Anmerkungen zur Transkription

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Karl Heinrich

Wilhelm Meyer-Förster

Von Wilhelm Meyer-Förster ist im gleichen Verlage erschienen:

Süderssen. Roman. Vierte Auflage. Geheftet M. 3.—; eleg. geb. M. 4.—

Heidenstamm. Roman. Sechste Auflage. Geheftet M. 3.—; elegant gebunden M. 4.—

Derby. Roman. Dritte Auflage. Geheftet M. 3.—; eleg. gebunden M. 4.—

Die Fahrt um die Erde. Roman. Geheftet M. 3.—; elegant gebunden M. 4.—

Jubiläumsausgabe

zur 1000. Aufführung von

»Alt-Heidelberg«

Die nachstehende Erzählung

Karl Heinrich

bildet die Grundlage zu
Wilhelm Meyer-Försters

Alt-Heidelberg

Schauspiel in fünf Aufzügen

Karl Heinrich

Erzählung

von

Wilhelm Meyer-Förster

Illustriert von Adolf Wald

Mit dem Bildnis des Dichters

17. bis 21. Tausend

Stuttgart und Leipzig … 1903

Deutsche Verlags-Anstalt

Alle Rechte,
inbesondere das Recht der Uebersetzung in andere Sprachen, vorbehalten.
Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

Papier und Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart.

Erstes Kapitel.

Der »Regierungsanzeiger«, der an jedem Sonnabend in Karlburg erscheint, ein kleines Blatt in Quartformat, auf einem merkwürdig veralteten Papier gedruckt, brachte am 18. April folgende Mitteilung:

»Seine Durchlaucht der Erbprinz hat am Mittwoch in Gegenwart Seiner Durchlaucht des Fürsten, Seiner Excellenz des Staatsministers von Brandenberg, sowie Seiner Excellenz des Wirklichen Geheimen Oberregierungsrats Baer, unter persönlicher Assistenz des Schulrats Dr. Finke, des Herrn Gymnasialdirektors Professor Schneidewind, sowie des gesamten Lehrerkollegiums des Fürstlichen Franz Georg-Gymnasiums nach eingehender und überaus umfassender Prüfung das Abiturientenexamen bestanden. In den Fächern: Griechisch, Lateinisch, Deutsch, Französisch, Englisch wurde die Note I erteilt, in Mathematik und Naturwissenschaften die Note II a (gut), in Religion, Geschichte und Geographie die Note I–II (recht gut). Die Gesamtnote lautete I, gleich: summa cum laude. Am 1. Mai wird Seine Durchlaucht der Erbprinz die Universität Heidelberg für die Dauer eines Jahres beziehen. Als Begleiter wurde von Seiner Durchlaucht dem Fürsten Herr Dr. phil. C. Jüttner bestimmt, der seit acht Jahren die wissenschaftliche Ausbildung Seiner Durchlaucht des Erbprinzen geleitet hat. Herr Dr. phil. Jüttner hat aus Anlaß des so überaus glänzend bestandenen Examens von Seiner Durchlaucht dem Fürsten die Ernennung zum Regierungsrat erhalten.«

Am 30. April, einen Tag vor der Abreise, wurde der neue Regierungsrat von Seiner Durchlaucht dem Fürsten zur Audienz befohlen. Mit seinem grämlichen, vorzeitig gealterten Gesicht saß der Fürst schlaff vor dem großen Schreibtisch, in einem kleinen Sessel ihm gegenüber der Erbprinz.

»Sie kennen meine Anschauungen, Herr Regierungsrat: ich wünsche die wissenschaftliche Ausbildung meines Neffen in derselben ernsten Weise fortgeführt wie bisher. Der Prinz wird nach Ablauf des Studienjahrs als Offizier bei den Gardehusaren in Potsdam eintreten; bis dahin will ich, daß der Erbprinz in strenger, gemessener Arbeit seine Studien fortsetzt. Das Universitätsjahr soll für Seine Durchlaucht so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der wissenschaftlichen Ausbildung gehört. Unter seinen militärischen Kameraden und Standesgenossen zu Potsdam wird der Prinz Gelegenheit finden, in angemessener Form die Freiheiten des Lebens kennen zu lernen; bis dahin wünsche ich, daß Studium und Lebensweise denselben geregelten Gang nehmen wie bisher. Haben Sie mich verstanden?«

Der Fürst saß vor dem großen Schreibtisch.

Der kleine Doktor verneigte sich so tief, daß sein Orden, das Kreuz von Sachsen, in rechtem Winkel von seiner Brust niederhing.

Dann neigte er sich noch ein zweites Mal – er war entlassen.

Er ging durch die langen, dunkeln Gänge nach dem rechten Flügel des Schlosses, wo seine zwei Zimmer neben denen des Prinzen lagen. Ein Moderduft, wie er alten Schlössern eigen ist, lagerte dumpf in diesen düsteren Gängen, und die Aprilsonne, die durch die fliegenden Regenwolken bisweilen leuchtete, brach durch die niedrigen Bogenfenster nur in schwachen, dünnen Streifen. Wie lautlose Schatten glitten die Lakaien auf den verwitterten Teppichen durch die Korridore; nur wenn sie an den Fenstern vorbeihuschten, schimmerten ihre dunkeln Gestalten eine Sekunde lang in Not und Gold.

An der Turmseite wurden die Gänge noch düsterer, die Quaderwände noch dicker, die Fenster klein wie Schießscharten und die Luft so schwer, daß der Regierungsrat kaum atmen konnte. Er war ein Freund von echten Bieren, aber diese Biere hatten die Freundschaft schlecht belohnt und ihn – namentlich seit einigen Monaten – so korpulent werden lassen, daß er an Asthma litt.

»Heidelberg wird dir gut thun,« sagte sein Freund, der Dr. med. Schneider; »da wirst du endlich wieder spazieren laufen und Berge steigen.«

»Ja, Heidelberg wird mir gut thun!« seufzte der Herr Regierungsrat seit vielen Wochen.

Er war fünfunddreißig Jahre alt, aber er sah aus wie ein Vierziger.

»Mein Unglück war,« sagte er oft, »daß ich an den Hof kam. Was war ich für ein lustiger, freier Mensch, und was bin ich geworden! Die Ideale sind futsch, die Freiheit ist futsch und die Gesundheit auch. Sie haben mich da im Schloß erstickt.«

Seine Freunde lachten ihn dann aus:

»Dieser Doktor! Der ein Leben führt wie der Herrgott in Frankreich! Während andre Schulmeister hungern, diniert er, kauft alle Jahre Wertpapiere und bekommt Orden!«

Aber er winkte trübe ab:

»Nein, nein, es ist schon so. Sie haben mich da oben erstickt.«

Und nun endlich waren diese greulichen acht Jahre vorbei! Er setzte sich in Frack und Orden auf seinen bequemen Lehnstuhl, trank einen »Cusinier jaune« und faltete die Hände über der weit gespannten Weste.

Vor ihm standen die zwei großen, vollgepackten Koffer, die nur noch den Frackanzug aufzunehmen brauchten, ehe der Lakai sie schloß.

Diese lieben zwei Koffer! Symbole der Freiheit!

Und Heidelberg! Morgen schon!

Keine Diners mehr mit der grauen Langweile, keine Kammerherren und Staatsminister, vor denen man stets etwas erschrickt, keine Lakaiengesichter, Kutschergesichter, nichts mehr von diesem großen, schauderhaften Schlosse, in dem der Mensch das Atmen verlernt.

Nur noch Karl Heinrich, der mit hinauszog.

Karl Heinrich, der Erbprinz.

»Wenn dieser Junge nicht gewesen wäre, ich hätte es nicht ausgehalten.«

Vor ihm auf dem Arbeitstisch standen fünf oder sechs Photographien in vergoldeten Rahmen, die alle in raschen, langen Schriftzügen eine Widmung trugen: »Seinem verehrten Lehrer – Karl Heinrich« – »Seinem guten Freunde Dr. phil. C. Jüttner – Karl Heinrich« – »Seinem treuen Mentor – Karl Heinrich.«

Das erste Bild zeigte einen pausbäckigen Jungen in Reitanzug, etwa zwölf Jahre alt, ein hübsches, frisches Gesicht mit zwei großen Augen wie die eines Mädchens; die andern waren aus späteren Jahren. Das Gesicht schien da schmaler geworden, unfroher, die Haare lockten sich nicht mehr, sondern waren militärisch kurz geschnitten.

Er nahm ein Bild nach dem andern in die Hand, und mit diesen Bildern zogen noch einmal die acht Jahre an ihm vorbei, ihr ganzer langweiliger Inhalt: Dinieren, Bücklinge machen, wenig Arbeit und verteufelt wenig Freuden, Neid der Kollegen, viele neue Fräcke, viele neue weiße Westen, ein Orden, ein vornehmer Titel, Spazierenfahren, Gähnen und als Resultat eine Herzverfettung. Dieselbe Krankheit, an der die unglücklichen Straßburger Gänse leiden.

»Geh nach Tisch zwei Stunden spazieren,« das predigte sein Freund ihm jeden Tag, und jetzt – er sah nach der Uhr, die in der prallen Weste wie eingekeilt ruhte – war es Zeit, diese langweilige Wanderung anzutreten.

Aber der arme Regierungsrat fand nicht die Kraft zu dieser Selbstüberwindung.

›Erstens kann es jeden Augenblick regnen,‹ dachte er, ›und zweitens hat es wirklich keinen Zweck, an diesem letzten Tage sich noch abzuquälen. In Heidelberg wird das alles anders, da läuft man den ganzen Tag. Wenn ich mich in Heidelberg in acht nehme, nicht viel esse, nicht viel trinke und mit Karl Heinz durch die Berge steige, werde ich vielleicht noch einmal gesund.‹

In dem offenen Kamin prasselte ein leichtes, aprilgemäßes Holzfeuer, in dem warmen, weichen Sessel saß es sich unendlich behaglich, er schloß die müde blinzelnden Augen. Dann öffnete er sie noch einmal und richtete sich halb auf in der plötzlichen Erwägung, daß er beim Schlafen den Frack zerdrücke und lieber die bequeme Sammetjoppe anziehen wolle, aber er war schon zu müde.

»Der Frack wird in Heidelberg aufgebügelt.«

Als der Erbprinz eine halbe Stunde später in des Doktors Zimmer kam, fand er ihn schwer schnarchend. Er lächelte und breitete die grüne Decke, die eine Tante des Regierungsrats diesem zum Geburtstag gestrickt hatte, über die Kniee des Schlafenden.

Der Erbprinz fand den Doktor schwer schnarchend.

Leise, auf den Zehen ging er wieder hinaus.

Und der Doktor träumte, er wäre am Neckar wieder so dünn und hager geworden wie einst vor fünfzehn Jahren, als er auf Schusters Rappen in Jena einzog.

*

Der Kurierzug hält in Karlburg nur, wenn hohe und höchste Herrschaften denselben zu benutzen beabsichtigen.

Als er pfauchend mit seiner riesigen Lokomotive in die offene Halle fuhr, öffneten die Lakaien die schweren Eichenthüren des Fürstenzimmers, und der Fürst trat in Generalsuniform, auf den Arm seines Neffen gestützt, langsam auf den Perron. Zweimal umarmte er den Prinzen, dann lehnte er sich, als der Prinz in ein Coupé erster Klasse gestiegen war, schwer auf den sofort dargebotenen Arm eines Kammerherrn.

Die Thüren der Waggons, aus deren Fenstern die neugierigen Gesichter der Reisenden schauten, wurden geschlossen, der Bahnhofsvorsteher in roter Mütze und weißen Handschuhen gab auf einen Wink des Hofmarschalls ein Zeichen, der Zugführer pfiff, die Lokomotive antwortete, und langsam, wuchtig setzte sich der schwere Zug von neuem in Bewegung.

Karl Heinrich stand am Fenster und verneigte sich ein letztes Mal ehrerbietig vor dem Oheim. Eine kurze Weile sah er noch die Offiziere und Kammerherren, die mit der Hand an der Mütze oder mit abgezogenem Hute ihn grüßten, darauf die Gepäckträger und ein paar Arbeiter, die am Ende des Bahnhofs sich militärisch stramm aufstellten, dann atmete er tief auf.

Karl Heinrich stand am Fenster.

Aber er blieb noch am Fenster, während der Doktor seinen Cylinder in eine Hutschachtel packte und eine grün-blau karierte Reisemütze hervorsuchte.

Karlburg verschwand, eine Weile fuhr der Zug durch den Langenhagener Wald, jetzt flogen die Dörfer Rotenberg und Hude vorbei, und nun – der Prinz kannte die Stelle genau – sauste der Kurierzug über die Grenze.

Noch einmal atmete er tief auf.

Dann sah er sich um nach seinem Begleiter, der beschäftigt war, die gelbe Ledertasche zu durchstöbern.

Er lachte: »Sie suchen wohl schon den Wein, Doktor?«

»Nein, den hab’ ich. Ich suche den Korkzieher, ich bin wie verdurstet.«

Eine Weile unterhielten sie sich, aber des Doktors Konversation hatte den Fehler, daß sie, mochte man sprechen, über was man wollte, stets in einem Bogen auf seine eigne Person lenkte. Er holte aus seinem Ueberrock eine orangefarbene Broschüre: »Die Naturheilmethode bei Verfettungskrankheiten und Fettleibigkeit« und zeigte dem Prinzen einige blau angestrichene Stellen:

»Nach der Methode lebe ich von jetzt an. Keine Butter, kein Fett, kein Oel, kein Reis, keine Rüben und was da sonst noch verboten ist. Lesen Sie, bitte, die Stelle durch. In Heidelberg wird das durchgeführt, strikt.«

Karl Heinrich, der so schlank war wie ein gut gewachsener junger Baum, hatte alle Bücher und Schriften über des Doktors Krankheit durchstudiert, so that er ihm auch jetzt den Gefallen und las die unendlich langweiligen Rezepte.

»Morgens eine Tasse Kaffee oder Thee mit etwas Milch und 75 Gramm Brot. Mittags 100 Gramm Suppe, 200 Gramm gesottenes Rindfleisch, 25 Gramm Brot. Abends ein bis zwei weiche Eier und so weiter.«

Aber schließlich wurde ihm die Sache fad.

»Zum Kuckuck, Doktor, das ist gegen die Verabredung! Zum wenigsten heute, wo es nach Heidelberg geht!« Er schlug ihm derb auf die Schulter. »Wir beide allein, und niemand, der einen kujonieren kann! Man kann’s noch gar nicht begreifen, daß das jetzt wirklich ist! Wenn Sie das Buch nicht wegstecken, werf’ ich’s aus dem Fenster.«

Der Doktor lächelte etwas wehmütig.

»Ja, ja, Karl Heinrich.«

Merkwürdig: die große Freude, die er seit Monaten und Wochen auf diesen Erlösungstag zusammengedrängt hatte, wollte nun, da der Tag und die Freiheit gekommen waren, sich nicht einstellen.

›Es ist zu spät,‹ dachte er, ›das hätte ein Jahr eher kommen müssen. In Heidelberg wird Karl Heinz mich begraben.‹ Und während der Prinz wieder am Fenster stand, rollten über des Regierungsrats dicke Wangen zwei Thränen, die er mit dem Handrücken fortwischte.

»Wie das schnell geht,« sagte der Prinz; »es ist enorm. Sehen Sie nur mal her, das saust alles vorbei. Da, ein Storch! Da, in der Wiese! Rasch doch, sehen Sie! Rasch doch!«

Der Doktor that ihm den Gefallen und blickte hinaus, aber sah keinen Storch, das Tier war ihm auch durchaus gleichgültig.

»Ich könnte den ganzen Tag am Fenster stehen, wenn das alles so vorbeifliegt. Dörfer und Berge, die man nie gesehen hat. Sehen Sie die Mühle da? Famos.«

Karl Heinrich war aufgeregt wie ein Kind, das seine erste Eisenbahnfahrt macht. Ein einziges Mal in seinem Leben hatte er eine größere Reise ausführen dürfen, mit seinem Oheim an den Hof zu Dresden, aber das war zehn Jahre her. In Karlburg benutzte man die Eisenbahn selten, denn in dem kleinen Fürstentum brachten gute Pferde einen schneller ans Ziel als die Eisenbahnen mit ihrem verzwickten Sekundärbetrieb.

Und auf allen Bahnhöfen fremde Gesichter, Engländer, Offiziere, ein Drängen und Hasten, nichts von der feierlichen Ruhe, wie sie daheim im Schloß zu Karlburg herrschte.

In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz, der Kammerdiener, ans Coupé, um mit abgezogenem Hute sich nach Seiner Durchlaucht Wünschen zu erkundigen; er that das so auffällig, daß die Fremden von allen Seiten her den Prinzen anstarrten.

Heftiger als es seine Art war, sagte Karl Heinrich: »Lassen Sie das, bleiben Sie in Ihrem Coupé, ich will das nicht. Ich wünsche zu reisen, ohne aufzufallen.«

In Eisenach und Bebra kam Herr Lutz ans Coupé.

Er wunderte sich selbst über seine Kühnheit, denn Herrn Lutz anzufahren, war in der That eine Kühnheit. Herr Lutz war bisher nicht mehr und nicht weniger als zweiter Kammerdiener Seiner Durchlaucht des Fürsten gewesen, hochangesehen bei allen Kavalieren, gefürchtet bei der niederen Dienerschaft, umworben von allen denen, die mit Bittgesuchen dem Fürsten nahten. Seine Ernennung zum Kammerdiener des Erbprinzen war allgemein so gedeutet worden, daß damit für Herrn Lutz eine Art Mission gegeben war, eine Vertrauensstellung, in der es sich darum handelte, dem jungen Prinzen in der Fremde nicht nur zur Seite zu stehen, sondern auch dessen Lebensführung in die richtigen Bahnen zu leiten.

Herr Lutz verfärbte sich und schien einen Moment seine Fassung verlieren zu sollen; dieser ganz unmögliche Fall trat indessen nicht ein. Er verneigte sich und ging.

Aber zwei Stunden später in Frankfurt empfand man es doch unangenehm, daß Lutz unsichtbar blieb, denn Karl Heinrich sowohl als der Doktor hatten Hunger und Durst. Was thun?

»Sehr einfach,« sagte der Doktor, »wir gehen selbst.«

»Selbst?«

»In den Wartesaal. Wir haben zwanzig Minuten Zeit.«

»Aber –«

»Was denn? Das ist doch ganz selbstverständlich.«

»Na ja …«

Am Büffett herrschte ein unerhörtes Gedränge, dem Doktor trat jemand auf die Hühneraugen, und einige Augenblicke waren die beiden getrennt.

Jetzt gab es von hinten einen Puff, daß Karl Heinrich bis an das Büffett flog; im nächsten Moment rief ihn jemand an:

»Mein Herr, was wünschen Sie?«

Er war total verwirrt, aber das junge Ding am Büffett, ein rundes Mädel mit kohlschwarzen Augen, wurde ungeduldig.

»Bitte, wählen, mein Herr, die andern Herrschaften warten! Würstel? Oder kaltes Kotelett?«

Er sah sich um nach dem Doktor, ganz fassungslos, dann griff er auf gut Glück nach den Würsteln, zwei fettigen Dingern, die in ein Papier notdürftig verpackt waren.

»Vierzig Pfennig.«

Er faßte in die Tasche, dann in die andre Tasche, in noch eine – nirgends Geld!

»Vierzig Pfennig, mein Herr!«

»Ja, ja –« Er suchte verzweifelt.

Irgend jemand hinter ihm schrie: »Zum Donnerwetter, kommt man denn gar nicht ’ran?!« – alle drängten, stießen, riefen nach Bier, es war zum Verrücktwerden. Nie in seinem Leben war der Prinz in einer solchen Lage gewesen, – in der linken Hand hielt er die Würstel, mit der rechten suchte er, und dabei fühlte er, wie er vor Scham und Verlegenheit blutrot wurde.

Er faßte in die Tasche – nirgends Geld!

Das kleine Fräulein hatte ein menschliches Rühren, denn der hübsche Junge gefiel ihr:

»Nehmen Sie nur die Würstel mit, bringen Sie ’s Geld nachher.«

Da endlich klemmte sich der Doktor durch die Menge und bezahlte.

Mühsam quetschten sie sich den Weg zurück, dann nahmen sie an einem der ungedeckten Tische Platz und schlangen hastig und ohne aufzusehen die heißen Bissen hinunter.

»Wohin fahren die Herren?« fragte der Portier, in der Hand eine große Glocke.

»Nach Heidelberg.«

»Haben S’ noch Zeit, noch Viertelstunde, wird abgerufen.«

»Hier haben Sie ein Glas Bier!« rief der Doktor ihm nach, der drei Glas Bier von dem Brett des Kellners nahm. Der Portier kam wieder an den Tisch, dankte und trank:

»Prost, auf den Herren ihr Wohl. Der junge Herr ist wohl Student? In Heidelberg.«

»Stimmt,« sagte der Doktor, der jetzt in glänzender Laune war.

»Denn glückliche Reise!«

»Danke!«

Der Prinz saß wie in einem Traum. Er nahm eine von des Doktors Zigarren und blies den Rauch in die Luft. Ohne zu fragen oder zu grüßen, kamen zwei Herren an den Tisch und setzten sich hart neben ihn; alles hier war formlos, jeder ging, kam, rief, wie er Lust hatte, keiner kümmerte sich um den andern. Am Nebentisch saß ein Dutzend Backfische mit ihrer Pensionsmama, die eine Freundin zur Bahn geleiteten. Alle zwölf schienen ihre Aufmerksamkeit auf ihn – Karl Heinrich – zu konzentrieren, aber keineswegs ehrfürchtig wie die Karlburger jungen Damen, sondern mit schelmischen kleinen Blicken und darauffolgendem Lachen und Tuscheln.

»Prost, auf den Herren ihr Wohl!«

»Was, das ist hier ein Leben?« sagte der Doktor. »Lustig, was?«

Und der Prinz nickte.

Niemand außer den zwölf Backfischen beachtete ihn, keiner kümmerte sich um ihn, ein großer, feister Herr stieß an seinen Stuhl, ohne sich zu entschuldigen.

»Kellner,« rief der Doktor, »noch zwei Glas! Aber rasch!«

Verstohlen, schüchtern musterte Karl Heinrich seinen Begleiter von der Seite. Wie dieser Doktor sich in dem Wirrwarr zurechtfand! Ueberhaupt, der war gar nicht wiederzuerkennen! Als ob der Doktor in Karlburg ewig gefroren gewesen sei und jetzt auftaue. Bier war ihm nach der medizinischen Broschüre streng verboten, und nun trank er es doch, gleich zwei, drei Glas in zehn Minuten.

Der Doktor stand auf:

»’s wird Zeit. Dies Frankfurt ist eine liebe Stadt. Nächste Woche fahren wir beide mal wieder her und machen uns einen lustigen Tag. Das ist von Heidelberg ein Katzensprung.«

Als sie schon im Coupé saßen, kam das Pensionat und promenierte auf dem Bahnsteig hin und her. Und als der Zug sich in Bewegung setzte, blickten alle zwölf ihm nach, und eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und winkte – im Gefühl der sicheren Trennung – Karl Heinrich zu: »Adieu!«

»Das sind Frauenzimmer, diese rheinisch-mainischen Mädels!« lachte der Doktor. »Andre Rasse als bei uns.«

Frankfurt verschwand, der Doktor kramte in der Ledertasche, und Karl Heinrich stand wieder am Fenster, die heiße Stirn gegen die kalte Scheibe gedrückt.

Eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und winkte.

Mädchen – Frauen – auch das war ein neuer Begriff in seinem Leben. Wie man ihn in allem klösterlich erzogen hatte, fern von seinen Altersgenossen und fern von jedem, was nicht mit dem Hofleben im engsten Zusammenhang stand, so auch selbstverständlich fern von allem, was Weib hieß. Der Fürst war Witwer, kinderlos, die Hoffestlichkeiten beschränkten sich seit Jahren auf ein bescheidenes Maß, der Hof zu Karlburg war seit einem Dezennium nicht viel mehr als ein Junggesellenhaushalt großen Stils.

Die Dämmerung zog über die weite Rheinebene, und als der Zug Darmstadt passiert hatte, lagen die Dörfer der Bergstraße im Dunkel der Nacht.

Hin und wieder blitzten Lichter vorbei, und irgendwo da hinten im Westen, keine Stunde entfernt, floß der Rhein. Der Rhein! Süddeutschland! Rechts, hart vorbeistreifend, die Berge des Odenwalds! Bisher lauter Geographiebegriffe, jetzt nahe zum Greifen!

In rasender Schnelligkeit fuhr der Zug durch die Nacht, immer weiter trug er Karl Heinrich fort von dem kalten Norden; und die freudlose Jugend, das düstere Schloß, der Winter lagen hinter ihm.

Zweites Kapitel.

»Heidelberg!« – »Heidelberg!«

Die Schaffner mit ihrem badischen Accent gingen rufend den Zug entlang und rissen die Thüren auf.

»Fünf Minuten Aufenthalt!«

»Ein Jahr Aufenthalt,« sagte der Doktor. Er hatte von Darmstadt an geschlummert und war jetzt in wundervoller Stimmung. »Nach so einem kleinen Schlaf ist man wie neugeboren.«

Herr Lutz half mit dem ewig abgezogenen Hut Seiner Durchlaucht beim Aussteigen, holte dann die Taschen und Schirme aus dem Coupé und übergab diese und andre Utensilien dem Hoffourier, der seit drei Tagen bereits in Heidelberg weilte, um für Seine Durchlaucht Quartier zu mieten, Wagen zu bestellen und alles das auszuführen, was voranreisende Fouriere zu besorgen haben.

Man ging – der Fourier als Führer voran, Herr Lutz drei Schritte hinterdrein – durch den langgedeckten Bahnhof nach der Haltestelle der Wagen.

An einem hübschen Landauer mit galonniertem Kutscher machte der Fourier Halt und öffnete den Wagenschlag, der Prinz wollte einsteigen, aber der Doktor hielt ihn zurück:

»Wir gehen doch zu Fuß, es ist ein wunderschöner Abend.«

Der Fourier sah erstaunt auf Herrn Lutz, dieser ebenso erstaunt auf den Prinzen und Karl Heinrich gleichfalls verblüfft auf den Doktor.

»Zu Fuß?«

»Ja, warum nicht?«

»Wenn Sie meinen …«

»Wo liegt die Wohnung?« fragte der Doktor den Fourier.

»Am Markt, Nummer achtzehn.«

»Schön.«

Und Herrn Lutz, den Fourier, den Kutscher im Dunkel zurücklassend, gingen die beiden in der That zu Fuß nach der Stadt.

Karl Heinrich war nie zu Fuß gegangen, das heißt nie in den Straßen der Stadt. Wenn ihn der Weg durch Karlburg führte oder durch eine der andern kleinen Städte von Sachsen-Karlburg, so geschah das meist zu Wagen, selten zu Pferde, aber nie zu Fuß. Es war, als ob es ganz außer dem Bereich der Möglichkeit liege, daß der Fürst oder der Erbprinz oder fremde Fürstlichkeiten das Karlburger Pflaster mit den Stiefeln berührten.

Weshalb das so war? – Vielleicht hätte nicht einmal der Hofmarschall Herr von Lehe darauf eine Antwort gefunden, aber uralte Sitte hatte den Gebrauch gleichsam zum Gesetz erhoben.

Man ging – der Fourier als Führer voran.

Wie in Frankfurt auf dem Bahnhof streiften fremde Menschen an dem Prinzen vorbei; er mußte ausweichen wie jeder andre, und die Kutscher, die vom Bahnhof her in die engen Straßen fuhren, jagten so dicht an ihm her, daß er einmal hastig nach des Doktors Arm griff und sich bestürzt an ihn lehnte.

»Die fahren einen ja über!«

»Man muß aufpassen,« sagte der Doktor trocken.

Nun wurden die Straßen wieder breiter, man konnte ruhiger gehen.

Es war dreiviertel zehn Uhr, aber der erste Maiabend füllte die Luft mit so sommerlicher Wärme, daß die Leute vor den geöffneten Hausthüren standen. Die Mädchen spazierten Arm in Arm ohne Hut auf und ab, bisweilen kichernd, oft laut lachend; Studenten, die in Scharen vorbeigingen, nickten den Mädels vertraulich zu, es war ein lebhaftes Treiben voll südlicher Wärme.

Da drang aus einer Seitenstraße Musik, ein dichter Schwarm Menschen wälzte sich aus der Gasse auf die Hauptstraße, nun füllte sich die Luft mit Rauch, und mit schmetternden Trompeten und vielen hundert Fackeln kam ein Zug Studenten an dem Prinzen vorbei.

Sie gingen immer zwei in einer Reihe, von je zwei Fackelträgern flankiert, lauter lustige Gesichter, die den aus allen Fenstern schauenden Mädchen zulachten.

»Was ist da los?« fragte der Doktor einen der Zuschauer.

»Das sind die Corpsstudenten, die feiern heute S. C.-Antrittskommers.«

»Aha!«

Mit vielen hundert Fackeln kam ein Zug Studenten.

Zuerst kamen die Vandalen als präsidierendes Corps mit ihren roten Mützen, die mit dem goldenen Band die badischen Landesfarben vertreten, dann die Sachsen-Preußen in weißen Stürmern, danach die grünen Westfalen, die gelben Schwaben, die blauen Rheinländer und zum Schluß die dunkelblauen Sachsen, die kleine Veilchenbouquets an ihren Mützen trugen. Die drei Chargierten jedes Corps gingen in Wichs: Cerevis, Sammetpekesche, weiße Lederhosen, hohe schwarze Stulpenstiefel, in der Hand das Rapier; alle andern nahmen die Affaire weniger feierlich, sondern schlugen zum Schutz gegen den Pechqualm der Fackeln die Rockkragen in die Höhe.

Mehr als einer blickte dem Prinzen, der in der vordersten Reihe der Zuschauer stand und mit großen, offenen Augen den Zug anschaute, scharf ins Gesicht: das war ein neuer Student, den man noch nicht kannte, ein eleganter junger Mann, vielleicht ließ sich der »keilen«.

Die enge Straße war so angefüllt gewesen von Lärm und Musik, Menschen und Fackelqualm, daß es jetzt, als der Zug vorbei und alle Leute ihm nachgelaufen waren, plötzlich still und einsam erschien.

»Na,« sagte der Doktor mit einem triumphierenden Lächeln, als ob er den Zug persönlich erdacht und arrangiert gehabt hätte, »war das hübsch?«

»Sehr.«

»So geht das in Heidelberg alle Tage. Immer lustig.«

Als sie dann nach einigem Suchen am Markt das Haus Nr. 18 gefunden hatten, schlug es vom Kirchturm in langen, langsam verhallenden Tönen zehn Uhr.

Einen Augenblick zögerten beide, denn das alte Haus sah trotz seines breiten, hell erleuchteten Flures nicht so aus, wie der Prinz – und vielleicht auch der Doktor – erwartet hatten. Links vom Eingang lag ein Friseurladen, der bereits geschlossen war, rechts ein großes Materialwarengeschäft, dessen Tonnen voll Gurken, Linsen und getrockneter Aepfel die halbe Thür versperrten.

Die Lehrlinge und ein dickes Dienstmädchen betrachteten neugierig Herrn Lutz, der bereits angelangt war, mit einem höchst indignierten Gesicht neben dem Hoffourier stand und auf den bestürzten Mann heftig einredete.

»Es war das beste Quartier in ganz Heidelberg,« beteuerte dieser, »die teuerste Wohnung in der ganzen Stadt – es sind acht Zimmer, Herr Lutz!«

Aber Herr Lutz stieß mit seinem Lackstiefel gegen ein hohles Petroleumfaß, daß es dröhnte:

»Dann hätten Sie telegraphieren sollen, dann wäre man noch nicht abgereist, hätte die Reise verschoben!«

Jetzt traten der Prinz und der Doktor aus dem Schatten der Straße in das Licht des Eingangs.

»Ist das hier richtig, Lutz?«

»Jawohl, Eure Durchlaucht, leider.«

Der arme Fourier war kreideweiß.

»Haben Sie die Zimmer angesehen, Lutz?«

»Jawohl, Eure Durchlaucht, ein uraltes, verwohntes Haus. Ein für Eure Durchlaucht ganz unmögliches Quartier.«

Der Prinz wurde unsicher. Dieser erste Tag seiner Universitätsreise hatte mit tausend neuen Eindrücken und neuen Anschauungen seine ganze bisherige Denkweise wie ein Sturmwind aufgerüttelt, er sah alles in verändertem Lichte, aber er war nicht mehr oder noch nicht im stande, die Dinge um sich her zu beurteilen, zu taxieren.

Konnte er überhaupt in dieses Haus hineingehen oder nicht? Durfte er das? Ueber seinem hübschen, jugendlichen Gesicht lag ein solcher Zug von Unbeholfenheit, daß Herr Lutz seine heute verlorene Position zurückzuerobern glaubte.

»Befehlen Eure Durchlaucht, daß Eure Durchlaucht im Hotel ›Prinz Karl‹ absteigen. Das Hotel liegt hundert Schritte entfernt. Die Koffer werden sofort hinübergebracht.«

Dem Fourier stand der kalte Schweiß auf der Stirn, während zu den zwei Lehrlingen und dem dicken Dienstmädchen sich andre Neugierige gesellt hatten, die mit offenem Munde horchten.

Da legte sich der Doktor ins Mittel:

»Man kann doch die Wohnung erst einmal ansehen.«

Der Prinz nickte: »Ja, gewiß.« Und so ging man hinein.

Herr Lutz hatte wieder verspielt. Bis zum heutigen Tage war ihm dieser Doktor der gleichgültigste Mensch gewesen: ein Schulmeister, wie ihn die Prinzen nötig haben, ein Herr, der am Hofe nicht die geringste Bedeutung hat, dessen Einfluß, mit dem eines Kammerdieners verglichen, gleich Null ist, und nun das! So was! Der Dicke erlaubte sich, ihn, Lutz, wie einen Lakaien zu behandeln! That und benahm sich, als ob er der Prinz selbst wäre!

Er knirschte in die Zähne: »Dem – geb’ ich’s!«

Die Steinfliesen im Hausflur waren offenbar frisch gescheuert und mit weißem Sand bestreut, an allen Ecken der Treppen standen hellbrennende Lampen, große und kleine, und das schwere Eichengeländer der Treppe war so völlig mit Tannenguirlanden umwunden, daß es seinen eigentlichen Zweck, bei dem engen Aufgang als Halt zu dienen, völlig verfehlte. Oben hörte man ein Tuscheln, ein Rascheln von Weiberröcken, ein lautes: »Er kommt!« – dann Thürenschlagen, – dann feierliche Stille.

Und als der Prinz mit seinem kleinen Gefolge, dem sich in einiger Entfernung die Lehrlinge und das dicke Dienstmädchen anschlossen, die oberste Treppenstufe erreicht hatte, sah er sich drei steif knicksenden Matronen und einem gleichfalls tief knicksenden jungen Mädchen gegenüber.

Er hatte seine Ruhe wiedergefunden. O dergleichen feierliche Empfänge kannte er, – er war wieder der Prinz, vor dem sich alles neigt.

Das Mädchen, einen Fliederstrauß in der Hand, trat einen Schritt vor und knickste noch einmal. Dann blickte sie ihn mit ihren großen braunen Augen ohne jede Scheu an und sagte mit heller, freier Stimme:

»Dem Prinzen, der aus fernem Land

Zu unserm lieben Neckarstrand

Gezogen kommt, dem bring’ ich hier

Des Frühlings allerschönste Zier.

Zieh fröhlich ein in unser Haus,

Und gehst du wieder einst hinaus,

Dann denke immer treu zurück

An Heidelbergs Studentenglück. –

Bitte schön!« Sie gab ihm den Strauß in die Hand.

Karl Heinrich hatte wie festgewurzelt gestanden, die Linke auf den obersten Knauf des Treppengeländers gelehnt. Während der ganzen Zeit hatten seine Augen und die des Mädchens einander nicht losgelassen.

Eine der alten Frauen trat vor:

»Und nun, wenn Eure Durchlaucht die hohe Ehre haben wollten – ich bin nämlich die Frau Dörffel – und wollten sich die Zimmer ansehen?«

Er nickte. Er wollte etwas sagen, auch zu dem Mädchen, aber die Worte kamen ihm nicht auf die Lippen.

Mit dem großen Fliederstrauß in der Hand ging er höflich hinter der alten Frau her, die ihm triumphierend erst die Salons zeigte: »Da hat im vorigen Semester der Herr Graf von Bredow gewohnt,« – dann sein Schlafzimmer, dann zwei nette kleine Zimmer: »für den Herrn Doktor«, endlich eine ziemlich dürftige Hinterstube, in der Herr Lutz wohnen sollte: »Und das ist das Zimmer für den Bedienten.«

Herr Lutz, der zwei Schritte hinter dem Prinzen neben dem Fourier ging, wurde blaß wie ein Tischtuch. »Bedienten!« Das Wort klang wie ein Peitschenhieb.

Auch Karl Heinrich empfand den ungewollten Falschton des Wortes.

»Sie meinen für meinen Kammerdiener?«

»Ja, für den da.«

Die gute Frau ließ ihn noch nicht los. Immer voranleuchtend, zeigte sie ihm jeden Raum, den man in einer neuen Wohnung kennen muß, und immer ging der Prinz mit seinem Fliederstrauß gehorsam hinterdrein, nur ein einziges Mal unwillkürlich lächelnd.

Bis man endlich in dem Salon wieder landete.

Ein kleiner Sofatisch aus Mahagoniholz war sauber gedeckt mit Tellern, Bierflaschen, zwei offenen Weinkaraffen, Brot, Butter und kaltem Aufschnitt. In der Mitte stand ein Topfkuchen, der von Epheublättern am unteren Rande umgeben und in seiner Höhlung mit drei Rosen ausgefüllt war.

»So, wenn Sie nun essen wollen, Eure Durchlaucht –«

»Ja. Danke schön.«

Von einem Fortgehen ins Hotel war nicht die Rede.

Mit dem Fliederstrauß in der Hand ging der Prinz hinter der alten Frau her.

»Macht mal alle, daß ihr herauskommt!« rief Frau Dörffel, und diese Aufforderung war nicht überflüssig, denn abgesehen von dem Doktor, Lutz, dem Fourier und den vier Frauen sah man in der Thür die zwei Lehrlinge und das dicke Mädchen, die neugierig die ganze Wanderung mitgemacht hatten und jetzt staunend das Arrangement des Sofatisches bewunderten.

»Haben Eure Durchlaucht sonst noch Wünsche?«

»Nein, danke.«

»Es ist auch alles da. Frisch Wasser, Handtücher, Lichter, Streichhölzer – sieh mal nach, Käthie, ob im Schlafzimmer Streichhölzer sind.«

Die Kleine ging hinein und kam wieder. »Ja, zwei Schachteln.«

»Na, denn gute Nacht, Eure Durchlaucht. Nun schlafen Sie nach der langen Reise recht tüchtig. Und träumen Sie was Schönes.«

»Danke.« Er nahm ihre dicke dargebotene Hand und fühlte einen gutgemeinten Druck.

Auch die Kleine kam unbefangen: »Wünsche gut zu schlafen.«

*

Vom Kirchturm schlug es Mitternacht. Im Hause war es totenstill, alles schlief, sogar Herr Lutz, der eine Stunde und länger in seinem Loch von Hinterzimmer wie ein Tiger auf und ab gewandelt war. Kein Schrank in diesem Zimmer, sondern nur ein paar Kleiderhaken mit einer gemeinen Kattungardine! Kein Spiegel, keine reguläre Waschtoilette, und dies Bett! Ein eisernes Gestell mit geblümten ordinären Ueberzügen!

»In dem Bett schlaf’ ich nicht,« er nahm sich das fest vor, »lieber bleibe ich wach, die ganze Nacht.«

Als einzigen Schmuck zeigte die kahle Wand über dem Bett ein frommes Bild: Sankt Sebastian, der, an einen Baum gebunden und von Pfeilen durchlöchert, mild und fast heiter in die Welt schaut. Herr Lutz konnte an diesem geduldigen Märtyrer keine Freude haben, er war ein Mann aus anderm Holz geschnitzt.

›Wartet nur bis morgen,‹ dachte er, ›wartet nur alle! Ich schreibe an den Hofmarschall, ich schreibe an Seine Durchlaucht selbst!‹

Schließlich legte er sich dann doch schlafen, der Gewalt weichend. Man hatte ihm ein Butterbrot und eine Flasche Bier ins Zimmer gestellt, die er beide am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte, jetzt meldete sich aber der Hunger, und auf dem geblümten Bett sitzend, verzehrte er das kärgliche Mahl.

Käse!

Vor übergroßem Grimm kamen ihm fast die Thränen ins Auge.

Hätten ihn die Lakaien in Karlburg jetzt so – hier – gesehen! Herrn Lutz, der abends sein Glas guten Bordeaux haben mußte und seit Jahren einen so schwachen Magen hatte, daß der Koch in steter Sorge war, wie er Herrn Lutz zufriedenstellen könnte.

Wenn es in dieser Stunde nach Wunsch und Willen Lutzens gegangen wäre, er hätte Kanonen auffahren und dieses Heidelberg in Grund und Boden schießen lassen. Den Fourier vor die eine Kanone gebunden und den Doktor vor die andre! Und die Frauenzimmer dito!

Käse!

Was den Prinzen betrifft, so verstieg sich Herrn Lutz’ Grausamkeit nicht zu dem Gedanken eines Majestätsverbrechens, aber ehe er einschlief, malte er sich allerlei Bilder aus, wie Karl Heinrich am eignen Leibe die Folgen seiner übereilten Thorheit empfinden sollte. »Der bleibt hier nicht wohnen, darauf wett’ ich!«

Aber der Alltröster Schlaf kam und wiegte den müden Lutz in friedlichere Träume.

Der Regierungsrat, der unter allen Umständen, im Wagen, im Stuhl, in der Eisenbahn, im Bett, ausgezeichnet schlief – viel zu ausgezeichnet, denn gerade dieses unendliche Schlafen verdickte sein Blut –, lag schwer schnarchend, Karl Heinrich war der einzige im Hause, der noch wachte.

Er versuchte einzuschlafen, aber es ging nicht, dieser seltsame Tag hatte zu viel gebracht.

Er dehnte und reckte sich in seinem Bett, dessen Kopfkissen mit Stickereien verziert waren wie bei einem Damenbett, schließlich zündete er Licht an und stand wieder auf.

Ein merkwürdiges Zimmer, lauter Möbel aus längst vergangener Zeit, Stühle mit steifen Lehnen und dünnen Beinen, ein ebensolches Sofa und darüber auf einer Marmorkonsole eine goldene Uhr, die unter einer Glaskuppel ihr leises Ticktack hören ließ. Auf den Fenstersimsen lagen lange rote Polster mit gehäkelten Ueberzügen, und die Fenster selbst waren holländische Schiebefenster, die aus vielen kleinen Scheiben zusammengesetzt waren und deren Mechanismus der Prinz erst nach langem Probieren entdeckte.

Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder.

Ueber dem Zimmer lag ein eigentümlicher, aber nicht unangenehmer Geruch, halb nach frischer Wäsche halb nach Aepfeln. Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder: Paul und Virginie, die gestörte Hochzeitsfeier, Bismarck, die spanische Tänzerin Lola Montez, – Lola im Reitkostüm, lebensgroß, schön, strahlend, – dann nochmals Paul und Virginie, ein Mensurbild und endlich, über das ganze Zimmer, an alle Wände und in alle Ecken verteilt, eine Unzahl Studentenphotographien in immer demselben Fünfgroschenrahmen. Die meisten trugen eine Aufschrift mit einer Dedikation »An Madame Dörffel«, es waren offenbar lauter Studenten, die einmal hier gewohnt hatten.

Manche dieser Bilder waren nur Silhouetten, aber nie hatte der Künstler es unterlassen, die Farben der Mütze und des Bandes getreu darauf zu malen. Und viele der Bilder waren alt: 1848/49 – 1853 – 1854/55 – seltsam. Vergessene Menschen, vielleicht längst gestorben. Die hatten alle hier in dem alten Eichenbett geschlafen, bei dem Ticktack der goldenen Uhr, da aus dem Fenster geschaut. Ein ewiges Kommen und Gehen, immer neue Gesichter, immer nur Jugend, immer nur Jugend – immer neue Jugend.

Und jetzt war er der Junge! Karl Heinrich. Der Erbe dieser andern. Bild für Bild sah er aufmerksam an, manche der Namen waren ihm bekannt: Karl Hohenlohe – Fürstenberg – Prinz Weimar – Bredow …

Dann öffnete er das Fenster und sah auf den Marktplatz, an dem hie und da eine Laterne brannte. Die Nacht war immer noch warm wie im Hochsommer, er atmete die weiche Luft in tiefen Zügen.

Im Hotel zum »Prinzen Karl«, wo der große Kommers stattfand, setzte von Zeit zu Zeit die Musik ein; und so deutlich, daß man fast jedes Wort verstehen konnte, klangen durch die todstille Nacht die hellen Stimmen der Studenten:

»O alte Burschenherrlichkeit …«

Ueber der Kirche und den Häusern schimmerten die Sterne, nur selten hallten die Schritte eines verspäteten Nachtschwärmers auf dem einsamen Platz.

Er war so müde, die Augen fielen ihm fast zu; aber leise lächelnd, wie jemand lacht, der sehr glücklich ist, blieb er auf die roten Polster des Fensters gelehnt.

Bis die ersten Hähne krähten, und der Himmel im Osten über dem Neckarthal sich hell färbte.

Drittes Kapitel.

»Herein!«

»Bitt’ schön, ich bringe den Kaffee.«

Es war die Kleine von gestern, die ungeniert hereinspazierte.

Karl Heinrich stand noch in Hemdärmeln, er hatte bei dem Klopfen an niemand als Herrn Lutz gedacht; einen Moment war er so verdutzt, daß er vergaß, ihren freundlichen Guten-Morgen-Gruß zu erwidern.

»Gut geschlafen, Durchlaucht?«