Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].
Der deutsche Spielmann
Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung
für Jugend und Volk
Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
*
Wald
Der deutsche Wald
und was er raunt und singt
Bildschmuck von Willibald Weingärtner
Vierte, veränderte Auflage
*
München 1927
Georg D. W. Callwey * Verlag des deutschen Spielmanns
Druck von Kastner & Callwey in München
Geleitspruch
»Der deutsche Wald!« – Wer möchte nicht
Den Wald der Deutschen lieben?
Mir steht er wie ein hold Gedicht
Im Herzen eingeschrieben.
Die Schauer meiner Kinderzeit,
Der spätern Jahre Wonne,
Des Winters frostige Herrlichkeit,
Des Sommers sengende Sonne,
Der Herbst im Purpur flammendrot,
Der Lenz auf blühendem Throne:
Was mir Natur an Schönheit bot,
Dem Wald gebührt die Krone.
Einst gab der Wald uns Herd und Haus
Und hohe Götterhallen.
Die Zeit vertrieb uns längst daraus,
Das Heimweh blieb uns allen.
Und klingt ein Lied vom deutschen Wald,
Dann wird die Brust uns enge;
Aus seinen Weisen fühlst du bald
Die heimattrauten Klänge;
Die Waldfei harft mit weicher Hand,
Du stehst in süßem Lauschen –
Am schönsten ist mein deutsches Land,
Wo seine Wälder rauschen.
Der deutsche Spielmann
Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen!
Gegrüßt, gegrüßt, ihr trauten Waldeshallen!
Hier hört ich einst im Wintersturmesdröhnen
Zum erstenmal das Hohelied des Schönen
Wie Orgelbraus durch eure Säulen schallen.
Hier fühlt ich süß der Sehnsucht erstes Wallen,
Und, um dem Sein das Träumen zu versöhnen,
Begann in leisen, ahnungscheuen Tönen
Der Knabenmund sein erstes Lied zu lallen.
So mancher Herbst hat seine welken Blätter
Seit jener Zeit auf dieses Haupt geschüttelt;
So manchen Winters schneidig kaltes Wetter
Hat kräftig mich aus manchem Traum gerüttelt –
Doch nun zu euch mein Wandern mich getrieben,
Heut fühl ich jubelnd: ich bin jung geblieben!
Ferdinand Avenarius
Jetzt rede du!
Du warest mir ein täglich Wanderziel,
Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen,
Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.
Und wieder such ich dich, du dunkler Hort,
Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen –
Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen.
C. F. Meyer
Erster Mai
Erster Mai ist heute,
Fort Papier und Buch!
Grüner Wald umbreite
Mich mit Würzgeruch.
Schlage deine Blätter
Mir im Weben auf:
Unsrer alten Götter
Sprache steht darauf.
Martin Greif
Der Herr des Waldes
Der Herr des Waldes machte seinen Morgenspaziergang. Warm lag das Sonnenlicht ihm auf den Schultern, milde sahen seine Augen an den Buchen hinauf und freuten sich an dem schwellenden Grün und der Lichtfülle in den Wipfeln. Und wenn er an eine Stelle kam, an der ein Unwetter hart gewütet, fuhr er langsam durch den weißen, langen Bart und sagte:
»Hier müssen wir neuen Wuchs anpflanzen.«
Da sah er auf seinem Wege zu Füßen einen Ameisenhaufen. Ein lustiges, emsiges, regsames Gekribbel. Die einen bauten Gemächer und Gänge und trieben Stollen und Schächte in die Erde; die andern schleppten Wintervorräte heran; und wieder andere schienen mit heftigen Gebärden in ernstem Disput zu sein.
Plötzlich ging eine Bewegung durch die Massen. Ein armer Sünder wurde durch die Stadt zum Richtplatz geführt, wo ihn die Schergen zu Tode bringen sollten.
»Was soll das?« fragte der Herr des Waldes.
»Wir müssen ihn töten«, antwortete jemand aus der Menge, »er hat gesagt, er glaube nicht an den Herrn des Waldes.«
Und weiter zogen sie mit ihm zum Richtplatz.
Der Herr des Waldes lächelte und fuhr sich durch den greisen Bart. Milde sahen seine Augen an den Buchen hinauf, und im Weitergehen freuten sie sich an dem schwellenden Grün und an der Lichtfülle in den Wipfeln.
Albert Sergel
Morgens im Walde
Ein sanfter Morgenwind durchzieht
Des Forstes grüne Hallen;
Hell wirbelt der Vögel muntres Lied;
Die jungen Birken wallen.
Das Eichhorn schwingt sich von Baum zu Baum;
Das Reh durchschlüpft die Büsche;
Viel hundert Käfer im schattigen Raum
Erfreun sich der Morgenfrische.
Und wie ich so schreit im lustigen Wald
Und alle Bäum erklingen,
Rings um mich alles singet und schallt:
Wie sollt ich allein nicht singen?
Ich singe mit starkem, freudigem Laut
Dem, der die Wälder säet,
Der droben die luftige Kuppel gebaut
Und Wärm und Kühlung wehet.
Karl Egon Ebert
Die Waldkapelle
Wo tief im Tannengrunde
So friedlich äst das Wild,
Steht an geweihter Stelle
Die kleine Waldkapelle
Mit ihrem Gnadenbild.
Der Efeu und die Rose
Umrankt das Bild von Stein;
Die Vöglein in den Zweigen,
Sie laden durch ihr Schweigen
Hier still zum Beten ein.
Habt Rast, ihr Hirsch und Rehe,
Hab Rast, mein Roß, auch du!
Kein Jagdruf soll euch schrecken,
Kein Horn den Wald erwecken
Aus tiefer Mittagsruh.
Georg Scherer
Waldesstimme
Wie deine grüngoldnen Augen funkeln,
Wald, du moosiger Träumer!
Wie deine Gedanken dunkeln,
Einsiedel, schwer von Leben,
Saftseufzender Tagesversäumer!
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben,
Wie’s Atem holt und voller wogt und braust
Und weiter zieht –
Und stiller wird –
Und saust.
Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben
Hoch droben steht ein ernster Ton,
Dem lauschen tausend Jahre schon
Und werden tausend Jahre lauschen …
Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.
Peter Hille
Waldandacht
Grausilbern jeder Buchenstamm,
Das Grün mit Gold umzirkt
Und oben hoch am lichten Kamm
Von Himmelsblau durchwirkt.
Ein brauner Teppich deckt den Grund,
Aus Moos und Laub gewebt,
Wo durch die dämmerdunkle Rund
Kein einzig Lüftlein bebt.
Das ist des Waldes Hochaltar,
Mit Kerzen reich beschickt,
Darüber strahlend, groß und klar
Ein Schöpferauge blickt.
Ernst Weber
Mittag
Am Waldessaume träumt die Föhre,
Am Himmel weiße Wölkchen nur;
Es ist so still, daß ich sie höre,
Die tiefe Stille der Natur.
Rings Sonnenschein auf Wies’ und Wegen,
Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
Und doch, es klingt, als ström ein Regen
Leis tönend auf das Blätterdach.
Theodor Fontane
Schneeweißchen und Rosenrot
Eine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen: und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut, so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, so oft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen sagte: »Wir wollen uns nicht verlassen«, so antwortete Rosenrot: »Solange wir leben nicht«, und die Mutter setzte hinzu: »Was das eine hat, soll’s mit dem andern teilen.« Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren; aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei: das Häschen fraß ein Kohlblatt aus ihren Händen, das Reh graste an ihrer Seite, der Hirsch sprang ganz lustig vorbei, und die Vögel blieben auf den Ästen sitzen und sangen, was sie nur wußten. Kein Unfall traf sie: wenn sie sich im Walde verspätet hatten und die Nacht sie überfiel, so legten sie sich nebeneinander auf das Moos und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und hatte ihretwegen keine Sorge. Einmal, als sie im Walde übernachtet hatten und das Morgenrot sie aufweckte, da sahen sie ein schönes Kind in einem weißen, glänzenden Kleidchen neben ihrem Lager sitzen. Es stand auf und blickte sie ganz freundlich an, sprach aber nichts und ging in den Wald hinein. Und als sie sich umsahen, so hatten sie ganz nahe bei einem Abgrunde geschlafen und wären gewiß hineingefallen, wenn sie in der Dunkelheit noch ein paar Schritte weiter gegangen wären. Die Mutter aber sagte ihnen, das müßte der Engel gewesen sein, der gute Kinder bewache.
Schneeweißchen und Rosenrot hielten das Hüttchen der Mutter so reinlich, daß es eine Freude war, hineinzuschauen. Im Sommer besorgte Rosenrot das Haus und stellte der Mutter jeden Morgen, ehe sie aufwachte, einen Blumenstrauß vors Bett, darin war von jedem Bäumchen eine Rose. Im Winter zündete Schneeweißchen das Feuer an und hing den Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, glänzte aber wie Gold, so rein war er gescheuert. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: »Geh, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor«, und dann setzten sie sich an den Herd, und die Mutter nahm die Brille und las aus einem großen Buche vor, und die beiden Mädchen hörten zu, saßen und spannen; neben ihnen lag ein Lämmchen auf dem Boden, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt.
Eines Abends, als sie so vertraulich beisammen saßen, klopfte jemand an die Türe, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach: »Geschwind, Rosenrot, mach auf, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht.« Rosenrot ging und schob den Riegel weg und dachte, es wär ein armer Mann, aber der war es nicht, es war ein Bär, der seinen dicken schwarzen Kopf zur Tür hereinstreckte. Rosenrot schrie laut und sprang zurück: das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte: »Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich bin halb erfroren und will mich nur ein wenig bei euch wärmen.« – »Du armer Bär,« sprach die Mutter, »leg dich ans Feuer und gib nur acht, daß dir dein Pelz nicht brennt!« Dann rief sie: »Schneeweißchen, Rosenrot, kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meint’s ehrlich.« Da kamen sie beide heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen und Täubchen und hatten keine Furcht vor ihm. Der Bär sprach: »Ihr Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzwerk!« und sie holten den Besen und kehrten dem Bär das Fell rein: er aber streckte sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange, so wurden sie ganz vertraut und trieben Mutwillen mit dem unbeholfenen Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den Händen, setzten ihre Füßchen auf seinen Rücken und walgerten ihn hin und her, oder sie nahmen eine Haselrute und schlugen auf ihn los, und wenn er brummte, so lachten sie. Der Bär ließ sich’s aber gerne gefallen, nur wenn sie’s gar zu arg machten, rief er: »Laßt mich am Leben, ihr Kinder:
Schneeweißchen, Rosenrot,
Schlägst dir den Freier tot.«
Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter zu dem Bär: »Du kannst in Gottes Namen da am Herde liegen bleiben, so bist du vor der Kälte und dem bösen Wetter geschützt.« Sobald der Tag graute, ließen ihn die beiden Kinder hinaus, und er trabte über den Schnee in den Wald hinein. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde, legte sich an den Herd und erlaubte den Kindern, Kurzweil mit ihm zu treiben, soviel sie wollten; und sie waren so gewöhnt an ihn, daß die Türe nicht eher zugeriegelt ward, als bis der schwarze Gesell angelangt war.
Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der Bär eines Morgens zu Schneeweißchen: »Nun muß ich fort und darf den ganzen Sommer nicht wieder kommen.« – »Wo gehst du denn hin, lieber Bär?« fragte Schneeweißchen. »Ich muß in den Wald und meine Schätze vor den bösen Zwergen hüten. Im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, müssen sie wohl unten bleiben und können sich nicht durcharbeiten; aber jetzt, wenn die Sonne die Erde aufgetaut und erwärmt hat, da brechen sie durch, steigen herauf, suchen und stehlen; was einmal in ihren Händen ist und in ihren Höhlen liegt, das kommt so leicht nicht wieder an des Tages Licht.« Schneeweißchen war ganz traurig über den Abschied, und als es ihm die Türe aufriegelte und der Bär sich hinausdrängte, blieb er an dem Türhaken hängen, und ein Stück seiner Haut riß auf, und da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen; aber es war seiner Sache nicht gewiß. Der Bär lief eilig fort und war bald hinter den Bäumen verschwunden.
Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten, verwelkten Gesicht und einem ellenlangen, schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baumes eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her wie ein Hündchen an einem Seil und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten, feurigen Augen an und schrie: »Was steht ihr da! könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?« – »Was hast du angefangen, kleines Männchen?« fragte Rosenrot. »Dumme, neugierige Gans,« antwortete der Zwerg, »den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, daß ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen, glatten Milchgesichter! pfui, was seid ihr garstig!« Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen, er steckte zu fest. »Ich will laufen und Leute herbeiholen,« sagte Rosenrot. »Wahnsinnige Schafsköpfe,« schnarrte der Zwerg, »wer wird gleich Leute herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zuviel; fällt euch nichts Besseres ein?« – »Sei nur nicht ungeduldig,« sagte Schneeweißchen, »ich will schon Rat schaffen,« holte sein Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des Bartes ab. Sobald der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack, der zwischen den Wurzeln des Baumes steckte und mit Gold gefüllt war, hob ihn heraus und brummte vor sich hin: »Ungehobeltes Volk, schneidet mir ein Stück von meinem stolzen Barte ab! lohn’s euch der Kuckuck!« Damit schwang er seinen Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur noch einmal anzusehen.
Einige Zeit danach wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein Gericht Fische angeln. Als sie nahe bei dem Bach waren, sahen sie, daß etwas wie eine große Heuschrecke nach dem Wasser zu hüpfte, als wollte es hineinspringen. Sie liefen heran und erkannten den Zwerg. »Wo willst du hin?« sagte Rosenrot, »du willst doch nicht ins Wasser?« – »Solch ein Narr bin ich nicht,« schrie der Zwerg, »seht ihr nicht, der verwünschte Fisch will mich hineinziehen!« Der Kleine hatte dagesessen und geangelt, und unglücklicherweise hatte der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten. Als gleich darauf ein großer Fisch anbiß, fehlten dem schwachen Geschöpf die Kräfte, ihn herauszuziehen; der Fisch behielt die Oberhand und riß den Zwerg zu sich hin. Zwar hielt er sich an allen Halmen und Binsen, aber das half nicht viel, er mußte den Bewegungen des Fisches folgen und war in beständiger Gefahr, ins Wasser gezogen zu werden. Die Mädchen kamen zu rechter Zeit, hielten ihn fest und versuchten, den Bart von der Schnur loszumachen, aber vergebens, Bart und Schnur waren fest ineinander verwirrt. Es blieb nichts übrig, als das Scherchen hervorzuholen und den Bart abzuschneiden, wobei ein kleiner Teil desselben verloren ging. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: »Ist das Manier, ihr Lorche, einem das Gesicht zu schänden? nicht genug, daß ihr mir den Bart unten abgestutzt habt, jetzt schneidet ihr mir den besten Teil davon ab; ich darf mich vor den Meinigen gar nicht sehen lassen! Daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren hättet!« Dann holte er einen Sack Perlen, der im Schilfe lag, und ohne ein Wort weiter zu sagen, schleppte er ihn fort und verschwand hinter einem Stein.
Es trug sich zu, daß bald hernach die Mutter die beiden Mädchen nach der Stadt schickte, Zwirn, Nadeln, Schnüre und Bänder einzukaufen. Der Weg führte sie über eine Heide, auf der hier und da mächtige Felsenstücke zerstreut lagen. Da sahen sie einen großen Vogel in der Luft schweben, der langsam über ihnen kreiste, sich immer tiefer herabsenkte und endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß, Gleich darauf hörten sie einen durchdringenden, jämmerlichen Schrei. Sie liefen herzu und sahen mit Schrecken, daß der Adler ihren alten Bekannten, den Zwerg, gepackt hatte und ihn forttragen wollte. Die mitleidigen Kinder hielten gleich das Männchen fest und zerrten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute fahren ließ. Als der Zwerg sich von dem ersten Schrecken erholt hatte, schrie er mit seiner kreischenden Stimme: »Konntet ihr nicht säuberlicher mit mir umgehen? Gerissen habt ihr an meinem dünnen Röckchen, daß es überall zerfetzt und durchlöchert ist, unbeholfenes und täppisches Gesindel, das ihr seid!« Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte wieder unter den Felsen in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen, überraschten sie den Zwerg, der auf einem reinlichen Plätzchen seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet und nicht gedacht hatte, daß so spät noch jemand daherkommen würde. Die Abendsonne schien über die glänzenden Steine, sie schimmerten und leuchteten so prächtig in allen Farben, daß die Kinder stehen blieben und sie betrachteten. »Was steht ihr da und habt Maulaffen feil!« schrie der Zwerg, und sein aschgraues Gesicht ward zinnoberrot vor Zorn. Er wollte mit seinen Scheltworten fortfahren, als sich ein lautes Brummen hören ließ und ein schwarzer Bär aus dem Walde herbeitrabte. Erschrocken sprang der Zwerg auf; aber er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war schon in seiner Nähe. Da rief er in Herzensangst: »Lieber Herr Bär, verschont mich, ich will Euch alle meine Schätze geben, sehet die schönen Edelsteine, die da liegen. Schenkt mir das Leben, was habt Ihr an mir kleinem, schmächtigem Kerl? Ihr spürt mich nicht zwischen den Zähnen. Da, die beiden gottlosen Mädchen packt, das sind für Euch zarte Bissen, fett wie junge Wachteln, die freßt in Gottes Namen.« Der Bär kümmerte sich um seine Worte nicht, gab dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr.
Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach: »Schneeweißchen und Rosenrot, fürchtet euch nicht, wartet, ich will mit euch gehen!« Da erkannten sie seine Stimme und blieben stehen, und als der Bär bei ihnen war, fiel plötzlich die Bärenhaut ab, und er stand da als ein schöner Mann und war ganz in Gold gekleidet. »Ich bin eines Königs Sohn,« sprach er, »und war von dem gottlosen Zwerg, der mir meine Schätze gestohlen hatte, verwünscht, als ein wilder Bär in dem Walde zu laufen, bis ich durch seinen Tod erlöst würde. Jetzt hat er seine wohlverdiente Strafe empfangen.«
Schneeweißchen ward mit ihm vermählt und Rosenrot mit seinem Bruder, und sie teilten die großen Schätze miteinander, die der Zwerg in seiner Höhle zusammengetragen hatte. Die alte Mutter lebte noch lange Jahre ruhig und glücklich bei ihren Kindern. Die zwei Rosenbäumchen aber nahm sie mit, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot.
Brüder Grimm
Im Wald
Die Winde gehn ums kleine Jägerhaus,
Die Wälder rauschen in die Nacht hinaus.
Da drinnen schimmert warmes Lampenlicht,
Ein stilles Stübchen, traulich-eng und schlicht.
Geweih und Rehgehörn als Schmuck der Wand,
Ein Falke drüber, der die Flügel spannt.
So still, so stille – nur die Wanduhr tickt
Und vom Kamin der rote Glutschein zückt.
Bisweilen schlägt im Schlaf der Jagdhund an,
Er träumt vom Pirschgang wohl im freien Tann!
Der Jäger sitzt und pafft sein Pfeifchen stumm,
Der Rauch blaut nebelnd im Gemach herum.
Die blonde Frau lehnt still im Stuhl zurück
Und schaut ins Licht mit weitverträumtem Blick.
Sie hebt den Kopf nur lauschend dann und wann –
Weint nicht im Schlaf ihr Kindchen nebenan?
Doch nur die Wanduhr sagt ihr leis Ticktick:
Es geht – die Zeit, – halt fest – halt fest – das Glück!
Und nur die Winde gehn ums Jägerhaus,
Die Wälder rauschen in die Nacht hinaus!
Lulu v. Strauß-Torney
Waldeinsamkeit
Waldeinsamkeit!
Du grünes Revier,
Wie liegt so weit
Die Welt von hier!
Schlaf nur, wie bald
Kommt der Abend schön,
Durch den stillen Wald
Die Quellen gehn,
Die Mutter Gottes wacht,
Mit ihrem Sternenkleid
Bedeckt sie dich sacht
In der Waldeinsamkeit,
Gute Nacht, gute Nacht! –
Joseph von Eichendorff
Nachts
Ich stehe in Waldesschatten
Wie an des Lebens Rand,
Die Länder wie dämmernde Matten,
Der Strom wie ein silbern Band.
Von fern nur schlagen die Glocken
Über die Wälder herein,
Ein Reh hebt den Kopf erschrocken
Und schlummert gleich wieder ein.
Der Wald aber rühret die Wipfel
Im Traum von der Felsenwand.
Denn der Herr geht über die Gipfel
Und segnet das stille Land.
Joseph von Eichendorff
Das Abenteuer im Walde
Es regnete, was vom Himmel herunter wollte. Die Tannen schüttelten den Kopf und sagten zueinander: »Wer hätte am Morgen gedacht, daß es so kommen würde!« Es tropfte von den Bäumen auf die Sträucher, von den Sträuchern auf das Farnkraut und lief in unzähligen kleinen Bächen zwischen dem Moose und den Steinen. Am Nachmittag hatte der Regen angefangen, und nun wurde es schon dunkel, und der Laubfrosch, der vor dem Schlafengehen noch einmal nach dem Wetter sah, sagte zu seinem Nachbar: »Vor morgen früh wird es nicht aufhören.«
Derselben Ansicht war eine Ameise, die bei diesem Wetter im Walde spazieren ging. Sie war am Vormittag mit Eiern in Tannenberg auf dem Markte gewesen und trug jetzt das dafür gelöste Geld in einem kleinen blauen Leinwandbeutel nach Hause. Bei jedem Schritte seufzte und jammerte sie. »Das Kleid ist hin,« sagte sie, »und der Hut auch! Hätt ich nur den Regenschirm nicht stehen lassen, oder hätt ich wenigstens die Überschuhe angezogen! Aber mit Zeugschuhen in solchem Regen ist gar kein Weiterkommen!«
Während sie so sprach, sah sie gerade vor sich in der Dämmerung einen großen Pilz. Freudig ging sie darauf zu. »Das paßt,« rief sie; »das ist ja ein Wetterdach, wie man es sich nicht besser wünschen kann! Hier bleib ich, bis es aufhört, zu regnen. Wie es scheint, wohnt hier niemand – desto besser! Ich werde mich sogleich häuslich einrichten.« Das tat sie denn auch. – Sie war eben daran, das Regenwasser aus den Schuhen zu gießen, als sie bemerkte, daß draußen eine kleine Grille stand, die auf dem Rücken ihr Violinchen trug. »Hör, Ameischen,« hub die Grille an, »ist es erlaubt, hier unterzutreten?« – »Nur immer herein!« erwiderte die Ameise; »es ist mir lieb, daß ich Gesellschaft bekomme.« – »Ich habe heute,« sagte die Grille, »im Heidekrug zur Kirmes aufgespielt. Es ist ein bißchen spät geworden, und nun freue ich mich, daß ich hier die Nacht bleiben kann. Denn das Wetter ist ja schrecklich, und wer weiß, ob ich noch ein Wirtshaus offen finde.«
Also trat Grillchen ein, hing sein Violinchen auf und setzte sich zu der Ameise. Noch nicht lange saßen sie da, als sie in der Ferne ein Lichtchen schimmern sahen. Als es näher kam, erkannten sie es als ein Laternchen, das ein Johanniswürmchen in der Hand trug. »Ich bitt euch,« sagte das Johanniswürmchen höflich grüßend, »laßt mich die Nacht hier bleiben. Ich wollte eigentlich nach Moosbach zu meinem Vetter, habe mich aber im Walde verirrt und weiß weder aus noch ein.« – »Nur immer zu!« sagten die beiden. »Es ist recht gut für uns, daß wir Beleuchtung bekommen.« Gern folgte Johanniswürmchen der Einladung und stellte sein Laternchen auf den Tisch. Der Schein des Lichtchens führte ihnen bald einen Wanderer zu, der ziemlich ungeschickt über Laub und Moos herangestolpert kam. Er war ein Käfer von der großen Art. Ohne guten Abend zu sagen, trat er ein. »Aha!« rief er, »so bin ich doch recht gegangen und dies ist die Zimmergesellen-Herberge.« – Mit diesen Worten setzte er sich, holte seinen Schnappsack hervor und begann sein Abendbrot zu verzehren. »Ja, ja,« sagte er, »wenn man den ganzen Tag über Holz gebohrt hat, dann schmeckt das Essen!« – Als er mit dem Essen fertig war, stopfte er sich seine Pfeife, ließ sich vom Johanniswürmchen Feuer geben, zündete an und fing an, ganz gemütlich zu rauchen. Unterdessen war es draußen ganz dunkel geworden und das Wetter schlimmer, als vorher; da traf zu allgemeiner Verwunderung noch ein später Gast ein. Schon seit längerer Zeit hörte man in der Ferne ein eigentümliches Schnaufen; dies kam langsam näher und näher, und endlich erschien unter dem Pilze eine Schnecke, die ganz außer Atem war. »Das nenne ich laufen!« rief sie; »wie bin ich gejagt, ordentlich das Milzstechen hab ich bekommen! Ich will nur gleich bemerken, daß ich im nächsten Dorfe eine Bestellung zu machen habe, die Eile hat. Aber niemand kann über seine Kräfte, besonders, wenn er sein Haus trägt. Wenn die Gesellschaft erlaubt, will ich hier ein paar Stündchen rasten; dann kann ich nachher wieder galoppieren, als gälte es, den Dampfwagen einzuholen.« Niemand hatte etwas dagegen, daß sich die Schnecke ein gemütliches Plätzchen aussuchte. Da setzte sie sich vor ihre Haustür, holte ein Strickzeug hervor und fing an zu stricken. So waren nun die Fünfe da versammelt, als die Ameise das Wort nahm und also sprach: »Warum sitzen wir hier so trübselig beieinander und langweilen uns, da wir uns doch die Zeit auf angenehme Weise verkürzen könnten? Ich habe daran gedacht, daß wir uns Geschichten erzählen sollten, und gern würde ich selbst den Anfang machen, wenn ich nur eine recht hübsche Geschichte wüßte. Nun ist mir aber eben etwas noch Besseres eingefallen. Ich sehe, daß die Grille ihr Violinchen bei sich hat. Wenn sie nicht gar zu müde ist, möcht ich sie bitten, uns ein lustiges Stückchen zu spielen, damit wir eins tanzen können.« – Dieser Vorschlag der Ameise fand allgemeinen Beifall. Die Grille aber ließ sich nicht lange nötigen, sondern stellte sich sogleich mit ihrem Violinchen in die Mitte und spielte das lustigste Tänzchen herunter, welches sie auswendig wußte, während die andern um sie herumtanzten. Nur die Schnecke tanzte nicht mit. »Ich bin,« sagte sie, »nicht gewöhnt an das schnelle Herumwirbeln; mir wird zu leicht schwindelig. Aber tanzt, soviel ihr wollt, ich sehe mit Vergnügen zu und mache meine Bemerkungen.« – Die andern ließen sich denn auch gar nicht stören, sondern jubelten so laut, daß man es auf drei Schritte Entfernung hören konnte. Aber ach, durch welch ein furchtbares, ungeahntes Ereignis wurde plötzlich ihr Fest unterbrochen! Der Pilz, unter welchem die lustige Gesellschaft tanzte, gehörte leider einer alten Kröte. An schönen Tagen saß sie oben auf dem Dache, wie die Kröten zu tun pflegen; trat aber schlecht Wetter ein, so kroch sie unter den Pilz, und es konnte ihretwegen regnen von Pfingsten bis Weihnachten.
Diese Kröte nun war am Nachmittag nach dem nächsten Moor zu ihrer Base, einer Unke, gegangen und hatte sich mit derselben bei Kaffee und Napfkuchen so viel erzählt, daß es darüber dunkel geworden war. Jetzt am Abende kam sie ganz leise nach Hause geschlichen. Über den Arm hatte sie ihren Arbeitsbeutel hängen, und in der Hand trug sie einen roten Regenschirm mit messingener Krücke. Als sie in ihrem Hause den Jubel hörte, trat sie noch leiser auf; so kam es, daß die Leutchen drinnen sie nicht eher gewahr wurden, als bis sie mitten unter ihnen stand.
Das war eine unerwartete Störung! Der Käfer fiel vor Schreck auf den Rücken, und es dauerte fünf Minuten, ehe er wieder auf die Beine kommen konnte. Das Leuchtkäferchen dachte zu spät daran, daß es sein Laternchen hätte auslöschen sollen, um in der Dunkelheit zu entwischen.
Die Grille ließ mitten im Takt ihr Violinchen fallen, die Ameise sank aus einer Ohnmacht in die andere, und selbst die Schnecke, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen ist, bekam Herzklopfen. Sie wußte sich aber schnell zu helfen; sie kroch in ihr Häuschen, riegelte die Tür hinter sich ab und sprach zu sich: »Was da will, kann kommen! Ich bin für niemand zu sprechen.« – Nun hättet ihr aber hören sollen, wie die Kröte die armen Leute heruntermachte! »Sieh einmal an,« rief sie zornig und schwang ihren Regenschirm, »da hat sich ja ein schönes Lumpengesindel zusammengefunden? Ist das hier eine Herberge für Landstreicher und Dorfmusikanten? Ich sag es ja: Nicht aus dem Haus kann man gehen, gleich ist der Unfug los. Augenblicklich packt jetzt eure sieben Sachen ein, und dann fort mit euch, oder ich will euch schon Beine machen!« – Was war zu tun? Die armen Leute wagten gar nicht, sich erst aufs Bitten zu legen, sondern nahmen still ihre Sachen auf, riefen der Schnecke durchs Schlüsselloch zu, daß sie mitkommen solle, und als auch diese sich fertiggemacht hatte, zogen sie alle zusammen von dannen. Das war ein kläglicher Auszug! Voran das Johanniswürmchen, um auf dem Wege zu leuchten, dann der Käfer, dann die Ameise, dann das Grillchen und zuletzt die Schnecke. Der Käfer, der eine gute Lunge hatte, rief von Zeit zu Zeit: »Ist hier kein Wirtshaus?« Aber alles Rufen war vergeblich. Als sie ein Stück gegangen waren, merkten sie, daß die Schnecke nicht mehr bei ihnen war. Sie riefen alle zusammen in den Wald zurück: »Schnecke, Schnecke! Beeil dich!« – erhielten aber keine Antwort. Die Schnecke mußte wohl so weit zurückgeblieben sein, daß sie die Rufe nicht mehr hören konnte. Die andern zogen betrübt weiter, und nach langem Umherirren fanden sie unter einer Baumwurzel ein leidlich trockenes Plätzchen. Da brachten sie die Nacht zu unter großer Unruhe und ohne viel zu schlafen. Waren sie auch mit heiler Haut davongekommen, es blieb doch immerhin ein schlimmes Abenteuer, und die mit dabei gewesen sind, werden daran denken, so lange sie leben.
Johannes Trojan
Was den Kindern im Walde passiert ist
Zwei Kinder gehen ganz allein
Frühmorgens in den Wald hinein.
Da springen sie wohl hin und her
Nach mancher Erd- und Heidelbeer
Und essen sich gemütlich satt
Und werden endlich müd und matt,
Die Hitze ist auch gar zu groß!
Sie legen nieder sich aufs Moos –
Kein Bettchen könnte weicher sein;
Nicht lange währt’s, sie schlafen ein.
Da kommen aus dem dichten Wald
Hervor die Tiere mannigfalt.
Wie sie die beiden Kinder sehn,
Da bleiben sie verwundert stehn.
Nehmt euch in acht! Nur nicht zu nah!
Was für Geschöpfchen schlafen da?
Sie sind so nett und zart und fein,
Was mögen das für Tierchen sein?
Der Hase sagt: »Beseht euch doch
Die allerliebsten Näschen;
Die Ohren wachsen ihnen noch,
Dann sind’s die schönsten Häschen.«
Eichkätzchen spricht: »Gebt einmal acht,
Da find ich ein paar Vettern,
Sie werden, sind sie aufgewacht,
Mit mir zusammen klettern.«
»Ei,« sagt das Reh, »was schwatzt ihr da!
Das sind ja dumme Faxen.
Rehkälbchen sind’s, man sieht es ja,
Wie nett sind sie gewachsen!«
Rotkehlchen ruft: »Ich sah noch nie
Im Walde solche Gäste,
Ich nähm sie mit, hätt ich für sie
Nur Raum in meinem Neste.«
Da kommt ein Käfer angesummt,
Der sieht die kleinen Schläfer
Und fliegt herum um sie und brummt:
»Hu! Was für große Käfer!«
So schwatzen sie noch vieles mehr
Und laufen eifrig hin und her,
Besehn sich alles mit Bedacht,
Bis daß die Kinder aufgewacht.
Hast du gesehn! Mit einem Husch
Ist alles fort in Wald und Busch.
Und alle rufen: »Fort von hier!
Das kann uns nimmer taugen,
Im ganzen Wald kein einzig Tier
Hat ja so große Augen.
Das können keine Tierchen sein!
Schnell flüchtet in den Wald hinein!«
Die beiden Kinder sehn sich an:
»Was man doch alles träumen kann!
Soeben war’s im Traume mir,
Als stände alles Waldgetier
Um uns herum –
Jetzt ist ringsum