Komödiantinnen
Ullstein-Bücher
Eine Sammlung
zeitgenössischer Romane
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Komödiantinnen
Roman von
Walter Bloem
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten. — Copyright 1914 by Ullstein & Co
1.
Aus tiefdunklem Jugendschlummer fuhr Hans Thumser mit einem Ruck in die Höhe. Teufel auch! das nenn' ich dachsen! Und diese Pestbeule von einem Korpsdiener hatte mich doch wecken wollen? Wieviel mag's denn sein? Uhr steht natürlich — Skandal! schon wieder mal das Aufziehen verbummelt! Und schon ganz hell! Jeden Augenblick muß der Wagen kommen mit Pilgram, dem gestrengen Senior, der so verdammt ungemütlich werden kann ... und mit Durchlaucht, dem fürstlichen Konkneipanten eines wohllöblichen C. C. der Franconia ... und dann warten lassen?! Herrgottsakra — rin' in die Buchsen —!
Durchs offene Fenster schwamm herbstlicher Frühnebel in das schummrige Studentenbudchen. Matt flimmerten an den Wänden die dreifarbenen Wappenschilde, die gekreuzten Schläger, die langsam einstaubenden Mützen und Bänder — weit matter noch vom Schreibtisch her die Goldtitel des corpus iuris, der spärlichen Lehrbücher der Rechtswissenschaft ... Und weiß blinkte nun der gertengeschmeidige Körper des jungen Studenten: Hals und Nacken wurden mit raschen, scharfen Güssen erfrischt, und dann wusch der Jüngling sorgsam das dichte braune Haar mit schäumendem Bay-Rum durch, um alle septischen Stoffe zu entfernen und der Säuberungsarbeit des Paukarztes vorzuarbeiten ... Denn heute bekam Hans Thumser Prügel, das stand in den Sternen geschrieben. Herr Borgmann, Neo-Borussiae gewesener Zweiter, Erster ad interim war der S. C. Fechter ... gegen den konnte der schlanke Fuchsmajor der Franken nicht an. Da galt es nur, sich gegen die unvermeidliche Abfuhr zu wehren, solange Faust und Klinge hielten ... Schade, daß es gerade der Borgmann sein mußte, der einen unterkriegte — dieser üble Geselle, den man nicht riechen konnte, mit seinem suffisanten Gesicht, seinem fatzkigen Lächeln, den frostigen Froschaugen — dem mal einen Streicher über die Ohrfeigenvisage ziehen, von der Temporalis bis ins Kinn — aber nee, nich dran zu denken, er konnte zu viel, der Affe, der miserablichte!
So — die Toilette wäre beendigt! Noch einen Blick in den Spiegel — ade, du große schmale Nase, vielleicht auf Nimmerwiedersehen — na, und auf Stirn und Wange ist ja auch noch eine ganze Menge Platz, zwischen den alten Abfuhren aus Heidelberg und denen vom Sommer, und nun statt der grünen Mütze für heute den weichen Knockabout auf die Stirn gestülpt — denn in jener Stadt, in der das Reichsgericht saß, die erleuchtete Körperschaft, welche die Schlägermensur für einen Zweikampf mit tödlichen Waffen im Sinne des Strafgesetzbuches erklärt hatte — im guten biedern Leipzig waren Staatsanwaltschaft und Polizei nach der Mahnung jenes schönen Würzburger Studentenverses tätig:
»Darum auf, ihr Wächter des Gesetzes,
Hüter des Studentenpaukgehetzes —
Lauscht überall
Auf Waffenschall
Und seid stets der Mensur
Auf der Spur!«
Auch das dreifarbene Band wanderte zusammengerollt in die Tasche — erst draußen im braunen Herbstwalde bei Knauthain würde es sich um die junge Brust schlingen dürfen ... und nun hinaus ... das Frühstück mußte man sich für heut verkneifen, denn Frau Marie Wehe, genannt Mutter Ach, stand um fünf Uhr noch nicht auf aus ihrem keuschen Witwenbette ...
Als Hans Thumser im dunklen Korridor an der Tür zu der Nachbarbude vorüberschritt — der Nachbarbude, die dies Semester zu Mutter Achs bittrem Schmerz unvermietet geblieben war — da stolperte er plötzlich über etwas Zierliches, Weiches ... was Teufel — also doch noch Nachbarschaft gekommen —?!
Hans Thumser bückte sich und hob ein Etwas auf, das nur ... ein Lackschuh sein konnte ... und zwar ein winziger ... mit knisternder Seidenschleife besetzter ... ein feiner, geheimnisvoll irritierender Duft entstieg ihm ... Hans Thumser trat mit seinem seltsamen Fund an die Mattscheibe der Korridortür, die ein falbes Licht einfallen ließ, und betrachtete mit der naiven Andacht seiner unverwöhnten zwanzig Jahre das zierliche Wunder. Gott, welch eine Wirrnis von Träumen stieg empor aus diesem schmalen Kahn der Sehnsucht ... Mit einem tiefen Seufzer, von fröstelnden Schauern überrieselt setzte der Jüngling seine Beute sacht und herzklopfend wieder vor die Tür, die nun auf einmal ein Eden barg. Ein weißes Viereck schimmerte matt vor dem des Dämmers nun gewöhnten Blick, als der Student sich wieder zu seiner ganzen Länge aufgerichtet ... in unzähmbarer Neugierde tastete er nach seiner Zündholzschachtel und las im zuckenden Flackerlichte die lithographischen Schriftzüge:
Asta Thöny
Herzoglich Meiningische Hofschauspielerin
Was ... war das?!
Hans Thumser hatte auf eines jener Dämchen geraten, die sich wohl bisweilen im Quartier latin einnisteten, um Jugendglut und Monatswechsel der akademischen Bürger zu brandschatzen ... und nun —?!
Eine Künstlerin ... ein Mitglied jener erlauchten Komödiantengilde, deren Siegeszug dem staunenden Deutschland, nein der Kulturwelt erst erschlossen die ganze Herrlichkeit des klassischen deutschen, des klassischen germanischen Dramas —?!
Hans Thumser sah sich in der Heimatstadt, auf einem Platze des zweiten Ranges, den er vom Taschengeld abgeknausert, abgebettelt dem gütigen Vater, der so schlecht nein sagen konnte — sah sich sitzen als ahnungsvollen Primaner und lauschen — lauschen in Verzückung und Tränen ... schauen voll seliger Gier und ungläubig-gläubigen Ueberschwangs in eine Wunderwelt hinein, da alle seine Träume die Erfüllung fanden ... und sah sich am andern Tage auf der Schulbank, stumm und stumpf bei jeder Frage der Lehrer, gleichgültig gegen ihren Zorn und den Spott der Mitschüler, die nicht ahnen konnten, was mit dem Primus vorgegangen ... was ihm die flinke Zunge, das unfehlbare Gedächtnis lähmte ...
Und nun —?! Eine Meiningerin — und seine Zimmernachbarin?
Was konnte das bedeuten —?
Etwa dies: daß die Meininger in Leipzig wären — gastierten drüben im Carolatheater —?
Und davon — davon hatte man nichts erfahren?
Freilich — unmöglich wär's nicht — wie man so dahinlebte, das Gladiatorendasein des aktiven Korpsstudenten ...
Asta Thöny? Nein — den Namen Asta Thöny verzeichnete seine Erinnerung nicht — das mußte wohl ein neues Mitglied sein, schlank und ... duftig wie die Schuhchen, von denen nun, im wachsenden Tageslicht, ein paar Lichtpünktchen aufgleißten aus dem Dämmer des Korridors ...
Aber ein anderer Name stieg nun auf, ein weißleuchtendes Mädchenbild tauchte glorienumstrahlt aus der Tiefe seiner Visionen: Jucunda Buchner, die kaum Sechzehnjährige, die Thekla der Meininger ...
Sie sah er, im dritten Akt der »Piccolomini«, einsam im finstern Schloßgemach, mit der Laute hineingeschmiegt in einen faltenstarren rotsamtenen Vorhang, scharf abgehoben die weiße Gestalt vom riesigen Fenster, durch dessen hundert kreisrunde Scheiben die sternlose Nacht hineinglotzte ... und wie ein Kind im Finstern singt, die Herzensbangigkeit zu betäuben, so verloren, so verlassen, so angstumschauert hatte das junge Weib seine schmachtende Weise vor sich hingelallt:
Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn —
Das Mägdlein wandelt an Ufers Grün —
Das Auge von Weinen getrübet ...
Du Heilige, rufe Dein Kind zurück —
Ich habe genossen das irdische Glück —
Ich habe gelebt und geliebet ...
O Erinnerung ... o Ahnung ... o Kunst, du mächtige Weckerin, Vorschule des Lebens, Tummelplatz der werdenden, in Werdeschauern erzitternden Seele —!
Gelebt und geliebet ... und du, junges Studentlein im finstern Korridor — aus dessen Dunkel die weißen Lichtpünktchen glitzern von Asta Thönys Lackschuhchen — —?!
Hans Thumser schrak zusammen. Ihm war's, als hätte er aus weiter Ferne, ungeduldig, seinen Namen rufen gehört ...
Und richtig:
»Thumser! Thumser! Zum Donnerwetter, wenn Du jetzt nicht kommst, fahren wir ohne Dich!«
Ach so ... ach ja ... die Stunde, die heischende ... die Stunde des Burschenkampfes ...
Hans Thumser fuhr auf, reckte sich — kein Abschiedsblick mehr zurück zu den Lichtpünktchen drunten, dem weißen Kärtchen an der Pforte des Geheimnisses — fort — hinaus —!
Er flog die krachenden Stiegen hinunter, der mächtige Haustürschlüssel knarrte im Schloß — und draußen auf der morgenstillen, morgenleeren Sophienstraße empfing ihn ein Durcheinander von Begrüßung und Vorwurf —
»Na, Du Schlafratze — endlich ausgepennt?« zürnte der Senior vom Rücksitz aus. Und:
»Hatten schon alle Hoffnung aufgegeben, Sie noch unter den Lebenden begrüßen zu dürfen!« schnarrte der Major von Gorczynski, dessen kantige Reiterfigur sich noch immer nicht in das elegante Zivil des Prinzenbegleiters eingewöhnen mochte.
Erbprinz Heribert aber, der durchlauchtigste Konkneipant der Franken, zog nur stumm und mit indignierter Miene den steifen grauen Filzhut. Also man ließ warten! na ja, an einer deutschen Hochschule funktioniert der Betrieb nun einmal nicht wie am herzoglichen Hofe zu Nassau-Dillingen ... man mußte Nachsicht üben ...
Mit einem Ruck saß Hans Thumser neben seinem Korpsbruder auf dem Rücksitz, dem Prinzen gegenüber, der ihn durch sein Monokel mit kühl-durchdringendem Blick niederzuschmettern suchte, was ihm freilich nicht gelang.
»Also wenn Durchlaucht gestatten, fahren wir ab!« sagte Valentin Pilgram mit korrektem Gesicht. Er war auch nicht sehr erbaut von der Ehre, einen prinzlichen Mitkneipanten im Korps durch das Semester schleppen zu müssen, zumal einen solchen faden Burschen, der nicht warm wurde unter den Kommilitonen, deren Mütze er wie zum Maskenscherz die wenigen Male aufsetzte, wenn er gelangweilt und verständnislos an den offiziellen Veranstaltungen des Korps teilnahm ... indessen das gehörte nun einmal dazu ...
»Also los, Kutscher und lassen Sie gefälligst die Gäule loofen, sonst fällt der erschte Hieb, ehe wir draußen sind!«
»I herrjemerschnee, Herr Pilgram, das kann Sie ja gar nich passier'n — de Allererschten wär'n mer sein am Platze, da genn' Se sich drauf verlass'n!« ...
Als der Wagen anzog, fiel der Blick der Abfahrenden auf eine lange Kolonne riesiger Möbeltransportwagen — drüben waren sie aufgefahren vor der nüchternen Häuserfront, deren Erdgeschoß die Einfahrt zum Carolatheater durchstieß. Das Theater selber lag verborgen und schmucklos dahinter im Hofe. Um die Wagen aber sammelte sich eine Rotte herkulischer Blusenmänner und begann sie zu entladen. Was kam da alles zum Vorschein!
Das erste, was das Auge der Wageninsassen entdeckte, war der riesige Körper eines schwarzen Pferdes, in liegender Stellung, in der Stellung des Todes ausgestopft ... Unter derben Späßen hoben die untersetzten Arbeiter die Bestie aus dem Finstern des Wagens und trugen sie in die Dämmerung des Flurs. Und im schnellen Davonfliegen des Wagens erfaßte der Blick der Enteilenden noch ein Chaos von Gegenständen, die bereits ausgepackt an den Hauswänden lehnten: ein ganzes Arsenal eiserner Rüstungen, Schwerter, Hellebarden, Federhelme ... und noch allerhand Dinge, seltsam durch ihre Lage und Zusammenstellung: einen prunkvollen gotischen Altar, einen mächtigen Eichbaumstumpf, dessen papierene Blätter im Herbstmorgenhauche gespenstisch raschelten — und endlich ein kolossales Renaissance-Büfett, das Hans Thumser auf den ersten Blick wiedererkannte: es hatte im Bankettsaal des Grafen Terzky gestanden, der Zecherrausch der Friedländischen Generale hatte es umbrandet — damals, im Barmer Stadttheater, als Hans Thumser in Fieberschauern den »Wallenstein« erlebte ...
»Die reine Trödelbude —« sagte Valentin Pilgram, der Senior, und zog die Winkel des schmalen Mundes verächtlich herab. »Ooch 'n Geschäft, sich Abend für Abend die Visage zu beschmieren, sich vor so'ne Lappen hinzustellen und mit Armen und Beinen zu fuchteln ...«
Die blassen, matten Züge des Erbprinzen hatten sich plötzlich belebt. »Sie vergessen, lieber Pilgram, daß diese Fuchtelei mit Armen und Beinen doch manchmal ganz niedlich anzusehen ist ... namentlich wenn diese Arme und Beine — halten Sie sich mal die Ohren zu, Herr Major! — na also, wenn sie schlank, jung und ... feminini generi sind ...«
»— generis, Durchlaucht!« erlaubte sich der Erzieher zu bemerken.
»Echauffieren Sie sich nicht, lieber Major — als Sprachlehrer sind Sie nicht engagiert — Sie haben nur für meine Moral zu sorgen — wenn's auch schwer fällt ... aber nun sagen Sie mal, Sie Alleswisser — was bedeutet denn dieser Apparat da vor dem ollen muffigen Carolatheater?«
»Die Meininger, Durchlaucht, beginnen in fünf Tagen ein vierwöchiges Gastspiel in Leipzig,« sagte der Major.
»Und das haben Sie mir bis jetzt unterschlagen, Sie Cerberus?«
»Ich habe nicht gewußt, daß Durchlaucht sich auch für ernste Kunst interessieren ...«
»Ah bah — Theater ist Theater ... und wo kann der Thronfolger eines — na sagen wir mal eines Staates von mäßigem Umfang — wo kann ich mich besser auf meinen künftigen Beruf vorbereiten als im Theater? Mein Hoftheater, das ist doch der einzige Platz, wo ich später ... gewissermaßen ... wirklich mal was zu sagen haben werde ...«
»Durchlaucht ... ich darf wohl bitten ...« warf der Major ein.
»Na, jedenfalls ist das meine Auffassung!« lachte der Erbprinz, »— können Sie meinetwillen nach Dillingen berichten! Und das bitte ich mir aus, Herr Major: bei den Meiningern belegen Sie heut abend sofort die vorderste Proszeniumloge! Ich sehe mir die ... Kunst ... gern aus der nächsten Nähe an! Lieber Pilgram — zur Eröffnungsvorstellung sind Sie mein Gast, nicht wahr?«
»Sehr gütig, Durchlaucht ...« sagte Valentin Pilgram und sann nach. »Das wäre, soviel ich weiß, am nächsten Mittwoch ... da haben wir allerdings offizielle Kneipe, und ich als Erster Chargierter dürfte eigentlich nicht ... und dann ... habe ich auch nicht allzuviel fürs Theater übrig ...«
»Philister Sie! Na und Sie, Herr Thumser — wie wär's mit Ihnen?«
Hans Thumser wurde glühendrot ... halb in Glück, halb in Befangenheit ... er hatte sich bereits schmerzlich bewegt ausgerechnet, daß es gegen Ende des Monats gehe, und sein Wechsel ihm einen Besuch der Meininger wohl schwerlich vor dem ersten November gestatten würde ... also das fiel ja geradezu vom Himmel ... andererseits ... mit diesem blasierten, schwunglosen Menschen zusammen — wie würde er's ertragen, in seine Andacht hinein solche Reden vernehmen, gar ihnen ehrerbietig lauschen zu müssen?
Dennoch ... besser als gar nichts ...
»Ich nehme mit Freuden an, Durchlaucht ...«
»Also abgemacht! Was gibt's denn, Herr Major?«
»Jungfrau von Orleans ...«
»Ausgerechnet —!« schnarrte der Prinz — »Schiller —! Gymnasium in Wiesbaden — verfluchten Angedenkens! Schiller! Was ist Schiller? Eine Serie von Aufsatzthemen —!!«
»Stimmt!« rief Pilgram. »Keine zehn Pferde ziehen mich ins Theater, wenn Schiller gespielt wird! 'Die tragische Schuld der Maria Stuart' — 'Wallenstein, ein tragischer Charakter' — 'Die poetische Gerechtigkeit in der Braut von Messina' — pfui Deuwel! um junge Hunde zu kriegen —!«
Wie bin ich unter diese Menschen geraten? dachte Hans Thumser. Warum trage ich die gleiche Mütze und die gleichen Farben wie sie? Kein Takt des Herzschlags, kein Gefühl, kein Wort ist mir mit ihnen gemeinsam ...
Und derweil rollte der Wagen seitwärts durch die nüchternen, morgenleeren, hallenden Straßen der Südstadt, dem fernen Kampfplatz entgegen, wo Hans wieder einmal seine Zusammengehörigkeit mit seinen Korpsbrüdern, seine Zugehörigkeit zum Frankenbunde mit seinem Herzblut besiegeln sollte ...
»Vergessen Sie nicht, Durchlaucht, daß Jucunda Buchner die Jungfrau spielt ...«
»Jucunda Buchner? Ist — wer?«
»Nun, der jugendliche Stern der Meininger — einfach Sehenswürdigkeit — gewissermaßen das deutsche Mädchen in Reinkultur —«
»Schön — also abgemacht!« sagte der Erbprinz. »Aber halten Sie mich fest, lieber Major, sonst mach' ich Dummheiten...«
»Buchner?« sagte der Senior, »hm — da fällt mir was ein. Mein Hauswirt, der Kanzleirat Buchner, der hat ja, soviel ich weiß, irgendwo 'ne Tochter beim Theater ... das wäre doch ulkig ... soviel ich weiß, wurde ihre Ankunft erwartet ... und ich mein' auch, daß sie in Leipzig spielen sollte, hätte die Alte erzählt — ich hab' aber nicht recht hingehört — was geht mich das Theater an ...«
»Herrgott, Mensch — das Theater!« platzte Thumser heraus. — »Hier handelt sich's doch um die Meininger! Hast Du davon überhaupt eine Ahnung, was dieses — dieses Theater bedeutet? Die Entdeckung der Klassiker, ihre Eroberung für die Bühne unserer Zeit, die Entbindung all der tausend köstlichen Sinnlichkeiten, die im Drama unserer Großen schlummern — bist Du denn solch ein Barbar, solch ein Banause, daß Du von all dem nichts weißt — daß all das für Dich nicht existiert?«
»Na, entschuldige schon, daß ich existiere!« schnarrte der Erste. »Ne wirklich, teures Thumserherz, das alles ist mir schnuppe, schnupper, am schnuppesten! Ich halt's mit meinem Vater, der nie in seinem Leben ins Theater gegangen ist und doch Senatspräsident am Oberlandesgericht in Dresden geworden ist, und jedenfalls noch ein Endchen weiter kommen wird im Leben, eh er Schluß macht! Kunst ist Spielzeug für charakterlose Müßiggänger — unsere Zeit aber braucht Arbeiter, Charaktere — Männer, verstehste?!«
»Bumm, bumm, bumm! Tusch!« sagte der Prinz. »Sie sind zum Landtagsabgeordneten qualifiziert, lieber Pilgram ...«
»Verzeihung, Durchlaucht, es muß auch — Landtagsabgeordnete geben! Ne, lieber Thumser, lauf Du nur immer ins Theater und laß Dir — wie hast Du so schön gesagt? — laß Dir Deine tausend köstlichen Sinnlichkeiten entbinden — mein Bedarf ist mit Fechtboden, Kneipe und Windscheids Drogenweltkolleg vollkommen gedeckt!«
»Und so was hat nun das Glück, mit Jucunda Buchner unter einem Dache zu wohnen ...« seufzte Erbprinz Heribert.
»Das weiß ich noch nicht, das ist nur eine Vermutung von mir, Durchlaucht ... Uebrigens ist die Sache wirklich ohne Interesse für mich. Mit einer Komödiantin möcht' ich noch nicht mal eine Poussage haben ... man kann ja doch nie wissen, ob sie einem nicht was vormimt und einen innerlich auslacht ...«
»Na, teurer Pilgram, nu sei'n Se aber friedlich!« schmunzelte der Erbprinz. »Davon versteh'n Sie nu wirklich nischt — det haben Sie noch nich gehabt!«
»Sie doch auch nicht, wie ich hoffe, Durchlaucht!« sagte der Major und blinzelte seinem jungen Herrn unter grimmig zusammengezogenen Brauen verschmitzt zu. Und Erzieher und Zögling wechselten ein Augurnlächeln ...
Der Wagen rollte. Niederer wurden die Häuser, die beiderseits die Connewitzer Landstraße umsäumten. Und bald wurde die Bebauung offener, ländlicher. Dann bog die Fahrt nach rechts, und in die braunen Schattenhaine des Streitholzes ging's hinein, die Pleiße wurde überschritten auf knarrender Holzbrücke, unter der sich die gelben Fluten träge hinwälzten, noch angeschwollen von den ersten Herbstregen, welche die vergangene Woche gebracht. Aber heut rang sich aus Nebelbrodem die verschlafene Morgensonne mühsam durch, umgoldete das rötliche Buchenlaub zu Häupten der Dahinrollenden, verhieß einen lustig blanken Fechtertag, den letzten unter freiem Himmel für dies Jahr: der nächste würde schon im benachbarten Halle, richtiger im Vorort Cröllwitz, steigen müssen, an der murmelnden Saale, gegenüber den reckenhaften Trümmern des Giebichenstein.
Allmählich wandte sich das Gespräch von dem strittigen Thema des Theaters zum minder kontroversenreichen des nahen Bestimmtages hinüber. Daß der Fuchsmajor der Franken heute seine todsichern Senge bekommen würde, galt als ausgemachte Sache, über die niemand Worte zu verlieren brauchte. Es fragte sich bloß, ob Hans Thumser auf seine notorische vielgeprüfte Quartblöße oder auf Borgmanns allgefürchteten Durchzieher abgestochen werden würde — von dem Valentin Pilgrim, der Senior, im Gesicht bereits ein stattliches Exemplar trug, welches Ohrläppchen und Mundwinkel mit einem linealgraden breiten Strich verband ...
Aber während man also über Hans Thumsers nächste Zukunft verhandelte, das Schicksal seiner linken Gesichtshälfte sachverständig abtaxierte — — war Hans Thumsers Inneres auf geheimnisvolle Weise in Gleichgültigkeit und Fernsein untergetaucht.
Jungfrau von Orleans ... sang es in seinem Herzen ... Jucunda Buchner ... das war wie eine leuchtende, gnadenvolle Nähe, wie ein offener Himmel, aus dem eine lichte Madonna sich neigt, gegenwärtig und doch unnahbar, bekannt und doch undurchdringlich ...
Und zwischen die Choralmelodien, die Harfenarpeggien, welche das Heiligenbild umschauerten, kicherte und schwirrte es hinein wie Flötentriller, wie kecke Geigenpizzicati:
Asta Thöny ... Asta Thöny ...
Und ein paar neckische, blinkende Lackschuhchen tanzten auf und nieder, aus denen zwei schlanke, seidenbestrumpfte Knöchel guckten — was darüber war, verschwand in rosigen Schleiern, aus denen es lachte und girrte wie Taubengurren:
Asta Thöny ... Asta Thöny ...
Ernsthaft und aufrecht saß Valentin Pilgram, der gestrenge Senior des Korps Franconia. Als läge die Regierungslast eines Millionenstaates auf seinen Schultern, so pflichtdurchdrungen, so würdeumbauscht saß er und übersann das Programm des Tages ... Ob Heinz Hartwig, das muntre, taprige, ewig korkende Füchslein, wohl heute endlich eine einwandfreie Mensur liefern würde und daraufhin ins engere Korps rezipiert werden könnte? Und Ivo Volkner, der leichtblütige Rheinländer aus Düsseldorf, dessen letzte Mensur auch keineswegs tadelsfrei gewesen war — ob er wohl sein unstätes Musikantentemperament heute so weit im Zaume halten würde, um sich herausreißen zu können?
Und was sollte der C. C. auf den merkwürdig schnoddrigen Brief unseres lieben Kartellkorps Pomerania zu Göttingen antworten? Ob es nicht doch besser war, das alte Kartellverhältnis zu lösen und ein frisch-fröhliches P. P. zu fechten?! Aber was würden die gemeinsamen Alten Herren sagen?
Und ob man den Rektor zur C. C.-Antrittskneipe einladen mußte — anläßlich der hohen Ehre, daß ein richtiggehender Prinz und Thronfolger zu den Konkneipanten des Korps zählte?
Ja, man hatte schon seine Sorgen ... Der Reichskanzler war am Ende auch nicht viel schlimmer dran als der Erste Franconiae-Leipzig ...
Der Erbprinz aber träumte von einer fernen Zukunft ... noch war der alte Herr ja ... hm, hm! — erheblich rüstig ... und seine Altersgenossen, die Leutnants des Sophien-Regiments, hatten ihm gelegentlich in später Stunde, wenn der Sekt die Zungen gelöst, das Gefühl der Distanz ein wenig gemildert hatte — na ja, dann hatten sie ihm gelegentlich etwas gesteckt von all dem Gemunkel, das in der Residenzstadt umlief über die zarten Beziehungen des hohen Herrn zu der weiblichen Elite des Hoftheaters ...
Er, Heribert Hans Herwig, würde sich das erlauchte Vorbild seines gnädigsten Vaters zum Muster nehmen, wenn er einmal als Heribert XIV. das Thrönchen seiner Väter bestiegen haben würde.
Inzwischen hielt man sich studienhalber in Leipzig auf und würde auch da auf seine Rechnung zu kommen wissen ...
Jucunda Buchner ... das klang recht verheißungsvoll ... und Jungfrau von Orleans ... Himmel, es gibt allerhand Arten von Jungfrauen ...
Nun war man »draußen«. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dämmerfrieden umwirkt, heut umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden Völkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches Reckendasein führten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schäumenden Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meißner und Thüringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur allwöchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung. Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrüßten sich hinüber und herüber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten — wesentlich zeremonieller schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren, stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annäherung von Pickelhauben und grünen Waffenröcken melden sollten. Alles war im »Bummel« gekommen, das heißt im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst Mützen und Bänder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch, der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit: Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stämmigen Zweitchargierten der Meißner.
Und nun — heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille, widerhallend an den schlanken, weißleuchtenden Buchenstämmen ... und nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die über Stulp und Schädel krachten — heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten Widereinander der jugendlichen Kräfte ...
Jähes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hüben über die schmalen, herrischen Züge des Frankenseniors, drüben über die feisten Speckbacken des Fechtchargierten der Meißner ... und wiederum Kommandos, hageldichte Hiebe, Stahl auf Stahl ...
Und dann war's plötzlich aus: der Meißner hatte seine Abfuhr weg, eine lange Quart, fast unpariert, überm linken Ohr. Und in die blutbeschmierte Bandage mußte nun Hans Thumser hinein.
Schon stand er dem verhaßten Borgmann gegenüber, schon faßten die Gegner einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage, kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kämpfer Seiten — da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten, und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten zwei Reiter heran — aber nicht die Grünröcke der Gendarmen — Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle Köpfe sich wandten — doch ihm blieb nicht Zeit — nur einen grauen Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglänzenden Seidenhut; sah etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dämmernden Waldgrund — und dann —
»Auf die Mensur — bindet die Klingen!«
»Gebunden sind —!«
»Los!«
Und nun alles Leben in Aug und Handgelenk hinein sich krampfend — und ein Wille nur — sich wehren — und treffen! treffen —!!
»Halt!«
»Halt —!!«
Und auch hier schon nach dem ersten Gange helle rote Bäche rinnend über weiße Stirnen, zernarbte Wangen ...
Und während der Paukarzt mit dem Wattebausch in Hansens klaffende Stirnwunde tupft, vernimmt des Fechters Ohr ganz deutlich aus der Mitte der Umstehenden die Worte:
»Das ist die Buchner!«
Und eine andere Stimme fragt:
»Und der Herr — wer ist das?«
»Das ist Franz Burg — der Heldenspieler ...«
Inzwischen hat der Paukarzt seine Untersuchung beendigt; er lächelt:
»Weiter!«
»Herr Unparteiischer — von unserer Seite kann's weitergehen ...«
Aber drüben bei den Neo-Borussen scheint man noch nicht so recht im Klaren ... na, wenn Hans Thumser auch schließlich wird dran glauben müssen: auch Herr Borgmann hat sein Teil bekommen, scheint's!
Er lugt umher: dort halten sie, die Reiter, unterm Eichbaum und spähen neugierig hinüber ... Ja, das glaub' ich, ihr Komödianten — so etwas bekommt ihr nicht alle Tage zu sehen — hier schwingt man die Waffe nicht nur zum Spiel — und was hier Stirn und Wange färbt, ist wirkliches Blut, nicht Schminke ...
Und dies schmale, feine junge Gesichtchen — das ist ... Thekla — das ist Johanna von Arc?!
Nun werden auch die Neo-Borussen wieder munter:
»Herr Unparteiischer, von unserer Seite kann's weitergehen!«
»Silentium — Pause ex!«
»Auf die Mensur — bindet die Klingen!«
Jucunda! betet irgend etwas in Hans Thumsers Seele. Er fühlt, wie alle Sehnen sich straffen.
»Gebunden sind!«
»Los!«
Und zweimal, dreimal schmettert Hieb auf Hieb — und:
»Halt!«
»Halt!«
»Herr Unparteiischer, bitte drüben nachzusehen und einen Blutigen zu konstatieren!« ruft Valentin Pilgram, Hansens Sekundant, wilden Triumph in der Stimme — sich aufrichtend, zischt er seinem Paukanten ins Ohr:
»Du — das ist Rest!!«
»Rest? Bei wem? Bei mir?« fragt Hans Thumser ganz verdutzt.
»Ne — da drüben — bei Borgmann! Teufel auch, Thumser — der Durchzieher — so was darfste öfters schlagen!«
Was? Er — Hans Thumser — er hätte den S. C. Fechter — —? Donnerwetter!
An des Gegners Stirn klaffte ein breiter roter Spalt, aus dem zwei feine warme Strahlen spritzten —
»'raus!« sagt drüben der Paukarzt.
»Herr Unparteiischer, wir erklären die Abfuhr!«
Borgmann stampfte vor Wut mit dem Fuß, als der Paukarzt von hinten mit kräftigem Griff seine Stirn zusammenpreßte und ihn herumdrehte. Was half's?
»Silentium — Neo-Borussia erklärt Abfuhr nach anderthalb Minuten!«
Als Hans Thumser sich aus dem Schwall der Glückwünsche seiner Korpsbrüder losmachte und Ausschau hielt — war das Reiterpaar verschwunden.
»Gratuliere!« sagte Erbprinz Heribert. »Fabelhaft, lieber Thumser, meine vollste Bewunderung! Haben Sie übrigens die Buchner gesehen?! Vollkommen tadelloses Mädchen ...«
2.
Wenn Hans Thumser auf ein Glück wartete, so machte die Ungeduld ihn krank, verdarb ihm jede Minute mit zehrender Sehnsucht. So war es schon immer gewesen, solange er sich seiner erinnern konnte. Die letzten Wochen vor dem Weihnachtsfest, vor dem Beginn der Sommerfrische waren ihm stets eine endlose Tortur gewesen ... Und als er später begonnen hatte zu empfinden, daß nur die Stunden wahrhaft lebenswert seien, in denen er mit einem gewissen braunbezopften Menschenkind unter einem Dache weilen durfte ... da war alles, was zwischen diesen Stunden lag, nur wie ein unermeßlich langer, böser, dumpfer Traum und Alpdruck gewesen ...
Und so bedrückend, so angstumschnürt wälzten sich auch die Tage dahin, die Hansens Mensurtriumph noch von der Eröffnungsvorstellung des Meininger Gastspiels schieden. Er saß inmitten seiner Korpsbrüder, schwatzte und trank mit ihnen wie immer, ließ ihre Lobesbezeigungen mit der gleichen Gelassenheit über sich ergehen wie den boshaften Spott der Neider, es sei nur ein »Schweinedusel« gewesen, daß er den S. C. Fechter hinabgetan habe ... Er ließ auf offizieller Kneipe seine Füchse in die Kanne steigen, daß sie quietschten, und schrieb morgens bei Windscheid und Binding im Kolleg mit einem ganz ungewohnten, krampfhaften Eifer nach, als steure er auf ein Prädikatexamen los — — und all dies Tun blieb seiner Seele so fern, so fern ...
Manchmal fragte er sich, ob er wohl bei ganz gesundem Verstande sei — ob es nicht eine fixe Idee, ein krampfhaftes Wahngebilde sei, das ihn so grenzenlos hungern ließ nach — nach einem Nichts, einem Spiel, dem flüchtigen Schattenbilde eines Dichtertraums ... Und dann wieder genoß er mit einer phantastischen Seligkeit sein Wesen, das ihn vom wachen Leben hinweg so unwiderstehlich in luftige Spukwelten drängte ...
Nur die Stunden zählten wenigstens halb, die er am Fenster seiner Bude verbrachte, hinüberstarrend zur nüchternen Front jener Gebäude an der langweiligen Sophienstraße, hinter denen der kahle Bau des Carolatheaters sich barg. Dort war um die Vormittagsstunden ein lebhaftes Kommen und Gehen. Früh um neun begannen die Proben, natürlich nur für die neuangeworbene Statisterie, denn für die Solo-Rollen »standen« selbstverständlich alle Stücke des Repertoires. Aber die stattliche Schar des »Volkes«, die in jeder Stadt aufs neue zusammengebracht und gedrillt werden mußte, die wimmelte heran, füllte die sonst stille Straße mit Lachen und Geschwätz ... braunäugige Töchter kleiner Bürgersleute, stellungslose Ladenfräulein und Kommis, Stadtreisende und Konservatoristen — vor allem aber Studenten, Studenten von jener Sorte, die der Waffenstudent eigentlich nicht mitrechnete, und die trotzdem die weitaus überwiegende Mehrzahl der akademischen Bürgerschaft bildete: die »Finken«, auch »Bummler« genannt, obwohl sie natürlich weit weniger bummelten als die jungen Herren in Mützen und Bändern ... gar zu gerne hätte Hans Thumser sich mit ins Gewühl der Statisten gemengt, um als »Volk« oder »Friedländischer Soldat« oder als römischer Quirite sich an den großen, festlichen Unternehmungen zu beteiligen, die da drüben vorbereitet wurden ... Und eines Tages hatte er sich's getraut, vor den Ersten hinzutreten mit der Bitte:
»Sag' mal, Pilgram, wie ich höre, wirken eine ganze Menge Studenten in den Vorstellungen der Meininger als Statisten mit — hättest Du was dagegen, wenn ich da ebenfalls mittäte?«
Der Erste sah den Fuchsmajor mit einem Blick an, als bäte dieser um Erlaubnis, silberne Löffel zu stehlen.
»Hör mal, Du, Dein Kopfschmiß von Sonnabend eitert wohl nach innen, he?!«
Also damit war es nichts ... und so mußte man sich denn begnügen, von weitem zuzuschauen, wie die glücklicheren Kommilitonen, frei des korpsstudentischen Zwanges, nach Schluß der Probe froh erregt, mit glühenden Köpfen, lebhaft diskutierend dem Eingangstor des Theaters entströmten, um die namenlosen Kneipen aufzusuchen, in denen sie nach eigener Wahl und entsprechend der Rücksicht auf die Dimensionen ihres Monatswechsels verkehrten. Und inmitten dieser Beneidenswerten kamen auch die Helden und Heldinnen aus der Probe — natürlich mußten ja auch sie wenigstens die Massenszenen immer wieder aufs neue mit probieren ...
Und noch ein andres heimliches Fest blühte für Hans Thumser innerhalb seiner bescheidenen vier Wände, die glücklicherweise so dünn waren, daß sie manch ein Geräusch durchließen von jener geheimnisvoll lockenden Welt, die hinter ihnen sich barg: das Klappern zierlicher Pantöffelchen, das Rascheln seidener Röcke, keckes Mädchenlachen und halblautes Geschwätz, wenn Kolleginnen drüben zum Besuch kamen ... Aber noch immer war's ihm nicht geglückt, seine Nachbarin von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Inzwischen baute Hans in seinem Herzen ein seltsam Kirchlein auf: droben war ein feierliches gotisches Heiligtum, in dem Jucunda Buchners weiße Gestalt auf ernstem Altare stand, von Weihrauch und Kerzengeflacker umspielt ... darunter aber, tief unter der Erde, barg sich eine dämmrige romanische Krypta, in der tolle Orgien verbotener, heidnischer Kulte nächtens gefeiert wurden vor einem üppig lächelnden Götzenbild — seine Züge waren nicht genau erkennbar — verschwammen im hüpfenden Fackellicht, das durch den Raum dunstete ...
Aber Hänschen Thumser war nicht der Mann des tatenlosen Zuwartens. Es mußte etwas geschehen, die dumpfe Qual dieser sehnsüchtigen Tage zu verkürzen. Aber was? Immer wieder mündeten seine Pläne in die Erkenntnis, daß man einem jungen verwöhnten Mädchen — und eine Schauspielerin konnte man sich ja doch nicht anders vorstellen als jung und verwöhnt, nicht wahr? — daß man solch einem Liebling der Götter und Menschen nur nahen könne mit gebenden Händen ... und seine Hände waren leer ... der Monatswechsel heidt — knapp noch das Nötigste für die letzten Tage vorhanden ...
Auf einmal — welch glorreicher Gedanke! Hänschen Thumser konnte ja etwas, das am Ende doch nur die wenigsten unter Asta Thönys Verehrern — gewiß hatte sie unzählige — reiche Bankiersöhne und Gardeleutnants und — na und solche Leute mit unerschöpflichen Portemonnaies — aber gewiß konnten solche Leute meistens eines nicht, oder wenigstens nicht so gut wie Hänschen Thumser — nämlich dichten!
Juchhe! Hänschen hat kein Geld, um kunstvolle Blumenarrangements zu kaufen — aber wunderschöne Verse kann er machen! — Also los! ein Blatt aus dem Kollegheft gerissen und gereimt auf Deuwel komm heraus!
»Ich bin ein junger Korpsstudent,
Die Schuhe Lack, der Rock patent —
Korrekt und schick an mir ist alles —«
lauter unbestreitbare Wahrheiten! aber nun kommt der Haken.
»— im Portemonnaie nur haust der Dalles —«
So — immer frisch heraus mit dem sauren Bekenntnis, dann weiß Asta auch gleich, wie sie mit mir dran ist — was sie von mir zu erwarten hat — und was nicht ...
»Doch da das Schicksal über Nacht
Zu Budennachbarn uns gemacht —«
(Ach du liebes, gnädiges Schicksal du!)
»— müßt' ich Dich eigentlich begrüßen,
Und Rosen legen Dir zu Füßen —
Wie gerne würd' ich mich erdreisten —
Doch leider —«
Alle Wetter: das wird ja ein prachtvoller Reim:
»— kann ich mir's nicht leisten ...«
Nun ein zweites offenes Bekenntnis:
»Noch kenn' ich Dich, Du Schelmin, nicht,
Sah nicht einmal Dein Angesicht —
Nur —«
Gott, bleiben wir doch schon bei der Wahrheit:
»— hab' ich morgens früh gesehn
Vor Deiner Tür zwei Schuhchen stehn —
So winzig, duftig, elegant —«
Hans! du imponierst mir! So viel edle Dreistigkeit hätt' ich dir gar nicht zugetraut — aber freilich: auf dem Papier, und mit einer schützenden Scheidewand dazwischen — — Aug' in Auge würde das Debüt wohl etwas kümmerlicher ausfallen, wie? — Aber weiter, weiter — einen Reim auf »elegant« — pah, Spielerei!
»— daß gleich mein Herz in Flammen stand —«
— nein, das ist doch zu billig, zu abgeschabt:
»Da gab es Funken — Flammen — Brand!«
Ja, es ist eine alte Sache: Verse werden immer am besten, wenn man ganz geradezu ausspricht, was wirklich passiert ist:
»Und seitdem träum' ich wahnbetört,
Von dem, was da hineingehört —«
Ist das nicht ... doch ... gar zu unverschämt?! Ach was, mehr wie hauen kann sie schließlich nicht!
»Willst Du mir's auf den Nacken setzen,
Mir wär's ein sklavisches Ergetzen —«
— ne, das ist ein falscher Ton — von der Sorte sind wir doch nicht! —
»Ach, dürft' ich's einmal — einmal küssen —
Wirst mir's schon noch — erlauben müssen —
O welche süße Phantasie —
Und ach — probiert hab ich's noch nie — —«
Hans überlas das Geschriebene. Himmel, ist das schnurrig, wenn's auf einmal so in einem zu dichten anfängt! Ein ganz andrer Mensch kommt da plötzlich zum Vorschein als der, den man so im Leben darstellt ...
Hatte er das wirklich geschrieben, er, der wohlerzogene Beamtensohn, der geschniegelte, korrekte Korpsstudent, der künftige Richter des Volkes?!
Ach, und es gefiel ihm so gut — daß er's ganz hastig und mit fliegenden Fingern ins Reine schrieb und kuvertierte ... dann stülpte er die grüne Mütze auf, lauschte, ob seine Nachbarin daheim sei ... und da er keinerlei Geräusch hörte, klinkte er im Vorbeigehen sachte die Tür zum Nebenstübchen auf und sah —
Sah durch den Spalt eine zierliche Mädchengestalt in weißem Unterrock und weißem Frisiermantel schlafend aufs Sofa hingestreckt ... ein schwarzes Wuschelköpfchen ... und über den Rand des Sofas guckten ein paar schwarzbestrumpfte Füße, an denen zierliche rote Halbpantöffelchen baumelten ...
Und schon hatte er mit einem Ruck den Briefumschlag mit seinen unverschämten Versen mitten in die Stube geschleudert, die Tür mit hartem Knall zugeklinkt — und flog nun die Stufen hinunter — die grüne Mütze war ihm in den Nacken gerutscht, seine Wangen brannten, und draußen zog er mit seinem spanischen Rohr einen Durchzieher durch die Luft, daß es nur so pfiff.
Wie in Hans Thumsers unoffiziellem Herzen, so war auch in Valentin Pilgrams korrekter Chargiertenseele Revolution ausgebrochen, und auch die um einer Zimmernachbarschaft willen. Aber diese Revolution war doch von einer ganz anderen Sorte und gipfelte in der Erklärung, die der Senior in energischem Tone an die Frau Kanzleirat Buchner abgab: er kündige hiermit seine Bude und werde sofort ein andres Quartier suchen, wenn man den ruhestörenden Lärm und groben Unfug da nebenan nicht abzustellen die Mittel finden würde ...
Und das war so gekommen:
Valentin Pilgram stand im sechsten Semester. Er war bereits zwei Semester in Berlin inaktiv gewesen und nur nach Leipzig zurückgekehrt, weil er als Königlich sächsischer Untertan sein Referendarexamen in Sachsen ablegen mußte. Er war auf dringendes Bitten des C. C. zu Anfang des Semesters noch einmal wieder aktiv geworden und hatte die erste Charge interimistisch übernommen, weil kein anderer geeigneter Korpsbursch für diesen Posten da war, und der Vertreter des Marburger Kartellkorps, der die erste Charge später definitiv bekommen sollte, doch erst einmal in Leipzig und im Korps warm werden mußte. Interimistisch bekleidete dieser junge Herr die zweite Charge. Und so teilte Pilgram mit seiner ganzen feierlichen Gewissenhaftigkeit seine Zeit zwischen dem Korps und der Vorbereitung fürs Examen. Und in der letzteren war er nun plötzlich und gründlich unterbrochen worden durch ein grollendes Getöse, das aus der Nachbarkammer in seinen Studienfrieden hinüberklang, aus der Nachbarkammer, in der, wie er gelegentlich mit halbem Ohr vernommen hatte, die Tochter seiner Hauswirte, die herzoglich meiningische Hofschauspielerin Jucunda Buchner, für die Dauer des Gastspiels ihres Ensemble einquartiert worden war. Mitten in die Lektüre der Windscheidschen Drogenweltweisheit war da plötzlich eine sonore Altstimme hineingeklungen, zunächst in sachtem, murmelndem Repetieren, dann aber in selbstvergessen wildem Ausbruch:
»Und einer Freude Hochgefühl entbrennet,
Und ein Gedanke schlägt in jeder Brust —«
Da war der reckenhafte candidatus iuris mit einem Wutknurren aufgefahren ... aber umsonst: die sonore Stimme drinnen grollte weiter — sänftigte sich nun zu herzbeklommener Klage:
»Doch mich, die all dies Herrliche vollendet,
Mich rührt es nicht, das allgemeine Glück,
Mir ist das Herz verwandelt und gewendet,
Es flieht von dieser Festlichkeit zurück ...«
Aber bald schrillte sie wieder auf mit jähem Wehlaut, daß sich vor Wut und Entsetzen dem Rechtskandidaten die Gedärme umkehrten.
»Sollt' ich ihn tö—öten? Konnt' ich's, da ich ihm
Ins Auge sah? I—h—n tö—ö—öten? Eher hätt' ich
Den Mordstahl auf die eig'ne Brust gezückt!«
Das war zuviel! Der Student riß einen seiner Lederpantoffeln von den Füßen und pfefferte ihn krachend gegen die Nachbartür.
Einen Augenblick verblüffte Stille — doch o weh — sein Warnsignal war offenbar nicht verstanden worden — schon nach wenigen Sekunden setzte das Gegroll und Gewimmer drüben wieder ein:
»Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?
Ist Mitleid Sünde?«
»Nee!« brüllte Valentin Pilgram. »Mitleid is keene Sinde nich! Haben Sie ruhig Mitleid mit mir und halten Sie den Mund — ich muß lernen!!«
Einen Augenblick war drüben alles stumm — todesstarres Schweigen. Und plötzlich fauchte ... ja fauchte, anders war's nicht zu nennen — keifte — ja man muß schon sagen, keifte die sonore Stimme von nebenan:
»So? Lernen müssen Sie? Na — ich auch ... stopfen Sie sich Watte in die Ohren!« Und noch dreimal mächtiger und markerschütternder grollte nun der majestätische Alt:
»Ist Mitleid Sünde? Mitleid! Hörtest Du
Des Mitleids Stimme und der Menschlichkeit
Auch bei den andern, die Dein Schwert geopfert?!«
Da sprang Valentin Pilgram wütend auf, riß den Klingelzug, daß es schrill durch den Flur gellte, und als die stattliche runde Frau Kanzleirätin ganz entsetzt ins Zimmer schoß, schnauzte er sie an:
»Was ist das für ein gottverfluchter Spektakel daneben? Wenn das nicht in fünf Sekunden aufhört, zieh' ich!«
»Erlooben Se mal, mei gutester Herr Pilgram!« entrüstete sich die behäbige Dame im geblümten Morgenrock sehr energisch. »Se wissen, scheint's, nich so recht, mit wäm Se's zu tun ha'm! Das is Se nämlich meine Tochter, die große Jucunda Buchner von die Meininger — die Jungfrau von Orleans!«
»Und wenn je die Jungfrau Maria selber wär' — hier verlang' ich meine Ruhe, versteh'n Se mich, Frau Kanzleirat?! Ich hab' diese Bude gefälligst zum Studieren gemietet — versteh'n Se? Wir sind Se hier nich im Theater!!«
»Se sollten Ihn' was schämen, Herr Pilgram, daß Se nich mal kenn'n bißchen Ricksicht nähm' auf Studium von eener gottbegnadeten Ginstlerin, wo ganz Leipz'g stolz drauf is!«
»Wenn eener ä Vierteljahr vor'm Examen steht, dann hört die Rücksichtnahme ergebenst auf!« brüllte Pilgram. »Ich muß ooch studieren, aber mei Studium is wenigstens geräuschlos! Wenn Se e gottbegnadetes Mädchen zur Tochter haben, die beim Studieren einen Schkandal macht, wo die Mauern von Jericho von könnten einstürzen, dann vermieten Se gefälligst keene Buden an Studenten nich!«
»Herr Pilgram — wenn ich gewußt hätte, was für e ungeschliffener Mensch Sie sein kenn' — nie wär'n Se mir ieber de Schwell gekomm', weeß Knebbchen!«
»Mamaa!« tönte da plötzlich der sonore Alt aus dem Nebenzimmer, »rege Dich doch bitte ja nicht auf, Mamaaa! Der Herr mag ruhig ziehen — ich komme Deiner Haushaltungskasse für den Schaden auf!«
Frau Kanzleirat musterte den Studenten von oben bis unten mit einem Blick tiefster Verachtung. »Da heer'n Se's, Herr Pilgram! So benimmt sich e wahrhaft vornähmer Mensch! — Also wenn Se zieh'n woll'n, ich hab Sie nich das mindeste dagegen — lieber heut als morgen! Adieu, Herr Pilgram — ziehen Se glicklich!«
Und die stattliche Dame rauschte hinaus mit der Würde einer Königin. Die Schleppe des geblümten, nicht mehr ganz saubern Morgenrockes waberte hinter ihr drein.
Valentin Pilgram aber blieb etwas benommen an seinem einsamen Studiertisch. Es war doch höchst fatal, nun so mitten in den Examensvorbereitungen das lieb gewordene Quartier gegen ein noch unbekanntes eintauschen zu müssen ... am Ende hätte er auch ein bißchen weniger hitzig sein können ... vielleicht mit einem guten Wort hätte sich die Sache viel besser einrenken lassen ... Aber das machte diese verfluchte Kandidatenstimmung, das Bangen vor diesem fahlen Gespenst, das am Ende der Studentenzeit hockte mit stieren Augen und sich ganz, ganz unmerklich immer näher heranschob ... da sollte der Teufel nicht nervös werden ... Was keine sausende Säbelklinge fertiggebracht hatte: das Schreckbild der drei Männer hinterm grünen Tisch hatte es erreicht: Valentin Pilgram hatte Angst ... und dieser Zustand, so ungewohnt, so unmöglich, der hatte ihn toll gemacht ... Eigentlich hatte er sich ja doch wirklich unqualifizierbar benommen ... es waren doch weibliche Wesen, beinahe Damen, mit denen er so gröblich umgesprungen ... zwar ein Kanzleirat war ein Subalternbeamter, und seine Frau gehörte nicht zur Gesellschaft ... und vollends eine Komödiantin ... aber wenn auch ... wenn auch ... Valentin Pilgram, ich glaube, dein Benehmen war durchaus nicht auf der Höhe der berühmten korpsstudentischen Direktion ... deren eifriger Hüter du selber so lange im C. C. gewesen ...
Valentin wartete mit Spannung, ob nicht alsbald da drinnen wieder der dunkeltönige Alt mit dröhnendem Jambenschwall einsetzen würde ... er wartete mit Spannung und Verlangen ... das Fortdauern der Störung wäre wie eine nachträgliche halbe Entschuldigung seiner Hitze gewesen ... aber er wartete umsonst. Alles blieb still darinnen. Er hätt' also triumphieren, den ertrotzten Arbeitsfrieden eifrig büffelnd genießen können ... aber seltsam ... die richtige Streberstimmung wollte nicht wiederkommen ...
Teufel auch, Valentin Pilgram, du hast doch nicht etwa einen »Moralischen«?
Franconias Senior stand langsam auf und räumte Drogenweltlehrbuch und Repetitorien zusammen. Er stülpte die grüne Mütze auf den strohblonden Schädel und stieg sinnend die altehrwürdigen Holzstiegen hinab auf die »Kleine Fleischergaß«. Drüben im ersten Stockwerk des »Cafébaums« winkte über dem in Sandstein gemeißelten Amor, der schon seit Jahrhunderten einem gleichfalls sandsteinernen Türken »e Schälchen Heeßen« kredenzte, winkte Franconias Wappenschild, lockte, unter den morgendlich geöffneten Fenstern des Kneipzimmers, im Morgengolde sich bauschend, das grün-gold-rote Banner ... aber der Erste stieg nicht hinauf. Er ging auch nicht auf Wohnungsuche: er tat etwas, was er im Leben noch nicht getan hatte: er ging zur Universität und kämpfte inmitten eines Massenandranges von Kommilitonen, ganz gewöhnlichen Nichtinkorporierten, um ein Studentenbillett zur morgigen Eröffnungsvorstellung der Meininger — zur »Jungfrau von Orleans« ...
Ecke Roßplatz, und Roßstraße, vor dem Hotel Hauffe, in dessen erstem Stockwerk der studiosus iuris et cameralium Heribert Hans Herwig Erbprinz von Nassau-Dillingen mit seinem militärischen Begleiter und seiner Dienerschaft die ganze Zimmerflucht an der Straßenfront inne hatte, harrten frühmorgens um sechse zwei Reitknechte in Livree mit drei prächtigen Gäulen. Sie plauderten mit dem galonierten Portier.
»Nanu?« meinte der Hotelgestrenge, »schon wieder? Ihr seid ja Frühuffsteher geworden uff eemal?«
»Was will mer mache?« meinte der ältere der herzoglich nassauischen Pferdepfleger. »Unser junger Herr hat widder mal e funkelnagelneies Veegelche g'fange ...«
»Ei herrjemerschnee!« machte der Portier. »Was das nur zu bedeiten hat? Das is doch ganz unnatierlich fier so 'n jungen Herrn — Morgen fier Morgen drei Stunden durch den Wald zu flitzen un sich den Schlaf um die Ohr'n zu schlagen ...«
»Ich glaub, ich weeß, was da derhinner steckt!« meinte der jüngere Bursche. »Ich hab' neilich so ebb's uffg'schnappt, wie se beim Reite g'sproche habe. Er und der Major!«
»Da wär' ich Ihn' aber doch wahrhaft'g neigierig!« kicherte der Portier und schob sich von seiner Treppe hinunter auf den Bürgersteig.
»Nu — e Weibsbild steckt da derhinner!« triumphierte der Reitknecht. »Ich hann's neilich ganz g'nau geheert: Lasse mer heemreite, hat der Major g'sagt — heit morge finne mer se doch nit — hat er g'sagt!«
»I nee so was!« staunte der Portier. »Un dann sind se wärklich alle zwee heemgeritten?«
»Ja — ganz wahrhaftig sinn se heemg'ridde!«
»Wer das bloß sinn mag?« meinte der Portier. »Gewiß ganz was Vornähmes — sonst tät der gnädige Herr doch gewiß nich so viel Umstände dann machen um so e Weibsbild!«
»Pscht — die Herre komme!«
Der Erbprinz federte mit dem natürlichen Schwung seiner einundzwanzig Jahre in den Sattel — der Major mit der wohlkonservierten, doch immerhin etwas gewollteren Elastizität seiner zweiundvierzig. Und im Schritt ging's die gutgepflasterten Straßen der erwachenden Großstadt hinab, am massiven Bau und klobigen Rundturm der Pleißenburg vorüber bis zu den Anlagen jenseits des Flüßchens, wo man antraben konnte.
»Wenn Sie ahnten, Durchlaucht, wie komisch Ihnen die Maske eines schmachtenden Toggenburg steht — Sie würden sich selber erheblich auslachen!« meinte Herr von Gorczynski.
»Gott, wenn mir's doch Vergnügen macht, lieber Major — lassen Sie mir schon den kindlichen Spaß!«
»Ich versteh' Sie nicht, Durchlaucht — Sie benehmen sich wie ein Sekundaner von einem Kleinstadtpennal und nicht wie ein Fürst ... So'n Theatermädel ... der schickt man doch einfach ein Rosenarrangement und seine Visitenkarte — und das Weitere findet sich!«
Ueber das blasierte Knabenantlitz des Erbprinzen flog ein flüchtiges Rot. »Wenn ich glaubte, bei der Buchner ginge das auch so, dann pfiff' ich auf das ganze Abenteuer. Die Nummer kenn' ich nun allmählich! Die Weiber, die sich kommandieren lassen, die hab' ich satt! Ich möchte einmal ein Erlebnis haben — ein richtiggehendes Erlebnis!«
»Na, auf Ihre Manier werden Sie's höchstens bis zu einem richtiggehenden Korbe bringen!« meinte der Major. »Ein Mann, der schmachtet, hat von vornherein alle Chancen verloren! Selbst wenn er der Erbprinz von Nassau-Dillingen wäre!«
»Ich will aber diesmal überhaupt nicht der Erbprinz von Nassau-Dillingen sein! Versteh'n Sie mich, Herr Major?! Es paßt mir nicht, immer nur auf das Prinzenkonto geliebt zu werden! Schließlich bin ich doch ganz simplement als junger Mann nicht zu verachten, wie? Sehen Sie — und das möcht' ich mal ausprobieren! Ich hab' mir's nun mal in den Kopf gesetzt! Und gestern hab' ich der Buchner ein Rosenarrangement geschickt mit einem Kärtchen, auf das ich nichts weiter geschrieben habe als: Herbert von Dillingen, studiosus iuris et cameralium!«
»Na, ich sag's ja, Durchlaucht! Sie sind auf dem besten Wege, einen [hahnebüchenen] Unsinn aufzustecken! Aber was ich Ihnen sage: Ich habe Ihnen viel durch die Finger gesehen — aus unerschütterlicher Liebe zu Ihnen —«
»Na ja, aus unerschütterlicher Liebe zu mir. Und weil Ihnen Ihr gesunder Menschenverstand sagt, daß Sie aller Voraussicht nach unter Bernhard dem Sechzehnten noch zehn Jahre, unter Heribert dem Vierzehnten aber, will's Gott, den ganzen Rest Ihrer Erdenlaufbahn abzuleisten haben werden!«
»Oh — aber Durchlaucht!« sagte der Major und legte mit pathetischer Bewegung seine Hand auf jene Stelle seines Busens, unter der man den Sitz seiner unerschütterlichen Liebe zu seinem jungen Herrn und Zögling annehmen mußte.
»Bitte, lieber Gorczynski — stürzen Sie sich nicht in Unkosten — ich denke, wir beide kennen uns!« lachte Erbprinz Heribert.
»Ernsthaft gesprochen, Durchlaucht!« sagte der Major etwas verärgert, indem er seinen Gaul in Schritt fallen ließ, »ich lasse Ihnen jede harmlose Affäre durchgehen — wenn sich aber etwas Ernsthaftes anspinnt, berichte ich a tempo nach Dillingen! Ihr erlauchter Herr Vater hat mich kategorisch dahin instruiert: keine Weibergeschichten! Und ich glaube diese Instruktion ganz im Sinne meines gnädigen Herrn aufzufassen, wenn ich —«
»Wie kann man sich nur so sinnlos aufregen, mein Teuerster! Also weil es mir Vergnügen macht, mal ein paar Vormittage im Leipziger Ratsholz spazieren zu reiten, und weil ich dabei gelegentlich die Hoffnung ausgesprochen habe, einen gewissen grauen Schleier noch einmal wehen zu sehen, wittern Sie bereits allerlei Tragödien!«
»Ich gestatte mir, Durchlaucht, mich auf meine Menschenkenntnis zu berufen. Es ist wider die Natur, wenn ein von seinem gnädigen Herrn Vater mit überaus auskömmlicher Apanage ausgestatteter und dank meiner überaus riskierten Nachsicht bereits einigermaßen erfahrener junger Prinz einer Theatermamsell wegen, die er ein einziges Mal von weitem gesehen hat, an drei nacheinanderfolgenden Tagen um fünf statt um neun Uhr aufsteht. Wenn ich das nach Dillingen berichte, gibt's eine Katastrophe! Hab' ich nicht recht?«
»Von weitem gesehen?« schmunzelte der Prinz. »Ich habe mir bereits eingehenderes Material verschafft!« Und er holte einen großen Umschlag aus seiner Rocktasche, reichte ihn von Schimmel zu Rappen zum Major hinüber. Dem fielen beim Oeffnen drei Bilder in die Hand: es waren Darstellungen eines jungen Mädchens; zunächst im Straßenkleide — Pelzjäckchen, Barett, Muff — und dann im Eisenharnisch mit bloßem Haupt, aufgelösten Haaren, ein Schwert und eine Fahne in Händen — und endlich im Samt, mit riesigen Puffenärmeln, das Gesicht von langen Ringellocken umwallt und von einem starren weißen Rundkragen eingesäumt ...
»Kreuzmillionen —!« entfuhr es dem Major. »Das ist —?!«
»Das ist — sie,« sagte der Erbprinz, und über seinem fahlen Lebemannsangesicht lag eine Sekundanerröte, die dem Major völlig fremd war an seinem Zögling. Er starrte den jungen Mann an, als sehe er ihn zum erstenmal.
Verdammt — also so stand die Sache?! Nun hieß es aber wahrhaftig aufpassen ...
Der Major reichte die Bilder zurück. »Na ja,« sagte er im Tone völliger Wurstigkeit, »die Buchner ... Gott, warum nicht? Wenn Sie sich auf die nun mal kaprizieren, Durchlaucht — von meiner Seite aus steht nichts im Wege! Nur fangen Sie's vernünftig an und halten Sie sich nicht zu lange bei der Vorrede auf! Also wir werden sie auf — na sagen wir auf morgen abend, heut nach der Premiere wird sie schwerlich abkömmlich sein — wir werden sie auf morgen abend zum Souper einladen — sie mag noch eine Kollegin mitbringen — und dann entwickelt sich alles weitere glatt und prompt historisch!«
Der Erbprinz antwortete nicht. Er gab dem Gaul die Schenkel, und zwar so heftig, daß das rassige Tier ganz erschrocken zusammenfuhr und dann in tollen Sätzen von dannen raste. Der Major flitzte hinterdrein und überlegte im Hinsausen, ob er das als eine Zustimmung zu seinem Vorschlage aufzufassen habe.
Auf jeden Fall — geschehen mußte es. Und wenn sein Schützling, ein wenig verspätet allerdings — na, wie nannte man das noch — hm, hm! sein — sagen wir also: Herz entdeckt hätte — dann möglichst schnell diese kleine Entgleisung auf den Normalweg zu dem üblichen, gefahr- und schmerzlosen Ausgang leiten ... So befahl es Pflicht und Instruktion ...
Und in Gedanken redigierte er folgendes Billett, das er heut abend bei der Premiere mit einer aufmunternd luxuriösen Blumenspende auf die Bühne lancieren wollte — heut abend? Nein — da würde die Aktion vermutlich ihren Effekt verfehlen — würde untergehen in einem Wust und Ueberschwall ... nein, morgen früh zum Frühstück — das wird das richtige sein! Also ungefähr folgendermaßen würde er schreiben:
»Mein sehr verehrtes etcaetera! Zwei aufrichtige und hingerissene (gerissen ist sehr gut!) Verehrer Ihrer Kunst würden es sich zur höchsten Ehre und Freude rechnen, Ihre nähere Bekanntschaft etcaetera etcaetera. Wir wagen deshalb die dreiste Bitte, daß es Ihnen, Verehrungswürdige, gefallen möge, morgen, Donnerstag abend, nach der ersten Wiederholung der »Jungfrau« mit uns im Hotel Hauffe zwanglos zu soupieren ... Sollten Sie unter Ihren liebenswürdigen Kolleginnen eine nähere Freundin haben, die es nicht verschmähen würde, eine Stunde in harmlos vergnügter Gesellschaft etcaetera, so würde uns das eine ganz besondere etcaetera ... In Voraussetzung Ihrer Zustimmung werden wir uns erlauben, nach Schluß der Vorstellung ein Coupé zur Verfügung der Damen am Bühneneingange etcaetera. Mit der Versicherung unserer vollkommensten Bewunderung Ihre aufrichtigen Verehrer
v. Dillingen. v. Gorczynski.«
Na ja — das übliche Schema — das nie versagende ... pöh ... eine Komödiantin ... wenn's weiter nichts ist ...
Und schließlich die Hauptsache: zwei blaue Lappen hinein — für jede einen — damit die guten Kinder auch gleich merken, daß man ernsthafte Absichten hat — nicht wahr?
3.
Am Mittwoch nachmittag um fünf war der allwöchentliche Seniorenkonvent: die Zusammenkunft der Korpsburschen sämtlicher Leipziger Korps. Sie fand auf der Kneipe des präsidierenden Korps statt: zurzeit war's Neo-Borussia, die ihr Heim in nächster Nähe der Franken aufgeschlagen hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verräucherten, verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberühmte Cafébaum eins war, in dem Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschütternden Fragen auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch Nachmittag die Köpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor — na was noch? — lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllöblicher S. C. wolle beschließen, daß die Klingen der Mensurspeere an der Spitze in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen würden, wie es bisher üblich war, sondern abgerundet ... Infolge des eckigen Schliffs waren nämlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so [hahnebüchene] Knochensplitter herausgekommen, daß die Paukärzte kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der Spitze halbkreisförmig geschliffen werden ... Das war natürlich ein Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemüter immer mehr und mehr, immer stärker wurde der Bierkonsum, immer massiver der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rückte der Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger beginnen sollte ... Theater — pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken, wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hält?
Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natürlich — er saß auf Kohlen und hätte sich mit Vergnügen bereit erklärt, sich am Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes Dutzend Knochensplitter aus dem Schädel hauen zu lassen, wenn er dadurch diese entsetzliche Debatte hätte abkürzen und den Anschluß an den Beginn der Vorstellung hätte erreichen können ...
Endlich wagte er ein Aeußerstes. Er ging leise zum Ersten hinüber, neigte sich und flüsterte ihm — der mit aller Nervenanspannung der hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des Meißner Zweiten, folgte — flüsterte ihm ins Ohr:
»Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, daß Durchlaucht mich auf heut abend in seine Loge eingeladen hat — da darf ich doch keinesfalls zu spät kommen ... würdest Du wohl gestatten, daß ich den S. C. verlasse?«
»Du bist verrückt!« knurrte Pilgram halblaut. »S. C. geht doch vor allem andern vor! Du siehst, ich muß ja auch aushalten!«
»Du —?! Ja, wie soll ich das verstehen, Pilgram? Gehst Du ... denn auch ... ins ...«
Der Erste errötete tief. Es war ihm herausgefahren, das Geheimnis, dessen er sich vor allen Korpsbrüdern schämte: daß der traditionelle Feind aller neun Musen sich ein Theaterbillett erstanden hatte — und noch dazu eine Studentenkarte zu einer Mark und zwanzig Pfennigen, um gänzlich unstandesgemäß — selbstverständlich im Bummel, also im tiefsten Inkognito — zwischen allerhand proletigen Kommilitonen, das Parterre, ganz hinten, zu bevölkern — sintemalen und alldieweilen es auch bei ihm am Monatsschluß nicht mehr zu dem für das Korps vorgeschriebenen Platz im ersten Rang hatte reichen wollen ...
»Allerdings — ich geh' auch!« zischte Pilgram. »Wir gehen nachher zusammen — aber im S. C. wird ausgehalten, und wenn uns die ganze Affenkomödie durch die Lappen gehen sollte!«
Vor solchem Pflichteifer verstummte Hans Thumser — völlig erschüttert ... Freilich, was galt diesem Banausen die Versäumnis eines, zweier, dreier Akte Schiller! Wie mochte der bloß auf die Idee gekommen sein, ins ... Hallo — sollte da am Ende ein ... trotz allem ... erwachtes Interesse für seine berühmte filia hospitalis?! Alle Wetter — das war am Ende doch wohl die einzige Erklärung!
Und während ein wohllöblicher S. C. sich weiterhin über krummen oder geraden Schliff der Klingenspitzen aufregte, griff Hans Thumser alle fünf Minuten heimlich nach seiner Taschenuhr ... halb sieben — — sieben Uhr jetzt — verflucht! War denn diese verdammte Zwiebel rasend geworden? Und nun — nun war es auf einmal halb acht — in diesem Augenblick hob sich da unten fern in der Südstadt, in der Sophienstraße, der Vorhang zum Prolog, und der biedere Thibaut d'Arc verlobte seine zwei ältesten Töchter ... Nun stand sie auf der Bühne — sie, die Madonna aus der oberen Kirche seines Herzens ... noch im schlichten Kleide der Bäuerin, doch schon überlagert vom tragischen Schatten ihrer göttlichen Sendung ...
»Meine Herren,« sagte der Vorsitzende, Herr Borgmann, Neo-Borussiae, die linke Stirnseite noch immer von mächtigem Wattebausch unter schwarzer Kompresse bedeckt, da, wo Hans Thumsers kecker Durchzieher ihm wider alle Vorsicht Schwarte, Knochenhaut und alle Aeste der Temporalis durchgesäbelt — »meine Herren, meiner Ueberzeugung nach würden wir uns vor sämtlichen Glocke schlagenden S. C. eines hohen Kösener unsterblich blamieren, wenn wir als einziger S. C. den allgemein üblichen scharfkantigen Schliff abschaffen wollten — und zwar aus einer Anwandlung von Humanitätsdusel heraus, der für mein Empfinden einen bedenklichen Beigeschmack von Kneiferei hat —«
»Ich bitt' ums Wort!«
»Ich auch! Ich auch!« so scholl's heftig aus der Korona.
»Silentium für Herrn von Schubart, Misniae!« sagte Borgmann gelassen.
»Ich muß mir aufs entschiedenste verbitten,« schrie Herr von Schubart, der Zweite der Meißner, in den Zigarrenbrodem hinein, »daß der Herr Erste Chargierte des präsidierenden Korps von einer Maßregel, die mein C. C. befürwortet, erklärt, sie habe einen Beigeschmack von Kneiferei! Ich verlange, daß der Herr Vorsitzende diese Aeußerung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknimmt — andernfalls behält sich mein C. C. weitere Schritte vor, sowohl gegen einen wohllöblichen C. C. des präsidierenden Korps als auch gegen Herrn Borgmann persönlich!«
Dreiviertel acht —! wimmerte Hans Thumsers sehnsüchtige Seele — und in seinem Herzen klang's:
»Nichts von Verträgen! nichts von Uebergabe!
Der Retter naht, es rüstet sich zum Kampf —
Vor Orleans soll das Glück des Feindes scheitern,
Sein Maß ist voll, er ist zur Ernte reif!«
Thuringia schloß sich den Erklärungen Misnias an; Guestphalia schwankte, während Franconia und Neo-Borussia gemeinschaftlich gegen den Antrag auf Abänderung des Klingenschliffs auftraten. Unter allgemeiner Erregung schritt der Vorsitzende endlich um zehn Minuten vor acht zur Abstimmung, und nun fiel Guestphalia definitiv zur Partei des runden Schliffs. Franconia und Neo-Borussia waren überstimmt: die holde Menschlichkeit oder, wie Herr Borgmann Neo-Borussiae es nannte, der Geist der Kneiferei hatte gesiegt ... Und mit dem Zigarrenrauch hingen unzählige P. P. Suiten und Säbelforderungen in der Luft ... Morgen früh zum Frühschoppen würden sie explodieren ...
»Nu aber raus!« zischte Pilgram seinem Korpsbruder zu. »Weh Dir, wenn Du den andern was davon sagst, daß ich ins Theater geh — offiziell büffle ich heut abend!«
Drunten wartete des Ersten Chargierten der Korpsdiener mit Hut und Regenschirm. Pilgram riß ihm beides aus der Hand, zog Mütze und Band ab und übergab sie dem Getreuen. Thumser, der vornehm in der Proszeniumsloge sitzen würde mit dem Erbprinzen, blieb natürlich in Couleur. Und in rasendem Tempo hasteten nun die beiden Studenten die kleine Fischergasse hinab.
Auf dem Alten Markt standen Droschken aufgefahren. Die Wanderer warfen einen wehmütigen Blick hinüber:
»Wenn's doch schon der Erste wäre!« knirschte Hans Thumser.
»Beine in die Hand!« knurrte Pilgram.
Als Hans Thumser sich auf Zehenspitzen in die Proszeniumsloge schob, hatte der erste Akt bereits begonnen. Der Erbprinz und der Major wandten kaum zu flüchtiger Begrüßung die Köpfe — schon waren sie im Bann. Und hinter den schwarzen Silhouetten der Vordermänner sah Hans nur mit einem flüchtigen Blick die von der Bühne her matt erleuchteten vordersten Reihen des Publikums im Parkett — lauter Gesichter, im Lauschen und Schauen erstarrt. Und schon schlugen auch über ihm die Wogen zusammen.
Ein hoher gotischer Saal am Hoflager König Karls von Frankreich. Düstere pfeilergetragene Holzdecke, die Wände eichengetäfelt, darüber Gobelins mit steifen Reihen buntgewandeter Ritter und Edeldamen. Und ganz tief hinten ein buntes Fenster, durch das sich ein paar verirrte Sonnenstrahlen stehlen. Und mit zweien Getreuen der unglückliche weichherzige König, dessen Knabenhand wohl seine Agnes Sorel zu kosen vermag, nicht aber die Zeit, die aus den Fugen gegangen, wieder einzurenken ... drei Ratsherren knien vor ihm, seine vielgetreuen Bürger von Orleans, und flehen um Hilfe, um Entsatz ihrer hartbedrängten Stadt ... Verzweiflungsvoll ringt der König die kraftlosen Arme:
»Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?
Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand?«
Doch sieh: ein Lichtstrahl zittert in das Dunkel der Szene: Die Geliebte kommt: Sie bringt opfermutig all den blinkenden kostbaren Tand, den ihr König in süßen Stunden ihr um den Nacken gewunden ... Ein schwarzlockiges, schmiegsames, kätzchenweiches Geschöpfchen ... Ihre Augen schimmern in koketten Tränen, ihre Hände, weich und rosig wie Frühlingswolken, umschmeicheln den Freund, noch in der Angst der Verzweiflung liebeheischend, sehnsuchtsweckend ...
»Agnes Sorel ... Asta Thöny«
sagt der Theaterzettel. Herrgott ... das ist sie ...
Und einen Moment ist Hans Thumser wieder Hans Thumser ... Er tastet nach seiner Brusttasche, wo ein etwas zu stark parfümiertes rosa Billetchen steckt: Die Worte, die es enthält, ach, die kann er auswendig, im Träumen, von vorn und von hinten:
»Nach zierlichen Schuhchen und dem, was drin steckt,
Liegt mancher Fuchs auf der Lauer —
Eintritt verboten! Hier wird nicht geschleckt!
Füchschen, die Trauben sind sauer!«
Also — das ist sie ... das ... Füßchen werden nicht vorgezeigt, nur zwei zierliche Goldspitzen lugen im Schreiten ab und an für einen winzigen Moment unterm schweren Brokat des gotisch starren Gewandes vor ... dafür aber läßt dies neidische Gewand einen Hals frei ... einen Hals ... o Gott, o Gott ...
Einen Augenblick ist Hans Thumser Hans Thumser — der sehnsüchtige Knabe an der Schwelle des Lebens ... nur einen Augenblick ... und schon wieder ist er ... niemand und alles ... nur Auge, nur weitgeöffnet schauendes Gottesauge — nur Seele, alliebende, alldurchdringende Weltseele ...
Höher schwillt die Flut des Entsetzens um den verlorenen Königsknaben und sein zitterndes Lieb ... Eine Hiobspost jagt die andere, das Maß des Ertragens ist voll, sein Land und seine Ehre gibt der Schwache preis, und empört fallen die letzten seiner Getreuen von ihm ab ... Verlassen steh'n die beiden Kinder ...
Da auf einmal ... kommt einer der Entwichenen zurück ... auf seinem zuckenden Gesicht, seinen stammelnden Lippen glüht ein Wort ... ein Wort, das längst ins Fabelland entschwunden schien ... das Wort: Sieg ...
Und sieh — da führen die edlen Herren aus des Königs Gefolge einen riesigen Krieger heran: einen Ritter im zerhauenen, blutbekrusteten Harnisch: ein blutiger Fetzen windet sich um seine kampfglühende Stirn, aus seinem blutunterlaufenen Auge lodert das gleiche Zauberwort: das unfaßbare: Sieg ... Sieg ...
Und atemlos, stockend oft und nun in wahnwitzigen Jubel ausbrechend, kündet er die phantastische Mär:
Das Wunder ist herabgestiegen vom Himmel ... Ein weißes Mädchen ist in die Mitte der umzingelten Franzosen getreten — hat dem Fahnenträger das Banner entrissen und an der Reisigen Spitze sich in den Feind gestürzt!
»Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen!«
Und daß fassungsloser Unglaube kniebeugender Glaube werde — — wird sie selber kommen! wird kommen — hierher, an diese Stelle, auf der wir stehen, harrend, bis ins Mark erschüttert und dennoch zweifelnd ...
Und horch! Schon kündet sich's an: Da draußen, in den fernen Gassen der Stadt, hören wir den Lärm eines jäh triumphierenden Empfangs ... Näher und näher kommt das festliche Getös ...
Und da — da fangen ja die Glocken von allen Türmen plötzlich an zu schwingen ... und heller tönt draußen das tolle Jauchzen der Begeisterung ... und nun stürzen sie alle, die in der dumpfen, ragenden Kammer weilen, in kindischer Hast ans Fenster da hinten und beugen sich hinaus, und sieh, sie sehen's schon, das Wunder, das Unmögliche — sie schreien und winken und schreien —
Und horch, nun stürmt's da draußen die Stufen hinauf, nun stürzt, nun strömt es herein. Ratsherren und Rittersleute und Bürger und Weiber und Soldknappen und Kindervolk und ... eben Menschen, schreiende, tobende, vor Erlösungstaumel sinnlose Menschen ... Vor dem König, der mit der Geliebten, zitternd, schwindelnd, da vorn geblieben, werfen sie sich auf die Knie, in den Staub, heulen und jauchzen: Sieg! Sieg! Sieg!
Und nun — nun öffnet sich auf einmal, wie die Flut des Roten Meeres vor dem Durchzug der Kinder Israel, so klaffend öffnet sich durch die Menschenflut eine Gasse ... und durch die Gasse ... schwebenden Schrittes ... kommt ... sie ...
Kommt ein weißes Mädchen, nein, kein Mädchen, kein Mensch ... ein Gedanke, ein Gottgedanke, der Gedanke der Erlösung, der Gerechtigkeit, der Freiheit, des Vaterlandes ...