Wilhelm Raabe
Bücherei
Erste Reihe
Band 11

Wilhelm Raabe
Bücherei

Erste Reihe:
Kleinere
Erzählungen

Elfter Band

Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und
Kunst / Hermann Klemm

Wilhelm Raabe

Höxter
und
Corvey

Erzählung

Dritte Auflage
11.-16. Tausend

Berlin-Grunewald
Verlagsanstalt für Litteratur und
Kunst / Hermann Klemm

Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig

Höxter und Corvey

Erstes Kapitel.

Wir haben unsern Lesern immer gern die Tageszeit geboten, aber so schwer wie diesmal ist uns das noch nie gemacht worden. In der Stadt Höxter waren die Turmuhren sämtlicher Kirchen in Unordnung. St. Peter und St. Kilian zeigten falsch, St. Nikolaus schlug falsch und bei den Brüdern stand das Werk ganz still; nur auf Stift Corvey, eine Viertelstunde abwärts am Fluß, befand es sich noch in geziemlicher Ordnung und hatte sich auch eine Hand gefunden, die es darin erhielt und es zur rechten Zeit aufzog. Es schlug vier Uhr am Nachmittage auf dem Turme der Abtei.

So viel für die Tageszeit. Was die Zeit sonst anbetraf, so schrieb man den 1. Dezember im Jahre 1673: am 23. November 1873 beginnen wir unsere Erzählung; es sind also gerade ungefähr zweihundert Jahre seit jenem Wintertage vergangen. Maurer, Zimmerleute, Tischler, Schlosser, Glaser und, vor allen Dingen, Uhrmacher sind am Werke gewesen, haben die Mauern wieder aufgebaut, die Pfosten zurecht gerückt, die Türen eingehängt, neue Fenster vorgeschoben und dafür gesorgt, daß auch die Turmuhren wieder die richtige Zeit anzeigen. Es hatte viele Arbeit und große Geduld gekostet; — wehe dem, welcher von neuem frevelhaft die Hand bietet, die Wände abermals einzustoßen, die Dächer abermals abzudecken und die Türen und Fensterscheiben von neuem zu zertrümmern. Der Gegenwart sei bemerkt, daß das Wiederaufbauen, das Auf- und Einrichten zu allem übrigen stets auch viel Geld kostet.

Es war ein winterlicher, feuchtkalter Tag. Schweres Regen- und Schneegewölk wälzte sich über den Solling. Die geschwollene, stets hastige und übereilige Weser rollte ihre erbsengelben Fluten in anscheinend völlig breiartigen Wirbeln aus den Bergen zwischen Fürstenberg und Godelheim und Meigadessen her, quirlte durch das kahle Weidengebüsch und das welke Röhricht der Ufer und ärgerte sich heftig über jeden Widerstand, der ihr auf ihrem Wege aufstieß.

Solch einen Widerstand fand sie unter den Mauern der Stadt Höxter; denn da traf sie nicht nur auf die Eisbrecher, sondern auch auf die Pfeilertrümmer des uralten Völkerübergangs: die Brücke selber fand sie wieder einmal, wie so häufig, nicht. Grimmig schäumte und kochte sie empor an den bis auf den Wasserspiegel abgebrochenen Pfeilern und Stützen; aber es war auch etwas wie ein Triumphjubel in ihrem Rauschen:

„Hoho, Menschenwerk! Menschennarretei! Hoho, drüber weg und weiter, dem Weltmeer zu, und mitgenommen, was zu greifen ist! Das alte Spiel durch die Jahrtausende — Triumph!“

Die gelben Wellen der Weser mochten wohl höhnisch brausen. Sie hatten die Brücken des Drusus und des Tiberius, des Königs Chlotar und des großen Karl auf ihrem Nacken getragen an dieser Stelle; — jedes Jahrhundert fast hatte ein halb Dutzend Male für Krieg und Frieden hier eine neue Brücke gebaut; — Triumph! wo trieben heute die Balken und Bohlen der letzten, die vor drei Jahren neu geschlagen wurde, und die vorgestern Monsieur de Fougerais, der französische Kommandant von Höxter, vor dem Abmarsche, seinem Feldmarschall Monsieur de Turenne nach, hatte umstürzen lassen?

Vorgestern war Monsieur de Fougerais dem Marschall nach gen Wesel zu abmarschiert. Ihre Hochfürstlichen Gnaden Christoph Bernhard von Galen, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Burggraf zu Stromberg und Herr zu Bordelohe, hatten Kaiser und Reich, sowie der Republik Holland ihren französischen Trumpf ausgespielt: der Franzmann hatte es sich bequem gemacht, wie der Deutsche es gewollt hatte; und, wie gesagt, die Uhrwerke auf den Türmen vom Rhein bis zur Weser waren darob wieder einmal in Unordnung geraten und zeigten die unrichtige Stunde oder standen ganz still. Was die westfälischen Glocken anbetraf, so waren deren eine ziemliche Menge von dem hohen Bundesgenossen des biedern Reichsstandes mitgenommen worden, um in französische Geschützläufe für die Reunionskriege, den Überfall von Straßburg und den spanischen Erbfolgekrieg umgegossen zu werden.

Weiteres zu seiner Zeit. Vom Stift her wissen wir, was die Glocke geschlagen hat; Christoph Bernhard hat dafür gesorgt. Es ist vier Uhr nachmittags, und wir stehen im Bruckfelde am rechten Ufer des Flusses, der zertrümmerten Brücke gegenüber und warten auf die Fähre, die man nach dem Abzuge der wüsten gerufen-ungerufenen Gäste und Bundesgenossen aus dem Westen eingerichtet hat.

Wir warten auf einige Leute, die da kommen werden, um sich nach Huxar übersetzen zu lassen, und sie kommen auch, einer nach dem andern.

Der erste ist ein Mönch aus der Abtei, der unter dem dunkelziehenden Gewölk von dem Landwehrturm unter dem Walde, dem Solling, auf dem Feldwege her der Weser zuschreitet. Es ist der Bruder Henricus, vordem in der Weltlichkeit ein Herr von Herstelle; sein Prior, Nikolaus, vordem im Säkulum ein Herr von Zitzewitz, hat ihn vor acht Tagen mit einem Briefe an den herzoglich braunschweigischen Vogt auf dem fürstlichen Amtshause zu Wickensen abgesendet, und er hat den Brief hingetragen und kann sonderbare Sachen erzählen.

An Stelle des Vogtes hat er auf dem Amtshause Seine Fürstlichen Gnaden den Herzog Rudolf August selber vorgefunden und zwar in bester Laune, den Vorgängen und dem französischen Trubel am linken Weserufer zum Trotz. Der Herzog hatte den wohlpetschierten Brief des Herrn Priors von Corvey erbrochen, und es ist ein anderes Schreiben — französisch abgefaßt und adressiert — herausgefallen, welches die Fürstlichen Gnaden zuerst gelesen haben, zu einem Drittel mit Stirnrunzeln und für den Rest mit einem Lachen und Spott.

„Ihr tragt gewichtige Sachen im Lande Germanien um, ohne es zu wissen, Bruder,“ hat der Herzog gesagt. „Sintemalen wir nunmehro im Jahre einundsiebenzig mit Gottes Hülfe und unserer Vettern Liebden Beistand und freundlicher Handreichung unsere nunmehro zuletzt getreue Landesstadt Braunschweig mit Waffengewalt und gutem Wort uns zu Willen und Gehorsam gebracht haben, so danken wir dem Herrn Bischof von Münster, sowie den Herren Prioren, Kanzlern und Räten von Corvey, wie imgleichen dem Herrn Marschall von Turenne für freundliches Erbieten und gedenken fernerhin, wie es uns zukommt, unserer Pflicht und fürstlichen Eidleistung gegen Kaiser und Reich. Wünschen dagegen dem Herrn Marschall eine glückliche Reise gen Wesel und haben Euch, ehrwürdiger Bruder, augenblicklich nichts mitzuteilen, als daß Ihr, so lange es Euch belieben mag, unser lieber Gast sein mögt; wie wir es gleichfalls in Euer Belieben setzen werden, Euch in der Gegend umzusehen. Da uns das Stift und das königliche Hauptquartier zu Höxter aber in Eurer Person einen Mann geschickt haben, der nicht immer die Kutte trug, sondern vordem auch den Harnisch und den Kürasserhelm, so verlassen wir uns darauf, daß Ihr uns zu Hause in re militari loben und den Herren zu Huxar und Corvey nach bester Kenntnisnahme empfehlen werdet.“

Da nun der Bruder Henricus außer seinem Schreiben willig auch den mündlichen Auftrag mitgenommen hatte, sich in der Gegend rechts von der Weser umzusehen, so machte er Gebrauch von der Einladung des Herzogs. Er sah sich um, und jetzt kam er zurück, nachdem er sich umgesehen hatte. Sehen wir uns ihn jetzt vor allen Dingen selber ein wenig genauer an.

Da stand er, auf seinen Wanderstock gestützt, im Bruckfelde an dem mürrischen Strome und wartete geduldig, bis es dem Fährmann drüben am Brucktor zu Höxter gefiel, ihn herüber zu holen. Und er sah trotz seinem geistlichen Gewande wahrlich aus wie ein Mann, der wohl befähigt war, seinen Vorgesetzten über die militärischen Zurüstungen und Vorkehrungen Seiner Herzoglichen Gnaden zu Wickensen Bericht abzustatten, und zwar einen sach- und fachgemäßen. Der Bruder Henricus von Herstelle trug sein Benediktinergewand würdig und stattlich genug, doch mußte es auch dem gänzlich Unbefangenen gar nicht unglaubwürdig erscheinen, daß von dieser breiten Brust und diesen derben Schultern seiner Zeit der eiserne Panzer ohne alle Beschwerden getragen worden sei. Daß die runzlige, aber immer noch kräftige Faust vor Zeiten etwas anderes umschlossen habe als den harmlosen Stab von Weißdorn, konnte dann einem irgend aufmerksamen Betrachter auch weiter nicht zweifelhaft bleiben. Der Bruder Henricus trug dem winterlichen Tage ins Gesicht die Kapuze zurückgeschlagen und bot die Tonsur dem Wind, den vereinzelten Schneeflocken und den scharfen Schauern seines Regens frei hin. Ein Kranz grauer, ein wenig borstiger Haare umgab den runden wohlgeformten Schädel, und eine Narbe auf der Stirn sprach von anderem und wilderem Zusammentreffen als mit den Brüdern und Vätern in Gott und Jesu Christ bei der Hora und Mette. Der Junker Heinrich von Herstelle war jetzt ein alter Mann, doch jung und frisch auf den Beinen. Sein Räuspern selbst und sein Niesen klang kräftig und mannhaft, und man konnte es dem Vater Adelhardus, dem Stiftskellner, vordem ein Herr von Bruch, gar nicht verdenken, wenn er die Freundschaft und gute Kameradschaft gerade dieses ehrwürdigen Bruders jeglicher andern innerhalb der Mauern der Abtei vorzog.

„Wo die Brücke geblieben ist, kann ich mir schon deuten,“ sagte der Bruder Henricus kopfschüttelnd. „Ein Ärgernis ist es aber doch!“ fügte er hinzu, die Hand über die Augen legend und nach der Fähre ausschauend. Er hatte noch zu warten, denn der Fährmann drüben zu Höxter beeilte sich des einzelnen Fahrgastes wegen nicht. Faul hingestreckt lag er neben der Wölbung des Brückentors auf seiner Bank und wartete auch; nämlich auf die Ansammlung mehrerer Leute drüben am braunschweigischen Ufer.

Endlich kam der zweite Fahrgast. Diesmal ein altes Weibchen, das auf dem Schifferpfade von Lüchtringen her heranhumpelte, keuchend unter einem schweren Bündel; — ein altes Judenweib, unter dem Namen Kröppel-Leah dem Pöbel zu Huxar wohlbekannt, doch hochangesehen bei ihren Glaubensgenossen; — wegmatt, zeitmatt, kriegszerzaust und kriegerisch, ja kriegerisch unter ihrem Packen trotz ihrem Alter und ihrer Müdigkeit anzuschauen.

Mit tiefen Knixen und schüchternen Verbeugungen näherte sich die Greisin dem greisen Benediktinermönch, der aber neigte das Haupt, winkte mit der Hand und sagte:

„Der Gott Abrahams knöpfe dem Schlingel da drüben die Ohren auf. Tretet heran, Frau: werft Euer Bündel ab und setzet Euch. Um uns beide rührt sich der lüderliche Bursch fürs erste noch nicht.“

„Ich danke Euch, guter ehrwürdiger Herr,“ erwiderte die Greisin. „Alte Knochen, müde Füße, schweres Herz —, ich kann wohl in Geduldigkeit warten.“

„Ich auch!“ sprach der Mönch, und dann, mit einem Blick auf die durch die Wirbel des Flusses vorragenden Trümmer der Brückenpfeiler, fragte er: „Wisset Ihr, Mutter, vielleicht genauer, was das nun wieder zu sagen hat? Wenn man sich auch das Seinige zurechtlegt, so hört man doch gern eines andern Bericht. Als ich abging von Corvey, schritt ich noch trocknen Fußes über die Weser.“

Die Greisin schüttelte den Kopf:

„Ich kann es nicht sagen, ehrwürdiger Herr. Anno Siebenzig am siebenzehnten Januar hat es der Fluß selber getan. Vordem Anno Sechsundvierzig tat es der Herr Feldzeugmeister von Wrangel; vordem taten es Herr Kaspar Pflugk und die Herren Liguisten, — vordem Herr Christian von Braunschweig, den sie den tollen Herzog nannten. Dazwischen dann wieder immer der Strom selber. Ja, wer hat’s heute getan?“

Der Bruder Henricus lächelte ein wenig.

„Was Ihr mir da eben ableiert, Frau, kann ich in seiner Richtigkeit für mehr als einen Axthieb in persona bezeugen. Wo kommt Ihr denn her, Frau?“

„Von Gronau, im Fürstentum Hildesheim. Da ist meiner Schwester Sohn gestorben. Er war der letzte Mann in meinem Hause. Ich hab’ ihn sterben sehen und mir die Erbschaft geholt nach Höxter.“

„Hm!“ murmelte der Bruder Henricus und sah auf das Bündel, auf dem die Alte zusammengekauert hockte, und von dem sie aus scheu und furchtsam zu ihm seitwärts aufblickte.

Zweites Kapitel.

Um einen Mönch und ein altes Weib tu ich keinen Zug am Seil,“ brummte Hans Vogedes, der Fährmann, und räkelte sich auf seiner Bank von der linken auf die rechte Seite; und die Bürgerwacht unter dem Torbogen lachte in choro und stimmte ihm ganz und gar bei.

Es war eine wunderliche Wachtmannschaft, in deren Zusammensetzung sich die ganze Verwirrung des Gemeinwesens aussprach. Zwei Münstrisch-Corveysche Infanteristen schulterten da ihre Musketen; ein Schuster, ein Zimmermann und zwei Schneider aus dem überwiegenden lutherischen Teile der Stadtbevölkerung vom Rat aufgeboten, hatten sich sonderlich gewappnet mit Helm und Harnisch aus der Liguisten- und Schwedenzeit und lehnten martialisch an ihren Spießen und Stangen. Den Oberkommandanten des Ganzen aber, Korporal Barthold Polhenne, hatte die katholische Bürgerschaft aus ihrer Mitte unter Beistand des Stiftes und der Minoritenbrüder in der Stadt gestellt: die Ordnung, die er hielt, und die Autorität, deren er sich rühmen durfte, waren denn auch danach.

Niedergetreten vom schweren Stiefelabsatz des Herrn von Turenne, mit Kontributionen bis zum letzten ausgesogen vom Herrn von Fougerais; von der welschen Besatzung in den Häusern und auf den Gassen bis zum äußersten in alles Elend und alle Wut hineingequält — widerspenstige Untertanen Seiner bischöflichen Gnaden von Münster, hungrige Bürger der guten „Munizipalstadt Höxar“, — kurz, armes, notdürftiges, geplagtes, verwirrtes, deutsches Volkswesen, wie es aus dem Trümmerschutt des Religionskrieges aufwuchs, gleich den Wurzelsprossen um einen gefällten Baum — es sah eben böse aus in Höxter nach dem Abmarsch der hohen französischen Alliierten!

Drüben am rechten Ufer der Weser stand der Mönch bewegungslos auf seinen Stock gelehnt, und Kröppel-Leah saß auf dem Bündel mit dem Nachlaß des Schwestersohnes. Sie warteten ruhig ab, daß das Schicksal ihnen den dritten Mann sende, um den Hans Vogedes vielleicht wohl fahren mochte; und dieser dritte Mann erschien jetzt wirklich. Er kam durch das niedere Feld und die Allerwiese vom Dorfe Boffzen her, — auch ein alter Mensch, hochgewachsen, dürr, im schwarzen Rock und Untergewand, weitbeinig und energisch-eilig — Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr der lutherischen Kilianikirche zu Höxter. Es schien ihm gut zu dünken, bald nach Hause zu kommen, denn die Witterung wurde nicht freundlicher, und die Dämmerung nahm immer mehr zu. Ob der Pastor auch noch andere Gründe für seine Hast hatte, werden wir ja wohl erfahren; fürs erste, als er die stattliche Gestalt des Benediktiners an der Fährstelle zu Gesicht bekam, mäßigte er seinen Schritt; jedoch nur für die kürzeste Weile, denn sofort trat er um so kräftiger auf und heran und grüßte kurz und schweigend.

Höflich erwiderte der Bruder Henricus den Gruß; die Judenfrau erhob sich mühsam von ihrem Sitze und knixte. Es war eine seltsame Gruppe, die unter dem stürmischen, dunklen Himmel, vor den gelben grollenden, wild hinstürzenden Wassern auf das Höxtersche Fährschiff zu warten hatte; der Mönch von Corvey aber war der erste, dem das Schweigen peinlich wurde, und der also auch zuerst den Mund auftat. Wahrhaftig, es ist zweihundert Jahre her, aber auch der Bruder Heinrich von Herstelle begann mit einer Bemerkung über das Wetter, und sie hatte dieselbe Wirkung wie heutzutage.

„Es ist freilich ein rauher Tag,“ erwiderte Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr zu Sankt Kilian, nach der Stadt hinüber und auf die zertrümmerte Brücke sehend. „Ein Tag oder Abend, wie er wohl für Ort und Zeit paßt.“

„Sie haben das richtige Wort gesprochen, Herr Pastor,“ sagte der Mönch. „Obgleich ich vom Hause abwesend war, so nehm’ ich gern jede Anmerkung, die hier und heute tempora et mores in ein Gleichnis bringt, vollgeltend hin.“

Die jüdische Greisin, die sich wieder auf ihr Bündel niedergekauert hatte, bedeckte das Gesicht mit der rechten Hand und seufzte schwer und nickte verstohlen gleichfalls.

„Sie befanden sich nicht beim französischen Abmarsch im Stift, mein Pater?“ fragte der Pfarrherr.

„Ich trug einen Brief zum Herrn Herzog Rudolfus Augustus, — nämlich ich traf ihn mit Heeresmacht zu Wickensen, auf seinem Amtshause, — ich traf ihn mit Heeresmacht dort im Walde, im Solling.“

„Ei!“ murmelte der Prediger von Sankt Kilian, hoch aufhorchend. „Die Herren zu Corvey waren sich dessen vermutend? Hat der welsche Holofer —“

Er brach ab und schloß — seinerseits mit einem schweren Seufzer: „Es ist gleich; wir bleiben, wie wir sind, in der Not. Der Wille des Herrn geschehe, jetzt und immerdar.“

„Amen!“ sagte der Bruder Henricus.

