Anmerkungen zur Transkription
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Aus der Schneegrube
Die Neuauflage des vorliegenden Buches stellt
das erste Werk einer neuen Bücherreihe dar, die
der Verlag unter dem Gesamttitel „Religion und
Weltanschauung“ herausgibt.
Wilhelm Bölsche
Aus der Schneegrube
14. bis 18. Tausend
Dresden 1923
Carl Reißner
Vorrede.
Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen lachender Frühling — und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann nur ein Stück Eiszeit dauert?
Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.
Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...?
— — —
Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt und klärt.
Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.
„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten, verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen, wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige Mutter niemanden ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“
Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine Quell leise summend und plätschernd hindurch.
Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet ....?
Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903
Wilhelm Bölsche.
Inhalts-Übersicht.
Weihnachtsstimmung. — Kennt die moderne Weltanschauung noch ein Weihnachten? — Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls. — Sternenfriede. — Die Erfüllung unserer Ideale [S. 1–6]
Zusammensturz einer Welt — und Schönheit. — Die Entstehung des Schmerzes. — Ist Liebe ein Hemmnis? — Die Kraft der Ideal-Schau [S. 7–15]
Sturmtag am See. — „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ — Der unergründliche Ratschluß. — Christi Stellung in der Natur. — Der Triumph der Dichtung [S. 15–23]
Herber Frühling. — Auferstehung in der Geschichte. — Auferstehung durch Dichterkraft [S. 23–29]
In der Schneegrube. — Der Drache. — Gott-Natur. — Die Natur als Minotaurus. — Ein Versöhnter. — Vom Geiste des Pessimismus in unserer Zeit. — Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. — Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. — Die Stufen des Gesetzes und der Liebe. — „Auge um Auge,“ A. = A. — Die Herrschaft über die Naturgesetze baut das Liebesreich. — Naturwende. — Das optimistische Weltprinzip [S. 29–57]
Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. — Was Darwin wollte. — Eine Kosmogonie Goethes. — Der Entwickelungsbegriff stammt nicht aus dem Darwinismus. — Darwin und die Geologie. — Die Steinkohlenwälder. — Die Archäopteryx. — Pithekanthropus. — Was heißt „Wechsel der Verhältnisse“? — Darwin und die Teleologie. — Die Idee eines „Kosmos“. — Darwin berührt nur den „Weg“, nicht das „Ziel“. — Die natürliche Zuchtwahl in unserm Ideenleben. — Was wirklich not tut [S. 57–92]
Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. — Die Pflanzen als Eroberer. — Der Acker von Hilversum. — Hugo de Vries. — Variation und Mutation. — Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer Arten. — Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. — Auf der Suche nach einem Entwickelungsgesetz. — Die Geschichte des Axolotl. — Sprung oder Entwickelung? — De Vries führt zu Darwins Idee über den Zweck zurück. — Die Teleologie in der Ontogenie. — Möglichkeit einer Weltteleologie [S. 92–132]
Die Zeit-Frage. — Die Krakatau-Explosion und ein botanisches Ergebnis. — Treubs Entdeckung. — Wie das Leben die Erde erobert hat. — Im Erdinnern. — Die Angst vor den Millionen. — Ein Experiment Buffons. — Werners Wasserweisheit. — Hutton als Zeit-Forderer. — Goethe als Geologe. — Lyell und Hoff. — Die Biologie mischt sich ein. — Die Rechnung erreicht die Milliarde. — Thomsons exakte Rechnung mißlingt. — Sehr viel Zeit als Resultat [S. 132–172]
Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. — Weismann schreibt sein Testament. — Äußere und innere Zuchtwahl. — Von Nägeli bis zu Roux. — Wo Weismann resigniert [S. 173–183]
Rückblick auf Haeckel. — Persönliche Erinnerungen. — Vogt. — Ein Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. — Darwinismus und Sozialdemokratie. — Vorträge über Darwinismus bei Arbeitern. — Die „Freie Bühne“. — Die Gründung der Gesellschaft für „Ethische Kultur“. — Was ist Wahrheit? [S. 183–191]
Was wollt ihr gegen Darwin setzen? — Vielleicht den Spiritismus? — Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. — Das redende Kästchen. — Entlarvung des Schwindels. — Der Geist Abila. — Grauen vor einer Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ [S. 191–217]
Was wir dagegen wirklich brauchen. — Ein Mann wie Fechner. — Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. — Die echten offenen Möglichkeiten [S. 217–230]
Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. — Das 19. Jahrhundert in seiner Stärke. — Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. — Geschichtlicher Rückblick. — Der Triumph des Werkzeugs. — Die Idee der „Kultur“. — Der Mensch erobert sich selbst. — Der Himmel auf Erden. — Aber die Kehrseite. — Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“. — Der Mensch als Spiegelplättchen. — Die tote Maschine als das Absolute. — Das Individuum als Nichts. — Der „Normalmensch“. — Anprall gegen die Kunst. — Man weiß mit dem Ästhetischen nichts mehr anzufangen. — Das Künstlergenie als angebliche Störung des Normalen. — Triumph der Lombrosos. — Die Kunst zeigt sich selbst ergriffen. — Experimente des Naturalismus. — Höhepunkt und Sturz des falschen Prinzips. — Die Kunst als Retterin [S. 230–270]
Waldeinsamkeit. — Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder. — Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. — Vom ewigen Pfingsten des Geschehens. — Pfingsten in der Entwickelung. — Der Mensch als das Genie der Natur. — Er steht im Aufmerksamkeitsfelde. — Entlastungen im Automatischen [S. 270–278]
Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. — Vom Pfingsten der Kunst. — Im Trüffel-Lande. — Die Höhlen des Vezère-Tals. — Was der Mensch noch gesehen hat. — Verschollene Tiere. — Phantasie-Tiere. — Wie der Mensch stilisiert. — Der Tintenfisch von Mykenä. — Der Altar von Pergamon. — Bakairi-Kunst. — Urwurzeln von Realismus und Idealismus. — Wie weit der Mensch zurückgeht. — Als Zeitgenosse des Mammut. — Als Zeitgenosse des Alt-Elefanten und des Süd-Elefanten. — Der Mensch in der Auvergne bei Dinotherium und Hipparion. — Die gefälschten Tierbilder. — Das erste Mammut-Bild. — Zweifel — Jetzt die neuen Höhlen — Wandgemälde. — Echte Darstellungen des Mammut [S. 278–312]
Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird. — Virchows Stellung zum Naturbegriff. — Ein Zeitalter Virchows? — Seine Größe. — Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. — Die Kehrseite der Medaille. — Imponderabilien der Naturforschung. — Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. — Der Salto mortale des Idealisten. — Individuelle Tragik. — Verhängnisvolle Folgen [S. 313–327]
Dubois-Reymond als Parallelgestalt. — Voraussetzungen und Folgen des „Ignorabimus“. — Der Standpunkt Johannes Müllers. — Sturz der Lebenskraft. — Der entscheidende Irrtum bei Dubois. — Zusammenbruch des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. — Das wahre Ziel [S. 327–346]
(Friedrichshagen. Weihnachten.)
Der Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über dem schwarzen Kiefernforst herauf.
Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen im unsichtbaren Innern.
Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...?
Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch, der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt — dann wird diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System als heimatloser Fremdling landet.
Was will vor solcher Perspektive bestehen!
Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf, geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert — wir Eintagsfliegen zwischen Äonen der Zeit und Siriusweiten.
Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige Menschenkind in seiner Krippe liege — und daß die ewige Liebe von hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ...
Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.
Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die Brücke?
Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann, mit diesem schwachen Menschenauge!
Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß: wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte — als ganz kleines Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere Einheit.
Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.
Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein Christbaum hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.
Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten, urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.
Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe, daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!
Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn — die alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes. Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt der Grieche — Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als Weihnachtsfest.
Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.
Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so werden mußte.
Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort? Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien werden sich nie verleugnen können.
Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind, menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen, winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.
Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was wir ja auch nicht wissen, schließlich!) — milliardenmal müssen sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn nennen, wie sie wollen, finden werden.
Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags — sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.
Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen, ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert, kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen gleiche Wirkungen schafft.
Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht und damit auf die gleiche Grundlage weist, — es hat eine tiefste Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am Weihnachtsbaum.
Stille Nacht, heilige Nacht.
Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und „Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz, das Gesetz des oberen Geistesstockwerks — der Glaube an den endlichen „Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie silberner Staub.
Friede auf Erden!
Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?
Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem Getümmel unausgesetzten Kampfes ...!
Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß — zu groß über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ...
Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten, die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.
Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden, geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.
Willst Du der Macht, die diese Ideale sich erfüllen konnte, Schranken setzen?
In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde, dem vereisten See.
Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt der tiefste Sinn all aller Sterne mit.
* *
*
(Friedrichshagen. Jahreswende zu 1903.)
Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung, nachträglich, verspätet.
Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie schwarz wie die Masten einer Totenflotte.
Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der See liegt.
Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.
Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.
Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von intensivem Grün, — grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier, in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht, fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes Grün.
Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.
Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu sagen gelernt hat, normaler Art.
Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch einmal zu denen zurückwirft.
Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat, sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.
Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine Katastrophe, ein Weltuntergang — und Schönheit. So war es 1883, als an der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch Martinique.
Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.
Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche, Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten.
Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen ersten Ranges verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden.
Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte rot ist wie dieser Abendhimmel.
Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des Pythagoras.
Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung.
Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon 1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können.
Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller Freude an der Entwickelung?
Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen. Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all unser Erkenntnisfortschritt?!
Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf 1803.
Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum der Forschung.
Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen.
Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden.
Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde.
Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter ....
Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab, tiefer und tiefer.
Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der Lichter an einem Abendhimmel.
Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen gegangen sei.
Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten, in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt.
In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen? Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine Wolke Kohlenstaub — in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz. Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der Dämmerfarben dort. Niemals wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie; immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein.
„Da flammt ein blitzendes Verheeren
Dem Pfade vor des Donnerschlags,
Doch Deine Boten, Herr, verehren
Das sanfte Wandeln Deines Tags.“
Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie verblutende Abendsonne: — das Lebendige. Wenn die Kälte dieses Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt, so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren. Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in Schmerzempfindung. Ein seltsamer — Triumph.
Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe!
Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern. Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen. Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß. Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens.
Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern ....?
Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf.
Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll.
Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der Entwickelungslinie, die über das Leben ging.
Er ist auch ihre Korrektur.
Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem Bewußtwerden der Welt, — und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel.
Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt.
Die erste ist das Prinzip der Liebe.
Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe, einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie, die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende Mensch.
Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr, einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder versöhnen will.
Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der plötzlich in diese Entwickelung von der Stufe des Lebens an versponnen schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, — immer wird der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt.
Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe.
Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den Schmerz gehen sah — und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht die Entwickelung lähmen müsse?
Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts sein?
In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten um der Liebe willen, — weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde hart, wenn Du aufwärts willst, — wer um der weichen Seele willen zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel.
Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen. Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier, starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der Entwickelung.
Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch das wieder aufhebt in ein noch höheres hinein. Eine Kraft, die den Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser Entwickelung zu hemmen.
Es ist die Kraft der Ideal-Schau.
Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell, frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung, ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, — durch eine kurze Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals. „Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet, um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird genommen, weil Du morgen im Paradiese bist.
Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in seiner Brust.
Der freiwillige Anschluß.
Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit. Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne hinter ihm ....
Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu.
Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht. Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und doch Ideal-Schau.
Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in diesem Walde, — und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die Liebe schon.
Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen ...
* *
*
(Friedrichshagen. Vor-Ostern.)
Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind.
Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal erstorben.
Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft. Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft kohlschwarz zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind. Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer ausgewaschenen Wurzeln schlägt.
An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis. Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer spülen?
„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“
Sagt Goethe.
Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und Naturdinge.
Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen Feste wie Ostern.
Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte.
Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste.
An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, — an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag verlangt: die Stimmung des Geheimnisses.
Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, — darin steckst Du; über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich, heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst.
Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst.
Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die tinctura aurea des Denkens.
Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze Komposition der Ilias hängt, — dann losen sie. Schicksal!
Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich, daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis.
Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist.
Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste Uhrwerk schaute.
Mit dem Geheimnis kann man leben.
Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der Unendlichkeit des Unbekannten läßt sich doch immer etwas erwarten. Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken!
Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis überall richtig zu finden weiß.
Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf H2O gehen, oder von den Toten leibhaftig auferstehen ....?
Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte.
Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein, was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All.
Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die Entwickelung der Jahrmillionen gebracht — und alle Harmonien dieses Kosmos splitterten auseinander.
Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe?
Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.
Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein Mensch gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große Auge einer tiefsinnigsten Dichtung uns daraus anschauen, die in Gleichnissen formte, was nachher für reale Wahrheiten gehalten worden ist — die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, — aber doch nur eine Dichtung ....?
Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste — die Liebe — aus den Angeln zu heben sich vermaß, — sollte sie ein Zeichen dort sich nur geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und mißverstand?
Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?
Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige. Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.
Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis sein, als eben — ein Mensch?
Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird, daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?
Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis, daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht — allein wert, daß Du still Einkehr bei Dir selber hältst und Dir Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung und Geburt an umschließt.
Und Dichtung?
Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge H2O verwandelt ist?
Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch, zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern. Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“ eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben, H2O getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren nicht mehr.
Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“, das dunkle „es“ der tinctura aurea alles Naturgeschehens.
Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien. Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall, also auch hier.
Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe, unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge — die Dichtung vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: — ich sage, wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen Verankerung im Geheimnisvollen?
Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.
Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße, der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben kann.
Der Rationalist bekäme Unrecht, der hinter den ungeheuren Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.
In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden darin zu einer einzigen Tat — und gelebt hätte darin die ganze Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden nach ihm, geeint durch das Ideal der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?
Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.
Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen wir.
Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend, Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung, und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: — das ist die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie.
Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen.
Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt nur seinen Projektionsort.
Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies, eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein Sandkörnchen davon.
Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles wieder, wenn’s auch eine Weile dauert.
Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so.
Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt sie in Höherem wieder aus. In dieser tinctura aurea steckt wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt.
Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen erkennen, — das wäre der wahre neue Osterglaube.
Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen Innenleben der Idee.
* *
*
(Friedrichshagen. Am Auferstehungstag.)
Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den Frühling.
Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise.
Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle passieren.
Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen Bergwerk im Holz.
Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner, der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt täuschend nachahmt.
Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü, glück, glück, glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei einer heransausenden pfeifenden Lokomotive.
Das ist der Grünspecht.
Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen, jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er — er ist verliebt. Ja, es ist Frühling. Die Indizien stimmen zueinander.
Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein.
Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser Frühling im Schwachen auferstehen läßt.
Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast 2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 cm Länge die Wage hält!
Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere tausend Meter hoch geht es dahin, damit die kolossale Sperrmauer der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling! Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt.
Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet.
Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über den Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde Lenz.
Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer — und doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig, deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer eines Warum ist uns gegeben.
Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache — und an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine schiefe Planetenachse ragt hindurch — und schiefe Menschenweisheit.
Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das.
Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr, nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit, der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein Spiel nimmt!
Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser Zwanzigtausendzyklen.
Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.
Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein Gottesdienst war.
Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen Zeichen der Über-Frühlings-Periode!
Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel Weihevolleres darin.
„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“
In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund, leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“ der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf. 1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt haben in der Kristallflut einer wunderbaren kosmischen Höhenmacht: der rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.
Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: — das Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte, die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ...
Wie ein Märchen klingt das.
Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.
Und doch, — wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den Tierkreis verschiebe — ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem Fluge.
Unser Gehirn, das Geschichte enträtselt, ist der Apparat, der das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.
Es war das raumüberwindende Meisterstück der Natur: diese unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber es war auch die Zeit damit überwunden im gleichen Moment, da diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts gewandt wurde.
Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, — das ist die Auferstehung.
Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der Jahrmillionen.
Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er sie erweckt.
Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung. Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz Große des Menschen: seine Dichterkraft, die Zeugekraft seiner Phantasie, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.
So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das erst ist die ganze Auferstehung.
Noch ist unsere Kraft jung.
Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter gibt.
Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte, ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.
Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und konnte je verloren gehen.
Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden, im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den, der — einen Brennspiegel besitzt.
Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ — aller Gott-Natur.
Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber — und hier liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat — ist in unserer Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns wieder auferstehen.
Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück.
Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben Frühlingstag.
Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir, in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer Kinderhand.
Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts lenken.
Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht.
Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt, wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald.
* *
*
(Reisetagebuch. Schreiberhau.)
Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt. Grünes Kraut steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines geborstenen Marmorbrunnens.
Es ist Naturwerk, dieses Schloß.
Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges, und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube.
In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte: der Gletscher.
Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen, immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest. Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin, der Sommersonne.
Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit, ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz getroffen worden durch Baldurs Schwert.
Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße eingesponnen im heißen Juli-Glast.
Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt.
Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche violettblaue Soldanella (Soldanella pusilla und alpina) sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus.
Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen Anemone (Anemone narcissiflora), des „Berghähnleins“ der Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern, ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich als Herrscherin auf, — das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten Drachenbett.
Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter in schwerer grüner Sommerfülle rauschen.
Einsam und still ist es hier.
Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt.
Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest, wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz, schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen.
Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne — und Mensch. Das alles ist Natur.
Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der in unserer Zeit durch dieses Wort geht.
Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten.
Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot der echten Antike, — von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das die „Dinge“ bewegt.
Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.
Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, — aus dem Munde des Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.
Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.
Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große: Gott-Natur.
Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von einer ungeheuren stampfenden Maschine. Ein tausendstimmiger Jubelruf erschallt, Kränze wehen, — heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein Schwindel.
Aber die Vision wechselt jäh.
Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene. Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe stammelt „Gott-Natur“, — es klingt aber wie eine Blasphemie.
Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.
Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen, er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die Zukunft eine mathematische Gleichung.
Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.
Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.
Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm. Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.
Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?
In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.
In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein Monumentalwerk deutschen Fleißes.
Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner, unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht: Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn, den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken, „welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind, Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht ....
Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort „Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.
Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.
Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation. Und dann heißt sie Pessimismus.
Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung; der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der Astronomie hält.
Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen.
Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage „Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen künftigen Naturforschung liegt.
Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß heruntergehen.
Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, — aber auf die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte rappelnde Postkutsche.
Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die Allgewalt dieser Dinge herumzukommen.
Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen.
Täuschen wir uns aber wieder nicht.
Es gibt diese Grenzen nicht.
Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, — es fragt sich bloß wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall.
Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch nicht mechanistisch genug ist, kommst Du nicht durch, so fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag.