Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Änderungen sind im Text so gekennzeichnet. Der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Eine [Liste der vorgenommenen Änderungen] findet sich am Ende des Textes.
Das [Inhaltsverzeichnis] befindet sich am Ende des Buches.
WALT WHITMAN
GESÄNGE UND INSCHRIFTEN
ÜBERTRAGEN
VON
GUSTAV LANDAUER
KURT WOLFF VERLAG MÜNCHEN
1921
WALT WHITMAN
Die Gestalt des Dichters Walt Whitman und alles was er geschrieben hat mutet an, als ob Amerika, die Vereinigten Staaten, auf die Goetheworte: »Amerika, du hast es besser, Als unser alter Kontinent, der alte; Hast keine verfallenen Schlösser, Und keine Basalte!« ein lautes: Ja, ja, ja, so ist es! hätten über die See herüberrufen wollen. Hat doch Whitman selbst oft genug von sämtlichen Dichtern der Veruneinigten Staaten Europas, übrigens in Worten größten Respektes, gesagt, daß sie der Vergangenheit und dem Zeitalter des Feudalismus angehören, mit Ausnahme des einen Goethe, der seine besondere Stellung dadurch hat, daß er ein König ohne Land, ein Dichter ohne Nation ist. Amerika ist für Walt Whitman das Reich der Zukunft, der noch nicht fertigen, sondern erst zusammenwachsenden, anschießenden Volksgemeinschaft.
Es wäre nüchterne Kleinlichkeit, vielleicht auch so etwas wie politische Eifersucht, wollte man dem Dichter einwenden, solcher Standpunkt zeuge doch von gefährlichem, übertriebenem Hochmut. Denn um Whitmans Selbstgefühl, das er von sich und seinem Volke hat, zu verstehen, muß man die Art Politik beiseite lassen; die wohnt etliche Stockwerke tiefer als solche Kulturbetrachtung aus der Höhe der wollenden Dichterphantasie. Whitman hat – wiewohl er es nicht gerade so ausdrückt – von seinem Volke das Gefühl, daß es ein neuer Beginn ist, frische, aus Völkermischung entstandene Barbaren, die einen Abschnitt in die Geschichte bringen. Man denke daran, wie die Germanen, schon zu den Zeiten des Arminius, der sogar seinen Namen von der römischen gens Arminia genommen hat – wie hieß er in Wahrheit? Gewiß nicht Hermann, aber vielleicht Sigfrid? –, wie diese Germanen vielfach vertraut waren mit der großen griechisch-römischen Kultur, und wie sie doch, zumal als der neue Mythos, das Christentum, über sie gekommen war, mit einer ganz neuen, primitiver scheinenden Kultur anheben mußten. So sind für Whitman, der in sich selbst die große, wilde, durch keinerlei Konvention gebrochene Natur fühlt, die Amerikaner ein eben erst werdendes neues Volk, Barbaren und Beginnende: und den neuen, großen Glauben, die neue Kunst, die allem großen Volke vorleuchten muß, will er selbst ihnen schaffen helfen. Sein Selbstgefühl ist viel mehr ein Gefühl seines Volks als seiner selbst; man darf sich durch das mystische »Myself« (Ich) seiner Verse nicht irre machen lassen; er hat es ganz klar empfunden und gesagt, daß er nur ein erster, kleiner Beginn ist, ein früher Vorläufer eines amerikanisch-perikleischen Zeitalters. Und er hat überdies immer gemeint, daß Amerika nur den besonderen Beruf hat, ein paar Schritte voraus zu sein, daß aber alle Völker der Erde den nämlichen Weg gehen werden.
Welchen Weg? Er sagt ihn uns in seinen »Trommelschlägen«, die er während des Krieges ertönen ließ:
Seid nicht verzagt, Empfindung wird den Weg zur Freiheit bahnen jetzt;
Die sich lieben untereinander, sollen die Unbesieglichen werden.
… Dachtet ihr, Advokaten schüfen euch den Zusammenhalt?
Oder Verträge auf einem Papier? oder die Waffen?
Nein fürwahr, so ist weder die Welt, noch irgendein lebendes Ding zusammengewachsen.