Das Fährschiff ließ noch immer auf sich warten; aber das Gespräch auf dem rechten Weserufer war in Gang gekommen. Der Mönch fragte höflich und der lutherische geistliche Hirt antwortete ebenso höflich, wenngleich viel finsterer oder, sozusagen, verdrossener. Sie erfuhren beide mancherlei voneinander, was ihnen wissenswert sein mußte. Was den Bruder Henricus im besonderen anbetraf, so erfuhr der nunmehr ganz genau, in welcher Weise diesmal die Höxtersche Brücke stromab geschwommen sei und wie drüben, wieder einmal, das Haus wandlos und dachlos stehe, jedem Regen- und Sturmstoß preisgegeben. Die jüdische Greisin murmelte eintönig ihre Gebete vor sich hin, der schmutzige Fluß rauschte mürrisch, und am Brucktor von Huxar rüstete Hans Vogedes sich endlich zur Fahrt. Die sonderbare Wachtgesellschaft unter dem Tor hatte sich um einen sonderbaren Menschen vermehrt, und dieser war’s auch, der den faulen Schiffer an sein Amt trieb.

Er war die Straße herabgekommen, die Hände in den Taschen, den Hut schief auf den verwilderten Lockenkopf gedrückt, in abgetragenes gelehrtes Schwarz gekleidet, eine kurze, gestopfte, doch nicht brennende Tonpfeife im Munde, sein einziges Eigentum in dieser lustigen Welt, Quinti Horatii Flacci poemata in einem abgegriffenen Schweinslederbande im Sack und — seine eigene Version des römischen Poeten zwischen den Zähnen:

„Nun herrschet mit lockeren Flammen im Herzen

Die Thrakerin Chloe zu Lachen und Scherzen,

Nun singt sie, nun schlägt sie die Laute mir fein;

Zu doppeln ihr Leben setz’ meines ich ein.“

Da wir mehr mit dem jungen Mann zu tun haben werden, so wollen wir sofort sagen, wie er hieß, wer er war, und wie es mit ihm stand.

Mit Namen hieß er Lambertus Tewes, er war der Schwestersohn Ehrn Helmrich Vollborts, des Predigers zu Sankt Kilian, und seines Zeichens war er leider ein vor acht Tagen von der berühmten Universität, der Julia Karolina zu Helmstedt, relegierter Studiosus der Jurisprudenz. Sein Alter belief sich auf neunzehn Jahre und vielleicht ein halbes drüber; sonsten war er heute wahrscheinlich der einzige Mensch vergnügten, wohlwollenden und unbesorgten Gemütes in der Stadt Höxter an der Weser, und der sich auch dergestalt natürlich gab. Zu der schmauchenden Wachtmannschaft trat er heran, um sich Feuer auf seinen Tabak geben zu lassen; zu versäumen hatte er sonst nichts und sah es gern, wenn man ihm irgendwo, wie zum Exempel hier, augenblicklich Platz auf der Bank machte.

„Rück zu, Schulkamerad, wenn du nichts Besseres vor hast,“ rief einer von der lutherischen Wacht, der mit dem Studenten vordem dem Höxterschen Scholarchen durch die Hände gelaufen war. „Willst du aber über die Weser, so wird dich Hans Vogedes sogleich mitnehmen und sogar umsonst, das heißt, für ein Stück Latein aus deinem Tröster, während er das Schiff löst. Nicht wahr, der Handel gilt?“

„Nicht wahr? Ei so!“ lachte der verwilderte Helmstedter Bursch. „Du fielst der alten Mutter Philosophia freilich eher aus der vielgeflickten Schürze, als sie dich in den römischen und griechischen Topf schütteln konnte! Nun, du hättest den Höxteranischen gelehrten Sauerkohl auch nicht fetter gemacht.“

„Meister Polhenne, er fängt an, die Gemütlichkeit zu stören, sowie er kommt. Man kennt deine Redensarten, du Träbernfresser.“

„Ruhe auf der Wacht. Magister Lambert, haltet den Mund; und Ihr, Schuster Kappes, das Maul! Sonsten aber stimme ich auch für ein Stück aus dem alten Heiden,“ brummte der Korporal Polhenne.

„Gefällt Euch der alte Heide so gut, Korporal?“

„Hier am Ort ist niemand, der es da Euch gleich tut. Das Latein kommt immer mehr ab in der Welt. Jesus, wenn ich an meine Jugendzeit denke, und wie sie da es uns von den Kanzeln an die Köpfe warfen!“

„O nata mecum consule Manlio,“ summte der Student, aber brach sogleich ab, um seine Perlen nicht vor die Säue zu werfen, klopfte den Korporal auf die Schulter und rief: „Lasset nur das Latein, Polhenne —

Corvinus vermahnt uns

Bedachtvoll und klug,

Das Faß aufzuwinden,

Zu heben den Krug.

Wie Sokrates redet,

Doch trinkt auch wie er!

So klingt schon beim Alten,

Beim Cato die Lehr.

Sagt, Jungen, was gibt es denn zu trinken am Ufer

des gelben Tibers — will sagen, der gelben Weser?

Was hat euch der falsche Punier, der grimmige Unhold

Hannibal für euren und meinen Durst übrig gelassen?“

„Wenn Ihr den Fougerais meint, Magister — da! da läuft es!“ schrie wie ein Mann wütend die Wacht am Brucktor zu Huxar, auf den Weserstrom deutend.

„Dieses Faß wird Euch so leicht nicht auslaufen, Herr Doktor!“ brummte einer der Münsterschen Musketierer über die Schulter; der Student aber schüttelte sich:

„Brr! — er ist zuletzt abmarschiert, seinem Meister Turennius nach; — ultimo scabies, die Krätze auf den Letzten. Bei den unsterblichen Göttern, ihr Herren, da mag selbst dem Gutherzigsten der Germanen sein kimmerischer Tag allzu grau werden, um den Horaz zu zitieren. Gebt mir Feuer auf meine Pfeife.“

Das geschah, und in dem nämlichen Augenblick kam von drüben her über den Fluß ein heiserer Ruf, und ein schwarzer Mann winkte durch die Abenddämmerung mit seinem weißen Sacktuch. Herr Lambert Tewes, der sich zweier Augen von Falkenart rühmte, sagte:

„Ich hab’ ihn zu Hause gesucht, um noch einmal kläglich vor ihm zu tun. Doch chère tante, ehe sie mir die Haustür vor der Nase zuschlug und verriegelte, tat mir kund, der Herr Oheim sei nicht zu Hause, sei über die Weser zum Herrn Amtsbruder in Boffzen. Ecce vir excellentissimus — avunculus divinus ac singularis, — und siehe ein Mönch und ein alt Weib in den Handel! Hinüber, Fährmann, und holt mir den Herrn Oheim, ich brauche ihn notwendiger, als ihr euch vorstellen möget, ihr Herren und guten Freunde.“

„Ich hab’ es dir schon lange gesagt, daß du dich endlich aufmachest, Hans,“ fiel einer der Spießträger bei. „Es ist unser Herr Pastore, der zuletzt ungeduldig geworden ist.“

Das wirkte. Der Fährmann stand auf, reckte sich, gähnte, stieg in sein Schiff und griff nach dem Seil. Seinen Platz auf der Bank nahm, wie gesagt, der Student ein.

Schwer arbeitete sich der Schiffer mit seinem Kahn, gegen die mächtig drängenden, winterlich geschwollenen Fluten an, hinüber zum anderen Ufer. Die Wacht sah ihm mit behaglich-träger Anteilnehmung nach, und Herr Lambert Tewes, den Rauch aus seiner kurzen Tonpfeife blasend, summte:

„Mit Gleichmut nimm, was frommt, was dreut,

Die Welt fleußt gleich dem Strome her,

Der sanft in seinem Bette heut

Abgleitet zum Etruskermeer;

Doch morgen in Empörung schwillt,

Aus seinen Ufern überquillt,

Gesteine schiebt,

Den Wald zerstiebt,

Die Herde schluckt in seinen Bauch,

Den Hirten und die Hütte auch;

Wenn Jupiter der Menschheit grollt

Und schwarz Gewölk vom Pol her rollt.“

Drittes Kapitel.

Der Student hatte sich eben in solcher Weise die Ode seines römischen Poeten an den Gönner Mäcenas mundgerecht gemacht, als das Fährschiff das jenseitige Ufer der Weser erreichte. Mit einer höflichen Mützabnehmung und mit einem Kratzfuß lud Hans Vogedes den lutherischen Geistlichen ein, einzusteigen. Den Mönch von Corvey, den Bruder Henricus, grüßte er auch, doch um ein bedeutendes formloser. Was die alte Jüdin anbetraf, so machte er selbstverständlich Miene, vom Lande wieder abzustoßen, ohne sie mit nach Höxter hinüberzunehmen.

Der Mönch aber hatte ihr für ihr Geld zu ihrem Rechte verholfen, zu einem Sitze im Kahn, und auch der Prediger von Sankt Kilian war zugerückt, um ihrem Bündel Platz zu machen.

Nun schwamm die Fähre von neuem der Stadt zu. Die beiden geistlichen Herren saßen still, die Jüdin zusammengeduckt gleichfalls: der rohe Fährmann murrte bei seiner freilich nicht leichten Arbeit immerfort leise Schimpfworte vor sich hin und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf den Sack, der die Erbschaft der Kröppel-Leah enthielt. In der Mitte des Stromes fragte der Mönch:

„Wie geht es Euch da — zu Hause, Schiffsmann, seit das fremde Volk Abschied genommen hat?“

„Der Teufel hat sein Hauptquartier da behalten, Pater,“ lautete die Antwort. „In Corvey war groß Jubilieren — sie werden auch Euch das Essen warm gestellt haben. Höxar hungert und kaut Wut; Ihr werdet dort wenige Hauswände finden, durch die der Wind nicht pfeift. Sacré, wie die französischen Hunde sagten, ich pfeife auch darauf, ich hab’ wenigstens nicht Weib und Kind zu versorgen. Um ein wenig besser Handgeld wär’ ich auch mit dem Fougerais abgezogen.“

Der Bruder Henricus seufzte: auch der Pastor Helmrich Vollbort seufzte und schlug mit der Faust auf den Rand des schwerfälligen Fahrzeuges.

