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Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text, der im Original in Antiqua gesetzt ist, ist hier kursiv dargestellt. Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen; nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Wilhelm Raabe
Bücherei
Erste Reihe:
Kleinere
Erzählungen
Zweiter Band
Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und Kunst/Hermann Klemm
Wilhelm Raabe
Erzählungen
Dritte Auflage
11.-16. Tausend
Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und Kunst/Hermann Klemm
Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig
[ Der
Junker von Denow
Historische Novelle
]
[I.]
er am Abend des sechsten Septembers alten Stils, am Donnerstag vor Mariä Geburt im Jahre unsers Herrn Eintausendfünfhundertneunundneunzig, nach Sonnenuntergang einen Blick aus der Vogelschau über die Rheinebene von Rees bis Emmerich und weit nach Ost und West ins Land hinein hätte werfen können, der würde eines erschrecklichen Schauspiels teilhaftig geworden sein.
Schwarze regendrohende Wolken verhingen das Himmelsgewölbe, und es würde eine dunkle Nacht gewesen sein, wenn nicht der Mensch diesmal dafür gesorgt hätte, daß es auf der weiten Fläche nicht ganz finster wurde. Auf den Wällen von Rees leitete, an der Spitze seiner Hispanier, Burgunder und Wallonen, Don Ramiro de Gusman die Verteidigung der Stadt und Festung gegen das Reichsheer, welches schläfrig und matt genug der Belagerung oblag, dafür aber auf andere Weise desto mehr Lärm machte, wie es einer Armee des heiligen römischen Reichs deutscher Nation zukam. Ein fahles, blitzartiges Leuchten lag hier über der Gegend, denn wenn auch das schwere Geschütz seit Mittag schwieg, so knatterte doch das Musketenfeuer, schwächer oder stärker, rund um die Stadt fort und fort, und manch ein Wachtfeuer flackerte auf beiden Ufern des Flusses, welcher manche Leiche in seinen nachtschwarzen Fluten mit sich hinab führte in das leichenvolle Holland, wo der finstere Admiral von Aragonien, Don Francisco de Mendoza, und der Sohn der schönen Welserin, der bigotte Kardinal Andreas von Österreich, die Zeiten Albas erneuerten. —
Wir haben es jedoch nur mit der rechten Seite des Rheines zu tun, wo tief in das Land hinein unter den zusammengewürfelten Tausenden des Reichsheeres, Hessen, Brandenburgern, Braunschweigern, Westfalen, der furor teutonicus, die sinnlose, trunkene, deutsche Furie ausgebrochen war und in Verwüstungen aller Art sich Luft machte. In allen Dörfern und Lagerplätzen Sturmglocken, Trommeln und rufende Trompeten — Geschrei und Jammer des elenden, geplünderten, mißhandelten Landvolkes — bittende, drohende Befehlshaber — flüchtende Herden, Weiber, Kinder, Kranke, Greise — Reitergeschwader, die sich sammelten, Reitergeschwader, die auseinanderstoben — brennende Häuser und Zeltreihen, und zwischen allem die Cleveschen Milizen, die „Hahnenfedern“, zur Wut gebracht durch die Ausschweifungen derer, welche da Hilfe bringen sollten gegen die Ausschweifungen des fremden Feindes! Überall Blut und Feuer und Brand — ein unbeschreibliches, wüstes, grauenhaftes Durcheinander, zu dessen Schilderung Menschenrede nicht hinreicht!...
Lange genug hatte an diesem Abend Don Ramiro, hinter seiner Brustwehr an eine zerschossene Lafette gelehnt, hinübergeschaut nach den Laufgräben und Angriffswerken der tollgewordenen Belagerer; jetzt stieg er langsam herab von seinem Lugaus, und begleitet von zwei Fackelträgern und mehreren seiner Unterbefehlshaber schritt er durch die Gassen von Rees, dessen zitternde Bewohner jedes Fenster hatten erhellen müssen, und dessen Straßen dumpf dröhnten unter den Schritten der gegen die östlichen Ausfallspforten heranmarschierenden Besatzung.
„Francisco Orticio!“ sagte der spanische Kommandant, und im nächsten Augenblick stand der Geforderte vor ihm.
„Alles bereit?“ fragte Don Ramiro wieder.
Der gerüstete Führer senkte stumm den Degen und wies mit der Linken auf die Haufen der Krieger, welche jetzt alle an den ihnen bestimmten Plätzen dicht gedrängt, regungslos standen. Des Spaniers Auge flog mit düsterer Befriedigung über all diese im Glanz der Fackeln blitzenden Harnische, Sturmhauben, Piken und Schwerter — er nickte. „Sie würden sich da draußen untereinander selbst fressen, gleich den hungrigen Wölfen,“ sagte er, „aber wir wollen zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau“ — hier lüftete er den Hut, und alle Umstehenden taten das Gleiche — „unsern Teil an dem Verdienst haben, die Ketzer zu vertilgen! Erinnert Euch, Orticio, mit dem Schlage Elf beginnt das Feuer wiederum — mit dem Schlage Elf hinaus auf sie! Spanien und die Jungfrau! die Losung.“
„An eure Plätze, ihr Herren!“ erschallte das Kommandowort Francisco Orticios — ein dumpfes Gerassel und Geklirr der sich aneinander reibenden Harnische — Don Ramiro de Gusman schritt langsam prüfend die Reihen entlang; dann stieg er schweigend wieder zu dem Walle empor, nach einem letzten Wink und Gruß für Orticio, welcher sein Wehrgehäng fester zog.
„Noch eine halbe Stund’! Spanien und die Jungfrau, Spanien und die Jungfrau!“ ging es dumpf durch die Reihen der harrenden Krieger. — — —
Unsere Geschichte beginnt!
„So hole der Teufel die meineidigen Schufte und meuterischen Hunde!“ schrie der Hauptmann Burghard Hieronymus Rußwurmb in Verzweiflung, im Lager der dreizehn Fähnlein gewappneter Knechte, Reisiger und Fußsöldner, welche Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof zu Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg als Obrister des niedersächsischen Kreises zufolge des Koblenzschen Reichsabschieds für diesen Krieg geworben und aus aller deutschen Herren Ländern zusammengebracht hatte. „Ist denn die Welt ganz umgekehrt? Es ist zum Rasendwerden!... So schlage zum letzten Mal die Trommel, Hans Niekirche — o heiliges Wort Gottes, das ist das Jüngste Gericht!“
Hans Niekirche aus Braunschweig, der Trommelschläger, ein blutjunger Wicht, welcher einem Schneider seiner Geburtsstadt aus der Lehre gelaufen war, hatte, hierhin gestoßen, dahin gezerrt, sich fast zwischen die langen Beine seines Hauptmanns gerettet und fing nun mit zitternden Händen von neuem an, das Kalbfell zu bearbeiten; während der Hauptmann hin und her lief, mit beiden Händen das Haupthaar durchwühlend. Er hatte wohl das Recht, zornig zu sein, der Wackere! Dicht hinter sich hatte er ein geplündertes Bauernhaus, dessen Fenster und Türen eingeschlagen waren, und auf dessen Schwelle ein junges Weib mit zerrissenen Kleidern, in der im letzten Krampf zusammengekniffenen Hand ein Büschel roter Haare, leblos ausgestreckt lag. An sein linkes Bein hing sich jetzt auch noch ein arm Kindlein in seiner Todesangst, zu seiner Rechten schlug Niekirch seine Wirbel, und rings um ihn her schrie und stampfte, fluchte und drohete sein meuterisch Fähnlein und rasaunte durcheinander, wie ein aufgestört Rattennest.
„O ihr Schelme, ihr Hunde, das soll euch heimgezahlt werden!“ brüllte der Hauptmann. „Warte, Hans Diroff von Kahla, warte, Koburger, Christoph Stern von Saalfeld, an den Galgen und aufs Rad kommt ihr; oder die Gerechtigkeit ist krepiert auf Erden. Warte, du Schmalz von Gera, dein Fett soll all werden, wie eine Kerze im Feuer! O Tag des Zorns, o Hunde! Hunde!“
„Gebt Raum, Hauptmann!“ schrie ein riesenhafter Kerl, genannt Valentin Weisser von Roseneck, dem Führer den Büchsenkolben vor die Brust setzend. „Ihr seid die Verräter, die Schelme, Ihr und Eure saubern Gesellen und Euer Graf von Hohenlohe, der Holländer! Wollt Ihr uns nicht etwa über das Wasser, über den Rhein, von des Reiches Boden führen? He, sprecht!“
„Nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! nicht vor Bommel! nicht vor Bommel!“ schrie es von allen Seiten, und weit über das Feld durch alle Tausende wälzte sich dasselbe Wort. Der Hauptmann schlug den Kolben von seiner Brust zur Seite.
„Du wirst gehängt, wie ein Spatz, Rosenecker,“ schrie er.
„Ihr sollt es wenigstens nit erschauen!“ brüllte der Schütz wieder, die brennende Lunte über dem Haupte schwingend. Er nahm sich nicht die Mühe, sie aufzuschrauben, das Feuerrohr lag auf der Gabel — im nächsten Augenblick wäre der Hauptmann ein Kind des Todes gewesen, wenn nicht plötzlich zwischen dem Bedrohten und dem Drohenden ein Reiter im vollen Galopp angehalten und dem wütenden Musketierer den Büchsenlauf in die Höhe geschlagen hätte, daß der Schuß in die Luft ging.
„Der Junker! der Junker!“ schrie es auf allen Seiten. „Der Junker zurück! sprecht, sprecht, was ist’s? was sagt der Graf? Haben sie uns verkauft an die holländischen Juden, ihnen ihre Festung Bommel zu entsetzen?... Der Junker, der Junker! Nicht nach Bommel, nicht vor Bommel! nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! In die Spieße der von Hollach!“
„Ja, schreit nur, bis ihr berstet!“ zischte blau vor Grimm der Hauptmann durch die zusammengebissenen Zähne und ballte die Hände, daß die Nägel tief ins Fleisch drangen. „Schreit nur — es ist noch nicht im Topf, darin es gekocht wird — Christoph von Denow, sprecht zu den Meutmachern! sagt den räudigen Hunden Eure Botschaft!“
Der junge Reiter richtete sich hoch auf im Sattel, und alle die wilden Gesichter im Fackelschein ringsumher wandten sich ihm zu.
„Der wohlgeborene und edle Graf Philipp von Hohenlohe, unser gnädiger Feldhauptmann —“
„Nichts von dem Grafen von Hollach, dem Verräter, dem Judas!“ schrien einige. „Stille! Ruhe! Hört ihn!“ riefen die andern und gewannen die Oberhand, daß der Reiter fortfahren konnte.
„Der Graf läßt den Fähnlein des braunschweigischen Regiments zu Roß und zu Fuß vermelden, daß ihr Begehren und Gebaren unehrlich und treulos sei, deutscher Nation zu Schimpf und Schande und großem Schaden gereiche —“
Ein allgemeines Wut- und Spottgebrüll unterbrach den Redner, der erst nach langem Harren weiter rufen konnte.
„Es sagt der Graf von Hohenlohe, daß er befehle, Generalmarsch zu schlagen vor jeglichem Quartier und auszurücken in die Linien gen Rees, auf weitern Befehl! Da kommt unser gnädigster Obrister, der Herr von Rethen.“
Neues Geschrei empfing den ebenfalls im vollen Rosseslauf erscheinenden Führer, welcher den schriftlichen Befehl des Grafen mit sich führte; aber ebenfalls vergeblich durch Bitten, Drohungen, Erinnerungen an den Artikelbrief das Volk zur Ruhe zu bringen versuchte. Atemlos, zornesbleich hielt er zuletzt in dem kleinen Kreise der Hauptleute und Offiziere und der wenigen treugebliebenen Söldner. Der Junker aber befand sich, willenlos fortgerissen, inmitten des wildesten Getümmels der aufrührerischen Knechte, die von Mord und Blut sprachen, und bereits ihre Spieße senkten, ihre Feuergewehre richteten auf das Häuflein der Getreuen, welche einen Ring schlossen um die Führer und die geretteten Feldzeichen, und sich rüsteten, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen.
Auch das Reiterlager hatte sich in Bewegung gesetzt, von Minute zu Minute wuchs der Tumult, und inmitten all dieser drohenden Spieße, Schwerter und Büchsen, unter all diesen scheu gewordenen, ausschlagenden, stampfenden Rossen und trunkenen Männern taucht jetzt für uns eine Gestalt auf, klein und zierlich gebaut, aber trutzig und unverzagt, im Heerlager aufgewachsen, gebräunt von Wind und Wetter, abgehärtet in mancher bösen Sturmnacht am schwächlichen Lagerfeuer, ein klein Hütlein, geziert mit einer Häherfeder, auf den krausen, wirren Locken, ein Dolchmesser im Gürtel, — bekannt bei Führern, Knechten und Reisigen; zu Roß, zu Fuß, zu Wagen stets dem Heere zur Hand: Anneke Mey von Stadtoldendorf, des braunschweigschen Regiments Marketenderin und Schenkin!
„Hab’ ich dich auf den Fuß getreten, Anneke?“ fragte ganz kleinmütig der wilde Valentin Weisser, der eben das Feuergewehr gegen den Hauptmann hatte losgehen lassen. „Nimm dich in acht, daß sie dich nicht erdrücken, Engel-Anneke — stelle dich hinter mich, du wirst gleich dein blaues Wunder sehen.“
„Nehmet Ihr Euch in acht, Rosenecker,“ lachte das wildherzige Kind, „Ihr spielt ein hoch Spiel diese Nacht!“
Der Riese warf einen trotzigen, lachenden Blick über die hin und her wogenden Massen. —
„Hoho, sind wir nicht unsrer genug, zu gewinnen? Nicht vor Bommel! Ju — ho! ho! nicht vor Bommel! nicht übern Rhein! Fort mit den Hauptleuten, fort mit dem Grafen von Hollach!“
In diesem Augenblick riefen wieder Hunderte von Stimmen nach dem Junker — dem Christoph von Denow. Da zuckte ein seltsamer Glanz über das Gesicht des Mädchens. Es stellte sich zuerst auf die Zehen, dann kletterte es mit katzengleicher Behendigkeit und Schnelligkeit auf einen Schutthaufen, wo sich bereits mehrere Soldatenweiber mit ihren Kindern und Habseligkeiten zusammengedrängt hatten und alle zugleich in den Lärm hineinkreischten.
„Mein Mann! mein Mann! Jesus, sie würgen sich alle! Gottes Sohn — Franz! Franz!“
„Was macht der Junker? wo ist der Junker?“ rief Anneke Mey, eine Hand, welche ihr entgegengestreckt wurde, ergreifend.
„Da! da! er spricht zu denen vom vierten Fähnlein — da — da — Jesus, sie werfen den Hauptmann Eberbach nieder, und mein Mann, Jesus, mein Mann!“ —
Die Augen der Armen wurden starr, mit einem Sprung war sie von der Höhe herab und stürzte sich mitten in das Getümmel; über den am Boden liegenden Hauptmann sank unter den Hieben und Stößen der Meutrer der Doppelsöldner Franz Hase von Erfurt zusammen. Vergeblich hatte sich Christoph von Denow unter die Piken und Hellebarden geworfen, mit seinem Schwert die Spitzen niederschlagend; im vollen Lauf stürzte jetzt das aufrührerische Kriegsvolk auf die Treugebliebenen und die Befehlshaber, Schüsse krachten hinüber und herüber. Ihr Messer aus der Scheide reißend trieb Anneke Mey in den Aufruhr hinein. Christoph von Denow sah sie plötzlich an seiner Seite unter den Füßen der Kämpfenden; — noch ein Augenblick, und sie war verloren, noch ein Augenblick, und er hatte sie, fast ohne zu wissen, was er tat, zu sich emporgezogen aufs Pferd; alles drehte sich um ihn her — „Mordio! Mordio!“ brüllte es auf allen Seiten — — Da — — urplötzlich — — blieben alle die zum Verbrechen gezückten und geschwungenen Waffen, wie durch ein Zauberwort aufgehalten in der Luft — jeder Wut- und Angstschrei erstarrte auf den Lippen — Angreifer und Angegriffene standen lautlos, bewegungslos!
Im Westen über Rees hatte sich, begleitet von einem donnerartigen Krachen, der dunkle Nachthimmel blutig-rot gefärbt. Alle Geschütze auf den Wällen, alle Geschütze in den Angriffslinien brüllten los; im Lager des Reichsheeres flog ein Pulvervorrat in die Luft, dazwischen rollte, immer stärker werdend, das kleine Gewehrfeuer.
Mit einem Male hatte sich die Szene im aufrührerischen Lager vollständig verändert.
„Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen!“ ging es von Mund zu Mund. „Sturm! Sturm! Gen Rees! gen Rees!“
Und als peitsche der Satan sie vorwärts, seiner Hölle zu, hatte sich plötzlich diese ganze Masse von Kriegern, Führern, Weibern, Troßknechten in Bewegung gesetzt, dem flammenden Vulkan im Westen entgegen. Gier nach Beute, unbefriedigte Gier nach Blut trieb sie von dannen. Im wildesten Taumel, Reiter und Fußvolk und Wagen bunt durcheinander, raste sie über das Feld durch die Nacht. Im wildesten Taumel und Traum, das Schwert am Faustriemen, vor sich auf dem Sattel das Mädchen aus den Weserbergen, saß Christoph von Denow auf seinem schwarzen Roß. — —
„Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen! Vivat der Graf! Vivat der Graf von Hollach! Vorwärts! Vorwärts!“
Ein sekundenlanges Anhalten in dieser wüsten Menschenflut war eine Unmöglichkeit, ein Fehltritt, ein Straucheln der sichere Tod. Schon hörte man zwischen dem Donnern und Krachen um die Stadt den Schlachtruf der Feinde: „Spanien und die Jungfrau! Spanien und die Jungfrau!“ und lauter und näher den Ruf der angegriffenen Belagerer: „Das Reich! das Reich! Vorwärts, das Reich!“
Hinein in die Atmosphäre von Blut und Feuer brauste die anstürzende Menschenmasse, und die Letzten drängten bereits die Vordersten in die angegriffenen Laufgräben, aus denen eine andere Flut ihnen entgegen wogte. Das waren die Hessischen, die schlecht bewaffneten, halbverhungerten, im Regen und Rheinwasser fast ertränkten Schanzgräber, welche dem wilden Anprall der Spanier nicht hatten widerstehen können.
„Spanien! Spanien! Spanien und die Jungfrau!“ rief Francisco Orticio, sich über einen Schanzkorb in die Höhe schwingend.
„Spanien! Spanien und die Jungfrau!“ wiederholten seine Krieger ihm nachdringend.
„Rette, Hessen! Rette!“ schrien die flüchtigen Söldner des Landgrafen im panischen Schrecken.
„Braunschweig! Braunschweig!“ brüllte es von den Höhen der Böschungen.
„Up dei Düvels!“ schrie Heinrich Weber aus Schöppenstedt, eine Fackel in der Hand mitten unter die Hessen springend. Der flammende Brand flog im weiten Bogen gegen die Spanier — ein zweiter Satz — die zu Grund, der Bergstadt im Harz, gehämmerte Hellebarde schmetterte nieder auf eine zu Cordova geschmiedete Sturmhaube: Diego Lua aus Toboso stürzte mit einem „Valga me Dios!“ tot zurück.
„Braunschweig! Braunschweig!“ brauste es dem Schöppenstedter nach, und „Braunschweig! Braunschweig!“ jubelten auch die Hessen, welche mit neuem Mut sich wandten gegen ihre Verfolger.
„Braunschweig! Braunschweig!“ rief Christoph von Denow, dem es gelungen war, sich von seinem Pferde zu werfen, welches sich auf der Böschung hoch bäumte, im nächsten Augenblick aber, von einer Kugel getroffen, zusammenbrach. Anneke Mey stand unbeschädigt auf den Füßen, doch auch sie wurde mit hinabgerissen in die Gräben, wo sie jedoch samt Hans Niekirche hinter einem Haufen umgestürzter Schanzkörbe den verlorenen Atem wieder gewinnen konnte.
Und jetzt Angriff und wütende Verteidigung, Flüche in sechs Sprachen, Todesrufe; — auf engstem Raum Vernichtung jeder Art! — Alle Hauptleute der Braunschweiger: Adebar, Maxen, Wulffen, Wobersnau, Rußwurmb, Dux, Statz, und wie sie hießen, hatten ihre Stellen als Befehlshaber wieder eingenommen und drängten tapfer kämpfend die Spanier zurück. Tapfer stritten aber auch die Spanier. Sechs Geschütze hatten sie in den hessischen Schanzen genommen und in den Rheingraben versenkt, Schritt für Schritt wichen sie zu den flammenden Mauern und Wällen der Stadt über die Leichen ihrer Landsleute und ihrer Feinde. Der Graf von Hohenlohe in vollster Rüstung mit seinen Herren führte stets neue Truppen an; Haufen auf Haufen ließ Don Ramiro de Gusman hervorbrechen.
Dicht an den Spaniern kämpfte Christoph von Denow, das Blut rieselte aus einer Stirnwunde, — er merkte es nicht. Anneke Mey hatte sich mutig auf ihren Schanzkorb geschwungen und den widerstrebenden Niekirche nachgezogen. Sie hielt ihr Messer noch immer gezückt in der Rechten, mit der Linken hielt sie den schlotternden Trommelschläger am Kragen.
„So schlage den Sturmmarsch, Junge!“ rief sie lachend. „Willst’ nicht? Wart, gleich fliegst du herunter, daß sie dich drunten zu Brei vertreten, Feigling!“
„Ja! ja! ich will!“ jammerte Hans. „Ach wär’ ich doch daheim! Ach wär’ ich doch zu Haus! Mein Mutter! mein Mutter!“
„Na, na, schlage nur immer zu, du kommst noch davon!“ sagte Anneke begütigend und ließ den Kragen des Armen los. „Dein’ Mutter wartet schon a bissel! Schau, wie lustig das aussieht — da, guck, sie geben’s den welschen Bluthunden! Wär’ ich ’n Knab, wie du — hei, ich wollt’s ihnen auch schon zeigen!“ Und mit heller Stimme fing das Mädchen an zu singen:
„Mein Vater wollt’ ein Knäbelein,
Mein Mutter wollt’ ein Mägdelein,
Mein’ Mutter tät gewinnen,
Des muß den Flachs ich spinnen — Ja spinnen!
Das ist mir großes Leid!“
Immer mutiger schlug Hans Niekirche, durch seine Gefährtin aufgemuntert, seine Wirbel, und unter beiden Kindern vorbei drängten ununterbrochen die Scharen des Reichs vor und zurück, wie der Kampf vor- und zurückwich; bis die Spanier in die Stadt gedrängt waren, und das Zeichen zum Sammeln von allen Seiten den Deutschen gegeben wurde. Don Ramiro hatte die Rheinschleusen, welche er in seiner Gewalt hatte, öffnen lassen.
„Sieh das Wasser! das Wasser!“ rief Hans Niekirche in neuer Angst. „Laß uns fort, Anneke, sie wollen uns ersäufen, wie die jungen Katzen.“
Ein allgemeiner Schrei erhob sich unter dem Getümmel in den Laufgräben; schon standen manche Haufen bis an den Gürtel in der reißend schnell steigenden Flut.
„Halt, halt!“ rief Anneke Mey. „Er ist noch nicht zurück; aber — geh nur — geh — ich bleib’!“
„Und ich bleib’ auch!“ schrie Hans der Trommler.
„Zurück! zurück!“ tönte es aus den rückwärts weichenden Scharen des Reichsheeres: „Das Wasser! Der Rhein! Das Wasser!“ Und immerfort donnerte das Geschütz der Spanier von den Wällen, immerfort schlugen die Kugeln verheerend in das wirre, verzweiflungsvolle Durcheinander.
Es war eine böse Belagerung — die Belagerung der Stadt Rees am Rhein: es war kein Glück, es war keine Ehre dabei zu holen.
„Der Junker! der Junker! Christoph! Christoph von Denow!“ schrie die junge Dirne auf ihrer Höhe, die Hände ringend, und das Wasser stieg und stieg. Schon waren die letzten der Haufen unter ihr vorüber, und die Toten, von den Fluten gehoben, wirbelten um sie her. Da griff eine Hand aus den Wassern nach dem Schanzkorbe, auf welchem sie stand, und ein bleiches Haupt erhob sich zu ihren Füßen: „Rette! Rette!“
„Christoph! Christoph!“ schrie das Mädchen, sie lag auf den Knien, sie faßte die triefenden Locken, sie faßte den Schwertriemen — der Junker von Denow war gerettet. Valentin Weisser, der Riese, dessen Blutdurst und Mut durch den Kampf und den Rhein bedeutend gekühlt war, brachte mit Hilfe gutwilliger Genossen den wunden Junker, die Dirne und Hans, den Trommelschläger, glücklich auf das Trockene und weit hinein ins Feld, wo die gelichteten, zerrissenen, wunden Krieger des Reichsheeres um die Wachtfeuer murrend und grollend in stumpfsinniger Ermattung lagen und die Führer bereits wieder unheimliche und drohende Worte zu hören bekamen.
[II.]
rübe dämmerte der Morgen. Auf die wüste Nacht folgte ein ebenso wüster Tag. Vergeblich hatte Herr Otto Heinrich von Beylandt, Herr zu Rethen und Brembt, Leib und Leben und Seligkeit den Meuterern zum Pfande eingesetzt, daß sie nicht von des Reichs Boden weggeführt werden sollten; vergeblich hatte der Graf von Hohenlohe geflucht, gebeten und gedroht. Zwischen sieben und acht Uhr waren zehn Fähnlein des braunschweigischen Regiments aufgebrochen und aus dem Feld gezogen, Münster zu. Weiber, Kinder, Dirnen folgten jetzt dem plündernden, ehrvergessenen, eidbrüchigen Haufen durch den grauen Nebelregen. Keiner befahl, keiner gehorchte. Die einen meinten, es gehe gradaus zum Herzog von Braunschweig, ihrem Zahlherrn, nach Wolfenbüttel; andere glaubten, es gehe gegen den Bischof von Münster; die meisten aber dachten gar nichts, und so schwankte der tolle Zug, einem Betrunkenen gleich, hier vom Wege ab, dort vom Wege ab, jetzt auf ein Dorf zu, jetzt auf ein einsames Gehöft. Kleinere Banden schweiften zur Seite, oder vor und nach — fort und fort über die Heide; hier im Kampfe mit einer ergrimmten Bauernschar, dort im Hader untereinander. Der Nebel ward Regen und hing sich in perlenden Tropfen an die letzten Blüten des Heidekrauts und träufelte von den Stacheln und Zweigen der Dornbüsche. Krähenscharen begleiteten den Zug lautkrächzend, oder flatterten in dichten Haufen westwärts dem Rhein zu, wo von Rees her das Feuer der Berennung nur noch in einzelnen Schlägen dumpf grollte. Stärker und stärker ward der Regen, die blutigen Spuren der vergangenen Nacht, der Schlamm der Laufgräben mischten sich auf den pulvergeschwärzten Gesichtern, den zerrissenen, verbrannten Kleidern, den verrosteten Waffenstücken — die Männer fluchten und sangen, die Weiber ächzten, die Kinder schrien, und Anneke Mey auf ihrem Wagen, mit einem Bierfaß beladen, hielt tröstend das Haupt des wunden Christoph von Denow in ihrem Schoß und sprach ihm zu und verhüllte ihn, wie eine Mutter ihr Kind, mit einem groben Soldatenmantel; während Hans Niekirche zähneklappernd das magere Roß leitete, welches vor dem Karren ging. — Lange Zeit hatte der Junker wie besinnungslos gelegen, jetzt hob er den Kopf mühsam empor und strich die Haare aus der Stirn und warf einen Blick auf seine Umgebung.
„O Anneke, weshalb hast mich nicht gelassen in dem Wasser — oh! oh!“
„Still, still, lieget ruhig, Herr! Die ganze Welt ist auseinander —“
„Weshalb hast mich nicht gelassen im Lager — im Heer vor Rees?“
„Es ist aus, aus! Alles aus, sagen sie. Alles läuft auseinander —“
„Und wohin gehen wir?“
„Weiß nicht! weiß nicht!“
„Bin also so weit! Ein Spießgesell von Räubern und Mördern und landesflüchtigem Gesindel! Krächzt nur, ihr schwarzen Galgenvögel, ihr habt einen feinen Geruch, wittert den Fraß, wann er noch lustig auf den Beinen herumstolpert und den Bauerngänsen die Hälse abhaut und die Rinder aus dem Stall zieht. O Christoph! Christoph! Und du könntest einen adeligen Schild führen!“
Der junge Gesell stieß solch einen herzbrechenden Seufzer aus, daß ein neben dem Karren reitender Söldner aufmerksam wurde. Er drängte sein Pferd näher heran, zog seine Feldflasche hervor und reichte sie dem Wunden zu.
„Hoho, Junker, was spinnst für Hanf? Da wärme dir das Herz, bis wir uns den Münsterschen Dompfaffen in die warmen Nester legen! Aufgeschaut, aufgeschaut, Christoffel! ’s ist beschlossen, Ihr sollt unser Obrister werden!“
Der Junker machte eine unwillige Handbewegung und antwortete nicht.
„Auch gut,“ brummte der Reiter. „Der Satan hol’ alle diese Maulhänger! Möcht’ nur wissen, was die Gesellen für einen Narren an ihm gefressen haben. Hat den Vorspruch gemacht gestern beim Grafen nach ihrem Willen und soll den Führer spielen, und kann den Kopf nicht grad halten — Bah! Hätten hundert Bessere gefunden; kann mit seinem Adel weder den Mantel noch die Ehre flicken. Fort, Mähre, was scheust? Dacht ich’s doch, da liegt wieder einer der trunkenen Schelme im Wege. Vorwärts, Schecke, laß liegen, was nicht mehr laufen mag. Was will die Trompete? Holla, was ist das?“
Ja, was wollte die Trompete? Auf der rechten Seite des Weges der Meuterer waren zwar von Zeit zu Zeit vereinzelte Schüsse gefallen, niemand hatte sie aber beachtet, weil man sie nur den obenerwähnten Scharmützeln mit den Bauern und Hahnenfedern zuschrieb. Jetzt aber wurde das Feuer regelmäßiger, Reitertrompeten erschallten. Der Zug stutzte und hielt. Gestalten, schattenhaft, tummelten sich in dem dichten Nebel, und erschreckte Stimmen erklangen: „Die Spanier! Die Spanier!“
„Zum Henker die Spanier; wie kommen die Spanier soweit über den Rhein?“ brummte der Reiter, welcher eben dem Junker die Feldflasche geboten hatte. Er lockerte aber nichtsdestoweniger das Schwert in der Scheide und wickelte den rechten Arm aus dem Mantel los.
„Der Feind! der Feind! die Speerreiter!“ riefen die im Lauf rückkehrenden Plünderer, zu den Genossen stoßend, und einige brachten eine frische Wunde mit zurück. Näher und näher hörte man die Trompeten und den Schlachtruf „España! España!“ und dann „Hohenlohe! Hohenlohe!“
Keiner von den Meutmachern machte Miene, an dem Gefechte teilzunehmen; aber die Musketen waren auf die Gabeln gelegt, die Lunten aufgeschroben, die Spieße gesenkt, und man hatte instinktmäßig einen Kreis um die Wagen mit den Weibern und Kindern und den Raub geschlossen.
Jetzt schienen die Spanier wieder zurückgedrängt zu werden; der Lärm des Kampfes verlor sich in der Ferne. Der Zug der Aufrührer wollte sich bereits wieder in Bewegung setzen.
„Halt, halt!“ rief einer der Fußknechte, „da kommen sie wieder! Rossestrab!“ Er kniete nieder und legte das Ohr an den Boden. „Viel Pferde im Galopp!“ Man konnte kaum zehn Schritte weit im Nebel und Regen deutlich sehen; es waren wieder nur unbestimmte Schatten, die man nahen sah.
Ein „Halt“ wurde ihnen zugerufen, und sie hielten, und eine einzelne Gestalt löste sich von dem Haufen ab. Aus dem Ring der aufrührerischen Söldner des Reichs traten ihr einige entgegen.
„Wer seid Ihr? Woher des Weges? Was für Begehr?“
Der Nahende ritt, ohne zu antworten, näher heran.
„Haltet, oder wir schießen!“
„Nur zu, eidbrüchig Gesindel; versucht, ob ihr einen ehrlichen Reitersmann trefft!“
Wilde Flüche und der Ruf „Feuer, Feuer!“ ertönten, und manche Büchse wurde in Anschlag gebracht; aber dazwischen riefen auch Stimmen: „Halt, halt, das sind keine Spanier, keine Speerreiter!“
„Nein, das sind keine Spanier,“ rief der Reisige zurück. „Das sind auch keine Meuterer, Mörder oder Diebshalunken; — ehrliche Hohenlohesche Reiter sind’s, die euch Lumpengesindel wahren sollen, daß ihr nicht dem Galgen entlauft! Glaubt’s, der Graf hätte meinetwegen andere dazu schicken mögen, als uns — nehmt das Ab — Henkermahl drauf!“
„Der Graf von Hollach hat Euch geschickt?“ fragte es verwundert aus dem Haufen, und mancher der wilden Kerle drängte sich vor, näher an den Reitersmann.
„Zurück!“ rief dieser, „wir gehen mit euch, wie befohlen, jagen die Speerreiter, die euch die Gurgel abschneiden könnten, — man sparte nur die Stricke — und schützen das arme Landvolk vor euch Hunden. Damit holla! — na, wohin geht der Marsch?“
„Packt Euch zum Teufel, wir brauchen Euch nicht!“ schrie Jobst Bengel aus Heiligenstadt. „Wer hat Euch gerufen? Sagt dem Grafen, dem Holländer, unsern schönsten Dank und wir könnten unsern Weg allein finden.“
„Geht nicht! Alles auf Befehl! Kümmert euch so wenig als möglich um uns; ihr handelt nach Belieben, wir nach Befehl!“
„Aber unser Belieben ist, daß ihr euch hinschert, woher ihr gekommen seid!“ brüllte Hans Römer aus Erfurt. „Geht, oder es setzt mein’ Seel blutige Köpfe!“
„Unser Befehl ist, daß wir gehen, wohin euch der Satan treibt. Am Höllentor kehren wir um, das ist der Befehl. Genug der Worte.“
Damit wandte der Hohenlohesche Rittmeister sein Roß und sprengte zurück zu seinen Reitern, welche unbeweglich auf einer kleinen Erderhöhung hielten und im Gegensatz zu dem tobsüchtigen, wüsten Gebaren der Meuterer nur leise Worte des Zorns und der Verachtung hatten.
Auf seinem Schmerzenslager hatte Christoph von Denow halbblinden Auges und klingenden Ohres den Vorgang angesehen und angehört. Jetzt mußte er auch ohnmächtiger Zeuge der wilden Reden um ihn her sein.
„Das ist solch ein falsch Spiel von dem Grafen — das ist eine Falle. Sollen uns schützen vor den Speerreitern! — Lauter Sorg und Lieb, bis sie uns den Hals zuschnüren! — Nichts von dem Grafen von Hollach! Fort mit den Reitern des Holländers! Feuer auf sie! In die Spieße! in die Spieße mit ihnen!“
„Die Rasenden! die Niederträchtigen!“ stöhnte Christoph von Denow, die Hände ringend. „Und hier liegen zu müssen gleich einem abgestochenen Schaflamme! Halt, halt, was wollen sie tun?!“
Seine schwache Stimme ging verloren in dem Lärm „fort mit Holländern, fort mit dem Grafen von Hollach!“
Mit einem Schlage setzte die ganze Masse der Meuterer im Sturmlauf an gegen das kleine Häuflein der Reiter.
„Hab’s mir wohl gedacht,“ brummte der Rittmeister in den grauen Bart. „Achtung, Gesellen! Stand gehalten — das ist der Befehl. Herunter mit den Schuften, wenn sie euch nahe kommen.“
Sie griffen wirklich an. Im nächsten Augenblick war die Reiterschar umringt, durchbrochen. Die meisten sanken nach tapfrer Gegenwehr vom Pferd; nur wenige schlugen sich durch und flohen über die Heide. Zuletzt kämpfte noch ein einzelner. Das war der tapfere alte Führer, der sich wie ein Verzweifelter wehrte. Endlich erstach ihm Balthasar Eschholz aus Berlin das Roß, und eine Kugel durchfuhr seine treue Brust.
Einige Minuten standen die Mörder wie erstarrt. Schlug ihnen diesmal das Herz? Sie wagten es nicht, die Gefallenen zu berauben, ein plötzlicher Schrecken kam über sie, wie von Gott dem Richter gesandt, und Mann und Roß und Wagen stürzten von dannen, hinein in den Nebel, der sie verschlang, als seien sie nicht wert, von Himmel und Erde gesehen zu werden.
„Das ist ein schlechter — schlechter Tod!“ seufzte der zu Boden liegende Reiterhauptmann. „Ein schlechter Tod! — In deine Hände — aber alles der Befehl — nun kann der Rat von Nürnberg mein Weib und meine Jungen auffüttern — ein schlechter Tod — Amen! Alles — der — Befehl!“
Er griff noch einmal mit beiden Händen krampfhaft in das Heidekraut — es war vorüber.
Ein Wäglein und drei Menschenkinder waren zurückgeblieben beim Fortstürzen der Mörderschar. Das waren Anneke Mey aus Stadtoldendorf, welche das Haupt des Erschlagenen stützte, das war Christoph von Denow, der auf seinem Lager das Vaterunser weiter betete, welches der Rittmeister nicht hatte zu Ende bringen können. Das war Hans Niekirche, der Trommelschläger, welcher schluchzend das Rößlein vor dem Wagen hielt!........
[III.]
icht Leben, nicht Tod; nicht Vergessenheit, nicht Sinnesklarheit; nicht Schlaf, nicht Wachen; — alles ein wildes, wirres Chaos in dem fieberkranken Kopfe Christoph von Denows! Jetzt legte es sich ihm, einem feurigen Schleier gleich, vor die Augen, tausend Sturmglocken und der Verzweiflungsschrei einer eroberten Stadt füllten ihm Ohr und Hirn; — jetzt versank er wieder in ein endloses graues Nichts, in welchem ihn allerlei unerkennbare Schatten umschwebten; — jetzt vermochte er es wieder, sich und seine Umgebung zu unterscheiden, ohne sich klar darüber werden zu können, wer ihn von dannen führe und wohin man ihn führe. Manchmal war der Himmel über ihm grau und ihn fror, dann wieder schaute er empor in das reine Blau, und die Sonne schien herab auf ihn. Manchmal glaubte er sich in einem auf dem Wasser fahrenden Schifflein zu befinden, manchmal sah er wieder grüne Zweige über sich und hörte die Vögel singen. Er gab es auf, zu denken, sich zu erinnern: willenlos überließ er sich seinem Geschick. Es zog und zuckte durch seinen Geist! — Da ist der weite, kühle Saal in der väterlichen Burg, dem einstmals am weitesten in das Polen- und Tartarenland vorgeschobenen Posten des deutschen Wesens. Durch die bunten Scheiben der spitzen Fenster fällt das Licht der Sonne und wirft die farbigen, flimmernden Schattenbilder der gemalten Wappen und Heiligen auf den Estrich. Da steht der Sessel des Ritters von Denow neben dem großen Kamine, und der Sessel und der Gebetschemel der Mutter in der Fenstervertiefung, da glitzern im Winkel auf dem künstlich geschnitzten Schenktisch die riesigen, wie Silber glänzenden Zinnkrüge und Geschirre. Da blickt ernst von der Wand der Ahnherr mit dem Ringpanzer auf der Brust, und manch wunderlich Gewaffen aus den Polen- und Preußenschlachten hängt an dem Mittelpfeiler, welcher den Saal stützt....
Feuer! Feuer! Das ist nicht der Widerschein der Abendsonne an den Wänden. Feuer! Feuer! und das Wimmern der Burgglocken und der Schall der Sturmhörner! — Wo blieb das süße, mildlächelnde Bild der Mutter, das eben noch durch den stillen dämmerigen Saal glitt? Feuer und Sturm! Die Polen! die Polen! Allverloren! Allgewonnen! Allgewonnen!
Da taucht ein ehrliches bärtiges Gesicht auf — das ist der Knecht Erdwin Wüstemann, welcher den kleinen Christoph aus der brennenden väterlichen Burg auf den Schultern trug und rettete.... Nun rauscht der Wald, nun murmelt der Bach — das ist die verlorene Forsthütte, wo der treue Knecht und das Kind hausten so lange Jahre hindurch. Die Hunde zerren bellend an der Kette, der Falk schaukelt sich auf seiner Stange. Wilde Gesellen und Weiber — fahrende Soldaten, Sänger und Studenten und demütige Juden verlangen Obdach vor dem nahen Gewitter oder dem Schneesturm. Sie lagern auf nackter Erde um das Feuer, an welchem die Hirschkeule bratet. Der Weinkrug geht im Kreise umher; Lieder erschallen! Lieder vom freien Landsknechtsleben, lutherische Lieder, Spottlieder gegen den Papst und den Türken und lateinische Lieder vom wandernden Scholarentum. Jetzt gerät der rote Heinz mit dem landflüchtigen Leibeigenen oder dem Zigeuner in Streit; die Messer blitzen, der Knecht Erdwin wirft sich zwischen die Kämpfenden — es rauscht der Wald, es murmelt der Bach, es klingt die Harfe des blinden Sängers — ah Wasser, Wasser und Waldfrische in dieser Glut, welche das Gehirn verdorrt und die Knochen versengt!
Einen Augenblick lang öffnete der Kranke die Augen, er hörte Stimmen um sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die heißen Lippen. Er hatte nicht fragen können, wo er sei, wer ihm helfe in seiner Not? — von neuem ergriff ihn der Fiebertraum.
Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschützenleben ein wackerer Bub geworden. Hinaus aus dem grünen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem Schützling. Die Zeiten sind danach — wer kühn die Würfel wirft, kann wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren und Würden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen Franzosen, Spanier, Holländer mit rotem Golde rotes deutsches Blut. Ho, so hattest du dir die Welt draußen vor dem Wald wohl nicht gedacht, Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder: Städte, Klöster und Burgen; Fürsten mit Rittern und Rossen, schöne Damen, Äbte und Bischöfe mit reichem Gefolge, Bürgeraufzüge, bunte Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich — für den Kaiser und wider den Kaiser!
Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vätern her nichts geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von Denow, welchen er am Finger trägt.
Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum — tagelang, wochenlang im Wundfieber kämpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht mehr allein in dem Gehirn des Kranken läutet!
„Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke?“ murmelte Christoph von Denow, die Augen aufschlagend.
Anneke Mey stieß einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers ein wenig aus ihrem Schoße: „Er lebt, o guter Gott, er wird leben!“
„Die Glocke! die Glocke?“
„Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Münster, und da — horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag — still, still, lieget ruhig.“
Es wurde dunkel über dem Junker; das Wäglein fuhr in diesem Augenblick durch die Torwölbung. Der Junker schloß die Augen wieder, er glaubte einen Wortwechsel zu hören, er glaubte zu bemerken, daß der Wagen hielt, Annekes Stimme erklang ängstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein bärtiges Gesicht über sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu hören. Der Wagen bewegte sich wieder — er fuhr aus dem dunklen Tor in das Licht der Straße hinein. — —
Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von Denow über sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es wieder Nacht war im Geiste Christophs. — Allmählich aber wurde diese Nacht jetzt Dämmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr. Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben.
Er fühlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzählte Erdwin, der Knecht, jetzt sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschläger. Die Landschaft glitt an ihm vorüber, Städte, Dörfer, Flecken, er sah blaue Höhenzüge im Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte, das sei der altberühmte große Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen, und ein Wasser rauschte seitwärts in das Dickicht. „Das Wässerlein kenn’ ich,“ rief Anneke, „das ist die Else, die fließt in die Werre, und die Werre fließt in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.“
„Und wie ziehen wir nun, Anneke?“ fragte der getreue Knecht Erdwin, welcher munter neben dem Wagen, den Spieß auf der Schulter, herschritt.
„Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die Weser glitzern sehen können. Dann sind wir zu Hause!“
„Anneke, Anneke!“ murmelte Christoph.
„O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles von Euch erzählt und ich ihm auch alles von Euch.“
„O Junker, Junker, seid Ihr wach?“ rief der Knecht Erdwin und schauete über den Rand des Wagens. „Das Mütterlein im Himmel muß über uns wachen, daß ich Euch grad am Tor zu Münster treffen mußt’. Von der Reichsschanze bis nach Münster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt mich schön in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem Herzmädel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch tränken und atzen und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!“
Christoph drückte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem Heere fragen, nach den Meuterern, aber er vergaß es. Sein wunder Kopf ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht über ihm.
„Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich führen?“
„In meiner Heime ist es gar schön,“ sagte das Mädchen. „Da sind die Berge und die Wiesen so grün, da schaut die alte Burg, sie heißen sie die Homburg herab auf das Städtel. Da sind die hohen weißen Felsen ganz weiß, weiß — da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Löchern. Das ist wahr, ganz gewiß wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rührt sich der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, — und ein Wässerlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein kühler Bronn, der Wellborn geheißen, aus dem kommt das Wasser durch Röhren in die Stadt, und die Brunnen rauschen und plätschern immer zu. Und vor dem Burgtor ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme, die Alheit — mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere, wo wir mit dem französischen König Heinrich waren — und ihre Katz sitzt neben ihr, und wenn sie, ich mein’ die Muhme — an mich gedenkt, so brummt und keift und bet’t sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern hat. Schläfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kümmre dich nicht um die Welt.“
Mit leiser Stimme fing das Mädchen an zu singen:
„Musikanten zum Spielen,
Schöne Mädchen zum Lieben:
So lasset uns fahren,
Mit Roß und mit Wagen,
In unser Quartier!
In unser Quartier!“
„Ach, der Wagen stößt zu hart; wisset Ihr was, Meister Erdwin? singet Ihr weiter.“
„Wollen’s versuchen!“ sagte der Knecht Wüstemann und begann im Ton der Schlacht von Pavia das Lied von der Schlacht vor Bremen, in welche er als junger Bursch mit den Reitern des Grafen von Oldenburg gezogen war, und frisch schallte sein Baß in den Wald hinein.
„— Unser Feldherr das vernahm,
Graf Albrecht von Mansfelde,
Sprach zu seinem Kriegsvolk lobesam:
Ihr lieben Auserwählten,
Nun seid ganz frisch und wohlgemut,
Ritterlich wolln wir fechten;
Gewinnen wolln wir Ehr und Gut,
Gott wird helfen dem Rechten.“
Als der Endvers kam, war Christoph wirklich eingesungen zu sanftem Schlummer, und Hans Niekirche behielt den braunschweigschen Gassenhauer, den er eben zum besten geben wollte, auf das Ersuchen des alten Erdwins für sich. Mit einbrechender Nacht wurde bei einem Köhler mitten im Forst das Nachtquartier aufgeschlagen.
„Was ist denn da draußen vorgegangen in der Welt?“ fragte der schwarze Waldmann. „Ihr seid die Ersten nicht, die hier durchkommen sind und hier angehalten haben. Das ist ja auf einmal, als ob alles Kriegsvolk im deutschen Land sich hier auf den Wald niedergeschlagen hätt’, wie ein Immenschwarm auf den Schlehenbusch. Ist es wahr, daß das Reichsheer auseinandergelaufen ist?“
„Es ist wahr,“ sagte der Knecht Erdwin düster. „Es ist aus, — alles vorbei!“
„Vorgestern zog hier ein Trupp durch, fast zehn Fähnlein stark, aber anzusehen wie ein wüst Raubgesindel, Fußvolk und Reiter durcheinander. Wollten gen die Weser und ließen sich vernehmen, sie wollten ihrem Zahlherrn, dem Braunschweiger Herzog —“
„Die Braunschweiger?!“ riefen Erdwin und Anneke und Hans Niekirche. „Die Braunschweiger?!“ murmelte Christoph von Denow und richtete sich halb auf seinem Lager auf.
„Gehöret Ihr zu ihnen?“ fragte der Köhler mißtrauisch. „Nehmt Euch in acht; ich hab’ einen gesprochen, der sagte, der Braunschweiger habe seine Leibguardia und Reiter die Menge abgesandt, ihnen den Weg zu verlegen. Sein Feldhauptmann, der Graf von Hohenlohe, ist auch, von Mitternacht her, gegen sie aufgebrochen. Das kann ein übel Ende nehmen!“
„Gegen die Weser sind sie gezogen?“
„Wie ich Euch sagte, Maidlein.“
„Herr Gott, so müssen wir ab vom Weg!“
„Ihr gehört also nicht zu ihnen?“
„Nein! nein! nein!“ riefen Christoph und Erdwin und Anneke.
„Und Ihr wollt auch über die Weser?“
„In meine Heimat!“ rief Anneke.
„Mit dem wunden Mann? Geht nicht, wahrlich geht nicht! Weg und Steg sind verlegt.“
Alle schwiegen erschrocken und verstört einige Minuten.
„Saget doch,“ fuhr der Köhler dann fort, „weshalb wollt Ihr nicht bei mir bleiben im Walde, bis der Kopf des Burschen dort wieder heil und ganz ist? Hunger und Durst sollt Ihr nicht leiden. Ihr erzählet mir alles, was da draußen in der Welt vorgegangen ist, dafür geb’ ich Euch Futter und Obdach. Gefällt’s Euch?“
„Ihr wolltet —?“
„Gewiß will ich; ich will Euch sogar noch großen Dank schuldig sein dafür!“
„Angenommen, Landsmann!“ rief der Knecht Wüstemann freudig. „Junker, nun streckt Euch lang auf Euerm Lager, und wehe dem ersten Rehbock, der mir vor die Armbrust gerät, welche ich dort an der Wand sehe.“
So kamen am Tage Cornelii des Hauptmanns die vier Flüchtlinge des Reichsheeres zum ersten Mal zu Ruhe.
[IV.]
ominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus. Man schrieb den vierten November 1599.
Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten. „Nun geht es an! Das ist der Beginn!“ hieß es unter dem Volk.
„Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,“ sagte ein Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. „Der verkündet nun das kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.“
„Sie kommen! sie kommen!“ hieß es unter der Menge, und eine Gasse bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen das Kaisertor hin.
Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes. Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe, herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume: bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren, schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; — wir sind unter den — Meuterern von Rees! Gekommen ist’s, wie es kommen mußte; morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!
„Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,“ sagte eine baumlange Gestalt, sich über die Genossen erhebend.
„Sollt’ meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den Trommelschlag,“ sagte unwirsch ein zweiter Söldner.
Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen. „Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen’s so; da lob’ ich mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp, topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau’r, ich komm’! — das ist’s! oder —“
„Hauptmann, gib uns Geld!“ fiel lachend ein Dritter ein.
„Füg dich zu der Kann!“ brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch.
„Mach dich bald davon!“ sang eine schrille Stimme dazwischen.
„Hüt dich vor dem Mann!“ brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt. „Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen? Alle blutigen Teufel, ich wollt’, der Blitz schlüg’ gleich mitten unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder die Hölle! ’s sollt’ mir gleich sein — ’s wär’ wenigstens eine Veränderung!“
„Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!“ sagte eine ernste und finstere Stimme.
„Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,“ grinste der Vorige wieder. „Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich — mit Verlaub, Junker, das war nicht auf Euch gesagt.“ Wir folgen dem höhnischen Blick des Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr, gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon zurückweichenden Jobst ausstreckte: „Den Schädel zerschmettere ich dir an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin — sage noch ein Wort —“
„Auf ihn! so ist’s recht!“ schrien einige der Gefangenen. „Halt, halt! trennt sie!“ riefen andere.
„Seid ruhig, Erdwin,“ sagte der Junker, „laß ihn, Alter, — er hat recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.“
„Euch nicht! Euch nicht!“ rief der alte Wüstemann, die ihm entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. „O Ihr — Ihr in diesen Banden — das Herz bricht mir darüber — o die Schurken, die Schurken!“
Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der Besatzung.
„Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!“ sagte der Leutnant, und das kleine schwarze Männlein — Herr Friedericus Ortlepius, notarius publicus und des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine Schrift ab wie folgt:
„Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr, Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds, als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises, zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches ist notorium und männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.
Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es sich so sauer haben werden lassen, — es würde gemeldetes Regiment sich vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen, redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht, I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur Erhaltung Deroselben Autorität, ein’ Ernst zu diesen Sachen haben tun müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret, euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen Spießgesellen dafür geliefert worden sind, — vor ein öffentlich Malefizrecht stellen zu lassen.
So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. — so fordere ich euch auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!“ — —
Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder der Gefangenen antwortete durch ein: „Ist hier gegenwärtig.“ Als die Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal, lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen wieder zufiel.
Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, — Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, — Kettengerassel!
„O Junker, Junker!“ rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. „O Junker, Junker, wenn das Euer Vater erlebt hätte!“
„Ja, meine Mutter, meine Mutter! ’s ist gut, daß sie tot ist!“ seufzte Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. — — — — — —
In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.
Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem, grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein, durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer Büchsenkugel — tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr. Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!
Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. — So hatte Anneke den ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu schließen.
„Sitzt die Dirn da noch!“ rief der Weibel. „Heda, Schätzchen, fort mit dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen! weiß nicht, was du hier suchen könntest?“ Anneke rührte sich nicht von ihrem Platze.
„Na, wird’s bald? Nimm Vernunft an, Kind, ’s gibt wärmere Nester.“ Damit faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen.
„O lasset mich hier! lasset mich hier!“
„Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!“
Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des Mädchens. —
„Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!“ rief einer der Büchsenschützen sich vordrängend. „Weibel, mit der mußt du säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke — wo kommst du her?“
„Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!“ sagte Anneke tonlos.
„Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist mit ihnen gezogen?“
„Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach abgedrängt hatt’ von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen; nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land Hoya. Da ist es zum Ende gekommen — da hat uns der Graf gestellt, und Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter — Gnade Gott uns allen!“
Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der Weibel: „So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen — arm Mädel, was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?“ Stumm deutete Anneke nach dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: „Sie führten uns zuerst auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!“
„Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den andern?“ fragte der Weibel.
Anneke nickte.
„Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?“ fragte wieder der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. „Ist das dein Schatz?“
Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und legte den Kopf auf die Knie.
„Arm Kind! arm Mädel!“ murmelten die Krieger. „Aber sie kann hier nicht bleiben,“ brummte der Weibel. „Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst auf den Buckel!“
„Lasset mich einmal mit ihr sprechen,“ sagte Arendt Jungbluth. Er beugte sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: „Wirklich, wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!“
„Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist’s geschehen? — Fort nach der Schloßwach! — Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!“ kommandierte der Weibel. „Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid. Marsch, marsch!“
Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch noch das Bündlein des Soldatenkindes.
[V.]
ins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne, bis der Klang ausgezittert hatte.
„So geh zu ihm!“ flüsterte Arendt Jungbluth. „Um drei Uhr ist meine Wacht zu Ende, dann klopf’ ich und du kommst heraus. Nun gehab dich wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.“
„Dank Euch, dank Euch!“ flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.
Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt und schliefen so. — Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt des Mädchens bemerkt.
Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen sie suchte?
Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das alte Lied vom Falkensteiner zu singen:
„Sie ging den Turm wohl um und um:
Feinslieb bist du darinnen?
Und wenn ich dich nicht sehen kann,
So komm’ ich von meinen Sinnen.
Sie ging den Turm wohl um und um,
Den Turm wollt’ sie aufschließen:
Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär’,
Keine Stunde tät’ mich verdrießen!“
Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die Ketten an ihren Armen und Beinen.
„Ei, dürft’ ich scharfe Messer tragen,
Wie unsers Herrn sein’ Knechte,
Ich tät’ mit dem Herrn vom Falkenstein,
Um meinen Herzliebsten fechten!“
„Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?“ tönte es wild durcheinander. „Anneke, Anneke, Anneke Mey,“ rief die Stimme Christoph von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in den Armen: „Hier, hier halt’ ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?“
„O Anneke! Anneke!“ rief Christoph von Denow.
„Vivat Anneke, Anneke Mey!“ riefen alle andern Gefangenen. „Das ist ein wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!“
Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre. Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin damit zu nähren.
„So hast du uns nicht verlassen, Anneke!“ rief Christoph und hielt ihre beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen eine Träne aus den grauen Wimpern. „O, wie können wir dir je das wiedervergelten?“
„Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich geh’ mit Euch!“
Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer und schüttelte das greise Haupt:
„Jammer, o Jammer!“
Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt Jungbluth an die Tür.
„Nun muß ich scheiden!“ sagte Anneke. „Gott schütze uns; wenn das Gericht angeht, steh’ ich auf Eurem Wege, Herr.“
„Anneke, Gott lohn’s dir, was du an uns tust!“
„Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!“ riefen die gefangenen Meuterer. „Gott segne dich, Anneke!“
Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; — die Tür war hinter dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete dasselbe.
Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und Harnisch aufzog.
Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen, und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.
Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt zog „mit dem Gespiel“ die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.
Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her. Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.
Zuerst ließ sich der notarius publicus nieder, zur linken Hand an dem roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. — — — —
„O mein Gott, hilf ihm und mir!“ stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf, als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.
„Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen Schurken!“ ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.
Und jetzt —
„Christoph!“ durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere graue Luft, daß der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster seines Schlosses stand und auf das Getümmel unter sich finster herabblickte, unwillkürlich den Kopf nach der Richtung hin neigte.
Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gestützt auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin.
„O Christoph! Christoph von Denow!“
Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mädchen, welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hände ihm entgegenstreckte; — ein trübes Lächeln glitt über das Gesicht Christophs, dann schüttelte er das Haupt; er wollte anhalten.
„Hast doch recht gehabt, Anneke!“ lachte höhnisch Valentin Weisser, der Rosenecker. „Waren unsrer doch zu wenig. Puh — ’s ist am End einerlei — Kugel oder Strick. Vorwärts, Junker Stoffel; ich tret’ dir sonst die Hacken ab!“
„Vorwärts! vorwärts!“ rief der Führer der Geleitsmannschaft — vorüber schritt Christoph von Denow. —
Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter Stimme:
„Ich lobe und schwöre, daß ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei gleich über Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, daß mich Gott am Jüngsten Tage richten soll — den Armen als den Reichen. Will hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder Haß, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!“
Alle Beisitzer saßen darauf nieder an ihren Plätzen, und nur der Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit, dann im Namen des Fürsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und Stabes, daß „keiner innerhalb oder außerhalb dem Rechten wolle einreden. Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profoß solle eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er desto baß mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen möge, bei Pön eines rheinischen Gülden in Gold“.
„Derhalben,“ fuhr er fort, „wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Kläger oder Antworter oder sonsten einer, der dem löblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch ist. — Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profoß, wie auch die Angeklagten fürgeboten, zitieret und geladen?“
Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: „Herr Schultheiß, ich habe sie gestern früh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt zitieret!“
Und des Regiments Profoß, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der Gerichtswebel führt die Angeklagten hinein, jedes Fähnlein für sich zusammengeschlossen. —
[VI.]
iege still, Kind,“ sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth. „Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee. Es geht noch nicht an.“
Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen, die zur Ablösung herausrief.
„Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,“ sagte Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend.
„Der letzte Tag!“ murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.
„Hui, der Wind — Teufel!“ brummte Arendt, als die Söldner wieder zurücktraten in die Wachtstube. „Schläft sie wieder? — Richtig! ach, ich wollt’, sie verschlief’ es ganz. Ruhig, Kerle — haltet eure Mäuler! Donner — ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt’, sie verschlief’ die böse Stund.“
Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie der Tag zunahm.
Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten Gesicht ihres Schutzengels um.
„Gottlob, gottlob, sie verschläft’s!“ murmelte Arendt Jungbluth, sich über das Lager der Armen beugend.
Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf den Richtplatz.
„Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!“ sprach er bei jeder weißen Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.
Und jetzt — jetzt der letzte Spruch!
„Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten, produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu Recht erkannt, daß — Christoph von Denow nicht gebührt hat, sich für einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen, noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!“
Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.
„Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!“
Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: „Gnade, Gnade! Gnade ist besser denn Recht!“
Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße Gestöber wirbelnd herabfuhr:
„Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!“
In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die Gefangenen — wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.