Norby
Eine dramatische Dichtung
von
Waldemar Bonsels
1921
Verlegt bei Schuster & Loeffler
Berlin und Leipzig
Die Dichtung ist in den Jahren 1908 bis 1915 entstanden. Die vorliegende Ausgabe ist die dritte Auflage. Die erste Auflage ist unter dem Titel: »Der Pfarrer von Norby« im Verlag von Walter Schmidkunz in München im Jahre 1916 erschienen. Copyright 1919 by Schuster & Loeffler. Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. Alle Rechte vorbehalten.
Viertes und fünftes Tausend.
[Die Personen der Dichtung]
Bernd Oerlsund, Lotse
Holger, sein Sohn
Naemi, Oerlsunds Pflegetochter
Arne, Pfarrer von Norby
Der Kirchenrat
Der Knecht Jörgen
Der Amtmann von Norby
Der Küster
Die Moorvettel
Zwei Moormännchen
Ein Fischer
Eine Pflegefrau, Burschen, Gesinde, Volk
Ort: irgendwo, Zeit: irgendwann, am Meer.
[Erster Aufzug]
Wohnraum des Lotsenhauses der Oerlsunds auf Norby. Nacht. Sturm. Mond und die wechselnden Lichter des Leuchtfeuers an den Scheiben. Auf dem Kamin Kerzen. Auf seinem Lager der sterbende Bernd Oerlsund. Holger Oerlsund. Der Großknecht Jörgen. Eine Pflegefrau. Am Kamin Gesinde.
Jörgen
Ihr habt noch keinen Sturm gehört wie diesen!
Und zwiefach bringt sein Brausen Licht und Tod.
Ich sah den Tod im düstern Abendrot,
nun hat ihn Gott in dieses Haus gewiesen.
Solang ich denke, brach der Sturm noch nie
so fessellos und so allmächtig ein.
Gott soll dem Haus der Oerlsund gnädig sein.
Und die in Seenot sind, Gott schütze sie. —
Der Kranke schläft. Der Sturm wiegt seinen Traum.
Holger
Sein starkes Angesicht verrät es kaum,
daß er uns läßt. Er stirbt, wie er gelebt.
Nie hat der Tod ihm Graun und Furcht gemacht.
Jörgen
Sprich leise, daß er nicht erwacht.
Holger
Im Frühling, in diesem bösen Jahr,
als Hög den letzten Seeadler erlegt,
der auf den Norbyer Klippen war,
war ich erzürnt und tief bewegt,
als sei nun eine große Zeit,
ihre freie und wilde Herrlichkeit
für immer dahin. Glutrot hinter den Hügeln
versank der Tag. Der Schuß traf gut.
Der Vogel peitschte mit zornigen Flügeln
das Meer, das aussah wie Blut.
Lang hinhallend über die See
klagte sein letztes Geschrei,
dann sanken die Schwingen. Es war vorbei.
Mir tat sein Tod in der Seele weh,
und immer war mir ums Herz bis heute,
als ob das Unheil für uns bedeute.
Jörgen
So darfst du nicht denken. Wie kann das sein.
Holger
Das Unglück brach bald genug herein.
Zwei Wochen darauf ohne Dank und Gruß
verließ Naemi im Trotz das Haus.
Die Dirne des Pfarrers wurde daraus!
Jörgen
Kein Herz weiß, was ein anderes muß.
Holger
Ich aber weiß, welch Unheil mir geschehn.
Oh, wer begreift den Zorn, die bittere Pein,
den Taumel von Erniedrigung und Not,
wenn die geliebten Augen nicht mehr sehn
und nicht mehr kennen, was ihr treuer Schein
noch gestern traf als Leben oder Tod!?
Ach, keine Macht auf Erden je gekannt,
war groß genug, den trüben Bann zu brechen,
in dem die teuren Augen nicht mehr sprechen,
was einst Verheißung allen Glücks genannt.
So muß ich gehen, wo ich kommen möchte,
und dort entweichen, wo ich stetig bin,
und alle Kraft erschöpft sich im Vergeben.
Mich würgt der Haß, den ich ihr täglich brächte,
wenn nicht mein Stolz ihn, im verkehrten Sinn,
zu Gift vertauschte meinem eigenen Leben.
Jörgen
Wie gern ich deine Lasten auf mich nähme
und deinen Gram und deine Ungeduld.
Ich bin zu alt, als daß der Menschen Schuld
mir nicht erst weit nach ihren Schmerzen käme.
Doch sag mir eins, auf daß ich gut empfinde,
wie tief die Hoffnung noch in deiner Brust
zu recht sich regt. Du gabst dem lieben Kinde
dein ganzes Herz, mit Willen und bewußt,
doch hat auch sie dir je ein Wort gesprochen,
das sie mit ihrem Abschiedsgruß gebrochen?
