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Waldemar Bonsels
Indienfahrt
113. bis 123. Tausend
1920
Verlag der Literarischen Anstalt
Rütten & Loening
Frankfurt a. M.
Das Buch ist im Jahre 1912 entstanden.
Die erste Auflage erschien im Herbst 1916.
Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1916 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.
Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
Die schwedische Ausgabe bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund.
Die finnische Ausgabe bei Werner Söderström Osakeyhtiö, Porvoo, Suomi.
Die holländische Ausgabe im Verlag „Patria“, Amersfort.
INHALTSÜBERSICHT
| I. | [Von Panja, Elias und der Schlange] | 9 |
| II. | [Cannanore, die Fischer und das Meer] | 29 |
| III. | [Die Nacht mit Huc, dem Affen] | 47 |
| IV. | [Am Silbergrab des Watarpatnam] | 65 |
| V. | [Dschungelleute] | 80 |
| VI. | [Im Fieber] | 104 |
| VII. | [In den Bergen] | 123 |
| VIII. | [Am Thron der Sonne] | 137 |
| IX. | [Die Herrschaft des Tiers] | 154 |
| X. | [Sumpftyrannen] | 168 |
| XI. | [Mangalore] | 189 |
| XII. | [Von Frauen, Heiligen und Brahminen] | 207 |
| XIII. | [Das letzte Feuer und der alte Geist] | 228 |
| XIV. | [Der Heimat zu] | 246 |
Erstes Kapitel
Von Panja, Elias und der Schlange
Als ich in der gesegneten Provinz Malabar in der Stadt Cannanore anlangte, führte mich der Hindu Rameni vor das Haus, das er mir für die Zeit meines Aufenthaltes vermieten wollte. Es war nach Art der europäischen Häuser Indiens erbaut, einstöckig, mit hohem überhängenden Dach und einer breiten Veranda, die die ganze Front entlang lief. Ich erblickte es, nachdem wir uns mit vereinten Kräften durch den verwilderten Garten gearbeitet hatten. Rameni sagte: „Dies ist mein liebstes Besitztum auf Erden. Ich habe es geschont und behütet, und seit sieben Jahren hat kein menschlicher Fuß es betreten. Sein letzter Bewohner war Sahib John Ditrey, ein englischer Offizier von großer Macht, dem jeder Soldat Gehorsam leistete, der in seine Nähe kam. Er war Tag für Tag glücklich unter diesem Dach und wäre es heute noch, wenn die Regierung ihn und seine Leute nicht an einen anderen Ort verschickt hätte.“
Ich betrachtete die großen, meist leeren Räume, in denen sich eine üppige Vegetation entwickelt hatte und in denen eine Tierwelt ihr Dasein fristete, deren Mannigfaltigkeit meine Erwartungen aufs höchste steigerte.
„Alle diese Tiere sind arglos,“ sagte Rameni freundlich, „sie werden sich zum großen Teil wahrscheinlich zurückziehen, denn sie lieben die Gesellschaft der Menschen nicht. Aber da du in Begleitung bist, Sahib, einen Hund, einen Diener und einen Koch mitgebracht hast, wird dein Gemüt von keiner Einsamkeit zernagt werden. Ich gebe Hühner, wenn du willst…“
Rameni beherrschte die englische Sprache in einem Maße, daß ich fühlte, wie meine Haare sich unter dem Korkhelm sträubten.
„Auch du bist ein Engländer,“ sagte er zu mir, als er eine lange Ruhmrede auf Sir John Ditrey, den Offizier, beendet hatte.
Ich sagte ihm, daß ich ein Deutscher sei, und er tröstete mich.
„Ich habe von diesem Land niemals gehört,“ sagte er endlich, „aber seine Bewohner gelten als freigebig, und wahrscheinlich ist es reicher als das britische Reich.“
Da ich ihn verstand, fragte ich nach dem Preis, den er als Miete für seine Besitzung fordere. Er sprach darauf so eifrig von anderen Dingen, daß meine Befürchtungen an Raum gewannen. Endlich gelang es mir, ihn zu Geständnissen zu überreden, und er begann zu rechnen und addierte mit geheimnisvoller Ergriffenheit die Verluste zusammen, die ihm in den sieben Jahren entstanden waren, in denen sich kein Mieter gefunden hatte. Ich beobachtete schweigend ein Volk weißer Ameisen, das die Dielen des Fußbodens und das Mauerwerk auf das geschickteste zur Anlage ihrer Ortschaften untergraben hatte. Ich werde euch nicht hindern, dachte ich, eure Reiche sollen unter meiner Herrschaft zu ungeahnter Blüte gelangen, und ich will euch ein weiser Fürst und treuer Gefährte sein. Durch das Palmendickicht am Fenster strahlte die Morgensonne, durch grüne Schleier voll zackiger Ornamente. Das unfaßliche Bewußtsein jenes Glücks, unter dem ich erzitterte, seit ich den Boden Indiens betreten und zum erstenmal den Geruch, die Wärme und das Licht dieses Landes eingesogen hatte, sank mir aufs neue ins Herz.
„Fürchte dich nicht, Sahib,“ sagte Rameni und zählte an seinen krampfhaft gespreizten Fingern, vor Zweifel, Hoffnung und Erwartung beinahe fassungslos. Ich sprach von meinem Mut, und er hob die Hand zum zehnten Male, um aufs neue die braunen, mageren Finger von rechts nach links nebeneinander zu ordnen. Dann vergaß er alles und sprach hastig von der Teuerung und den schlechten Reisernten. „Jeder Kuli wird es dir bestätigen,“ rief er, „soll ich einen rufen?“
„Wieviel forderst du?“ sagte ich streng. „Ich habe von einem Haus am Meer gehört, das der Kollektor vor Jahren bewohnt haben soll, und das die Regierung für einen geringen Preis hergibt.“
Rameni gab sich mit großer Anstrengung einen Ruck und teilte mir mit, daß das Haus im Jahre wohl einen Mietwert von hundert Rupien habe, für die verlorenen sieben Jahre wolle er mir nur den vierten Teil dieser Summe in Rechnung stellen, unter der Bedingung, daß ich ihm für die drei kommenden Jahre den vollen Preis vorauszahlte.
Als ich nickte, erblaßte er.
„Sahib,“ stammelte er, „verspottest du deinen Diener? Es ist wahr, ich habe eine große Forderung gemacht. Vergessen wir die sieben verderblichen Jahre, ich werde die Schickung des Himmels verschmerzen, zumal sie vorbei ist. Wenn du in der Tat drei Jahre vorausbezahlst, so werde ich dir so lange dienen, als ich lebe.“
Ich habe über meine Bereitwilligkeit niemals Reue empfunden und obgleich ich nur einige Monate in Cannanore geblieben bin, hat mein geringes Opfer sich in der ausgiebigsten Weise belohnt, denn Rameni setzte seine ganze Ehre ein, um die Beschämung gutzumachen, die ich ihm ohne meinen Willen angetan hatte. Er sandte mir beinahe täglich Eier und Früchte, Fische oder Geflügel und widersetzte sich keinem meiner Wünsche, die sich auf Einrichtungen oder Veränderungen in Haus und Garten bezogen. Erst als er nach Wochen bemerkte, daß ich in einem Glaskasten eine lebende Kobra unterhielt, zog er sich von mir zurück, ohne meine Schwelle noch einmal zu betreten und ohne meine Hand noch einmal zu berühren. Er vermied es weniger aus Furcht und, wie ich zuverlässig weiß, nicht ohne Kummer, sondern weil er es nicht mit seinen Überzeugungen vereinigen konnte, eine Gottheit gefangenzusetzen, um durch eine Glasscheibe zu beobachten, was sie tat. Aber die Zeit unserer Gemeinschaft bis zu dieser Entdeckung gehört zu den liebenswürdigsten Erinnerungen meiner indischen Jahre.
Als mein Gepäck auf einem Ochsenwagen vom Hafen herbeigeschafft worden war, begann ich die bestgelegenen Zimmer für die Nacht einzurichten, wobei mir mein Diener Panja und der Koch zur Hand gingen. Panja warnte mich oft und eindringlich, kannte mich damals aber schon gut genug, um zu wissen, daß gerade seine Befürchtungen nur zu häufig auf dasselbe hinausliefen, wie meine Hoffnungen. Der Koch, ein Sohn aus den Bergen von Südmaratta, der in Bombay an den Umgang mit Europäern gewöhnt worden war, widerstand längst nicht mehr dem Bösen in mir. Allerdings war ich ihm gleichgültig; er tat verschlossen und in stoischer Ruhe seine Pflicht, bestahl mich, wo er konnte, und erwartete mit matt gesenkten Lidern meinen Untergang, den er jedesmal voraussagte, wenn ich ihn über einer Ungehörigkeit ertappte. Trotzdem habe ich immer eine Neigung für diesen eigensinnigen und auf seine Art stolzen Mann empfunden, der es nicht über sich brachte, sich vor den Europäern zu beugen, und der seinen Haß gegen die Fremden um der Liebe zu seiner Heimat willen nährte. Gegen Panjas gefügige Unterwürfigkeit, die übrigens keiner niedrigen Gesinnung entsprang, sondern einer kindlichen Bewunderung für den Glanz alles Fremden, hob sich der schweigsame Widerstand dieses Mannes seltsam würdig ab. Ich nannte ihn Pascha, weil ich seinen Namen nicht behalten konnte. Das hätte übrigens niemand gekonnt.
Als ich auf die Veranda hinaustrat, um mich davon zu überzeugen, daß im Hause keine Scheibe heil war, hockte Panja auf einer Bücherkiste, rauchte und zog meine Hängematte über die Knie.
„Sie ist überall zerrissen“, sagte er, ohne aufzustehen, und ohne, wie er es anfangs getan hatte, bei meinem Herannahen in größere Arbeitseile zu verfallen. „Sahib, das kommt davon, wenn du eine Hängematte zum Fischen im Fluß verwendest.“
„Es war ein ausgezeichneter Gedanke“, entschuldigte ich mich. Aber Panja antwortete nur: „Du hast nichts gefangen.“
Ich untersuchte die Fußböden, die überall von den Ameisen untergraben waren; die Steinfliesen und Bretter schaukelten fast alle, oder sanken tief ein, wenn man darauf trat, ein Sodom und Gomorra dieses Volks vernichtend.
„Wenn du sehen willst, was diese Tiere tun,“ sagte Panja spöttisch, „so darfst du sie nicht stören. Übrigens sind Ratten im Haus,“ fügte er hinzu, „und vor dem Tor von Cannanore ist die Pest.“
„So müssen wir Katzen halten“, entschloß ich mich. „Morgen wirst du in die Stadt gehen, um welche zu kaufen.“
Panja sah mich mitleidig an: „Wer wird eine Katze bezahlen?“ fragte er, „überall laufen sie herum. Auch in diesem Hause werden Katzen wohnen.“ Er meinte die Moschuskatzen, eine kleinere Art, die mir in Malabar viel begegnet ist, und die in fast keinem älteren Gebäude fehlt. So beschloß ich zu warten. Aber da die Ratte als Trägerin der Pest gilt und diese furchtbare Seuche immer noch nicht erlosch, obgleich die eigentliche Regenzeit längst vorüber war, handelte es sich darum, vorsichtig zu sein. Meistens erlischt die Pest mit dem letzten Regen, zu Beginn des indischen Frühlings, da ihr Bazillus nur im Feuchten fortkommt. Mit dem ersten Regen, nach der heißen Zeit, taucht sie aufs neue auf.
Übrigens könnte die Darstellung unseres Gesprächs ein falsches Bild meiner Stellung zu Panja geben und der Stellung der Europäer zu den dienenden Klassen der Hindus überhaupt. Es ist wahr, daß ich Panja, wie überhaupt allen Leuten, die mir dienten, viel persönliche Freiheit ließ, aber meine Opfer an Autorität oder gar an Selbständigkeit wurden durch eine Gegengabe bedankt, die ich immer höher eingeschätzt habe, als jede andere Darbietung, und dieses Geschenk bestand in der freimütigen Offenheit des Menschenwesens. Die Verwendbarkeit eines Menschen ist der geringste Teil seiner Anlagen, die mir Interesse abnötigen, und alle Unterwürfigkeit verbindet sich mit Verstellung. Die Art, wie die Engländer die Hindus behandeln, verschließt ihre Charaktere und unterdrückt ihr wahres Wesen, wenngleich ich ohne Einwand zugebe, daß solche Stellungnahme, wie die ihre, das unerläßliche Erfordernis zur Beherrschung des Landes ist. Aber ich bin nicht nach Indien gereist, um es zu beherrschen.
Übrigens gab es auch zwischen Panja und mir erregte Szenen im Ringen um die Oberhand des Einflusses. Für gewöhnlich endete solch ein Auftritt damit, daß ich diesen Sklaven niederschlug. Nun waren allerdings mein Schlag und sein Niedersinken zwei Erscheinungen, die in keinerlei Beziehung zueinander standen, denn häufig brach er schon zusammen, bevor meine Hand ihn erreicht hatte, und im schlimmsten Falle wußte er sich für gewöhnlich immer noch auf eine Art zu wenden oder zu schützen, die kaum mehr als eine Deformierung seines Turbans oder seiner geölten Haarfrisur zuließ. Trotzdem brach er jedesmal zusammen, wälzte sich von einer Ecke des Zimmers in die andere, beklagte heulend meine Undankbarkeit und die Folgen seiner Treue. Aber ehe der Abend hereinbrach, sorgte er doch dafür, daß die Last solcher Verschuldung gegen ihn mir nicht die Nachtruhe raubte.
„Sahib“, sagte er und pflanzte sich kerzengerade vor mir auf, wobei ein Stolz und eine Menschenwürde seine Züge verklärten, die in der Tat mein Herz mit Dankbarkeit erfüllten. Aber er schien nicht zu wissen, wem er beide verdankte. „Sahib, wie konntest du dich so vergessen?“ Sein Gesicht trug einen Ausdruck so ehrlicher Traurigkeit, daß ich alles eher vermocht hätte, als an ihr zu zweifeln. Ich erklärte ihm bescheiden den Umfang seines Vergehens und die Bedeutung der Folgen, aber in solchen Fällen verstand er nicht genügend englisch, um mich zu verstehen.
„Deine Studien in Hindustani machen keine Fortschritte“, meinte er dann etwa betrübt, und wir beide waren froh, ein Gebiet gefunden zu haben, das uns wieder auf die Straße unseres gewöhnlichen Verkehrs brachte. Es kamen dann Zeiten eines glücklichen Wandels und schönster Gemeinschaft, in denen Panjas Selbstentäußerung so weit ging, daß er sogar meinen Whisky unverdünnt auf den Tisch brachte, und ich daher genau nachprüfen konnte, wieviel er aus der Flasche gestohlen hatte.
Ich war damals im zehnten Monat in Indien, und außer Panja und Pascha war noch ein prächtiger Hund die ganze Zeit hindurch mein treuer Begleiter gewesen. Er hieß Elias und hatte eben sein erstes Lebensjahr vollendet, so daß mir vergönnt gewesen war, seine Erziehung selbst zu leiten und seine Entwicklung zu überwachen. Leider ist es bei den Hunden so bestellt, daß man bei einem zwei Monate alten Tierchen sehr schwer in der Lage ist, über seine Abstammung und seine endgültige Ausgestaltung irgend etwas mit Bestimmtheit auszusagen. Aber ich habe immer eine besondere Neigung für solche Menschen empfunden, die allen Erscheinungen und Personen die besten Seiten abzugewinnen wissen und ihre eigenen Tugenden in andere so lange hineinlegen, bis sie eines Schlechteren belehrt werden. Und in der Nacheiferung solcher Charaktere ist es mir gelungen, in Elias das Muster eines vortrefflichen Tieres zu erblicken. Ich möchte bei der Aufzählung seiner Vorzüge nicht in Dingen seiner äußeren Erscheinung steckenbleiben, zumal nicht abzusehen ist, ob sich im Laufe der Zeit nicht noch das eine oder andere bei ihm verändern wird, aber sicher ist, daß er einen gesunden Appetit und einen gesunden Schlaf hat. Er ist außerordentlich vorsichtig und begibt sich niemals in Gefahr, auch fällt er keine Fremden an und unterdrückt seine Wachsamkeit aufs äußerste, was mir um so willkommener ist, als ich oft in aufreibende geistige Arbeit verstrickt bin, bei der jedes Gebell mich stören würde. Seine Anhänglichkeit ist so groß, daß er sie auf alle Menschen erstreckt, die ihm begegnen, und besonders muß man, ohne das Vorurteil einer selbstsüchtigen Hoffnung, den außerordentlichen Eigensinn seines Willens rühmen, der die Grundlage des echten Charakters ist. Elias läßt sich weder durch Drohungen noch durch Versprechungen dazu bringen, die Wünsche anderer, oder die meinen, zu beachten. Er verunreinigt weder den Garten noch die Straße und nimmt uns auch, was seine Fütterung betrifft, jede Mühe ab, die durch Herzutragen von Nahrung entsteht.
Leider ist es mir bisher nicht gelungen, zwischen ihm und Panja ein erträgliches Verhältnis herzustellen. Wahrscheinlich läßt Panja sich als Orientale in seinen herkömmlichen Begriffen vom Wesen des Hundes gehen, sicher ist, daß ihm jedes tiefere Verständnis für Rasse abgeht.
„Sahib, was ziehst du für ein Schwein ins Haus?“ rief er, als ich damals den eben erworbenen Elias heimbrachte.
„Er ist bestaubt, und die Schnur hat sich am Hals zugezogen,“ sagte ich, „warte, bis er gewaschen ist.“
„Willst du ihn waschen?“ fragte Panja und verschlang abwechselnd mich und Elias mit übergroßen Augen.
„Es ist ein vorzüglich veranlagtes Tier, das uns gute Dienste leisten wird“, versicherte ich etwas enttäuscht von dem Empfang, den uns Panja bereitete, und mit einem nachdenklichen Blick auf Elias, der die Türschwelle bekämpfte und in seinem hilflosen Eifer einen entzückenden Anblick unschuldiger Tatkraft bot.
Wenn nicht alle Samenkörner, die ich in Elias' junge Seele legte, zu gedeihlicher Entfaltung erblüht sind, so ist sicher Panja schuld daran, der seine herabwürdigende Meinung über dieses Tier niemals bekämpft hat. Nach meiner Überzeugung verdankt alle pädagogische Einwirkung auf ein unerwachtes Gemüt ihren Erfolg der gemeinsamen Mühe aller Hausgenossen. Solange Elias keinen Rückhalt an Panja hat, und Panja Elias zur Quelle allen Übels macht, werde ich kaum an einem von ihnen die volle Freude erleben, die ich mir versprochen habe.
Der Abend überraschte uns nach diesem ersten Tag in Cannanore. Panja stöberte in den Kisten umher, um Kerzen zu finden, und warf alles durcheinander, um Ordnung zu schaffen. Die Moskitoschleier für mein Lager befanden sich in der größten Kiste zu unterst, da Panja sie bei unserm Aufbruch naturgemäß zuerst abgenommen und damit auch am tiefsten vergraben hatte.
Ich saß noch lange, nachdem Panja schlief, auf der Veranda meines neuen Hauses und wartete auf den Mond und auf die Kühle. Aus den unbeweglichen Vorhängen der Bäume, Büsche und Pflanzen des Gartens zog ein schwüler Hauch voll betäubender Gerüche, alles blühte, und eine leidenschaftliche Lebensfülle drängte sich auf mich ein, um den Weg in mein Blut zu finden. Überall entzündete der gewaltige, stille Drang zu überschwenglichem Keimen die von den Grillen schallende Luft, die so ruhig war, daß die Flamme meiner Kerze nur wie in der Bedrängnis der übersättigten Luft zitterte, ohne zu flackern. Aus den Palmwaldungen, irgendwoher aus der Ferne hinter dem Garten, klangen die Blasinstrumente der Hindus aus einem Tempelhof, untermischt mit einförmigem blechernem Klirren. Man merkte dem begleitenden Gesang die zunehmende Trunkenheit der priesterlichen Sänger an.
Wenn ich die Augen schloß, überwältigte mich bei dieser Musik ein Bild aus meiner frühesten Kindheit. Ich erinnerte mich, daß ich einmal durch ein seltsames Klingen, dem ich nichts von allem Bekannten zu vergleichen vermochte, aus dem elterlichen Garten auf die Landstraße gelockt wurde. Es schallte fernher, von dort, wo die Chaussee-Linden, die sich beim Dorf einander zu nähern schienen, alles in geheimnisvolle Schatten hüllten, und ich lief hinaus in die Sonne, die Gartentür blieb hinter mir offen, und ich vergaß das Verbot meiner Mutter. Vor einem Bauernhof fand ich im Kranz einer hellhaarigen Schar von Dorfkindern zwei große, traurige Männer unter einem Baum stehen, mit schwarzen Bärten und in langen Mänteln. Sie bliesen diese schreiende Musik auf grauen Säcken und überwältigten mein Herz zum ersten und größten Ereignis meiner Kindheit. Ich weiß deutlich, daß ich wie in einem Taumel des Bluts Halt suchte, um nicht zur Erde zu sinken. Heute begreife ich, daß seit jener Stunde die Ahnung einer schmerzlichen Ruhlosigkeit in meiner Seele wach geworden ist, und daß der erste Blick meines Geschicks mich segnete. Immer noch gehen die Wünsche meiner Seele dieser tierhaften Klage voll ungestümer Lustbegier wie im Banne einer Erlöserhoffnung nach. Sie tauschen mir das Nahe und Vertraute gegen das Fremde und Ungewisse ein, das Haus gegen die Straße und die Heimat gegen die Welt. –
Als ich die Augen öffnete, saß ein großer brauner Nachtfalter auf dem kupfernen Griff des Leuchters und sah bestürzt und hilflos in das unfaßbare Licht. Nach einer Weile begann er langsam die Flügel zu heben und zu senken, und seine Augen voller Angst und unbeweglicher Schwärze füllten sich mit dem Lichtwesen des heiligen Feuers. Die Luft trug seine starken Flügel leicht, diese Luft, die so schwer in meine Brust einzog und so ermüdend auf ihr lastete. Ich bemerkte erst jetzt, daß die Veranda sich bevölkert hatte, und daß ein beflügeltes Geschlecht nächtlicher Vagabunden bei mir zu Gast gekommen war. Alles drang auf geheimnisvolle Art aus dieser grünen Mauer hervor, die mich und mein Haus einschloß. Der Mond mußte hinter ihr aufgegangen sein, denn ich unterschied in der warmen Pflanzenwand nun hellere und dunklere Flecke, die Ornamente der Palmenfächer und die gewaltigen Formen der Bananenblätter, die wie die Keulen schlafender Riesen emporragten, oder gebrochen, wie zerrissene Häute niederhingen. Den Himmel konnte ich nicht sehen. Da löschte ich mein Licht aus, und eine matte, magische Dämmerung erhob sich lautlos um mich her, als sei die Welt durch ein grünes Glasmeer vom Licht getrennt. –
Von allem, was dem Menschen gegeben ist, sind seine Gedanken das Herrlichste. Und die Nachtgeborenen, die auf ihrer Reise über die Erde das unvergängliche Licht erstreben, werden in der Nacht am lebendigsten, als erwachten sie im Dunkeln, wie in heimlicher Angst, zu verdoppelter Tatkraft. Ihnen ist nichts verschlossen, der Weg in die Zukunft ist ihnen so frei, wie der in die Vergangenheit, und sie dringen in die Geheimnisse der versunkenen Geschlechter ein, in die Kelche der Blumen und in den Schlafraum der Geliebten. Die kleinen Dinge des Alltags, mit denen sie sich beschäftigen, nehmen ihnen die Schwungkraft nicht, das Wesen Gottes zu ermessen. Ihr Triumph liegt im Grenzenlosen, und ihr unbewußtes Ziel ist die Ewigkeit. Je stärker sie sind, um so mehr streben sie die Ordnung an, die Schwester der Erkenntnis, und es ist ihre irdische Arbeit, die Zusammenhänge zwischen den versunkenen und den gegenwärtigen Geistern zu finden.
Während ich so meinen Besinnungen freie Fahrt ließ, hörte ich merkwürdige Geräusche aus dem Hause dringen, bald war es ein Scharren oder Pochen, bald rieselte es von den Wänden, oder knisterte im Gebälk. Manchmal unterschied ich Tierstimmen, seltsam klagende Laute des Kampfes oder der Liebe. Es war schwer zu unterscheiden, ob die Laute von außen oder von innen zu mir drangen, aber ich entzündete nach kurzer Zeit mein Licht aufs neue, um den Ungewißheiten der nächtlichen Dämmerung zu entgehen. Als ich aufbrach, um mich zur Ruhe zu begeben, war der Mond voll aufgegangen; es lockte mich, den beschienenen Garten zu betreten, aber die damit verbundenen Gefahren waren auf einem fremden und seit langem von Menschen verlassenen Gebiete zu groß.
Im Hausgang schlief Panja auf seiner Kokosmatte am Boden, und sein Schnarchen beruhigte mich als der einzige vertraute Laut in dieser Abgeschiedenheit. Im Hintergrund flüchtete ein niedriger Schatten lautlos in eine der geöffneten Türen der Gartenzimmer. Ich erwog es, ihm nachzugehen, unterließ es aber. Elias lag auf meinem Bett, als ich eintrat.
Die Holzstäbe an den Fenstern waren morsch und teilweise zerbrochen, Scheiben waren nicht mehr vorhanden. Auch hier verhüllte die undurchdringliche Pflanzenwand den Ausblick ins Freie und den Zuzug frischerer Luft. Der Blütenduft im Raum war berauschend, bald giftig, bald süß, die Düfte erschienen mir schwer und greifbar, während der Gesang der Grillen betäubend im Mondlicht zunahm.
Ich untersuchte meine Schußwaffe, obgleich ich wußte, daß sie in Ordnung war, und rückte mein Lager weit vom Fenster ab. Es stand mir schwer bevor, Elias wecken zu müssen, denn es war mir bekannt, daß ihn jede Störung aufs tiefste verletzte, und für diese unsichere Nacht wollte ich meinen einzigen Gefährten ungern verstimmen. Aber er knurrte nur unwillig und schlief am Boden weiter, ohne recht erwacht zu sein. Da ich gezwungen war, das Licht bald zu löschen, weil seine Anziehungskraft auf die Insektenwelt zu groß ist, lag ich bald unter den Gazevorhängen im grünlichen Dämmerlicht und versuchte einzuschlafen.
Draußen wurde es von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter und leidenschaftlicher; die Lebendigkeit des fremden Getiers teilte sich meinem Blut in aufreizender Art mit, und ich fühlte den Augenblick herannahen, in welchem man die letzte Hoffnung auf Schlaf fahren läßt. Meine Gedanken beschäftigten sich mit den vielerlei Veränderungen und Einrichtungen, die für einen dauernden Aufenthalt in diesem Hause notwendig waren. Solche Erwägungen verstimmten mich, wie leicht gleichgültige Dinge es tun, die mit einem Augenblickszwang an Stelle guter und harmonischer Besinnungen treten. Aber allmählich umfaßten meine Gedanken die Gegenstände nicht mehr, mit denen sie sich abgaben, die Umrisse verwischten sich, ich hatte unter den geschlossenen Lidern noch den unbestimmten Eindruck, als ob es im Zimmer heller geworden sei, und das Grillengeschrei verschwamm zu einem schwülen, drückenden Luftmeer, in dem ich leblos dahintrieb. Ich versank in Schlaf wie in einen Opiumrausch.
Ein weiches Gedräng an meiner Seite ließ mich auffahren, erstarrt blieb ich in der Haltung liegen, in die mich mein Erwachen gestürzt hatte, bis ich Elias erkannte, der sich mitsamt dem Moskitoschleier unter meine Decke verkrochen hatte. Wäre nicht ein schrecklicher Lärm im Zimmer stärker als mein Zorn gewesen, so hätte ich sicher meinem unschuldigen Hunde eine ganz neue Art des Luftsprungs beigebracht, aber mein Instinkt sagte mir rasch, daß das äußerste Entsetzen Elias zu seinem Vorgehen veranlaßt hatte, er zitterte heftig, und sein Winseln glich den Lauten der Todesangst. So ließ ich ihn gewähren, drückte ihn an mich und forschte nach der Ursache des eigentümlichen Lärms, der meinen Schlafraum füllte.
Es war fast hell im Zimmer, da der Mond nun so hoch am Himmel stand, daß seine Strahlen durch die Palmenwipfel den Weg ins Haus fanden, aber die Lichtflecke am Boden und die blassen Streifen in der Luft verwirrten mein Auge anfänglich, bis ich erkannte, daß der Fußboden von einer erregten Schar großer Ratten wimmelte, die sich wie zu einem Angriff an der einen Seite des Raums gesammelt hatten. Ihnen gegenüber kauerte in der Ecke eine Katzenfamilie, kleinere, langhaarige Tiere mit ihren Jungen, und zwischen den beiden Parteien lagen getötete Ratten, einige verwundete schleiften sich mühsam unter kläglichem Piepen voran, einen Blutstreifen hinter sich zurücklassend. Es war deutlich erkennbar, daß die Katzen – ich zählte derer ohne die Jungen etwa vier oder fünf – sich im Zustande höchster Angst und äußerster Bedrängtheit befanden. Sie kämpften einen Verzweiflungskampf gegen die Übermacht der Ratten. Ihr drohendes Fauchen und Miauen hatte etwas, selbst überlegene Gegner, außerordentlich Einschüchterndes, und ihre Gebärden erinnerten mich an die eines gereizten Panthers. Es schien eine alte Feindschaft zu sein, die seit langem im Bereich dieses Hauses herrschte, und die in dieser Nacht vielleicht zum soundsovielten Male blutig ausbrach. Es mag einmal anders gewesen sein, vielleicht herrschte vorzeiten das Geschlecht der Katzen ohne Einschränkung und als tyrannischer Unterdrücker der Ratten, bis diese zu jener Überlegenheit gelangt waren, die mir jetzt über jeden Zweifel erhaben schien.
Die Ratten rückten langsam und mit widerwärtigen Lauten des Zorns und der Blutgier heran. Das magische Licht und der fast leere Raum, dessen Ecken in Dämmerung gehüllt waren, verschob meinen Sinnen auf eigenartige Weise die Verhältnisse von Größe und Weite, es kam mir vor, als rückten dunkle Ungeheuer zum Kampfe gegeneinander heran, ich selber war kleiner als sie, auf einem weit entfernten Berg.
Als die erste Katze, wie es mir erschien, ein alter und erfahrener Kater, zur Verteidigung mit einem langen, flachen Satz vorsprang, erschreckte und begeisterte mich die Wildheit seiner Bewegung. Der Kater verließ sich im Kampfe weniger auf sein Gebiß, als vielmehr auf seine Pranken, die mit zäher Geschmeidigkeit und tödlicher Sicherheit dreinhieben. Die Ratten stoben anfangs auseinander, als er mitten unter sie sprang, nur eine, die von seiner Tatze getroffen worden war, wand sich schreiend neben ihm am Boden, ohne daß er sie vollends tötete, oder auch nur noch beachtete. Seine glühenden Augen, dicht über dem Boden, waren auf die aufs neue heranrückenden Gegner gerichtet. Sie kamen langsam und mit häßlichem Kreischen näher, aus welchem sowohl Todesangst als auch äußerste Kampfeswut klangen, aber ein erneuter Sprung des Katers mitten unter sie hatte nicht mehr die gleiche Wirkung, wie der erste. Die diesmal getroffene Ratte hatte sich offenbar an seiner Lippe festgebissen, jedenfalls schlug das Tier, von seinen Schmerzen wie von Sinnen, mit ungeheurer Wut planlos um sich, sprang hoch empor und wälzte sich am Boden, während immer die eine Ratte, schon fast zerfleischt und in Strömen blutend, an seinem Maule festgebissen hing und hin und her geschlenkert wurde, hinauf und hinab. Und während ich, von Grauen fast atemlos, sah, daß die unheimlichen schattenhaften Gefährten der geopferten ersten sich von allen Seiten in der kämpfenden Katze festbissen, beobachtete ich sogleich, wie hart an der Wand eine andere Rattenschar gegen die in der Ecke zusammengedrängten Katzen vorrückte. Sie glitten, eng aneinandergedrängt, wie ein langsamer Schatten dahin, und das furchtbare Geschrei des sterbenden Katers mitten im Zimmer begleitete ihren gespenstigen Zug wie eine greuliche, herausfordernde Kampfesmusik.
Plötzlich, wie auf einen heimlichen Zuruf hin, stürzte der herannahende Schatten blitzschnell auf die zusammengekauerten Katzen, und es entspann sich ein zweiter, nicht weniger erhitzter Kampf im Dunkel, der mich um so mehr entsetzte, als ich keine Einzelheiten zu erkennen vermochte.
Ein winziges, junges Kätzchen von zärtlichster Anmut flüchtete betroffen, und scheinbar die Gefahr kaum ahnend, mit zierlichen Sätzen ins Licht. Zwei rasche Schatten folgten ihm, man sah keine Bewegungen an ihnen als einzig die des Dahingleitens, und in wenig Augenblicken war das Tierchen zerfetzt. Auf den kurzen, jammervollen Angstschrei arbeitete sich die Mutter mit verzweifelten Anstrengungen zur Hilfe heran, und zu meinem Entsetzen sah ich die schauerlichen Nachtgesellen in ihren Leib verbissen, und sie schleppte, vor Schmerzen heulend, wie ich niemals eine Katze habe klagen hören, ihre blutdürstigen Mörder mit sich, ohne ihrem Kinde Hilfe bringen zu können.
Wäre dieser Kampf nicht gleich darauf auf eine entscheidende Art unterbrochen worden, so hätte ich sicher eingegriffen, um ihn endlich zu beenden. Ich habe mich später oft gefragt, was mich daran gehindert haben mochte, es gleich zu tun. Dem Menschengemüt haftet ein sonderbarer Hang an, kämpfenden Tieren zuzuschauen, und der wollüstige Genuß an solch erregenden Schauspielen ist nicht nur verwerflicher Art, sondern er muß auch eine Achtung vor den selbsttätigen Bewegungen der Natur zur Grundlage haben und ein heimliches Bewußtsein für die Wahrheit, daß der Mensch ihrem Walten weder etwas nehmen noch hinzufügen kann. Ich entsinne mich, daß ich schon als Kind einem Hahnenkampf mit Freude und Genugtuung zuschaute, und daß ich sein Ende mit dem erhebenden Gefühl einer Bewunderung und ohne Beschämung erwartete. So habe ich als Knabe auch nur schwer begreifen können, daß die Menschen Hunde zu trennen suchten, die in eine Beißerei geraten waren, und obgleich einem reizenden Affenpinscher, den ich mein eigen nannte und dem ich aufrichtig zugetan war, von einem Wolfshund die Kehle durchbissen wurde, weiß ich doch gut, daß ich trotz meines Schmerzes dem bösen Sieger mit einer Ergriffenheit nachschaute, die geradezu an Anbetung grenzte und die mit heftigem Neid auf seinen Lorbeer gemischt war.
In jenem Augenblick nun, als ich, von Entsetzen und Mitleid gepeinigt, in den blutigen Kampf der Tiere einzugreifen beschloß und vorsichtig nach meiner Schußwaffe tastete, im voraus mit heimlicher Genugtuung die furchtbare Wirkung ermessend, die das Krachen eines Schusses auf dem nächtlichen Schlachtfeld hervorrufen würde, erklang aus dem dunklen Winkel des Raumes, hinter mir, ein Laut, dessen gebieterische Macht stärker war, als der feurige Donner aus dem eisernen Mund meiner Waffe. Es war ein leises Zischen, das man auch ein trübes Fauchen hätte nennen können und das den seltsamen und etwas lächerlichen Lauten zu vergleichen war, mit denen bisweilen Gänse mit gesenktem Kopf gegen einen Gegner vorzugehen pflegen. Aber die Wirkung dieser klanglosen und widerlich eindringlichen Stimme war alles andere als lächerlich, sie war von einer geradezu grauenhaften Macht. Ich fühlte mein Blut in den Adern gerinnen, und die Totenstille, die im Raume eingetreten war, erhöhte den Schauer meines Entsetzens zu einer todesartigen Erstarrung. Es war so still, daß ich mein gehemmtes Blut in den Ohren sausen hörte, bis langsam, ganz langsam mein Herz jenes furchtbare, dumpfe Hämmern begann, unter dem der Atem stockt und ein schmerzhaftes Gefühl des Erstickens einsetzt. Ich sah die Tiere wie dunkle, reglose Flecke am Boden, selbst das Todesgeschrei der Verwundeten verstummte für eine Weile, nur eine große Ratte, deren Leib völlig aufgerissen war, kreiste in einer Lache ihres Blutes am Boden, in ihr Eingeweide verwickelt, mitten im Mond, und ihr heiseres Piepen hatte in Gemeinschaft mit ihrem scheußlichen Reigen eine fast komische Wirkung unbeteiligten und ahnungslosen Eifers.
„Die Schlange hat gesprochen, unter den heißen Steinen,
ihr tauber Gesang schüttet das Herz in Schnee,
aus ihrer Stimme brechen die Augen des Todes
wie aus den Berggefilden des ewigen Schnees.“
Ich hatte diese Verse in Maratta von einem Fakir gehört und sie mir später geben lassen, wobei ich erfuhr, daß sie alter Herkunft sind und einem viel gesungenen Liede der Bergvölker der West-Gates entstammen. Nun dachte ich in diesem Augenblick zwar nicht an sie, sondern die Verse schienen an mich zu denken, sie bemächtigten sich meiner in dieser schrecklichen Lage, und mir geschah aufs neue das ergreifende Wunder jener erhabenen Gelassenheit, die, in Augenblicken der Angst, wie eine höhere und unbeteiligte Gewalt über uns hereinbrechen kann.
Darüber sah ich eine große Schlange herangleiten, ihr schmaler Kopf war wohl eine Handbreit über dem Erdboden erhoben, und als er ins Licht kam, sah ich die feine Zunge eifrig spielen. Es erschien mir, als lächelte das Tier.
Unter meinen Augen begann nun das grausame Spiel der Schlange, das alle Völker auf Erden kennen und rühmen oder verfluchen. Keinem anderen Tiere ist die geheimnisvolle Macht dieser Wirkung verliehen, die lautlos, unerklärbar, und wie aus einer unterirdischen Welt des Bösen stammend, daherkommt. Kraft und Mut, oder gute Waffen und kühner Sinn bringen ihrer Herrschaft nur selten Gefahr, denn sie hat neben vielen magischen Mitteln jenes furchtbare in ihrer Begleitschaft, das auch den Helden wehrlos macht, den Ekel. Aber neben ihm und vielem anderen, das ihr Wesen enthält, erstrahlt jener dämonische Abglanz aus ihren Regungen, der uns wie eine alte Erinnerung an den beständigen Triumph des Bösen anmutet. So ist ihr listiges Schleichen mit Weihe gepaart, ihre Schönheit mit Verstecktheit und ihre Macht mit Niedrigkeit. Alle Eigenschaften, welche dem Starken Freimut verleihen, verbindet sie, wie in einer heimlichen Genugtuung eigennütziger Bosheit, mit Falsch. Die Elemente von Wasser, Erde und Luft scheinen bei den Bewegungen dieses Körpers ihre unterscheidende Eigenart einzubüßen, denn der Gang der Schlange ist dem keines anderen Lebewesens zu vergleichen; in ihm ist das einfältige Rieseln des Wassers mit den Beschwörungen der Magier verbunden.
Die Schlange umkreiste eine verwundete Ratte, die noch lebte, fuhr aus ihrem verschlafenen Tanz, der alle Wesen bannt, jählings zu und begann das erbeutete Tier zu verschlingen. Ihre Sorglosigkeit und die überlegene Sicherheit ihres Tuns erregte meine Bewunderung in hohem Maße, es war, als wäre sie sich keiner Feindschaft bewußt, die ihr etwas anzuhaben vermöchte. Das Zimmer blieb still, nur von der Decke rieselte bisweilen ein feiner Staub, und die zackigen Lichtornamente am Boden rückten langsam beiseit. Die Erde kreist, dachte ich, mit mir, mit dieser Räuberin, mit den kleinen Sterbenden und Toten dieses Raumes und mit allen, von denen ich durch ein unendliches Meer getrennt bin. Draußen schnarchte Panja, und Elias war an meinem Rücken eingeschlafen. So nahm ich vorsichtig vom Kofferrand eine der großen indischen Landzigarren, die braun wie Torf und feucht wie Erde sind, zündete sie an und wartete auf den Morgen. Meine Gedanken zogen mit den Rauchwolken in die grünliche Dämmerung, und ihr Gegenstand war das Leben der Menschen und Tiere auf der merkwürdigen Erde.
Zweites Kapitel
Cannanore, die Fischer und das Meer
Ehe die Morgendämmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen Kampf der roten Morgensonne mit dem grünlichen Silberlicht des Mondes zu sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite in rote Glut getaucht, während die andere noch die silbernen Wahrzeichen des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrüßten.
Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln.
„Sahib,“ rief er, als ich um Wasser bat, „was ist dies für ein Haus, in welches du eingezogen bist!“
Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig.
„Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht!“ rief er, und die herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Mißachtung.
„Sieh, Panja,“ sagte ich so freundlich, als es mir möglich war, „ich brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.“
Da führte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der Ungerechtigkeit meiner Forderung zu überzeugen.
Die ganze Frische des indischen Frühlingsmorgens umfing uns. Alle Blüten strömten von Tau über, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so daß meine Augen das Entzücken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der Geruch von Nässe, Erde und tausend aufbrechenden Blumen ließ mich taumeln vor Glück. Auch über Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische Lebensheimweh der Blühenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lächelte breit in einfältigem Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und das Licht ein, und sein dunkler, nackter Körper glänzte von Tau.
Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne anlangten, erblickte ich anfänglich nichts als eine turmartige Wildnis von Schlinggewächsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die zum Wasserspiegel niederführende Treppe, die wie in eine unterirdische Höhle hinabging. Die zerbröckelten Steinquadern in der Dämmerung waren von seltsamen Moosen übergrünt und fast ganz bedeckt, ein kühler Modergeruch kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrüstung vergessen zu haben schien, warnte mich mit einem geflüsterten Wort und sah fast ehrfürchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weißen Turban schaute aus einer Wolke halboffener, roter Blüten hervor, die so groß wie Kinderköpfe waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schläfrig aus ihrem Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein.
„Du darfst nicht hinabsteigen,“ sagte Panja, „überall hockt der Tod im halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurück. Ich habe das Wasser gesehen, es ist grün wie sterbendes Laub und von Pflanzen bedeckt, es trägt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen wohnen.“ Dann besann er sich plötzlich, seine kindlichen Augen verloren ihren andächtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn:
„Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir reisen nach Bitschapur zurück, ich werde alles in die Koffer stecken.“
Auf dem Rückwege trafen wir Pascha, den Koch, der über die Straße kam und auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter, schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause drang Holzfeuergeruch. Pascha grüßte mich mit der freien Hand und schritt stumm an mir vorüber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und auf seine Pflicht, gönnte mir das erste nicht und täte das zweite um seiner selbst willen. In seinen großen, samtartigen Augen, unter den langen Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine männliche Gestalt entzückte mich, ich empfand plötzlich den Namen, den ich ihm zugelegt hatte, als lächerlich und wünschte mir, den seinen zu wissen, nur um ihn vor mich hinsagen zu können, diesen fremdartigen Namen seines fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen Herzen, allem Unerforschbaren gegenüber, eigentümlich ist.
Panjas empfindsamer Sinn für alle meine Regungen, die sein Interessengebiet berührten, ahnte auf seine Weise, daß Paschas wortlose Tätigkeit mir wohlgefiel. Er sagte:
„Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Spürnase für alles Genießbare. Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber, Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.“
Er ging ins Haus, und gleich darauf hörte ich Elias klagen. Die Sonnenstrahlen wärmten bereits spürbar, obgleich ihr Licht noch rötlich war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der nebligen Morgenschwüle des Dickichts. Ich verließ den gärenden Garten und betrat den rötlichen Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbäumen breit dahinführte, auf Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschloß ich mich, die Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, während Pascha den Tee bereitete.
Der breite Weg war fast leer, über Cannanore lag ein bläulicher Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen verborgen, wie die meisten Städte und Dörfer der fruchtbaren malabarischen Küste. Es war so still umher, daß ich das Rauschen des Meeres an den Felsen vernahm, und das Sonnenlicht war von unfaßbarer Milde und Wohltat. Ein Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Räder mahlten leise im Sand, und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwänzen der prächtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er blinzelte scheu zu mir herüber, ohne einen Gruß zu wagen, die gewaltigen Hörner der Ochsen schaukelten gemächlich wohl einen Meter lang über den blendend weißen Rücken.
Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre Fächerkronen, über den flachen Dächern der Häuser, zeichneten sich dunkel und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stämme waren von der Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits belebte Basarstraße, in der die eiligen nackten oder weiß bekleideten Gestalten sich zwischen den niedrigen Häusern bewegten und die Händler ihre Straßenläden öffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wächter am Tore erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den Händen bedeckte. Ich beschritt die Basarstraße und empfand die Stille und das Erstaunen, die ich hinter mir zurückließ; nur die Brahminen, die graue Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorüber, ohne zu grüßen und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schöne Gestalten und stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zügen die ferne Verwandtschaft mit den germanischen Völkern unseres Erdteils, deren Wesen die Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Sie haben lange das gewaltige Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Königsschlösser aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und geheimnisvolle Macht erschütterte, die heute nur noch tief im Lande, in düsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen und die Pracht seiner Könige erblaßte, als das Gebrüll des britischen Löwen sich über dem Meer erhob und das Land erfüllte. Als ich mich nach kurzem Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schloß des Hindukönigs, im Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in Trümmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und unveränderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt schaut, flackern die letzten, schüchternen Reste der alten Königsmacht von Cannanore.
Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni und Panja über die Maßnahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner Tür stehen lassen und versuchte während unserer Unterhaltung vergeblich ein erträgliches Verhältnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich für ihn aufgerichtet, und den er aus Höflichkeit angenommen hatte. Endlich stand er auf und ordnete sein weißes Gewand, aus dem von den Knien ab seine mageren braunen Beine schauten.
„Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib“, sagte er so liebenswürdig, als sein furchtbares Englisch zuließ. Panja verachtete ihn so angestrengt, daß ihm der Schweiß ausbrach.
Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frühlings – es war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober – ist frisch und erquickend, erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich heiß. Panja wurde guter Laune, als Rameni gegangen war.
„Wie das Schwein stinkt“, sagte er freundlich. „Er wird dich überall betrügen, Sahib. Wenn deine Reichtümer nicht unermeßlich wären, so würde dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die Steinplatten gießt und zündet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.“
Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt auftreiben würde.
Panja schüttelte sich.
„Die armen Tiere“, sagte er.
Nach einer Weile rückte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand, weil ihm daran gelegen war, seine Autorität in Szene zu setzen.
Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, daß ein beschauliches Leben voll reicher Eindrücke für mich hätte beginnen können. Auch Panja fand sich bald in unsere neue Lebenslage, und es kamen stille, herrliche Frühlingstage, die ich nie vergessen werde. Die beständige Sonne weckte mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne Stimme des Meeres, das mich Tag für Tag in sein glitzerndes Bereich hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich hatte mich bald daran gewöhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang mir, ihr anfängliches Mißtrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen, wie sie von mir.
Wir saßen in der Abenddämmerung bis tief in die Nacht hinein auf den schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blöcken weit in die Meerflut hineindrangen. Oft mußten wir von einem Steinplateau zum andern springen, oder über schmale Holzbretter balancieren, um bis an das äußerste Riff zu gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse, erst in tiefem, klarem Blau, dann färbte sie sich langsam rot und blendete den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so daß es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter ihr ging über den Palmen der rötliche Mond auf.
Es war in der Hauptsache auf den Fang größerer Fische abgesehen, die Angelhaken hatten die Größe eines gekrümmten Kinderfingers und waren mit dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fünf Meter vom Köder entfernt war ein Stückchen leichter Baumborke als Schwimmer an der Leine befestigt, und die Angeln wurden über dem Kopf in Kreisform geschwenkt, so daß sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus gelangten. Dann hockten die Männer sich nieder und verharrten unbeweglich, wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg ihrer Mühe unterrichtete.
Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Füße, dann wieder sahen wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute deutlich das Herannahen einer größeren Welle, und ein leiser Zuruf warnte mich, damit ich mich am Felsen festhalten möchte. Wenn dann für Augenblicke der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde nächtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes Gefühl der Angst, ja der Todesfurcht zu überwinden, und nur die unerschütterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.
Die Männer hielten ihre Leinen niemals fest in den Händen, sondern nur leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, daß ein Haifisch anbiß, und weil der erste Ruck ihnen hätte verhängnisvoll werden können. In solchem Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor. Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In den meisten Fällen war das Gerät dann verloren; zuweilen gelang es aber, das Raubtier durch die Felslücken bis auf den Strand zu schleifen, und ich erschrak über die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner Hilflosigkeit einen geradezu einschüchternden Widerspruch gegen seine Bändiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lösen, und ließ das Tier auf dem Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder nach Stunden bemächtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.
Gegen Norden zu brachen die dunklen Küstenfelsen jählings ab, und es breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weißer Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan war, ein empfindsames Herz zu locken.
Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten meiner unnützen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos langen, ebenmäßigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte Windwellen unter blaßblauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheißungen, keine Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nähern trachten, nur seine Größe erhebt uns, wie alle großen Formen dem Gemüt eine Ahnung künftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthält keine Maßstäbe für unsere Rechte oder für unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns trägt und ernährt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben, aber wer würde durch sie ein Bild von seiner unermeßlichen Gewalt und Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen hätte? Nur in jenem ins Mystische hinüber verblühenden Geiste des großen, gottberauschten Schwärmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des Meers auf, als er das Tausendjährige Reich in seinen unendlichen Visionen erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel unterstellt ist.
So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wäre vielleicht so tief wie der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schluß, der schwer zu erweisen ist, die einzige Ähnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer ist die, daß man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen. –
Einmal fand ich am Strand einige große Meerschildkröten, die auf dem Rücken lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Füße, die sie wie ein in den Sand eingeprägter Lorbeerkranz umgaben, ließ sich leicht entnehmen, daß diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben hatten und daß sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband. Und richtig sah ich unter den Bäumen einen braunen Hinduknaben flüchten, dessen Respekt vor mir so groß war, daß er eine Palme bis an den Wipfel erklomm.
Die Schildkröten waren in dieser Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem Element entrissen worden sind, sondern eine zähe Lebensdauer, auch auf dem Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwürdig häßliche Kopf schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger Schlauch erschien. Ich kehrte mit großer Mühe diejenigen um, die mir noch regsam genug für eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten sobald als möglich unter, sichtlich im Zweifel darüber, ob dieser Vorgang eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer Fieberphantasien im Sonnentod.
Später erfuhr ich, daß die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage gebracht werden, damit sie sterben, denn sie können sich nicht aus eigenen Kräften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer Überzeugung widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen getötet; offenbar ersieht man aus der Tatsache, daß die Götter die Schildkröten nicht wieder umdrehen, ihren Beschluß, sie zum Nutzen der Menschheit sterben zu lassen.
Übrigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgültig verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von seinem hohen Versteck aus meine Maßnahmen wahrgenommen und er nahm Anlaß, diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.
Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit dem ich mich einließ, auch Ratten kamen bisweilen die Bäche herab und erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewühlt hatte. Eine bestimmte Kaste in Malabar begräbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar werden meist die Sandbänke und Inseln gewählt, aber häufig findet man auch die Spuren der Gräber an der Küste.
Einmal machte ich die Bekanntschaft einer größeren Fliege, die nur einen Flügel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich beobachtete sie, während ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die Steine aus, die besonders rund, blank und heiß waren, und es schien, als bevorzugte sie die weißen. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen hatte, faßte sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flügels beim Einhalten der Richtung bemerkbar machte.
Jedesmal schaute sie anfänglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber dann ihrem merkwürdigen Schicksal, immer anderswo landen zu müssen, als sie gewollt hatte. Mit einem etwas bekümmerten, aber keineswegs gereizten Ausdruck orientierte sie sich über die ihr bestimmte Umgebung, schließlich schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heißen Licht, vor dem glitzernden Wasser.
Ich faßte eine gewisse Neigung zu dieser flüchtigen Freundin meiner einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schließlich im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an. Ich erzählte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig über die runden Brüder ihrer Jahrtausende kollerten und vergnügt klirrten. Die meisten dieser Steine waren prächtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. „Du bist noch nicht rund genug, mein Kleiner“, und ich warf ihn ins Meer zurück, damit ihn die Flut noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht würde dieser Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, daß einer dieser vergänglichen Menschlein sich seiner annahm und plötzlich einen solchen Eingriff in seine gemächliche Entwicklung machte.
Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, törichte und sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heißen Luft in unbekannte Regionen empor, und der flüchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur Erinnerung.
Nie aber, daß Langeweile oder Mißmut mich plagten, das Leben war ein makelloses Gefäß, angefüllt mit dem klaren alten Wein lieblicher Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem selbsttätigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergänglichen Glücksgütern der Erdenzeit gegenüber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken, anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anlaß anteillosen Verkommens wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschränkung.
Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf seine künftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen Stimme verwandelte sich in meinen Träumen in einen beredten Glanz von großer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt, die ein ganzes Buch füllen würden, aber etwas an der Weisheit des Meerwassers verhinderte mich daran, so törichte Pläne zu fassen. „Ich sage es allen,“ rief es gleichmütig, „warum willst du es tun? Niemand wird Dinge durch Menschen hören, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem heiligen Wesen erfassen?“ Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der Silberleiste der Meerflut groß und nah ein schwarzes Boot im roten Himmelsschein dahinfahren, das von vier Männern angetrieben wurde, die stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das Licht hinter ihnen mich gelinde blendete.
Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich wußte es von ihnen so wenig wie von mir.
Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang verspürt, Schmetterlinge und Käfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein spürbares Mißgeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich kein Segen darauf. Der prächtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine Eltern mir zur Förderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald zu einer Goldgrube billiger Ernährung für eine kleine, lausartige Sorte von Parasiten, die über meine gesammelten Insekten herfielen und sie verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das prächtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten fielen auch über das Naphthalin her, fraßen es auf und gediehen dabei zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemühungen zuschanden werden bis auf einen rötlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte und kaum größer war, als ihr Knopf.
Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner Jugend auch in Indien zunutze gemacht hätte, anderseits aber wird es jedem verständlich sein, daß meine alte Leidenschaft bei der außerordentlich mannigfaltigen und prächtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt wurde. Ich schlug Panjas Einwände in den Wind und ließ in Cannanore bekanntgeben, daß ich Erwachsenen oder Kindern für jeden Schmetterling oder Käfer, die mir in meine Niederlassung gebracht würden, den Preis von einer Anna zu zahlen bereit sei.
Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frühe ein seltsames Geräusch vor meinem Hause, das ich anfänglich vergeblich zu erkennen trachtete, bis ich endlich herausbrachte, daß es ein Volksgemurmel war. Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Säuglingen auf den Hüften, Männern und Jünglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straßendirnen und Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit, schlängelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfänglich erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlägen seinen Opfern zuweilen dadurch erleichtert, daß es nicht sofort die ganze Fülle des Ungemachs offenbart.
Panja sagte nur: „Sahib, die Leute bringen die Tiere.“
Ich muß gestehen, daß ich in große Verwirrung geriet und mich nur mühsam fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht gönnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schräg und erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten.
„Hast du kleine Münze genug?“ fragte ich ihn fröhlich, während ich mich rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug große hätte.
Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die Veranda meines Hauses. Ein beifälliges Murmeln der Erwartung begrüßte mich. Recht gelegentlich, als läge mir nur daran, ein paar Schritte in der Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die Straße nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden Feigenbäume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurück, weil dieser Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl für mich herausgetragen.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu beginnen. So sandte ich denn Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich brauchte Panja als Dolmetscher, auch wäre er wahrscheinlich bis zum Abend ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern.
Der erste der zahlreichen Ankömmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit prachtvollen dunklen Augen und völlig nackt. In der festgeschlossenen kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte, entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die völlig zerquetscht und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jäger entfernte sich mit einem glücklichen Satz, ohne daß er wagte, in den Jubel auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt nicht an den Erfolg dieses Geschäftes geglaubt. Panja sah ihm nach und sagte boshaft: „Unterwegs wird er sich lausen, und dann schließt er sich hinten wieder an.“
Der nächste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen grünen Beutel aus einem großen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es befanden sich weiße Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die Schicksale seiner Familie zu erzählen, der es in der Tat nicht gut gegangen zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem mißgünstigen Blick auf meine Münzen, nachdem er mir zwei Ameisen auszuhändigen versucht hatte.
Ich kann nicht alles aufzählen, was mir an diesem Morgen an Gewürm, Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir, Indiens Reichtum an diesen Geschöpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte ein Kücken, das von Ratten zur Hälfte aufgefressen worden war und keine Federn mehr hatte. Sie hoffte, daß ich es meiner Sammlung einverleiben würde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein Mädchen, blühend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schüchtern vor mir stand, hatte einen wahrhaft schönen Schmetterling von der Größe eines Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rändern, aber er war zwischen ihren Fingern zerdrückt, wie ein Trambahnbillett in einem Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner großen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet. Jahrtausendalte Träume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn und Schlaf. Mich überkam ein jäher Wandel meines Empfindens und eine Traurigkeit; plötzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens in beschämender Klarheit bewußt. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen können, zu glauben, daß wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein Geringes näher kommen, daß wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Kästen bergen. Ich empfand mich plötzlich als vielfacher Mörder, und vor mir harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verkünden zu lassen, daß meine Ansprüche befriedigt seien, und daß ich keiner weiteren Insekten mehr bedürfte.
Drittes Kapitel
Die Nacht mit Huc, dem Affen
Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte, mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen befreite und aus meinem Entsetzen riß.
Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist, wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein, wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein. Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.
Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck, der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. „Er holt die Kokosnüsse aus den Palmen“, erklärte mir Panja. Das kleine, graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ, nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises, und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich, daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er schien begierig und traurig zugleich. „Er will seinen Affen nur vermieten,“ erklärte Panja, „das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.“
Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte, daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen vermochte.
„Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme“, sagte ich.
Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe, die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten. „Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?“ ließ ich fragen.
„Ich habe sonst kein Eigentum“, antwortete das Kind.
„Aber wenn ich dir eine große Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen erstehen. Ich biete dir fünf Rupien.“
Panja verschluckte sich bei der Summe und mußte sie noch einmal sagen.
Der Knabe zitterte so heftig, daß ich ihn am liebsten in die Arme geschlossen hätte. Er sagte zögernd:
„Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,“ fügte er schnell und mühsam hinzu: „für diese große Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen noch töten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das Gartengitter schauen.“
„Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?“ fragte ich.
„Soll ich so was wirklich übersetzen?“ fragte Panja.
Ich sah ihn an, und er übersetzte meine Worte wie ein Automat.
„Meine Eltern hungern“, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne Anklage. Und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich eine merkwürdige Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Tätigkeit wiederholt Diebstähle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen worden. Seine Stammesgenossen, die ihn längst als Abtrünnigen betrachtet hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von ihm wissen, und er war hier wie dort ein Geächteter geworden und in Elend geraten. Nun begriff ich wohl, daß man in einer Industrie keine Diebe gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei, erfüllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich sein, am wenigsten in einem christlichen.
Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen, und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen, sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mußte nun zu seiner Bekümmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschließen, nach welchem mir das Recht auf den Affen Huc für zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von fünf Rupien im voraus als Gebühr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu, seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich früher als in der ausgemachten Frist Cannanore verließ.
Das Kind eilte glücklich heim, und Panja kündigte mir den Dienst; dies hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.
„Sahib,“ begann er, „du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?“
Ich erwiderte höflich:
„Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest das Geld für ihre Bestattung.“
„Es war meine Großmutter,“ sagte Panja, „soll ich dir von ihr erzählen?“
„Deine Großmutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.“
„Du wirfst alles durcheinander,“ sagte Panja traurig, „nur den Vorschuß behältst du richtig im Gedächtnis.“
Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschuß doppelt so groß war, als ich gewagt hatte, anzuführen, und ich nahm mir ernstlich vor, künftig ehrlicher zu sein.
Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen des Mannes zu. Er nahm die Tonkrüge mit gekochtem Wasser aus ihren Bambusschaukeln, in denen sie zur Kühlung geschwenkt werden, trug die Speisen und Früchte ernst und sorgfältig herzu, alles in kleinen Gerichten und zierlich verwahrt, Früchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, geröstete Pisangfrüchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals längst an die indische Kost gewöhnt, die in ihrer großen Mannigfaltigkeit wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergönnt ist, denn selbst in den Hinduhotels bemühen sich die Eingeborenen, den Europäern die Speisen auf deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Früchte kennen gelernt hat und ihre Art seinen Bedürfnissen anzupassen versteht, ist in Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernährungsart jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.
Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrüchte, die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.
„Ich werde ihn hinausbringen“, sagte er.
Aber ich erklärte ihm, daß ich mit Huc sprechen müsse, und er ging still hinaus. Anfänglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurückzuziehen versucht, aber bald hatte er herausgebracht, daß ich es gut mit ihm meinte, und in seiner scheinbar so nachlässig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm zögernd mit matter, immer ein wenig hängender Hand, was ich ihm darbot. Er hatte großes Mißtrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er muß den Haß und die Verachtung erleiden, die seinen räuberischen Gefährten gelten. Jeder Vorübergehende vergnügt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil seines Zornes auszulassen, den seine Brüder in der Freiheit mit ihrem frechen, spöttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen, heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon früh hinzukommt; und wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.
Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer hinüber möglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete, spürte seinen kühlenden Hauch und vernahm sein gedämpftes Dröhnen an den Felsen. Auf der Höhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen, deren eine kerzengerade emporstieg, während die andere sich demütig in einem sanften, ebenmäßigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun Abend für Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch, nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird nennen können. Im Getriebe der tobenden Großstädte Europas, mitten im Straßengetümmel, in erleuchteten Sälen unter schwatzenden und lachenden Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nächtlichen Arbeitsraums erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die große Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein großer Friede.
Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in meiner Nähe zu verweilen, und ich ließ es zu, da mich ohne Aufhör das merkwürdig beklemmende Bewußtsein gefangenhielt, daß wir einander in Rede und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schöpfung löst in so hohem Maße den Hang zur Nachdenklichkeit über sich selbst in uns aus, wie der Affe. Während ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins nach dem andern meiner isolierten Seele gönnte, zog der gewohnte Reigen meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekränzt, an meinen Augen vorüber, und langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere und höhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu geben vermag. Während dieser Stunde saß Huc still und nachdenklich vor mir und betrachtete mich geduldig. Seine merkwürdig zarten, hellgrauen Augenlider, die an dünnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten über die Hälfte des scheinbar ermüdeten Auges empor, und die dunklen Greisenhändchen mit den schwarzen Nägeln führten ein schläfriges und gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.
„Huc,“ sagte ich zu ihm, „mein geliehener Affe, der Gang, den das menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten Führungen des Weins anvertraut, ist überall in der Welt der gleiche, nur im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft, derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments stellen. Ist es nicht zuerst, als träten die Sorgen des Alltags einen stillen Rückzug an, daß unser Gefühl erstaunt und sehr erfreut nach der Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrünten Walstatt ihres quälenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung, der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schönste unserer Zukunft zur Gewißheit macht, so daß wir unvermerkt und heimlich am Ziel unserer Wünsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem Ziel wird uns plötzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, daß es immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem bleibenden Gewinn.“
„Prost“, sagte Huc.
„Du mußt mich jetzt nicht stören“, antwortete ich in jener Bekümmernis, in die leicht Leute geraten können, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen, als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man ihre Ergriffenheit nicht teilt. „Huc, wir müssen nun sehen, wo dieser Trost zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.
Alles was wir gern geglaubt
strahlt aus seinem Grund,
Jesu schmerzgeneigtes Haupt
und der Liebsten Mund.“
„Keine Verse, bitte“, sagte Huc.
„Vergib,“ antwortete ich, „es kommt zuweilen vor, ohne daß man es beabsichtigt, aber ich begreife, daß die Wesen selten sind, die erkennen können, daß man die Dinge wahrhaft schön nur in Versen sagen kann. Sieh nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir kennen, die Schönheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer Augen erstrahlen das unvergängliche Leben und der irdische Schlaf, und vom Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der Sommernacht, und legen sich über unsere Augen, so daß wir in Ruhe versinken, als hätten wir uns nichts gewünscht, als diese gnädige Ruhe.“
„Ein Asket bist du also nur,“ antwortete Huc, „weil der Weg dorthin mit einer Reihe genußreicher Annehmlichkeiten verbunden ist.“ Er fuhr sich rasch mit der Hand über die schmalen Lippen seines großen Mundes, der wie in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und ließ dann mit hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen. „Gib einen Schluck her“, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei sein Kopf vorrückte und mir so groß erschien wie ein Menschenkopf. Er trank vorsichtig, leckte sich umständlich die Lippen und atmete so schmerzvoll auf, wie nur Menschen aufatmen können.
Es war eine Weile still zwischen uns, die nächtlichen Geräusche der Natur drangen gedämpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens und sagte einfach:
„Ich bin schwindsüchtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von den Wäldern erzählen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schönheit der Wälder ist so groß, daß die Gedanken und Worte darüber zu Träumen werden, je näher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrübte mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Körpers und seine Hinfälligkeit sollte man nur mit einem Lächeln hinnehmen.“
„Ich bin erstaunt über deine Weisheit, Huc“, sagte ich.
„Wie hochmütig du sein mußt, um darüber zu erstaunen“, antwortete Huc ohne Eifer. „Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schöpfung den Schöpfer zu ehren, und ihr überschätzt eure Eigenschaften so sehr, daß ihr darüber diejenigen aller anderen Wesen belächelt. Aber wir sind alle auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne hätten die Zeit zu ermessen und sie in Vergangenheit und Zukunft zu überschauen vermöchten, würden wir ehrfürchtiger sein, bescheidener und frömmer. Gib einen Schluck her.“
Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Händen nahm und langsam mit geschlossenen Augen leerte.
„Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen zuzuschauen,“ fuhr Huc ruhig fort, „es regt ihre Ahnungen einer zukünftigen Vollendung in Rührung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die, obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben müssen und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst, sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Häuser und Städte kennen gelernt, bin auf Schiffen die Küste entlang gefahren, so daß die Wälder an den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so daß ich weiß, worauf ihr stolz seid. In der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf meinem Pfahl zubringen müssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!“
Ich holte ein zweites Glas für mich herbei und schenkte uns beiden aufs neue ein. Huc saß still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor mir auf dem Tisch, so daß unsere Stirnen etwa in gleicher Höhe waren, zwischen zwei glänzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit dem farbigen Stanniol, zerriß es und roch daran. Als er es endlich aus den Händen fallen ließ, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich wieder für einen Augenblick an seiner Bedeutung.
„Du bist doch nur ein Affe“, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem Traum.
Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoßend:
„Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?“
Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen Überlegenheit angesehen hatte. „Erzähle von den Wäldern“, bat ich.
„Ich meine oft,“ begann Huc ruhig, „ich kenne die Wälder erst, seit ich sie habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde, bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken, und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im Gemüt zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten, deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.“
Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren, aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer.
„Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich das Wasser rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not ihres Frühlings Erzitternden.
Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde friedvoller Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles Große.“
„Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?“ fragte ich.
Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von unbeschreiblich drohendem Ernst.
„So kann nur ein Mensch fragen,“ sagte er matt. „Immer noch glaubt ihr, der Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand, sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.“
„Was weißt denn du von Gott, du Affe!“ sagte ich.
„Es kommt nur darauf an, daß Gott etwas von mir weiß,“ antwortete Huc, „und er tut es. Unglücklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht erinnert.“
„Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.“
„Nun fängst du gar an, mir zu glauben,“ entgegnete der Affe melancholisch, „nichts könnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.“
Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich weiß nicht, wodurch ich sein Mißfallen erregte, vielleicht dadurch, daß ich zu viel Palmwein getrunken hatte.
„Erzähle von den Wäldern,“ bat ich, „über Gott soll man nicht streiten, kein Weiser streitet über Gott.“
„Das wäre für dich ein Grund, es zu tun“, sagte Huc, öffnete sein Maul ein wenig, so daß ich seine Zähne blinken sah, und es erschien mir plötzlich, als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zügen.
Es ergriff mich über dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen Ursprung gewiß nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschämung, in welcher man das Gebäude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfältigen Liebesansprüchen der Natur zusammenbrechen fühlt. In Besinnungslosigkeit und Verblendung ergriff ich jählings eine der Flaschen, packte sie am Hals und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag auf Hucs kahlem Schädel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jähen Licht geblendeten Augen öffnete.
Da erkannte ich, daß draußen die Morgensonne auf die Blätter schien, und daß ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war. Bestürzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir so deutlich im Ohr, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, daß eine Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, daß ich im Schlaf ein Glas vom Tisch gestoßen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und vom halbgeöffneten Fenster her wehte es kühl herein und brachte das Geschrei der Sittiche aus den Mangobäumen mit sich. Ich raffte meine erstarrten Glieder mühselig auf, eins nach dem andern, und gähnte über die stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre jämmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betäubt, bückte ich mich endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von Altersschwäche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer Papeiapalme. Es sah aus, als säße er auf seinen Händen, dabei schaukelte er sich seelenvergnügt nach besten Kräften, und auf meinen Zuruf hin schaute er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend die Zähne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgültig, er blinzelte in die rote Morgensonne hinein, ließ den Zweig ausschwanken, wie er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schloß vor Lebensseligkeit die Augen.
Als ich ins Zimmer zurückging, stand Panja in der geöffneten Tür, die Hände auf dem Rücken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen Turban auf dem kohlschwarzen Strähnenhaar, und seine Augen wanderten mit unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoßenen Weinflasche bald zu den Scherben am Boden, bald über meine arme Gestalt hin, die in der Tat der Frische und Schwungkraft entbehrte.
„Sahib…“, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften.
Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:
„Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.“
Viertes Kapitel
Am Silbergrab des Watarpatnam
Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen, den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen, Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns warteten.
Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die die Küste unbefahrbar machen, in den Meerstädten keine Unterbrechung erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen.
Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten, da die Mohammedaner uns rudern würden.
Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren, aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen. Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.
Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich, vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels, dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von Neapel aus zu Fuß zu erreichen.
Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben, sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden. Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind, weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.
Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,
Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,
die Götter auch, im Licht, allein verehren
als Brahman, als das älteste, die Erkenntnis.
Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,
und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,
streift schon im Leibe alle Übel von sich,
und alle Wünsche werden sich erfüllen.
Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und überall in Indien träumt ihr Friede über all den lebendigen und erstorbenen Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, daß, wer ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, daß aber jeder, der mit Geduld gewappnet einzöge, sie dort verlöre. Dieses Wort läßt sich leicht, auf äußerliche Dinge angewandt, gleichmütig zu den Anekdoten rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der Jahrtausende zu, das überall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen Triumphlächeln in den Zügen, über seine eingeäscherten Völker und über den törichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorüber, nur die leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die erbarmungswürdige Selbstsicherheit der Pharisäer.
Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen, gewesen, der mich hinaustrieb in die unberührte Natur, die Mutter des Glaubens und der Klarheit für alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob unsere Träume unsere Gedanken anzuregen vermögen, wie in einer unschuldigen Selbsttätigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert, oder ob nur unsere Gedanken unsere Träume zu befruchten vermögen? Damals erschien es mir, als läge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in Hucs schlichter Meinung, daß alles Große des Erdendaseins uns allein aus unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen könnte. Daneben blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern, beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist.
Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfüllten und dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der Ströme und Bäume des Landes zu finden, im Himmelsblau über den Wildnissen des Dschungels, im Gebaren seiner Geschöpfe, seien es nun Menschen, Tiere oder Pflanzen, und in der strahlenden oder gärenden Flut des Sonnenlichts über dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als höchsten Anspruch und endliche Erfüllung.
So trieben mich die glücklichen Irrtümer meiner Jugend, wie sie Millionen vor mir erhöht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genüge gebracht haben. Aber ihre Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den Auferstandenen der Natur, im stürzenden Quell, in schwellenden Früchten oder in den Liedern der Singvögel, die in Lichtwellen verwoben, über aufbrechende Blüten dahinklingen. Krishnas große Worte vom eigenen Wesen, der Glanz der höchsten Gottheit, verführt und leitet uns immer aufs neue zu friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.
Ich bin der Weg, der Träger, Fürst und Zeuge,
der Freund, die Heimat und die Zufluchtsstätte,
Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,
bin der Behälter und der ewige Same.
Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkühle fröstelnd, in den Eingängen ihrer Hütten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu verließen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrüßten uns, das im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfaßlichem Rot, wie in Farbenflecken, im Grün und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten Heerstraße lag, die anfänglich sacht emporstieg.
Ich schaute nicht zurück, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen Bluts kämpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen, die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden Peitschenschnur ihres Führers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines geärgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, überfüllter Wagen rasselte in Sprüngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen hätte keine Maus mehr beherbergen können, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bündeln und Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hälfte Ergriffenheit und Jubel und zur Hälfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus welchen Gründen diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefährdete, man schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der Behörde, deren halbeuropäische Mischlingsvertreter noch in Cannanore schliefen. Eine rötliche Wolke hüllte diese Höllenjagd aus Unfrieden und Torheit hinter uns ein.
Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen war, über dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die Bambusvorhänge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch über den Vorfall. Er sagte nur: „Wilde Schweine“, und ließ die Bambusmatte wieder fallen. Es wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Räder knarrten, und aus den Niederungen der Reisfelder rief die Häherdrossel ihre drei melodischen Flöttöne.
Nach einer Weile bogen wir von der Heerstraße ab, um einen schmaleren Weg einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestände zwischen frisch bewässerten Reisfeldern dahinführte. Die kleinen, weißen Rennochsen griffen kräftig aus, so daß unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines mäßigen Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Südprovinzen beider Indien bei weitem gesicherter und zuverlässiger mit Ochsen, als mit Pferden, da erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernährung sind.
Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein, die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrückungen ihrer engen Häuslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine ganze Jugend ausfüllten, verbindet sich für mich die Vorstellung, daß ich damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen läutert das Gemüt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet. Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstüberhebung dämpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.
Nicht, daß solcherlei Gedanken mich damals beschäftigten, sie kommen erst später, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden, deren Wert darin beruht, daß sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den fruchtbaren Reisäckern, der Takt der Wassermühlen und die schönen Gestalten der arbeitenden Männer und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen Buschbeständen und Laubwald in ein Stückchen freien Landes ausfuhr, breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflügt, aber noch nicht bewässert worden war, und das schräge Sonnenlicht legte die aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der Morgenfrische strahlte über dem dampfenden Land, das duftete und von Fruchtbarkeit zu gären schien. Zwei schneeweiße Ochsen vor dem Krummholz, das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der außer seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den schwarzglänzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schloß das Bild im Hintergrund ab, und darüber strahlte ein unfaßlich blauer und klarer Himmel von seliger Weite.
Am Ende des Feldes waren Mädchen an der Wassermühle beschäftigt, sie mochten vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, waren fast völlig nackt, und ihr tiefschwarzes Haar, das von Öl glänzte, hing in einem langen, schmalen Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre jungen Körper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glücksbewußtsein kindlicher Freiheit und in jener großzügigen Schamhaftigkeit der selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und sangen einstimmig ein monotones Lied von großer Traurigkeit. Der Fall des stürzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, daß sie das Herannahen des Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flüchteten sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwände einer kleinen Hütte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, über einen kleinen Bach sprangen. Aus der Hütte trat gleich darauf eine zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zügen anlächelte und uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es wurde dämmerig und schwül, die Bambusdickichte und die hängenden, buntverwobenen Teppiche der Lianen verhüllten mehr und mehr den Blick in die Schatten des Urwalds.
Niemand schien anfänglich über den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchmaß er unseren Weg etwa zehnmal, die zweite machte er ihn ungefähr fünfmal und selbst in der dritten Stunde, in der es schon empfindlich heiß geworden war, lief er immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer übertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher, blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dämmerung unter den Bäumen mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewöhnlich das eine Vorderbein emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhängen ließ. Seine Ohren bewegten sich dabei unablässig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in Unsicherheit darüber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie ihm.
Übrigens hatte Elias sich auf das prächtigste entwickelt, er trug nun die Merkmale eines Wolf- und Schäferhundes nicht minder deutlich, wie die eines forschen und geschmeidigen Terriers, jener tüchtigen Rasse, die damals die Engländer bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch verwöhnte Kenner durch ihre Fülle und die Mannigfaltigkeit ihrer Färbung, während ein großer Ringelschwanz ihn auf das prächtigste zierte. Da er noch ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos floß auch vom Blut des sehr beliebten Hühnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn sobald sich ein Geflügel zeigte, verriet Elias einen unbezähmbaren Hang, sich dieses Getiers zu bemächtigen, um es zu zerreißen. Hier zeigte er einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde gefunden werden wird.
Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfaßbarer Beständigkeit heraufzogen, den stillen, glühenden Glanz der Tage und den magischen Frieden der weißen, gefährlichen Nächte! Von allem, was mir aus dieser Zeit der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist, preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanäle. Ich vergesse die Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich weiß, braun und grün von der merkwürdig stillen, graublauen Silberwand des großen Wassers ab, als wir die Straße zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Häusern und Palmenhütten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dämmerung einer hölzernen Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug, die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so still wie ein Bild. Ungeheure Laubbäume, unserem Ahorn vergleichbar, überschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugänge zu diesem Hafen führten eng an den Häusern entlang. Es duftete nach Tee, Gewürzen und Früchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob sich ein alter Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, und begrüßte mich im Namen Allahs und des Propheten.
„Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu gelangen?“
Seine Stirn war dicht über den Brauen, wie von einer weißen Binde, abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwägend an. „Gib die Geldsumme für die Fahrt, Sahib, wir müssen die Ruderer ablohnen, damit sie gehorsam sind.“
Panja trat zwischen uns, absichtlich so, daß der Alte einen gelinden Stoß empfing und zurücktreten mußte. Er funkelte Panja zornig an.
„Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?“ zischte Panja. Ich war erstaunt über seine Keckheit. „Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem Herrn genügen, glaubst du, der Sahib wäre gekommen, um mit dir zu schwatzen?“
Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herüber, aber dann folgte er Panja und sagte zögernd:
„Die Kanus sind gut.“
„Das entscheide ich“, sagte Panja kalt.
„Führst du einen großen Herrn durchs Land?“ fragte der Alte.
Panja lachte. „Ihr wißt in Tschirakal nicht mehr als die Frösche in euren Sümpfen“, sagte er geringschätzig. „Ich habe meine Seide nicht gestohlen. Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, daß er einen Boten nach dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?“
Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, daß hier sein Vorgehen Gründe hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt worden. Panja kannte sein Land.
Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus aus Baumstämmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendächern, die den mittleren Teil beschützten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewölbt. Zwischen dem Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort für kühlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte. Der Boden war sorgfältig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt, aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.
Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah über den See hinaus, der sich rötlich färbte.
„Wann kommt der Mond?“ fragte Panja.
„Gegen Mitternacht,“ antwortete der Alte nachdenklich, „wir werden in der Morgendämmerung fahren.“
„Wer will reisen?“ fragte Panja gelassen, „du oder der Herr? Wir fahren sogleich.“
„Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so rasch zu finden.“
„Wieviel Ruderer hast du?“ fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers einzugehen.
„Für jedes Boot vier.“
„Es genügen zwei für jedes Boot,“ entschied Panja, „das Wasser ist still.“
Der Alte schüttelte den Kopf. „Morgen kommt ihr am offenen Meer vorüber, wenn auch nur für eine kurze Zeit, so können doch zwei Männer das Boot nicht durch die Brandung rudern.“ Diesmal schien der Alte recht zu haben, denn Panja fügte sich, aber er forderte, daß die Leute sogleich gerufen und in den Booten verteilt würden. Er sagte mir später, daß es besser sei, die Ruderer tauschten ihre Meinung über uns zuvor nicht aus, und er setzte seinen Willen durch. Unser Gepäck wurde hinübergetragen, die Ochsenwagen kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.
Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es war kühl, ich hörte das Wasser und taumelte empor in einen sanften weißlichen Lichtschein.
Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche schwarzblinkende Abgründe, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle, nackte Körper vor mir hin und her, stießen in das dunkle von Sternen und Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und hoben sich wieder, wie mit fließendem Silber übergossen, sprühend und glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale Silberstraße von solchem Glanz, daß meine Augen geblendet wurden.
Wie ein traurig ertönender Komet mit langem Schweif schoß unser Boot durch ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des ruhenden Stromes, der, über tausendjährigem Schlamm, zögernd ins Meer hinüberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie überzog sich mit Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung meines Verdecks, erbebend in übersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der Nacht.
Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bläuliche Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, über dem Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hörte die Zurufe der Mohammedaner in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen weißlichen oder rötlichen Schein über mir getroffen. Von solchem Hintergrund hoben sich große Blätter oder die Schwerter eines hohen Schilfs ab. Einmal schoß mit durchdringendem Klageruf, der noch lange draußen über dem Wasser gurgelte, ein großer Sumpfvogel empor.
Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es öffnete sich darüber ein Laubengang, so dicht verwachsen, daß er wie eine grüne Höhle wirkte, mitten darin stand Panja in seinem weißen Gewand, hielt eine Fackel hoch und winkte mir.
Die Leute mußten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Männer in tiefem Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenüber am Feuer und sprach leise und erregt ohne Aufhör. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwürdig im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurückgelassen, und es lauerte in der gärenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die Ahnung eines hastigen törichten Todes. Es war, als erwartete die Daseinsgier und der Lebensdrang der üppig und in stiller Wildheit ausbrechenden Pflanzen und Bäume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den Spitzen der Finger, in den Schläfen und im Halse.
Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und vermodertem Holz eine Fackel, goß Öl darauf und entzündete sie am Feuer.
„Wohin gehst du, Panja?“
„Zu den Frauen“, sagte er dumpf.
Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb ich allein am Feuer zurück mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den Koffern, er hatte seine Matte quer über meinem Eigentum ausgebreitet und bewachte es schlafend mit seinem Leibe.
Fünftes Kapitel
Dschungelleute
Panja roch die Dörfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen Forschungen günstig war.
„Es kommt ein Dorf, Sahib,“ pflegte er zu sagen, „hier schlagen wir das Zelt ein.“ Es geschah hauptsächlich deshalb dort, weil wir sicher sein konnten, in der Nähe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen, auch Geflügel oder Eier zu bekommen.
Wir hatten viel Umstände und Mühe damit, Träger zu finden, denn einmal brauchten wir auch für kleinere Lasten meistens zwei Männer oder Frauen, und zum andern wurden die Leute gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen von Heimweh befallen und liefen zurück, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie ließen ihn um so leichter im Stich, als sie für gewöhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich entschädigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.
Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die Hoffnung aus, der Panther möchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der Flüchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, ließen die Sonne kommen und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den Kompaß gewiß war. Auch zeigten uns die Flüsse, die wir auf schmalen Furten, oder in den Kanus der Eingeborenen überquerten, daß wir im wesentlichen die Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?
Einer der jungen Träger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine große Seltenheit war. Er hieß Gurumahu und war ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren, hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kräftig. Er war zum Islam übergetreten, weil er die größten Hoffnungen auf die Freiheiten gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre für sein künftiges Leben einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmütiger Charakter ihn daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den Brahminen und änderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns auf die nicht eben ungewöhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und zwar hatte sein unersättlicher Drang nach Reichtümern ihn auf meine Kupferkessel gestürzt.
Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wären in nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen wäre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand der Steppe aufgeschlagen, so daß der Ausgang den Blick auf die hüglige Ebene zuließ, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu im Mondschein über die Steppe laufen, rechts und links einen unserer Kupferkessel in der Hand. Er fraß den Boden mit so riesigen Sprüngen, als hinge das Heil seiner Seele von ihrer Länge ab. Ich nahm den Revolver und schoß in die Luft, die Kugel hätte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch lag es mir fern, ihn töten zu wollen. Man täte in Indien nicht gut daran, so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergnügen am Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger. Auch wußte ich, daß der Knall eine nützliche Einwirkung auf das böse Gewissen des Räubers ausüben würde, der selbst eine große Schießwaffe besaß, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf sich mit einem gellenden Aufschrei der Länge nach zu Boden, auf das Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten über ihn hinaus ins Steppengras.
Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Er fing mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebückt, in Sprüngen, weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegönnt waren, noch eines Blicks zu würdigen.
Panja holte sie zurück und putzte sie, boshaft wie er war, mit großer Ausführlichkeit. „Der Panther wird ihn erwischen“, sagte er und warf ärgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, daß er durch meinen Schuß um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art, wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin täuschen, denn er kam am andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja führte ihn mir majestätisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wäre er aus dem Wasser gezogen worden.
„Ich werde dich töten“, sagte ich still.
Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.
„Soll ich ihn aufhängen?“ fragte Panja so gleichmütig, daß ich darüber die ganze Niederträchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwürdig, wie rasch einem eine Ungerechtigkeit auffällt, wenn ein anderer sie sich zuschulden kommen läßt.
„Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,“ berichtete Panja sachlich, „vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden können.“
„Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?“ fragte ich den Übeltäter.
Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den Eingeborenen der Urbevölkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen handelt, in die sie hineinsehen müssen, und wenn sie selten mit Weißen in Berührung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch und begann zu lachen wie ein Kind.
„Du bist freundlich, Herr,“ sagte er zögernd und dann mit Überzeugung: „du bist nicht klug und gerecht, wie die Engländer. Ich werde deine Kessel bewachen, bis ich sterbe.“
„Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Sümpfe scheren“, grollte Panja, aber Guru ließ sich nicht im Genuß seines ihm eben erst geschenkten Lebens beeinträchtigen, und als sich die beiden entfernten, hörte ich ihn hochmütig zu meinem Diener sagen:
„Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrünniger? Du bist keine Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Füßen umher, ich aber habe mit ihm gekämpft!“
„Das ist wahr, du Kupferfresser,“ sagte Panja, „ich danke dir, daß du ihn nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!“
Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein Name mir zu lang war, übrigens war es nicht sein einziger, er hatte noch eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am meisten anzukommen.
Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt, und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch, und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.
„Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,“ sagte Panja, „aber es muß ein leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.“
Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen, nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.
Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser, und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein, umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blättern aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.
Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche, mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht aufzuweisen hat.
„Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?“ sagte Guru plötzlich.
„Welche Leute?“ fragte ich erstaunt.
„Jene dort“, sagte Guru und zeigte vor sich hin.
Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien versammelt.
Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht, und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen, aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten. Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen. Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig geworden ist.
Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen.
Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch. Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich, wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. „Was sagt er?“ fragte ich Panja.
„Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod“, sagte Panja, der noch nicht verstanden hatte, um was es sich handelte.
Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehört. Ein tierischer Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.
„Feuer!“ brüllte ich, „Licht!“
Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote Säule daraus empor. Guru schrie: „Es ist die Mutter!“
Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing, und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.
Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen.
Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er.