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Wilhelm Schäfer
Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Ein Verzeichnis der Werke
von
Wilhelm Schäfer
findet sich am Schluß
dieses Bandes
Die dreizehn Bücher
der deutschen Seele
von
Wilhelm Schäfer
Albert Langen / Georg Müller München
131. bis 140. Tausend
Copyright 1922 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München
Printed in Germany
Eingang
Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die suchenden Sinne.
Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle, daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen geschichtet sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden, weil die Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner Gegenwart trägt.
Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging verloren, ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die blinkende Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber die kreißenden Ströme des Lebens sind in der Tiefe.
Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist, was deine Zukunft sein wird.
Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich waren; sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter und mählich stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und unerreichbar ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft, darin dein Dasein zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb.
Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du hast keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir widerfahren mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im Tageslicht der andern gewogen.
Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du für einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken: nur in seiner, nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen und versinken sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere Vergangenheit muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft bleiben!
Das Schuldbuch der Götter
Er
Im Anfang war Er, der himmlische Gott; die Erde grünte in Seiner Sonne.
Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten, die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner lustwandelnden Liebe genoß.
Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde.
Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen.
Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht; Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner Gestirne!
Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.
Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.
Die Götter
Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund, das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle Sonne versank.
Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr: Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.
Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer; sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.
Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard und ließ wachsen das erste Grün.
Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.
Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes und fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.
Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld.
Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein und Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur ein Ast war im ewigen Leben der Welt.
Der Kampf mit den Vanen
Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard.
Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten, die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an.
Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten; Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne: die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die Herrschaft rangen der neugewordenen Welt.
Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden Unrast die Welt überlassend.
Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten; abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.
Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen.
Wodan
Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den Asen zurück.
Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.
Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken, und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war.
Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis der Welt.
Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die Räder der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.
Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil war die Sorge.
Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger, dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu schauen.
Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.
Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl, die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.
Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.
Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne.
Frigga
Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.
Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie trug die Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt.
Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken den Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich der Götter die segnende Hausmutter hätten.
Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis.
In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit der Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut.
Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem Dunkel der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf Nächte durchstürmten.
Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des Todes: aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder zu warten im Schoß der ewigen Zeugung.
Freya und Fro
Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Vanen, Heilzeugen himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Asen: ihr Teil war die fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne.
Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling; es dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die glückhaften Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung.
Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger: der Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte die Erde bestrich.
Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen Einkehr, wenn er aus Alfheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit Kränzen und dankreichem Opfer.
Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle Erscheinung; ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne.
Keinem der Asen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme: strahlengekrönt von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte am Mittag im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder hin in den glühenden Abend.
Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die Wolken glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck Brisingamen hing, das köstlichste Kleinod der Welt.
Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene Glut des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und trugen es glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht.
So hielten die Vanengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten der Götter; sie waren den Asen vergeiselt im schuldvollen Kampf um das Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen Tage.
Donar
Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit er die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente durchzuckte.
Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit zackigen Sprüngen.
Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns, wenn er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden Funken: dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich die Kreatur, bis sein Bocksgespann donnerrollend verscholl.
Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt machte in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die Lenden geschürzt, aber so fern seine tollkühne Fahrt in die kalte Dunkelheit führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den Göttern zur Lust, die längst in Ungeduld harrten.
Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blitzeblinks Bau, wo er die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß die Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten.
Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Verrat das Vorrecht der Asen gefährde: wie Er, der Himmelsgott, tat im Gleichmaß ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft seiner Faust und in der Furcht seiner Strafe.
Loki
Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der Frühe die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard, und die Asen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel brachte.
Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit dem Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem Riesengeschlecht, wenn es ihm paßte, und verhöhnte die Asengewalt.
Als ob er der Nornen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als Schalksnarr, und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanengewalt: so hielt er das Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel das göttliche Schellenspiel an.
Der Dämon der Ränke und ruchlosen Rede aber schwoll auf und wurde dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut:
Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den kalten Strömen der Unterwelt hausend das Ende der Taten empfing; da hielten sie alle den schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins Schattenreich kamen, Menschen wie Götter, im Schicksal der letzten Erfüllung.
In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt, schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen Midgardschlange: Urfeindin dem asischen Göttergeschlecht, und allen Glanz Asgards unentrinnbar umschließend.
Stärker als Geri und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris, der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert stak ihm quer in dem feurigen Rachen.
Aber einmal riß er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mimirs nicht mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem Übermut seiner Götter.
Baldur
Näher als alle asischen Götter stand Baldur den Kindern der Vanen: der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die schwellende Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte.
So licht war sein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im Blütenkleid spielte.
Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn, früh zu sterben im Schicksal der Nornen bestimmt sei.
Frigga, die bangende Mutter, nahm allen den Schwur ab, tot- und lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Wasser und Stein: daß keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid aus Liebe mit Eifer.
Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte ihm Leides antun, der lächelnd abwehrte, als Sieger im Scherzspiel der Götter.
Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als Weib entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch allein nicht in Baldurs Liebesbann sei.
Da gab er dem blinden Hödur den Zweig der Mistel zur Hand, den Bruder zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims Nacht.
Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und erstarrt, die starken Asen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß ihrem Dasein für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere Spiel.
Auf seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und langsam den Blicken entschwand.
Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendtag, von den Bergen lodernd bis Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende Frühling, fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten den Abschied zu leuchten.
Baldurs Beweinung
Indessen das Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts nach Nebelheim fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle Sohn Wodans, den Bruder zu lösen und wiederzubringen nach Asgard.
Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und die Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, daß keiner aus Nebelheim wieder nach Midgard entkäme.
Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur den Bruder sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert, im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann.
Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in seinen Saal Weitglanz zurück.
Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach Weitglanz, den Frühling zu bringen.
Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten der Welt, um Baldur zu weinen, daß ihm aus Tränen die Wiederkehr würde, aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung.
Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen mit silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des Frühlings.
Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur Hel, als sie das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich Nutzen von ihm, dem weißnackigen Neuling der Asen? Behalte darum Hel, was sie hat!
Da weinten zum andernmal Götter und Menschen, die Bäume und Blumen, die Brunnen und Steine der Erde; daß die Wiederkehr Baldurs verwirkt war; das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer.
Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki der Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung kam: aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache.
Die Rache
Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung.
Aber Wodan von seinem Hochsitz erspähte den Falschen; eilig kamen die Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen.
Als er sich aufschnellte über dem Wasser, den Schnüren noch zu entgehen, ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den Entgleitenden fest am schuppigen Schwanz.
Da mußte der Leugner sein Dasein bekennen; in eine Höhle brachten sie ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hart ans Gestein, wie sie den Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein böses Gezücht.
Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, ins Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune hielt ihrem Gatten die Treue; mit einer Schale stand sie dem Steinlager bei, die Tropfen zu fangen; nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren, traf Loki das sengende Gift.
Dann bebte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich auf in der Fessel; rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des gemarterten Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, daß einmal die Fessel zerspränge.
So war die Herrschaft der Götter im elementarischen Haß ihrer Herkunft zerfallen; noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars drohender Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand nahe vor seiner Erfüllung.
Götterdämmerung
Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert ihre Kraft; kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt Schnee und Hagel über den Mißwachs: auf den kahlen Feldern der Erde ist Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt leer.
Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel; den Mond und die Sonne fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird mit Blut.
Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen Nacht, daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende Land: da wird von den Fesseln Loki befreit; hohnlachend ruft er die Brut, den Göttern zur Rache.
Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus den Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten befrachtet.
Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Rachen und die Augen düster im Brand; über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer, aus den Nüstern fahren ihm Flammen.
Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit; aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund: als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und Luft, nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut.
Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im Feuer gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend wie nie eine Sonne.
Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels, die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe; nur noch die Burgen auf Asgard halten ihr stand.
Durch Heimdalls warnenden Hornruf geweckt sind die Götter sorgend versammelt; Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mimirs Weisheit zu wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm; die Weltesche Ygdrasil wankt in den Wurzeln.
Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen Götter, Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem alles zermalmenden Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier unübersehbare Scharen.
Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende Wolfsmaul verschlingt ihn samt seiner Waffe; rächend stößt Widar, der Sohn, seinen Stahl durch den gähnenden Rachen dem Untier ins schwarzblutige Herz.
Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer das Haupt, aber hoch spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt den stärksten der Asen.
Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe; der Treue fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter; indessen Surturs weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer.
Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger aus Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand aus der Wohnung der Vanenbezwinger.
Bis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen; die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung der elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin in der letzten Entscheidung.
Wiederkunft
Einmal wird die Lohe verlöschen; aus dem gestillten Meer hebt die Erde von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel.
Die Flut wird kühl und verrinnt; im grünen Kleid wie zuvor prangen die Täler und Berge; auch blühen die Blumen im Gras.
Denn die Sonne steht wieder im Blau; ungesät wachsen Halme und Ähren; im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblust gerettet, die Ahnen künftiger Menschheit.
Baldur ist heimgekehrt aus dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam wieder, die Geisel der asischen Götter: Vanen- und Asenkinder vereint spielen im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter.
Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden Tage; nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen Gestirne.
Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam wieder von oben: in unverrückbarer Schwebe hält Er dem Dasein das Recht über dem ewigen Abgrund.
Das Buch der Könige
Die blonden Räuber der Frühe
Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen fern und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und Frucht in lässiger Fülle.
Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen Fang.
Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter und hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast fern; die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme.
Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch reiche Gaben.
Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und Vieh im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet mit Wällen und Ketten um ihre Wagenburg.
Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt die furchtsamen Völker bezwang.
Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger, blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer: Riesen der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit Schwertschlag erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen.
Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das Dasein zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten.
Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die Schwertherren der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne Homers zu scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter.
Die olympischen Götter
Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten.
Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das Leben im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende Sintflut.
Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal wohnten sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle: Sein Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne.
Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische Aufruhr das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte.
Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der Mittelmeergärten gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit lockenden Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks, mit dem schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen.
Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die glückreichen Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren, rühmten sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang ihrer himmlischen Geltung.
Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber die Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben; Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh.
Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer Laster ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend.
Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal wie sie als kurze Tyrannen.
Die Griechen
Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe.
Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe, hoben die Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und bestritten den Göttern die Ehre.
Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische Himmel der Götter ins Schaubild menschlicher Taten.
Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend, da wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht.
Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten der Tat die Gewichte der ewigen Geltung.
So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung, so traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend.
Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut im lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt, und in der Zucht harter Gesetze.
Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den Richterstab hüten.
Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst des Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen als freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären.
So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter Gesetze, so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland die Trutzburg griechischer Freiheit.
Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien Gemeinde lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte.
Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg die helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des Abendlandes wurde.
Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze.
Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein marmorner Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie liebte die Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die Zucht.
Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes, und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum Verlöschen, und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem heiteren Schaubild der Stadt.
Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten Königsstadt neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber.
Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und Raum, der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu bilden.
Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit nach Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter zu funkeln begann.
Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen Dinge, aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den Abgrund zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der menschlichen Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten.
Die Römer
Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück Alexanders, der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf dem Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler starb ruhmlos Sparta.
Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten, über dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer, über dem pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen.
Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten.
Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu stellen.
Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates war der Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert und dem Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga.
Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit.
Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein im Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und gemessen in seiner Haltung, groß allein war die Tat.
Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht.
So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die bunte Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß Gebieter im Abend- und Morgenland sein.
Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde, bis Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den Prunkmantel der römischen Kaisermacht trug.
Das Land der neblichten Wälder
Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder: ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter.
Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen und Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht und mühsam der Wildfang.
Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge, kurz war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner Sonne; Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh kam der Herbst mit den Frösten.
Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das Quellengeheimnis zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden Bächen, gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und Freiheit in Atem.
Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh, gleich moosigen Zelten.
Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die Menschen im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel verschlang ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein Winter verschneite den Schlaf der wartenden Tage.
Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein Gebot es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen.
Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten: Er hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund.
Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht; Seine Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung umschritten.
Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder; dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren verschlossen, kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der neblichten Wälder die unvergessenen Wege.
Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen.
Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze.
Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben, sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem Schwert, und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in ein Haus kam.
Der kimbrische Schrecken
An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die Springflut germanischer Völker über das Abendland brachte, über das Schwertreich der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die Kimbrer waren sein frühester Schrecken.
Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen Leiber halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich Tieren der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins römische Land der Taurisker.
Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, fiel ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf der Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.
Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich westwärts ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit suchten.
Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.
Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.
Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als ihnen die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.
Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im Kanaan ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie das Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.
Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer der römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die Speere und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.
Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide und Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven, wo sie als Freie zu hausen gedachten.
Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer im kahlen Winter verdarben.
Die Stachelschnur der Kastelle
Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten Wälder.
Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien Germanen.
Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken, sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe germanischer Freiheit behütet.
Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder dem Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland.
Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als jemals ein Römer in Wodans Wolkenreich kam.
Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling.
Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin auf der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen.
Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im Sommer mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen.
Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten Meerküste stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder.
Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten.
Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der Schildruf trotzig anschweifender Scharen.
Arminius
Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im Weserland war.
Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling.
Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim Segestes dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge geschehen am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und seinen Zorn reizten.
Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen von römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und die Herkunft der freien Gemeinde.
Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was den Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften Männer, wurde von Varus verspottet.
Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn die Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören.
So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das Sommerlager verließ.
Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als die Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der Völker.
Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der Nachhut entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische Ufer zu tragen.
Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch blühte, schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker; die Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und Saxnot und den Helden der Götterzeit sangen.
In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten, Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer; und auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke.
Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem Land der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war.
Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage.
Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen.
Der Pfahlgraben
Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches Gewässer den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich vorschob im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen Quellen der Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des Zehntlandes ein.
Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen geschützt über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief.
Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert Meilen, durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau; acht Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer.
Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß.
Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer, wo nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine heilige Pflicht war.
Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten Fächer im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt mit vielverschlungenen Bändern.
Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde.
Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den Wäldern, sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde, sahen sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit halten.
Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen es sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der Gemeinschaft, sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf, wenn das Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer der Stämme.
Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da der Krieg Heldenruhm brachte.
Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie Treue um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren.
Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt.
Tacitus
Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen, was für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt sei und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler und Wüstling, römischer Kaiser.
Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen, hatte zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde hing das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt.
Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der römischen Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus dem Volksheer der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten.
Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach Britannien, aber der Bauch saß am Tiber.
Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern: Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die Kaisergewalt hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste gebaut.
Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte nicht eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit, der dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit vorhielt.
Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der Herkunft.
Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in einfachen Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er die Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen.
Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und war ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter.
Die Springflut
Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König brachten die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, von Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.
Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, weit in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter, Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam ins Wandern.
Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden wichen dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein ins Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß in die römischen Gärten.
Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den Markomannen zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod den kargen Gewinn aus der Hand.
Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen Deich rauschte das deutsche Gewässer.
Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von Norden der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.
Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.
Ermanerich
Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs, und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar.
So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen, seines den Göttern entstammenden Geschlechts.
Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien, und sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild die weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der Jungfrau, die seine Mutter zu heißen bestimmt war.
Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den Bart, der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt er den beiden die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde schleiften die schöne Schwanhild.
Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der sie spöttisch begrüßte.