Der Pastor sagte dann:

„Der Mann spricht Ihnen die Wahrheit, Herr Pater, wie ich schon vorhin sie sagte. Es sieht übel aus in der armen Stadt; der Herr bewahre uns vor weiterem Schaden.“

Der wilde Fluß wand sich unter dem Kahn gleich einem bösen Tier.

„Die Welt ist gleich dem Strom,“ fuhr der Pastor fort, „sie gehet bedeckt mit Trümmern; aber der Herr wandelt dennoch auf den Wassern. Er wird’s wohl zwingen.“

„Amen!“ erwiderte der Bruder Henricus, und dann wurde nichts weiter gesprochen, bis der Kahn unter der Höxterschen ruinierten Stadtmauer ans Ufer stieß. In demselben Augenblick schon sprang der Student von seiner Bank am Brucktor auf und an den Rand der Fähre, zog den Hut zierlich, bot dem Pfarrherrn von Sankt Kilian die Hand zum Aussteigen und sprach:

„Ehrwürden Herr Onkel, ich hab’ mir vorhin wieder einmal die Ehre gegeben, Ihnen in Ihrer Behausung aufwarten zu wollen. Die Frau Tante hat mich hierher gewiesen ab ostio ad Ostiam, von der Tür — die sie mir leider vor der Nase verschloß — nach Ostia, will sagen an den Hafen. Ich mache mein Kompliment, Herr Oheim.“

„Und ich habe Euch nichts weiter zu sagen, Herr! Was stellt Ihr Euch immer von neuem mir in den Weg?“

„Heraus, Alte! marsch, — her den Fährlohn und fort mit dir, du Hexe!“ schrie der Fährmann die Jüdin an.

„Gott Abrahams, gleich, lieber Mann!“ rief die Greisin. „O, Erbarmen, werdet nicht böse — da, da!“

Sie reichte mit zitternder Hand die schlechten Pfennige hin und stolperte und fiel, als sie mit ihrem Bündel über den Bord des Kahnes stieg. Die von der Wacht lachten alle über das alte Weib.

Von dem Mönch nahm der Schiffer seinen Lohn, ohne weiter etwas zu bemerken; aber die beiden Münsterschen Kriegsleute und der Bürgerkorporal Polhenne hielten die Hüte in der Hand. Mit einem stummen Gruße für alle und mit einem Kopfneigen für seine Glaubensgenossen schritt der Bruder Henricus durch das Brucktor, den übrigen voran.

Die Kröppel-Leah trieb einer der wachthaltenden Schneider spaßhafterweise mit dem Spießende zum eiligeren Forthumpeln an. Ihr sah der Fährmann am nachdenklichsten jetzo nach und nahm einen und den andern Kumpan aus dem Volk, das sich sonst noch an der Fährstelle angesammelt hatte, zu einem Geflüster beiseite.

Der Student Meister Lambert Tewes hatte nach der kurzen und derben Abweisung seines ehrwürdigen Verwandten den Hut wieder aufgesetzt; aber als ein braver Bursch, der mit den Philistern umzugehen weiß, ließ er so leicht nicht locker. Wenn er vorhin vom Etruskermeer gesungen hatte, so begab er sich jetzt auf ein ander Gewässer, griff rückwärts nach dem Horaz in seiner Tasche, um sich zu vergewissern, daß dieser Trostbringer noch vorhanden sei, und summte, was voreinst dem Aelius Lamia vorgepfiffen worden war, dem unwirschen Onkel Helmrich von Sankt Kilian hin:

Musis amicus, tristitiam et metus

Tradam protervis in mare Creticum

Portare ventis —

er sang es aber deutsch in absonderlicher Umschreibung:

„Der Wind pfeift hin zur Kreterflut,

Verdruß und Wut

Und Grämlichkeit

Fährt mit ihm weit!

Dem Musensohn kommt’s närrisch vor,

Kratzt sich der Philosoph am Ohr;

es würde mir das Herz abdrücken, Ehrwürden Herr Oheim, wann ich als Eurer Frauen Schwestersohn Euch so leichthin, ohne nochmals Eure Kniee umfaßt zu haben, Eures Weges in Übelgewogenheit gehen ließe. Es ist wohl wahr, sie haben mir Consilium abeundi gegeben, aber —“

„Und ich und meine Hausfrau haben desgleichen getan!“ rief der Pastor zornig. „Herr, haltet mich nicht länger auf; ich und mein Haus haben nichts mehr mit Euch zu schaffen.“

Der Prediger ging schneller zu; aber der Neffe hielt sich hartnäckig an seiner Seite.

„Bei den Penaten Eures Herdes, Herr Oheim —“

Er kam mit seiner Rede wiederum nicht zu Ende. Plötzlich stand der alte, strenge Herr still und rief:

„Was wollt Ihr eigentlich noch, Monsieur, nachdem ich Euch meine Meinung so deutlich gesagt habe? Ist das eine Zeit für Narrenteiding? Sehet Euch um, ist das ein Schauspiel dem Auge, um dabei den Horatius abzuleiern? Sehet mir in das Herz; — in dem Hause Gottes haben die Fremden ihre Rosse gestallt; in meiner Kirchen haben sie ihre Bacchanalia gehalten! O rufet nur Evoë, Evoë, und lobet den Bacchus und die Venus, die —; greifet Euch doch in das eigene Herz; ist denn das Volk der Teutschen, das arme elende Volk — hauslos und dachlos hier und an so mancher anderen Statt — in der Lust und Begierde, des römischen Poeten geile Reime an sein schmerzend Ohr klingen zu hören?! Sehet um Euch, Mensch, und gehet und lasset mich meines Weges gehen; was hülfe es Euch, daß Ihr mit mir kämet? Auch bei mir würdet Ihr eine verwüstete Heimstätte und einen kalten Herd finden.“

Der geistliche Herr hatte eine Handbewegung um sich her gemacht, und was diese harte, magere, knochige Hand andeutete, das sah freilich trostlos genug aus.

Sturm auf Sturm war seit dem Jahre 1618 über das Höxtersche Weichbild hingefahren. Kein Chronist hat noch gezählt, wie oft dieser Ort, die Fährstelle und Brücke am großen Völkerübergang zwischen Ost und Westen dem Schwert und der Brandfackel anheimgefallen war. Aber die Ruinen, die wüsten Stellen, die Ärmlichkeit der wenigen wieder aufgerichteten Menschenwohnungen und diese in ihrer allerneuesten Verwüstung zeugten davon. Gleich einem verwesenden Körper lag die Stadt Huxar in dem grauen Abendlicht des Dezembers da, und die alten schwarzen Kirchen ragten wie das Knochengerüst aus dem zerfallenen Fleische der Stadt. Und die Gasse war voll des zerstampften Strohs, des Schutts, der Asche und Trümmer und stank auch sonst dem Heer des allerchristlichsten Königs übel nach; der Student hielt sich die Nase zu, schob den Hut von einem Ohr zum anderen und nickte:

„Bei den Göttern, es ist ein Elend!“

Das war es; aber das Laster saß eben doch zu tief im Blut. Herr Lambert zitierte wieder; wenngleich mit kläglichster Miene:

„Wem klagt das Volk des Reiches Fall,

Wen ruft es an mit Seufzerschwall?

Wen schickt uns Zeus als Rächer her,

Wem legt er in die Hand die Wehr?

Dein Licht verhüllt, schwing nieder dich,

Augur Apoll errette mich, —

ad Augustum Caesarem ist die Ode überschrieben, Herr Oheim.“

„Den Herrn sollt Ihr anrufen; sein Name ist Zebaoth! Emanuel ist sein heiliger Name!“ sprach der Pfarrherr, die drohende Hand erhebend und weiter schreitend. Jetzt ließ der Student und Neffe ihn ziehen und stand still und sah ihm nach und dann noch einmal sich um in Höxter.

Viertes Kapitel.

Die Vetternschaft und zärtliche Verwandtschaft hätten wir demnach also vergeblich begrüßet!“ sagte der in die Wildnis ausgetriebene Bürger und ungeratene Sohn der erlauchten und erleuchteten Mutter Julia Karolina. „Sie haben mir immer meinen Weichmut vorgeworfen; aber hier habe ich es wahrlich nicht an Hartnäckigkeit fehlen lassen. Da hab’ ich doch getan und versucht, was meine seligen Eltern nur verlangen konnten. Ein anderer wär’ längst grob geworden und hätte der lieben Frau Tante und dem Herrn Onkel den Stuhl vor die Tür geschoben; nur solch ein gutherziger Gesell wie ich läßt sich dreimal aus ihr herauswerfen, ohne auf die ihm von früher Jugend an eingebläute Pietas den Teufel herabzubeschwören. Alle Höllengeister, erlöset mich von dem weichen Gemüte!“

Er kratzte sich bedenklich am Krauskopf, obgleich er vor zehn Minuten noch jeden Weltweisen, der dergleichen tun würde, arg in gebundener Rede gelästert hatte. Dann griff er von neuem hinterwärts in den Sack, traf aber auch diesmal auf wenig mehr drin als auf den Günstling des Mäcenas, den Liebhaber Glycerens, den Freund des Varus, — auf den alten sonnigen Schäker, den Flaccus. So stand er in der beginnenden deutschen Winternacht, als plötzlich der weiße Benediktinermönch, der Bruder Henricus, abermals an ihm vorbeiging. Der Frater hatte noch einen Besuch bei dem Minoritenprediger, den der Fürstbischof Bernhard von Galen der katholischen Kirche in Höxter als Hirten vorgesetzt, abgestattet, hatte ihn jedoch nicht zu Hause angetroffen und war, vom Küster zu Sankt Peter beschieden, ihm nach dem Hause des Bürgermeisters Thönis Merz nachgegangen. Er hatte seinen Minoriten richtig gefunden und sein Wort mit ihm ausgetauscht, und nun war er auf dem Wege zum Corveytor.

„Salve Domine!“ sagte der Student recht freundlich; und der Mönch schreckte auf, wie es schien, aus recht unbehaglichem Gedankenspiel. Er grüßte aber auch freundlich mit einer Verneigung und wollte damit ruhig an dem jungen Gelehrten vorüber; aber so glatt ging dieses doch nicht. Herr Lambert Tewes ging sofort mit ihm und führte die Unterhaltung weiter.

„Sie gehen nach Hause, ehrwürdiger Herr Pater?“

„Ich gehe nach einer langen, mühsamen Wanderung durch die arge Welt heim in meine Zelle.“

„Und Sie wissen also wohl gar nicht, wie gut Sie es haben, mein Pater?“

Trotz seiner Verstimmung mußte der Alte doch lächeln, und seinen Schritt mäßigend, fragte er:

„Sie gehen bei diesem üblen Wetter noch nicht heim, gelehrter Herr Studiosus?“

„Wie gerne!“ seufzte der Student; „aber haben Sie auch einmal, Herr Pater, einen Onkel und eine Tante gehabt? O heiliger Kilianus, in welche Hände ist dein Haus übergegangen! Ich hatte so sicher da auf eine Abendmahlzeit und einen Strohsack unter dem Schutze deines Marterzeugs gezählt! Ehrwürdiger Herr, sehet hier; als sie mich von Helmstedt wegtrieben, ließ ich ihnen meine Schulden und nahm ihnen diesen Göttersohn in Schweinsleder aus ihrer Bibliotheka mit. Den werde ich nun bei dieser lieblichen Witterung die Nacht über in einer dieser Höxterischen Ruinen an einem eingefallenen Herde als Kopfkissen nehmen müssen. Was meinen Sie aber, mein Pater, wenn Sie ihn mir abhandelten um ein Billiges? Wenn Phöbus nicht längst diesem niederträchtigen Erdenwinkel den Rücken gewendet hätte, würde ich das Volum Ihnen gern zur genauen Besichtigung ad oculos rücken. Es ist eine treffliche Edition — Amstelodami, ex officina Henrici et Theodori Boom — mit einem Frontispizium vom berühmten Maler und Kupferstecher Romyn de Hooghe; he?!“

„Ich war ein Reitersmann in meiner Jungheit und habe schon und leider als Junker Heinrich von Herstelle meines Informators Latein an den Büschen hängen lassen,“ erwiderte der Mönch. „Ich danke Euch herzlich, mein lieber junger Freund, und befehle Euch dem Schutze des Allerhöchsten. Sonsten haben wir auch zu Corvey eine mächtige, fürtreffliche Bücherei, und sie würden mich weidlich auslachen, wenn ich von der Reise dergleichen ihnen mitbrächte und zutrüge.“

„Eulen nach Athen,“ murmelte der Student. „Ich will’s aus Höflichkeit glauben; also — vergnügliche gute Nacht, mein Pater.“

Der Mönch verneigte sich abermals und ging; der Helmstedtsche Studiosus blieb und rief, als der Bruder Henricus ihm aus Gehörweite entfernt zu sein schien:

„Also wiederum abgeblitzt! Da lohnte es sich in Wahrheit, seinen Musquedonner oder seine Schnapphahnflinte zu laden! Pulver und Blei! Palsambleu! mille millions tonnerres! kein Fluch in teutscher Zunge kann da ausreichen, um einem Menschenkind Luft zu machen. Da nimmt der Pfaff meinen warmen Sitz am Corveyschen Stiftsküchenfeuer in seiner Kutte mit hin; aber — das ist die Zeit, so ist die Zeit! so sind sie alle — gleichviel ob katholisch oder lutherisch aufgewichst! o du heiliger Simson von der Kollegienkirche! o ihr Fleischtöpfe der alma mater Julia! o du lange Burschenbank im Ducksteinkeller! — Und solch einem Böotier hab’ ich meinen Lauriger für ein Nachtessen angeboten?! Schäme dich, Lambertus, und geh in dich! Bei den Unsterblichen, es bleibt also bei einem Nachtquartier in den Ruderibus des Herrn Feldzeugmeisters von Wrangel. Gesegnet sei sein Angedenken! gesegnet sei sein Durchmarsch nach dem Allgäu zum Bregenzer Sturm! Gesegnet seien seine Kartaunen und Bombarden von Anno Sechsundvierzig! Da kriegte man doch wahrlich Lust, selbst den Tilly und den Generalfeldmarschall von Gleen und das Jahr Vierunddreißig mit seinem ‚Salzkotter Quartier!‘ hochleben zu lassen. Was finge nun heute unsereiner an ohne die Ruinen vom Höxterschen Blutbad?!“

Ei ja, aber wer hatte sonst in dieser Nacht ein ruhig, warmes Quartier, ein sicheres und behagliches Kopfkissen und Deckbett in Huxar an der Weser? Eigentlich niemand. Es kam keiner zu einem gesunden Schlaf, außer den gesunden Kindern. Es war eben in der Woche nach der Sündflut, und wie die übriggebliebene Familie Noah sehr bald in Gezänk und Hohn gegeneinander ihrem Unbehagen in der verwüsteten Welt Raum gab, so lag die Höxtersche Bürgerschaft jetzt schon im Hader untereinander und sich im Haar.

Sie hatten sich — beide, Katholiken wie Lutheraner, — manches von der fremdländischen Besatzung gefallen lassen müssen, von dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais. Nun waren die Franzosen abgezogen, aber das Gift in den Herzen und Köpfen war geblieben. Ein jeglicher suchte nach jemand, an dem er seine Galle, gestraft oder ungestraft — freilich am liebsten in letzterer Weise — los werden konnte, und beim rechten Lichte besehen, war niemand vorhanden, der sich hätte anmaßen dürfen, den Wächter über die kochenden Leidenschaften zu spielen und den Deckel überzustülpen. Sie waren alle Partei! Und der, welcher die stärkste Hand hätte haben können, nämlich Herr Christoph Bernhard, der Bischof zu Münster, führte Krieg mit den Herren Generalstaaten, pfiff auf das Deutsche Reich, versah sich nichts Gutes von dem Herzog Rudolfus Augustus auf dem Amthause Wickensen und wußte zu allem übrigen, daß seine „gute Munizipalstadt“, nämlich die Stadt Höxter, der Mehrzahl ihrer Eingesessenen nach, gleichfalls nach Wickensen ausschaute, jedoch aus einem ganz anderen Grunde als er, der Bischof.

„Laufe schnell mal einer nach dem Bürgermeister!“ heißt es sonst wohl in einem gutgeordneten Gemeinwesen; aber auch das war leider Gottes hier und diesmal von wenig Nutzen. Auch der Bürgermeister von Höxter, Herr Thönis Merz, war Partei. Man hatte von katholischer Seite, um ihn und seine „arme gute Stadt“ unter die Botmäßigkeit des Stiftes und des Herrn Fürstbischofs zu bringen, ihm und ihr mit Schikanen und sogar auch Handgreiflichkeiten arg zugesetzt. Seine Berichte und Klageschriften an den Schutzherrn zu Wickensen schrien laut genug darob.

Wie lange war es her zum Exempel, daß man ihn, den hochedlen Bürgermeister, samt seinem ehrbaren Rat auf die Sperlingsjagd geschickt hatte? War das keine Schikane, daß man von Corvey aus der guten und glorreichen Stadt Huxar wie der geringsten Bauernschaft der Umgegend auferlegte, ihr Quantum Sperlingsköpfe im Stiftshofe abzuliefern, vorzuzählen und aufzuschütten?!

Per vulnera Christi hatte die Stadt zum Herzog Rudolfus Augustus um Hülfe geschrien, und der Bruder Henricus konnte darüber aussagen, wie die herzoglichen Gnaden über den Fall dachten.

Ja, ja, wie sich der Bischof und der Herzog über die Weser mit Briefen und von braunschweigischer Seite vor kurzem auch mit einigen Kompagnien Fußvolks und stattlichen Reiterzügen unter die Nase rückten und jahrelang hin- und herzogen, das steht auf manchem Blatte zu lesen, das gelb und muffig aus jener Zeit zu uns herabgekommen ist.

„Die gute, uralte Stadt Höxar, welche umb ihrer Gerechtsamen und ihrer heiligen Religion halber Leib, Gut und Blut verloren, wird nunmehr als das geringste Dorf gehalten. Ihre Schlüssel sind ihr benommen, in ihrem guten Rechte, sich selber einen Scharfrichter zu halten, ist sie turbiret. Selbst das Judengeleit, so die Stadt doch vor und nach Anno 1624 gehabt, ist ihr auch wieder weggenommen, daß anitzo ein Hauffen Juden alle in bürgerlichen Häusern allda wohnen, ihren Wucher treiben und dennoch der Stadt nichts geben!“

So schrie die lutherische Bürgerschaft.

„Wir werden Euch lehren, so anzäpfliche Worte ohngescheut auszusprengen!“ grollte der katholische Teil der Bevölkerung; und von Corvey aus ließen sich die bischöflichen Gnaden vernehmen:

„Mit sonderbarer Milde und Clementz haben wir bis dato Euch ungeratene, widerspänstige Leute zu Huxar traktiret. Unser landesfürstliches Recht haben wir gewahret: wie reimet sich dann, was Ihr zur Bemantelung des Braunschweigischen feindlichen Einfalls hervorbringet?“

„Sind nicht schon Bürgermeistern Johann Wildenhorern deswegen, daß er vor 16 Jahren bey weyland Herrn Abts Arnolden Zeiten in damaligen seinem Bürgermeister-Ampte für der Stadt Jura gestrebet, allererst vor drei Jahren, wie itztermeldeten Herrn Abts Fürstliche Gnaden schon todt gewesen, Früchte weggenommen?“ klang’s vom Rathause.

„Und wer war Schuld daran,“ klang’s zurück, „daß unserm Fürstlich Münsterischen Hauptmann Meyer, welcher mit zwanzig Mann bei Euch lag, das Trommelspiel, womit derselbe durch seinen Tambour die gewöhnliche Reveli, Scharwacht und Zapfenstreich schlagen lassen, gewaltthätig weggenommen und zu der Braunschweigischen Munition unterm Rathhaus hingebracht wurde?“

„Seid Ihr nicht in dieser anhängigen Sache gleichsam Judex, pars et advocatus?“ schrie die Stadt.

„Mit nichten! Von Gottes Gnaden sind Wir, Christoph Bernhard, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Eueres heillosen, rebellischen Municipii eingesetzter und gesalbter Landesherr!“ schallte es zurück.

„Hm, Euer Liebden,“ kam’s vom jenseitigen Ufer der Weser schriftlich herüber, „ohne Euer Liebden in Ihrer unstreitigen Gerechtsame und Landes-Fürstlicher Hoheit zu nahe zu treten, so haben wir doch als Erb-Schutz-Herr wegen unseres Fürstlichen Hauses Interesse dahin zu sehen, daß die arme Stadt in solchem desperaten Zustande nicht gleichsam vor unsern Augen zu Grunde gehen muge.“ Signatum: „Rudolff Augustus“ „An den Herrn Bischoffen von Münster.“

In der gehörigen Zeit nach diesem freundnachbarlichen Schreiben war — eben der Herr von Turenne in Höxter eingerückt. Eine verständlichere Antwort auf den herzoglichen Brief hatte Herr Christoph Bernhard von Galen nicht zu geben gewußt, daß aber der gute Nachbar auf dem Amtshause Wickensen sie sofort verstanden hatte, wird uns deutlich werden, wenn der alte Reiter Heinrich von Herstelle zu Corvey Kunde davon gibt, was er im Solling sah.

Was die Judenschaft anbetraf, über deren in Wegfall gekommenes „Geleitsrecht“ die Bürgerschaft von Höxter gleichfalls so sehr erbost war, so hielt sie sich verständigerweise so still als möglich, ohne daß es ihr viel half. — —

Und nun hatte der Herr von Fougerais am Tage vor der Heimkehr des Bruders Henricus, nach Wesel abmarschierend, die gute Stadt des Fürstbischofs von Münster verlassen und — nicht ohne seine Gründe, vorher die Brücke, die auf das rechte Weserufer überführte, abgebrochen. Christoph Bernhard mit seiner Macht stand weit in der Ferne gegen Holland: für eine Zeit waren Höxter und Corvey sich selber anheimgegeben, und wild und wüst wie in den Häusern und Gassen sah es in den Gemütern aus.

Der Helmstedter konsiliierte Studente, der, seinem Worte wenigstens nach, eben im Begriff war, ein Nachtquartier in irgendeiner Ruine früheren Wohlstandes zu suchen, konnte da vielleicht unter Umständen den ruhigsten und behaglichsten Platz in ganz Huxar finden. Es war jetzt ganz Nacht und viel zu dunkel, um den Horatius hervorzuholen und, mit dem Zeigefinger zwischen die Blätter greifend, sich ein Vaticinium aus ihm herauszulangen, wie man früher desgleichen sich aus dem Virgilius holte. Herr Lambert ging deshalb einfach wie jedes andere Menschenkind, wie das Schicksal ihn führte; und bis jetzt hatte dasselbe ihn, wo nicht immer behaglich, so doch stets recht vergnüglich durch die arge Welt geleitet.

Fünftes Kapitel.

Wir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern, denen das Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand geführt wird. Nun gingen wir nur allzu gern sofort dem Bruder Henricus nach; allein schon hat man uns auf die Schulter geklopft und nach einer anderen Richtung hingedeutet.

Wie die beiden anderen, die mit ihr den wilden Strom überschifft hatten, war die Kröppel-Leah nach Hause gegangen. Und wenn der Pfarrherr von St. Kilian hinter der vor dem Neffen verriegelten Tür sein Weib am warmen Ofen, wenn der Mönch von Corvey seine Zelle fand, so fand die Greisin ihre Heimat in Ordnung — wie die Zeitläufte es erlaubten. Fünfzig Mann von einem pikardischen Musketierregimente hatten in ihrem Hause gelegen und es sich darin während ihrer Abwesenheit behaglich gemacht! Die Haustür war halb aus den Angeln gerissen, der größte Teil der Fensterscheiben auch hier zertrümmert. Sämtliches Gerät war in Stücke zerschlagen worden. Die Wände waren vom Rauch geschwärzt und sonst besudelt und mit Namen und wüsten Zeichnungen versaut: die fremden Gäste hatten nicht alle schreiben können, aber sie hatten sämtlich zu zeichnen verstanden — und wie!

Die fünfzig französischen Kriegsmänner hatten das Judenhaus für sich allein gehabt; aber noch am Tage ihres Abzuges mit dem Herrn von Fougerais oder vielmehr am Abende dieses Tages hatte sich jemand eingefunden, der eine Weile starr mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei dastand, bis er in ein lautes Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines Mädchen von vierzehn Jahren, der Greisin letzte Enkelin, gewesen. Wo das Kind sich während der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte, war dem Stift und der Stadt gleichgültig; wenn auch uns nicht. Jetzt war es wieder da und weinte auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter gerade so laut und bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen Stadt Jerusalem.

Doch das Kind hatte sich gefaßt. Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes schier noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder anzuheften wußte. Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause der Glaubensgenossen, in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen worden war, ein Lämpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere Arbeit angefangen. Das kleine Judenmädchen hatte das Haus gereinigt!

Mit seinem Lämpchen in der armen, winzigen, zitternden Hand suchte es das verwüstete Haus ab vom Keller bis zum Boden, und häufig stöhnte es und rief den Gott seines Volkes an, wenn es wieder ein schlau und sicher angelegtes Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlaueren, auch auf dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von Turenne aufgefunden und ausgestöbert fand. Und das Kind war ganz allein in seiner Not gewesen. Niemand hatte sich darum gekümmert in Höxter, wenn der Schimmer der kleinen Lampe bald hier, bald dort an einer der leeren, schwarzen Fensteröffnungen vorüberflimmerte. Der Volks- und Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwarzen Brot, einem schlechten Messer ohne Griff, einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen Kochtopf dazugetan:

„Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine Herde von Zicklein und Böcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll Mehl und Honig und Öl und Gewürz nachfahren lassen, wenn wir’s könnten; aber wir können’s nicht, Simeath!“ hatte man in Meister Samuels Hause gesagt.

„Da hast du noch einen Besen; es ist wohl der schlechteste, aber wir brauchen alle übrigen selber,“ hatte die Frau Siphra hinzugefügt, und so war das Kind mit herzlichem Dank und überströmenden Dankestränen gegangen und hatte es dem König Louis, dem Bischof von Münster, dem Herrn von Turenne, dem Herrn von Fougerais, dem Stift und der Stadt zum Trotz möglich gemacht, sich einzurichten, bis die Großmutter heimkehrte.

Nach dem Hofe zu gelegen, befand sich im oberen Stockwerke des Hauses ein enges, dunkles Gemach, in welchem monsieur le Sergeant mit seiner Zuhälterin, einer dicken Champenoise aus Troyes, sein Quartier aufgeschlagen gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden war als die übrigen Räume. In dieser Kammer stand noch das Bett aufrecht, sowie auch ein Tisch, dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen worden war. Zwei oder drei noch sitzgerechte Schemel waren auch dem scherzhaften Mutwillen des abziehenden Heeres entgangen. Schlimm genug sah es freilich auch hier auf dem Estrich, in den Winkeln und an den Wänden aus, und das Bettzeug warf Simeath sofort mit Schaudern in den Hof hinunter. Jedoch da war der Besen und die fleißige, harte, kleine Hand! Um Mitternacht war das Stübchen gekehrt, der Tisch festgestellt und vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamzelle Genevion heraufgeschleppt: eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen.

Wie das Kind erwachte — vielleicht aus einem glücklichen Traume! — wie es aufrecht saß und sich verstört zum Bewußtsein kommend, in der Scheußlichkeit rings umher umsah; wie es den Tag bis zur abermaligen Dämmerung des Abends hinbrachte, wollen wir auch nicht beschreiben. Wir sahen die Großmutter mit ihrem Bündel, von dem Spott und den bösen Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfähre verfolgt, humpelnd ihren Weg nach ihrer Behausung zu nehmen. Wir malen uns in der Phantasie aus, wie sie vor dem Hause stand und nach den zerbrochenen Scheiben hinaufstarrte, wie sie dann über die zertrümmerte Schwelle durch die türlose Pforte trat, und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete:

„Sieh! sieh! — Alles hin! nichts heil; — alles voll Ekel und Graus; — alles wüste, alles von den schlechten, wilden Menschen zugrunde gerichtet!“

Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der Sprache ihrer Väter gesagt. Nachher hat das kleine Mädchen die alte Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen geführt. Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden; die kleine Lampe aus dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem Tische, der von Simeath so künstlich zum Stehen gebracht wurde. Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tisch einander gegenüber. Das Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum Hildesheim liegt unter dem Tische.

„Mein gut Kind, wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt dieses Haus umgestürzt, seit ich Atem ziehe? Wer so weit herkommt aus der Zeit wie ich; wer den tollen Christian und den Tilly, den Herrn von Gleen, die Herzogin von Hessen, den Feldmarschall Holzappel, den Wrangel und so viele kleinere wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ, der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais! Ich sehe nur wieder, was ich schon ein Dutzend Male sah. Es ist eine Zeit, in welcher der Mensch das Schlimmste als das Gewöhnlichste hinnimmt. Weine nicht, mein liebes Herzchen, du bist jung und magst noch in eine reinlichere, bessere Zeit hineinleben!“

So hatte die Kröppel-Leah getröstet, und währenddessen hatte der Pastor zu St. Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht gewünscht; währenddessen hatte der Student seinen Tröster im Jammer, den Horatius, dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und Nachtquartier hingehalten; währenddessen — war von der Erbschaft der alten Jüdin an einem Orte, den wir jetzt erst betreten, die Rede.

Am Corveytor in einer Schenke, die im Schild als Zeichen einen Mann führte, welcher in einem Ölkessel tanzte, in der Kneipe „zum heiligen Vitus“, wurde von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen.

Der Student, Herr Lambert Tewes, war dreimal in das zerbrochene Mauerwerk früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet:

„Brr,“ hatte er jedesmal geächzt, und zum vierten Male wiederholte er den Versuch, sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen Krieges in Höxter zu suchen, nicht.

„Basolamano, messieurs, meine hochgünstigen Herren!“ sagte er höflich beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor; ein heller Jubel und lautstimmiges Halloh begrüßten ihn dagegen.

Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden und noch einige ihres Gelichters dazu. Eine saubere Gesellschaft, meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack und Unfug bereit! Da war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich, mit dem die Höxterianischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten schmalzen können; und dieser, nämlich der Säuberlich, war’s auch hier, der den Studenten zuerst wieder am Knopfe faßte, ihm mit einem schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie:

„Da haben wir ihn! Kerl, wo hast du gesteckt? Seit einer Stunde sehnen wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter. Juchhe, jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig! Tragt auf, gute Gesellen; Messer und Gabel heraus! Du gehst doch mit uns, Lambert?“

„Wohin, Signor Strillone?“

„Keine fremden Zungen jetzo, Alter! Wir verbitten uns das. Du gehst mit uns, wohin wir dich führen werden.“

„Schlecht Wetter draußen —“

„Aber gut genug, um eine lustige Nacht daraus zu machen in Höxter! Sämtliche gegenwärtige, ehrbare und fröhliche Kumpanei, Mann für Mann, geht mit.“

„Aber zuerst will ich doch wissen, was es gibt, Gevattern.“

„Hunger und Wut, Herr Doktor!“ schrie’s aus dem Haufen. „Alles, was die Franzosen uns gelassen haben.“

„Und einen elenden Durst dazu!“

„Ja saufen könnt Ihr, aber es ist das letzte vom Faß, und kein allerletztes gibt es offenkundig in Höxter! Gerade deshalb wollen wir die Kellerschlüssel holen. Die Lutherischen fallen auf die Katholiken und umgekehrt. Daß wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen Besuch machen, wirst du sicherlich nicht übelnehmen, Lambert.“

„Scabies capiat — der Teufel hole meinen Herrn Onkel!“ rief der Student; doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flüsterte ihm zu, um, wie er meinte, sein letztes Schwanken und Überlegen triumphvoll zu besiegen:

„Und nachher oder darzwischen fallen wir auch den Juden auf die Köpfe! Was? He? Was sagt Ihr?“

Der Student sah den Verführer einen langen Augenblick an, und dann sagte er:

„Ihr seid eben aus Merxhausen, Fährmann!“ Als worauf beinahe schon jetzt der allgemeine Judenprügel hier in der Kneipe zum heiligen Veit losgegangen wäre. Um aber die Erwiderung des Studenten und die Erbosung des Biedermannes Hans Vogedes vollkommen zu würdigen, bedarf es einer kurzen Erläuterung des Wortes.

Als nämlich der böse Feind, der Versucher, unsern Herrn Jesus Christus auf die Zinne des Tempels führte, sprach er zu ihm — nach einer Tradition, die sich an der Weser erhalten hat —: „Wenn du niederfällst und mich anbetest, soll dir dieses alles gehören, bis — bis auf Merxhausen und Sievershausen dort im Solling; — die beiden Dörfer behalte ich mir vor.“

„Aus Sievershausen bist du nicht, Tewes,“ brüllte Hans der Schiffer mit erhobener Faust, „aber deiner Ehrbarkeit wegen haben sie dich auch in Helmstedt nicht mit Fußtritten aus dem Tor gejagt. Du aufgeblasener Windsack, du Holzbock, willst hier und in jetziger Stunde einem braven Kerl aufmucken? Wahre deinen lateinischen Schädel, du Bettelstudent!“

Von oben bis unten betrachtete Meister Lambert sich den wütenden Strolch von neuem; dann trat er gleichmütig einen Schritt weiter an den Tisch, ergriff den ersten besten Krug, hob ihn an den Mund, ließ den Inhalt bedächtig die Gurgel herniederlaufen, seufzte, stieß das leere Gefäß mit einem Krach auf die Platte nieder und deklamierte mit vollem Pathos:

„Wie Lamm und Wolf befehden sich

Von Anfang an, so hass’ ich dich.

Denk du an den Ibererstrick

Und an die Striemen im Genick,

Item am Bein der Schellenring,

Monsieur, war ein beschwerlich Ding!

Ist das der Weg, auf dem du mich mit dir nehmen willst, o Menas?“

„Kreuz und alle Donner!“ schrie der Fährmann, mit dem Schaume vor dem Mund auf den Studenten losstürzend; aber Wigand Säuberlich warf sich ihm vor und fing seinen Arm auf:

„Halt, halt! Es steht im Buche!“

„Steht das so im Buche? Steht das so in seinem Buche?“ schrie die übrige Kompagneia. „Heraus damit, er soll’s beweisen, der Lambert, daß das so über den Hans gedruckt ist!“

„Es steht in meinem Buch, ihr Herren!“ lachte der Helmstedter, „haltet ihn mir nur noch einen kurzen Augenblick vom Leibe; ich trete den Beweis der Wahrheit an, und nachher gebt jedem ein Rapier; — auf die Faust laß ich mich nicht ein mit ihm!“

Er hatte seinen Horatius hervorgezogen und las und jetzo mit dem allerhöchsten Pathos:

„Lupis et agnis quanta sortito obtigit,

Tecum mihi discordia est,

Ibericis peruste funibus latus

Et crura dura compede!“

„Sackerment!“ stöhnte die ganze hochlöbliche Gesellschaft und kratzte sich hinter den Ohren. „Gib dich zufrieden, Hans Vogedes, dagegen kommst du nicht auf! Das ist die Zunge, in der sie Urtel und Recht sprechen. Das verfluchte welsche Galgenlateinisch könnte einem den ganzen Spaß von vornherein verleiden. Man sieht dabei ordentlich den grünen Tisch mit seinem Behängsel von Graubärten und geifernden Rat-, Richter- und Advokaten-Schnauzen vor sich! Na, wer geht nun noch mit ins Pläsier?“

Sie gingen dem „Galgenlateinisch“ zum Trotze alle bis auf den Studenten; dieser aber hielt noch eine kleine Rede.

„Bin ich deshalb der erlauchten Mutter Julia, der göttlichen Karoline durchgebrannt, um einem armen Judenweib und seinem Packen schiele Blicke nachzuwerfen?! Apage, apage — weiche von mir, das heißt, ihr Herren, was kümmert’s mich! Macht, was ihr wollt; aber mich laßt damit ungeschoren. Ich werde das Haus hier hüten und die Bank für euch warm halten.“

Es ging noch ein Murren durch den schlimmen Kreis, doch Lambert ließ sich das wenig anfechten. Er rückte behaglich am obern Teil des Tisches neben dem Ofen in die Reihe der noch Sitzenden, indem er das eine Bein über die Bank schwang.

„Bruderherz, bedenke dich noch einmal,“ sprach ihm Wigand Säuberlich zu.

„Bruderherz, das tu’ ich auch; aber sieh mal, Herzbruder, wer sollte denn die Historie eurer glorreichen Heldentaten auf die Nachwelt bringen, wenn einer eurer Knüppel mir im Durcheinander das Hirn ausschlüge?“

„Also ohne dich! Marsch, ihr Brüder! En avant, wie der Herr Kommandante, der Hund, der Fougerais, zum Abschied schrie. Es ist eben eine Zeit, in der jeder seinen eigenen Willen haben muß. Unsere Väter haben es uns nicht anders gelehrt!“

„Bei den unsterblichen Göttern, so ist’s!“ schrie der Student, als aber die Rotte hinausgestürmt war, sprang er von der Bank auf und auf den Tisch und jauchzte:

„Höxter und Corvey!“

So rufen sie dort auf der Kegelbahn, wenn alle Neune fallen.

Sechstes Kapitel.

Das wird eine schöne Katzbalgerei werden! Na, Wirt, bist du für Stift oder Stadt?“

„Alle beide sollen verrecken! Komm aber erst herunter vom Tisch, und vertritt mir das Geschirr nicht, ’s ist das letzte, was mir die Welschen heil gelassen haben.“

„Da gilt’s freilich Vorsicht für den Rest, Alter,“ sprach der Student und kam dem mürrischen Worte des Wirtes zum heiligen Vitus nach. Er stieg herunter von der Tafel, reckte und dehnte sich behaglich, streckte sich sodann lang auf der langen Bank aus, zog die qualmende Lampe näher zu sich heran und schob seinen Lauriger jetzt als Ruhekissen unter den Kopf. Dann schlug er die Hände gleichfalls unter dem Hinterkopfe zusammen und sah so halb schläfrig und ganz gleichgültig dem leise vor sich hinbrummenden Hospes zu, der die Gläser und Krüge abräumte und von Zeit zu Zeit an das niedere Fenster oder vor die Tür seiner Spelunke trat, um in die Nacht hinaus- und seinen liebenswerten Stammgästen nachzuhorchen. Aus der Tiefe des Hauses ertönte gedämpft das Krächzen eines Säuglings, dazwischen die singende Stimme der Wirtin zum heiligen Veit. Auch den Wind vernahm man und von Zeit zu Zeit das Niederrauschen eines Regenschauers. Bei allem diesem Getön entschlummerte nach den geistigen und körperlichen Strapazen des Tages Herr Lambert Tewes sanft und schlief eine halbe Stunde besser als vielleicht sonst irgendein Mensch in Höxter.

Nach einer halben Stunde aber fuhr er wieder in die Höhe und starrte verbiestert um sich und nicht ohne Grund.

Die Sturmglocken waren noch nicht ruiniert in Höxter: man läutete Sturm auf St. Kilian und man läutete Sturm auf St. Niklas!

„Was will uns dieser Tummel doch?

Schlagt in den Erdball mir kein Loch!

Hallo, da sind sie aneinander! Juchhe, Höxter und Corvey! Höxter und Corvey!“ schrie der Student jubelnd, und wir — halten uns beide Ohren zu und gehen nunmehr den Weg, den vorhin der gute Mönch, Bruder Heinrich von Herstelle, nach Hause gegangen war.

Heute führt eine schöne Kastanienallee von der Stadt nach der Abtei, und wir wissen von mehr als einem wolkenlosen Sommertage her ihren Schatten zu würdigen. Damals zog sich der Pfad, vom Kriege kahl gefressen, die Weser entlang, nur daß hier und da ein dickköpfiger Weidenstrunk gespenstisch aus dem niedern Ufergebüsch aufragte. Die Nacht und das Winterwetter hatten den Weg für sich; der Bruder Henricus zog die Kapuze über den Schädel und sah nicht nach rechts und links; er stolperte selbst für seine Geduld auf dem durch Rosseshuf und Räderspur aufgewühlten und durchfurchten Boden allzu häufig.

„Dem Herrn sei Lob!“ ächzte er, als er endlich vor dem Tor von Corvey stand und nach der Glocke des Pförtners tastete; allein seine Geduld sollte nunmehr noch auf die höchste Probe gestellt werden. Er hätte ebensogut vor das schlafende Schloß der Prinzeß Dornröschen kommen können.

Er läutete, und er läutete vergeblich.

Sie schliefen alle, vom Herrn Prior, Niklas von Zitzewitz, an bis zum Bruder Pförtner. Kein Lichtstrahl fiel aus irgendeinem Fenster; — wenn Vater Adelhardus, der Kellermeister, noch Licht hatte, so half das Bruder Henricus fürs erste nichts, denn das Gemach des Pater Kellners war gen Osten, dem Flusse zu gelegen und der müde Wanderer kam von Westen vor dem Tor an.

„All ihr Heiligen, was hat der Böse ihnen in den Schlaftrunk gemischt?!“ stöhnte der Bruder Henricus nach zehn Minuten unablässigen Pochens, Rufens und Schellens. Nun hing er sich noch einmal an die Glocke, und nimmer hatte er dieselbe im Kirchenturme so brünstig zur Hora oder Mette gezogen.

„Endlich!“ rief er grimmig, als sich dann das Fenster neben der Pforte auftat und der Pförtner die Frage tat, wer da Einlaß begehre?

Das wurde gesagt und der Bruder Henricus eingelassen. In früheren Jahren würde er jetzo den Torhüter an der Gurgel genommen haben; als alter Mann und demütiger, sanfter Diszipul des heiligen Benediktus aber begnügte er sich mit der unwirschen Frage:

„Nun sagt nur, was ist denn eigentlich hier vorgegangen, daß zu dieser frühen Abendzeit das ganze Stift daliegt wie ein Hamsternest im Januar?“

„Wohlleben und Jubilation, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte der schlaftrunkene, kaum auf den Füßen sich haltende und zwischen jeglichen zwei Worten gähnende Pförtner. „Offenes Haus — seit Eurer Abfahrt — wochenlang — die französische Generalität bei Tag und Nacht! — O, wir haben uns als freundliche Wirte erwiesen, mein Frater — wie es uns zukam, mein Frater; — und die französischen Herren waren auch sehr zufrieden mit uns. Wir haben ein gutes Gedüfte von uns mit ihnen in die Ferne entlassen.“

„So, so, hm, hm,“ brummte der Bruder Heinrich von Herstelle, „und derweilen mußte unsereiner im unwegsamen Solling umhervagieren und mit des verdrießlichen Braunschweigers kalter Küche und lackem Kofent vorlieb nehmen! Ei, ei, und ich bringe doch auch Botschaft vom Gange — wichtige Nachrichten! Ist denn niemand von den Vätern noch wach, daß er sie mir abnehme und mich der Responsabilität erledige?“

„Keiner! Wir sind alle zu Bett in der großen Müdigkeit; — wenn — nicht vielleicht der ehrwürdige Vater Adelhard —“

„Aha!“ brummte der Bruder Henricus. „Saget nichts weiter, mein lieber Sohn! Ich danke Euch, daß Ihr mir das Tor geöffnet habt; nun leget Euch wieder, und Sankt Benediktus versorge Euch mit einem heilsamen und frommen Traum.“

„Euch desgleichen, mein Frater,“ erwiderte der Bruder Pförtner und zog sich zurück in seine Zelle; der Bruder Henricus fand seinen Weg schon allein.

Er tappte die Gänge und Zellen entlang, und hinter mancher eichenen Tür hervor vernahm er das sonore Schnarchen der Brüder und Väter im Herrn.

„Wie die Engel schlafen sie,“ brummte der Bruder Henricus, fügte aber sonderbarerweise an: „Na, na!“

So kam er vor der Pforte des Stiftskellners Adelhardus von Bruch an und klopfte.

„Domi!“ klang es im tiefen Baß — domi, das heißt „Bin zu Hause! Bin drin!“

„Gott sei Dank,“ murmelte Bruder Heinrich und trat ein mit dem durch die Ordensregel des heiligen Benedikts vorgeschriebenen Gruße. Wer aber nicht die Responsen darauf sang, das war der Vater Adelhardus. Der war wirklich drinnen; er saß breit im bequemen Stuhle vor dem Eichentisch, und wenn das, was da vor ihm stand, die letzten Überbleibsel vom französischen Feste waren, so war’s freilich hoch hergegangen zu Corvey, aber auch noch mancherlei übrig geblieben.

Eine Schüssel mit einem zur Hälfte leider vertilgten gekochten Schinken! Eine Schüssel mit dem Gerippe eines Truthahnes! Ein Brot wie ein halbes Wagenrad und eine Reihe von Erdkrügen und Glasflaschen nebst einem Humpen, der an und für sich, das heißt durch seine äußere Erscheinung, schon das Auge erfreute, was auch der Inhalt sein mochte!

„Non confido oculis meis, ich traue meinen Augen nicht!“ rief der Vater Adelhardus, ein wenig lallend. „Bist du es, mein Sohn Heinrich?“

„Ich bin es, und was ich sehe, gefällt mir wohl,“ erwiderte der brave, alte Reitersmann und gute Bruder von Corvey, Heinrich von Herstelle.

„Cor meum prae gaudio exultat, das Herz hüpfet mir vor Freude. Soll ich aufstehen, mein Sohn, dir entgegenzueilen? Desiste, stehe ab davon — setze dich lieber selber, denn ich weiß, daß man dich auf einen mühseligen Gang hinausgesendet hat ad paganos, zu den Heiden — in die Wüsten, per deserta ac solitudines. Ich habe dich sehr vermisset, mein Sohn, in dem Drangsal der letzten Zeiten.“

Der Bruder Henricus stellte seinen Stab im Winkel ab und kam und sah hin über den Tisch, und froh, gutmütig und heimisch-behaglich lächelnd auf den Kellner im Weinberge des Herrn.

„Ich bin gewandert und habe gesehen. Ich bin zurückgekommen mit Nachricht aus der Wüste und dem wilden Wald. Wollen Sie den Herrn Priorem wecken, mein Pater, daß ich berichte, was ich sah und erkundete?“

„Non sum hebes nec stupidus, da müßte ich ein Esel oder ein Schafskopf sein. Setze dich, mein lieber Sohn, und erzähle fürs erste mir, was du sahest — für die andern hat’s Zeit bis morgen.“

„Der Herr Prior hat mir aber bei seiner Seele anbefohlen, nach meiner Rückkehr sogleich vor ihm zu erscheinen, sei es bei Tage, sei’s bei Nacht.“

„Halt!“ rief der Vater Adelhard, beide weiche und breite Hände auf die Lehnen seines Sessels stützend und sich also mühesam erhebend: „Er erboset uns auch, so oft er kann; ärgern wir ihn desgleichen! Komm mit mir, mein Sohn Heinrich; ich wecke ihn dir.“

Sie weckten ihn wirklich, den Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und er nahm ihren Eifer auf, wie es sich gebührte.

Der Kellermeister ging zu ihm hinein, nachdem er dem Bruder Henricus heimtückisch-schalkhaft den Ellenbogen in die Seite gestoßen hatte. Der Bruder Henricus wartete vor der Tür; aber er hatte gar nicht lange zu warten.

„Seine Hochwürden lassen dich grüßen, mein Sohn, und geben dir ihren Segen —“

„Und?“

„Er hätte mir beinahe das erste, was ihm unter seiner Bettstatt zuhanden kam, an den Kopf geworfen. Morgen bei guter Zeit will er mit dir reden und dich anhören, mein Sohn. Wünschest du nun vielleicht, daß wir auch zum Bruder von dem Felde, dem Vater Florentius, dem Herrn Subprior, uns verfügen?“

„Ich denke, wir lassen es hiermit bewenden,“ meinte der Bruder Henricus ein wenig kläglich und verdrossen.

„Oder zum Vater Metternich, unserm guten Probst Ferdinandus?“

Der Bruder Henricus schüttelte nur den Kopf.

„Dann komme du wieder mit mir! Ich bin der einzige im Stift, der dir noch ein Nachtessen und einen Trunk verschafft.“

Der Vater Adelhardus legte traulich seinen Arm in den seines greisen Sohnes: „Ich sagte es dir ja; die Mühe hätten wir uns ersparen können,“ sagte er, als sie wieder in seinem Gemache vor dem Schinken und dem Truthahn saßen, und der Bruder Henricus den vorbemeldeten Humpen nach einem langen, langen Zuge, — wiederum seufzend, aber diesmal ganz behaglich — seinem — besten Freunde im Stift Corvey zum ersten Mal zurückschob, nämlich zu neuer Füllung aus einem der ungeheuerlichen grauen Steinkrüge mit dem in Blau gemalten Wappen der Abtei.

Siebentes Kapitel.