Der Sohn

Ein Drama in fünf Akten

von

Walter Hasenclever

Kurt Wolff Verlag · Leipzig

Geschrieben 1913
Erstmals erschienen im Frühjahr 1914

Das Recht der Aufführung ist
durch den Bühnenvertrieb Paul
Cassirer, Berlin, zu erwerben

Sechstes bis zehntes Tausend
Copyright 1917 Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig


Personen:

Der Vater
Der Sohn
Der Freund
Das Fräulein
Der Hauslehrer
Der Kommissar
Adrienne
Cherubim
Herr von Tuchmeyer
Fürst Scheitel
*
Zeit: Heute.
In einem Verlaufe von drei Tagen.


Erster Akt.

Erste Szene.

Das Zimmer des Sohnes im elterlichen Hause. In der Mittelwand ein großes Fenster mit Ausblick in den Park, fern die Silhouette der Stadt: Häuser, ein Fabrikschornstein.

Im Zimmer die mäßige Eleganz eines angesehenen Bürgerhauses. Möbel in Eichenholz; die Ausstattung eines Studierzimmers: Bücherschränke, Arbeitstisch, Stühle, Landkarte. Tür rechts und links. Die Stunde vor der Dämmerung.

Der Sohn. Der Hauslehrer.

Der Sohn:

Ich bin zwanzig Jahre alt und könnte am Theater sein oder in Johannisburg Viadukte bauen. Weshalb muß es an der Formel für den abgestumpften Kegel scheitern! Alle Professoren waren mir gewogen, sogar der Direktor sagte mir vor. Ich hätte die Aufgabe glänzend gelöst — wäre ich nicht im letzten Augenblick geflohn. Ich glaube, es gibt etwas, das zwingt uns zum Schmerz. Ich hätte die Freiheit nicht ertragen. Vielleicht werde ich niemals ein Held.

Der Hauslehrer:

Sie haben also die Matura nicht bestanden. Wie oft habe ich mit Ihnen hier an diesem Tische gesessen und mit Ihnen die Formeln gepaukt. Habe ich Ihnen denn nicht erklärt, daß man den kleinen vom großen Kegel subtrahiert! Antworten Sie!

Der Sohn:

Ja, Herr Doktor. Sie haben es mir erklärt. Ich verstehe Ihren Schmerz. Sie sind traurig, weil dieser Kegel in der Welt ist. Glauben Sie mir, ich bin es nicht mehr! Mir fehlt sogar die vergängliche Pose, die sich noch unter Tränen verhöhnt. Sie werden sagen, ich sei ein Schwächling oder ein Schurke. Aber ich sage Ihnen: ich stand im schwarzen Rock vor der schwarzen Tafel — und wußte genau, daß ich die Kreide in der Hand hatte. Ich wußte sogar, daß man den kleinen vom großen Kegel subtrahiert und trotzdem — ich habe es nicht getan.

Der Hauslehrer:

Aber weshalb nicht! Ich frage Sie, weshalb?

Der Sohn:

Jemand wurde vor mir in Geschichte geprüft: 1800 so und so viel war die Schlacht bei Aspern. Und während meine Hand unwirklich die Kreise an der Tafel beschrieb, sah ich Erzherzoginnen und fliehende Boulevards ... Sie werden begreifen, daß man in dieser Süßigkeit allein schon die Mathematik vernichtet. Die Auflösung einer einzigen Klammer hätte mich gerettet. Ich habe es vorgezogen, mich in ihr zu verachten.

Der Hauslehrer:

Wir hätten in den letzten Tagen nicht so viel arbeiten sollen. Ihr Zustand ist begreiflich. Sie stehen unter einer seelischen Depression.

Der Sohn:

Ich glaube, die Seele der Menschen ist nicht so einfach. Dieser Tag ist ein Erlebnis. Meine Sehnsucht, frei zu werden, war zu groß. Sie war stärker als ich, deshalb konnte ich sie nicht erfüllen. Ich habe zu viel empfunden, um noch Mut zu haben. Ich bin an mir selber verblutet. Ich werde wohl niemals die Kraft haben, das zu tun, wofür ich da bin. Jetzt sehen Sie ein, daß ich die Matura nicht bestehen konnte: ich wäre an irgend etwas zugrunde gegangen.