Holger
Was gelten Worte, wo mir jeder Blick
und ihres ganzen Wesens holde Fülle
zu eigen war, wie ein vertrautes Glück,
fernher aus unserer Kindheit erster Stille.
Schlief nicht ihr Haupt an meinem Herzen ein,
wenn wir am Strand, als Kinder, müde waren.
Wer durfte ihr in Freuden und Gefahren
ihr Freund, ihr Retter, ihre Zuflucht sein?
Nur ich und niemand! Binden solche Gaben
und solch Vertrauen erst nach einem Spruch?
Oh, weh der Seele, der sie nicht genug
und mehr als alles eingegeben haben.
Wie sollt ich fordern, was ich nie erflehte,
und wie verlangen, was ich tief besaß.
Oh, schlechter Rat, durch den ich mich verräte,
wer denkt das Licht, das er noch nie vergaß?
Das Meer erwacht im unsichtbaren Wind,
und wer erblickt die Kraft, in der es ruht?
Jörgen
Die Herzen der jungen Frauen sind
Gottes geheimnisvollstes Gut,
mit dem er nach seinem Willen tut.
Was uns wie Trotz und Willkür scheint,
war oft von seiner Güte gemeint.
Holger
Das mögen die Alten, die nichts mehr begehren,
hinter dem Ofen einander lehren.
Ich finde mich nie und nie darein.
Naemi war mein, Naemi ist mein.
Verflucht der Tag, an dem der fremde Mann
mit Satanskünsten und verstelltem Willen,
im heiligen Kleid sein Gaukelspiel begann,
um ihre reinen Sinne einzuhüllen.
Ach, dies Gewand der Schwermut lockt die Frauen,
Verrat an ihrer mütterlichen Seele
ist dieses Schauspiel aus Gelüst und Grauen,
das frömmelnd naht, auf daß es lüstern stehle,
was niemals aus gesundem, klarem Sinn,
aus Freimut oder Lust gegeben würde.
Er lockte durch die priesterliche Hürde
ein arglos Kind zu seinem Schandbett hin.
Jörgen
Nimm dich in acht, des Pfarrers Wert
mit Ungebühr herabzusetzen!
Hat er Naemi je für sich begehrt?
Ein weites Herz ist leichter zu verletzen,
als zu erkennen. Schweig und hüte deins!
Sie ging zu ihm, er nahm sie hin,
weil sie nicht leben konnte ohne ihn.
Holger
Nur umso bittrer kränkt mich ihr Geschick.
Jörgen
So manche leiden unter ihrem Glück.
Bedenke wohl, Naemi ist kein Kind
aus deiner Heimat und aus deinem Land.
Von Meer und Sturm ward sie uns fremd gesandt,
mit ihrer Seele, die in Licht und Wind
aus heißen Wundern unter uns erwachte.
Gott, der sie einst in unsre Mitte brachte,
der wußte auch, wozu er sie bestimmt.
Holger
Damit sein Diener sie zur Dirne nimmt.
Jörgen
Das hat die Niedrigkeit der Welt erfunden!
Holger
Der dort, der hat es nie verwunden. —
Das war des dunklen Unheils zweiter Schlag,
das ihm so jäh die Lebenskraft zerbrach.
Ein Hornruf.
Jörgen
Horch auf! Sei still! Ein Notruf durch die Nacht!
Holger
rüstet sich zur Ausfahrt
Ein Schiff in Seenot! Sollte diese Nacht
vergehn und uns nicht harte Arbeit bringen,
die schon soviel an Bösem aufgebracht!
Seht mich bereit, das Schwerste soll gelingen!
Ein Schiff in Seenot! — Vater, schlaf du still.
Dich soll Gefahr das letzte Mal nicht wecken.
Es soll kein Mensch in Seegefahr erschrecken,
weil dich der Tod nicht steuern lassen will!
Noch lebt ein Oerlsund, Norbys Ruhm bleibt wach.
Jörgen
Fahr nicht hinaus, es sind genug am Ort.
Wenn er erwacht, ein letztes Mal, er litte
zu schwer, dich nicht an seinem Bett zu sehn.
Laß andre fahr’n. Geh du nicht fort!
Versteh mich, weil ich für den Vater bitte.
Ein zweiter Hornstoß nah am Haus.
Holger
Weiß er, daß ich sein Erbe treu begann,
stirbt er am leicht’sten, der getreue Mann.
Zum Gesinde
Was starrt ihr tatlos in die laute Nacht?
Schafft die Geräte, weckt mir, die noch ruhn.
Holt mir den Teerrock, Seile, geht mir sacht.
Die Ruder von den Stangen! Christen soll es tun.
Ein Schiffer tritt auf, Licht und Sturm im Nacken.
Der Schiffer
Vor Attang liegt ein Schoner auf den Klippen!
Der Sturm riß uns das letzte Feuer aus!
Das beste Boot zerbrach die Eichenrippen.
Ich lief nach Norby, Oerlsunds Lotsenhaus
war unsre Hoffnung. Helft uns, wenn ihr könnt!
Was muß ich sehn?! Bernd Oerlsund liegt darnieder?
Wenn Sturm und Tod dies letzte Haus berennt,
sieht draußen keiner je die Küste wieder.
Sie sind verloren! — Gott sei ihnen nah.
Jörgen
Seid ihr verraten, wenn ein Oerlsund euch
nicht Mut in die verzagten Knochen brüllt,
daß ihr dies Haus mit eurer Klage füllt?
Nehmt Mann und Boot und denkt an eure Pflicht.
Wenn diese Nacht nur einer schlafen mag,
ruft rasch das Horn die Schläfer wach!
Die besten unserer Leute gehn zur Hand
und auch ich selbst — ein Weilchen nur —
Der Schiffer
Bernd Oerlsund stirbt!
Holger
Dort draußen sterben Viele!
Das Rettungsboot von Norby ist bereit.
Hier kommt der Tod gewiß zu seinem Ziele,
dort draußen ist für uns noch Zeit!
Jörgen
zu Holger
So geh. Gott sei mit dir. Ich fühl’s mit Leid,
oft nimmt die große Pflicht der kleinen Kleid,
die nächste aber zwingt.
Bernd Oerlsund
Ich höre Sturm und Schrein!
Es muß ein Schiff in Seenot sein.
Gebt mir die Hand. Helft mir, ich muß in See.
Daß ich nicht kann ... mich quält kein andres Weh.
Jörgen
Wenn der im Sterben seine Pflicht vergißt,
hab ich für meine meinen Lohn dahin.
Auf, Holger! Eh die Zeit vorüber ist.
Das Boot vom Balken nach des Vaters Sinn,
jag’ den Verzagten Feuer in die Seele,
doch du komm wieder, daß dein Angesicht
dem letzten Trost des Sterbenden nicht fehle.
Der Schiffer
Herr, zögern wir, kommt nur der Tod zur Tat,
kommt mit hinab, das ist mein Bitt’ und Rat.
Und habt auch Dank. Von Attang kamen
fünf Leute mit mir. Kommt in Gottes Namen.
Er geht ab. Die Tür bleibt geöffnet. Sturm und Licht in der Nacht.
Holger
Soll ich dich, Vater, nicht mehr lebend sehn,
so wird mit mir an deinem Lager stehn
der stumme Jubel der vom Tod Befreiten.
Zu den Knechten
Wer ihn geliebt hat, wird uns gern begleiten.
Holger, das Gesinde ab.
Es bleibt eine Weile still. Von draußen klingt der Lärm und die Rufe der Arbeitenden. Jörgen verriegelt die Tür.
Die Pflegefrau
Ich ließ den Pfarrer rufen. Es tut not.
Wie wünsch ich, daß ihn diese Stunde bringt.
Oh, steht mir bei! Bernd Oerlsund ringt
mit seinem letzten Funken Leben.
Jörgen
Gebt ihm den Trank, der Anfall wird sich geben.
Daß auch die Botschaft, die er eben hörte,
dem Sterbenden die letzte Kraft empörte.
Ach, ich bin traurig. Dieses weiße Haar
an meinen Schläfen ist mit ihm erbleicht.
Ach einst, als er ein kleiner Knabe war,
hab ich die ersten Ruder ihm gereicht.
Die Kunst des Schwimmens hab ich ihm gezeigt,
ich hab bewacht, in dienender Geduld,
sein ganzes Leben, ohne Ruh und Schuld.
Ich seh im Geist, um dieses Bett geschart
die Menschen, die sein starker Arm bewahrt,
ich hör Gebete, Schluchzen, Dank,
ich seh sie knien und jauchzen, bleich vor Freude.
Ein junges Weib, das seinen Hals umschlang,
ward so, dem Tod entrissen, ganz die Seine.
Ach, Holgers Mutter hat der Tod genommen,
wie er sie brachte, fremd und über Nacht.
Auf meinen Armen hat das Kind gelacht,
an meinem Herzen ist sein Leben kommen.
Bernd Oerlsund
Tiefe Nacht du ohne Morgen,
sinkst du auf mein liebes Leben,
und der neue Tag kommt ohne mich?
Kommt mit Licht und Dank und Sorgen,
und das Meer beruhigt sich ...
Er lauscht hinaus.
Stunden kommen, Tage, Wochen,
Jahre, meinem Sinn verhüllt ...
Meine Kraft ist ungebrochen,
meine Wünsche ungestillt.
Laßt mich leben! Über Maßen
schaurig ist die Nacht, die naht.
Erst im Dunkel kann ich fassen,
wie das Licht der Seele tat.
Es pocht heftig.
Stimme von draußen
Macht auf! Der Sturm verschlingt uns fast!
Jörgen
Wer’s immer sei, geht, öffnet diesem Gast!
Die Pflegefrau öffnet die Tür.
Der Küster, Arne, der Pfarrer von Norby, Naemi treten auf.
Licht und Sturm.
Der Küster
Die Nacht ist schaurig! Von Naemi. Ihr erging es schlecht.
Empfangt sie freundlich. Möchte unser Gang
gesegnet sein, auch ohne Chorgesang.
Arne
Ihr ließt mich rufen, komme ich zurecht?
Jörgen
Gelobt sei Gott. Ich heiße Euch willkommen,
Herr Pfarrer. Ein bitter Leid hat Euren Weg gewollt,
Bernd Oerlsund, unser Herr, wird uns genommen.
Naemi tritt an das Lager Bernd Oerlsunds.
Arne
Ich hab die Botschaft spät vernommen.
Jörgen
Ich bitt Euch herzlich, lieber Herr, ach grollt
Bernd Oerlsund nun nicht länger, der mit Zorn
und edlem Haß Euch bitterlich gekränkt.
Verzeiht ihm freundlich, Herr, bedenkt,
es sind die letzten Stunden seines Lebens.
Arne
Seid unbesorgt. Ihr bittet nicht vergebens.
Hat er von mir den Kelch des Herrn begehrt?
Jörgen
Wir rieten es, er hat uns nicht gewehrt.
Naemi
Er schlägt die Augen auf, er zittert, er erschrickt.
Er kennt mich nicht, obgleich er mich erblickt.
Wie bleich die Stirn, wie matt die Hände sind.
Oh sieh mich an, ich bin’s, dein Kind.
Jörgen
zu Arne
Es war nicht gut, Naemi mitzubringen.
Er hat es nie verschmerzt, sie zu verlieren,
und böse Reden, die den Ort durchdringen,
erreichten ihn. Sie setzten ihren
und Euren Wert vor ihm herab.
Arne
Sein Zorn vertrieb sie, und sie kam zu mir,
obgleich sie Oerlsund längst als eigen Kind
betrachtet. Glaube mir, wer ihren Schritt verachtet
und sie doch liebt, wie Oerlsund sie geliebt,
der stirbt nicht leicht, bevor sie ihm vergibt.
Jörgen
Herr, es war Unrecht. Seht, ein alter Mann,
der lange hier gedient hat, spricht Euch an
und bittet Euch, vergebt die Ungebühr,
mein weißes Haupt entschädigt Euch dafür.
Ich weiß es, daß Naemis Gegenwart
die Ruhe scheucht, die wir ihm alle gönnen.
Er wird den Kelch des Herrn nicht nehmen können.
Das letzte Lebensfünklein arm bewahrt,
wird neu entfacht zu Zorn und Haß entbrennen.
Naemi
Er streckt die Hände nach mir aus!
Oh, lieber Vater, glaube meiner Treue.
Wie lange sah ich nicht dein liebes Haus,
in dem ich Kind war. — Vater, ach erneue
noch einmal, eh der Tod dein Sein beschließt,
die alte Liebe, die ich flehend suche.
Bernd Oerlsund
Wie, ist dies Bild das letzte Licht der Erde?
Bist du ein Engel, daß ich selig werde?
Ach, wie von Herzen hab ich dich geliebt.
Du bist es wahrhaft? Ach, den Traum zerstört
die dunkle Welt, der noch mein Leib gehört.
So kommst du heute, um mir abzubitten,
was ich durch deinen leichten Sinn erlitten.
Ach, du kommst spät, und doch, hätt’st du gesäumt!
Ich hätte lieber so von dir geträumt,
wie du als Kind warst, eh man dich genommen.
Hinweg! Du bist mir herzlich unwillkommen.
Arne
zu Oerlsund
Im Schatten der allmächtig dunklen Flügel,
die Euch behüten, löschen manche Lichter
der irdischen Erkenntnis ängstlich hin.
Bedenkt, verändert schaun die Angesichter
der schwachen Menschen, wie von Anbeginn,
und ohne Schein der armen Tagesplage.
Wie leicht und mühlos löst sich manche Frage,
kein Vorteil winkt, kein Nachteil droht.
Was Pflicht und Klugheit einst gebot,
sinkt klein dahin im Schatten dieser Flügel.
Zürnt nicht Naemi, daß sie zu mir kam,
und zürnt nicht meiner Liebe, die sie nahm.
Bernd Oerlsund
Auch Ihr seid da? Hat alles sich verschworen,
mir meine letzte Stunde zu vergällen?!
Schweig still, Verführer! Hohle Narrenschellen
sind deine falschen Worte meinen Ohren.
Der Küster
Erbarm dich, Jesu! Habt ihr das gehört!
Naemi
Oh, Vater, was hat deinen Sinn verstört?
Jörgen
Des Satans Tücke schüttelt ihn im Fieber.
Der Küster
Ich will den Kelch erheben über
dem Lager, denn er bannt des Bösen Macht.
Jörgen
Herr, Herr, bleibt ruhig. Kennt Ihr mein Gesicht?
Ich bleibe bei Euch. Ich verlass’ Euch nicht.
Ich war Euch alles, Diener, Bruder, Freund,
laßt mich nicht leiden, daß Ihr ernstlich meint,
was Euch der Satan in die Sinne täuschte.
Bernd Oerlsund
Du bist es! Du ... Was täuscht der Böse vor?
Sind diese Beiden an mein Bett getreten,
um sich bei frechen, sündigen Gebeten
der Schwäche ihres Gegners zu erfreun?!
Zu Arne
Geht fort! Hinaus! Ich sterb allein!
Arne
Ich biete Euch den Trost der Sakramente,
zu denen Ihr Euch lebenslang bekannt.
Was immer Euch von Gottes Liebe trennte,
sein Blut verwand es. Gebt mir Eure Hand.
Es hat noch keines Dieners Schuld entweiht
die Hoheit dessen, welcher ihn gesandt.
Des Knechtes Schwäche ist sein eigen Leid,
doch Euer Leid liegt in des Vaters Hand.
Oerlsund
Wohl aber macht das Laster ungeschickt
den Knecht, des Herren Rechte zu vertreten.
Wer, sagt mir an, wer hat Euch hergebeten?
Gott ist in keines Menschen Tun verstrickt.
Arne
Seht keine Schuld, auch unsre seht nicht an.
Was Ihr ein reiches Leben lang getan,
wird keiner Euch in Norby je vergessen.
Wie tröstet unser schwankendes Gemüt,
daß Liebe abschließt, was sie selbst begonnen.
Sie lenkt uns alle, heimlich und besonnen,
was uns geschieht, verleitet in ihr Wesen,
ist schon für ihr Erlösungswerk erlesen.
Drum richtet nicht, bevor Ihr recht erkannt.
Es fällt kein Blättlein ohne Gottes Hand.
Bernd Oerlsund
Ihr maßt Euch billig hohe Reden an.
Was habt Ihr je für Gott und Welt getan?
Was wißt denn Ihr von unsern Lebenslasten?
Ihr könnt nur das Bestehende betasten.
Sagt nicht die Schrift, mit der Ihr Euch gebrüstet:
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen?
Wenns Euch zum Abschied noch danach gelüstet,
will ich Euch Eure faulen Früchte nennen.
Wollt’ mir die Kraft nur noch ein Stündlein reichen,
ich würde mit den Fäusten unterstreichen.
Jörgen
Oh lieber Herr, laßt uns die Welt vergessen.
Für Schuld ist oft die kleinste Zeit noch lang,
wer will die Zeit für ihre Sühne messen?
Mir ist um Eure letzte Ruhe bang.
Naemi
Oh dunkle Macht, die blind, mit Ungeduld
in hartem Irrtum ihre Rechte wahrt,
kein starkes Herz ward je vor ihr bewahrt,
die Not des Zweifels wird zu neuer Schuld.
Hör, Vater, hör, bevor dein Sinn vergeht,
du tust dem liebsten Freund, den ich gefunden,
ein bitterliches Unrecht an.
Bernd Oerlsund
Die Wunden,
die du mir schlugst, sind mir Gewähr, mein Kind,
von welchem Wesen deine Freunde sind.
Der Ort in Aufruhr, jedes Herz verwirrt,
Hochmut bei Jungen, Zorn und Schmerz bei Alten.
Wers Tugend nennt, wenn er mit Freuden irrt,
soll unsres Gottes Ämter nicht verwalten.
Jörgen
Ihr schadet Euch, ach Herr, ach hört mich Alten,
nehmt keinen Zorn im Scheiden mit ...
Arne
für sich
Er ist im Recht, weil er in Wahrheit litt.
Bernd Oerlsund
Wo sind die Ruhe, die Beständigkeit,
die Andacht und die Ehrfurcht hingekommen?
Bald jeder Bube hat sich vorgenommen,
er änderte und ordnete die Zeit.
Zu Naemi
Wie will ein Weib wie du, verführt, betört,
den Trug erkennen, den sie gerne hört?
Was wollt ihr?! Laßt mich alten Mann
glauben und sterben so gut ich kann.
Holger Oerlsund tritt auf. Licht und Sturm.
Holger
Das Boot ist flott. Die Fahrt gelingt!
Nun füge Gott, daß sie Errettung bringt.
Er erblickt Arne
Der Pfarrer von Norby in diesem Haus!?
Jörgen
Des Vaters Wille rief ihn, seine Pflicht ...
Holger
Das war des Vaters Wille nicht!
Pause.
Naemi
richtet sich am Bett Bernd Oerlsunds auf.
Holger!
Sie tritt auf ihn zu.
Holger
Naemi! Warum tatst du das?!
Ich trug mit Würde, was das Schicksal sandte.
Warum bedankst du meinen Schmerz mit Haß?
Dies Haus bleibt rein von eurer Schande!
Hinaus!
Jörgen
Der Vater stirbt!
Holger
Hinaus!
Arne
zu Holger
Die Hand laß sinken. Deine rasche Kraft
bedenkt nicht, was dem Kranken Frieden schafft.
Hier, wo der Tod vollenden soll,
ist nicht der Ort für deinen Groll.
Ich denke mir mein Recht nicht zu erbitten!
Verlaß das Haus. Du siehst den Tod zu klein.
Komm wieder, wenn der Vater ausgelitten,
kannst du nicht Zeuge meiner Pflichten sein.
Holger
Es glaube wer da will den Sakramenten
in eines Buben ungeweihten Händen!
Jörgen
zu Holger
Halt ein! Halt ein. Du weißt nicht, was du tust.
Bernd Oerlsund
Was schreit ihr, daß ein alter Mann
nicht ruhig in Christo sterben kann.
Zu Naemi
Hast du dich über mich zu beklagen,
Naemi, Kind, sprich.
Das Meer hatte dein Schiff zerschlagen,
ich hab’ dich über den Strand getragen.
Warum verließt du mich?
In meine Hände, die du preßt,
hat Holger um dich geweint.
Eh mein Geist die Erde verläßt,
will ich euch wieder vereint.
Arne
So wahr wie Ihr mit Gottes Kraft und Willen
dies Kind dem Meer zu neuem Sein entrißt,
so sollte Gottes Einsicht sich erfüllen,
als sie in meine Arme kommen ist.
Hab nicht die Hand um sie gerührt,
mein Blick, mein Mund war stumm.
Gott hat sie zu mir geführt.
Er weiß warum.
Bernd Oerlsund
Es rühmt der Arge seit je in der Welt
als Gottes Wille, was ihm gefällt.
Holger, du kennst die rostigen Waffen,
Degen der Oerlsunds, Jahrhunderte alt,
reiß sie herunter! Laß dich vom Pfaffen
nicht tückisch berauben. Brauch Gewalt!
Mit versinkenden Sinnen
Hast du vergessen, mein einziges Kind,
wer die Oerlsunds auf Norby sind?
Deine Ahnen waren ein Seeräubergeschlecht,
was ihnen gefiel, war auch ihr Recht.
Das Meer war unsicher weit und breit,
das war ihre Schuld, ihre Herrlichkeit ...
Mit letzter Kraft
Ich, ich hab alles eingebracht!
Ich hab das Meer wieder sicher gemacht.
Im Todeskampf
Heiland der Welt, du hast es gesehn.
Laß mich in deinen Frieden gehn.
Er stirbt.
Jörgen
Das ist der Tod.
Naemi
Oh, Vater, sieh mich an!
Nur einmal noch sei deinem Kinde gut.
Du starbst im Zorn! Wie weh das tut.
Oh, ungeschickter Tag, betrübte Stunde!
Daß nun des Todes Willkür deinen Fluch
zur dunklen Wahrheit meinen Schmerzen macht.
Daß kein Vertrauen dir die arge Kunde
erleichtert hat, kein freundlicher Versuch.
Zieh meine Kindheit nicht in deine Nacht!
Arne
Er war ein Leben lang den Kräften treu,
die ihn zu seinem Tun und Lassen trieben,
es konnte keiner noch die Menschen lieben,
der nicht sich selbst mit Schmerzen treu geblieben.
Gib du uns, Vater, daß es jeder sei.
Oh, gib uns Armen, die du selig preist,
ein mutig Herz bis in die letzten Stunden,
der du allein den Weg der Seele weißt,
gib ihrer Heimkehr Licht aus deinem Geist
und Trost aus deinen bittern Todeswunden.
Oh selig, wer, wie der entschlafne Mann,
der seines Werkes Frucht und Segen schaute,
im reinen Sinn des Wirkens schlummern kann,
dem er, als Kind, bis in den Tod vertraute.
Holger
Mein Vater ist tot! Pfaff, laß dein Plärren!
Du höhnst den Toten. Du lästerst den Herren!
Naemi
zu Holger
Du schweigst! Ich will es! Jedes freche Wort
wirft rechtlos Schmerz und Schande auch auf mich.
Ich ging aus eignem Wunsch und Willen fort,
was kümmern meines Lebens Zeichen dich?
Holger
zu Naemi
Sprich nicht von Recht. Die Pflichten, die mich schlagen
und leiten werden, gabst nicht du mir ein.
Soll ich ein Weib nach meinen Rechten fragen?
Das ist der Schwachen Art und Tugendschein.
Naemi
weicht vor ihm zurück
Ich fürchte deine Drohung, deine Macht
so wenig, wie ich deine Rechte kenne.
Kein Band, kein Wort, kein Blick ward dir gebracht,
daß ich dich mehr als meinen Bruder nenne.
Und wahrlich hast als Bruder du mißbraucht
die Liebe, die ein arglos Kind dir schenkte.
Holger
Dem Herzen, das aus Liebeseifer kränkte,
hat noch kein Zorn zur Schande je getaugt.
War ich als Bruder milde, nun wohlan!
Erfahre, wer ich bin als Herr und Mann.
Er zieht sie zu sich hinüber
Naemi
befreit sich
Schmach über jeden, der des Leibes Kraft
als Wert für seiner Seele Schwäche setzt!
Holger
Was eurem Leib die rechte Seele schafft,
das hat noch jedes Mannes Blut ergötzt.
Zu Arne
Und nun, Herr Pfarrer, rührt Euch nicht die Not
des armen Schäfleins vor des Wolfes Rachen?
Hier herrscht das Leben, dort der große Tod,
nun leitet den bedrängten Lebensnachen
gerecht hindurch, nach göttlichem Gebot!
Arne
Bin ich berufen, euren Streit zu schlichten,
ließt ihr mich holen, um mich anzuklagen,
wo die Natur schon längst mit Kraft entschied?
Ihr habt es leicht, von eurem Leid zu sagen,
ich kann von meiner Mühsal nicht berichten,
nicht, was mein Herz mit Leidenschaft vermied.
Wer sagte euch, daß, wenn ich euch gefiele,
ich Gott im Himmel nicht mit Schuld betröge,
wenn ich mein Herz in eure seichten Spiele
und mein Gefühl in eure Trauer zöge.
Oh, tief gebeugt von meiner strengen Pflicht,
an deren Recht ich nur mit Zweifeln glaube,
fühl ich aufs neue, daß ich euch beraube,
wo ich euch gebe, helfen kann ich nicht.
Holger
Ihr seid ein Pfarrer, wie ihn Gott erschaffen!
Arne
Mißt du den Wert des Gegners an den Waffen?
Holger
Nicht an den Waffen, aber an den Taten.
Arne
Wer hat dir meines Handelns Sinn verraten?
Dank deinem Schöpfer, daß du arm und stark
dein Dasein lebst in Mißgeschick und Freude.
Im Leiden stolz, im Jubel ohne Arg.
Du, den ich heiß um jeden Schmerz beneide.
Er wendet sich zum Gehen.
Naemi
hält ihn auf
Was könnte jemals meinem Leben sein
die flache Kraft, die deinen Zwiespalt höhnt?
Sieh, meiner Seele Zuflucht ward allein
dein ruhlos Herz, von keinem Glück versöhnt.
Schließ mich in Schuld und Zweifel ein
und in das Schicksal, das dir frommt.
Nie könnte meine Freude sein,
was nicht aus deinen Händen kommt.
Sie wirft den Mantel um Arne, und beide eilen hinaus. Holger eilt ihnen nach, bleibt aber in der geöffneten Tür stehen und schaut ihnen ohne Entschluß im Bann der letzten Worte Naemis nach. Der Sturm dringt ins Haus.
Der Küster
Ich stand, mein Herr, nur schuldlos in der Mitte,
laßt mich hinaus, mein Herr, ich bitte.
Holger tritt zur Seite und läßt ihn vorüber. Der alte Jörgen sinkt auf die Bank am Kamin.
Holger
an der Leiche seines Vaters
Oh Schmach der Liebe, nun mit Schmerz gepaart,
in dem die letzte Zuflucht mir versank,
daß nun die Heimkehr, meiner Jugend Dank,
zu dir, mein Vater, mir genommen ward.
Ich fasse über deiner Augen Stille
und bleicher Ruhe die Verlassenheit
zum ersten Mal, eh’ noch der arme Wille
zu einer eigenen Zukunft recht bereit.
Zum Abgrund wird nun die Vergangenheit,
kein pochend Herz eint mich dem Ursprung mehr,
daraus ich kam. Die Zukunft stürmt den Mann
am Rand des Abgrunds ungebärdig an,
und läßt ihm keinen Weg, als den: voran.
Und machtvoll höhnt ihr mitleidsloser Schritt:
Nimm deinen Schmerz zum eignen Grabe mit.
Ende des ersten Aufzugs
[Zweiter Aufzug]
Im Pfarrhaus von Norby. Naemi. Arne.
Naemi
Von allem unberührt, was uns bewegt,
erstrahlt der Sommerhimmel überm Meer.
Das blaue Wasser, das kein Wind erregt,
schickt seine tausend Lichter zu mir her.
Wie seltsam durch den Gleichmut der Natur
stürmt unser übereifrig Tun und Hasten
und läßt doch von uns allen keine Spur.
Sag, ist es nicht, als ob selbst unsere Lasten
und Lust, die wir als unser Teil
zu tragen glaubten, sich einst Anderen geben?
So still verhallt das ernste, eigene Leben.
Arne
Du denkst an deines alten Vaters Tod,
lebt er nicht fort in deinem Leid, mein Kind?
Erinnerung ist ein heiliges Gebot,
und die Natur ist treuer als wir sind.
Sieh, selbst die Einfalt weiß von dieser Pflicht.
Oh, wie viel mehr kennt sie der Geist im Licht.
Doch sich zu gründen, aller Welt zum Dank,
bleibt allen Geistes höchster Lebenshang.
Naemi
Du sendest dein Verlangen in ein Reich,
in das mein Herz nur zögernd folgen kann.
Was, sag mir, unterscheidet Weib und Mann,
was macht sie unter Gottes Augen gleich?
Wie soll mich selbst die höchste Lust beglücken,
weiß ich dein Herz vor meinem auf der Flucht,
wenn meine Seele nicht in allen Stücken,
der deinen ähnlich, ihre Heimat sucht?
Arne
Wie ahnst du lieblich den gespaltenen Sinn,
um dessen Harmonie ich ruhlos ringe,
doch schon, wenn ich dir meine Zweifel bringe,
geb ich mich wieder neuen Kämpfen hin.
Des Weibes Tugend und des Mannes Wert
verbindet irdisch kein bestehend Recht.
Gelobt sei, wer im Schicksal sich bewährt,
des Weibes Schicksal aber heißt Geschlecht.
Naemi
So sieh in meinem Schicksal meine Tugend!
Ich habe keinen andern Rat für dich.
Geb ich nicht willig meine ganze Jugend
und will nicht Preis noch Dank von dir für mich?
Nur sag mir, daß ich innig dich erfülle,
gib mir den Trost, daß ich dir alles bin.
Ach, mich beseligt schon dein Wunsch und Wille.
Arne
Mein Wunsch zu dir ist meiner Sehnsucht feind.
Du lenkst den Sinn zu fröhlichem Genügen.
Den warmen Wohlstand, der die Menschen eint,
sah ich noch nie in eines Kämpfers Zügen.
Was kränkt mein Herz, verbittert meinen Mund,
dir meine Liebe fröhlich zu gestehn?
Von Furcht und Scham in tiefster Seele wund,
bin ich bestimmt, allein den Weg zu gehn,
der mich zu Gott, nach meiner Hoffnung führt.
Und weiß, indem ich deine Liebe quäle,
sucht doch allein nach Liebe meine Seele,
von deinem Leid zu wehem Glück gerührt.
Naemi
Die Elemente, welche Gott verklären,
sind wohl in allem, was da lebt und schafft,
jedoch die Liebe nicht. Sie ist als Kraft
nicht mehr als Licht und Wind auf toten Meeren.
Erst als Gemeinschaft kann sie sich bewähren.
So sage mir den einen großen Sinn,
das letzte Ziel, nach dem die Guten streben.
Wie soll ich anders werden als ich bin?
Was gibt es mehr für mich als liebend leben?
Arne
Ich habe keinen andern Sinn gefunden,
als den, in jener Harmonie zu ruhn,
in welcher Unschuld mit Geduld verbunden
die lichten Wunder neuer Hoffnung tun.
Und diese Hoffnung führt zuletzt zu Gott,
und nicht Natur noch Geist umfaßt ihn voll,
du wirst ihn niemals ungewiß umschreiben.
Er ist ein Schöpfer, und er wird es bleiben!
Wahrhaftig wesenhaft und liebevoll.
Im ewigen Wechsel wird kein Herz befreit,
Gott ist als Wesen Sinn der Ewigkeit!
Es ist nicht Einfalt, die sich sinnlos beugt,
die solchen Glauben tief in mir erzeugt,
es ist mein Anspruch, dem die Welt zu klein,
ich will des ewigen Vaters Erbe sein.
Naemi
Wem sich das Liebste, was er sucht und meint,
in tiefster Seele nicht als Gott vereint,
der schließt Natur als arm und böse aus
und schilt die Heimat in des Vaters Haus.
Vergib, Geliebter, wenn mein hartes Wort
als unverständig dein Gemüt verwundet;
ich treib die Kraft, an der mein Blut gesundet,
nicht von der Schwelle meiner Seele fort.