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Die erste Auflage dieses Buches ist im Jahre 1913 erschienen. Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Schuster & Loeffler, Berlin 1913
Waldemar Bonsels
Das Anjekind
Eine Erzählung
Elfte bis fünfundzwanzigste Auflage
Verlegt bei Schuster & Loeffler
Berlin und Leipzig
1918
Druck
der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Kapitelübersicht
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Seite |
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[Erstes Kapitel] |
5 |
| [Zweites Kapitel] | 31 |
| [Drittes Kapitel] | 44 |
| [Viertes Kapitel] | 58 |
| [Fünftes Kapitel] | 65 |
| [Sechstes Kapitel] | 76 |
| [Siebentes Kapitel] | 88 |
| [Achtes Kapitel] | 102 |
| [Neuntes Kapitel] | 118 |
| [Zehntes Kapitel] | 126 |
| [Elftes Kapitel] | 134 |
| [Zwölftes Kapitel] | 146 |
| [Dreizehntes Kapitel] | 156 |
| [Vierzehntes Kapitel] | 168 |
[Erstes Kapitel]
Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu erzählen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlaßte, das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist.
Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einöde tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgründen, die es durchfließt, wie von Trauer und Schwermut erfüllt worden ist, liegt das Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die die Einöde genannt wird und die als unzugängig und verwildert gilt. In Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hieß, trotz seiner Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer der einträglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet und reich. Er hatte das Anwesen früh und allein geerbt und gut bewirtschaftet, so daß er als wohlbestellt und glücklich von manchem beneidet worden wäre, wenn nicht ein schwermütiger Hang zum Grübeln sein Leben verdunkelt hätte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jähzorn ausarten konnte. Da die Ausbrüche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es verbreiteten sich Meinungen über die Beschaffenheit seiner Seele, die dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner zu entziehen. Das altbewährte Gesinde und die Tagelöhner seines Hofes, worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber übertrug die Zurückhaltung der Dorfbewohner sich langsam auch auf sie.
Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Höfen, nicht nur, daß er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine Gehilfen in den Scheunen und auf den Äckern dienten ihm in einer Art andächtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wäre, wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzüge gehabt hätte, die ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die den Dienenden nicht entwürdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn.
Gerom war fünfunddreißig Jahre alt, als die dänische Malerin Angelika Lett nach Gorching kam. Ein städtischer Reisewagen hielt unter der großen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die ermüdeten Pferde tauchten ihre dunklen Mäuler bedächtig und gierig in das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die Fremde befangen und zurückhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches und buntes Gepäck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger größerer Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Päckchen und Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unförmigen kleinen Ballen, alle Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame stand auf den Steinstufen, überzählte alles sorgfältig und lachte den Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der Linde bildeten.
Es hätte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, daß sie schön sei, aber ihre Erscheinung gehörte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas aufgehoben wird. Man könnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz ihrer Seele in allem Körperlichen ihres Wesens nennen, daß darüber jede besondere Wertung einzelner Züge oder Bewegungen aufgehoben zu sein schien. Man müßte es der Wärme des Lichts vergleichen oder der heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der äußeren Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehörigkeit ihrer Wesen zu verspüren.
Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa dreißig Jahre alt. Sie hob das Mißtrauen und die Besorgnisse der Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch große Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbständigkeit ihrer Handlungsweise auf, die bei aller Zurückhaltung etwas Wohltuendes hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelöhners, wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten ins Moorgelände. Sie schleppten das leichte Gerüst zu zweien wie eine kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stießen abwechselnd an das blanke Holz des schönen Kastens mit seinen blinkenden Schlössern. Angelikas Sommerhut, groß wie ein Schirm, warf seinen runden Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses Amt die berühmtesten Knaben in Gorching.
Eines Morgens schickte das junge Mädchen die Knaben bei einem Hof außerhalb des Dorfes mit dem Malgerät ins Gasthaus zurück und blieb vor den Ringmauern und dem hohen Tor der Einfahrt stehen. War sie denn hier noch niemals vorübergekommen, daß sie diese Schönheit nicht früher gesehn hatte? Sie schaute die Birkenallee zurück, die schlecht gepflegte Landstraße zog sich unruhig und doch friedlich über die kaum merklichen Hügel des Geländes dahin, und an ihrem Ende sah man den Turm der Gorchinger Kirche. Die Straße war bewachsen, und nur die beiden Furten, die von den Rädern der Wagen stammten, gaben ihr ihr melancholisches Gepräge, jenen seltenen Reiz des Berührbaren im Unberührten, und zugleich jene Zeitlosigkeit, die nur solchen Menschenwerken anhaftet, die ihr Wesen durch die Jahrhunderte nicht verändern. Der lichte Birkenschatten verschleierte den stillen Zug der Furchen in diesem Bild.
Angelika betrachtete nun die Einfahrt zu jenem Hof, bei dem sie haltgemacht hatte, genauer. Die Jahre hatten das glorreiche Werk ihres Ausgleichs nahezu vollendet und den Steinen der Ringmauern jene Farben und jenes Schimmern verliehen, die nur sie geben können. Hin und wieder brach aus der grünen Gartenwelt, die die Mauer verbarg, ein Rankennetz von wildem Wein durch einen Spalt, oder über ihre Ziegelborde leuchteten die weißen Teller des blühenden Holunders aus dunklen Kuppeln über das Erdgrau dieser ehrwürdigen Wälle. Einzelne große Tannen wirkten beinahe ganz schwarz; zur Rechten, wo die Mauer nach hinten einbog, lag unter Weiden ein großer Teich.
Angelika trat langsam durch den Torbogen in den inneren Hof ein, an dessen Ende das große Bauernhaus lag, das den Eindruck eines alten Herrenhauses machte; es war einstöckig und mit Ziegeln gedeckt, die Terrasse war zur Rechten und zur Linken von Akazien umstanden, und auf dem großen, wohlgepflegten Rasenplatz saßen weiße Tauben in der Sonne. Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen zur Linken waren schneeweiß getüncht und mit Stroh gedeckt, sie zogen sich, wie es Angelika erschien, noch weit zur Seite hin, wie es zur Rechten der dunkle Garten tat, der durch einen Bretterzaun vom Hofplatz getrennt war.
Das Wohnhaus fesselte die junge Malerin am meisten; es war von jener schlichten Schönheit, die nur die edle Einfalt der Zweckmäßigkeit und die Menschenerfahrung der Jahrhunderte geben können. Aus seinem Bereich schien alle Willkür des vergänglichen Zeitgeschmacks verbannt, streng und erhaben stand es in seiner freien Klarheit auf dem Erdgrund, und eine unbestimmbare Traurigkeit ging von ihm aus.
Aus einer der Scheunenausfahrten wurde ein Landwagen geschafft, der nicht eben sonderlich vornehm, aber von großer Gediegenheit zu sein schien, die Knechte wuschen mit Schwämmen die gelben Räder, und ein Bursche führte die Pferde hinter dem Stall hervor. Ein wenig beiseit stand ein großer, ernster Mann, der schweigsam ihrem Treiben zusah, sein dunkles Haupt- und Barthaar wirkte beinahe ganz schwarz, seine aufmerksamen Augen hatten bei ihrer verschonten Klarheit etwas grüblerisch Benommenes, man war versucht, es träumerisch zu nennen, wenn solch ein Wort nicht allem an der starken und trotzigen Erscheinung widersprochen hätte.
Es war Vinzenz Gerom, der dort auf seinem Hof stand, und an diesem Morgen lernte Angelika ihn kennen.
Er soll auf sie zugetreten sein, als er sie erblickt hatte, mit einer ganz eigenen Bestimmtheit. Er ergriff ihre Hand zur Begrüßung, ohne zu lächeln, mit einem harten, beinahe verstockten Griff, und hielt sie fest. Die Leute, die ihn heimlich beobachteten, sollen den Eindruck gehabt haben, als sei Angelika eine alte Bekannte von ihm, aber es ist nicht der Fall gewesen, obgleich auch sein tiefes Aufatmen etwas von der Befreitheit nach einer langen Erwartung der Trennung gehabt haben mag. Sie lächelte neugierig und befangen, aber ohne Herablassung über diesen jungen Landmann, dessen hilflose Gastfreundlichkeit sie fesselte, und so war Gerom der erste in Gorching, der Angelika von einer neuen Seite kennenlernte, denn sie begegnete ihm mit einem kindlichen Frohsinn, der die Strenge ihres klugen Verhaltens in Arglosigkeit und Lieblichkeit verkehrte.
Es geschah dann, daß Angelika einige Tage nach dieser Begegnung in das Landhaus Geroms einzog, der ihr die Zimmer des rechten Flügels einräumte, drei hohe, altmodisch hergerichtete Räume, in deren erstem ein dunkler Kamin aus blinkenden Kacheln stand. Die Fenster lagen tief und teilweise verhüllt von grünen Ranken, die nun mit geheimnisvollem Flüstern das Licht und die Stimmen des großen Sommers einließen.
Es ging scheinbar eine entscheidende Wandlung im Wesen Vinzenz Geroms vor sich, im Grunde entfalteten sich nur die verborgenen Kräfte seiner Seele unter dem wehmütigen und kindhaften Lächeln des Mädchens, das in seinem Hause und Herzen zu Gast gekommen war. Angelikas Lächeln, von dem es erschien, als bräche es durch heiße Schleier einer verborgenen Traurigkeit, hatte jene überwindende Forderung des Frauenwesens, der das Gemüt des Mannes in Verlangen oder in Taten zu folgen gezwungen ist. In solchem Frauenlächeln naht den Sinnen die Anklage der Menschenunschuld, die um der Liebe willen zerstört zu werden scheint, und die auch immer zerstört wird, wenn die Liebe nicht darüber wacht, darum ist es, als ob dieses wehmütige Lächeln einer gefährdeten Unschuld Liebe heraufbeschwöre, wie eine edle Handlung die Ergriffenheit der Barmherzigen.
Nach außen hin erschien Gerom beinahe finsterer und verschlossener als zuvor, vielleicht weil er wußte, daß man ihm sein Handeln übel nachsah, und weil er fühlte, daß er es vor anderen so wenig zu erklären oder zu rechtfertigen in der Lage war, wie anfänglich vor sich selbst. Angelika wurde seine Schutzbefohlene. Oft erschien es ihm kaum ausdenkbar, daß sie den Ansturm des Lebens ohne seine Hilfe jemals hatte bestehn können. Er sprach mit niemandem über sie und duldete kaum, daß in seiner Gegenwart ein Wort über sie fiel.
Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zärtliche Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmütigsten die Kraft zum Spott. Es war, als hütete er an der Schwelle der Erdennacht ein Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen einer großen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so wohl ansteht, der seiner Kraft so gewiß ist, daß er sie nicht durch Rauheit zu erweisen wünscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren Ähren hoch standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im Westen über dem Land zurückgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er hatte seinen Arm schützend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weißen Kleid, hilflos und traurig, bis plötzlich ihr Lachen weich und wie aus voller, tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn, als ihr eigenes Gemüt enthält, so entstanden böse und häßliche Gerüchte neben Erstaunen oder Rührung.
Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den Großknecht Gerüchte zu Ohren, die ihn erbleichen ließen. Er ging vom Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die Landstraße, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er kundtat, daß er sich mit Angelika Lett zu vermählen gedächte, und darum bat, daß dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben würde.
Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und hohes Ansehen genoß, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in Stand und Lebensgewohnheiten sehr groß, und von der Fremden wußte niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen eine vollgültige Erklärung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und selbständiger Charakter und ein Mann von Gefühlskräften und natürlicher Klugheit. Alles übrige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der Lebensbetrachtung und der äußeren Verhältnisse, Gebiete, auf welchen Charaktere sich leicht einander fügen lernen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mühelos, dem stolzen Mann ihre Wünsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die Bewußtseinswelt seines Werts zu heben.
Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen für sich, es war eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht, das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit der sie seine schüchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen einer großen Liebe alles kleine Forschen verhindert.
So war es gewiß keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn umwölkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fühlte, daß niemals etwas geschehn sein konnte, was den Wert des Mädchens herabgesetzt hatte, aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhöht haben mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet hätten, wäre er nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er fürchtete vielmehr, daß es eine große Tugend sein könnte, die ihr Leid gebracht hatte.
Zu den äußeren Anlässen solcher Besorgnisse gehörten die Briefe, die Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der aufreibenden Qual ihrer Erwartung, über die niemand sprach. Die schmerzliche Erlösung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein fröhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so tief entwürdigen, etwas in Angelikas Leben für schöner und größer zu halten, als das, was sie ihm gab.
An einem klaren Abend des Spätsommers wurde Angelika von einem Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und hängendem Köpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam Unbekümmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd auf den Feldern.
Was geschehn ist, weiß niemand, es blieb allen in Gorching verborgen. Man hörte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes, unterdrücktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern, das die Magd für heimliches Lachen hielt. Angelika kam spät zurück, sie war über die Landstraße gelaufen, klein und weiß, durch die hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weißlichen Meeren dahin, die der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Großknecht ließ sie ein, während die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit umher mit ihrem wütenden Bellen erfüllten.
Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war, erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstört, wenn sie nicht alles diesen Händen anvertraute, die sie einst erhoben und erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwürdigt und geheilt. Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmütigem Lächeln gedachte sie der Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es gibt einen Zustand erschöpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Kräfte des Lebens und die Kräfte des Todes einander die Wage halten, über den Trümmern des eigenen Willens.
Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. »Du bist blaß, Angelika, du bist sehr blaß«, sagte er. Er ritt gleich darauf schweigend fort. So weiß er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote aus dem Gasthof.
Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinübergegangen. Gerom kam nicht. Sie saß im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie niederzuklimmen, und als sie sich rötlich färbte, weinte die junge Frau vor Schwäche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinüber, quer über die gemähten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind.
Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und schüttelte die Faust nach Geroms Hof hinüber. »Du kannst nicht helfen«, schrie sie laut. »Du bist ein Schwächling bei all deiner Kraft, deiner Güte …« Sie ließ sich nieder und weinte. Bestaubt und todmüde, mit entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an.
Nun paßten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er, verwildert und bleich zu den Ausgestoßenen der Irdischen zu gehören schien. Es war unfaßlich, wie rasch die Nähe dieses Mannes ihr ganzes Wesen verändert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelöst, soviel ist gewiß, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu häßlich für alle Augen, die sie früher gesehen hatten. Aber es war eine eigenartige Häßlichkeit, eine Häßlichkeit von göttlichem Ursprung, der schützende Erdenmantel über den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen.
Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig, vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, während sie sprach. Wenn er sich zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schön sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet und kränklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hände und ihr Atem voll Glut und Unfrieden.
»Ach,« antwortete er ihrem Geständnis mit seinem klugen und traurigen Lächeln, »ein Kind trägst du von ihm, von ihm trägst du ein Kind, Anje …«
»Wenn ich ein Kind von dir geboren hätte,« sagte sie fest, »so würde ich um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich wäre nicht über die Felder gelaufen …«
Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann drückte er sie so an sich, daß sie leise aufschrie.
Sie fragte aber doch: »Liebster, und daß es nun so ist, ich meine, daß ich sein Kind trage, quält dich das nicht? Gerom würde dich töten, wenn du nur deine Hand auf meine Haare legtest.«
»Ihm gehören auch nicht einmal diese Haare«, sagte er liebevoll und sicher, und strich sie ihr von den Schläfen, legte sie hart an das ungeduldige Köpfchen, so daß er es ganz in seinen beiden Händen hielt, und betrachtete so ihr Gesicht.
»Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.«
»Ich hätte so gern gelebt«, sagte sie deutlich.
Es mußte wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein, der ihm plötzlich die Stirn umwölkte. Er ließ sie los. Seine Augen fragten sie etwas, es mußte eine Frage sein, deren Bedeutung oft zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief schmerzvoll:
»Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von deiner reißen.« Und darauf legte sie ihm plötzlich die Hände auf die Schultern, sah ihn heiß und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und fragte mit einem schrecklichen und süßen Lächeln: »Nicht wahr, ich töte dich, nicht wahr? Sag', wodurch töte ich dich, sag' es mir doch …«
Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte.
Nach einer Weile wurde die Türklinke niedergedrückt und, da die Tür verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er fühlte es, ohne es zu wissen. Dann erschütterte ein furchtbares Krachen die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und kindlich zu lachen an.
Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam.
»Ich hätte Ihnen auch geöffnet«, sagte er gelassen, aber so kalt, daß die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tür, als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen Äxten zerschnitten werden. Jetzt, da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die ruhig, mit herabhängenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich hilflos erschienen, er empfand die große Stille ihrer Seele nicht, deren Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie vor Freude in dem Bewußtsein, daß die Kraft seines Wesens bis an die Pforten eines ewigen Reichs triumphieren würde. Und nun mochte kommen was wollte.
Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht, Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht unterscheiden konnte.
»Wenn Sie mit mir sprechen wollen …« sagte der Fremde. Es erschien, als dächte er an ganz andere Dinge. Angelika wußte, wer der Stärkere war.
Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr:
»Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!«
Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in gewohnter Weise:
»So – –, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.«
Er stöhnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wäre. Sie sah fragend zu ihrem Geliebten hinüber. Er nickte:
»Ja, geh heim.« Und dann sagte er zu Gerom:
»Wir wollen hinausgehn, wir können ja draußen reden, wenn Sie wollen.« Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter, bedrohlicher Schatten.
Angelika langte in Geroms Hof an, als es längst Nacht war. Eine alte Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Spätsommernächten schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbündel im Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des Geländers gelehnt und notdürftig auf ihren Arm gestützt.
Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und lebendig.
Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen, diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte vergessen worden sein, sie aufzuziehen.
Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.
Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.
Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.
Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah, denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.
Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.
»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!«
Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun. Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war.
Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz dringen.
»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich getan hab'.«
Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott weiß es …
Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen: »Draußen …«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände.
»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was soll ich tun?!«
»Du,« sagte er rasch, »du – bist ja ein Kind … geh hinaus, glätte sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände zusammen …«
Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel.
Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. – Ich werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr … könnt nicht leben und könnt nicht sterben.«
[Zweites Kapitel]
Ungefähr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer jener kleinen Provinzstädte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille nur Dänemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mädchen geboren, das auf den Namen Angelika Gerom getauft worden war.
Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken läuteten, zu Fuß nach Gorching zurück. Er würde wohl von niemandem erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt hätte. Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrübt.
Er bekümmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden, soviel war gewiß. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es schien, als gewänne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu vernichten, ohne daß er seinem Herzen die letzten irdischen Grüße der Frau vergönnte, die er geliebt und getötet hatte. Der Gedanke an sein Kind, von dessen Dasein er wußte, veranlaßte ihn endlich, das Schreiben zu lesen.
Es mußte in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfaßt worden sein, denn die Schriftzüge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel für diese Worte genommen; einen Augenblick überkam Gerom eine Regung von Erbarmen, und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, daß dies der erste und zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte. Der Brief enthielt folgende Worte:
An Vinzenz Gerom.
Ich muß sterben. Ich kann nicht mehr darüber sprechen, was du mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht würde ich auch nicht das Richtige sagen können, es sollen meine Hoffnungen und meine ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die über mich hereinbricht. Ich danke dir für die Lebensbarmherzigkeit, die ich für kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke dir für Anje, mein Kind, oh ich möchte dir danken ohne Ende. Ich will, daß du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu dir nimmst, höre mich an, ich will es. Ich fürchte nicht um sie, und weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind in deine Hände zu befehlen, denn ich weiß, daß du einmal in deinem Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen kannst, was die Menschen dir zugefügt haben.
Angelika.
Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhängenden Hand, ihm ward langsam in aufdämmernden Gewißheiten mehr und mehr zu Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von Bitternis gehüteten Träume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, daß jener verhängnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glück gebracht hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er hatte sich wieder und wieder klar gemacht, daß im Grunde ihre Liebe ihm gehören müsse, denn er konnte nicht glauben, daß die zärtlichen Gebärden einer so stürmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehören sollten. Aber nun fühlte er, daß aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks, hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter ihrem Manne für ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schloß sie ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus, die ihn allein hätte versöhnen können, und sie verwandelte sein Zugehörigkeitsgefühl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit.
Ich bin in Wahrheit ein Mörder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein gewalttätiger Hüter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese Tote mir durch ihr Vermächtnis den Frieden meines Daseins zertrümmert. Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine Genugtuung, vergeben zu können.
So beschloß Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfüllen, und sein Kind in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war stärker als sein Entschluß. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, daß irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten müsse, die Angelika gemeint hatte, der einfältige Ausgleich zum Bestand, der in den großen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief verfaßte, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hände und seine Lippen, und die neue Demütigung, die seine Liebe ihm auferlegte, überwältigte ihn zu Tränen, die über sein unbewegliches Gesicht in den ergrauten Bart tropften.
Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine großen Hände und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und nicht traurig, sein Gemüt schien kaum bewegt. Vergrämt forschte er in dem blassen Kindergesicht und strich endlich zögernd über das helle Haar. Da legte das von der weiten Reise ermüdete und geängstigte Kind hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die Wange an seine Schulter. –
Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines reichen und erträglichen Besitzes einen großen Landstrich der Einöde, den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort ließ er in den dichten Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem, was ein Einsiedlerleben möglich machte, nahm eines Tages sein Kind an die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frühlingsland seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war ein großer, häßlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein Kopf hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit dem eines Affen, und seine hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief unter den Stirnfalten und waren das Gutmütigste der Welt.
Wie Anje in der Einöde heranwuchs, wußte sich niemand recht zu erklären, hätte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht zuweilen des Kindes angenommen, so wäre die kleine Menschenblüte vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkümmert, in die Gerom sein düsteres Dasein hüllte. Er mied die Menschen in einem Haß, den Jahr um Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man ließ ihn in Furcht und Mitleid gewähren und vergaß ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken zitternd, aus dem Moor zurück, es seien dort draußen Wunder geschehen, das Land blühte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu stecken, wenn man ihm sein Kind nähme.
Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhütte. In vergangenen Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte Speisevorräte und Getränke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr, wenn es sein mußte, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einöde und war so von Weiden, Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, daß es im Sommer niemand fand, der nicht darum wußte, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg, verriet es zuweilen.
Wie alt Onne war, wußte niemand, sie hatte längst die Jahre erreicht, nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt Menschen, die der Tod vergißt. Die Urenkel sehen solch ein Väterchen oder Mütterlein laufen und wissen, daß schon ihre Eltern sie nicht anders gekannt haben. Sie können nicht sterben, gut, so leben sie denn, und bisweilen mit unverständlicher Geistesfrische und wie in einer neuen Jugend der Seele.
Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte man lange darüber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas Unförmiges in grauer und brauner Tönung, in Farben, die sich der Umgebung angepaßt hatten, nahte sich in holperigen Sprüngen, übereifrig und doch langsam. Endlich erkannte man mühsam einen weißen Scheitel, unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die Krümmung des Rückens überragten ihn, und die Knie der Schreitenden schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berühren.
Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens, der ursprünglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier Räder alle von verschiedener Größe waren, es schien so, als habe sich der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepaßt.
Die Landleute nannten Onne »die Sackziege«. Wenn im Abendrot gegen den Horizont die merkwürdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen zu entschwinden, so wußte man, daß es ein Freitag gewesen war.
Onne war es übrigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, daß sie Anje kennen lernte. Die alte Frau war keineswegs lächerlich oder einfältig, wie diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten oder nach den Lästerungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat Freunde und Feinde, deren Regungen für und gegen sie, sich bis zur Liebe oder bis zum Haß gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines Menschen sicherer einzuschätzen, als nach kleinen Einzelzügen oder aus guten oder schlechten Eigenschaften. So gehörte sie auch durchaus nicht zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprüche oder Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte. So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei manchen auslöste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung, sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus dem Wert ihres Herzens.
Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit Gerom, und obgleich sie schweigsam und spöttisch war, ging ihr Einfluß weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekräftigung, wenn einer Meinung hinzugefügt wurde: Onne hat es gesagt. So hieß es, der letzte Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen müssen, niemand wußte recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt hatte. Es war ihm ein böser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit bittersüßem Lächeln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: »Unter Euch Gerechten gibt es nur drei Weltbürger, die hausen im Moor.« Da der Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften hatte, die die Obrigkeit der Dörfer zuweilen auszeichnet, so dachte er für die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll über solche Leute, wie etwa der Pfarrer sie unter »Weltbürgern« verstanden haben mochte.
Onne sagte zu Gerom: »Der Pfarrer hätte bleiben sollen, er war ein guter Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem Schwanz voranläuft?«
Es war übrigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu müssen, so gehörten nur sehr wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwählten. Sie sprudelte ihre Worte zunächst heraus, schien sie dann wieder einzufangen und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte sie sie durch eine große Zahnlücke nach links, dort mußte man aufpassen, denn nun waren sie am verständlichsten.
Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflößt, und die Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer großen Liebe geworden. Onne verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wußte, daß Menschen von selbständigen Kräften der Empfindung sich in ihrer Jugend nicht durch Beständigkeit oder Gleichmaß der Herzensregungen auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mädchen den hilflosen Unbestand der Empfänglichen.
Sie hatte zuweilen den Versuch gemacht, Anje mit unter Menschen zu nehmen, aber Gerom wollte es nicht, und als sie das Kind einmal heimlich zu überreden trachtete, stieß sie auf Widerstand. Da ergab sich die kluge alte Frau und überließ Anje dem Walten der großen Wälder, dem beständigen Wechsel der Jahreszeiten, dem geduldigen Land und den himmlischen Botschaften des Windes.
[Drittes Kapitel]
Wenn Hirte, der große gelbe Hund, durch die veränderten Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner Erfahrungen als überflüssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen Eifer nicht auf, den Ansprüchen gerecht zu werden, die man an ihn stellte. Er hatte bald herausgebracht, daß es im Grunde Anje war, die seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen Ausschließlichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der kleinen von Träumen bedrängten Brust entwich, und horchte auf das Ticken des Regens, oder das Rascheln der nächtlichen Tiere im Laub. Schon ein Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stieß, weckte ihn auf. Wenn Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete, benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu gähnen, was bisweilen notwendig war, aber er würde es nicht gewagt haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief.
Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der seinen, er saß in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein Maul etwas geöffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und freundlich. Überhaupt war Hirtes Heiterkeit von großer Beständigkeit, immer lag sein Frohsinn im glücklichen Streit mit der Schwermut seiner tierhaften Befangenheit.
Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes ergebene Liebe wie ein selbstverständliches Gut entgegen. Die Sonne über dem Bach und über den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die Lieder der Vögel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der Bäume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer kleinen braunen Hände und das göttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm die Güter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen können, und ihr irdischer und himmlischer Gott, der Herr über alles, was sie umgab, war ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Güte und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann, wenn ein junges Gemüt Stunde für Stunde eine Liebe empfindet, in deren herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fällt, die unberührbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint, als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in einem heiligen Abstand.
Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur Hingabe für seine Erdenzeit verloren. So entströmte ihm scheinbar die Fülle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt bringt.
Es war wunderbar genug, daß Anje ihn nicht fürchtete, denn sein Gesicht verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermüdete darüber nicht, ihre Zärtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm überhand an demütiger Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer Müdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darüber, wie furchtbar die Wirkung war. Das kleine Mädchen erschauerte und sank mit Zittern an seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel gepreßt, wagte nicht sich zu rühren und sagte kein Wort. Es war, als verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glück ertragen zu können. Gerom erbebte und brüllte fast:
»Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!«
Sie erhob sich und lächelte, ihre Lippen waren beinahe weiß. Sie verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, daß es erschüttern mußte, so viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit großen Schritten hinaus.
Er würde wohl auf seine finstre und überlegene Art gelächelt haben, wenn Onne ihm erzählt hätte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind, daß sich denken ließe. Aber die Alte hütete sich wohl, auch wollte Gerom von niemandem etwas über sein Kind hören. Sie begriff das Verlangen nach Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich auf ihre Art.
Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Hütte zugebracht, wie es oft geschah, aber diesmal mußte Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hühner hielt, sich mit der Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so ließ sie das Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Hütte zu, wie ein Bär stürmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, daß das Buschwerk sein graues Haar verwüstete, und seine Blicke waren vor Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er plötzlich inne, ging langsam, strich über seine Schläfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart lächeln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lächeln sehn.
»Was ist geschehn?«, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die betauten Büsche in den Wald, und es tropfte von den Blättern.
»Was soll geschehn sein?«, fragte Gerom düster und schaute auf das dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage nicht, die sein Gemüt zerdrückte. Onnes welkes, altes Herz wärmte sich in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie längst begriffen hatte, was Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje … mag sie schlafen, wo sie will.« Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in Besorgnis, die Liebe des kleinen Mädchens zu ihrem Vater möchte sich jemals in Bitterkeit verkehren.
Aber so sicherlich für gewöhnlich die Neigung eines jungen Gemüts in Zärtlichkeit aufblüht, so eigenartig war es, daß Anjes Verlangen danach sich nicht auf Hirte übertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkür zu leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach sinnfälligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das mußte ertragen werden, aber daß er schwer daran trug, sah man seinen Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um den Willen der gebannten Seele mühten. Nur wenn sie miteinander einen schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet, weil es verständlich war, daß gern beide den Pfad benutzen, und weil Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte.
Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschätzte und der er mit großer Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins erfüllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmütig vor Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz würdigen zu können, mußte man ihn an diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise dadurch geschmälert wurde, daß Anjes ganze Kleidung aus einem grauen Leinenkittel und einem Gürtel bestand und daß niemals jemand den Wald betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er Landstreicher oder Straßenräuber.
Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem Haar und horchte auf das heitere Plätschern des Wassers. Man mußte beim Lauschen den Kopf schräg halten und wenn möglich für kurz die Blicke in eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel war noch da.
Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag, durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die Frösche noch nicht aufgestört waren, und man beobachten konnte, wie sie mit einem langen Satz flüchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine Autorität erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm außerordentlich erstaunlich, daß man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu spät war, sie zu erwischen, und daß man sie niemals im Wasser wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, daß es ihm vor Jahren einmal gelungen war.
Dann kam die Stunde im Ufergrün, wo sie nebeneinander in der Sonne trocknen mußten. Es war herrlich, mit müden und glücklichen Blicken das Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom Wasser her mit in seine Träume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein warmes Glück, das in goldgrünem Schimmer über die Erde zog. Der Himmel kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Körper und die Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus der Höhe, die Stimmen der Insekten und das Flüstern der Blätter ließen sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. –
Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzüge in die Wildnis der Einöde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je länger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbständigkeit und ihrer Kraft, auch war Verlaß auf Hirte, der immer dabei sein wollte, wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen Birkenbestände im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestürzten Stämmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern nichts grünte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder violette Blumen, deren gedrängte Blüten an einem saftigen Stengel saßen, und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten. Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Gründe hin, deren Ende niemand zu kennen schien, und gegen Süden der schwarze Tannenwald, dessen Bäume so dicht standen, daß kein Sonnenstrahl bis auf den braunen Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spät durch die hängenden Zweige hinein, zwischen die Stämme am Boden und trug himmlische Wunder voll dunkler Glut in seine Totenstille. –
Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.
Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt, sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang. Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert, der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte. Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten Gestalten, aus ihrer Seele empor.
»Hirte,« sagte sie, »hörst du?«
Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.
Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still und aufrecht.
Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck, versuchte Anje zu singen.
Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen, langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme, wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her, lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus den Nebelgründen und dankte dem Mond.
Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.«
[Viertes Kapitel]
Anjes Leben war glücklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden Gefährten, sie kannte die Pflanzen und wußte, wann ihre Knospen aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei Insekten sie besuchten. Sie fühlte den Regen kommen, bevor noch die Kühle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der Wind wechseln und woher er kommen würde. Die Tiere und die Wolkenbilder am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen würde, und die Vögel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wußte, ob der Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die Geschöpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten verkündeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spät in die Nacht hinein.
Anje hörte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in den Händen und die Hände im Gras. Sie wußte, daß die Sonne im Westen schon tief stand, und lauschte. Dann fühlte sie die unhörbaren Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glühenden Sonnenballs versank.
Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den Ansprüchen ihrer stummen Lebensgefährten. Hirte hörte sie seltsame Dinge sagen, und es wurde ihm mancherlei erklärt, von dem er, bei all seiner Bescheidenheit, eine überlegene Meinung bewahrte. Anje erzählte ihm vom klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verändern könnte, die Luft ängstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern.
Anje hatte große Furcht vor allen Geräuschen, die nicht dem selbsttätigen Leben der Geschöpfe entsprangen, die Stille der Natur war das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele. Als sie einst zum erstenmal hörte, wie ihr Vater einen Ast zersägte, weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel später begriff sie die scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens verbinden. Sie hatte lange den Marder gehaßt, der die Nester der Vögel zerstörte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom Sturm gefällte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jämmerlich klagten, Nahrung brachte, und sie sah, daß es ein nackter Vogel war, den er ihnen zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, daß die Natur des Mitleids und der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufügen glaubte, nahm man ihr gewiß an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mächtig.
Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Kräfte froh, die mit ihrer Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewächse, wie sie sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darüber erkannte sie, daß ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie half den Pflanzen nicht, sondern ließ ihnen ihr Wesen. Die Bäume, die großen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Blätter zuerst, und immer dieselben Äste empfingen im Wipfel die Morgenglut. Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glück ihrer Kräfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bäume, die schön und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich zwischen die großen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie vergaß ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener.
Zu ihrer größten Freude gehörte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge oder den Beschäftigungen der Käfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glück, wenn sie mit einer Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der duftenden Halle schlug auch über ihr zusammen, sie begriff die Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an ihren Stielen, wenn ein geflügeltes Tier ankam, und so verband sich oft ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der gleichen Blüte, so ließen sie einander vorüber, ohne sich zu stören, das kam, weil der Reichtum an Blumen unermeßlich war.
Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite erhoben sich die Kuppeln der Bäume vereinzelt oder in Gruppen, die das Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschloß und verkleinerte. Das bunte Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren Ahnungen von zukünftigem Geschehn. Gegen Süden verschloß das schwarze Band des Föhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krähen, deren Flug man am längsten mit den Blicken folgen konnte.
Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flüstern bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der Wolkenzüge, die er in grauen Massen über die Erde dahintrieb oder der Sonne entgegen, in deren Wärme die weißen im Blau zergingen. Er bediente sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getöse anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob, so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflügelte die Seele, die sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner Stille zu finden war.
Er drang wie das Licht überall hin, und niemand entging seinen Berührungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten, bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, daß er ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man fühlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die Augenlider berührte, weil darüber das Blut kühl und glücklich wurde.
Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie kühlten das Wasser für den Morgen, schaukelten die Zweige der Büsche und kamen aus dem Wald in die Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin über die Moorseen, im Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurück, als ob sie den Wind erblickt hätte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde sich keiner Einsamkeit bewußt.
[Fünftes Kapitel]
Als Anje so groß geworden war, daß Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saßen, nahm die alte Onne sich ihrer auf etwas veränderte Art an, denn Gerom ließ sein Kind tun, was es wollte, er beschäftigte es niemals und lehnte, wo immer es war, ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes Ding rechtes tun könne, und ob man glaube, er würde nicht selbst mit seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein gesundes Kind von blühender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen und ihr Handeln, das er betört und armselig nannte, und gönnte ihnen in ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder dort zu beschäftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie dadurch in der Nähe ihres Vaters verweilen konnte.
Gerom lebte der Vorstellung, daß alles Bewußtsein des Bösen und jede Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt getragen würde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in Bewunderung für sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig: »Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an, so wie wir sind.«
Onne schaute vor sich hin, ihre grauweißen Haarsträhnen zogen sich arm an den faltigen Schläfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die Farbe welken Laubs hatten und unzählige Fältchen und Risse.
»Gerom,« sagte sie, »das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.«
Gerom sah sie an. »Mütterchen …« sagte er langsam, aber dann erschrak er über den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begnügte sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom läßt sich leben.
In diesem Herbst kam Anje häufiger zu Onne als sonst, und eines Abends, als sie schon die Holzläden der Fenster geschlossen hatten und ein Scheitfeuer auf dem Herd angezündet worden war, ging Onne an ihre Truhe.
Die kleine Anje wußte, daß dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk und seinem Schlüssel, dessen Bart fast so groß war wie ihre Hand, die unerhörtesten Schätze enthielt, und ihre Augen wurden still und groß in der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mühe den schweren Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer seinen Rachen geöffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren Augen flimmerte.
Draußen rüttelte der Herbstwind in den Bäumen, die Tannen sausten und das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem Klappern an, und Hirte, der am Feuer saß, bewegte unablässig die Ohren, und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als bewegte sich alles in ihm.
»Onne,« flüsterte die kleine Anje; ihr war, als müßte sie Einhalt gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hände bis auf den Grund der Schätze hinabgewühlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht über den Truhenrand nach ihr zurück, und sie sah, daß es unter den grauen Strähnen lächelte.
Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen über hatte sie der Alten beim Ausbessern der Hüttenwand geholfen, so gut sie konnte, es mußten Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen werden, der ein morsches Brett halten mußte. Am Mittag hatte sie es ihrem Vater erzählt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine Schulter geladen, die große Säge über den Arm gehängt und den Hammer in die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne.
»Gib her,« sagte er, als er sah, daß Anje die Nägel trug, und nahm sie ihr ab.
Dann war ein gewichtigtes Hämmern und Sägen angegangen, Anje saß vor Stolz glühend neben der Alten am Grabenhang und fühlte, wie groß und stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre winzigen Äuglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter kommen. Anje war später bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es mußte alles im einzelnen nachgeprüft und bewundert werden, wie die Bretter paßten und schlossen und wie sorgfältig die langen Nägel umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich, einen Augenblick zögernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige Angesichter, ein welkes und ein blühendes, in frohem Staunen vor einer kleinen Falltür am Hühnerstall sah, die er dort angebracht hatte, begriff er und ging fort. –
Und nun, bei diesem verheißungsvollen Lächeln der Alten über den Truhenschätzen, war es Anje plötzlich, als ob etwas geschehen sollte, das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschloß alles wieder sorgfältig und reichte das rötliche Ding von verblaßtem Glanz dem Kinde zum Geschenk.
»Hier steht es,« sagte Onne, nahm es zurück, blätterte und versuchte dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, »hör zu, wie ich es lese: ›Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …‹« Sie stockte und gab ihren Gläsern Schuld. »Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du sollst sehn, du wirst es lernen.«
Und zum nächtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblühte der kleinen Anje an ihrem geschützten Platz am alten Feuer das Wunder, daß das Licht der Menschengedanken in gebrechlichen Hüllen bewahrt werden konnte.
Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie hütete das kleine rötliche Buch wie einen heiligen Schrein, der Reichtümer enthielt, aber sie trug kein Verlangen danach, diese Schätze zu heben. Nur die Anfangszeilen des Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt, und ihr einfacher Inhalt beflügelte ihre Träume über die Herrlichkeiten der fremden Welt.
Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefügt, auf dem unter einem grünen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen ließ, und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jäckchen von grellem Blau. Seine weißen Hände waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den Schläfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust rieselte in einer sorgfältigen Zickzacklinie ein Bächlein himbeerfarbenen Bluts, färbte das Gras und verrann auf dem Fußweg, an dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit gespreizten Beinen zwei Männer davonliefen.
Dieses Bild beschäftigte das Gemüt des Kindes ohne Unterlaß. Sie begriff nicht, was die Menschen veranlaßt haben konnte, jenem Fremden die Brust zu verletzen, so daß ihm sein Blut verrann und daß seine großen Augen sich schließen mußten vor Schmerz oder Schwäche. Auch war niemand zu sehn, der ihm hätte helfen können, und der große Eichbaum stand ruhig da im Tageslicht.
Sie zerdrückte eine späte Beere auf ihrer Hand, um den roten Saft auf der Haut fließen zu sehn, aber er lief in einer graden Linie nieder und tropfte ins Gras, es mußte wohl nur das Blut aus dem Herzen sein, das solch gezackte Wege beschrieb. Da verletzte sie ihren Arm mit einem Dorn, aber das Wunder des Bildes erfüllte sich nicht an ihr. Die steigenden warmen Tropfen und ihr schmaler Weg zur Erde nieder, versenkten sie in tiefe Nachdenklichkeit.
Hirte hatte herausgebracht, daß Anje ein Buch besaß, und er betrachtete von der Seite her das bunte Bild darin. Er unternahm den Versuch, mit Hilfe seiner schwarzen Nase zu begreifen, was seinen Augen verschlossen blieb; aber Anje hielt das Buch hoch. –
Langsam lichtete sich nun der Wald, und von Nacht zu Nacht schienen die Sternbilder heller ins Moorland nieder. Anje lag am Waldrand und schickte ihre Gedanken zu ihnen hinauf, es gab keine Hingabe von größerem Frieden als die an die Sterne. Im Bereich ihres erhabenen Lichts erschien es Anje, als würden die lebendigen Wesen der Erdoberfläche einander gleich, und ihre Schicksale unterschieden sich nicht mehr voneinander. Langsam glitt ihr Empfinden in ein Himmelsland von grenzenloser Ausdehnung hinüber, und sie mußte singen. In der Ergriffenheit ihrer Sinne war ihr dann oft, als müßte in der Menschenbrust verborgen ein Heil von unnennbarer Art wohnen.
Sie trat still aus ihrer Tannenfinsternis in die weite Nacht hinaus, beschritt das Moor bis an einen der schwarzen Tümpel und sah die Nacht im Wasser an. Andächtig reckte sie sich vor, bis sie neben den Sternen am Rand des Wasserspiegels ihr Angesicht sah.
Im Winter schlief ihr Herz. Wenn der Schnee das Land bedeckte und die Bäume und Pflanzen in seine reine Kühle bettete, sah sie im wohlbestellten Haus ihres Vaters das Feuer im Kamin an, das ihr den Sommer in ihre Erinnerung rief. Wohl kannte sie die Freude, in die frische Klarheit eines Wintertags hinauszuschreiten, die Spuren der Tiere im Schnee zu suchen, und die Ruhe des schlafenden Waldes als Glück zu empfinden, aber ihr Lebensteil war nur der Sommer. Sie fühlte sich im Winter verlassen und wünschte sich, schlafen zu können, wie es Tiere und Pflanzen taten. Die Traulichkeit des gesicherten Wohnraums ängstigte sie, und oft, wenn sie des Abends von Onnes Haus heimkehrte und den rötlichen Lichtschein des Fensters durch den bläulichen Schnee schimmern sah, war ihr zumut, als müßte sie umkehren, um den Tieren der verlassenen Wildnis nah zu sein, und doch tat sie nichts zu deren Schutz oder Ernährung. Gerom wunderte sich zuweilen im stillen darüber, wenn er von seiner harten Holzarbeit im Winterwald ein erfrorenes oder hungerndes Tier mitbrachte und Anje sah es nicht an.
Aber mit dem Föhn erwachte Anjes Blut in einem seligen Fieber, die Stimme des Wassers gewann Gewalt über sie, und sie lauschte ruhlos auf den Wind. Mit den ersten Weidenkätzchen war sie von Geroms Hof verschwunden, oft fand er im Wald sein Kind wie ein fremdes Wesen. Sie weckt die Blumen, dachte er, weckt die Vögel.
»Was tust du, Anje?«, fragte er sie einmal, als er sie im Weidengebüsch am Moorrand traf.
»Was ich tue?«, fragte sie langsam, hob ihre strahlenden Augen zu den seinen empor und sah ihn an. Ihr Gesicht war ernst, und sie lächelte kaum, aber es war Gerom ums Herz, als ergriffe sie mit ihren beiden Armen den großen Frühling und schüttete ihn über sein Haupt.
Rasch schritt er hinweg, und sein Fuß stampfte schwer im feuchten Grund. Er riß ein paar blühende Weidenzweige ab und nahm sie mit. Was frag ich auch – im Frühling, dachte er, von uneingestandener Beglückung bis auf den Grund seines Herzens bewegt.
[Sechstes Kapitel]
Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rückte den plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der bewegten Gründe, und oft drängte er sich an Anje und verriet Furcht. Das Mädchen wußte, daß der Wald von unsichtbaren Gestalten bevölkert war und verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkür erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhängen, glaubte auch Anje daran, daß die geheimnisvollen Mächte der Natur in unsichtbaren Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der Dämmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran, sie nicht zu erzürnen. Sie rächten ihren Unwillen an allen Wesen, die in ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrängten, nach ihrem Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten, und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das Wild, das ihre Heimstätten entweiht hatte, in die Schlingen der Wilderer, scheuchten die Sumpfvögel in verhängnisvollen Augenblicken aus ihren Schlupfwinkeln auf, so daß sie sich durch ihr Geschrei den Jägern verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor.
Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter gewöhnt, die von den Nachtgeistern plötzlich in ein Stückchen moderndes Holz oder in ein Glühwürmchen verwandelt werden konnten. Sie wußte, daß dieser tote Glanz ungewohnte Augen über seine Nähe oder Entfernung täuschen konnte, sie hatte erfahren, daß solch ein Lichtlein den Blicken oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen konnte, während es doch in Wahrheit dicht vor den getäuschten Blicken totenstill in einem Busch hing.
Aber sie selbst fürchtete die Geister der unberührten Natur nicht, da sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre heimlichen Mittel gegen ihre Willkür und erkennbare Wahrzeichen ihres Schutzes, zu denen das Feuer gehörte. Oft blieb sie nachts am Rand des Tannenwalds, im weißlichen Birkenhain oder in den Weiden der Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerplätze errichtet, dürres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden Tage Träumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der Wirklichkeit vermischte.
Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer hütete, hörte sie die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum Morgen hatte die größte Gewalt über Anjes Seele, es gab nichts für sie in der Welt, was sie andächtiger stimmte, und er erfüllte ihr Wesen mit einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als müßte ihr Herz in zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte zugleich mit derselben Stärke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde sich in solcher Stunde dessen bewußt, daß sie als Mensch allein ihr irdisches Leben verbrachte, und hätte darüber in Tränen ausbrechen können, wie erfüllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser Ergriffenheit überkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu begreifen, daß der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete, und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Füße, die ihr gehörten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, daß ihr Leib dann dem Willen anderer überliefert sein sollte, füllte sie mit Schrecken, sie beschloß, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Gründen des Dickichts unter Ranken und braunem Laub.
Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbüschel, und wenn sie am Tag, mitten im Sonnenschein, ihre Augen schloß, erschien ihr dieser Gegenstand so deutlich, daß sie glaubte ihn greifen zu können. Er trug noch die Spuren ihrer Gedanken wie ein dämmriges Kleid und legte seine Schleier über das tiefe Grau ihrer Augen. –
Es war noch früh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als sie in das Bereich des Schilfes trat, mußte sie vorsichtiger gehen, von den grünen Halmen erhoben sich träge große Libellen mit schwarzblauen Flügeln, es war so still in der Sonne, daß man das Rascheln ihrer Flügel hören konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Fluß eine scharfe Wendung, die Böschung war unterspült und der helle Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an die Knie reichte, und trat langsam, Schritt für Schritt in die kühle Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Böschung aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den überhängenden Uferrand zu erreichen, kehrte dann aber um und schwamm über den Fluß. Die Strömung trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es ihren Augen entschwunden war. Dann ließ sie sich langsam rücklings niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser schlug für einen Augenblick über ihr zusammen, und als sie wieder emportauchte und es aus ihren Haaren schüttelte, erschien ihr die Welt zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und jede neue Welle trug eine Fülle von Frische und Licht. Die Berührungen des Windes erweckten im Blut die fröhlichen Gewißheiten einer Geborgenheit im lebendigen Erdengut.
Als das Mädchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, die Farrenkräuter und das Schilf verdeckten ihn ihren Blicken bis an seine Knie. Seine Hände waren etwas erhoben, er schien wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller Spannung, von der sich schüchtern der Glanz eines großen Entzückens abhob.
Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn nicht, sie empfand auch nicht, daß alles am Gebaren dieses Fremden davon sprach, daß er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot. Er starrte das Mädchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes aufgestört, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nächsten Augenblick in blinder Flucht durch die Büsche zu brechen.
Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt näher wagte, gewahrte er, wie das Mädchen sich ohne ein Wort der Abwehr und ohne eine Gebärde der Furcht langsam niederbückte. Dann sah er ihren Körper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jählings erhoben, gestrafft und vorgebeugt, und ein großer Kieselstein prallte dicht neben ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht besann und die Gesinnung ermaß, die hinter dieser Haltung sein möchte, traf ein zweiter, faustgroßer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wäre der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden Sprühn, aus goldenem Licht eines beschützten Hauptes und aus silbernem Glitzern eines gepanzerten Körpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen Worte nicht, die Wut und Begierde und tödlichen Schreck verrieten. »Wer macht so grobe Scherze, die das Leben gefährden«, schrie er. Er begriff nicht, daß die festen Züge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn ermutigt hätte. Im Gesichte des Mädchens las er einzig den Wunsch, mit dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer braunen Hand wog.
Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schläfe und dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen, mit dem Gesicht in die Farrenkräuter.
Anje ging langsam, aber ohne Zögern, durch das Schilf auf den Gefallenen zu. An ihrem Körper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten über ihren ganzen Körper hin und hüllten ihn ein.
Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig über seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem Moospolster. Anje sah nun, daß er ein Gewehr trug und einen Hirschfänger am Gürtel. Um das Gesicht zu sehn, mußte sie seinen Kopf wenden, und sie tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das ihr ebenmäßig, aber wesenlos erschien, sie ließ seine Haare beinahe verächtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schläfe rinnen sah, durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte. Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den Heimweg an.
So kam Anje in Fridlins Leben. Er drängte sich ihr mit dem gedankenlosen Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und vergaß sie um so weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In der Försterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald Auskunft, der Förster selbst lachte belustigt, aber ein wenig verächtlich, und nahm sich später den jungen Menschen für ein besonderes Gespräch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind, mußten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin für lange Zeit nachdenklich.
In der Küche wußten die Mägde später weit besser Bescheid, der junge Mann hörte mißmutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen, obgleich er die Torheiten verachtete, die über Gerom und sein Kind im Lande in Umlauf waren.
»Was wollt ihr denn,« sagte er mürrisch, »sie wird ein Mädchen sein, wie alle anderen.«
Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof auf die sauberen Geräte der Küche sank und auf die nackten Arme der hantierenden Frauen.
»Du mußt es ja erfahren haben,« gab die junge Magd zur Antwort und sah Fridlin besorgt und aufmerksam an, »geh nicht mehr hin, so viel sag' ich.« Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn entstellte.
Was er beim Förster, seinem Dienstherrn, gehört hatte, war ihm bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht, und wenn Fridlin bisher nicht darüber unterrichtet worden war, so war es mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des Burschen mißachtete. Er kannte Gerom und wußte, daß mit ihm nicht zu scherzen war, daß er niemand fürchtete und daß ihm sein eigenes Leben gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelüste des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Möglichkeit in Grenzen zu halten, denn er wußte wohl, daß Gerom kein Gewerbe aus seinem Raube machte, sondern daß er um der Gefahr und Freiheit willen jagte, die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt.
Es kam hinzu, daß Gerom den Wildbestand nicht unvernünftig gefährdete, sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so viel ließ sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Förster, der ein guter Jäger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war ihm an Geduld überlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprüngliche Ausübung sich mit den Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Großzügigkeit bewahren, so duldete der Förster Geroms Treiben, beinahe ohne daß dieser Schritt gegen sein Pflichtbewußtsein ihn im Gewissen bedrängte. Es kam jenes Gefühl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein Schicksal bekannt waren, daß dem Manne vom Leben bitteres Unrecht geschehen sei und daß er freiwillig eine Strafe, über die menschliche Gerechtigkeit hinaus, zu verbüßen schien.
[Siebentes Kapitel]
Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde gehörten. »Meine drei Heiden«, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte, und ihm war viel Widerspruchsvolles über Anje zu Ohren gekommen. Es ging ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen pflegt, er vermutete hinter unverständlichen Dingen das Wirken des Bösen, und seine Meinung war, daß das Gute und das klar Verständliche immer das gleiche sein müßten und Hand in Hand gingen. Er selber schien einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glücklich genug, für die erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und für die zweite nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafür gewesen sein, daß er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden ließ. Man hatte ihn auf seinem städtischen Posten nicht brauchen können, weil er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenüber jene Strenge aufzubringen, die als heilsam gilt.
Auf seinem einsamen Weg in die Einöde gestand er sich ein, daß es eine heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte, Gerom zu besuchen, aber je länger er in Gorching weilte, um so mehr empfand er, daß eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf den Gemütern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhöbe sich mit dem Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einöde auf grauen Schwingen das Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Hütten und Herzen seiner Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr beschäftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Mißgeschick widerfuhr und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus, und seine Ermahnungen stießen auf einen Trotz, aus dessen Grund die verschwiegene Überlegenheit der Verstocktheit sah.
Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam es, daß er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde über ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drückte sich noch mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepreßt hatten, und öffnete ihren Mund, so daß ihr einer schöner Zahn, auf den sie sehr stolz war, aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht gehn, so viel ließ sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, daß sie wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stückchen Wegs zurück, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben; aber Onne brauchte den Wagen als Stütze, und er mußte ihn ihr zurückgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen glauben.
Aber dann sprach er liebevoll und mit großem Ernst zu ihr; die heimliche Beschämung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah, das kaum noch einem Menschenantlitz glich, ließ sich durch den beglückenden Eifer seiner Überzeugung verdrängen. Dann wieder mußte er sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht näher als du?
Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig, sich verständlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mühe hatte er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen könnte …
Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den Sonnenschein in die Gräben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu beiden Seiten der Straße gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland wurde immer öder, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten sich gelbbraun gefärbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen den die weißen Birkenstämme schimmerten. Mit niedrigem Gebüsch, das im Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einöde. Die Welt erschien unermeßlich groß und verlassen.
Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der Sumpfwildnis der Einöde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk, die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im Moorwasser blühten immer noch kleine weiße Blumen mit zarten Stielen. Umgesunkene Stämme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete, und nichts rührte sich als der Luftzug über dem Wasser. Wild und traurig hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstraße in der Sonne stand.
Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefühl von Beschämung, er begriff nicht, daß die Atemzüge der unberührten Natur ihm Entsetzen einzuflößen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande der Einöde dahingeschritten war, erspähte er eine Lichtung jenseits des kleinen Bachs, der träge am Rand seiner Straße floß, und er sah in einem Weidengebüsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brücke bildeten. Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich Onnes Gefährts, diesen Weg mußte sie gekommen sein, und er beschloß ihm nachzugehn.
Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Höhepunkt am Himmel erreicht, so daß es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum erreichen zu können. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und über Sümpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies mußte der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es gelichtet hatte.
Dem Schreitenden war zumut, als dränge er mehr und mehr in die Bereiche einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde gewesen sein, dachte er. Es bedrängte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen den freien Atem benahm, und er fürchtete sich vor dem Geräusch seiner Schritte. Der Weg führte über eine morsche Holzbrücke, die ohne Geländer und grob gefügt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dämmerlicht zwischen den alten Stämmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem Nadelteppich den Klang seines Fußes nicht mehr. Es war totenstill umher, auf dem Boden wuchs kein Hälmchen, alles schien in der Grabesruhe erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein Birkenwald, dessen weißliches Moderlicht unwirklich glomm nach der dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann öffnete. Der Boden war hügelig und voller Sumpflöcher, weiße Stämme, die umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser Waldferne betörte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern.
Da lauschte er beklommen auf, die Einöde erklang. Er begriff nicht, was ihm zu Ohren drang, und ein jähes Entsetzen ließ sein Blut stocken; er griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tönte melancholisch und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schloß weich und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken der Klänge in Wind und Weite und Dämmergrün.
»Was ist das, was ich höre?« stammelte er und fühlte, daß seine Lippen kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen Tönen so mächtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich und doch wie aus Bereichen des Unbewußten, aus dunkler Ferne und doch vertraut.
Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mädchen sitzen, sie war es, die gesungen hatte, ein unscheinbares Geschöpf, beinahe noch ein Kind, mit hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie ihn an, ohne mehr zu rühren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte.
Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen Singsangs, den er eben gehört hatte, und sein Blut gaukelte ihm törichte Bilder vor. Anje Gerom ist ein großes Mädchen im weißen Gewand, mit langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist schlank und würdig, die Rehe flüchten nicht, wenn sie einherschreitet, und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dächte sie an ihre Krallen, und sie ist häßlich, weiß Gott, recht häßlich ist sie. Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines Torfstechers, dachte er unsicher, und plötzlich zog es ihm durch den Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel.
Er trat auf das Kind zu.
»Ich möchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich an.«
Das Gesicht des Mädchens, das nun nah vor ihm am Hang kauerte, blieb ruhig und unberührt. Was konnte dem Pfarrer daran gelegen sein, es zu würdigen? Menschen, deren Einfluß wahrhaft bedeutungsvoll werden kann, fallen uns für gewöhnlich nicht sonderlich auf, weil die Gebärde der ruhenden Kraft in den meisten Fällen arglos ist.
»Ich möchte Geroms Haus finden,« begann er etwas unsicher von neuem, »kannst du mich führen?«
Das Mädchen betrachtete ihn eine Weile stumm und sagte dann einfach: »Ja.«
Er setzte sich ihr gegenüber, kaum daß er es gewollt hatte, nun war es geschehn und mochte so bleiben. Das Wasser zog mit leisem Rauschen dahin, es flimmerte durch das Schilf, das sich nicht bewegte, die Bäume standen auf stillem Grund, ließen den Duft des Waldes aus und den gedämpften Sonnenschein ein. Das Mädchen ließ sein Handeln zu und betrachtete ihn ohne Neugierde, wie es ihm schien, und ohne Scheu; aber alles umher, wie auch sie selbst, ließ ihn eigenartig allein. Er sah sich um, als suchte er nach irgendeinem Beistand, endlich fragte er sie, wer sie sei, und sie antwortete ihm:
»Ich bin Anje, Geroms Kind.«
Ihr gelbes Haar war heller als der feine Ton ihres Gesichts, es wirkte fast grell und schien ein wenig rauh, obgleich es im Licht glänzte, man hätte mit der Hand darüber hinfahren müssen, um es zu prüfen. Ihre Stirn war niedrig und die Augen lagen etwas schräg, als hätten die zarten Backenknochen, die deutlich sichtbar waren, sie in den äußeren Winkeln um ein kleines emporgedrängt. Was machte ihr Gesicht so rührend hilflos? Sicher nicht der breite Mund oder die kindliche Nase, die beinahe etwas frech wirkte, nein, es waren die Linien ihrer Wangen und das kleine Kinn.
Eigentlich ist sie häßlich, sagte sich der Pfarrer finster, aber man muß trachten, ihr Liebes zu erweisen, sie wird dankbar dafür sein. Der zierliche Körper …
Er hielt in seiner Betrachtung jählings inne, verwirrte sich und stammelte in großem Ungeschick, es wäre Zeit, es sei gut, gleich aufzubrechen, denn der Weg wäre recht lang. Dabei verfiel er in einen derben und väterlichen Ton, dessen er sich zugleich schämte.
Es blieb feierlich still im Wald, Anje hatte ihre Haltung geändert, er sah ihre bloßen Füße im Moos. Er selbst war aufgestanden und hatte sich an den Stamm einer Birke gelehnt. Mit gerunzelter Stirn, und scheinbar ernst mit sich selbst beschäftigt, sah er forschend in die Waldferne, aber seine große Hand verwirrte sich an seiner Halsbinde und an seiner Stirn.
»So komm denn nun …«, sagte er streng.
Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten, er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort für immer liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es an.
Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als führte ein fremder Wille ihn geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich später der Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit eines Traumbilds zurückdenkt, und doch ist alles einfach und verständlich gewesen; sein Gang durch die Schwüle des Walddickichts, der Ruf der Sumpfvögel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich über ihren Eifer gefreut und über die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den gelbgrünen Rutennetzen der Weidenbüsche, dann glitt sie zwischen dunklen Stämmen dahin, unverständlich hell in der Schattendämmerung des großen Walddoms, den Glanz des gedämpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem Herzen zuzuführen, ein quälendes Unbehagen in seiner Brust nahm überhand, und ihm erschien es, als kämpfte sein Herz in ziellosem Drängen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte.
»Führst du mich zu deinem Vater?«, fragte er einmal beinahe bescheiden, sie gingen nun schon viel länger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb stehn und ließ ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rätsel tat sich ihm stumm in unschuldigem Glanz auf.
»Nun?«, fragte er überfreundlich und griff fast täppisch zu, »wollen wir Hand in Hand gehen?« Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. »An diesem schönen Tag …«, fügte er noch hinzu, und fast wäre er über eine der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu groß. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete, ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art für die Erziehung dieses Mädchens etwas getan werden könnte.
Aber als im Sumpfgelände, nach einer langen, vielfach verschlungenen Bahn, sein Fuß in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen die Zweige der Lärchen und das Buschwerk zerteilend, mühsam durch das schilfartige Gras dahintappte, war Anje plötzlich verschwunden. Er rief laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr zurecht.
Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit großer Mühe und zu Tode erschöpft nach Gorching zurückzufinden; die Nacht, die er in Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mußte, ließ einen Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemüt zurück. Erst viel später in seinem Leben, als längst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein karges Lächeln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses Lächeln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trösten kann, deren Gemüt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung verschließt.
[Achtes Kapitel]
Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der Haustüre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbüchse in der hängenden Hand und ein Gewand, das ihn verjüngte und zugleich entstellte. Hirte versuchte sich anzuschließen, aber er wurde gleichgültig zurückgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestände, am Holzschuppen vorüber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje kannte, außer ihm, diesen Pfad, der für andere unzugänglich war, denn er führte durch Sümpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mußte über gesunkene Baumstämme klettern und genau wissen über welche, da manche von ihnen nachgaben und sanken.
Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den hohen Stämmen und wandelte ihre Größe in machtvolle Bedeutung um. In blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer und Fäulnis schaukelte bald wärmer, bald kühler durch die Monddämmerung heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub.
Anje dachte an die große Welt, die außerhalb ihrer Stille im Wald, in den Fernen war. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …« Ihre Gedanken beschäftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es außer ihrer Waldheimat geben mußte, sie fühlte sich glücklich in der Gewißheit, daß der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach war. Sie holte ihr Buch herbei und ließ den Mond in seine Seiten scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten Güter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie draußen der Wald.
Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals mit ihm gesprochen, obgleich sie fühlte, daß er es wollte. Er störte sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater. Nun war er gekommen. Anfänglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und abgerissen, als müßte er um jedes Wort kämpfen, dann sprach ihr Vater, und Fridlin schwieg, eingeschüchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie sah ihn hinausstürmen durch den Wald und wußte, daß er nicht wieder zu ihrem Vater kommen würde.
Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick, den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des Abschieds zu ihr in einer Bedrängnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit. Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde gäbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mußte an den Tod denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen Gewißheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber da ihr gleichgültig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich zufrieden. Sie empfand, daß jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr Herz überströmt hatte, nicht durch Geschehnisse über ihn gekommen war, die Menschen ändern können, sondern daß sie ein Teil des Lebens war und auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche Lächeln.
Da hörte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schuß fallen und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her, als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der Schreitende zu dämpfen suchte. Anje maß gelassen die Entfernung und die Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurück. Sie kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch verborgen war.
Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus.
»Anje,« rief er, »Anje Gerom, hör mich an!«
Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tür. Mit einem trotzigen Ruck griff Fridlin an den Hirschfänger.
»Anje,« rief er, »hör mich! Bist du im Haus, Anje?«
Er sprach mit heißer Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb ganz ruhig umher und im Haus, bis sich draußen die rauhe Stimme wieder erhob, bald verwundert, bald böse und wild. Es kam keine Antwort, denn Anje war an die Tür hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie saß neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und streichelte den gelben Kopf des Hundes.
»Du mußt still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Böses zufügen, er geht bald wieder fort.«
Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein kleines Fenster über der Tür in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und sah Anje nicht an, es war seine Meinung, daß sie von diesen Dingen nicht soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht einschreiten.
Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tür offen standen, hörte sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor, denn ihr Vater konnte zurückkommen. Da entschloß sie sich endlich, es ihm zu sagen, öffnete die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu, damit Hirte im Haus blieb.
Fridlin trat vor ihr zurück, wie vor einer Erscheinung, Schritt für Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrüge er nach so langem Harren die Erfüllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand ausgestreckt von sich ab und wankte.
»Geh fort, eh mein Vater zurückkommt«, sagte Anje.
Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und bewegte sich, als ob er mit jemandem kämpfte, aber nun sprang er plötzlich auf und stürmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen Lichtschein.
»Bist du es – oh, du bist es wirklich? Hörst du, daß du mit mir kommen sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet …«
»Nein«, sagte Anje, »ich bleibe hier.«
»Ach mein Herz!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, so wild bedrängte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, daß es dröhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn verwirrt und entkräftet. »Weißt du denn nicht,« keuchte er und schüttelte seine Fäuste, »weißt du nicht, was hier brennt? Wie ich dich gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt, aber du …«
Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine große Mutlosigkeit dämpfte den Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor, gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glänzte in ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der verriet, daß sie ihn hörte, aber er gab keine Gewißheit ihrer Teilnahme. Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die Hände vor sein Gesicht.
»So ist es Gerom, dein Vater …«, schrie er plötzlich heiser und reckte sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig im Mondschein.
Sie saß wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen ihre Gewohnheit an ihn, und hörte ihr Herz pochen. Eine feindliche Unruhe peinigte ihr Gemüt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den das Herz eilte.
Fridlin hatte sich draußen abgekehrt, einen Augenblick starrte er vorgebeugt in jene Richtung hinüber, in der die Schüsse gefallen waren, er kämpfte mit sich um einen Entschluß, aber es schien ihm keine Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Düster wandte er sich um und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die Stürme des Verlangens so schnell in eine öde Ruhe verwandeln kann.
Er begriff nicht, daß sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. »Das Anjekind hat ihm gesungen«, sagten sie. Er lächelte und schöpfte mit der Hand die Tropfen von den Blättern, um seine Stirn zu kühlen, sein Büchsenlauf streifte das Laub und verfing sich im Geäst. Der Mond verschleierte sich, und die dunkle Waldstille füllte sich mit drohenden Gestalten.
In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er sicher zu sein, daß das angstvolle und mitleidige Lächeln ihn nicht peinigen würde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte, aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers kränkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden, der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben würde, und wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nähern. Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gespräch ab, als befürchtete er, daß es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte seines eigenen Mißgeschicks in der Einöde. Endlich riet er Fridlin, sich Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und nicht redlich seien.
Der Morgen nahte über der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was Wunder, daß der Förster ihn mißbilligend ansah und kein freundliches Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: »Laß gehn, was nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald läßt sich das Herz nicht verwunden, er gibt zögernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn ungestraft. Unsereins muß wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht zum Weidwerk.« Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost gespendet, man fühlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte, aber seit kurzem lächelte der Alte höhnisch unter seinem Bart, kaum merklich, und wandte sich verächtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal hatte er zur Abendstunde noch gleichmütig gemeint: »Fridlin, es gibt Wälder mit mehr Sonne, als sie der Einödwald hat; tu dich um, euch Jungen ist die Welt nach außen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich dir.«
Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Föhrenstamm gesetzt. »Das geht nicht mehr,« antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung, »wohin ich mich schlage, Förster, ich muß durch die Einöde gehn, um Anje zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn, draußen sterb' ich gewißlich dahin.« –
Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide, die in der Nebeldämmerung stand. Es erschien Fridlin, als käme das Licht sprungweise und heimtückisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner hockenden Stellung im Morgendunst und fühlte seine Augenlider naß und kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel seinen Rücken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der Dämmerung.
»Ich werde krank«, sagte er, lächelte bescheiden und atmete tief auf.
Ein Wasserhuhn schnarrte bekümmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wußte nur ungewiß, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe Merkmale, nach denen man sich richten konnte.
Nach einer Weile stieß er auf die alte Dachenauische Fahrstraße nach Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam, gedankenlos blieb er neben ihr stehn.
Ja, es sei wahr, antwortete er auf ihre Frage, der Dienst ließe ihm wenig Ruhe. Onne sagte:
»In den Dachenauer Wäldern gibt es genug zu beachten, was tust du nachts in der Einöde? Drüben gibt es Nacht genug, verstehst du?«
Fridlin verstand. Er wurde zornig und sagte erbost:
»Gesindel gibt es überall.«
Onne nickte vor sich hin, als ob diese Tatsache ihr zu denken gäbe, dann meinte sie freundlich:
»O der Grünschnabel, wie er das Herz versteckt, und es bricht ihm doch so jammervoll aus den Augen. Du«, fuhr sie plötzlich in verändertem Tone fort, »hör auf mich, und bleib mir in der Dachenau. Aus deinem Gesicht spricht nichts Gutes mehr …« Sie kam ihm ganz nah und sah ihm, gebückt, unter seine Augen; aus ihrem roten Kopftuch schaute das winzige braune Gesicht in tausend Fältchen hervor, und das Lebenslicht ihrer Augen schien alt und still.
Fridlin war zu unglücklich, um zornig bleiben zu können. Erstaunt blickte er auf die Alte nieder, die ihn einschüchterte, er hatte immer nur gleichgültige Worte mit ihr gewechselt, was wußte sie denn, und was wollte sie von ihm? Aber als der Ausdruck ihres Gesichts sich langsam in ein Lächeln verkehrte, das nicht spöttisch oder boshaft war, packte es ihn plötzlich angesichts dieser alten befreiten Frau, die den Bedrängnissen des Lebens für immer enthoben war.
»Du solltest nicht schelten«, sagte er hilflos und lehnte sich an einen Baumstamm. Seine Übermüdung und seine Verzweiflung überwältigten ihn, und er fing an zu weinen, ohne daß sein Gesicht sich bewegte, seine Hände hingen herab.
»Setz dich nieder ins Gras, Fridlin«, sagte Onne, als merkte sie nichts. Wer keine Tränen weinen kann, der fühlt sie oft bei anderen kommen, ehe sie das Auge benetzen. Sie sprach nicht über das, was Fridlin bewegte, sondern hockte sich neben den jungen Menschen auf den Waldboden und sprach von den Wäldern und von den Wanderburschen, die durchs Land zogen.
Onne wußte längst, um was es sich handelte, aber sie wußte auch, daß man seine Tränen zuweilen bei einem Menschen weinen muß, der sie nicht sieht. Fridlin war ihr lieb. Zu Anfang hatte sie geglaubt, er spüre Gerom nach, aber dann hatte sie bald herausgebracht, daß das Anjekind schuld an diesem Unfrieden war. Da Anje nicht mit ihr über solche Dinge sprach, mußte sie selbst sehn, was sich anspann und wie es auslief. Das Mißgeschick des Pfarrers hatte sie erst in Gorching erfahren, in dem Aberglauben, dem er hatte begegnen wollen, war seine Gemeinde durch sein Erlebnis aufs neue bestärkt worden. Nun sagte sie unvermittelt zu Fridlin:
»Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.«
Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast böse, und ihm war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn tröstete. Sein Trotz erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schüchtern, ob Anje mit ihr über ihn gesprochen hätte. Onnes welke Hand mit den dünnen braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in die rote Sonne hinein.
»Söhnchen,« sagte sie, »mein Söhnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darüber nicht häßlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann, verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hören. Ihr Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.«
Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Genügen, so daß es war, als müsse die Natur umher erschüttert aufhorchen, um zu erforschen, was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund auf seine Hände.
Nach einer Weile musterte Onne, sich nähernd, sein mageres Gesicht, das unter ermüdeten Zügen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht getrübte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos erscheinen konnten, bis jählings die aufflammende Leidenschaft sie weckte. Onne wußte wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die meisten Menschen lieben.
»Alle geben denselben Ratschlag«, sagte Fridlin dumpf. »Meint ihr denn, ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.«
Onne blinzelte hinüber, es schien, als wünschte sich Fridlin nicht einmal, daß man ihm Glauben schenken möchte, er sprach seine Worte leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, daß es zu spät für Ratschläge war.
»Anjekind …«, sagte sie, legte ihre welken Hände ineinander und sah in die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt.
Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend auf sie hinblickte, von der Stille geängstigt, erschien sie ihm greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengeführt hatte.
»Wie meintest du deine Worte, Mütterchen?«, fragte er unruhig. »Hat es mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?«
Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und das Licht, die ihr Spiel in den Büschen trieben, lockten sein Herz, um es aufs neue seinem Ungemach zu überlassen.
[Neuntes Kapitel]
Am neuen Tag weckten die rötlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewußt, aber sie rührte sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in ihre Augen ein, mit dem kühlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rührte sich still, wie es draußen die Zweige der Bäume vor ihrem geöffneten Fenster taten, und Hirte schlief an der Türschwelle.
Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine Ansprüche vor ihr sein könnten, sondern sie sah nur das bleiche, abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen und bekümmert darüber nach, daß in der Welt Kräfte herrschen müßten, die solche Entstellung in die Züge der Menschen bringen konnten.
Es drängte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand sie eine Befürchtung, dort möchte sich mancherlei verändert haben. Hirte erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte sich, wobei er Anje ansah.
»Hirte, bleib hier«, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder. Unten stand die Stubentür weit geöffnet, und die Sonne schien ins Haus. Gerom war fort, er mußte nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er kam von seinen nächtlichen Streifzügen für gewöhnlich erst in der Morgendämmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das große Brot auf den Küchentisch gestellt und einige rotwangige Sommeräpfel, die noch naß vom Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom Sonnenglanz, die Äpfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite, damit ihr Vater nicht glauben möchte, sie habe seine Gabe verschmäht, wenn er am Mittag vor ihr zurückkehrte.
Die Frische des Sommermorgens legte sich kühl auf Anjes Augen und Hände, sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch müde war und vertrieb die bösen Gedanken. Im Gebüsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Fülle des Lichts ein.
Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Gräsern sich auf ihre nackten Füße und der Tau der Sträucher badete ihre Stirn, die Pflanzen gaben ihr von der Überfülle ihrer Frische, stumm und freigebig, aus ihrem lebendigen Glück. Als das Buschwerk sich lichtete und die großen Stämme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme aus und rief die Bäume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an, ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so daß sie dahinzog wie die Vögel durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie preßte ihre Hände auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und neigte sich, wie durch die Fülle des Lichts trunken gemacht, gegen die strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lächeln, das ihr kindliches Angesicht verklärte, war von unaussprechlicher Traurigkeit, wie das Übermaß der Freude sie der Seele gibt.
Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrünem Teppich die Füße lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und über ihr regten sich die Wipfel unvernehmbar, die Blätter berührten einander oben in ihrer freien Höhe, von der sie das Land überschauten.