Seine »Demokratie« ist ein freies Volk tätiger Menschen, die alle Hemmnisse des Kastengeistes hinter sich gelassen, alle Gespinste überjährter Vergangenheit durchbrochen haben; jeder auf seiner Scholle oder in seinem Handwerk, an seiner Maschine, ein Mann für sich selbst. Whitman vereint gleich Proudhon, mit dem er in vielem geistig verbunden ist, konservativen und revolutionären Geist, Individualismus und Sozialismus. Die Liebe aber zwischen den Menschen, die noch notwendig dazu kommen muß, ist nach seiner Lehre, für sein Künstlergefühl, keine vage, im allgemeinen verschwimmende Menschenliebe; sie soll vielmehr, wie die Liebe, die die Familie gegründet hat, vom Geiste der Ausschließlichkeit beseelt sein, sie soll bestimmte Menschen, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen und natürlich auch Männer mit Frauen zu neuen sozialen Gruppen zusammenschließen. Das ist der Zusammenhang, in dem die Kameradschaft, der Whitmans schönste und innigste Gedichte gelten, mit all seinen Träumen von neuen Lebens- und Volksgestalten steht. Es ist vergebliches Bemühen modischer Pseudowissenschaft, in diesen Kameradschaftsgefühlen irgend etwas Perverses oder Pathologisches oder gar Degeneriertes finden zu wollen. Wir müssen wieder lernen, daß starke Männer und starke Zeiten sentimental sind; und daß schwächliche Zeiten und Generationen es sind, die sich scheuen, sich rückhaltlos und inbrünstig ihren Gefühlen, für das geliebte Weib, oder den innig geliebten Freund, oder das Meer und die Landschaft und das Weltall hinzugeben. Whitman war diese kosmische Liebe und dieser Überschwang des Gefühls zu eigen; und nur aus diesem Chaos und Abgrund der Innigkeit kann, so ist sein Glaube, sein neues Volk erstehen. Auch hier, ohne daß er je auf Parallelen aus ist oder nur an sie denkt, deutliche Anklänge an die Geisteswelt des Künstlervolkes, der Griechen, und an ihre gesellschaftlichen Einrichtungen und Gewöhnungen. Eine besondere Richtung des Empfindens hat Whitman gehabt; daraus auf eine besondere Veranlagung seiner Natur zu schließen, sei solchen überlassen, die sich auf einer Zwischenstufe der Wissenschaft befinden.
Der besonderen Natur jeder gestaltenden Phantasie entspricht es, daß in allem Gefühl und in allem Geformten die Erotik lebt. Hätte Whitman so wie Faust das Evangelium Johannis zu übersetzen unternommen, sein erster Satz hätte wohl lauten müssen: »Im Anfang war das Gefühl.« Er betont das Gefühl und damit die Poesie als den Anfang alles Lebens und alles Volkes aber auch ganz bewußt, weil er weiß, von welcher Seite her den Amerikanern die Gefahr droht: »Was der amerikanischen Bevölkerung am gefährlichsten ist,« sagt er, »das ist ein Übermaß von Wohlstand, »Geschäft«, Weltlichkeit, Materialismus; was am meisten fehlt … das ist ein warmes und glühendes Volksgefühl, das alle Teile zu einem Ganzen vereinigen würde. Wer anders als eine Schar erhabenster Dichter kann jene Gefahr in Zukunft abwehren, diesen Mangel ausfüllen?« Nur ein großes Volk, meint er, kann große Dichter haben; aber vorher muß die Poesie es sein, die das große Volk gestaltet, »künstlerischen Charakter, Geistigkeit und Würde« ihm verleiht.
Der Dichter also, der Walt Whitman in seinem Gefühl von sich selbst und seiner Aufgabe sein will, ist Priester, Prophet, Schöpfer. Daß er außerordentliche Gewalt auf sein Volk und die geistige Macht seines Volkes – und derer, die in fremden Völkern als einzelne zu seinem Volke gehören – ausgeübt hat und weiter übt, ist sicher. Wie die Geschichte weiter geht, ob sein kühnstes Verkünden so Wirklichkeit wird, wie Phantasie und Wollen sich irgend erfüllen können, indem sie eine Wirklichkeit, die nicht genau gerade so aussieht, räumlich schaffen helfen, das kann keiner heute sagen. Aber das ist gewiß, daß er Amerikas größter Dichter und ein innig starker Lyriker für uns alle ist; und daß er der Lyrik eine neue Form und ein ungeheures neues Stoffgebiet – alle Tatsächlichkeiten der körperlichen und geistigen Welt – gegeben hat.
Ich glaube, ein Grashalm ist nichts Geringeres, als das Tagwerk der Sterne.
In diesem Sinne hat er sein erstes Gedichtbuch (1855) »Grashalme« genannt und hat dann im Lauf von mehr als dreißig Jahren sein ganzes dichterisches Werk in immer neuen Auflagen in dieses Buch, sein Buch, das er selbst ist, eingefügt.
Whitman, geboren am 31. Mai 1819 als Sohn eines Zimmermanns und Hausbauers im Staate New York, hat einen typisch amerikanischen Lebenslauf gehabt, bis recht spät der Dichter aus ihm herausbrach; er besuchte die Volksschule, war eine Art Laufbursche erst bei einem Rechtsanwalt, dann einem Arzt, wurde Setzerlehrling und, im Alter von neunzehn Jahren, Dorfschullehrer. Dann gründet er ein Wochenblatt, reist als Setzer und Journalist vielfach im Lande hin und her und wird schließlich Zimmermann wie sein Vater in Brooklyn. Vorher hatte er vielerlei Aufsätze, auch kleine und größere Novellen veröffentlicht. Während er Zimmermann war – aber nicht gerade durch die körperliche Arbeit, sondern durch die Muße; man beklagte sich wohl in der Familie über sein vieles Spazierengehen und Herumliegen – kam das Neue über ihn: auf einmal und zugleich der neue Geist, die neue Form, und mit dem Unendlichkeitsgefühl auch der Unendlichkeitsstoff. Später, während des Krieges, ist er drei Jahre lang freiwilliger Krankenpfleger, wobei er den Kranken durch sein Geplauder und durch sein teilnahmsvolles schweigendes Bei-ihnen-Sitzen, durch seine Liebe und die suggestive Kraft seiner Person – alle seine Bilder zeigen, daß die Innigkeit, die Versunkenheit und die Mitteilsamkeit seines Wesens sich auch in seiner Leiblichkeit gestaltet hatte – am meisten Gutes tat. Eine Zeitlang bekleidete er dann einen untergeordneten Posten in einem Ministerium, wobei er der Maßreglung um seiner Gedichte willen nicht entging; 1873 erlitt er den ersten Schlaganfall, war aber noch lange in starker geistiger Kraft tätig; lebte von den Erträgnissen seiner Schriften und Unterstützungen des Kreises, der sich mehr und mehr an ihn schloß; in Camden, New Jersey, ist er am 26. März 1892 gestorben.
Im Alter von über dreißig Jahren also ist Whitman zu seiner Dichterkraft gekommen; was er vorher geschrieben, hat kaum eine Beziehung zu dem Wesen, das nun herauskam. Einer, der langsam reift und über den es dann noch mit vehementer Plötzlichkeit kommt, ist er. Das Vorwort, das er 1855 seinem Buche mitgab, vereinigte die Reife des Mannes, der wie eingewachsen auf seinem Platze steht, mit der blutjungen Hingerissenheit des Beginnenden. »Der reichste Mann ist der, der aller Pracht, die er sieht, Gleichartiges aus dem größeren Vorrat seines eigenen Selbst entgegenstellt.« Das ist seine erste Entdeckung, zu der erst später Einflüsse von Fichte und Hegel gekommen sind, während, wie Bertz in einem übrigens ungenießbaren Buch richtig zeigt, Emerson schon damals eingewirkt hat: daß der Mensch in seinem Ich, in seiner Geistigkeit die ganze Welt trägt, daß die Welt nur eine unendliche Fülle von Mikrokosmen ist, eine Pluralität und Unzähligkeit von »Identitäten«, von selbstbewußten Kreuzungspunkten der Weltenströme. Was er also den Amerikanern als Religion des Geist- und Universalgefühls bringt, ist eine neue Form der ewigen Lehre der Philosophen und Mystiker von Indien über die christliche Mystik zu den Magikern der Renaissancezeit und weiter über Berkeley und Fichte bis in unsere Tage: der heute sogenannte Monismus dagegen hat nur schwache Ähnlichkeit mit dieser Erkenntnis. Am meisten Verwandtschaft hat Whitmans Lehre noch mit dem nicht entsagungsvollen, sondern freudig dem vollen Leben zugewandten magischen Pantheismus, wie er sich in der Renaissance von Nicolaus Cusanus her bei Paracelsus, Agrippa von Nettesheim und ähnlichen Geistern gebildet hatte. Der viele Aberglaube bei diesen darf unsere Vergleichung nicht stören; das war ihre gerade erst von ihnen geschaffene Natur»wissenschaft«, wie Whitman in unserer Natur»wissenschaft« und Technik schwelgt. Ja, sogar in der Form findet man bei jenen Magiern der Renaissance – die Whitman kaum gekannt haben wird – Verwandtes; so hat Agrippa von Nettesheim ein gewaltiges Motto zu seinem Buch »Von der Eitelkeit der Wissenschaften«[(1)], das nach Geist und Form völlig whitmanisch ist. Ich führe es hier an:
Unter Göttern bleibt keiner ungezaust von Momus.
Unter Heroen jagt nach jedweden Ungeheuern Herkules.
Unter Dämonen wütet der König der Unterwelt Pluton gegen alle Schatten.
Unter Philosophen lacht über alles Demokritus.
Dagegen weint über das Ganze Heraklitus.
Nichts weiß von gar nichts Pyrrhon.
Und alles zu wissen dünkt sich Aristoteles.
Verächter des Ganzen ist Diogenes.
Von all dem nichts fehlt hier Agrippa. (Whitmans Myself, Ich.)
Verachtet, weiß, weiß nicht, weint, lacht, wütet, jagt, zaust alles.
Selbst Philosoph, Dämon, Heros, Gott und die ganze Welt.
[(1)] In zwei Bänden bei Georg Müller, München deutsch erschienen, von Fritz Mauthner neu herausgegeben.
Aber auch mit uralten indischen Gedichten berührt sich Whitman aufs engste, die ja durchaus nicht alle mit dem Gefühl, daß das Ich eine Weltidentität sei, den Pessimismus oder die Weltflucht verbanden; wie man denn in Amerika gleich sagte, diese Gedichte Whitmans seien wie ein Konglomerat aus der »Bhagavad-Gita« und dem »New York Herald«. Das war sehr witzig, aber sehr falsch, denn die »Bhagavad-Gita« enthält das, was man da den »New York Herald« nennt, nämlich die kataloghafte Aufzählung der konkreten Tatsächlichkeiten der ganzen Welt, schon völlig selbst in sich, und die Dinge, die das indische Gedicht aufzählt, um ein Bild von der unendlichen Mannigfaltigkeit zu geben, waren einmal ebenso modern, wie die Welt der Technik, der Natur und Kultur, die Whitman in seine Gedichte aufnimmt.
Nichts drängt sich beim Lesen dieser Gedichte so auf, wie das Gefühl der Unmittelbarkeit, der gänzlichen Abwesenheit der literarischen Reminiszenz oder irgendwelchen Alexandrinismus. Obwohl Whitman viel gelesen hat, war er doch gar kein Leser und Zusammenleser, nahm nur das in sich auf, was schon vorher in ihm war. Darum ist es so überaus wahr, was er in seinen »Grashalmen« dem Leser als Abschiedswort sagt:
Camerado, dies ist kein Buch,
Wer dies berührt, berührt einen Menschen …
Wie jeder echte Künstler hat auch Whitman die volle Bewußtheit seines Schaffens, und das Beste, was ästhetisch-kritisch über ihn zu sagen ist, sagt er uns selbst. Das Bezeichnende an seiner Poesie ist ihre »suggestiveness«; ihre Suggestivkraft, in der er, wie ein Dirigent eines Orchesters nicht fürs Ohr, sondern fürs Auge, immer neues Gestaltengewoge vor uns hinschweben läßt, uns die »Atmosphäre des Themas oder Gedankens« gibt, in der dann unser eigenes Erleben weiter dahinfliegt. Er ist ein Dichter von ganz ungemeiner Sinnlichkeit und Gegenständlichkeit; er scheint nur mit den Sinnen gedacht zu haben; auch seine ganz im inneren Erlebnis versunkenen Abstraktionen bewahren diesen konkreten Charakter. Auch wenn er das Unsagbare sagen will, und wenn er sagen, fast stammeln will, daß es unsäglich ist, schreit er wie aus tiefster Besinnung zum Beginn des Gedichts etwa auf:
Das da ist in mir – ich weiß nicht, was es ist – doch ich weiß, es ist in mir
und schafft uns dadurch sofort die Stimmung des leibhaftigen Erlebens.
Daß übrigens die konkrete Aufzählung einzelner Wirklichkeiten, die zu einem Ganzen gehören, selbst ohne Ausdruck der Empfindung des Miterlebenden, wenn die angeführten Tatsächlichkeiten nur von starker Sinnfälligkeit erfüllt sind, wie ein Gedicht wirken kann, möchte ich an einem Beispiel zeigen, mit dem ich schon ab und zu Freunde hineingelegt habe. Wie mancher möchte das folgende für ein Gedicht Whitmans halten, das etwa den Titel »Nacht im Feldlager« führen könnte:
Werda! der Schildwache vorm Zelt.
Werda! der Infanterieposten.
Werda! wenn die Runde kam.
Hin- und Wiedergehen der Schildwache.
Geklapper des Säbels auf dem Sporn.
Bellen der Hunde fern.
Knurren der Hunde nahe.
Krähen der Hähne.
Scharren der Pferde.
Schnauben der Pferde.
Häckerlingschneiden.
Singen, Diskurrieren und Zanken der Leute.
Kanonendonner.
Brüllen des Rindviehs.
Schreien der Maulesel.
So, in scheinbare Verse abgeteilt findet sich das bei Goethe. Sind aber keine Verse, sondern ein Versuch, bei Gelegenheit der Belagerung von Mainz, »die mannigfaltigen fern und nah erregten Töne« »genau zu unterscheiden« und aufzuzeichnen. Ich kenne manches »impressionistische« »Gedicht« manches Modernen, das schlechter ist als dieser Tönekatalog Goethes.
Daher, daß sein poetisches Empfinden, sein rhythmisches Verklären und sein Wahrnehmen immer beieinander sind, daher kommt es, daß es nichts in der Welt gibt, was sich unter Whitmans Hand nicht zu Dichterischem wandelt, daß er auch ganz und gar nicht auf die literarisch überlieferte Mustertafel der Gleichnisse angewiesen ist, sondern ihm in einer wahrhaft homerischen Fülle Neues und Ungewohntes zum Bilde wird. Ist aber dieses Beisammenwohnen des Sehens und des Empfindens, des Denkens mit allen Gegenständen der Welt nicht dasselbe, was er aus den Menschen herausholen will: Liebe?
Denn wer hundert Meter ohne Liebe wandelt, der wandelt in seinem Totenhemd mit seinem eignen Begräbnis.
Die Form Whitmans, die so wenig improvisierte Begeisterungsrede ist, wie ein impressionistisches Bild, das den Eindruck der Augenblicklichkeit schafft, mit ein paar Pinselhieben hingeworfen wird, ist ein streng rhythmisches Gefüge, das aber nur das Gesetz des Tempos anerkennt, im übrigen sich durch keine Traditionen der Poetik binden läßt. Das Chaotische und Massenhafte, das nicht objektiv gebändigt dargestellt werden sollte, sondern in aller Gegenständlichkeit immer ein Erleben der Empfindung, ein Ausfluß der Subjektivität ist, hat zu dieser Form geführt, die wie ein gewaltig fortreißendes Heraussprechen und Herausbrechen aus einem Erleben wirkt, das mehr als ein schmales, isoliertes Menschen-Ich ist, das vielmehr alles, was draußen vorgefunden wird, aus der eigenen Universalität herausgeholt zu haben scheint.
Eines Tages, in der Zeit, als er die Kriegsverwundeten pflegte, schrieb Whitman in sein Tagebuch: »Es ist seltsam: solange ich bei den entsetzlichsten Szenen zugegen bin, Sterben, Operationen, ekelhafte Wunden (vielleicht voller Maden), bleibe ich ruhig und fest und energisch, wenn auch mein Mitgefühl sehr erregt ist; aber oft, stundenlang nachher, vielleicht wenn ich zu Hause bin oder allein spazieren gehe, wird es mir schlecht, und ich zittere tatsächlich, wenn ich mich an den bestimmten Fall wieder erinnere.« Das hat er nur so aufgeschrieben, um die Tatsache zu verzeichnen; es ist ihm nichts dabei eingefallen, was die Tatsache zum Sinnbild gemacht hätte. Aber es kann einem dabei seine ganze Natur und die ganze und besondere Größe seines Dichtertums aufgehen. Denn daß die Erlebnisse, wenn sie schon vorbei sind, auf einmal mit verstärkter Wucht wiederkehren, daß die Erinnerungen mit der vollen Kraft des Erlebens auf ihn einstürmen, das ist ein Zeichen seiner manchmal bis ins Visionäre gesteigerten Phantasie, ebenso wie sein Verhalten in der Mitte des Geschehnisses von seiner unverbrüchlichen Sachlichkeit, seiner geborenen Tapferkeit, seiner beherrschten Menschenliebe Kunde gibt.
DAS SELBST SING ICH
Das Selbst sing ich, schlechtweg den Einzelmenschen,
Doch äußere dazu das Wort Demokratisch, das Wort En- masse.
Physiologie sing ich von Kopf zu Fuß,
Nicht Physiognomie noch Hirn allein ist würdig der Muse, falls völlige Form die würdigste ist,
Das Weibliche sing ich gleichen Rangs mit dem Männlichen.
Weiten des Lebens, Gluten, Drang und Macht,
Freudig um freieste Tat, erstanden aus Gottesrecht,
Den modernen Menschen sing ich.
ALS ICH SCHWEIGEND BRÜTETE
Als ich schweigend brütete,
Von meinen Gedichten nicht loskam, erwägend, verweilend,
Erhob sich vor mir ein Gespenst unheimlichen Anblicks,
Furchtbar in Schönheit, Alter und Macht,
Geist von Dichtern alter Lande,
Als werfe es auf mich seine Augen wie Flamme,
Und mit dem Finger auf viele unsterbliche Dichtungen deutend,
Und drohender Stimme Was singst du? sprach es,
Weißt du nicht, daß es für Sänger, die dauern, ein Thema nur gibt?
Und das ist das Thema des Kriegs, das Glück der Schlachten,
Die Zeugung vollkommner Soldaten.
Sei's drum, gab ich zur Antwort,
Ich, hoffärtger Schatten, singe auch Krieg, längern und größern, als je einer war,
Angehoben in meinem Buch mit wechselndem Glück,
Mit Flucht, Vormarsch und Rückzug, vertagtem und schwankendem Sieg,
(Sicherm doch, dünkt mich, oder so gut wie sicherm, am Ende,) das Schlachtfeld die Welt,
Um Leben und Tod, um den LEIB und um die ewige SEELE,
Siehe, auch ich bin gekommen im Singen des Schlachtgesangs,
Ich vor allem bringe tapfre Soldaten hervor.
IN ENGEN SCHIFFEN ZUR SEE
In engen Schiffen zur See,
Endloses Blau ringsum gedehnt,
Mit pfeifenden Winden, Musik der Wogen, breiter, herrischer Wogen,
Oder einsam winziges Boot, Boje auf weiten Gewässern,
Das froh, vertrauend, weiße Segel spreitend,
Den Äther spaltet im Schaum und Glitzern des Tags, oder unter wechselnden Sternen zur Nacht,
Von Matrosen, jungen und alten, wie's kommt, sei ich, Nachklang vom Land, gelesen,
In voller Beziehung endlich.
Hier sind unsre Gedanken, Seefahrergedanken,
Hier liegt nicht Land bloß, Festland vor, mag dann ihre Rede gehen,
Der Himmel wölbt sich hier, wir spüren das wogende Deck untern Füßen,
Wir spüren das lange Pulsieren, Ebbe und Flut endloser Regung,
Die Töne des niegesehen Geheimen, die weiten schweifenden Zeichen und Reize der Salzwelt, die flüssigen Laute und Silben,
Der Duft, das leise Knarren des Tauwerks, das Maß der Schwermut,
Ohne Grenzen die Sicht, weit und verdämmernd der Horizont, alles ist hier,
Und das ist Meeresgedicht.
Dann wanke nicht, mein Buch, erfülle dein Geschick,
Du nicht ein Nachklang nur des Lands allein,
Du auch wie ein einsam winziges Boot, das den Äther spaltet, unbekannter Bestimmung, doch immer vertrauend.
Genosse jeglichen Schiffs, das fährt, fahr zu!
Bring ihnen meine Liebe gefaltet (liebe Matrosen, ich falte sie hier in jedes Blatt für euch;)
Spute dich, Buch! spreite weiß deine Segel, mein Kahn, dwars durch die herrischen Wogen,
Sing zu, fahr zu, trag über das endlose Blau von mir zu jedem Meer
Diesen Sang für Matrosen und all ihre Schiffe.
AN FREMDE LANDE
Ich höre, ihr suchet etwas, um diesen Knoten zu lösen, die Neue Welt,
Und Amerika zu erklären, seine athletische Demokratie,
Also nehmt hier meine Gedichte, daß sie euch zeigen, was ihr begehrt.
AN EINEN HISTORIKER
Du, der Geschwundenes feiert,
Der das Äußre erforscht hat, die Oberflächen der Rassen, des Lebens, das sich zur Schau gestellt hat,
Der vom Menschen gehandelt hat als Geschöpf von Politik, Gemengen, Herrschern und Priestern,
Ich, Sasse der Alleghenyberge, der von ihm handelt, wie er an sich ist im eigenen Recht,
Den Puls des Lebens drückend, das sich selten zur Schau gestellt hat (die große Pracht des Menschen in sich),
Der Sänger der Persönlichkeit, zeichnend, was erst noch kommen soll,
Ich entwerfe die Geschichten der Zukunft.
DEN STAATEN
Den Staaten oder einem von ihnen, oder jeglicher Stadt in den Staaten, Widerstrebt viel, gehorcht wenig,
Einmal fragloser Gehorsam, zumal völlig geknechtet,
Einmal völlig geknechtet, erlangt kein Volk oder Staat, keine Stadt dieser Erde je ihre Freiheit wieder.
AN EINE SÄNGERIN
Da, nimm dies Geschenk,
Ich hab es für einen Helden bewahrt, Mann der Rede, oder General,
Für einen, der der guten alten Sache diente, der großen Idee, dem Fortschritt und der Freiheit des Menschengeschlechts,
Einem tapfern Despotentrotzer, kühnen Empörer;
Und nun seh ich, was ich bewahrte, ist dein just ebensogut wie eines.
SCHLIESST EURE TÜREN NICHT
Schließt eure Türen nicht vor mir, stolze Bibliotheken,
Denn was in all euren Fächern, voll wie sie sind, fehlte und doch am meisten not tut, bringe ich,
Aus dem Krieg heraus, der anhebt, hab ich ein Buch gemacht,
Nichts die Worte, alles in meinem Buch die Bahn,
Ein besonderes Buch, abseits vom Rest und nicht vom Verstand erfaßt,
Doch ihr, sprachlose Abgründe ihr, werdet jegliche Seite durchdringen.
KÜNFTIGE DICHTER
Künftige Dichter! Musiker, Sänger, Redner der Zukunft!
Nicht heut ist's an dem, mich zu rechtfertigen und gut zu sagen, wer ich sei,
Doch ihr, ein neues Geschlecht, Ursprüngliche, Ringer, Bürger des Kontinents, größer als je geschaut,
Wacht auf! denn ihr müßt mich rechtfertigen.
Ich selbst schreibe nur ein oder zwei andeutende Worte für das, was kommt,
Ich trete nur kurz vor zu Schwung und in Hast zurück in die Dunkelheit.
Ich bin ein Mann, der im Schlendern, ohne so recht zu halten, zufälligen Blick euch zuwirft und dann sein Antlitz wendet,
Der euch Beweis und Erklärung vertraut,
Die Hauptsache euch vermacht.
AN DICH
Fremder, wenn du mich flüchtig streifst und Lust hast, zu mir zu sprechen, warum solltest du nicht zu mir sprechen?
Und warum sollt ich nicht sprechen zu dir?
AUSGEHEND VON PAUMANOK
1.
Ausgehend vom fischförmigen Paumanok, wo ich geboren bin,
Wohlgezeugt, und erzogen von einer vollendeten Mutter,
Wandrer bisher in vielen Landen, Freund des Pflasters und Volksgedrängs;
Siedler in meiner Stadt Manahatta oder auf Savannen des Südens,
Oder Soldat im Lager oder mit Ranzen und Flinte, oder Gräber in Kalifornien,
Oder ruppig daheim in Dakotas Wäldern, Wildbret zur Nahrung, der Trunk aus dem Quell,
Oder zurückgezogen zu Sinnen und Grübeln in tiefer Verborgenheit,
Fern vom Gerassel der Mengen Pausen der Wonnen einlegend,
Vertraut mit dem frisch freien Spender Missouri dem Strömenden, vertraut dem gewaltigen Niagara,
Vertraut mit den Büffelherden, die dort in den Ebenen grasen, dem zottig breitbrüstigen Stier,
Mit Erde, Felsen, Maiblumen bekannt, Sterne, Regen, Schnee mein Staunen,
Fertig mit dem Lauschen auf Spottvogelweisen und der Ergründung des Bergfalkenflugs,
Im Ohr noch den unvergleichlichen Ruf der Einsiedeldrossel von Sumpfzedern im Morgengraun,
Rühr ich, einsamer Sänger des Westens, die Trommel für eine neue Welt.
2.
Americanos! Erobrer! Marken der Menschheit!
Vorderste! Marken der Zeit! Freiheit! Massen!
Für euch ein Programm von Gesängen.
Präriengesänge,
Gesänge des langgestreckten Mississippi und hinab zur mexikanischen See,
Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Iowa, Wisconsin und Minnesota,
Gesänge entspringend im Mittelpunkt Kansas und von da gleichgerichtet nach allen Seiten,
Schießend in feurigen Pulsen ohn Ende, überall Leben zu wecken.
3.
Nimm meine Blätter, Amerika, nimm sie Süd und nimm sie Nord,
Heißt sie überall willkommen, denn sie sind eure eigenen Sprossen,
Schließt einen Ring um sie, Ost und West, denn sie möchten um euch einen Ring schließen,
Und ihr Vorgänger geht freundlich mit ihnen um, denn sie sind freundlich zu euch.
Ich drang in alte Zeiten,
Ich saß forschend zu Füßen der großen Meister,
Jetzt wenn's sein könnt o möchten die Meister wiederkehren und mich erforschen.
Im Namen unsrer Staaten soll ich die Antike verschmähen?
Nein doch, sie sind der Antike Kinder, gekommen, um sie zu rechtfertigen.
4.
Gestorbene Dichter, Philosophen, Priester,
Märtyrer, Künstler, Erfinder, begrabne Regierungen,
Sprachgestalter an andern Küsten,
Einstmals gewaltige Völker, nun verfallen, abberufen oder vernichtet,
Ich trau mich nicht weiter, eh ich dankbar gut geschrieben, was zu uns von euch her geschwommen kam,
Ich hab es durchlaufen, bewundre es willig, (eine Weile hingegeben,)
Glaube, daß nichts je größer sein kann, nichts mehr Verdienst haben als es hat,
Betrachte es alles gespannt lange Zeit, geb dann ihm den Abschied,
Ich stehe an meiner Stelle hier im eigenen Tag.
Hier Volk aus Frauen und Männern,
Hier der Welt Erbschaft und Erbinschaft, hier die Flamme der Stoffe,
Hier Geistigkeit Übersetzerin, frei-anerkannte,
Immerstrebende, sichtbarer Formen Finale,
Erfüllerin, lang Erharrte, zur rechten Zeit nun Kommende,
Ja, hier naht meine Herrin die Seele.
5.
Die Seele,
Nun und immer und nun und immer – länger als braune und feste Scholle – länger als Wasser ebbt und flutet.
Ich will die Gedichte der Stoffe machen, denn ich glaube, sie werden die geistigsten Dichtungen sein,
Und ich will die Gedichte von meinem Leib und der Sterblichkeit machen,
Denn mich dünkt, so beschaffe ich mir die Gedichte von meiner Seele und Unsterblichkeit.
Ich will ein Lied für diese Staaten machen, daß kein einziger Staat unter keinen Umständen einem anderen Staat unterworfen sein kann,
Und ich will ein Lied machen, daß Einvernehmen und Art bei Tag und Nacht sein soll zwischen all diesen Staaten und zwischen je zweien von ihnen,
Und ich will ein Lied machen für die Ohren des Präsidenten, voller Waffen mit drohenden Spitzen,
Und hinter den Waffen zahllose mißvergnügte Gesichter;
Und ein Lied mach ich von dem Einen, der aus allen gebildet ist, dessen Haupt über allen ist,
Dem krallenbewehrten funkelnden Einen,
Kriegerisch entschiedenen Einen, der allumfassend über allen ist,
(So hoch sonstwer das Haupt trägt, dies Haupt ist über allen.)
Ich will unsre Zeitgenossen anerkennen,
Ich will der ganzen Geographie des Erdballs spürend nachgehn und jegliche Stadt groß oder klein geziemend grüßen,
Und Gewerbe! Ich will in meine Gedichte setzen, daß in euch Heldentum ist zu Wasser und Land,
Und ich will alles Heldentum melden von amerikanischem Standpunkt aus.
Ich will das Lied der Kameradschaft singen,
Ich will zeigen, was diese allein schließlich kitten muß,
Ich glaube, diese sollen ihr eigenes Bild männlicher Liebe finden, das sie an mir bewähren,
Ich will drum lodernd das Feuer aus mir flammen lassen, das gedroht hat, mich zu verzehren,
Ich will forttun, was dies schwelende Feuer zu lang niedergehalten hat,
Ich will ihm zügellos Freiheit lassen,
Ich will das Evangelium-Gedicht von Kameraden und Liebe schreiben,
Denn wer wenn nicht ich soll Liebe verstehn mit all ihrem Leid und Lust?
Und wer wenn nicht ich soll Dichter der Kameraden sein?
6.
Ich bin der Gläubige, baue auf Gaben, Alter, Rassen,
Ich entsteige dem Volk in seinem eigenen Geist,
Was hier singt, ist unbedingter Glaube.
Omnes! omnes! mögen andre wegsehn, wovon sie wollen,
Ich mache auch das Gedicht vom Bösen, ich huldige auch diesem Teil,
Ich bin selbst just so böse wie gut und wie mein Volk ist – und ich sage, es gibt in der Tat nichts Böses,
(Oder wenn's derlei gibt, so sag ich, es ist just so bedeutend für euch, das Land oder mich wie irgendwas sonst.)
Ich auch, Nachfolger vieler und Vorgänger vieler, bin Stifter einer Religion, ich begebe mich auf den Kampfplatz,
(Kann sein, ich bin bestimmt, die hellsten Rufe da auszustoßen, des Siegers gellendes Jauchzen,
Wer weiß? es mag noch aus mir dringen und über alles steigen.)
Kein Ding ist für sich selber da,
Ich sage, die ganze Erde und alle Sterne am Himmel sind um der Religion willen da.
Ich sage, keiner ist noch je halb fromm genug gewesen,
Keiner hat noch je halb genug verehrt oder angebetet,
Keiner hat angefangen zu denken, wie göttlich er selber ist, und wie sicher die Zukunft ist.
Ich sage, die wirkliche und dauernde Größe dieser Staaten muß ihre Religion sein,
Sonst gibt es keine wirkliche und dauernde Größe;
(Charakter nicht noch Leben des Namens wert ohne Religion,
Kein Land, kein Mann oder Weib ohne Religion.)
7.
Als ich in Alabama meinen Morgengang machte,
Sah ich, wie das Weibchen des Spötters auf seinem Nest im Dornstrauch auf seiner Brut saß.
Ich sah auch das Männchen,
Ich blieb stehn, um es ganz nahe zu hören, wie es die Kehle blähte und fröhlich sang.
Und als ich so stand, kam es mir, daß, warum er wirklich sang, nicht dort allein zu finden war,
Nicht bloß für sein Weibchen oder für sich und nicht für alles, was das Echo zurückrief,
Sondern zart, verborgen, weither von drüben,
Ererbtes Gebot und heimliche Schenkung den Neugebornen.
8.
Demokratie! Nah bei dir bläht sich nun eine Kehle auf und singt fröhlich ihr Lied.
Ma femme! für den fernen Nachwuchs und unsern eignen,
Für die zu uns gehörigen und die da kommen sollen,
Will ich jauchzend, um für sie bereit zu sein, nun Jubellieder hinausschmettern stärkre und stolzere als je auf Erden gehört worden sind.
Ich will die Lieder der Leidenschaft dichten, um ihnen ihren Weg zu bereiten,
Und eure Lieder, verstoßne Verbrecher, denn ich banne euch sanften Blicks in meine Verse und nehme euch mit mir so gut wie die andern.
Ich will das wahre Gedicht der Reichen dichten,
Für Körper und Geist alles zu holen, was haftet und Fortgang hat und nicht vom Tode verworfen wird;
Ich will Egoismus ausströmen und zeigen, wie er in allem steckt, und ich will der Sänger der Persönlichkeit sein,
Und ich will zeigen, daß Mann und Weib beide einander gleich sind,
Und des Geschlechts Organe und Akte! zieht euch in mir zusammen, denn ich bin gewillt, von euch mit tapferer heller Stimme zu künden und euern Ruhm zu melden,
Und ich will zeigen, daß hier Unvollkommenheit heute nicht ist und künftig nicht sein kann,
Und ich will zeigen, daß alles, was irgendwen trifft, schöne Ergebnisse zeitigen mag,
Und ich will zeigen, daß nichts Schöneres zustoßen kann als der Tod,
Und ich will einen Faden durch meine Gedichte spinnen, daß Zeit und Begebenheiten ein Ganzes sind,
Und daß alle Dinge des Weltalls völlige Wunder sind, eins so tief wie das andre.
Ich will nicht Gedichte schreiben in bezug auf Teile,
Sondern ich will Gedichte, Gesänge, Gedanken schreiben in bezug auf Zusammen,
Und ich will nicht in bezug auf einen Tag singen, sondern in bezug auf alle Tage,
Und ich will kein Gedicht machen noch den geringsten Teil eines Gedichts, der nicht Bezug auf die Seele hat,
Weil ich die Gegenstände des Weltalls beschaut habe und finde, es gibt keinen und nicht das geringste Stückchen von einem, das nicht Bezug auf die Seele hat.
9.
Hat einer begehrt, die Seele zu sehen?
Sieh, deine eigne Gestalt und Haltung, Personen, Wesen, Tiere, die Bäume, die fliehenden Ströme, die Felsen und Wüsten.
Alle halten geistige Lust und lassen sie wieder los;
Wie kann der wahre Leib je sterben und je begraben sein?
Von deinem wahren Leib und jedermanns und jedenweibs wahrem Leib
Entrinnt Stück für Stück den Händen der Leichenwäscher und birgt sich in passenden Sphären,
Und nimmt mit, was ihm zugewachsen vom Augenblick der Geburt bis zur Stunde des Todes.
So gut wie die Lettern, die der Setzer gefügt hat, den Druck, die Bedeutung, den Sinn wiederholen,
Kehrt eines Manns Wesen und Leben oder eines Weibs Wesen und Leben in Leib und Seele zurück,
Unbekümmert vor dem Tod und nachher.