Der Hauslehrer:

Beruhigen Sie sich. Es ist nicht so schlimm.

Der Sohn:

Ich danke Ihnen. Sie sind gut zu mir. Man wird Sie davonjagen, weil ich ein Idiot bin.

Der Hauslehrer:

Ich wollte, ich könnte Ihnen helfen.

Der Sohn:

Mein Vater wird dafür sorgen, daß es nicht geschieht.

Der Hauslehrer:

Wie werden Sie es ihm sagen?

Der Sohn:

Bitte telegraphieren Sie ihm, Sie wissen seine Adresse. Es ist mir unmöglich, das selber zu tun. Ich fürchte seinen Zorn nicht, doch ich leide an jedem Menschen und an jeder Straße. Ich bin gedemütigt durch jede Existenz, die meine Sehnsucht nach ihr verringert. Ich finde es empörend, daß ein Gebäude entsteht, aus dem man vermittels elektrischer Wellen die Lüfte ruiniert. Wie hasse ich dies Communiqué zwischen Kaiser und Kommis! Der Teufel hat dafür gesorgt, daß sich jede Braut und jeder Sterbende noch um die Erde drahtet.

Der Hauslehrer:

Ich möchte Ihnen etwas sagen. — Seien Sie nicht bekümmert meinetwegen, wenn Ihr Vater mich nach Ihrem Durchfall entläßt ...

Der Sohn

(schnell):

Sie haben Familie und müssen sorgen. Ich bin schuld wenn Sie unser Haus verlassen. Das tut mir leid.

Der Hauslehrer:

Das soll Ihnen nicht leid tun! Denken Sie an sich. Wenn ich auch nur Ihr Hauslehrer bin — glauben Sie mir — ich liebe Sie trotzdem!

Der Sohn

(ergreift seine Hände):

Mein alter Freund, ich wußte es, daß Sie mich lieben. Eines Tages, wenn ich geerbt habe, will ich Sie einladen auf eine Reise nach Paris oder Hindostan. Dann werden wir in den Louvre gehn und mit arabischen Mädchen soupieren. Die Erde, die uns trennt, ist nicht so groß! Auch für Sie leben die Götter Homers und Schillers Lied an die Freude.

Der Hauslehrer:

Was werden Sie jetzt tun?

Der Sohn:

Vielleicht einen Monolog halten. Ich muß mich aussprechen mit mir. Sie wissen, daß man sonst diese Mode verachtet. Ich habe es niemals als schimpflich empfunden, vor meinem eignen Pathos zu knien, denn ich weiß, wie bitterernst meine Freude und mein Schmerz ist. Seit meiner frühesten Kindheit hab ich gelernt, die Einsamkeit um mich her zu begeistern, bis sie in Tönen zu mir sprach. Noch heute kann ich in den Garten gehn und vor etwaigen Bäumen eine Symphonie dirigieren und mein eigner Tenor sein ... Kennen Sie das Gefühl nicht?

Der Hauslehrer

(bescheiden):

Wir wohnen auf einer Etage.

Der Sohn:

Wenn sie Beifall rufen und man sich verbeugen muß mit einer Nelke im Knopfloch ...

Der Hauslehrer:

Wer ruft denn?

Der Sohn:

Die Leute, die nicht da sind! Begreifen Sie doch, Mensch: man lebt ja nur in der Ekstase; die Wirklichkeit würde einen verlegen machen. Wie schön ist es, immer wieder zu erleben, daß man das Wichtigste auf der Welt ist!

Der Hauslehrer:

Was soll ich Ihrem Vater telegraphieren?

Der Sohn:

Schonen Sie ihn nicht: er haßt mich! Ich weiß, er wird rasen. Ich bin feige, sonst würde ich lügen, man habe mich von der Schule gejagt, daß um eine Stunde seine Wut sich vergrößert. Telegraphieren Sie ihm alles, was Sie wollen — nur nicht, daß Sie mich lieben.

Der Hauslehrer:

Ich verstehe Ihren Vater nicht.

Der Sohn:

Wenn Sie selber einmal Vater sind, werden Sie genau so wie er. Der Vater — ist das Schicksal für den Sohn. Das Märchen vom Kampf des Lebens gilt nicht mehr: im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der erste Haß.

Der Hauslehrer:

Aber sind Sie nicht der Sohn?

Der Sohn:

Ja, deshalb bin ich im Recht! Das kann keiner verstehn außer mir. Später verliert man die Balance mit sich in dieser Zeit. Lieber Doktor: vielleicht werden wir uns nicht wiedersehn. Hören Sie noch einen blutenden Rat aus meinem Herzen: wenn Sie jemals einen Sohn haben, setzen Sie ihn aus oder sterben Sie vor ihm. Denn der Tag kommt, wo Sie Feinde sind, Sie und Ihr Sohn. Dann gnade Gott dem, der unterliegt.

Der Hauslehrer:

Lieber Freund, wir werden uns allesamt in dieser Welt verirren. Weshalb wollen Sie so grausam sein! Gehn Sie doch auf die Straße und sehen Sie ein Tier an, das vor dem Donner erschrickt. Wissen Sie, wie hungrigen Mädchen zumute ist, und sind Sie einmal einem Krüppel begegnet, der morgens um 6 Uhr Brot holt? Dann werden Sie dankbar sein, einen Vater zu haben. Jedem von uns geschieht unrecht, und jeder tut unrecht. Wer wirft den ersten Stein! Ich war ein armer Hund, und mein Vater hat für mich gearbeitet. Ich habe gesehn, wie er gestorben ist. Und ich habe geweint. Wer das erlebt hat, der richtet nicht mehr.

Der Sohn:

Wer hilft mir, wenn ich traurig bin? Glauben Sie, ich kann einschlafen jeden Abend, wenn ich schlafen muß? Glauben Sie, ich wüßte nicht, wie weh es tut, wenn man am Sonntag nicht aus dem Hause darf, wo doch jedes Dienstmädchen zum Tanze geht?

Mein Vater wird niemals dulden, daß jemand auf der Welt mein Freund ist. Ich habe die Süßigkeit eines ärmsten Bewohners noch nie gekostet. Und weshalb redet er nicht mit mir über Gott? Weshalb spricht er nicht von Frauen? Weshalb muß ich heimlich Kant lesen, der mich nicht begeistert? Und weshalb dieser Hohn über alles, was doch weltlich ist und schön? Glauben Sie, es genügt, wenn er mir manchmal am Abend das Sternbild des großen Bären zeigt? Er sitzt mit seiner Zigarre unten auf der Terrasse, wenn längst kein Automobil mehr in die Stadt fährt. Aber ich stehe oben und kämpfe mit allen Göttern und sterbe vor einer Frau, die ich noch nicht kenne. Wie oft bin ich des Nachts im Hemd über die Stiegen gewandelt, sehnsüchtig wie ein Geist, der keine Ruhe findet.

Der Hauslehrer:

Hätten Sie noch eine Mutter, Ihnen wäre wohl.

Der Sohn:

Meine Mutter starb bei meiner Geburt. Ich weiß nichts von ihr. Alle schlafen in der Nacht, wenn ich unglücklich bin. Meine Mutter ist mir nie erschienen im Gold eines Himmeltags. Sie hat mich nie getröstet, wenn das Fieber kam. Ich glaube, sie ist zu jung, um das zu verstehn. Meine Mutter hat mit achtzehn Jahren geheiratet. Wie fern und kindlich ist die Zeit, in der ich geboren bin!

Der Hauslehrer:

Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Ich möchte nicht, daß diese Stunde in den Brunnen fällt, ohne daß ein Tropfen von Güte über Sie komme. Vielleicht meint Ihr Vater es dennoch gut mit Ihnen! Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen andern zu lieben. Heute kennen sie keinen als sich. Ich habe viel Übles erduldet in meinem Leben, aber ich möchte niemandem dafür etwas antun. Und weil ich das erkannt habe, will ich meiner grauen Haare froh sein.

Lieber Junge, es kommt noch so viel Zeit zum Hassen. Ich fühle, ich bin arm vor Ihnen, denn ich kann Ihnen nicht helfen. Sie rühren mich so ... verzeihen Sie ... (er weint) ...

Der Sohn:

Vor einem Jahre hätte ich mit Ihnen geweint aus Angst. Heute muß ich lachen. Mich ekelt vor diesen Gefühlen. Wollen Sie ein Glas Wasser?

Der Hauslehrer:

Ich danke, es ist vorüber. Ich würde Sie nicht überzeugen, und wenn ich der Prophet Jesaia wäre. Darüber muß ich viele Tage nachdenken, um wieder an Gott zu glauben. Weshalb gibt es Feindschaft auf der Welt!

Der Sohn:

Es riecht nach Heilsarmee.

Der Hauslehrer:

Leben Sie wohl. Sie sind jung. Sie sollen wissen, daß Sie leben. Alles was Sie tun, wird deshalb gut sein: wie könnte es anders geschehn! Jetzt lachen Sie über mich, weil ich von Liebe spreche. Einmal wird es auch über Sie kommen und Sie werden weinen. Dann denken Sie an mich! — Jetzt will ich Ihrem Vater telegraphieren. (Er geht ab.)

Zweite Szene.

Der Sohn

(allein. Er geht zum Fenster und öffnet es. Die Abendsonne scheint):

Dort unten, tief und herrlich ohnegleichen,
Sind Wundernächte, die mich nie erreichen
Im dumpfen Raum, der meine Kindheit sah.
Ihr Bücherschränke und ihr Schülerhefte,
Erhebt euch, süße, zauberische Kräfte
Und du, mein erster Weg nach Golgatha.
Die Sonne sinkt. Riviera meiner Träume,
Im Tenniskleide, wo ich dunkel stand —:
Ich ruf euch her, ihr Wege und ihr Bäume,
Du Sonntagsball in meiner Kinderhand!
O komm, im Schweben eines Nachbarhauses,
Liebliches Mädchen, das ein Gruß entzückt;
Steig auf, Geruch des festlichen Geschmauses,
Hast oft den Einsamen zur Nacht beglückt.
In meinem alten Zimmer will ich knieen —
Mein ganzes Leben stürzt in diesen Saal:
Mein Tisch, mein Stuhl, ihr Wände sollt nicht fliehen —
O Erde, nimm mit mir das Abendmahl!

(Er kniet nieder mit ausgebreiteten Armen.)

Vergebens klopf ich an dem bronzenen Tore
Das mein Gefängnis von den Gärten trennt,
Musikkapellen und den Tanz im Ohre,
Ein armer Körper, der am Staub noch brennt.
Und doch, ich lebte, lebte unermessen,
Auf diesem Boden, den ich nie besessen
Das Leben grenzenloser Sehnsucht hin.
Und hab ich nicht die Kraft, es zu erringen
Will ich mich rückwärts in die Leere schlingen,
Aus der ich mutlos nur gelandet bin.
Hinauf denn, seidne Schnur, mich zu vernichten!
Ich habe nie geliebt und bin allein.
Du letzter Kreis von sterblichen Gesichten —
Beflügle mich zu einem neuen Sein!

(Er hat eine grüne Schnur aus der Tasche gezogen und am Fenster befestigt.)

Grünes Geschöpf aus fremder Menschen Hände:
Was überwältigt mich dein Anblick so?
Bin ich nicht auch ein Mensch — ist das das Ende —
O Abendsonne! Herz, ich bin so froh.
Mußt du mich hier an dieser Stelle finden!
Hand läßt nicht los, und Erde will nicht schwinden.
Ein unbekanntes Feuer macht mich beben —
In dieser Stunde kehrt mein Herz sich um:
Ich bin bei euch —: so will ich mit euch leben!
Wo ist dein Stachel, Tod — — — — Elysium — —

(Er taumelt, von großer Erregung übermannt, rückwärts ins Zimmer.)

Geheimnis, du bist auch in mir entsprungen!
Ich ahne Frauen, die niemand kennt;
Ich fühle Arme, die einst mich umschlungen,
Ein süßes Gesicht meinen Namen nennt.
Ich höre im drohenden Abendwind
Viele, die arm und unglücklich sind;
Ich seh im Sarge ein Kind, das schwebt:
Ich weiß, daß viel Leid und viel Freude lebt.
Vielleicht ist auf dieser Erde weit
Noch ein Trost, eine Brücke zur Seligkeit —
Ich will nicht sterben mit zwanzig Jahren.
Ich muß noch leben. Ich muß das erfahren.

(Er kommt zum Fenster zurück. Die Sonne geht unter.)

Unendliches Gefühl! Du gabst ein Zeichen.
Das Wunder soll mein erster Glaube sein.
Konzert und Stadt — ich werde euch erreichen!
Mein Auto naht im Dämmerschein.
Ich bin in Logen, ich werde soupieren
Mit Schauspielerin und Champagnerwein;
Bei einer Fürstin in London sein,
Und die Brillantnadel wird mich zieren.
Ich werde ein neues System entdecken,
Mit dem Fallschirm stürzen aus einem Haus.
Mein Schauspiel wird Parterre erschrecken:
Ich werde leben! O Gold! O Applaus!
Zerreiße denn, Schnur, und vergehe statt meiner —
Ihr aber, Gestalten des Abendscheins,
Gebt mich noch einmal, beglückter und reiner,
Zurück an die Freude des ewigen Seins!

(Er zerreißt die Schnur und wirft die Stücken aus dem Fenster.)

Dritte Szene.

(Der Freund tritt ein.)

Der Freund:

Du redest mit dir selber. Wie mutig du bist!

Der Sohn:

Ich sehe dich heute zum erstenmal ...

Der Freund:

Wir haben uns lange nicht gesehn. Ich komme von der Bahn. Das wundert dich?

Der Sohn:

Daß ich noch hier bin — das wundert mich noch mehr.

Der Freund:

Ich hörte, du seiest durchgefallen. Wolltest du dich umbringen?

Der Sohn:

Um es einfach zu sagen: ja.

Der Freund:

Weshalb tatest du es nicht?

Der Sohn:

Ich blieb am Leben.

Der Freund:

Du verdankst dein Leben einem Plagiat an Faust. Darfst du noch immer nicht Goethe lesen? Läßt dein Vater dich wenigstens ins Theater gehn?

Der Sohn:

Nein.

Der Freund:

Daß uns so oft der Tod begegnet! Heute auf der Bahn ist ein Kind überfahren worden.

Der Sohn:

Ich habe das Kind gesehn. Als ich mich töten wollte, erschien es mir. Es ist ein Mädchen, klein, mit schwarzen Locken, im weißen Kleid ...

Der Freund:

Es ist ein Mädchen — woher weißt du das??

Der Sohn:

Ich weiß mehr, als du ahnst. Doch habe keine Angst! Noch rede ich nicht aus dem Jenseits. Ich hatte eine Offenbarung, hier. Ich glaube, daß alles auf der Welt in tiefer Gemeinschaft steht. Das wußte ich bis heute nicht! Ich bin am Leben geblieben, weil ich wieder froh bin. Wenn Gott mir gnädig ist, werde ich eines Tages auch die Liebe und den Schmerz erfahren. — Wie soll ich das erklären! Von der Matura zum Überirdischen ist ein weiter Weg.

Der Freund:

Ich bin hergelaufen, dich zu sehn. Ich ahnte, du würdest etwas tun.

Der Sohn:

So sind wir uns auf der Strecke des D-Zugs im Abend begegnet.

Der Freund:

Warte einen Augenblick. Laß uns von der Wirklichkeit reden. Mein Herz klopft so. Gestern habe ich von dir geträumt: wir liebten zusammen eine Frau. Ich fühlte, daß wir uns nicht kannten. Wir gingen beide fern über Schneefelder vor einem knabenhaften Horizont. Jetzt, wo ich hier bin, bist du mir so nah!

Der Sohn:

Du trittst in dieses Zimmer zur rechten Zeit. Nicht umsonst hast du zwei Jahre vor mir die unfaßbare Welt gesehn. Eine Stimme rief dich, um mir armem Geschöpf zu helfen. Alles in mir ist heute so hochgespannt, daß die Töne der elektrischen Bahn vor unserm Haus, obwohl ich sie verachte, mich an die Ewigkeit erinnern.

Der Freund:

Kann ich dir helfen?

Der Sohn:

Schon hat für mich das Diesseits begonnen. Hilf mir, die kommende Erde empfangen! Du sahst ein Kind sterben, das mich vom Tode erlöst hat. Aus seinen kleinen Händen ist die Macht des Daseins über mich gefallen, wie ein goldner Regen auf die Saat der Hirten. Nun, wo ich lebe, will ich vieles erfahren, denn ich werde geliebt sein. Früher konnte ich keine Straße sehen, weil am Übermaß des Geschauten mein Gehirn zersprang. Jetzt will ich gerne mit den Metallarbeitern in die Tiefe fahren, um auch dort noch zu empfinden, daß ich ein Mensch bin.

Der Freund:

Du bist trunken vom Dasein, aber du kennst sein Gift nicht. Ich sehe mit tiefem Schrecken, wie verändert du bist. Heute beginnt dein Sterben, wo du zu leben beginnst.

Der Sohn:

Ich glaube an alles, was ich sah. Weshalb willst du an mir zweifeln?

Der Freund:

Das Kind auf den Schienen ist dein Untergang. Du hast die Seligkeit der Welt gekostet an deinem Firmament. Aber ich hasse diese Sterne und die Liebe ekelt an, denn ich habe zu tief ihre Schwäche gespürt. Alles was mich reizte, das hab ich genossen. Das Zuwenig hat mich getötet, nicht das Zuviel. Ich kam zu dir, weil ich glaubte, du seiest noch rein und unberührt. Ich wollte dich warnen, hör auf mich! Ich bin verdorben im Paradiese und nun, wo ich fliehe, bin ich allein. Weshalb hat man mich nicht als Krüppel geboren, dann hätte ich nie eine Frau besessen oder einen Freund, und dann wäre ich nicht hier.

Der Sohn:

Wir stehn einander gegenüber, jeder an seinem Pol. Doch es gibt noch ein Zenit, zu dem werden wir aufsteigen, du und ich.

Kann ich etwas für dich tun?

Der Freund:

Gib mir den Duft wieder einer Blume im Sommer, als noch verboten war, sie für die Geliebte zu pflücken. Gib mir die Sehnsucht zurück nach jenem Trick im Varieté, mit dem man Bürger begeistert. Laß mich noch einmal reisen, in kindlicher Phantasie, auf einem Regenbogen von Argentinien nach Venedig. Wie hat mich das erste Lächeln eines Mädchens bewegt auf der Konfirmandenbank neben mir in der Kirche! Und die kleine Vorstadt, wenn sich am Himmel die Röte der Nacht erhob, wie hat sie mich schauernd entführt nach Berlin! Nun schreite ich wieder dieselben Alleen, wo einst Unsterblichkeit in mir wurde, und weine in mich hinein, daß ich nichts mehr erlebe und nichts mehr opfern kann.

Der Sohn:

Ich durchschaue dich — du sprichst wahr. Du hast deine höchste Kurve noch nicht erreicht aus Schwäche und Unvollkommenheit. Aber jeder lebt nur, der am stärksten weiß, was er ist! Ich möchte zu dir sagen »steh auf und folge mir«. Wenn mir die Tore der Welt sich öffnen, kann es nur aus Schönheit und Größe geschehn. Vielleicht aber kannst du, der manches erfahren hat, mir die Schlüssel zeigen. Darum bitte ich dich, weil ich so hilflos bin ...

Vierte Szene.

(Das Fräulein tritt ein.)

Das Fräulein:

Es wird dunkel. Soll ich die Lampe bringen?

Der Sohn:

Ja, Fräulein. Wann werden wir zu Abend essen?

Das Fräulein:

In zehn Minuten ist es neun.

Der Sohn:

Bringen Sie dann die Lampe. (Das Fräulein geht.)

Fünfte Szene.

Der Freund:

Ein schönes Mädchen!

Der Sohn:

Kennst du sie nicht? Das ist die dritte Gouvernante. Ich muß jeden Abend mit ihr essen um neun Uhr. Mein Vater will es so.

