Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.

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Der deutsche Spielmann

Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung
für Jugend und Volk

Herausgegeben von Dr. Ernst Weber

Tag und Nacht

Der Stunden schneller Wechsellauf
vom Morgengraun bis Mitternacht

Bildschmuck von Otto Bauriedl

Zweite, veränderte Auflage

München 1924
Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns

Druck von Kastner & Callwey, München

Geleitspruch des deutschen Spielmanns

Tag und Nacht – im Wechsel schweben

Sie durch unser Erdenleben;

Ihnen folgt der Stunden Schar.

Morgenlicht und Dämmerdunkel,

Sonnenglanz und Sterngefunkel

Tragen sie als Kranz im Haar.

Leicht und frisch und frei von Sorgen

Tritt der schöne Knabe Morgen

Aus dem goldbesonnten Tor.

Tausend Hände werden rege,

Menschenlaut die stillsten Wege;

Froh erschallt der Vöglein Chor.

Mittag naht – und ernster schreiten

Seine Stunden ihm zur Seiten;

Immer müder wird ihr Schritt,

Bis aus kühlem Waldesschatten

Auf die taubenetzten Matten

Leichtbeschuht der Abend tritt.

Seiner Hand entsinkt die Leier,

Und ein sternbesäter Schleier

Spannt sich wie ein Baldachin

Über weite Himmelsräume,

Und ins Reich der schönen Träume

Lockt die stille Königin.

Tag und Nacht hält uns umwunden:

Alle unsre Lebensstunden,

Dunkel bringen sie und Licht,

Bis beim letzten Abendglühen

Eine Hand den Flor darf ziehen

Über unser bleich Gesicht.

Der deutsche Spielmann

Vor dem Morgen

Es zieht ein fahler Schein

Am Himmel auf; hellroter Schimmer

Glänzt schon die Wolken an von Osten her.

Die Sterne sinken unter, wie im Meer

Todmüde Schwimmer.

Vom Bett aufsteht der Wind.

Schlaftrunken noch, im halben Traume,

Greift in die Luft ein Zweig, kühl angeweht,

Und schwankt und zittert, und ein Schauer geht

Von Baum zu Baume.

Ein Vogel ruft im Holz,

Ein andrer noch; aus allen Nestern

Wird froh der Tag begrüßt, der sich erneut.

Begehrend drängt das Leben sich zum Heut,

Fern liegt das Gestern.

Johannes Trojan

Morgengrauen

Noch ist im sternenvollen Raum

Der frischen Nacht kein Hauch zu spüren.

Zuweilen nur im halben Traum

Wie schauernd sich die Wipfel rühren.

Noch liegt es rings auf Feld und Au

Wie namenloser Trauer Schweigen;

Die Gräser stehn gebeugt im Tau,

Die Vögel schlummern in den Zweigen.

Da trägt ein Hauch vom Himmelszelt

Den ersten Lerchenjubel nieder;

Ein Schimmer überhaucht die Welt,

Und rein ersteigt der Tag uns wieder.

Wilhelm Weigand

Das Christusbild

Im Walde oben auf dem Berge, im Gerank von wilden blühenden Rosen, hängt Christus am Kreuze an der weißgetünchten alten Kapelle.

Sein Mund ist im Schmerz halb geöffnet, rote, schwere Blutstropfen quellen unter dem Dornenkranze hervor und rieseln aus der Seitenwunde über den grauen Schurz, der seine Blößen deckt.

So hat er dort gehangen, Jahrhunderte hindurch, Mitleid und Schrecken allen Betern.

Aus dem Dorf unten im Tal klingen die Glocken der Frühmette herauf …

Ein Vogel beginnt mit leisem Gesange … und nun geht die Sonne groß hinter dem Walde auf …

Sie sendet ihre hellen Strahlen durch Birkengrün und Tannendunkel … feines Klingen läuft vor ihnen her.

Und weiter fliegen die Strahlen bis an die alte Kapelle … Die weiße Wand entlang … und treffen das Heilandsbild mit ihrem vollen warmen Glanze …

Ein heimliches Flüstern wacht auf in den Bäumen, die wilden Rosen neigen sich im Morgenwind, und über das traurige schmerzerfüllte Antlitz des Gekreuzigten geht ein mildes, sonniges Lächeln …

Albert Sergel

Neues Leben

Der Himmel glänzt wie Seide,

Ein junger Tag erwacht;

Was ich gelitten habe,

Es starb in dieser Nacht.

Das war ein stilles Sterben

– Die Bäume rauschten kaum –

Das war ein süßes Sterben,

Ein Sterben wie im Traum.

Nun soll durch meine Nächte

Ein tiefer Friede gehn,

Und meine junge Sehnsucht

So in der Sonne stehn.

Oskar Wiener

In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,

Dort gehet schon der Tag herfür,

An meinem Kammerfenster.

Es wühlet mein verstörter Sinn

Noch zwischen Zweifeln her und hin

Und schaffet Nachtgespenster.

– Ängste, quäle

Dich nicht länger, meine Seele!

Freu dich! Schon sind da und dorten

Morgenglocken wach geworden.

Eduard Mörike

Morgendämmerung

Die Nacht liegt ausgebreitet,

Erquickt die Erde ruht,

Der Mond, der zitternde, gleitet

Hinab in düsterer Glut.

Noch stehn am Himmelsraume

Gestirne sonder Zahl.

Am fernen dämmernden Saume

Zuckt schon ein purpurner Strahl.

Die Vögel werden munter,

Der Hahn ist längst erwacht,

Leis ziehen die Schatten hinunter,

Hinunter die tauende Nacht.

Martin Greif

Vogelmette

Dringt das erste Dämmerlicht

Grüßend mir ans Bette,

Hör ich vor dem Fenster dicht

Eine Vogelmette.

Hell vom Platz vor meinem Haus,

Wo die Sträucher ranken,

Klingt sie in die Stadt hinaus

Wie ein kindlich Danken.

Leise da und dort erwacht

Erst ein Vogelseelchen,

Und halb schlummernd noch und sacht

Stimmen sich die Kehlchen.

»Guten Morgen!« hör ich’s dann,

»Fehlen denn auch keine?«

»Munter, Kinder, fangt nur an:

Noch sind wir alleine!«

Und nun setzt es silbern ein,

Keusch in jedem Klange,

Vogelfröhlich, glockenrein,

Frisch zum Morgensange!

Innig wie ein Kinderlied,

Wie ein Märchen traulich,

Daß es durch die Lüfte zieht

Wundersam erbaulich.

Wie es schwillt und wogt und rollt

Und zum Schöpfer schwebt,

Bis das erste Sonnengold

Um die Dächer webt!

Ferdinand Avenarius

Die Wolke

Noch ist es still. Noch schlummert rings die Erde.

Nur frühe Vöglein zwitschern, halb im Traum.

Hoch droben segelt eine lichte Wolke

Im Morgendämmern durch den Himmelsraum.

Und schwebend, wie auf weitgespannten Schwingen,

Gleicht einem Engel sie, der heimwärts zieht;

Vielleicht hat an verlaßnem Sterbelager,

Ein stiller Hüter, er zur Nacht gekniet,

Vielleicht auf eine Stirn in Fiebergluten

Mit lindem Trost die kühle Hand gelegt,

Vielleicht ein leidgeprüftes Herz beruhigt,

Das hoffend nun dem Licht entgegenschlägt …

… Da ich noch sinnend in die Ferne träume,

Zerfließt die Wolke still im Sonnenschein.

Der Himmel öffnet seine blauen Tore:

Er läßt den heimgekehrten Seraph ein.

Alice von Gaudy

Der Morgen

Der erste Strahl von Osten her

Fliegt kräftig, wie ein lichter Speer,

Die Finsternis zu töten.

Es steigt von ungesehnem Chor

Der Lerchen Sang zum Herrn empor

In jubelnden Gebeten.

Die Blume wacht aus Träumen auf

Und schaut zum Himmel still hinauf,

Ihr Auge weint und lächelt,

Und rascher jeder Pulsschlag strebt,

Und alles jauchzt, und alles lebt,

Vom frischen Hauch umfächelt.

Und alldurchdringend blitzt der Strahl,

Er gleitet in das stille Tal,

Was er berührt, das scheinet;

Er trifft ein niederes Hüttendach,

Wo grad ein treues Herze brach,

Das lang umsonst geweinet.

Friedrich von Sallet

In Hangen und Bangen

Zerstoben sind die Wolkenmassen,

Die Morgensonn ins Fenster scheint:

Nun kann ich wieder mal nicht fassen,

Daß ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte,

Das Aug ist klar, der Sinn ist frei,

Und was nur je mein Herz entzückte,

Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh betroffen,

Geblendet schier von all dem Licht:

Das alte, liebe, böse Hoffen –

Die Seele läßt es einmal nicht.

Theodor Fontane

Für und für

Im ersten matten Dämmer thront

Der blasse, klare Morgenmond.

Der Himmel zeigt ein kühles Blau,

Der Wind knipst Perlen ab vom Tau.

Der Friede zittert: ungestüm

Reckt sich der Tag, das Ungetüm,

Und schüttelt sich und brüllt und beißt,

Und zeigt uns so, was leben heißt.

Die Sonne hat den Lauf vollbracht,

Und Abendröte, Mitternacht.

Im ersten matten Dämmer thront

Der blasse, klare Morgenmond.

Und langsam frißt und frißt die Zeit

Und frißt sich durch die Ewigkeit.

Detlev v. Liliencron

Stille Tränen

Du bist vom Schlaf erstanden

Und wandelst durch die Au,

Da liegt ob allen Landen

Der Himmel wunderblau.

So lang du ohne Sorgen

Geschlummert schmerzenlos,

Der Himmel bis zum Morgen

Viel Tränen niedergoß.

In stillen Nächten weinet

Oft mancher aus den Schmerz,

Und morgens dann ihr meinet,

Stets fröhlich sei sein Herz!

Justinus Kerner

In der Frühe

Goldstrahlen schießen übers Dach,

Die Hähne krähn den Morgen wach;

Nun einer hier, nun einer dort,

So kräht es nun von Ort zu Ort;

Und in der Ferne stirbt der Klang –

Ich höre nichts, ich horche lang.

Ihr wackern Hähne, krähet doch!

Sie schlafen immer, immer noch.

Theodor Storm

Morgenwind

Wenn noch kaum die Hähne krähen,

Macht sich auf der Morgenwind,

Feget aus mit starkem Wehen

Stadt und Flur und Wald geschwind.

Allen Bäumen in der Runde

Schüttelt er die Locken aus,

Weckt die Blümlein in dem Grunde,

Lockt die Lerch ins Tal hinaus.

Nebel, die an Bergen hangen,

Jagt er ohne Gnade fort;

Kommt Frau Sonne dann gegangen,

Find’t sie sauber jeden Ort.

Will sie bei dem treuen Winde

Sich bedanken in Person,

Ist er, daß ihn keiner finde,

Über alle Berge schon.

Paul Heyse

Gruß der Sonne

Aus den braunen Schollen springt die Saat empor,

Grüne Knospen rollen tausendfach hervor.

Und es ruft die Sonne: »Fort den blassen Schein!

Wieder will ich Wonne, Glut und Leben sein!

Wieder wohlig zittern auf dem blauen Meer

Oder zu Gewittern führen das Wolkenheer!

In den Frühlingsregen sieben Farben streun

Und auf Weg und Stegen meinen goldnen Schein!

Ruhn am Felsenhange, wo der Adler minnt,

Auf der Menschenwange, wo die Träne rinnt!

Dringen in der Herzen kalte Finsternis,

Blenden alle Schmerzen aus dem tiefsten Riß!

Bringt – ich bin die Sonne – an das Kerkertor,

Was ihr habt gesponnen winterlang, hervor.

Alle finstern Hütten sollen Mann und Maus

Auf die Aue schütten, an mein Licht heraus!

Mit all euren Schätzen lagert euch herum,

Wendet eure Fetzen vor mir um und um!

Daß durch jeden Schaden leuchten ich und dann

Mit dem goldnen Faden ihn verweben kann!«

Gottfried Keller

Morgenlied

Mit edlen Purpurröten

Und hellem Amselschlag,

Mit Rosen und mit Flöten

Stolziert der junge Tag.

Der Wanderschritt des Lebens

Ist noch ein leichter Tanz,

Ich gehe wie im Reigen