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Wilhelm Hauffs
sämtliche Werke in sechs Bänden

Mit einer biographischen Einleitung von Alfred Weile

Neu durchgesehene Ausgabe
:: :: in neuester Rechtschreibung :: ::

Erster Band.

A. Weichert, Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei Berlin NO.43 Neue Königstr. 9


Erster Band.

Hauffs Leben von Alfred Weile.

Gedichte. – Novellen I.


Inhaltsverzeichnis.

Seite
Biographische Einleitung [5]
Gedichte [17]
Novellen. Erster Teil [57]

Nachdruck verboten.

Hauffs Leben.

(Nach G. Schwab.)

Wilhelm Hauff ward zu Stuttgart, wo sein Vater als Regierungssekretär lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erst sechs Jahre alt, als sein Vater, der als »Anhänger des guten alten Rechts« (1799) acht Monat schuldlos im Gefängnis auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das Oberappellationstribunal versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden Jahre starb. Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent war, hat Hauff trefflich in dem alten, ehrenfesten, am Rechte haltenden Lanbek im »Jud Süß« gezeichnet. Die Witwe Hauff, Tochter des Obertribunalrats Elsäßer in Tübingen zog nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach ihrer Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf das weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu erzählen, bildete sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, die selbst eine vorzügliche Erzählerin war, und der Schwester früh aus.

Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein großes Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die Schola anatolica – nach dem Mons anatolicus, einem Vorhügel des Oesterberges bei Tübingen benannt.

Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches Auffassungsvermögen führten ihn zur selbständigen Ausbildung seines Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften Jahre sein Hang zu den Gebilden der Phantasie und er schwärmte für leichte Historien und Romane; mit sehr viel Laune hat er später in seinem ersten Bande der »Memoiren des Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches Bild von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben. Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im Freien, war den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters der liebste Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen Spielen darstellten, was sie in den Bildern der Folianten gesehen hatten; namentlich prägte sich ihnen das Mittelalter und die Zeit des Uebergangs in die neuere Geschichte lebhaft ein; auch die neueste Geschichte ging nicht leer aus, und hier waren es die Gespräche des Großvaters mit seinen Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in seinen Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche wieder.

Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den mannigfachen Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, dessen Umrisse immer bestimmter und fester wurden; er gewöhnte sich früh daran, jene Bilder mit Sicherheit im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst war.

Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, ihn zum künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde mit ziemlich mittelmäßigen Kenntnissen 1817 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen. Viel hatten zur Vernachlässigung der klassischen Studien eine zarte Konstitution und periodische Krankheit beigetragen und erst in dem prächtigen gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu erstarken.

Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie und Philologie bezog er 1820 die Universität Tübingen. – Wenn er auch wenig Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burschenlebens zeigte, so nahm er doch an allem lebendigen Anteil, was jugendliche Gemüter in jener Periode begeisterte und er tat sich unter den Dichtern und Rednern der damals, wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren Universitäten, blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung an die zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner Gedichte aus; auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste vorgetragen.

Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine glücklichen Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine Extravaganz. Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger Exaltation ließ er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, reizbar und empfindlich, hörte er doch mit seinem Humor nicht, wie so viele Humoristen, an sich selbst auf, sondern er war der erste, der seine eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln und in ihrer Beharrlichkeit als Karikatur an sich selbst darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen warf er seine Einfälle aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche scheuend.

1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat der Theologie nach einer geeigneten Stelle um. Durch die Vermittlung eines älteren Freundes fand er in dem Hause des Kriegsrat-Präsidenten General Freiherr von Hügel in Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer und bekleidete diese Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser liebenswürdigen, feingebildeten Familie lernte er die Formen des höheren geselligen Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche Ton des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar, nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige Schilderung in seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung ließ ihm Zeit zu Studien und Arbeiten; auch bestand er 1825 das zweite theologische Examen.

Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, ist der »Märchenalmanach auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände«. Zunächst für seine Zöglinge niedergeschrieben, beweist diese kleine Sammlung Hauffs eigentliches Dichtertalent; diese Märchen, deren ursprünglicher Stoff zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit freiem Phantasiespiel behandelt und schön abgerundet sind, gehören mit zu den besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine weitere Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften Manne mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören nicht rein dem Gebiete des Märchenhaften an – nein! diese sagenhaften Geschichten aus dem Spessart ergreifen das Herz und eine lebendige unvergängliche Jugendfrische steigt aus diesen Gebilden hervor.

Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der erste Teil der »Mitteilungen aus den Memoiren des Satan«, die reich an heller Phantasie und glücklicher Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker Humor und treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier vielfache Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren erregten Aufsehen und verschafften dem Verfasser einen ausgebreiteten Ruf, erzeugten aber auch seiner Zeit durch ihre satirischen Ausfälle manchen Aerger, manche Empfindlichkeit und besonders wurde ihm der Angriff auf Goethe und seinen Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in denen er Figuren aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von zwingendem Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu haben, weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung dieser Mitteilungen verlor.

Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde und daß ihn seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe befähigte, entschloß er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt in die realere des Konversationslebens überzugehen. Im Winter 1825 bis 1826 schrieb er den »Mann im Mond«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben. Nach Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von Wolfgang Menzel scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht gehabt zu haben, das große Publikum zu interessieren. Wolfgang Menzel, der das Manuskript gelesen hatte, machte ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk à la Clauren (Hofrat Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm den Rat, die Farben noch viel stärker aufzutragen und dann das Buch unter Claurens Namen erscheinen zu lassen. Hauff befolgte den Rat. Es steht jedoch noch in Frage, ob Menzels Darstellung eine richtige ist; sie wird von vielen neuerdings bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine köstliche Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derselben bekämpfend.

Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen gegenüber schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem Schriftsteller fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung und Ausdruck nicht minder als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichnete »Kontroverspredigt« auf eine gründlichere und entschiedenere Weise an. Seine Kontroverspredigt ist eine von sittlicher Entrüstung getragene vernichtende Kritik der Claurenschen Manier.

Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch seinen »Mann im Mond« gefunden und die Lust, sich mit modernen Schriftstellern zu messen, führte ihn immer mehr den Darstellungen der modernen Welt und dem eigentlichen Konversationstone in der Novelle zu. So entstand eine Reihe von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und Taschenbüchern erschienen – nur »Jud Süß« schrieb er später – und der zweite Teil der Satansmemoiren.

Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen Romanen auch in Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen deutsch-historischen Roman zu schreiben, und er begann seinen »Lichtenstein,« den er in sehr kurzer Zeit beendete. Diese romantische Sage fand großen Beifall in ganz Deutschland. Der anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine Erfindung des Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte Felsenschlößchen Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen und Hauff würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß etwas Vollkommenes erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung des Herzogs Ulerich von Württemberg bedeutend von der historischen Wahrheit abgewichen und hat ihn viel zu ideal geschildert, sich auch im ganzen große geschichtliche Licenzen erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein so edler, hoher Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller Vertiefung in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele erschütternde, poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk, daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben und zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.

Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine bisherigen Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten erlaubte ihm eine Reise zunächst über Frankfurt und Mainz nach Paris und dann durch Belgien und Norddeutschland. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf diesen Wanderungen allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.

