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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
1 bis 3
Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
Band XI
Inhalt: [Auf Grenzpfaden] – [Bergwinter] – [Deutsche Heimat, deutsches Lied] – [Der müde Weber] – [Denkmalpflege in Sachsen] – [Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz vor siebzig Jahren] – [Drei Wandertage im Erzgebirge] – [Bunte Gassen, helle Straßen] – [Zur Geschichte des Storches in Westsachsen]
Einzelpreis dieses Heftes M. 20.–, Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 35.–, für Behörden und Büchereien M. 25.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, Mindestjahresbeitrag M. 20.–, freiwillige Einschätzung erbeten
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Dresden 1922
Heimatschutz-Vorträge
1922
Dresdner Reihen (Gewerbehaus)
Erstmalig: 12., 19., 27. April, 3., 10., 17., 24., 31. Mai
1. Wiederholung:
8., 12., 15., 18., 22., 25., 29. Mai, 1. Juni
Leipziger Reihen (Centraltheater)
Erstmalig: 7., 14., 21., 28. April, 5., 12., 19. Mai
1. Wiederholung:
15., 22., 29. September, 6., 13., 20., 27. Oktober
Meißner Reihe (Geipelburg)
13., 20., 27. April, 4., 11., 18., 25. Mai
Unsere werten Mitglieder werden durch Drucksachenkarten von den Vorträgen verständigt
Band XI, Heft 1/3
1922
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 1. März 1922
Auf Grenzpfaden
Von Curt Sippel, Plauen
Aufnahmen vom Verfasser
Abb. 1 Fallend Laub
Aus der vogtländischen Kreisstadt rollt der Zug elsteraufwärts in den herbstkühlen Sonntagsmorgen hinein. Dichter Reif bedeckt die Flur; aus silbergrauem Nebel dämmert der Tag heran und verspricht ein sonniger zu werden. Je öfter der Zug hält, um so mehr verliert sich die quetschende Enge in den Abteilen, scheiden die festlich geputzten Sonntagsgäste aus und bleiben nur noch die ins Gebirge strebenden schlichten Wanderer, deren liebstes Sonntagsgewand das abgenutzte Lodenkleid mit dem verwitterten Hut ist. Auffallend viel Vertreterinnen des schönen Geschlechts zeigen sich jetzt in dem Äußeren der Wanderzunft. Die früheren Lebensgewohnheiten der Frauenwelt haben in den letzten Jahren eine einschneidende Wandlung erfahren, haben mit den oberflächlichen Vergnügungen gebrochen und sich mehr einer selbständigen natürlichen Einfachheit zugewendet, haben zur Erkenntnis der, der großen herrlichen Heimatnatur innewohnenden Verjüngungskraft geführt. Gibt es für den naturliebenden Städter doch nichts schöneres, als am Sonntag hinauszuwandern, sich so recht zu erfreuen an all dem Reizvollen, das die Natur gerade in dem schönen Bergland des Vogtlandes so überreichlich darbietet. Welch großen Gewinn bringt doch eine solche Tageswanderung für Körper und Geist. Leider ist in dem sich von Tag zu Lag mehrenden Heer der Wanderer die ältere männliche Jugend in der Minderheit. Wenn die jungen Herren auch viel anderen Leibessport treiben, so dürfen sie daneben den vornehmsten, das Wandern, doch nicht vernachlässigen. Aus ihm erwächst Begeisterung für das Edle und Schöne, erglüht Heimatliebe und deutscher Geist.
Abb. 2
Der Kegelberg (755 m) und der Hohe Stein (777 m) bei Erlbach
Abb. 3 Blick ins Landesgemeinder Tal
Abb. 4 Dreirainsteine
(746 m hoher Berg, auf dem die drei Waldgebiete Erlbach, Schönbach und Graslitz zusammenstoßen und über den die Reichsgrenze läuft.)
Abb. 5
Kirchberg in der Hochfläche östlich des Hohen Steins
Abb. 6
Das klingende Tal (Untersachsenberg)
Abb. 7
Der Aschberg 936 m (sächs. Seite)
Abb. 8
Am Aschberg
Im Spinnen der Gedanken ist die Zeit vergangen. Das Bähnle dampft bereits durchs Schwarzbachtal und hält zum letzten Male. Nur wenig Leute steigen aus; fast alle sind Wanderer, die nach allen Himmelsrichtungen frohgemut davon eilen. Einer wendet sich ostwärts, der Sonne entgegen, die schon über den Hohen Stein hereinlugt und mit den dichten Nebelmassen des Tales in heftigem Kampf liegt. Das graue Gewoge wallt durcheinander, zieht hierhin und dorthin, steigt empor, umhüllt die Bergwände, die Gipfel, wird von der Sonne wieder zurückgedrängt und muß sich zu guterletzt doch als überwunden erklären und sich als Tau im Tale niederschlagen. Die Erlbacher schlafen noch. Warum sollten sie’s auch nicht! Sie feiern eben den Sonntag auf ihre Art. Würden es ja doch nicht verstehen, daß so närrische Stadtleute schon in der Nacht sich auf und davon machen, um den Aufgang der Sonne, ihren Kampf mit den Nebelgeistern zu erleben. Nun schlaft nur zu! Um so feierlicher wird es droben im prächtigen Waldesdom sein, der so nahe schon seine Bogen schlägt und den Wanderer in sein geheimnisvolles Reich ladet. Der friedliche Marktflecken liegt zurück, der Wanderer zieht grüßend den Hut vor dem Hohen Brand und dem Kegelberg, den beiden Torwächtern zum engschluchtigen, weltabgeschiedenen Landesgemeinder Tal, Einlaß heischend. Steil steigt der Hochwald hinauf. In dusterem Schatten steht die Mühle, feiernd, und daneben ein moderner Bau, Holzbaracken als Unterkunft für erholungbedürftige Großstadtkinder. Ein Blick durch die angelaufenen Scheiben fällt noch auf schlafende Gesichter. Empfindliche Kühle herrscht im engen Tal, und der Mittag wird wohl herankommen, bis die Sonnenstrahlen hier unten den dicken weißen Reif auflecken werden. Das Auge wendet sich empor und sucht den Weg hinauf in sonnigere Höhen, dorthin, wo der Wald in den klarblauen Himmel ragt. Vom unteren Floßteich führt am Nordhang ein ansteigender Saumpfad über den Wettinhain zur Paßhöhe hin. Beim Emporkommen gibt der Wald ab und zu den Blick frei hinüber zu den südlichen Hängen und hinunter ins idyllische Tal, durch das der Fahrweg in großen Windungen sich bergwärts schlängelt und mit seinen Ebereschen einen gelbroten Saum in das dunkle Grün des jenseitigen Fichtenwaldes webt. Aber das dunkle Kleid zeigt jetzt auch im Innern viel Farbe. Verschwenderisch gibt sie der große Maler Herbst in allen Schattierungen von Gelb, Braun, Rot, Violett, und weckt ein ehrlich Entzücken. Alte prächtige Buchen stehen am Weg. Kräftige Silberstämme tragen wohlgeformte Kronen; kühn ragt ihr Gezweig gen Himmel, und ein Meer flüssigen Goldes und Silbers wogt im sonnenwärts gerichteten Blick. Schnell bereit ist die nie fehlende Begleiterin, die alte treue Strahlenfalle, zu einer Gegenlichtaufnahme. Leider noch unzulänglich ist die Silberplatte, vermag noch nicht das blendende Bunt wiederzugeben und verhilft nur zu einem Schwarzweißbild, aus dem man nur in der Phantasie die farbenprächtige Wirklichkeit erschauen kann. Lautlos fallen die Blätter, unablässig, immerzu; am Boden schichtet sich das dürre Laub, und raschelnd mahnt der Tritt an das große Sterben. Aber keine trüben Gedanken kommen auf, sind nur frohgestimmt und glückerfüllt von dem großen Wunder Natur, denken weiter, sehen auf dem kahlen Gezweig sich die weißen Flocken häufen, die Brillantsternchen blitzen, braune Knospen schwellen, gelbgrüne Seidenblätter werden, und hören das sommerlich geheimnisvolle Raunen des dichten Blätterdaches wieder, als wäre es heut. Herbst und Winter haben nichts Schreckhaftes mehr für den Naturfreund, werden beide neben ihren anderen Brüdern gleichviel geliebt.
Abb. 9 Der Kranichsee[1] (930 m)
Soweit die verkrüppelten Sumpfkiefern wachsen, reicht das riesige Hochmoor an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen, zwischen Erzgebirge und dem Vogtland
Abb. 10 Baumatzengrund zum Silberbach, von links nach rechts Aschberg (böhm. Seite) 936 m Großer Rammelsberg (963 m) und Großer Hirschberg (942 m)
Abb. 11
Silberbach und der Aschberg (böhm. Seite) 936 m
Abb. 12
Obersilberbach, von links nach rechts Eselsberg, Spitzberg (995 m), Plattenberg, Härtelsberg (986 m), Pferdhuth
Abb. 13
Lichtung im Filzbruckwald. Der Zwieselbach
Im Sinnen und Betrachten ist unmerklich die Höhe erklommen worden. Schon schimmern durch das lichtüberflutete Gehölz die Dreirainsteine. Geheimnisvoller Zauber webt um die alten Steine, liegt im morgenfrischen Wald. Sonnenstrahlen stehlen sich herein, spiegeln Regenbogenfarben in die nebeldampfende Luft und lassen im Gras und Beerengestrüpp Tautropfen diamanten sprühen. Und doch betritt der Fuß schon fremdes Land, erinnert der Wegebalken drohend, daß es noch gar nicht lange her ist, als hier im herrlichen Waldgebiet die verbündeten Wachtposten sich mißtrauisch gegenüberstanden, und niemand diese scheinbar unverständliche Maßnahme verstehen konnte. Der Sklavenvertrag hat die Binde von den Augen gerissen, Feindesland sollte das urdeutsche Gebiet werden, das deutscher noch als das eigene Vaterland, deutsch in seinen Ortsnamen, in seiner Bevölkerung, in seinem ganzen Wesen. Nun ihr Machthaber in Paris und wo sonst überall noch welche sitzen von unseren vielen Feinden auf der ganzen Welt, ihr habt euch alle verrechnet. Niemals wird uns Deutsch-Böhmen vergessen, wird nur stärker sein Deutschtum empfinden, und hoffen, hoffen!
Abb. 14
Der Hausberg (715 m) bei Graslitz
Abb. 15
Das Markhausental
Abb. 16
Blick auf Klingenthal vom Bartelsberg aus
Der Wanderer schreitet hinüber, fühlt sich von unsichtbaren Fäden gezogen, empfindet so recht die lang entbehrten, altbekannten idyllischen Winkel. Der Ursprung wölbt sich sanft hinan und bereitet doch so prächtigen Blick nach allen Seiten. Waldreich ziehen sich die beiden Markhausen Täler hinab. Drüben nordwärts schimmern ab und zu die weißen Grenzsteine am Hang und lassen den reizenden Waldpfad gen Klingenthal ahnen. Im Osten wallt noch der Nebel, im Westen aber blinken die Häuser von Ursprung und Kirchberg im Sonnenschein und hält das Felsenriff des Hohen Steins Wacht. Weiter südwärts wendet sich der Wanderer, kreuz und quer durch Wald und Feld, naht sich dem Schönauer Berg. Nun wird auch die Ferne nebelfrei, immer deutlicher entschleiert sich das schöne Berggebiet. Tief unten dehnt sich der Leibtschgrund und südwärts im Osten türmen schwarzhäuptige Bergriesen eine wuchtige Horizontlinie auf. Liebe alte Bekannte sind es, Kiel, Aschberg, Rammelsberg, Grünberg, Eibenberg, Hausberg, Glasberg, Eselsberg, Plattenberg, Spitzberg, Muckenbühl, Härtelsberg und als blaue Nebelferne das gewaltige Massiv des Kaiserwaldes.
Abb. 17
Herbststürme. Altensalz, bekannt durch sein Salzlager
Abb. 18 Steinkreuz aus der Franzosenzeit am Weg von Kemnitz nach Gutenfürst (oberes Vogtland)
Abb. 19 Waldinneres aus Hermann Vogels Reich
Eine Waldblöße am sonnigen Steilhang mit dem Blick auf das dunkle Wäldermeer der Ferne ist der rechte Ort zum Rasten. Unter einer schlanken feingliedrigen Birke wird der Mittagstisch gedeckt; den Nachtisch liefert reichlich und billig der Wald. Erfrischend schmecken die so völlig ausgereiften Heidel- und Preiselbeeren. In dem Laubgold am weißen Stamm zu Häupten rauscht der Wind; so warm strahlt die Sonne. Schmeichelnd umzieht Altweibersommer das Gesicht; sommerlich lind und einschläfernd wirkt die Luft, daß der Wanderer ganz ungewollt eingeschlafen ist. Obs nur ein Viertelstündchen war? Aber plötzlich wird er wach, denn vor ihm steht ein junges Menschenkind, eine hübsche Wanderin mit schelmisch fragenden Augen. Viel Schalk sprüht daraus und ein wenig Spott über das unglaublich wirklichkeitszweifelnde Gesicht des erwachten Schläfers. Und die schöne Unbekannte hat eigentlich gar keinen Anlaß zum Spotten, hat sich im Wald verlaufen, weiß weder Weg noch Steg, und heischt Auskunft über Woher und Wohin. Nun, einer Dame den Weg zu zeigen, und dazu noch einer jungen, hübschen, fällt einem rechten Wanderer niemals schwer. Und die Aussicht, als Begleiter von so viel jugendfrischer Anmut nach dem Grenzstädtchen Klingenthal wandern zu sollen, kann auch den einsamen Wanderer von noch so gut ausgearbeiteten Wanderungen ablenken. Gar bald schwindet der Spott aus den hübschen Augen und macht viel Freude Platz über das von blendender Lichtfülle überstrahlte herrlich-schöne Landschaftsbild. Dankbar wird die Erklärung all der unzähligen Namen hingenommen und freudig werden Anstrengungen der Durchquerung tief eingeschnittener Seitentäler der Zwodau überwunden. Wenn es auch keine Kleinigkeit ist, bei sengenden Sonnenstrahlen vierhundert Meter tiefe, dachschräge Steilhänge hinabzuklettern, um sie drüben wieder emporzuklimmen, so ist es doch eine gute Kraftprobe und nötig, um auf geradem Weg noch rechtzeitig den letzten Zug von Klingenthal zu erreichen.
Abb. 20 Herbstsonne. Gutenfürst (oberes Vogtland)
Abb. 21 Hermann Vogels Märchenwald (oberes Vogtland)
Abb. 22
Oelsnitz (Vogtland)
Vom Falkenberg gleitet abschiednehmend der Blick hinüber in das altbekannte Bergland, wo droben auf den Spitzen die letzten Sonnenstrahlen feurig lohen, drunten in den Tälern aber schon die Dämmerung ihre Flügel ausbreitet. Dann heißt es gewaltsam sich losreißen von dem erhabenen Anblick. Eilend geht es tief hinab ins Markhausen-Tal gen Klingenthal. Ein hindernd im Weg stehender Gartenzaun muß überstiegen werden, denn der Zeiger der Uhr rückt unablässig weiter, und der Zug wartet nicht.
Ein naturliebend Herz aber ward entflammt beim Schauen des Landes um Klingenthal und Graslitz und diesmal das einer jugendfrischen, lebensprühenden, gertenschlanken Wanderin.
[1] Siehe Mitteilungen Heft 6, Band III: Das Kranichseemoor bei Carlsfeld im Erzgebirge, ein Naturschutzbezirk Sachsens von Professor Dr. Arno Naumann.
Bergwinter
Von Curt Sippel, Plauen
Einem kurzen vorweihnachtlichen Winter folgte eine schneelose Jahreswende. Tagtäglich spannte sich blauer Himmel über der schlummernden Flur, lockten warme Sonnenstrahlen zu neuem Werden. Schon waren die linden Lüfte erwacht, standen frühlingsahnend die braunen, warmen Schollen, schmückten sich die Haselnußstauden mit gelben Gehängen und steckten die Weiden ihre weißbraun schimmernden dicken Kätzchen auf. Nun armes Herze sei nicht bang, es wird sich alles, alles wenden! Aber der Überkluge brachte es nicht zu dem neubelebendem Stimmungsaufschwung, den ihm sonst die ersten Frühlingsboten erregten. Zu bald noch; es kommt der Rückschlag, sagte ihm seine unfehlbar überlegene Vernunft. Und sie hatte wie immer recht. Der Himmel verlor sein blaues Leuchten, unter trübem Gewölk verkroch sich Frau Sonne, nach Norden sprangen die Wetterfahnen.
Heimlich, über Nacht, ging das weiche Flockengeriesel, ununterbrochen millionenfach. Mit einem Schlage hatte der strenge alte Herr sein Reich wieder in Besitz genommen. Und darob kein Trauern. Denn auch der rechte Winter bringt der Freuden viele, und nicht zuletzt für die wandernden Heimatfreunde.
Was gibt es wohl schöneres, als am Sonntag hinauszuwandern in das winterprächtige Gelände, um neue Kraft und neuen Mut für die Pflichten und Lasten der Werktage zu suchen?
Zeigt sich der Winter im unteren und mittleren Vogtland zuweilen in voller Schönheit, so ist er doch da vielfach recht unzuverlässig und nicht zu vergleichen mit dem echten Bergwinter, der seine fünf bis sechs Monate regiert und nicht gleich von jedem milden Luftzug, jedem Sonnenstrahl in die Flucht geschlagen wird. Er wohnt so nahe vor Plauens Toren; drüben im südöstlichen Vogtland, wo sich die Westausläufer des Erzgebirges bis zu stolzen Höhen von fast tausend Metern emporrecken. Von dort leuchten die weißen Schneefelder lockend herüber, wenn hier schon längst der Schnee geschmolzen ist, und ziehen mit vielen unsichtbaren Fäden den Wanderer hinein in die so reizvolle Winterwelt.
Wie leicht wiegt gegen solch köstliche Gaben wohl das bißchen unbequeme zweistündige Fahrt. Auch der Frühzug fünf Uhr acht Minuten wird gewählt, denn das Frühaufstehen, eine Selbstverständlichkeit des Wanderers, wird belohnt durch das erhebende Erleben des werdenden Tages, des Sonnenaufgangs draußen im heiligen Frieden stiller Höhen.
Viel Wanderer schauen aus dem gen Muldenberg fahrenden Zug dem kommenden Tag entgegen. Hinter den Auerbacher Bergen überzieht sich der Nachthimmel mit dem kalten Schein des Morgendämmerns. Im schnell zunehmenden Licht verliert das einförmige Taktschlagen rollender Räder seine einschlummernde Wirkung. Die immer deutlicher hervortretende Landschaft fordert Beachtung. Wie der Zug die große Schleife um Falkenstein zurückgelegt hat und sich keuchend die Höhe nach Grünbach hinanwindet, flammt das goldene Leuchten der Sonne hinter den dunkelblauen Waldlinien der Schneeberge empor. Von den fernen, weißen Flächen herab geht ein blendendes Gleißen und in der Nähe erstrahlt das vom Licht getroffene pulvrische Weiß im glitzernden Funkengeriesel. Mit dem Blau des Winterhimmels ist das tiefeingeschnittene, noch im Schatten liegende Göltzschtal übergossen, kaltes Blau auch liegt im schattigen Hochwald, der nun den Zug umsäumt bis ihn die Wanderer in Muldenberg verlassen. Der Bahnhof und ein Wirtshaus sind in siebenhundert Meter Höhenlage die einzigen sichtbaren Siedlungen auf kleiner, hochwaldumgebener Fläche; majestätischer Winterwald schlägt seine Bogen. Da unterzutauchen, alles Häßliche, Leidvolle des Lebenskampfes vergessend, ist wie Erlösung.
Sonnenüberstrahlt, lichtspiegelnd liegt das weiße Schneedach auf Baum und Strauch, weißzuckerig umschmiegen Reifgebilde Gestämm und Gezweig; blendende Helle herrscht im sonst so finsteren Wald; im Funkensprühen dehnt sich die weiße Decke am Boden. Staunend erfaßt das Auge das große Heer der sich aneinanderreihenden Stämme. Aber nicht immer ist diese märchenhafte Pracht, dieser stille Frieden im Winterwald. Erst im Kampf der Elemente sind sie geboren. Graue Wolken trug der Himmel, tief und schwer, schüttelte die Flocken dicht herab, daß sie des Tages Licht verfinsterten; Sturm griff hinein und peitschte die wirbelnden Massen dahin, türmte sie hoch im Walde. Wehe dem einsamen Wanderer, der sich verirrte, den die Kräfte verließen im Ringen mit dem weißen, weichen Hindernis! Gierig lauert darin der griffbereite Knochenmann; findet alljährlich seine Opfer.
Schwer wuchtet die weiße Last auf den windgebeugten Wipfeln des Hochwalds. Ein Zittern geht durch die starken Stämme, manch kraftvoll ragender Baum knickt mitten entzwei, schlägt mit dumpfem Klang sein stolzes Haupt zur Erde. Mischt sich mit dem Ächzen der Bäume nicht unheimliches Gelächter? Der Wintersturm freut sich seines Vernichtungswerks, braust weiter, sucht neue Opfer. Als er sich ausgetobt, führen viel zersplittert ragende Baumstümpfe stumme Klage. Wanderer, auch hier im Zauberbann des Winterreichs das überall gewärtige memento mori. Und wolltest doch vergessen das Schwere am Wege des Lebens. Ja heute ist Frieden, genieße drum; folge den lockenden Sonnenstrahlen.
Mählich steigt das Gelände bergan. Längst zurück liegen die letzten Wegespuren. Knietief türmt sich der Schnee. Hindurch winden sich die Wanderer. Einer tritt Bahn, bis andere ihn ablösen, reihum, im Hochgefühl starker Einigkeit. In achthundert Meter Höhenlage strebt der Schneckenstein als schwer besteigbarer Eisblock aus dem Walde empor. Sonst bietet sich von ihm bei klarer Sicht ein Blick fast über das gesamte Vogtland und weiter bis hin zum Frankenwald und den Thüringer Bergen. Immer höher führt der Weg hinan, immer schöner wird die Winterpracht des Waldes. Am nördlichen Gipfel des neunhunderteinundvierzig Meter hohen Kiel zeigen sich wieder menschliche Wohnungen. Die windumtosten Häuser Winselburg sind es, von Reifgebilden umsponnen. Einsam liegen sie hier oben, stehen in unberührten Höhen, und ihre Fenster blicken hinaus auf ein prächtiges Gipfelland. Nordostwärts öffnet sich der Blick auf das Walddörfchen Gottesberg, bekannt durch seine Bingen, und die zerstreutliegenden Hütten von Mühlleithen, von winterlichen Berghäuptern umfriedet. Nach dreistündigem Weg winkt im Buschhaus erste Rast. Bald sind die Wanderer wieder unterwegs. Ostwärts, über bahnlose Schneeflächen, durch alten Hochwald, an verschneiten Bächen dahin, bergauf, bergab streben die Freunde und finden des Staunens kein Ende über den berückenden Zauber wintereinsamer Bergwälder. Steiler werden die Hänge, immer tiefer liegt der Schnee; mehrere Seitentäler vereinigen sich zu einem großen, dem des Heroldsbachs, der im raschen Lauf seine kristallenen Wässer der großen Pyra zuführt. Die Wanderer sind im Gebiet des großen Rammelsbergs (neunhundertfünfundsechzig Meter), des höchsten Bergs im Vogtland, und können seine mächtige Gestalt von dem einsamen Waldweiler Sachsengrund aus deutlich überschauen. Vergebens winkt am Wege das Wirtshaus. Weit noch ist der Pfad und beschwerlich, darum rüstig vorwärts. Das Niederschlagsgebiet des Markersbachs mit seinen beiden neunhundert Meter hohen Bergrücken ist noch zu überwinden. Dann wird die Grenze des Vogtlands überschritten und beim schneereichen Wintersportplatz Carlsfeld zum Wasser der Wilzsch hinabgestiegen, die wohlverdiente Mittagsrast bei Vater Arnold zu halten. Frohe Stimmung herrscht, als die dampfenden Schüsseln kreisen. Aber allzulang darf die Rast nicht dauern, noch ist das Ziel nicht erreicht, wenn es auch keine allzu großen Anforderungen mehr stellen wird. Auf gutgebahnter Straße nach Wildenthal wandert sichs leicht, nur der steile Zickzackaufstieg zum Auersberg von siebenhundert bis tausend Meter hinauf wird die letzte Prüfung sein.
Es dunkelt bereits, als der Anstieg beginnt; und als die vielen zurückgelegten Wegewindungen endlich dem Gipfel zuführen, hat sich eine klare Winternacht auf die Natur herniedergesenkt. Sterne blitzen auf, und das Silberlicht des Mondes hebt die hohen Nachbarberge aus der Landschaft deutlich heraus, leuchtet hinunter auf das nach Norden ziehende tief eingeschnittene Tal der großen Bockau. Am Weg stehen wunderliche, tierähnliche Gestalten. Verschneite, eisbehangene, bereifte Bäume sind es, die Wächter des Berges. Plötzlich dringt durch den Wald aus der Ferne warmer Lichtschein, locken verheißend die Fenster des Berghauses. Glück auf zum Willkomm!
Berghausstimmung! Welchen Wanderer hat wohl noch nicht das eigenartige Gefühl durchrieselt? Gedanken der Höhe! Stolze Berggipfel allein sind nahe, fern aber, drunten in den Tälern, ist der Menschenkampf. Kein Laut dringt von dort herauf. Kraftvoll entwickelt sich der Sinn zur Freude am Schönen und Edlen, und gut ist der Boden bereitet für die heimattreuen Lieder der Erzgebirgssöhne Günther und Soph. Nie werden die schlichten Volksweisen mit mehr Innigkeit gesungen, als droben auf den Berghäusern. Eigenartige Macht wohnt in ihnen, zwingt Heimische und Fremde in ihren Bann. Schwer nur reißen sich die schon zu einer großen Familie gewordenen fremden Gäste los, um zu ruhen.
Bergwind rauscht ums Haus, singt das Schlaflied und gibt die Töne zu des Wanderers Traummotiv »’s is Feieromd, das Tagwerk is vollbracht«.
Verstohlene Sonnenstrahlen dringen durch die Ritzen der Fensterläden ins Zimmer und bringen den Schläfer zum Erwachen. Wie schnell ist er da bei klaren Gedanken. Hei! Die Sonne scheint, da gibts Fernsicht! Ein Glück, das oft erst mit vielen vergeblichen Besuchen des Berges erkauft werden muß. So schnell wie heute hat er sich wohl lange nicht angekleidet. Auch die andern haben es eilig gehabt, sind schon im Gastzimmer versammelt. Schnell noch den Morgentrunk, dann aber hinaus zum rauhreifüberzogenen Turm und hinauf bis zum vereisten Eisengestänge.
In eine Wunderwelt blicken Augen, in ihrem Zauber versinken Gedanken, nur Entzücken erweckt das sonnige Bild so vieler Berge und Täler, über denen sich von den weiten, weißen Horizontlinien herüber der tiefblaue Himmelsdom wölbt. Erhaben ist der Eindruck, unverwischbar prägt er sich im Gedächtnis ein, unvergessen wird er bleiben.
Nur schwer können sich die Wanderer von dem Ort des Erdenentrücktseins trennen. Doch sie tragen Freude mit heim und Stolz, daß deutsches Land so schön ist.
Deutsche Heimat – deutsches Lied
Ein Beitrag für Beseelung der Zeit
Von Max Zeibig, Bautzen
Ein merkwürdig Jahr ist von uns gegangen und in das ewige Meer der Vergessenheit hinabgetaucht. Es strahlte Heiterkeit in einem sonnenhellen Frühling und brachte einen Sommer, der voll köstlicher Reife war. Der Herbst kam und stand in tiefem, lachenden Blau über uns, immer in Klarheit und Schönheit. Erst der späte November verhing den Himmel mit düstren Wolken, und die herbstlichen Schauer ließen daran denken, daß es ein dunkles, kummervolles, leiderfülltes Jahr gewesen.
Das Neue kam mit Sturm und Regen, ganz, als wollte es bedeuten, daß deutsche Notzeit ist, sonnenarm und freudenleer.
Ein Wort genügt, um diese Stimmung zu rechtfertigen: Oberschlesien! Verlornes Land ringsum im deutschen Reiche, und das deutsche Volk wird von Erschütterung zu Erschütterung geworfen. Bricht ja einmal ein lichter Hoffnungsstrahl in das Dunkel der Zeit, so wird er nur zu bald wieder von düsteren Wolken verdämmt. Der Grundzug unseres Lebens aber bleibt Leid. Freilich sind der Tränen schon viel geweint, und eine stille Ergebung hat dem lauten Schmerz Platz gemacht. Hierin liegt allerdings die Gefahr, daß das Volk in seiner Gesamtheit apathisch wird. Dann führt das Leid zur Schwäche. Wir müssen darum Quellen des Trostes und der Kraft suchen und daraus schöpfen. Solche Quellen scheinen mir Heimat und Lied.
Es sind zwei Worte, die so schlicht und bescheiden klingen, und doch vermögen sie uns über die Armutei unseres Lebens zu erheben; denn sie haben etwas von jenem unverlierbaren Reichtum in sich, der seit Jahrhunderten in den deutschen Seelen lebte. Man kann reich sein und unendlich arm an Freuden, und man kann arm sein und großen Herzensreichtum besitzen; wir müssen nur das unsagbar große Glück erkennen, das im Kleinen verborgen ruht. Ein solches Glück ist uns in aller Not die Heimat.
Früher wanderten wir hinaus in die weite Welt, wohl gar um die ganze Welt; die Heimat selbst aber blieb uns oft ein verschlossenes Buch. Jetzt bannt uns die Not an die Scholle. Vielleicht liegt hier in allem Unglück ein Glück. Wir werden untereinander inniger zusammengeschmiedet. Es geht eben nicht mehr an, daß wir dem Volke Klassenhaß predigen, wenn anders wir uns nicht unser eigenes Grab graben wollen; wir werden fester im Boden verwurzelt und erkennen staunenden Auges die großen Schönheiten der Heimat. Als wir im Felde waren, brannten unsere Seelen in Heimweh, nun, da wir heimgekehrt sind aus Schlacht und Grauen schmeicheln wir dem schmerzensreichen Wort aus harten Kriegsjahren und erkennen in ihm den Garten glückseliger Kinderzeit und sehen in ihm die heilsame Trösterin bis in die Abendschatten unseres Menschenlebens. Und so liegt in dem Worte Heimat eine selige Hoffnung auf bessere Zeit.
Unsere Kinder nehmen wir in frommer Andacht bei den Händen und erziehen sie im tieferen Sinne des Heimatschutzes, lehren sie über und hinter die Dinge sehen, bauen ihre Herzen zu Hütten, darinnen die Heimatliebe erblüht aus Freude an der Heimatschönheit und darinnen Heimattreue wächst als gesunde Frucht. Solche Heimatgefühle aber sind die besten Grundlagen zu einem bewußten Deutschtum, zu dem wir uns und unsere Jugend erziehen müssen, wenn wir endlich einmal aus all dem deutschen Leid heraus wollen.
Wo wir die Spuren der Heimat suchen und auf ihren Wegen gehen, ist uns im deutschen Lied ein treuer Begleiter zur Seite. Fremd ist der stillen schönen Heimat der Gassenhauer, jener Sang, der sich wie eine feile, geputzte Dirne buhlerisch aufdrängt, jener Sang, der immer geistloser und verblödeter wird und einer allgemeinen Entsittlichung nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf dem einst so gesunden Lande den Weg liebedienerisch bereitet. Die Heimat will ein Volkslied, das in seiner Schlichtheit ist wie eine Blume im tiefen Wiesengrunde, das da klagt:
»Es ist bestimmt in Gottes Rat,
das man vom Liebsten, was man hat,
muß scheiden,«
das da scherzt:
»Horch was kommt von draußen rein!
Holla hi, holla ho,
ist das nit mein Schätzelein?
Holla hi, hallo,«
das überhaupt für alle und jede Lebenslage, für alle und jeden Beruf ein rechtes, inniges Verstehen hat. Und man muß nicht etwa meinen, daß im deutschen Liede nur etwas Weiches, zum Sentimentalen Neigendes lebe, daß es etwa unmännlich sei. Wie sprudelt darin der Humor, wie lebt es von Trotz und Kraft! Und etwas Humor und Trotz und Kraft vor allen Dingen brauchen wir wieder, wir Männer, und ein kernhaft trotziges Wort dazu: Und doch!
Wohl ist es wahr: das harte Zeitalter der Maschine hat uns gemütsärmer gemacht, Krieg und Revolution haben darüber manch frohen Mund verstummt. Tagtäglich schlagen harte Hammerschläge auf unser Herz, das oft nur noch zucken kann, wo es einst gejubelt hat. Die Ideale schwinden vor einem erschrecklichen Materialismus und Egoismus, daß wir schauernd vor diesem Antlitz des Lebens stehen.
Besinnen, Einschau und Umkehr tuen not! Das deutsche Wesen, das Edeldeutsche muß wieder lebendig werden. Die Stillen und Feinen und Besten müssen sich vereinen, denn nur von innen heraus kann die deutsche Erneuerung kommen. Alles andere äußere Operieren wird Stück- und Flickwerk bleiben.
Die Heimat, als seelischer Wert aufgefaßt, soll unser gemeinsamer Anker sein, der uns rettet; das Volkslied aber, aus der Gemeinschaft heraus geboren, soll uns wieder einen und versöhnen und zur wahren, echten deutschen Volksgemeinschaft führen. Die Heimat soll in uns lebendig werden, und die alten Lieder sollen von neuem heiß emporflammen, geschürt an heiligen Bränden, sollen leuchten und klingen dem Opferaltar des Vaterlandes, so, wie es der Dichter meint:
»Der Kraftgesang soll himmelan
mit Ungestüm sich reißen,
und jeder echte deutsche Mann
soll Freund und Bruder heißen!«
Der müde Weber
Von A. Eichhorn, Glashütte
Nicht Friedhof, sondern Gräbergarten sei das Stück Land genannt, wohin die Bewohner des Oberlausitzer Industrieortes Neugersdorf ihre Toten tragen. Ja ein Garten ist’s, darin alles Wohlmaß und Ordnung zeigt. Die Schönheit wacht hier an den Stätten der Entschlummerten. Gar seltsam überkommt es dem Wanderer in diesem Garten der Vollendeten. Das schaffen die ungezählten dunklen Lebensbäume, die hängenden Birkenzweige, durch die beim leisesten Lufthauch ein geheimnisvolles Zittern geht, die glänzenden Eichenblätter, die trauernden Weiden am Teiche, die Hecken und Gruppen von mancherlei Ziergesträuch. Und wenn an sonnigen Gilbhardtstagen sich abertausende Blätter verbluten, jedes Strauchwerk in einem anderen Farbenfeuer brennt, dann wird das Sinnen des Schauenden zum Höheren gelenkt. An einem Hügelabhang hinauf breitet sich der Totengarten. Ein junges Fichtenwäldchen begrünt den Hochpunkt. Jede Grabstätte ist ein Gärtlein für sich, fröhliches Schnabelvolk wohnt in der malumschließenden Hecke, dem Ruhenden das Schlummerlied singend. Wohl sind auch Reihengräber zu finden, doch liegen sie auf kunstvoll im Garten verteilten Wiesenplätzen, umschlossen von Strauch und niedrigem Baum.
Und die Grabmale in diesem Gräbergarten? Gar viele sind, die allgemeine Sinnbilder tragen: Aus der Urne bricht die Flamme, der verrieselte Sand im Stundenglas kündet vom abgelaufenen Leben und die Flügel daran, daß sonnenhin die Seele schwebt. Efeuüberquollen liegen die Hügel, Rose und Lilie sprechen von Liebe und Unschuld, auch von süßem Schlummer. Kinderengel knien und beten. Weitesten Gedankenlauf lassen diese Male in dem Gedankenkampf um Bejahung und Verneinung, in dem sie Versöhner sein wollen. Aber es stehen auch Male am Hügelabhang, die der Künstler so formte, daß sie ein Stück Geschichte des Verschiedenen künden. Das Grabmal auf unserm Bilde erzählt dem Kundigen auch die Geschichte des Ortes, darin der Tote einst lebte.
Abb. 1
Alte Weberleute am Webstuhl (Gezehe) und Spulrad
(Neugersdorf)
Von Strauchwerk beschattet, sitzt der müde Weber auf einem Steine. Schweiß rann über seine Stirne, darum legte er den Warensack, aus dem ein Warenballen heraussteht, neben sich, nahm seinen Hut ab, wählte einen Stein am Wege zum Ruheplatze, die Hände auf den Wanderstock stützend. Welche Geschichte spricht das eherne Mal? Der Vater des hier im Grabe Ruhenden war einer von den alten Weberfabrikanten, die mit vollgepacktem Warensack auf die Messe nach Leipzig »gingen« oder mit dem Schubkarren dorthin fuhren. Auch besuchten sie die Dresdner Märkte. Dann wurde der Weg mit eben genannter Ausrüstung an einem Tage zurückgelegt. Welche Leistung! Mitunter fuhren sie stückweise mit einem Fuhrwerke. Auch auf die Messen nach Frankfurt a. d. Oder und nach Breslau brachten die Fabrikanten die Neugersdorfer Webwaren. Ums Jahr 1780 meldet die alte Ortschronik den ersten Messebesucher. Weiter erzählt sie: »Ums Jahr 1810 gingen etwa sechs Fabrikanten nach Leipzig. Jetzt (1857) zählen wir deren an dreißig, welche in- und ausländische Messen besuchen und Tausenden Brot und Unterhalt geben.« Da waren gar oft in jener Zeit solche müde Weberfabrikanten am Wegrande zu schauen.
Abb. 2
Ein Weberfabrikant der auf die Messe »geht« ruht auf einem Stein aus
(Grabmal auf dem neuen Friedhof in Neugersdorf)
Aber diese Männer waren nicht nur darauf bedacht, ihre Waren zu verkaufen, sondern sie brachten auch Neuerungen für den Webbetrieb mit nach Hause. So verbesserten sie die Webstühle, stellten Zwirn- und Treibmaschinen auf, waren diejenigen, die den Erfindungen ihrer Zeit sogleich die Tür zur Webstube, zum Websaal öffneten. Und als eines Tages im Dorfe der erste Dampfwebstuhl die Arbeit begann, da ahnten die Hauswebstühle nichts Gutes für sich. Mochten sich Hausweber und »Gezehe« auch noch so sehr anstrengen, sie vermochtens dem Neuling nicht gleichzutun. Beide wurden mit jedem Jahre lebensmüder. Bis zu dieser umgestaltenden Neuerung standen in mancher Lausitzer Wohnstube vier Gezehe, dazwischen Spulrad und Treibrad. Die ganze Familie war eine Arbeitsgemeinschaft. Es waren die kleinen Leute mit der überperlten Stirn. Früh um fünf Uhr begann das »Klappern«, abends um zehn Uhr wurde Feierabend gemacht. Zwei Taler acht Groschen konnten bei dieser täglichen Arbeitszeit in einer Woche »erklappert« werden. Kam Weihnachten, Ostern oder Pfingsten heran, dann wurde an den Tagen vorher bis ein oder zwei Uhr morgens »gewürkt«, um die feiernden Stunden wieder herauszuschinden. Doch waren die Leute zufrieden. Mancher Volksvers vom Lausitzer Weberleben spricht von Armut und Zufriedenheit. Der Dampfwebstuhl verdrängte einen Hauswebstuhl nach dem andern. Und wie die Haustreiberei in kurzer Zeit ausgelebt haben wird, so ist auch der Tag nahe gerückt, an dem der letzte Hauswebstuhl und sein Spulrad stillstehen.
Während aber im Dorfe dreißig hohe Schornsteine qualmen neben mehrstöckigen langen Fabrikgebäuden, darinnen die Maschinen sausen, ununterbrochen die schweren Kohlenwagen über die Brücke knarren, darunter lange Güterzüge rollen, Lastautos und festgebaute Rollwagen die Kisten mit Hosen-, Blusen-, Hemden- und Kleiderstoffen, Webstühle und Maschinenteile zum Bahnhof bringen, aus den Essen der Kupolöfen in den Eisengießereien die Funken sprühen, steht der alte Dorfbewohner im stillen Gräbergarten vor diesem müden Weber und träumt von »Massegiehn«, »Gezehe«, »Spulradl« und »Treiberod«.
Denkmalpflege in Sachsen
Von Dr. Bachmann
Mit Aufnahmen aus dem Denkmalsarchiv in Dresden
Dem Beispiele der anderen Bundesstaaten folgend, hat nunmehr auch Sachsen seit September 1920 einen staatlichen Denkmalpfleger berufen. Nach der Verordnung des Ministeriums des Innern vom 10. August 1920 besteht von da ab das Landesamt für Denkmalpflege aus dem Denkmalpfleger und dem Denkmalrat, welch letzterer in der Hauptsache seine alte Zusammensetzung behalten hat.
Das Landesamt selbst hat seit dem Sommer dieses Jahres eigene Diensträume im alten Palais Wackerbarth (Dresden-N., Niedergraben 5) bezogen, in denen nunmehr auch die Plan- und Bildsammlung des Denkmalarchivs untergebracht ist, für dessen öffentliche Benutzung ein Arbeitszimmer bereit gestellt wurde.
Mit diesen Umgestaltungen hat die Denkmalpflege in Sachsen einen wichtigen Schritt nach vorwärts getan und eine breitere Grundlage für den weiteren Ausbau gewonnen. Daß dieser dringend nötig ist, haben ja die Erfahrungen der Jahre nach Kriegsende mit betrüblicher Deutlichkeit und Eindringlichkeit bewiesen. In unseren Tagen des ausgeprägten Materialismus, der Gleichgültigkeit und Verflachung des Empfindens gegenüber Kulturwerten in weitesten Kreisen, ist dem Kunstbesitz des Landes eine fast schwerere Gefahr entstanden, als sie je wohl ein Krieg innerhalb der Grenzen hätte mit sich bringen können. Weite Kreise, die früher mit Liebe und Verständnis sich ihres angestammten Kunstbesitzes annahmen und ihn als treue Hüter für ihre Nachkommen wahrten, sind durch die Not der Zeit gezwungen, ihn zu veräußern, oder aber ermangeln besten Falles der Mittel, ihn in guter Pflege zu erhalten.
So erwächst der staatlichen Fürsorge die Aufgabe, für den übernommenen Kunstbesitz zu sorgen, in ständig erhöhtem Ausmaße, aber mehr denn bisher möchte hier neben die aufklärende und beratende Stimme der berufenen Helfer der Denkmalpflege die Hilfe durch die Tat seitens der verantwortlichen Stellen treten, soll nicht in absehbarer Zeit unendlicher Schaden an Sachsens Kulturgütern geschehen. Um der nach der Revolution in höchstem Maße gestiegenen Gefahr der Abwanderung und Verschiebung wertvollen und für die Heimat unersetzlichen Kunstbesitzes ins Ausland zu begegnen, wurde vom Reiche am 8. Mai 1920 ein Kunstschutzgesetz erlassen, zu dem die Bundesstaaten, darunter Sachsen, noch ihre besonderen Ausführungsbestimmungen erlassen haben. Diese ergingen für unser Land am 1. April 1921 und sollten von allen Privatpersonen, Vereinen und Vereinigungen des Privatrechts, die sich im Besitze von Gegenständen befinden, »die einen geschichtlichen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Wert haben, und deren Erhaltung im öffentlichen Interesse liegt«, wohl beachtet werden.
Hierher gehört vor allem auch der reiche Kunstbesitz unserer Kirchgemeinden und der der alten Innungen. Für ersteren hat das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium unter dem 1. Juli 1921 noch besondere Ausführungsbestimmungen erlassen, wonach Verzeichnisse der in Frage kommenden Gegenstände aufzustellen und zeitweilig nachzuprüfen sind. Über den Vereins- und Innungsbesitz werden anderseits im Ministerium des Innern Listen nach Eintragsvorschlag der Kreishauptmannschaften und nach Gehör des Denkmalpflegers oder anderer Sachverständiger geführt.
»Zuständig für die Genehmigung der Veräußerung, Verpfändung, wesentlichen Veränderung (Ortsveränderung!) oder Ausfuhr eines geschützten Gegenstandes ist das Ministerium des Innern, sofern es sich jedoch um Gegenstände im Besitz von Stadt- oder Landgemeinden handelt, die Kreishauptmannschaft.« (Absatz V der Ausführungsbestimmungen. – Sächs. Gesetzblatt 1921, S. 101.)
Mag auch manchem zeitgemäß Denkenden ein solcher gesetzlich festgelegter Kunstschutz als Eingriff in private und angeerbte Rechte erscheinen, so wird doch jedem Freunde unserer Heimat und ihres Kulturbesitzes, der mit offenen Augen verfolgte, was in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkte vorging, eine gesetzliche Handhabe willkommen sein, die hier ein Eingreifen gestattet und retten hilft, wo noch zu retten ist.
Trotz seiner ständig schwieriger sich gestaltenden finanziellen Lage hat das Landesamt im Kriege und in den folgenden Jahren die Arbeit nicht ruhen lassen und es soll hier in Kürze den Freunden unserer Bestrebungen aus der Fülle des bearbeiteten Materials einiges im Beispiel geboten werden.
Wie bisher, so lag auch in den vergangenen Jahren die praktische Arbeit des Landesamtes in der Hauptsache auf dem Gebiete der kirchlichen Kunst, und beträchtlich ist die Zahl der Ölgemälde, Altaraufsätze, Kruzifixe usw., die in dieser Zeit als Kranke und Invalide in die Werkstätte des Landesamtes eingeliefert wurden, und die nun wieder in alter Schönheit die Dorf- und Stadtkirchen unserer sächsischen Heimat zieren. Mannigfaltig und zahlreich sind diese Krankheiten, und die jahrzehntelange Übung und Erfahrung der Künstler und Restauratoren der Werkstätten gehört dazu, deren Ursachen richtig zu erkennen und die geeigneten Heilmittel dafür zu finden.
Wie aber der kranke Mensch selten gut dabei fährt, wenn er einem Kurpfuscher sich anvertraut, so mag auch an dieser Stelle einmal eindringlich davor gewarnt werden, die Wiederherstellung kranker Kunstgegenstände Leuten anzuvertrauen, denen keine Erfahrung in diesen Dingen zugestanden werden kann. Gurlitts kleines Werk »Die Pflege der kirchlichen Kunstdenkmäler« kann hier ein guter Führer und Wegweiser sein.
Im Kriege noch wurde der mächtige Altaraufsatz aus der Nikolaikirche in Döbeln, der dringend der Erneuerung bedürftig war, in die Werkstätten des Landesamtes überführt. Das in Holzplastik und Malerei auf das reichste ausgestattete Kunstwerk ist ein Flügelaltar aus katholischer Zeit, und gehört mit seinen Abmessungen von fast elf Meter Höhe und fünf Meter Breite zu den größten der in Sachsen noch erhaltenen Altarschreine. Der Meister, der dies Kunstwerk schuf, ist nicht bekannt, doch rät Steche auf einen Meister Hans Degen aus Dobeleyn, der auch den Hauptaltar der Kreuzkirche in Dresden in den Jahren 1513 bis 1515 fertigte.
Die kostspieligen und umfangreichen Erneuerungsarbeiten wurden von den Künstlern des Landesamtes mit bestem Erfolg durchgeführt und der Altar Pfingsten 1919 an Ort und Stelle wieder aufgerichtet.
Der große, herrliche Altaraufsatz aus der Kirche zu Ehrenfriedersdorf, ein künstlerisch hoch zu bewertendes Werk des beginnenden sechzehnten Jahrhunderts, ist der Öffentlichkeit durch eine vieljährige Aufstellung in der Gemäldegalerie zu Dresden bekannt geworden. Auch dieser war dem Landesamt als dringend erneuerungsbedürftig anvertraut worden und wurde durch seine Werkstätten sachgemäß instand gesetzt. Jetzt ziert er nun wieder die malerische alte Kirche des Erzgebirgsstädtchens, deren massiver Turm noch heute das charakteristischste Wahrzeichen im Stadt- und Landschaftsbilde ist, wenn er auch seines hohen mittelalterlichen Wehraufbaues schon seit langem verlustig gegangen ist.
Ein recht interessantes Stück sächsischer Plastik des Mittelalters stellt ein Flügelaltar vor, der für die Gemeinde zu Plohn im Vogtlande im Jahre 1918 in den Werkstätten wiederhergestellt wurde. Eine fein empfundene und gut durchgebildete Madonnenstatue der spätgotischen Zeit steht im Mittelschrein vom Strahlenkranze umgeben, in den Flügeln zu beiden Seiten die Figuren der heiligen Katharina und der heiligen Barbara. Deutlich läßt aber bei diesem Beispiel die Umrahmung des Schreines die Übergangszeit und die Formensprache der nunmehr neu auftretenden Renaissance erkennen. Noch späterer Zeit entstammt die zugefügte hölzerne Predella. Der Altar, der lange Jahre in einem Raume des Plohner Rittergutes aufbewahrt wurde, ist nach der Erneuerung wieder in der Dorfkirche zur Aufstellung gekommen.
Die neue Jakobikirche zu Freiberg besitzt seit alters einen großen Schnitzaltar, den der Meister Bernhard Diterich, Bildhauer und Bildschnitzer zu Freiberg im Jahre 1610 anfertigte. Reich bewegte Reliefs in Holzschnitztechnik füllen hier die einzelnen Felder des architektonisch gegliederten Aufbaues. Das ganze Kunstwerk war jedoch derart vom Holzwurm zerfressen, daß eine durchgreifende Imprägnierung sich nötig machte, die im Herbst vergangenen Jahres durch die Werkstätten des Landesamtes mit vollem Erfolg und an Ort und Stelle durchgeführt wurde. Gleichzeitig wurde auch ein kleineres Schnitzaltarwerk desselben Meisters Diterich, das sich in der Kirche zu Kleinschirma befindet, erneuert.
Noch viele andere Kunstwerke von Wert harren in den sächsischen Kirchen der dringend nötigen Auffrischung, aber zu gering sind leider diesen Anforderungen gegenüber die Mittel, die zur Verfügung gestellt werden. So muß sich die Konservierungstätigkeit des Landesamtes in der Hauptsache auf kleinere Stücke beschränken.
Abb. 1
Plohn, Altar, geöffnet nach der Wiederherstellung
Manch schönes Kunstwerk wäre da zu nennen, das im Laufe der letzten Jahre seine Auferstehung von einem Kirchenboden herab gefeiert hat. So hat unter anderem die große, freundliche Kirche zu Mildenau im Erzgebirge sich eine kleine »Pieta« von edler Formensprache wiedergeschenkt, die nun heute zusammen mit Teilen alter Flügelaltäre das Kircheninnere ziert. Eine größere, sehr schöne Beweinungsgruppe wurde in gleicher Weise für die Kirche zu Hilbersdorf wieder vorgerichtet, und es ist erfreulich zu bemerken, daß mehr und mehr doch gerade diesen, durch Tradition und Kunstwert gleichermaßen geadelten Erzeugnissen einer vergangenen Zeit wieder Liebe und Verständnis entgegengebracht wird. Freilich sind auch, trotz aller Bestrebungen von Denkmalpflege und Heimatschutz noch immer betrübliche Fälle von Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, wenn nicht Schlimmerem zu verzeichnen.
Abb. 2
Hilbersdorf, Gruppe der Pieta vor der Herstellung
Mit der sich wieder regenden Bautätigkeit beginnt auch vielen Ortes wieder die Pflege der Kirchengebäude in Fluß zu kommen. Im Kriege noch wurde die kleine, reizvoll im Landschaftsbilde gelegene Kirche zu Harthau bei Chemnitz auf Anregung des Landesamtes erneuert und so vor dem Schicksal des Abbruchs, das ihr nach Errichtung der neuen Kirche drohte, glücklich gerettet. Noch während des Krieges trat man dem Gedanken näher, den stimmungsvollen Kirchenraum als Gedächtnishalle im Sinne einer Kriegerehrung auszugestalten und 1915 wurde bereits in diesen Blättern darauf eingegangen. Jetzt scheint der Gedanke Form zu gewinnen und seiner Verwirklichung entgegenzugehen.
Abb. 3
Innenansicht der Kirche zu Großrückerswalde (Zustand Mai 1921)
Die prachtvolle alte Wehrkirche zu Großrückerswalde bei Marienberg, eine der wenigen und schönsten der von ihrer Art in Deutschland überhaupt erhaltenen, hatte durch Wind und Wetter auf ihrer stolzen Höhe stark gelitten. Die Gemeinde hat sich nun in dankenswerter und nachahmenswürdiger Weise entschlossen, die für einen Kirchenneubau dereinst angesammelten Gelder für die Erhaltung des schönen, alten Gotteshauses auszugeben. Mit den Erneuerungsarbeiten ist bereits begonnen worden.
Es wäre zu wünschen, daß dem guten Beispiel auch andern Ortes gefolgt würde. Manch unscheinbar gewordener alter Bau könnte so zu neuem Leben erwachen und mancher Zeuge vergangener großer Tage erhalten werden.
Abb. 4
Frohnauer Hammer
Nicht auf dem kirchlichen Gebiet allein liegt die Arbeit der Denkmalpflege, sie wendet ihre Fürsorge vielmehr auch allen anderen geschichtlich und künstlerisch wertvollen Bauwerken und Einzelkunstwerken zu. Um seines für sächsische Kultur und Volkskunst gleichermaßen hohen Wertes wurden im Jahre 1906 Schritte eingeleitet, den alten, malerisch gelegenen Frohnauer Hammer bei Annaberg der Nachwelt zu erhalten. Im Jahre 1908 trat der eigens für diesen Zweck geschaffene Hammerbund an Denkmalpflege und Heimatschutz mit der Bitte um Unterstützung heran, und es gelang auch das ganze Werk käuflich zu erwerben, so daß nunmehr Schritte zu dessen Erhaltung eingeleitet werden konnten. Noch ist hier freilich viel zu tun, soll das Hilfswerk zum erfolgreichen Abschluß kommen, und es sei darum auch hier noch einmal allen Freunden unserer Bestrebungen nahegelegt, für den Hammerbund und seine Ziele zu werben und damit beizutragen zur Erhaltung eines wertvollen Stückes alter sächsischer Kultur.
Abb. 5
Altes Brauhaus in Hohnstein (Sächs. Schweiz) umgebaut zum Rathaus
(Architekt Woldemar Kandler, Klotzsche)
Das allen Besuchern der Sächsischen Schweiz wohlbekannte Städtchen Hohnstein hat eine stimmungsvolle Zierde durch sein neues Rathaus erhalten. Die Stadtverwaltung hatte im Jahre 1917 mit feinem Verständnis für die Schönheit des alten Ortsbildes beschlossen, ein altes und baufällig gewordenes Wohnhaus, das unweit des Marktes, neben dem ehemaligen Brauereigebäude steht, zu erwerben und den Zwecken eines Rathauses anzupassen. Die Aufgabe ist mit Unterstützung von Landesamt und Heimatschutz in glücklichster Weise gelöst worden. Freundlich und eindrucksvoll steht heute der hohe Fachwerkgiebel im Stadtbilde da, und ein kleiner, neu hinzugefügter Dachreiter betont allein den besonderen Charakter des erneuerten Gebäudes. Es wäre erfreulich, wenn dies vorbildliche Beispiel der Stadtgemeinde Hohnstein noch recht viele Nachahmer finden würde. Gelegenheit dazu ist ja gerade heute, wo die Erstellung großer Neubauten fast unmöglich geworden ist, zu Genüge geboten.
Das mittelalterliche kleine Rathaus der Stadt Meerane, das von einem mächtigen Dachreiter bekrönt und mit einem reich gegliederten Renaissanceportal geschmückt ist, soll demnächst gleichfalls erneuert werden. Der häßliche, in Streifen ornamentierte Schieferbelag des Daches soll durch neuen, einfarbigen ersetzt werden und das sehr schadhafte Portal gründlich ausgebessert werden. Auch das kunst- und baugeschichtlich gleicherweise bekannte alte Rathaus in Plauen unterliegt zur Zeit einem Umbau. Dieser wird allerdings etwas gründlicher ausfallen, als es im Sinne der Denkmalpflege gelegen hätte. Die Stadt Plauen hat nun nach Abbruch des alten Schlosses Reusa und des Heynigschen Hauses nur noch wenig Reste alter wertvoller Baukunst sich bewahrt. Erfreulich ist in jedem Falle, daß das schöne Gösmannsche Haus mit seiner zum Teil ausgezeichnet erhaltenen und vornehmen Innenausstattung von der Stadt angekauft und als Ortsmuseum eingerichtet wurde. Plauen dürfte damit wohl eines der reizvollsten Ortsmuseen erhalten, die wir in Sachsen überhaupt besitzen.
Abb. 6
Alter kathol. Friedhof in Dresden-Fr. Innenansicht der Kapelle mit der Kreuzabnahme von Permoser.
In ganz ähnlicher Weise wäre aber, ohne große Schwierigkeiten, das jetzige Ortsmuseum der Stadt Zittau auszugestalten, wenn man sich entschließen könnte, die zur Verfügung stehenden Räume, Refektorium und zwei darübergelegene Säle des alten Franziskanerklosters rein für das Museum zu bestimmen und die Stadtbibliothek anderswo unterzubringen. Der an das Gebäude anstoßende alte Klosterfriedhof soll zudem nunmehr vom Refektorium aus direkt zugänglich gemacht und damit der Öffentlichkeit wiedergegeben werden. Wünschenswert wäre dann allerdings, daß auch für die Erhaltung der schönen barocken Gruftfassaden etwas getan würde.
Den alten Friedhöfen hat das Landesamt von je auch, soweit es im Rahmen der verfügbaren Mittel möglich war, seine Fürsorge gewidmet.
Abb. 7
Moritzburg, alte Postmeilensäule
Der innere katholische Friedhof zu Dresden, der als solcher auf einem 1721 von König August dem Starken angewiesenen Grundstück entstand, beherbergt eine ganze Anzahl wertvoller Grabdenkmäler des achtzehnten Jahrhunderts, die leider heute unter dem schädlichen Einfluß der rings entstandenen Fabriken und ihrer Verbrennungsprodukte schwer gefährdet erscheinen. Viele berühmte Dresdner sind hier zur Ruhe bestattet worden, von denen nur der Maler Casanova, Kügelgen, v. Schlegel und Permoser genannt seien. Des letzteren Grab zierte die von ihm selbst gebildete fast dreieinhalb Meter hohe Kreuzigungsgruppe in Sandstein, deren reine Formenschönheit bei der Art des verwendeten Materials besonders gelitten hatte. Es war darum ein glücklicher Gedanke, diese Gruppe in der erneuerten und zu dem Zwecke mit einem Nischenausbau versehenen Kapelle neu aufzustellen, wo sie jetzt im Rahmen der farbig gut abgestimmten Innenarchitektur auf das eindrucksvollste zur Geltung kommt. Auch diese Arbeiten wurden unter Förderung und mit Unterstützung der staatlichen Denkmalpflege durchgeführt. Doch welches Maß von Arbeit ist noch zu leisten, sollen auch nur die besten der vielen herrlichen Grabdenkmäler geschützt und erhalten werden, die Sachsens Friedhöfe, allen voran der alte Eliasfriedhof zu Dresden bergen!
Abb. 8
Postsäule in Reichenbach i. V.
Aufnahme von Oktober 1921
Auch eine andere Art von Denkmälern aus alter Zeit hat von je unter dem Schutze der Denkmalpflege gestanden. Es sind das die Postmeilensäulen, die auf Veranlassung und nach Verordnung des Königs August des Starken vom Jahre 1722 an in ganz Sachsen errichtet wurden. Eine große Anzahl derselben hat sich bis in unsere Zeit erhalten, und bei dem gestiegenen Verständnis auch für diese anspruchslosen Zeugen der Vergangenheit, ist ein großer Teil derselben heute wieder als Schmuckdenkmal zu Ehren gekommen. Auch das Landesamt hat zur Erhaltung vieler solcher Säulen das seinige mit Rat und Tat beigetragen. So wurden auf seine Veranlassung unter anderem die beiden Postsäulen in Moritzburg wiederhergestellt, die am Eingang der Hauptallee zum Schlosse stehen.
In der Hauptsache sind es die sogenannten Stadtsäulen, die hier in Frage kommen, wohingegen von den in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts gleichzeitig errichteten »Gantze-Meilensäulen« sich wohl nur wenige Stücke erhalten haben. Ein Exemplar einer solchen steht in Reichenbach auf der Kreuzleithe und wurde im Herbst dieses Jahres in dankenswerter Weise durch den dortigen Stadtrat aufgefrischt. Von der dritten noch kleineren Abart dieser Postsäulen, den »Einhalb-Meilensäulen« scheint nur noch ein Exemplar vorhanden zu sein, das im Wermsdorfer Revier unweit der Allee IV in Abteilung 10 steht. Vielleicht aber kann uns für weitere Stücke noch der oder jene Freund des Heimatschutzes einen Hinweis geben.
Damit soll für diesmal die Reihe der Beispiele aus dem Arbeitsgebiet der Denkmalpflege geschlossen werden. Hoffen wir, daß es staatlicher und privater Fürsorge und Unterstützung auch in der Folgezeit gelingt, die kulturerhaltende Tätigkeit der sächsischen Denkmalpflege nicht nur auf dem jetzigen Standpunkte zu erhalten, das würde, wie die ständig wachsenden Anforderungen an das Landesamt beweisen, keinesfalls genügen, sondern weiter auszubauen zu Nutz und Frommen alter sächsischer Kultur und ihrer Denkmäler, zur Zufriedenheit aller Freunde unserer schönen Heimat.
Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz vor siebzig Jahren
Von Stadtbaurat Rieß, Freiberg
Wie reich, wie schön wäre unsere Heimat, hätten wir den Heimatschutz schon vor fünfzig oder hundert Jahren gehabt!
Herrliche Schätze an Kunst und Kulturbesitz wären vor dem Untergang und Vernichtung bewahrt geblieben. Als Zeugen alter Kunst deutschen Geistes und Lebens hätten sie eindringlich gemahnt und zielweisend das neue deutsche Leben geschaut, geschmückt, geläutert.
Vielleicht wäre die ganze Kunstentwicklung in anderer Richtung gegangen, fortschreitend zu höheren Zielen in starkem, gleichmäßigem Vorwärtsdringen, weil das, was die Väter schufen und bodenständig im Heimatgrunde wurzelte, das was ihm eigen und schön war, oft besser erkannt und gewürdigt, besser gepflegt und erhalten und zur Grundlage und Ausgang neuen Schaffens gemacht worden wäre. Vielleicht hätten wir dann eine neue wirklich echt deutsche Kunst!
Vielleicht wären die Gedanken und Ziele des Heimatschutzes dann jetzt schon lange Allgemeingut des Volkes geworden und zum selbstverständlichen Empfinden auch der Ahnungslosen, vielleicht hätten wir dann eine natürliche künstlerische Kultur, vielleicht – – vielleicht wäre dann Heimatschutz nicht mehr nötig!
Die Gedanken des Heimatschutzes sind jedoch nicht neu. Schon die alten Kulturvölker übten Heimatschutz als einen selbstverständlichen Ausfluß und Ausdruck ihres angeborenen künstlerischen Empfindens, welchem die Harmonie der Dinge ein Bedürfnis war.
Als das Wort »Heimatschutz« aber geprägt und »Heimatschutz« als geistige Bewegung ausgelöst wurde durch tiefschauende Seher und tiefschürfende Arbeiter am deutschen Volke und an der Heimat, da war diese selbstverständliche Kultur längst verloren gegangen. Sie muß nun mühsam Schritt für Schritt wieder errungen werden. Doch der Weg führt empor und das tiefe Sehnen des Volkes sucht und findet im Heimatschutz Antwort. Doch auch in der Zeit des Niederganges der Heimatkultur sind solche Männer als Seher und Sorger für die Heimat aufgestanden und haben den Kampf gewagt, unverstanden und geschmäht, aber unverzagt und mit heißem Herzen!
Wie solch ein Kampf des Heimatschutzes vor etwa siebzig Jahren in Freiberg um das altehrwürdige Rathaus sich abspielte, und wie Heimatschutzgedanken die Gemüter bewegten im erregten Für und Wider, wie damals die Leidenschaften und Schwächen des menschlichen Herzens sich zeigten und Stacheln und Dornen Wunden rissen, ohne die Selbstlosigkeit und Begeisterung des heimattreuen Sehers und Sorgers am Werke zu ertöten, das mag einmal auf Grund der Akten als ein typisches Beispiel geschildert werden.
Es war im Jahre 1853. Das alte Rathaus gefiel den Freibergern mit einem Male nicht mehr. Viele Jahrhunderte hatte es den Stürmen schon Trotz geboten, hatte im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not, aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft, dem Rate und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes Dach geboten. Eine reiche, stolze Geschichte, die wir jetzt nicht weiter verfolgen wollen, hatte die alten starken Mauern, Ratsstuben und Gewölbe geweiht. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und Aufopferung, von Blut und Tot, von jauchzendem Leben und Kerkernacht flüsterten und raunten die mächtigen Quadern der Wände, sang und stöhnte der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel sauste. Aber doch gefiel das Rathaus dem Rate und den Bürgern nicht mehr. Ihre Ohren waren taub, ihre Augen stumpf geworden. Sie fühlten nicht mehr das geheimnisvolle Leben, die Seele, welche aus den ehrwürdigen Zügen des alten Bauwerkes sprach, das mit der alten Stadt jung gewesen war, und im Alter ihr diente wie einst in der Jugend.
Auf der Marktseite hatten sich Verkaufsbuden, auf der Nordseite an der Burgstraße der Schuppen für die Feuerleitern angesiedelt und saßen wie Schmarotzerpflanzen am gesunden Stamm und zehrten von seiner Schönheit. Allerlei Unzuträglichkeiten waren entstanden durch die Begleiterscheinungen des Kramhandels, die der Würde des Rathauses nicht mehr entsprachen. Hier mußte Wandel geschaffen werden, darüber waren sich Rat und Bürgerschaft einig. Im Erdgeschoß am östlichen Giebel waren Räume, die nur untergeordneten Zwecken dienten. »Hier könnten wir Läden einbauen und schönen Mietzins lösen,« dachten die Stadtväter. »Für die Krambuden ist dann ein würdiger Ersatz geschaffen.« Außerdem war das Dach so hoch!! Mit seinem langen First und seiner riesigen Fläche schnitt es ein schönes Stück vom Himmel ab und die Verkaufsgewölbe der Nachbarhäuser an der Nordseite mußten sogar früher Licht anzünden als der Konkurrent am Obermarkt. Wo blieb da die Gerechtigkeit! –
Prüfend blickten sie immer wieder auf das Dach und den gewaltigen Giebel mit seiner Blendnischenarchitektur, vier Bogenreihen übereinander. Da fand ein besonders interessiertes, kundiges, scharfes Auge, daß der Giebel nicht mehr ganz lotrecht stände, sondern nach innen sich neigte; ja im Mauerwerk wurden urplötzlich für sein Auge gefährliche Risse sichtbar! Ahnungslos hatte man vielleicht schon in der Gefahr geschwebt, von dem stürzenden Giebel erschlagen zu werden! Wollte man Läden dort bauen und Schaufenster ausbrechen, so war der Einsturz des Rathauses gewiß! –
Herbei ihr Sachverständigen mit Rat und Tat! Rettet uns vor der furchtbaren Gefahr!
Der Baumeister Leuthold aus Dippoldiswalde wurde berufen und mit der Fülle der angehäuften Wünsche und Anregungen überschüttet. Zeichnungen und Anschlag wurden von ihm angefertigt und mit einem ausführlichen Gutachten überreicht. Zwei Seelen leben in diesem Gutachten. Die Seele des unbefangenen Sachverständigen und die Seele des Mannes, der gern bauen und verdienen will.
Im Anfang sagt er, daß »eine unbedingte Notwendigkeit« des Giebelbaues »für jetzt noch nicht« vorliege.
»Die Neigung des Dachgiebels nach innen, ist allerdings eine nicht unbedeutende, jedoch sind in diesem selbst nicht die geringsten Risse oder Sprünge wahrzunehmen, was einesteils auf die große Festigkeit und den innigen Zusammenhang des Mauerwerkes schließen läßt, anderenteils aber zu der Annahme berechtigt, daß diese Neigung sehr allmählich oder wenigstens sehr regelmäßig erfolgt sei. Die Sprünge, welche sich in der ersten Etage der Umfassungsmauer dieser Giebelseite allerdings zeigen, sind gegenwärtig noch nicht derart, daß sie zu einem ernsten Bedenken Veranlassung geben und bei der großen Stärke der Giebelmauer kann selbst bei deren großer Neigung ein Einsturz derselben zur Zeit noch nicht zu befürchten sein.«
Gleichwohl kommt er zum Schluß, den Abbruch zu empfehlen, weil infolge »schiefen Druckes« doch einmal ein Einsturz erfolgen könne. Er empfiehlt eine umfassende Restauration des Gebäudes mit Neuaufbau des Giebels, Einbau der Läden, Änderungen an Fenstern und Räumen und dergleichen. Sehr wichtig nimmt er den Abputz, zu dem er »eine graubraune, aus lichtem Ocker, geschlemmter Umbra und Frankfurter Schwarz gemischte Kalkfarbe« nehmen würde, »um den Charakter und die Altertümlichkeit des Gebäudes zu bezeichnen«. Ein Dorn im Auge sind ihm die verschiedenartigen Fensterformen, die er möglichst »egalisieren« und »rektifizieren« möchte. »Schon die Vorderfronte noch mehr aber die Hinterfronte nämlich bietet hinsichtlich der architektonischen Formen und Gliederungen eine so bunte Mannigfaltigkeit, wie dieselbe mit dem ästhetischen Gefühl im allgemeinen und mit der Würde des Gebäudes in keinem Falle vereinbar ist.« »Die Hinterfronte repräsentiert eine wahre Musterkarte von allerhand Tür- und Fensterrahmen, die nach Herstellung des neuen Abputzes als solche nur noch mehr in die Augen fallen wird.« »Die Beseitigung dieser Verunstaltungen tut dringend not,« schreibt er in höchster ästhetischer Entrüstung. Die »Conzinnität« der »Fronte« muß hergestellt werden. Die Kosten berechnet er auf insgesamt rund 4370 Taler. In seiner Planung hatte er auf die Änderung der Fenster besonders hingearbeitet, ohne jedoch immer Rücksicht auf die dahinterliegenden Räume zu nehmen. Gleichwohl und trotz der hohen Kosten erklärt man sich im Rate mit den Plänen einverstanden, wobei man jedoch wiederholt die Wahrung des altertümlichen Charakters des Gebäudes betont.
Man forderte in der Theorie das, was die eigenen Beschlüsse und praktischen Maßnahmen unbedingt zerstören mußten. War es ehrliche Unkenntnis oder Selbstbetrug oder naive Heuchelei? Vielleicht aus allen dreien gemischt!
Als die Bauangelegenheit soweit gediehen war, es war im Mai 1855, da bekam das Ratsmitglied, welches die Finanzverwaltung hatte, doch Bedenken über die Aufbringung der Mittel und bittet auf Grund längerer Berechnungen und Ausführungen die endgültige Entschließung noch auszusetzen. Er weist auf die politische Lage Deutschlands hin, »welche noch immer darüber in Zweifel läßt, ob für das Land bald entweder die Ruhe und Sicherheit des Friedens oder die Lasten einer Mobilisierung der Armee und die Drangsale eines allgemeinen Krieges zu erwarten stehen,« sodann auf »die nun seit mehreren Jahren anhaltende Teuerung aller Lebensmittel, deren Fortdauer mit der größten Besorgnis für die Folgen erfüllt.« Diesen Bedenken schloß sich das Ratskollegium an und die Baufrage wurde einstweilen zurückgestellt bis auf die Beseitigung der hölzernen häßlichen Budenanbauten. Dieser Beschluß wurde im Juli 1855 gefaßt. Das Rathaus schien vor den Bauabsichten noch einmal gerettet zu sein. Bei allen diesen Beratungen hatte jedoch der Bürgermeister Clauß nicht mitgewirkt, der wohl beurlaubt oder noch nicht im Amte war. Unter dem 21. April 1856 schreibt er eine Denkschrift von zwölf enggeschriebenen Aktenseiten mit zierlich kleiner Schrift nieder, in welcher er alle Vorgänge zusammenfaßt, Kritik übt und Vorschläge macht.
Er erklärt sich gegen den Einbau von Läden, »weil durch das Marchandieren Fremder im Rathause die Ruhe, Ordnung und Sicherheit desselben sehr beeinträchtiget und gefährdet werden würde, um so mehr als es eben an allen Neben- namentlich Hofräumen fehlt und nicht einmal loca secreta vorhanden sind, mithin allerlei Allodria, Mitbenutzung der oberen Appartements und dergleichen mehr in die übrigen Räume des Rathauses sich verpflanzen und darin breit machen würden.«
Er erklärt sich gegen die Änderung der Fenster, »weil dadurch die innere Symmetrie der betreffenden Räume gestört und auf Rechnung des Äußeren verunstaltet werden würden.« »Es möchte kaum zu verantworten sein, dem äußeren Ansehen die Zweckmäßigkeit der inneren Einrichtungen zu opfern.«
Kann man ihm hier auch nach heutigen Anschauungen über Heimatschutz und Denkmalpflege nur zustimmen, so nimmt er doch zum Schlusse die Anregungen wieder auf, welche im Zusammenhang mit der Giebelfrage nicht wieder zur Ruhe kommen sollen, sondern wie ein Gift weiterfraßen und dem äußeren Ansehen des Rathauses verderblich wurden.
Er schreibt: »Unterzeichneter mag nicht verhehlen, daß es nach seiner Ansicht das Beste wäre, das ganze Dach mit einem modernen niedrigeren zu vertauschen, weil so die immense und überflüssige Belastung des Rathauses beseitigt, brauchbare und angemessene Dachräume erlangt, die Rauchfangunterhaltungen wesentlich vermindert, die Gefahr bei Feuerunglück – wo durch die jetzige ungeheure Last des Daches die unteren Räume erdrückt zu werden bedroht sind, – bei weitem verringert, auch die Dachgiebelfrage auf leichteste Weise mit erledigt würde.« Allein er enthält sich, »darauf abzielende Vorschläge zu eröffnen, wohl wissend und ahnend, daß solche im weiteren Kreise nicht leicht Annahme und Anhänger finden werden, obgleich die Kosten dieser Veränderung großenteils durch den Gewinn überflüssigen, guten und gesunden Holzes ausgewogen werden würden, neues Holz- und Ziegelmaterial wohl gar nicht nötig wären.«
Auf Grund dieser Denkschrift beschloß man, daß »die Restauration des Rathauses nicht allzulange mehr verschoben werden möchte.« Einige Monate ruht scheinbar die Sache, wenigstens in den Akten, wenn auch vielleicht die Frage das tägliche Gespräch gewesen sein mag. Da tritt die Baudeputation mit neuem Antrag auf – und sagt unter anderem: »Wenn sich aber nun unmöglich verhehlen läßt, daß das derzeitige Äußere des Rathauses zu Freiberg ein würdiges nicht genannt werden kann, ja daß es kaum den bescheidensten Anforderungen des decorum entspricht, und daß einzelne Partien desselben sogar einen widrigen Eindruck auf den Beschauer hervorbringen, überhaupt aber der Gesamteindruck desselben nur in dem hohen Alter des Bauwerks einige Beschönigung finden kann, … so hält sich die Deputation gerechtfertigt, wenn sie auch diesen Aufwand bevorwortet.«
Diese von jedem Verständnis der Altertumswerte und der Charakterzüge des ehrwürdigen Rathauses weit entfernten Vorschläge wurden nun von den städtischen Kollegien zum Beschluß erhoben, ihre Ausführung aber noch einstweilen aufgeschoben, weil die Jahreszeit schon zu weit vorgeschritten war und weil »der neugewählte Stadtbaumeister erst im Monat Oktober d. J. sein Amt antreten wird, inmittelst aber es an gehöriger Bauleitung fehlen würde.«
Das Urteil über das alte ehrwürdige Rathaus war gesprochen, man wartete nur noch auf den amtlich bestellten Scharfrichter zu seiner Hinrichtung und benutzte die Zwischenzeit zu vielerlei Einzelberatungen.
Das neue Jahr 1857 rückte heran, da entstand in dem Wachtlokal im Erdgeschoß des Turmes, das durch ungeheure starke Mauern und Gewölbe vom übrigen Rathause abgeschlossen ist, ein an sich ganz ungefährlicher Stubenbrand. Brand im Rathaus! Das war für die Freunde des Umbaues ein willkommenes Mittel und Schlagwort für ihre Ziele!
Das war der Anlaß nunmehr den Abbruch des hohen Daches mit Macht zu betreiben. Das Dach, welches Jahrhunderten standgehalten und die Stürme der Schwedenbelagerung mit ihren Brandbomben, zahlreiche Stadtbrände, die Schlacht bei Freiberg und die Gefahren der Zeit Napoleons unbeschädigt überstanden hatte, wurde angeblich plötzlich zu einer furchtbaren Gefahr für die Stadt, weil es »eine sehr bedeutende Quantität feuergefährlichen Holzwerkes« enthielt.
Bei dem neuen Stadtbaumeister Weber wurde ein Gutachten bestellt. Dieses Gutachten fiel den Weisungen entsprechend aus. Es lag ja nahe, daß der neue Baumeister bauen und seine Kunst und Tüchtigkeit zeigen wollte. Das war ein willkommener Auftrag, sein Licht leuchten zu lassen! Mit einer gewissen Überlegenheit und Geringschätzung spricht er von dem »alten sehr fehlerhaft konstruierten Dach, das im hohen Grade baufällig ist,« von mangelnden Längsverbänden, fehlerhaften Querverbänden, Verschiebungen, ungleichen Senkungen, von gebrochenen Verbänden und dergleichen. Der Giebel, 1¾ Ellen stark, hinge gefahrdrohend nach dem Gebäude zu über. »Der bei einem Brande unvermeidliche Einsturz des überhängenden Giebels würde selbst die zunächst daran befindlichen festen Gewölbe sowohl in der Etage als im Erdgeschosse gänzlich vernichten.« Dachziegel und Essen seien völlig schadhaft und dem Einsturz nahe. Er schlug vor, ein neues Dach von englischem Schiefer mit leichtem offenem Dachstuhl mit möglichst flacher Neigung von etwa 30 Grad herzustellen, obschon rings der ganze Marktplatz und die ganze alte Stadt, nur hohe steile Ziegeldächer hatte. Den Kostenaufwand dürfe man nicht scheuen, um »den mit der Feuergefährlichkeit des alten Daches verbundenen unabsehbaren allgemeinen Schaden, möglichst bald zu verhindern.«
Zu diesem für Rathausdach und Giebel vernichtenden Urteil kam gleichzeitig eine Eingabe von Anwohnern des Rathauses. Ob diese etwa bestellt war, geht natürlich nicht aus den Akten hervor, jedoch klingt es fast wie ein Echo des Gutachtens des Stadtbaumeisters, nur daß hier die angebliche Gefahr des Brandes und Einsturzes bereits auf die ganze Nachbarschaft, »auf einen großen Teil des belebtesten Teils der Stadt« ausgedehnt wird. Dreißig Bürger hatten unterschrieben. Die drei ersten sind drei brave Bäckermeister. Die Frage war nun »brennend« geworden. Die finanziellen Bedenken mußten verstummen, und einmütig wurde nach dem Vorschlage des Stadtbaumeisters beschlossen, nur mit der Abänderung, auf Anregung aus der Mitte des Rates, daß das Dach um zwei Ellen gegenüber der Planung erhöht werden solle, so daß also statt einer Neigung von dreißig Grad eine solche von sechsunddreißig Grad gesichert wurde.
Der Stadtbaumeister gibt darauf selbst zu: »Nicht zu verkennen ist übrigens, daß durch die beantragte Erhöhung des Daches der Schiefer an Haltbarkeit gewinnt, hauptsächlich aber ein besserer Prospekt erlangt wird. Ein flacheres Dach will nicht recht zu dem altertümlichen Charakter des Rathauses passen.« Aus dieser Bemerkung vom 1. März 1857 ergibt sich, daß der Stadtbaumeister bei seinem Vorschlage ohne jede Rücksicht auf künstlerische Bedenken, völlig skrupellos und ohne Gefühl für die historischen Altertums- und Schönheitswerte, ohne jedes Verständnis für die städtebauliche Bedeutung des Rathauses im Marktbilde und Stadtbilde geurteilt hatte, so daß er erst durch die Anregungen von Laien auf diese Frage zwar gestoßen wird, und auch seinen ursprünglichen Vorschlag aufgibt, aber dennoch ohne weitere künstlerische Prüfung alle Bedenken bei Seite setzt und einfach die vorgeschlagenen laienhaften zwei Ellen zusetzt. Hätte man eine Elle oder drei Ellen vorgeschlagen, so wäre er auch wohl damit zufrieden gewesen.
So fiel das alte schöne Rathaus in die Hände eines künstlerisch völlig unfähigen und verständnislosen Mannes, obgleich in Freiberg ein fein empfindender künstlerisch hervorragender Architekt lebte, der Professor für Baukunst an der Bergakademie Professor Eduard Heuchler.
Er hatte sich bereits einen Namen gemacht durch die wundervollen Zeichnungen zum Bergmannsleben, die heute noch durch ihre hohe Bedeutung für bergmännische Volkskunde und Volkskunst und durch ihren künstlerischen Reiz besondere bewunderte Schätze des Freiberger Altertumsmuseums bilden und durch seine ausgeführten feinempfundenen architektonischen Werke. Seine grundlegenden Forschungen am Freiberger Dom sind ja heute noch von Bedeutung.
Dieser Mann hörte mit Schmerz und Zorn von dem Schicksal, das dem ehrwürdigen Rathause bevorstand. In letzter Stunde suchte er es noch zu retten und wendete sich mit scharfer Feder gegen diesen Plan und suchte die Öffentlichkeit aufzuklären und in Bewegung zu setzen. In einem Aufsatz vom 21. März im »Freiberger Anzeiger« zieht er vom Leder. Er weist daraufhin, daß der Stadtrat schon seit vielen Jahren »einen sogenannten Bauinspektor« und seit 1830 sogar eine Baudeputation gehabt habe. »Eine große Verantwortlichkeit müßte auf die beaufsichtigende Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtkommune in seiner Unterhaltung so vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male keine Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt werden muß!« Weiter sagt er dann: »Es ist aber eine bekannte Sache, daß flache Dächer, und wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall eindeckt, in unseren Gegenden keinen Vorteil gewähren und die Reparaturen nicht aufhören. Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung, so ist es unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Stil des alten ernsten Gebäudes und seiner Umgebung passen soll! – Es kommt mir vor, als wenn man einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte.« Er schlägt dann vor, das Gutachten eines »unparteiischen renommierten auswärtigen Baumeisters« einzuholen, »denn die Leistungen des neuen Herrn Stadtbaumeisters, denen ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind hier doch zu unbekannt und die Deputationsmitglieder des Stadtrates und der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen von Profession, um sich auf dieses Urteil hin einseitig und beifällig bestimmen zu lassen.«
»Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Baumeister weniger baulustig gewesen und hätten uns einen Rat gegeben, wie wir unser altes, dem tiefen Gebäude angemessenes Rathausdach noch einmal tüchtig zusammenflicken könnten.« »Und hätten nun auch diese auswärtigen Baumeister einen Neubau des Rathausdaches jetzt als unabweisbar erkannt, dann würden sie sicher nicht vorgeschlagen haben, das alte ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete Gebäude durch ein modernes flaches zu dem Stil desselben schlecht passendes Dach zu verunstalten. Alle Gebäude des Marktes sind zwei- und dreistöckig und mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte also schon des Gesamteindruckes wegen ein flaches Dach auf dem nur einstöckigen Rathause als eine Kuriosität im großen Maßstabe erscheinen.«
Klingen diese letzteren Ausführungen nicht, als wären sie aus einem Gutachten des Heimatschutzes in neuester Zeit entnommen? Heuchler sieht, seiner Zeit vorauseilend, nicht nur das einzelne Bauwerk als Individuum und losgelöst von der Umgebung, sondern als ein Glied des großen Ganzen, er sieht und beurteilt den Wert des Einzelbauwerkes im Zusammenhange mit der Umgebung, mit dem Platzbilde, mit dem Stadtbilde.
Doch für derartige Anschauungen war seine Zeit noch nicht reif! Auch heute über sechzig Jahre später ist diese Anschauung noch keineswegs Allgemeingut geworden. Jeder, der in der Heimatschutzbewegung und Bauberatung tätig ist, kennt die Kämpfe, die aus diesem Widerstreit erwachsen.
Auch hier lehnt der Rat kühl die Vorschläge ab, da man sich von der Einholung eines »Supergutachtens« »einen andern Erfolg als den, welchen das Gutachten des Herrn Stadtbaumeisters Weber bereits gehabt hat, nicht zu versprechen vermag«, es solle vielmehr nun »unverzüglich« mit dem Bau vorgegangen werden. –
Und so geschah es! –
Doch unser wackerer Heuchler forcht sich nit und ließ sich nicht entmutigen im Kampfe für das Rathaus gegen die hohen Herren im Rathause.
Unter dem 14. Juni 1857 richtet er unter Beifügung von Zeichnungen (vgl. Abb. 1) eine Eingabe an die Königliche Hohe Kreisdirektion zu Dresden. Er bittet einen höheren Sachverständigen zur Untersuchung zu entsenden, da das Abtragen des Daches bereits begonnen habe, um die Stadt Freiberg »vor Verunstaltung ihres Rathauses und Marktes« zu schützen.
»Seit dreißig Jahren war ich bemüht, meine Geburtsstadt Freiberg in seinen öffentlichen Anlagen durch kleine Monumente und durch einige Privatbauten vor den Toren zu verschönern. Die … möge aus dieser freimütigen Behelligung meinen Eifer für die Ehre Freibergs hochgeneigtest erkennen.«
In der Zeichnung wird von ihm durch die in das Dach eingezeichnete unterste Firstlinie die Höhe des künftigen flachen Daches angedeutet.
Auf diese Eingabe erging sofort Anordnung an den Stadtrat, den Bau einzustellen.
Am 19. Juni bereits fand außerordentliche Ratssitzung statt, in welcher es Heuchler nicht gut gegangen sein mag. Sofortiger Bericht wurde beschlossen und die Reise des Bürgermeisters und Stadtbaumeisters nach Dresden, um mit dem Kreisdirektor und dem Landbaumeister Hänel Rücksprache zu nehmen, da es »nicht nur im Interesse des Baues, sondern auch vornämlich zur Wahrung der obrigkeitlichen Autorität dringend wünschenswert erscheint, die Entscheidung herbeizuführen.«
Nicht mehr der unbeschädigte Wert des Baues, sondern die unbeschädigte Autorität von nicht sachverständigen Laien wurde als Banner im Kampfe aufgepflanzt.
Abb. 1 Das Freiberger Rathaus mit dem alten hohen Ziegeldach vor 1857. (Skizze nach Heuchler)
Dieser Bericht ist acht enggeschriebene Seiten lang und ist ein Zeugnis für die Bewegung, welche das Vorgehen Heuchlers im Ratskollegium bewirkt hatte. Die Schäden des Rathauses werden natürlich gewaltig übertrieben. Dann aber strotzt der Bericht von persönlichen Angriffen auf Heuchler, die jede Sachlichkeit vermissen lassen. Sein Vorgehen wird hämisch, ungehörig, gehässig genannt. Es wird angezweifelt, daß er »wirklich von lauteren Triebfedern beseelt und von wahrhaftem Eifer für die Sache und von aufrichtigem Sinne für das Gemeinwohl erfüllt wäre.« Es wird ihm vorgeworfen, daß er nicht vorher sich an den Stadtrat gewendet habe. »Wir müssen hiernach annehmen, daß er sich absichtlich der Wahrheit verschloß, um so desto sicherer mit seinen hinterrücklingen Plänen und ungescheuter zur Unzeit hervortreten zu können.« Seine Eingabe sei nur »das Produkt gekränkten Ehrgeizes oder sonstiger damit verwandter Seelenaffektion.«
Heuchler sei eine »Persönlichkeit, die eine fremde Ansicht nicht anerkennt und sich über alle durch die Gesetze gebotenen Formen solche nicht anerkennend, erhebt.« Es wird ironisch »seiner Talenten im Baufache, namentlich im Zeichnen und Ornamentenfache bis zu einem gewissen Grade gern alle Anerkennung« gezollt, nachdem er vorher als geschäftlich unzuverlässig hingestellt ist. An der Zeichnung wird bemängelt, daß das alte Dach zu niedrig gezeichnet sei. Der alte First läge in der Höhe der oberen Linie c. d., der neue in Höhe der mittleren Linie. Zum Schluß wird baldige Entschließung erbeten, damit »das Ansehen der Behörde und Gemeindeorgane durch dergleichen unwürdige und unlautere Mittel nicht gelähmt und in den Augen des hiesigen Publikums, dem schon lange zuvor – wahrscheinlich aus derselben unlauteren Quelle – die Nachricht einer verhangenen Baususpension erzählt worden ist, geschmälert« werde.
Dieses unsachliche Schreiben wurde nun in Dresden überreicht und mündlich erläutert. Die Entscheidung erfolgte sofort, ohne daß ein Sachverständiger nach Freiberg geschickt und ohne daß Heuchler auch nur noch einmal gehört worden wäre und zu den Anwürfen sich hätte äußern können, denn, wie es in dem Bescheide vom 27. Juni 1857 heißt, es sei dem Stadtrat nicht entgegenzutreten gewesen, »als ohnehin das Rathaus zu Freiberg keineswegs in einem solchen reinen Baustile ausgeführt ist, daß auf seine unveränderte Erhaltung vom architektonischen Gesichtspunkte aus ein … überwiegendes Gewicht gelegt werden könnte.«
Man erkennt auch hier wieder die einseitige Beschränktheit der Anschauung von der »Stilreinheit«, welche für so zahlreiche Baudenkmäler und alte Kunst des Vaterlandes verderblich gewesen ist, unersetzliche Kunstgüter vernichtet hat, die völlige Verständnislosigkeit für die Stimmungswerte und die Heimatwerte, welche im Gewachsenen und Gewordenen, aber nie im Gemachten und Gekünstelten liegen. Die langweilige Schablone, das geistlose Schema wird über den wertvollen eigenwilligen Charakter gesetzt.
Die Zeichnungen des Stadtbaumeisters Weber waren dem Landbaumeister Hänel vorgelegt worden und hatten eine Reihe von Korrekturen der Architekturformen erhalten, durch welche Hänel eine feinere und reichere Gliederung des Daches und des Giebels bezweckte. Alle diese Veränderungen bis auf den Aufbau von vier stehenden Renaissance-Dachfenstern auf jeder Dachseite von Hänels Hand wurden jedoch von der Baudeputation am 30. Juni abgelehnt und dem Vorschlage Webers beigetreten, das Dach noch um dreieinhalb Ellen zu erhöhen. Es wirkt wie ein trauriges Possenspiel, daß Weber wenige Tage zuvor in Dresden gegen Heuchler mit vergifteten Waffen kämpft und siegt, und dann selbst aus Heuchlerischen Gedankengängen heraus eine derartige Steigerung der Dachhöhe nachträglich vorschlägt. Es sind nun schon fünfeinhalb Ellen, um welche das Dach höher wird gegenüber seinem ersten Vorschlage mit dreißig Grad Dachneigung! Auch dieser Vorschlag wurde genehmigt.
Heuchler wurde kurz vom Rate beschieden und der Bau wurde fortgesetzt.
Wenige Tage vergingen, da geschah etwas Furchtbares!
Der Polizeidiener Hopperdiezel hatte mit dem Herrn Professor ein altes Hühnchen zu rupfen, denn der Herr Professor war ihm nach einer polizeilichen pflichtschuldigen Anzeige wegen einer »Polizeiwidrigkeit«, die dem Herrn Professor einen »noch sehr glimpflichen Verweis« eingetragen hatte, »hinterher mit ungeziemenden Redensarten auf offener Straße begegnet.«
Dieser diensteifrige Hüter der Ordnung fand am 4. Juli »zufällig« bei dem Lohnschreiber Wohlgemuth in der Stadt ein von der Hand Professor Heuchlers herrührendes Konzept einer Eingabe an das Königl. Ministerium des Innern in betreff des Rathausbaues, die Wohlgemuth unter ausdrücklicher Verpflichtung der Geheimhaltung zur Reinschrift erhalten hatte.
Der gesinnungstüchtige Scherge des Rechts hatte dies herausgeschnüffelt, nahm widerrechtlich sofort das Schriftstück an sich und eilte mit dem Schritte des Retters und Rächers auf das Kapitol zum gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Meldung, daß dieses Schriftwerk heimlich vom Klempnermeister Holzhausen unter den Bürgern zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden solle. Es habe ihn, Hopperdiezel, sogar der Holzhausen im Vertrauen gefragt, ob er ihm nicht einen verschwiegenen Mann zur Unterschriftensammlung nennen könne, der weder den Urheber der Eingabe noch den, der sie in Bewegung setze, verraten würde. – Holzhausen wurde sofort vor das gestrenge Stadtoberhaupt herbeigeholt und scharf verhört. Er gab zu, daß er in Heuchlers Auftrage die Abschrift veranlaßt habe, um ihm einen Gefallen zu tun. Hopperdiezel habe er gefragt, weil dieser einmal als Soldat bei ihm in Quartier gelegen habe und sein Gevatter sei. »Ihm sei die ganze Sache fatal, er sei immer mit jedermann guter Freund und so sei er auch zu diesem ihm nur ärgerlichen Auftrage gekommen.«
Der gestrenge Herr Bürgermeister verwarnte ihn, geriet in den sachgemäßen Zorn und scheute sich nicht, sofort von dem durch Vertrauensbruch erlangten Schreiben eine Abschrift nehmen zu lassen, ehe er sie dem Lohnschreiber wieder zustellte.
Es ist bezeichnend bei allen diesen Vorgängen, daß niemals mit Heuchler persönlich oder mündlich verhandelt worden ist. War es Autoritätsdünkel oder Furcht vor der sachlichen oder persönlichen Überlegenheit?
Und was war der Inhalt der Eingabe?
Eine Bitte an das Ministerium des Innern, einen höheren Bausachverständigen zur Nachprüfung an Ort und Stelle zu entsenden mit einer völlig sachlichen Begründung und Angabe des Tatbestandes. Es werden acht Fragen zur Beantwortung vorgelegt: 1. Ist das Dachgebälk wirklich in so gefahrdrohendem Zustand? 2. Ist die Feuersgefahr im steilen Dach höher als im flachen? 3. Ist ein Ziegeldach feuergefährlicher als ein Schieferdach? 4. Ist die Unterhaltung eines Ziegeldaches teurer als die eines Schieferdaches? 5. Ist mit Rücksicht auf die Umgebung und die Größe des Hauses die Höhe eines Daches gleichgültig? 6. Sind Fenster und Hauptgesimsformen so wenig zu beachten, daß man beim Dach und Giebel ganz nach Willkür verfahren kann? 7. Ist es dem jetzigen Stand der Baukunst angemessen zu den alten Fehlern im Baustil neue zu bringen und das Gebäude zu einer Musterkarte von Baustilen zu machen? 8. Ist es endlich im bezug auf den dominierenden spätgotischen Baustil des Gebäudes zulässig auf dasselbe bei einer Tiefe von achtundzwanzig Ellen mit einer senkrechten Dachhöhe von zehn Ellen einen Giebel im Renaissancestile aufzuführen, da nirgends ein Beispiel dieser Mißgestalt angezogen werden kann?
Abb. 2
Rathaus zu Freiberg mit flachem Schieferdach 1857–1920
Man sieht aus diesen scharf zugespitzten Fragen, wie weit Heuchler seinen Zeitgenossen in Freiberg voraus war, indem er in der Harmonie der Gesamterscheinung unabhängig von den Einzelformen, und in der Harmonie mit der Umgebung die künstlerische Lösung suchte und sah. Das ganze alte Freiberg hatte hohe steile Ziegeldächer. Da mußte auf ihn das neue flache Schieferdach ausgerechnet auf dem Hauptgebäude der Stadt, dem Rathause, wie ein Faustschlag wirken, gegen den er sich in starkem Idealismus des Heimatschutzes wehrte (Abb. 2).
Er wurde jedoch nicht verstanden, sondern noch persönlich verunglimpft und blieb ohne Erfolg.
Der Bürgermeister setzte sich sofort noch an demselben 4. Juli hin und entwarf einen Bericht über den Vorgang an die Kreisdirektion, um der Eingabe zuvorzukommen, der von persönlichen Angriffen strotzt. Heuchler wird »niedriger Machinationen« bezichtigt. Er »wühle« und »wiegele die Bürger auf«, scheue dazu keine Mittel, zeige sich gehässig usw. Seine Handlungsweise sei nur von »Persönlichkeit gegen den neuen Stadtbaumeister« geleitet und dergleichen vergiftete Pfeile werden gespitzt.
Dieser Bericht wurde jedoch auf Beschluß des Ratskollegiums nicht abgeschickt, sondern zunächst das weitere abgewartet.
Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hatte Heuchler auch einen Aufsatz im »Freiberger Anzeiger« erscheinen lassen, in dem er in völlig sachlicher Form auf die Geschichte des Rathauses eingeht und die allmähliche Entwicklung durch die verschiedenen Stilperioden zu seiner jetzigen Gestalt kurz erläutert. »Knüpfen sich also so wichtige historische Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, so trägt sich auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt über und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Not seine uns lieb gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht!«
Sind das nicht Worte echter Heimatschutzgesinnung und eines Verständnisses für den eigentlichen Sinn und Wert eines Denkmals, das seiner Zeit weit vorauseilt? Er bestreitet weiter diese dringende Not, spricht für die Erhaltung des hohen Daches und Giebels und sagt zum Schluß:
»Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeisters nur darin, »das Rathaus würdig zu restaurieren«, aber nicht den ohnedies schon am unrechten Orte angebrachten verschiedenen Baustilen noch neue beizufügen, wozu ein flaches Dach mit einem Rokokogiebel und dergleichen mehr gehören und die Physiognomie des Gebäudes so verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathaus wiedererkennen wird.«
Auf diese sachlichen Ausführungen erfolgte in der Zeitung eine Erwiderung der Gegenseite voll von persönlichen Anzüglichkeiten: »Traue doch der Herr Gegner, der den Umbau ausführenden Persönlichkeit auch Geschmacks- und Schönheitssinn zu! Oder will derselbe Herr diese Eigenschaft nur für sich allein in Anspruch nehmen? Das wäre doch mindestens lächerlich, um nicht zu sagen: arrogant!« Er würde kein Wort gegen den beabsichtigten Umbau gefunden haben, »wenn nämlich derselbe in seine Hand gelegt worden wäre! Wer also zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird sofort ohne Mühe herausgefunden haben: Es gibt nur Einen in Freibergs Mauern, der dieses alte Gebäude und in einem würdigen Stile umzuwandeln versteht, aber Freiberg ist leider entsetzlich blind, diesen Einen zu finden! Will sich denn der Herr Gegner als das Orakel der Baukunst für Freiberg betrachtet wissen?« Weiter wird dann noch von seinen »Machinationen« gesprochen. – Man vergesse nicht, daß Heuchler nur die persönliche Besichtigung und Begutachtung durch höhere Autoritäten verlangt hatte! Nichts weiter! Darauf diese Verdächtigungen und Entstellungen! –
Heuchler erwidert auf diesen Erguß nur kurz, treffend und vornehm: »… Daß man nunmehro diesem Dache fünf Ellen mehr Höhe geben will, als es nach dem ersten Bauplan projektiert gewesen sein soll – Beweis genug – daß dem Plane keine bestimmten architektonischen Regeln zu Grunde liegen konnten.«
Später scheint Heuchler in der Zeitung noch eine längere Betrachtung mit technischen Bemängelungen des neuen Dachstuhles und im allgemeinen des »Kommunbauwesens« gegeben zu haben, die jedoch nicht in den Akten vorhanden ist. Nur die Erwiderung des Stadtbaumeisters liegt vor, welche in sachlicher Form und längeren technischen Ausführungen seinen Standpunkt und seine Arbeiten vertritt.
Abb. 3
Rathaus von Freiberg seit 1920
(Umbau von Stadtbaurat Rieß)
Damit nimmt dieser Sturm im Städtchen, der Rathausdach und Giebel hinwegfegte, ein aktenmäßig Ende. Heuchler sah wohl die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, da wohl inzwischen das hohe alte Dach abgebrochen war, ein und war der Verunglimpfungen müde geworden. – Was in den Akten steht, ist ja sozusagen nur die Inhaltsangabe eines Buches aus dem Leben der Stadt, in dem viele ungeschriebene Seiten voll sind von menschlichen Leidenschaften und Schwächen. Was mag bei dem dichten Beieinanderwohnen und den engen Verhältnissen, wo es noch keine Bahnverbindung gab, wo Reibungsflächen zahlreich waren, dieser Funke umhergefressen haben, bis er aufloderte. Was mögen für Kränkungen und Verhetzungen, für Entstellungen und »Machinationen« im Gange gewesen sein, die dem wackeren alten Vorkämpfer des Heimatschutzes vor sechzig Jahren das Leben verbitterten. Er wurde spöttisch »Orakel« genannt. Nun, der Spott wurde Wahrheit, denn seine Weissagung über das Urteil der Nachwelt hat sich erfüllt. Seine Anschauung hat sich durchgerungen. Die Anschauungen seiner Gegner sind als falsch und verderblich, als Schaden für unseren vaterländischen Kunstbesitz erkannt worden, der nie wieder gut zu machen ist.
Als im Jahre 1919 zur Schaffung von neuen Diensträumen das Dach ausgebaut und umgebaut werden mußte, wurde als erste Lösung die Wiederherstellung des alten hohen Daches vom Verfasser in Aussicht genommen und auch später vom Landesamt für Denkmalpflege durch Geheimrat Gurlitt empfohlen. Leider scheiterte dies an der Kostenfrage und an der Schwierigkeit für die Diensträume und Sitzungssäle genügend Licht und Fenster zu schaffen.
Das alte hohe geschlossene, steile Dach mit seiner ruhigen, feierlichen Wirkung hätte doch nicht wieder geschaffen werden können, sondern wäre durch Fensterreihen zerrissen worden. Es wäre auch nicht bei ihm möglich gewesen, der Art und Bedeutung der eingebauten Diensträume und Sitzungszimmer nach außen Ausdruck zu geben, ohne wesentliche Änderung des ganzen Bildes.
Neue Aufgaben verlangen neue Lösungen. Diese neue Lösung mit dem Alten zu verschmelzen zu einer Harmonie nicht altertümelnd, sondern aus der Aufgabe heraus entwickelnd, das ist das Ziel der neuzeitlichen Denkmalpflege und des Heimatschutzes.
Bei dem Neubau ist versucht worden in diesem Sinne aus dem Geiste des Alten heraus unter sorgfältiger Schonung des altehrwürdigen Baues und Betonung besonderer Eigenarten und Schönheiten diesem Ziele nahezukommen, die »Sünden der Väter« wieder gut zu machen und dem Rathaus seine frühere städtebauliche und künstlerische Bedeutung im Marktbilde wiederzugeben (vgl. Abb. 3).
Wenn Heuchlers Geist zu mitternächtiger Stunde aus seinem Grabe auf dem Donatsfriedhofe sich erhebt und durch die alten vertrauten Gassen schreitet, dann wird er zwar mit Schmerz empfinden, daß der Bergbau, den sein Zeichenstift in vielen köstlichen Blättern so liebevoll in seiner Glanzzeit geschildert, zur Rüste gegangen und die letzte Schicht verfahren ist. Aber dann wird sein Auge leuchten, denn eine neue Zeit ist heraufgestiegen, in welcher seine Gedanken Gestalt gewannen und das, wofür er kämpfte und lebte, sicherer Besitz werden soll, nämlich durch Heimatschutz zur Heimatliebe zu dringen, zur Ehrfurcht vor dem, was die Väter schufen, zur Wahrung und Neubelebung aller echten Heimatwerte, daß sie dem Heimatvolke wahrhaft inneres Glück und Gut werden mögen.
Drei Wandertage im Erzgebirge
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Der Preßnitzer Paß – welche Wolke von Brandgeruch und Blutdunst haftet für jeden an diesem Begriff, der die Geschichte unsres Erzgebirges zur Zeit der dreißig Kriegsjahre kennt! Heraus und herein zogen hier die Mordbanden durch’s unglückselige Meißner Land – zuerst die Kaiserlichen, nach dem Prager Frieden die Schweden; und alle taten ihr Bestes, daß dem Bauern und Bergmann möglichst nichts blieb von dem, was er mit seinen schwieligen Fäusten erworben. – Heut’ merke ich nichts von dieser grausigen Vergangenheit, wie ich von Wolkenstein aus in der Kleinbahn an der Preßnitz entlang fahre. Lachend liegen die herrlichen Wiesen zu beiden Seiten der Linie; wie Silber blinken die Wellen des Flüßchens. – Nichts tröstlicheres gibt es, als den Juni im Bergland. Alles verklärt er – die düstern Wälder schmückt er mit hellgrünem Jungwuchs, die Felder und Fluren mit einer Pracht ohnegleichen. Der Schwarzdorn ist eben erblüht, die Fliedersträucher im Giebelgärtchen hängen dicht voller Dufttrauben. Einen zweiten Frühling im gleichen Jahr kann der Tieflandbewohner feiern, der sich jetzt aufmacht – hinauf auf die Berge.
Da ist nun die Haltestelle Schmalzgrube. Der Rucksack fliegt auf den Rücken; voller Wanderlust spring’ ich hinab auf den Bahnsteig. Nur ein paar Minuten flußauf habe ich hier zu gehen, und dann wird vor mir auf grüner Matte die mächtige Anlage des alten, außer Betrieb gesetzten Hammerwerkes liegen, der zuliebe ich den Umweg hierher gemacht habe. Denn mit einem tiefen, vollen Akkord aus guter, ja aus wirklich guter alter Zeit soll mich mein Erzgebirge heute begrüßen! Wohl – die Matte ist da. Schöner als je ist sie heute geziert, aber der Hammer – –! Du lieber Gott, was hat die Zeit sich da wieder einmal geleistet. Von der ganzen großartigen Siedlung, die vor fünfzehn Jahren noch in ihrer wuchtigen Geschlossenheit – wenn auch schon damals mit geborstenen Mauern – einen so prachtvollen Anblick gewährte, sind jetzt im ganzen noch drei Gebäude erhalten. Ein Arbeiterhaus, ein Schuppen und das Herrenhaus sind übriggeblieben; alles andere abgebrochen und weggekarrt. Freilich, auch diese geringen Reste noch lassen die Pracht der ursprünglichen Anlage ahnen. Es ist ein wirklicher Genuß, jene Spuren alten heimischen Bauenkönnens zu betrachten. Daß wenigstens das Herrenhaus noch unter dem Geretteten sich befindet, ist ein Glück. Mehr noch, der Besitzer hat sich entschlossen, es wieder in Verwendung zu nehmen; es neu vorzurichten und auszubauen. So wird uns der schöne Bau erhalten bleiben mit seinem Mansardendach und dem entzückenden Türmchen darüber, mit seinem breiten Türsturz, darauf die zwei steinernen Löwen schmunzelnd das grüne Bäumchen betrachten, das vorwitzig zwischen ihren gewaltigen Tatzen emporsprießt. Wir werden uns weiter erfreuen können an dem prächtigen Schindelwerke der drei Dächer, die mir damit bekleidet hier oben sicher köstlicher dünken, als die smaragdenen Kupferdächer von Pillnitz. Ein böses Sandkorn zwischen den Zähnen bedeutet für den Heimatfreund ja freilich das neue Wohnhaus, das allzunahe an die alte Handwerkspracht herangerückt ist. Aber wir sind ja bescheiden geworden, wir Freunde des Alten in unsern Tagen! Ich wähle eben meinen Standpunkt so, daß ich nur die drei alten Häuser ins Auge bekomme und sieh da – ein wenig Freude kommt doch noch über mich.
Und auch du bist geblieben, du starker trotziger Bergwald, der du jetzt neben mir hergehst und mir gut zusprichst mit deinem Wipfelrauschen. – Hei, rennt das Jöhstadter Schwarzwasser durch den Wiesengrund dort hinab. Nimm dir doch Zeit, törichtes Mägdlein; so wohl wie daheim wird dir’s nicht wieder, so lange du lebst! Wüßtest du’s hier schon, wie’s draußen aussieht in der Welt, du machtest’s wie ich und stiegst ihn wieder hinauf, deinen Berg. – Wie schön ist die geheimnisvolle Ebereschenallee, die dichtbelaubt nun hinanführt, bis ich in Jöhstadt stehe, der Stadt, da der Besucher vom Bahnhof bis zum Rathaus etwa hundertundvierzig Meter Steigung zu überwinden hat.
Abb. 1 Schmalzgrube, Hammerwerk, Arbeitshaus
Hofphotograph Meiche, Annaberg
Trotz aller Nüchternheit des Wiederaufbaues nach großen Feuersbrünsten, die fast alle unsre Bergstädte unglücklicherweise gerade in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befielen, atmet dies Städtlein doch ganz den Zauber unsrer erzgebirgischen Heimat. Was bewirkt ihn doch eigentlich, diesen Reiz? – Ich glaube fast, es ist der Duft, der durch die stillen Gassen zieht, dieser Hauch von Waldluft, Holzfeuer und Kuhstall! Vereint mit dem Bilde der grünen Schöpfung, die von allen Seiten hereinschaut, läßt einem dies Heimatweben alle Not der öden Bauweise vergessen. – Welche Summe von Fuhrmannsnot mag mit der steilen Hauptstraße verbunden sein. Denn in früheren Zeiten knarrten auch durch Jöhstadt die schweren Erzwagen – die Gemeinde genoß seit 1655 die Rechte einer freien Bergstadt. Vorher soll ein Dorf an ihrer Stelle gestanden haben, Gießdorf, das von den Hussiten wüste gelegt ward. Der Name Jöhstadt geht auf den heiligen Nährvater Joseph zurück, der hier verehrt ward und von dem Reliquien vorhanden gewesen sein sollen, »unbekannt ob seine Hosen oder sein Zimmerhäckel«, wie einer in der Reformationszeit despektierlich schreibt.
Abb. 2 Schwarzwassertal
Phot. Landgraf, Zwickau
Lange hielt der Bergbau hier nicht vor. Annaberg hätte nicht so heftig gegen die Verleihung der Stadtgerechtigkeit zu protestieren gebraucht – im Jahre 1817 gab es überhaupt nur noch zwei Bergleute hier. Daß Jöhstadt trotzdem so eifrig an seiner Würde als freie Bergstadt festhielt und sogar noch in unsern Tagen mit einem gewissen Stolz einen bescheidenen bergmännischen Prunk veranstaltet (siehe das köstliche Kapitel »Jöhstadter Bergparade« in Oskar Seyfferts »Dorf und Stadt«), hat wohl seinen Grund in den Vorteilen des freien Handelns und Hausierens gehabt, die den Bürgern einer Bergstadt zustanden. Denn noch weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein betrieben die Jöhstadter einen schwunghaften Handel mit Arzneimitteln aus den Kräutern des Gebirges. Als sogenannte Laboranten brauten sie Heiltränke ungeheuerlicher Art und Menge, die sie dann weit ins Reich, ja bis nach Schweden und die Türkei hineintrugen. Noch 1843 ging der fünfte Teil der Einwohnerschaft als »Landraasende« auf den Handel. Dann aber mischte sich die Medizinalbehörde hemmend in das Geschäft; die Neuzeit mochte die Kurpfuscherei nicht mehr dulden. Politisch verbittert ward die Bürgerschaft dadurch jedoch nicht. Als 1858 König Johann durch Jöhstadt reiste, da war die Stadt »glänzend« illuminiert und über eines Fleischhauers Hause prangte der kraftvolle transparente Spruch:
»Wer nicht lieb hat seinen Fürst
Den hack’ ich in die Leberwürst!«
Zur Beruhigung des Lesers schaltet der Festberichterstatter hier ein: »Er hat indes nur gedroht. Niemals würde er es wahr gemacht haben.«
Abb. 3 Jöhstadt
Phot. Landgraf, Zwickau
Daß Jöhstadt auch sein berühmtes Stadtkind hat, besagt die Tafel am Gotteshaus. Im Jahre 1723 ward hier als Sohn des Stadtpfarrers der berühmte Theologe Johann Andreas Cramer geboren. Schon als Studiosus war er Mitarbeiter der »Bremischen Beiträge«, der Gründung des Literaten Karl Christian Gärtner aus Freiberg, der es verstand, Rabener, Gellert und Klopstock für seine Kampfschöpfung gegen Gottscheds Oberherrschaft zu gewinnen. Auf Klopstocks Verwendung wurde Cramer später als deutscher Hofprediger nach Kopenhagen berufen. Vom König bis zum Arbeitsmann ward er dort allgemein geliebt. Den »durchaus Guten« soll man ihn in Kopenhagen schlechthin genannt haben. Nach König Friedrich V. Tode aber verstand es der allmächtige Minister Struensee, den ihm verhaßten Sittenprediger zu stürzen. Einige geistliche Lieder aus dessen zahlreichen Dichtungen finden sich noch jetzt in unserm Landesgesangbuch. – –
Abb. 4 Jöhstadt
Phot. Landgraf, Zwickau
Und nun hebt ein gar fröhliches Wandern an, der Nachmittagssonne entgegen. Aus einem Ozean von Wäldern grüßt noch einmal der Jöhstadter Kirchturm mit seinem hohen Kreuze hervor, dann kommen vor mir die Basaltkuppen des Obergebirges heraus, der Pöhlberg, der Bärenstein und der Scheibenberg; zur Linken Haßberg und Kupferhübel auf böhmischer Seite. Ein still verklärtes Wandern ist das im kristallenen Licht des Spätnachmittags! Nicht stürmisch und ausgreifend wie am Frühmorgen – geruhig, sicher, getröstet! Blauschimmernd hockt im Eschenbaum an der Straße die Rabenkrähe, der Charaktervogel der erzgebirgischen Landschaft. Dann kommt der Fichtelberg heraus und hallo – da hat das deutsche Vaterland vorläufig ein Ende! Ein wenig plagt mich die Neugier, einmal nachzuschauen, wie es im Land des einstigen Bundesbruders jetzt hergeht. Bei Weipert tu ich den Schritt über die Grenze und entschuldige mich bei den hübschen zwei Mädels, die dort vor dem alterzgebirgischen Fachwerkhaus klöppeln, daß es silbern klingt wie Bergwassergekicher, wenn sie die Hölzchen herumwerfen, ich könne sie leider nicht in ihrer Landessprache begrüßen. »Ach was, wir sind Deutsche«, entgegnen sie lachend. Dann kehre ich auf den Pfad der Tugend, will sagen die sächsische Landstraße, zurück.
Die nächste Stunde schon findet mich neunhundert Meter über dem Meere auf dem Bärenstein. Auf sonnedurchglühter Klippe halte ich Rast und lasse den Blick hinausschweifen über ein unendliches Wipfelmeer hinüber zum Fichtelberg. Eine Drossel singt ihr Abendlied auf dem Bergkiefernast zu meinen Füßen. In einen einzigen violetten Schimmer ist das ganze Waldland gehüllt; und als ich dann auf dem Wege nach Cranzahl durch grünes Buchengitter ins freie Feld trete, da sinkt der feurige Sonnenball eben hinter den Bergen hinab. Schon liegt Crottendorf im Spätabendschein zu meiner Linken. Stählern ist der Himmel geworden, die Sterne kommen herauf und im Korn schlägt die Wachtel. Die Blumen rundum haben die Köpfe geneigt und die grauen Falter gaukeln dahin. Eisig kalt kriecht der Wiesennebel auch an mir in die Höhe, und froh bin ich, wie mit dem Zehnuhrschlag der Kirchturm von Scheibenberg vor mir emporragt. –
Abb. 5 Der Bärenstein
Hofphotograph Meiche, Annaberg
Grün wippt’s vor den Fenstern des Gasthofs am Markt. Lindenbäume säumen den rasigen Platz; von draußen herein blicken Wiesen und Wälder. Da hält mich’s nicht lange im Zimmer; ich muß hinaus und meinen Rastort in Augenschein nehmen. Freudig überrascht finde ich manch schönes Haus aus dem achtzehnten Jahrhundert und aus den stillen Tagen, die wir die Biedermeierzeit nennen. Ein prächtiger Barockkirchturm wacht über der Stadt, und in der Kirche erfreut ein Altarwerk aus spätgotischer Zeit mit geschnitzter Grablegung den Beschauer. Scheibenberg war der Wirkungskreis des rühmlich bekannten Pfarrers Christian Lehmann, der uns in vielen Schriften, vor allem in dem Historischen Schauplatz der natürlichen Merkwürdigkeiten des Obererzgebirges und in seiner Erzgebirgischen Kriegschronik ein überaus wertvolles Material zur Heimatgeschichte hinterlassen hat. Wird er von der gestrengen Wissenschaft vielleicht auch nicht für voll genommen – er hat vieles bereitwillig aufgezeichnet, was ihm auf weitem Umweg zugetragen ward – so haben seine Arbeiten doch einen lokal- und kulturgeschichtlich sicher beträchtlichen Wert. Nicht jede deutsche Landschaft wird so ausführlich wissen, was sich an grauenhaften Einzelheiten in den Tagen des Dreißigjährigen Krieges in ihrem Gebiet zugetragen hat, wie unser Erzgebirge. Das aber dankt die Heimat dem getreuen Magister, der einundfünfzig Jahre lang hier in Scheibenberg amtierte. Gräßliches hat er zu berichten, was menschliche Bosheit über diese Höhen, in diese Täler getragen hat; aber immer wieder sänftigt sich seine Seele im Lobpreis Gottes, der die Heimat so lieblich geschaffen. Vom Gipfel des Scheibenberges, hoch über den schwindelnden »Orgelpfeifen« des Basaltbruches, kann auch ich heute einstimmen in dieses Lob.
Abb. 6 Königswalde
Phot. Landgraf, Zwickau
In Gedanken noch ganz bei Christian Lehmann und seinem Werke ziehe ich nun den Weg dahin, der in nicht endenwollender Folge unter den Hufen der Reiterpferde, den Rädern der plumpen Stücke und den Karren der Troßknechte geschüttert hat, jahraus, jahrein – die Straße durch Raschau und Pöhla nach Rittersgrün! Wer über Wiesenthal ins Land Böheim wollte, der mußte hier durch. Auch die Reisenden in die Heilbäder dieses Landes sind oft hier des Weges gezogen. Gerüttelt und gerädert, sicher nicht in der besten Stimmung, mögen sie oben angekommen sein. Der Anblick von Oberwiesenthal hat ihre Lebensgeister dann wohl auch nicht gehoben. Von den Leuten des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wird erzählt, sie hätten bei solcher Gelegenheit zu den Wiesenthalern gesagt: »Was zum Teufel wollt ihr Leute in dem wilden, kalten Ort? Steckt das Lumpennest mit Feuer an und kommt in unsers Herren Lande!« –
Abb. 7 Aus dem Pöhlatale
Hofphotograph Meiche, Annaberg