quer über den Gang zwischen den Kirchenstühlen vorn in der Kirche legen, nebeneinander, jedoch mit einem kleinen Zwischenraum zwischen je zweien. Im Laufe des Abends sagte der Pfarrer zu dem Burschen: »Ach, geh doch einen Augenblick für mich in die Kirche hinüber, mein Junge, und hole mir das Buch, das auf dem Altar liegt.« Der Bursch gehorchte sofort; denn ungehorsam war er nicht, auch wenn er starrköpfig war. Er ging in die Kirche hinüber, schloß die Tür auf und wollte den Mittelgang hinaufgehen. Als er ein kleines Stück von der Tür entfernt war, stolperte er über etwas, an das er mit den Füßen stieß. Er ließ sich jedoch nicht erschrecken, tastete mit den Händen um sich und merkte dann, daß er über eine Leiche gefallen war, die er nahm und zwischen die Bänke an der einen Seite schleuderte. Er ging nun weiter hinein, fiel aber zum zweitenmal über eine Leiche. Er verfuhr mit ihr auf dieselbe Weise wie mit der ersten. Dann ging er weiter vorwärts, stolperte aber über eine dritte, die er wie die beiden andern vom Fußboden zwischen die Bänke warf. Dann ging er zum Altar, nahm das Buch, und nachdem er die Kirche wieder zugeschlossen hatte, brachte er es dem Pfarrer. Der Pfarrer nahm das Buch und fragte, ob er etwas bemerkt hätte. Der Bursche antwortete: »Nein,« und zeigte keinerlei Veränderung. Der Pfarrer fragte: »Hast du denn gar nichts von den Leichen gemerkt, die in dem Gang lagen?« Der Bursch erwiderte: »Ach so, ja, die Leichen, die habe ich bemerkt; ich wußte nicht recht, was der Herr Pfarrer meinte.« »Nun, und wie hast du sie denn bemerkt,« sagte der Pfarrer, »sie lagen dir wohl im Wege?« »Es ist nicht der Rede wert,« sagte der Bursch. »Was hast du denn gemacht, um durch die Kirche zu kommen?« fragte der Pfarrer. »Ich habe sie vom Fußboden aufgehoben und zwischen die Kirchenstühle geworfen, und da liegen sie noch.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf und sprach nicht mehr mit ihm über diese Sache. Morgens als die Leute aufgestanden waren, sagte der Pfarrer zu dem Burschen: »Jetzt mußt du von hier fort; ich will dich in meinem Hause nicht länger haben, da du so rücksichtslos bist, daß du dich nicht schämst, die Ruhe der Entschlafenen zu stören.« Der Bursch antwortete höflich, sagte aber dem Pfarrer und den Leuten auf dem Hof dann Lebewohl.
Nun zog er eine Zeitlang umher, ohne daß er einen Fleck hatte, auf den er seinen Kopf legen konnte. Auf einem Hof aber, auf dem er die Nacht über blieb, hörte er, daß der Bischof auf Skalholt gestorben sei. Da machte er einen kleinen Umweg und wanderte auf Skalholt zu. Als er dorthin kam, begann der Tag auf die Neige zu gehen, und deshalb bat er um Obdach für die Nacht. Es wurde ihm geantwortet, daß es ihm gern vergönnt werde, er müsse aber selber für seine Sicherheit sorgen. Er fragte, ob es etwas Böses mitbringe, wenn er dort bleibe, und was es verursache. Die Leute erwiderten ihm, daß sich die Verhältnisse nach dem Tode des Bischofs so verändert hätten, daß es kein Mensch aushalten könne, zu Hause zu bleiben, wegen lauter Spuks, sobald es zu dunkeln beginne, und deshalb müßten seitdem jede Nacht alle Leute von dort flüchten. »Dann bleibe ich noch lieber hier,« sagte der Bursch. Die Leute des Hofes baten ihn jedoch, nicht so zu reden; denn es wäre wahrhaftig kein Vergnügen dazubleiben. Als es dunkel wurde, begannen die Leute allmählich, den Hof zu verlassen, und schweren Herzens sagten sie dem Burschen Lebewohl; denn sie erwarteten nicht, ihn wiederzusehen. Der Bursche blieb zurück und war ausgezeichneter Laune. Dann ging er im Hause umher und sah sich um. Der letzte Ort, an den er kam, war die Küche. Es war großer Wohlstand in der Wirtschaft; eine Menge feiste Schafrümpfe hingen aneinandergereiht da, und alles, was er sah, stand dazu im Verhältnis. Der Bursch hatte lange kein Dörrfleisch gesehen, und er fing an, Appetit darauf zu bekommen, als er sah, daß hier solch Überfluß daran war. Schlafen wollte er nicht, um den Geist umso besser sehen zu können, und er entschloß sich deshalb, Feuer anzuzünden, und dann zerkleinerte er Holz und setzte einen Topf mit Wasser über das Feuer, zerschnitt dann einen Schafrumpf und legte ihn in den Topf. Bis jetzt hatte er nichts von Spuk gemerkt. Als aber alles in den Topf getan war, hörte er, daß oben im Schornstein mit dumpfer Stimme gesagt wurde: »Darf ich fallen?« Er erwiderte: »Warum sollst du nicht fallen?« Da fiel der ganze oberste Teil eines Mannes durch den Schornstein herab, ein Kopf mit Schultern und Armen und Händen daran, und eine Weile lag dieser Klumpen auf dem Boden, ohne sich zu bewegen. Gleich darauf hörte der Bursch, daß oben im Schornstein gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er antwortete wie das vorige mal: »Warum sollst du nicht fallen?« Und durch den Schornstein herab fiel der mittlere Teil eines Mannes bis zu den Lenden. Dieser Klumpen fiel neben den andern und blieb dort liegen, ohne sich zu bewegen. Da hörte der Bursch noch einmal, daß oben im Schornstein gefragt wurde: »Darf ich fallen?« Er antwortete wie zuvor: »Warum sollst du nicht fallen? Du mußt doch etwas haben, worauf du stehen kannst!« Da fielen die Füße eines Mannes herab; sie waren unerhört groß, wie die Klumpen, die zuerst heruntergefallen waren. Nach dem Fallen lagen alle Klumpen eine Weile ruhig auf dem Boden. Als der Bursche dessen überdrüssig wurde, ging er zu ihnen hin und sagte: »Da nun alles, was zu dir gehört, heruntergekommen ist, ist es wohl am besten, daß du anfängst umherzuholpern.« Alle Klumpen schoben sich zusammen und wurden zu einem furchtbar großen Mann. Er sagte kein Wort zu dem Burschen, sondern ging aus der Küche hinaus und ins Vorderhaus. Der Bursch folgte dem großen Mann, wo er auch hinging. Der Mann ging in ein Zimmer vorn im Hause und trat an eine große Truhe. Diese öffnete er, und der Bursch sah, daß sie voll Geld war. Der große Mann nahm eine Handvoll Geld nach der andern aus der Truhe, warf die Münzen über den Kopf und ließ sie hinter sich herabfallen. In dieser Weise trieb er es bis spät in die Nacht, bis er die Truhe geleert hatte. Da griff er in den Haufen, den er auf den Fußboden geschüttet hatte, und schaufelte ihn auf dieselbe Weise über seinen Kopf wieder in die Truhe zurück.
Der Bursch stand neben dem Gespenst, während es das Geld hin- und zurückschaufelte, und sah, wie es auf dem Fußboden umherrollte. Das Gespenst begab sich nun mit aller Macht daran, das Geld wieder in die Truhe zu werfen, und kratzte mit den Händen das zusammen, was von dem Haufen herunter und über den Boden gerollt war; und der Bursch konnte daraus entnehmen, daß es glaubte, der Tag sei nahe, und daß es sich deshalb so sehr wie möglich beeilen wollte. Nun kam es so, daß das Gespenst alles Geld wieder in die Truhe geworfen hatte, und da merkte der Bursch, daß es aus dem Zimmer eilen wollte. Der Bursch fand, es läge kein Grund dazu vor, sich so sehr zu beeilen, das Gespenst aber sagte, das wäre doch der Fall; denn der Tag wäre nun da. Es wollte an dem Burschen vorbei, der aber versuchte, es daran zu hindern, indem er es festhielt. Das ging aber nur so lange, bis das Gespenst wütend wurde, den Burschen packte und sagte, daß es nun nicht mehr ratsam für ihn sei, es daran zu verhindern hinauszukommen. Der Bursch fing das Gespenst auf, merkte aber bald, daß seine Kräfte dabei zu kurz kommen würden und wich deshalb langsam zurück, indem er versuchte, schweren Hieben auszuweichen und das Stolpern zu vermeiden, und so trieben sie es eine Weile. Einmal, als das Gespenst den Rücken gegen die Zimmertür wandte, die offen stand, wollte es den Burschen an seine Brust heben, um ihn umso stärker zu Boden schleudern zu können. Der Bursch sah deutlich, was es im Sinne hatte, und konnte sich schon denken, daß das zu seinem Tode führen würde. Er griff deshalb zu einer List. Als das Gespenst die erste Anstrengung machte, ihn an sich zu ziehen, sprang er ihm mit solcher Gewalt mitten in die Arme, daß es hintenüber und mit dem Rücken gerade auf die Türschwelle fiel, während der Bursch beim Fallen obenauf zu liegen kam. Es kam aber so, daß das Gespenst mit dem Kopf aus dem Zimmer herausflog und das Licht, das mitten am Himmel stand, ihm in die Augen fiel; es sank deshalb in zwei Teilen in die Erde hinab, da, wo es lag, ein Teil an jeder Seite der Schwelle, und der Erdboden schloß sich sofort wieder, sobald die Stücke verschwunden waren. Obwohl der Bursch etwas steif in den Gliedern und zerschunden von den Griffen des Gespenstes war, begann er jedoch sogleich zwei Kreuze aus Holz zu machen, die er in den Fußboden stieß, wo die Teile versunken waren, das eine außerhalb, das andere aber innerhalb der Zimmertür. Dann legte er sich zu Bett und schlief, bis die Leute des Hofes morgens nach Hause kamen und es hellichter Tag war.
Sie boten ihm Guten Morgen und hatten jetzt freudigere Gesichter, daß sie ihn am Leben sahen, als am vorhergehenden Abend beim Lebewohlsagen, und sie fragten ihn, ob er nichts von dem Spuk in der Nacht gemerkt hätte. Der Bursch erwiderte, daß er keinen Spuk gemerkt hätte. Die Leute wollten ihm nicht glauben, was er auch tat, um sie zu überzeugen.
Er blieb nun den nächsten Tag über da; denn er war sehr mitgenommen von seinem Kampf mit dem Gespenst, auch wollten ihn die Leute des Hofes um alles in der Welt nicht verlieren, weil er es so gut verstand, ihnen Mut einzuflößen. Abends, als er sah, daß sie Anstalt machten fortzugehen, versuchte er auf jede erdenkliche Weise, sie zu überreden, im Hause zu bleiben, und sagte, daß der Spuk ihnen keinen Schaden zufügen würde. Da half ihm aber alles nichts. Die Leute glaubten ihm nicht und gingen fort wie am Abend zuvor; er hatte jedoch mit seinen Überredungen und Ermunterungen so viel erreicht, daß sie keine Furcht hatten, ihn zurückzulassen. Als sie den Hof verlassen hatten, ging der Bursch zu Bett, ruhte sorglos aus und schlief bis zum hellen Tag. Morgens kehrten die Leute wieder auf den Hof zurück und fragten ihn nach dem Spuk, er aber erwiderte, daß er nichts davon gemerkt hätte, und fand, daß sie nicht mehr nötig hätten, in dieser Hinsicht Furcht zu haben.
Er erzählte ihnen nun alles, was in der verflossenen Nacht passiert war, zeigte ihnen die Kreuzzeichen am Boden, wo die Körperteile versunken waren, und führte sie an die Geldtruhe. Sie dankten dem Burschen mit wohlgesetzten Worten für sein mutiges Auftreten, baten ihn zu verlangen, was er sich von ihnen wünschen mochte, als Entgelt für die Hilfe, die er ihnen geleistet hätte, gleichviel ob er Geld oder Gut haben wollte, und sagten, daß er auf Skalholt bleiben solle, so lange er irgend Lust habe. Er dankte ihnen für ihr freundliches Anerbieten, er brauche aber weder Reichtum, noch sonst irgend etwas, sagte er, auch wolle er nach diesem Tag nicht länger dort verweilen. Die nächste Nacht aber blieb er noch dort, und in dieser Nacht schliefen alle Leute zu Hause auf dem Hof, und weder diesmal noch später merkten sie etwas von Spuk. Morgens machte sich der Bursch bereit, von Skalholt fortzuwandern; die Leute wollten ihn zwar keinesfalls verlieren, es half aber alles nichts, er wollte fort. Er sagte, daß er jetzt nichts mehr dort zu tun hätte, da die Leute ja auf dem Hof bleiben könnten. Darauf verließ er Skalholt, sehr gegen den Willen der Leute, und steuerte nordwärts.
Es geschah nichts Bemerkenswertes auf seinem Weg, bis er eines schönen Tages an eine Höhle kam. Da ging er hinein. Er konnte keinen Menschen entdecken, in einer Seitenhöhle aber erblickte er zwölf Betten, die einander gegenüber, sechs in einer Reihe, aufgestellt waren. Alle Betten waren ungemacht, und da der Tag noch nicht um war, so daß er nicht erwarten konnte, daß die Höhlenbewohner bald nach Hause kommen würden, begann er, alle Betten zu machen. Als er damit fertig war, legte er sich in das Bett, das zu äußerst an der einen Seite der Höhle stand, wickelte die Decke sorgfältig um sich und schlief ein. Nach einer Weile erwachte er davon, daß jemand in der Höhle umherging; er hörte, daß eine Menge Menschen gekommen waren, die sich darüber wunderten, wer wohl hineingekommen sein mochte und ihnen die Freundlichkeit erwiesen hatte, ihnen die Betten zu machen; er hätte dafür ehrlichen Dank verdient, sagten sie. Nachdem sie, wie ihm schien, zu Abend gegessen hatten, gingen sie zu Bett. Als aber der Eigentümer des Bettes, in dem er lag, die Decke zurückschlug, erblickte er den Burschen. Die Höhlenbewohner dankten ihm für seine Handreichung, die ihnen so gut zustatten gekommen war, und baten ihn, bei ihnen zu bleiben, um ihnen in der Höhle behilflich zu sein; denn sie selbst hätten nicht viel Zeit, sie müßten die Höhle bei Sonnenaufgang verlassen, da sonst ihre Feinde kämen und sie dort bekämpften, und aus diesem Grunde könnten sie sich zu Hause gar nichts vornehmen.
Der Bursch sagte, daß er ihr Anerbieten annehme und einige Zeit bei ihnen bleiben wolle. Er fragte sie dann, wie es denn käme, daß sie jeden Tag einen so schweren Kampf zu bestehen hätten, der nie ein Ende nähme. Die Höhlenbewohner sagten, daß jene Männer Feinde wären, mit denen sie schon früher häufig in heftigem Streit gelegen hätten, und die stets im Kampf unterlegen seien. Sie erzählten, daß sie sie immer noch jeden Abend überwältigten und töteten. Es sei aber immer so, daß ihre Feinde am nächsten Morgen umgingen und jedesmal wilder und ungestümer wären als je zuvor, und ohne Zweifel würden sie durch ihre Gegner in ihrer Höhle angegriffen werden, wenn sie nicht bei Sonnenaufgang auf dem Kampfplatz anwesend wären. Dann gingen sie zu Bett und schliefen bis zum nächsten Morgen.
Gleich bei Sonnenaufgang gingen die Höhlenbewohner, bis zu den Zähnen bewaffnet, fort, baten aber erst den Burschen, sich der Höhle und der Hausarbeit anzunehmen, was er ihnen auch versprach. Im Laufe des Tages ging der Bursch in einen Nußbaumwald, der in der Richtung lag, in der er sie hatte verschwinden sehen, als sie von der Höhle fortgingen, um zu erfahren, wo der Kampf stattfände. Als er den Kampfplatz entdeckt hatte, eilte er wieder in die Höhle hinein. Zunächst machte er die Betten der Höhlenbewohner, fegte die ganze Höhle und tat, was sonst zu tun war. Müde und matt kehrten die Höhlenbewohner abends nach Hause zurück und waren erfreut, als sie sahen, daß der Bursch die ganze Wirtschaft besorgt hatte, so daß sie selbst weiter nichts zu tun hatten als zu essen und nach beendeter Mahlzeit das Bett aufzusuchen, worauf alle einschliefen, außer dem Burschen.
Er lag wach und überlegte, wie er Aufklärung darüber erhalten könnte, daß die Höhlenbewohner nachts umgingen. Als er glaubte, daß alle seine neuen Genossen in Schlaf gesunken seien, stand er auf, wählte unter ihren Waffen die, die ihm am besten gefiel und nahm sie mit. Dann wanderte er nach dem Kampfplatz und erreichte ihn kurz nach Mitternacht. Da war nichts zu sehen, außer den Gefallenen und ihren abgeschlagenen Köpfen. Dort blieb er eine Weile.
Bei Tagesanbruch aber sah er unweit des Kampfplatzes einen Hügel sich öffnen, aus dem ein Weib herauskam; es war mit einem blauen Mantel bekleidet und trug einen Topf in der Hand. Er sah sie schnurstracks auf das Schlachtfeld gehen, zu einem der Gefallenen, und etwas von dem Inhalt des Topfes auf das Stück des Halses streichen, das an dem Oberkörper des Toten saß, und auf das Stück, das am Kopf saß, und darauf den Kopf auf den Rumpf setzen; da saß er sofort fest, und der Tote lebte wieder auf. Dieselben Künste wandte sie bei noch zwei oder drei andern an, die ebenfalls dadurch sofort zum Leben erweckt wurden. Da sprang der Bursch auf die Alte zu und gab ihr den Todesstreich; denn jetzt konnte er allerdings begreifen, wie es kam, daß die Feinde der Höhlenbewohner immer wieder umgingen; dann brachte er diejenigen, die sie ins Leben zurückgerufen hatte, um. Als das geschehen war, ging er selbst hin und versuchte, ob es ihm gelingen würde, die Gefallenen auf dieselbe Weise wieder zu beleben, wie es ihr gelungen war; er strich etwas von dem Inhalt des Topfes an den Halsrand, und es gelang ihm ebensogut wie vorhin.
Nun belustigte er sich damit, die Gefallenen abwechselnd wieder aufleben zu lassen und die wieder umzubringen, die er ins Leben gerufen hatte, bis die Sonne aufging; dann kamen seine Genossen von der Höhle an, voll bewaffnet; es war ihnen sonderbar zumute geworden, weil er verschwunden war und einige Waffen mit ihm; als sie aber auf die Walstatt kamen und ihre Feinde tot daliegen sahen, schien ihnen die Sache eine günstige Wendung genommen zu haben. Die Höhlenbewohner freuten sich, den Burschen zu sehen, und fragten, wie er darauf verfallen wäre, dort hinzugehen. Er erzählte ihnen dann, wie sich alles zugetragen hatte, und wie das Huldreweib beabsichtigt hatte, die Gefallenen ins Leben zu rufen. Er zeigte ihnen den Salbentopf, nahm einen der Gefallenen, bestrich ihn und setzte ihm den Kopf auf. Da lebte er bald wieder auf, die Leute schlugen ihn aber sofort wieder tot.
Die Höhlenbewohner dankten ihm nun mit vielen und schönen Worten für den bewiesenen Mut; sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, so lange er Lust hätte, und boten ihm Geld an für seine Hilfe, die er ihnen geleistet hatte. Er dankte ihnen für das freundliche Anerbieten und sagte, daß er es gern annähme, bei ihnen zu bleiben. Nach alledem waren die Höhlenbewohner so vergnügt und froh über den Burschen, daß sie allerhand Allotria trieben, und es wurde vorgeschlagen zu probieren, wie es wäre zu sterben, da sie einander ja wieder ins Leben zurückrufen könnten. Sie töteten einander, strichen Salbe auf die Wunde und lebten sofort wieder auf. Das ging nun zum großen Gaudium für sie eine ganze Weile so.
Einmal aber, als dem Burschen der Kopf abgeschlagen worden war und sie ihn mit Hilfe der Salbe wieder an den Rumpf hatten anwachsen lassen, war das Gesicht nach hinten gedreht, der Hinterkopf aber nach vorn. Als der Bursch nun sein Hinterteil sah, weil der Kopf verkehrt herum saß, wurde er wie rasend vor Schreck und bat sie, ihn um Gottes willen von diesen Qualen zu befreien. Die Höhlenbewohner liefen sofort herzu, hieben den Kopf von neuem ab und setzten ihn richtig auf den Körper. Da erlangte er seinen Verstand wieder und war seitdem genau so mutig, wie er früher immer gewesen war.
Dann sammelten die Leute sämtliche toten Körper, nahmen ihnen die Waffen fort und verbrannten sie mit dem Huldreweib zusammen, das mit dem Salbentopf aus dem Hügel gekommen war. Dann gingen sie in den Hügel hinein, nahmen sich alles, was an Geldeswert da war und schleppten es mit nach Hause in ihre Höhle. Der Bursch blieb später immer bei ihnen, von dieser Zeit ab gibt es aber keine Erzählungen mehr über ihn.
Die Sage von Jon Asmundsson
Es war einmal ein armes Ehepaar. Es wohnte im Borgarfjord, und der Mann hieß Asmund. Sie hatten viele Kinder, die alle noch klein waren. Es wird nicht gesagt, wie die Kinder hießen, nur daß der älteste Junge Jon hieß. Es war damals eine schwere Zeit im Lande. Der Bauer Asmund mußte von Haus und Hof gehen, und die Kinder wurden auf verschiedene Höfe verteilt, um Unterhalt und Erziehung zu erhalten.
Um diese Zeit lebte ein Pfarrer in Reykjavik, der Kristian hieß; er nahm Jon Asmundsson als Pflegesohn zu sich, und bei ihm wuchs Jon auf. Jon war ein hübscher Junge und stärker als seine übrigen Altersgenossen; er war ruhig von Natur, sprach wenig und war sehr fleißig. Der Pfarrer liebte ihn sehr, und alle Leute auf dem Hofe hatten ihn gern.
Da geschah es eines Sommers, wie häufig, daß ein Handelsschiff nach Reykjavik kam. An Bord befand sich ein ausländischer Kaufmann, aber wie er hieß, wird nicht erzählt. Er trieb viel Handel, unter anderem auch mit dem Pfarrer Kristian. Einmal, als der Pfarrer draußen auf dem Schiffe des Kaufmanns war, kam das Gespräch auf starke Männer. Der Kaufmann, der groß und kräftig war, ging an eine Stelle, an der vier Sack Roggen zusammengebunden lagen, hob sie auf und versprach dem Manne drei Mark Gold, der es ihm gleich tun würde, es war aber niemand da, der sich auf diese Kraftprobe einzulassen wagte. Als der Pfarrer nach Hause kam, erzählte er seinem Pflegesohn, Jon Asmundsson, was der Kaufmann versprochen hatte, und bat ihn zu versuchen, was er konnte. Jon machte nicht viel Worte, sagte jedoch, daß er es versuchen würde. Da erzählte der Pfarrer dem Kaufmann, daß ein Mann gekommen sei, der das Geld verdienen wolle. Da führte der Kaufmann Jon dorthin, wo die Getreidesäcke lagen. Jon nahm sie und warf sie auf die Schulter, trug sie auf dem Deck hin und her und legte sie wieder auf dieselbe Stelle nieder. Der Kaufmann verfärbte sich, wog jedoch das Gold ab und bezahlte es. Der Pfarrer und Jon machten sich nun bereit, das Schiff zu verlassen, während sie aber von dem Kaufmann Abschied nahmen, bat dieser Jon, ihn zu besuchen, ehe er davonsegelte, was Jon auch versprach. Sie zogen heimwärts, und der Pfarrer war froh über den Erfolg ihres Ganges. Jon aber tat, als ob nichts geschehen sei.
Eines Tages, ehe der Kaufmann fortsegelte, erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß er jenen besuchen wollte. Da stattete Jon ihm seinen Besuch ab, und der Pfarrer begleitete ihn. Der Kaufmann nahm sie rechtschaffen auf und bat Jon, mit in die Kajüte zu kommen. Der Pfarrer wollte mitgehen, der Kaufmann aber sagte, daß sie nichts miteinander zu verhandeln hätten. Der Pfarrer erwiderte, daß es nicht geschähe, um eine Störung bei ihrer Zusammenkunft zu verursachen, und das Ende war, daß er ihnen in die Kajüte folgte. Dort sagte der Kaufmann zu ihnen, daß sie noch nicht miteinander fertig wären; denn im nächsten Sommer würde er einen Burschen mitbringen, mit dem Jon ringen sollte, und bliebe er Sieger im Kampf, so sollte er zehn Mark Gold bekommen. Dann nahmen sie Abschied voneinander, und kurz darauf segelte der Kaufmann fort.
Nun verstrich eine Zeit ruhig. Im folgenden Winter fragte der Pfarrer einmal Jon, ob er sich dessen erinnere, was ihm der Kaufmann beim Abschied gesagt habe; Jon erwiderte, daß er nur selten daran denke. Da sagte der Pfarrer, daß es für sie am besten sei, an einen Ausweg zu denken; denn der Bursch, mit dem der Kaufmann ihn ringen lassen wollte, wäre kein richtiger Mensch, sondern einer der schlimmsten Mohren, jedoch würde er, der Pfarrer, einen Ausweg für ihn finden; sie müßten sich bereit halten, wenn drei Wochen des Sommers vergangen wären, denn dann würde der Kaufmann in den Hafen einlaufen. Jon nahm sich diese Sache nicht weiter zu Herzen.
Als genau drei Wochen des Sommers vergangen waren, kam eines Tages ein Schiff vom Meere her und segelte nach Reykjavik hinauf. Der Pfarrer ging zu Jon, erzählte ihm, was nun bevorstände, bekleidete ihn mit einem schwarzwollenen Wams und spannte ihm einen Gürtel um den Leib; dann gab er ihm einen kleinen, scharfen Dolch, den er im Wamsärmel verbergen sollte. Er sagte, daß er nicht daran denken könnte, den Griffen des Mohren zu widerstehen, daß dieser ihn im ersten Gang über den Kopf werfen würde, er versprach aber, schon aufzupassen, daß Jon auf die Füße zu stehen käme, und dann sollte er den Mohren auffordern, den lodenen Mantel, den er anhätte, auszuziehen, inzwischen aber den Dolch zurechtlegen, um ihn bei der Hand zu haben, wenn der Mohr zum zweitenmal auf ihn einstürmte. Kaum hatte das Schiff Anker geworfen, als ein Boot von dem Schiff abstieß und ein riesenhafter Mohr, mit einem lodenen Mantel bekleidet, ans Land gesetzt wurde. Der Pfarrer und Jon standen unten am Flutmesser. Der Mohr rannte sofort auf Jon zu, packte ihn und schwang ihn in die Höhe, Jon aber fiel wieder auf die Füße. Da forderte er den Mohren auf, den lodenen Mantel auszuziehen, damit sie sich im Ringkampf messen könnten. Der Mohr tat das, inzwischen aber legte Jon seinen Dolch zurecht, und als der Mohr zum zweitenmal auf ihn losstürzte, lief er herzu und bohrte ihm den Dolch in den Leib. Der Ringkampf zwischen ihnen dauerte noch eine Weile, und der Mohr hätte ihm übel mitgespielt, wenn sein wollenes Wams nicht die Stöße aufgefangen hätte. Das Ende ihres Kampfes war, daß Jon den Mohren zu Boden schlug. Darauf ruderte er mit dem Pfarrer an das Schiff und begrüßte dort den Kaufmann. Der Pfarrer sagte, daß Jon nun das Geld verdient hätte, da der Mohr auf dem Kampfplatz liegen geblieben sei; der Kaufmann aber war äußerst aufgebracht und sagte, daß sie eine Hinterlist gebraucht, aber nicht Mut und Beherztheit gezeigt hätten. Der Pfarrer erwiderte, daß in diesem Falle Gleich gegen Gleich stände, denn es wäre kein richtiger Mensch, den der Kaufmann zum Ringkampf geschickt hätte. Schließlich aber gab dann der Kaufmann das Geld, indem er Jon bat, ihn wieder zu besuchen, ehe er, gegen Ende des Sommers, das Land wieder verlasse.
Alles blieb beim alten, bis der Kaufmann fortsegeln wollte; da erinnerte der Pfarrer Jon daran, daß der Kaufmann einen Besuch von ihm verlangt hätte, und sagte, daß er selbst mitkommen würde, um bei ihrer Begegnung anwesend zu sein. Sie fuhren nach dem Schiff hinaus und begrüßten den Kaufmann, der den Gruß erwiderte und Jon bat, mit ihm beiseite zu gehen. Jon erfüllte seinen Wunsch, der Pfarrer aber folgte ihnen auf den Fersen. Da sagte der Kaufmann, daß es ihn nichts anginge, was Jon und er miteinander zu besprechen hätten; darauf erwiderte der Pfarrer, daß er nicht im Sinne hätte, ihr Gespräch zu stören, er wolle jedoch in der Nähe seines Mannes sein. Diesmal sagte der Kaufmann, daß er im nächsten Sommer ein junges Hündchen mitbringen wolle, an dem Jon seine Kräfte messen solle; besiege er es, so solle er fünfzehn Mark Gold bekommen. Dann trennten sie sich. Der Sommer verging und ein gut Stück vom Winter, ohne daß Jon von diesen Dingen sprach.
Da fragte ihn der Pfarrer einmal, ob er je an die Worte des Kaufmanns denke. Jon antwortete »Nein«; der Pfarrer aber sagte, daß das Eintreffen des Kaufmanns im nächsten Sommer nichts Besseres bringen würde als früher; er würde angesegelt kommen, wenn ein halber Monat des Sommers um wäre, das Hündchen aber, an dem er gedächte Jon seine Kräfte messen zu lassen, sei ein großer und grimmiger Bluthund, weshalb sie versuchen müßten, sich irgendeine List auszudenken. Jon bat den Pfarrer, sich diese für ihn auszudenken.
Als ein halber Monat des Sommers um war, erschien ein vom Meere kommendes Schiff. Der Pfarrer rief Jon zu sich und zeigte ihm dasselbe schwarzwollene Wams, das er ihn im Sommer zuvor hatte anziehen lassen. Der Pfarrer hatte es mit dicken Tauen umflochten, ehe er es ihm wieder anzog. Dann reichte er ihm eine eiserne Waffe, wie eine Hellebarde geformt und mit Zacken an der Spitze, steckte dann ein Stück Fleisch darauf und gebot Jon, sie in der Hand zu halten und zu versuchen, so an den Hund heranzukommen, daß dieser nach dem Fleisch schnappte; dann aber sollte er ihm das Eisen in den Rachen stoßen. Darauf gingen sie an die See, und kaum hatte das Schiff Anker geworfen, als der Hund ans Land gelassen wurde. Es war ein großer Hund, und grimmig sah er aus. Jon ging ihm entgegen; da fuhr er mit großer Wildheit auf ihn zu und wollte ihn zerfleischen; das Wams aber beschützte ihn, so daß er keinen Schaden davontrug. Jon wich den Angriffen des Hundes so gut wie möglich aus und hielt das Fleischstück vor sich, und schließlich kam es so, daß der Hund das Maul darüber aufriß, während Jon ihm die Waffe mit aller Kraft in den Schlund stieß und damit nicht im geringsten nachließ, wie toll er sich auch gebärdete; des Wamses wegen konnte der Hund Jon nicht den geringsten Schaden tun, und schließlich lag er tot auf dem Platz. Dann fuhren sie zu dem Kaufmann hinaus und begrüßten ihn. Er erwiderte ihren Gruß mürrisch und war schwarz und geschwollen im Gesicht und verbarg seinen Zorn, so weit es in seiner Macht stand. Der Pfarrer sagte, daß Jon jetzt das Geld verdient habe, das ihm der Kaufmann im vorigen Sommer zur Belohnung versprochen hätte. Der Kaufmann aber fand, daß das wohl fraglich sei, da er ja mehr List als Tapferkeit gebraucht habe. Der Pfarrer aber erwiderte, daß sich der Kaufmann diesmal am schändlichsten gezeigt habe, da er ihnen ein so wildes Tier auf den Hals gehetzt habe. Da bezahlte der Kaufmann das Geld, indem er ihn bat, bei ihm vorzusprechen, ehe er diesen Sommer fortsegele.
Dann kam die Zeit, um die der Kaufmann fortsegeln wollte, und der Pfarrer sagte zu Jon, daß er sich an des Kaufmanns Worte erinnern müßte, daß er aber Jon zu der Begegnung begleiten wolle. Sie fuhren hinaus und trafen den Kaufmann an. Sogleich bat dieser Jon, mit ihm in die Kajüte zu gehen. Der Pfarrer wollte folgen, der Kaufmann aber sagte, daß er es unterlassen solle, er hätte dort nichts zu suchen. Der Pfarrer aber antwortete, daß Jon sein Bursche sei, und daß er keinen Schritt gehen würde, ohne daß er, der Pfarrer, ihn begleite. Da gab der Kaufmann nach, und sie gingen nun alle drei in die Kajüte. Als sie dort angekommen waren, holte der Kaufmann ein Buch von einem Regal herunter, schlug es auf und nahm ein loses Blatt heraus, das er schnell vor Jons Augen hin und her bewegte, als wenn er nicht wollte, daß der Pfarrer es sehen sollte; diesem jedoch gelang es, einen Schimmer davon zu sehen, ohne daß der Kaufmann es merkte. Dann legte der Kaufmann das Blatt wieder an seinen Ort zurück und sagte, daß Jon ihm im nächsten Sommer das Buch, zu dem dieses Blatt gehöre, bringen solle, oder den Namen, ein Hasenfuß zu sein, auf sich nehmen müsse; brächte er ihm aber das Buch, so würde er ihm dreißig Mark Gold auswiegen. Dann nahmen sie Abschied voneinander, und der Pfarrer und Jon kehrten nach Hause zurück, der Kaufmann aber stach sofort in See.
Als nun nur noch eine Woche des Sommers übrig war, sprach Pfarrer Kristian mit Jon und fragte ihn, was er wohl zu dem Auftrag meine, den der Kaufmann ihm zugedacht habe. Jon erwiderte, daß er nichts darüber denke. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, was das für ein Blatt gewesen wäre, das der Kaufmann ihm gezeigt hätte. Jon aber antwortete »Nein«. Da sagte der Pfarrer, daß es nicht weiter merkwürdig sei, wenn er es nicht wüßte; denn es wäre ein Blatt aus des Teufels Handbuch gewesen; und nun hätte der Kaufmann ihm die gefährliche Aufgabe zugedacht, es aufzufinden, das aber sei kein Spaß. Dann sagte er, daß er einen Bruder habe, der Pfarrer in der Unterwelt sei, und nur er würde Jon in dieser Angelegenheit helfen können, des Teufels Handbuch ausfindig zu machen, auf andere Weise würde es nicht gehen. Jon sollte sich nun sofort bereit machen, sich nach der Unterwelt zu begeben, um seinen Bruder zu besuchen, und er müßte dort am ersten Wintertag hinkommen und den Winter über da bleiben.
Nun machte sich Jon zur Wanderung bereit, und als alles fertig war, gab ihm der Pfarrer einen Brief an seinen Bruder mit und ein Garnknäuel, das ihm den Weg weisen sollte; er wünschte ihm eine glückliche Wanderung und warnte ihn vielmals, sich irgendwo auf seinem Weg umzusehen, auch dürfte er den ganzen Winter über in der Unterwelt kein einziges Wort sprechen; Jon aber sagte, daß ihm das ein Leichtes sein würde.
Dann machte sich Jon auf den Weg, warf das Knäuel von sich, behielt aber das Ende des Fadens in der Hand. Das Knäuel rollte eine ganze Zeit vor ihm her, bis er an einen Berg nördlich von Reykjavik gekommen war, an dem die Öffnung einer Höhle zu sehen war; dort rollte das Knäuel in den Berg hinein, und er folgte ihm. Der Gang innen war dunkel und uneben, und Jon begann Bedenken zu hegen, die Wanderung fortzusetzen, aber um so stärker zog das Knäuel, und er ermannte sich dann wieder. So ging er einen weiten Weg, bis es plötzlich hell wurde. Da erblickte er vor sich eine anmutige Ebene, über die das Knäuel eine Zeitlang rollte, bis er in eine große Stadt mit prachtvollen Gebäuden kam. Dort hielt das Knäuel an einer Tür inne, worauf Jon es vom Boden aufhob.
Er klopfte an die Tür, und ein junges Mädchen trat heraus. Es war gut gekleidet, aber ohne jeden Prunk, sittsam in ihren Manieren, und die schönste Jungfrau, die Jon je gesehen hatte. Jon verbeugte sich vor ihr und reichte ihr den Brief, den sie schweigend nahm. Auch nahm sie das Knäuel und ging mit beiden ins Haus hinein. Nach einer kleinen Weile kam dasselbe Mädchen wieder heraus, von einem zweiten begleitet, das jünger war; sie betrachtete Jon und verschwand wieder in das Haus hinein. Das erste Mädchen aber nahm Jon bei der Hand und führte ihn durch ein paar Gänge in eine Kammer, in der ein kleiner Tisch, eine Bank, ein Stuhl und ein Bett standen; dann ging sie fort, aber sogleich brachte sie ihm Essen und deckte den Tisch.
Das Weitere kann nun gleich erzählt werden: Jon blieb lange dort und glaubte, daß es schon mitten im Winter sei; er sah keinen anderen Menschen als dasselbe junge Mädchen, das jeden Tag zu ihm kam und ihm den Tisch deckte und das Bett machte. Nie sprachen sie miteinander, und nie hörte er menschliche Stimmen.
Da geschah es eines Tages, daß ein hübscher, großer und wohlgewachsener Mann zu ihm hereinkam. Das war der Pfarrer der Unterwelt, Pfarrer Kristians Bruder. Er war in ein langes, schwarzes Gewand gekleidet; er bot Jon Guten Tag, und es lag Milde in seiner Stimme. Jon schwieg. Der Pfarrer fragte ihn, ob er wüßte, wie weit die Zeit vorgeschritten sei. Jon aber schwieg. Da sagte der Pfarrer: »Du hast gut daran getan, Jon, bei deinem Schweigen zu beharren; denn aus diesem Grunde ist dein Auftrag gut gelungen, und du wirst für deine Selbstbeherrschung belohnt werden, heute aber ist der erste Sommertag, und darum darfst du sprechen.« Darüber war Jon sehr froh. Der Pfarrer sagte, daß er sich nun auf den Heimweg begeben solle, und daß er nicht länger zögern dürfe; denn diesmal würde der Kaufmann kommen, wenn eine Woche des Sommers um wäre. Dann gab ihm der Pfarrer ein Buch und bat ihn, es gut zu hüten und es seinem Bruder zu bringen, es würde aber nicht lange dauern, bis es der Eigentümer vermißte und holte, wenn es erst in den Händen des Kaufmanns wäre. Darum, sagte er, sollte ihm sein Bruder die ganze Ladung abkaufen und sie ans Land bringen lassen, ehe er ihm das Buch gäbe. Der Pfarrer bat Jon, seinem Bruder einen Gruß zu bringen, bot ihm darauf Lebewohl, sagte aber, daß seine Tochter ihn auf den Weg bringen und ihm zeigen werde, wie er sich nach Hause finden könne. Das Mädchen kam also und brachte ihn auf den Weg. Es war dasselbe Mädchen, das ihm im Winter Tisch und Bett besorgt hatte. Sie gingen Hand in Hand miteinander, es wird aber nicht erzählt, was sie zusammen sprachen, bis sie plötzlich stehen blieb und sagte, daß sie nun nicht weiter gehen könne, es wäre jetzt aber auch leicht, das Stück Weges, das noch übrig sei zu finden. Sie sagte, daß sie scheiden müßten, wenn es auch ihrem Herzen schwer fiele, denn sie könnten doch nicht zusammenbleiben und Freude miteinander haben, da er ja nicht in der Unterwelt leben könne und sie nicht auf Erden. »Aber«, sagte sie, »ich will dir nicht verhehlen, daß ich ein Kind erwarte, und ich will dir das Kind senden; sollte es ein Junge werden, wenn es sechs Jahre alt ist, wenn es aber ein Mädchen wird, dann, wenn es zwölf Jahre alt ist; vieles hängt davon ab, ob du das Kind gut aufnimmst.« Nachdem sie das gesagt hatte, reichte sie ihm das Knäuel, sagte aber, daß er es nicht brauche, um den Weg zu finden, er solle sich nur nach ihren Anweisungen richten. Dann sagten sie sich kummervoll Lebewohl; denn es fiel ihnen schwer zu scheiden. Er ging nun den Weg, den sie ihm gezeigt hatte; er war weder schwierig noch gefährlich, aber er wußte selbst nicht recht, wie und wo er zwischen den beiden Welten wanderte. Gegen Ende der ersten Sommerwoche kam er in Reykjavik an, wo der Pfarrer ihn mit Freude empfing und fand, daß er seinen Auftrag gut erledigt hätte, als Jon ihm den Gruß seines Bruders brachte und ihm das Buch gab.
Kurz darauf segelte der Kaufmann in den Hafen ein, und der Pfarrer stattete ihm sogleich einen Besuch ab; kühl aber waren die Grüße, die sie miteinander wechselten. Der Pfarrer erzählte dem Kaufmann, daß ein Mißjahr im Lande wäre, und daß ein großer Mangel an Lebensmitteln herrsche, weshalb er ihn bäte, ihm die Schiffsladung zu verkaufen; und darüber wurden sie handelseinig. Vor Ablauf dreier Tage war die ganze Ladung an Land gebracht. Als das geschehen war, fuhren der Pfarrer und Jon zu dem Schiff hinaus, und der Kaufmann fragte dann Jon sofort, wie es ihm mit seinem Auftrag ergangen sei. Jon erwiderte, daß er ausgeführt sei. Darauf reichte der Pfarrer dem Kaufmann an Jons Stelle das Buch; sehr unangenehm aber war dieser überrascht, als er sah, daß es das richtige Buch war. Der Pfarrer bat ihn nun, das Geld auszuzahlen, das er Jon versprochen habe, und das tat der Kaufmann auch. Dann boten sie ihm Lebewohl und stiegen in ihr Boot hinunter; kaum aber waren sie ans Land gekommen, als die See sehr unruhig wurde; ihre Blicke fielen auf das Wasser, wo das Schiff gelegen hatte, da aber war es verschwunden, und später wurde es nie mehr gesehen.