Durch den Kriminaldirektor Hitzig in Berlin, den er in Hamburg kennen gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger der Aufenthalt in der preußischen Hauptstadt so angenehm wie möglich gemacht, namentlich dadurch, daß er ihn mit den literarischen Kreisen vorzüglich mit der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und ausgezeichneten Männern in Verbindung brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück, durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die Poesie trugen Hauffs Reisen nur eine zur vollen Reife gekommene Frucht, die prächtigen »Phantasien im Bremer Ratskeller«, womit er im Herbst 1827 den Freunden des Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche Mischung von übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige Charakterisierung der köstlichen Figuren sichern den Phantasien durch ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz vorher hatte er die Erzählung »Das Bild des Kaisers« geschrieben, in der historische und poetische Wahrheit zugleich enthalten ist; er hat hierin dem obengenannten Baron von Hügel ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit Adjutant von Napoleon war.

Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. Januar 1827 die Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden »Morgenblatts für gebildete Stände,« dem er einen neuen Aufschwung verlieh; er brachte in demselben einige Abhandlungen und Skizzen. Im Februar desselben Jahres verheiratete er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der ihn längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, diese Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten Gang hätte nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und selbst der Intrige hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische Verwicklung auch im täglichen Leben Bedürfnis. Dieser Bund schien übrigens sein Lebensglück dauerhaft zu begründen und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich mit dem Gedanken, einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem Zwecke machte er im Juli eine Reise nach Tirol. –

Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.

Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn schon durch Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste am Kranken- und Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten teueren Freundes verursacht war. Bei der Beerdigung eines andern lieben Freundes zog er sich eine heftige Erkältung zu, und ein tückisches Nervenfieber beschlich den Widerstrebenden, der gewaltsam zur gewohnten und ihm so lieben Arbeit zurückkehren wollte.

Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber seine Sinne in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letztenmal seine Züge bei der Kunde von der Seeschlacht bei Navarin; das Ereignis, das so viele Dichter zu politisch-poetischen Erzeugnissen begeisterte und Freude in der ganzen gebildeten Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen, er konnte sich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des Fiebers Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: »Laßt mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum vor zwei Monaten hatte er in Stuttgart Wilhelm Müller, den Sänger der Griechenlieder, persönlich kennen gelernt und seit wenigen Wochen seinen jähen Tod betrauert.

Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen Abschied nahm und Gott »seinen unsterblichen Geist« empfahl, am 18. November 1827. Die Teilnahme an seinem frühen Tode war allgemein und sie sprach sich in Stuttgart durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in Nachrufen zu feiern.

Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem Hinscheiden Ludwig Uhland:

Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,
Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,
Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen
Den abgeknickten Zweig – den blütenvollen!

Noch eben war von dieses Frühlings Scheine
Das Vaterland beglänzt. – Auf schroffem Steine,
Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu
Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.
Doch in der Höhle, wo die stille Kraft
Des Erdgeists – rätselhafte Formen schafft:
Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,
Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;
Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,
Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.

Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,
Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen
Umkleidete das Altertum den Sarg,
Der heiter die verglühte Asche barg:
So hat auch er, dem uns're Träne taut,
Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.

Die Asche ruht – der Geist entfleucht auf Bahnen
Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,
Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht
Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.

Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe seiner sämtlichen Werke wurde durch Gustav Schwab veranstaltet, der mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. Hauffs heiterer, phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, sein jugendfrisches, liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus allen seinen Werken, die hierdurch und durch das gewandte Erzählertalent ihren Wert erhielten und zu Schätzen deutscher Literatur wurden.

Alfred Weile.


Gedichte.


Gedichte.

Seite
Der Schwester Traum [17]
Mutterliebe [19]
An die Freiheit [20]
1. Zur Feier des 18. Junius 1824 [21]
2. Zur Feier des 18. Junius 1823 [23]
3. Zur Feier des 18. Junius 1824 [23]
4. Zur Feier des 18. Junius 1824 [24]
Turnerlust [25]
Das Burschentum [26]
Trinklied [27]
Reiters Morgengesang [28]
Soldatenmut [29]
Prinz Wilhelm [30]
Soldatentreue [32]
Soldatenliebe [33]
Hans Huttens Ende [33]
Entschuldigung [35]
Jesuitenbeichte [37]
Regel für Kranke [38]
Schriftsteller [39]
Lehre aus Erfahrung [40]
Amor der Räuber [40]
Stille Liebe [41]
Hoffe [41]
Trost [43]
Sehnsucht [44]
Ihr Auge [45]
Serenade [46]
Lied aus der Ferne [46]
Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage [47]
An Emilie [48]
Der Kranke [49]
Grabgesang [50]
Aus dem Stammbuche eines Freundes [51]
Logogryph [51]
Rätsel, drei [52]
Scharade [53]

Der Schwester Traum.

Sie schläft. – Es ist die letzte Nacht des Jahres,
Und wenn die Morgenglocken wieder tönen,
Grüßt eine neue Zeit das holde Kind.

Man sagt, in dieser letzten Mitternacht
Entsteigen ihren Gräbern manche Schatten,
Die Seelen schweben von dem Himmel nieder,
Die Heimat und die Freunde zu besuchen.
Auch sie gedachte dieser alten Sage,
Als sie im stillen, einsamen Gemach
Die Ruhe suchte, und den schönen Augen
Entströmten Tränen. Doch, nicht kind'sche Angst
Vor der geheimnisvollen Wiederkehr
Geschiedner Geister trübte ihre Blicke;
Nein, die Erinnrung an geliebte Schatten,
Die Wehmut um so manches teure Grab
Senkte sich nieder in die stille Seele;
Sie hat für sie gebetet und geweint.

Sie schlummert, und es nahen die Verlornen,
Die schönen Toten, ihrem stillen Lager;
Die Schwestern ihrer Jugend stehen auf
Von einer Welt, wo keine Blüte stirbt.

Erkennst du sie? Du siehst sie nimmer wieder
Als blühende, als irdische Gestalten;
Nicht wie sie Blumen pflückten, Kränze banden,
Nicht wie sie um den trauten Winterherd
Die schaurig schönen Märchen dir erzählten,
Nicht wie du ihnen unter Lust und Scherz
Zum Maientag die schönen Haare flochtest: –
Dies alles blieb in ihrem frühen Grab.
Sie nahen dir mit geisterhaftem Schimmer,
Umstrahlt von heil'gem, überird'schem Glanz.
Doch, sind die Blütenkränze abgestreift,
Ist ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen,
Sie bringen doch die alte Liebe mit,
Und sanfter, als in ihrer Erdenschöne,
Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht,
Das deine milden Züge still umschwebt,
Sind sie genaht, und deinem geist'gen Blick
Begegnen grüßend ihre lichten Augen,
Von Strahlen der Unsterblichkeit gefüllt.

Sie segnen dich; von ihren heil'gen Lippen
Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton,
Wenn lieblich flüsternd durch die feinen Saiten
Der Hauch des Abends weht: »Geliebte Schwester,
Wir denken deiner und wir sind dir nah,
Und segnend schweben wir um deine Tritte;
So oft dein Aug' im schönen Morgenrot,
Im heitern Blau des Mittags sich ergeht,
Trifft uns dein Blick; siehst du den Wölkchen nach,
Die in dem Meer der Abendröte segeln,
Dort schiffen wir; und auf des Mondes Strahl,
Der mild und freundlich in dein Fenster fällt,
Entschweben wir von deinem stillen Lager
Mit deinen Tränen nach den sel'gen Höhn.«

So flüstern sie und neigen sich herab,
Die Stirn der teuern Schlafenden zu küssen
Und dann beflügelt, eh' sie schnell erwacht,
Eh' ihre Augen die Erscheinung haschen,
Im milden Strahl des Mondes aufzuschweben
Nach sel'gen Höhn. Ja dort, wo anders fände
Die Schwesterliebe ihre ew'ge Heimat?
So stürmisch nicht, nicht so voll hoher Worte
Wie Bruderliebe, doch nicht minder tief,
Gleicht sie dem Bergsee, der in heil'ger Stille
Den Himmel und die friedlichen Gestade
Getreuer widerspiegelt als der Bergstrom,
Der Bild und Ufer in sein Bett begräbt.