Der Freund:

Hast du gesehn, wie sie zu uns ins Zimmer trat! Kannst du es ermessen, wenn eine Frau zu dir kommt, wo die Erde doch voll ist von andern! Bist du ein Mensch und fühlst nicht das Ewige ihres Schrittes in der Dämmerung? Du solltest deinen Vater segnen, daß er dich jeden Abend mit ihr leben läßt — jeden Abend, o Mensch! Weißt du denn, wie lange du lebst? Bist du nicht glücklich, daß so viel dir geschieht! Sie ißt von der gleichen Speise wie du und trinkt aus dem gleichen Krug. Welche Harmonie, welch erschütterndes Wort, daß sie schlafen muß wie wir alle und Tee kocht und Zimmer staubt, wo sie doch ein göttliches Wesen ist und auf Inseln wohnt.

Der Sohn:

Was du sagst, habe ich nie gewußt. Wie kann etwas so Schönes lebendig sein?

Der Freund:

Denk an Penelope!

Der Sohn:

Seitdem ich dies Wort auch auf Kabarettnummern las, schwindelt mir nicht mehr im Palaste des Homer.

Der Freund:

Du wirst einmal erfahren, weshalb Gott alle Frauen eins sein ließ — zum Fluch und zum Segen.

Der Sohn:

Sprich weiter von dieser Frau. Ich habe Angst.

Der Freund:

Eine Welle ihres Haares schwimmt noch im Raum. Weshalb liebst du sie nicht?

Der Sohn:

Wie kann ich das?

Der Freund:

Sie wird deine Augen sehend machen — du Narr am verschlossenen Tor. Durch sie sind die Riegel gesprengt, und du wirst etwas erkennen von dem Schauspiel der Welt. Hab keine Angst, sie ist gütig. Auch deine Mutter war eine Frau wie sie. Du wirst ihr Kind sein.

Der Sohn:

Eine tiefe Trauer erfüllt mich vor dem, was ich niemals werde sehn und nie werde sagen können. Ich denke nur an die Steppen Sibiriens, obwohl ich manchmal einen alten Mann im Graben finde und weiß, daß viele im Schnee verhungern. Ein Schauer erfaßt mich, daß ich nirgends die Schöpfung begreife! Ich denke des Augenblicks, da ich mitten im Frühling gehe und doch nur ein Fingerzeig bin am Himmel, der über mir lastet. Alles, was mir geschieht, ist ja ewig geschehn! Was bleibt denn von mir in dieses Daseins ruhloser Kette!?

Der Freund:

Die Not deines Herzens, die Träne in der Nacht und die Auferstehung am Morgen!

Der Sohn:

Komm bald wieder, dann werde ich dir näher sein. Ich will das Wunder kennen lernen, ehe der Schatten meines einsamen Zimmers mich wieder umhüllt. Ich will diesen Zaubergarten betreten, und koste es mein Augenlicht! Vor einer halben Stunde hab ich geschworen, der Freude zu gehören, die ich noch nicht kenne. Einmal muß mein Dasein mich erhören, vielleicht heute, vielleicht in hundert Tagen. Ich fühle, die Zeit ist nicht fern.

Der Freund:

Ich bin so zuversichtlich: dich führt ein gutes Gestirn. Ich komme wieder, wenn du mich brauchst. So entfliege denn!

Der Sohn:

Auch du, mein Freund, im grenzenlosen Gefühl!

Der Freund:

Dich trägt die Woge noch hin. Mich rief sie zurück. Leb wohl. (Er geht.)

Sechste Szene.

(Der Raum wird dunkler. Das Fräulein tritt ein mit der Lampe. Sie deckt den Tisch und trägt das Essen auf.)

Der Sohn:

Fräulein! Ich sehe, daß Ihr Haar blond ist. Sie stehn zwischen Lampe und Dämmerung.

Das Fräulein

(am Fenster):

Die Wolken sind noch hell. In unserm Dorf kommen die Kühe heim. Wie schön ist dieser Abend!

Der Sohn

(leise):

Und wie schön sind Sie!

Das Fräulein

(sieht ihn aufmerksam an):

Sind Sie traurig?

Der Sohn:

Traurig? Weshalb? Weil ich durchgefallen bin? O nein. — Ich bin froh.

Das Fräulein:

Dann wollen wir zu Abend essen. (Sie setzen sich.)

Der Sohn

(ohne etwas zu berühren):

Wir haben so oft an diesem Tisch gesessen; fremd. Und wir sind es gewöhnt.

Das Fräulein:

Bin ich Ihnen immer so fremd gewesen?

Der Sohn:

Fräulein, man hat mir gesagt, daß Sie leben und auf der Erde sind. Ich muß lernen, viel zu verstehn. Daß Sie eine Stimme haben und auf silbernen Füßen durch das Zimmer gehn.

Das Fräulein

(lächelnd):

Ach, wer hat Ihnen das alles geschwindelt! Das glauben Sie doch nicht.

Der Sohn

(mit großem Ernst):

Ich glaube alles und noch mehr.

Das Fräulein:

Soll ich Ihnen ein Brot streichen?

Der Sohn:

Ich kann nichts essen.

Das Fräulein:

Ich habe oft an Sie gedacht und Mitleid mit Ihnen, weil Sie so strenge gehalten sind. Ich möchte gern, aber ich darf ja nicht anders.

Der Sohn:

Das ist wahr, es ist düster hier.

Das Fräulein:

Sie müssen nicht daran denken. Es kommen wieder gute Zeiten.

Der Sohn:

Wenn ich Sie um etwas bitte, würden Sie es tun?

Das Fräulein:

Was soll ich für Sie tun?

Der Sohn:

Ich muß eine Frau lieben. Lassen Sie mich fort heute abend.

Das Fräulein:

Kleiner Junge! Seit wann ist das über Sie gekommen?

Der Sohn:

Seit heute, Fräulein, seit heute.

Das Fräulein:

Hat Ihr Vater nicht strenge verboten, daß Sie am Abend ausgehn?

Der Sohn:

Fräulein! Als ich sieben Jahre war, nahm mein Vater mich mit auf eine Fahrt. Wie erschrak ich vor dem Tunnel — ich dachte, es sei die Hölle. Wir fuhren im Dampfboot den Fluß hinab und standen einen Augenblick im Maschinenraum. Da sah ich zum erstenmal die riesige Glut und die schwarzen Menschen voll Schweiß. Wissen Sie, was mein Vater tat? Er gab jedem Heizer eine Mark. Ich war mit den armen Teufeln so froh.

Das Fräulein:

Sie haben ein gutes Herz.

Der Sohn:

Als ich größer war, hab ich oft gewünscht, mein Vater möge auch mir eine Mark schenken, denn ich wollte mir Süßigkeiten kaufen. Aber das hat er nie getan. Ich weiß nicht warum. Er sagte, ich könnte mir Krankheiten holen.

Das Fräulein:

Wenn ich jetzt eine Mark hätte, dann schenkte ich sie Ihnen.

Der Sohn:

Was nützt mir heute die Mark! Ich kann nicht die Droschke bezahlen, mit der ich fahren will.

Das Fräulein:

Es gibt böse Frauen. Vielleicht kommen Sie traurig zurück.

Der Sohn:

Kann ich noch trauriger werden als in den zwanzig Jahren meines Harrens auf diesem nahen Stern! Wann endlich werden mir die Fanfaren tönen? Ach Fräulein, und doch gab es Stunden, in denen man traumhaft seine Sphäre verließ — wenn wir im Sommer in Konzerten saßen mit rosa Damen am Geländer des ewigen Stroms.

Geben Sie mir den Hausschlüssel!

Das Fräulein

(nimmt den Hausschlüssel und gibt ihn):

Hier haben Sie ihn.

Der Sohn

(ergreift ihn):

So halte ich denn dies kostbare Gut, (er springt auf und taumelt) ach, ich bin wie ein Blinder. Meine Augen sind die Helle nicht gewöhnt. Ich fürchte, ich könnte ihn verlieren. Nehmen Sie ihn wieder! (Er gibt ihn zurück.)

Das Fräulein: