Hausbücherei
3 Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

3. Band

Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1911

46.–55. Tausend

Deutsche Humoristen

1. Band

Peter Rosegger   Fritz Reuter

Wilhelm Raabe Albert Roderich

Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1911

46.–55. Tausend

Zierleiste

Inhaltsverzeichnis
zum 2. Bande der
„Deutschen Humoristen“
(Hausbücherei Band 4).

Vorwort.

Brentano, Clemens: Die mehreren Wehmüller oder ungarische Nationalgesichter.

Hoffmann, E. Th. A.: Die Königsbraut. Ein nach der Natur entworfenes Märchen.

Zschokke, Heinrich: Die Nacht in Brczwezmcisl.

Zierleiste

Inhaltsverzeichnis
zum 3. Bande der
„Deutschen Humoristen“
(Hausbücherei Band 5).

Hoffmann, Hans: Eistrug.

Ernst, Otto: Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben.

Eyth, Max: Der blinde Passagier.

Böhlau, Helene (Madame al Raschid Bey): Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.

Zierleiste

Inhalt.

Vorwort
7–8

Vischer, Friedr. Theodor
: Humor. Gedicht
9–10

Rosegger, Peter
: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß
11–24

Rosegger, Peter
: Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten
25–40

Raabe, Wilhelm
: Der Marsch nach Hause
41–146

Reuter, Fritz
: Woans ick tau ’ne Fru kamm
147–204

Roderich, Albert
: Nemesis
205–221

Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

Vorwort.

Der Humor ist den Menschen ein so willkommener Gast, daß er eigentlich keiner Einführung bedarf; sein schalkhaft-ehrliches Gesicht empfiehlt ihn überall. Aber da es der Deutsche nun einmal nicht lassen kann, bei allem, was er beginnt, von „Grundsatz“ und „System“ zu reden, so sei hier bemerkt, daß diese kleine Sammlung humoristischer Geschichten nach keinem System und nach keinem Grundsatze zusammengestellt ist, außer nach dem, den Lesern etwas Gutes vorzusetzen. Es soll also keiner kommen und uns sagen, es gebe noch mehr humoristische Dichtungen als diese, oder bessere, oder lustigere, oder gediegenere. Wir sagen dazu nicht ja und nicht nein. Wir sagen nur: abwarten! Denn trotz der pedantischen Aufnahme, die der Humor in deutschen Landen fast immer gefunden hat, ist der Vorrat an humoristischer Literatur bei uns Gott sei Dank so groß, daß fünf Geschichtchen nur einen winzigen Bruchteil von ihr bedeuten. Und so hoffen wir noch manches Mal mit ähnlicher Gabe vor unsere Leser treten zu können und den Born, aus dem wir solche Gaben heraufholen, ewig unerschöpft zu finden.

Hamburg,
Pfingsten 1903. Deutsche Dichter -
Gedächtnis-Stiftung.

Humor.

Von Friedrich Theodor Vischer.

Man spricht von Humor jetzt oft und viel

Und denkt dabei nur an ein leeres Spiel.

Mancher kursiert als Humorist,

Der nichts weiter als Spaßmacher ist,

Nichts ahnt von dem innern Widerspruch,

Von dem Zickzack, dem tiefen Bruch,

Der durch das ganze Weltall dringt,

Daß man immer fürchtet: es zerspringt,

Während die also geborstne Welt

Doch immer noch steht und zusammenhält, —

Mancher, der diesen Riß zwar merkt,

Doch zu freiem Lachen den Geist nicht stärkt,

Sondern mit Weltschmerz kokettiert

Und den Blasierten affektiert, —

Ja mancher eisige, spitzige Spötter,

Der Witze nur macht auf Menschen und Götter,

Mancher verdorbne, mit Seelengicht

Behaftete, zotensinnende Wicht,

Mancher schäkernde, eitle Mann,

Der über sich selbst nicht lachen kann. —

Hat aber einer die Geistesmacht,

Die scharf durchschaut und doch heiter lacht,

Bleibt er fest und verzweifelt nie,

Hat er mehr als Witz, hat er Phantasie,

Versteht er über sich selbst zu schweben,

Sich selber dem Lachen preiszugeben:

Dem sei es gegönnt von ganzem Herzen,

Auch einmal einfach närrisch zu scherzen,

Ohne versteckte Gedankentiefen

Seine Freude zu haben am Naiven.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verlegers und des Sohnes des Verfassers abgedruckt aus Friedrich Theodor Vischer’s
Gedichtsammlung „Allotria“
(Stuttgart: Verlag von Adolf Bonz & Co.).

Peter Rosegger:
Als ich das erste Mal
auf dem Dampfwagen saß.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem 1. Bande von Peter Roseggers Buch „Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit.“ (Leipzig: Verlag von L. Staackmann, 18. Aufl. 1902).

Als ich das erste Mal
auf dem Dampfwagen saß.

Mein Pate, der Knierutscher Jochem — er ruhe in Frieden! — war ein Mann, der alles glaubte, nur nicht das Natürliche. Das Wenige von Menschenwerken, was er begreifen konnte, war ihm göttlichen Ursprungs; das Viele, was er nicht begreifen konnte, war ihm Hexerei und Teufelsspuk. — Der Mensch, das bevorzugteste der Wesen, hat zum Beispiel die Fähigkeit, das Rindsleder zu gerben und sich Stiefel daraus zu verfertigen, damit ihn nicht an den Zehen friere; diese Gnade hat er von Gott. Wenn der Mensch aber hergeht und den Blitzableiter oder gar den Telegraphen erfindet, so ist das gar nichts anderes als eine Anfechtung des Teufels. — So hielt der Jochem den lieben Gott für einen gutherzigen, einfältigen Alten (ganz wie er, der Jochem, selber war), den Teufel aber für ein listiges, abgefeimtes Kreuzköpfel, dem nicht beizukommen ist und das die Menschen und auch den lieben Gott von hinten und vorn beschwindelt.

Abgesehen von dieser hohen Meinung vom Lucifer, Beelzebub (was weiß ich, wie sie alle heißen), war mein Pate ein gescheiter Mann. Ich verdankte ihm manches neue Linnenhöslein und manchen verdorbenen Magen.

Sein Trost gegen die Anfechtungen des bösen Feindes und sein Vertrauen war die Wallfahrtskirche Mariaschutz am Semmering. Es war eine Tagreise dahin, und der Jochem machte alljährlich einmal den Weg. Als ich schon hübsch zu Fuße war (ich und das Zicklein waren die einzigen Wesen, die mein Vater nicht einzuholen vermochte, wenn er uns mit der Peitsche nachlief), wollte der Pate Jochem auch mich einmal mitnehmen nach Mariaschutz.

„Meinetweg’“, sagte mein Vater, „da kann der Bub’ gleich die neue Eisenbahn sehen, die sie über den Semmering jetzt gebaut haben. Das Loch über den Berg soll schon fertig sein.“

„Behüt’ uns der Herr“, rief der Pate, „daß wir das Teufelszeug anschau’n! ’s ist alles Blendwerk, ’s ist alles nicht wahr“.

„Kann auch sein“, sagte mein Vater und ging davon.

Ich und der Pate machten uns auf den Weg; wir gingen über das Stuhleckgebirge, um ja dem Tale nicht in die Nähe zu kommen, in welchem nach der Leut’ Reden der Teufelswagen auf und ab ging. Als wir aber auf dem hohen Berge standen und hinab schauten in den Spitalerboden, sahen wir einer scharfen Linie entlang einen braunen Wurm kriechen, der Tabak rauchte.

„Jessas Maron!“ schrie mein Pate, „das ist schon so was! spring Bub’!“ — Und wir liefen die entgegengesetzte Seite des Berges hinunter.

Gegen Abend kamen wir in die Niederung, doch — entweder der Pate war hier nicht wegkundig, oder es hatte ihn die Neugierde, die ihm zuweilen arg zusetzte, überlistet, oder wir waren auf eine „Irrwurzen“ gestiegen — anstatt in Mariaschutz zu sein, standen wir vor einem ungeheuren Schutthaufen, und hinter demselben war ein kohlfinsteres Loch in den Berg hinein. Das Loch war schier so groß, daß darin ein Haus hätte stehen können, und gar mit Fleiß und Schick ausgemauert; und da ging eine Straße mit zwei eisernen Leisten daher und schnurgerade in den Berg hinein.

Mein Pate stand lange schweigend da und schüttelte den Kopf; endlich murmelte er: „Jetzt stehen wir da. Das wird die neumodische Landstraßen sein. Aber derlogen ist’s, daß sie da hineinfahren!“

Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loche. Weiter hin gegen Spital in der Abendsonne stand an der eisernen Straße ein gemauertes Häuschen; davor ragte eine hohe Stange, auf dieser baumelten zwei blutrote Kugeln. Plötzlich rauschte es an der Stange und eine der Kugeln ging wie von Geister hand gezogen in die Höhe. Wir erschraken baß. Daß es hier mit rechten Dingen nicht zuginge, war leicht zu merken. Doch standen wir wie festgewurzelt.

„Pate Jochem,“ sagte ich leise, „hört ihr nicht so ein Brummen in der Erden?“

„Ja freilich, Bub’“, entgegnete er, „es donnert was! es ist ein Erdbidn“ (Erdbeben). Da tat er schon ein kläglich Stöhnen. Auf der eisernen Straße heran kam ein kohlschwarzes Wesen. Es schien anfangs stillzustehen, wurde aber immer größer und nahte mit mächtigem Schnauben und Pfustern und stieß aus dem Rachen gewaltigen Dampf aus. Und hintenher —

„Kreuz Gottes!“ rief mein Pate, „da hängen ja ganze Häuser d’ran!“ Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht hatten, an das Lokomotiv wären ein paar Steirerwäglein gespannt, auf denen die Reisenden sitzen konnten, so sahen wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern heranrollen, und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe heraus, und schrecklich schnell ging’s, und ein solches Brausen war, daß einem der Verstand still stand. Das bringt kein Herrgott mehr zum stehen! fiel’s mir noch ein. Da hub der Pate die beiden Hände empor und rief mit verzweifelter Stimme: „Jessas, Jessas, jetzt fahren sie richtig in’s Loch!“

Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern in der Tiefe; die Rückseite des letzten Wagens schrumpfte zusammen, nur ein Lichtlein davon sah man noch eine Weile, dann war alles verschwunden, bloß der Boden dröhnte, und aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.

Mein Pate wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Angesicht und starrte in den Tunnel.

Dann sah er mich an und fragte: „Hast du’s auch gesehen, Bub’?“

„Ich hab’s auch gesehen“.

„Nachher kann’s keine Blenderei gewesen sein“, murmelte der Jochem.

Wir gingen auf der Fahrstraße den Berg hinan; wir sahen aus mehreren Schachten Rauch hervorsteigen. Tief unter unsern Füßen im Berge ging der Dampfwagen.

„Die sind hin wie des Juden Seel’!“ sagte mein Pate und meinte die Eisenbahn-Reisenden. „Die übermütigen Leut’ sind selber ins Grab gesprungen!“

Beim Gasthause auf dem Semmering war es völlig still; die großen Stallungen waren leer, die Tische in den Gastzimmern, die Pferdetröge an der Straße waren unbesetzt. Der Wirt, sonst der stolze Beherrscher dieser Straße, lud uns höflich zu einer Jause ein.

„Mir ist aller Appetit vergangen“, antwortete mein Pate, „gescheite Leut’ essen nicht viel, und ich bin heut’ um ein Stückel gescheiter worden“. Bei dem Monu mente Karls VI., das wie ein kunstreiches Diadem den Bergpaß schmückt, standen wir still und sahen ins Österreicherland hinaus, das mit seinen Felsen und Schluchten und seiner unabsehbaren Ebene vor uns ausgebreitet lag. Und als wir dann abwärts stiegen, da sahen wir drüben in den wilden Schroffwänden unsern Eisenbahnzug gehen — klein wie eine Raupe — und über hohe Brücken, fürchterliche Abgründe setzen, an schwindelnden Hängen gleiten, bei einem Loch hinein, beim andern hinaus — ganz verwunderlich.

„’s ist auf der Welt ungleich, was heutzutag’ die Leut’ treiben“, murmelte mein Pate.

„Sie tun mit der Weltkugel kegelscheiben!“ sagte ein eben vorübergehender Handwerksbursche.

Als wir nach Mariaschutz kamen, war es schon dunkel.

Wir gingen in die Kirche, wo das rote Lämpchen brannte, und beteten.

Dann genossen wir beim Wirt ein kleines Nachtmahl und gingen an den Kammern der Stallmägde vorüber auf den Heuboden, um zu schlafen.

Wir lagen schon eine Weile. Ich konnte unter der Last der Eindrücke und unter der Stimmung des Fremdseins kein Auge schließen, vermutete jedoch, daß der Pate bereits süß schlummere; da tat dieser plötzlich den Mund auf und sagte:

„Schlafst schon, Bub’?“

„Nein“, antwortete ich.

„Du“, sagte er, „mich reitet der Teufel!“

Ich erschrak. So was an einem Wallfahrtsort, das war unerhört.

„Ich muß vor dem Schlafengehen keinen Weihbrunn’ genommen haben“, flüsterte er, „’s gibt mir keine Ruh’, ’s ist arg, Bub’“.

„Was denn, Pate?“ fragte ich mit warmer Teilnahme.

„Na, morgen, wenn ich kommuniziere, leicht wird’s besser“, beruhigte er sich selbst.

„Tut euch was weh’, Pate?“

„’s ist eine Dummheit. Was meinst, Bübel, weil wir schon so nah’ dabei sind, probieren wir’s?“

Da ich ihn nicht verstand, so gab ich keine Antwort.

„Was kann uns geschehen?“ fuhr der Pate fort, „wenn’s die andern tun, warum nicht wir auch? Ich lass’ mir’s kosten“.

Er schwätzt im Traum, dachte ich bei mir selber und horchte mit Fleiß.

„Da werden sie einmal schauen“, fuhr er fort, „wenn wir heimkommen und sagen, daß wir auf dem Dampfwagen gefahren sind!“

Ich war gleich dabei.

„Aber eine Sündhaftigkeit ist’s!“ murmelte er, „na leicht wird’s morgen besser, und jetzt tun wir in Gottes Namen schlafen“.

Am andern Tage gingen wir beichten und kommunizieren und rutschten auf den Knieen um den Altar herum. Aber als wir heimwärts lenkten, da meinte der Pate nur, er wolle sich dieweilen gar nichts vornehmen, er wolle nur den Semmering-Bahnhof sehen, und wir lenkten unsern Weg dahin.

Beim Semmering-Bahnhof sahen wir das Loch auf der andern Seite. War auch kohlfinster. — Ein Zug von Wien war angezeigt. Mein Pate unterhandelte mit dem Bahnbeamten, er wolle zwei Sechser geben, und gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, wollten wir wieder absteigen.

„Gleich hinter dem Berg, wo das Loch aufhört, hält der Zug nicht“, sagte der Bahnbeamte lachend.

„Aber wenn wir absteigen wollen!“ meinte der Jochem.

„Ihr müßt bis Spital fahren. Ist für zwei Personen zweiunddreißig Kreuzer Münz.“

Mein Pate meinte, er lasse sich was kosten, aber so viel wie die hohen Herren könne er armer Schlucker nicht geben; zudem sei an uns beiden ja kein Gewicht da. — Es half nichts; der Beamte ließ nicht handeln. Der Pate zahlte; ich mußte zwei „gute“ Kreuzer beisteuern. Mittlerweile kroch aus dem nächsten, unteren Tunnel der Zug hervor, schnaufte heran, und ich glaubte schon, das gewaltige Ding wolle nicht anhalten. Es zischte und spie und ächzte — da stand es still.

Wie ein Huhn, dem man das Hirn aus dem Kopfe geschnitten, so stand der Pate da, und so stand ich da. Wir wären nicht zum Einsteigen gekommen; da schupste der Schaffner den Paten in einen Waggon und mich nach. In demselben Augenblicke wurde der Zug abgeläutet, und ich hörte noch, wie der ins Coupé stolpernde Jochem murmelte: „Das ist meine Totenglocke“. Jetzt sahen wir’s aber: im Waggon waren Bänke, schier wie in einer Kirche; und als wir zum Fenster hinausschauten — „Jessas und Maron!“ schrie mein Pate, „da draußen fliegt ja eine Mauer vorbei!“ — Jetzt wurde es finster, und wir sahen, daß an der Wand unseres knarrenden Stübchens eine Öllampe brannte. Draußen in der Nacht rauschte und toste es, als wären wir von gewaltigen Wasserfällen umgeben, und ein ums andere Mal hallten schauerliche Pfiffe. Wir reisten unter der Erde.

Der Pate hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet und hauchte: „In Gottes Namen. Jetzt geb’ ich mich in alles drein. Warum bin ich der dreidoppelte Narr gewesen.“

Zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen sein, da lichtete es sich wieder, draußen flog die Mauer, flogen die Telegraphenstangen und die Bäume, und wir fuhren im grünen Tale.

Mein Pate stieß mich an der Seite: „Du, Bub’! Das ist gar aus der Weis’ gewesen, aber jetzt — jetzt hebt’s mir an zu gefallen. Richtig wahr, der Dampfwagen ist was Schönes! Jegerl und jerum, da ist ja schon das Spitalerdorf! Und wir sind erst eine Viertelstunde gefahren! Du, da haben wir unser Geld noch nicht abgesessen. Ich denk’, Bub’, wir bleiben noch sitzen.“

Mir war’s recht. Ich betrachtete das Zeug von innen und ich blickte in die fliegende Gegend hinaus, konnte aber nicht klug werden. Und mein Pate rief: „Na, Bub’, die Leut’ sind gescheit! Und daheim werden sie Augen machen! Hätt’ ich das Geld dazu, ich ließe mich, wie ich jetzt sitz’, auf unsern Berg hinauffahren!“

„Mürzzuschlag!“ rief der Schaffner. Der Wagen stand; wir schwindelten zur Tür hinaus!

Der Türsteher nahm uns die Papierschnitzel ab, die wir beim Einsteigen bekommen hatten, und vertrat uns den Ausgang. „He, Vetter!“ rief er, „diese Karten galten nur bis Spital. Da heißt’s nachzahlen, und zwar das Doppelte für zwei Personen; macht einen Gulden sechs Kreuzer!“

Ich starrte meinen Paten an, mein Pate mich. „Bub’“, sagte dieser endlich mit sehr umflorter Stimme, „hast du ein Geld bei dir?“

„Ich hab’ kein Geld bei mir“, schluchzte ich.

„Ich hab’ auch keins mehr“, murmelte der Jochem.

Wir wurden in eine Kanzlei geschoben, dort mußten wir unsere Taschen umkehren. Ein blaues Sacktuch, das für uns beide war und das die Herren nicht anrührten, ein hart Rindlein Brot, eine rußige Tabakspfeife, ein Taschenfeitel, etwas Schwamm und Feuerstein, der Beichtzettel von Mariaschutz und der lederne Geldbeutel endlich, in dem sich nichts befand als ein geweihtes Messing-Amuletchen, das der Pate stets mit sich trug im festen Glauben, daß sein Geld nicht ganz ausgehe, so lange er das geweihte Ding im Sacke habe. Es hatte sich auch bewährt bis auf diesen Tag — und jetzt war’s auf einmal aus mit seiner Kraft. — Wir durften unsere Habseligkeiten zwar wieder einstecken, wurden aber stundenlang auf dem Bahnhofe zurückbehalten und mußten mehrere Verhöre bestehen.

Endlich, als schon der Tag zur Neige ging, zur Zeit, da nach so rascher Fahrt wir leicht schon hätten zu Hause sein können, wurden wir entlassen, um nun den Weg über Berg und Tal in stockfinsterer Nacht zurückzulegen.

Als wir durch den Ausgang des Bahnhofes schlichen, murmelte mein Pate: „Beim Dampfwagen da — ’s ist doch der Teufel dabei!“

Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

Peter Rosegger:
Wie wir die Gürtelsprenge
haben gehalten.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem 1. Bande von Peter Roseggers Buch „Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit“ (Leipzig: Verlag von L. Staackmann, 18. Aufl. 1902). Wie wir die Gürtelsprenge
haben gehalten.

Wenn man in jener Gegend den Bauern nach der Anzahl der Bewohner seines Hauses fragt, so mag wohl folgende Antwort geschehen: „Bewohner? Ja, die muß ich mir selber erst zusammendenken. Da bin ich; — tut nur fleißig nachzählen — ich und mein Weib und unsere fünf Kinder und der Knecht und acht Rindvieher und die Magd.“

Und er meint es nicht anders. Schützt sie doch allzusammen ein Dach, lebt doch eines für alle, wie alle für eines leben, und sie ernähren sich gegenseitig und erheitern sich das Leben, und die Kinder und die Kälber laufen lustig durcheinander herum. — Für die Rinder hat der liebe Gott die Almen und die Heustadeln erschaffen. Und wenn die Stadeln sich gefüllt haben und die Zeit der Heue vorüber ist, so wird im Hause des Hirtenbauers ein Fest begangen. Der Bauer gibt den Seinen ein Mahl. Und da wird nicht geschont, ist doch der Heustadel voll.

Und besonders Hansjörgl, der Knecht, dem in letzterer Zeit der Bauchriemen ohnehin schon zu lang geworden ist, läßt sich das Fest angelegen sein, und so eine Bäuerin wie die unsere, sagt er, gibt’s nimmermehr — und der Riemen wird kürzer und kürzer, und die Enden seines Ringes wollen nicht mehr reichen, und mit Gewalt zusammengeschnallt, springen sie wieder mit Gewalt auseinander.

Das Fest der Gürtelsprenge.

Mir ist aus jener Zeit, in der ich solche Feste noch mitmachte, ein Geschichtchen in Erinnerung.

Ich war noch im Hefelrainhof beim Vieh. Die Heue war vorüber, und unser Knecht hatte zwei Tage lang fast nichts gegessen, um sich auf den nahenden Genuß gebührend vorzubereiten. Es waren Stunden aufgeregter Erwartung, bis am dritten Tage zum späten Mittag der Bauer das weiße Tuch, mit dem roten Streifen in der Mitte, über den Tisch zog. Dann legte er die glänzend gefegten Messer und Gabeln und Löffel auf ihre Plätze. Dann begann er in gehobener Stimmung — er hatte heute auch reine Wäsche an — Weißbrot aufzuschneiden. Ich stand neben dem Tisch und sah, wie der Haufen der Brotspalten immer mehr anwuchs und anwuchs. Hansjörgl, der Knecht, beobachtete diesen Vorgang nicht ohne Mißtrauen; — wozu das viele Brot hier? Soll das etwa bestimmt sein, die Haupträumlichkeiten zu füllen, auf daß feinere Bissen nicht sollen untergebracht werden können? — Endlich kam der dampfende Milchtopf, und der Tisch ächzte, und die Massen der Brotspalten wurden hineinversenkt, so wie sich bei Erdrevolutionen Berge versenken in die Tiefen des Meeres. Wir beteten, dann setzten wir uns alle zu Tische.

Der Knecht begann zu essen, still und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Als die Milch und das darauffolgende Speckkraut abgetan war und die Lasten der Roggenknödeln erschienen, fühlte ich die früher so mächtigen Sympathieen für die Gegenstände nach und nach schwinden — ich war gesättigt. Ich sah nur sinnend zu, wie die bedeutsamen Reihen der Gerichte vorüberzogen, die Butterschnitten und die Rahmstrudeln und die Fleischnudeln, und das Schottenkoch und die Milchkrapfen und das Schmalzmus. Sie aßen und redeten dabei von Dingen, die sich früher bei dem Feste der Gürtelsprenge zugetragen hatten und in der Zukunft noch zutragen können. Der Knecht redete nicht, er saß und aß still und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Es kamen noch fernere Gerichte und fernere Gespräche, und der Knecht aß still und langsam fort. Als sie bei den Butterkrapfen waren, hörte man ein leichtes Schnalzen — es war sein Gürtel auseinander gesprungen. Der Knecht ließ ihn auseinandergesprungen sein, blieb in seiner Ruhe und aß.

Endlich aber blieb die geleerte Schüssel auf dem Tische stehen, und es kam nichts mehr. Der Knecht blickte befremdet auf; — wo spannt sich’s denn? ja, geht’s denn nicht allweg so fort? — Er war schwermütig, er dachte an das Los alles Zeitlichen, er erhob sich, er ging in das Freie, er stand eine Weile still und sah hinaus in die Berge und Täler, er stieg empor zum Heuboden, er legte sich in sein Bett.

Es nahte schon der Abend.

Über den Almen zogen Nebel, wie sie sich zur Herbstzeit gern über das Gebirge niedersenken. Ich ging hinaus auf die Halde und rief so lange: „Hoi ho, hoi ho!“ bis die Kuh mit der Glockenschelle auf mich zukam und ihr die Heerde nachfolgte. Dann führte ich sie zum Hause und in den Stall.

Als dieses geschehen, und als gemolken war, gingen wir zur Abendsuppe; ich hatte wieder recht Appetit, und der Bauer sagte, so eine saure Suppe könne er zu jeder Zeit essen, und sie sei ihm lieber wie die besten Butterkrapfen. Aber der Knecht erschien nicht zur Suppe.

Endlich gingen wir alle zur Ruhe. Ich hatte mein Lager im Stalle, um die Rinder zu bewachen, daß sich keines etwa von seiner Kette losmache und die anderen beschädige. Mir war recht behaglich unter der Decke. Die Glockenkuh schellte noch eine Weile, weil sie sich an den Lenden leckte, und der Stier rasselte noch dann und wann an der Kette und gaukelte mit den Hörnern. Nach und nach ließen sie sich alle nieder auf die frische Fichtenstreu und begannen das Wiederkäuen. Einige Zeit hörte ich noch das gleichmäßige Gescharre der Zähne, dann sanken mir nach und nach die Augen zu. — Noch war mir, als säße auch der Knecht auf der Fichtenstreu, und rassele mit der Kette und gaukele wie der Stier, und kaue, wie alle anderen, und kaue ohne Ende.

Plötzlich weckte mich ein Poltern außen an der Stalltür. „Halterbub’, schreck’ dich nicht und steh’ auf!“ hörte ich rufen; es war des Bauern Stimme, und das Poltern an der Tür wurde heftiger.

Ich kollerte von dem Bette auf die Streu hinaus, stieß in der Verwirrung an die Glockenkuh, daß sie mit einem ohrenzerreißenden Geschelle aufsprang, und ich taumelte der Türe zu.

„Schreck’ dich nicht, Bub’, und mach’ dir nichts draus“, rief der Hefelrainhofer wieder, „schlupf’ geschwind in deine Hose hinein, du mußt eilig hinablaufen nach Kathrein um den Herrn Pfarrer, ’s will uns der Hansjörgl sterben!“

„Der Hansjörgl will sterben!“ sagte ich zitternd und nestelte die Türkette auf, „ja warum denn und wegen was denn?“

„Der lieb’ Herrgott wird’s wissen! Da kugelt er oben in seinem Bett und schiebt die Augen über und ächzt — und — nein, meiner Tag hab’ ich so was nicht erlebt. Geh’, Bübl, geh’, wenn du den Pfarrer bei Zeiten bringst, so kriegst einen Sechser. Und das letzt’ Öl soll er dennoch wohl auch mitbringen — und begraben laß ich den Hansjörgl mit dem großen Kondukt. Ach, mein guter, rechtschaffener Knecht!“

Ich weiß nicht, wie ich’s gemacht hatte; ehe noch der Bauer aufgehört zu sprechen, war ich angezogen, und in den nächsten Augenblicken schon eilte ich den Berghang hinab. Zerrissene Wolken hingen am Himmel, matt schien der Halbmond, in den Ästen der Tannen fächelte zeitweilig der Wind. Meine Schuhe machten ein Getöse in den Steinen des Hanges, mir voran und zur Seite kollerten diese hinab, und ich kollerte schier auch selbst mit ihnen. Und ich ging durch Täler hinaus, oft hingen Bäume derart über mir zusammen, daß ich keinen Boden, keine Wurzel, keinen Stein mehr sah, daß ich im Schwarzen dahinwandelte, stolperte, in Pfützen sprang, an Bäume prallte — in Todesangst war. Neben mir hin rauschte der Waldbach. Oft hörte ich Gekrächze über mir, Schritte hinter mir, und ich meinte, der Knecht sei bereits gestorben und sein irrender Geist folge mir. Ich hatte Angst um meine arme Seele, ich betete im Herzen, ich versicherte den lieben Gott und alle Heiligen, daß ich all’ mein Lebtag keine Sünde mehr begehen wolle, wenn ich diesmal in Gnaden bewahrt bliebe. Und bis auf einige blaue Ballen an Gesicht und Händen blieb ich in Gnaden bewahrt. Nach Stunden kam ich nach Kathrein, und da ging die Morgenröte auf.

Ich eilte zum Pfarrhof und riß mit beiden Händen an dem Drahte der Türglocke so heftig, daß ich von innen einen Jammerschrei hörte. Dann wurde ein Fenster aufgerissen, und die alte Haushälterin in schneeweißem Nachtgewande rief alle Namen der Himmel um Antwort an, wer denn Sturm läute in solcher Stunde. Da öffnete ich denn mein bedrängtes Herz: „Der Hansjörgl will sterben — das letzte Öl soll er auch mitnehmen, und begraben läßt er ihn mit dem großen Kondukt!“

Ich wurde verstanden. Schwer mag’s dem greisen Mann gewesen sein, nun aus den weichen Federn fort, in die frostige Herbstluft hinaus, und nüchtern in das Gebirge. Aber er ging. Lautlos kleidete er sich an, eilte zur Kirche, läutete selbst das Versehglöcklein, holte das Heiligste und ging mit mir. Ich ging voran, trug in der einen Hand die brennende Laterne, in der andern das Metallglöcklein, mit dem ich schellte, auf daß die Menschen in den Häusern und Hütten, an denen wir vorüberzogen, auf die priesterliche Handlung aufmerksam gemacht würden.

Wir gingen denselben Weg, den ich hergegangen war. Das Wasser rauschte; ich schellte den Fischen, daß nun ihr Schöpfer vorüberziehe, und daß sie an betend ihre Köpfe emporrecken sollten aus den Wellen. Keine einzige Forelle hat mein Glöcklein gehört.

Als es nach und nach licht geworden war, begann der Pfarrer hinter mir plötzlich zu lachen. „Ja, was hast du denn gemacht, Kleiner, du hast ja dein Höslein verkehrt an!“

Da gab’s mir einen Stich im Herzen; vor meinen Augen tanzten Sterne. — Was hat er gesagt, mein Höslein verkehrt? — Es war wohl so! — Das Hintere war vorn, das Vordere war hinten, und kein einzig Knöpflein war zu.

„Ist ja kein Unglück“, sagte der Pfarrer, „hast es halt ein wenig schnell gemacht. Setz’ die Laterne da auf den Stein, und mach’ Ordnung, ich wart’ auf dich.“

Ich ging hinauf in das Dickicht und zog aus und zog an, und eilte, daß doch der Knecht dieweilen nicht sterbe, und endlich, als alles recht saß, barg ich mein Gesicht in den Ellbogen.

Um mich aus der Verlegenheit zu befreien, begann der Greis ein Gespräch und erkundigte sich um die näheren Zustände des Knechtes. Er beschleunigte seine Schritte und sagte mir, daß es für einen Priester sehr peinlich sei, auf seinem Versehgange zum Kranken nur mehr einen Toten zu treffen und unverrichteter Sache wieder zurückkehren zu müssen. „Einmal hab’ ich das erfahren, mein lieber Kleiner. Es war vor mehreren Jahren. Ich wurde hinein in die Kiengräben zu einem Holzhauer gerufen, den als Wilderer die Kugel eines Jägers getroffen hatte. Sein einzig Sehnen war nach einem Priester; stundenlang rang er mit dem Tode und in Verzweiflung rief er: Ich muß warten auf meinen Gott und Richter. — Aber der Weg bis in die Kiengräben ist weit, und ich fand den Mann erstarrt, und auf seinen Zügen und in seinem gebrochenen Auge lag noch die Todespein. — Im Chorrock, und auf den Händen das Sakrament, so mußte ich wieder umkehren; und auf demselben Gang hab’ ich keine einzige Vogelstimme gehört im Walde, und mir ist so schwer und weh gewesen, als hätten mich alle unerlösten Seelen der Erde verfolgt. Kleiner, was das heißt, ein Priester sein — es ist nicht zu sagen!“

Der Pfarrer schwieg, trocknete seine Stirn, und wir schritten weiter und weiter.

Wir stiegen den Berghang hinan gegen unser Haus. Die Nebel hatten sich aufgelöst, und die Sonne stand schon ziemlich hoch am tiefblauen Himmel. Die Almglocken klangen auf den Höhen, und zeitweilig hörte man, in hohen Lüften getragen, das helle Jauchzen eines freudigen Menschen. — Ei wohl, unser Knecht hatte auch schön gesungen und hell gejauchzt, und an diesem lieblichen Morgen soll er gar auf dem Totenbette sein!

Das Haus stand still und traurig auf der Anhöhe. Wohl glänzte die Sonne in den Fenstern, aber diese sahen uns entgegen, wie verglaste, verweinte Augen.

Ich zitterte vor Angst; ich hielt die Laterne hoch und das Glöcklein ließ ich klingen. Niemand kam uns entgegen, niemand kniete vor dem Hause, um sich den Segen des nahenden Heilandes zu erbitten. Die Türen waren offen, wir gingen in das Haus und durch die Vorlauben in die Stube. Es war niemand da, nur die Uhr an der Wand tickte und tickte.

Der Kranke ist noch auf dem Heuboden, dachte ich, und sie sind alle bei ihm. Der Pfarrer stellte das Sakrament auf den Tisch und sank erschöpft auf die Bank daneben. Ich eilte auf den Heuboden und rief laut, daß wir da seien. Der Heuboden war still und dunkel, nur das frischduftende Heu war da. Und das Bett des Knechtes war leer! — Da erfaßte mich ein Grauen, und ich lief zurück in die Stube: „Kein Mensch ist da, kein Mensch im ganzen Hause; sie haben ihn gar schon fortgetragen!“

Da erhob sich der Priester, sein Antlitz rötete sich und er sah mich an mit strengem Blicke. Ich brach in ein Weinen aus. Wir ließen die Heiligtümer auf dem Tische stehen und gingen vor das Haus, und ich rief, was ich rufen konnte, nach den Leuten.

Endlich hörte ich von dem Schachen herüber halb verhallte Schläge. Ich lief gegen den Wald und schrie, und mein Schreien wurde aus Angst und Furcht schier zum Kreischen.

„Sakra, was ist denn das für ein abscheulicher Lärm da unten? Was hat’s denn?“ hörte ich plötzlich eine Stimme von dem Wipfel einer hohen Fichte her.

Ich schau’ hinauf, hör’ ihn, seh’ ihn — es ist der Hansjörgl.

Und er hackt die Äste herab, einen um den andern, und singt und jauchzt. Da lauf’ ich wohl wieder zurück zum Hause, zum Pfarrer, auf daß ich niederfalle vor ihm auf die Kniee und ihn tausendmal um Verzeihung bitte, daß der Knecht wieder kernblitzgesund ist und von den Bäumen die Äste herabhackt zur Streu für die Rinder.

Aber wie ich zurückkomme, steht schon der Bauer vor dem Pfarrer und bringt Entschuldigungen vor. Der Knecht habe gestern ein klein wenig mehr von Speisen zu sich genommen, weil die Gürtelspreng’ gewesen sei, und d’rauf habe er in der Nacht so einen heftigen Kolikanfall bekommen, daß schon alle gemeint, es sei sein letztes End’. Deswegen habe er gleich um den Priester geschickt, aber die Krankheit habe bald darauf nachgelassen, und der Hansjörgl habe in der Früh wieder rechtschaffen viel Kässuppe gegessen. Man habe hernach wohl einen zweiten Boten geschickt, daß der Herr Pfarrer nur daheim bleiben möge, aber dieser Bote sei wahrscheinlich einen andern Weg gegangen, und so sei es geschehen, wie es geschehen war.

In der Stube aber brannte das geweihte Wachslicht und stand das geistliche Brot. Sollte nun der Pfarrer wirklich mit dem Hochwürdigsten unverrichteter Sache zurückkehren müssen, was er so gefürchtet? Oder will er auf der Alm die Messe lesen und selbst das Himmelsbrot verzehren? Oder will jemand sterbenskrank werden, auf daß er die bereitete Wegzehrung genießen dürfte?

Ich sann auf Wege, sann auf Stege. Und endlich hatte ich was ersonnen. Ich war noch nüchtern. Aus Liebe zum alten Herrn, der mich in der Seele erbarmte, bekannte ich ihm auf der Ofenbank meine Sünden, und so konnte ich nun der Kommunion teilhaftig werden.

Und als die Handlung vorüber war, legte der Pfarrer den Chorrock ab und atmete auf. Die Bäuerin, die nun auch von der Weide gekommen, gab mir meine Morgensuppe und wollte dem Herrn Pfarrer mit Butter und einer Eierspeise aufwarten; er konnte aber nichts genießen, weil er an demselben Tage noch die Messe zu lesen hatte. So mußte der gute Mann fasten, weil unser Knecht Tags zuvor so ungebührlich gegessen hatte, und so mußte ich eine Beichte ablegen, weil unser Knecht Tags zuvor gegen die Mäßigkeit gesündigt hatte, und so endete in demselben Jahre das Fest der Gürtelsprenge.

Dafür hatte ich heute Feiertag und durfte den Pfarrer wieder nach Kathrein begleiten. Als wir über den Hang hinabstiegen, hörten wir Hansjörgl, den Knecht, von den Waldwipfeln herüber jauchzen. Der Pfarrer stand still und sagte zu mir: „Was meinst, Kleiner, hört sich das nicht besser, wie Totenglocken?“

Signet der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

Wilhelm Raabe:
Der Marsch
nach Hause.

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem 2. Bande von Wilhelm Raabes „Gesammelten Erzählungen“ (Berlin: Verlag von Otto Janke, 1901). Der Marsch nach Hause.

1.

Am siebenten August des Jahres Sechzehnhundertvierundsiebenzig als am Geburtstagsfeste des Schutzheiligen des Ortes und der Gegend, des heiligen Gebhard, herrschte ein reges Leben in der alten Stadt Bregenz am Bodensee und rings um dieselbe. Seit langen Jahren hatte das Volk diesen Tag nicht mit solchem Eifer und so fröhlichen Herzens gefeiert wie heute.

Schon am frühen Morgen hatte kaiserliches Geschütz von der Klause über der Unnot und bürgerliches Böllergeknall von den Mauern der Stadt und den umliegenden Höhen dem Heiligen die gebührende Ehre gegeben, und Glocken und Glöcklein aus Kirchen und Klöstern waren schier den ganzen Tag über nicht still geworden. Und es war ein schöner, ein heiterer Tag, der ebenfalls dem Heiligen alle Ehre gab. Leise spielten die Wellen des großen Sees an die Ufer, und die fernsten Berggiebel und Hörner des graubündner Landes südlich über dem Rheintal, die Roja, die Schwestern von Frastanz, die Scesa plana, der Kalanda und die Grauhörner blitzten mit ihren Schneefeldern im heitern Licht herüber, während die näherzu aufgetürmten Riesen von St. Gallen und Appenzell, der Gonzen, der Alwier, der Kamor, der Hohen Kasten und der alte Säntis mit allen Zacken und Rissen, ein mächtiger Bergkamm, in wundervoller Klarheit sich vom blauen Himmel abhoben. Wer die Hand über die Augen hielt, um dieselben gegen das Glänzen und Leuchten des Wassers zu schirmen, der mochte selbst im fernen Hegäu die dunklen Kegel des Hohentwiel und Hohenkrähen deutlich erkennen.

An der Kapelle am See, wo die Gebeine der im Jahre 1407 gegen die Appenzeller Hirten Gefallenen ruhen, und wo der Graf Wilhelm von Monfort mit allen Rittern des St. Jürgenschildes nach dem gewonnenen Siege kniete, und der Ruf Ehrguta! Ehrguta! zum ersten Mal hell hinausgerufen wurde, um durch Jahrhunderte in den Gassen der alten Römerstadt Bregenz nicht zu verhallen, waren die Schiffe und Kähne der Gäste aus dem Allgäu und dem Thurgäu mit Seilen und Ketten angelegt. Viel Volk war aus dem Walde gekommen, und die Benediktiner von Mehrerau und die Pfaffheit in der Stadt mochten den Tag wohl loben; denn wie bei allen solchen, vom Wetter und dem Lebensmut der Menschen begünstigten, feierlichen Gelegenheiten fiel mancherlei für sie ab, was sie gar wohl gebrauchen konnten und mit Dank und gutem Gegenwillen gern hinnahmen.

Wenn nun schon am Seeufer, wie gesagt, ein munteres Leben herrschte, so nahm dieses mehr und mehr zu auf allen Wegen, die zu dem grauen Mauerviereck der Römerstadt emporführten, wurde aber am buntesten auf den waldigen Pfaden, auf welchen man rechts von der Stadt die Höhe des Pfannenbergs erreicht; denn dort hinauf oder hinab mußte ja das Volk, welches den heiligen Gebhard zu seinem Geburtstage grüßen wollte, oder ihn bereits gegrüßt hatte. Wir gehen mit den Emporsteigenden, um nachher mit einem einzelnen Gaste des guten Bischofs wieder herabsteigen zu können.

Der Heilige würde sich sicherlich nicht wenig gewundert haben, wenn er heute die Stätte gesehen hätte, wo einstmals seine Wiege stand. Die Natur hatte wohl Zeit gehabt, ihre verschönernde Hand an das schlimme Denkmal der schwedischen Furie vom Jahre Sechzehnhundertsechsundvierzig zu legen; allein alles hatte sie doch längst nicht auszugleichen vermocht. Da blickten die gewaltigen, zerrissenen, von der Flamme geschwärzten Mauern und Türme von Hohen-Bregenz immer noch grimmig auf den jungen, freudigen Waldwuchs, der sich zwischen und an sie gedrängt hatte, herab. Und wie manches gefiederte Samenkörnlein Wurzeln geschlagen haben mochte in den Schießscharten und leeren Fensteröffnungen, die grause Göttin Bellona lachte doch nur höhnischer durch die schwankenden Kräuter und den kletternden Efeu. Das Gras und die Herbstastern, die Königskerzen und die Sternblumen hatten noch nicht den Sieg gewonnen über den Brandschutt des wilden Feldmarschalls Karl Gustav Wrangel. Hätte das Volk eine ebensolche Miene gemacht, wie die Geburtsstätte seines Heiligen auf der schönen, vorspringenden Kuppe des Pfannenberges, so wäre das Fest gewißlich nicht so heiter anzuschauen gewesen.

Aber die arme, gequälte Menschheit vergißt Gottlob leicht und schnell. Die frohe Menge, die innerhalb der niedergeworfenen Burgmauern lagerte, den Wald ringsum füllte und auf allen Pfaden zog, ärgerte sich heute gar wenig an dem, was vor mehr als siebenundzwanzig Jahren geschehen war, und das historische Faktum diente höchstens noch einigen älteren Leuten zu einer nicht unannehmlichen Unterhaltung.

Freilich war die schwedische Hand auf den armen Mann und kleinen Bürger am Schluß des Jahres sechsundvierzig verhältnißmäßig ziemlich leicht gefallen, denn der General Wrangel hatte an dem Adel und der Geistlichkeit so gute Beute gemacht, daß er das Geringere gern und willig an Ort und Stelle beließ. Die Geistlichkeit und der Adel hatten nämlich alle ihre Schätze und Habseligkeiten weit aus dem Lande umher in die feste Römerstadt geflüchtet, und als der falsche Kommandant der Klause am See seine Tore verräterischer Weise öffnete, da fand der Schwede alles recht ordentlich, hübsch und lieblich beieinander, und mochte sich wohl die Hände reiben. Wer heute Schweden bereist und nach Skogkloster kommt, der wird daselbst wohl noch allerlei gute Dinge finden, welche der Wrangel damals aus Brigantium mit sich nahm, und welche die Erben aus dem Allgäu und dem Vorarlberg nun doch wohl vergeblich zurückfordern möchten.

In der Mitte der Ruinen, auf der Stelle, wo seit dem Jahre 1723 die Kirche des einstigen Burgherrn von Hohen-Bregenz und spätern Heiligen steht, war heute am 7. August 1674 der Boden von Schutt und Trümmern gereinigt, und für den festlichen Tag ein mit Blumen geschmückter, mit Lichtern bedeckter Altar errichtet, an welchem die Benediktiner von Mehrerau der Feierlichkeit vorstanden. Hier befand sich der Mittelpunkt des Gewimmels, doch im weitern Umkreise war dasselbe auch nicht viel geringer. Da waren in den verwüsteten Räumen der Burg, im grünen Grase, unter den Bäumen Tische und Bänke aufgestellt und Fässer zusammengerollt und aufgelegt, da gab es mancherlei gute Sachen für den Mund und die Augen, und die Geburtstagsgäste saßen an den Tischen und lagerten im Grase und drängten sich um die Fässer und feilschten an den Tischen der Verkäufer von Rosenkränzen und Kreuzen und Heiligenbildern, und an einem der Tische saß einer der Helden dieser Historia einsam und allein vor der Flasche und dem Glase, und nickte mit dem Kopfe, und blinzelte in das Gewühl seliglich, im Rücken gedeckt von einem rauchgeschwärzten Mauerwinkel, überschattet von einem Ahornstrauch, unbekümmert um das Glöckleinklingeln der Geistlichen, die Töne der Musik im Walde, das Jauchzen und helle Lachen der Buben und Mädeln — einer der beiden Helden dieser Historia, der brave Korporal Sven Knudson Knäckabröd aus Jönköping am Wetternsee, welcher zuerst mit dem großen Feldmarschall Karl Gustav Wrangel hierher gekommen war.

2.

Der Korporal hatte das Kinn auf beide Fäuste gestützt, er blinzelte lächerlich-nachdenklich mit den schwimmenden Augen, und von Zeit zu Zeit schüttelte er den grauen Kopf und fuhr mit der Rückseite der Hand über die braunrote, ehrliche, wenn auch nicht ehrwürdige Nase; es kam ihm selber ganz verwunderlich vor, daß er hier saß, und zwar zum zweiten Mal, und zwar unter gänzlich veränderten Um- und Zuständen. Er hatte des guten Tirolers manchen ehrlichen Schoppen genossen, und es war eben kein Wunder, wenn er das bunte, bewegte Treiben vor und um sich in einem phantastischen Zauberlicht sah; aber sein seltsam Geschick hatte ihn wahrlich berufen, an dieser Stelle auch ohne den roten Tiroler mancherlei Gesichte zu erschauen. Er schüttelte den Kopf, wehmütig und doch lustig, wie er daran gedachte, auf welche Art er damals in der Burg des heiligen Bischofs Gebhard anlangte. Wahrlich nicht um sich wie heute breit und bequem im Schatten eines grünen Ahorns vor dem Becher niederzulassen! Damals war die Welt verschneit, und die Eiszapfen hingen an den Fichtennadeln und Tannenzweigen, an den kahlen Ästen der Eichen und Buchen und an den Bärten der zehntausend Kameraden, welche durch den Allgäu zum bregenzer Sturm heranmarschiert waren. Damals handhabte er, der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, seine Arkebuse wie die anderen, stand wie die anderen in Rauch, Dampf und Feuer und stieg bergan den Pfannenberg, über Leichen und Verwundete. Damals half er den Geschützmeistern die Kartaunen in die rechte Position bringen und war unter den ersten an der Zugbrücke, als das Tor von Hohen-Bregenz zersplitterte, die Mauer schwankte und vornüber brach und den Graben für den verlorenen Haufen weg-, sprung- und sturmgerecht machte. Er befand sich natürlich auch unter dem verlorenen Haufen und schlug mit umgekehrter Muskete wacker drein, als das kaiserliche Kriegsvolk immer noch den Eingang streitig machte; er erwarb sich großes Lob bei seinem Hauptmann, und als der Feldmarschall nachher auf den Berg kam, die gemachte Arbeit in der Nähe zu sehen, da war der Korporal Sven voran unter denen, welche am lautesten Viktoria schreien durften.

„Ooooh!“ stöhnte der Korporal am Nachmittag des vierten Augusts 1674, in allen Reizen der Erinnerung schwelgend, und legte sich schwer auf die linke Seite und schlug mit der rechten Faust gewaltig auf den Tisch. Um seine Gefühle deutlich zu machen, hatte er nichts weiter hinzuzusetzen; aber wir haben noch einiges über seine Vorgeschichte zu berichten, um unseren Gefühlen gegen ihn gerecht zu werden.

Den Fürberg hinauf und um den Fürberg herum, in den verschneiten Wäldern und Klüften dauerten die Scharmützel zwischen den Schweden und den Kaiserlichen auch nach der Einnahme von Stadt und Schloß Bregenz tagelang fort, und heute noch richtet auf dem Pfänder der Turist den Blick oder das Fernrohr auf eine der großartigsten Landschaftsrundsichten Europas aus den halbversunkenen Verschanzungen jener blutigen Wochen.

Ein beträchtlicher Haufen der Sieger drang plündernd, sengend und brennend tiefer in den Wald, scheuchte das Volk dörferweise vor sich her, oder jagte es vereinzelt in unwegsame Felsenschluchten oder versteckte Täler, wie solches seit dem Jahre 1618 bei allen kriegführenden Parteien auf des römischen Reiches heiligem Boden Brauch, Sitte und Gewohnheit geworden war. Auch unter dieser Heldenschar befand sich der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, und dieser Expedition hatte er es zu verdanken, daß er im August des Jahres 1674 sich noch immer in der Gegend befand und am Tage des heiligen Gebhard auf dessen von ihm, Sven, selber zerstörten Burg friedlich und gemütlich vor dem Becher saß. An diesen schwedischen Streifzug in den ersten Tagen Anno Domini 1647 knüpft sich nämlich einer jener gar nicht seltenen schönen Züge weiblichen Mutes, weiblicher Wut und weiblicher Tapferkeit, von denen uns die von den Männern geschriebenen Geschichtswerke in verlegener und etwas bänglicher Bewunderung Kunde geben.

Zwischen Lingenau und Hüttisau schlugen am 4. Januar 1647 die vorarlbergischen Ehefrauen und Schmelgen, das ist: die jungen Mädchen, die eingedrungenen Schweden bis auf den letzten Mann tot, und nur der letzte Mann entkam, das heißt, er — der Korporal Sven Knudson Knäckabröd — wurde schwer verwundet von der Wirtin zur Taube in Alberschwende, Frau Fortunata Madlenerin, gefangen genommen und unter sonderlichen Umständen von ihr gegen das blutdürstige Andringen der erbarmungsloseren Kampfgenossinnen mit Erfolg verteidigt.

Die Männer, welche sich von diesem Überfall am „roten Egg“ wahrscheinlich aus Bescheidenheit fern gehalten hatten, durften natürlich auch nicht in die dem Kampfe folgenden Verhandlungen dreinschwatzen; sie läuten jedoch heute noch je am 4. Januar Nachmittags zwei Uhr die Glocken zur Ehre und zum Gedächtnis der Heldentat ihrer besseren Hälften.

Um zwei Uhr nachmittags lagen im blutigen Schnee am roten Egg die schwedischen Grobiane, zerschmettert von Kugeln, Baumstämmen und Felsentrümmern, zerhackt von Beil-, Schwert- und Hellebardenhieben, still, und die Weiber vom Walde tanzten wutentbrannt um die Leichen. Die Frau Wirtin zur Taube aber, eine junge Wittib, die keine geringe Rolle in der Schlacht gespielt hatte, brachte eben ihr Beutestück, nämlich den Korporal Knäckabröd, in Sicherheit.

Das hatte seine Schwierigkeiten! Denn kurz nachdem sie entdeckt hatte, es sei noch einiges Leben in dem gleichfalls arg mitgenommenen armen Sven, war dieselbe Bemerkung von drei anderen Kriegs gesellinnen gemacht worden, und diese drei befanden sich noch nicht in der Stimmung, den alten, lieben Beruf der Frauen, die barmherzigen Schwestern und Krankenwärterinnen zu spielen, schon jetzt wieder aufzunehmen. Im Gegenteil! Mit den Waffen in den Händen hatten sie sich auf den unseligen, zappelnden Tropf gestürzt und wie die Frau Fortunata zugepackt, und es gab ein arges Gezerr an Arm und Bein, an den Fetzen des Wamses oder am Bandelier, und die Taubenwirtin hatte alle Mühe, die erbosten Hiebe und Stöße durch ihr Geschrei oder mit dem guten Schwerte, welches ihr seliger Gatte im Winkel hatte stehen lassen, abzuwehren. Es war ein großes Glück für den Korporal Sven, daß ihr Ansehen mächtig war unter den Wälderinnen, daß sie den Plan zum Überfall angegeben hatte, und daß ihr Haus und Zeichen in Alberschwende einen herrlichen Ruhm und Ruf besaß, weit hinaus nach allen vier Weltgegenden; denn dem allein verdankte er sein Leben nach der Niederlegung seiner Genossen an dem Fallenbache am roten Egg!

Als doppelte Siegerin führte ihn seine Retterin auf einem Karren in ihr Haus zu Alberschwende unter der Lorena, ließ ihn da zuerst hinter verriegelter Tür auf ein Strohlager neben ihrem Schanktisch, dann in ein besseres Bett legen und besorgte den ersten Verband seiner Wunden selber. Er aber er wachte erst nach längeren Wochen aus seiner Betäubung und wußte dann durchaus nicht anzugeben, was mit ihm vorgefallen sei, und wo er sich befinde.

Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd wußte eigentlich noch heute, d. h. im Jahre 1674, nicht, wo er sich eigentlich befinde, und das war gar nicht so sonderbar. Seit er Anno Dreißig mit dem großen Gustavus Adolfus, dem streitbaren Löwen aus Mitternacht, auf Usedom in der pommerschen Bucht landete, war er sechzehn Jahre lang durch solchen Wirrwarr hin- und hermarschiert, daß für einen Mann, der nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Geographie zu studieren, sich das Bild der Welt wohl verwirren mochte. Hatte doch selbst der Oberst Wrangel, unter dessen Kommando er damals seine Kriegszüge begann, und der während der Zeit längst Feldmarschall geworden war, Mühe, sich in dieser Beziehung die Landkarte klar zu halten.

„Donner und Nordlicht!“ sagte der Korporal am 7. August 1674, legte sich schwer auf den rechten Ellenbogen und schlug mit der linken Faust auf den Tisch. Ja wohl, ein Mann, dessen Leben dicht an der Grenze des ewigen Eises, dem Nordpol nahe, begonnen hatte, der den Krieg mit allen Nationen Europas, mit Deutschen, Franzosen und Hispaniern, mit Italienern, Dänen, Polen und Moskowitern sah, der dann sechsundzwanzig Jahre des tiefsten Friedens unter dem Hirtenvolk des Vorarlberges vollendet hatte, mochte wohl bei einiger Überlegung seines Daseins: Donner und Nordlicht! sagen.

Die Frau Fortunata hatte am Fallenbach wohl nicht gedacht, welch eine schwere Last sie sich für die nächsten Zeiten durch ihr gutes Herz auf den Hals lud. Sie bekam ihre große Not mit ihrem Schweden, dem noch drei Jahre lang nach dem Sturm auf Bregenz das ganze Land rings umher nach dem Leben stand. Es fand sich, daß sie ihn nur dadurch vor allen den verschiedenen Nachstellungen retten konnte, daß sie ihn zur Kindsmagd machte, dem wilden Arkebusierer ihr unmündig Töchterlein zur Wartung in die Arme gab und ihn im Haus an ihr Schürzenband geknüpft hielt, bis das erste Gras über die Blutzeit gewachsen war, bis die Alten den „schwedischen Mann“ ohne Mordsinn ansehen konnten, und die Jungen ihn als ein natürlich gegeben Ding nahmen.

Da saß der Korporal Sven Knäckabröd denn in den Bergen verzaubert neben der Wiege der kleinen Aloysia: er, der mit dem glorreichen und sieghaften König Gustavus Adolfus über das Meer gefahren war und in hundert grimmigen Schlachten in die Linie rückte gegen den Tilly, den Wallenstein, den Pappenheim und hundert andere gewaltige Kriegshauptleute! Da saß er und spann nicht nur Trübsal, sondern auch wirklichen Flachs und Werg, und wenn das Kind schrie, so rief die Frau Fortunata: „He, Schwen, sing ihm!“ und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd sang.

Potz Lappland und kein Ende — dabei ließ sich dann recht hübsch an allerhand anderes denken! Zum Beispiel an die graue, nebelige, flammende Ebene von Breitenfeld oder von Lützen, an den Kommandoruf vor der Front, an die rasselnden Reitergeschwader, die blauen und gelben Fußregimenter, wie sie gegen die kaiserlichen Batterieen am Floßgraben vorstürzten, zurückfluteten, wieder vorstürzten, unter den Hufen und Füßen die Toten und die Verwundeten in Harnisch und in Büffelwams zerstampften!

Wenn dann wieder der Kommandoruf der Wirtin zur Taube in solche Träumereien klang, gab es wohl ein sonderlich Auffahren, und ohne die kleine Aloysia hätte das Ding am letzten Ende doch noch einen traurigen Ausgang mit dem armen, verloren gegangenen schwedischen Mann genommen.

3.

Du lieber Himmel, eine Zeitlang, so um das Jahr 1665 herum, trug er, der Korporal, sich mit dem Gedanken, ob er sich nicht dadurch am leichtesten ranzionieren und zugleich seinem dankbaren Gemüte am angenehmsten Genüge leisten könne, wenn er die junge Wittib freie und selber Taubenwirt zu Alberschwende werde. Eine Weile lang hatte der gute Sven die größte Lust, auch einmal das Wagstück auszuführen und zu rufen: „Ho, Frau Fortunata, sing!“, aber zuletzt wagte er es doch nicht, abgesehen davon, daß er seinen lutherischen Glauben, oder vielmehr den Glauben hochseliger königlicher Majestät Gustavi Adolfi — denn er selbst machte sich nicht viel daraus — doch nicht gern in die Schanze schlagen wollte.

Es blieb also dabei: „He, Korperal, sing!“ und Sven Knudson Knäckabröd sang; aber wie melodisch, das wollen wir lieber doch nicht weiter aufrühren. Er war eine gute Kindsmagd, und als seine Dienstjahre in dieser Hinsicht als beendet angesehen werden konnten, da tat ihm das fast leid, und als braver Veteran behielt er für alle Zeiten eine tiefe Zuneigung zu dem frühern Dienstverhältnis. Als die kleine Aloysia zehn Jahre alt geworden war, hatte das Gebirgsvolk so ziemlich vergessen, auf welche Art und Weise der schwedische Mann in seine Mitte geraten war, und die Frau Fortunata konnte ihn allein laufen lassen.

Er lief aber immer noch nicht allein; auch die kleine Aloysia Madlener hielt fürderhin in Treuen an ihm, und die beiden schickten sich gar wohl in einander im Dorf, im Wald und auf den Matten bei jeglicher Lust und Arbeit.

Wer jene holdselige Gegend kennt, der weiß, daß im Süden des Dorfes Alberschwende der Pfad sich steil, anfangs durch Gehölz und dann über schöne Wiesen, zu einem Bergsattel emporzieht, die Lorena geheißen. Wer ihn heute geht, der findet unterwegs, ehe er zu dem herrlichen Gipfel gelangt, drei Sennhütten; um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts aber lag nur eine dort, und diese ein wenig höher, der Kuppe näher, am Rande eines Tannenwaldes, und die Hütte, der Wald und die Wiesen ringsumher gehörten dem Taubenwirtshaus drunten im Dorfe, und die Frau Fortunata hatte das Besitztum einst als ein trefflich Nestei dem jetzo seliglich abgeschiedenen Gatten mit in die Ehe gebracht.

In dieses Haus auf der Lorena versetzte die Taubenwirtin ihr Beutestück aus dem Schwedenkriege um das Jahr 1656, gab ihm Vieh und Weide zu bester Pflege und Wartung unter, wie sie ihm vordem ihr Töchterlein anvertraut hatte, und verwendete den Korporal wiederum also geziemlich und nützlich.

„Sie sagen, ihr treibt auch daheim sonderliche Zucht mit allerlei absonderlichen Kreaturen in Milcherei und Käserei, Schwen. Nun seid ihr lang genug bei uns, um zu wissen, was eine Kuh ist, und könnet wohl einen Ochsen von einem Kalbe unterscheiden. Einen Bub kriegt ihr mit auf den Berg: also jetzt zeiget euch als einen mit Verstand begabten Menschen, haltet mir gute Ordnung und zeigt den Nachbarn, daß ich mir keinen Narren in euch großgezogen habe,“ sprach die Frau Fortunata Madlener, und Sven Knudson Knäckabröd zeigte sich wahrlich als einer, der nicht nur mit Renntieren, Elentieren und der Luntenbüchse, sondern auch, wie mit dem Kinderwiegen, so mit der Milch, der Butter und dem Käse umzugehen wußte. Es hätte nun bald wenig gefehlt, daß er jetzt ebenso berühmt wurde, wie er vordem berüchtigt war.

Nun ließ es sich freilich auf der Lorena lustiger hausen, als in der niedrigen, dumpfigen, holzvertäfelten Stube drunten in der Taube; vorzüglich für einen, welcher von früher Jugend an die frische Luft gewöhnt war; und der Korporal Sven saß manch lieb langes Jahr dort oben, und ein undankbarer, hartherziger Gesell von Grund aus hätte er sein müssen, wenn er jetzt nicht sein Geschick allmählich gelobt hätte. Wir wollen zwar nicht behaupten, daß gerade er vor den anderen Sterblichen der damaligen Zeiten berufen war, jubilierenden Herzens in die Pracht und Schönheit der Natur zu blicken, allein er hatte doch auch seine Freude an dem, was er von seiner Tür aus überschaute. Da hatte er zu seiner Linken den mächtigen See bis in die fernste verschleierte Ferne; zu seiner Rechten aber, über dem Tal von Schwarzenberg, da hob es sich empor: Giebel an Giebel, Zacken an Zacken, Wand über Wand; und die Glocken seiner Kühe klingelten um ihn her, und Aloysia Madlener kam, erst ein jung, leichtfüßig Kind, dann eine hübsche Jungfer, und saß wieder bei ihm und suchte ihm jetzt die Zeit zu vertreiben, wie er früher sie ihr vertrieben hatte.

Tagelang saß sie oft bei ihm auf der Lorena, und bald kam die Zeit, wo der kriegerische Kuhhirt Besuche bekam, die ihm gar schön um den Bart gingen und doch nicht seinetwegen von allen Höhen herab und aus allen Tälern hinauf zu ihm stiegen. Eitel jung Volk besuchte ihn, die besten Buben weit umher, und einige gab es darunter, die kamen mit der Mette und gingen erst mit dem Abendgeläut, bis die Katz’ aus dem Sack war, und der Fidel Unold, der reiche Sägmüllerssohn, es allen anderen abgewonnen hatte. Da gingen denn dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd auch wieder einmal die Augen auf, und als er seiner Verblüffung gegen die Frau Fortunata Luft machte, da stemmte diese auch wieder einmal die Arme in die Hüften und sprach:

„Schwen, daß ich einen Esel am roten Egg aufgehoben habe, das wußte ich nach den ersten drei Tagen unserer Bekanntschaft. Na, Alterle, laßt’s gut sein, ich habe hier unten die Augen offen behalten, während ihr da oben nur das Maul aufsperrtet und vermeintet, das ganze junge Volksspiel gehe nur deshalb zu euch her, um eure Lügen und Heldentaten anzuhören. In acht Wochen ist Hochzeit, und ihr seid freundlich geladen.“

In acht Wochen war wirklich die Hochzeit der schönen Aloysia Madlener und des glücklichen Fidel Unold, und der Korporal Knäckabröd spielte, obgleich er ein Esel war, doch keine geringe Rolle an dem hohen Tage. Er tanzte sogar; — erst zu allgemeiner Bewunderung einen schwedischen Tanz, dann unter lautem Aufkreischen der Weiber und brüllendem Gelächter der Mannsleute einen Kroatentanz, und zuletzt zu seinem allereigensten Vergnügen einen zierlichen Ländler mit der Brautmutter, der Frau Fortunata Madlener; und nur verschiedene alte Weiber, die ihm einst am roten Egg mit aufgegeigt hatten, schüttelten jetzt noch den Kopf über ihn.

Nach den Hochzeiten pflegen die Taufen zu folgen, und so geschah es auch hier. Gar häufig holte man ihn auch zu solchen Feierlichkeiten von seiner Höhe herunter, und dann stiegen wiederum kleine Füße zu ihm hinauf, und — so gingen die Jahre vorüber und hin, und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, der in seinen jungen Jahren so vieles durch gemacht hatte mit Märschen, Stürmen, Schlachten, Hunger und Durst, und es gar nicht besser gewußt und gewollt, der saß nun im Fett und im Frieden und wußte und wollte nichts mehr von der Welt da draußen vor den Bergen.

4.

„Wenn sie mich zu Hause und in Ruhe gelassen hätten, wär’s besser und mir lieber gewesen,“ brummte der schwedische Mann an seinem Tische auf dem Gebhardsberge unruhig auf- und abrückend. „Das Weibsvolk, das Weibsvolk, — gibt es wohl Frieden? Nimmer! Kann es wohl einen in seinem Winkel sitzen lassen? Niemalen! Das muß immer herumwuseln und zerren und zupfen und einem den Bart streicheln und einem im Notfall mit Gift anschrillen, wie eine Million Heugaisen, bloß um seine eigene Million Grillen durchzusetzen. Da sitze ich nun, aber wo sind sie jetzt, meine Weibsen? Da geht es mir doch wie königlicher Majestät mit den lappländischen Regimentern Anno Dreißig. Die sollt’ man gegen den Feind führen?! Kaum hatt’ man sie zusamm’, so hupft’s auseinander mit Gequak und Gegecker wie ein Sack voll Frösch’, und der Hauptmann steht allein vor der Batterie und kann aus der Haut fahren. O potz Käs und Kuhglocken, als die Kleinen gestern Nachmittag heraufkrabbelten und einen Gruß brachten von Mutter und Großmutter und die Nachricht, heute gehe es nach Hohen-Bregenz zum heiligen Gebhard, da hab’ ich mir bei ihrer Lust gleich gedacht, daß das für mich ein sonderlich Vergnügen werden würde. Der Tiroler ist es nicht, die Erinnerung ist’s, was mich auf den Kopf stellt. Dem roten Egg bin ich seit einem Menschenalter nicht nahe gekommen, und nun muß ich der Alberschwendener Weiberstreifpartei hierher als Führer dienen! Ja, sicher wär’s besser gewesen, wenn sie einen anderen dazu kommandiert hätten, und doch — o, o, es ist, es ist ein sonderlich Vergnügen. Da hielt der Wrangel! Und dort fanden wir den Fähndrich Olafsson mit eingeschlagenem Schädel. Ja, klingelt nur und räuchert nur; ihr klingelt und räuchert uns nicht weg! Es war eben eine gloriose Wirtschaft, und es ist nur ein Elend, daß man nicht einen hat, mit welchem man anstoßen könnte: trink, Bruder, die schwedische Gloria soll leben, — alle guten Gesellen zu Roß und zu Fuß sollen leben, und du sollst auch leben, Bruderherz! — Wo stecken nur die Weibsen? Das ist doch keine Art, einen mit der alten Zeit an einem solchen Ort alleine zu lassen! Ja, wenn ich nur die Kinder hätt’, da könnt’ ich mich doch woran halten — ho, ho, der rote Tiroler und der General Wrangel, die haben nun die Oberhand über dich, Sven Knud son Knäckabröd — o Käs und schwer Geschütz, Sven, es ist doch eine Lust und Annehmlichkeit, heut allhier auf Hohen-Bregenz zu sitzen und Anno Sechsundvierzig mit dabei gewesen zu sein, als man es mit Sturm nahm; Herrgott, die Tränen kommen einem vor Wehmütigkeit in die Augen, und wann ich heut schwedisch reden hört’, ich glaub’, das Heimweh stieße mir das Herz ab.“

Die „Weibsen“, welche der Korporal Sven zum heiligen Gebhard hatte führen müssen, nämlich die Frau Fortunata, die Frau Aloysia und die kleinen Mädchen der letzteren, hatten ihn natürlich sogleich nach der Ankunft auf dem Pfannenberge seinem Geschick und eigenen Gaudium überlassen. Den schwedischen Mann hatten sie immer zur Hand, aber um den Altar des heiligen Gebhard da gab es Bekannte und Verwandte, Freunde und Freundinnen, die man nicht immer zur Hand hatte.

„Ich vertret’ mir die Füß’,“ sagte der Korporal, „es hilft nichts, hier festzuwachsen. Sie werden mich heute nicht als Spionen hängen, wenn ich des Ortes Gelegenheit wieder einmal erkunde. Donner, es war doch eine tüchtige Arbeit, damals bei dem gefrorenen Boden, Schnee und Eis, die Artillerie den Berg hinauf zu bringen!“

Er hatte sich erhoben und reckte und dehnte sich und wandelte schwerfällig durch das Getümmel und betrachtete von neuem und von allen Seiten aus den Schauplatz, auf welchem er selber einst mit der Pike in der Hand so tapfer mit agieret hatte. Er stieg um die Ringmauern.

„Da kamen wir mit den Leitern und verloren manchen guten Mann. Da wollten die Herren Generals zuerst Bresche legen lassen; aber wir besannen uns eines Besseren und führten das Geschütz weiter ab. Dort hinein kamen wir! Vivat, vivat! sieh, sieh, dort stürzt’ ich die zehn Schuh tief hinunter auf den Kopf und dacht’, es wär’ mein Letztes; aber ich kam doch schnell genug wieder auf die Füße und war mit unter den ersten im Tanz! Es ist nicht zum Aushalten, — man muß vor seinen lieblichsten Erinnerungen Reißaus nehmen, wann es einem so ergangen ist wie mir. Da sollt’ man ja ersticken. Die Mauern fallen einem auf den Kopf. Ich denk’, ich nehme wirklich Reißaus und steige nieder zum See. Solch’ groß’ Wasser hab’ ich ja auch seit dem Elend am Fallenbach nimmer wieder in der Näh’ zu Gesicht gehabt.“

Wer des Veltliners zur Genüge trank, der weiß wohl, wie blau ihm der Himmel werden mag. Dem braven Korporal Sven wurde mehr als eine Fiedel auf dem Wege, welchen er jetzo ging, gestrichen; aber es klang ihm wie der Schall von hunderten in das Ohr, und dazu viel andere Instrumente, Pauken und Posaunen, und dann durch alles ein fernes Grummeln, gleich schwerer Konstablerei in geordneter Feldschlacht. Alle Leute, die ihm begegneten, freuten sich über ihn; er aber ging so gravitätisch seines Pfades, als es sich bei der Steilheit des Berges eben tun lassen wollte, und so kam er hinab an das Ufer des Sees und blickte mit ernstem Kopfschütteln auf die breite Wasserfläche und wandelte langsam am Gestade hin, bis zu der Seekapelle, allwo, wie wir bereits sagten, die Kähne der Gäste, die über das Wasser gekommen waren, an Stricken und Ketten lagen.

Wenn es in Bregenz und auf Hohen-Bregenz, in der Stadt und auf dem Pfannenberg hoch, lustig und lebhaft zuging, so war es desto stiller am Wasser um diese Zeit. Klar und ruhig lag der See da; die Enten und Gänse ruderten und tauchten am Ufer, und fern auf der Höhe des Spiegels schwangen sich blitzend wie silberne Punkte die weißen Seeschwalben im Kreise, und weiße Segel stiegen über den Horizont herauf, oder tauchten über ihn hinab, und die Stadt Lindau zur Rechten der Bucht streckte ihre Türme und Giebel so klar in die Tiefe, wie sie dieselben in den lichten Himmel emporhob.

Der schwedische Mann von der Lorena nahm den Hut ab, trocknete sich die schweißtriefende Stirn und atmete tief und erleichtert; dann aber schüttelte er mehr denn je den Kopf, nachdem er sich auf einen Stein am Ufer gesetzt und die Hände auf die Kniee geschlagen hatte.

„Ich hätt’ auch dem nicht nahe gehen dürfen,“ murrte er nach einer Weile. „Vom Berg aus darauf hinzusehen, hat mir nichts gemacht; aber in der Nähe ist’s ein anderes, und schlimmer als da oben die Rudera. Die Weibsen können es nimmermehr verantworten, daß sie mich hierher geschleppt haben, denn wenn ich sie darhingegen nach Jönköping am Wetternsee setzen wollt’, so würd’ ich mir wohl allerlei in die Ohren stopfen müssen, von wegen ihres Geheuls und Heimweh. Jönköping! Da bin ich umhergezogen mit dem großen Gustav, und nachher mit dem Banner, dem Torstenson, dem Königsmark und dem Wrangel und hab’ nimmer an den Wetternsee und meines Vaters Haus zu Jönköping gedacht, und heut hab’ ich selber Lust, darüber zu heulen wie ein Weib. Jetzt ist mir das Wasser noch ärger als das Land; — ja wahrlich, als ich mit dem großen Gustavus Adolfus über das Meer fuhr, da hab’ ich noch nicht gewußt, daß es doch zuletzt nur zum Kühmelken und Käsemachen ging — o Donner und Nordlicht, hab’ ich das nur geträumt diese langen sechsundzwanzig Jahre, oder hab’ ich es wirklich und wahrhaftig erlebt? O ja, da möcht’ man doch auf Nimmerwiederaufgucken in den See untertauchen!“

Er war wild aufgesprungen, und dann tat er noch einen Sprung, hinab vom Uferrande, doch nicht in das Wasser, sondern in den nächstliegenden Kahn, den er durch die mächtige Erschütterung fast zum Sinken gebracht hätte. Schwer fiel er auf die Bank und sah beinahe erschrocken nach der Stadt Bregenz und dem Berge des heiligen Gebhard hinüber. Aber niemand hatte ihm auf seine Schliche gepaßt, niemand auf seine Tat Acht gegeben. Im nächsten Augenblick schon hatte er das Messer gezogen und mit einem Hieb das haltende Seil zerschnitten. Er war im Rausch, als er die Ruder ergriff, doch nicht vom roten Tiroler. Drei kräftige Schläge führten das leichte Fahrzeug hinaus auf den jetzt im linden Südwest sich kräuselnden See. Es gelang dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd, den kleinen Mast aufzurichten und — er hatte nicht umsonst in seiner Jugend dem Herrgott halbe Tage mit dem Fischfang auf dem Wetternsee abgestohlen — das Segel schiffermäßig zu entfalten und zu richten. Er war nicht im geringsten Schuld daran; allein es war richtig, — er war seinen Weibsen, der Frau Fortunata, der Frau Aloysia und den kleinen drei Schmelgen durchgegangen und befand sich bei günstigem Winde auf der Fahrt nach des heiligen römischen Reiches freier Stadt Lindau im See.

5.

Es war gar lieblich auf den Wassern, vorzüglich für einen, der in so seltsamer Stimmung darüber hinfuhr, wie der schwedische Hirt von der Lorena. Wenn es still am Ufer unter dem Fürberg war, so war’s noch viel stiller auf der von der Nachmittagssonne beglänzten Bucht von Bregenz, und der Korporal Sven hatte eine gute Fahrt. Er saß und hielt die Hände vor dem Bauch gefaltet und ließ sein Schifflein gleiten vor dem Winde. Wie jetzt das Ufer hinter ihm versank, oder die Berge sich vielmehr heraushoben, so hob sich nun auch vor ihm das niedrigere Hügelland des Allgäus, und vor allem wie eine Stadt aus dem Wunderschatz der Frau Saga die freie Reichsstadt Lindau.

Die grauen Mauern, deren Grund der römische Kaiser Tiberius Claudius Nero legte, als er hier die Rhätier und Vindelicier besiegt hatte, lagen noch stiller da als der See. Die alten Linden nickten freundlich-schläfrig von den Bastionen, und die grün und silbern, rot und goldfarbig glänzenden Turmdächer von Sankt Peter und der heiligen Dreifaltigkeit — den Diebesturm nicht zu vergessen — luden förmlich behaglich wie aus der Luft, so aus dem Wasser, den braven Korporal Sven Knudson Knäckabröd zum Näherkommen ein. In dem kleinen Hafen lagen ruhig, nur da und dorten von einem weißen Spitzhund bewacht, die Lädinen und Halblädinen, die Segner und Halbsegner und dazwischen die Lustgondeln der wohlhabenden Reichsstädter, soweit sie sich nicht zu Bregenz befanden. Nur eine Bürgerschildwacht war auf der Mauer zu erblicken, und die schlummerte sanft auf ihre Partisane gestützt. Das Lebendigste auf dem Wall zu Lindau im See waren um diese Stunde die Fliegen, welche in Scharen über den erwärmten Geschützrohren summten.

Der Kahn des Schweden schoß, durch den Schatten der Lastschiffe hin, in den Hafen hinein und an die Hafentreppe, und als der Korporal sein Schifflein mit einem letzten Ruderschlag dort antrieb, fragte ihn niemand um das Wohin und Woher, und das war recht gut; denn im Augenblick hätte er vielleicht auf beides keine Antwort zu geben gewußt. Seit dem Kolbenschlag am roten Egg war ihm nicht so verworren zu Mute gewesen, aber trotz allem war ihm heut’ doch die Welt behaglicher als damals, wo er sich auf dem blutigen Strohlager am Schanktisch in der Taube zu besinnen suchte.

Doch wer auf eine solche Weise, wie er, im Hafen von Lindau anlangte, der mochte, nachdem das Schifflein am Lande lag, wohl selbst den Hut hin und wieder rücken um die Frage: Was nun? und wohin nun? Der Korporal Sven stand und blickte an der nahen Stadtmauer empor und durch den dunklen Bogen, welcher in das Innere der Stadt führte, hindurch und rieb sich die Stirne. In dem nämlichen Augenblick aber erschien über der Mauerbrüstung ein dicker, roter, von schneeweißem Haar umflusterter Kopf, der sich ächzend auf zwei gewaltige Fäuste legte und entsetzlich gähnend auf den See hinausstarrte. Dasselbige Haupt spie verächtlich von der Mauer der freien Reichsstadt hinab; ein nicht geringer Mund öffnete sich, und — plötzlich — ganz unvermutet und von einer solchen Erscheinung auch gar nicht zu vermuten, fing das Ding an zu singen, und zwar eine Weise, welche im Munde des schwedischen Volkes schon seit mehr denn hundertfünfzig Jahren umging.

Und in schwedischer Zunge sang das Unding auf der Mauer heiser und gräßlich:

„König Gustav reitet nach Dalarne

Zum Thing mit den Dalkarlen sein;

Doch Christiern liegt vor Södermalm

Und frißt gestohlene Schwein;“

und wie heulend in Verdruß, Ärger, Entrüstung und Wehmut:

„König Christiern sitzt in Stockholmschloß

Und säuft unsern Met und Wein!“

„Blitz und Donner! Alle guten Geister!“ stöhnte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, versteinert nach dem Sänger aufstarrend; doch der da oben gähnte noch einmal und scheußlicher als zuvor, und fuhr fast noch unmelodischer fort:

„Hört alles, was ich euch biete an,

Vom Tal, ihr meine Mannen:

Wollt ihr mir folgen nach Stockholm

Und schlagen die Jüten von dannen?“

Mit beiden Händen griff der Korporal Sven Knudson Knäckabröd nach seinem Haupte, wie im wilden Zweifel, ob er dasselbige auch noch auf den Schultern trage; und als er es noch an Ort und Stelle fand, tat er einen Satz und brüllte seinerseits zu dem Sänger auf der Mauer hinauf:

„Um’s Rebhuhn und um’s Eichhorn ist’s,

Sobald wir zielen, geschehn;

Und dem Blutracker Christiern,

Dem soll’s nicht besser gehn;“

und die Wirkung nach oben hinauf war nicht geringer, als die von oben hinunter.

Auch der da oben schnellte empor und beugte sich über die Brüstung und schrie:

„Bei der blauen Fahne Wasa’s, ist ein Spuck, ein Trold aus dem See aufgestiegen, oder ist’s ein Landsmann? Ho Landsmann? Landsmann!“

„Ho Landsmann!“ rief der Hirte von der Lorena; aber da er einmal im Zuge war, so brüllte er weiter, daß die Bastionen der freien Reichsstadt Lindau wie im Schrecken widerhallten:

„Das reißt nun in meiner Seite,

Ich fühle mich so beengt;

Auch ich hab’ von den Fischen gekostet,

Die man in Dalarne fängt.“

Die Bürgerschildwacht im Lindenschatten erwachte bei den Mißtönen aus ihrem süßen Schlummer und faßte zusammenfahrend die Pike an. Die Mauertreppe aber herab stürzte der Hafenwärtel der freien, frommen und biderben Reichsstadt Lindau im See, Rolf Kok, umfaßte mit beiden Armen den Mann von der Lorena, schüttelte ihn heftig und rief:

„Kerl, in aller Welt Namen, Kerl, Kerl, wo kommst du her? wo bist du jung geworden? wer bist du?“

„Arkebusierer Korporal Sven Knudson Knäckabröd im gelben Regiment Oxenstierna — versprengt im Gebirge — dorten! Melde mich zurück, Korporal Rolf Rolfson Kok, denn der seid ihr und kein anderer! Die Finne da auf eurem linken Nasenflügel habe ich sechzehn Jahre lang beim Aufmarsch in die Linie zur Rechten gehabt, und die Schmarre da habt ihr von dem Nürnberger Malheur, Korporal Kok. Melde mich zurück, Korporal!“

„Und wir schreiben Vierundsiebenzig! Mensch, o Mensch, Mensch, du bist der Sven, den wir hinter seinem Rücken Hahnentritt nannten, von wegen seiner Gangart? Und das passieret einem, nachdem man sich seit Anno Sechsundvierzig nicht mehr zu Gesicht gekriegt hat, heut hier zu Lindau an der Hafenmauer? O Sven, wo ist die Kumpaneia? wo Hauptmann, Leutnant und Fähndrich? wo sind die Fahnen und Trommeln? wo der Herren Generale Gnaden? Sven Knäckabröd, wo du herkommst, weiß ich noch nicht; aber ich, ich sitze hier seit dem Lindauer Sturm — erst als Invalid, dann als Bürger und Ehemann — und als Witwer und Hafenvogt, und sie haben mir noch nicht einmal meinen Namen gelassen: Meister Gockele nennen sie mich! ja das Gockele nennen sie mich; und du bist Sven Knudson Knäckabröd, und wir sind beide mit dem König herübergekommen und standen mit bei Breitenfeld, bei Lützen und liefen mit bei Nördlingen und zogen mit dem Wrangel gegen die Schneeberge, o Sven, Korporal Sven, Kamerad Sven, ich heule wie ein Kind!“

„Und ich heule mit, Korporal, Kamerad Rolf“, schluchzte der andere. „Siebenundzwanzig Jahre habe ich bei dem Vieh sitzen müssen, und nach so großer Gloria und gewaltigen Schlachten habe ich die Kühe gemolken und Käse gemacht, siebenundzwanzig Jahre durch. Rolf, o Rolf, Rolfson Kok, am Fallenbach, am roten Egg haben die Weiber uns alle totgeschlagen, nachdem wir Bregenz da drüben genommen hatten, und heut’ hat mich erst die gute alte Zeit in den Ruderibus verwirret, und nachher hat mich der Nix über den See gelockt. Im Traum bin ich über den See gefahren, und der Nix hat gewußt, daß ihr hier auf der Mauer von Lindau auf mich wartet, Korporal Rolf Rolfson Kok.“

Sie hielten sich in den Armen, die beiden alten Schweden. Sie küßten sich, und die Tränen rollten ihnen über die gelbbraunen Backen. Sie tätschelten sich zärtlich die breiten Buckel und hatten eine Freude aneinander wie ein Brautpaar im Maienmond. Es war aber auch keine Kleinigkeit, was ihnen begegnete an diesem Festtage des heiligen Bischofs Gebhard, den sie und ihre Kriegsgenossen vordem so hart mit Geschütz und Sturmanlauf bedrängt hatten, und dessen Wiege und Burg der eine von ihnen mit niederwerfen half.

Sie waren sehr gerührt, die beiden braven schwedischen Korporale; aber nach der Rührung kam natürlich wieder um so heftiger der Durst, und dessen wurden sie nunmehr mit großer Lust inne. Da faßte der Korporal Gockele den Korporal Hahnentritt unter den Arm und sprach:

„Komm, Herzensbruder, ich weiß unsern Ort, und will dir daselbsten etwas zeigen, so dir das Herze erfrischen soll, besser als der kühlste Trunk aus des Kronenwirtes Keller.“

Er führte ihn in das Wirtshaus zur Krone.

6.

Wer heute zu Lindau im See, sei’s mit dem Dampfboot landet, oder mit dem Bahnzug anpfeift, der findet die Krone noch immer an ihrer Stelle. Einst zog sich die Stadtmauer dem Wasser entlang davor her: die Mauer ist längst gefallen, aber das gute, alte Wirtshaus steht noch fröhlich aufrecht.

Wer heute durch den gewölbten Torweg geht und die Treppe hinaufsteigt, der findet auch heute noch zu Anfang eines langen, hellen, weißen Ganges das, was der Korporal Rolf dem Korporal Sven zu höchster Herzerfrischung weisen wollte, und mag sich ebenfalls daran erfrischen. Da hängt nämlich von der Decke herab eine eiserne Kugel an eiserner Kette, — eine Bombe des Feldmarschalls Karl Gustav Wrangel, und das Bild des Feldmarschalls hängt an der Wand daneben.

Beides gehört zu dem Hause seit dem Jahre 1647, seit dem Momente, in welchem der Herr Feldmarschall diese Bombe in die freie Reichsstadt Lindau hineinschoß und Grimmiges mit ihr im Sinn hatte, was sich gottlob nicht erfüllte, denn das Untier durchschlug nur das Dach des guten Wirtshauses und blieb, ohne weitern Schaden anzurichten, auf dem Hausboden liegen, — 180 Pfund schwer.

Damals hat man den unfreundlichen Gast vor sichtig aufgehoben, ihn seiner verderblichen Füllung entledigt und ihn bei ruhiger Zeit an besagter Kette am Gebälk aufgehängt zum ewigen Gedächtnis des Generals Wrangel und seines groben Geschützes. Der Korporal Rolf aber hatte vollständig Recht: im Jahre 1674 gab es keinen bessern Augentrost für den schwedischen Mann der Wirtin zur Taube in Alberschwende, als diese Kugel und dies Bildnis in der Krone zu Lindau.

Im Jahre 1674 sah die Krone nicht so hell und freundlich aus als heute. Die Wände waren nicht mit Kalk getüncht und noch weniger al fresco mit heidnischen und christlich ritterlichen mittelalterlichen Festivitäten bemalt. Aber das Haus war schon damals gut und verdiente seinen Ruf weit übers Allgäu hinaus, und der Hafenwärtel Rolf Kok, genannt das Gockele, kannte das Getränk und hatte sein Kerbholz fröhlich hinter der schwarzbraunen Eichentür der Zechstube. Fürs erste aber stellte er den wiedergefundenen Kriegskameraden unter die Schwedenkugel, wies auf sie hin und wies auf das Bild des Feldmarschalls und sagte:

„Da, Herzbruder, da!“

Der Hirt von der Lorena rieb sich die trüben Augen, starrte auf die Bombe, starrte auf das Bildnis seines Generals, tat einen Sprung und schüttelte sich, als ob er die Jahre und sein Leben unter dem Kommando der Frau Fortunata und sein Leben auf der Lorena mit einem Ruck abschütteln wolle. Er streckte die ausgebreiteten Arme dem Feldmarschall und der schwedischen Kugel zu und rief aus vollem Halse:

„Vivat Gustavus Adolfus! Vivat Gustavus Wrangel! Es leben die Löwen aus Mitternacht!“

Und er tat einen zweiten Satz und schrie zum zweiten Mal, daß die Wände erzitterten, und ein einsamer Zecher nebenan in der Trinkstube sich von seinem Tisch im Winkel erhob, aufstand und den Kopf aus der offenen Tür in den Gang vorstreckte. Dem Kopfe nach folgte der übrige Mann, und das Ganze war wohl einer Schilderung wert.

In dem alten, langen, hagern und gelben Gesichte mit dem eisgrauen, spitzgewichsten Knebel- und Schnurrbart umfunkelten zwei kohlschwarze Augen eine lange, scharfe Nase. Zwei lange, einknickende Beine in engen, schwarzen Hosen und schwarzen Strümpfen trugen den mit schwarzer Schoßweste und schwarzem Rock angetanen dünnen Leib, und als die Kreatur den Hut abnahm und in die Luft schwang, da entblößte sie einen ratzenkahlen, gelblichen Schädel:

„Cospetto! O Jesus Maria! Vivat Ferdinandus!“

Wie auf ein Kommandowort fuhren die beiden Korporale herum, als ihnen so unvermutet auf ihren eigenen schwedischen Schlachtruf das wohlbekannte Feldgeschrei und die Losung des kaiserlichen Heeres entgegen schrillte. Und siehe, schon kam der schwarze, lange Mann, auf sein spanisch Rohr mit dem Messingknopf gestützt, herangehinkt, fegte in tiefer Verbeugung den Boden mit dem Hutrande und sprach höflichst:

„Bitte um Permission, Signori; — Kriegskameraden von der andern Seit? Groß Ehr! groß Ehr! — — Hab das Vergnügen, mich denen Herren zu rekommandir. Signor Tito Titinio Raffa, Zahlmeister im Regiment zu Pferd Strozzi. Hatt schon die Ehr vordem bei Breitenfelda, — groß Ehr, groß Ehr, groß Battaglia! Woll die Herren eintret und niedersitz zu einem Trunk und freundlich Diskurs? Groß Ehr, viel Vergnügen und gut Kameradschaft!“

Mit allem Eifer schüttelten die beiden versprengten schwedischen Kriegsleute dem versprengten Reitersmann vom Regiment Strozzi die dargebotene Rechte, und im nächsten Augenblick saßen sie mit behaglichem Ächzen nieder an dem Tische, von welchem der Herr Zahlmeister aufgestanden war, um sie zu begrüßen: die Frau Wirtin zur Taube in Alberschwende hatte um diese Tageszeit, das heißt um Sonnenuntergang, auf dem Gebhardsberg gut suchen und rufen nach ihrem treuen Knecht Sven Knudson Knäckabröd aus Jönköping am Wetternsee.

7.

Die Lichter des Tages waren längst verglüht auf Gefild, Berg, Wald, Tal und See. Die glänzenden Spitzen des Kamor, des Hohen Kasten und des Säntis drüben in Appenzellerland hatten sich in der Nacht verloren: der Mond sollte erst später aufgehen.

Die Lichter in den Wohnungen der Menschen waren angezündet worden, und der Tisch der drei Helden in der Krone zu Lindau bot jetzt ein seltsam Schauspiel dar.

Wenn der aus dem Land Tirol, der Rote, ein sauber Getränk ist, das des Menschen Herz erhebt, so hat der Bayern Bier auch seine löblichen Verdienste, und die drei Krieger tranken davon und hatten davon getrunken. Die beiden wackeren Schweden saßen wie aus Granit zurechtgehauen fest, mit den kurzen Tonpfeifen im Munde; aber der italienische Sprachlehrer Tito Titinio Raffa, vordem Zahlmeister im Regiment Strozzi, stand aufrecht, soviel ihm das möglich war, focht wild mit beiden Händen in der Luft umher und beweinte gellend die schönere Vergangenheit und das Elend der Gegenwart, ja, die schönere Vergangenheit, deren er Genuß gehabt hatte von dem Tage an, wo sich bei Breitenfeld nach des Schwedenkönigs Wort eine Krone und zwei Kurhüte an einem alten Korporal rieben.

„Da ging es freilich mit Sang und Klang, mit Pauken und Posaunen herum im deutschen Lande,“ winselte er. „Die güldenen Ketten fielen einem aus dem Pulverdampfe um den Hals, und die güldenen Dukaten raffte man zu Haufen vom Erdboden auf und kümmerte sich wenig drum, wie arg er zerstampft war. Die Fackeln und Lichter brannten im Tanzsaal von einem Jahr ins andere, — und die Lust war immer dieselbe, ob man den Feind schlug oder ihm die Fersen zeigte. Im letzten Grund gab es ja gar keinen Feind, sondern nur einen lustigen Bruder, der auch zum Fest von der dummen deutschen Nation eingeladen worden war, einen vergnügten Bruder und Kriegsgesellen, mit dem man bei Geigen- und Trompetenklang eben sein Tänzlein machte, wie es sich schicken wollte: heut’ oben an der See, morgen mitten im Land; heut’ am grünen Rheinstrom, morgen an der gelben Weser und übermorgen an der blauen Donau. Gute Kameraden, nichts als gute Kameraden in jedem Lager, unter jeglicher Fahn’ und Standarte! Das war ein Leben, wie es die Welthistorie noch niemalen aufgezeichnet hatte, und wie kein Kriegsmann zu Roß und zu Fuß es sich jemalen lieblicher ausdenken mag. Das Herz geht mir heut’ noch im Galopp gegen die gute alte Zeit durch, wenn ich daran denk’, wie der Leutnant Schneeberg von Götzens Kavallerieregiment nach der Lützner Schlacht, nach verlorener Bataille, des Königs Gustavi Adolfi goldene Kette in Halle auf den Tisch warf und für sich allein Viktoria rief.“

„So ist’s, obgleich ihr davon gerade nicht reden solltet, Zahlmeister,“ murrte der Korporal Sven. „Ein Türkis hing dran von der herrlichsten Art. Sie hatten ihn ausgegraben in dem Gebirg Piruskua, zehn Meilen von der Stadt Moscheda; ich hab’ ihn tausendmal blitzen sehen, wenn die Majestät die Front hinabritt, und wir vermeinten alle, der Stein mache schuß-, hieb- und stichfest; doch es war nicht an dem, wie sich ausgewiesen hat; aber der Teufel soll euch doch holen, Zahlmeister, weil ihr gewagt habt, die Hand daran zu legen!“

„ Di grazia, prego perdono! Verzeihung, ihr Herren; ich rede nur davon, um des Elends von heute willen. Der Domeneddio stand damals auf jeder Seite. Ihr hattet den Sieg, wir den Türkisen schwedischer Majestät. Jeglichem seinen Spaß, und — freie Hand überall! Das war die Parol’ bis zum Jahr achtundvierzig. Nun ist es lange für alle aus, und keiner hat dem anderen einen Groll nachzutragen.“

„Nein, keine Feindschaft um das, was vergangen ist; ich trinke auf eure Gesundheit, Herr Zahlmeister vom Regiment Strozzi!“ rief der Korporal Rolf Rolfson Kok. „Was uns schwedische Männer insbesondere betrifft, so brauchen wir uns wenig zu grämen. Wir haben behalten, was wir gewonnen, und decken ein gut Stück deutschen Landes von Greifswald bis Verden mit unseren Piken und Musketen.“

In demselben Augenblick setzte sich der Italiener kurz nieder, und ein Grinsen der Schadenfreude überzog, trotz aller guten Gesinnungen gegen seine früheren Feinde, sein gelbes Gesicht. Er pfiff auch einen langen Pfiff und zischelte: