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Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen
Heft
4 bis 6

Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege

Band XI

Inhalt: [Die kursächsischen Postmeilensäulen beim 200jährigen Bestehen][Heimatschutzgedanken in Gottfried Kellers Dichtungen][Die Kirche zu den »Vierzehn Nothelfern« auf der »Kahlenhöhe« bei Reichstädt][Um Juchhöh und Windberg][Wanderbilder aus den Grenzgebieten der Oberlausitz und Nordböhmens][Volkslieder der sächsischen Oberlausitz][Nochmals »Pflanzt Nußbäume«][Über das Vorkommen der Weidenmeise in unserm Vaterlande][Die Berankung von Gebäudeschauseiten][Zur Geschichte des Heimatschutzes][Zur Einschmelzungsfrage alter Kirchenglocken]

Einzelpreis dieses Heftes M. 30.–, Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 60.–, für Behörden und Büchereien M. 50.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, Mindestjahresbeitrag M. 50.–, freiwillige Einschätzung erbeten

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13 987, Dresden 15 835

Stadtgirokasse Dresden 610

Dresden 1922

Was kosten heute die Heimatschutzmitteilungen? Jährlicher Gesamtaufwand 900 000 M.

Täglich liest man, daß Zeitungen und Zeitschriften infolge der hohen Herstellungskosten eingehen, die sich weder durch Bezugsgebühren noch durch Ankündigungen decken lassen. Wenn der Landesverein Sächsischer Heimatschutz bisher seine »Mitteilungen« im Friedensumfange mit Friedensausstattung herausgeben konnte, so verdankt er dies der Opferwilligkeit seiner Mitglieder, die ihm dies durch hohe Beiträge ermöglichten.

In den letzten Wochen sind die Herstellungskosten für unsere »Mitteilungen« um 150 bis 200 v. H. gestiegen, so daß wir in banger Sorge sind, ob es möglich ist, sie weiter erscheinen zu lassen.

Es dürfte unseren Mitgliedern und Freunden interessant sein, zu erfahren, was heute ein Heft der »Mitteilungen« in 22 000 Auflage kostet:

Textpapier75 000M.
Umschlagpapier5 000"
Druckstöcke40 000"
Druckkosten50 000"
Briefumschläge15 000"
Postgelder40 000"
225 000M.

In diesen Zahlen sind noch nicht inbegriffen die Honorare und unser Geschäftsaufwand.

Wir geben jährlich vier Hefte heraus,

so daß uns diese vier Hefte jährlich 900 000 M. kosten.

Das ist der heutige Preis, in acht Tagen ist er wieder gestiegen, in vierzehn Tagen weiter und schwindelnde Zahlen werden wir am Ende des Jahres sehen.

Nicht verschweigen möchten wir, daß eine sächsische Firma, die nicht genannt sein will, uns zu diesen Kosten unserer Veröffentlichungen jährlich 100 000 M. in dankenswerter Weise stiftet, so daß sich der jährliche Gesamtaufwand auf 800 000 M. erniedrigt.

Aus diesen Zahlen bitten wir unsere geehrten Mitglieder und Freunde zu ersehen, welche schweren Kämpfe ums Dasein unsere Bewegung führt. Wenn wir bis heute durchkamen, so war es der zähe, unbeugsame Wille: »Durchhalten« und das tiefsinnige stolze Wort »Dennoch«.

Wie lange es noch gehen wird, wissen wir nicht. Müssen wir die Herausgabe unserer Veröffentlichungen einstellen, dann ist unser Verein eine Kirche ohne Glocke. Wir werden weiter arbeiten und weiter kämpfen, aber wir können von den Schönheiten unserer Heimat nichts mehr berichten, können sie nicht mehr in Bildern zeigen, weil uns das Organ fehlt.

In schwerer Zeit, in düsteren Stunden richten wir an unsere Mitglieder die aufrichtige und herzliche Bitte,

uns einen in ihr Ermessen gestellten Sonderbeitrag zur Erhaltung der Heimatschutzmitteilungen freundlichst zu gewähren,

der unabhängig von den Mitgliedsbeiträgen gezahlt und verbucht werden soll. Wir hoffen, daß diese Bitte nicht ungehört verhallen wird. Gebe jeder nach seiner wirtschaftlichen Lage. Wenn uns von seiten der Großindustrie reiche Unterstützungen zuteil würden, ähnlich dem hier angeführten Fall, dann wird es uns vielleicht gelingen, die sächsischen Heimatschutzmitteilungen, die seit 1908 erscheinen und viele tausende unserer Mitglieder und Freunde erfreuten, weiter zu erhalten zum Besten unseres Heimatlandes!

Dresden, im Juni 1922

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dr. ing. e. h. Karl Schmidt, Geheimer Baurat

O. Seyffert, Hofrat, Professor

Band XI, Heft 4/6

1922

Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben

Abgeschlossen am 1. März 1922

Die kursächsischen Postmeilensäulen beim 200jährigen Bestehen

Von Dr. Kuhfahl, Dresden

I. Verkehrszustände um 1700

Der plötzliche Aufschwung, den die mechanischen Hilfsmittel für Personenverkehr und Warenbeförderung sowie für den Gedankenaustausch während der letzten fünfzig Jahre durch allerlei technische Entdeckungen erfahren haben, läßt uns heutzutage schon fast vergessen, daß vordem gerade im Verkehrswesen die denkbar primitivsten Verhältnisse herrschten. Abgesehen von der Seeschiffahrt war vor dem Ausbau des Eisenbahnnetzes von einer wirklichen Verkehrsorganisation, die dem zeitweilig recht hohen Kulturstand auf anderen Gebieten entsprochen hätte, nirgends die Rede, obwohl eine zeitgemäße Einführung von Straßenbau und Pferdepost natürlich längst in weitestem Umfang möglich gewesen wäre.

In Deutschland fehlten infolge der kleinstaatlichen Zersplitterung die künstlichen Wasserwege und großen Straßenzüge fast vollständig, und noch über Goethes Zeiten hinaus wurden die Freuden des Reisens zumeist durch Unbequemlichkeiten und Entbehrungen, Ärger und Überteuerung mehr als aufgehoben. Den wenigsten Zeitgenossen kam freilich zum Bewußtsein, daß dies eigentlich auch anders sein könnte. Gegenüber der allgemeinen Teilnahmlosigkeit vermochte also nur eine besonders weitreichende allmächtige Faust, wie sie Napoleon besaß, den Ausbau größerer Chausseen zu erzwingen.

Wer heute durch einen kurzen Ruf des Haustelephons seinen Kraftwagen binnen wenigen Minuten vorfahren läßt und dann Hunderte von Kilometern auf glatten Straßen im bequemen Polstersitz rasch und sicher durcheilt, oder wer – in bescheidenerer Weise – die Massenbeförderungsmittel von Eisenbahnen und Flußdampfern benutzt, vermag sich wohl kaum noch eine wirkliche Vorstellung davon zu machen, welch ein Entschluß oder welche Vorbereitung und Ausrüstung noch in Großvaters Zeiten zu einer einzigen solchen Fernfahrt gehört hätte. In weit höherem Maße gilt das natürlich für die früheren Jahrhunderte, in denen wirkliche Kunststraßen ein unbekannter Begriff waren.

Alle älteren Reisebeschreibungen gehen entweder mit stillschweigendem Fatalismus über das Unvermeidliche ganz hinweg oder nehmen gerade damit einen breiteren Raum ein, als dem Zweck einer Vergnügungsfahrt eigentlich entsprechen sollte. Körperliche Beschwerden durch harten Sitz und schlechtgefederte Karossen, durch holprige Wege und endlose Fahrdauer, durch Kälte und Wind, Staub und Hitze verknüpften sich mit dem tausendfachen Ärger über unpünktliche, ungeschickte, betrunkene und grobe Fuhrknechte, über Erpressungs- und Prellversuche, über Paßkontrolle und Wegegelder. Vielfach kam auch noch die Angst vor der Unsicherheit des platten Landes und das geringe Verständnis hinzu, dem der Fremde gegenüber der Wichtigtuerei der Ortsbehörden zumeist begegnete.

Der Reiseverkehr hielt sich deshalb selbst bei den wohlhabenden Kreisen in allerbescheidensten Grenzen. An solchen Stellen jedoch, wo der Verkehr über Land eine wirtschaftliche Lebensnotwendigkeit war, mußten die Besserungsmaßregeln mit der Entwicklung des Verkehrs trotz alledem Schritt zu halten suchen. Es nimmt infolgedessen nicht wunder, daß der Leipziger Rat zur Förderung des Meß- und Handelsverkehrs weit über seine Kompetenz als Stadtverwaltungsbehörde hinaus zu allererst und in weitschauendster Weise den Gedanken eines geregelten Postfuhrwesens in die Tat umsetzte. Unterstützt von der Großhandelswelt ganz Deutschlands gelang es schon am Ende des vierzehnten Jahrhunderts für Briefbeförderung ziemlich geregelte Reit- und Läuferposten bis nach Hamburg, Augsburg, Nürnberg, Wien, Cölln (Berlin) und anderen Handelsplätzen einzuführen. Sehr bald wurde der Dienst auch über die Reichsgrenzen, besonders nach Italien und den Niederlanden ausgebaut, so daß vor dem Beginn der dreißigjährigen Kriegswirren bereits ein mustergültiger Botendienst in Leipzig zusammenlief, von dem viele Teile des deutschen Reiches gleichfalls Vorteile bezogen.

Die Beziehungen, die zwischen den unzähligen großen und kleinen Fürstenhöfen bestanden, lenkten die Aufmerksamkeit intelligenterer Machthaber sehr bald auf die neue Einrichtung. Im Kurfürstentum Sachsen verdichtete sich dieses Interesse sogar so weit, daß seit 1500 Versuche zum Betrieb einer eigenen Hofpost gemacht und statt dieses verunglückten Unternehmens im Jahre 1613 die mustergültige Leipziger Ratspost mit einem kurfürstlichen Postmeister besetzt, d. h. nach heutigem Sprachgebrauch kurzerhand verstaatlicht wurde.

Die andauernde Geldverlegenheit der Fürstenhöfe brachte es dann natürlich auch sehr bald mit sich, daß das Postregal, genau wie jeder andere Staatsbesitz, allerwärts verpfändet oder verpachtet wurde. Die italienische Familie der Taxis aus Bergamo machte sich dies seit dem sechzehnten Jahrhundert zunutze und brachte nach und nach den größten Teil des europäischen Brief- und Fahrpostverkehrs so sicher in ihre Hand, daß ihre allerletzten Privilegien wohl erst durch die Revolution von 1919 beseitigt worden sein dürften. Das Haus Thurn und Taxis verdankt seinen Vorfahren neben reichen Besitztümern in allen Ländern die Erhebung in Adels-, Grafen- und Fürstenstand, es hat sich aber auch den Dank Europas verdient, denn ohne seine zielbewußte private Geschäftsgewandheit wären Verkehrsbeziehungen zwischen den machtlosen, widerstrebenden Staatsgebilden von damals kaum möglich gewesen. Freilich mußten auch diese Bemühungen in einer gewissen Halbheit stecken bleiben, solange der Ausbau großer Verbindungswege noch nicht zu den Aufgaben des Kulturstaates gerechnet, sondern der Einzelsorge anliegender Gemeinden überlassen wurde.

II. Pläne Augusts des Starken

Im Kurfürstentum Sachsen fanden die Anläufe zum Hof- und Staatspostbetrieb, die auf 1500 zurückgehen, eine außergewöhnliche Förderung durch August den Starken (1694–1733).

Trotz des geschichtlichen Zerrbildes, das der Film neuerdings von ihm für den Sensationsbedarf des Kinos zusammengestückelt hat, ist diesem glanzvollen und ideenreichen Fürsten eine ganze Anzahl großzügiger Pläne zu danken, die er zumeist ganz persönlich mit sicherem Blick aufgriff und mit zielbewußter Energie verfolgte.

Sein schönheitsliebender Sinn umkleidete dabei in eigenartiger und höchstpersönlicher Weise die Erscheinungen des alltäglichen Lebens mit künstlerischen Formen. Weit über die heutigen grünweißen Grenzpfähle hinaus finden wir deshalb noch jetzt neben den monumentalen Schauplätzen seiner prunkvollen Hofhaltung, neben den beredten Zeugnissen seiner Liebe und seines unvertilglichen Hasses, auch eine ganze Anzahl Schöpfungen, die fast aus dem Geiste neuzeitlicher gemeinnütziger Ideen geboren erscheinen.

Das Postwesen, dessen Nutzen und Bedeutung er bei seinen verschiedenen Besuchen auf der Leipziger Messe selbst kennen gelernt hatte und für den regen Verkehr mit befreundeten Höfen selber andauernd in Anspruch nahm, gab ihm Anlaß zu einer Reihe von Staatserlassen, denen seine Landeskinder zwar samt und sonders mit sorgenvollem Kopfschütteln und ehrerbietigstem Protest begegneten, die ihre Probe aber doch vor dem Urteil der Geschichte glänzend bestanden haben. Trotz des Heerestrosses und der goldenen Prunkkarossen, die seinen Reisezug bildeten, durchschaute er mit scharfem Blick die ganze Jämmerlichkeit des Verkehres von Stadt zu Stadt. In einer Zeit, die weder Straßen noch Wegweiser noch Landkarten kannte, wird auch die mündliche Auskunft durch das Landvolk im allgemeinen nicht weit über die eigene Flur hinausgereicht haben. Neben Förderung des Straßenbaues, Beaufsichtigung des Vorspanndienstes und Festlegung der Posttaxen schuf er deshalb den Plan, nach dem Vorbild römischer Cäsaren, in sämtlichen Städten seiner Kurlande und vor all ihren Toren wappengeschmückte Säulen zu erbauen, auf denen die Wegrichtung und Entfernung der Hauptorte in Meilen oder Wegstunden einzuzeichnen wären. An den Poststraßen selbst sollten sodann von Viertel- zu Viertelmeile kleinere Merkzeichen aufgestellt werden, die über das nächste Ziel Auskunft gaben und die Entfernungen kenntlich machten.

Die künstlerischen Entwürfe zu diesen Distanzsäulen und Meilenzeichen stammten von der Hand des schönheitsliebenden Fürsten selber. Die Vorliebe für den schlanken, nadelartigen Obelisken, den wir bei seinen Jagdzeichen und Marksteinen in kleinem Ausmaß z. B. noch heute als Bezeichnung von Flußübergängen oder in Riesengröße als Richtpunkte seiner Zeithainer Truppenschau in der Landschaft antreffen, zeigt sich in mehrfacher Wiederholung auch bei der Handzeichnung der Poststeine.

Abb. 1 Handzeichnung aus Schramm

Die Distanzsäulen trugen auf quadratischer Grundlage einen mehrfach profilierten Sockel und darüber einen abgestumpften Obelisken, dessen Oberteil mit dem plastisch ausgehauenen kursächsischen und königlich-polnischen Wappen versehen war. Neben den schwarzgetönten Inschriften half farbiger Anstrich der Wappenschilder und Vergoldung der darüber schwebenden Krone das künstlerische Bild vervollständigen.

Zur Bezeichnung der ganzen Meile sollte jeweilig ein schlanker Obelisk auf einfacherem Unterbau, für die halbe Meile eine hermenartige Säule von eigenartiger Gestalt und für die Viertelmeile eine breite profilierte Steinplatte gesetzt werden.

III. Die Aufstellung der Postmeilenzeichen

Da das Kurfürstentum Sachsen vor zweihundert Jahren von der Saale bis in die Odergegend und vom Erzgebirge bis vor die Tore Berlins reichte, so mußte die praktische Durchführung des Planes von vornherein mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen. Insbesondere war das weitverzweigte Gebiet nicht von einem Steinbruch und nicht von einer Steinmetzwerkstatt aus mit gleichartigen Stücken zu versorgen, denn für solche Lieferungen fehlte ja gerade die Verkehrsmöglichkeit, der die neue Postschöpfung dienen sollte.

Abb. 2 Handschriftproben von Zürner aus den Akten Freyberg

Zur Wahrung der nötigen Einheitlichkeit und zur Durchführung im einzelnen ließ der Kurfürst seine bildlichen Entwürfe in Kupferstich vervielfältigen (vgl. [Abb. 1]) und die nötigen Anweisungen für den Aufbau in Gestalt einer »Mäurerinstruktion« und anderer Befehle ergehen. Gleichwohl war er sich von vornherein bewußt, daß mit solchem Schreibwerk allein nichts auszurichten sein würde. Er suchte deshalb sofort einen organisatorisch begabten Kopf, der ringsum im Lande die erforderlichen Maßnahmen persönlich treffen sollte, und er fand ihn in der Person des Pfarrers Friedrich Adam Zürner von Skassa bei Großenhain.

Dieser unermüdliche, praktische und fleißige Mann hat nicht nur jahrzehntelang alle Landesteile für Vermessungszwecke, Besichtigungen oder Verhandlungen selbst bereist und nahezu jeden Bauplatz der Postsäulen selbst ausgewählt, sondern obendrein die hunderte von Befehlen, Berichten und Erlassen eigenhändig niedergeschrieben. Sogar die Entwürfe für die Entfernungstabellen der Distanzsäulen stammen aus seiner eigenen Feder (vgl. [Abb. 2]).

Die Aktenbündel, die er über jede einzelne Stadt anlegen ließ, geben uns noch heute ein getreues Bild dieses opferfreudigen Schaffens. Wir finden dreißig Faszikel im Dresdner Hauptstaatsarchiv[1], während diejenigen Bände, die aus abgetretenen Gebietsteilen der Provinzen Sachsen, Schlesien und Mark Brandenburg stammen, nach 1806 an die Archive von Berlin und Magdeburg abgegeben worden sind.

Die ganze Riesenhaftigkeit der Aufgabe, der dieser einzelne Mann unter werktätiger Beihilfe seines Fürsten mehr als zwanzig Jahre des Lebens gewidmet hat, wird erst dann in vollem Umfang ersichtlich, wenn man jene Zeitverhältnisse in ihrem Urzustande bedenkt.

Vom Fernverkehr für Handel oder höfische Zwecke gab es nur spärliche Anfänge. An eine Einteilung der Postfahrten und an geordnetes Vorspannwesen war nicht zu denken. Der Straßenbau von Ort zu Ort beruhte zumeist auf der kümmerlichen Gelegenheitsarbeit erpreßter bäuerlicher Frohnden. Landkarten, Stadtpläne, Vermessungsergebnisse, Entfernungstabellen oder ähnliche schriftliche Vorarbeiten, die wenigstens bei der allgemeinen Verteilung und Beschriftung der Postsäulen als Unterlage hätten dienen können, fehlten vollständig. Das ganze Werk mußte also überall von Zürner selbst mit den allereinfachsten Feststellungen, Vermessungen und Besichtigungsarbeiten begonnen werden.

Weiterhin war die Beschaffung von vielen Hunderten kunstvoll ausgeführter Steinsäulen durchaus keine einfache und vor allen Dingen keine billige Sache. Die wenigsten Postsäulen durften aus den am Orte gefundenen Gestein von einem beliebigen Handwerker gehauen werden. Der kurfürstliche Landes- und Grenzkommissarius Zürner, der unausgesetzt im Lande umherreiste, hatte vielmehr Auftrag, sich allerwärts über die Beschaffenheit des Gesteins zu erkundigen, zuverlässigen Steinmetzen nach Möglichkeit eine ganze Anzahl der Säulen in Auftrag zu geben und alle Maßnahmen für größtmöglichste Haltbarkeit, modellgerechte Ausführung und richtige Aufstellung zu treffen. Trotzdem hat das heranwachsende Werk natürlich mancherlei Unterschiede in der Bildhauerarbeit sowie grobe Mängel bei der Gründung oder Auswahl der Steine gezeigt, so daß Zürner viele Revisionsreisen unternehmen und umgefallene Stücke wieder aufsetzen lassen mußte, während nach seinem Tode der Verfall ziemlich schnell um sich griff. An Abweichungen von der Bauvorschrift treffen wir beispielsweise in Delitzsch einen Distanzobelisken, der in seiner Überschlankheit um mindestens zwei Ellen höher sein dürfte, als die Werkzeichnung verlangt (vgl. [Abb. 3]); auch der Rochlitzer Obelisk zeigt nicht das vorgeschriebene sächsisch-polnische Doppelwappen, sondern nur ein gekröntes Schild mit der sächsischen Raute.

Der geldliche Aufwand, den eine so prunkvolle, arbeitsreiche Idee zu ihrer Durchführung erfordert, erscheint selbst in damaliger Zeit nichts weniger als gering. Für einen Souverän, wie August der Starke, lagen die Dinge in finanzieller Beziehung aber trotzdem sehr einfach. Seine Kassen waren leer. Die Kosten für die »allergnädigst verliehenen Distanzsäulen« mußte also jede Stadt aus ihrem Säckel bestreiten und für die Meilensäulen am Wege mußten die anliegenden Gemeinden und Grundherren Sorge tragen.

Die Stürme des Dreißigjährigen Krieges hatten nun gerade den sächsischen Landen, die ursprünglich zu den wohlhabendsten gehörten, auch die schwersten Wunden geschlagen. Durch Heeresfolge, Einlager, Hunger, Brand und Seuche war Stadt und Land entvölkert. Der Reichtum erzgebirgischen Silbersegens und mannigfachen Hausfleißes war dahin. Neue Einnahmen blieben aus.

Umgekehrt waren die durch die Postzeichen auferlegten Lasten ursprünglich recht hoch bemessen, denn ohne Rücksicht auf die Größe der Städte oder den Umfang ihres Verkehrs hatte Zürner anfangs durchaus nach der Idee des Kurfürsten verfahren und für jeden Stadtausgang eine große Säule bestimmt. Dadurch wurden kleine und große Orte ganz ungleich belastet, denn z. B. hatte die Residenz Dresden und der reiche Handelssitz Leipzig nur vier Tore und die Städtchen Grimma und Marienberg ihrer fünf. Die Preise der Distanzsäulen schwanken nach den aktenmäßigen Rechnungen zwischen 12 und 80 Talern für das Stück, wobei neben der Steinmetzarbeit auch die Höhe der notwendigen Beförderungskosten ins Gewicht fiel. Wetterfeste Hausteine in diesen stattlichen Größen waren oft sehr weit herzuholen und oftmals weigerten sich die Bauern überhaupt, ihre Pferde für solche Riesenlasten herzugeben. Bei der Beschwerlichkeit der Landfuhren wählte der Rat von Hayn (Großenhain) für seine drei Säulen deshalb den billigeren Wasserweg von Pirna bis Merschwitz.

Da der Stadtsäckel in damaliger Zeit auf solche außergewöhnliche Ausgaben nirgends eingerichtet war, blieb nichts übrig, wie die Beträge als Kopfsteuer auf die Bewohner umzulegen. Erklärlicherweise mag dann allerdings die Begeisterung der gehorsamen Untertanen für kostspielige fürstliche Launen nicht gerade groß gewesen sein und so stoßen wir in den Akten nicht nur allerwärts auf allgemeinen Widerstand, sondern vielfach auf Mahnerlasse, wonach »Unkosten halber eine Repartition unter der Bürgerschaft gemacht, auch die Widerspenstigen zu Erlegung des ihnen zugeteilten Quanti behörig und da nötig durch gebührende Zwangsmittel angehalten werden mögen.«

Angesichts dieser Finanznöte beginnen all die vielen »Acta die allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung derer steinern Postsäulen« mit einer beweglichen Klage über die Armut der Bürger und die Erschöpfung des gemeinen Fiskus. Die Stadt bäte deshalb, statt mehrerer Distanzsäulen vor ihren verschiedenen Toren nur eine einzige auf dem Markte setzen zu dürfen. Näher hätte ja wohl der Ausweg gelegen, daß der Kurfürst den Bau auf Staatskosten bewilligen möge, aber diesen Vorschlag hat nur die Stadt Freiberg für ihre fünf Torsäulen gewagt. Tatsächlich wurde ihrerseits im Juni 1723 auch durchgesetzt, daß »die Unkosten so auf diese Säulen erfordert werden, ungeachtet der gemeine Fiskus sehr erschöpft ist, dennoch vorigo noch daraus entnommen und die Bürger und Einwohner mit keiner Anlage beschwert werden.« Die dutzendweise wiederkehrenden Bitten um Beschränkung des Aufwands und um Bewilligung einer Marktsäule lassen die Vermutung aufkommen, daß Zürner hier vielleicht selber den guten Geist der Städte gespielt und ihnen den Vermittelungsvorschlag, den der Kurfürst in jedem Einzelfall selbst entscheiden wollte, etwa nahe gelegt hat. Nur wenige der allerkleinsten Stadtgemeinden, wie z. B. Rabenau, das damals weder Post- noch Straßenverbindung hatte, dürften ganz um die neue landesherrliche Verfügung herumgekommen sein.

Abb. 3 Überschlanke Distanzsäule in Delitzsch

Bereits die Jahreszahlen an den erhaltenen Postzeichen, die von 1722–1735 schwanken, deuten daraufhin, daß die Aufstellung der Postzeichen vielfach recht lange verschleppt worden ist. Der ungeduldige Kurfürst, der seine Lieblingsideen gern umgehend ausgeführt sah, erließ geharnischte Befehle im allgemeinen und Einzelverfügungen in Menge, aber allzuviel fruchteten solche papiernen Ergüsse damals nicht und ohne die Unermüdlichkeit des Kommissarius Zürner und dessen persönliche Revisionsfahrten wären wahrscheinlich noch weit mehr Säulen unausgeführt geblieben.

Abb. 4 Ganze Meilensäule am ursprünglichen Ort bei Köttewitz und Dohna

Die jahrelangen Verzögerungen, die dann trotzdem eingetreten sind, lassen sich vielfach an der Hand der Akten durch wortreiche Entschuldigungsschreiben der Bürgermeister oder durch Streik von Fuhrleuten und »Meurern« erklären, die für die vom Kurfürsten festgesetzten Löhne nicht arbeiten wollten. Mit der Ablenkung, die der Kurfürst durch seine außenpolitischen Aufgaben erlebte, mag nach und nach wohl der ganze Plan bei ihm etwas in Vergessenheit geraten und auch von dem alternden Landeskommissarius Zürner nicht mehr mit der gewohnten Energie betrieben worden sein. Die Akten enden vielfach ohne bestimmten Abschluß, und die großen Lücken, die draußen an den Straßen tatsächlich verblieben sind, deuten darauf hin, daß die Ausführung des großangelegten Werkes gar nicht vollständig zu Ende gebracht, sondern nach und nach ins Stocken geraten ist.

IV. Der heutige Bestand an Distanzsäulen und Meilenzeichen

Von den weitreichenden Plänen des prunkliebenden Fürsten und dem mühevollen Lebenswerk seines getreuen Landesgeographen sind nur höchst kümmerliche Reste auf unsere Zeiten gekommen. Allerdings deuten die wiederholten kurfürstlichen Mahnerlasse und die endlosen persönlichen Bemühungen Friedrich Zürners daraufhin, daß manche der anbefohlenen Säulen sowohl in den Städten wie an den Straßen unausgeführt geblieben ist. Genau feststellen läßt sich dies allerdings nicht, denn die vorhandenen Akten, deren Zahl auch gar nicht vollständig ist, geben über die wirkliche Aufstellung nur ganz vereinzelt durch eingeheftete Kostenrechnungen einen Anhalt; andere zeitgenössische Beweisstücke, wie Karten, Pläne und Bilder, auf denen die vorhandenen Säulen eingezeichnet sein könnten, bleiben erst recht eine Seltenheit. In jedem Falle müssen wir aber als sicher annehmen, daß das System nicht einmal zu Lebzeiten August des Starken in geplanter Weise ausgebaut gewesen ist, daß es schon kurz nach der Errichtung vielfachen Zerstörungen ausgesetzt war und dann dem baldigen Vergessen anheimfiel. In der Aktensammlung zu Dresden finden sich zwei Hefte »Gegen Vergreifung und Bosheit so darwider geübt werden« und »Für Strafe, so sich dran vergreifen oder selbige deformirt«. Auch Zürner hat vielfach über Einzelfälle von Beschädigung zu berichten und besondere Mühe mit der Ausbesserung gehabt.

Zum natürlichen Verfall der kleinen Steinmäler durch Witterungseinflüsse oder mangelhafte Bauart gesellte sich die bewußte Zerstörung durch menschliche Bosheit oder Unverstand der Behörden. Über beträchtliche Lücken lesen wir schon in einer gedruckten Festschrift, die nach hundert Jahren erschien. Ein begeisterter Verehrer der alten Denkzeichen, Dr. F. L. Becher in Chemnitz, widmet ihnen 1821 zur hundertjährigen Jubelfeier einen schwulstigen, phrasenreichen Nachruf und beklagt bereits damals, daß viele von ihnen umgefallen oder zerbrochen, eingesunken oder verwachsen seien.

Der Oberreitsche Landesatlas, der um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts als Ergebnis der ersten wirklichen Landesvermessung vom Obersten Oberreit und seinen Gehilfen bearbeitet wurde, verzeichnet die Meilenzeichen nur an einigen Straßen und erwähnt die Distanzsäulen der Städte überhaupt nicht. Infolgedessen trägt auch diese nachträgliche Beurkundung nur wenig zur Klärung des anfänglichen Zustandes bei.

Dagegen lassen die dreißig Aktenhefte des Dresdner Staatsarchivs ohne weiteres erkennen, daß der Kurfürst selbst bereits seine ursprünglichen Absichten stark zurückschrauben mußte. Die Besetzung aller Straßentore mit den großen Distanzsäulen war nämlich nur in wenigen wohlhabenden Städten wie Leipzig, Chemnitz, Freiberg und Dresden zu erzielen, während alle kleineren Orte sich günstigstenfalls zur Aufstellung einer Marktsäule bereit finden ließen. Selbst darüber zogen sich aber die Verhandlungen in die Länge, und jahrzehntelange Verzögerungen waren die Folge.

Von kleineren Städten dürften bloß sehr wenige mehr als eine Distanzsäule angeschafft haben. Beispielsweise finden wir in der Stadt Geithain noch heute zwei Straßenzüge durch Distanzsäulen geschmückt. Ebenso sind die Parkeinfahrten der Schlösser Lichtenwalde bei Chemnitz und Moritzburg bei Dresden von solchen Obeliskenpaaren flankiert. Da die Akten über diese Stücke ebenso über Penig und andere Städte keinen Aufschluß geben, so bietet auch die Zählung der Stadtsäulen nach diesen urkundlichen Unterlagen keine sichere Gewähr. Nur durch eine oberflächliche Schätzung könnte man annehmen, daß neben den achtunddreißig Distanzsäulen, die heute laut des beigefügten Verzeichnisses A noch auf sächsischem Staatsgebiet stehen, dereinst noch mindestens fünfzig bis sechzig andere vorhanden gewesen sein dürften. In den abgetretenen Teilen der preußischen Provinzen Sachsen, Schlesien und Mark Brandenburg, wo die Wege nach Warschau den sächsischen Polenkönig naturgemäß am meisten interessierten, wird das Zahlenverhältnis ähnlich sein, wiewohl die Siedlungen dort räumlich weiter auseinanderliegen und große Städte, die mehrere Distanzsäulen gehabt haben könnten, fast ganz fehlen. Man begegnet ihnen daselbst in großen und kleinen Provinzorten mit sechzehn gut erhaltenen Stücken. Wieweit dazu die in preußischen Besitz genommenen Akten einen Schluß auf verlorengegangene Steine zulassen, vermag ich nicht zu beurteilen, da mir ein persönlicher Besuch der Archive von Berlin und Magdeburg aus erklärlichen Gründen leider nicht mehr möglich ist.

Nebenbei wäre vielleicht noch an die Möglichkeit zu denken, daß auch Warschauer Archive aus der Zeit des sächsischen Königtums einige Unterlagen über die Straßenbezeichnung enthielten oder daß sogar auf polnischem Boden Postzeichen noch in ähnlicher Weise vorhanden wären, wie innerhalb unserer Reichsgrenzen. Ich habe deshalb während des Krieges von der Westfront her bei unseren polnischen Besatzungsbehörden angefragt, aber vom Generalgouvernement Warschau durch die mit Kunstschutz und archivalischen Studien beauftragte Stelle nach längerer Zeit den Bescheid erhalten, daß bei Durchsuchung der Staatsarchive und bei Umschau in den Städten nichts über die Postmeilensäulen aufgefunden worden sei. –

Alles in allen kann man annehmen, daß auf Grund der augusteischen Befehle vor zwei Jahrhunderten etwa hundert solcher Distanzsäulen in sächsischen Landen aufgestellt worden sind und den ersten bescheidenen Schritt dazu gebildet haben, die mittelalterlichen Verkehrsverhältnisse in Deutschland etwas zu bessern. Bei allem Widerstand, den die verarmten Gemeinden der Sache lediglich aus finanziellen Gründen entgegensetzten, darf man den großen und bleibenden Nutzen für die Allgemeinheit nicht verkennen. Heutigentags bedeutet die sorgsame Erhaltung der Obelisken und ihrer Inschriften zwar lediglich einen Akt kulturhistorischer Pietät, bis zum völligen Ausbau des Eisenbahnnetzes nach 1870 besaßen jedoch ihre dutzendfältigen Entfernungsangaben in Wegstunden oder Meilen allerwärts auch noch praktische Bedeutung. Der Verfasser der Jubiläumsschrift für 1821 bringt diesen Gedanken in folgender Weise zum Ausdruck:

»Wer oft genug Reisende aus dem Auslande an diesen wohltätigen Straßensäulen weilen, die Ortsentfernungen lesen und fröhlich in ihre Schreibtafeln eintragen sah, der freute sich gewiß recht patriotisch dieser ehezeitlichen Veranstaltungen und ihres Nutzens für die gesamte Klasse von Pilgrimen, die ihrer Heimat entfremdet, jeder freundlichen, auch stummen Zurechtweisung bedürftig sind.«

Abb. 5 Viertelmeilenstein am ursprünglichen Ort an der Straße Breitenau-Harthwald

Während dieser verbliebene Teil der Distanzsäulen uns mit seinen fünfzig bis sechzig Stücken immerhin noch ein anschauliches Bild der Vergangenheit vermittelt, ist die Zerstörung der Meilenzeichen an den Landstraßen bis auf einige klägliche Trümmer vorgeschritten. Von den vielen, vielen Hunderten kleiner Kunstwerke, die früher den Wanderer in regelmäßigem Wechsel schon fernher sein Fortschreiten ankündigten, steht nicht einmal mehr ein volles Dutzend am alten Fleck und selbst diese wenigen Reste sind teilweise zertrümmert oder grob beschädigt.

Abb. 6
Halbmeilensäule ohne Fußteil, früher bei Gohrisch auf dem Schießplatz, seit 1919 im alten Truppenlager von Zeithain

Sieht man sich nach den Urhebern dieses Zerstörungswerkes um oder forscht man nach den Beweggründen, so fehlt es zwar an sicheren Angaben und Beweisen, ein Blick auf die Karte sagt aber mehr, wie jede wörtliche Anklage. Überall da, wo der neuere Staatsstraßenbau den alten Postwegen genau folgte, ist jede Spur der Zürnerschen Meileneinteilung restlos verschwunden und nur die nüchterne, moderne Wegmarke nach Meilen- oder Kilometersystem vorhanden. Anderseits begegnen wir den wenigen verbliebenen Meilensäulen aus augusteischer Zeit gerade an denjenigen alten Postlinien, mit denen sich der ingenieurmäßige Straßenbau bisher nie zu befassen hatte, weil der Verkehr frühzeitig nach geeigneteren Wegen abgeschwenkt war.

Leider ist dieser zweite Fall aber bei weitem der seltenere, denn in den ebenen Teilen der alten Kurlande hat sich die Verbindung von Ort zu Ort natürlich ebenso sehr an die altgewohnten gradlinigen Straßenzüge gehalten, wie im Gebirge, wo die Geländegestalt für die Nahverbindungen auch nicht viel Auswahl bietet. Infolgedessen sind eigentlich nur wirkliche Fernverbindungen, wie die Leipzig-Dresdner oder die Dresden-Prager Handelsstraßen mehrfach über andere Postorte geleitet und dadurch verschoben worden.

So hat der alte Postgang zwischen Leipzig und der Elbe bei Schieritz-Meißen zwischen der nördlichen Linie über Wurzen-Oschatz und einer südlichen über Grimma zeitweilig auch zwischenliegende Verbindungsstrecken benutzt. Infolgedessen findet sich die allereinzige Halbmeilensäule, die überhaupt unbeschädigt auf unsere Tage gekommen ist und wohl augenscheinlich am ursprünglichen Platze steht, mitten im Wermsdorfer Forstrevier an einem alten längst verwachsenen Waldwege.

Der Prager Handelsweg dagegen folgte südlich von Dohna den dörflichen Verbindungswegen über die Höhen, während die neuere Kunststraße auf der Sohle des Müglitztales mit all dessen Windungen, aber ohne verlorene Steigung, zur Paßhöhe am Mückentürmchen hinaufführt.

Die wenigen Meilenobelisken und Viertelmeilsteine sind ganz vereinzelt im Lande zu suchen. Einige, wie z. B. die Platten von Klaffenbach, Dohna und Dippoldiswalde dürften an ihren jetzigen Platz verschleppt worden sein, denn durch den oberen Ortsteil von Klaffenbach bei Chemnitz ist überhaupt keine Poststraße gelaufen und bei den beiden erzgebirgischen Städtchen zeigt der Oberreitsche Landesatlas die Meßpunkte der Meilenviertel an ganz anderen Stellen.

Auch sonst steht nur ein einziger Stein von allen an einer ausgebauten Kunststraße, und diese Viertelmeilplatte von Steinbach bei Johanngeorgenstadt habe ich selber im Frühjahr 1914 vom Schotterhaufen gerettet.

Auf eine Kette von nicht weniger als fünf guterhaltenen Stücken stoßen wir schließlich an der einstigen Prager Poststraße, die über die erzgebirgischen Höhenrücken von Dohna nach Börnersdorf verlief und gegenwärtig nur noch der Verbindung von Dorf zu Dorf dient. Dem ausgebesserten Viertelsteine in Dohna folgt ein Meilenobelisk bei Köttwitz (vgl. [Abb. 4].) Dann treffen wir in richtigen Abständen auf zwei weitere Viertelmarken in Börnersdorf und am Haarthewald (vgl. [Abb. 5]), sowie nochmals auf die ganze Meile bei Breitenau. Zu diesem Straßensystem hat noch ein Halbmeilenstein nordöstlich der Fürstenwalder Kirche gezählt. Einige Sandsteinstücke, die ich dort im Jahre 1912 am westlichen Straßenrand vorfand, mögen davon herstammen. Im Abstand einer weiteren Viertelmeile beim Haferfeldwald zeigt der Oberreitsche Atlas (Blatt Altenberg) kurz vor der Landesgrenze nochmals einen Viertelmeilenstein; es ist mir bisher aber nicht gelungen, seinen Verbleib zu ermitteln.

Auch ohne dieses siebente Stück gestattet das Beispiel dieser alten Bergstraße, zusammen mit dem sonstigen Befund inner- und außerhalb Sachsens jedoch zwei ziemlich sichere Schlußfolgerungen: die Meilensteine aller drei Größen haben inner- und außerhalb der Ortschaften von der Bevölkerung sicherlich nichts zu leiden gehabt, sondern sind hie und da, wie Einzäunungen, Blumenschmuck und Ausbesserungen z. B. in Ballendorf, Crandorf und Börnersdorf zeigen, sogar auch ohne staatliche Mitwirkung und ohne Belehrung durch den Heimatschutz gepflegt worden. Die vorhandenen Lücken dürften also wohl zumeist dem natürlichen Verfall und der ungenügenden Gründung der hochragenden Formen zuzuschreiben sein. Ihre vollständige Vernichtung im Bereich späterer Kunststraßen ist dagegen wohl ausschließlich auf die Bauleiter aller Grade zurückzuführen. Wenn diese irgendwo und irgendwann einmal soviel geschichtlichen Sinn oder künstlerische Erkenntnis aufgebracht hätten, um den Wert der alten Postzeichen zu ermessen, dann müßten die kleinen Merksteine ja gerade an den von Staats wegen ausgebauten Kunststraßen besonders sorgsam behandelt worden sein. Unter all den Hunderten zeugt aber nicht ein einziges Beispiel für solche Überlegung. Unser sächsisches Landschaftsbild, das beim Fehlen katholischer Andachtszeichen ohnehin manchen poetischen Anklang entbehrt, ist also im Laufe des vorigen Jahrhunderts durch diesen beispiellosen Unverstand der Staatsbeamten noch der einzigen Werke von Straßenkunst beraubt worden.

Über die einstige Zahl und die Verbreitung der Meilenzeichen vermögen wir uns heutzutage fast noch schwerer ein Bild zu machen als bei den großen Stadtsäulen.

August der Starke hatte von vornherein den Wunsch, alle Poststraßen damit auszustatten. Die Akten enthalten jedoch kein Verzeichnis der zu behandelnden Straßen und schweigen sich merkwürdigerweise auch darüber aus, welche Verbindungswege um 1822 überhaupt als Poststraßen angesehen wurden. So finden wir denn manche Landstraße im Aktenheft der Nachbarstadt aufgenommen, z. B. bei Grünhayn, oder es wurde ein besonderes Schriftstück für den Bezirk angelegt, z. B. Dippoldiswalde Stadt und Amt. Ein vollständiges Verzeichnis der ganzen, halben und Viertelmeilenzeichen geben die Akten mit genauer Ortsbezeichnung für die Straße von Lützen bis zum Leipziger Peterstor. Bei Pätzold finden wir weitere acht Hauptstraßen mit ihrer genauen Besetzung aufgezählt.

Aus dem Schriftwechsel mit Zürner, aus den von ihm aufgestellten Tabellen oder aus Besichtigungsergebnissen, über die manche Akten berichten, ersehen wir dann, daß die Straßensäulen bei den Vorbereitungsarbeiten numeriert wurden. Nach welchen Grundsätzen dabei verfahren wurde, ist nicht ersichtlich, denn an der Straße von Chemnitz über Annaberg nach Karlsbad wird in dem Grünhayner Faszikel ein Meilenzeichen Nr. 52, sowie an der Straße Schneeberg-Annaberg ein solches mit Nr. 57 erwähnt, obwohl keine dieser kurzen Entfernungen mit solchen Mengen zu rechnen braucht.

Abb. 7
Normale Distanzsäule in Krakau bei Königsbrück

Auf die Vollständigkeit dieser handschriftlichen Unterlagen ist also kein Verlaß. Leichter dürfte aus den neunhundert Karten und Plänen, die Zürner während seiner Straßenvermessung gezeichnet hat, ein Überblick zu gewinnen sein. Aber auch diese sprechen höchstens für die Absicht und beweisen nicht allzuviel für die wirkliche Aufstellung. Seltsamerweise gibt die große Zürnersche Postcharte von 1730 an den besonders kenntlich gemachten Postrouten nicht eine einzige Distanz- oder Meilensäule wieder, wohl aber finden wir sie kurz vorher bei Schramm als Titelkupfer auf einem Dresdner Festungsplan. Spätere Kartenwerke bieten trotz ihrer Lückenhaftigkeit eher einen Anhalt. Auf den fünfzehn Hauptblättern des Oberreitschen Atlasses z. B. ist der Bestand nach hundert Jahren teilweise eingetragen. Grundsätzlich fehlen auch hier sämtliche Distanzsäulen im Bereich der Städte. Ferner erscheinen ganze Straßenzüge, an denen sich noch heute Meilenzeichen finden, ohne diese, und bei denjenigen Landstraßen, an denen die Vermessung durch die Bezeichnung ¼ M., ½ M., 1/1 M. oder ¼ St., ½ St., 1/1 St. an sich mit auf der Karte vermerkt wurde, ist ihre Reihe doch höchst lückenhaft. Wenn dieser Mangel sich einerseits durch eingetretene Verluste erklärt, bleibt anderseits die zwiefache kartographische Behandlung der ganzen Sache ziemlich unverständlich. So sind manche Provinzstraßen, z. B. Löbau-Neugersdorf, mit sechs entsprechenden Meilenabschnitten genau bedacht, während der wichtigste Handels- und Reiseweg Leipzig-Dresden auf dem Blatt Oschatz kein einziges Postzeichen erwähnt. Erklärlich wird der Unterschied aber dann, wenn man die Entstehungsjahre der einzelnen Oberreitschen Kartenblätter beachtet. Bis 1840 sind die Meilenzeichen durchgängig aufgenommen; sie fehlen dagegen vollständig auf den späteren Ausgaben. So weist das Blatt Dresden von 1830 noch über sechzig Stück nach, während Leipzig von 1839 bereits nicht ein einziges enthält. Auch hierdurch wird die frühere Behauptung erwiesen, daß der Kunststraßenbau mit der Zerstörung zusammenhängt, denn dort war eben schon die alte Poststraße durch den staatlichen Chausseebau ersetzt und die Herren Straßenbauer hatten in der Natur draußen mit den alten Steinen gründlich aufgeräumt. Auf Blatt Zwickau von 1850 sucht man gleichfalls fast vergeblich, wogegen das benachbarte Blatt Chemnitz von 1830 an den Straßen bei Marienberg, Schlettau, Annaberg, Wolkenstein, Lengefeld, Reifland und Freyberg die Vermessungszeichen noch sehr reichlich und vollständig aufweist.

Abb. 8
Beschädigte Distanzsäule, früher am Marktplatz zu Wilsdruff, seit 1860 auf den Rittergutsfeldern von Nieder-Reinsberg bei Nossen

Der gegenwärtige Bestand legt uns trotz seiner Dürftigkeit noch ungelöste Fragen vor. So z. B. kann man sich selbst unter Zuhilfenahme alter Verkehrskarten und Kursbücher nicht erklären, wie das Dörfchen Ballendorf zwischen Grimma und Lausigk zu einer Meilensäule gekommen ist, die dort heute in einem Obstgarten am Nebenwege südlich der Kirche steht. Sie macht äußerlich durch ihre unbeschädigten Formen durchaus den Eindruck, als habe sie stets hier gestanden.

Nach alledem bleibt man also auch für die Meilensteine an den Straßen nur darauf angewiesen, aus dem unvollständigen und unsicheren Bild, das die Akten, die älteren Kartenwerke und die verbliebenen Reste gemeinschaftlich zu bieten vermögen, sich selbst durch freie Schätzung einen Begriff von der einstigen Gesamtzahl zu machen. Dabei erscheint es wohl nicht zu hochgegriffen, wenn man innerhalb Sachsens zu der angenommenen Zahl von neunzig Distanzsäulen das zehnfache an Meilenzeichen rechnet. Ob dieses Verhältnis auch außerhalb das richtige ist, erscheint mir trotz der größeren Entfernungen zweifelhaft. Einmal war das Straßennetz dort nicht so dicht als im Stammlande, und zweitens dürfte die Bezeichnung infolge Steinmangels wohl gar nicht viel ausgebaut worden sein. Im ganzen weiten Norden ist nämlich meines Wissens neben den Distanzsäulen nicht eine Meilen- und nicht eine Halbmeilensäule, sondern nur ein schwerbeschädigter Viertelstein in Rüdingsdorf, Kreis Luckau, erhalten; er trägt nur den Namenszug August des Starken und keine Jahreszahl. –

Der allgemeine Zweck dieser kursächsischen Postzeichen hätte es wohl nahegelegt, in Verbindung mit dieser Schilderung auf einer eignen Karte die alten Postkurse sowie den einstigen und den heutigen Bestand der Steinmäler darzustellen. Abgesehen vom Kostenaufwand verspricht jedoch eine solche Übersicht keinerlei Vollständigkeit und noch viel weniger ein wirkliches Verkehrsbild. Zur Ergänzung der textlichen Darstellung mögen infolgedessen die beigegebenen tabellarischen Verzeichnisse dienen. Da sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so wird jede Nachricht über den Verbleib eines Postzeichens, das hier noch nicht aufgeführt ist, dankbar entgegengenommen.

Über eine ganze Reihe von Postzeichen, die nachweislich einst vorhanden gewesen, aber im Laufe der beiden Jahrhunderte verschwunden sind, finden sich in den Zürnerschen Akten, in alten Stadtrechnungen oder auf Kupferstichen und Gemälden verschiedene Anhaltepunkte. Zur Ergänzung der Bestandslisten A, a, b, c sei deshalb eine Reihe von ihnen hier mit angeführt.

In Dresden haben nach der Titelkarte bei Schramm von 1726 vier Distanzsäulen vor dem Festungsring an der Leipziger, Bautzner, Pirnaer und Wilsdruffer Landstraße gestanden. Sie sind ebenso wie die anschließenden Meilensäulen seit langem spurlos verschwunden.

Zur Nachsuche wegen einer Meilensäule hat der Dresdner Rat im Sommer 1919 Gelegenheit gegeben. Ein Rohrmeister des städtischen Gaswerks glaubte sich zu erinnern, bei Ausschachtungsarbeiten im Straßenkörper der Bodenbacher Straße zwischen Landgraben und Liebstädter Straße etwa ein Meter tief eine gut erhaltene Meilensäule mit Posthorn und Entfernungsangaben gesehen zu haben. Nachgrabungen, die an mehreren von ihm bezeichneten Stellen vorgenommen wurden, haben jedoch keinen Erfolg gehabt[2].

Das Peterstor, Hallesche und Ranstädter Tor in Leipzig ist seit 1724 mit je einer, und das Grimmaische Tor mit zwei Distanzsäulen ausgestattet gewesen. Als Verfertiger werden die Steinmetzen Johann Adam Hamm, Gottlieb Kretschmar und Peter Hennicke genannt[3]. Der Stadtplan von 1749 zeigt die entsprechenden Plätze. Die Säule vor dem Peterstor finden wir auf einem Bilde der Esplanade, jetzt Königsplatz, in dem Werk Saxonia, Museum für Sächsische Vaterlandskunde von Dr. Sommer, Dresden 1835, Band IV, Seite 61.

Vier große Säulen hat seit 1724 ferner die Stadt Zwickau besessen und noch im Jahre 1845 wird die eine vor dem Tränktor an der Paradiesbrücke und eine zweite vorm Frauentor an der heutigen Bahnhofstraße bezeugt[4]. Heute fehlt dagegen auch von ihnen jede Spur.

Gleichfalls im Jahre 1724 hat die Stadt Oschatz vor dem Brüder-, Altoschatzer und Hospitaltore Distanzsäulen gesetzt und die Kosten durch Anlagen aufgebracht[5]. Auch hier ist keiner der drei Obelisken erhalten. Dagegen zeigt das Denkmal vor der Hauptwache am Markt meiner Erinnerung nach genau die gleichen Formen und Abmessungen der Distanzsäulen, so daß man wohl auf die Vermutung kommen kann, hier sei eines der alten Stücke in aufgearbeiteter Gestalt später einem andern Zwecke dienstbar gemacht worden.

Über einen heftigen Streit zwischen Zürner und dem Stadtrat wegen der Distanzsäule, lesen wir im Aktenstück und im Stadtarchiv von Wurzen. Die Distanzsäule auf dem Rondell ist tatsächlich bis 1892 vorhanden gewesen[6].

Neben den vielen Städten und Städtchen hatte August der Starke auch den beiden Klöstern Marienstern bei Kamenz und Mariental bei Ostritz aufgegeben, eine Distanzsäule vor ihre Einfahrt zu setzen, damit sie sich durch dies künstlerische Schmuckstück von den ärmlichen Dörfern unterscheiden möchten. Auf meine Anfrage hat man kürzlich liebenswürdigerweise in den Klosterarchiven nachgesucht, aber an keiner der beiden Stellen einen Anhalt dafür gefunden, ob eine solche Distanzsäule wirklich gesetzt worden oder wie die Sache sonst ausgegangen ist.

Etwas rätselhaft mutet dem Forscher die Tatsache an, daß das kleine Dörfchen Krakau bei Königsbrück sich einer wohlerhaltenen Distanzsäule (vgl. [Abb. 7]) erfreut. Dort geht selbst heute noch keine größere Straße vorüber und nur die Erinnerung an die polnischen Reisen, die den Kurfürsten über die Gräflich Brühlschen Besitzungen nordwärts von Dresden führten, lassen vielleicht sein besonderes Interesse an diesem Zwischengelände erklärlich erscheinen.

Einem sonderbaren Schicksal war schließlich die Distanzsäule von Wilsdruff verfallen (vgl. [Abb. 8]). Der Straßenbaufiskus hat sie 1860 an ihrem Platz auf dem Markte weggenommen und für 60 Taler an den Rittergutsbesitzer auf Nieder-Reinsberg bei Nossen, Herrn von Schönberg, verkauft. Sie ist seitdem auf einem Hügel mitten in dem Rittergutsflur aufgestellt und hat augenscheinlich durch die Witterung viel gelitten. Im Jahre 1919 erinnerte sich die Stadt ihres alten Besitzstückes; die heutige Rittergutsherrschaft der Schönberg war auch entgegenkommenderweise zu kostenloser Rückgabe bereit, dagegen konnte dem Stadtsäckel in unsern schweren Zeiten der verhältnismäßig hohe Aufwand für Beförderung und Neuaufstellung nicht zugemutet werden. Die alte verwitterte Säule, die in ihrem Gefüge vielleicht durch den Abbruch noch mehr gelitten haben würde, verbleibt also an ihrem Platz auf einsamem Felde.

Einer irrtümlichen Anschauung von den Postzeichen dürfte die Erwähnung einer Meilensäule im Dresdner Vorort Kaditz entspringen, die bis 1903 an der Ecke der Radebeuler und Dresdner Straße gestanden haben soll[7]. Wahrscheinlich hat es sich hier nur um einen der meterhohen Wegweisersteine gehandelt, die auch anderwärts an Kunststraßen vorkommen, denn die augusteische Poststraße hat das Dorf seiner Zeit gar nicht berührt und nach der Titelkarte in Schramms Schilderung von 1724 ist die Entfernung östlich von Kaditz richtigerweise mit einer Halbmeilensäule bezeichnet.

Fälschlicherweise werden zur Straßenbezeichnung Augusts des Starken in der Literatur mehrfach auch die Säulen von Altdöbern und Lübben in der Mark gerechnet. Die erstere zeigt eine durchaus abweichende Gestalt ohne das sächsisch-polnische Wappen und die andere ist laut Inschrift bereits 1720 auf Veranlassung des Herzogs Moritz Wilhelm von Merseburg errichtet worden.

Aufklärung war mir bisher nicht möglich für zwei Meilenzeichen, von denen das eine an der Straße von Neustadt (Sa.) nach Rumburg (Böhmen) etwa zwanzig Minuten von Langburkersdorf entfernt stehen und das andere an der Straße von Hartmannsgrün i. V. nach Waldkirchen vorhanden gewesen sein soll.

Ein schlanker Obelisk wurde mir ferner an der Kunststraße Freiberg-Großhartmannsdorf in der Nähe des Freiwaldes westlich der Straße beim Wasser gemeldet, ohne daß ich bisher Näheres feststellen konnte.

Unaufgeklärt mußte ich schließlich auch die Frage einer Meilensäule an der Chemnitz-Zschopauer Kunststraße beim Dorfe Gornau lassen. In der Zeitschrift Das Automobilwesen, 1905, Seite 834, fand ich auf einem photographischen Bildnis des Rennfahrers Oskar Günther, das ihn im Kraftwagen bei Gornau zeigt, eine Meilensäule zufällig am Straßenrand mit aufgenommen. Durch briefliche Mitteilung zweier Herren, die durch meine früheren Veröffentlichungen auf die Postzeichen aufmerksam geworden waren, erhielt ich die Säule noch doppelt bestätigt. Sie soll auf »Altenhainer Flur« »am Straßenkreuz nach Weißbach und Dittersdorf«, nach anderer Meldung »im Walde zwischen Gornau und Chemnitz« stehen. Demgegenüber hat mir im Sommer 1919 der Ortspfleger des Heimatschutzes, den ich um Bestätigung und nähere Angaben ersuchte, geschrieben, daß dort keine Säule zu finden sei. Auch von der Amtshauptmannschaft ist auf eine allgemeine Rundfrage vom Jahre 1917 nichts davon erwähnt worden. Der Oberreitsche Atlas, Blatt Chemnitz, zeigt 1835 eine Säule in der Gegend, so daß sie entweder erst nach der photographischen Aufnahme des Automobils zerstört worden ist oder vielleicht doch noch unbeachtet am Platze steht.

V. Der Schutz der Postzeichen

Um die Erhaltung der Postsäulen bemühen sich heutzutage in erster Linie die staatlichen Stellen für Denkmalpflege und der Landesverein Sächsischer Heimatschutz; das große Inventarisationswerk von Steche und Gurlitt, dessen zahlreiche Bände um die Jahrhundertwende erschienen, führt bereits eine Anzahl der Postzeichen mit auf, und die Mitteilungen des Landesvereins und der Sächsischen Volkskunde haben mehrfach ergänzende Bemerkungen gebracht.

Neben dieser allgemeinen Fürsorge hat aber erfreulicherweise an vielen Orten auch das Interesse der Bewohnerschaft sich dem Einzelstück zugewendet. In und außerhalb Sachsens sind seit altersher besonders die wappengezierten Distanzobelisken als besonderer Kunstbesitz gepflegt und nach Art eines Denkmals mit Promenadenanlagen oder architektonischer Umgebung in Verbindung gebracht worden. Gerade kleine Städtchen, wie zum Beispiel Bärenstein bei Glashütte oder Wittichenau im Preußischen, die über keine anderen Kunstwerke an der Straße verfügen, haben sich des eigenartigen Erbstücks aus Sachsens Vorzeit mit doppelter Fürsorge angenommen.

Manche Säule hat dabei infolge von Straßenregulierungen einen andern Platz erhalten und ist sorgsam wieder aufgestellt worden. So ist der Radeburger Distanzobelisk vom Markt an die Friedhofstraße versetzt worden und diejenigen von Frohburg, Mügeln und Pirna stehen sogar schon am dritten Platz. Eine weitere Distanzsäule, die wir in Pirna am Elbtor auf dem großen Gemälde Canalettos (Nr. 627 der Dresdner Staatsgalerie) abgebildet finden, ist dagegen spurlos verschwunden.

Abgesehen von kleinen Ausbesserungen beobachten wir auch Ergänzungen zerbrochener Steine, zum Beispiel in Neustadt an der Distanzsäule oder am Viertelmeilenstein von Dohna. An anderer Stelle, wie in Dippoldiswalde und Klaffenbach, ist die Platte eines Viertelmeilensteines und im Zeithainer Truppenlager kürzlich das Hauptstück einer Halbmeilensäule ohne neuere Zutat aufgestellt worden ([Abb. 6]). Zufällig erfuhr ich, daß ein Denkstein mit Posthorn und Namenszug A. R., auf den im übrigen die Beschreibung der Halbmeilensäule paßte, weit draußen an der früheren Kröbelner Straße auf dem Truppenübungsplatz liege; noch vor den Revolutionswirren gelang es durch Briefwechsel mit der Kommandantur das seltene Stück ausfindig zu machen und im Lager zu bergen. Es wurde später an der Planitzstraße im Kiefernwald von neuem aufgestellt und bildet mit dem besser erhaltenen Wermsdorfer Stück den einzigen Rest dieser hermenartigen Halbmeilensteine.

Eine Erneuerung des farbigen Anstrichs oder eine Bemalung und Vergoldung der gekrönten Wappenschilder haben viele Distanzsäulen erhalten; besonders eigenartig nimmt sich das bunte Wappenstück dann an den roten Porphyrsteinen der Rochlitzer Gegend aus.

Nicht alle solche späteren Eingriffe zeugen von wirklicher Sachkunde. So wurden beispielsweise die beiden Freiberger und die Altenberger Distanzsäulen zweifellos durch nachträgliche Einmeißelungen verunstaltet, während die langen Listen der alten Ortsentfernungen, die anderwärts noch völlig lesbar dastehen, hier wohl teilweise geglättet wurden. Das staatliche Denkmalpflegamt sucht deshalb heute solche willkürliche Veränderungen zu verhindern und bei geplanten Erneuerungsarbeiten durch sachverständigen Rat mitzuwirken.

Auch diese literarische Zusammenstellung, die sich neben archivalischen Studien auf jahrelange Wanderfahrten und persönliche Besichtigungen stützt und zur Anlegung einer photographischen Bildersammlung führte, möge dazu beitragen, das Interesse an dem zweihundertjährigen Kunstbesitz unsrer engeren Heimat zu verbreiten und diesen eigenartigen Denksteinen einer glanzvollen Fürstenzeit noch einen recht langen Bestand zu sichern.

Anlage A und B.

A. Verzeichnis der vorhandenen Postmeilensäulen

a) Distanzsäulen in Sachsen

1. Altenberg [1722], an der Hauptstraße, gegenüber dem alten Amtshof. Sächsische Volkskunde 1902, S. 256. Schmidt, Kursächsische Streifzüge, Band IV, S. 301.

2. Bärenstein [1734], bei Glashütte am Markt. Literatur wie bei Nr. 1.

3. Berggießhübel [1727], am Straßenkreuz. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312.

4. Dohna [1731], an der Lesche- und Antonstraße. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312. Über Berg und Tal, Band VII, 1902 bis 1905, S. 125 und S. 131 (vollständige Inschrift).

5. Elstra. Gurlitt, S. 40. Bruchstück mit wohlerhaltenem Wappen, vorläufig im Rathaus aufbewahrt.

6. Elterlein [1729], an der Gabelung der Zwönitzer und Grünhainer Straße, westlich des Marktes.

7. Freiberg I [1723]. Einmündung der Annaberger und Chemnitzer Straße. Literatur wie bei Nr. 1 und 3.

8. Freiberg II [1723], an der Hauptpost.

9. Frohburg [1722]. Ursprünglich auf dem Markt, dann auf dem Bismarckplatz, jetzt am Stadteingang vom Bahnhof her.

10. Geithain I [1727], an der Hauptstraße im Ostteil der Stadt. Rochlitzer Porphyr.

11. Geithain II [1727], am Westausgang an der Straßengabel Borna-Frohburg. Rochlitzer Porphyr.

12. Geringswalde [1727], am Westrand des Teiches. Rochlitzer Porphyr.

13. Geyer [1730], am Markt.

14. Glashütte, am Straßenkreuz beim Bahnhof. Literatur wie bei Nr. 3.

15. Gottleuba [1731], auf dem Markt. Literatur wie bei Nr. 3.

16. Hilbersdorf-Chemnitz, an der Frankenberger Straße.

17. Johanngeorgenstadt, auf dem Markt.

17 a. Jöhstadt, auf dem Markt. Abbildung in Mitteilungen des Sächsischer Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 54.

18. Kamenz [1725], über dem Eisenbahntunnel. Literatur wie bei Nr. 1. Abbildung in Sachsenkalender 1922, am 9. Februar.

19. Königstein, an der Dresdner Straße. 1921 neu bemalt. Über Berg und Tal, Band VII, S. 174.

20. Krakau [1732] bei Königsbrück, auf Zürners Karten Cracau. Mitten im Dorf am Gasthaus zum grünen Baum.

21. Leisnig [1723], auf dem Lindenplatz. Rochlitzer Porphyr. Gurlitt, Heft 25, S. 152. Sächsische Volkskunde 1903, Heft 2, S. 63.

22. Lichtenwalde bei Chemnitz I.

23. Lichtenwalde II, beiderseits der Schloßeinfahrt.

24. Marienberg, vor dem Zschopauer Tore. Sächsische Volkskunde 1902, S. 288; Müller im Archiv für Post und Telegraphie 1909.

25. Moritzburg I [1730]. Abbildung in Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 33.

26. Moritzburg II [1730], beiderseits der Schloßeinfahrt am Teiche.

27. Mügeln. Früher im Ratskellergarten hinter dem Deutschen Haus. Seit 1895 an der Leisniger Straße und Schützenwiese.

28. Neustadt [1729], auf dem Promenadenplatz am Bahnhof. Spitze ist ergänzt. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312.

29. Nieder-Reinsberg bei Nossen. Nördlich auf der Steinrücke, mitten im Felde. Früher auf dem Markt von Wilsdruff. Am 25. 1. 1864 von der Kgl. Straßenkommission an Rittergutsbesitzer von Schönberg verkauft. 1920 scheiterten Verhandlungen beim Stadtrat zu Wilsdruff wegen der Wiederaufstellung an der Kostenfrage, obwohl der Besitzer die Säule kostenlos zurückgeben wollte.

30. Oberwiesenthal [1730], auf dem Markt. Sächsische Volkskunde 1902, S. 288.

31. Olbernhau, Literatur wie bei Nr. 29.

32. Penig, an der Chemnitzer Straße. Rochlitzer Porphyr.

33. Pirna [1722], früher Breite Straße, jetzt Reitbahnstraße. Sächsische Volkskunde 1902, S. 256 und 312.

34. Pulsnitz [1725], am Wettinplatz. Literatur wie bei Nr. 28; Störzner: Was die Heimat erzählt. Leipzig 1905. (Vollständige Inschrift).

35. Radeburg [1728], früher am Markt. Jetzt am Straßenkreuz östlich des Friedhofs. Literatur wie bei Nr. 28.

36. Reinsberg bei Nossen, an der Straße nach Krummhennersdorf.

37. Rochlitz, an der Schloßstraße. Rochlitzer Porphyr. Mit großem sächsischen Rautenwappen.

38. Strehla, beim Nordausgang der Stadt, an der Paußnitzer Straße.

39. Zwönitz [1727], am Markt. Aus Greifensteiner Granit und Chemnitzer Sandstein. 1787 und 1884 erneuert. Unsere Heimat 1903 bis 1904, S. 157; Glück auf 1884, Heft 12, S. 180.

b) Distanzsäulen außerhalb Sachsens

40. Amtitz [1732] bei Guben. Ledât im Archiv für Post und Telegraphie, Band 40, S. 399.

41. Belgern [1730] an der Elbe, am Markt gegenüber der Rolandfigur. Sandstein. Literatur wie bei Nr. 40.

42. Belzig [1725] (Mark). Literatur wie bei Nr. 40.

43. Brück [1730] (Mark). Literatur wie bei Nr. 40.

44. Delitzsch [1730], am Roßplatz. Ungewöhnlich hoher schlanker Obelisk. Literatur wie bei Nr. 40.

45. Elsterwerda [1738], an der Kirche. Literatur wie bei Nr. 40; Schmidt: Kursächsische Streifzüge Band IV, S. 301.

46. Golßen bei Lübben. Rochlitzer Porphyr. Sächsische Volkskunde 1903, S. 96.

47. Görlitz [1725], auf dem Töpferberg. Schlesische Heimatblätter, S. 403.

48. Guben.

49. Hoyerswerda [1730], früher auf dem Markt, jetzt in der Promenade an der Bahnhofstraße als Bismarcksäule bezeichnet. Literatur wie bei Nr. 47.

50. Kirchhain [1736], an der Hauptstraße beim Südeingang. Literatur wie bei Nr. 40.

51. Lauban [1725], am Amtsgericht. 1872 ausgebessert. Sandstein. Literatur wie bei Nr. 40 und 47.

52. Liebenau bei Frankfurt an der Oder.

53. Lieberose [1735], vor dem Mühlentor. Literatur wie bei Nr. 40.

54. Lübbenau [1740], an der Vorstadt Hauptstraße. Sandstein. Ortsnamen ohne Entfernungsangaben. Literatur wie bei Nr. 40. Schmidt: Kursächsische Streifzüge, Band II, S. 92.

55. Mühlberg [1730] an der Elbe, an der Straße nach Burxdorf. Literatur wie bei Nr. 40.

56. Niemegk [1736] bei Potsdam. Literatur wie bei Nr. 40.

57. Ullersdorf am Queis. Literatur wie bei Nr. 40.

58. Wittichenau [1732], auf dem Marktplatz. Literatur wie bei Nr. 40. Schlesische Heimatblätter, S. 404. Vollständige Inschriften.

c) Meilenzeichen innerhalb und außerhalb Sachsens

59. Ballendorf [1722] bei Bad Lausigk, Meilenobelisk, an der Nebenstraße südlich der Kirche im Obstgarten. Sandstein.

60. Bischofswerda, Mittelstück mit Ortsangaben einer Distanzsäule von 1724. Im Hermannstift aufbewahrt.

61. Börnersdorf [1732], Viertelmeilenstein. An der Dorfstraße. Sächsische Volkskunde 1902, S. 312.

62. Breitenau [1732], Meilenobelisk. 400 Meter südlich des Ortes an der Straße nach Fürstenwalde. Literatur wie bei Nr. 61.

63. Breitenau [1732], Viertelmeilenstein. Am Nordeingang des Haarthewalds an der Straße nach Fürstenwalde.

64. Crandorf [1725] bei Schwarzenberg. Meilenobelisk. An der Straße nach Erla. Nördlich der Kirche. Inschrift: Schwarzenberg-Grünhain 2 St. Stollberg 5 St. ¾. 1725. Posthorn.

65. Dippoldiswalde, Viertelmeilenstein an der Altenberger Straße. Wahrscheinlich verschleppt, da der Oberreitsche Atlas östlich bei der Stadt eine Halbstundensäule zeigt. Literatur wie bei Nr. 61.

66. Dohna, Viertelmeilenstein. An der Weesensteiner Straße, nach 1910 neu aufgestellt und ergänzt.

67. Klaffenbach [1723], Viertelmeilenstein, Bruchstück. Die Platte ist neben dem als Bonifaziuskreuz bezeichneten Sühnekreuz niedergelegt. Sie ist sicherlich verschleppt.

68. Köttewitz [1730], Meilenobelisk an der Straße Köttewitz–Eulmühle. Inschrift: Nach Töplitz 8½ St. 1730 Posthorn Dresden 4 St. Literatur: Sächsische Volkskunde 1902, S. 312 bis 315; Ruge in Über Berg und Tal, Band VII, 1902 bis 1905, S. 131.

69. Oberwiesenthal, Meilenobelisk, Oberteil zweieinhalb Meter lang ohne Sockel. An der alten Straße zum neuen Haus, hundert Meter unterhalb der neuen Kunststraße.

70. Reichenbach i. V. [1725], Meilenobelisk. An der alten Poststraße von Schneeberg und Kirchberg, jetzt Feldweg. Akten I des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz über alte Steinkreuze. Abbildung in Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutz, 1922, Heft 1–3, S. 34.

71. Reifland [1723], Meilenobelisk an der Straße zum Eisenbahn-Haltepunkt Rauenstein-Lengefeld, beim ersten Gut. Inschrift: 3 St. 3/8 n. Wolkenstein 5 St. 3/8 n. Freyberg 6 St. n. Annaberg.

72. Reitzenhain, Viertelmeilenstein. Sächsische Volkskunde 1902, S. 288.

73. Röhrsdorf bei Chemnitz. Viertelmeilenstein an der Wasserschänke.

74. Rüdingsdorf, Provinz Sachsen, Kreis Luckau. Viertelmeilenstein, Bruchstück an der Kunststraße. Photographie des Landratsamts Nr. 878 von 1919.

75. Schwoosdorf, Viertelmeilenstein. Bruchstück an der alten Poststraße Kamenz-Königsbrück am Berghang kurz vor Schwoosdorf. Gurlitt, S. 329.

76. Steinbach [1725], Viertelmeilenstein. Bruchstück. Sandstein. An der Kunststraße Eibenstock-Johanngeorgenstadt, am Wegkreuz bei Kilometer 29,4. Beim Straßenbau 1914 neu aufgestellt.

77. Wermsdorfer Staats-Forstrevier, Halbmeilensäule (einziges unbeschädigtes Stück, das obendrein noch am alten Platz der früheren Poststraße steht). Auf Forstabt. 10.

78. Wermsdorfer Staats-Forstrevier, Viertelmeilenstein. Akten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, betreffs Kulturdenkmäler. Auf Forstabt. 25.

79. Zeithainer Truppenübungsplatz [1722], Halbmeilensäule. Bruchstück aus Sandstein. Früher auf dem Artillerieschießplatz beim zerstörten Dorfe Gohrisch, fünfzig Meter nördlich des Wegkreuzes der Kröbelner Straße. 1919 durch den Kommandant, Major Kruse, an der Planitzstraße vor dem alten Kommandanturgebäude im Waldpark des einstigen Offizierkasinos aufgestellt und mit Ölfarbe graugrün gestrichen. Inschrift: Hayn 4 St. 3/8 Posthorn 1722. Rückseite: Loßdorf 3 St. Posthorn 1722.

B. Literaturverzeichnis der Postsäulen

a) Die Originalakten vom Jahre 1721 ff.

Acta betr. die allergnädigst anbefohlene Anschaffung und Aufrichtung derer steinern Postsäulen

Unter Rep. XXXI liegen im Hauptstaatsarchiv Dresden zusammen 83 Faszikel. Dazu zählen außer den im Distanzsäulenverzeichnis A 1 bis 38 einzeln angegebenen Nummern noch folgende 55 Orte, an denen heute keine Säule vorhanden ist: Dippoldiswalde, Döbeln, Dresden, Elsterberg, Frauenstein, Frankenberg, Gräfenhainichen, Grimma, Grünhain, Grillenburg, Herzogswalde, Hohnstein, Hein, Hainichen, Hartha, Königsbrück, Leipzig, Lommatzsch, Lausnitz, Lauterbach, Lengefeld, Löbau, Mutzschen, Kloster Marienstern, Kloster Marienthal, Mittweida, Meißen, Nossen, Öderan, Ölsnitz, Oschatz, Roßwein, Reichenbach, Radeberg, Schwarzenberg, Schmiedeberg, Sachsenburg, Schneeberg, Stollberg, Stolpen, Schöneck, Sayda, Wurzen, Wilsdruff, Wolkenstein, Waldheim, Zschopau, Zöblitz, Zittau, Zwickau.

Ferner sind 1815 nach der Teilung der Kurlande noch weitere 55 Faszikel an die preußischen Provinzial Archive Magdeburg und Berlin ausgeliefert worden. Dazu zählen die Städte im Distanzsäulenverzeichnis A 40 bis 57, sowie noch folgende 35 Orte oder Ämter, die heute keine Säule mehr aufweisen: Dobrilugk, Düben, Dommitzsch, Herzberg, Jessen, Kemberg, Liebenwerda, Luckau, Lausnitz, Lauterstein, Merseburg, Neustadt a. O., Neukirchen, Naumburg a. Qu., Ortrand, Pforta, Ruhland, Schlieben, Schilda, Sonnewalde, Suhl, Senftenberg, Schweinitz, Tannstädt, Torgau, Tautenburg, Voigtsberg, Witten, Weyda, Weißenfels, Zahna, Ziegenrück, Zabeltitz, Zeitz.

b) Schriftstellerische, bildliche und kartenmäßige Bearbeitungen

Codex Augusteus von 1724, I, 1947, 1951, 2541 (steinerne an Stelle der hölzernen Armensäulen zu setzen), 1955, 1956, 2541, 2543 (Beschleunigung unter Strafandrohung verlangt), 2542 (gegen Vergreifung und Bosheit, so darwider geübt werden), 1958, 2544 (Strafe so sich daran vergreifen und solche deformiert).

Schramm: Von denen Wege-Weisern, Armen-, und Meilensäulen. Wittenberg 1726 (400 Seiten und Abbildungen).

Dr. F. L. Becher: Die Hundertjährige Jubelfeier der Sächsischen Distanz- und Postsäulen, im Jahre 1822, sammt einer Geschichte derselben. Chemnitz 1821 (54 S.).

Dr. P. G. Müller im Archiv für Post und Telegraphie 1909, S. 365. Die Kursächsischen Post- und Meilensäulen.

Ledât ebenda 1912, S. 393. Alte Meilen- und Postsäulen im Reichspostgebiete.

Christian Lehmann: Historischer Schauplatz deren natürlichen Merkwürdigkeiten in dem Meißnischen Obererzgebirge. Leipzig 1699, S. 151.

Schäfer: Geschichte des sächsischen Postwesens. Dresden 1879, S. 186.

S. Ruge: Die alten Meilensäulen. In: Über Berg und Tal, Band VII (1902 bis 1905), S. 174.

Dr. Bschorner in den Mitteilungen für Sächsische Volkskunde 1902, S. 312 bis 315.

Aug. Schumanns vollständiges Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon von Sachsen. Zwickau im Verlag der Gebrüder Schumann 1824, Band XI, S. 173. (Notiz über Zürner.)

L. Schmidt: Kurfürst August der Starke als Geograph. 1898.

Dr. Kuhfahl: Die kursächsischen Postmeilensäulen. Dresdner Anzeiger vom 16. März 1919.

Veredarius: Das Buch von der Reichspost, S. 110. Allgemeine Deutsche Biographie, Band 45, S. 511. (Über Zürner.)

Aug. Böhland: Schicksale der Oberlausitz und ihrer Hauptstadt Budissin. 1831, S. 203. (Kurze Erwähnung der Postsäulenidee Augusts des Starken.)

Dr. E. Herzog: Chronik der Kreisstadt Zwickau 1845, II. Teil, Jahresgeschichte, S. 592 ff. (Bericht über vier Distanzsäulen und die Meilensäulen des Weichbildes.)

Carl Sam. Hoffmann: Historische Beschreibung der Stadt, des Amtes und der Diöcese Oschatz 1813, S. 171. (Erwähnung der drei Distanzsäulen von 1724).

Max Engelmann: Die Wegmesser des Kurfürsten August von Sachsen. In den Mitteilungen aus den Sächsischen Kunstsammlungen, Jahrgang VI, S. 11.

Fickert: Das Landstraßenwesen im Kr. Sachsen bis um das Jahr 1800. Im Archiv für Post und Telegraphie 1913 (Nr. 13 und 14) S. 37. (Kurze Erwähnung der Postsäulen.)

F. G. Leonhardi: Handbuch für Reisende durch die Sächsischen Lande, 1796.

K. Wertheim: Reise durch Kursachsen 1793 bis 1794.

Johann Eschert: Post Secretarius in Leipzig. Chur. Sächs. Post Cours, in welchem enthalten, wie alle reutend und fahrende Ordinar Posten in der berühmten Handelsstadt Leipzig 1703.

D. E. Schmidt: Auf der alten Leipziger Poststraße. In Kursächsische Streifzüge 1912, Band IV, S. 287, 288 ff.

Dr. A. Pätzold, Halle 1916: Die Entwicklung des Sächsischen Straßenwesens von 1763–1831.

Saxonia: Museum für Sächsische Vaterlandsfreunde von Dr. Sommer. Dresden 1835, Band IV, S. 61. Abbildung der Esplanade in Leipzig (jetzt Königsplatz) mit Distanzsäule.

Gemälde von Canaletto in der Dresdner Staatsgalerie:

  • Nr. 611: Die ehemaligen Festungswerke zu Dresden. (Distanzsäule von 1722 am heutigen Postplatz.)
  • Nr. 622: Die Breitegasse zu Pirna. (Distanzsäule, die heute an der Promenade steht.)
  • Nr. 627: Pirna vom rechten Elbufer. (Distanzsäule am Elbtor.)

Kupferstich Vue de Nossen près de Meissen von Carl Aug. Richter (Kupferstichkabinett Dresden) zeigt gegenüber dem Nossener Schloß am rechten Muldenufer eine Halbmeilensäule.

Neue Chur-Sächsische Post Charte von Magister Ad. Fr. Zürner. Erste Auflage gegen 1700, zwei spätere Auflagen bis 1730. Postwege und Postorte aber nirgends Postsäulen.

Atlas Saxonicus von Schlenk, 1775 (keine Postsäulen).

Geographische Delineation der Gegend zwischen Dresden und Meißen nebst den dabey befindlichen Postsäulen. Titelblatt in Schramms Buch von denen Wege-Weisern, Armen- und Meilensäulen 1726.

Müllers Postkarte von 1824. (Keine Postsäule.)

Oberreitscher Landesatlas 1821 bis 1850. Postmeilensäulen an den Straßen sind in den älteren Blättern Freyberg, Stolpen, Altenberg, Chemnitz, Zittau, Schwarzenberg, Großenhain, Dresden lückenhaft aufgenommen, in den übrigen aber nicht verzeichnet.

Joh. Hernleben: Pässe des Erzgebirges, Berlin 1911.

Abbildungen 1–8 nach Photographien von Dr. Kuhfahl.

Fußnoten:

[1] Siehe das angefügte Literaturverzeichnis B, a.

[2] Akten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz Nr. 941.

[3] Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Band Leipzig, S. 393.

[4] Dr. Emil Herzog, Chronik der Kreisstadt Zwickau, II. Teil, Jahresgeschichte, Seite 592.

[5] Historische Beschreibung der Stadt Oschatz von Carl Samuel Hoffmann, 1843, Seite 171.

[6] Schmidt, Kursächsische Streifzüge B 4, Seite 298 ff.

[7] Über Berg und Tal, VII. Bd. 1902–1905, Seite 174.

Heimatschutzgedanken in Gottfried Kellers Dichtungen

Th. Leuschner, Dresden-Loschwitz

Lange vor uns hat Gottfried Keller die Gedanken des Heimatschutzes empfunden. Ob und wie er als erster Staatsschreiber des Kantons Zürich in dieser Richtung hin gewirkt hat, wissen wir nicht, das soll auch hier nicht untersucht werden. Aber in einigen seiner Dichtungen weist er darauf hin, die Schönheit und die Eigenart der Heimat nicht zu zerstören. Und wie das Keller sagt, das ist für uns das Reizvolle.

Was er in seinen Erzählungen darüber eingeflochten hat, ist nicht ein bloßer Einfall von ungefähr. Es ist ihm damit ernst, und diese Gedanken haben ihn immer bewegt. Wir dürfen dieser Liebe nach einem Selbstzeugnis über sein künstlerisches Arbeiten versichert sein. In einem Briefe vom 28. Februar 1877 an W. Hemsen, der von ihm einen Beitrag zu seinem bei Spemann erscheinenden Jahrbuch »Kunst und Leben. Ein neuer Almanach für das deutsche Haus« gewünscht hatte, bekennt er: »So geringfügig meine Erfindungen sind, so sind es eben solche, d. h. sie beruhen jedesmal auf einem spontan entstandenen inneren Gesicht (wenn diese banale Phrase erlaubt ist) und sind daher nicht von äußeren Wünschen abhängig. Es sind immer Sachen, die mir von langer Hand oder in Verbindung mit einer ganzen Gruppe vorschweben; am seltensten stößt mir ein Motiv auf, welches für sich allein ausgeführt werden kann.«

Wir lesen uns zuerst in den Roman »Martin Salander« ein. Martin Salander ist heute heimgekommen. Über sieben Jahre lang war er von den Seinigen weg gewesen, um das an seinen betrügerischen Freund Wohlwend verlorene Geld drüben in der neuen Welt rascher als im heimatlichen Münsterberg wieder zu erwerben. Während dieser Zeit hat seine Frau Marie in der kleinen Sommerwirtschaft und Fremdenpension zur Kreuzhalde den Unterhalt für sich und die drei Kinder kümmerlich bestritten. Es ist hier nicht der Platz, den Gang der Erzählung zu verfolgen. Sie gehen schlafen, sie betreten das Zimmer, wo Frau Marie das Lager ihres Mannes schon seit Monaten bereit gehalten hat.

»… Aber ich wollte schon ein paarmal fragen,« fuhr er fort, aus dem offenen Fenster auf das mondhelle Umgelände hinausdeutend. »Wo sind denn nur die vielen schönen Bäume hingeraten, die sonst vor und neben dem Hause standen? Hat sie der Eigentümer abschlagen lassen und verkauft, der Tor? Das war ja ein Kapital für die Wirtschaft!«

»Man hat ihm das Land weggenommen oder eigentlich ihn gezwungen, Bauplätze daraus zu machen, da einige andere Landbesitzer den Bau einer unnötigen Straße durchgesetzt haben. Nun ist sie da, jedes schattige Grün verschwunden und der Boden in eine Sand- und Kiesfläche verwandelt; aber kein Mensch kommt, die Baustellen zu verkaufen. Und seit die guten Bäume dahin sind, ist auch mein Erwerb dahin!«

»Das sind ja wahre Lumpen, die sich selbst das Klima verhunzen …«

Eine Reihe von Jahren später! Salanders Töchter Netti und Setti haben sich mit den Zwillingsbrüdern Isidor und Julian Weidelich, den Söhnen der Gärtnersleute aus dem Zeisig, verheiratet. Diese sind Landschreiber und Mitglieder des Großrates. Keller hat sie mit einer Fülle kleinster Einzelheiten als eitle, schlaue Streber und Narren gezeichnet, die habsüchtig ihre Amtsgewalten mißbrauchen und zuletzt auf viele Jahre hinaus ins Zuchthaus kommen. »Es ist nichts mit ihnen. Sie haben keine Seelen,« klagt Setti ihren Eltern, als diese sich auf ihrem Landhause zum Lautenspiel nach ihr umschauen. Mit gutem Bedacht hat Keller unter die häßlichen Wesensfarben der beiden Brüder auch die Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die heimatliche Umgebung gemischt. Isidor begleitet seine Schwiegereltern und seine Frau, als diese zum Besuch auf dem Lindenberg, wo Netti und Julian wohnen, vom Lautenspiel fortgehen.

Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und die dahinter emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes, eine Umgebung die nicht mit Geld zu bezahlen sei.

»O ja, es macht sich nett!« sagte der Schwiegersohn. »Nur wird es nicht mehr so lange stehen bleiben, als es schon steht. Der Wald gehört der Gemeinde Unterlaub und soll in ein paar Jahren geschlagen werden; die Holzhändler sind schon dahinter her. Da werd’ ich unsere Buchen auch daran geben, es geht in einem zu und sie tragen ein schönes Geld ein!«

»Sind Sie bei Trost?« rief Salander. »Ihre Buchen schützen ja allein Haus und Garten samt der Wiese vor den Schlamm- und Schuttmassen, die der abgeholzte Berg herunterwälzen wird!«

»Das ist mir Wurst!« erwiderte der jugendliche Notar in nachlässigem Tone. »Dann zieht man weg und verkauft den ganzen Schwindel! Es ist ja langweilig, immer am gleichen Ort zu hocken.«

Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort. Frau Setti ließ während Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens hören und verriet so, daß sie von dem bevorstehenden Holzschlage noch gar nichts wußte, was ein neues Anzeichen von des Mannes Lebensart war. Sie schwieg daher auch und sagte nur noch: »Adieu, du schönes Lautenspiel!«

»Woher heißt es eigentlich hier im Lautenspiel?« fragte die hinzutretende Mutter. »Das mag der Henker wissen, ich könnt’ es nicht sagen! In den Grundbüchern heißt es nur: Haus und Hofstatt genannt im Lautenspiel, und ebenso in meinem Kaufschuldbrief,« erklärte Isidor.

»Hast du denn nicht gehört, was sie in der Gegend davon erzählen?« fragte Frau Setti. »Nein, ich habe gar nie danach gefragt! Woher soll es denn kommen? Woher heißt es denn bei uns im Zeisig und im roten Mann? Von irgend einer Dummheit!«

Und nun erzählt Frau Setti zur Erklärung des Flurnamens die alte Geschichte vom geizigen Junker und seinen sechs schönen Töchtern.

Was erleben die Salandrischen dann auf dem Lindenberg? Julian kommt aus dem Wald zurück.

Er schüttelte die Weidtasche auf den Tisch aus und über dreißig arme Vögel mit verdrehten Hälschen und erloschenen Guckaugen, Drosseln, Buchfinken, Lerchen, Krammetsvögel und wie sie alle hießen, lagen als stille Leute da und streckten die starren Beine und gekrümmten Krällchen von sich.

»Sie werden sehen, Mama, die Dinger schmecken Ihnen wie Marzipan, wenn sie mürb und gut geraten sind! Ich will aber selbst zusehen! Hat’s etwas Speck in der Küche, Frau?«

»Bitte, Herr Sohn, beeilen Sie sich nicht!« sagte Frau Salander, »wir essen jedenfalls nicht mit, mein Mann und ich, wir sind vollkommen satt und wollen noch mit dem letzten Zuge fort!«

»Aber, Meister Julian,« schaltete Martin dazwischen, »wissen Sie denn nicht, daß die Jagd auf Singvögel verboten ist? Sie, als Mitglied des Großen Rates?«

»Herr Vater, ich habe nicht gejagt, sondern das Garn gespannt, und da sind allerdings ein paar Finklein dazwischen gekommen, die nicht geladen waren. Übrigens wird sich wohl kein Wächter des Waldes an mich machen!« …

In der Novelle »Das verlorene Lachen« ist Jukundus der Träger von Kellers Naturschutzbestrebungen.

Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die militärische Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben, wegen der fortwährenden Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um sich aber dafür einen ehrbaren Erwerb und eine geordnete Tätigkeit zu sichern, hatte er ein Handelsgeschäft errichtet, welches sich auf den Holzreichtum der Stadtgemeinde und der umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen Allmenden, die von der allemannischen Bodenteilung herrührten, waren später noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern die Stadt sich angebaut hatte.

Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont und auch aus bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen Trinkgeschirre und den alten Wein im Stadtkeller sorgfältig erhielt. Allein durch irgendeine Spalte war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft und es wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen, schlich längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern an die glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus auftrat, um das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen, kam sein Geschäft alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen die Vermittlung des ihnen wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers dem Andringen der fremden Händler, durch die das Unheil eingeschlichen war, vor.

Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen und auch sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die Weinberge und Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal jung und niedrig gewesen oder schon mehrmals vielleicht, und sie konnten wieder alt und hoch werden. Doch als die Axt auch an die jüngeren Wälder geriet, für das zuströmende Geld immer schönere Zwecke erfunden und die Berghänge dafür immer kahler wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes gewesen war. Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn machte, begann er sich desselben mehr und mehr zu schämen; er erschien sich als ein Feind und Verwüster aller grünen Zier und Freude, wurde unlustig und oft traurig und vertraute sich seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln, das zu dem ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener werden sah und ihn ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden mit oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen Kräften wohlhabend und unabhängig zu wissen, um auch von dieser Seite her stolz auf ihn sein zu können. Sie bestärkte daher den Mann nicht in seiner Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr zum Ausharren und er fuhr dann so fort.

Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, welche der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald geschlagen. Aus demselben hatte von jeher eine gewaltige Laubkuppel geragt, welche eine wohl tausendjährige Eiche war, die Wolfhartsgeeren-Eiche genannt. In älteren Urkunden aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andre Namen, die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um sie niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den besonderen Verkauf aufsparte, stellte die Eiche ein Monument dar, wie kein Fürst der Erde und kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen können. Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm und die wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie zartes Reisig auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der Nähe selbst gleich mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man das schöne Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nähe zu sehen.

Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis dafür bieten würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes und suchte ihn zu retten. Er stellte vor, wie gut es dem Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen; wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in Betracht kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren Wert einer solchen Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade die Gesundheit des alten Riesen sollte ihm sein Leben kosten, weil es hieß, jetzt sei die rechte Zeit, den höchsten Betrag zu erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt sei, sinke der Wert sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die Regierung, indem er die Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche sich finden mögen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es wurde erwidert, der Staat besitze wohl für Millionen Waldungen und könne diese nach Gutdünken vermehren, allein er besitze nicht einen Taler und nicht die kleinste Befugnis, einen schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden anzukaufen und stehen zu lassen.

Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen Gedanken und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und heimlich belächelt wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und das Stück Boden, auf welchem sie stund, säuberte den Boden und stellte eine Bank unter den Baum, unter dem es eine schöne Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für seine Tat und ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem Augenblick an suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu übervorteilen, wie einen großen Herrn, der keine Schonung bedürfe.

Seine Frau Justine tut das Gegenteil im Verein mit dem Pfarrer des Ortes, der als ein »beifallsdurstiger Wohlredner und Schwätzer«, wie er sich später selbst nennt, vorübergehend einen schlechten Einfluß auf seine Gemeinde ausgeübt hat.