Ja, tief und selig ist die Schwesterliebe,
Und zarter, rührender erscheint sie kaum,
Als wenn sie über Gräbern noch sich findet
Und Tote leben in der Schwester Traum.


Mutterliebe.

Mutterliebe!
Allerheiligstes der Liebe!
Ach! die Erdensprache ist so arm,
O, vernähm' ich jener Engel Chöre,
Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen,
Worte der Begeistrung wollt' ich singen:
»Heilig, heilig ist die Mutterliebe!«

Wie die Sonne geht sie lieblich auf,
Blickt herab, den Blick voll süßen Frieden,
Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten –
Und die Pflanze sproßt zum Licht hinauf.
Rauhe Stürme ziehen durch die Flur,
Und die junge Pflanze bebet,
Doch die Sonne blickt durch die Natur,
Und die junge Pflanze lebet,
Neu erwärmt von ihrem Blick, und strebet
Höher noch zu ihrer Sonne auf.

Mutterliebe! du, du bist die Sonne!
O wie leuchtest du der Blüte doch so warm!
O wie heilig ist die Mutterwonne,
Wenn das Kind umschlingt der treue Arm!
So am Abend, so am Morgen,
Nie ermattet sie,
Wacht in Freuden, wacht in Sorgen
Spät und früh.
Sie begießt mit Muttertränen
Ihrer Augen Lust,
Wärmet sie mit stillem Sehnen
An der treuen Brust.
Süße Hoffnung schwellt die Mutterbrust,
Daß die Blüte werd' zur Knospe keimen,
Früchte sieht sie in den süßen Träumen.
Heil'ge, reine Mutterliebe,
Daß sich nie dein stiller Himmel trübe!

Mutterliebe!
Allerheiligstes der Liebe!
Dir ertönten jener Engel Chöre;
Als der Herr zur Erde niederstieg,
Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen
Und erwachte in der Mutter Armen.

Sinket nieder,
Schwestern, Brüder,
Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt,
Der sie schuf, sein reinstes Seelenband.
Fleht mit uns, ihr Geister unsrer Lieben,
Tragt es aufwärts, unser kindlich Flehn,
Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöh'n,
Werft euch nieder vor des Vaters Thron,
Fallet nieder vor der Mutter Sohn,
Daß auf uns er seine Gnade senke
Und den süßen Trost uns immer schenke –
Das segensvolle Heiligtum der Liebe,
Der Mutterliebe!


An die Freiheit.

Was mir so leise einst die Brust durchbebte,
Als ich zuerst zum Jüngling war erwacht,
Was sich so hold in meine Träume webte,
Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht;
Und was am Morgen klar noch in mir lebte,
Was dann, zur lichten Flamme angefacht,
Mit kühner Ahnung meine Seele füllte –
Es wären nur der Täuschung Luftgebilde?

Was ich geschaut im großen Buch der Zeiten,
Wenn ich der Völker Schicksal überlas,
Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten
Der Schöpfung mit dem trunknen Auge maß,
Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden,
Wenn sinnend ich am stillen Hügel saß –
Ich fühle es an meines Herzens Glühen,
Es war kein Traumbild eitler Phantasieen!

Du, stille Nacht, und du, o meine Laute!
Nur euch, ihr Trauten, hab ich es gesagt;
Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute,
Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt,
O sagt's ihm, was ich fühlte, was ich schaute,
Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt;
O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich gesungen,
Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen!

Die müde Sonne ist hinabgegangen,
Der Abendschein am Horizont zerrinnt,
Doch du, o Freiheit, spielst um meine Wangen,
Stiegst du hernieder mit dem Abendwind?
Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen,
Ich fühl's, du schwebst um mich, so mild, so lind.
O weile hier, wirf ab die Adlerflügel!
Du schweigst? Du meidest ewig Deutschlands Hügel?

Wohl lange ist's, seit du so gerne wohntest
Bei unsern Ahnen in dem düstern Hain:
Dünkt dir, wie gern du auf den Bergen throntest
Vom eis'gen Belt bis an den alten Rhein?
Mit Eichenkränzen deine Söhne lohntest?
Das schöne Land soll ganz vergessen sein?
Noch denkst du sein; es wird dich wiedersehen,
Wird auch dein Geist dann längst mein Grab umwehen.


Zur Feier des 18. Junius 1824.

I.

Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain,
Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder;
Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn,
Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder;
Daß heut der stolze Adler niedersank,
Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte
Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde,
Trag's zu den Wolken, donnernder Gesang!

Trübt auch die Wolke unsres Festes Glanz,
Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre,
Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz,
Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre:
Mög' Arglist auch und Trug mit finstrem Bann
Dem Siegervolke noch die Zunge binden, –
Begeisterung, des Jünglings Dank, soll's laut verkünden:
»Wer dort gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«

Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht,
Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen,
Zu kämpfen für die Freiheit und das Recht,
Um deutsch zu sein wie in der Vorzeit Tagen!
Ein hoher Sinn stieg auf aus blut'gem Streit,
Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder,
Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder,
Wir auf den Trümmern der vergangnen Zeit!

Drum tretet mutig in die Kämpferbahn,
Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen!
Fürs liebe Vaterland hinan, hinan!
Doch nur von innen kann das Werk gelingen,
Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm,
Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen;
Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen,
Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!

Ja, so ersteht ein freies Vaterland;
O Bruderbund, dies hast du dir erkoren!
Hebt in die Lüfte auf die treue Hand,
Dem Vaterlande sei es fest geschworen!
O schöne Saat! Der junge Stamm erblüht,
Und schützend ragt er auf wie Deutschlands Eichen;
Blüh', schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen,
Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.

II.
1823.

Ferne in der fremden Erde
Ruhet ihr bei euerm Schwerte
In des Todes sichrer Hut;
Heil'ger Frieden
Lohnt euch Müden,
Nach des Tages heißer Glut.

Frankreichs Adler saht ihr fallen,
Hörtet Siegesdonner schallen,
Als der Tod das Auge brach.
Heil euch Lieben,
Träumet drüben
Von der Freiheit goldnem Tag.

Selig preis' ich eure Lose
In der Erde kühlem Schoße.
Ach, ihr saht der Freiheit Licht,
Saht sie steigen
Ueber Leichen –
Doch sie sinken saht ihr nicht.

Fern von eurem Siegestale
Denken wir beim Todesmahle
Innig eurer Siegerschar,
Und wir gießen,
Euch zu grüßen,
Tränen auf den Festaltar.

III.
1824.

So nahst du wieder, holde Siegesfeier,
Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt,
Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier
Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt:
Du nahst – und alle Herzen schlagen freier,
Gesang und Jubel tönet durchs Gefild,
Und meiner Brüder frohe Blicke sagen:
»Es war mein Volk, das diese Schlacht geschlagen!«

Es war mein Volk, und nicht die frohen Binden
Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag;
Wohl sollten wir Zypressenkränze winden
Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag;
Doch – den Gefallnen laßt uns Kränze winden,
Und einmal noch am frohen Siegestag,
Weil rings um uns des Sieges Früchte welken,
Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.

Drum grüß' ich dich, du Feld, wo sie gefallen,
Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach!
Drum grüß' ich euch in euern Wolkenhallen,
Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach!
Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden, allen,
Euch tönen unsre Liebesgrüße nach,
Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden,
Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!

Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen
Und eure Kränze in den Staub gedrückt:
Die Blumen haben in des Frühlings Tagen
Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt.
So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen;
Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt,
Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen,
Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.

IV.
1824.

Wo eine Glut die Herzen bindet,
Wo Aug' dem Auge nur verkündet,
Was Sehnsucht in dem Herzen spricht;
Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet,
Die Gottheit in den Trümmern waltet,
Kennt man der Liebe Trennung nicht.

Heran, ihr Brüder! Nord und Süden,
Ob euch des Herrschers Wink geschieden,
Laßt uns ein Volk von Brüdern sein;
Schließt ja in Schönbunds weiten Auen
Von allen Strömen, allen Gauen
Ein Rasen unsre Brüder ein.

Wohl ist der Siegsgesang verklungen,
Ganz anders wird jetzt vorgesungen,
Ganz andre Weisen spielt man vor;
Doch tönt, von Wehmut fortgetragen,
Ein Ton noch aus den bessern Tagen
Und schlägt an manch empfänglich Ohr.

Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen
Den alten Ton herüberklingen
Von unsrer Brüder Schlachtgefild?
Der Einklang ist's von tausend Tönen,
Der mächtig in Germanias Söhnen
Zu der Begeistrung Wogen schwillt.


Turnerlust.

Was zieht dort unten das Tal entlang?
Eine Schar im weißen Gewand; –
Wie mutig brauset der volle Gesang!
Die Töne sind mir bekannt.
Sie singen von Freiheit und Vaterland,
Ich kenne die Scharen im weißen Gewand.
Hurra! Hurra! Hurra!
Die Turner ziehen aus.

Die Turner ziehen ins grünende Feld
Hinaus zur männlichen Lust;
Daß Uebung kräftig die Glieder stählt,
Mit Mut sich füllet die Brust:
Drum schreiten die Turner das Tal entlang,
Drum tönet ihr mutiger froher Gesang:
Hurra! Hurra! Hurra!
Du fröhliche Turnerlust!

O sieh, wie kühn sich der Blick erhebt,
Wenn der Arm den Gegner umfaßt!
Und frei, wie der Aar durch die Lüfte schwebt,
Fliegt auf der Turner am Mast;
Dort schaut er weit in die Täler hinaus,
Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus:
Hurra! Hurra! Hurra!
Du fröhliche Turnerlust!

Es ist kein Graben zu tief, zu breit,
Hinüber mit flüchtigem Fuß!
Und trennt die Ufer der Strom so weit,
Hinein in den tosenden Fluß!
Er teilt mit dem Arm der Fluten Gewalt,
Und aus den Wogen sein Ruf noch schallt:
Hurra! Hurra! Hurra!
Du fröhliche Turnerlust!

Er schwingt das Schwert in der starken Hand,
Zum Kampfe stählt er den Arm;
O dürft' er's ziehen fürs Vaterland!
Es wallt das Herz ihm so warm.
Und sollte sie kommen, die herrliche Zeit,
Sie fände den tapfern Turner bereit.
Hurra! Hurra! Hurra!
Wie ging's dann mutig in Feind!

So wirbt der Turner um Kraft und Mut
Mit Frührots freundlichem Strahl,
Bis spät sich senket der Sonne Glut
Und die Nacht sich bettet im Tal;
Und klingt der Abendglockenklang,
Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang
Hurra! Hurra! Hurra!
Du fröhliche Turnerlust!


Das Burschentum.

Wenn die Becher fröhlich kreisen,
Wenn in vollen Sangesweisen
Tönt so manches Helden Ruhm,
Ja, da muß man dich auch singen,
Muß auch dir die Becher schwingen,
Dir, du altes Burschentum!

Fragt ihr, wo die Freiheit wohne?
Auf Europas weiter Zone
Habt ihr nimmer sie gesehn;
Nur bei alter, treuer Sitte,
In der Burschen froher Mitte
Mag ihr Tempel noch bestehn.

Froh und frei, wie's unsre Alten
Einst zu ihrer Zeit gehalten,
Leben wir, so lang es gilt;
Freuen uns – mit leerer Tasche,
Wenn uns nur aus voller Flasche
Klar der braune Nektar quillt.

Nicht in marmornen Trophäen
Kann die späte Nachwelt sehen,
Was wir Brüder hier getan!
Doch zum Denkstein unsern Siegen
Häufen wir aus leeren Krügen
Hohe Pyramiden an.

Mit dem Humpen in der Linken
Wollen wir dein Wohlsein trinken,
Altes, frohes Burschentum!
Mit dem Hieber in der Rechten
Wollen wir dich kühn verfechten,
Freies, tapfres Burschentum!


Trinklied.

Wer seines Leibes Alter zählet
Nach Nächten, die er froh durchwacht,
Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
Sich um den Groschen lustig macht,
Der findet in uns seine Leute,
Der sei uns brüderlich gegrüßt,
Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
In seine sanften Arme schließt.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
Von Flötentönen sanft berauscht,
Fein Liebchen sich im Arme schmieget,
Und Blick um Liebesblick sich tauscht,
Da haben wir im Flug genossen
Und schnell den Augenblick erhascht,
Und Herz an Herzen festgeschlossen,
Der Lippen süßen Gruß genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
Doch ist sein Feuer bald verraucht,
Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
In seine Geisterglut dich taucht;
Uns, die wir seine Hymnen singen,
Uns leuchtet seine Flamme vor,
Und auf der Töne freien Schwingen
Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
Zum würdigen Gesang erhebt,
Euch grüß' ich, wogende Akkorde,
Daß ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf – sie schweben nieder,
Im Vollton rauschet der Gesang,
Und lieblich hallt in unsre Lieder
Der vollen Gläser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten
Und bleiben fürder auch dabei,
Und mag die Welt um uns veralten,
Wir bleiben ewig jung und neu.
Denn, wird einmal der Geist uns trübe,
Wir baden ihn im alten Wein
Und ziehen mit Gesang und Liebe
In unsern Freudenhimmel ein.


Reiters Morgengesang.

(Nach einem schwäbischen Volkslied.)

Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad!

Kaum gedacht,
War der Lust ein End' gemacht.
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab!

Ach, wie bald
Schwindet Schönheit und Gestalt!
Tust du stolz mit deinen Wangen,
Die mit Milch und Purpur prangen?
Ach! die Rosen welken all!

Darum still
Füg' ich mich, wie Gott es will.
Nun, so will ich wacker streiten,
Und sollt' ich den Tod erleiden,
Stirbt ein braver Reitersmann.


Soldatenmut.

Soldatenmut siegt überall,
Im Frieden und im Krieg,
Bei Flöten- und Kanonenschall
Erkämpft er sich den Sieg;
Sei's um ein Küßchen mit der Maid,
Sei's mit dem Feind um Blut,
Da ist er schnell zum Kampf bereit,
Da siegt Soldatenmut!
Hurra!
Da siegt Soldatenmut!

Wenn sich der Tanz im Wirbel schwingt
Und Aug' in Auge blickt,
Der Arm sich um die Hüfte schlingt
Und Hand in Hand sich drückt,
Da ist die Maid in kurzer Frist
Dem schlanken Burschen gut;
Wer lange fragt, hat nie geküßt,
Da siegt Soldatenmut,
Hurra!
Da siegt Soldatenmut!

Und wenn am heißen Sommertag
Den Marsch die Hitze drückt,
Und wenn das rasche Roß erlag
Und müd' zur Erd' sich bückt,
Hat der Soldat sich aufgerafft,
Er singet wohlgemut,
Wirbt durch Gesang sich neue Kraft;
So siegt Soldatenmut!
Hurra!
So siegt Soldatenmut!

Und wenn im Tal die Banner wehn
Und Heer an Heer sich schließt,
Und uns von den Batt'rieen Höhn
Kanonendonner grüßt:
Da reißt uns durch den Waffenplan
Des Kampfes wilde Glut,
Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann,
Da siegt Soldatenmut:
Hurra!
Da siegt Soldatenmut!

Und wenn mein Stündlein kommen sollt',
So bin ich frisch zur Hand;
Ich sterb' ja nicht für eitles Gold,
Ich fall' fürs Vaterland.
Was ich gesollt, hab' ich getan,
Und hab's gelöst mit Blut:
So lebt, so stirbt für seine Fahn',
So siegt Soldatenmut!
Hurra!
So siegt Soldatenmut!


Prinz Wilhelm.

Prinz Wilhelm, der edle Ritter,
Ritt hinaus ins Schlachtgewitter,
Ritt mit aus in blut'gen Strauß;
Denn als man die Trommel rührte
Und nach Frankreich abmarschierte,
Blieb der Kronprinz nicht zu Haus.

Durch des Rheines wilde Wogen
Ist er schnell hindurchgezogen,
Ziehet weiter ohne Ruh'.
Auf die Feinde durch die Wälder,
Durch die eisbedeckten Felder,
Auf die Feinde eilt er zu.

Bei Brienne, im dunkeln Walde
Unser Jägerhorn erschallte,
Unsre Trommeln wirbeln drein;
In den Feind durch Sumpf und Graben
Stürmt der Prinz mit seinen Schwaben,
Daß der Sieg muß unser sein.

Und bei Montereaus blut'ger Brücken,
Als der Feind wollt' schier erdrücken
Unsre kleine, treue Schar,
Hat er gegen Sturmsgewalten
Ritterlich den Paß gehalten,
Bis sein Volk gerettet war.

An der Aube, am Marnestrande,
An der Seine weitem Lande
Kennt man Wilhelm und sein Schwert;
Epinal auf blut'gen Wegen,
Troyes' heißer Kugelregen
Haben seinen Stamm bewährt.

Ja, wo treue Schwaben stritten,
War auch in des Kampfes Mitten
Unser Kronprinz stets dabei;
Ja, so stritt im Schlachtgewitter
Prinz Wilhelm, der edle Ritter,
Furchtlos, wie sein Wort, und treu.

Schlaget ein, ihr Kameraden!
Wenn zum Krieg die Trommeln laden,
Strömen freudig wir herbei:
Denn als König zieht der Ritter
Nun voraus im Schlachtgewitter,
Furchtlos, wie sein Wort, und treu.


Soldatentreue.

Wohl dem, der geschworen
Zur Fahne den Eid,
Der sich zum Schmuck erkoren
Des Königs Waffenkleid!

Sei Treue verraten,
Sei Ehre verbannt,
Doch gehn mit dem Soldaten
Sie beide Hand in Hand.

Es grüßt ja zur Seite
Sein Säbel ihm zu
Und ruft ihm aus der Scheide:
»So treu wie Stahl seist du

Die Büchse, sie winket
So freundlich und rein;
So rein als wie sie blinket,
Soll seine Ehre sein.

Das tönt ihm so süße,
Das schwellt ihm den Arm,
Das macht, wie Liebchens Küsse,
Soldatenherz so warm!

Drum auf! Es ertönen
Trompeten voll Mut!
In Vaterlandessöhnen
Wallt treues Heldenblut!

Die Welt mag zerreißen
Die Schwüre wie Spreu;
Ich weiß ein Wort wie Eisen,
Es heißt: Soldatentreu'.


Soldatenliebe.

Steh' ich in finstrer Mitternacht
So einsam auf der fernen Wacht,
So denk' ich an mein fernes Lieb,
Ob mir's auch treu und hold verblieb?

Als ich zur Fahne fort gemüßt,
Hat sie so herzlich mich geküßt,
Mit Bändern meinen Hut geschmückt
Und weinend mich ans Herz gedrückt!

Sie liebt mich noch, sie ist mir gut,
Drum bin ich froh und wohlgemut!
Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht,
Wenn es ans treue Lieb gedacht.

Jetzt bei der Lampe mildem Schein
Gehst du wohl in dein Kämmerlein
Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn
Auch für den Liebsten in der Fern'!

Doch wenn du traurig bist und weinst,
Mich von Gefahr umrungen meinst! –
Sei ruhig, bin in Gottes Hut,
Er liebt ein treu Soldatenblut.

Die Glocke schlägt, bald naht die Rund'
Und löst mich ab zu dieser Stund';
Schlaf wohl im stillen Kämmerlein
Und denk' in deinen Träumen mein.


Hans Huttens Ende.

Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und sagt:
»Hans Hutten, reite mit auf die Jagd,
Im Schönbuch weiß ich ein Mutterschwein,
Wir schießen es für die Liebste mein.«

Und im Forst sich der Herzog zum Junker wandt':
»Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?«
»Herr Herzog, es ist halt ein Ringelein,
Ich hab' es von meiner Herzliebsten fein.«

»Herr Hans, du bist ja ein stattlicher Mann,
Hast gar auch ein güldenes Kettlein an?« –
»Das hat mir mein herziger Schatz geschenkt
Zum Zeichen, daß sie noch meiner gedenkt.«

Und der Herzog blicket ihn schrecklich an:
»So? Das hat alles dein Schatz getan?
Der Trauring ist es von meinem Weib,
Das Kettlein hing ich ihr selbst um den Leib.«

O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn,
Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn!
Flieh, Hutten! es ist die höchste Zeit,
Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid'!

»Dein Schwert raus, Buhler, mich dürstet sehr,
Zu sühnen mit Blut meines Bettes Ehr'!«
Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein sprich,
Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich.

Es krachen die Rippen, es bricht das Herz;
Ruhig wischet Ulrich das blutige Erz,
Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum
Und hänget die Leich' an den nächsten Baum.

Es steht eine Eiche im Schönbuchwald
Gar breit in den Aesten und hochgestalt;
Zum Zeichen wird sie Jahrhunderte stahn,
Hier hing der Herzog den Junker dran.

Und wenn man den Herzog vom Lande jagt,
Sein Nam' bleibt ihm, sein Schwert; er sagt:
»Mein Nam', er verdorret ja nimmermehr,
Und gerächet hab' ich des Hauses Ehr'.«


Entschuldigung.

Kam einst ein englischer Kapitan
Zu Stambul in dem Hafen an,
Der wollte nach der langen Fahrt
Sich gütlich tun nach seiner Art
Und in Stambuls krummen Gassen
Vor den Leuten sich sehen lassen.
Hatte auch weit und breit gehört,
Wie die Türken so schöne Pferd',
Reiche Geschirr' und Sättel haben;
Wollte auch wie ein Türke traben,
Und bestellt auf abends um vier
Ein recht feurig arabisch Tier.
Ziehet sich an im höchsten Staat,
Rotem Rock, mit Gold auf der Naht,
Schwärzt den Bart um Wange und Maul
Und steigt Punkt vier Uhr auf den Gaul.
Drauf, als er reitet durch das Tor,
Kam es den Türken komisch vor,
Hatten noch keinen Reiter gesehn
Wie den englischen Kapitän;
Die Knie' hatt' er hinaufgezogen
Und seinen Rücken krumm gebogen,
Die Brust mit den Tressen eingedrückt,
Auch den Kopf tief herabgebückt;
Saß zu Pferde wie ein armer Schneider.
Doch der Schiffskapitän ritt weiter,
Glaubte getrost, die Türken lachen
Aus lauter Bewundrung in ihrer Sprachen.
So ritt er bis zum großen Platz,
Da macht der Araber einen Satz
Und steigt; der englische Kapitän
Ergreift des Arabers lange Mähn',
Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen
Und schreit ihm auf englisch in die Ohren;
Das Roß den Reiter nicht verstand,
Setzt wieder und wirft ihn in den Sand.
Die Türken den Rotrock sehr beklagen,
Haben ihn auch zu Schiff getragen,
Und seinem Dragoman, einem Scioten,
Haben sie hoch und streng verboten,
Er dürf's nimmer wieder leiden,
Daß der Herr den Araber tät reiten.
Als sie verlassen den Kapitan,
Befiehlt er gleich dem Dragoman,
Ihm auf englisch auszudeuten,
Was er gehört von diesen Leuten.
Der Grieche spricht: »Es ist nichts weiter,
Sie glauben, Ihr seid ein schlechter Reiter,
Wollen, Ihr sollt in Stambuls Gassen
Nimmer zu Pferd Euch sehen lassen.«
Des hat sich der Kapitän gegrämt
Und vor den Türken sehr geschämt.
Spricht zum Dragoman: »Geh hinein
Und sage den Türken: es kommt vom Wein;
Der Herr ist sonst ein guter Reiter,
Aber heut an der Tafel, leider,
Hat er sich ziemlich in Sekt betrunken,
Da ist er im Rausche vom Pferd gesunken.«
Der Grieche ging zum Hafentor
Und trug den Türken die Sache vor.
Doch diese hörten ihn schaudernd an:
»Wir glaubten Gutes vom roten Mann
Und dachten, er sitze schlecht zu Pferd,
Weil's ihn sein Vater nicht besser gelehrt;
Aber wie, von Wein betrunken,
Ist er im Rausche vom Pferd gesunken?
Pfui dem Giaur und seinem Glas,
Allah tue ihm dies und das!«
Da sprach ein alter Muselmann:
»Glaubt's nicht, Leute, höret mich an!
Nicht, weil der Frank' zu viel getrunken,
Ist er schmählich vom Roß gesunken.
Hab' gleich gedacht, es wird so gehn,
Als ich ihn habe reiten sehn,
Die Knie' hoch hinaufgezogen,
Den Rücken krumm und schief gebogen,
Die Brust mit Tressen eingedrückt,
Kopf und Nacken niedergebückt.
Denk' ich, wenn sein Rößlein scheut,
Ihn sein Reiten gewiß gereut.
Aber nein, ich will euch sagen,
Warum er wollte den Wein verklagen
Und stellte sich lieber als Säufer gar,
Denn als ein schlechter Reiter dar:
Das macht des Menschen Eitelkeit,
Die ihn zu Trug und Lug verleit't.
Will mancher lieber ein Laster haben,
Hätt' er nur andere glänzende Gaben;
Und mancher lieber eine Sünd' gesteht,
Eh' er eine Lächerlichkeit verrät;
Ein dritter will gar zur Hölle fahren,
Um sich ein falsch Erröten zu sparen.
So auch der fränkische Kapitan,
Schämt sich und lügt uns lieber an,
Will lieber Säufer sich lassen schelten,
Als für einen schlechten Reiter gelten.«


Jesuitenbeichte.

(Nach dem Französischen.)

Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe,
Und jeder war mein ganzes Herz geweiht,
Und jede schwur mir heute ew'ge Treue
Und brach schon morgen ihren heil'gen Eid.
Da schwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen.
»Mein Sohn, wer flucht, der sündiget. Allein
Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;
Du sollst versöhnet und entschuldigt sein.«

Weil ich Bestechung haßte wie die Hölle,
Fand mein Minister mich zu ungeschickt,
Und einem feilen Kerl gab er die Stelle,
Der sich vor seinem Kammerdiener bückt;
Da wünschte ich Herrn C… zum Teufel.
»Mein Sohn, welch rohe Leidenschaft! Allein
Bei kaltem Blut bereust du ohne Zweifel;
Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Mit schönen Worten, blendendem Versprechen
Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht,
Und um mich für die Tausende zu rächen,
Um die mich der Verräter hat gebracht,
Schalt ich Herrn V… einen Beutelschneider.
»Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein
Die Welt nennt ihn mit diesem Namen, leider;
Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte
Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht;
Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande,
Und P…, ihn, der es ausgedacht,
Schalt ich den Mörder aller freien Seelen.
»Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein
Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen;
Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Und als ich diese arme Welt bedachte
Und sah, wie alles schief und irrig geht,
Wie man die Tugend und das Recht verlachte,
Und wie jetzt Trug und Laster oben steht,
Da – hielt ich Gott für einen leeren Namen!
»Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein
Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen;
Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«

Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten;
Doch als ich schleichend wiederkehren sah
Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten,
Da schwur ich ew'gen Haß Sankt Loyola,
Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen!
»Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein
Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen!
Vor uns und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«


Regel für Kranke.

Hast du mit dem Apotheker Streit,
Es dem Arzt zu klagen vermeid';
Hast du über den Arzt zu klagen,
Sollst du's nicht dem Apotheker sagen;
Denn sind sie auch Feinde immerdar,

So werden sie Freund' am neuen Jahr,
Verkünden: der hat dies gesagt,
Und mir hat er von dir geklagt.
Wirst du nun krank in den ersten Wochen,
Die Arznei sie zusammenkochen:

»Recipe: Was er uns getan,
Rühren wir ihm jetzt doppelt an;
Zwanzig Drachmen von seinen Klagen
Mit Asa foetida für den Magen.
Misceatur, detur, nebst unsrem Groll,
Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«

Und stirbst du nicht in der Blütezeit
Ihrer neuen Herzinnigkeit,
Lassen sie dich so lange liegen,
Bis sie selbst wieder Händel kriegen.

***

Merke: zweier Gegner Klagen
Mußt du nicht hin und wieder tragen;
Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen,
Sich nachmals gegen dich vereinen.


Schriftsteller.

Es ist kein Autor so gering und klein,
Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein;
Und wär' er noch so ein armer Wicht,
Geht er doch stolz und aufgericht't,
Daß man glaubt, der leere Hut
Noch zu dem Kleinen gehören tut.
Auch kein Autor auf den andern baut;
Denn sei ein Paar noch so vertraut,
Darfst heut den einen heruntersetzen,
Willst du den andern höher schätzen,
Und morgen, auf des zweiten Kösten,
Läßt sich der erste nennen den Besten.


Lehre aus Erfahrung.

Hat dir ein Autor Geld geliehn
Und kommt und will den Wechsel ziehn,
Und kannst doch nicht sogleich bezahlen,
Ihm auch keinen andern Trug vormalen,
So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon,
's war, als die treffliche Rezension,
Wie Euer letztes Werk gelungen,
Stund in den Literaturzeitungen;
Waret gelobt übern Schellenkönig,
Und dennoch, deucht es mir, zu wenig.
Aber könntet Ihr nicht noch borgen
Einige Zeit?« – »Seid ohne Sorgen,«
Der Autor darauf ganz freundlich spricht,
»Nach meinem Geld verlangt mich nicht,
Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr
Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«


Amor der Räuber.

(Nach dem Italienischen.)

Die Unschuld saß in grüner Laube,
Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß;
Und Amor kam: Gib mir die Taube,
Ein Weilchen nur gib deine Taube!
Die Unschuld ließ sie lächelnd los,
Doch hielt sie Täubchen an dem Band,
Das sich um Täubchens Flügel wand.

Doch kaum hat er die weiße Taube,
So schneidet er den Faden ab;
Und höhnisch lachend, mit dem Raube
Entflieht der Räuber aus der Laube,
Und nimmer kehrt der lose Knab';
Und als ihr Täubchen nimmer kam,
Ward sie dem Räuber ewig gram.


Stille Liebe.

O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
Oft so entzückend mir entgegenstrahlt,
Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe,
Die Wangen ihr mit hoher Röte malt!
Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen,
Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt?
Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe,
Der so entzückend ihrem Blick entquillt?

Warum hat doch ihr Händchen so gezittert,
Als ich ihr gestern guten Abend bot,
Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute,
Was machte sie auf einmal doch so rot?
Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben,
So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt;
Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen
Am Busen und am Sommerhütchen trägt.

Warum schwieg sie auf einmal heute stille
Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt?
Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte?
Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt.
O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen,
Was mich so still, was mich so tief beglückt!
O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge
Oft so entzückend mir entgegenblickt!


Hoffe!

Stimme von dem braunen Hügel,
Die du oft ins stille Tal
Widertönst die lauten Worte,
Lieben trauten Widerhall,
Stimme, die du meine Lieder,
Die Akkorde meiner Zither
Widertönst, erschalle,
Gib nicht neckend meine Frage wieder,
Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.

Stiller Strom im grauen Bette,
Eile nicht so schnell davon,
Daß mein Ohr einmal verstände
Deiner Wellen leisen Ton;
Deine schönen Silberquellen
Sollen traulich mir erzählen,
Rausche lauter, rausche,
Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen,
Daß ich deine Sagen mir erlausche.

Die ihr an dem alten Turme
Oft im Mondesschimmer webt
Und in nächtlich-stiller Stunde
Durch den blassen Hain entschwebt,
Nebelschatten alter Helden,
Ach, daß sie mir doch erzählten,
Steht mir Red', ich frage,
Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden,
O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.

Von den alten, öden Zinnen
Schauen düster sie herab,
Ach, sie blicken von den Türmen
Schweigend in ein ödes Grab;
Alles Edle ist verklungen,
Alles hat die Zeit verschlungen,
Dem Geschlecht hienieden,
Das so tief in seinem Fluch gesunken,
Haben keine Antwort sie beschieden!

Auch des Stromes stille Wellen
Haben schönre Zeit gesehen.
Als noch edlere Geschlechter
Bauten auf der Berge Höhen,
Stolz verachtet er die Frage,
Uebertönet meine Klage,
Seine blauen Wogen
Denken schweigend jener schönen Tage,
Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.

Und so steh' ich denn alleine
In der stillen Mondesnacht,
Weine um die trüben Zeiten,
Ob kein neu Geschlecht erwacht?
Ach, daß sich mein Volk ermannte,
Daß es sprengte seine Bande!
Ob ich wohl noch hoffe?
Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande,
Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!


Trost.

Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen,
Daß sie der Liebe Glück verrät,
Doch treue, zarte Liebe geht
Auf tausend unbewachten Stegen;
Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick
Sagt mir der Liebe süßes Glück.

Und zog ich auch in weite Ferne,
Es zog mit mir mein stilles Glück,
Denn schau' ich nicht der Liebe Blick,
So blick' ich auf zum Abendsterne;
Wie ihres Auges stille Glut
Strahlt er ins Herz getrosten Mut.

Und wallen meine Tage trüber,
Und dringt kein Trost von ihr zu mir,
Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr,
Kein Wort von ihr zu mir herüber; –
Mein stilles Glück ist nicht getrübt,
Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.

Drum klag' ich nicht in weiter Ferne,
Weil Neid der Liebe Weg belauscht,
Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht,
Mir strahlt ein Trost im Abendsterne:
Aus seinen milden Strahlen quillt
Mir meiner Liebe trautes Bild.


Sehnsucht.

Die Sonne grüßt Tubingas Höhn,
Der Berge Morgennebel fallen,
Und leichte Frühlingslüfte wehn,
Im Tal die Herdenglocken schallen,
Des Neckars sanfte Welle quillt
An der Gestade Rebenhügel,
Es taucht die alte Burg ihr Bild
In seinen silberreinen Spiegel.
Wie wär' der Morgen doch so schön,
Könnt' ich mit dir mich da ergehn!

Und reger wogt's am Ufer hin,
Wenn Mittag zu den Schatten ladet,
Wenn sich durch frisches Blättergrün
Die Sonne in dem Strome badet;
Der Hirte zieht den Linden zu,
Der Winzer steigt vom Berge nieder,
Und in des kühlen Strandes Ruh'
Erwachen ihre Kräfte wieder;
Am Neckarstrand ruht' ich so gerne,
Wär' nicht Luise in der Ferne.

Der Abend senket seinen Strahl,
Die Herden ziehen von den Weiden,
Und fernhin durch das holde Tal
Die Dörfer zu der Ruhe läuten;
Da kommen Mädchen Hand in Hand
Den Wiesenplan heraufgezogen;
Es wölbt für sie am grünen Strand
Der Lindengang die hohen Bogen;
Doch jenen Linden fehlt das eine,
Ich wandle ohne sie – alleine!

Auf geht des Mondes Silberstrahl,
Er malt den Berg mit falbem Glanze,
Er ruft die Geister in das Tal,
Er leuchtet ihrem Reigentanze;
Ihr Berge all von Duft umhüllt,
Du Tal am Strome auf und nieder,
Du wärst so hold, du wärst so mild,
Dir weiht' ich meine frohsten Lieder –
Du wärst so schön im Abendscheine,
Schlüg' sie ihr Aug' hier in das meine.


Ihr Auge.

Ich weiß wo einen Bronnen
Voll hellem Himmelstau,
Es glänzt der Strahl der Sonnen
Aus seines Spiegels Blau;
Er ladet klar und helle
Zu süßer Wonne ein,
Es winkt aus seiner Quelle
Der Sonne milder Schein.

Mir war, als sollte drunten
In seiner klaren Flut
Das arme Herz gesunden
Von seinem bangen Mut.
Ich tauchte freudig nieder
Ins klare Blaue hinab,
Mein Herz, das kam nicht wieder,
Fand in dem Quell sein Grab.

Kennst du den süßen Bronnen,
So klar und silberhell?
Kennst du den Strahl der Sonnen
Aus seinem blauen Quell?
Das ist des Liebchens Auge,
Ihr süßer Silberblick, –
Aus seiner Tiefe tauche
Ich nie zum Licht zurück.


Serenade.

Wenn vom Berg mit leisem Tritte
Luna wandelt durch die Nacht,
Eil' ich zu des Liebchens Hütte,
Lausche, ob die Holde wacht.
Seh' ich dort die Lampe glühen
In dem stillen Kämmerlein,
Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein,
Spielend um die zarten Wangen ziehen.

Mit des Lichtes schönsten Strahlen
Zög' ich um mein liebes Kind,
Farben wollt' ich um sie malen,
Wie sie nur am Himmel sind;
Sänke Schlummer ihr aufs Auge,
Löschte sie des Lämpchens Schein,
Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein,
Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.

Nimmer darf ich um sie weben
Wie der Lampe milder Schein,
Doch mein Lied darf zu ihr schweben,
Darf der Liebe Bote sein.
Schwebt denn, Töne meiner Laute,
Zu des Liebchens Kämmerlein,
Wieget sie in süße Träume ein
Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«


Lied aus der Ferne.

Ihr Töne meiner Saiten,
Ihr tönt so sanft, so mild,
Mit Träumen ferner Freuden
Habt ihr mein Herz erfüllt.
Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick,
Führt mir der sanfte Ton zurück,
Der eurem Hauch entquillt!
O lispelt leise, leise!
Dann träum' ich schönre Zeiten
Und meiner Liebe Bild.

Wenn auf der Berge Höhen
Der Strahl des Morgens fällt,
Möcht' ich mit Windeswehen
Zu meiner Jugendwelt,
Möcht' eilen mit des Morgens Strahl
Zum blauen Berg, zum fernen Tal,
Das sie umfangen hält.
Vergebens, ach, vergebens!
Mir blüht kein Wiedersehen
In meiner Jugendwelt.


Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.

In deines Festes fröhliche Gesänge
Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit,
Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge
Zurück noch einmal zur Vergangenheit;
Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte,
Sie pochen schüchtern an der Pforte an,
Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte
Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?

Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden
In unsrer Kindheit holder Blumenwelt?
Es waren unsres Lebens Morgenstunden,
Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt;
Der Schule Mühen, alle frohen Spiele
Und aller Jubel von der Kindheit Bahn,
Sie steigen auf in freudigem Gewühle
Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?

Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen
Uns eine schönre Freudenwelt empfing?
Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen,
Gefaßt in seinen wundervollen Ring?
Und wie auch ernste deutungsvolle Tage
Des Lebens Ernst und Züge zeigten an?
Es war der Jugend Frühlingstag; o sage,
Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?

Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise,
Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar,
Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise,
Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar.
Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen,
Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn;
Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen
Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?

Du denkst daran – und zum Gedächtnismale,
Als eine reine, jungfräuliche Zier,
Nimm von den Schwestern die kristallne Schale,
Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir.
So werden wir in deinem Herzen leben,
Denn siehst du einmal diese Schale an,
Dann wird dich die Erinnerung umschweben,
Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«


An Emilie.

Zum Garten ging ich früh hinaus,
Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde?
Nach manchem Blümchen schaut' ich aus,
Ich wollt's für dich zum Angebinde;
Umsonst hatt' ich mich hinbemüht,
Vergebens war mein freudig Hoffen;
Das Veilchen war schon abgeblüht,
Von andern Blümchen keines offen.

Und trauernd späht' ich her und hin,
Da tönte zu mir leise, leise
Ein Flüstern aus der Zweige Grün,
Gesang nach sel'ger Geister Weise;
Und lieblich, wie des Morgens Licht
Des Tales Nebelhüllen scheidet,
Ein Röschen aus der Knospe bricht,
Das seine Blätter schnell verbreitet.

»Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir,
»So nimm mich hin mit meinen Zweigen,
Bring mich zum Angebinde ihr!
Ich bin der wahren Freude Zeichen.
Ob auch mein Glanz vergänglich sei,
Es treibt aus ihrem treuen Schoße
Die Erde meine Knospen neu,
Drum unvergänglich ist die Rose.

Und wie mein Leben ewig quillt
Und Knosp' um Knospe sich erschließet,
Wenn mich die Sonne sanft und mild
Mit ihrem Feuerkuß begrüßet,
So deine Freundin ewig blüht,
Beseelt vom Geiste ihrer Lieben,
Denn ob der Rose Schmelz verglüht –
Der Rose Leben ist geblieben.«


Der Kranke.

Zitternd auf der Berge Säume
Fällt der Sonne letzter Strahl,
Eingewiegt in düstre Träume
Blickt der Kranke in das Tal,
Sieht der Wolken schnelles Jagen
Durch das trübe Dämmerlicht –
Ach, des Busens stille Klagen
Tragen ihn zur Heimat nicht!
Und mit glänzendem Gefieder
Zog die Schwalbe durch die Luft,
Nach der Heimat zog sie wieder,
Wo ein milder Himmel ruft;
Und er hört ihr fröhlich Singen,
Sehnsucht füllt des Armen Blick,
Ach, er sah sie auf sich schwingen,
Und sein Kummer bleibt zurück.
Schöner Fluß mit blauem Spiegel,
Hörst du seine Klagen nicht?
Sag' es seiner Heimat Hügel,
Daß des Kranken Busen bricht.
Aber kalt rauscht er vom Strande
Und entrollt ins stille Tal,
Schweiget in der Heimat Lande
Von des Kranken stiller Qual.
Und der Arme stützt die Hände
An das müde, trübe Haupt;
Eins ist noch, wohin sich wende
Der, dem aller Trost geraubt;
Schlägt das blaue Auge wieder
Mutig auf zum Horizont,
Immer stieg ja Trost hernieder
Dorther, wo die Liebe wohnt.
Und es netzt die blassen Wangen
Heil'ger Sehnsucht stiller Quell,
Und es schweigt das Erdverlangen,
Und das Auge wird ihm hell:
Nach der ew'gen Heimat Lande
Strebt sein Sehnen kühn hinauf,
Sehnsucht sprengt der Erde Bande,
Psyche schwingt zum Licht sich auf.


Grabgesang.

Vor des Friedhofs dunkler Pforte
Bleiben Leid und Schmerzen stehn,
Dringen nicht zum heil'gen Orte,
Wo die sel'gen Geister gehn,
Wo nach heißer Tage Glut
Unser Freund in Frieden ruht.

Zu des Himmels Wolkentoren
Schwang die Seele sich hinan,
Fern von Schmerzen, neu geboren,
Geht sie auf – die Sternenbahn;
Auch vor jenen heil'gen Höhn
Bleiben Leid und Schmerzen stehn.

Sehnsucht gießet ihre Zähren
Auf den Hügel, wo er ruht;
Doch ein Hauch aus jenen Sphären
Füllt das Herz mit neuem Mut;
Nicht zur Gruft hinab – hinan,
Aufwärts ging des Freundes Bahn.

Drum auf des Gesanges Schwingen
Steigen wir zu ihm empor,
Unsre Trauertöne dringen
Aufwärts zu der Sel'gen Chor,
Tragen ihm in stille Ruh'
Unsre letzten Grüße zu.


Aus dem Stammbuche eines Freundes.

Und wird dir einst die Nachricht zugesandt,
Daß zu den Vätern ich versammelt wäre,
So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!«
Mach hier ein Kreuz – und gib mir eine Zähre.


Logogryph.

Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet?
Kennst du der Liebe trauliches Symbol?
Das feste Band, das sich um Freunde windet,
Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?

An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen;
Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind;
Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen,
Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.

So lang die Welt steht, liegen diese beiden
Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust;
Halt fest am Ganzen, laß sie nimmer streiten
In deiner stillen und zufriednen Brust.


Drei Rätsel.

1.

Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen;
Einst war das Erste furchtbar seinen Ahnen;
Der schwere Zeiger der Geschichte rückt,
Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt,
Wie dem erwählten deutschen Sohne
Im Zweiten die gewicht'ge Krone
Der Bischof auf die Stirne drückt.
Es kreist im hochgewölbten Saale
Das Dritte bei dem Krönungsmahle.

2.

Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne,
Noch hält die längst bestrittne Krone
Die alte Königin der Welt.
Ob sie wohl je vom Throne fällt?
Vielleicht; doch liest du sie von hinten,
So wirst du einen König finden,
Der herrscht, seitdem die Welt besteht,
Des Reich nur mit der Welt vergeht;
Sie schießt nicht ew'ge Donnerkeile,
Doch ewig treffen seine Pfeile.

3.

Einst hieß man mich die schönste aller Frauen,
Selbst Könige entzweite meine Macht.
Zehntausend Krieger aus Europas Gauen,
Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht,
Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel,
Als bis erschlagen alle Heldensöhne
Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel;
Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.

Und wieder tönte jüngst mein alter Namen,
Doch bin ich häßlich und verlassen nun,
Von allen, die des Weges zu mir kamen,
Will keiner lang an meiner Seite ruhn;
Nur einer kam, der erste, dem nicht graut,
An meinem Herd für immer still zu liegen,
Der lange mir ins blasse Antlitz schaut
Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.

»Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern
Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut,
Damit du reihtest zu den alten Freiern
Auch einen Heros aus der neuen Zeit?
Doch lockst du mich mit keinem Erdentand,
Denn Zeus zerschlug dein Ilium in Scherben;
Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand,
So laß mich denn in deinen Armen sterben.«


Scharade.