Copyright (C) 1998 by Frank Dekker
Rückblicke
Dr. rer. pol. Walter Grünfeld
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Frühes Panorama und Vorgeschichte
Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz
Kapitel 3 Kindheit und frühe Jugend
Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen
Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik
A) Berlin
a) Leben und Studium
b) … und politische Betätigung
B) München
C) Zwischen Breslau und zu Hause
Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar
Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen
Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus
Kapitel 9 Kriegsflüchtling
Anmerkungen
Literatur
Kapitel 1
Frühes Panorama und Vorgeschichte
Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster Panewnik durch einen damals reichen, grünen Laubwald zurückwanderte und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhöhe, ein gutes Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und einigen noch weiter westlich und östlich gelegenen Industriegemeinden, aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren. Und dort lebten wir also. Mußte man also jetzt dorthin zurücklaufen? Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, daß ich das als Kind gefragt habe. Für mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen und Zinkhütten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der und mit der man lebte. Ja, es gab dort oft so einen Geruch und Geschmack nach Rauch, er war würzig, man kannte ihn. Aber die Natur reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld, teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rüben, teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.
Dann weiter im Süden begann der Wald, das waren die Ausläufer der großen Wälder des Fürstentums Pleß, die etwa dreißig Kilometer bis Pleß sich ausstreckten. Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen. Da war nicht nur eine Gartenwirtschaft, sondern auch eine große Kohlengrube, die eigentlich in einer sehr großen Lichtung im Wald lag. Weiter südlich lag dann in den Plesser Wäldern der Paprozaner See. Dort gab es nicht nur das Jagdschlößchen Promnitz. Da war auch einmal ein "Eisenhammer". Man konnte die Überreste noch sehen. Es wurde viel Holz und Holzkohle dafür gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhüttung zu den Kohlenflözen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das oberschlesische Industrierevier. Es entstand aus alten Dorfgemeinden die Kette von Industrieortschaften. Vor allem an den Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander über. Dazwischen waren größere und alte Städte wie Beuthen und die viel jüngere, erst im 19. Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz. Die Orte hatten eine oder mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten Eisenhütten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und hütten.
Das war ein früher Eindruck meiner Kindheit. Wir lebten in Kattowitz, ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft. Das waren etwa eineinhalbstündige Wagenreisen, später nach 1918 nur noch halbstündige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers, etwa fünfzehn Kilometer. Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders russig und rauchig.
Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien zeigen kaum Spuren von den großen Konflikten späterer Jahre und wie man von Heute darauf zurückblickt. Ich war 1908 in Kattowitz geboren. Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkämpfe der Weimarer Republik und des unabhängigen Polens und dann die Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.
Über den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden. Die Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch sprechenden Oberschlesiern durchscheinen ließ, und durchsetzt war mit manchen heimischen polnischen Kraftausdrücken. Es war eine recht hart klingende, aber eine gemütliche Sprache. Bei uns zu Hause, in der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die Kraftausdrücke und der Akzent waren verpönt, aber das oberschlesische Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit. Auch das Polnisch hörte man. In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen, aber polnisch hörte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern und Bäuerinnen der Umgebung, die man bei den täglichen Spaziergängen
traf, oder wenn man auf den Markt mitging.
Aber mir fehlte als Kind das Gefühl für eine starke Spannung zwischen deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, daß diese Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war. Es ist richtig, Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und Zeitungen, Wahlkämpfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.
Wenn man über die Jahrhunderte zurückblickt, dann war Schlesien, und besonders Oberschlesien so stark und häufig ein Gebiet der Übergänge, mit wechselnden Siedlungseinflüssen und politischen Oberhoheiten. Die Bevölkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die Zeichen davon. Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in Oberschlesien gesprochen wurde. Es hatte ja lange getrennt vom polnischen Hauptland und zeitweise unter böhmischen (tschechischen) und deutschen Einflüssen gelebt, die zu dieser Dialektbildung beigetragen hatten. Die Südostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag, war so ganz besonders ein Grenzland. Wenn man an klaren Tagen nach Süden sah, oder gar südlich auf dem Wege nach Pleß fuhr, dann sah man die Gebirgskette der Beskiden, des nördlichen Teils der Karpaten, das war in Österreich. Es war das östereichische Schlesien, das der preußische König Friedrich der Große am Ende seiner Schlesischen Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen mußte. Wenn man auf einem größeren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt, wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen deutsch mit einem österreichischen Akzent. Sie waren in österreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es preussische. Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze. Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo das deutsche, österreichische und russische Kaiserreich zusammenstießen. Für uns als Kinder war diese Idee natürlich faszinierend. Aber die russische Grenze lief noch näher bei Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natürlich die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des russichen Zaren stand.
Mein Großvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz. In Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere sächsische Textilindustrielle niedergelassen. Mein Großvater und Vater hatten die Bauten ausgeführt, und waren mit der Familie Dietel befreundet. Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen. Ihr Wagen mir Pferden wurde bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz zum Einkaufen kam. Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus Rußland kam. Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und Fremde aus der Welt meiner Kindheit und früheren Jugend. Es waren Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien", so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der preußischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer Jugend erschien. Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu werfen. Bereits für die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen Historikern.
Schriftliche Überlieferung beginnt spät, aber archäologische Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der Frühgeschichte des östlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit vor der Völkerwanderung. Vor den Kelten und nachwandernden Germanen weiß man heute über die vorherige Bevölkerung und ihre Kulturen, sieht früheste Einflüsse über das Donaugebiet von Süden(1), mit eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien. Nach polnischen Auffassungen (2) waren Träger dieser frühen Kulturen bereits indogermanische, nämlich slawische Stämme, so die bekannte Lausitzer Kultur, und die später erscheinenden Kelten und Germanen nur durchwandernde Völker, die vorübergehende Herrschaft über bestehende Urbevölkerung ausübten, ähnlich wie man es von Awaren oder Hunnen weiß. Andere bleiben bei früherer Auffassung, daß slawische Stämme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerückt sind.
Als frühe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr ein Großmährisches Reich, bald überholt vom Böhmischen Reich der Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen Bistümern her zum römischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in die abendländische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht, von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.
Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter dem Piasten Mieszko I. entwickelt. Unter dem Einfluß sowohl von Böhmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, überragte es bald das ältere Böhmen und eroberte Schlesien, das für Jahrhunderte nun Gebiet wechselnder Einflüsse und oft erneuerten Streits zwischen Böhmen und Polen bleibt.
Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtümer. Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und im südlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit wechselte und fiel schließlich durch Vertrag 1335 an die böhmische Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.
Die Mongoleneinfälle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum Benefit für ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und deutschen Kräften aufgehalten worden, aber große Verwüstungen blieben. Vielleicht waren diese Anlaß für verstärkte Siedlung von Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Klöstern, bestehend aus bäuerlicher und städtischer Siedlung, beide unter aus deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch über Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde. Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert, hinterließ unterschiedliche Spuren in der Bevölkerung, das Bild verändert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende Umgebung. Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwägerung schlesischer Piastenherzöge mit deutschen Fürstenfamilien könnten mit ein Antrieb gewesen sein für die Entscheidung schlesischer Piasten für böhmische statt polnischer Oberhoheit. Man muß aber wohl vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer Entscheidungen. Schlesien blieb nun bei der böhmischen Krone für 400 Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen, ungarischen und dann polnischjagiellonischen Interregnen zwischen Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles 1526 ererbten.
Die Reformation drang früh in Schlesien ein. Die Struktur der Herrschaft hatte sich geändert. Die schlesischen Piastenherzogtümer fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an auswärtige Fürsten, darunter auch Hohen zollern, oder wurden durch Prag an Neuankömmlinge vergeben. Die schlesischen "Stände" wurden somit eine immer komplexere Versammlung.
Die adligen Stände Böhmens und Mährens hatten während der Wirren um die böhmische Krone sehr an Macht gewonnen. Das trug dazu bei, daß die Reformation in Böhmen und Mähren besonders große Fortschritte machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einflüssen aus verschiedenen Richtungen. In Polen machte die Reformation zunächst auch Eindruck und findet Anhänger auch unter polnischen Adligen und Gemeinden in Oberschlesien. Es war nicht so, daß mit dem Übergang der Hoheit an Böhmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehört hätte. Es bestand weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen Dekanate mit dem Bistum Krakau. Auch zum Universitätstudium gehen Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehörigen Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).
Die Erwähnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort später die ersten Spuren unserer Familie Grünfeld in Oberschlesien finden. Die Gegenreformation, mit äußerster Strenge von den Habsburger Kaisern in Schlesien durchgeführt, reduzierte hier den Protestantismus bald, aber in Böhmen blieben die Beziehungen der Stände mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, daß von dort der dreißigjährige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte. Wallensteins und Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der Rückschlag im Wohlstand Schlesiens überwunden war.
Eine notwendige Anmerkung
Nach dem Rückblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien, der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine Familie dann im frühen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu erinnern, daß dies eine jüdische Familie war, und das Schicksal der Juden in Oberschlesien, wie in Europa überhaupt, noch eine besondere Betrachtung erfordert. Einer mündlichen Tradition nach soll unsere Familie aus Mähren nach Oberschlesien gekommen sein und ursprünglich aus Iglau stammen. Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen jüdischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein könnte, von der wir gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in Mähren. Früheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte Kaufleute" in Mähren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer Ansiedlung wird erst für das 12. Jahrhundert angenommen (5).
Man bemerkt sie als städtische Siedlung, wie in den deutschen Städten Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz für Juden als Minderheit. In Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam für deutsche, flämische und jüdische Kaufleute geregelt, und in Mähren zuerst im Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine der größten jüdischen Gemeinden Mährens hatte, aber 1426 wurden die Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstützt hätten. Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbstständigen Städten, wegen des mehr gebräuchlichen Vorwurfs des Wuchers. Gewiß hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Städter mit religiösem Eifer neuer Herrscher gepaart. Die mährischen Juden fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertänigen Städten, konnten dort und auch den angrenzenden Dörfern, die oft demselben Adligen gehörten, Handel treiben (6).
Sie konnten auch an den regelmässigen Märkten in den grösseren Städten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von Besuchergebühren. Die schon erwähnte unabhängige Eigenwilligkeit des Adels in Mähren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von Protestanten, sondern auch im zähen Widerstand gegen Beschränkung ihrer Möglichkeiten, von wirtschaftlicher Tätigkeit von Juden Gebrauch zu machen. Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden Pächter oder Verleger für neue gewerbliche Betriebe adliger Güter, wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7). Der Refugiumcharakter Mährens dehnte sich auch auf die Mähren benachbarten Gebiete der einstigen oberschlesischen Herzogtümer Ratibor und Oppeln aus (8). Mähren wurde auch Refugium für andere Juden, so bei Judenvertreibungen aus Wien, während der Wirren des dreissigjährigen Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im östlichen Polen (Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der wirtschaftlichen Gegnerschaft der Städte gegen die Juden gepaarte antijüdische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in den beiden Städten Glogau und Zülz gab, aber sich im südlichen Oberschlesien eine kleine jüdische Bevölkerung auf dem Land erhalten konnte. Wirtschaftliche Bedürfnisse aber sprachen für Aufrechterhaltung jüdischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den städtischen Märkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr Vater, die Beschränkungen gegen jüdische Residenz auch in Böhmen und Mähren wieder zu verstärken, und 1744 verfügte sie die Ausweisung aller Juden aus ihrem "Erbkönigreich Böheimb" wegen vermeintlicher preußenfreundlicher Haltung der Juden während des Schlesischen Kriegs (10). Das betraf auch Mähren. Die Fristen wurden örtlich verschieden verlängert. Es scheint also, daß Zuwanderung von mährischen Juden in das nahe, unterdeß zu Preussen gehörige südliche Oberschlesien gerade für diese Zeit gut erklärlich ist.
Kapitel 2
Die Familie in Kattowitz
Diese führt uns zu den Anfängen jüdischer Emanzipation, etwas vom Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Städte wie Sohrau, dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der Entstehung der Stadt Kattowitz. Die deutschpolnische Problematik stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preußen gefallenen Provinzen Posen und Westpreußen, aber spielt auch eine Rolle im stark polnischsprechenden Oberschlesien. Wir denken an kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz, in der ich dann 1908 geboren wurde.
Meinen Urgroßvater Hirschel Grünfeld findet man in der Liste der durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preußischen Staatsbürgern werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau. Nach dem Tod seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (später Louise) Huldschinsky (4). Diese neue Familie Grünfeld hat dann drei Söhne und fünf Töchter bis Hirschel Grünfeld 1840 in Sohrau stirbt.
Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen, höchstens von der Umgebung, in der er gelebt hat. Das Dorf Woschczytz, schon von mir erwähnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer Wasser und Sägemühle und einem Frischfeuer, 57 Häusern und 352 Einwohnern (5). Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in Oberschlesien wird es für 1693 erwähnt (6), aber bereits für 1678 erscheint ein jüdischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7). Die Nähe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch jüdische Kaufleute nach dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung für sie in Sohrau begrenzt war. Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll und später Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern. Hirschel Grünfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben. Über Umfang und Erfolg seines Geschäfts haben sich in der Familie keine Informationen erhalten. Er starb mit etwa 60 Jahren, seine Frau war wesentlich jünger, das jüngste der acht Kinder wurde erst im selben Jahr geboren. Eine Schwester der Frau hatte den Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet. Mein Vater hat oft betont, daß die Familien eng zusammenlebten, auch daß die Familie Loebinger ebenso wie die Grünfelds von Mähren nach Oberschlesien gekommen waren.
Die beiden älteren Söhne Hirschel Grünfelds verließen Sohrau bald nach seinem Tode, also noch sehr jung, nämlich Abraham, geboren 1823 und Isaak, später Ignatz genannt, geboren 1826, mein Großvater. Er wird später ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf und Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederläßt. Einen Abraham Grünfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer bezeichnet, manchmal als Kaufmann. Auch meine Urgroßmutter hat noch bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch für meinen Vater eine Art Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute nachträglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt eine sehr ausführliche Stadtgeschichte (9). Meine Heimatstadt Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem bürgerlichem und Zunftleben, überwiegend katholisch geblieben. Ich fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgroßeltern das Leben sich da veränderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was man über die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen kann. Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange verbunden. Schon für 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt erwähnt (10). Die Städte ließen Juden zu ihren Märkten zu, auch wenn sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften. Erst für das 18. Jahrhundert hören wir dann von jüdischen Einwohnern. 1791 leben aber an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstädten". 1856 waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken Zuzug jüdischer Familien vor allem aus den Dörfern der Kreise Rybnik und Pless erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab jüdische Lehrer. Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.
Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur einzelne jüdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch zunächst in Sohrau. Die öffentlichen beaufsichtigten Schulen, die eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jüdischen Gemeinde oblag nach Emanzipation, für die vorschriftsmäßige Schulung ihrer Kinder zu sorgen. Für kleinere Gemeinden war es finanziell nicht einfach, den neuen behördlichen Verpflichtungen für die Erziehung ihrer Kinder nachzukommen. Ein System, junge jüdische Leute als Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen. Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genügen, wurden aber an dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die jüdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, für die von ihr angestellten Lehrer behördliche Genehmigung zu bekommen.
Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen. So gab es einen häufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muß eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen, mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition verhaftet.
In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B. Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation des städtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild. Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.
Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner Zeugnisse erhalten. Nur mündlicher Überlieferung nach war er zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in Gleiwitz (Wachter und Lubowski). Als Meisterbau wird im Zeugnis vom 16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.
Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des Lehrers A. Grünfeld in Sohrau. Mit einigem Stolz wurde noch uns Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche gearbeitet hatte. Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre. Aber das Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf (13). Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in Betrieb. Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg und Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind. Nachdem die aus England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam, sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818) Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von Kattowitz und wurde 1840 geadelt. Für die Kontinuität der Verwaltung und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt, die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.
Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die 1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt. Nach der Königshütte war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum stützen. Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs, und übernahm später das Restaurant. Es wurde als "Grünfeld's Garten" für viele Jahrzehnte sehr bekannt.
Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen Schulverhältnissen zu machen. Dabei stößt man gleich auf die Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch sprechender Bevölkerung. Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden, aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die schon für 1804 erwähnt wird (17).
Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung, in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im 19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs und Zielwechseln. Unter dem Einfluß der SteinHardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant gewesen (18). Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens, vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen gewesen war. Der polnische Aufstand in RussischPolen 1830/31 führte zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen nicht (19). Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).
Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser deutschen Einigung. In Preußen verstärkten sich danach die antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert, sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein. So verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische Nationalitäten und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in Erinnerung geblieben ist. Es war überdies auch die Zeit des "Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist (21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen Bevölkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische Einigung davon abzuhängen scheint.
Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig war. Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten, wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19. Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige Station der neuen Eisenbahn BreslauMyslowitz als ein Umschlagplatz für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften. Schließlich war Kattowitz so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen. Unter der Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h. Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können. Ursprünglich kamen auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856 änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen. Für ein Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung etc. Für die eingesessenen Bauern hätte es schon eine naheliegende Idee sein können, daß der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen der großen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt halten sollte. War nun bäuerlicher Widerstand dagegen und gegen Erwerb der Stadtrechte eine ganz übliche Situation und aus dem Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verständlich, oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensätze in Oberschlesien?
Vom heutigen Blickpunkt des späten 20. Jahrhunderts könnte man auch sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frühe Umweltschützer, die ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrängt sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in späteren Rückblicken, von beiden Seiten als der Hauptgrund angeführt. Schon Dr. Holtze berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, daß die polnischen Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden" mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der Widerstand des polnischbäuerlichen Elements gegen den von deutscher und jüdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).
Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankömmlinge, denen allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre im Amt gewesen war, für polnische Sprache und Schule gekämpft und eine große polnische Bibliothek für sich gesammelt habe (24). Also wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur bäuerlichen, sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten Städte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.
Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprünglichen Dorfbewohner. Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwähnt sind, wird als erster jüdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fröhlich erwähnt (25), der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Fröhlich finden wir prominent in den Berichten über den Streit zwischen Bauern und Zuzüglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als mein Großvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105 jüdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11. 9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch die Industrialisierung und als Folge der jüdischen Emanzipation zogen die sich stärker entwickelnden Industriestädte viele Juden aus kleineren oberschlesischen Städten und Dörfern an. Kattowitz, die sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne größeren eingesessenen Bürgerstand bot ihnen besonders guten Raum für Tatkraft und Profilierung.
Der Geist der Emanzipation, wie überall in Europa, mit der Anziehung an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie mehr zu integrieren, führte im damaligen Oberschlesien zu jüdischer Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element. Das war ja vielerorts so im östlichen Mitteleuropa; für Kattowitz ist mir aufgefallen, daß dieses Zusammenleben damit auch angefangen hatte, daß sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die Stadtwerdung geführt hatten.
Ein Argument für das preußische Dreiklassenwahlrecht für Stadtparlamente war, daß die beruflich und wirtschaftlich Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen werden sollten. In vielen Teilen Preußens führte dies zu einem verhältnismäßig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie müssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben, denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Das war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevölkerung und in städtischen Organen noch höher als in anderen oberschlesischen Städten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der unter den ersten 18 gewählten Stadtverordneten sieben Juden waren (28), darunter auch Ignatz Grünfeld, der bis zu seinem Tod 1894 Stadtverordneter blieb.
Der Bruder meiner Großmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der Stadtverwaltung. Nach einer frühen meteorischen Karriere, er fing an mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel für die Hüttenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus, gründete das erste Bankgeschäft in Kattowitz und beteiligte sich mit zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der Gründung der Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Hajduck (28), in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb. Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem Wegzug nach Breslau zum Stadtältesten ernannt. Das von meinem Großvater Ignatz Grünfeld gegründete Baugeschäft war auch sehr erfolgreich. Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er Jahre fortgeführt (29).
In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz des Oberschlesischen Berg und Hüttenmännischen Vereins, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion für den oberschlesischen Industriebezirk bestimmt. Dem gingen längere Verhandlungen mit der Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums für die neuen Beamten garantieren mußte. Hierbei soll mein Großvater noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.
Von den sechs Söhnen des Ignatz Grünfeld wählten zwei auch das Baufach. Der zweitälteste, Max, studierte Architektur und blieb im Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach Kattowitz zurück. Der drittälteste, mein Vater Hugo Grünfeld, besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister noch sehr jung in das Baugeschäft seines Vaters ein. Nach dem Tod meines Großvaters 1894 führten diese beiden Brüder sein Baugeschäft weiter und wurden auch in Ämter in der Stadtverwaltung gewählt. Max war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater wurde Stadtverordneter (30).
Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu Zeiten meines Großvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen. Die liberalen bürgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand, mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen Vorkämpfer der 1848er Ideale. Rechts von den Nationalliberalen gab es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale Nationalisten. Die führenden Leute der oberschlesischen Schwerindustrie gehörten zum mehr rechtsgerichteten Lager der Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die große gut etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum überein. Das freisinnige Bürgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere sehr bekannte in Berlin).
Bei den beiden Brüdern Grünfeld war das politische Engagement zu
Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen. Sie
unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den
Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen. Als
Redakteur war Balder Olden, Bruder des später bekannter gewordenen
Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden. Die
Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mußte mit 300.000 Mark
Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzählt hat.
Das großväterliche Baugeschäft hatte sich aber weiter gut entwickelt. Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine große Ziegelei, die 1895 im Gebiet des früheren "Vorwerks" von Kattowitz, Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut wurde, auch für Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen kann. Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt eröffnet.
Mein Onkel Max Grünfeld aber zog dann schon früh nach Berlin und eröffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von Wohnhäusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber eins auch Unter den Linden. Er praktizierte auch als Architekt, wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das bekannte Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf. Er heiratete erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschäft zurückgezogen und starb 1932 in Berlin.
Von den vier anderen Brüdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der älteste, Hermann, als praktischer Arzt in BerlinKreuzberg (31), und Ernst (32) orthopädischer Chirurg in Beuthen. Die anderen zwei studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jüngste, Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld in Beuthen ein, beteiligte sich später an einer chemischen Fabrik in Nürnberg, aus der sich die Gesellschaft für Elektrometallurgie (GfE), führend in der Ferrolegierungsindustrie, entwickelte. Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts große Bedeutung und Möglichkeiten errang.
Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha
den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon
Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frühen Tod 1908 kurze
Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat
Max Hirschel in Gleiwitz. Die jüngste Tochter, Ida, heiratete Felix
Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grünfeld,
Chef der Firma Rawack & Grünfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.
Die Familien Grünfeld und Sachs waren aber noch viel größer. Jakob Grünfeld in Zalenze hatte acht Töchter und zwei Söhne, Elias Sachs vier Söhne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham und weitere Schwestern Sachs meiner Großmutter.
Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger
Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren meine Mutter, die 18 Jahre jüngere Margarete Oettinger aus Breslau heiratete. Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgroßvater Josef Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen (33). Einer seiner Söhne, mein Urgroßvater Albert, wurde Arzt, promovierte an der Universität Berlin 1835 (34), und ließ sich in Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35). Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr. Riesenfeld in Breslau heiratete.
Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Urgroßvater starb dort 1860. Bei seinem ältesten Sohn Richard war ungewöhnlich, daß er als Junge bei einem der polnischen Aufstände mitgemacht haben soll. Dann heiratete er eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im Flachsgroßhandel sehr erfolgreich, so daß er zeitweilig als der reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn, Richard, wuchs als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen. Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Großvater Max Oettinger, gründeten zusammen ein Flachsgroßhandelsgeschäft und brachten es zu Wohlstand, Siegmund später in Berlin.
Mein Großvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein angesehener Mitbürger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten Kaufmannsvereinigung des "Zwinger". Er heiratete Minna Weinstein aus Insterburg in Ostpreußen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war (36).
Meine Mutter war das jüngste der drei Kinder. Die ältere Schwester
Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Königsberg, Arzt und
auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt,
Bakteriologe, außerordentlicher Professor an der Universität Breslau
(38). Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner
Mutter wurden protestantisch. Eine der engsten Freundinnen meiner
Mutter in ihrer späten Jungmädchenzeit in Breslau war Stella
Whiteside, später verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei
englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen
Unterricht gaben. Sie hat mir viel später, als ich sie nach dem 2.
Weltkrieg in London wiedersah, erzählt, daß sie dabei war, als meine
Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).
Kapitel 3
Kindheit und frühe Jugend
Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und "background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen Kindheits und Jugenderinnerungen zurück, mit denen wir begonnen hatten. Wir wohnten in einer großen Villa, von der Friedrichstraße, Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen, abgeschirmt. Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die Friedrichstraße hinaus ein großer Balkon, von dem man die Straße gut sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte. Da zogen vorbei die jährliche große Fronleichnamsprozession und andere festliche Umzüge, viele lange Beerdigungszüge, oft mit ein oder mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schön uniformierten Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen und auch Schlimmeres. Gegenüber unserem Vorgarten, an der anderen Ecke der Schulstraße lag die evangelische Kirche, auch mit großem Vorgarten, aber doch so, daß das Kommen und Gehen auch zu unserer kindlichen Umwelt gehörte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen uns gegenüber an der Schulstraße.
Westlich angrenzend, an der Friedrichstraße, war in meiner frühen Kindheit das Haus der Großeltern Grünfeld, 1870 gebaut, in dem bis 1913 die Großmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des Vaters und deren Kindern. Nördlich von beiden Häusern zog sich ein großer Garten bis zum Rawafluß hin, mit einer Spielwiese an der Rawa, einem Tennisplatz, viel Obstbäume und Gemüsegarten, Holunder, Jasmin und dann waren da auch Ställe für die Pferde und Haustiere. Wir Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen Kindern, die beinahe täglich zum Spielen kamen. Auch sonst war immer viel Besuch. Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe, und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.
Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung, sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein besonders schönes Haus. Im Erdgeschoß zog sich eine große Diele beinahe durch die ganze Länge des Hauses, links waren ein Eßzimmer, mit angrenzender Anrichte, Küche etc., rechts drei weitere Wohnräume, Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer. Im 1.Stock waren die Schlaf- und Kinderzimmer und zwei Gästezimmer.
Da das Haus so groß war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn dauernd Einquartierung. Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch für uns Kinder dabei wieder.
Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den großen Garten begrenzt. Spazierengehen spielte eine große Rolle. 1910 wurde meine Schwester Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten wir für lange Zeit immer ein Kinderfräulein. Bei der Ziegelei der väterlichen Firma draußen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet, hauptsächlich Gemüsegarten, auch mit Obst und Beeren. Morgens wurde wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen wieder nach Haus.
Das waren diese Spaziergänge durch die Felder zwischen Kattowitz und dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Bäuerinnen bekannt wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch. Wir machten aber auch Spaziergänge in den "Südpark" von Kattowitz oder in die Stadt. Zu frühesten Erinnerungen gehört ein Besuch bei uns von Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig älter als ich. Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet wurde. Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von Ferien in Rauschen in Ostpreußen im Sommer 1912, so auch wie wir in Königsberg bei den Verwandten Gerber im Garten saßen und der Onkel Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten. Das sind solche blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher Vergangenheit.
Zu den Erinnerungen aus frühester Kindheit gehören auch die regelmäßigen Besuche bei den Großeltern Oettinger in Breslau. Damals fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht. Die Großmutter holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die Wohnung der Großeltern.
Die Großmutter war immer ganz außer sich, wenn wir ankamen, und überfiel uns mit vielen Küssen. Sie war eine sehr lebhafte und, ich glaube, recht kapriziöse Frau, hielt immer viel auf elegantes Aussehen und elegante Kleidung. Mutters sowohl wie unsere Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es folgten große Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch größere und elegantere Geschäfte als in Kattowitz gab. Meine Mutter war weit weniger modebewußt als die Großmutter, ja ihr lag eigentlich viel eher eine betonte Einfachheit, so mußten diese Einkaufsexpeditionen ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Großmutter war sehr lebhaft und energisch. An den Großvater erinnere ich mich als sehr ruhig, ausgewogen und verständnisvoll, er konnte auch manchmal sehr böse werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim kleinsten Anlaß geworden wäre. Er bleibt mir von frühester Kindheit an in sehr lieber Erinnerung.
In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse. Zunächst in der Familie: Im Herbst 1913 starb die Großmutter Grünfeld. Der Großvater war schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den großen Portraits gekannt, die in Wohnung und Büro des Vaters hingen. Auch die Großmutter Grünfeld habe ich nur wenig gekannt. Wenn wir sie besuchen durften, saß sie fast immer in einem Sessel. Ich weiß, daß ich sie gerne besuchte und daß es mich beeindruckte, aber meine Erinnerungen bleiben vage. Meine Tante Grete Grünfeld, Tochter des Bruders der Großmutter des Elias Sachs, und später nicht nur ihre Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den jüngsten Bruder des Vaters, Dr. Paul Grünfeld heiratete, beschreibt die Großmutter Grünfeld als "eine schöne, naturhaftkraftvolle und dominierende Persönlichkeit" und dann noch: " Die große Verwandtschaft. .. vereinigte sich im schönen Grünfeldschen Heim in Kattowitz beim allwöchentlichen Freitagabendessen um die dominierende Schwiegermutter. Diese naturhafte Frau strömt in meiner Erinnerung immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltäglichen Spaziergängen mitbrachte. Zu ihrer außerordentlich kraftvollen Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"…mitgegeben. Schönes Haus, prächtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten sie nicht ab, alljährlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten. Niemand konnte ihrer imponierenden Persönlichkeit etwas versagen oder sie beeinflussen".
Das Haus der Großeltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja gemeinsam, und da war ein großes Maiglöckchen Beet, das sie besonders liebte, und ich erinnere mich auch, daß sie in den Garten kam. Die verwitweten Töchter, die mit ihr im großelterlichen Haus lebten, waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904 in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein, seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort starb. Von ihren zwei schon erwachsenen Töchtern wollte die jüngere Ellen Pianistin werden, die ältere Margot war im PestalozziFroebel Haus in Berlin als Kindergärtnerin ausgebildet und hielt einen großen Kindergarten im Hause ab. Frühe Versuche, mich dort hinein zu bringen, scheiterten. Es tut mir noch jetzt leid. War ich so scheu oder so schwierig? Ich bin doch dann ein sehr geselliger und jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.
Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Großmutter einlud. Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am Anfang durften wir es uns ansehen. Es war ein Kostümfest mit vielen Lampions und Musik. Gretel Hirschel führte uns hin, nachdem wir vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostüm anzog. Sie war einige Jahre älter als ich, ich war noch nicht fünf Jahre. Bei dem Fest war viel Jugend. Die beiden Epstein Töchter und die Geschwister Hirschel und ihre Freunde machten überhaupt den Garten belebter, und es wurde auch viel Tennis gespielt.
Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Großmutter Grünfeld. Es wurde uns zunächst nichts gesagt. Aber an einem Nachmittag sollten wir ins Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Eßzimmer in eine Art Loggia im Großelternhaus. Es waren furchtbar viel Menschen dort, viel Famìlie, und Tante Lucie Hirschel begrüßte uns, ich fragte nach der Großmutter, und sie machte eine Handbewegung zur Decke hinauf. Jetzt verstand ich, Großmutter war nun im Himmel.
Das wußte ich also schon vom Tode. Man hatte tote Tiere gesehen, es gab so oft Beerdigungszüge, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem Kinderfräulein auch manchmal da durch. Am katholischen brannten zu Allerheiligen und Allerseelen auf allen Gräbern kleine Kerzen, ein starker Eindruck schon der frühesten Jugend. Der jüdische Friedhof lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wußte.
Religion wurde im Elternhaus nicht sehr groß geschrieben. Wir lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfräulein, auch die Mutter hielten darauf, daß wir es nicht vergaßen, es wurde Weihnachten mit großem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert für uns Kinder und natürlich das Hauspersonal mit Familien, und noch Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen. Aber ich habe eigentlich keine Erinnerung, daß der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle spielte. Daß wir jüdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehört zu haben, daß es so etwas gab oder was es bedeutet. Es war ein Tag des Großreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch. Es war Spätnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie ich es vorher von den Hausmädchen gesehen hatte.
Ich war wohl grade sechs Jahre. Da kam das Kinderfräulein ganz aufgeregt, ich muß sofort aufhören, was sollen denn die Leute draußen denken, der jüdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du, dort auf der Straße geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die Synagoge. Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem Gehrock. Am nächsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah den Zylinder unten in der Diele liegen. Ich weiß nicht, was und wieviel mir die Eltern damals erklärten. Es war mir in späterer Zeit klar, daß es der Versöhnungstag war und der Vater am Vorabend zum KolNidre Gottesdienst gegangen war. Etwas mehr von der Bedeutung von Religion und, daß wir jüdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jüdischem Religionsunterricht kam.
Nach dem Tod der Großmutter gab es große Veränderungen. Von ihren zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwähnte Schwestern in Kattowitz gewohnt, die älteste Schwester Martha Kaiser und der jüngere Ernst, orthopädischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort lebten auch die beiden jüngsten Kinder, Dr. Paul Grünfeld, Direktor bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld und Ida Benjamin, deren Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grünfeld führend wurde. Rawack & Grünfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grünfeld und Felix Benjamin sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen. Nun nach dem Tod der Großmutter wurde das großelterliche Haus verkauft und zwar an die Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch
nach Berlin.
Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in
Oberschlesien. Für meine Eltern war das wohl noch eine viel größere
Veränderung als für uns Kinder. Meine Mutter hatte sich mit Margot
Epstein angefreundet, die auch später zu Besuch kam oder mit Mutter
und uns auf Ferienreisen ging.
Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Böhnert, und die Böhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben dann viel mit ihnen gespielt.
Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs. Ich hatte schon in den Tagen vorher etwas von Krieg gehört, es war eine große Spannung, und man spürte Angst und Aufregung in der Umgebung. Am Tag davor, als wir in der Stadt waren, lief ein älterer Offizier mit einem dicken roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell über die Straße, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn der es so eilig hat. Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.
Am nächsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen. Vater war bald 49 Jahre und war dispensiert. Auch hieß es, alle guten Pferde müßten abgegeben werden. Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am Bezirkskommando des Militärs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und man winkte, daß wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten. Das tat mein Vater nicht, aber dann mußten wir die Pferde doch bald abgeben. Sie hießen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr zugetan. Sie gehörten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie oft in ihrem Stall. Nun war ich untröstlich. Bald erkundigte ich mich, ob man gehört hat, wie es ihnen geht. Man hatte noch nichts gehört, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur Seite, wahrscheinlich sind sie schon längst zerschossen. Wieder eine merkwürdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte mir zunächst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht hören sollte, was der Krieg ist. Dabei brauchte es dies sehr bald nicht mehr. Der russische Vormarsch in Ostpreußen war durch die Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Süden waren die Russen in Galizien gegen die Österreicher für längere Zeit erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen. Wir hörten Kanonenfeuer, wie es hieß von Olkusz, die Stadt füllte sich mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenüber in den Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt und wir bekamen Einquartierung.
Ein oder beide Gästezimmer waren dann während des ganzen Kriegs von deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an die ich mich gut erinnere, war viel größer. Im Erdgeschoß wurden Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mölbe und seinem Stab überlassen, der vorübergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der Krisensituation stationiert war. Schon Tage vorher hatte es geheißen, daß wir alle nach Berlin abreisen müßten, es wurden große Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt. Die beiden Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite Schiebetür, die meist offen war, in unsere große Diele, es war ein Kommen und Gehen. Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war. Erst viel später wurde mir erklärt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universität Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln stationiert. Er ließ sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten wir nach Berlin abreisen. Er hatte ja nicht gewußt, daß wir unterdeß auch so gut informierte Einquartierung hatten. Die waren dann der Ansicht, daß die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen behoben sei, und wir blieben. Aber der Alarm wiederholte sich noch mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt. Die v.d.Mölbe Einquartierung, die sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hat, war bald vorüber.
Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aßen auch oft bei den Eltern. Sie wechselten oft, auch verschiedene Ränge, manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a. Main, kam beinahe täglich, sein Dialekt machte mir Spaß, es gab immer Wein.
Inzwischen kam ich im April 1915 in die städtische Knabenmittelschule als meine Vorschule. Mein Vater war sehr stolz, daß die Stadt diese Art Schulen unterhielt. Die meisten Schüler würden dort ihre Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr gut, daß ich in so einer Schule anfing. Ich weiß nicht mehr, ob ich Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem Schreiben war es schwer. Ich war nämlich vorzugsweise Linkshänder, manches machte ich automatisch rechtshändig, manches nicht, und beim Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug für die linke Hand, aber das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mühe es zu lernen, ich bekam eine schlechte Schrift, noch für Jahre mahnte der Vater immer, ich sollte Schönschreibeunterricht nehmen.
Das Kriegsgeschehen machte sich natürlich auch in der Schule bemerkbar. Es gab Siegesfeiern und Apelle für Sammlungen.
Ich konnte nun auch an der Tätigkeit und den vielen Interessen des Vaters schon mehr Anteil nehmen. Er wollte das sehr, und ich bin dankbar dafür.
Trotz seinem vielfältigen Engagement im öffentlichen Leben glaube ich doch, daß seine berufliche Tätigkeit als Baumeister ihm wirklich am Herren lag. Morgens ging er täglich zunächst auf Besuche der Bauten, dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und schließlich nach Hause ins Büro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf dem Grundstück nunmehr der Deutschen Bank war. Ich wurde schon manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und immer mehr, je älter ich wurde, besonders zu Fahrten über Nikolai nach Lazisk, wo das Elektrizitäts und Karbidwerk der Prinzengrube gebaut wurde. Auch über Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher wußte ich bald mehr. Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und Apelle, eine große Hindenburgbüste wurde aufgestellt, und das Publikum sollte Nägel je nach gestifteten Beträgen aus verschiedenen Metallen kaufen und selbst einschlagen. Der Vater als Stadtverordnetenvorsteher mußte auf einer Eröffnungsfeier den ersten Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock. Natürlich wurde in der Schule dann auch darüber gesprochen.
Beginn der Schulzeit hieß für mich das Aufhören der täglichen Morgenausflüge nach Karbowa und dadurch ein Stück weniger von der Naturnähe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren, aufwachsen durften. Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafür, daß dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes. Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr hervorriefen. Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hühner, Enten, Gänse und dann auch Schweine.
Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es noch heute so, daß die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule hatte, auf mich einen überwältigenden Eindruck gemacht haben. Der Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weißen Bart, sah so etwa wie ein Patriarch aus, und erklärte alles über den lieben Gott anhand des alten jüdischen Gebets Adon olam, ein sehr schönes Gebet, das die Macht Gottes beschreibt. Ich war sehr beeindruckt durch alles Religiöse und natürlich eingenommen für alles Jüdische, durch das mir diese Welt der Religion nahegebracht worden war. Wir wurden aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen, die Eltern erlaubten es mir schließlich, sie verstärkten meine Faszinierung mit Religion und Jüdischsein. Der Vater trug mir auf, dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu grüßen, ein angeheirateter Vetter des Vaters. Auch stellte sich bald heraus, daß der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde angehörte. Da meine Begeisterung für diese Sphäre aber beiden Eltern zu viel wurde, mußte ich nach einiger Zeit die Besuche der Jugendgottesdienste immer mehr einschränken, durfte auch zu den Feiertagen nur nach harten Kämpfen zum Gottesdienst gehen, aber am Versöhnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen, eine wirkliche Versöhnung. Es blieb ein großer Schmerz, daß meine Mutter dem so fern stand. Die anderen jüdischen Kinder gingen nach einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebräische Unterrichtsanstalt im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wohl so etwas wie ein alter jüdischer Cheder. Ich durfte das nicht. Es wurde gesagt, ich könnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde in Hebräisch haben.
Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten
Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren
Großvater Fröhlich 1825 der erste jüdische Einwohner des Dorfes
Kattowitz war. Sie war sehr begabt und anerkannt für ihre
öffentliche Tätigkeit.
Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins, der im Krieg mit Fürsorge und Lazaretten besonders aktiv wurde. Meine Mutter war auch im Vorstand, und wir haben als Kinder da auch viel darüber gehört und miterlebt. Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr. Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski. Frau Dr. Lubowski und Dr. Koenigfeld gehörten auch sehr aktiv zum Vaterländischen Frauenverein. Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmäßig mit im Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand. Der Vorsitzende des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehörte auch zum engeren Bekanntenkreis, ebenso der Direktor der KunigundeZinkhütte Zoellner, mit seiner österreichischen Frau, die mit einer sehr schönen Altstimme konzertierte. Sie hatten zwei Söhne und Koenigfelds zwei Töchter in unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den andern Lubowskis Horst, die alle regelmäßig zu uns zum Spielen kamen und den Kern der Freunde der Kindheits und Schulzeit bildeten.
Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen viele Leute, der Oberbürgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich konnte schon soweit zählen, daß ich feststellte, der Frühstückstisch für den Empfang nach der Gratulationskur war für 50 Personen gedeckt. Für uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, für uns drei Kinder mit verteilten Rollen aufzuführen, auch Marianne, noch nicht ganz drei Jahre, hatte etwas zu sagen. Das ging weit über die kleinen Gedichte heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte. Wir waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewußt.
Ich erinnere mich auch, daß Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht für einen der öffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold für Eisen oder so etwas ähnliches. Es war uns schon zu Hause gezeigt worden, und ich war begeistert. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es auch war. Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war wieder begeistert, aber unser Lehrer hängte es auf die Innenseite des Schulschranks. So mußte man immer zum Schulschrank gehen und die Tür aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen lassen wollte. Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwürdig und enttäuschend und natürlich unbequem aber war ganz arglos. Heute frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pädagogischen Gründen, daß man so etwas in eine Vorschulklasse hängt, oder war ihm der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und das fällt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher Antisemitismus? Ich wußte damals noch nicht, wie kompliziert das Leben sein kann.
Die jüdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten von jüdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater. Dr. Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen Interessen und der Präsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins, und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach Religion oder Herkunft gefragt wurde. Aber er war ein sehr bewußter Jude, hatte der jüdischen Studentenverbindung KC angehört und blieb ihr aktiv verbunden. Mein Vater war auch ein bewußter Jude, aber er war gegen betonte jüdische Absonderung. Die beiden Brüder Lubowski waren getauft, die Frauen nichtjüdisch. Frau Else Lubowski, Frau des Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsaß stammte, ihre Mutter aus der Schweiz. Der Sohn KarlHeinz wurde damals unter unseren Spielgefährten mein nächster Freund. Nur in puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen. Seine Mutter gehörte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, später sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie. KarlHeinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten war ein großes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine Leiter auf und wollte zu uns predigen, während ich im Herbst immer wollte, daß wir alle eine Laubhütte in unserem Garten zum jüdischen Laubhüttenfest bauen sollten.
Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels. Diese und die enorme Stadt machten noch einen größeren Eindruck als Breslau. Die Ferien an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin, es war schwierig mit ihnen fertig zu werden. Als weitere Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit beiden Eltern hinfuhren. Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine Eröffnungsfeier mit Paraden und später als ich mehr wußte über solche Sachen, erfuhr ich, daß das damals eine Eröffnungssitzung des Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt Kattowitz vertrat und dem auch mein Großvater Max Oettinger als einer von vier Vertretern der Stadt Breslau angehörte.
1917 kam ein neues Kinderfräulein, Else Jeppesen. Vorher hatten wir einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert. Sie hatte in dem Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin leitete. Eigentlich hätte ich ja kein Kinderfräulein mehr haben sollen, aber die Schwestern waren jünger. Irgendwie gab es mit ihr einen frischeren Ton. Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen. Alle Freunde, die im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mußten mit uns im Herbst und Winter Laubsägearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Dörfer und Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen Kindern geschenkt.
Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei städtischen Kinderhorten.
Ich weiß nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der
Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im
Vaterländischen Frauenverein. Wir gingen öfters mit ihr hin, die
Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen
Alles was wir laubgesägt oder anderweitig fabriziert hatten zu den
Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.
Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwärmend und hatte wirkliche Schönheit. Wir waren ja auch gar nicht die einzige jüdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte. Das Jahr 1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel und anderer Verknappung: Es gab viel Erdrüben, bei uns Klacken genannt, das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten, wir gingen in Holzpantoffeln. Dann gab es auch die ersten
Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen für mich überhaupt, und ich habe ja dann in späteren Jahren noch so oft unruhige, tobende Mengen miterleben müssen.
Diesmal kam es zweifach sehr nahe. Bei uns hörte man von der Friedrichstraße die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns gegenüber die Läden geplündert, die meisten Scheiben zerschlagen. Es gab auch antijüdische Untertöne, wurde uns gesagt. Diese 1917er Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschränkt. Es gab auch anderswo antijüdische Beitöne. Ich erinnerte mich aber an das, was ich eher für besonderen Umstände in unserer nächsten Nachbarschaft hielt. Trotz der Nähe Galiziens und Kongreßpolens waren eigentlich Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so häufige Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen. Im Verlauf des Krieges kam das bisherige RussischPolen unter deutsche Besetzung, die Grenze war leichter geworden. Im letzten Haus auf unserer Schulstraße hatten sich einige ostjüdischen Familien eingemietet, Geschäftsleute, die auch viel Besuch von Familie und Geschäftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem kongreßpolnischen Bendzin hatten. Das hatte sich erst seit ganz kurzer Zeit so entwickelt. Ich erinnere mich, diese armen Leute wurden um die Zeit der Unruhen belästigt und waren ein Thema. Es wurde aber auch erwähnt, daß es Ausrufe von Demonstranten einfach gegen Juden gegeben hatte.
Ich bin mir nicht bewußt, daß diese Unruhen etwas mit polnischer nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen beschrieben. Es gab natürlich auch, wie es einem bald klar werden sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung. Daß es zu Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um. Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde über alles, was den Krieg und Politik betraf, viel gesprochen. So wußte ich über die Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in den Krieg und die Debatten in Deutschland über die Stellungnahme zu Friedensinitiativen. Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im oberschlesischen Pleß beim Fürsten von Pleß. Der fatale deutsche Beschluß zur Erklärung des "unbeschränkten UBootkrieges", auf den Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pleß gefaßt (2).
Die Büros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebäude der Fürstlich Pleßschen Bergwerksdirektion. Als Einquartierung hatten wir damals Offiziere des Generalstabs. Sie kamen nicht oft zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn. Viel hörte ich immer über die politische Lage, wenn die Freunde der Eltern zu Besuch kamen. Der Vater war aktiver Anhänger der Freisinnigen Volkspartei. Außer der damals eher rechtsstehenden oder nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt. Dr. Speier und die Brüder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien, aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte. Bis weit in die frühen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause immer sehr interessiert.
Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin noch heute dafür dankbar. Ich hatte mich bald für Latein erwärmt. Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in meiner Klasse gab (3).
Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur für die politischen Vorgänge um uns herum, sondern auch für alles Geschichtliche. So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibändige "Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde überhaupt ein eifriger Leser von Büchern. Beide Eltern waren es und hatten jeder eine große Bibliothek. Es gab da nicht nur die ledergebundenen vollzähligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Übersetzungen auch französische und die meiner Mutter besonders nahe russische und skandinavische Literatur, die ja alle im frühen 20. Jahrhundert im deutschen Kulturleben großen Nachhall hatten. Natürlich waren da auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte, Kunst und andere "Sachbücher". Das wurde für mich bald eine wunderbare Fundgrube. Die Mutter war immer mit Anregungen bereit, was ich als Nächstes lesen könnte.
Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Südpark und fing an, über die Lage des Kriegs zu sprechen. Sie sagte mir in so vielen Worten, daß Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer Revolution kommen würde. Ich war wie versteinert. Das hatte ich nicht gewußt. Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen Offensiven und Schlachten die Rede. Vater hatte zwar schon lange keine der patriotischen Reden gehalten, aber daß es so kam, war kaum vorstellbar. Meine Mutter erklärte mir, daß das schon einige Zeit vorauszusehen war, und sie daher für die Einstellung der Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt hätte. Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame Vorbereitung für mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militärischen Zusammenbruch und der Revolution. Sie ließen lange Gesichter, große Ängste vor unbekannten Untiefen. Für Oberschlesien hieß das Kriegsende auch, daß das deutschpolnische Problem nun weit aufbrach und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fließen würde. Natürlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten, Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben rechtsgerichteter Freischärler und die Inflation, aber der deutschpolnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die dominierenden Ereignisse.
Zunächst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der Weimarer Republik. Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung, auch zum preußischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung. Der Oberbürgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsführer ins neue Stadtparlament. Für dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf. Nach der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts war die Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden. Die katholische Zentrumspartei stellte als stärkste Fraktion den Arzt Dr. Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher. Wegen der langjährigen Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr. Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher. Es gab nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, geführt von dem Frauenarzt Dr. v.Mielecki.
Ich habe ja schon bemerkt, daß einem als in der Stadt Kattowitz lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der polnischen Frage für Oberschlesien gar nicht so bewußt geworden war (4). Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem unabhängigen polnischen Staat gehört, dessen Teilung und Verlust der Unabhängigkeit bei der Bevölkerung der entstandenen Teilgebiete einen starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres unabhängigen Polens wach hielten.
So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstände des früheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt. In Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die Interessen der polnisch sprechenden Bevölkerung, aber es bildeten sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag gewählt und 1907 von weiteren gefolgt wurde. Nach dem Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Präsidenten Wilson offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die Wiederherstellung eines unabhängigen Polens vor (6). Für Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus. Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete".
Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet war, deutlich anvisiert. Nachdem wir in Kattowitz zunächst im November die Aufregungen und Veränderungen der deutschen Revolution von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, daß die Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und für die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen müssen (7), ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden polnischen Staat einschlossen. Es entwickelte sich bald eine lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszügen und Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde. Vor Wohnungen oder Geschäften von polnischen Führern wurde demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin garnicht so bekannt waren, aber die Gemüter wurden weitgehend
beherrscht von dem Namen Korfantys.
Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier. In meiner Familie war er nicht unbekannt. Als Gymnasiast hatte er dem jüngsten Bruder meines Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben. Die Familie Grünfeld stand damit nicht allein. Ruth Storm, Tochter des Verlegers und Buchhändlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung, berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), daß der Pfarrer sich bei ihrer katholischen Großmutter für den intelligenten, aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern ihres Vaters Nachhilfestunden gab. Im Reichstag wurde er bald prominent unter den polnischen Abgeordneten. Nach dem Zusammenbruch im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen Volksrats. Korfanty gehörte zu seiner Leitung, profilierte sich also schon damals über seine oberschlesische Stellung hinaus auf der gesamtpolnischen Szene.
Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie für einen Teil Westpreußens vor allem für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9). In Vorbereitung und während der Abstimmung sollte Oberschlesien von deutschen Truppen geräumt und von alliierten Truppen besetzt werden. Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920. Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben, mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfällig zu machen. Er dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen. Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten, die in die Kämpfe verwickelt waren und von nun an bis zur Durchführung der späteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der Szene verschwinden sollten. Dieser erste polnische Aufstand war doch ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachträglich Beunruhigung und Bedrücktheit. Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28. November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).
In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfänglich noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein häufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an Wochenendspaziergängen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde. Er wurde dann zu einer Schlüsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen für die Abstimmung. Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen, und das taten auch alle in der Schule.
Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt. Die meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Söhne von preußischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen waren. Katholiken waren in der Überzahl, ebenso gab es einen verhältnismäßig hohen Anteil von Protestanten und einige jüdische Mitschüler. Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr. de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr. KarlHeinz Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr früher ins Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse über mir blieb. Er hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war diesem dann im Laufe der Jahre eher näher als meiner eigenen Klasse, und das traf auch für die jüdischen Mitschüler zu.
Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen Leben in Kattowitz mitbekommen konnten. Das moderne Stadttheater am Ring, das die Stadtväter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten, präsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen Stadt, die ja nicht reich an repräsentativen Bauten war. Freunde der Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit Direktor LischkaRaul und anderen im Theater befreundet. Meine Eltern allerdings interessierten sich mehr für Besuch der Vorstellungen als hinter den Kulissen. Wir Kinder hörten doch schon darüber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir auch hin. Zu den Volks und Wanderliedern, die schon lange die Kinderlieder abgelöst hatten, kamen nun auch Operetten und andere Schlager, die populär wurden. Bei der Operette war auch Mizzi Will, die Tanzstunden für Kinder unseres Alters veranstalten wollte. Das sollte sich abwechselnd in verschiedenen Häusern abspielen, und es gehörten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen jüdischen Familien. Es war ganz spaßig, richtige Salontänze für ganz jugendliche Paare.
Ein Mädchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren. Ihre Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners Samson Raphael Hirsch, Gründers der religiös sehr orthodoxen, aber sonst für Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die sich "Austrittsgemeinde" nannte. Es gab manche Familien in Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die große Familie Altmann war prominent unter ihnen. Ich erinnere mich an den Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50. Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren. Er war viel älter als mein Vater, war nicht zum Empfang und Frühstück gekommen. Es bestand eine deutliche Distanz in der privaten Sphäre zwischen diesen orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jüdischen Gebräuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Gemeinde. Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von Kattowitz nach Frankfurt. Ich erinnere mich an sie als ein damals sehr ernstes und stilles Mädchen und habe sie hier erwähnt, weil sie in ihren späteren Jahren bekannt wurde als Sekretärin des österreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.
Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft gerühmt worden, man nannte es manchmal KleinParis. Aus einer rückblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, möchte ich hier zitieren (11). Er rühmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der Oberrealschule waren einschließlich des Direktors Hacks. Dazu möchte ich erwähnen, daß diese Schule städtisch war und ihr Direktor Hacks 1908 Vorgänger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers. Arnold Zweig fährt dann fort:
"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck verschollene Philologe Rudolf Clemens. Ich nenne diese Namen, um einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besaß und einen wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Können fand in dem Geiger und Weinhändler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner
moderner Literaturen…".
Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die später bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich Przywara. Es gab in Kattowitz den Buchhändler Georg Hirsch, dem nachgesagt wurde, daß er diesen Kreis heranwachsender Schüler sehr angeregt und gefördert habe. Seine Buchhandlung spielte auch in meinen Zeiten, ja bis in die späten 30er Jahre eine Rolle. Meine Eltern waren eifrige Käufer von Büchern und Kunden von Georg Hirsch. Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbühne".
Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine große Rolle. Meine Mutter hatte eine schöne Altstimme, nahm auch weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hieß, daß sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, später auch meine Schwester Lotte. In Konzerte durften wir schon früh gehen, nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im deutschen Konzertleben bedeutenden Künstler kennen. Der von Arnold Zweig erwähnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen. Seine Tochter Hannah Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde für Halbwüchsige teil, und mit ihr und ihrem Mann war ich dann in späteren Jahren sehr befreundet.
Nach diesem Rückblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muß ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den Kämpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.
Die Ankunft der französischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte für uns zu Hause eine große Veränderung. Da Oberschlesien auf französisch Haute Silesie hieß, brachten die Franzosen Gebirgstruppen. Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunächst eben wie fremde Besatzungstruppen. Etwas weiter weg in der Friedrichstraße war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer großen Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedländer liiert; wir kannten uns gut, sie war mit den Eltern befreundet. Sie war schon lange verwitwet, hatte ein besonders schönes und sehr gastfreies Haus. Die Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino einzurichten. Sie durfte dort bleiben, mußte aber fast das ganze Haus für das Kasino zur Verfügung stellen. Als sich bald Differenzen ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mußte ins Hotel ziehen. Wir waren also verwarnt.
In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten. Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses, unsere Köchin durfte zunächst auch in der Küche für uns kochen, aber als der französische Koch ein großes Stück Fleisch ins Feuer warf, weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch große Knappheit bei uns) es retten wollte, wurde sie aus der Küche geworfen und mußte versuchen, für uns in der Waschküche im Dachgeschoß zu kochen. So bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, daß wir jetzt unter französischer Besatzung waren. Die große Diele war ihrer Lage nach für die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele französische Offiziere. Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder jeweils einen Offizier als Einquartierung.
Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg und Hüttenmännischen Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie hatte. Ohnehin mußten wir größere Räume, nämlich zwei der Wohnzimmer im Erdgeschoß, Damenzimmer und Salon, für den französischen Offizier hergeben. Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der Oberstleutnant v.d.Mölbe hatte. Diesmal sollte es 1925 werden, bis wir sie wieder selbst bewohnen konnten.
Die Vorbereitungen beider Seiten für die Abstimmung waren schon in Gang gekommen. Korfanty wurde zum Chef des polnischen Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche übernahmen nacheinander die Landräte a.D. Urbanek und Dr. Hans Lukaschek. Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschärfte sich, die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Häufigkeit und Hitze zu, all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein. Wie schon erwähnt, es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher gehörten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in Deutschland gebildet hatten. Auf polnischer Seite waren es Gruppen von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehörige von Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung (12).
In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel über blutige Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal tödlichen Mißhandlungen von Einzelnen, die sich für die deutsche Sache einsetzten. Aber es gab große Gewalttätigkeit auch von der deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofür sie ja auch anderswo in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten. Als wir Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen "Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttätigem antisemitischem Refrain, und der alte Förster mit dem langen anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts gegen sie. Man wußte von ihrer Rolle z.B.in Bayern. Ein anderes deutsches Freikorps, von dem man viel hörte, war die "Orgesch" (Organisation Escherich). Man sah sie auch in den Straßen.
Das Bild ist aber nicht vollständig, ohne sich auch zu erinnern, daß sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der 1918er Revolution abspielte. Die oberschlesische Arbeiterschaft blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung. Es gab viele Streiks und Protestumzüge. Man sah häufig rote Fahnen. Ein großer Teil der Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in Arbeitskämpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte. Links von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhängigen Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland sympathisierten und daher prosowjetisch waren. Das wurde ein sehr brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der Abstimmung hinfällig zu machen.
Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkämpft als im Westen, und Polen hatte, nach längeren Verhandlungsphasen, im April 1920 einen neuen Angriff auf Rußland begonnen, der zunächst zur polnischen Besetzung von Kiew führte. Aber das Blatt wandte sich, und im August standen die Russen vor Warschau. Die Existenz des neuen Polens schien gefährdet.
Was mir für immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in Erinnerung blieb, war der gewalttätige Mord an dem polnischen Arzt Dr. v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nächster Nähe unseres Hauses abspielte. Die unheimliche Brisanz dieses tragischen Vorgangs blieb für mich immer der größte Schock all dieser umstrittenen und blutigen Jahre.
Es war uns Kindern gesagt worden, daß große Demonstrationen, größer und vielleicht gefährlicher als bisher angesagt waren, und wir sollten unter keinen Umständen das Haus verlassen. Die Eltern hatten jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal. Das Haus hatte ein großes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weißem Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise öfters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde. Man hörte nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstraße, und da mußte man doch schnell aufs Dach. Leute vom elterlichen Haushalt entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, daß einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende Kommentare, was draußen vor sich ging. Eine tobende Menge hatte sich vor dem Haus der französischen Kommandantur angesammelt.
Das war schräg gegenüber dem benachbarten Haus, der früheren Villa Sachs, Ecke Sedan und Friedrichstraße. Man hörte Rufe, Schreie, Singen von Liedern, Schüsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v. Mielecki aus seiner Wohnung gegenüber der Kommandantur geholt (13), er wurde auf der Straße schwer mißhandelt. Dann kam eine Droschke, es hieß, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang. Dann hieß es, er sei erschlagen worden. Um unser Haus wurde es langsam ruhiger, aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch für Stunden. Mein Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehört und zum Teil gesehen hatten. Ich habe ihn nie so erschüttert gesehen, er war bleich und sprachlos. Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als Führer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in Kattowitz. Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, daß wir trotz aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nächster Nähe hatten miterleben müssen.
Es wurde dann gesagt, daß "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren. Die Zusammenhänge waren aber viel komplizierter (14). Es hatte Berichte gegeben, daß die französischen Besatzungstruppen Waffenvorräte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt hätten, um der polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau vorrückenden Russen zu helfen. Arbeiterkreise wurden zum Protest dagegen mobilisiert, daß die Franzosen die "Neutralität Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen hätten. Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen als eine Aktion gegen die französische Besatzungsmacht. Die französische Kommandantur wurde hart bedrängt und mußte sich mit dem Abzug ihrer Truppen aus dem Gebäude und der Stadt einverstanden erklären. Es verhandelten darüber die Gewerkschaftsführer. Aber ganz eindeutige nationalistische Töne hatten die Oberhand gewonnen, mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzösischen Schlagworten und Liedern in höchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte, daß die Kundgebung, ursprünglich von Sozialisten veranstaltet, von gewalttätigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.
Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklärt, er persönlich stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenüber (15). Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, daß sie abziehen und die Besetzung allein den Engländern und Italienern überlassen sollten, waren schon früher erhoben worden. Diese mündeten nun auch in die Demonstration für die "Neutralität" Oberschlesiens im polnischrussischen Krieg ein, zu der die Gewerkschaften für ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem Generalstreik. Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der Unabhängigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:
"Die blutigen Zusammenstöße in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das Verhalten deutscher Nationalisten zurückzuführen, die die proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und für Räterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem Chauvinismus Luft zu machen" (16).
Weiter noch ging eine Erklärung des sozialistischen Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhängigen Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen und die Entente losgehen wollten (17). Die demokratische "Vossische Zeitung" vom 27.August 1920 schließlich kritisiert die Gewerkschaften, daß sie auf bloße Verdachtsgründe über französische Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen Generalstreiks griffen, "ohne Fühlungnahme mit der stärksten deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).
Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion hauptsächlich von Pilsudski und seinen Anhängern betrieben, einem ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden. Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17. August erließ, klagt die preußischen Militaristen an, daß sie gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemächtigen (19).
Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden auch den Namen von J.Biniszkiewicz für die Polnische Sozialistische Partei, Michael Grajek für die polnische Bergarbeitergewerkschaft und mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsführer. Man sieht also, es gab auf beiden Seiten Flügel, deren nationalistischer Eifer viel größer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien. Während bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerüchte über den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen und die Polen gewannen damals die ihnen von Rußland bestrittenen Ostprovinzen wieder. In Oberschlesien brach der 2. polnische Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene Landkreise waren von den polnischen Aufständischen besetzt. Während in Kattowitz die französischen Truppen hatten abziehen müssen und erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden Bürgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.
Schließlich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden Plebiszitkommissariaten in Beuthen. Von polnischer Seite war es Korfanty, von der deutschen Sanitätsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der mit Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen Plebiszitausschuß saß. Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen, das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurückgezogen werden und durch eine 50/50 deutschpolnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern gebildet, ersetzt werden sollte (20).
Das war eine beträchtliche Veränderung auch für unser tägliches Leben.
Die Polizei sollte nun aus zum großen Teil nicht vorgebildeten
Kräften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung
politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale
Verbrechensbekämpfung, und das vertiefte das immer größer werdende
Gefühl um sich greifender Auflösung.
Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.März 1921 zu, mit Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat. Die Leitung der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreiköpfige Kommission unter dem französischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter. Wir waren also durch seine Rolle den Vorgängen nahe.
Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter Verwandter aus München meldete sich auch. Unser Haus war voll von Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag für uns noch ein besonderes Gepräge.
Es waren auch außerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie nach Oberschlesien gekommen. Ich erinnere mich, daß ich die Tante Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete. Sie traf eine große Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin. Sie waren auf dem Rückweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten. Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das ich dann vortragen wollte. Das kam aber nicht zustande, und was ich dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und Tante Ida Benjamin, die jüngste Schwester des Vaters, zum Beispiel konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht verbergen. Die Benjamins und Paul Grünfelds waren nur den Tag über da, waren die Nacht über gefahren und fuhren abends wieder nach Berlin zurück, andere Verwandte blieben etwas länger. Aber in der Atmosphäre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schönes Wiedersehen mit der Familie zu feiern.
Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen ruhig. In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% für Verbleib bei Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% für Polen, beide zusammengerechnet ergab 51.7% für Deutschland, aber die benachbarten Kreise Pleß und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Städten viel größere Mehrheiten für Polen, während Stadtund Landkreis Beuthen zusammen gerade 50.3% für Deutschland entschieden. Das oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% für Deutschland. Laut dem Versailler Vertrag (21) sollte für "die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmende Linie….sowohl der von den Einwohnern ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Berücksichtigung" finden. Die Alliierten Mächte, durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darüber befinden.
Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der polnische Stimmenanteil, besonders in den südlichen Gebieten, war sehr viel höher als die deutsche Seite erwartet hatte (22). Alles deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen würde. Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um einflußreiche politische Kreise zuverlässig zu unterrichten" (23). Mein Vater gehörte der vierköpfigen Delegation nach Italien an. Sie bestand außerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor, Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er später sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der Fürstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Franz. Warum der Vater in den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns natürlich ausführlich erklärt, und so erinnere ich mich auch, daß er eine Einführung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz, hatte, der damals ziemlich bekannt war. Als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein für Kontakte mit den damals einflußreichen "laizistischen" Parteien zuständig, er war ja auch Freimaurer.
So kam es denn auch, daß unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der große 3.polnische Aufstand ausbrach. Das wurde nun für unsere Jugend eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewißheit, was die nächste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen würde. Die Umgebung der Stadt war sofort in den Händen der Aufständischen, als wir am 3.Mai aufwachten. Der Chauffeur, mit dem deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem Hausschlüssel, es stellte sich heraus, daß er sich den Aufständischen angeschlossen hatte. Draußen in Karbowa waren auch die Aufständischen, ein guter Geist für die Familie, der Portier des Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen wir Gemüse, aber sein ältester Sohn Heinrich hatte sich auch den Aufständischen angeschlossen. Das war eben Oberschlesien.
Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der Aufständischen waren eben polnische Oberschlesier. Es ging rücksichtslos und zum Teil grausam zu. Die Stadt war wie belagert, aber es bestand hier und in anderen Städten eine Art modus vivendi der Aufständischen mit den alliierten Besatzungstruppen, daß die Städte selber nicht angegriffen oder von den Aufständischen besetzt werden sollten.
Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts. Unser großer Garten hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehörte die Ferdinandgrube schon den Aufständischen. Auch von dort wurde manchmal geschossen. Zuerst durften wir überhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise, aber wenn man anfing, Schüsse zu hören, mußten wir sofort ins Haus.
Aber man weiß ja, wie das ist. Wenn die Risiken über eine Zeit andauern, dann wird man abgestumpft und fängt an, sie leichter zu nehmen. Schlimm war, daß nachdem nachts ganz systematisch für einige Zeit geschossen wurde, man am nächsten Tag las, daß Kinder in ihren Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die unser Garten ging.
Wir hatten ja noch immer französische Einquartierung und zwar seit einiger Zeit den französischen Platzkommandanten Colonel Ardisson, der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die Tochter hatte nachkommen lassen. Der Herr v. Brunn war schon ausgezogen, und so hatten wir Platz genug. Natürlich empfand man die französische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wußte doch nie, was der nächste Tag bringen konnte. Von der Ferdinandgrube war es kaum mehr als fünf Minuten zu Fuß und einen Sprung über die kleine Rawa bis zu unserem Garten, und überhaupt wer wußte, wie lange der Waffenstillstand über Nichtbesetzung der Städte anhalten würde.
Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Händen der Aufständischen. Eisenbahn und Straßenverkehr waren praktisch lahmgelegt, die Aufständischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafür, auch ein interalliierter Zug, der täglich von Kattowitz nach Oppeln und zurück ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.
Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen. Nach einiger Zeit konnte er aber für uns eine Genehmigung "zur Ausreise" arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.
Diese Reise war natürlich eine ziemliche Aufregung. Man wußte von
Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum
Beispiel der Pastor Voss von den Aufständischen aus dem Zug geholt,
allerdings dann nach einem Verhör wieder freigelassen worden. Bei
uns aber ging es ohne Zwischenfall. Wir wurden dann nach einem
Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhübel für die nächsten
Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln.
Natürlich war es sehr schön so lange im Riesengebirge zu sein, wir
hatten es schon im Vorjahr bei einem kürzeren Ferienaufenthalt in
Brückenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so großer
Unsicherheit über die Zukunft umwittert. Die Verwandtschaft in
Berlin plädierte stark mit Vater, daß er den Familienbesitz in
Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte. Onkel Felix
Benjamin war im Aufsichtsrat der Lübecker Hütte, an der Rawack &
Grünfeld damals maßgeblich beteiligt waren, und schlug vor, daß Vater
die Leitung von deren Zementfabrik übernehmen sollte und wir nach
Lübeck übersiedeln würden.
Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu Hause aussieht. Man hörte und konnte sich vorstellen, die Not und Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden. Es wurde ein besonders heißer und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen große, verheerende Waldbrände aus. Als wir nach Beendigung des Aufstandes im Juli zurückkehrten, war das Bild der Umgebung südlich nach Pleß hin zunächst vollkommen verändert und trug noch weiter bei zu der Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.
Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen Freikorps nach Oberschlesien geführt, die nach dem 2.Aufstand sich samt ihren Waffen hatten zurückziehen müssen. In einer Kampfhandlung am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg über Kräfte der Aufständischen errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die schließlich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1. Juli, führte. Die Vorgänge gelten aber als zu kompliziert für solche Beurteilung (24). Die Engländer wandten sich gegen die polnischen Versuche, durch den Aufstand die für das weitere Schicksal Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und drohten, englische Truppen zur Unterstützung der französisch/italienischen Besatzungen zu senden.
Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die
Unsicherheit über die bevorstehende Entscheidung der alliierten
Botschafterkonferenz über Oberschlesien beherrschte die Stimmung.
Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in
Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach
Frankreich zurückgekehrt. So hatten wir wenigstens wieder Verfügung
über das Gastzimmer im oberen Stock.
Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet. Ich sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte. Er war einerseits ein jüdischer Gelehrter, aber auch preußischer Volksschullehrer mit großer Allgemeinbildung. Abgesehen von hebräischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch Grundkenntnissen in jüdischen Bräuchen und Gesetzen. Die Zeit von einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der hebräischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen war. Ich hatte diese Stunden mit großen Erwartungen begonnen, sie gaben meiner Anhänglichkeit an jüdische Religion und damit auch jüdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.
Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung. Sogar die Mutter kam in die Synagoge. Der Onkel Max Grünfeld aus Berlin als Miterbauer der Synagoge und für den architektonischen Entwurf damals verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen. Zu Hause kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten. Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen. Ich bekam, neben anderen Geschenken, sehr viel Bücher, Grundlage einer noch wachsenden, recht vielfältigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2. Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.
Kapitel 4
Kattowitz kommt zu Polen
Die Botschafterkonferenz hatte zunächst keine Einigung über die Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Völkerbundsrat um ein Gutachten gebeten. Es handelte sich dabei natürlich nicht nur um eine möglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewürfelten Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Möglichkeit einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war. Den Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, daß die Kreise Rybnik und Pleß zu Polen kommen würden. Sie allein hätten Polen wichtige Kohlegruben und vorkommen gegeben, aber nichts von der Eisen und Stahlindustrie oder Zinkhütten. Es wurde aber auch von einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides für Polen dazu kommen würde.
Die Engländer und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland, von der man annahm, daß es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwächen würde, und auch Deutschlands Möglichkeiten, die ihm in Versailles auferlegten Reparationen zu bezahlen. Die Polen besaßen eine Kohle und Stahlindustrie im östlich an Oberschlesien angrenzenden Dombrowaer Gebiet, wo französisches Kapital stark beteiligt war. Die Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen an der deutschen Ostgrenze interessiert. Basierend auf den Empfehlungen des Völkerbundsrats beschloß die Botschafterkonferenz am 20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden. Die beiden großen Industriestädte Kattowitz und Königshütte, die mit großen Mehrheiten für Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hälfte der Kohleproduktion und der Hochöfen, die Hälfte der Stahlwerke, fast die ganze Zinkindustrie. Das Industriegebiet sollte mitten durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn und Straßenbahnnetz, Wasser und Stromversorgung, ja auch unter Grund wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen und einem anderen auf deutscher Seite.
Die praktischen Probleme waren enorm, für die menschlichen wurde vorgesehen, daß beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen abschließen würden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu schützen. Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den Alliierten Mächten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner verschiedenen Minderheiten abschließen müssen, und es wurde ihm nun auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen, während Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen für die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu schließen.
Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, daß diese Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen. Mit der Ungewißheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt. Nun war der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu. Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und Gespräche zur Lage verwickelt, nun wurden sie für die Stimmung beherrschend. Die Ideen vom frühen Sommer während des polnischen Aufstands, daß man eventuell weggehen würde, waren ganz verflogen. Unter den ansäßigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, daß man sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im polnischen Staat einrichten müsse. Durch die Auflage eines Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar so angesprochen. Es gehörte dazu, daß die Vertreter der deutschen Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer zukünftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mußten. Dazu gehörte auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalität für die neue staatliche Souveränität, und das Alles geboren aus einem Heimatgefühl, daß nämlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen, sondern weiter gedeihen sollte.
Es liegen darüber mannigfache Äußerungen von maßgebenden deutschen Funktionären aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der Entscheidung vor. Deutlich erinnere ich mich, daß mein Vater von einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzählte, ein aus Berlin anwesender Minister hätte gesagt, was die künftige deutsche Politik zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wären doch wohl Alle mit der in Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnüren und vernichten".
Ich nehme an, daß es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei Oberschlesiens war. Auf Provinzebene waren Sanitätsrat Bloch in Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preußischen Landtag saß, prominenter gewesen, für das Gebiet des künftigen PolnischOberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der führende Exponent geworden. Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns darüber erzählte. Für die Deutschen im künftigen PolnischOberschlesien mußte es andere Wege des Denkens in ihrer neuen Situation geben. Es brachte sie in die Linie des Denkens der nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten Weltkrieg entwickelte. Mich haben diese neuen Begriffe und Vorstellungen auch später im Zusammenhang mit manchen anderen Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.
Der Übergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen werden. In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von Auflösungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behörden waren im Übergang, wir merkten das auch in der Schule. Laut Genfer Abkommen mußte der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen unterhalten. Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium sein, ein großer Teil des bisherigen Bestands seine Minderheitsabteilung. Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland gehen, doch einige, vor allem jüngere, waren bereit zu bleiben. Man wußte noch nichts Genaues. Als das letzte Abitur um Ostern abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fühlen, daß der traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art Abschiedsfeier für den Lehrkörper wird. Als wir Jüngeren am nächsten Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen. Die Schule fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt. Es war gewiß auch ganz komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd. Das Gefühl der Auflösung nahm übergroße Proportionen an.
Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur Führung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen. Sein Name war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer Kriegsminister, also mußte er ein prominentes Mitglied der polnischen Generalität sein. Der Name der Familie ist unterdeß bekannter geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an die dortige westukrainische Bevölkerung hatte. Sein Bruder Andrzej wurde Metropolit der mit Rom Uniierten SlawischOrthodoxen Kirche (1). Der General selber hatte im 1.Weltkrieg große Erfolge im Kampf gegen russische Truppen im östlichen Polen errungen, er war zum
österreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski zusammengearbeitet. Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen Seite Polens.
Der Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice, ernannt, begrüßte den General mit seinen Truppen an der schlesischen Grenze bei Schoppinitz. An der Stadtgrenze sollte der neue Oberbürgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begrüßen. Von unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen. Er hatte, da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.
Er sollte den General ohnehin noch treffen. Da der Colonel Ardisson schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert. Er machte bald einen formellen Höflichkeitsbesuch. Wie schon oft bei den französischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, daß ich dabei bin. Ich erinnere mich nur, daß zuerst einige etwas verlegene Worte waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich dann auf Französisch ab.
Sonst bestand für uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien plötzlich mit einem kleinen Foxterrier. Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schönen Salonmöbel, sie waren mit Damast bezogen. Aber der General fuhr bald ab, ohne größeren Schaden anzurichten.
Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben. Wir bekamen als zivile Einquartierung den neuen polnischen Präsidenten der Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit uns.
Der größte Wechsel kam für uns Jungen, als die Schule wieder anfing. Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hieß Wolff. Die meisten der bisherigen Schüler wollten in die deutsche Minderheitsabteilung gehen. Die Meldungen für die polnische Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und anderer Familien entwickelte sich erst. Herr Wolff verfügte, daß alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die polnische Abteilung übergehen müßten, und er kam selbst, um uns einzuteilen. Es entstand Verwirrung und Aufruhr. Die meisten der so betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte. Diese Frage, wer zur deutschen Minderheit gehörte und wer nicht, brachte sehr klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der Minderheitsrechte für Volksgruppen zum Vorschein. Hier wurde also von deutscher Seite darauf bestanden, daß die Zugehörigkeit zur Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein muß. Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze Reihe weiterer Gedanken. Schließlich standen da bei uns in der Untertertia unsere Mitschüler, ein guter Teil von ihnen, und Herr Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule zu gehen. Die Freiheit, die er für sich selbst als polnischer Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren Mitschülern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.
Die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Minderheit habe ich immer als sehr entscheidend empfunden. Es entspricht wichtigen liberalen Grundsätzen. Die Forderung nach autonomer Verwaltung für Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte. Menschen zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, würde neue Elemente von Unfreiheit einführen.
Daß die deutsche Seite und dann auch die Führung der Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja eigentlich ein Abrücken vom strikten Sinn völkischer Denkweise. Die Konzeption des Nationalen war eben tatsächlich vielmehr verwandt mit dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu berufen. Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und bringt einen so zu einer Annäherung an europäische Wirklichkeit zurück. Man liest oft über anscheinend bedauernswerte Gebilde: Vielvölker oder Gemischtvölkerstaaten, so die alte Donaumonarchie, ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei. Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands, mehr als man davon Kenntnis genommen hatte. Da war nichts bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente völkische Ideologien dahinein brachte.
Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale Kräfte gegeben, die Sinn hatten für die europäische Bedeutung und liberale Grundnote der Sache. Aber es gab wohl auf deutscher Seite auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalität hochhielten, weil das für den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z. B. in Polen zahlenmäßig so wichtig war. Man sieht wieder, wenn es um klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern einfach Macht und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da verschwanden Ideologien in den Hintergrund. Dann blieb nur noch der Antisemitismus als Kaffeesatz der völkischen Idee.
Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorüber, ja es entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell wieder in unsere Klasse zurück durften und das normale Schulleben unter dem neuen Regime begann. Dieser Vorfall war beigelegt.
Auf längere Sicht waren aber die Polonisierungsmaßnahmen auf anderen Wegen erfolgreicher. Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt Kattowitz eine polnische Bevölkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner geworden, schließlich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch ein deutsches Privatgymnasium. Der Direktor Wolff blieb nicht lange, unser nächster polnische Direktor hieß Steuer, und unter ihm habe ich noch 1926 dort mein Abitur gemacht.
Kurz nachdem wir in Kattowitz die Übergabe an Polen erlebt hatten, wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsaußenminister Walter Rathenau ermordet. Für uns waren und blieben die Ereignisse in Deutschland immer noch ganz hautnah. Das Berliner Tageblatt und die Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mußte ja auch mit dem deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam früh morgens am selben Tag.
Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit. Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale Freischärler. Rathenau war Jude, er war für mich als 14jährigen etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bücher gelesen. Es war die menschliche Tragödie dieses Mordes an Rathenau, und eben auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen Weimarer Republik fiel, für die es dann mit vernichtender Inflation, französischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum eine Atempause gab. Dieser Hitlerputsch damals war aber ein theatralischer Fehlschlag. Die Republik hatte doch schon Muskeln, eine Regierung der Großen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am erfolgreichsten mit der Konsolidierung, unterstützt vom Erfolg der Schacht'schen Währungsreform.
Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens, mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden. Für uns heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung. Wandervögelbünde selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt während der Zeit der Besetzung und politischen Kämpfe. Es gab aber eine Gruppe des jüdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde gehörten dazu. Es war ein nichtzionistischer Bund. Beide Eltern widersetzten sich meinen sehr dringenden Wünschen, da auch beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen, der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verließ.
Bedeutsam wurde, daß ich mit einigen Freunden, meist aus der nächst höheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehörte, in dem gelesen, aber auch viel diskutiert wurde. Es waren Klassiker und zeitgenössische Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing, und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung. Wir trafen uns abwechselnd zu Hause. Einige der "Kameraden"Mitglieder spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite erinnere ich mich besonders an den alten Freund KarlHeinz Lubowski
und an Wolfgang Juretzek.
Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehörte auch für mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus Breslau. Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn Jahre älter, aber noch ganz erfüllt mit solchen und anderen Ideen und hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlüsselfiguren aus dieser Welt (2).
Auch das kulturelle Umfeld blieb für uns eigentlich ganz unverändert und weiter sehr reich und aktiv. Das StadtTheater wurde nun zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es von der ebenfalls neuentstehenden Landesbühne aus dem deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt". Das war dann doch eine sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich stützende Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Kräfte. Die Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine führende Rolle übernahm, veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils für einige Wochen Gastspiele der Wiener Volksoper. Bis dahin hatte ich Opern nur bei Besuchen bei den Großeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknüpft, weil mehrmals Künstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten. Auch wurde der Meister'sche Gesangsverein für einige Opern zu Chorszenen hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf der Bühne sehen.
Überhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine große Quelle musikalischen Miterlebens. Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher, und für die Aufführungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns wohnte, ebenso für Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten, Kammermusik und Gesang. So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre viele sehr bekannte Künstler, die bei uns als Gäste wohnten. Unverändert machten wir auch die regelmäßigen Besuche bei den Großeltern in Breslau. Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den 70. Geburtstag der Großmutter, 80. des Großvaters und ihre Goldene Hochzeit, mit einem großen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten schöne und sehr große Familienfeier. Wir drei Kinder spielten ein von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstücks verfaßtes, langes Gedicht. Es gab viele brilliante Reden. Besonders erinnere ich mich an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehörigen Herrn Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden übersät, ein Kampfflieger im 1.Weltkrieg gewesen.
Meine Großeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung gezogen, der Großvater war nicht mehr so aktiv und prominent im bürgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbürgermeister Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch für die in Breslau bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein Großvater für über 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.
Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn Oettinger an der Universität gearbeitet und gelehrt hatte. Bis ins hohe Alter blieb der Großvater geistig rege und sehr interessiert und nahm an seinem Stammtisch im Café Fahrig teil. Er gehörte aber zu denen, die die Inflation schlecht überstanden, fast das ganze Vermögen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die Unterstützung seiner Kinder angewiesen. Er starb Mitte der zwanziger Jahre. Ich fuhr mit zur Beerdigung. Es rührte mich, meiner Mutter zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein neuer Eindruck. Ich selbst habe ja dann während des 2.Weltkriegs und danach nie an den Gräbern meiner Eltern stehen können. Nach der Beerdigung des Großvaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch das Grab meines Urgroßvaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.
Die Schulzeit von Untertertia an brachte natürlich auch ein zunehmendes Maß von Bekanntschaft mit polnischen Dingen. Polnisch als Sprache gab es zunächst nur zweimal die Woche. Die Regierung fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern weggehen, aber das änderte sich im Lauf der Jahre. Natürlich interessierte einen bald, etwas über polnische Geschichte, ja auch Literatur zu hören, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr nach Krakau zu den sehr schönen Sehenswürdigkeiten aus polnischer Vergangenheit.
Die polnische Politik dieser frühen zwanziger Jahre nahm auch einen sehr turbulenten Verlauf. Es gab immer wieder die scharfen Spannungen zwischen Ost und Westschwergewicht, einst durch den Gegensatz PilsudskiDmowski gekennzeichnet, es war auch einer zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen Ländern widerspiegelnd. Es ging gewaltätig zu, auch mit Putschversuchen. Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen, und Pilsudski trat als Staatspräsident zurück; als Nachfolger wurde Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski nahestehend, gewählt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922 ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland. Als Einführung zu regelmäßiger Anteilnahme an politischen Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis. Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz und Inflationswirren ausgesetzt, hatte dann aber unter Führung von Grabski von Ende 1923 bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer Stabilität.
Auch in PolnischOberschlesien entwickelte sich die Industrie
zunächst bis 1925 ganz hoffnungsvoll. Das Baugeschäft des Vaters
hatte auch aktive Zeiten. Abgesehen vom Regierungssektor hatte
Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles
Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der
Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen.
Mein Onkel Max Grünfeld schied aus der Firma aus und ging in
Ruhestand. Der große Hausbesitz in Berlin hatte in der
Inflationszeit verkauft werden müssen.
Die politische Lage und Spannungen in PolnischOberschlesien aber wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich bedingt. Es gab etwas in Oberschlesien, was man als "schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3). Ein Teil der damaligen oberschlesischen Bevölkerung fühlte sich auch bei polnischoberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so festgeschrieben. Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch Stimmverhältnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht beeinflussen, wie sie eben beeinflußt werden, wenn Wähler wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung dafür verantwortlich zu machen.
In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen Parteien gut abgeschnitten. In Kattowitz selbst blieb aber die Mehrheit deutsch. Die Regierung löste das Stadtparlament auf und die Stadt wurde für zwei Jahre kommissarisch regiert. Die wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich 1925 in Polen verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr, nun als Diktator, beendet wurde.
In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag für Einfuhr polnischoberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni 1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen abzuschließen (8). Polen konnte dann neue Märkte finden, begünstigt durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in Skandinavien, aber unterdeß litt die Beschäftigung in den Kohlengruben.
Für November 1926 waren Wahlen für ein neues Kattowitzer Stadtparlament ausgeschrieben. Umliegende, viel stärker polnische Industriedörfer waren unterdeß eingemeindet worden, was eine polnische Mehrheit hätte sichern sollen. Der Eindruck verstärkte sich aber, daß die deutsche Seite doch stark an Rückhalt gewonnen hatte (4). Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen PilsudskiRegierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttäuschungen: die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.
Da der älteste gewählte Stadtverordnete, der deutsche Katholikenführer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war, mußte mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert hatte, die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen, und das war eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach. Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der Übersetzung und schrieb dann den Text für ihn phonetisch auf. Es war nicht erfolgreich. Nach Vaters Rede verlangte der besonders kämpferische Führer der polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, daß die Rede nun ins Polnische übersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht auf Chinesisch gehalten worden. Die Sitzung verlief auch sonst sehr stürmisch, da die Deutschen als stärkste Fraktion darauf bestanden, einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretär Jankowski, der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu wählen, und die Polen daraufhin die Versammlung verließen.
Die "Kattowitzer Zeitung" aber bestätigt in ihrem Bericht (5), daß "bei der deprimierenden Atmosphäre des 1.Teils der Sitzung" die polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater (bei seinen weiteren Amtshandlungen als Alterspräsident) mit ihren polnischen Übersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen. Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurücktrat.
Nachdem er 1922 an der Gründung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt hatte, gehörte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde später einer der beiden Vizepräsidenten, bis zu seinem Rücktritt 1933. Bis dahin nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der Öffentlichkeit kaum auf. Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.
Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit dem Prozeß zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des Deutschen Volksbunds einleitete. Die polnische Politik gegenüber der deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschärft. Das wird erklärt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergänzen, was in Polen unvermeidlich verstärkte Furcht, Wachsamkeit und Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mußte (6).
Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden, um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber auch, um die Stellung der Sanacja gegenüber dem nationaldemokratischen Korfanty zu stärken. Die von der polnischen Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Füßen, nämlich Dokumenten, die dem Verdacht der Fälschung ausgesetzt waren. Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkämpfer, Rechtsanwalt Wolny, einem KorfantyAnhänger, lehnte eine Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht. Für seine Verteidigung war aus Warschau ein Führer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafür hatte mein Vater zu tun.
Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein interessantes Erlebnis für mich. Er war schon als Anwalt und politisch im österreichischen Galizien aktiv gewesen. Als später Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch Korfanty hinkam. Dr. Liebermann war während des 2.Weltkriegs dann Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).
Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des
Deutschen Volksbunds sehr klar, daß er sich ganz als
Minderheitenvertretung fühlte und auftrat. Dr. Liebermann gehörte
eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der
Minderheitenverträge waren (8).
Es gab damals schon in Deutschland auch außerhalb der Rechtsradikalen unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verständnis der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten. Die aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die Hände, wie man so oft findet, daß die Radikalsten auf beiden Seiten sich unwissentlich/wissentlich Bälle zuwerfen.
Nun will ich meinen Rückblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch mit ganz persönlichen Erinnerungen abschließen. So zum Beispiel, daß da auch lauter Mädchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties gab, Verliebtheiten und Spaziergänge. Es wurde so absorbierend, daß der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurücktraten und sich die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch änderten. Man fing an, auch mit Vergnügen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.
Viele aus diesem Kreis wurden später Korporationsstudenten. Ein guter Freund wurde Hans Kuhnert. Ein anderer neuer Freund aus den späten Schuljahren war Hans Werner Niemann. Er kam wie aus einer anderen Welt, war eine Klasse jünger, voll aggressivem, aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so über meine damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"
eingestellt. Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki, wir waren oft dort, das einzige Mal, daß ich eine Kohlengrube untergrund besuchte.
Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der großen oberschlesischen Eisenhütten und Stahlwerke, der Julienhütte in Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag. Diese erste Bekanntschaft mit dem Hüttenwesen interessierte mich sehr, die Umformung des Metalls von Erz über Roheisen zum Stahl, und was man das "bulk handling" der Materialien nennt.
Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmännische Direktor der Hütte, seine Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch lebenden acht Kindern des Jakob Grünfeld und der Maria geb. Sachs in Zalenze (9). Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer Kontakt. Der jüngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Göttingen war gut situierter Eisen und Stahlkaufmann in Beuthen. Sie waren sehr lebenslustige Leute mit viel Stil. Er war Mitglied der Schlaraffia, die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden gute Freunde.
Häufige Ausflüge "über die Grenze" nach Beuthen wurden für uns ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre. Dort war der jüngere Bruder des Vaters, der Orthopäde Ernst, mit seiner netten, manchmal etwas rauhen Art und sein orthopädischer Turnsaal, und dann eben das soviel jüngere Ehepaar Paul Grünfeld. Aber es waren gar nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen. Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen entstand. Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum Reiten. Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht, während Lotte bald Preise im Springen sammelte.
Für die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jährlicher Höhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht großem Kreis, vor allem nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren Wohnzimmer auch frei waren. Mit die ältesten Gäste waren Dr. Speiers, und sie blieben dann auch die letzten in den späten 30er Jahren vor Ausbruch des Krieges. Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, daß die Dr. Lukascheks auch für einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit ihnen später auch Freiherr v. Grünau mit Familie, der einige Jahre deutscher Generalkonsul in Kattowitz war. Manche unserer jungen Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.
Der jüdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren für mich immer von ergreifendem Interesse geblieben. Als Rabbiner und Religionslehrer hatten wir in den frühen zwanziger Jahren den älteren Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng verbunden war. Wir waren schon etwas aufsässiger gewordene Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn ärgerten.
Wir waren bei jüdischer Geschichte. Wie können wir, so fragte man ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil nehmen wie andere Deutsche? Natürlich, sagte er, wenn ich vor der alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und bewegt wie alle Deutschen. Das sagte er.
Es blieben Zweifel. Heute würde ich sagen: Vorfahren von heutigen Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der Entwicklung der abendländischen Welt in Europa, und haben eine Beziehung zu diesen historischen Stätten, und eine besondere zu denen der abendländischen Nationalität, der sie sich selbst zugehörig fühlen. Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jüdischen Geschichtsbewußtseins.
Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurück. Der Übergang an Polen machte sich später bemerkbar. Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien. Sein Vater war Präsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde später in Palästina und Israel einer ihrer Führer. Er war sehr gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und unserem background waren es sehr interessante Stunden. Er blieb nicht lange in Kattowitz.
Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur. Mit seinem Herannahen schon war meine Berufswahl dringend geworden. Ich war seit langem zwischen zwei Polen hin und hergerissen. Natürlich hatte mein Vater immer gewollt, daß ich, als dritte Generation, in das Baugeschäft eintreten und dafür Architektur studieren würde. Es war ein schöner Gedanke und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten. Dahin gehörten die ja von früher Jugend her gewohnten Rundgänge durch Vaters Neubauten und Ziegelei, schließlich auch einfache Lehrbücher über Architektur, Fassaden und Grundrißlösungen, und Zeichen und Malstunden bei der Künstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche Bekanntschaft auch später eine große Bereicherung war. Meine wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich wollte Jura studieren. Es gab sehr ernste Gespräche. Meine Mutter überraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will und mich auch nicht für sehr begabt für das Baufach halte, dann sollte ich doch meinen größten Interessen und anscheinender Begabung nach Geschichte studieren.
Wahrscheinlich hatte sie recht. Ihr Bruder Walter und meines Vaters Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und das war auch meiner Mutter Ehrgeiz für mich. Wenn nicht das, dann fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wäre doch auch vielversprechend. Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bücher über Nationalökonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und Zeitgemäße.
Zunächst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschäft bis April 1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen in Deutschland. So machte ich noch einen Winter "Saison" in Kattowitz mit, lernte die väterlichen Betriebe besser, auch mit Handangreifen kennen.
Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grünfeld in Beuthen; zur Beerdigung kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld aus Berlin. Er fragte nach meinen Berufsplänen, hielt aber gar nichts von einem Nationalökonomie Studium. Natürlich, wenn ich dem Vater zuliebe Architektur studieren will, könnte er nichts sagen, aber er lud mich ein, für einige Wochen nach Berlin zu kommen, und das tat ich auch.
Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee in Grunewald. Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich lernte etwas vom Großstadtleben Berlins kennen. Bei einem früheren Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin für einige Wochen im Haus in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld mit Vettern Herbert und Ernst eingeladen gewesen. Das war ein ganz anderer Stil, mit viel Betonung auf die Reitpferde und die große Gartenliebe, aber auch viel Anregung für Kunst und Musik. Jetzt bei Benjamins fehlte die Tante Ida, sie litt an Depressionen.
Natürlich hörte ich viel über Rawack & Grünfeld, besuchte das Büro, mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongespräche und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust oder Eignung fürs Baufach verspürte, warum soll ich nicht bei meinem Onkel bei Rawack & Grünfeld ins Erzgeschäft eintreten, anstatt zu studieren? Ich fuhr wie vorgesehen zurück nach Kattowitz; dort fiel der Entscheid für des Vaters Wünsche, und ich bereitete mich vor, zum Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grünfeld mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch Kattowitz kannte, alles Nötige für meine Aufnahme und Förderung meines Studiums einleitete.
Kapitel 5
Als Student in der Weimarer Republik
A) Berlin
a) Leben und Studium
Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel ein möbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte. In späteren Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg. Das Haus in Dahlem blieb mir während der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium und Quelle vieler Anregungen auch für alle die großen Attraktionen des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet wurde. Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch, aber auch sehr begeisterungsfähig.
Für mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem Onkel Max halten. Neben der Einführung in das Bauwesen bei Dr. Weiss hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch "Freihandzeichnen". Grade das war ein früher Kampf, und meine Unbegabtheit bald eine Warnung, daß ich es mit dem Architekturstudium schwer haben würde. Ich kämpfte drei Semester mit diesem Problem, und je näher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im Studium kam, desto stärker wurde die Überzeugung, daß ich aussteigen müßte. Dabei kann ich nicht sagen, daß ich nicht vieles an diesem Studium gern hatte, aber es war eine unglückliche Liebe.
Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein großer Kenner der alten preußischen Schlösser war, zog es mich zur modernen Architektur, und für die Sommerferien plante ich eine Reise zur Bauaustellung in Stuttgart. Vorher traf ich mich mit KarlHeinz Lubowski und Freunden in Bayern für eine Wanderung über das "Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck. Schon in der Schulzeit waren wir in Bayern, München, Tegernsee und Mittenwald gewesen. Nun lernte ich noch mehr von Süddeutschland kennen, ich ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte. Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom Leben in Heidelberg. Für den Rest der Ferien ging ich nach Hause und arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.
Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner Tageblatt" bemerkt, daß es in Berlin einen Demokratischen Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt. Ich besuchte gleich ihre nächste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastraße, wo sie tagten. Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin fortging, sehr zu Hause gefühlt. Rückblickend auf mein 1.Semester wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung für mein Leben, über die ich zusammenhängend berichten will.
Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten und stets politisch orientierten Atmosphäre des Demokratischen Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine "Fraternity", mit Betonung auf die persönlichen Beziehungen der Bundesbrüder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende, obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine entscheidende politische Note gewesen war. Die Formen entstammten den alten an deutschen Universitäten gewohnten. Ein kurzer Blick auf einige StudentenVerbindungen ist da angebracht.
Wie schon erwähnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frühen 19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der 1848er Zeit. Die Burschenschaften hatten die schwarzrotgoldenen Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und für deutsche Einigung gewählt, aber das völkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich durchgesetzt. Für Fraternities hat es ja solche Exklusivität, ebenso wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland, aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "völkischen Prinzips" wurde für die deutsche und vielleicht noch mehr für die österreichische Studentenschaft charakteristisch. Trotzdem hatten während des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen Zeiträumen immer wieder jüdische Mitglieder, unter ihnen auch manche später prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder getaufter Juden (1).
Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht, einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC) zusammen, andere blieben unabhängig. So entstanden sogenannte "paritätische" Verbindungen, was schon anzeigt, daß der Anteil der jüdischen Mitglieder unverhältnismäßig zunahm und bald ganz stark überwog. Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten Gebräuchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mützen und obligatorisch Fechten. Andere jüdische Studenten hatten dagegen Korporationen gebildet, die rein jüdische Verbindungen sein wollten, aus Überzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige Antwort auf die Exklusivität und deutschvölkische Richtung der Überzahl der deutschen Korporationen.
Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung.
Weder ein Beitritt zu einer paritätischen Burschenschaft noch zum
jüdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die
Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen
Ansichten und Neigungen. Sie war 1886 gegründet worden, nachdem von
Berlin durch die Tätigkeit des Predigers Stöcker ausgehend eine neue
antisemitische und deutschnationale Welle zur Gründung des Vereins
Deutscher Studenten (VDSt) geführt hatte. Das war eine neue Art von
Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und
Fechten, dafür aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung
scharf rechts.
Als Opposition gegen diese gründeten prominente Liberale die FWV, führend der Arzt Virchow und der Historiker Mommsen. Der lebendige Kontakt mit liberaler politischer Tradition und dem Kulturleben blieb das Zeichen dieser Verbindung, die auf ihren Ursprung und ihre Vergangenheit stolz war. Im Laufe der Zeit wurde sie aber auch eine der "paritätischen" Verbindungen mit überwiegend jüdischer oder jüdischstämmiger Mitgliedschaft (2). Dies war keineswegs so bei den verschiedenen politischen Studentengruppen, wie der Demokratischen oder der Sozialistischen Studentenschaft, die ja den Großteil der außerhalb der rechtsgerichteten Deutschen Studentenschaft organisierten republikanischen Studenten stellten (3).
Die FWV hatte an der Technischen Hochschule eine eigene Verbindung, die Mitglieder fand ich sympathisch, aber noch entscheidender für meinen Beitritt zur FWV war wohl, daß ich durch meinen Vetter Herbert Grünfeld eine ganze Reihe von FWVern kennengelernt hatte, die mit ihm in Heidelberg studiert hatten. Er war dort der FWV beigetreten und hatte viele Freunde in Heidelberg und anderswo gemacht, die nun in Berlin weiter studierten.
Das war ein sehr anregender Kreis von sehr lebendigen und
interessierten jungen Menschen, viele waren Juristen und Mediziner.
Unter ihnen lernte ich auch gleich einige kennen, die in den
Studentenvertretungen und der Hochschulpolitik als FWVer auf der
republikanischen Seite aktiv und führend geworden waren, wie Heinz
Ollendorf, bei dem ich dann als Neuling "Leibfuchs" wurde, Fred
Rothberg und Kurt Lange. Wie andere Verbindungen hatte die FWV das
Amt des "Fuchsmajor" zur Einführung der Neulinge, das war der junge
Anwalt Günter Joachim, aktiver Sozialdemokrat und
Reichsbannermitglied, dann bekannt geworden als Verteidiger von in
Zusammenstößen mit Nazis verwickelten Republikanern.
Doch im Winter 1927/28 stand das Leben in der FWV noch nicht unter solchen Zeichen. Es war ein anregendes Medium, das auch der Stimmung und der Bewegtheit der damaligen Berliner Kulturszene der Goldenen 20er Jahre entsprach und dazu beitrug, daß man sich mit Gleichgestimmten daran soweit als möglich beteiligte und es mitgenoß. Natürlich kamen dafür auch immer wieder Anregungen von andersher, auch der großen Verwandtschaft. Im Haus Grünfeld in Dahlem sah besonders Tante Grete immer, daß man die richtigen Konzerte und Theateraufführungen mitmachte und Gemäldeausstellungen besuchte, wo man damals viele französischen Impressionisten sah, aber auch eigenen Neigungen folgen konnte.
Es gab in der Verwandtschaft auch andere Beziehungspunkte zum kulturellen Leben Berlins. Verglichen mit der Generation meines Vaters, einem von zehn Geschwistern, war die väterliche Familie in meiner Generation nicht so groß geworden. Während meiner Studentenzeit konnte ich nun mehr von den Vettern und Kusinen sehen, die in meiner frühen Jugend von Oberschlesien nach Berlin gezogen waren. Meine Kusine Guste Kaiser war Malerin, kopierte oft alte Meister im Kaiser Friedrich Museum, Margot Epstein wurde als Journalistin bekannt, so mit Besprechungen von Kinderbüchern, Ellen Epstein war konzertierende Pianistin, Schülerin von Schnabel, und Hans Hirschel hatte für seine literarische Tätigkeit eine Basis in Mitherausgabe der Zeitschrift "Das Dreieck" gefunden mit einigen anderen, schon bekannteren Literaten, arbeitete aber auch im Erzgeschäft von Rawack & Grünfeld. Mir war Das Dreieck zu "avantgard", aber die Besuche bei Hirschels waren immer anregend und herzlich, und diese drei Schwestern des Vaters in Berlin kochten exzellentes Essen.
In der mütterlichen Verwandtschaft in Berlin war vorerst ihr Bruder Walter Oettinger, nun Stadtmedizinalrat von Charlottenburg, unverheiratet. In seinem Kreis spielten Freundschaften aus dem Breslauer AkademischLiterarischen Verein eine große Rolle (4). Dieser war auch das, was ich als "paritätische" Verbindung beschrieben habe, mit hohem Anteil getaufter Juden. Die literarische Verpflichtung war dabei ein sehr ernstes Anliegen, bei Walter Oettinger konzentrierte sie sich auf Friedrich Hebbel, er wurde ein großer Kenner und Sammler. Er war politisch konservativ, hielt den Lokalanzeiger, aber sonntags kaufte er "heimlich" das Berliner Tageblatt.
Ein Vetter meiner Mutter war Erich Oettinger, Physiker, auch aus dem Breslauer ALV, Assistent Fritz Habers an der TH Karlsruhe gewesen, nun bei der AEG, dem ich während meiner Berliner Zeit sehr nahegestanden habe. Er hatte einen weiten Kreis geistiger Interessen und dementsprechend viele interessante Freunde; leider ist er noch während meiner Studentenzeit sehr früh gestorben.
Als ich im 3.Semester mit dem Architekturstudium zusehends unzufriedener wurde, begann ich mich für Fortsetzung des Studiums an der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der TH zu interessieren, auf betriebswirtschaftliche Führung von Industriebetrieben ausgerichtet, mit technischen und wirtschaftlichen Fächern kombiniert. Für meine 2.Sommerferien fand ich eine Stelle als Praktikant bei der Firma Holzmann auf einer ihrer Wohnblockbauten in Weissensee im nordöstlichen Berlin. Ich war kein geborener Maurer, aber so zu arbeiten entsprach mir für zwei Monate durchaus, es war gut, diese Welt kennenzulernen. Ich hatte mit ihr zu Hause schon Kontakt gehabt, aber das war nun etwas anderes. Mein Maurerpolier, ein richtiger Berliner, war ein alter Sozialdemokrat, nach Arbeitsschluß kamen manche der Arbeiter noch in die Baubude, wo er residierte, und man trank Bier.
Leider machte mir meine praktische Arbeit auf dem Bau noch klarer, daß das nicht mein Beruf war. Ich habe das dann noch zu Hause besprochen, aber zur Entscheidung noch offengelassen. Ich wollte nicht endgültig einen Studiengang wählen, der zu eventueller späterer Arbeit oder Übernahme des väterlichen Geschäfts keine Beziehung mehr hatte. Ein Weg wäre Umsattlung auf Bauingeneur gewesen, aber die Verbindung von wirtschaftlicher mit technischer Grundbildung, hauptsächlich allerdings auf Maschinenbau gestützt, die in der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung geboten wurde, zog mich mehr an.
Entscheidend wurden für mich lange Unterhaltungen mit Erich Oettinger, ich fand, daß er in meinem Berliner Umkreis der Beste war, mir unabhängigen Rat zu geben und die Courage, die ich für so einen, den Erwartungen meines Vaters entgegengesetzten Entschluß brauchte. Nach unseren langen Unterhaltungen war seine Diagnose, meinen ausgesprochensten Interessen und auch anscheinender Begabung nach sollte ich eigentlich Soziologie studieren. Das war eine gerade sehr stark beachtete Wissenschaft geworden. Mein hochrangiger nationalökonomischer Kollege im Demokratischen Studentenbund, Alfred Tismer, hatte dafür nur das Wort "Schmonzologie".
Ich entschied mich für die mehr auf praktische Zwecke ausgerichtete
Lösung der Wirtschaftswissenschaften an der TH Charlottenburg. Die
Abteilung war nach dem Muster einer in Belgien bestehenden
Industriehochschule gegründet worden. Eine ähnliche gab es in
Deutschland in München aus der Vereinigung der dortigen
Handelshochschule mit der Technischen Hochschule. Dort stand als
Abschluß immer noch ein Diplomkaufmannsexamen. In Charlottenburg
aber war es ein Diplomingeneur auch für die
Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung.
Dort konnte ich nun Nationalökonomie bei dem sehr geachteten Dr. Goetz Briefs hören, er war katholisch eingestellt, auch im Verband republikanischer Hochschullehrer tätig. Sein Assistent, der Privatdozent Fischer, war, wie sich später herausstellte, weit mehr rechts, aber diskret damit. In seinem Weltwirtschaftlichen Seminar hatte ich den Auftrag in zwei Sitzungen über die Überlebenschancen des Britischen Empires zu referieren. Er hatte mich auf die zentrifugalen Tendenzen in allen Dominien hingewiesen, und ich mußte die wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten überall studieren und aufarbeiten, so auch die Frage der Kolonien. Ich kam zu einem für England positiven Schluß, und sah dann, daß er seine Enttäuschung nur schwer verbergen konnte. Er hatte mich auf die vielen Fragezeichen überall aufmerksam gemacht (mein politischer Platz war ja allgemein bekannt an der Hochschule). Es gab sie ja auch, aber ich habe ja, jedenfalls bis zur Zeit nach dem 2.Weltkrieg, Gott sei Dank recht behalten. Gründliche Ausbildung in Betriebswirtschaft, Finanzwesen und Buchhaltung gab es bei Dr. Prion, juristische Fächer mußten meist an der Universität und Handelshochschule belegt werden. Die technischen Fächer, Maschinenbau und Allgemeine Technologie waren für mich neu, Maschinenbau und die Zeichnungen, die man da anfertigen mußte, nicht nach meiner Wahl, aber dann später belegte ich Eisenhüttenwesen als Nebenfach, und das war ein technisches Fach, das mich wirklich interessierte. Als weitere Nebenfächer an der TH belegte ich dann später noch Wirtschaftsgeographie bei Dr. Rühl, einem Freund Erich Oettingers, den ich dort kennengelernt hatte, und auch ein Semester Patentrecht bei Reinhard Jacoby, einem Vetter meiner Mutter. Das neue Studium gab mir also ein ziemlich großes Programm.
Zu den Weihnachtsferien 1928 war ich, wie immer, wieder zu Hause in Kattowitz. Die Familie, die alten Freunde, manche netten Mädchen, es gab viel Geselligkeit. Die Studenten, die in den Ferien nach Hause kamen, hatten es eingerichtet immer einen Ball zu veranstalteten, ich hatte mich an der ursprünglichen Initiative stark beteiligt. Zum Sylvesterabend in unserem Haus kamen dieses Mal neue Gäste, Frau Dr. Göppert aus Göttingen, mit Tochter Maria, die in Göttingen Physik studierte. Sie war etwas älter als ich und mir sehr sympathisch (6), war in Kattowitz geboren; unsere Eltern waren befreundet, bis ihr Vater an die Universität Göttingen ging.
Eine Folge des Sylvesterabends war, daß Maria Goeppert, Karl Heinz Lubowski und ich einen Ausflug nach Krakau machten, um ihr diese alte polnische Stadt zu zeigen, die für Kattowitz ja nun eine Art Nachbarstadt und kulturell ein großer Anziehungspunkt geworden war. Ich kannte es natürlich schon, aber dieser Ausflug verstärkte den Zauber, der von der Stadt ausging, es gab auch ein besseres Empfinden für polnische Geschichte und alte nationale Ambitionen, die sich daraus entwickeln mußten. Man hatte ja schon Unterricht in polnischer Geschichte in der Schule mitgemacht. Im Studium in Berlin war man dem etwas mehr entrückt. Karl Heinz zum Beispiel hatte sich entschlossen, in Krakau zu studieren, und er war nicht allein damit.
Das Sommersemester 1929 war für meine politische Betätigung zusammen mit Studium, besonders hektisch verlaufen. Während der Semesterferien mußte ich noch eine weitere praktische Arbeitszeit machen, die etwas mit Maschinenbau zu tun haben sollte. Erich Oettinger schlug die Lehrlings und Fortbildungsschule der AEG in Reinikkendorf vor und brachte mich dort unter. Ich wollte nicht wieder, wie in meiner Maurerzeit in Weissensee, täglich von meiner Bude in Charlottenburg hin und herfahren. Ich gab mein Zimmer auf, mietete eins in Reinickendorf, also ich lebte nun wirklich in einem unteren Mittelstands und Arbeiterbezirk. Die Belegschaft in Arbeit/Schule war auch ganz anders, darüber mehr später, wenn ich über die politische Entwicklung spreche.
In meine Praxiszeit 1929 fiel auch mein Geburtstag, der 21., zu dem die Eltern nach Berlin kamen, bei Onkel Max fand ein großes Geburtstagsdinner statt. Meine Schwester Lotte kam auch mit; sie wollte in Berlin an der Kunstgewerbeschule Innenarchitektur studieren, man wollte sehen, daß sie anständig untergebracht war. Wir sollten versuchen, etwas zusammen zu finden, und das gelang auch in zwei möblierten Zimmern bei Frl. Sachs in der Clausewitzstraße. Der Besuch meiner Eltern war eine große Freude, und die gemeinsame Wohnung mit Lotte wurde auch eine große Bereicherung meines Lebens in Berlin. Wir verstanden uns sehr gut, es war wie ein zu Hause und wir konnten Freunde einladen. Die jüdischen Feiertage Neujahr und Versöhnungstag verbrachte ich ja zum ersten Mal nicht zu Hause, sondern der Praxis wegen in Berlin, und zwar im overflow Gottesdienst in der Philharmonie, mein erster mit liberalem Ritus, es sagte mir sehr zu. Ich hatte ein Argument mit meinem AEG Werkmeister, der mir keinen Urlaub für Neujahr geben wollte. Ich nahm ihn mir einfach, schließlich war das doch eine von Rathenau gegründete Firma, fand ich. Erich Oettinger war über meinen Entschluß ebenso kritisch wie das AEG Management. Er meinte, ich hätte den Technischen Direktor anrufen und mich beschweren sollen, aber nicht einfach wegbleiben. Für den Versöhnungstag gab es das Problem nicht mehr, ich war da schon bei Jachmann, wo man mehr Verständnis für meine immer wieder starken religiösen Bedürfnisse um diese Jahreszeit hatte. Ich wußte allerdings damals gar nicht, daß die Jachmann Familie jüdisch war. In der Hitlerzeit wurden sie dann Pioniere in der Eisen- und Stahlindustrie im damaligen Palästina.
Meine religiöse Einstellung hatte damals schon begonnen, ganz neue Dimensionen zu entwickeln. Es war einerseits die Welt von Martin Buber und vor allem Franz Rosenzweig, der großen Eindruck auf mich machte, aber es war auch Bekanntschaft mit der sogenannten bibelkritischen Literatur, oder besser der historischen Betrachtung menschlicher religiöser Entwicklung, und eben auch der entscheidenden Beiträge, die das Volk Israel und das Judentum dazu gemacht haben. Der Mensch war also auf dauernder Suche nach Gott, und die jüdische Thora und dann die Prophetenbücher, über Jahrhunderte von Menschen geschrieben, waren das Bild der jüdischen Entwicklung, die dann eben auch zur Entstehung des Christentums führte.
Die damit ins einzelne gehende bibelkritische Literatur wurde zunächst von meist protestantischen Alttestamentlern und von Historikern getragen, aber bald kamen auch jüdische Autoren zu diesen nichtfundamentalistischen Forschungen. In der Preußischen Staatsbibliothek, in die ich ja auch in meinem Studium und für die politische Tätigkeit zu gehen hatte, fand ich auch Zugang zu dieser religionsgeschichtlichen Literatur. Meine religiösen Gefühle aber blieben lebendig, und ich habe bis in mein Alter jährlich an den jüdischen Gottesdiensten teilgenommen, wo immer ich auch war.
Nur ein halbes Jahr später, im Frühjahr 1930, es gab schon weltwirtschaftliche Depression und zunehmende Krise der Weimarer Republik, fand ich auch bei meinen Osterferien zu Hause, daß nicht alles beim Alten blieb. Das väterliche Baugeschäft war sehr ruhig geworden, eine drastische Verkleinerung des Apparates wurde notwendig. Die Ziegelei war sehr beschäftigt gewesen, sodaß mein Vater Expansionspläne durchführte, für deren Finanzierung die Konjunktur aber nicht ausreichte. Es wurde daran gedacht, das große, gutgelegene Stadtgrundstück, auf dem wir wohnten, zu verkaufen, und ein Verkauf, mit Umzug der Eltern in eine Wohnung schien vor der Tür zu stehen.
Mit diesen möglichen Veränderungen auch vor mir, ging ich dann wieder nach Berlin zur Arbeit an meinem Vorexamen, das ich im Juni ablegen wollte. Ich bestand es dann auch und konnte mich cand.ing. nennen. Mein Vater schien besonders glücklich damit. Ich machte nur einen kurzen Besuch zu Hause, wo die große Änderung mit Umzug der Wohnung, Verkauf eines Teils der schönen Einrichtung der großen Villa usw. schon im Zuge waren.
Für August war nämlich bei mir eine Blinddarm Operation im Krankenhaus Westend in Berlin fällig, in dem mein Onkel Walter Oettinger mich dafür untergebracht hatte. Gesundheitlich war ich seit einiger Zeit angeschlagen. Allergisches Asthma und dann die Blinddarmbeschwerden hatten mich geplagt. Ich wollte die Ferien dazu benutzen, das hinter mich zu bringen.
Einige Tage nach der sonst gut verlaufenen Operation hatte ich sehr schweres Asthma, ein großer Schock, und es sollte für Jahrzehnte auf und ab ein ständiger Begleiter bleiben.
Nach der Operation durfte ich mich vor Weiterreise im Haus der Dahlemer Verwandten erholen. Ich war ja dort immer wieder zu sehr herzlich und anregend verlaufenden Besuchen aufgenommen worden. Das Büro meines Onkels Paul bei Rawack & Grünfeld war in Charlottenburg an der Hardenberg Ecke Schillerstraße, also direkt bei der Technischen Hochschule, und wenn ich in Dahlem wohnte, konnte ich oft mit ihm in die Stadt fahren. Neuerdings hatte er auch den Hauptsitz seiner industriellen Firma GFE von Nürnberg dorthin verlegt. Wenn ich in Dahlem wohnte oder ihn besuchte, nahm ich auch teil an dem Kommen und Gehen der vielen Besucher, die mit Onkel Pauls Ferrolegierungsindustrie zusammenhingen.
Da waren die Brüder Forchheimer, der ältere Dr. Jakob hatte als Techniker die Firma ursprünglich mitgegründet und war Partner meines Onkels, der jüngere Leo Forchheimer war Businessmanager der Firma geworden, nach Berlin gezogen, und ich sah ihn oft. Auch kam Ragnar Nilson, der Leiter der schwedischen Zweigfirma AB Ferrolegeringar, und ich lernte die Vertreter der amerikanischen Union Carbide kennen, die damals mit meinem Onkel über einen Zusammenschluß der Interessen in Europa Verhandlungen führten, die aber in der Weltwirtschaftskrise dann aufgegeben wurden. Auf den Autofahrten in die Stadt hat er auch manchmal über laufende Zeitfragen und auch wirtschaftliche und Geschäftsprobleme gesprochen.
Mein Vetter Herbert war zu Beginn seiner geschäftlichen Karriere zur Ausbildung von Rawack & Grünfeld zunächst nach Beuthen, dann von GFE zu ihren verschiedenen Werken und schließlich nach England geschickt worden. Ich sah ihn auch immer wieder mal in Dahlem, aber in den Jahren meiner engsten Verbindung mit dem Hause dort war er oft nicht da. Der jüngere Bruder Ernst stand noch vor dem Abitur.
1930 hatte meine Schwester Lotte ihr Studium gewechselt, von der Kunstgewerbeschule, für die sie sehr begabt war, zum PestalozziFröbelhaus, mit dem unsere Tante Grete so enge Beziehungen hatte und sie einführte; Lotte wohnte dann auch in Dahlem. Natürlich brachte mich das dann noch öfter dorthin. Dann war dort oft der Sohn des Heidelberger Onkels Hans Sachs, Werner Sachs, der damals am KaiserWilhelm Institut in Dahlem an einer Dissertation in Chemie arbeitete. Er war auch ein Mensch mit großen allgemeinen Interessen, auch Weltanschauung, Geschichte und Politik, und es waren immer interessante Begegnungen.
Durch ihn kamen auch eine Reihe seiner Frankfurter und Heidelberger Freunde ins Haus, oft ebenfalls Professorenkinder, und da war auch Hans Bethe, Physikstudent. Aus der Familie von Werner Sachs's Mutter kamen aus Italien die Geschwister Hans und Annemarie Grelling. Hans trat in Onkel Pauls Firma ein, und nach seinem Doktorat auch Werner Sachs auf der technischen Seite. Seine Schwester Ilse, Medizinstudentin, lernte ich auch in Dahlem kennen, auch manche andere Verwandte und überhaupt viele interessante Menschen mit verschiedenstem background und Begabungen. Sehr enge Freunde waren auch die Familie Rohr, Gutsbesitzer an der polnischschlesischen Grenze, die ich viel in Dahlem sah.
Dieser weitere Rückblick auf die Verwandten in Dahlem bezieht sich ja nicht nur auf die Wochen der Rekonvaleszenz, die ich nach Blinddarmoperation und Asthma im August 1930 dort haben konnte. Ich konnte sie brauchen, denn für September stand mir Teilnahme an einer politischen Tagung in Genf bevor. Auf dem Heimweg von der Tagung verbrachte ich, nach einem kurzen Besuch in den Bergen, das jüdische Neujahrsfest in Luzern, ein ganz orthodoxer Gottesdienst, ganz ohne Chor, dann erste Durchreise durch Zürich, umsteigen in München und noch eine lange Bahnfahrt nach Kattowitz. Mich interessierte in München die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung an der Technischen Hochschule, wo man mit einem Diplomkaufmannsexamen mit weniger Betonung auf die technischen Fächer abschließen konnte. Darüber wollte ich mich orientieren.
Zu Hause verbrachte ich dann wieder den Versöhnungstag und machte mich mit dem Leben in der neuen elterlichen Wohnung vertraut, Lotte war in Berlin, wohnte in Dahlem, Marianne war zu Hause. Ich ging wieder nach Berlin, das Studium nach dem erfolgreichen Vorexamen bot neue Anregung, aber mein Interesse für Nationalökonomie war eben doch so viel stärker als die technische Seite, ein Wechsel nach München versprach einen viel schnelleren Abschluß dieses Studiums. Ich hatte ja vorher Zeit verloren, und so nahm der Plan eines Wechsels nach München im Laufe des Semesters immer festere Formen an. Für meine politische Tätigkeit aber blieb dieses letzte Berliner Semester noch eine sehr an und aufregende Zeit.
b)… und politische Bestätigung
Das Gefüge der Weimarer Republik, so schien es einem zu Beginn meiner Studentenzeit, hatte sich befestigt nach den stürmischen und gefährlichen Jahren, die der deutschen Niederlage und dem Versailler Vertrag folgten, nach Spartakus und Freikorpsrebellionen, Inflation, Ruhrbesetzung und gelungener Währungsreform, es entstand auch ein besseres Klima mit den Westalliierten unter Stresemann. Zunächst hatten die Rechtsparteien an Einfluß gewonnen, Hindenburg wurde 1925 zum Reichspräsidenten gewählt (der Gegenkandidat der mittleren Linken Marx verlor die Wahl, der Kommunist Thählmann hatte als Dritter kandidiert). Aber im Mai 1926 folgte dem MitteRechtskabinett Luther ein Kabinett des Zentrumsführers Marx, an dem außer Stresemann auch die Demokraten und Sozialdemokraten beteiligt waren. Wirtschaftlich hatte ein Konjunkturaufschwung begonnen, die politische Rechte schien in die parlamentarische Demokratie eingeordnet, obgleich die Republik ungeliebt blieb, und monarchistische Gefühle in weiten Kreisen der Rechten sich zäh erhielten, nicht nur in der Reichswehr, sondern in weiten Kreisen des Beamtentums, der Industrie und auch der Studentenschaft.
Dabei spielte das "Völkische", immer in unvermeidlicher Verquickung mit Antisemitismus bei den Studentenorganisationen seit langem eine besondere Rolle. Die rechtsgerichteten studentischen Korporationen schienen einen geschlossenen Block zu bilden, der vielerorts über 50% der Studentenschaft stellte.
So erinnere ich mich an das politische Bild, als ich zu Beginn meines Studiums zum ersten Mal den Demokratischen Studentenbund Berlin besuchte. Der mich, den Neuling, gleich freundlichst empfing war Richard Winners, der mir gleich einiges über den Verein erzählte, aber wohl auch sehen wollte, wer da gekommen war. Winners, aus westfälischen Arbeiterkreisen stammend, war ein Historiker aus dem Seminar Friedrich Meineskes. Er war dann auch Herausgeber des Demokratischen Zeitungsdiensts der Partei. Vorsitzender des Demokratischen Studentenbunds war damals Wolfram Müllerburg, und weiter bleiben mir besonders in Erinnerung aus dieser ersten Zeit der Jurist Kurt Kronheim, die Nationalökonomen Alfred Tismer und Gaedecke, Martin Goetz, auch aus dem Meinecke Seminar, und von der Technischen Hochschule Fritz Schlesinger, von weiblichen Mitgliedern Else Runge und Lotte Kronheim.
Für die wöchentlichen Zusammenkünfte im Demokratischen Klub wurden oft demokratische Politiker und andere zu Vorträgen gebeten, dazwischen gab es Abende mit Referaten eines Mitglieds und Diskussion, auf die man sich vorbereiten sollte. Es war hochinteressant, anregend und eine gute Schule. Danach konnte man noch ins Restaurant des Demokratischen Klubs gehen und saß dann manchmal zu einem Bier mit dem einen oder anderen demokratischen Parlamentarier oder anderen Klubmitgliedern.
Gleich nach meinem Eintritt in den Verein nahm ich an einer Pfingstwanderung teil; wir waren nur etwa zehn bis zwölf, wanderten von Rostock nach Stralsund, unbekanntes Land, eine erfrischende Erfahrung unter Menschen, denen man Verbindung mit der Jugendbewegung und Leben in Jugendherbergen noch anmerken konnte.
Meine erste Verwicklung in den eigentlichen hochschulpolitischen Konflikt jener Tage hatte sich aber gleich bei Studiumsbeginn aus einem besonderen Zusammenhang ergeben. Die Studenten einer Hochschule waren in einer offiziell anerkannten Studentenschaft zusammengefaßt, und die aller deutschen Hochschulen in der Deutschen Studentenschaft. Diese war nach 1918 unter Führung von zurückkehrenden Frontsoldaten gegründet worden, unter ihnen auch republikanisch gesinnte, so der erste Vorsitzende Otto Benecke, ideologisch noch prominenter für lange Zeit Werner Mahrholz und z.B. auch Immanuel Birnbaum und Ludwig Merzbach. Aber die alten studentischen Korporationen gewannen bald die Oberhand und trieben ihre völkischen Ideen voran, ebenso wie neue deutschvölkische Gruppen.
Beschränkung der Mitgliedschaft der Studentenschaften auf "völkisch"deutsche Studenten wurde verlangt, also Ausschluß jüdischer Studenten. Die Verfassungen mußten aber von den zuständigen Länderregierungen bestätigt werden, es sollte sich ja um öffentlich anerkannte Studentenschaften handeln, denen die Selbstverwaltung staatlich geförderter Studentenhilfseinrichtungen wie Mensa, Krankenkassen usw. anvertraut werden sollte. Die Verhandlungen zwischen den stark rechtsradikal gewordenen Studentenführungen und den Regierungen, voran dem Preußischen Kultusministerium, zogen sich Jahre lang hin. Die Studentenschaft hatte für Hochschulen in Deutschland die vom Ministerium als Norm festgesetzte Mitgliedschaft aller Studenten, die deutsche Staatsbürger waren, angenommen, aber für das "Großdeutsche Prinzip", auf dem sie bestehen wollten, daß österreichische und auslandsdeutsche Studenten auch Mitglieder sein könnten, wollten sie das auf "deutsche Abstammung" beschränken unter Ausschluß von Studenten jüdischer Abstammung.
Die Führung der Deutschen Studentenschaft, fest in den Händen der rechtsgerichteten Korporationen, blieb darüber in ständigem Konflikt, besonders mit der preußischen Weimarer Koalitionsregierung, der sich rechtlich auf zwei Punkte in der Verfassung der Deutschen Studentenschaft zugespitzt hatte, erstens wenn auslandsdeutsche Studenten weiter aufgenommen werden sollten, dann ohne Arierparagraph, und zweitens, wenn die Deutsche Studentenschaft weiter mit österreichischen oder auslandsdeutschen Studentenschaften, die bei sich gar nicht staatlich anerkannt sind, "koalieren" will, dann nur solchen, die auch keinen Arierparagraphen haben.
Dieser Konflikt beschäftigte Anfang 1927 nicht nur die Hochschulen, sondern auch Parlament und Tagespresse. Es war mir somit vor Studienbeginn, in Kattowitz, schon klar, daß ich, deutschjüdischer Herkunft aus PolnischOberschlesien, zu dem umstrittenen Personenkreis für Aufnahme in die Studentenschaft gehören würde und stellte Antrag für Aufnahme gleich bei Semesterbeginn. Mir wurde zunächst gesagt, meine Aufnahme würde den Prinzipien der Studentenschaft widersprechen, aber ich würde Bescheid bekommen.
Wenig später erhielt ich durch das Sekreteriat der Hochschule die Aufforderung, mich bei der sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Wegscheider im preußischen Landtag zu melden. Ich traf eine sehr resolute, ältere Dame, Hochschulreferentin in ihrer Fraktion; sie sagte, sie hätte über mich gehört (6), und fragte, ob ich Aufnahme in die Studentenschaft beantragt hätte, und da ich schon auf Bescheid wartete, aber eine Ablehnung in Aussicht gestellt worden war, sollte ich mich im Fall irgendwelcher Schwierigkeiten sofort bei Dr. Otto Benecke melden, dem Presseschef im Preußischen Kultusministerium. Bald darauf kam die Ablehnung und ich machte meinen ersten Besuch im preußischen Kultusministerium. Nach einiger Zeit wurde ich zur Studentenschaft gebeten. Der Schriftführer Walther Nothis, der konservativkatholischen Verbindung CV angehörend, bestätigte meine Aufnahme, die vorherige Ablehnung wäre ein Irrtum gewesen (7).
Im politischen Verfassungskonflikt der Deutschen Studentenschaft mit dem preußischen Kultusministerium kam es aber zu keinem Kompromiß. Das im Juli 1927 gestellte Ultimatum wurde von den Studentenschaften in einer Urabstimmung im November abgelehnt und die Studentenschaft daraufhin vom Ministerium aufgelöst. Meine Mitgliedschaft währte also nicht lange.
Die an allen Hochschulen bestehenden wirtschaftlichen Einrichtungen für die Studenten, ja die eigentlichen, praktischen Seiten studentischer Selbstverwaltung, hatten ein gewisses Eigenleben, unabhängig von den rechstradikalen, politischen Aktivitäten der Deutschen Studentenschaft entwickelt. Sie sollten weiter bestehen, unabhängige neue Rechtsformen (E.V.) wurden gewählt, auf gesamtdeutscher Ebene wurden sie nun im Deutschen Studentenwerk E.V. mit Sitz in Dresden zusammengefaßt. Die Wirtschaftseinrichtungen wurden von manchen aktiven oder früheren Studentenschaftsfunktionären geführt, die sich auf diese Arbeit spezialisiert hatten, zum Teil halb oder sogar vollberuflich dort tätig waren. Es hatte sich also eine eigene personelle Struktur für diese Wirtschaftseinrichtungen entwickelt, deren Mitglieder stark auf die sachlichen Aufgaben konzentriert, weniger politisch engagiert und daher jetzt bei Auflösung der staatlich anerkannten Studentenschaft sehr an der Fortführung der Wirtschaftshilfe in Zusammenarbeit mit den Landesbehörden interessiert waren.
Schon im Laufe des Konflikts in Preußen hatte es außerhalb Preußens in Heidelberg 1926 einen Beschluß des Studentenschaftsparlament(Asta) gegeben, aus der Verfassung die strittigen völkischen Bestimmungen herauszunehmen und eine unparteiische, unpolitische, auf die eigentliche Selbstverwaltung ausgerichtete Studentenschaft anzustreben. Heinz Ollendorf hatte damals als Heidelberger Astamitglied von republikanischer Seite gemeinsam mit dem Sozialisten Hoeber an diesen Beschlüssen mitgewirkt und auch auf dem Studententag der Deutschen Studentenschaft in Bonn den Heidelberger Standpunkt mitvertreten(8).
Die Heidelberger Studentenschaft wurde daraufhin aus der Deutschen Studentenschaft ausgeschlossen. Die Leipziger Studentenschaft war auch nahe dran. Anschließend an ihre Heidelberger Erfolge ging nun von Ollendorf und Hoeher die Initiative aus zur Gründung einer Gegenorganisation zur Deutschen Studentenschaft, die nun in den nächsten Monaten als Deutscher Studentenverband(DStV) auch entstand.
An unserer TH waren die studentische Wirtschaftshilfe und die Studentenschaft in je einer von den Baracken auf der Rückseite der Hochschule untergebracht.Im Grunde genommen verschwand die Studentenschaft wie sie bisher politisch existiert hatte, gar nicht. An allen preußischen Hochschulen gründete die gesamtdeutsche Deutsche Studentenschaft sofort neue Organisationen; an der TH Charlottenburg nannte sie sich "Großdeutsche Studentenschaft" und fuhr weiter fort mit demselben Vorstand und Ausschüssen, Programmen und Propaganda. An der Universität Berlin zum Beispiel waren republikanische Studenten und ihre Vereinigungen zwar auch in der Minderheit, aber sie hatten bei den Astawahlen Sitze erhalten und waren so auch bei Auflösung der Studentenschaft aktiv in den Wirtschaftsorganisationen vertreten. An unserer TH waren sie nicht vertreten. Die Wirtschaftsorganisationen brauchten natürlich weiter Studentenvertreter für ihre Gremien. Die erste wichtige Aufgabe war lokal für die verschiedenen republikanischen Studentenvereine zu verhindern, daß die neue Großdeutsche Studentenschaft einfach in den Funktionen der alten aufgelösten Studentenschaft fortfahren könnte. Eine gemeinsame republikanische Gegenorganisation wurde notwendig und mit Namen "Freiheitliche Studentenschaft" gegründet. Die Wirtschaftshilfe und sogar das Rektorat konnte so gezwungen, oder sagen wir durch Hinweis auf vermutliche Ansichten des Kultusministers veranlaßt werden, Vertreter der republikanisch gesinnten Studenten auch in die Außschüsse der Wirtschaftshilfe zu berufen und die Büros in der Studentenschaftsbaracke zwischen den beiden aufzuteilen.
Diese Büros schufen natürlich eine deutliche Präsenz für die republikanische Seite, wie sie sich gar nicht an allen preußischen Hochschulen so ergab. Die Mitgliedsvereine mußten Kräfte nicht nur für die übliche Vorstandsarbeit und Vertretung in Wirtschaftshilfe und gegenüber dem Rektor bereitstellen, sondern auch für Abhaltung von Bürostunden. Bei der Gründung war der Sohn eines prominenten Professors der TH, Fritz Schlesinger vom Demokratischen Studentenbund, und ältere Semester von FWV und KC führend beteiligt, aber Schlesinger erkrankte; ich übernahm von ihm, wurde dann Vorsitzender dieser Freiheitlichen Studentenschaft der TH und blieb es mehrere Semester. Enge Mitarbeiter und Nachfolger waren Rudi Samuel vom KC und später der Sozialist Ahrens.
Bei Beginn meines 3.Semesters, Sommer 1928, erwartete mich zu meiner größten Überraschung ein noch viel weitergehendes Engagement. Nichts ahnend kam ich zu einer Mitgliederversammlung des Demokratischen Studentenbunds Berlin, und vor Beginn wurde mir mitgeteilt, daß Alfred Tismer den Vorsitz aufgeben muß, er wurde von einer bekannten Privatbank beauftragt, eine Methode für Errechnung der "Goldpunkte" auszuarbeiten, und das neben seiner Dissertation wäre dann zuviel.
Ich hatte mich häufig an Debatten beteiligt und zu den meisten politischen Themen etwas zu sagen gehabt. Die maßgebenden Mitglieder hielten mich für den geeignetsten, ja eigentlich den einzigen damals plausiblen Nachfolger. Die Plötzlichkeit erschreckte mich, ich war bereit erst einmal mich im Vorstand einzuarbeiten, aber so aus dem Stand den Vorsitz zu übernehmen war zuviel. Müllerburg, Tismer, Winners u.a. versprachen vollste Unterstützung, nun mußte man auch noch sehen, wie man die übrigen Vorstands und anderen Mitglieder dazu bringen konnte, aber ich wurde gewählt und trat das Amt mit einigen Zweifeln und Ängsten an, fühlte mich aber bald wie ein Fisch im Wasser.
Das rein Organisatorische war nicht der Berg, den ich mir vorgestellt hatte, das Interessante war die Programmgestaltung und Vorbereitung, die Kontakte und Repräsentanz, in Liaison mit der Demokratischen Partei, ihren Abgeordneten und anderen Politikern und den Hochschullehrern, die ihr nahestanden. Sie gehörten teilweise zu der Altherrengruppe, die der Studentenbund gebildet hatte, mit Theodor Heuss als einer der aktivsten Stützen, der Geschäftsführer war Ministerialrat Haensel im Reichsinnenministerium und regelmäßige Besuche in seinem Büro gehörten zur Routine meines neuen Amts. Dann waren noch die Jungdemokraten, deren Verband die Studentengruppen auch angehörten und schließlich Kontakt mit den gleichgesinnten Zeitungen. Das war besonders Werner Mahrholz von der Vossischen Zeitung und Rudolf Olden vom Berliner Tageblatt, die dort über Hochschulfragen schrieben und alte Beziehungen zu den Entwicklungen in der Studentenschaft hatten. Besonders Werner Mahrholz galt als so etwas wie ein Mentor der republikanischen Studenten, und der Demokratische Studentenbund war ihm dabei der nächste. Die Besuche bei beiden waren für mich besonders wichtig und anregend.
Ich war noch jung in meinem Amt, ohnehin noch nicht 20, als dann neue Reichstagswahlen am 20.Mai 1928 stattfanden. Wir Studenten mußten an den Vorbereitungen für die Partei mithelfen, Wahlversammlungen besuchen, war aber nicht sehr mein Fall, Adressenschreiben. Die Wahl wurde ein großer Erfolg für die republikanischen Parteien, und man teilte das Hochgefühl einer beginnenden politischen Sicherheit für die Weimarer Republik, das sich daraufhin verbreitete. Es bildete sich eine Reichsregierung der Großen Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller und als Außenminister dem Volksparteiler Gustav Stresemann als dem anderen Eckpfeiler. Die Demokraten waren vertreten durch ihren Parteiführer Erich KochWeser (Justiz) und Hermann Dietrich (Ernährung). Dies ging zusammen mit einer Zeit wirtschaftlichen Booms, die sich wiederentwickelnde und aufbauende deutsche Wirtschaft zog erhebliche Kapitalzufuhr vom Ausland an, das bessere Klima des Vertrauens schien der Sache der Republik zu Hilfe zu kommen. Bei diesen Wahlen im Mai 1928 verlor die Rechte an Stimmen und die NSDAP kam im Reichstag auf nur zwölf Mandate. Die Wahlresultate und Bildung einer scheinbar soliden Regierung der Großen Koalition stärkten auch die Stellung unserer republikanischen Studentenorganisationen im Hochschulleben. Es war eben nicht mehr nur der preußische Kultusminister, der hinter uns stand, die Mehrheit des deutschen Volkes war für die Republik und auch die beiden größeren republikfeindlichen Parteien, die Kommunisten und die Deutschnationalen, hatten im Moment wenig zu bestellen.
Ein besonderes Anliegen, das ich verspürte, war Kontakt mit dem Verein für das "Deutschtum im Ausland" (VDA), der jährliche Pfingsttagungen mit großer Beteiligung der Schul und studentischen Jugend abhielt. Einige meiner Kattowitzer Schul und anderen Freunde gingen dorthin. Der VDA war damals schon stark auf die Minderheitenschutzideen ausgerichtet, die mir von Hause her am Herz lagen. Der Anhängerkreis rekrutierte sich aber stark aus rechtsgerichteten Kreisen, und die unheilige Mischung aus Minderheitenschutzparolen und nationalistischem Chauvinismus war, meiner Ansicht nach, gar nicht in der Natur der Sache. Republikanisches Interesse und Beteiligung am VDA schien mir daher wünschenswert. Werner Mahrholz hatte sich auch seit vielen Jahren für Auslandsdeutschtum als eines der Themen seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit interessiert, und mit dem Kontakt, den ich mit ihm hatte, war ich ermutigt, an der Pfingsttagung 1928 des VDA teilzunehmen. Ich meldete mich vorher bei der Studentengruppe des VdA in Berlin, die vom VdSTer Neumann geleitet wurde, erklärte, wer ich bin und daß ich teilnehmen würde.
Es war eine lange Bahnfahrt von Berlin. In meinem Abteil saßen drei VdSter, die Skat spielten, es kam kaum eine Unterhaltung auf, die Stimmung war antagonistisch. Auf einer der Haltestellen kam ein anderer Student dazu und setzte sich mir gegenüber; wir hatten eine sehr angeregte und auch recht persönliche Unterhaltung. Man konnte mit ihm sehr vernünftig über viele politische und weltanschauliche Fragen sprechen, auch wenn so viele Ansichten sehr gegensätzlich waren. Es stellte sich bald heraus, daß der mir gegenüber sitzende Zusteiger Hermann Pröbst war, Vorstandsmitglied der Deutschen Studentenschaft, ein bayrischer Katholik, seinen Namen kannte ich. Er schien ein recht gemäßigter Mann im Führungsgremium der Deutschen Studentenschaft zu sein. Abgesehen von einer wirklich interessanten und aufgeschlossenen Unterhaltung hatte sein Zusteigen mich von der Alleinreise im Abteil mit den eher provokativen Skatspielern erlöst. Ich habe nie erfahren, ob er zufällig zustieg. Erst nach beinahe zwei Jahren bin ich ihm dann wieder begegnet.
Bei der Tagung selbst war nicht nur die Landschaft am Wolfgangsee, sondern auch das Treiben der Menge, besonders der Jugend erfrischend, aber es war nicht wirklich interessant. Die Formen der Studententagung waren konventionell, ein großer Kommers als Höhepunkt. Der Klang patriotischer Lieder schwoll durch den Saal, und als nationalistische Begeisterung so besonders stark anschwoll bei dem Lied "SchleswigHolstein meerumschlungen", da wollte ich am liebsten mich herausreißen. Das war es also "von der Etsch bis an den Belt". Gehörte das mit Dänemark auch zum Katalog der Revision des Versailler Vertrages? Plötzlich kam mir die Unterhaltung über die Kaiserpfalz von Goslar, aus der Religionsstunde in der Schule in den Sinn, und wieder kam ein Fragezeichen: was tat ich eigentlich hier?
Nach meiner Rückkehr nach Berlin besuchte ich nochmals Neumann im VDA, wie er gebeten hatte, um meinen Kommentar über die Tagung zu geben. Ich fand, Verbundenheit mit den Auslandsdeutschen darf nicht gleichbedeutend mit nationalistischen Kundgebungen sein, und die Form des Kommerses verleitet dazu. Eine zeitgemäßere Form wäre besser, zum Beispiel eine akademische Feier mit Vortrag und Musikumrahmung. Er notierte das.
Im Verlauf meines 3.Semesters waren zu meinen Pflichten im Demokratischen Studentenbund und der Freiheitlichen Studentenschaft der TH noch Mitarbeit im Deutschen Studentenverband gekommen, mit Sitz im neugebildeten Hauptausschuß. In der ersten Sitzung war ich dafür, die Gründungserklärung so zu halten, daß ein Weg offen blieb für Zusammenarbeit zwischen den studentischen Lagern in der praktischen studentischen Selbstverwaltungsarbeit. Meine Einstellung war beeinflußt davon, wie sich die Dinge da an unserer TH entwickelt hatten. Mir schien immer wesentlich, eine Brücke zu den Gemäßigten im anderen Lager aufrecht zu erhalten, als beste Chance für eine Verbreiterung und damit Festigung einer republikanischen Front. Zu dem Gremium, das da beisammen war, gehörten auch ältere, frühere republikanische Studentenführer, die im ersten Jahr des Deutschen Studentenverbands uns mit Rat und Tat halfen. Ich blieb aber ziemlich isoliert mit meiner Einstellung, und als dann während unserer Sitzung eine sehr feindselig gehaltene Erklärung der
Deutschen Studentenschaft zur Gründung unseres Verbands veröffentlicht wurde, da war jede Mäßigung vom Tisch. Einer unserer älteren Mentoren, HansHelmuth Preuss(9), wandte sich etwas höhnisch zu mir: "sehen sie, so lassen einen manchmal die besten Freunde im Stich".
Mein Maurerpraktikum im Norden Berlins in den Sommerferien 1928 ist mir auch für politsche Eindrücke in Erinnerung geblieben. Es war ja grade erst nach den für die Sozialdemokraten und die Republik so erfolgreichen Wahlen 1928, die Stimmung war zuversichtlich, von Nationalsozialisten war auf dem Bau noch kaum zu hören. Mein Maurerpolier hatte schon viel in der sozialdemokratischen Parteiorganisation miterlebt. Es gab mir aber einen neuen Einblick über deutschjüdische Beziehungen. Er machte durchaus einen Unterschied daraus, daß ich jüdisch war. Er grenzte es ganz scharf ab von nationalsozialistischer, antisemitischer Propaganda, die schon damals recht lautstark wurde, er hatte auch einen eingeheirateten jüdischen Schwager in der Familie, es war so nichts feindliches in seiner Einstellung, aber der Unterschied nicht nur klar empfunden, sondern auch sofort ausgesprochen und bei Namen genannt, da war kein Raum für die Art von Tabu, das jüdische Assmilation oft errichten zu wollen schien. Mir war das recht so. Im Grunde genommen hat es mir geholfen, spätere antisemitische Angriffe, zum Beispiel in Studentenversammlungen an der TH mit größerem Gleichmut zu ertragen.
Auch nach dem Wechsel im Studium blieb ich bei meiner politischen Aktivität. Im demokratischen Studentenbund gab es eine vielfältige Reihe von Vortragenden bei den wöchentlichen Zusammenkünften. Einmal hatten wir Theodor Heuss eingeladen, er wollte vorher mit mir seinen Vortrag besprechen. So fuhr ich zu ihm nach Steglitz, es war ein richtiges Gelehrtenzimmer, sehr gemütlich, wo man sich unterhielt, er bot mir eine riesige Brasilzigarre an, weit größer und schwerer als ich sonst damals schon rauchte, und die sich dann auch nicht gut mit der Rückfahrt vertrug.
In der Demokratischen Partei gab es deutliche Gegensätze und Spannungen zwischen linken und rechten Flügeln, das machte sich auch beim Studentenbund bemerkbar. Der demokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Hermann Fischer, Präsident des Hansabundes, eines Verbandes mittlerer industrieller und gewerblicher Firmen (er galt als Inhaber der größten Zahl von Aufsichtsratsitzen in Deutschland), dominierte, wenn nicht die Partei, so doch den rechten Flügel; er war selbst einst Korpsstudent und zeigte großes Interesse für unseren Studentenbund, ohne viel Gegenliebe zu finden. Der Studentenbund war zwar nicht so links wie die Jungdemokraten, aber Einflüsse von Wirtschaftsverbänden waren nicht populär. Da war schon viel mehr Sympathie für Anton Erkelenz, Gewerkschaftsführer. Eine große Traditionsfigur in der Partei war Friedrich Naumann geworden, und als die ihm nächsten Nachkommen galten wohl Theodor Heuss und Gertrud Bäumer, die auch bei uns sprach.
Ich finde es schwer zu sagen, ob sie zum rechten oder linken Flügel der Partei gehörten, sie waren betont national in der Außenpolitik, wie es ja Naumann auch gewesen war, und so auch Hermann Dietrich, also eher rechts, ohne daß dies von der wirtschaftspolitischen Seite her kam. Anders wieder Oskar Meyer, von zunehmendem Einfluß (10) in Fraktion und Partei, Syndikus der Berliner Handelskammer und mit der Wirtschaft eng verbunden, aber sonst nicht rechts. Auch Dr. Ludwig Haas, als alter süddeutscher Liberaler Politiker sehr angesehener Abgeordneter (11) sprach bei uns, er war jüdisch und ein KCer.