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Langens Mark-Bücher
Band 21
Langens Mark-Bücher
Eine Sammlung moderner Literatur
Einundzwanzigster Band
Verner von Heidenstam
Kampf und Tod
Karls des Zwölften
Albert Langen, München
Verner von Heidenstam
Kampf und Tod
Karls des Zwölften
Historische Erzählungen
Albert Langen, München
Die in diesem Bändchen veröffentlichten
drei Erzählungen stellen Proben dar
aus dem großen Werke:
Verner von Heidenstam
Karl XII. und seine Krieger
Historische Erzählungen
Deutsch von Gustaf Bergman
Zwei einzeln käufliche Bände
Umschlag- und Titelzeichnungen von W. Schulz
Einbandzeichnung von Felger
Preis jedes Bandes geheftet 4 Mark,
gebunden 6 Mark, in Leder 15 Mark
Verlag von Albert Langen in München
Copyright 1917 by Albert Langen, Munich
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten
Albert Langen
Verner von Heidenstam
Inhalt
| Seite | |
| Das befestigte Haus | [7] |
| Der Königsritt | [32] |
| Fredrikshall | [75] |
Das befestigte Haus
Von der Winterkälte überrumpelt, hatten die Schweden in Gedränge und Wirrwarr hinter den Mauern von Hadjatsch Quartier genommen. Da fand sich bald kein Haus mehr, das nicht von Frostkranken und Sterbenden gefüllt war. Das Jammergeschrei hörte man auf der Straße, und hie und da lagen daneben auf den Treppenstufen abgeschnittene Finger, Füße und Beine. Die Fuhrwerke waren ineinander festgefahren und standen vom Stadttor bis zum Markt so dicht aufeinander gepackt, daß die bleichgefrorenen Soldaten, die von allen Seiten herbeiströmten, zwischen den Rädern und Kufen durchkriechen mußten. In ihr Sattelzeug verstrickt, vom Winde abgewandt und mit weißgefrorenen Lenden, standen die Pferde seit mehreren Tagen ohne Futter. Niemand kümmerte sich um sie, und einige von den Troßkutschern saßen totgefroren, die Hände in die Ärmel gesteckt. Einige Wagen glichen langen Kasten oder Särgen, und aus der Luke des flachen Deckels stierten düstere Gesichter hervor, die im Gebetbuch lasen oder fieberkrank und sehnsuchtsvoll nach den schützenden Häusern schauten. Tausend Unglückliche riefen halblaut oder im Stillen Gott um Barmherzigkeit an. An der Innenseite längs der Stadtmauer standen die Soldaten reihenweise tot, viele mit roten Kosakenröcken über den zerrissenen, schwedischen Uniformen und mit Schaffellen um die nackten Füße. Waldtauben und Spatzen, die so steifgefroren waren, daß man sie mit den Händen fangen konnte, hatten sich auf die Hüte und Schultern der aufrechtstehenden Leichen gesetzt und schlugen mit den Flügeln, wenn die Feldprediger vorbeigingen, um einem Sterbenden das Abendmahl in Branntwein zu geben. Oben am Markt lag zwischen abgebrannten Grundstücken ein größeres Haus, aus dem man laute Stimmen hörte. Ein Soldat gab einem Fähnrich ein Reisigbündel, das in der Tür stand und als der Soldat die Straße hinunter zurückging, zuckte er mit den Achseln und sagte dem, der ihn hören wollte:
»Es sind nur die Herren von der Kanzlei, die sich zanken!«
Der Fähnrich an der Tür war soeben mit den Truppen Lewenhaupts angekommen. Er trug das Reisigbündel ins Zimmer hinein und warf es auf den Herd. Die Stimmen drinnen verstummten sogleich, aber sobald er die Tür hinter sich zugemacht hatte, begannen sie mit erneutem Eifer. Es war Exzellenz Piper selbst, die mitten im Zimmer stand, mit runzeligem und gefurchtem Gesicht, mit erhitzten Wangen und zitternden Nasenflügeln.
»Ich sage, daß das Ganze Wahnsinn ist,« brach er los, »Wahnsinn, Wahnsinn!«
Hermelin mit seiner spitzigen Nase bewegte beständig die Augen und Hände und lief im Zimmer hin und her, wie eine kleine zahme Ratte, aber der Feldmarschall Rhensköld, der schön und stattlich am Herd stand, pfiff und summte vor sich hin. Wenn er nicht gepfiffen und gesummt hätte, würde das Zanken jetzt zu Ende gewesen sein, denn alle waren sie für diesmal vollständig einig, aber dieses, daß er pfiff und summte, statt zu schweigen oder wenigstens zu sprechen, das war mit der Zeit unerträglich. Lewenhaupt am Fenster schnupfte und trommelte mit der Schnupftabaksbüchse. Seine pfefferbraunen Augen schossen aus dem Kopf, und es sah aus, als wäre seine lächerliche Perücke größer und immer größer geworden. Wenn Rhensköld nicht fortgefahren hätte, zu pfeifen und zu summen, würde er sich beherrscht haben, heute wie gestern und alle anderen Male, aber jetzt stieg ihm der Zorn zu Kopfe, er schlug die Tabakbüchse zum letzten Male zu und murmelte zwischen den Zähnen:
»Ich verlange nicht, daß Seine Majestät was von Staatskunst begreifen soll. Aber kann er Truppen führen? Zeigt er wirkliches Verständnis bei einer einzigen rencontre oder attaque? Geübte und alte Krieger, die nie ersetzt werden können, opfert er täglich für eine eitle bravour. Sollen unsere Leute eine Mauer erstürmen, wird es für überflüssig gehalten, daß sie sich schützende Reisigbündel oder Schirme binden, und deshalb werden sie auch armselig massakriert. Offen gesagt, meine verehrten Herren, einem studiosus upsaliensis kann ich manchen Bubenstreich verzeihen, aber von einem Feldherrn in castris fordere ich was anderes. Es wird wahrlich niemand zum Vorteil gereichen, eine affaire unter dem Kommando eines solchen Herrn zu führen.«
»Auch inkommodiert Seine Majestät,« antwortete Piper, »gegenwärtig den Herrn General nicht mit irgendwelchen schwierigen Befehlen. Im Anfang, ehe der eine sich mehr als der andere ausgezeichnet hatte, ging alles besser, aber jetzt muß Seine Majestät herumgehen und vermitteln und versöhnen, mit einem blödsinnigen Lächeln, das einen zur Raserei bringen kann.«
Er hob die Arme in die Höhe, mit einem Zorn, dem jede Besinnung und jedes Maß fehlte, ungeachtet dessen, daß er mit Lewenhaupt ganz einig war. Während er noch redete, wendete er sich um und ging heftig seines Weges nach den inneren Zimmern. Die Tür schlug mit einem solchen Knall zu, daß Rhensköld sich noch mehr veranlaßt fühlte, zu pfeifen und zu summen. Wenn er doch nur etwas hätte sagen wollen! Aber nein, das tat er nicht. Gyllenkrok, der am Tisch saß und die Marschroute prüfte, war glühheiß im Gesicht, und ein kleiner, trockener Herr an seiner Seite flüsterte ihm gereizt ins Ohr:
»Ein Paar Diamantohrringe an die Gräfin von Piper würden vielleicht Lewenhaupt noch zu neuen Anstellungen verhelfen.«
Falls Rhensköld jetzt aufgehört hätte, zu pfeifen und zu summen, hätte Lewenhaupt sich noch bemeistern und die Papierrolle, die er unter dem Rock trug, aufheben und sich ans Tischende setzen können, aber statt dessen wurde der ehrwürdige und sonst wortkarge Mann böser und böser. Er wandte sich unschlüssig um und ging nach dem Ausgang, dort blieb er aber mit einemmal stehen, richtete sich auf und schlug die Hacken zusammen, als wäre er ein geringer Gemeiner. Jetzt wurde Rhensköld still. Die Tür ging auf. Ein eisiger Windzug drang in die Kammer, und der Fähnrich meldete mit so hoher und gedehnter Stimme wie eine Schildwache, die ihre Kameraden ins Gewehr ruft:
»Sei–i–ne Majestät!«
Der König war nicht mehr das geblendete und verwunderte, halberwachsene Kind von ehedem. Nur die knabenähnliche Gestalt mit den schmalen Schultern war dieselbe. Der Rock war rußig und schmutzig. Die Falte um die aufgeworfene Oberlippe war tiefer und ein wenig grinsend geworden. Auf der Nase und der einen Wange hatte er Frostwunden, und die Augenlider waren gerändert und von langwieriger Erkältung geschwollen, aber um das zu früh kahl gewordene Haupt stand das aufgekämmte Haar wie eine zackige Krone.
Er hielt die Pelzmütze in beiden Händen und suchte seine Verlegenheit und Scheu hinter einer steifen und kühlen Geziertheit zu verbergen und verbeugte sich lächelnd vor jedem der Anwesenden.
Sie verbeugten sich jedesmal noch tiefer, und als er bis mitten ins Zimmer gekommen war, blieb er stehen und verbeugte sich noch ein paarmal nach den Seiten, obwohl ein wenig schneller und scheinbar ganz und gar mit dem beschäftigt, was er sozusagen dachte. Danach blieb er eine Weile stumm stehen.
Sodann ging er zu Rhensköld vor und nahm ihn mit einer kurzen Verbeugung an einem der Rockknöpfe:
»Ich möchte bitten,« sagte er, »daß Exzellenz mir zwei bis drei Mann von den Gemeinen verschafft zur Deckung bei einer kleinen Exkursion. Ich habe schon zwei Trabanten mit.«
»Aber Majestät! Die Gegend ist von Kosaken überschwemmt. Es war schon ein Wagstück, vom Quartier Eurer Majestät hierher in die Stadt zu reiten mit so kleiner Bedeckung.«
»Oh, Lappalien! Lappalien! Exzellenz soll tun was ich gesagt habe. Jemand von den anwesenden Generalen, der frei ist, kann auch aufsitzen und einen Mann von den Seinen mitnehmen.«
Lewenhaupt verbeugte sich.
Der König betrachtete ihn ein wenig zaghaft, ohne zu antworten, und blieb stehen, nachdem Rhensköld hinausgeeilt war. Niemand von den anderen im Ring hielt es für gebührlich, das Schweigen zu brechen oder sich zu bewegen.
Erst nach einer ganz langen Weile verbeugte sich der König wieder vor jedem einzelnen und ging hinaus ins Freie.
»Na,« fragte Lewenhaupt und klopfte dem Fähnrich mit wiedergewonnener Natürlichkeit auf die Schulter. »Herr Fähnrich soll mitkommen! Das ist das erstemal, daß der Fähnrich Aug in Aug mit Seiner Majestät gestanden hat.«
»Ich hatte ihn mir anders vorgestellt.«
»Er ist immer so. Er ist zu königlich, um zu befehlen.«
Sie folgten dem König, der über Wagen und gestürzte Tiere kletterte. Seine Bewegungen waren gewandt, aber niemals hastig, sondern maßvoll und ziemlich langsam, so daß er keinen Augenblick seine Würde verlor. Als er sich schließlich durch das Gedränge im Stadttor den Weg gebahnt hatte, stieg er mit seinem Gefolge, das sich jetzt auf sieben Mann belief, in den Sattel.
Die Pferde glitten auf der Eisstraße aus, und einige stürzten, aber Lewenhaupts Einwendungen lockten den König nur, die Sporen noch herzloser zu benutzen. Der Lakai Hultman hatte ihm die ganze Nacht laut vorgelesen oder Märchen erzählt und ihn schließlich mit der Wahrsagung zum Lachen gebracht, daß er, wäre er nicht von Gott zum König erkoren, sein ganzes Leben lang ein menschenscheuer Stubenhocker geworden wäre, der viel wunderlichere Verse als der selige Messenius in Disa auf »Bollhuset« ausgedacht hätte, vor allem aber die gewaltigsten Kampfgesänge. Er versuchte, an Rolf Götriksson zu denken, der immer selbst zuvorderst vor seinen Leuten ritt, aber es wollte ihm heute nicht glücken, seine Gedanken in die Spielstube der Sage einzuschließen. Die Unruhe, die in der letzten Zeit ihre Krallen in sein Gemüt geschlagen hatte, wollte die königliche Beute nicht loslassen. Er hatte jetzt eben auf der Kanzlei die erhitzten Gesichter gesehen. Von den Aufzügen der Kinderjahre her noch immer in seiner eignen früheren Einbildungswelt gefangen, war er für die schrillen Notschreie am Wege taub und wurde mißtrauisch gegen jeden, der ein empfindliches Gehör zeigte. Heute wie auch sonst merkte er kaum, daß man ihm das ausgeruhteste Pferd und das frischste Brot angeboten hatte, daß man am Morgen einen Beutel mit fünfhundert Dukaten in seine Tasche gesteckt hatte und daß die Reiter beim ersten Tumult einen Ring um ihn schlagen und sich dem Tod weihen würden, den er herausforderte. Dagegen merkte er, daß die Soldaten ihn mit einem unheimlichen Schweigen grüßten, und die Mißgeschicke hatten ihn sogar gegen seine Nächsten mißtrauisch gemacht. Der vorsichtigste Widerspruch, die verdeckteste Mißbilligung bemerkte er, ohne sich zu verraten, und jedes Wort lag da und nagte an seiner Seele. Es deuchte ihn, als ob er mit jeder Stunde einen Offizier verliere, auf den er früher vertraut hatte, und sein Herz wurde immer kälter. Sein gekränkter Ehrgeiz krümmte sich und blutete unter der Last des Mißlingens, und er atmete leichter, je weiter er das Hauptquartier hinter sich ließ.
Plötzlich blieb Lewenhaupt stehen und drehte um, in der Hoffnung, auf den König einwirken zu können.
»Mein guter Ajax!« sagte er und streichelte das dampfende Pferd. »Wohl bist du ein alter Krippenbeißer, aber ich kann dich für nichts und wieder nichts nicht voranjagen, und selbst fange ich an zu altern wie du. Aber in Jesu Namen, ihr Kerle! Es folge dem König, wer kann!«
Als er den ängstlichen Seitenblick des Fähnrichs nach dem König hin sah, äußerte er mit gedämpfter Stimme:
»Sei ruhig, mein Junge! Seine Majestät braust nie auf, wie wir anderen. Er ist zu königlich, um schimpfen oder zanken zu können.«
Der König tat, als ob er nichts merke. Wilder und wilder setzte er über Eis und Schnee den stummen Wettritt ohne Ziel und Sinn fort. Er hatte jetzt nur vier Begleiter.
Eine Weile später stürzte das eine Pferd mit gebrochenem Vorderbein, und der Reiter schoß ihm aus Barmherzigkeit eine Kugel durchs Ohr, um nachher selbst allein und zu Fuß in der Kälte ungewissen Schicksalen entgegenzugehen.
Schließlich war der Fähnrich der einzige, der dem König zu folgen vermochte, und sie waren jetzt zwischen Gebüsch und Jungwald gekommen, wo sie nur im Schritt vorwärts konnten. Auf dem Hügel über ihnen lag ein großes und rußiges Haus mit engen Gitterlöchern und einer Mauer um den Hof.
Im gleichen Augenblick fiel ein Schuß.
»Wie ging das?« fragte der König und sah sich um.
»Der kleine Satan pfiff nicht schlecht, als er mir am Ohr vorbeiflog, aber er biß nur in die Hutecke,« antwortete der Fähnrich, ohne die geringste Erfahrung, wie er sich dem König gegenüber verhalten sollte. Er hatte einen schwachen Smaaländischen Akzent und lachte vergnügt mit seinem ganzen hellen Gesicht. Vom Glück berauscht, so unter vier Augen mit dem, der ihm mehr als alle anderen Sterblichen schien, zusammensein zu dürfen, fuhr er fort.
»Wir werden wohl da hinaufgehen und sie am Bart nehmen?«
Die Antwort gefiel dem König aufs höchste, und mit einem Sprung stand er auf dem Boden.
»Wir binden die Gäule hier an die Sträucher,« sagte er ausgelassen und mit starker Farbe auf den Wangen. »Sodann gehen wir hinauf und stechen jeden nieder, daß es nur so pfeift.«
Sie verließen die keuchenden Pferde und kletterten vorgebeugt durch das Gebüsch hinauf. Oberhalb der Mauer blickten einige Kosakenköpfe mit hängendem Haar und gelb und grinsend wie geköpfte Missetäter herunter.
»Siehe,« flüsterte der König und klatschte in die Hände. »Dort versuchen sie das morsche Tor zuzuziehen, die Fuchsschwänze!«
Sein vorhin noch nichtssagender Blick wurde jetzt abwechselnd unstet, weit und glänzend. Er zog den Haudegen und hob ihn mit beiden Händen über seinen Kopf.
Gleich einem Gott der Jugend stürmte er durch das halboffene Tor. Der Fähnrich, der an seiner Seite hieb und stach, war oft nahe daran, hinter ihm von seiner Waffe getroffen zu werden, und ein Musketenschuß schwärzte die rechte Schläfe des Königs. Vier Mann wurden im Torweg niedergehauen, und der fünfte der Schar floh mit einer Feuerschaufel nach dem Hof hinein, vom König verfolgt.
Dort strich der König auf dem Schnee das Blut vom Degen, legte zwei Dukaten in die Feuerschaufel des Kosaken und brach in zunehmender Heiterkeit aus: »Es ist kein Pläsier, sich mit diesen Tröpfen zu schlagen, die nie zurückhauen, sondern nur laufen. Komm zurück, wenn du dir einen ordentlichen Degen erstanden hast!«
Der Kosak, der nichts verstand, stierte die Goldmünzen an, schlich sich der Mauer entlang nach dem Tor und entfloh. Immer weiter und weiter draußen auf dem Felde rief er seine umherstreifenden Kameraden mit einem unheimlichen und klagenden: Ohaho! Ohaho! zusammen.
Der König sang leise vor sich hin, wie um einen unsichtbaren Feind zu reizen: »Kosakenmännlein, Kosakenmännlein, sammle deine Schelme!«
Die Mauern rings um den Hof waren schimmelig und schwarz. Aus dem Boden hörte man einen endlos gesponnenen Mollton wie von einer Äolsharfe, und forschend stieß der König die Tür zum Wohnhaus auf. Das bestand aus einem einzigen, großen und halbdunklen Zimmer, und vor dem Feuer lag ein Haufen blutbefleckter Kleider, die die Leichenplünderer von gefallenen Schweden genommen hatten. Die Tür wurde vom Zug wieder zugeworfen, und der König ging nach dem Stallgebäude nebenan. Da gab es keine Tür, und den Laut hörte man immer deutlicher. Drinnen im Dunkeln lag ein zu Tode gehungertes Pferd, das an eine der eisernen Ösen in der Wand gebunden war.
Ein erhobener Haudegen würde den König nicht gehindert haben, aber die ungewisse Dämmerung erregte seine Einbildungskraft, daß sie ihn auf der Schwelle zum Stehen brachte. Doch ließ er sich nichts anmerken, sondern rief den Fähnrich. Sie stiegen eine steile Treppe zu einem Keller hinunter. Dort war ein Brunnen, und an dem Kran der singenden Winde, die das Wasser heraufholte, kutschierte ein tauber Kosake mit Peitsche und Zügel, ohne die geringste Ahnung einer Gefahr, eine menschliche Gestalt in schwedischer Offiziersuniform.
Als sie die Stricke lösten und an die Stelle des Gefangenen den Kosaken banden, erkannten sie den Holsteiner Feuerhausen, der als Major in einem geworbenen Regiment diente, aber von den Kosaken weggeschnappt und wie ein Vieh vor ihr Wasserwerk gespannt worden war.
Er kniete und stammelte in gebrochenem Schwedisch:
»Majestät. Ich traue nicht meinen Augen … Meine reconnaissance …«
Der König fiel ihm heiter ins Wort und wendete sich zum Fähnrich:
»Führe die beiden Pferde hinauf in den Stall! Drei Männer können nicht behaglich auf zwei Pferden reiten, und deshalb bleiben wir hier, bis einige Kosaken vorbeikommen, denen wir ein neues Pferd nehmen können. Der Herr selbst steht Wache am Tor.«
Danach ging der König nach dem Wohnhaus zurück und machte die Tür hinter sich zu. Die ausgehungerten Pferde, die gierig die Rinde von den Sträuchern nagten, wurden währenddessen in den Stall hinaufgeführt, und der Fähnrich begann Posten zu stehen.
Langsam vergingen die Stunden. Als es gegen Abend ging, vergrößerte sich die Gewalt des Sturmes, und der Schnee irrte im Sonnenuntergang über die trostlosen Schneesteppen. Leichengelbe Kosakengesichter spähten über das Gebüsch, und weit draußen im Sturme tönte das Ohaho! Ohaho! Ohaho! umherstreifender Plünderer.
Da trat Feuerhausen aus dem Stall, wo er zwischen den Pferden gesessen hatte, um nicht Frost in die Wunden zu bekommen, die von den Stricken herrührten, mit denen er gebunden gewesen war. Er ging an die verschlossene Tür des Wohnhauses.
»Majestät!« stammelte er. »Die Kosaken sammeln sich mehr und mehr, und die Dunkelheit bricht bald an. Ich und der Fähnrich sitzen auf einem Pferd. Zögern wir hier, so wird diese Nacht die letzte der Großmächtigsten Majestät sein, was Gott durch seinen geheimen Ratschluß verhüten möge.«
Der König antwortete von innen:
»Es muß bei dem bleiben, was wir gesagt haben. Drei Mann reiten nicht bequem auf zwei Pferden.«
Der Holsteiner schüttelte den Kopf und ging zum Fähnrich hinunter.
»So ist die Majestät, Ihr verdammte Svenske! Ich habe ihn vom Stall aus hin und her gehen hören. Krankheit und Gewissensbisse sind gekommen. Wie ein pater familias steht der moskowitische Zar unter seinen Untertanen. Einen Zuckerbäckergesellen erhebt er zu seinem Freund und ein geringes Dienstmädchen auf seinen glorwürdigen Thron. Détestable sind seine Gebärden, wenn er pokuliert, und er handhabt das Frauenzimmer à la françois; aber seine erste und letzte parole lautet immer: ›Auf Rußlands Wohl!‹ König Carolus verläßt seine Länder als rauchende Aschenhaufen und besitzt keinen Freund, nicht einmal unter seinen Nächsten. König Carolus ist einsamer als der ärmste Troßkutscher. Hat nicht einmal den Schoß eines Kameraden, wo er sich ausweinen kann. Unter Durchlauchten und Mätressen und Perücken kommt er wie ein Gespenst aus einem tausendjährigen Mausoleum, – und Gespenster gehen am liebsten ohne Kompagnie. Ist er ein homme d'état? Oh Gott! Keinen Sinn für das Allgemeine! Ist er Feldherr? Keinen Sinn für die Massen! Nur Brücken schlagen, Schanzkörbe stellen, in die Hände klatschen wegen einer eroberten Standarte und zweier Pauken. Keinen Sinn für Staat und Armee, nur für Menschen!«
»Dafür kann man auch Sinn haben!« antwortete der Fähnrich.
Er ging heftig auf und ab, und die Finger waren schon so steif vor Kälte, daß er kaum den gezogenen Haudegen halten konnte.
Der Holsteiner zog den zerrissenen Rockkragen um die Backen und fuhr mit gedämpfter Stimme und eifrigen Gebärden fort:
»König Carolus lacht entzückt, wenn die Brücke bricht und Menschen und Vieh elendiglich ertrinken. Kein Herz im Busen. Zum Henker mit ihm! König Carolus ist so ein kleines schwedisches demi-génie, das in die Welt hinauswandert, nur trommelt und paradiert und Fiasko macht; und das Parterre pfeift. Uhi!«
»Und gerade deshalb gehen die Schweden in den Tod für ihn,« antwortete der Fähnrich, »gerade deshalb.«
»Nicht so hitzig, Liebster! Ich lachte ja, daß ich alle Zähne zeigte, als wir uns zuerst sahen.«
»Ich höre Herrn Major gern sprechen, aber ich friere. Wollen Herr Major nicht hinaufgehen und an der Tür des Königs horchen?«
Der Holsteiner ging zur Tür hinauf und horchte. Als er zurückkam, sagte er:
»Er geht nur und geht und seufzt schwer wie ein Mensch in Seelenangst. So pflegt das jetzt beständig zu sein. Die Majestät schläft nie mehr des Nachts. Der Komödiant fühlt sich der Rolle nicht gewachsen, und von den Lebensqualen soll der blessierte Ehrgeiz die bitterste sein.«
»Dann soll es auch das Letzte sein, was wir belachen. Darf ich den Herrn Major bitten, meine rechte Hand mit Schnee einzureiben, denn jetzt schläft sie ein.«
Der Holsteiner tat, was er verlangte, und kehrte zu der Tür des Königs zurück. Er schlug sich mit beiden Händen vor die Stirn. Der graue und borstige Schnurrbart stand gerade aus, und er murmelte:
»Gott! Gott! Bald wird es zur Retraite zu dunkel sein.«
Der Fähnrich rief:
»Lieber Herr, darf ich Sie bitten, mein Gesicht mit Schnee einzureiben. Die Backen erfrieren. Von den Schmerzen in meinem Fuß will ich nicht reden. Oh, ich halte es nicht mehr aus.«
Der Holsteiner füllte die Hände mit Schnee.
»Lassen Sie mich Schildwache stehen,« sagte er, »nur eine Stunde.«
»Nein, nein, der König hat befohlen, daß ich hier am Eingang stehen soll.«
»Ach, dieser König! Ich kenne ihn. Ich will ihn froh machen, Philosophie reden, histoires galantes erzählen. Es amüsiert ihn, immer von Liebhabern zu hören, die abenteuerlich durchs Fenster steigen! Er sieht oft das Frauenzimmer von der Seite an, wenn es schön ist. Es ist für seine Imagination da, nur nicht für sein Fleisch, denn er ist ohne Gefühl. Und er ist schüchtern. Will die Schöne ihn einmal unter ihren Seidenschuh bekommen, muß sie selbst ihn attackieren, aber tun, als ob sie flöhe, und alle die anderen müssen der liaison widerstreben. Seine allergroßmächtigste Frau Großmutter hat alles dadurch ruiniert, daß sie schrie: ›Mariage, mariage!‹ König Carolus ist vom Scheitel bis zur Sohle der schwedischen Königin Kristina ähnlich, obwohl er männlichen Geschlechts ist. Die beiden hätten miteinander verheiratet und auf denselben Thron gesetzt werden müssen. Das wäre ein nettes Pärchen gewesen. Oh, pfui, pfui! Ihr Schweden! Reitet ein Mann seine Pferde tot und läßt zu, daß Volk und Reich massakriert werden, er ist aber doch von reinem Herzen und supremus unter allen, sein Blut ist nur zu träge für Amouren. Oh, laßt mich in Frieden! Ich kenne reinherzige Heroen, die getreulichst in zwei, drei verschiedene Jungfrauen oder Frauen in derselben Woche verliebt waren.«
»Ja, wir sind so, wir sind so. Aber um Christi Barmherzigkeit willen, reibt mir noch einmal meine Hand! Und verzeiht mir mein Jammern und mein Stöhnen.«
Dicht innerhalb des Tores, das man nicht verschließen konnte, lagen die niedergehauenen Kosaken, vom Reif weiß wie Marmor. Der gelbe Himmel wurde grau, und immer mehrstimmiger und näher tönten die klagenden Rufe:
»Ohaho! Ohaho! Ohaho!« Jetzt öffnete der König seine Tür und kam über den Hof herunter. Die Schmerzen im Kopf, an denen er zu leiden begann, waren durch den Ritt schlimmer geworden und machten seinen Blick schwer. Das Gesicht trug Spuren von Seelenkämpfen der Einsamkeit, aber da er sich näherte, nahm der Mund wieder sein gewöhnliches, verlegenes Lächeln an. An der Schläfe war er noch rußig von dem Musketenschuß.
»Es wird kühler,« sagte er und zog einen Brotkuchen aus der Tasche hervor und brach ihn in drei Teile, so daß jeder ein gleich großes Stück bekam, wie er selbst. Dann zog er seinen Reitermantel aus und legte ihn selbst um die Schultern des wachthabenden Fähnrichs.
Über seine eigene Handlung verlegen, faßte er dann den Holsteiner heftig am Arm und führte ihn über den Hof hinauf, während sie an dem harten Brot kauten.
Jetzt, wenn je, dachte der Holsteiner, gilt es, mit einem schlauen Wortspiel die Aufmerksamkeit des Königs zu gewinnen und nachher vernünftig mit ihm zu reden.
»Bessere Herberge kann man finden,« begann er immerwährend kauend und beißend. »Du liebe Zeit! Das erinnert mich an eine galante aventure in der Nähe von Dresden.«
Der König hielt ihn immer noch am Arm, und der Holsteiner senkte die Stimme. Die Erzählung war witzig und schlüpfrig, und der König wurde neugierig. Die gröbsten Zweideutigkeiten lockten aber immer nur sein steifes Lächeln hervor. Er horchte gleich einem verzweifelten, halb abwesenden Menschen, mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung für den Augenblick.
Erst als der Holsteiner mit listiger Geschicklichkeit das Gespräch mit einigen Worten auf die augenblickliche Gefahr überzuleiten begann, wurde der König wiederum ernst.
»Bagatelle, Bagatelle!« antwortete er. »Es ist gar nicht der Rede wert, wenn wir uns nur gut halten und unsere Reputation bis zum letzten Mann soutenieren. Kommen die Schelme, so stellen wir uns alle drei ins Tor und stechen mit dem Degen.«
Der Holsteiner strich sich über die Stirn und brach ab. Er begann von den funkelnden Sternen zu sprechen. Er stellte einen Satz auf über das Messen ihrer Entfernung von der Erde. Der König hörte ihm jetzt mit einer ganz anderen Art von Aufmerksamkeit zu. Er ging auf die Frage ein, antwortete scharfsinnig, erfinderisch und mit einer unermüdlichen Lust daran, neue überraschende Sätze nach seinem Sinn auszudenken. Die eine Behauptung reichte der anderen die Hand, und bald weilte das Gespräch beim Universum und der Unsterblichkeit der Seele, um nachher aufs neue zu den Sternen zurückzukehren. Sie funkelten heller und heller, und der König sagte, was er von der Sonnenuhr wußte. Er stieß seinen Haudegen mit dem Griff in den Schnee und stellte die Spitze auf den Polarstern ein, so daß sie am nächsten Morgen die Zeit ablesen könnten.
»Der Kern des Universums,« sagte er, »muß entweder die Erde oder der Stern sein, der über dem Lande der Schweden steht. Nichts darf mehr als das Schwedische gelten.«
Draußen vor der Mauer riefen die Kosaken, aber sobald der Holsteiner das Gespräch auf ihren drohenden Anschlag lenkte, wurde der König wortkarg.
»Bei Tagesgrauen ziehen wir uns nach Hadjatsch zurück,« sagte er. »Wir wollen bis dahin nur ein drittes Pferd fangen, so daß jeder bequem im eigenen Sattel reiten kann.«
Nachdem er so geredet hatte, ging er in das Wohnhaus zurück. Der Holsteiner kam mit heftigen Schritten zum Fähnrich herunter, und gegen die Tür des Königs zeigend, rief er:
»Geben Sie pardon, Fähnrich! Wir Deutschen verschwenden keine Worte, wenn uns die Striemen von den Stricken schmerzen, aber ich strecke den Degen und gebe dem Herrn die Viktorie, denn auch ich kann mein Blut lassen für diesen Mann. Ob ich ihn liebe! Niemand versteht ihn, der ihn nicht gesehen hat. – Aber Fähnrich, Sie dürfen nicht länger draußen im Unwetter bleiben.«
Der Fähnrich antwortete:
»Kein Mantel hat mich je herrlicher gewärmt als der, den ich jetzt trage, und ich werfe all meine Sorgen auf Gott. Aber um Christi willen, Major, gehen Sie zu der Tür zurück und horchen Sie. Der König könnte sich ein Leid antun.«
»Die Majestät fällt nicht von der eigenen Klinge, aber sie sehnt sich nach der eines anderen.«
»Jetzt höre ich seine Schritte bis hier herunter. Sie werden heftiger und unruhiger. Er ist so einsam. Als ich ihn in Hadjatsch unter den Generalen sich verbeugen und verbeugen sah, konnte ich nur denken: wie er doch einsam ist!«
»Kommt der kleine Holsteiner mit dem Leben davon, dann wird er sich allzeit der Schritte erinnern, die wir heute nacht hörten, und wird diese Herberge allzeit die Gethsemane-Feste nennen.«
Der Fähnrich nickte Beifall und antwortete:
»Gehen Sie in den Stall hinauf, Herr Major, und suchen Sie eine Stunde Ruhe und Schutz zwischen den Pferden. Und dort können Sie durch die Wand den König besser hören und über ihn wachen.«
Danach begann der Fähnrich mit lauter Stimme zu singen:
»Befiehl du deine Wege …«
Der Holsteiner ging über den Hof in den Stall zurück, und mit der Zunge vor Frost stotternd, stimmte er mit dem anderen ein:
… »Und was dein Herze kränkt
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt …«
»Ohaho, Ohaho!« antworteten die Kosaken im Sturm, und es war schon späte Nacht.
Der Holsteiner duckte sich zwischen die beiden Pferde hinein und horchte so lange, bis die Müdigkeit und der Schlaf seinen Kopf beugten. Erst gegen Morgen wurde er von einem Lärm geweckt. Er sprang ins Freie hinaus; der König stand schon auf dem Hof und betrachtete das als Sonnenuhr ausgestellte Schwert.
Am Tor hatten sich die Kosaken versammelt, aber als sie die unbewegliche Schildwache sahen, schauderten sie abergläubisch zurück und dachten an die Gerüchte von den Zauberkünsten der schwedischen Soldaten gegen Hieb und Schuß.
Als der Holsteiner zum Fähnrich herangekommen war, faßte er ihn fest am Arm.
»Was nun?« fragte er. »Branntwein?«
Im gleichen Augenblick ließ er den Arm fallen.
Der Fähnrich stand zu Tode gefroren da, mit dem Rücken gegen die Mauer und mit den Händen auf dem Degengriff, in den Mantel des Königs gehüllt.
»Da wir jetzt nur zwei sind,« sagte der König und zog seine Waffe aus dem Schnee, »können wir uns auf den Weg machen, jeder auf seinem eignen Pferd, wie ich es gesagt habe.«
Der Holsteiner stierte ihm mit wiedererwachendem Haß in die Augen und blieb stehen, als habe er nichts gehört. Schließlich führte er doch die Pferde hinaus, aber seine Hände zitterten und ballten sich, so daß er kaum den Sattelgurt festschnallen konnte.
Die Kosaken schwenkten ihre Säbel und Piken, aber die Schildwache stand auf ihrem Posten.
Da sprang der König ungestüm in den Sattel und setzte das Pferd in Galopp. Seine Stirn war klar, seine Wangen färbten sich rötlich, und der Haudegen glänzte wie ein Sonnenstrahl.
Der Holsteiner blickte ihm nach. Sein bitterer Ausdruck wurde milder, und er murmelte zwischen den Zähnen, während er selbst in den Sattel stieg und mit der Hand am Hut an der Schildwache vorbeijagte:
»Das ist nur die Freude eines Helden daran, den schönen Tod eines Helden zu sehen. Merci, Kamerad!«
Der Königsritt
Der Hofkanzler von Müller saß auf einer Fußbank vor seinem Stubenherd im Hause des schwedischen Königs in Demotica und buk Pfannkuchen. Er hob den einen vertragenen Rockschoß in die Höhe gegen das Feuer und besichtigte ihn.
»Zwar hängen die Galonen noch fest an dem Rock,« sagte er zu Oberst Grothusen, der daneben stand und sich wärmte, »aber schändlich schwarz sind sie geworden. Und das übrige schwedische Gefolge fängt an, der Teufel hole sie, gerade wie Zigeunerpack auszusehen. Ich sage mit Fabrice: Ich kann mich bald nicht mehr erinnern, wie Geldstücke aussehen, ob sie rund oder viereckig sind.«
»Sie sind so rund, daß sie wie Räder rollen!« antwortete Grothusen und rieb sich vergnügt die Hände. »Ein König, ein Hof, eine kleine Armee ohne was anderes als ein wenig zusammengepumptes Kleingeld in der Tasche … Und das in einem türkischen Marktfleckchen, Hunderte von Meilen von dem eigenen Vaterland! Zu welcher Zeit sahest du dergleichen? Gott verzeih' mir, aber ist das nicht ein so kostbarer Anblick, daß es nichts tut, wenn es mit dem Zucker auf dem Pfannkuchen zuweilen knapp ist? Von der Pforte kriegen wir keinen einzigen Beutel mehr. Obwohl ich kaum Zeit habe, nachts zu schlafen, sondern nur daran arbeite, das Reisegeld von allen Schacherern der Welt aufzutreiben, so weiß ich doch kaum, wie wir ehrenhaft von hier wegkommen sollen. Ich habe Seiner Majestät gesagt, wir müssen die ganze Reihe Gläubiger mit uns nehmen, als Nachzug bis nach Schweden, und sie in Karlshamn einquartieren, bis sie bezahlt sind. Denk einmal: das kleine Karlshamn vollgepfropft von Türken, die in den Straßenecken knien und Allah anrufen! Jaa, mein Lieber! Wenn wir nur wegkämen! Wir müssen unter Paukenschlag und Trompeten wegziehen, wie es Schweden ansteht, verstehst du? Glücklicherweise haben wir den Staat noch da vom vorigen Sommer, als ich in der Abschiedsaudienz beim Sultan war. Sie sind sicherlich weder wattiert noch gefüttert, die Schabracken, aber außen sitzt um so mehr Messingzeug und Troddeln … Und das ist die Hauptsache … Und selbst sehe ich ja aus wie eine ganze Exzellenz! Nicht? Spitzenkrause, Schnupflöffel aus reinstem Dukatengold … Im Schrank einen Ehrenpelz, vom Sultan geschenkt, ein Paar abgetretene Pantoffeln, eine Nachtmütze und einen seidenen Schlafrock, den Düben froh sein sollte, in der Hochmesse tragen zu dürfen. Aber das ist auch so das letzte und läßt erkennen, was von der ganzen Herrlichkeit übrig bleibt, bis wir heimkommen!«
Je länger Grothusen sprach, desto munterer wurde er. Schließlich ging er ans Fenster und riß es sperrangelweit auf.
»Was gibt's?« fragte Müller und zog fröstelnd den Rock zusammen.
»Es ist ein Haufe Türken, der da steht und wartet, daß man Seine Majestät ausreiten sehe. Es ist nämlich ein Platzregen, und da können sie ja begreifen, daß man nicht im Haus bleiben will.«
Grothusen tastete und suchte in seinen Rockschößen, und da er ein paar große Silbermünzen fand, warf er sie durch das Fenster und rief:
»So sieht Geld aus! Es leben die Schweden und ihr freigebiger, großer, mächtiger König!«
»Ist das dein eigenes oder des Königs Geld?«
»Wenn ich's wüßte!«
»Du brauchst ja nur dein eigenes Geld in der linken Rocktasche und des Königs Geld in der rechten zu tragen.«
»Aber der linke Rockschoß hat das gnädige Zugeständnis, nur in der Notdurft die Zwangsarbeit von der rechten zu übernehmen. Mein Lieber, ich lege ehrlich Rechenschaft ab. Jeden Abend rechne ich nämlich nach, wieviel sich noch im ganzen übrig findet.«
Das Volk murmelte, aber mürrisch brummend hob Müller die Pfannkuchen vom Feuer.
»Du hast deinen leichten Sinn, Bruder! Dennoch hätte ich euch nie zugetraut, daß ihr so vornehm werden würdet, daß ihr einen Freiherrn und Hofkanzler zum Leibkoch machtet, aber ich bin froh, daß meine Pfannkuchen den Herren schmecken. Oft habe ich mich gefragt, wie wir hier unten so willig und froh alle diese Jahre hindurch es haben aushalten können.«
»Das werde ich dir erklären. Es liegt für Menschen ein so eigener Zauber darin, täglich und stündlich mit dem zusammen zu sein, der über ihr Wohl und Weh bestimmt, daß man fragen kann, ob auch die himmlische Seligkeit einmal in gerade dem gleichen bestehen wird.«
»Es wäre gut, wenn dergleichen Zeitvertreib die Menschen auch edler und besser machte.«
»Ich danke dir, Bruder! Das Wort war für mich! Ich weiß genugsam, daß mein Rücken unter euch allen wenig geschont wird. Ihr nennt mich einen leichtsinnigen Tausendsasa, einen … Ja, gleichwohl! Ein Skeptiker und Philosoph wie ich, der den Frühgottesdienst bedenklich verschläft, hat nicht viel Liebe unter euch Schweden zu erwarten. Ich tue wohl, mich damit zu trösten, daß der König selbst weniger empfindlich darin ist als ihr! Zu Hause gilt es zu fallen, und dann wirst du sehen, Bruder, daß die schwarze Perücke des alten Grothusen nicht hinter dem Glied bleiben wird.«
»Dort zu Hause, sagst du. Antworte mir ehrlich! Hofft Seine Majestät wirklich, dort frische Truppen sammeln zu können?«
»Das tut er … Und er wird es auch können. Es wird ein Reichsfechten, wie die Welt seinesgleichen noch nie gesehen … Meinetwegen! In der Stunde der Not die Wucherer zu rufen, du, das ist eine Sache … Und die Ritter könnten selten werden, wenn es keine Wucherer gäbe … Aber die Ehre und der Degen, das ist was anderes!«
»Und deshalb bricht er nun endlich auf? Ich habe doch zu bemerken geglaubt, daß er sich noch nicht ganz im klaren ist über die nächste Zukunft?«
»Je näher er gen Norden kommt, desto klarer wird sie ihm.«
»Du denkst an die Feinde, die alten und die zu erwartenden … Sachsen, Rußland, Preußen, Hannover, Dänemark … Sechs feindliche Völker zu bekriegen!«
»Sieben! Du vergissest den jüngsten und gefährlichsten Feind!«
»Welchen?«
»Die Schweden!«
Müller erhob sich von der Fußbank, und die beiden einäugigen Herren standen einander gegenüber.
»Gott im Himmel, rede nicht so! Du pflegst ja sonst zu denen zu gehören, die nicht verzweifeln. Dies ist eine fremde Sprache in deinem Mund.«
»Seitdem Seine Majestät die volle Gewißheit hat, daß seine Untertanen anfangen, ihn herauszufordern und ihm zu trotzen, reitet er mit der gleichen Hitze heimwärts wie zu einer Schlacht … Was soll man auch nach den letzten Neuigkeiten glauben? Das Land ist ohne Regierung … Die Ämter stehen still wie das Mühlrad an einem versiegten Bache. Die Reichstags- und die Ratsherren sprechen von Absetzen … Wir hätten einen brennenden Aufruhr, wenn die Schweden nicht ein so gesetztreues Volk wären … Und dann ist es eben das, daß er der Fürst ist! Wimmre und jammre nur nicht, lieber Müller, denn alles das ist ja nur dein eigenes altes Lied … Und sei nicht so verflucht geizig mit dem Zucker, sondern schütte des Mannes ganze Tüte über die Pfannkuchen aus … Und halte den Kopf hoch! Adieu!«
Müller stand bekümmert und ohne antworten zu können mitten im Zimmer. Auf seinem Gesichte malte sich die größte Verwunderung, denn er hörte durch die Tür Grothusen einem kleinen Tambour zurufen:
»August! Such einmal eine ordentliche Trommel heraus! Häng sie dir um, und komm mit mir in den Basar.«
Müller schüttelte den Kopf und setzte sich wieder zu seinen Pfannkuchen.
»Was in Jesu Namen wird Grothusen jetzt für Tollheiten begehen mit der Trommel?«
Am nächsten Morgen zogen die Schweden frühzeitig von Demotica aus, um endlich die Heimfahrt nach der Ostseeküste anzutreten. Hunderte von Meilen hatten sie zu wandern durch Bergpässe und durch Wälder. Hinter ihnen ritt eine lange Reihe Türken, Juden und Armenier mit ihren Säcken und Bündeln. Es waren ihrer siebzig der gierigsten Gläubiger. Der König war froh und strahlend, und die Stadtbewohner mit ihren verschleierten Frauen flehten Gottes Segen herab auf den fortziehenden Helden. Nur Grothusen blieb zurück, denn seine türkischen Freunde hielten ihn noch in der Tür fest. Der eine stopfte ihm ein Tintenfaß in die Hand, der andere steckte ihm eine Tabakspfeife in den Mund, und die schwarzen Diener zogen ihn an seinem Rock. Seine großen Nasenlöcher hielt er hoch in die Luft, und mit Grandezza entleerte er seine Rockschöße über die Hände der Diener. Dann öffnete er das Schloß zu seiner Kleiderkiste.
»Liebster, liebster Freund,« sagte er, »diese ausgesuchte Nachtmütze habe ich eigens für dich anfertigen lassen und selbst benutzt, damit sie dir ein wirkliches Andenken an mich werden solle … Und du, mein Vater! Diese splitterneuen Pantoffel … Du wunderst dich, daß sie so niedergetreten sind … In höchst eigner Person bin ich fleißig in ihnen gegangen, um herauszufinden, ob sie nicht zu hart für deine Füße sind … Und du nimm diesen seidenen Schlafrock …«
Wie ein Verfolgter sprang er auf seinen Wagen und befahl dem Kutscher, davonzufahren.
Als die Schweden am Abend nach Timurtasch kamen, überreichte ein Pascha dem König, als Geschenk vom Sultan, ein seidenes Zelt und einen Säbel mit edelsteinbesetztem Handgriff.
»Jetzt geht mein Zobelpelz dahin!« sagte Grothusen halblaut zum König. »Eine andere Gegengabe ist nicht aufzutreiben, und Eure Majestät selbst haben ja nichts als einen verstaubten Rock und ein halbes Dutzend grober Soldatenhemden.«
»Leihe mir auch das Tintenfaß und die Pfeife, die du neuerdings bekamst,« antwortete der König, den Schalk im Auge. »Ich müßte dem Häuptling des Janitscharengeleites auch etwas verehren.«
»Schenke den ganzen alten Grothusen als Eunuchen in des Sultans Serail!« jubelte Grothusen und rieb sich die Hände und wurde immer mutwilliger, je spaßiger es ward. In dem Augenblick fiel sein Blick auf seinen kleinen Tambour, der mit den Schlegeln unter dem Arm mutlos seines Weges ging.
»Deine Trommel hat keine Stimme im Maul! Da steckt irgend etwas Gestohlenes drin!« riefen die Kameraden des Knaben höhnend.
Als sie die Trommel untersuchten, fanden sie, daß sie mit vier Siegeln versiegelt war, und dem Knaben standen große Tränen in den Augen.
»Schlage du nur tapfer deine verstimmte Trommel!« befahl Grothusen. »Ich war es, der sie versiegelte wie Pilatus Christi Grab … Und ein wenig Trauermusik müssen wohl doch die türkischen Wucherer hier hinter uns haben, die nun ins Exil reiten müssen an unserer Stelle.«
Aber abends, wenn die Schweden einige kurze Stunden beim Schein des Lagerfeuers ruhten, klopften und rüttelten die Musikanten an der Trommel und meinten, daß sie gefüllt sei mit unterschlagenem Königsgeld und Wertpapieren.
»So ein Spitzbube!« flüsterten sie. »Es ist keine Kunst, freigebig die linke Rocktasche zu leeren, wenn man die langen Finger in die rechte steckt!«
Schon um zwei Uhr in der Nacht ließ der König zum Aufbruch blasen. Er sprengte bei dem Lagerlicht zwischen den Felswänden hervor. Als er sich in Pitesti wieder an der Grenze der Christenheit befand, begegneten ihm die in Bender zurückgelassenen Scharen, und die letzten Saporoger, die in so manchen Gefahren treu geblieben waren, nahmen kniend seine Abschiedsworte entgegen. Dann ging er zu Grothusen.
Dieser war gerade im Begriff, die Gulden zu zählen, die einer von den Trabanten, der aus gewesen war, in Siebenbürgen aufgetrieben hatte. Der König sagte zu ihm:
»Mein Paßbrief ist nun fertig. Ich werde Kapitän Frisk heißen, und mit Rosen und Düring reite ich spornstreichs nach Stralsund.«
Da nahm Grothusen seinen galonierten Hut und seine Perücke ab und gab sie dem König.
»Pantoffeln, Nachtmütze, Ehrenpelz und seidenen Schlafrock … Suche sie, suche sie! ›Alles ist weg!‹ Jetzt gehen Perücke und Hut! In der Verkleidung und dem tabakbraunen Leibrock werden Eure Majestät so zur Unkenntlichkeit ausstaffiert sein, daß, hätten nicht alle Rosen Glück bei den Frauen, keine Wirtshausmagd – salvo honore – den Herren ein Glas Wasser würde anbieten wollen. Ich für mein Teil bin dankbar, den Leib auf dem Königsritt quer durch Europa nicht opfern zu müssen …«
Grothusen selbst setzte sich jedoch sogleich auf den Reisewagen, um zuerst hinzugelangen und seinen Herrn am schwedischen Meer empfangen zu können, längs dessen Küsten der Feind jetzt seine Festungen und Städte baute.
Tag und Nacht übte der König unter wilden Ritten seine zwei auserwählten Begleiter und die Trabanten, die ihm in eintägigem Abstand folgen sollten. Als endlich die Stunde schlug, da er die Verkleidung anlegen und in den Sattel springen durfte, gab er seinem Wallach mit solcher Heftigkeit die Sporen, daß Düring und Rosen gleich beinahe ein paar Pferdelängen zurückblieben. Es war nicht nur die schwere Perücke, die seine Wangen erglühen machte. Er sah aus wie am Morgen vor einem Treffen. Er, der frisch und gesund Monate in einem Krankenbette ausgehalten hatte, um einer demütigenden Audienz beim Sultan zu entgehen, und der jahrelang seine Tage in einer türkischen Kleinstadt vertan hatte, in der Hoffnung, ein großes Heer als Gefolge sammeln zu können, ritt nun ungeduldig von dannen mit seinen zwei Kameraden und ohne einen einzigen Diener.
Die Hufe klirrten wider die Steine wie die eines durchgehenden Pferdes, und der erwachte Winzer sprang in seiner Hütte zur Tür.
»Wer reitet dort so ängstlich?« fragte er. »Ist es ein armer, verfolgter Deserteur, so mag er hier unter mein Dach steigen, und meine Frau und ich werden ihn verbergen und ihn auf Stroh betten …«
»Hüte dich, Vater, vor des Ritters Degen!« antwortete Düring. »Er sitzt bei Tag lose in der Scheide. Es ist ein Offizier, der ausgeschickt ward nach einem ungetreuen Freund und Anverwandten, und der eifrig ist, ihm zu begegnen …«
Aber für sich selbst flüsterte er:
»Der Anverwandte heißt das schwedische Volk … So sollte das unser letzter Kampf werden!«
Mit der versiegelten Trommel unter Körben und Kantinen auf dem Kutscherbock rüttelte Grothusen unterdessen gen Stralsund. Sein Herz schlug wie das eines Jünglings, als er zum erstenmal den Namen der Stadt auf einer schiefen Wegweisertafel las. Bald hörte er den Stundenschlag von der Nikolaikirche. Er unterschied die vereinzelten Lichter bei den Wachen und Kranken, und auf der Zugbrücke sprang er aus dem Wagen und rief dem Wächter zu:
»Der König, der König! Wo ist er? Welche Nachrichten?«
Der Wächter wußte nichts, und jeden Morgen spähte Grothusen von dem Wall aus nach seinem heimkehrenden Herrn. Die Züge vom klarsten Mondschein überstrahlt, kam der König eines Nachts in Dükers Haus an, und schon den nächsten Morgen, nachdem die Stiefel von seinen geschwollenen Füßen weggeschnitten worden waren, stieg Grothusen in seine Kammer mit der frohen Begrüßung:
»Majestät! Bin verliebt!«
Der König nahm ihn herzlich bei der Hand.
»Liebster Grothusen, wir werden hier etwas anderes zu bestellen haben, als Demoiselles aufzuwarten.«
»Es ist gar keine Demoiselle! Sie ist sicherlich sowohl Mutter wie Großmutter … Ich kenne sie übrigens nicht … Aber ich bitte demütigst, jetzt wie früher bei allen meinen Tollheiten Eure Majestät als geheimen Vertrauten behalten zu dürfen.«
Grothusen breitete seine Papiere vor dem König aus und deutete mitunter auf eine Ziffernkolonne, aber um die Arbeit leichter und lustiger zu machen, erzählte er unterdessen von seinem Abenteuer.
»Es war eines Mittags, gerade als ich mich hier zu Düker begeben sollte. Beim Knipertor lag in der Sonnenglut ein Haus, das so weiß war, daß es mir in die Augen stach und mich zwang, aufzuschauen. Da saß sie am Fenster … Nein, nun sind Eure Majestät an einer falschen Ziffernkolonne! … Die zweitausend Gulden, die hier fehlen, habe ich für eigne Rechnung verzehrt … Ja, da saß sie am Fenster unter einer Gardine mit weißen Fransen. Auch sie war beinahe weiß, aber schön aufgekämmt, und ihr Antlitz war schmal und von unendlicher Milde überstrahlt … Sie ist sicher über siebzig Jahre, – aber sie ist ja immerhin eine Frau! Es gibt nichts so Vornehmes und Edles, gnädigster Herr, als eine alte Dame anzubeten. Man sehnt sich nicht danach, sich ihr zu nähern. Sie steht oben am Fenster wie eine Erinnerung, eine heilige Legende. Man grüßt sie nur verehrungsvoll mit dem Degen, wenn man mit seinen Truppen vorbei …«
»Es ist ganz spaßig, Grothuschen wieder zu hören. Meine alte Schwäche für geistreiche und verrückte Menschen scheint mit den Jahren zuzunehmen. Dieser holsteinische Görtz, der bald hierher kommt, muß auch so ein riesig behaglicher und beredter Herr sein mit großen Seelengaben.«
»Ich selbst habe seine Dienste Eurer Majestät allzeit anempfohlen, obgleich ich weiß, daß ich und Feifen dann allerschönstens in den Schatten kriechen dürfen. Ade! Ade! So ein kleiner Finanzenpfuscher wie ich taugt nicht länger in diesen schweren Tagen, da das ganze Reich auf dem Spiele steht. Hier bedarf es eines großen Höllenministers des Auswärtigen … Görtz ist kühn und geistreich, ein Krieger in den Staatskünsten, und er hat den Administratoren von Holstein Geld wie Gras aufgetrieben. Er ist schlauer als zehn Grothusens und fünfzig Müllerns oder Feifens. Aber was mir Kopfzerbrechen macht, ist die Frage, wie man ein Billett d'amour aufsetzt an eine so hochbejahrte Dame, wie meine Schöne am Knipertor.«
Wieder leuchtete der Schalk aus des Königs Auge, er reichte Grothusen die Feder hin.
»Stell dich ans Tischende und schreibe, so werde ich diktieren.«
Der König überlegte eine Weile, danach begann er:
»Edelste Dame! Ein schmutziger, alter Kriegsmann, wie ich, darf gewiß nicht um eine Audienz bei einer so edelen Dame wie Madame betteln, aber die edle Dame könnte vielleicht günstiglichst ihm ihr Konterfei schicken, aber bald, denn mein König sagt, daß hier bald alles mit fallen endigen wird, so daß es gewaltig eilt mit dem Konterfei …«
Grothusen lachte und schrieb und lachte, und von Zeit zu Zeit sprach er von Rechnungen und Staatsgeschäften und von Görtz. Als das Billett fertig war, faltete er es und küßte seines königlichen Freundes Hand, und nicht viel später marschierte er den Weg hinunter nach dem Knipertor.
Da geschah es schließlich eines Tages, daß Müllern, welcher endlich auch in Stralsund angekommen war, mit Grothusen im Vorgemach des Königs saß und arbeitete. Ein Lakai öffnete die Türe und meldete:
»Herr Baron Georg Heinrich von Görtz!«
Einäugig, ritterlich, mit perlmutterbesetztem Griff am Kammerdegen und Orden auf dem kostbaren Sammetgewand, schritt Görtz über die Schwelle. Er faßte Grothusens und des verwirrten Müllerns Hände und legte sie auf seine Brust. Auf diese Weise blieben die drei einäugigen Herren voreinander stehen.
»Sagen Sie mir aufrichtig,« sagte Görtz und deutete mit dem Kopf nach des Königs geschlossener Tür, »wie lange ist es eigentlich her, seit unser Held zuletzt badete?«
Grothusen antwortete:
»Laß mich sehen! Er badete das letztemal vergangenen Sommer zu Demotica … Aber er ließ sich in der Zwischenzeit mit Eiswasser übergießen … Über so etwas kann die Exzellenz gut mit ihm spaßen … Nur eines will ich raten. Sprechen Sie nicht unnötigerweise von den Schweden!«
Görtz schloß die Augen und nickte und ging zum König hinein.
Ein leiser Schatten flog über Grothusens faltige Stirn, und er murmelte Müllern zu:
»Während Seine Majestät sich dem Teufel verschreibt, gehe ich, glaube ich, auf den Jahrmarkt hinunter und verjage die Gedanken.«
Als Görtz den König begrüßte, trat er mit einer manierlichen Ungezwungenheit und ohne ein einziges schmeichlerisches Wort vor ihn hin.
»Wunderlich!« sagte er, »lassen Sie in einem großen Saale eine Münze fallen, so rollt sie über den ganzen Boden, bis daß sie sich unter dem Schrank versteckt.«
Der König, der gegen den fremden Glücksfreier noch teilweise mißtrauisch war, nahm einen Dukaten aus der Börse, die zufällig über den Papieren auf dem Tische offen dalag, und warf die Münze auf den Boden. Sie rollte im Kreis und blieb gerade vor ihm liegen.
»Sapristi!« sagte Görtz. »Sapristi! Will man, daß das Geldstück unter den Schrank soll, so bleibt es mitten auf dem Boden liegen.«
Im gleichen Augenblick geschah es aus Versehen, daß der König mit dem Degengriff gegen die Börse stieß, so daß alle Dukaten klingend auf den Boden fielen. Wie eine Herde erschreckter Schafe jagten sie mit ihrem runden Rücken nach allen Seiten und versteckten sich unter dem Schrank und Tisch und schließlich sogar hinter dem Ofen.
Nun erst begann Görtz sich tief und tiefer zu bücken.
»Sehen Sie! Ich bin klein in Glaubenssachen, das bekenne ich ehrlich, aber in einem Stück bin ich doch abergläubisch. Eine Bombe kann mitten in ein dichtgedrängtes Bataillon fallen, ohne einen einzigen Mann zu verwunden, aber noch nie ist es in der Welt vorgekommen, daß ein Butterbrot auf den Boden fiel, ohne mit der Butterseite nach unten im Staube liegen zu bleiben. Es gibt in der Luft eine Art von Kobolden, die vom Teufel selbst eingedrillt sind. Wären sie nicht unsichtbar, so würden sie kleinen bräunlichen, umherfliegenden Bienen gleichen. Sie verursachen ihrerseits keine großen Übel, sondern nur kleine Ärgernisse, aber da, wo der Ärgernisse zu viel werden, kann es zuletzt mit einem großen Unglück endigen. Es sind diese kleinen unsichtbaren Kobolde, die gereizt und gelockt werden von den gezogenen schwedischen Waffen. Soll nun eine Flagge gehißt werden, so reißt der Strang. Soll ein Soldat über ein gefrorenes Grab schreiten, so bricht das Eis. Einfacher gesagt, Eure Majestät werden nun gleich eifrig vom Unglück verfolgt wie ehedem vom Glück.«
Der König trällerte leise:
»Wie, wenn man wollte,
Mit Absätzen sollte
Man treten Kobolde?«
»Quilibet fortunae suae faber! Man verscheuche sie. Um anzufangen weise man aus seiner Nähe alle kleinlichen Menschen, denn solches Volk hat eben so viel unsichtbare Kobolde im Hosengurt, wie ein Troßknecht Flöhe. Dann ziehe man den Degen gegen die ganze Welt und folge seines Willens Stern …«
»Die schwedischen Herren versichern, daß zu Hause bald kein Rundstück mehr aufzutreiben sei.«
»So lasse man neue Rundstücke schlagen! Was ist Geld? Schuldzettel auf vorhandene Werte. Ob das Stück Königreich, das da oben liegt, nicht ein Wert ist, auf den man beinahe so viel Schuldverbindlichkeiten ausschreiben könnte, als man wollte?«
»Ich habe selbst längst an eine Notmünze gedacht. Aber wäre das rechtschaffen? Ein Herrscher soll ehrlich sein. Es darf sich kein Flecken an seiner Ehre finden lassen. Seien Sie des eingedenk!«
»Gewiß, gewiß! Die Notmünze ist zu borgen! Im Jahre des Segens gibt man das Echte zurück und wirft die Notmünze in den Ofen. Wer hoch zielen will, darf sich auch nicht fürchten, selbst Luzifern die Pfeile schmieden zu lassen!«
Des Königs kühner Gedankenflug warf sich sogleich auf die Frage wie in ein Handgemenge gegen einfältige Vorurteile. Selbst hatte er nicht einmal in der Wüste die Hand in die Tasche gesteckt, ohne sie mit Dukaten füllen zu können. Gleichgültiger gegen seine Kleidung und seine Herberge als ein Bettler, hatte er doch nie einen Gegenstand gesehen, den er wirklich Sehnsucht gehabt hätte zu kaufen. Seine Dukaten hatte er nie zu etwas anderm verwandt, als um andere aufzumuntern und zu belohnen. Das Geld war für ihn ein Staatsmittel. Hingegen sah er täglich, daß, sobald er den anderen befahl, ihr Geld dem Heere zu geben, sie anfingen zu murren und Ausflüchte zu suchen, und seine Verachtung gegen solche Diener knäulte sich schlangengleich mit seiner unbezwinglichen Sehnsucht nach Genugtuung, nach Rache an seinen Feinden, die ihn angesichts der Welt in einen solchen Abgrund gestürzt hatten. War er nicht ein König, Herr über Millionen Menschen! Warum wurde er dann beständig gehindert und gebunden von solchen an sich wertlosen, kleinen Metallplatten, die hier Reichstaler und dort Gulden genannt wurden? Es war dies eine Erfindung, mit der der niedrige Sinn den Menschenwert umdrehte und die Ehrlichkeit betrog, um selbst zu schwelgen. Wäre es irgendein Verbrechen, an einer solchen Erfindung einige Schrauben umzusetzen? Eigentlich müßte das Geld ganz und gar abgeschafft werden.
Nach einigem Überlegen sagte der König:
»Und die Bedingungen?«
»Daß ich holsteinischer Untertan verbleibe, aber frei meinen Mithelfer wählen darf und nur vor Eurer Majestät mich zu verantworten habe. Die Ämter sollen umgeformt werden mit größerem Nutzen für die Königsmacht. Das Heer …«
Der König fiel ihm sofort in die Rede.
»Aber nicht ein Fußbreit Erde von dem väterlich ererbten Reich darf an den Feind abgetreten werden durch Friedensschluß oder Kaufvertrag. Lieber mögen wir alle sterben und mag ganz Schweden verbrennen. Ich fing den Krieg nicht an. Die Nachbarn legten sich in den Hinterhalt, als ich noch ein unerfahrenes Kind war.«
Jetzt erst kniete Görtz.
»Die Welt kann nie den Helden verstehen, der lieber bei seiner beschworenen Abrede verbleibt, als den schlauen Politiker spielt; aber feig ist, wer sich dem entzieht, einer solchen Standhaftigkeit zu dienen. Es standen schwache Zeichendeuter an der Wiege Eurer Majestät. Des Löwen Sternbild sahen sie wohl, aber sie lasen nicht in den Gestirnen, daß die Feuersbrunst schwedischer Großmacht schon dahinter angedeutet stand … unwiderruflich ohne Abhilfe. Der Kämpe, der aus dem Steinhaufen stieg, um die Schweden in dem großen Streit zu sammeln, er braucht Männer. Ich bin ein Fremdling, aber so gewiß ich lebe, rede ich von Herzen und in Wahrheit. So lange meine Kräfte reichen, will ich von Ost und Westen das Holz zusammenschichten zu einem Bollwerk dieser Art, das nur schlimm genug gezimmert werden kann mit Nägeln von gutem Dukatengold.«
»Dies Spiel kann gefährlich werden.«
»Das Gefährliche ist das Lustige. Ein braver Diplomat muß jeden Tag für das Schafott bereit sein, wie ein Krieger für die Kugeln. Mißglückt alles, ja, dann soll auch das Bollwerk ein Scheiterhaufen werden, der die Nacht ringsum zum lichten Tage macht, und die Feinde zu bloßen Schatten und Schemen. Mir bleibt dann nur der Ehrentod, selbst auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu dürfen bei meinem Herkules. Unsres guten Luthers »Wein, Weib und Gesang« hat mir immer zu sehr nach dem Wirtshaus geschmeckt, und ich will lieber die Worte setzen:
»Wer nicht liebt Weib, Ruhm und Macht,
der bleibt ein Narr bis in die Todesnacht!«
Angefeuert durch die augenblickliche Aufrichtigkeit und seine eigene Wärme, hatte Görtz vergessen, das Wort »Weib« zu streichen, aber der König achtete nicht darauf, sondern ging ihm mit blitzenden Augen entgegen.
»Mein Bild darf nicht auf die Notmünze gesetzt werden!«
»Wir können ja den ganzen Olymp nach abgedankten Göttern plündern.«
Der König stand lange schweigsam. Dann fügte er mit leiser und unsicherer Stimme hinzu:
»Es darf auch nicht das Wappen des schwedischen Reiches darauf gesetzt werden!«
Über seine gerunzelten Augenbrauen legte sich eine tiefe, finstere Schwermut.
Betroffen, unschlüssig und eilig stand Görtz vom Boden auf und ging ans Fenster und deutete auf den Platz hinunter.
»Wenn Eure Majestät nochmals bittere Gedanken überkommen, so gehe sie nur ans Fenster und schaue auf den Platz hinunter. Da wird es nicht schwer, herzlich zu lachen.«
»Es ist schon lange her, seit ich von Herzen lachte …«
Unten auf dem Platz unter den Mädchen beim Brezelstand ging Grothusen auf und ab, und hinter ihm stand ein kleiner Tambour mit der versiegelten Trommel.
»Schlage nur einen kühnen Wirbel, und trommle die Mägde zusammen,« befahl Grothusen.
Der Knabe rührte die Schlegel, und als alle Mädchen neugierig herzugesprungen waren und rings herumstanden, brach Grothusen die Versiegelung auf und spannte das Trommelfell ab. Danach hob er aus der Trommel alle möglichen frauenhaften Spielereien, die er während des letzten Abends in Demotica auf dem Basar eingehandelt hatte. Es waren kleine Tücher und Schleier und Spiegel und Rosenölfläschchen und Halsbänder mit Halbmonden und Münzen. Er schwenkte die Tücher hoch in die Luft. Mit zurückgeworfenem Haupt und Schweißtropfen auf dem pfefferbraunen Antlitz rief er seine Waren aus und hielt eine Auktion. Für die eine Kleinigkeit verlangte er einen Kuß, für die andere eine Umarmung, für die dritte einen Tanz auf offenem Platze.
»Schau, schau,« fuhr Görtz fort, »wie unser Oberst seine heidnischen Tücher dem christlichen Frauensvolk zustopft! Er ist ein bon garçon unser Freund da unten, aber Männer solchen Schlages sind doch nicht gewachsen, einem Karl dem Zwölften zu dienen …«
Der König begann nun sich zu verneigen, zum Zeichen, daß Görtz abtreten könne.
»Der Verleumder hat auch behauptet, daß Sie, Baron, ein arger Schelm seien. Eines will ich Ihnen sagen. Wenn wir in Zukunft zusammen arbeiten, soll der Baron nie schlecht sprechen von irgendeinem Abwesenden, denn dann nehme ich immer die Partei des Abwesenden. Wieviel Schlimmes hat man nicht versucht, mir ins Ohr zu flüstern wegen der Trommel dort unten … Und was enthält sie? Ja, harmlose Spielereien und Lappalien! Wenn Grothusen auch ein verschwenderischer Diener war, so hat er wenigstens nie etwas in den eigenen Sack gesteckt … Jetzt will ich ein paar Akte durchgehen.«
Görtz biß sich in die Lippen, aber als er herunter kam, winkte er mit einer hochmütigen Gebärde seinen Freund Grothusen ans Wagenfenster.
»Der kranke und blutende Löwe von Ukraine und Poltava hat seine Tatzen so lange ausgeruht, daß die Klauen länger und schärfer geworden sind denn je. Drücket den Hut fest auf den Kopf und knöpfet den Rock, meine Herren, und haltet euch bereit! Die Herbststürme beginnen!«
Die geringzählige Besetzung von Stralsund hörte bald das Kanonenspiel des Feindes außerhalb der Mauern. Glockenschläge riefen die Mannschaft zu den Wällen oder zu brennenden Häusern. Gegen Morgen legte sich der König mit dem Hut über dem Gesicht zu einer Stunde Ruhe auf das Steinpflaster im Frankentor. Wach stierte er in den dunkeln Hut, aber die Knechte, die mit der Handlaterne auf ihn leuchteten, fanden nur das Kinn und die Lippen, über denen noch ein Lächeln schwebte, zusammengebissen und kalt, als hätte es nur zu seiner Gesichtsbildung gehört. Dann flüsterten sie, daß sie nie einen freimütigeren Helden gesehen hätten, aber abseits im Sternenlicht standen viele hohe Offiziere und sprachen davon, daß nur sein Tod das schwedische Reich retten könne.
Er wußte, wovon sie sprachen, obgleich er es nicht merken ließ. Das Volk, von dem er seine größten Träume geträumt hatte, erblickte bereits in seinem Tod die Erlösung. Wann erlitt ein König ein entsetzlicheres Geschick? War er denn nur geboren worden, um die Schweden in ihrem letzten großen Streit anzuführen und dann weggeworfen zu werden wie ein verbrauchtes Werkzeug? Seiner Schwester Gemahl schielte schon nach seiner Krone, und der Sohn seiner dahingeschiedenen Lieblingsschwester hob schon gegen ihn die Kinderhand.
Bei der Abendmahlsfeier demütigte er sich und betete mit aufrichtigen Tränen, aber nie weinte er über seine eigenen Mißgeschicke. Waren sie nicht einfach Feinde, denen er mit des Rächers Zorn zu begegnen hatte? Er wurde härter und kälter gegen die Offiziere und sprach öfter mit geballter Faust, aber er befahl auch um so strenger über sich selbst und seine eigenen Gedanken. Freilich vernachlässigte er immer mehr seine Kleidung, so daß er vierzehn Tage dasselbe schmutzige Hemde tragen konnte, aber er bezwang seinen hinkenden Gang. Sein Haar schimmerte schon silbrig, obgleich er kaum dreiunddreißig Jahre alt war, aber wenn er wachend in seinen Hut aufsah, wiederholte er für sich selbst: Es muß der Wille Gottes sein, dem ich folge. – Sodann richtete er sich auf wie ein ausgeruhter Jüngling und reichte seinen Mantel einem frierenden Graukopf, – aber wenn die Heimat oder die Schweden genannt wurden, dann zupfte er an seinen Rockknöpfen und schwieg.
Eines Tages exerzierte Grothusen mit größerem Eifer als gewöhnlich seine Soldaten unten vor dem Fenster der Schönen am Knipertor. Regungslos wie ein Bild saß die alte Dame hinter den Blumentöpfen, und als Grothusen seinen Hut abzog, blinkten die neuen Galonen.
Er winkte seinem kleinen Tambour.
»Noch hat deine Trommel nicht ihre volle Sprache. Laß sie uns öffnen. Hier liegt ein Paar der niedlichsten kleinen, goldgestickten Schuhe. Geh hinauf zu der Dame, und sage ihr, daß dies eine Abschiedsgabe von Grothusen sei. Nun ist die Trommel leer.«
»Herr General! Es liegt eine türkische Goldmünze auf dem Boden.«
»Meiner Treu! Die ist in der Eile da hineingeraten. Es ist Königsgeld! Jetzt sollen wir hinaus nach Rügen, wo die Preußen und Dänen die Absicht haben, ans Land zu steigen, um uns auch von der Seeseite einzuschließen. Geh mit der Münze zum König und bitte ihn, sie als Erinnerung an die Jahre entgegenzunehmen, in denen Grothusen das Glück hatte, ihm in fernem Land dienen zu dürfen. Möge das Gold in friedlichen Zeiten im Tiegel umgeformt werden zu ehrbarem Geld, auf dem die Schweden wieder sowohl ihr Wappen wie ihren König betrachten können. Sag all dieses in Demut vom Grothusen!«
Als alles zum Aufbruch geordnet wurde, salutierte Grothusen mit dem Haudegen vor seiner siebzigjährigen Dame. Während er die Straßen entlang ritt, winkte er den neugierigen Mädchen an Fenstern und in zusammengeschossenen Verkaufsbuden, und zum erstenmal seit Demotica donnerte seine Trommel mit voller Stimme. Es gab ein solches Echo von den Kirchenmauern, daß es dem dumpfen Rollen feindlicher Feldstücke glich. Unerschrocken, erregt ratschlagte Düker unten vor seiner Treppe mit dem König. Auf Bassewitzens erbittertes Geflüster über Görtz horchend, ritt Daldorff unter den Generalen, und der kleine Cronstedt klopfte seinem Stückjunker auf die Schulter. Bald eilte er nach der einen Seite, bald nach der anderen. Er untersuchte seine schnellfeuernden Kanonen, wie ein guter Stallmeister seine Pferde, und mitunter polierte er mit dem Zipfel seines Mantels die neuerfundenen Polhemschen Richtschrauben.
»Es wird ein harter Kampf,« sagte er, »und erst wenn Seine Majestät auf schwedischem Boden steht, will ich den Königsritt geglückt nennen.«
Die Herbststürme brausten in ihrem Dämmerlicht über Rügen, und es ächzte und stöhnte in den Klüften und an der Küste. Kein Stern erzählte von Gottes Güte, und als die Truppen zum Gottesdienst aufgestellt waren, erscholl aus des Predigers Mund das alte Rächerwort des Testamentes. Die Schweden hatten jetzt solchen Mangel an Leuten, daß sie als Vorposten angebundene Hunde ausstellen ließen, deren klagendes Geheul das Rauschen der Brandung unterbrach.
»Es bedeutet den Tod, wenn die Hunde winseln,« sagten die Soldaten.
Das Landvolk wurde mit Äxten und Sensen bewaffnet, aber durch den Regennebel geschützt, näherten sich die Feinde dem Strande und setzten schließlich draußen am nächsten unbewachten Dorfe, Stresow, mehr als zehntausend Mann an Land. Der Wind riß die Nebel weg, und der Mond stieg klar auf über der verödeten Gegend. Schon um die dritte Stunde der Nacht krochen die von den Feinden ausgestellten Feldwachen vorsichtig über den Sand zurück und meldeten, daß die Schweden sich näherten.
Der König stand einen Augenblick, um seinen Mantel abzuhaken, und wandte sich zu Daldorff und den Leibtrabanten:
»Die Jahre sind verflossen. Wir haben es gut zusammen gehabt! Wer weiß, wann das Blei im Schmelzlöffel siedet, das unser Tod wird.«
Grothusen zog von seiner Brust einen gelben Handschuhstulpen zwischen den Rockknöpfen hervor und antwortete: