Anmerkungen zur Transkription

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Wilhelm Schäfer

Lebenstag eines
Menschenfreundes

Roman

Georg Müller Verlag München 1920

12. Tausend

Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A.-G. München


Inhalt

Seite
Morgen [3]
Mittag [113]
Abend [239]
Nacht [397]
Berichtigung [407]

Morgen

1.

Als die Menschenseele in Heinrich Pestalozzi erwacht, liegt sie in einer Stube am Hirschengraben, wo sich jenseits der alten Stadtmauer bis zu den neuen Bastionen am Zürichberg hinauf die Landhäuser der Reichen sonnen. Sie selber spürt nicht viel von dieser Sonne, sie haust mit Kleinbürgersleuten im Gedränge hoher Steingebäude, die nur finstere Gäßchen zwischen sich lassen und mit dunklen Treppen in beengte Wohnungen führen. Außer der Mutter und einer Magd, die Babeli gerufen wird, sind noch drei Geschwister in der Stube, ein Knabe Johann Baptista und zwei Mädchen, von denen das kleinste in der Wiege liegt. Das wird eines Tages von schwarzen Männern fort getragen, über die dunkle Treppe hinunter in die Stadt, die draußen mit beschneiten Dächern wartet. Im Sommer aber ist es wieder da, schläft in der Wiege und heißt Bärbel, wie es vorher auch geheißen hat. Doch weint die Mutter immer noch, und der Vater, der sonst mit großen Schritten durch die Stube gegangen ist, liegt in der Kammer nebenan, nicht anders als das Bärbel in der Wiege; seine haarigen Hände ruhen auf dem Leintuch, und die Augen forschen an der Zimmerdecke.

Eines Tages muß das Babeli hinein zu ihm — allein und lange, während die Dachtraufe vor dem Fenster einen langen Strahl zerstäuben läßt; als es wieder herauskommt, fällt es der Mutter um den Hals und weint. Die hat, das Bärbel säugend, auf der Ofenbank gesessen; nun tut sie das Kind schnell von der Brust und läuft in die Kammer. Nachher muß Heinrich Pestalozzi mit den Geschwistern auch hinein; der Vater bemerkt sie schon nicht mehr, seine Augen aber forschen noch immer an der Zimmerdecke, nur die eine Hand ist von der Bettdecke abgerutscht, und die Mutter hängt daran, als ob sie ihn festhalten wolle.

Am andern Tag ist er in einen Sarg getan, die Hände sind auf der Brust gefaltet, und die Lider haben wie zwei Deckel aus Wachs die forschenden Augen zugemacht. Heinrich Pestalozzi und sein Bruder bekommen die Sonntagskleider an und müssen — als fremde Männer in schwarzen Röcken und Hüten kommen, den Vater zu holen — mit hinunter über die dunkle Treppe und hinter ihnen her durch die Gassen nach dem Großmünster gehen, wo gesungen und gebetet wird, bevor sie den Sarg auf den Kirchhof bringen und bei Wind und Regen in ein frisch gegrabenes Loch versenken. Seitdem Heinrich Pestalozzi die hohen Münsterhallen mit dem Donnerschall der Orgel gesehen hat, weiß er, wo die Schwester Bärbel so lange gewesen ist; der Vater aber kommt nicht wieder, bis er ihn fast vergißt und nur noch manchmal gleich ihm mit langen Schritten die Stube messen will.

Als wieder Winter wird, nimmt ihn das Babeli eines Abends schnell bei der Hand, einen Arzt zu suchen; sie finden den ersten nicht und müssen den zweiten erst aus einem Wirtshaus holen, wo viele Männer bei der Lampe in einer qualmigen Stube sitzen. Der läuft gleich mit, doch geht er bald wieder kopfschüttelnd fort von dem Bettchen der Schwester Dorothea, und andern Morgens sagt die Mutter, es sei gestorben an der Bräune. Die schwarzen Männer kommen zum drittenmal, aber diesmal tragen sie das Dorli fort, mit dem er jeden Tag gespielt hat. Seitdem ist ihm das Großmünster ein furchtbares Geheimnis, und so oft er die Glocken läuten hört, läuft er zur Stubentür, den Riegel vorzuschieben. Manchmal aber kommen doch Menschen über die Treppe herein, die mit der weinenden Mutter sprechen und denen er die Hand geben muß; er tut es gehorsam, doch immer in der Furcht, daß sie ihn mitnehmen könnten in das Großmünster. Auch wenn die Mutter oder das Babeli ihn selber an der Hand hinunter führen, ist er nicht froh, bis er endlich durch die Haustür hinein schlüpfen kann und oben die Heimeligkeit der Stube wiederfindet. Und nur dadurch, daß seine seltenen Ausgänge meist den gleichen Verlauf nehmen, durch die steilen Gassen und über Treppen zum Markt hinunter, wo die Limmat unter den Holzbrücken hindurch ihr reißendes Wasser drängt, oder Sonntags bis an den gleißenden See hinaus, wo die Schiffe und Schwäne schwimmen und die Wolken auf den fernen Bergen Rast machen, die den blauen Himmel mit ihrem weißen Zackenrand begrenzen: bahnt sich seine furchtsame Seele allmählich Straßen in die fremde Unermeßlichkeit, darin die Türme des Großmünsters drohend stehen. Sonst aber bleibt die Stube die einzige Sicherheit seiner Welt.

2.

Einmal macht Heinrich Pestalozzi auch eine Reise an den See mit seiner Mutter; mittags nach dem Markt fahren sie hinaus, unaufhörlich am Seeufer hin durch Dörfer mit weißen Kirchen, durch Weinberge und Matten, wo die Bauern lustige Haufen Heu zusammen bringen, bis nach Richterswil, wo der Onkel Johannes wohnt. Es ist dort ein großes Haus mit einem prächtigen Garten und vielen fremden Menschen, die seiner schwarzen Mutter um den Hals fallen und denen er die Hand geben muß. Auch einen Knaben gibt es, älter als er und wie ein Soldat mit einem stolzen Federbusch gekleidet; der führt ihn auf den großen Speicher, wo Korn in Haufen liegt, durch die Ställe mit unheimlich behörnten Kühen und stampfenden Pferden in die Weinberge hinauf zu einer Bank, die unter einer Linde einen Ausblick auf den See gibt bis tief in die blauen Bergschlüfte hinein, und danach an das weiche Ufer hinunter, wo das Ried mit hohen Halmen aus dem Wasser wächst und seine Büschel im Wind verneigt. Da haben Jünglinge gerade ein Schiff los gemacht, und weil der eine ein Bruder des Knaben mit dem Federhut ist, sollen sie mit einsteigen. Die Mutter aber kommt gelaufen, todblaß, und trägt ihn auf den Armen, obwohl er sich dessen schämt und schreiend wehrt, durch den Garten zurück ins Haus.

Sie bleiben zwei Tage dort, bis sie am dritten Morgen noch in der Dunkelheit abfahren auf dem selben Bauernwagen und in der Morgenfrühe zurück kommen in die Stadt und in die Stube, wo der dicke Kachelofen mit der kühlen Steinbank auf sie wartet und das Babeli mit den Geschwistern ist. Er denkt später nicht gern an diese Reise; es ist ihm alles fremd geblieben, als ob er nur geträumt hätte.

3.

Lieber hat Heinrich Pestalozzi die Ausflüge nach Höngg, wo der Großvater als Pfarrer amtet. Sie brauchen keinen Bauernwagen dahinaus, sie gehen durch die Niederdorfporte auf die Schaffhauser Straße und dann am Käferberg sacht hinauf durch Weinberge bis an den Hügelrand, wo nach einer Stunde das Dörfchen mit der sauberen Kirche und dem Pfarrhaus erscheint. Unten zieht die Limmat ihren Silberstreifen durch das breite Tal, und hinten zeigt der Albisrücken die steile Schmalseite; wo seine Kante gegen den See verläuft, steht vor der Heiligkeit der Berge und gegen das blanke Wasser die Stadt Zürich mit ihren Mauern und Türmen dunkel wie ein Haufe reisigen Kriegsvolks da.

Jedesmal, wenn er mit seinem Bruder Johann Baptista angekommen ist und sie sich in dem unteren mit spitzen Feldsteinen gepflasterten Flur von dem Staub des Marsches gereinigt haben, dürfen sie zu dem alten Herrn in die Studierstube hinauf. Sie liegt ganz oben und ist in der Ecke des Pfarrhauses so eingebaut, daß durch die breiten Fenster von Süden und Osten die Helligkeit der weiten Landschaft hinein sieht und den würdigen Greis mit Heiterkeit umspielt. Er steht nicht auf, wenn die Buben zu ihm herein kommen, auch dürfen sie nicht anders als einzeln gerufen zu ihm an den Tisch treten. Jedes muß sein Sprüchlein sagen, wie sie die Mutter verlassen haben und wie lange sie unterwegs gewesen sind; und niemals fällt es ihnen bei, hier oben die Ehrwürdigkeit durch eine Zärtlichkeit zu verletzen. Erst unten, wenn er mit am Tisch sitzt, wo die Großmutter mit den gütigen Zwickelfalten ihres alten Gesichtes das Gespräch führt, wird er der Großvater, der sie aus den Schoß nimmt und Scherze mit ihnen treibt. Aber wenn sich allmählich aus dem Donnergott des Großmünsters das Bild Gottes als eines himmlischen Vaters in Heinrich Pestalozzi umbildet, sind es die Züge des Großvaters in der Studierstube, die dem Bild ihr Wesen geben.

Stärker wird dieser Eindruck, als er am Gottesdienst teilnehmen darf. Das Pfarrhaus ist an die Kirche so angebaut, daß es mit dem Totenacker seitlich vom Dorf und am äußersten Rand des Hügels eine Art Gutshof vorstellt, der wie ein solcher auch durch einen Torweg zugänglich ist. Durch den sieht Heinrich Pestalozzi Sonntags die Kirchgänger kommen, sauber gekleidet in ihrer bäuerlichen Tracht. Die Glocken klingen heller, und auch die Orgel hat nicht den brausenden Schall wie im Großmünster. Wenn sie anfängt zu spielen, ist es nicht anders, als ob sich die dunkleren Stimmen der Männer mit denen der stauen und Kinder mischten, und wenn das Lied dann wirklich einsetzt, wird alles zum Gesang der Gemeinde.

Weil er die Stimme und das Wesen des Großvaters kennt, bleiben ihm auch die Worte seiner Predigt nicht gar so fremd, so wenig er im einzelnen davon versteht. Es ist fast der himmlische Vater selber, der zu seinen Kindern in dem feierlichen Ton der Studierstube spricht, aber der gütige Klang in seiner Stimme bleibt; und weil er niemals poltert, niemals aus den Rand der Kanzel schlägt wie die Prediger in der Stadt, bekommt die Predigt nichts von ihrem gottfremden Haß. So trägt Heinrich Pestalozzi jedesmal einen warmen Glanz von der Empore mit hinunter; und weil er die Kirchgänger nachher nicht gleich den Zürchern in die dunklen Schlüfte der Gassen verschwinden sondern langsamen Schrittes sich rund herum in die Gehöfte zerstreuen sieht, zweifelt er nicht daran, daß sie überall etwas von dem Glanz hinbringen. Um so stolzer ist ihm zumut, daß er selber danach im Pfarrhaus bleiben und mit dem Träger dieser feierlichen Macht zu Tisch sitzen darf — wo der Pfarrer freilich am Sonntag außer dem Gebet niemals ein Wort spricht, wie er auch an diesem Vormittag das Frühbrot in seiner Studierstube nimmt und sich vor dem Gottesdienst niemandem zeigt. Erst wenn er seine Mittagsruhe gehalten hat, sehen ihn seine Enkel als Großvater wieder, der gern fröhlich ist und sie manchmal noch bis vor das Tor der Stadt zurück begleitet; hinein geht er seit dem Tode seines einzigen Sohnes nicht mehr gern.

So bewirkt der Großvater in Höngg durch die weise Trennung amtlicher Würde von seiner gütigen Menschlichkeit, daß sich für die Kindheit Heinrich Pestalozzis das Grauen von den kirchlichen Dingen hebt.

4.

Auch außerhalb des Pfarrhauses findet Heinrich Pestalozzi im ländlichen Leben zu Höngg vertrautere Wege aus der engen Stube als in der finsteren Stadt. Wo jeder den andern kennt und die Großmutter wohl weiß, mit welchen Kindern sie den Enkel spielen läßt, ergibt sich leichter ein Kamerad. Der angenehmste heißt Ernst Luginbühl und wird ihm bald ein sehnsüchtig erwarteter Führer in die hügeligen Gebiete bis an den Wald am Käferberg hinauf oder gar in die steinichten Limmatwiesen hinunter, wo Samstags die Schiffe der geputzten Zürcher eilfertig mit der Strömung nach Baden treiben und Sonntags von dem Landvolk an Stricken mühsam stromauf gezogen werden. Er trägt keinen stolzen Federhut wie der Vetter in Richterswil, er läuft barhaupt und barfuß wie die andern Landbuben auch und hat prallrote Backen mit wasserhellen Augen; aber er weiß, wo man am sichersten einen Specht bei seiner Klopfarbeit belauscht oder wo ein Ameisenberg ist. Sein Vater arbeitet als Baumwollenweber, der erste und einzige in Höngg; einmal geht Heinrich Pestalozzi mit hinein und sieht den bärtigen Mann gebückt in dem Gestänge sitzen. Er hat nichts Ähnliches von menschlicher Arbeit gesehen; Küfer, Schmiede, Bäcker und Schreiner und erst recht die Bauern: alle schaffen mit den Händen und bleiben für sich selber frei; dieser Weber aber sitzt im Gestänge seiner Arbeit als ein Teil von ihr, wie die Spinne ans Netz gebunden. Er bleibt eine Stunde lang mit den Knaben dasitzen und hört dem unablässigen Geklapper zu, das aus dünnen Fäden Stoff macht. Als er nachher beim Abendessen ausgefragt wird, wo er gewesen ist, und anfängt, von dem Baumwollenweber zu erzählen, will der Großvater stirnrunzelnd nichts mehr hören von dem Unglück dieser städtischen Neuerung — es ist das einzige, was Heinrich Pestalozzi von seinem Unwillen versteht.

Einmal ist er eine ganze Woche lang in Höngg geblieben und kommt sich selber schon wie ein Landkind vor, als ihn die Mutter wieder holt. Auch diesmal geht der Großvater mit, aber nur bis Wipkingen, von wo er sich geärgert gegen den Berg zurückwendet. Er ist böse auf das geputzte Stadtvolk in den Schiffen, das sich am Sonntag von den Dorfleuten heimziehen läßt, ihre schwere Arbeit mit übermütigem Geschrei begleitend, und Heinrich Pestalozzi hört wieder, wie er von dem städtischen Unglück zu der Mutter spricht. Es geht schon gegen die Dämmerung, und so wendet sich der alte Mann von ihnen fort in einen dunkelroten Abendhimmel hinein, der den Häusern glühende Augen macht. Heinrich Pestalozzi weiß nicht warum, aber die Traurigkeit überkommt ihn so, daß er herzbrechend hinter dem Großvater her weint; es dauert lange, bis die erschrockene Mutter heraus bekommt, daß es die dunkle Stadt ist, vor der er sich fürchtet, und daß er alle Tage mit ihr und den Geschwistern und dem Babeli auf dem Land wohnen möchte. Da gesteht sie ihm, daß die Verwandten in Richterswil ihr das schon damals bei dem Besuch vorgeschlagen hätten, daß sie es aber nicht möchte der Stadtschulen wegen. In Richterswil möchte ich auch nicht, sagt er fast trotzig, lieber in Höngg! und weiß nicht, warum nun seine Mutter herzbrechender weint als er vorher; sodaß sie beide mit einer verlorenen Traurigkeit durch die Niederdorfporte in Zürich eingehen.

5.

Nach diesem Abend verlangt Heinrich Pestalozzi sehnsüchtig in die Schule. Seitdem die Schwester Dorothea gestorben ist und der Johann Baptista, um ein Jahr älter als er, täglich sechs Stunden zu den Schulmeistern am Neumarkt geht und nachher bei den Schularbeiten sitzt, ist er tagsüber allein mit dem Bärbel, das immer noch in der Wiege liegt und ihm kein Gespiele sein kann. Für die deutsche Schule scheint es der Mutter noch zu früh, so bringt ihn das Babeli eines Morgens in die Hausschule.

Es wird aber kein schönes Erlebnis für ihn: als sie in den schmalen Raum eintreten, der eigentlich nur einen breiteren Gang vorstellt, ist der alte Lehrer gerade dabei, einen Buben zu walken; es sieht aus, als ob er ihm die Haare in Büscheln ausreißen wolle; zugleich vollführen die beiden ein weinerliches Geschrei, über das die andern Kinder, Buben und Mädchen durcheinander, schadenfroh lachen. Erst als das Babeli den Zornigen anruft, hört er auf. Hinten ist noch eine Bank frei, dahinein wird Heinrich Pestalozzi mit seinen Sachen gesetzt; das Babeli droht ihm noch einmal mit dem Finger und überläßt ihn den Kindern, von denen er nicht eines kennt, und dem weißköpfigen Schulmeister, der — als er den Namenszettel gelesen hat — die Magd für die Frau Pestalozzi selber hält und ihr mit vielen Komplimenten an die Tür nachläuft. Der Lärm, der durch die Neugier gestockt hat, hebt wieder an: die Kinder haben neben den Büchern ihre Eßwaren, und was sie sonst mit sich führen, auf den Pulten ausgebreitet; ein jedes liest laut oder schreibt für sich wie zuhause: der Lehrer ist nur eine Art Unhold, der eines nach dem andern vornimmt und die andern schwatzen und balgen läßt. So hört das Geklatsch seiner Prügel und sein Geschrei ebensowenig auf wie der Lärm der Kinder, die meist garnicht hinsehen, wenn sich sein Zorn beim nächsten Opfer neu entzündet. Auch Heinrich Pestalozzi kommt endlich an die Reihe, als er eine Stunde lang verängstigt dagesessen hat; er wundert sich fast, als es diesmal ohne Prügel abgeht, malt danach Buchstaben, wie er es von seinem Bruder gelernt hat, und ist noch fleißig dabei, als die andern mit eiligem Geklapper ihre Sachen zusammen raffen.

Auf der Gasse wartet das Babeli; und wenn ihm das schon diesmal Spott einträgt, so wird ein paar Tage später ein wahres Schicksal daraus: es macht sich gerade so, daß ein Platzregen losgeht, das handfeste Babeli will ihn unter die Schürze nehmen; und rafft ihn kurzerhand — da er sich vor den andern schämt — als Bündel unter den Arm, um mit ihm heim zu rennen, so sehr er schreit und strampelt; sogleich verfolgt von einem Rudel der Kinder, die sich nun alle aus dem Regen nichts mehr machen und die Tropfen in ihre Gesichter klatschen lassen.

Seitdem haben sie ihren Schabernack mit ihm, wo sie nur können. Seine Vorfahren vom Vater her sind Italiener gewesen, davon hat er die schwarzen Haare und die dunklen Augen behalten, und von den Blattern ein Gesicht voll Narben: so sieht er eher einem Savoyardenknaben ähnlich als einem Stadtzürcher und ist für sie ein fremder Vogel. Obwohl er nichts lieber gemocht hätte als mit ihnen spielen, macht ihn die Erfahrung scheu, sodaß er nun erst recht ein einsames Stubenkind wird.

6.

Später in der deutschen Schule tritt Heinrich Pestalozzi statt mit dem Babeli mit seinem Bruder Johann Baptista auf; der ist beweglicher als er und hat auch schon Bekanntschaften; dadurch kommt er mit den Knaben anfangs besser zurecht, um so leidvoller wird die Schule selber für ihn. Obwohl die Lehrer nicht solche Zornickel sind wie in der Hausschule, bleibt auch ihr Unterricht eine fortgesetzte Streitigkeit mit dem einzelnen Schüler, wobei sie die Schwächen eines jeden mit geübter Schulmeistergrausamkeit zu finden wissen. Heinrich Pestalozzi, dem es niemals völlig gerät, sich selber und seine Bücher in Ordnung zu halten, der bald ungekämmt in die Schule kommt, bald seine Schreibsachen oder Hefte vergessen hat, der aus den Spaziergängen seiner Gedanken aufgeschreckt die törichtsten Dinge zu sagen vermag und dem die richtigen Antworten meist erst auf dem Nachhauseweg einfallen, ist ihnen bald nur eine Gelegenheit, die herkömmlichen Schulwitze anzubringen. Daß er im ganzen eifriger als die meisten ist und sich leicht geschickter anstellt als es zu ihren Späßen paßt, stört sie nicht in ihren Hänseleien.

Und weil die Lehrer es so halten, widerstehen auch die Mitschüler der Verlockung nicht, ihren Witz an diesem Neuling zu üben, der nichts von ihren Spielen kennt und sich gutgläubig zum Narren halten läßt. Ihm steht diese Gutgläubigkeit gleichsam schon im Gesicht geschrieben, und seine linkischen Hände scheinen nur geschaffen, für ihr Gelächter fehl zu greifen. So weiß ihn eines Tages einer mit Äpfeln begehrlich zu machen, die er im Sack hat: er würde ihm den schönsten schenken, wenn er ihm damit auf sechs Schritte in den Rücken werfen dürfe. Mehr um der Tapferkeit als um des Apfels willen geht Heinrich Pestalozzi auf den Handel ein; der Knabe aber trifft ihn so hart zwischen den Schultern, daß er wie von einem Büchsenschuß hingestreckt wird, und — als er sich mit einer Übelkeit kämpfend an dem nassen Steintrog unter dem steinernen Brunnenmann aufrichtet — nur noch sehen kann, wie ein Flinker unter dem Hallo der andern den Apfel aufhebt und davon rennt.

Heinrich Pestalozzi fühlt damals schon, daß es die Absperrung seiner häuslichen Erziehung ist, die ihn so fremd und linkisch unter den andern Knaben macht; er ginge trotz solcher Späße gern nach der Schule zu ihren Spielen auf die Gasse, aber das Babeli, das immer mehr wie ein handfester Weibel die Stubenwelt der Witwe Pestalozzi regiert, duldet dergleichen schon aus Sparsamkeit nicht: Warum wollt ihr unnützerweise Kleider und Schuhe verderben? Seht eure Mutter, wie sie wochen- und monatelang an keinen Ort hingeht und jeden Kreuzer spart, euch zu erziehen! Und um dem Grund praktische Kraft zu geben, nimmt sie den Buben nach der Schule sogleich die Schuhe weg.

Heinrich Pestalozzi vermag nicht wie sein Bruder Johann Baptista den gutgemeinten Zwang mit allerlei Listen zu umgehen; er hat unterdessen durch die Mutter erfahren, was damals am Sterbebett des Vaters geschehen ist: da hat die Magd dem todkranken Wundarzt um ihrer Christenheit willen versprochen, die Frau nicht zu verlassen, weil seine Kinder sonst womöglich in fremde und harte Hände kämen! Das Babeli in seiner Einfalt, damals dreißigjährig, hat es dem Sterbenden in die Hand gesagt, an ihrem Platz zu bleiben, bis sie stürbe; auch hat sie tapfer Wort gehalten, als sie den Antrag eines ehrlichen Stadtbürgers ausschlagen mußte, und ist dem bedrängten Haushalt ohne Lohn durch alle Schwierigkeiten treu geblieben. Seitdem Heinrich Pestalozzi das weiß, kann er das faltige Sorgengesicht der guten Magd nicht anders als ehrfürchtig ansehen; und wenn der Großvater in Höngg dem Bild des himmlischen Vaters für seine Vorstellung die Züge herleiten muß, so vermag er die biblische Erzählung von Christus und den Schwestern in Bethanien nicht zu hören, ohne daß ihm seine Mutter zur still vertrauenden Maria und das Babeli zur schaffenden Martha wird. Soviel innige Gläubigkeit er aber damit auf die zarte Gestalt der Mutter legt, die — als Susanna Hotze in Richterswil bei den wohlhabenden Brüdern aufgewachsen — ihre bescheidene Lage niemals als Armut fühlt und auch den Kindern das Gefühl ihres guten Standes erhält; so wenig vermag er aus dem Evangelium eine Verachtung für die treue Magd zu ziehen, deren Stunden nichts als schaffende Sorgen kennen; ja, so oft er die abweisenden Worte Jesu liest, drängt ihn sein Gefühl, für die schaffende Martha aufzustehen.

7.

Heinrich Pestalozzi ist acht Jahre alt, als ihm eine Veränderung der äußeren Lebensumstände die Gedanken der Armut dennoch aufdrängen will. Seine Mutter, die immer noch die alte Wohnung gehalten hat, sieht sich genötigt durch die wachsenden Ausgaben für die Kinder, den Haushalt in der kleinen Stadt jenseits der Limmat bescheidener einzumieten. So lustig die Knaben mit dem Bärbel, das nun schon aus der Kammer in die Stube laufen kann, den äußeren Aufwand des Umzugs finden: so schmerzlich ist der Augenblick, als sie hinter dem Wagen mit ihrem Hausrat her — das Babeli trägt die Schwester auf dem Rücken, und die Mutter führt die Brüder an der Hand — am steinernen Rathaus hinübergehen auf die breite Bretterbrücke und in die kleine Stadt. Die ist freilich um den hohen Lindenhof herum gebaut, von dem die Schriften sagen, daß er schon in römischen Zeiten befestigt und der eigentliche Ursprung der Stadt gewesen wäre; aber darum lassen sie doch das Großmünster mit dem Haus Zwinglis drüben, von wo der Zürcher Glaubensheld für seinen Gott in den Krieg und Tod gezogen ist. Überdies will ein Mißgeschick, daß am Hotel zum Schwert gerade ein fremder Herr mit drei Rossen vorfahren will und bei der Wendung in die Deichsel ihres Gefährtes gerät. Der Ruck ist heftig und bricht dem Tisch, der hinten mit abgesperrten Beinen aufgebunden ist, eins davon ab, das schief herunterhängt. Gleich gibt es zwischen den Fuhrleuten ein Geschimpfe, und weil der ihrige zu Fuß geht, der andere aber in einer stolzen Uniform auf dem Bock sitzt, auch der Wirt zum Schwert gleich seinem vornehmen Gast zu Hilfe kommt, bleibt der mit den drei Rossen Sieger, indessen sie mit ihrer Habe, verbellt von Hunden, demütig um die Ecke ziehen.

Es ist kein großer Schaden; sie müssen den Tisch nachher in eine Wandecke stellen, damit er ihnen beim Abendbrot nicht umfällt; doch liegt die Stimmung des verschimpften Auszuges aus der großen Stadt so jämmerlich auf ihnen, daß sie miteinander in eine Heulerei geraten. Die neue Wohnung ist sichtlich beengter als die alte; außer der Küche mit einem Alkoven für das Babeli und der gemeinsamen Kammer für die andern hat sie nur einen Raum, der fortab Besuch- und Wohnstube in einem sein muß: es ist die Lebensluft verschämter Armut, in die sie nun eingezogen sind. Mehr als die Mutter hat das praktische Babeli auf den Umzug gedrängt.

Die Mutter will auch da noch die geborene Hotzin bleiben; und wenn in der Folge eine Bekanntschaft aus den besseren Zeiten, da der Wundarzt Pestalozzi noch auf die Jagd oder fischen ging, oder gar einer aus der vornehmen Verwandtschaft vom See den Weg in die kleine Stadt findet, wird die Stube jedesmal mit allem Staat aufgemacht, den sie aus ihrer Mitgift gerettet hat. Auch hält die einsam verhärmte Frau ängstlich darauf, was sie als Stadtbürgerin an Ehrengaben zu leisten ihrem Stande schuldig ist; und ob sie manchmal dem letzten Gulden mit Ehrenfestigkeit zu Leibe geht, und ob das Babeli danach die Kreuzer zusammenkratzen und auf dem Markt das Billigste erfeilschen muß: nach außen soll alles den Anschein eines unabhängigen Bürgerhaushalts behaupten.

8.

Für Heinrich Pestalozzi wird der Abstieg in die Armut dadurch gemildert, daß er gleich am andern Tag nach Höngg hinauskommt. Er ist mit der deutschen Schule zu Ende, und bevor er in die Lateinschule am Fraumünster eintritt, will der Großvater seinen Kenntnissen noch etwas nachhelfen. Er holt ihn diesmal selber ab; die Übersiedelung hat ihn besorgt gemacht, doch findet er alles recht und gegen Abend ist eine Kalesche da, sie miteinander hinauszufahren. Vor der Stadt darf Heinrich Pestalozzi auch einmal kutschieren; er zupft aber unablässig an den Zügeln, als ob es an ihm läge, daß die vier Beine sich bewegten, sodaß der Gaul am Ende wild wird und sie in einem unfreiwilligen Galopp nach Wipkingen bringt. Der Großvater liebt solche Vorfälle nicht; als er ihm kurzerhand die Zügel abgenommen und das Pferd zur Ruhe gebracht hat, sagt er strafend, das würde einem Knaben vom Land nicht begegnen; es wäre ein rechtes Stadtbubenstück. Er bleibt aber nicht unfreund mit ihm, und als er vor der Wegsteile gegen Höngg aussteigt und das Pferd am Zügel führt, nimmt er ihn gütig an der Hand, als ob trotzdem noch etwas Rechtes aus ihm werden könne.

Der Großvater hat den armen Kindern der Gemeinde erlaubt, hinter der Kirche zu spielen, wo neben dem Kirchhof ein sonniger Rasenplatz auf neue Gräber wartet. Obwohl manche von den Kindern nur mit Hudeln bekleidet sind, tadelt er es nicht, wenn seine Enkel an ihren Spielen teilnehmen. So ist Heinrich Pestalozzi eines Tages mit ihnen dabei, das Wasser aus einer Pfütze neben der Kirche in einer Rinne bergab zu leiten, wo es gerade den schönsten Wasserfall macht, als auf einmal einige der Kinder, dann alle auseinander laufen und sich unter der alten Steinbank, hinter Gräbern oder wo sie sonst einen Schlupfwinkel finden, verstecken: ohne ihr sonstiges Geschrei und sichtbar in Angst, nicht anders, als ob Hühner einen Habicht in der Luft gespürt hätten. Er hält alles zunächst für eins von ihren Spielen, aber so still es aus dem Kirchhof ist, so laut wird es auf der Landstraße: die Gestrengen Herren in Zürich haben allmonatlich eine Betteljagd verordnet, und nun kommen die Landreiter von ihrer Pirsch mit einer verlumpten Schar, Alten und Kindern, in einem langen Strick wie eine Schafherde eingehürdet.

Heinrich Pestalozzi besinnt sich nicht, er läuft nach vorn um die Kirche an den Torweg, und obwohl die Holzflügel schwer mit Eisen beschlagen sind, bringt er sie mit allen Kräften doch in die Riegel. Die Landreiter sind unterdessen schon durch das Dorf geritten, sie hätten sich auch schwerlich durch das Tor abhalten lassen; doch als er eben dabei ist, den Verschüchterten anzusagen, das Tor wäre zu und kein Landreiter könne herein, kommt der Großvater um die Kirche herum neugierig nach. Er hat das eilige Geschäft seines Enkels bemerkt, tut aber nicht weiter dergleichen, nur wie er ihn nachher an der Hand mit ins Pfarrhaus genommen hat und der Knabe in dem dämmrigen Hausflur schon denkt, er werde ihn strafen: hebt er ihn auf den Arm, als ob er ihm sagen wolle, bist ein tapferer Bub! Und als sie miteinander oben in dem Studierzimmer sind, wo er nun lernen soll, wendet er sich zu ihm hin, wie wenn er ein Großer wäre: Ich wüßte den Herren in Zürich andere Mittel als Landreiter und Betteljagden, der Armut auf dem Lande abzuhelfen!

9.

Als Heinrich Pestalozzi diesmal von Höngg zurück kommt, trägt er einen Schatz bei sich, mit dem er sich stolz und vieler Dinge mächtig fühlt. Um ihm den ungewissen Weg in die lateinische Wissenschaft vertrauter zu machen, hat ihn der Großvater das Vaterunser lateinisch gelehrt. Auf dem ganzen Weg nach Zürich hinunter, den er diesmal tapfer allein geht, sagt er die fremden Worte vor sich hin, ängstlich, daß ihm eins davon entfallen könnte. Es ist aber nicht die Schule, der zuliebe er sorgsam mit ihnen ist; dahinter steht das Bild des Großvaters als Lebensziel auf: auch einmal so in einem Dorf Seelsorger zu werden — womöglich in Höngg selber — den Armenkindern ein väterlicher Freund; das scheint ihm alle kommenden Mühsale der Schule wert zu sein.

Er wird auch im Fraumünster kein Schüler, wie ihn die Schulmeister brauchen können. Zu sehr gewöhnt in seiner behüteten Stubenwelt, die Dinge von sich aus zu erleben und eigene Wege in das Geheimnis der Augenwelt zu suchen, sieht er sich bei ihnen vor ein unaufhörliches Vielerlei von leeren Worten gestellt. Bloß auswendig Gelerntes herzuplappern, wie es die meisten tun, vermag er nicht; und selbst, wenn er etwas verstanden hat, wird es ihm schwer, Worte daraus zu machen, weil er sich damit leicht wie ein Komödiant vorkommt. Damit er etwas sagen kann, darf es nicht schon ausgedacht sein, es muß ihm aus den Gedanken selber, nicht aus dem Gedächtnis kommen: weil aber die Fragen der Lehrer selten in seine Gedanken treffen, findet er trotz bestem Willen und innerer Lebendigkeit wenig Gelegenheit, sich als guten Schüler zu zeigen; ja, weil er gerade dann, wenn ihn eine Sache des Unterrichts wirklich beschäftigt, leicht für Minuten und länger von dem unwiderstehlichen Fluß seiner Gedanken fortgetragen werden kann, stellt er nur selten den gelehrigen Schüler dar — der er doch ist —, sondern er wird gerade dann gescholten, wenn er vielleicht mehr als ein anderer bei der Sache ist. Am selben Tag kann er in einem Fach der beste und gleich darauf doch wieder der schlechteste sein; so kommt er bei allem Eifer auch in der Lateinschule bald wieder in ein feindseliges Verhältnis zu den Lehrern, das mit zornigen Strafen über seine Zerstreutheit anfängt und mit der Verspottung seiner absonderlichen Art ausgeht, ihn nach wie vor dem Gelächter der Klasse bloßstellend.

Obwohl das Babeli ihn stets ordentlich herausputzt, steht er doch in der Kleidung gegen die gepflegten Herrenbuben zurück, und was er von der mühsamen Ordnung heimbringt, ist manchmal übel genug. Auch hält das Babeli immer noch strenge Hauszucht, sodaß er auch jetzt nicht zu den Spielen der andern auf die Gasse darf und für die lateinischen Mitschüler der gleiche fremde Vogel bleibt, der er auf der deutschen Schule war. Als der erste Sommer zu Ende geht, hat er bei ihnen schon den Spottnamen, der ihm von da ab durch die ganze Schule bleibt: Heiri Wunderli von Torliken.

10.

Trotzdem hört Heinrich Pestalozzi allmählich auf, der unfreiwillige Spaßvogel seiner Mitschüler zu sein; er lernt sich zu wehren, und kommt durch einen Vorfall sogar in den Ruf einer besonderen Tollkühnheit:

Er ist ein Jahr lang Lateinschüler gewesen, als sein zeitweiliger Spielfreund Ernst Luginbühl aus Höngg in die untere Klasse eintritt. Dessen Vater ist herkömmlich ein verarmter Stadtbürger, der sich in sein dörfliches Anwesen hinein geheiratet hat, aber bis in seine Baumwollenweberei ein unruhiger Kopf bleibt, weshalb ihn auch der Großvater nicht gern in seiner Dorfgemeinde sieht. Ihm selber ist es mit allen möglichen Anschlägen fehl gegangen, darum will er seinem Buben eine bessere Bildung mitgeben und bringt ihn — der einen klaren Kopf hat und gern lernt — in die Lateinschule, wo er, älter als die andern, in die untere Klasse aufgenommen wird. Er hat noch immer seine roten Backen und die wasserhellen Augen, aber er trägt Schuhe an den Füßen und ist auch sonst für die städtische Schule zurecht gemacht, in einer ländlichen Art, die den Stadtkindern von selber zum Gespött wird. Heinrich Pestalozzi weiß längst, wie die Bürgersöhne den Knaben vom Land die Schule verleiden, als ob sie Eindringlinge in ihre Vorrechte wären; ihn selber lassen sie deutlich genug merken, daß seine Mutter nur eine Landbürgerin ist; nun aber trifft es seinen Freund, der in dieser fremden, feindseligen Welt mit den Bauernaugen um Mitleid zu flehen scheint. Jeden Morgen kommt er den mühsamen Weg von Höngg herunter, manchmal, wenn es geregnet hat, naß bis auf die Haut; und mittags, wenn die andern heimgehen, fertigt er seinen Hunger im Klassenraum mit einem Stück Brot ab. Er gerät in ein hartes und verstocktes Dasein, und wenn ihn Heinrich Pestalozzi anspricht, ist es fast, als ob er etwas von seinem Haß gegen die hochmütigen und grausamen Bürgersöhne auf ihn übertrüge, sodaß es hier in der Stadt keine rechte Fortsetzung der ländlichen Freundschaft geben will.

Eines Mittags kommt Heinrich Pestalozzi zufällig als der Letzte aus der Klasse und hört unter dem Gang im Hof ein Hetzgeschrei. Einige größere Knaben haben den mißliebigen Weberssohn in eine Ecke gedrängt und hauen auf ihm, der sich kratzend und beißend wehrt, mit Linealen herum; einer muß ihn am Kopf getroffen haben, denn aus dem weißblonden Haar laufen ein paar Zickzacklinien von Blut herunter. Heinrich Pestalozzi weiß nichts von dem Anlaß des Streites, er sieht nur das Blut, und wie sie ihren Übermut und Hohn an dem Knaben auslassen; darüber faßt ihn augenblicklich der zornige Eifer so, daß er blindlings aus der offenen Halle über die Steinbrüstung hinunter klettert. Es ist eine kleine Stockwerkshöhe, und er könnte sich leicht zu Tode stürzen, als er für einen Augenblick selber erschrocken an der Steinbrüstung hängt. Er purzelt aber einem, der sich gerade bückt, auf die Schultern, daß der bäuchlings hinfällt und ihn wie einen Igel abkugeln läßt, ist gleich von Zorn besessen wieder auf und springt auf die andern ein, die im ersten Schrecken auseinander rennen. Auch der von seinem Sprung Betroffene will fort, kann aber nicht auf und kriecht auf Händen und Füßen eilig davon. Darüber erheben die andern, die schadenfroh der Prügelei zugesehen haben, ein solches Hohngeschrei, daß ein Lehrer dazukommt, ehe die Überfallenen ihrem kuriosen Angreifer heimzahlen können. Es gibt nun zwar ein strenges Verhör, bei dem Heinrich Pestalozzi, weil er trotzig schweigt, als der allein Schuldige übrigbleibt und auch in Strafe genommen wird: aber mit seinem tollkühnen Sprung ist er doch Sieger geblieben, und die Schande einer feigen Flucht vor dem schmächtigen Heiri Wunderli von Torliken bleibt auf den andern sitzen. Das Babeli, als es durch den Johann Baptista davon hört, will ihn strafen, weil die Hosen zerrissen sind; aber die Mutter wehrt ihr und streichelt ihn.

11.

Im Dezember des gleichen Jahres sind die Schüler in der Klasse von Heinrich Pestalozzi gerade aufgestanden, ein Weihnachtslied zu üben, als es einen Erdstoß gibt, wie wenn Pferde einen Wagen anzögen, auf dem sie ständen. Sie hören in derselben Sekunde auf zu singen und halten sich an den Bänken fest; dann ist der Lehrer der erste, bei dem sich die Erstarrung auf die Gefahr besinnt. Mit langen Beinen springt er zur Tür, die Geige und den Bogen noch in den Händen; aber ehe er dort ist, drängen sich ihm schon die nächsten Knaben vor. Draußen quillt die Schreckensflucht aus den andern Räumen ebenso zur Treppe; und ist es zuerst totenstill gewesen, so erhebt sich nun das Geschrei; erst derer, die hinfallen und getreten werden, dann der andern, die davon angesteckt die letzte Besinnung verlieren. Es gibt keinen Einzelnen mehr, nur noch eine Herde, dahinein die Todesfurcht gefahren ist; und die am ehesten Kaltblütigkeit bewahren sollten, die schulmeisterlichen Hirten gehen mit langen Beinen über die Köpfe und abwehrenden Hände der Knaben hinweg.

Auch Heinrich Pestalozzi ist wie die andern von der Besessenheit gepackt worden und hat Arme und Beine gebraucht, sich in dem Strudel oben zu halten; aber darum haben seine Augen doch das unwürdige Beispiel der Lehrer aufgefaßt; und als er unten auf dem Hofe steht, wo rundherum die Stücke von Dachziegeln in dem schwärzlichen Schnee liegen und die Nachzügler kommen, die von den andern überrannt wurden und teilweise bluten — einer liegt leichenblaß seitwärts allein, weil er aus dem Fenster gesprungen ist und den Fuß gebrochen hat — muß er weinen vor Zorn. Die meisten drängen auf die Gasse hinaus, wo die Bürger unterdessen aus den Werkstätten gelaufen sind und in den Himmel starren, der unbewegt über dem Erdbeben steht. Die zurück bleiben, möchten zum Teil gern ihre Bücher und Hüte herunterholen, aber keiner wagt sich hinein; obwohl nach der ersten Erschütterung, die gleich einem langen Gerolle von unterirdischen Wagen gewesen ist, nichts mehr geschieht und die leeren Gebäude gleichsam verwundert auf die ängstliche Menschheit herunter sehen. Der Widerspruch zwischen dieser lächerlichen Flucht und dem alten Heldentum, davon sie täglich durch die selben Lehrer hörten, macht, daß ihm sein Knabenherz trotzig aufspringt, sich selber und den andern ein Beispiel von Tapferkeit zu geben. Während einige Bürger in den Schulhof gekommen sind und den Jungen mit dem zerbrochenen Fuß aufheben, geht er in das verlassene Schulhaus zurück: obwohl es unheimlich ist auf der leeren Treppe und oben im Gang, wo alle Türen offen stehen, kommt er bis an die Klasse und holt seine Sachen heraus; auch einigen andern bringt er mit, was er rasch greifen kann; und nachher zwingt er seine Furcht, daß er die Treppe nicht hinunter springt, Schritt für Schritt die Stufen nimmt und triumphierend zu den Wenigen hinaus tritt, die da noch warten.

Als er danach heim kommt in die Stube, ist der Johann Baptista schon längst dabei, dem Bärbel das Abenteuer zu erzählen, indessen das Babeli verzweifelt durchs Fenster sieht und ihn scheltend empfängt, daß er so spät käme; nun wäre die Mutter aus Angst um ihn schon auf die Gasse gelaufen! Er könnte ihr anders antworten; doch wirft er nur die Sachen verächtlich auf einen Stuhl und springt hinunter, den Schrecken der Mutter abzukürzen. Er findet sie auch gleich, wie sie mit blassem Gesicht zurück kommt und ihn erblickend nichts anderes vermag, als ihn hastig am Arm zu nehmen, wie wenn sie ihn jetzt noch retten müßte.

Bei den Genossen aber gilt der Heiri Wunderli seit diesem Erdbebentag als einer, der sich aus Großmannssucht für etwas Besseres hält, und ihrem Spott ist fortab deutlich der Haß beigemischt, der für das Ungewöhnliche das sicherste Erbteil unter den Menschen ist.

12.

Mit zwölf Jahren kommt Heinrich Pestalozzi wieder hinüber in die große Stadt, wo seine Mutter im Haus zum Roten Gatter an der Münstergasse eine billige Wohnung gefunden hat. Er tritt nun in die Lateinschule am Großmünster über und verliert dadurch seinen ländlichen Freund aus Höngg ganz aus den Augen. Um so betroffener wird er, als er beim Großvater in die Ferien einrückt und dort erfährt, dem Baumwollenweber sei es zu teuer geworden mit der Schule, auch habe der Ernst Luginbühl selber die Plage mit den Stadtsöhnen nicht mehr gemocht. Er benutzt den ersten Ausgang, ihn zu besuchen; schon draußen vor dem kleinen, windschiefen Haus hört er den Webstuhl klappern, aber als er zögernd hinein kommt, sitzt statt des bärtigen Baumwollenwebers der Sohn im Gestänge. Es ist so laut in der Stube, daß der ihn nicht gleich bemerkt; als er sich nachher umsieht, dauert der Streifblick nicht länger als eine Sekunde, dann starrt er wieder in seinen Webstuhl.

Heinrich Pestalozzi denkt, daß es die Arbeit so erfordere, und wartet geduldig eine Pause ab; als sich nach einer Viertelstunde immer noch nichts ändert an dem gleichförmigen Takt, ruft er ihn an, erst leise, dann mehrmals lauter: der andere aber zieht nur trotzig die Schultern ein. Da merkt er, daß ihn der Ernst Luginbühl nicht mehr ansehen will, und in einer tief rinnenden Traurigkeit verläßt er die Stube. Draußen sieht er gerade noch, wie die mattrote Sonnenscheibe in dem Wolkengerinnsel am Horizont versinkt; was ein warmer Glanz mit lustig langen Schatten war, als er herauf kam, ist nun eine rote Glut, die sich brandig in den Himmel einfrißt. Nur am Ütliberg läuft noch eine feurige Kante hinauf, und unten starrt das Kriegslager von Zürich vor dem See, als ob es dunkel auf eine bläßliche Glasscheibe gemalt wäre. Er fühlt mit seinen zwölf Jahren, daß alles, was bisher in seinem Herzen gewesen ist, Zorn und Empörung, Mitleid und Freude: mit den Stunden kam und verrann, wie dort das Sonnenlicht verrinnt und morgen wiederkommt; aber, was da am Webstuhl angeschlossen ist, kam nicht mehr los aus seiner Unabwendbarkeit.

Heinrich Pestalozzi vermag nicht ins Pfarrhaus zurückzugehen; bis zur Dunkelheit sitzt er am Rain und versucht, aus dem Knäuel dieser Gedanken heraus zu kommen. Das einzige, was er gewinnt, ist ein Gefühl, dass bis zur Stunde alles eitel und selbstsüchtig in ihm war: nur, weil er die reichen Verwandten am See und hier den Großvater im wohlbestallten Pfarrhaus hat, durch kein anderes Vorrecht, ist er vor dem gleichen Schicksal behütet. Je tiefer er sich da hinein denkt, um so mehr schämt er sich vor dem Knaben und um so glühender wird sein Wunsch, ihm wenigstens ein Pfand der Liebe aus seinem Herzen hinzulegen, da er ihm sonst nicht helfen kann. Und als er das Pfand gefunden hat — es darf nur das Liebste sein, was er besitzt — hindert Heinrich Pestalozzi nichts mehr, sein Herz zu erfüllen:

Vor der Tür des Pfarrhauses, aus dem ein Licht der Wohlhabenheit in den Abend leuchtet, zieht er die Schuhe aus und schleicht auf Strümpfen in die Kammer. Der Ranzen ist noch nicht ausgepackt, und seine Hände wühlen im Dunkeln nach dem silberbeschlagenen Testament, das seine Mutter von ihrem Vater zur Konfirmation erhalten und ihm kürzlich am Grab des eigenen Vaters in die Hand gegeben hat. Er fühlt das Unrecht, das er damit tut: es gehört ihm selber garnicht, es ist ein Vorrecht vor den Geschwistern, es zu haben. Aber gerade das bestimmt ihn, es herzugeben; denn nur darum ist er wie alle übermütigen Stadtbürgersöhne in Zürich gegen den Weberknaben im Vorteil, weil sie in den Reichtum solcher Familienstücke hineingewachsen sind! Und daß es ein Liebespfand von seiner Mutter ist, darauf hat Christus selber zu Maria gesagt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?

Als er zitternd und mit einem schmerzenden Knie, weil er im Eifer gefallen ist — auch die Schuhe wieder anzuziehen, hat er vergessen — zu dem Knaben in die Stube kommt, ist von dem Lichtspan an der Wand ein trübes Licht darin, das die Schatten des Webstuhls wie Ratten in dem halbhellen Raum hin und her laufen läßt. Diesmal hört der Ernst Luginbühl gleich auf zu weben, so sehr scheint er erschrocken, wie einer aus der Dunkelheit mit bittend hingestreckten Armen in sein Licht kommt. Vor den heißen Augen weiß Heinrich Pestalozzi keins von den Worten zu sagen, mit denen er her gelaufen ist; weil die Hände des Knaben am Webstuhl hängen bleiben, legt er ihm das Testament mit dem blinkenden Silber darauf. Wohl eine Minute lang ist es still um die Atemzüge der beiden Knaben, wie wenn dieses Liebespfand sie wirklich vereinen könnte; dann reißt der Webersohn die Hände fort, als ob ihn mit dem kalten Metall des Buches ein widerliches Tier berührt hätte. Klappernd fliegt es gegen das Holz und fällt seitwärts auf den Lehmboden; doch darf es auch da nicht liegen, der Dämon in dem Knaben fährt auf und spuckt danach; und als Heinrich Pestalozzi schützend seine Hände über sein Heiligtum breiten will, tritt er mit beiden Füßen darauf, bis es in den Lehm eingestampft ist. Erst dann bricht er schluchzend aus und läuft durch die offene Tür in die Nacht.

Heinrich Pestalozzi meint, die Mutter laut mit sich weinen zu hören, als seine zitternden Finger das Buch aus dem Boden graben; mit einem Grauen, darin das Großmünster aus seiner ersten Jugend über ihm einstürzt, geht er aus der Stube. Am Zürichberg wird unheimlich das Signal der Mondscheibe aufgezogen; so rot ist sie, als hätte sie dem Abendrot das Blut ausgetrunken. Und wenn Heinrich Pestalozzi auch erst nach Jahren die Verzweiflung verstehen soll, die ihm sein Liebespfand bespien und zertreten hat, eine Ahnung trägt er schon an diesem Abend ins Pfarrhaus hinunter: alles andere, nur nicht das gedruckte Evangelium hätte er dem Knaben auf die Hände legen dürfen, der sich von einer auf dieses Evangelium gegründeten Welteinrichtung verraten fühlt.

13.

Seitdem geschieht es Heinrich Pestalozzi häufig, daß er unversehens an den Webstuhl in Höngg denken muß; er meint dann, das unaufhörliche Geklapper zu hören, und kann, wenn er sich auf die Schulgegenwart besinnt, staunend in eine neue Anschauung der Wirklichkeit versinken: die sonst nur als der Kreis seiner Sinne um ihn gewesen ist oder in seiner Erinnerung ein Bilderbuchdasein geführt hat, je nachdem er zufällig an etwas dachte, wächst sich zur Weite ihrer unabhängigen und ungeheuren Existenz aus. Es wird ein leidenschaftliches Spiel seiner Einbildung, sich vorzustellen, was alles in der gleichen Stunde geschieht, da er mit seinen Büchern dasitzt: wie der Großvater in Höngg den Pfarrhut in seiner Studierstube aufsetzt und hüstelnd — er geht nun schon an die siebzig — die Treppe hinuntersteigt, die Kranken der Gemeinde zu besuchen; wie die Großmutter unterdessen mit ihren runzeligen Händen im Garten schafft, manchmal ein Viertelstündchen mit einer Nachbarin plaudernd; wie rund herum in den Weinbergen und Feldern die Bauern sich nach ihrer Arbeit bücken; wie auf der Straße die Kaufmannswagen, mit runden Tüchern überspannt, ihren Trott dahingehen, oft überholt von den Staubwolken eiliger Reisenden; wie bald ein Sonnenstrahl, bald ein Wolkenschatten hinläuft über das breite Limmattal, über die reisige Stadt Zürich und die Großmünstertürme — daneben er selber im Schulhaus sitzt und dies alles denkt — über den langen See hin bis Richterswil und weiter hinauf gegen den blaudunklen Wall der Berge, die sich nicht so leicht überrennen lassen, über ungezählte fleißige Menschen hin, welche, die fröhlich singen, und andere, die um einer Not willen verzweifelt sind. In der Weite und unausdenkbaren Vielgestaltigkeit dieses Lebens fühlt er sich und seine Pfarrpläne kaum anders als den Vetter am See, der mit seinem Federhut den Soldaten spielt. Die Welt ist nicht mehr so, daß einer mit seiner Knabeneinfalt hineingehen und ihre Dinge umgestalten kann, die Dinge selber sind es, die mit ihrem unübersehbaren Zustand den Einzelnen festhalten und nötigen. Wie die Unheimlichkeit des Großmünsters drohend gegen die Stubenwelt seiner frühen Knabenjahre aufgestanden ist, so kommt jetzt der Lebenskreis der Dinge; nur, daß er diesmal die wirklichen Zusammenhänge fühlt und demütig die Überhebung seiner Knabenpläne einsieht.

Dazu kommt etwas Zufälliges, das freilich mit dieser Art, die Dinge zu empfinden, zusammenhängt, ihn völlig verzagt zu machen: Weil er im Examen der Erste gewesen ist, trifft es ihn, daß er das Gebet vor der Klasse sprechen muß. So feierlich für ihn die Worte des Vaterunsers sind, da er sie selber zum erstenmal öffentlich sagen soll, überfällt der komische Zwiespalt zwischen seiner in tausend Täglichkeiten verbrauchten Knabenstimme und dem feierlichen Aufwand, den er damit treiben soll, sein verscheuchtes Selbstgefühl derartig, daß er einem unwillkürlichen Zwang zu lachen nicht widerstehen kann und dadurch zu einer ernstlichen Vermahnung kommt. Auch in der Folge verliert sich dieses Hindernis nicht; so oft er in der Schule oder gar in der Kirche etwas öffentlich aufzusagen hat, ist das stete Gefühl dabei, vor den anderen Knaben lächerlich dazustehen, und er braucht dann nur seinen Blick mit einem andern zu kreuzen, um auch schon auszuplatzen. Es ist ihm sicher, daß er niemals als Pfarrer seine Stimme in der Kirche wird erheben können, ohne diesen Zwang zum Lachen. Die erste Erkenntnis der Weltzusammenhänge hat ihm die Unschuld seines Knabendaseins unsicher gemacht, und ängstlich fragt er, ob sie ihm jemals wiederkommt?

14.

Als Heinrich Pestalozzi mit dem fünfzehnten Jahr aus der Lateinschule übertritt in das sogenannte Collegium Humanitatis, das auch beim Chorherrngebäude des Großmünsters liegt, ist von seinen Knabenplänen nichts geblieben als die Verzagtheit, überhaupt einen Platz mit seinem Dasein in der Wirklichkeit zu finden. Da hilft ihm zum erstenmal seine Vaterstadt; indem er anfängt, die Dinge zu beobachten, wie sie außer dem Kreis seiner Sinne ihre eigenen wechselvollen Zustände haben, sieht er sich unerwartet vor ihre Vergangenheit gestellt. Diese Bastionen und Stadttürme, Kirchen und Brücken: das alles ist nicht immer so gewesen, wie es nun für seine Augen dasteht. Es ist die Erbschaft der Jahrhunderte — wie die öffentlichen Einrichtungen der Zünfte, der Lehrschulen und Gottesdienste auch — von Menschenhänden in den ewigen Kreislauf der Natur gestellt und von Menschen in der unaufhörlich ablaufenden Frist ihrer irdischen Gegenwart verändert. Noch bevor er Schüler vom alten Bodmer wird, der seit Jahrzehnten in Zürich helvetische Geschichte lehrt, verfällt er mit Eifer auf die Geschichte der stolzen Heimatstadt. Gerade weil sie ihm mit ihren finsteren Gassen nie so heimelig geworden ist wie das Land, und weil sein Gefühl sich so schwer zurechtfindet mit den Einrichtungen, die überall Ehrfurcht fordern und ihn bedrücken: sucht er hitzig nach der Herkunft aller dieser Dinge und Sitten, als ob es ihm so gelingen müßte, sein eigenes Gefühl aus der drohenden Ungewißheit in eine sichere Übereinstimmung mit der Heimat zu bringen.

So liest Heinrich Pestalozzi, der zwischen den Bürgersöhnen immer noch ein schmächtiges Gewächs und der Heiri Wunderli von Torliken ist, die mehr als tausendjährige Geschichte seiner Stadt: wie schon zu römischen Zeiten der Lindenhof ein befestigtes Kastell war und in den Märtyrern der thebäischen Legion, Felix und Regula, seine christlichen Schutzheiligen gewann; wie Karl der Große ihm seine geistlichen Stifte, das Großmünster und das Fraumünster, gab und eine Reichsvogtei das römische Kastell auf dem Lindenhof ablöste; wie es lange vor dem Eintritt in die Eidgenossenschaft reichsfrei und ein mächtiges Stadtwesen war, bis es durch Zwingli der Vorort der reformierten Christenheit wurde. Er liest von den berühmten Bürgermeistern der Stadt: von Bruns, dem ränkevollen Aufrührer der Innungen, der die Regierungen der Zünfte gegen die Geschlechter begründete und in der Züricher Mordnacht die von Rapperswil eingebrochenen Adeligen grausam unterwarf; von dem riesenhaften Stüssi, der um das Toggenburger Erbe den Krieg mit den Eidgenossen aufnahm und vor dem Stadttor an der Sihlbrücke fiel; von Hans Waldmann, dem Helden zu Murten, unter dessen Hand Zürich zum Vorort der ganzen Eidgenossenschaft wurde, bis er, von seinem eigenen Glanz verblendet, seinen Gegner, den Volkshelden Frischhans Theiling, hinrichten ließ und bei der Empörung der Seebauern selber den stolzen Hals aufs Schafott legen mußte. Er liest, wie sich die Bürgermeister um Geld an mächtige Fürsten verkauften, wie Zürich um seines Vorteiles willen mehrmals die Eidgenossen an die Österreicher verriet, und wie durch den Bundesvertrag mit Frankreich das Reislaufen der Eidgenossen ein bezahltes Handwerk wurde. Aber dann kommt Zwingli, der gegen diese wie andere Unsitten in Zürich ein Regiment schweizerischer Mannhaftigkeit aufrichtet und, obwohl er selber bei Kappel kläglich umkommt, Zürich zur evangelischen Glaubensburg macht. Aus dem ränkevollen Spiel der Jahrhunderte wächst ihm die Gestalt dieses Glaubenshelden zu einer Größe heraus, daneben die Figuren der Bürgermeister in den schwankenden Schatten böser Leidenschaften versinken.

Alle diese Dinge liest Heinrich Pestalozzi, wie ein anderer Zürcher Knabe die Geschichte seiner Vaterstadt auch gelesen hätte; aber unvermutet kommt eine Begebenheit, die seine eigene Herkunft angeht und danach lange den heimlichen Schlüssel seiner vaterländischen Gefühle abgibt: Zwingli ist seit vierundzwanzig Jahren tot, und überall haben die Evangelischen mit der katholischen Gegenreformation zu kämpfen; da ziehen an einem Mittag des Jahres 1555 einhundertsiebzehn Flüchtlinge in Zürich ein, ziemlich die ganze reformierte Gemeinde aus Locarno, die mit ihrem Pfarrer Beccaria über den schneebedeckten Bernardino und den Splügen, durch Lawinengefahr und die Frühjahrsschrecknisse der Via mala gewandert ist und in dem Nachfolger Zwinglis, dem Münsterpfarrer und eigentlichen Regenten von Zürich, Heinrich Bullinger, einen mannhaften Beschützer findet. Heinrich Pestalozzi weiß vom Großvater, daß seine Familie ursprünglich italienisch und um des Glaubens willen eingewandert ist: nun erkennt er die Umstände und wie tief er — mütterlicherseits sogar ein direkter Abkömmling jener Flüchtlinge — der Stadt Zürich verpflichtet ist. Zum andernmal wächst das Großmünster mächtig auf vor einem Gefühl, aber es ist kein Grauen mehr; er sieht die beiden Türme als reisige Wächter seines Glaubens die Stadt behüten, und wenn nun Sonntags die mächtigen Glocken darin läuten, ist es der Schlachtgesang Zwinglis und seiner Getreuen, die für das Evangelium hinaus reiten in den Tod.

15.

Seitdem sich Heinrich Pestalozzi selber als einen Schützling dieser mächtigen Stadt erkannte, mag er einsam durch ihre Straßen gehen und sich allein von solchem Gang beglückt fühlen: Es braucht nur ein Hufschmied zu hämmern, und schon hört er Schwertschlag auf stählerne Panzer, und wenn er Sonntags mit der Gemeinde in den hohen Münsterhallen singt, beim Donnerschall der Orgel, wenn er den Prediger das Buch vom Altar nehmen sieht, wie es Zwingli an derselben Stelle genommen hat, mischt sich mit dem ehrfürchtigen Grauen der Stolz und Dank seiner von unbändigen Erinnerungen erfüllten Seele. Er weiß nun, was es bedeutet, daß der steinerne Karl außen hoch am Münsterturm das Schwert flach auf den Knien hält und warum auf den Brunnen die reisigen Männer stehen. Als er einmal mit in die Zwölfbotenkapelle unter dem Großmünster hinunter darf, läuft er nachher wohl eine Stunde lang weinend vor Glück an der Limmat hin.

Es ist, als ob er nun die Stadt erst sehe, in der er aufgewachsen ist; und wenn er durch eine der alten Porten hinaus geht, die noch immer wehrhaft dastehen, obwohl draußen die wohlgerüsteten neuen Bastionen sind, kann es ihm ängstlich werden, die schützende Grenze zu überschreiten. Der schwarze Pfahlwall im See am Grendel, der mit der Dunkelheit die Schifffahrt absperrt, der Wellenbergturm mitten in der Strömung, das mit mächtigen Quadern ins Wasser vorgebaute Rathaus, die stattlichen Zunfthäuser und der breitbedachte Rüden am Stücklimärt, wo immer noch die Constafel, die Geschlechter, tagen, das Haus zum Königstuhl mit seinem derb vorgebauten Erker, darin der Bürgermeister Stüssi gewohnt hat, oder das Haus zum Loch, mit seltsamen Sagen dem großen Kaiser Karl verknüpft: jeder Stein der Stadt wird mit dem Bewußtsein der Geschichte lebendig, die daran gebaut hat.

Auch empfindet er nun, daß es etwas anderes ist, ob der Antistes von Zürich durch die Straßen geht, oder ob sein Großvater von Höngg zu einer Besorgung herein kommt; und als er erst einmal in der Wasserkirche gewesen ist, wo die alte Bibliothek der Stadt in zwei Galerien eingebaut steht und mit den alten Ölbildern an den Wänden gleichsam das Uhrwerk ihrer geistigen Geschichte darstellt, wird der stille Saal für ihn ein Raum mancher heimlichen Feier. Von hier aus beginnt er mit Stolz nach den Männern zu sehen, die zum Ruhm und Vorbild der Bürgerschaft leben, und wenn er nun den greisen Bodmer daherkommen sieht, fühlt er: es ist mehr als ein Professor der helvetischen Geschichte, es ist der Geist dieser tapferen Geschichte selber, der unter seinen buschigen Augenbrauen in die Gegenwart blitzt.

16.

In dieser Zeit fängt Heinrich Pestalozzi auch an, Kameraden zu bekommen; er ist den Wunderlichkeiten des alten Babeli entwachsen, und so sehr die Gute schilt, wenn seine Kleider bei einer unnützen Kletterei an der Stadtmauer oder sonst Schaden genommen haben: er ist zu lange in ihrer Stubenhaft gewesen, um nicht mit Ausgelassenheit die Freiheit solcher Streifereien zu genießen. Sogar reiten lernt er, als wieder einmal der Vetter Weber aus Leipzig für einige Zeit in Zürich auf Geschäften ist und ihm eins von seinen Rossen leiht. Es geht ihm immer noch wie damals bei dem Großvater in der Kalesche, er kann nicht mit dem Gaul übereinkommen, hält sich an den Zügeln fest, als ob es Rettungsseile wären, und macht das arme Tier einmal am Hottinger Pörtchen so wild, daß es auf der Holzbrücke anfängt, Männchen zu machen, und ihn beinahe über das Geländer in den Stadtgraben hinunter wirft. Schon läuft der Torwächter erschrocken hinzu, und die Spaziergänger flüchten sich; irgendwie aber bleibt er doch noch im Sattel hängen, das Pferd zieht es vor, den Stall zu suchen, und er widerstrebt ihm nicht, obwohl er dabei seine Mütze verliert und nicht gerade eine Reiterfigur macht.

Schlimmer geht es ihm jenes Mal, als er an einem Sonntagnachmittag mit einigen Kameraden in einem Weidling nach Wollishofen hinausgerudert ist und nachher wieder heim will. Sie sind nach Knabenart laut gewesen, haben Schweizerlieder gesungen und in dem schwanken Schiff ihre Katzbalgereien gehabt, als ob ihnen garnichts Schlimmes begegnen könnte. Beim Einsteigen aber, als sie noch mitten im Gelächter sind, kommt er mit dem einen Fuß nicht vom Landungssteg los, während er den anderen schon auf den Rand gesetzt hat. Durch den Ruck weicht das Schiff unter ihm fort, bis seine Beine zu kurz für die Spannung sind und er kopfüber in den See kippt. Er kann nicht schwimmen; das Wasser ist ihm immer unvertraut gewesen, und nur dadurch, daß die andern ihm schnell das Ruder hinhalten, als er mit zappelnden Armen hoch kommt, ertrinkt er nicht. Sie schleppen ihn daran wie einen gefangenen Fisch gegen das Ufer zurück, wo sie ihn diesmal mit größerer Vorsicht ins Boot holen wollen. Er mag aber nicht mehr, verschlägt sich unter den Scherzen der andern seitwärts an eine durch Büsche geschützte Uferstelle und trocknet da seine Kleider in der Sonne. Das dauert einige Stunden, während die andern wieder ihre Tollheiten in dem Kahn machen und ihn schließlich, seine Feigheit verhöhnend, im Stich lassen. Daß seine Kleider naß geworden sind, macht ihm nichts aus bei der Sonne; auch ist er so rasch wieder oben gewesen, daß er gleich mit den andern dazu gelacht hat: nun er aber allein so am Wasser sitzt, das auf eine gierige Art ans Ufer schwappt, fängt das Erlebnis an, ihn schwermütig zu machen. Er hat, als er untersank, für einen Augenblick die Augen der Mutter dicht vor den seinen gesehen, und den Großvater dahinter, wie er ihm die Hand auf die Schultern legte: nun hört er das übermütige Geschrei der Knaben vom See und kann nicht begreifen, daß er selber dabei war. Es wäre nichts als ein unnützer Knabe gewesen, den das Wasser an ihm verschluckt hätte; weil aber nichts so heftig in seiner Seele aufbegehrt als der Ehrgeiz, sich selber wert zu halten und es den großen Männern seiner Stadt einmal gleich zu tun, werden für Heinrich Pestalozzi die beiden Nachmittagsstunden, während er am See bei Wollishofen in der Sonne sitzt, zu einem Selbstgericht, wo ein beschämter Jüngling die Kleider halbtrocken wieder anzieht, die sich der Knabe naß vom Leib gerissen hat.

Stärker als damals in Höngg vor der Tür des Ernst Luginbühl ist das Gefühl eines eitlen und selbstgefälligen Daseins in ihm. Mit all seinem Selbstbewußtsein, mit seinen Vergangenheitsträumen und spintisierten Taten ist er doch nur ein Schüler, nach dem niemand fragt, als die, denen er mit seinen Großsprechereien zuleide ist. Seine Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit der Lehrer, wenn der Kantor betrunken in die Singstunde kommt oder der Provisor Weber — der selbe, der sich einmal eine Laus vom Kopfe nahm und ihm auf dem Papier zerknickte — dem Ludwig Hirzel vom Schneeberg ein paar Fehler übersieht, weil dessen Eltern ihm eine Metzgeten ins Haus geschickt haben; sein ganzes Weltverbesserertum setzt er nun gegen die Unfähigkeit, mit sechzehn Jahren sich selber und seine Kleider in Ordnung zu halten oder einen Heller zu haben, den er seiner Mutter nicht abgebettelt hat, als ob die ganze Schöpfung nur da wäre, einem Schulknaben nach seinen Einfällen und Sinnen gefällig zu sein.

Freilich, als er dann sucht, wie er seine unnützen Beine unter dem Tisch der Mutter fortbringen könne, findet er nichts als die Kaufmannschaft, dahinein sie schon im Frühjahr nicht ohne Tränen den Johann Baptista getan hat. Ihr zuliebe muß er die Schule durchhalten; so ist es unvermutet doch wieder der Zirkel solcher unnützen Schülerschaft, darin er seine Jugend gebunden sieht. Trotzdem, als er im späten Nachmittag allein gegen Zürich geht, fröstelnd von den nicht völlig trockenen Kleidern, ist es ihm, als ginge er nun wirklich in den großen Schritten des Vaters, die er als kleiner Knabe so gern versucht hat. Er mochte sich kein Gelöbnis geben, und auch diesmal sind die Kreise seiner Gedanken gleich dem Ringelspiel um die Steine verlaufen, die er draußen in den See warf: doch geht eine Sicherheit mit ihm, als läge sein unnützes Knabentum noch mit den Kleidern auf einem Häufchen im warmen Uferschilf. Weil aber doch für einen Augenblick der Tod an seine Natur gerührt hat, ist die heimliche Lust des Lebens in ihm, die — wie er danach noch tiefer erfahren soll — durch nichts so sehr als durch das Grauen des Todes angeregt wird.

17.

Heinrich Pestalozzi ist im Januar siebzehnjährig geworden, als er zum Frühjahr ins Collegium Carolinum eintritt. Er weiß, daß er für keinen schlechten Kopf gilt, wenngleich er bis zuletzt als ein unordentlicher und zerstreuter Schüler gescholten worden ist: nun liegt die Zeit der Abrichtung hinter ihm, und er steht als Student zu Hause wie vor den Mitbürgern mit dem Stolz da, endlich auf die Wissenschaften selber zu zielen. Wo Bodmer helvetische Geschichte lehrt und Breitinger außer den alten Sprachen Philosophie, da hat die Schulmeisterei ihr Ende; das sind Männer, um die er Zürich von halb Europa beneidet weiß, und zu denen weither die Berühmtheiten angereist kommen. Namentlich Bodmer mit seiner vaterländischen Begeisterung, der auch als Mitglied des großen Rates in Zürich selber in die Regierung eingreift, ist das Ziel seiner Verehrung. Der ist damals noch nicht der schrullenhafte Greis, trotz seiner fünfundsechzig Jahre behend und rasch mit der trefflichen Rede. Unter seinen Zuhörern zu sitzen, bedeutet für Heinrich Pestalozzi, in die geistige Gemeinschaft seiner Stadt eingetreten zu sein; und als es ihm zum erstenmal gelingt, einige Worte mit ihm zu sprechen, erzählt er nachher der Mutter und dem Bärbel glückselig von der Begegnung. Die Mutter, wie immer, hört mit leiser Trauer zu; das Bärbel aber, das nun schon vierzehnjährig mit seinen Italieneraugen ein zärtliches Kind vorstellt, ist stolz auf den großen Bruder.

Heinrich Pestalozzi spürt seit dem ersten Tage, daß ihm die Zeitumstände einen günstigen Wind in sein Studium bringen; tagtäglich kann er neue Segel aufziehen, und wenn er sein Lebensschiff in dieser ersten Studentenzeit aufmalen könnte, wäre es von der Mastspitze bis zum Steuer bewimpelt.

Aus Frankreich ist die Nachricht von einem Buch gekommen, das einen Schweizer, den Genfer Uhrmacherssohn Jean Jacques Rousseau, zum Verfasser hat und im Auftrag des Parlaments in Paris vom Henker zerrissen und verbrannt worden ist; auch der Magistrat in Genf hat das Buch verdammt, und so gibt es wenige, die seinen Inhalt wirklich kennen. Aber als ob aus den Flammen des Henkers Funken fortgeweht wären, nistet sich der Brand allerorten ein, sodaß die Wirkung des »Emil« — wie das Buch heißt — ihm in hitzigen Gesprächen vorausläuft, besonders da, wo die übrigen Schriften des welschen Schweizers seine Naturreligion schon verbreitet haben. Heinrich Pestalozzi kann nicht daran denken, so bald ein Exemplar dieses Buches zu erhalten, wohl aber bekommt er seine Wirkung zu spüren. Er war eben aus der Lateinschule gekommen, da haben die neun Schweizer, durch Iselin in Basel gerufen, ihre Freundschaftsfahrt nach Schinznach gemacht, die helvetische Gesellschaft zu gründen. Auch ein Zürcher, Hans Kaspar Hirzel, ist dabei gewesen, und obwohl die Gestrengen Herren im nächsten Jahr die Teilnahme an den Verhandlungen in Schinznach als staatsgefährlich verboten haben, weiß er wohl, daß ihrer sieben heimlich dort gewesen sind; und er entsinnt sich noch, mit welchen Augen selbst die Knaben in der Schule davon sprachen, als ob Schinznach ein neues Rütli für die Eidgenossenschaft wäre gegen den gewalttätigen Herrschaftsgeist der einzelnen Kantone. Und nun kommt der Tag, wo der alte Bodmer das Licht öffentlich aufsteckt, das bis dahin nur mit Tüchern verhüllt heimlich von Haus zu Haus getragen worden ist; wo er als der einzige in Zürich, der die Geltung und den Freimut zugleich besitzt, dergleichen zu wagen, die helvetische Gesellschaft zur Gerwe einrichtet.

Als Heinrich Pestalozzi sich mit andern Studenten vor den Anschlag drängt, der den Arbeitsplan der Gesellschaft kundgibt, kommt zufällig Bodmer mit zwei jungen Männern daher, die schon die Kleidung der zukünftigen Geistlichkeit tragen und aus Respekt vor dem Professor, obwohl er freundschaftlich mit ihnen spricht, die Hüte in der Hand halten. Die beiden sind ziemlich allen bekannt als die Predigtamtskandidaten Bluntschli und Lavater, die dem alten Herrn eifrig zu Diensten und auch bei der Gründung der neuen Gesellschaft seine Handlanger sind. Sie verziehen keine Miene ihrer feierlichen Gesichter, als sie vorübergehen; Bodmer aber bleibt seiner scherzhaften Laune folgend stehen, und weil er zufällig an Heinrich Pestalozzi gerät, tippt er ihm mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust: ob er Lust zur Mitarbeit habe? Die Frage scheint nicht weiter gemeint, der alte Herr wartet auch gar keine Antwort ab und geht mit den schwarzen Pagen zur Münstertreppe hinunter: aber darum hat er ihm doch mit dem Finger ans Herz gerührt. Er wäre auch sonst glücklich gewesen, mit bei dieser Sache zu sein, die aus seinen glühenden Wünschen gemacht scheint; nun aber sind seinem Ehrgeiz Hoffnungen geweckt, die er sich selber wie eine Fahne aufrollt.

Der schwarze Pestaluz wird Tambour! höhnt ein Bürgersohn, den die Bevorzugung ärgert, und die andern lachen dazu, als ob sie ihn schon trommeln hören; er aber ist viel zu erregt, darauf zu achten, und noch als er zu Hause die Treppe hinaufgeht, spürt er die Stelle, wo ihm der Bodmer genau auf das Herz getippt hat.

18.

Die Gesellschaft heißt zur Gerwe, weil ihre Versammlungen im Zunfthaus der Gerber abgehalten werden, das unterhalb des Rathauses über die Limmat hinaus gebaut ist. Als Heinrich Pestalozzi zum erstenmal hinkommt, ist noch niemand da, weil seine Ungeduld sich verfrüht hat; so wird er von einigen Männern, die nach ihm eintreten, um eine Auskunft angesprochen und gerät dadurch gleich anfangs in die Stellung eines Vertrauten, der mehr von dieser Sache weiß, um so mehr als Bodmer nachher der Versammlung scherzhaft ankündigt, daß sie es einmal mit der umgedrehten Welt versuchen und der Jugend das Wort lassen wollten, indessen sie, die Alten, diesmal nur das Parterre im Theater wären. Es mögen an die hundert Personen in dem getäfelten Saal sein, wie Heinrich Pestalozzi an der Begrüßung merkt, zumeist Schüler Bodmers, der seit vierzig Jahren vaterländische Geschichte in Zürich liest und schon der Lehrer einiger Graubärte gewesen ist, die nun als begeisterte Eidgenossen in seine Studiengesellschaft eintreten. Den ersten Vortrag hält der Kandidat Bluntschli; er liest ihn mit einer Stimme, die beinern vor Erregung ist, und das Papier zittert ihm so in den Händen, daß ein Blatt mitten durch reißt. Auch seine Worte sind so, sie handeln von den Grundsätzen der politischen Glückseligkeit, und wie Heinrich Pestalozzi den blassen, schon durch die Schwindsucht gezeichneten Menschen von den politischen Einrichtungen Zwinglis sprechen hört, glaubt er den Reformator fast selber zu sehen, so erfüllt ist dieser Kandidat von der unbeugsamen Sittlichkeit seiner Gedanken.

Nachher gibt es eine Aussprache, und nun spürt Heinrich Pestalozzi, daß dies mehr sein soll und ist, als eine Studiengesellschaft der vaterländischen Geschichte. Einer der Männer, die ihn zu Anfang angesprochen haben, nimmt auch das Wort, und es ist schon ein Zeichen selbständiger Gesinnung, wie er mit seinem braunen Vollbart gegen die rasierten Gesichter der modischen Herren steht. Er bringt die Rede auf den Landvogt Grebel in Grüningen, der in seiner sechsjährigen Amtszeit mehr ein Räuber als eine Obrigkeit im Sinne Zwinglis gewesen sei und nur deshalb seinen Raub trotz aller Klagen des Landvolks behalten könne, weil er der Eidam des Bürgermeisters wäre. Obwohl der alte Bodmer sichtlich erschrocken die harten Worte mit erhobenen Händen abwehrt, muß er sie wieder sinken lassen; denn aus der Versammlung bricht die Empörung über die allbekannten Greuel des leichtfertigen und bösen Mannes in solchen Zurufen aus, als ob sie sich alle nur deshalb in der Gerwe vereinigt hätten. Bodmer weiß zwar die Erregung mit klugem Bedacht wieder auf eine Aussprache zurückzulenken, aber die Worte, die nun kommen, sind anders, als die vorher waren: als ob sie auf einem Wasser hingerissen würden, so vergeht der einzelne Schall, aber die stark strömende Flut der Erregung bleibt.

Heinrich Pestalozzi fühlt sich aus seinem jünglinghaften Träumerdasein mitten ins Leben versetzt; er könnte die Worte des bärtigen Mannes aus dem Gedächtnis sagen, so sind es Hammerschläge auf sein Herz gewesen, und als es zum Schluß noch ein erregtes Zwiegespräch mit dem Bluntschli gibt, steht er im Rausch dabei: Der Kandidat ist mit der Anwendung seiner Grundsätze nicht einverstanden; weil er aber nur abzulesen, nicht frei zu sprechen vermag, hat er dem braunen Mann vor der Versammlung nicht entgegnen können; nun, wo die meisten, auch Bodmer, schon gegangen sind, gerät sein zu lange verhaltener Widerspruch in Zorn, sodaß es fast einen Streit gibt. Der andere aber, der vorher so scharf gewesen ist, weiß nun den Humor des Älteren herauszukehren, sodaß sie zuletzt noch friedlich mit einander auf die Gasse kommen. Heinrich Pestalozzi hätte längst heim gemußt, er kann sich aber nicht von den andern lösen, solange derartige Dinge in den Worten sind; so geht er treulich noch am nächtlichen Limmatufer mit den andern hinauf und befindet sich, als es unvermutet eine Abschiedsecke gibt, zu seiner eigenen Verwunderung mit dem Kandidaten allein.

Der in seiner gereizten Stimmung ist augenscheinlich froh, noch einen Zuhörer für seine zornigen Gedanken zu haben. Vielemal läuft er mit ihm disputierend am Wasser auf und ab, auf dem der Mond sein Silberlicht in einen ruhelosen Abgrund schüttet: Er habe die Grundlage der sittlichen Bürgerordnung, nicht den Aufruhr stipulieren wollen, sagt der Kandidat, und obwohl Heinrich Pestalozzi seine Freude an dem braunbärtigen Manne gehabt hat, folgt er dem Aufgeregten in seine Welt. Es tut ihm wohl, von dem Älteren so gewürdigt zu werden, und als er endlich allein — vom Nachtwächter verscheucht — zum Roten Gatter hinaufgeht, geben die einstürmenden Erinnerungen aus der Stadtgeschichte nur noch die Begleitung zu seiner fast trunkenen Melodie, daß er nun mit beiden Füßen in das Gemeinleben der Stadt eingetreten sei und daß er an dem Kandidaten einen Bekannten gewonnen habe, von dessen entschiedenen Meinungen er sich manches für seine eigene Zukunft erhoffen dürfe.

19.

In der Folge sorgt Heinrich Pestalozzi, daß ihn der Bluntschli nicht wieder aus den Augen verliert. Er weiß, wie der unbemittelte Sohn eines Steinmetzen es gleich ihm nicht leicht hat zwischen den reichen Bürgersöhnen, aber um seines Fleißes und der jungmännlichen Strenge willen mit besonderen Hoffnungen betrachtet wird. Wen der Bluntschli von den Studenten seines Umgangs würdigt, der ist damit schon etwas Besonderes; obwohl er den unfröhlichen Menschen bisher nicht günstig angesehen hat, überläßt sich Heinrich Pestalozzi nun willig seiner Führung, weil sein Ehrgeiz in dieser Gefolgschaft schneller einen Weg in die Lebensdinge zu finden hofft, als auf dem Umweg der Schule.

Es dauert auch nicht lange, so darf er ihn besuchen im Zunfthaus zu den Zimmerleuten, wo sein Vater Stubenverwalter ist. Er spürt wohl, daß der Bluntschli einen herrschsüchtigen Hang hat und seinen Freunden strengere Pflichten auferlegt, als es einem Lehrer gestattet würde; aber weil er selber in einen fanatischen Lerneifer geraten ist, sodaß er nicht essen kann, ohne daß noch ein Buch neben dem Teller liegt, ist ihm die Strenge recht.

Eines Tages kommt es zu einem Spaziergang, durch Sihlport hinaus gegen den Uto. Er muß sich einen Tadel gefallen lassen, weil er dem Bluntschli zu hastig mit den Armen schlenkernd dahinläuft; als sie dann gegen den Waldrand hinauf wollen, merkt er freilich, daß es nicht nur die Sorge um seine Würde ist, die den andern so gemessen schreiten läßt: der Atem wird ihm bald zu kurz, sodaß sie den steilen Weg verlassen und einem Pfad links unter der Manegg her folgen. Wo die Büsche den Blick frei lassen, geht er über die schattige Rinne des Sihltals und den dunklen Waldrücken bei Wollishofen in das blaue Himmelsbecken des Zürichsees, darin Wolken und Bergfernen ihr schimmerndes Licht mischen: so erstaunt Heinrich Pestalozzi nicht, als sie in einer grünen Wiesenbucht einen Maler emsig dabei finden, die Linien und Farben dieser Ansicht auf ein Papier zu bringen. Ein Genosse von ihm hat sich augenscheinlich als Staffage auf eine Kuppe davor gesetzt, und ein weißer Hund liegt artig ihm zu Füßen, als ob er seine Wichtigkeit im Bild fühle. So emsig der eine mit den Wasserfarben hantiert, so eifrig liest der andere in einem Buch; und erst als der Hund sich erhebt, die beiden Ankömmlinge knurrend zu stellen, schauen beide auf, erst der Maler, und als der gleich einen Juchzer ausstößt, auch der Leser.

Der mit dem Buch ist Lavater, und Heinrich Pestalozzi begreift nicht, daß er ihn nicht beim ersten Blick erkannt hat; von dem andern weiß er, daß er ein Sohn des Malers Füeßli ist, gleichfalls Theologie studierend, aber gern mit dem Handwerkszeug seines Vaters über Land, und den Lehrern mit seiner freimütigen Art vielmals ein Ärgernis. Er hat wie meist sein Waldhorn mit, und ehe sie noch ihren Gruß sagen können, bläst er ihnen schon einen ländlichen Hopser ins Gesicht. Dem Bluntschli scheint die Begrüßung zu mißfallen; er geht an dem übermütigen Bläser vorbei gleich auf Lavater zu, und es sieht aus, als ob er ihn zur Rede stelle. Dabei hat er den Hund des Malers nicht mit berechnet; denn als er mit einer beschwörenden Gebärde auf den Freund losgeht, stellt das große Tier seinen Mann und legt ihm die Pfoten auf die Schultern, sodaß er statt dem Gesicht des Ungetreuen das bleckende Maul vor sich hat. Der Füeßli kann vor Gelächter nicht mehr blasen; er ruft den Hund erst zurück, als er sieht, daß der Bluntschli sich mit seinem blassen Zorn in Gefahr bringt.

Heinrich Pestalozzi hat den Auftritt, weil der Füeßli nicht zu seiner Bekanntschaft gehört, wie ein überflüssiger Zuschauer erlebt; sein Pflichtgefühl ist bereit, sich zu dem Zornigen zu schlagen; als aber der Maler ihm lachend die Hand hinhält, vermag er den lustigen Augen nicht standzuhalten. Die andern scheinen sich unterdessen auch geeinigt zu haben; obwohl verstimmt, kommen sie hinzu, setzen sich auch zögernd, wie der mit dem Waldhorn vorschlägt, miteinander auf den trockenen Grasboden und betrachten sein Bild. Es zeigt erst die porzellanene Bergferne und vorn das waldige Sihltal wie eine dicke grüne Raupe, aber es ist sauber gemalt, und Heinrich Pestalozzi muß den leichtherzigen Menschen bewundern, der gleichwohl solches vermag. Dem Bluntschli scheint das Bild keiner Beachtung wert; er will wissen, was für ein Buch Lavater gelesen hat, und als der ihm den Titel zeigt, weist er es kopfschüttelnd zurück. Als ob er sich vor Pestalozzi rechtfertigen müsse, gibt Lavater ihm das Buch in die Hand: es ist eine Schrift von Winckelmann über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Er weiß nicht weshalb, aber er hat im Augenblick, da er es nahm, gehofft, es möchte der Emil von Rousseau sein; so gibt er das Buch enttäuscht aus der Hand.

Der Maler will die Stimmung retten und schlägt vor, daß sie zusammen durch das Sihltal hinüber nach Wollishofen wandern und von da am Abend in einem Schiff zurückfahren sollten. Heinrich Pestalozzi würde das trotz seinem Erlebnis an dem Weidling mitgemacht haben; aber Bluntschli steht geärgert auf und geht ohne Gruß den gleichen Pfad zurück, es ihm überlassend, ob er folgen oder sich den andern anschließen will. Er wäre auch bei besserer Stimmung eines solchen Verrats nicht fähig, gibt also beiden mit einem flehenden Blick für seinen zornigen Genossen die Hand und springt ihm nach.

Bis zur Sihlbrücke kommen sie schweigend, Bluntschli immer vorauf und er wie sein Pudel hinterher; dann scheint das rauschende Wildwasser den Groll zu lösen, und obwohl Heinrich Pestalozzi deutlich fühlt, daß nur die Eifersucht um Lavater den Verärgerten so sprechen läßt, horcht er doch seinen Worten. Die ersten hört er kaum im Lärm der Sihl, erst nachher versteht er, daß der Bluntschli streng und erbittert von dem Geist der Aufklärung spricht, von dem Heidentum, das mit der gerühmten modernen Bildung in die Stadt Zwinglis gekommen sei und sich da mit dem Tand seidener Kleider, mit komischen Erzählungen lüsterner Art, mit radierten Idyllen und dem armseligen Götterwerk der heidnischen Welt breitmache. Solange man seine Urteilskraft an wahrhaft nützlichen Gegenständen üben könne, sei es ein Abfall, dürre und unfruchtbare zu wählen: Die nötigen Kenntnisse sind allen Menschen gemein, die nicht allgemeinen sind unnötig!

Es ist zuviel von seiner eigenen Gesinnung darin, als daß Heinrich Pestalozzi ihm nicht zustimmen sollte, und für eine Weile stehen die beiden da oben im Wald vor ihnen wie rechte Taugenichtse da; aber als sie von der Meisezunft her gegen die Wasserkirche über die Brücke gehen, lehnt bei dem Mühlrad ihr Lehrer, der weise Bodmer, und sieht in das glatt strömende Wasser, als ob er etwas in seinem Grund suche. Sie wollen ehrfürchtig grüßend an ihm vorbei; er erkennt sie aber und hält sie an: ob sie schon wüßten? Als sie beide den Kopf schütteln, nimmt er sie mit hinunter in die Gerwe und zeigt ihnen da eine Anklageschrift gegen den Landvogt Grebel, die in der ganzen Stadt verbreitet wäre und, wie er bestimmt vermute, Lavater und Füeßli zu Verfassern hätte: Wenn sie sich dazu bekennen müssen, sagt er und faltet das Papier wieder in seine Brusttasche, ist den beiden der Wellenberg sicher!

20.

Einige Tage später muß Heinrich Pestalozzi hinauf nach Höngg, wo seine Mutter mit dem Bärbel die kränkelnde Großmutter pflegt. Sie ist nun einundsiebzig und längst zu schwach für ihren Garten, doch hat sie es gern, wenn sie bei gutem Wetter hinuntergelassen und auf Stühlen zwischen den Beeten gebettet wird. Da liegt sie auch diesmal, als er um einer Laune willen unten an der Limmat hin und dann den steilen Pfad heraufgekommen ist. Es macht die alte Frau besorgt, daß er von dem raschen Anstieg seine brandigen Hitzflecken im Gesicht hat, und sie ruht nicht, bis er sich mit ihrer Schürze den Schweiß abtrocknen läßt. Nachher muß er sich auf die Steinbank setzen und ihr erzählen; da ihn die Vorfälle um den Vogt Grebel, die geheimnisvolle Anklageschrift und die zornigen Untersuchungen der Gestrengen Herren bis in den heißen Kopf erfüllen, spricht er ihr davon. Dann scheint es ihm freilich, als ob ihr einfältiger Sinn den Dingen nicht zu folgen vermöchte; sie streichelt nur immer eine Lilie, die sich in der linden Luft zu ihr neigt, und lächelt auf eine kindliche Art dazu. Als er aufsteht, die andern aufzusuchen, hält sie ihn fest mit ihrer welken Hand, und für einen Augenblick scheint ihr Greisensinn völlig verwirrt. Du mußt im Traum sein, Heiri, den Landvogt hat der Tell geschossen!

Er findet die Mutter und das Bärbel, die er abholen soll, schon reisefertig im Flur. Seitdem der Tochtermann des Pfarrers, der Vikar Wolf, gestorben ist, führt ihm die Witwe den Haushalt; das Tantli, wie sie bei ihnen heißt, ist noch eine junge Person und kann es trotz ihrer beiden Kinder wieder allein machen, seitdem es mit der Großmutter bessert. Er mag aber nicht sobald wieder fort; es drängt ihn, auch mit dem Großvater zu sprechen; so läßt er die beiden allein gehen und bleibt zur Nacht. Der Großvater hat mit der zunehmenden Gebrechlichkeit des Alters eine Vorliebe für gelehrte Studien gefaßt und sitzt über seinem Liebling, dem Kirchenvater Lactantius, den er den christlichen Cicero nennt; er läßt sich aber diesmal gleich stören: Es geht mir bald wie mit meinem Schwiegervater selig, dem Chorherrn Ott und seinem Flavius Josephus, sagt er wehmütig lächelnd, indem er die alten Bände zur Seite legt. Heinrich Pestalozzi weiß, wie merkwürdig die Weisheit dieses Juden aus der Zeit Christi an dem Zürcher Baum der Erkenntnis seines Urgroßvaters gehangen hat, und wie der alte Chorherr daran zum Narren geworden ist; aber angefüllt von den Dingen der Gegenwart vermag er nicht mit dem Großvater zu lächeln und sagt ihm das seltsame Wort aus dem Garten, das einen Dammbruch in seine Gefühle gerissen hat. Der alte Herr wird im Augenblick ernst und nimmt ihn hastig an der Schulter hinaus, als ob dergleichen in seiner Amtsstube nicht gesprochen werden dürfe.

Sie machen danach miteinander einen Gang ins Dorf, wo der Pfarrer dem Schulmeister eine Weisung zu geben hat. Heinrich Pestalozzi sieht von weitem das Haus, darin er den Ernst Luginbühl an den Webstuhl genötigt weiß, und das schmerzhafte Erlebnis mit dem Testament der Mutter, das er seitdem tiefunterst im Schrank verwahrt, gibt seinen strömenden Worten einen bitteren Beiklang. Der Großvater läßt ihn schweigend sein übervolles Herz ausschütten und tadelt ihn nur, als er sich allzu heftig zum Richter aufwirft. In seiner Kammer aber findet er an diesem Abend — vom Großvater heimlich hingelegt — die Verordnungen für das gemeine Landvolk, die den Pfarrern von den Gestrengen Herren übergeben sind. Er liest darin, bis sein Kerzenlicht zu Ende ist; nachher vermag er nicht zu schlafen, sitzt in den Kleidern am offenen Fenster bis in den Morgen und sieht in die unruhige Mondnacht hinaus, darin die jagenden Wolken ihre schwarzen Schatten vor die silberne Scheibe drängen; so oft sie auch siegend daraus hervorkommt, unaufhörlich steigen die schwarzen Sturmvögel vom Zürichberg herauf, ihr Licht zu decken; nicht anders, als die Verordnungen der Züricher Stadtherren über den mühsamen Lebensstand des gemeinen Landvolkes kommen:

Alle Ämter in Staat und Kirche, alle ehrsamen Handwerke sind dem Landvolk verschlossen, das mit Zehnten und Grundzinsen, mit dem Erb- und Leibfall, der dem Landvogt bei jedem Todesfall das beste Stück der Hinterlassenschaft sichert, mit Fronden und Kleidervorschriften, mit Handelsverboten und strengen Strafen für jedes Gelüst der Freizügigkeit von den Stadtbürgern wie leibeigen gehalten wird. Heinrich Pestalozzi hat all diese Dinge einzeln auch schon vorher gewußt, wie der Bauer nichts auf dem Dorf verkaufen, sondern alles auf den Zürcher Markt bringen muß, wo die Bürger für jede Ware den Preis festsetzen, wie ihm verboten ist, Geld auszuleihen, damit die Stadtherren den hohen Zins behalten, wie er nicht einmal sein selbstgesponnenes Tuch und Leinen selber färben darf: aber daß diese grausame Willkür mit allen Folgen des Elends ein Verrat an den alten Sagen und Briefen der Eidgenossenschaft ist, das hat er nicht durchgefühlt bis zu dieser Nacht, wo ihn das einfältige Wort der Großmutter vom Landvogt und dem Tell in einen Aufruhr aller Gedanken gebracht hat.

21.

Heinrich Pestalozzi kommt am nächsten Morgen aus Höngg zurück, als ob der Geist Tells in der Stadt Zürich auf ihn warte. Er findet den Kram der Straßen in der gleichmütigsten Geschäftigkeit, und nur am Rathaus drängen sich die Leute vor einem Anschlag der Gestrengen Herren: Man habe mißfällig vernommen, daß gewisse für die Ordnung des Staates zwar wichtige Nachrichten auf eine illegale Weise angezeigt worden wären, und wolle hiermit jedermann erinnert haben zu berichten, was er von der Sache wisse! Der Vorwitz der Stunde treibt ihn, sich eines Wortes von Bodmer zu erinnern, daß es der Charakter der Regierungen sei, sich selber allen Patriotismus zuzuschreiben und bei andern Leuten nichts als Unverstand, unreine Absichten, Wildheit und Aufruhr zu bemerken. Aber einige grämliche Handwerker, die dabei stehen, nehmen ihm den jugendlichen Vorwitz übel und hätten ihm die vorlauten Worte mit Schlägen heimgezahlt, wenn er nicht eilig in die Marktgasse hinauf entwichen wäre. Als er sich da nach den schimpfenden Verfolgern umsieht, aber hastig weiterläuft, hat er das Unglück, in eine offene Kellertreppe hinein zu fallen, wodurch er zwar ihrem Zorn entgeht, sich aber schmerzhaft den Knöchel vertritt. Er ist noch nicht aufgestanden, als schon mit einem Licht aus der Tiefe des Kellers ein Mann im Lederschurz herzuläuft, den er gleich als den braunbärtigen Ankläger aus der Gerwe erkennt. Der hilft ihm mit lustigem Spott auf, leuchtet ihn ab und bringt einen Napf mit Wasser, die Schramme an, der Stirn zu waschen, aus der ihm Blut in die Augen läuft. Es scheint nichts Schlimmes damit, und da er bei seiner hastigen Art Beulen und Schrammen gewöhnt ist, hält ihn das Gespräch mit dem handfesten Mann länger auf als seine Wunde. Er erfährt, daß sich Lavater und Füeßli gleich tapfer zu der Schrift bekannt haben und sofort ins schärfste Verhör genommen sind: weil sie geblasen hätten, was sie nicht brannte.

Um seine Mutter nicht unnötig zu erschrecken, humpelt er zunächst ins Carolinum, wo ihm die allgemeine Aufregung die Mitteilung des Mannes bestätigt. Er kommt in der kampflustigsten Stimmung, aber mit schmerzendem Fuß zu Hause an, und über Nacht schwillt dieser so auf, daß der Doktor kommen muß. Es ist nur eine Zerrung der Sehnen, aber der Fuß wird eingepackt, und er liegt nun als das erste Opfer der Begebenheit zu Hause. Das Babeli läßt ihn ihren Grimm über den unnützen Fall spüren, und wenn ihm das Bärbel nicht mit schwesterlichem Eifer zu Diensten wäre, hätte er es hart. Sie bringt ihm ans Lager, was er braucht, und holt Erkundigungen über den Stand der Dinge ein: Es gibt zwar eine zornige Partei, die den beiden Angebern nach altem Brauch kurzerhand den Wellenberg verordnen möchte, aber der Kreis der Patrioten aus der Gerwe sammelt Unterschriften aus der ganzen Stadt, daß die beiden nur nach ihrem Bürgereid gehandelt hätten. Da der Bürgermeister Leu sich in der Sache neutral verhält, obwohl der beschuldigte Landvogt Grebel sein Eidam ist, auch Lavater wie Füeßli aus angesehener Familie sind, gelingt es Bodmer, sie vorläufig freizuhalten, indessen die Untersuchung nach anderen Aufrührern ihre verbissenen Gänge weiter wühlt.

Heinrich Pestalozzi kann schon wieder vom Fenster an die Ofenbank humpeln, als es eines Abends gegen die Dämmerung zaghaft an die Stubentür klopft. Das Babeli hebt noch schnell ein Stuhlkissen auf, das er dem Bärbel im Scherz nachgeworfen hat, bevor es den Riegel aufklinkt. Herein kommt aber nur die unsichere Gestalt Lavaters, der den Hut schon draußen abgenommen hat und damit ein Päckchen in seiner Hand bedeckt. Heinrich Pestalozzi kennt ihn bisher eigentlich nur aus der Gerwe, wo er freilich einmal lange mit ihm gesprochen hat, und ist ebenso überrascht von dem Besuch, wie der andere verlegen scheint. Er habe erst jetzt von seinem Mißgeschick gehört, sagt er schließlich, als ihm Hut und Päckchen abgenötigt sind, und fängt an, vor Heinrich Pestalozzi auf und ab zu schreiten: seine eigene Sache stände nicht günstig, er wolle zwar nicht vorher fliehen, aber nach dem Urteil außer Landes gehen; zu Hause und vor der übrigen Verwandtschaft als einer dazustehen, der aus Leichtsinn seine Zukunft verspielt habe — hier läuft das Babeli weinend aus der Stube — wäre ihm unerträglich; er wolle sehen, ob die Welt keinen andern Platz für ihn habe! Er spricht noch manches, bis es völlig dunkel wird, und verhehlt auch nicht, daß Füeßli der treibende Wille und er nur die Feder dieser Anklageschrift gewesen sei, die ihn nun selber zum Angeklagten gemacht habe. Als das Bärbel ein Licht bringt, nimmt er seinen Hut, bevor Heinrich Pestalozzi weiß, was er eigentlich gewollt bat, das Päckchen läßt er liegen; die Schwester will es ihm nachbringen, aber er wehrt mit einer komischen Verdrießlichkeit ab und geht auf seine lautlose Art rasch die Treppe hinunter, von dem Bärbel beleuchtet.

Als sie wieder zurückkommt mit dem Licht und Heinrich Pestalozzi das sauber verschnürte Päckchen ansieht, trägt es seinen Namen. Ungeduldig, nun endlich zu wissen, was der seltsame Besuch des Kandidaten für ihn bedeutet, reißt er den Umschlag ab, und dann steht für einen Augenblick sein Leben still wie eine Kerzenflamme: was er in den Händen halt, ist Rousseaus »Emil«.

Was hast du? fragt die Schwester, als sie ihn mit dem Buch in den Händen so dasitzen sieht; er hält ihr den Titel hin und weiß kaum selber, was sein Mund spricht: Ich habe den Propheten!

22.

Heinrich Pestalozzi vermag nicht so fließend französisch zu lesen, daß er das Buch verschlingen könnte; er muß es wie einen alten Schriftsteller studieren, und oft genug stockt er bei einem Wort, dessen Sinn ihm vieldeutig oder unklar ist. Aber darum ist es doch für ihn, als ob er eine Feuersbrunst erlebte, wie erst nur die Flämmchen nach dem First hinlaufen, auf einmal Pfannen niederprasseln und endlich das feurige Gerippe brennender Balken in der Lohe steht, wo vorher ein Dach jahrhundertelang die Menschlichkeit vor den Elementen beschützt hat. Zeit und Raum verliert er vor dem Buch; und wenn er aus den Seiten aufblickt in die Stube, kann er staunend seine Mutter oder das Bärbel dasitzen sehen, als ob sie im Augenblick aus himmlischen Weiten hergeweht wären. Vieles kennt er schon, aber gerade darum ist es ihm, als ob in den Gesprächen Bluntschlis, in den Reden Bodmers und allen Verhandlungen der Gerwe nur Irrlichter gewesen wären von dem Feuer, das hier durch Tag und Nacht seinen Brand brennt. Mehr als dies alles aber ist die heimlich wachsende Erstaunung, daß die Seele seiner Jugend in dem Buch ihre Heimat findet; immer bis zu diesem Tag ist es gewesen, daß es von ihr zur Welt keinen Zugang gab: So irrend er gesucht hat, so lieb ihm die Mutter und das Bärbel, das Babeli und der Baptist, die Großeltern in Höngg und das heimelige Pfarrhaus gewesen sind, er ist doch in der Einsamkeit geblieben, als ob nicht schon seine Ahne vor mehr als zweihundert Jahren, sondern er selber erst fremd über die Alpen nach Zürich gekommen wäre. Auch alle Schriften, die er bis dahin gelesen hat, sind für ihn von dieser fremden Welt gewesen; nun aber ist es, als ob in diesem Buch seine Seele selber aufgebrochen wäre, sodaß es in der Welt ringsum nichts mehr gäbe als sie. Alles bis zu diesen Tagen, was er gefühlt, gewollt und getan hat, ist mit dem schmerzlichen Gefühl des Unrechts geschehen; zum erstenmal steht seine Natur auf und sieht, daß sie recht hat.

Die Tage füllen sich zu Wochen, und die Wochen laufen schon in den zweiten Monat, daß Heinrich Pestalozzi noch immer mit dem Buch dasitzt und sich mit achtzehn Jahren erst eigentlich zur Welt bringen läßt. Unterdessen läuft draußen alles seinen Gang ab: der Landvogt Grebel wird schuldig gesprochen, aber Lavater und Füeßli müssen öffentlich Abbitte tun; sie verlassen bald miteinander Zürich, wo die Patrioten in der Gerwe vom Argwohn und Haß der Gestrengen Herren beaufsichtigt bleiben und von den Kanzeln gegen den aufrührerischen Geist der Jugend gepredigt wird. Im Carolinum werden die alten Schriften und die Kirchenväter gelesen, und in den Zünften wird mißtrauisch über die städtischen Rechte der Gewerke Buch geführt, das Bauernvolk bringt zu Wagen und zu Schiff die Erträgnisse seiner Arbeit auf den Zürcher Markt, und Sonntags strömen die geputzten Bürgersöhne und Mamsells hinaus in seine ländliche Welt, in den Gasthöfen steigen Kaufleute und empfindsame Reisende aus allen Ländern Europas ab, und die Baumwollenweberei stellt zum Nutzen Zürcher Fabrikherren einen Stuhl nach dem andern in den Dörfern auf, angeblichen Wohlstand verbreitend, die Landreiter gehen auf die Betteljagd, und an zierlichen Tischen werden die Idyllen Geßners gelesen: alles um ihn läuft seinen Gang wie zuvor, nur steht das sehnsüchtige Gefühl seiner Jugend nicht mehr als ein unbrauchbarer Fremdling darin. Es hat die Natur als Boden der Menschlichkeit gefunden, wo alles Verirrung und Falschheit ist, was dem inneren Gefühl um äußerlicher Vorteile willen widerstrebt, und er ist sicher: dies ist der einzige Schlüssel für den Menschen in die Welt.

23.

Heinrich Pestalozzi hat den Emil zum drittenmal gelesen und ist noch immer im Traum dieser Dinge, als Ende November in Höngg die Großmutter sanft hinwegstirbt. Sie haben sie am Mittag bei milder Sonne noch einmal in den Garten hinuntertragen müssen; da sind ihr mit den letzten verirrten Blüten die Augen zugefallen, als ob sie schliefe. Er muß mit dem Bärbel allein zum Begräbnis gehen, weil die Mutter selber zu Bett liegt. Der matte Glast der Novembersonne steht in der unbewegten Luft, als sie den Sarg um die Kirche auf den Acker tragen, wo die alten Holzkreuze auf ein neues zu warten scheinen. Das ganze Dorf ist da, auch die, denen es zu keinem sonntäglichen Kleid mehr reicht in ihrer Armut; bis an die untere Mauer stehen sie als der letzte Kriegshaufe lebendiger Liebe gegen den Tod. Bevor sie ihm seine Beute in das enge Erdloch hinunterlassen, tritt der Schulmeister vor, mit den Kindern das Abschiedslied ihres Lebens zu singen: Heinrich Pestalozzi ist oft mit dem Großvater in der Dorfschule gewesen und hat ihnen zugehört, nun will ihm der Gesang der Mädchen- und Knabenstimmen einstimmig vereint herrlicher klingen, als er jemals Menschen singen gehört hat, und die Erschütterung davon ist tiefer als die Trauer.

Weinend kommt er in die Kirche; da vermag die kleine Halle nicht alle zu fassen, daß ihrer viele noch draußen horchen, wie der alte Pfarrer und Dekan seiner eigenen Frau die Leichenrede hält. Auch er ist welk, und der Kopf kämpft mit dem gebeugten Nacken, das Angesicht von der Erde zu heben, aber die Stimme trägt noch klar durch den Raum, als er der Gemeinde den Lebenslauf der Dorothea Ott vorträgt, die seit achtundvierzig Jahren seine Frau und seit sechsunddreißig Jahren ihre Pfarrerin gewesen ist. Heinrich Pestalozzi weiß nun, es ist nicht der liebe Gott seiner Knabenjahre, der da spricht, es ist ein Greis, den sie selber bald um die Kirchecke tragen; umsomehr fühlt er, wie ergreifend dies ist, daß ein Mensch mit seinem Leid dasteht und aus der Ewigkeit den Lebenslauf seiner Gefährtin ablöst, deren irdisches Dasein vor dem seinen vollendet ist. Aber was ihn tief erschüttert, ist die Erfahrung, wie alles, was er hier sieht und hört, nur ein Stück aus dem Buch des Genfers scheint. Wenn er von hier aus an die Stadt denkt, an ihre Gassen, ihren Aufwand, ihr Gezänk: glaubt er niemals wieder hineingehen zu können. Auf dem Dorf allein ist das menschliche Wesen noch auf die Einfalt der Natur gestellt; von hier aus allein kann deshalb der Geist natürlicher Sittlichkeit wieder gesellschaftliche Rechte in der Menschheit erhalten. Es ist ihm nicht anders, als ob sie drei: die ländliche Gemeinschaft, seine Seele und der Traum des Buches in dieser Stunde einen Bund schlössen gegen den verkünstelten Aufwand der städtischen Welt.

24.

Seitdem denkt Heinrich Pestalozzi wieder ernstlich daran, Pfarrer zu werden; das Bild des Großvaters ist von neuem sein Lebensziel geworden, aber nicht um den Armen ein väterlicher Freund, sondern dem menschlichen Wesen ein Fürsprech und Märtyrer gegen Unnatur und elende Versunkenheit zu sein. Er tritt mit seinen Studien, die ihn immer leidenschaftlicher abgesondert haben, bis das Erlebnis Rousseaus ihm alles andere überflüssig machte, wieder in den Kreis des vorgeschriebenen Unterrichts ein. Selbst das Patriotentum in der Gerwe scheint ihm für eine Zeit nicht mehr so wichtig, und als es im Januar wieder zu einer Anklage diesmal gegen den Zunftmeister Brunner kommt, der sich schwerer Veruntreuungen schuldig gemacht hat, bleibt er der Sache fremd.

Er geht schon in sein neunzehntes Jahr und sieht wohl die Sorge, mit der die Mutter seine Unstetigkeit aufnimmt. Er wollte ihr auch den Emil zu lesen geben, aber sie ist nur traurig dabei geworden und hat ihm das Buch ungelesen wieder hingelegt. Seitdem er mehr von seinem Vater weiß, wie der zwar ein geschickter Wundarzt, aber ein sorgloser Haushalter gewesen ist, spürt er leicht eine Besorgnis in ihren stillen Augen, daß er von seiner Art zuviel geerbt haben möchte — zumal von seinem Bruder Johann Baptista bedenkliche Nachrichten kommen — und immer tapferer wird sein Entschluß, auch ihr zuliebe etwas Tüchtiges zu werden. Er weiß, wie schwer ihm alles in den Kopf geht, was nicht irgendwie sein Gefühl ergreift; doch weil er gerade das, was eine kaltblütige Beobachtung erfordert, als das Wichtigere geschätzt sieht, übt er sich täglich im Zwang zur Aufmerksamkeit. Unvermutet aber wird er durch einen Lehrer wieder aus der Zucht seiner strengen Entschlüsse geworfen:

Im selben Frühjahr ist ein Schüler Breitingers mit Namen Steinbrüchel als Lehrer der Eloquenz ins Collegium gekommen, ein noch jugendlicher Mann, der die größte Belesenheit mit einem glänzenden Vortrag verbindet und bald zum Abgott der Studenten wird, dabei von schneidender Schärfe, wo er unklaren oder halben Dingen zu Leibe geht. Auch Heinrich Pestalozzi tritt bei ihm ein, und er erwartet sich für seine gegenwärtigen Absichten eine heilsame Kur davon. Es geht auch anfangs vortrefflich, solange er nichts als seinen Schüler vorstellt; aber als nach einem Vierteljahr die erste Bekanntschaft gesichert ist, sodaß auch in diesem Verhältnis das Menschliche zum Vorschein kommen kann, sieht er als Grundlage aller glänzenden Fähigkeiten dieses Mannes den Geist der Aufklärung, den er immer gehaßt hat und der ihm seit dem Emil als die Quelle aller Unnatur verächtlich wurde. Es ist eine Art, die Welt in das Einmaleins der Vernunft aufzulösen, die seiner Natur unmöglich ist und ihm als Vorbereitung für das Pfarramt verbrecherisch scheint. Das Bild eines Seelsorgers, wie es ihm vorschwebt, ist der Diener eines gütigen und demütigen Menschentums; dies aber dünkt ihm eine Sklavenherrschaft der Bildung zu sein, die auch die jungen Pfarrer noch von dem Volk absondert zu dem geistigen Hochmut, in dem er alles städtische Wesen eingezirkelt sieht: In dem Zwiespalt dieser geistigen Dressur zu seinem Lebensgrund zerreißen sich die tapferen Absichten der Selbstzucht; denn gerade die freimütige Art des Professors, seine Schüler zur tätigen Mitarbeit herauszufordern, bringt seine Natur zu Äußerungen des Widerspruchs, die dem selbstsicheren und auch selbstgefälligen Mann als mädchenhaft verächtlich sein müssen.

So kommt es eines Tages, als Steinbrüchel über das vernünftige Denken in der Religion mit allem Aufwand seiner gewetzten Vernunft und seines spöttischen Witzes gesprochen hat und gerade dabei ist, seinen Triumph aus den Äußerungen der Schüler zu ernten, zu einem Frage- und Antwortspiel, darin der Streit von Anschauungen zu persönlicher Feindschaft ausartet. Heinrich Pestalozzi, der das Rüstzeug Rousseaus gegen Voltairesche Dialektik in Händen hat und an seine sterbende Großmutter denkt, wie sie die Lilie im Garten streichelt, vergißt die Eitelkeit des berühmten Lehrers und sagt: Wie alles Wahrnehmbare könne auch die Religion Gegenstand der vernünftigen Denkarbeit sein, nur dürfe man nie den Unterschied vergessen, der zwischen ihr selber und den Gedanken über sie bestände, und um Gottes willen diese Gedanken nicht schon für Religion halten; wie in allen Arten der Liebe, in der Treue, im Haß und in der Trauer habe man in ihr eine direkte Äußerung des Lebens — und zwar die tiefste, da sie auf den Zusammenhang mit dem Geheimnis der Welt ginge — während alles Denken nur indirekt, eine Hilfe des Lebens, aber nicht wie jene Dinge, das Leben selber sei!

Er bringt das nicht so rasch heraus, verhaspelt sich vielmals und sucht mit den Armen nach dem fehlenden Wort, sodaß die andern schon zum Spott gestimmt sind, bevor der Professor ihn mit dem scharfen Witz abfertigt, daß sie ja auch hier zum Denken und nicht zum Leben seien, auch wenn ihm das eine schwerer zu fallen scheint als das andere! Mit solcher Waffe hat er es natürlich leicht, die Spottlust der Klasse über seinen ungeschickten Gegner herauszufordern, sodaß die Antwort Heinrich Pestalozzis vom Gelächter verschüttet wird. Seit diesem Tag behandelt Steinbrüchel ihn mit einer spöttischen Nachsicht, als ob er einen komischen Störenfried in seiner Klasse hätte; und da der Geist der Aufklärung, aus dem er sich mit den meisten seiner Schüler verständigt, der Stolz von Zürich ist, kommt Heinrich Pestalozzi unvermutet wieder in die Rolle des Heiri Wunderli von Torliken, und gerade die Klasse, in die er mit so tapferem Willen eingetreten ist, wird ihm zu einem Martyrium, darin er nun die Freude am Collegium überhaupt verliert.

25.

Mitten in den Entmutigungen dieser Zeit trifft Heinrich Pestalozzi ein merkwürdiges Ereignis: Lavater ist nach fast einjähriger Abwesenheit in der Stille zurückgekehrt, hat sich auch den Freunden einige Wochen lang nicht gezeigt und überrascht sie eines Tages mit einem Bändchen Schweizerlieder. Der nach seiner demütigen Abbitte aus der Vaterstadt entwichene Kandidat kehrt damit als ein Dichter in die Heimat zurück, den nun auch die Mißgünstigen nicht mehr wie einen jugendlichen Störenfried abtun können. Als er danach zum erstenmal wieder in die Gerwe kommt, von Bodmer an der Hand geführt, wird der Tag von den Patrioten wie ein Sieg der vaterländischen Sache gefeiert. Auch Heinrich Pestalozzi schüttelt dem Glücklichen die Hand, geht aber bald wehmütig fort; nicht, daß er dem Lavater den Triumph weniger als ein anderer gönnte, aber es wird ihm mitten im Kreis der Freunde, die sich um ihn drängen, deutlich, daß er nicht zu ihnen gehört, daß er nur einen jüngeren Nachzügler ihrer Generation vorstellt. Fast alle sind älter als er und haben ihr Studium schon beendigt, während er sich selber immer mehr als ein Gescheiterter vorkommt. Darin hilft ihm auch sein Rousseau nur zu einem trotzigen Selbstbewußtsein, das letzten Grundes seine Unfähigkeit zu einer bei jenen geachteten Existenz bestätigt.

In dieser Laune begegnet er Bluntschli, der unterdessen Hauslehrer in Zürich geworden ist und, durch seine Verpflichtungen verspätet, noch zur Gerwe will. Um mit seinem frühen Weggang nicht sonderbar zu erscheinen, geht er einige Straßen mit ihm zurück und klagt ihm offenherzig seine Not. Der hört ihn schweigend an, aber als sie vor der Gerwe stehen, kehrt er kurzerhand um: Wenn es ihm recht wäre, könnten sie miteinander noch auf den Lindenhof gehen!

Es ist eine unermeßliche Sternennacht da oben; obwohl der Mond noch nicht aufgegangen ist, scheinen die Dächer der Stadt vom Licht begossen, und der See leuchtet den Himmel in einer zarten Verklärung wider. Sie schweigen lange, bis Bluntschli spricht: Du hast mir von einem Menschen gesagt, der sein Leben nicht wie einen sauberen Parkweg vor sich sieht und darum verzweifelt ist; ich könnte dir von einem andern erzählen, der seine Stunden sorgfältig vorbereitet hat, nur daß er sie selber nicht mehr wird schlagen hören, weil ihm das Uhrwerk vom Rost zerfressen ist! Er hat die Hand auf seine vom Anstieg angestrengte Brust gelegt, als er das sagt, und danach schweigt er, sodaß Heinrich Pestalozzi — der kein Wort findet, das ehrlich und zart zugleich ist, um eine Antwort auf dieses Bekenntnis eines Todgeweihten zu sein — in einer Spannung dasteht, als müsse ihm der Kopf zerspringen. Auch der andere kommt nicht mehr zurecht, bis sie schweigend aus dem Schauer dieser Sternennacht hinunter gehen, in die dunklen Gassen und auf der Brücke mit dem Mühlrad nach der großen Stadt hinüber. Erst auf der Münsterterrasse, wo die beiden Türme sich riesenhaft in die Sterne einzubauen scheinen, findet die Erregung noch einmal ein Wort: Wozu meinst du, sagt der Bluntschli und zeigt an den Steinmauern hinauf, wozu meinst du, daß die dastehen? Für dich nicht und für mich nicht, für jeden einzelnen wären sie zu groß, und für alle sind sie auch nicht da; denn ich weiß hundert, denen sie gleichgültig bleiben! Aber daß die Menschlichkeit im Namen des Höchsten, das wir kennen, täglich in die Geschäfte und die Arbeit eingeläutet wird, dafür sind sie so dick und dauerhaft gebaut. Und daß sie uns sagen: was einer für sich selber Irdisches zuwege bringt, das hört mit seinem Leben auf; aber was er an der Menschlichkeit tut, das ist unsterblich. Du sorgst, was aus dir werden soll, und mir ist die Sorge bald abgenommen — am Ende aber ist es wichtiger, was wir gewesen sind!

Er läßt ihn danach stehen, gibt ihm nicht einmal die Hand und geht auf seine vorgebeugte Art davon. Heinrich Pestalozzi kommt nach Haus, als ob er aus dem Jenseits wiederkehre.

26.

Seit diesem Frühwinterabend verliert Heinrich Pestalozzi die enge Fühlung mit den Freunden in der Gerwe nicht mehr; es ist, als habe er eine Verkündigung erlebt, was zwischen ihnen Gemeinsames sei. Als sie zum Januar ein Wochenblatt gründen, das der Erinnerer heißt und von der klugen Hand Lavaters in Gemeinschaft mit Heinrich Füeßli — einem Vetter des Malers, der unterdessen in London seine Künstlerlaufbahn begonnen hat — geleitet wird, ist er eifrig dabei. Sie haben nun alle Rousseau gelesen; und wenn Bodmer sie von Anfang an lehrte, daß der sicherste Weg zur persönlichen Freiheit der sei, sich aller unnötigen Bedürfnisse zu entwöhnen, da man nur durch diese den Machthabern ausgeliefert, ohne Bedürfnisse aber frei wäre: so wird nun ein asketischer Wetteifer daraus, der über die persönliche Unabhängigkeit hinaus eine spartanische Vereinfachung der Sitten erzwingen will. Mit jugendlicher Behendigkeit wird dadurch das Ideal des sittlichen Lebens aus der Zeit Zwinglis und der Eidgenossen in das Kriegslager der Spartaner zurückverlegt; und auch Heinrich Pestalozzi überrascht das Babeli damit, daß er sich auf den Stubenboden bettet, nur mit einem Rock zugedeckt, und dies auch monatelang zu ihrer Verzweiflung durchhält.

Unvermutet gibt die Züricher Regierung den patriotischen Jünglingen Gelegenheit, die spartanische Tugend zu erproben: Schon in der deutschen Schule ist in der Klasse von Heinrich Pestalozzi ein Sohn des Amtmanns Schinz zu Embrach gewesen, der — ein Jahr älter als er — jetzt mit ihm Theologie studiert und auch einer aus der Gerwe ist. Dessen Eltern besitzen einen Pachthof in Dättlikon, wo der Pfarrer Hottinger von seiner Gemeinde eher für einen Wolf im Schafspelz als für einen guten Hirten gehalten wird. Da ihn die Züricher Regierung trotz der bösesten Gerüchte weiter amtieren läßt, weil er anscheinend beim Antistes einen verläßlichen Fürsprecher hat, setzt der Student Rudolf Schinz eine Anklageschrift auf, die von dem Gerichtsvogt und dem Schulmeister in Dättlikon, den Gebrüdern Ernst, unterschrieben und mit sorgfältiger Beachtung aller Vorschriften in Zürich eingereicht wird. Als darauf zwei Monate lang nichts geschieht, als ob die Gestrengen Herren auch diese Anklage noch verschweigen wollten, findet der Antistes Heß an einem Maitag in seinem Kirchenstuhl einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem der Oberpfarrer an seine Pflicht erinnert wird: Weil sonst die Steine anfangen möchten zu schreien!

Dieser Lästerbrief, wie er danach in den Akten heißt, bringt die Gestrengen Herren mehr in Zorn als alle Amtsvergessenheit eines lasterhaften Pfarrers. Wer von den Patrioten fähig scheint, ihn verfaßt zu haben, wird peinlich ins Verhör genommen; auch Heinrich Pestalozzi trifft es diesmal. Seine Mutter verschließt sich traurig in die Kammer, als er den Weg aufs Rathaus antreten muß, und das Babeli putzt ihn grimmig zurecht, daß er zum wenigsten noch in der Kleidung als ein ordentlicher Mensch vor die Herren käme; er selber ist voll überlegener Verachtung. In einem öffentlichen Anschlag des Kleinen Rates sind dem, der den Briefschreiber verriete, zweihundert Dukaten versprochen worden unter Verschweigung seines Namens: Daß eine Regierung, die in ihren Schulen die Tugenden der Römer und Spartaner lehren läßt, sich so weit vergißt, hat — wie der Bluntschli sagt — aus dem Schwert der Gerechtigkeit ein Dolchmesser gemacht. So hört Heinrich Pestalozzi die umständlichen Vermahnungen der Herren mit verächtlichem Trotz an und verweigert wie die andern den verlangten Eid — nichts von der Sache zu wissen — mit der vereinbarten Begründung, daß er bereit sei, einen Eid für alles zu schwören, was er nach seinem Bürgergewissen zu sagen sich für verpflichtet halte.

Gegen so viel Festigkeit der Jünglinge, die sich in die Hand gelobt haben, ein Beispiel spartanischer Tugend zu geben, wagen die Gestrengen Herren diesmal noch nicht vorzugehen: der Pfarrer Hottinger wird seines Amtes enthoben, die Brüder Ernst in Dättlikon als Landbürger müssen »übertriebener Anklägten« halber zweimal vierundzwanzig Stunden aufs Rathaus in Arrest, Rudolf Schinz kommt als Stadtzürcher mit einer Verwarnung davon.

In Heinrich Pestalozzi löst das Ergebnis einen Plan aus, den er schon lange mit sich herumgetragen hat: Seitdem Klopstock und andere deutsche Dichter Zürich hoch gerühmt haben, ist es eine beliebte Äußerung des Heimatstolzes geworden, die Stadt an der Limmat mit Athen zu vergleichen. Ihm scheint der Vergleich in dem besonderen Sinn zu passen, daß athenischer Luxus und athenische Verweichlichung in der Stadt Zwinglis überhand genommen haben, und daß es not täte, sie auf das Beispiel Spartas zurückzuführen. Nun hat Heinrich Pestalozzi in der ganzen Geschichte des lakonischen Staates nichts so gerührt wie das Schicksal des jungen Königs Agis, der die von athenischen Sitten angesteckte Stadt wieder zu den Gesetzen des großen Lykurgus zurückführen wollte und darüber von seinen eigenen Landsleuten hingerichtet wurde. Lykurgus und Zwingli sind für sein Gefühl eins; weil aus dem spartanischen Zürich der Reformationszeit das Limmatathen des Dättlikoner Handels geworden ist, liegt es für ihn nahe, auch für Zürich einen Agis zu erwarten, und tatsächlich vermag er nicht an seinen Freund Bluntschli zu denken, ohne daß dieser ihm das Bild jenes edlen und unglücklichen Agis vorstellt. Nun sie in dem Handel Sieger geblieben sind, gewinnt er Mut zur Beschwörung des alten Heldenjünglings; aber seine Darstellung soll so deutlich auf Zürcher Verhältnisse zielen, als ob der spartanische Reformator noch einmal in die Welt gekommen wäre.

So schreibt Heinrich Pestalozzi, der sein zwanzigstes Lebensjahr noch nicht vollendet hat und unter den Patrioten immer noch das Nesthäkchen ist, als Antwort auf den Dättlikonhandel seinen »Agis« nieder, den er dem greisen Bodmer in Handschrift überreicht, und den er nachher auch in der Gerwe vorlesen darf. Endlich kommt sein Ehrentag, und er hätte am liebsten seine Mutter, das Bärbel und das Babeli dabei — den Großvater hat er gefragt, aber der hat sich nicht entschließen können mit seinen dreiundsiebzig Jahren — wie er den jungen und alten Patrioten seiner Heimatstadt ein Bild ihrer schlimmen Zustände im Spiegel Spartas zeigen darf. Nicht allen sind seine starken Ausdrücke recht, wie er das Reislaufen für fremdes Gold, die Raubsucht der Reichen, die aufgeblasene Weisheit, das kriechende Wesen der Untertänigen und den Redner, der um Beifall spricht, mit dem Zeigefinger aus dem Bild herausholt; als er die Verleumdung gegen Agis auch die Sprache der Niedrigkeit unserer Tage nennt, stürmen die Jünglinge so laut mit ihrem Beifall, daß einige Ältere aufstehen und sich entfernen; und als er den Agis sagen läßt: Ich rede die vergessene Sprache der Freiheit in ein Jahrhundert hinein, das gewohnt ist, die ewigen Gesetze der Freiheit verletzen, Mitbürger in Sklaverei stürzen und das Heil des Staates vertilgen zu sehen! sind auch manche von den Jüngeren erschrocken, und viele Augen richten sich fragend auf den sonst so klugen Bodmer. Der aber, der den Schluß kennt, sieht unbewegt und fast spöttisch unter seinen weißen Augenbüscheln gegen das vertäfelte Gebälk der alten Zunftdecke. Als sich dann das Schicksal des spartanischen Jünglings unter hohen Worten erfüllt, kommt alles so, wie es der alte Herr vorausgesehen hat: mit ihrer Rührung um den Helden gehen sie doch wieder in das griechische Altertum ein; soweit sie ängstlich gewesen sind, sichtlich froh, alle harten und bösen Worte mit dahinein packen zu können.

Aber in den Erinnerer wagt Lavater die Arbeit doch nicht zu nehmen, und selbst Bluntschli, der sich die Handschrift noch an dem Abend mitnimmt, bringt sie nach einigen Tagen, manchen Ausfall tadelnd, zurück. Bei den Jungen und Stürmischen aber trägt ihm die Vorlesung ein, daß sie seitdem auf ihn als einen Führer sehen, wie er selber beim Eintritt ins Collegium auf Lavater und Bluntschli gesehen hat.

27.

Der Beifall, den Heinrich Pestalozzi an seinem Abend in der Gerwe genossen hat, die Achtung selbst von denen, die bis dahin bereit gewesen sind, ihn um seiner Wunderlichkeit willen zu verspotten, die bedenklichen Gesichter der Abwägenden und das Gemunkel um seine rebellischen Ausfälle: bringen für ein paar Wochen einen Überschwall in ihm zustande, als ob er selber seiner Stadt ein Agis werden könne. In dieser Stimmung findet er eines Mittags, aus dem Collegium heimkehrend, ein Billett, das ihm jemand unbemerkt zwischen seine Bücher und Hefte gesteckt hat: Einer, der von seinem Vortrag gehört habe, bäte ihn aus einer verzweifelten Notwendigkeit um ein geheimes Gespräch; er möge nachmittags um fünf Uhr unauffällig durch die Stadelhofporte hinausgehen bis ans Zürichhorn, wo ihn dort oder schon unterwegs jemand ansprechen würde.

Das Wetter ist dem sonderbaren Ausflug nicht günstig; schwarze Wolkenballen drohen ein Gewitter, und gerade, als er zur Porte hinaus will, prasselt ein Platzregen los mit Hagelkörnern und Donnerschlägen. Er wartet mit drei modischen Mamsells, die sich nicht rechtzeitig haben retten können und nun verdrießlich die Federn hängen lassen, den schlimmsten Aufruhr ab und geht dann tapfer den Wiesenpfad am See entlang. Unterwegs kommt die Sonne in die Nässe, und über den Weinbergen versucht sich ein Regenbogen. Am Zürichhorn ist niemand; aber als er sich schon für gefoppt hält, legt ein Weidling an, darin jemand mit einer Angel gesessen hat. Es ist ein Student aus dem Alumnat, den er von Ansehen, nicht mit Namen kennt, ein ungewöhnlich langer und blasser Jüngling, dem die Hosen an den Beinen kleben von dem Regen. Der fragt ihn nach einer scheuen Begrüßung, ob er ein Stück mitfahren wolle auf die Seehöhe hinaus; und erst, als sie so weit auf der gleißenden Wasserfläche sind, daß sie vom Ufer aus nicht mehr erkannt werden können, fängt er an zu sprechen: nicht scheu und stockend, wie Heinrich Pestalozzi erwartet, sondern rasch und fest wie einer, der sich die Worte vielmals überlegt hat und seiner Scheu damit Gewalt antut.

Was er mitteilt, ist Heinrich Pestalozzi nicht unbekannt; es betrifft die geheimen Dinge im Alumnat, von denen im Carolinum längst die schändlichsten Gerüchte gehen. Aber was ihm bisher nur ein verächtliches Laster gewesen ist, bekommt in den Worten des Jünglings eine Gefährlichkeit, daran er nicht gedacht hat: auch die noch unbefleckt einträten, würden Opfer der allgemeinen Verführung, sodaß die gesundesten Landsöhne schon ein halbes Jahr nach ihrem Eintritt wie junge Birken wären, denen im Frühjahr der Saft abgezapft wurde. Er selber sei einer von denen, die sich anfangs gewehrt hätten: aber weil das Laster nicht mehr heimlich, sondern die allgemeine Gewohnheit im Alumnat sei, würde die Tapferkeit nur verhöhnt als ländliche Dummheit, auch vermöge sie schließlich der Lüsternheit, die doch nun einmal in jeder menschlichen Natur läge — hier fühlt Heinrich Pestalozzi in der Erinnerung an seinen Rousseau einen feinen Stich im Herzen — nicht standzuhalten: Was er von ihm verlange, sei nichts als ein Antrag auf Untersuchung, auch was die nächtlichen Zusammenkünfte auf dem hinteren Speicher beträfe, der dafür seit Jahren eingerichtet sei. Aber ihn als Angeber verraten dürfe er nicht, was auch käme, und er müsse ihm das schon in die Hand versprechen, wenn ihm eine Hand wie die seine dazu noch recht sei!

Heinrich Pestalozzi verspricht es ihm in die Hand und läßt sich ans Ufer fahren, wo die Sonne aus der Regenfeuchtigkeit einen heißen Dunst macht. Er geht durch Binsen und Gebüsch der reisigen Stadt Zürich zu wie ein Bote, dem die Feinde eine eiserne Halskrause umgeschmiedet haben. Als er sich vor der Stadelhofporte zurückwendet, erkennt er den Weidling noch, wie er mit beigelegten Rudern auf dem schimmernden Wasserberg steht; es ist ihm nun fast sicher, daß er das häßliche Geheimnis bewahren muß. Aber noch am selben Abend schreibt er tapfer die Anzeige und gibt sie so ohne Vorsicht an der Tür des Antistes ab, daß er schon am andern Mittag ins Verhör genommen wird. Er steht noch immer in Verdacht, den Lästerbrief geschrieben zu haben, auch hat sein spartanisches Sittenbild die Stimmung der Chorherren gegen ihn nicht gebessert: so setzen sie ihm scharf zu.

Es ist eine andere Luft als in der Gerwe zwischen den hitzigen Herren, von denen ihm jeder einzelne seine bürgerliche Zukunft mit einem Tintenstrich durchstreichen kann; er hält aber ihre Kreuzfragen aus und verweigert standhaft, einen Gewährsmann zu nennen: er habe ihm seine Hand darauf geben müssen, und niemand in der Welt dürfe ihn zwingen, wortbrüchig zu werden. Er hätte seine Hand dem sagenhaften Römer gleich ins Feuer stecken können, so überzeugt ist seine Gebärde, aber den Herren scheint der Fall zu heikel für solche Gewalt. Sie ziehen sich mit ihrer Unschlüssigkeit in das geheime Gemach zurück und lassen ihn allein zwischen den Stühlen und Schränken. Doch steht ein Fenster auf, und er kann hinunter sehen auf den Münsterplatz, wo gerade der Bluntschli mit seinen vier Zöglingen daher kommt. Um eines Übermuts willen laufen sie ihm fort, und der Kandidat vermag ihnen nicht zu folgen gegen den steilen Berg. Heinrich Pestalozzi hört ihn husten und sieht auch, wie ihn der Anfall würgt; er möchte ihm beispringen, aber während er noch den unnützen Gedanken erwägt, machen die Kinder in einem neuen Übermut kehrt und laufen an ihm vorbei gegen das Haus zum Loch hinunter. Indem Bluntschli ihnen dahin folgt, sieht er ihn mit seiner weltmännischen Höflichkeit eine Jungfer grüßen, die freundlich nickend an ihm vorübergeht. Es ist Anna Schultheß, die schöne Schwester ihres gemeinsamen Freundes, des Theologiestudenten, und wie er seitdem erfahren hat, die Tochter des braunbärtigen Mannes aus der Gerwe. Er weiß, daß die beiden miteinander im Gerede sind, und es macht ihn wehmütig, sie so lebendig gegen den Berg schreiten zu sehen, der seiner kranken Brust zu steil gewesen ist.

Nach ihr kommen noch viele Menschen über den Platz, fremde und solche, die er kennt; er hat Zeit, ihnen nachzudenken, denn dreimal schlägt die volle Stunde am Münsterturm, bis seine Richter wiederkommen, verärgert und erhitzt. Sie schicken ihn nach Haus, wo er sich unter Androhung schwerer Strafen verhalten soll, bis sie ihn wieder rufen ließen. An dem Abend hört er nichts mehr von ihnen; nur seine Mutter scheint unterdessen eine Nachricht zu haben: sie hält sich in der Kammer eingeschlossen, und er weiß, daß dies ein Zeichen schwerer Kränkung ist. Andern Mittags wird sie statt seiner vor die Herren gerufen; sie bringt ihm, blaß wie der Tod, die Weisung mit, daß er sich noch am selben Tag zu seinem Großvater, dem Dekan in Höngg, verfügen müsse, dem er vorläufig für vier Wochen zur Ahndung seiner vorlauten Anzeige überantwortet sei. Diese Weisung steht in der Schrift, die sie ihm überbringt; sie selber sagt kein Wort, nimmt auch das Bärbel mit in die Kammer, sodaß er ohne Abschied, nur vom bitterbösen Babeli vor die Tür getan, den Weg antreten muß, den er nun doch in Trotz und Bitterkeit geht.

28.

Heinrich Pestalozzi findet den Großvater auch diesmal in seiner Studierstube; seit dem Tod der Pfarrerin ist er im Regiment des Tantli und sitzt fast den ganzen Tag bei seinen Kirchenvätern. Er liest die Weisung mehrmals durch und legt sie mit einem Lächeln beiseite, das Heinrich Pestalozzi an die Großmutter erinnert, nur ist es spöttischer. Nachher werden sie von der Magd zum Vesperbrot gerufen und müssen mit dem Tantli von andern Dingen sprechen. Der Großvater sagt ihr, daß der Neffe diesmal vier Wochen bleibe, und scheint schon nicht mehr zu wissen, warum; es drängt ihn augenscheinlich, wieder allein zu sein, und Heinrich Pestalozzi sieht ihn an dem Tag nicht mehr. Doch wie er am Abend frühzeitig in seine Kammer kommt, hat er ihm nach seiner Gewohnheit etwas auf den Tisch gelegt.

Es ist auch ein Schriftstück des Antistes, aber nicht seinetwegen an den Dekan in Höngg gerichtet; als Heinrich Pestalozzi es gelesen hat, legt er seine Verweisung mitten darauf, denn auch das andere ist ein Stück Papier behördlicher Ungnade! In dem selben Dorf Buchs, woher das Babeli ist, hat der Dorfpfarrer einigen Kindern die Konfirmation verweigert, angeblich wegen ungenügender Kenntnisse, anscheinend aber, weil er mit den Eltern Streitigkeiten hatte. Darauf hat der Dekan in Höngg die Zurückgewiesenen ohne Umstände selber konfirmiert, und das Schriftstück da ist der sanfte Tadel für seine Eigenmächtigkeit. Wie Heinrich Pestalozzi nun an das spöttische Lächeln des Großvaters denkt, muß er laut lachen, sodaß er aus diesem verdrießlichen Tag doch noch mit Lustigkeit ins Bett kommt.

Als er in der Frühe erwacht, hört er eine Sense dengeln; er besinnt sich gleich, daß die Kornernte angefangen hatte, als er heraufkam, und mit einem fröhlichen Einfall springt er aus dem Bett. Unten ist noch die Dumpfheit der überstandenen Nacht im Haus, aber als er den Riegel öffnet, strömt ihn die Morgenluft an wie ein Bad; überall krähen die Hähne, und aus einigen Schornsteinen drehen sich schon die blauen Rauchsäulen in den Himmel, der noch ohne Sonne ist, aber Hahnenruf und Rauch als Frühopfer der Erde in seine reine Stille verschwinden läßt.

Dem ersten Bauer, dem er begegnet, heftet er sich an; es ist ein zäher Greis, der seine Enkelin an der Hand führt und den fröhlichen Gruß mit der abwartenden Miene erwidert, darin der Bauer die städtische Zutraulichkeit abweist. Er merkt es nicht, nimmt das Kind, das seine sieben Jahre zählen mag, kurzweg bei der andern Hand, und so gehen sie zu dritt die Straße hinunter, bis der Bauer vom Weg abklettert, die gedengelte Schneide mit den Fingern prüft und seinen harten Sensenschlag in die gelben Halme beginnt, die einen Sprung zur Flucht zu machen scheinen, bevor sie ihren stolzen Wuchs für immer neigen. Heinrich Pestalozzi steht am Grabenrand und denkt, daß sie mit dem Sommerwind ihr geschmeidiges Fangspiel gemacht und im Gewitter sich ängstlich geduckt haben, daß sie den dünnen Regen und das dicke goldige Sonnenlicht tranken und nun über den süßen abgeschnitten werden, immer ein Bündel zugleich, wie sie auch nur miteinander ihr schwankes Leben aufrecht halten konnten. Doch ist er nicht da für solche Gedanken, und er wartet auch nur ab, was das Mädchen beginnen wird, das vorläufig am Rain einer Sternblume die weißen Blättchen auszupft und dazu einen Zählreim sagt. Als er beobachtet hat, wie sie danach aus Halmen dünne Seile dreht und damit die einzelnen Bündel zu Garben bindet, gibt er sich mit daran und bleibt auch hartnäckig dabei, als der Bauer den Wetzstein holt und sein Tun mißtrauisch besieht. Auf die Dauer einigen sie sich doch, und wie gegen sieben Uhr der schmale Ackerstreifen niedergelegt ist und nur noch ein letztes Büschel steht, läßt ihm der Alte sogar die Sense, das abzuschlagen; er fährt freilich fast mit der scharfen Sense gegen sein Bein, aber gerade das macht den andern gesprächig, sodaß sie mit der warmen Morgensonne anders zurückkommen, als sie in der kühlen Frühe auszogen.

Das Frühmahl schmeckt ihm danach besser als sonst, und er sitzt schon wieder in der Ungeduld dabei, was ihm der Tag nach diesem Anfang sonst bringen könnte. Um noch beim Melken dabei zu sein, ist es zu spät; doch tut er gleichwohl einen Sprung in den nächsten Stall. Da ist die Frau gerade dabei, die seimige Milch durch das Haarsieb zu gießen; sie braucht keine Hilfe, aber die hölzernen Eimer unter dem Brunnen sauber zu waschen, versucht er doch, bis sie über seine Narrheit lacht und ihn anders belehrt. Aus dem Stall geht es in die Matte, wo ein Bub noch saftiges Futter vor der steigenden Sonne zu bergen hat, und so fort durch das halbe Dorf, wo sich jeder über den närrischen Pfarrstudenten wundert. Als er zum Mittagessen kommt, ist er brandig rot, und am Abend muß ihm das Tantli einen Finger verbinden, der ihm irgendwo in ein Schnitzmesser geraten ist.

Mit dem Großvater spricht er an diesem Tag nur ein paar Worte, da der in einer Dekanpflicht über Land gefahren ist; aber auch in den nächsten Tagen hält ihn seine ländliche Tätigkeit so weit ab von den Kirchenvätern des alten Herrn, daß sie sich nur beim Essen treffen; es scheint ihm, als ob der lächelnde Mund immer sarkastischer würde; als er es aber eine ganze Woche lang so fort getrieben hat und nun schon fast wie ein Bauernknecht aussieht — nur daß er jetzt schon drei Finger verwickelt hat — findet er abends ein Buch in seiner Kammer, das er längst kennt, aber bisher kaum beachtet hat: »Die Wirtschaft des philosophischen Bauers« oder, wie es kurzweg heißt, Der Kleinjogg. Es ist von dem Doktor Hirzel in Zürich geschrieben, der zu den neun Argonauten in Schinznach gehört und manchmal auch in die Gerwe kam. Tags hat er immer noch keine Zeit, aber nachts liest er es bei der Kerze, und bald schwört er darauf, daß es für einen echten Jünger Rousseaus keinen andern Beruf geben könne, als Landmann zu werden. Wenn er mitten aus seiner Feldarbeit heraus nach Zürich hinunter sieht und an den Grund denkt, der ihn hergebracht hat, an die greulichen Dinge im Alumnat, an die Schule und die Stadt mit dem Gezänk der Zünfte, dem Gewerk der dunklen Kellerlöcher und dem Geschwätz der guten Stuben: dann kann er mitten in seiner Freude traurig werden wie ein Narr, weil ihn der Gedanke an die Rückkehr schreckt.

Eines Tages schreibt er wirklich dem Bluntschli einen Brief, daß er sein Studium aufgeben möchte, weil er doch nicht zum Pfarrer tauge und es auch sonst in der städtischen Unnatur nicht mehr aushalten könne, nachdem er einmal das wirkliche Leben eines Landmannes geschmeckt habe. Alles andere wäre nur ein Maulwurfsdasein, zum wenigsten könne er von seinem Berg die hochmütige Stadt Zürich nur ansehen wie einen Maulwurfshügel. Wolken und Sonne und Schnee: für den Städter wären sie nichts als veränderte Gelegenheiten zu gutem und schlechtem Wetter — und seinen Erdboden habe er gar mit Fundamenten und Straßen völlig getötet — für den Landmann aber bedeuteten sie die Elemente seines natürlichen Daseins, sie brächten seiner Saat Regen und machten das Korn reif; der Wechsel der Jahreszeiten, ja der ganze Kalender wäre für ihn der Kreislauf eines in der Natur gegründeten Lebens. Wenn es ihm nicht zuwider sei, möge er schon seiner Mutter bei Gelegenheit ein Wort der Vorbereitung sagen, daß sie durch seinen Entschluß nicht auch ihren zweiten Sohn verlöre, sondern ihn erst recht gewönne.

Er hat den Brief schreiben müssen, um endlich einem Menschen etwas von der Befriedigung seines ländlichen Daseins sagen zu können; der Großvater weicht allen Gesprächen darüber aus, und das Tantli, das aus einer ländlichen Pfarrerstochter eine Vikarsfrau geworden war und nun wieder einem Landpfarrer den Haushalt führt, vermag nur hellauf zu lachen, wenn er mit seiner Schwärmerei anfängt; aber als er am dritten Tag danach gerade auf einem Wagen voll Korn glücklich obenauf sitzt und ins Dorf gefahren kommt, steht vor dem Pfarrtor ein Wagen, und Bluntschli sieht kopfschüttelnd seine Einfuhr an. Nachdem er dem Dekan seine Aufwartung gemacht hat, die nur kurz ausfällt, gehen sie miteinander durch seinen ländlichen Bereich, bis Bluntschli müde wird und sich an einen Rain hinsetzen muß. Der hat den begeisterten Freund bisher reden lassen; nun weist er auf seine Hände, an denen fast alle Finger angeschnitten oder verwickelt sind: ob das seine besondere Begabung für die ländliche Arbeit sei? Und ob er nicht wisse, daß zum Bauerntum zuvörderst ein richtiger Bauernsitz gehöre? Wenn der Junker Meis im Winkel aus der gleichen Begeisterung Bauer würde, wisse er, wovon! Aber das alles seien Fragen, die ihn als seinen Freund nichts angingen; denn Freundschaft hieße nicht, daß einer dem andern praktisch beistände, Freundschaft sei eine Sache der Seele: Dies aber drehe sich alles doch nur darum, daß er ein Dasein haben möchte, wie es für seine Art möglichst bequem und vergnüglich wäre. Was er zu seinem Agis sagen würde, wenn der die Not Spartas verließe, um sich einen Meierhof zu suchen? Er möge doch nicht vor seinen eigenen Ideen verächtlich werden, was sicherlich der eigentliche Verrat der Freundschaft sei!

Heinrich Pestalozzi wird ihm auf keine dieser Fragen eine Antwort schuldig, aber als der Freund, der es eilig hat, wieder abfährt, bleibt er mit einem zerbrochenen Mühlrad zurück; obwohl er noch trotzig darein blickt, merkt er gleich, er bringt es nicht mehr zum klappern. Und als ihm nach drei Tagen der Großvater einen Brief der Mutter in die Kammer legt, den sie an ihren Schwiegervater geschrieben hat: was es für Torheiten habe mit ihrem Sohn? er möge ihm die Flausen aus seinem Wirrkopf blasen! da fällt auch der Trotz rasch ineinander.

Nachdem seine vier Wochen herum sind, läßt er sich vom Großvater die Weisung des Antistes als erfüllt bescheinigen und marschiert nach der Stadt zurück, die mit ihren Türmen und Dächern gleichmütig am See geblieben ist und seine Schritte wie sonst in der Niederdorfporte hallen läßt. Gerade, als er hindurchgeht, kommt ihm die Anna Schultheß entgegen, die er als Freundin seines Freundes verehrungsvoll grüßt. Daß sie das erste ist, was ihm in Zürich begegnet, gibt der Gedrücktheit seiner Gedanken einen ziemlichen Stoß, sodaß er heller bei den Seinen im Roten Gatter eintrifft, als er in Höngg fortgegangen ist; wobei freilich die Liebe seiner Mutter auch das ihre tut, als sie ihn herzlich weinend umfängt.

29.

So muß Heinrich Pestalozzi doch noch einmal ins Collegium, und es ist nicht leichter für ihn geworden in dieser Zwischenzeit: im Alumnat hat es eine böse Reinigung gegeben, und die davon betroffen sind, stehen nun in tückischer Feindschaft gegen ihn; auch die Lehrer übertragen zum Teil die Stimmung der peinlichen Enthüllung gegen ihn, und da seine Erscheinung durch die ländlichen Sommerwochen nicht gewonnen hat, finden sich Anlässe genug ihn zu verhöhnen. Das Schlimmste bleibt trotzdem, daß er sich in den witzigen, aufklärerischen Geist der Theologenschule nun gar nicht mehr zu finden weiß. Er kann es nicht begreifen, daß sich im Zeitalter Rousseaus der humanistische Bildungsdünkel noch so breitmachen kann wie in diesem Unterricht. Selbst die alten Schriftsteller scheinen ihm aufs gröblichste mißverstanden, indem das Leben aus ihren Schriften weggelassen und nur das Wort gelehrt und gedreht wird. Als Steinbrüchel, der schon mit Übersetzungen der griechischen Tragiker aufgetreten ist, im Lindauer Journal die erste olynthische Rede des Demosthenes abdrucken läßt als Stichprobe seiner Übersetzung der sämtlichen Werke des athenischen Redners, kann Heinrich Pestalozzi der Lust nicht widerstehen, dem hochmütigen Mann an einem Gegenbeispiel zu zeigen, was in diesen Reden mehr als humanistisch sei. Obwohl er im Griechischen ein mangelhafter Schüler ist, legt er im Examen ein Bruchstück der dritten olynthischen Rede vor, das er danach auch, gleichsam als Vorrede zu seinem Agis, mit diesem im Lindauer Journal abdrucken läßt. Der Beifall, den seine Übersetzung durch das Feuer und rednerische Talent der Sprache findet, ist so allgemein, daß der gelehrte Professor Steinbrüchel seine geplante Demosthenes-Ausgabe im Pult behält und als Übersetzer von nun ab peinliche Enthaltung übt.

Damit ist das Studentenschicksal Heinrich Pestalozzis entschieden; aber ihm hat die Übersetzung unvermutet ein Tor aufgemacht, durch das er doch noch mitten ins Leben zu kommen hofft: Landwirt kann und Pfarrer mag er nicht mehr werden; aber gleich dem Demosthenes ein Fürsprech der Bedrängten und Volksredner der öffentlichen Dinge zu sein, das scheint ihm ein Beruf, den er nun sich und andern mit glühender Liebe ausmalt. Alles, was er von dem Leben des großen Griechen liest, wie der gleich ihm den Vater früh verliert und erst durch mühevolle Gewöhnung seine körperlichen Mängel überwindet, wie er die großen Dinge seines Volkes in seine Reden einbegreift und aus einem Rechtsanwalt das Sprachrohr der vaterländischen Gesinnung in Athen wird: in allem findet er Hinweise für seine durch die Ähnlichkeit des Temperaments und der Zeitumstände vorbestimmte Laufbahn. Auch Bluntschli billigt sie, und die Mutter willigt schweigend ein. Da es im Collegium Carolinum keine Klasse für die Rechtswissenschaft gibt, geht er nun endgültig von der Anstalt ab, die ihm verhaßt geworden ist. Wie er zum letztenmal die Steintreppe hinuntersteigt, drängt sich ein Trupp seiner Mitschüler hinter ihm her, ihm einen höhnischen Abschiedsgruß zu pfeifen. Er weiß, daß einige Lehrer gern mit dabei wären; obwohl noch nicht zwanzigjährig, hat er nun schon erfahren, daß diese Erlebnisse zu einem tätigen und ehrlichen Leben gehören; er schwenkt seinen Hut zu den hochmütigen Zürchersöhnen zurück, als ob sie ihm den Wert und die Rechtlichkeit seiner Entschließungen bestätigt hätten.

Nach Hause geht er aber nicht, sondern er läuft, wie er da ist, nach Höngg hinauf. Bei dem Spott der Jünglinge ist ihm der Ernst Luginbühl eingefallen, und wie es die selben sind, die dem Weberknaben die Schule verleidet haben. Sogleich hat ihn aber auch die Scham gepackt, daß er sich selber nicht mehr um ihn kümmerte. Wohl hat er sich oft nach ihm erkundigt, aber zu ihm gegangen ist er nicht mehr, und nur einigemal Sonntags hat er ihn gesehen, wenn er, langaufgeschossen und längst mit blassen statt roten Backen von seiner Stubenarbeit, in die Kirche kam. Er kann nicht anders, er muß es gleich gut machen; aber wie er nach Höngg hinaufkommt, läuft er dem Großvater in den Weg, der sich noch etwas in der Herbstsonne ergehen will. Von dem erfährt er, daß der Ernst Luginbühl vor einigen Wochen nachts seinem Vater davongegangen sei, niemand wisse wohin: aber er würde schon überall in der Welt einen besseren Platz finden als an seinem Webstuhl! Glaubst du das wirklich? sagt Heinrich Pestalozzi und sieht mit einem seltsamen Blick in die wellige Hügelferne, als ob er zum erstenmal fühle, daß hinter diesen Bergen auch noch eine Welt ist.

30.

Die Nachricht von der Flucht Ernst Luginbühls hat Heinrich Pestalozzi auf den Gedanken einer heimlichen Pilgerfahrt gebracht: Er weiß, daß Rousseau seit dem Frühjahr auf der Petersinsel im Bielersee wohnt, und er malt sich das Abenteuer aus, dort einmal mit dem großen Mann zu sprechen; wenn er bis Baden eine Schiffgelegenheit nimmt, kann er den Weg in zwei Tagen hinter sich bringen. Die Mutter wehrt mit der Hand seine Worte ab, und er sieht, daß sie bis ins Herz erschrocken ist, als er nur im Scherz davon spricht; den Bluntschli aber fragt er einmal in der Gerwe auf den Kopf, was er davon hielte?

Da müßtest du weit reisen, sagt der; denn Rousseau ist auf der Flucht nach England! Und so erfährt Heinrich Pestalozzi, was der andere freilich auch erst seit zwei Tagen weiß, daß die bernische Regierung dem Flüchtling sein Asyl auf der Petersinsel gekündigt habe. Warum ist er nicht nach Zürich gekommen? fragt er in der ersten Enttäuschung; aber nun wird Bluntschli, der eben noch gescherzt hat, bitter: Weil die Zeiten Zwinglis vorüber sind und wir keinen Ulrich von Hutten mehr brauchen können; besonders, wenn es nur ein Genfer Uhrmachersohn ist! Wollte der große Voltaire kommen, sie möchten den Regenten der Aufklärung mit vierundzwanzig Pferden einholen und er könnte bei dem Antistes wohnen, aber den Rousseau mit seinen Menschenrechten würden die Gestrengen Herren in den Wellenberg stecken!

Sie haben im Eifer nicht gemerkt, daß unterdessen der mit dem braunen Bart — wie Heinrich Pestalozzi nun längst weiß, der Pfleger Schultheß zum Pflug, der Vater Annas und ihres gemeinsamen Freundes Kaspar — hinter sie getreten ist: Der Wellenberg wäre das Mindeste für einen Mann, sagt er ernst, der seine Kinder ins Findelhaus schickt und ungetraut mit einem Weibsbild lebt!

Der Bluntschli steht artig auf, und Heinrich Pestalozzi sieht, wie er todblaß geworden ist; auch ihn selber hat es ins Herz getroffen, das Vorbild so von ihrer strengen Tugend entblößt zu sehen. Darüber treten andere hinzu, die auch schon die Nachricht von Bern haben, und weil durch ein Mißgeschick der angesagte Vortrag ausfällt, wird Rousseau das erregte Abendgespräch an allen Plätzen.

Heinrich Pestalozzi hat über den Sommer zuviel in den Wolken gesegelt; nun merkt er erstaunt, wie sehr das sogenannte Genfer Geschäft auch schon die Züricher erhitzt. Es heißt, daß der Rat von Genf gegen seine eigene Bürgerschaft — die das Verdammungsurteil über Rousseau und seine Schriften nicht anerkennt und darum schon im vierten Jahr mit ihm streitet — die Gesandtschaften von Zürich, Bern und Frankreich als Friedensrichter in dieser Sache anrufen wolle. Damit würde, wie Bodmer freimütig über die Tische weg sagt, sich auch Zürich zu entscheiden haben, wieviel Macht der Wahrheit noch über Interesse, Herrschaft und falsche Politik geblieben sei! Heinrich Pestalozzi vermag aber nicht, diese Gespräche noch weiter anzuhören; das Wort des Pflegers Schultheß hat ihn zu sehr getroffen. Als er den Bluntschli bald aufstehen sieht, folgt er ihm rasch, um mit ihm in den gleichen Gedanken eingespannt früher als sonst heimzugehen: Auch der Hutten soll an einer häßlichen Krankheit gelitten haben, sagt der andere mit leiser Stimme, als sie oben auf der Niederdorfgasse sind; dann sprechen sie nichts mehr, bis sie sich ohne Gruß und Handdruck trennen.

31.

Im Frühjahr sieht Heinrich Pestalozzi die Züricher Gesandtschaft mit ihren kostbaren Staatsperücken in einem großen Aufwand von Reisewagen die Fahrt nach Genf antreten: es ist gekommen, wie an dem Abend gesprochen wurde, die Mächte sind angerufen, den Handel um Rousseau zu schlichten. Er ist immer noch nicht im reinen, wie einer sittenlos leben und Tugend lehren könne, und dieser Zwiespalt verbittert ihm die Politik. Unterdessen sind nach dem Agis im Lindauer Journal auch im Erinnerer eine Reihe von Wünschen gedruckt, die er im vergangenen Jahr geschrieben hat, aber selbst seine eigene Feder ist ihm verdächtig geworden. Als Bluntschli seine Hauslehrerschaft aufgibt und nach Hütten reist, um da eine Kur gegen seine kranke Brust zu machen, bleibt er vereinsamt in Zürich zurück. Einmal begegnet er dem Alumnaten, zu dem er damals am Zürichhorn ins Schiff gestiegen ist; er will ihn ansprechen, aber der weicht ihm scheu aus, als ob er eine Schuld von ihm einzufordern hätte. Wenn Heinrich Pestalozzi nun an seine Anzeige denkt, fällt eine brennende Unruhe über ihn; es ist das einundzwanzigste Jahr seines Lebens, als er gewahr wird, daß in der menschlichen Natur schlimmere Feinde der guten Sitten und der einfältigen Menschlichkeit liegen als in allen Gewalthabern.

Die Berichte der Gesandtschaft laufen ein, und jeder macht einen Sturm im Großen Rat, wo Bodmer unerschrocken gegen die Mehrheit der Gestrengen Herren auftritt. Es kommt, wie er prophezeit hat: die Entscheidung der Genfer zwischen Wahrheit und Interessen wird auch den Zürichern auferlegt; aber immer deutlicher sieht Heinrich Pestalozzi, daß die Bürgerschaft durchaus nicht so auf der Seite der Patrioten steht, wie seine spartanische Begeisterung gedacht hat. Wo ihrer einige zu vorwitzig auf der Gasse sind, kann es ihnen geschehen wie ihm damals, als er in den Keller fiel. Er ist verzagt genug, seinen Traum nun selber zu belächeln, diese Bürger als ein neuer Demosthenes zu reinen und hohen Dingen anzufeuern; es steht nicht einmal so, daß er wie sein Agis das Leben wagen könnte, die Zünftler würden sich mit einer Tracht Prügel genug tun.

Unerquicklich geht ihm der Sommer und der Herbst hin, indessen er noch immer hartnäckig an seiner Rechtswissenschaft mit dem Studium alter und neuer Gesetzschriften festhält. Er sieht den Bluntschli aus seiner Kur in Hütten mit einer Schwärmerei für die Schönheit der Natur und die Einfalt des ländlichen Lebens heimgekehrt, die er nun wehmütig belächeln muß. An seiner Gesundheit hat der Freund nichts mehr zu klagen, und wenn Heinrich Pestalozzi nicht durch die Mienen und Gespräche besorgt gemacht würde, er könnte glauben, daß ihm die Kur völlige Heilung gebracht hätte, so heiter sieht er ihn. Als er noch einmal über Rousseau mit ihm sprechen will, schüttelt Bluntschli den Kopf; auch sonst scheint er den Eifer eines Patrioten verloren zu haben, wo sich die andern erhitzen, lächelt er, und als aus Genf die Nachricht kommt, daß die mit dem Rat vereinigten Gesandten den Bürgern eine neue Verfassung auferlegt hätten, sagt er: da könnte das Sechseläuten angehen! Auch in seinen Büchern liest er nicht mehr, das Wissenswerte stände nicht darin, pflegt er zu scherzen; obwohl Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit hinter dem veränderten Wesen fühlt, vermag er sich der Heiterkeit nicht zu entziehen, darin der Freund Jüngling und Greis in einem geworden scheint, und so erlebt er den Zürcher Ausklang des Genfer Geschäftes viel weniger aufgeregt, als es sonst gewesen wäre.

Mitte Dezember kommt die Nachricht aus Genf, daß die Bürgerschaft mit großer Mehrheit das Machwerk der Gesandten verworfen habe; gleichzeitig geht das Gerücht, nun würden Frankreich, Zürich und Bern Gewalt anwenden und die aufsässige Bürgerschaft mit Krieg überziehen: Alles um eines gedruckten Buches willen, scherzt Bluntschli, als ob es keine vernünftigen Anlässe mehr gäbe in der politischen Welt! Aber die andern Patrioten sind eifriger, und der Privatlehrer Müller, des Stadttrompeters Sohn, schreibt das angebliche Gespräch eines Bauern mit einem Stadtherrn und einem Untervogt über den Genfer Handel, liest es auf seiner Stube auch einigen Freunden vor und verschließt es dann in sein Pult. Es ist mehr witzig als aufrührerisch, und Heinrich Pestalozzi, der es mit angehört hat, hätte nie gedacht, daß sich der Zorn der Obrigkeit daran entzünden könnte. Der Müller aber ist unvorsichtig genug, einem seiner Schüler die Handschrift zu überlassen. Der macht eine Abschrift davon und gibt sie weiter, immer mehr Abschriften werden gemacht, und Mitte Januar flattert das Bauerngespräch, wie man es heißt, heimlich durch die ganze Stadt, überall die Erregung des Genfer Geschäfts in lustigen Spott über die Perücken auslösend, bis eine Abschrift den Gestrengen Herren selber vor Augen kommt, die sofort mit heftigen Verhören den unbekannten Verfasser suchen.

Heinrich Pestalozzi, der sich mit Lavater besprochen hat, sucht noch spät abends den Müller auf, und rät ihm, sich selber zu dem Scherz zu bekennen, womit der Sache die Spitze abgebrochen sei; aber als er am nächsten Morgen nachfragt, hat der Sohn des Stadttrompeters eine richtigere Einsicht in seine Lage gehabt und ist über Nacht geflohen. Aus seinem Scherzgespräch ist eine Schandschrift und aus der Lustigkeit darüber ein Aufruhr geworden; ehe Heinrich Pestalozzi sich irgend einer Gefahr versieht, sitzt er selber auf dem Rathaus in Arrest, weil er dem Aufwiegler zur Flucht verholfen habe. Er wird auch drei Tage lang wie ein Verschwörer in strenger Haft gehalten, bis von dem Flüchtigen ein Brief eingelaufen ist, daß er das Bauerngespräch ohne böse Absicht geschrieben hätte und an der Verbreitung unschuldig wäre. Darauf lassen sie ihn zwar frei, aber die Untersuchung gegen den Aufruhr verliert nicht an Hitzigkeit: in ganzen Kompanien ziehen die getreuen Untertanen auf den Stadtplätzen auf, und bald wird von den Kanzeln des Kantons ein Urteil verlesen: daß der Verfasser der aufwieglerischen und höchst schandbaren Schrift aus dem geistlichen Stand removiert, aus der gesamten Eidgenossenschaft verbannt sei und in den Wellenberg geworfen werden solle, falls er betroffen würde. Die Schandschrift solle zugleich mit dem Lästerbrief aus dem Hottinger Handel durch den Henker öffentlich verbrannt werden, die Kosten für die drei Klafter Brennholz seien durch die Patrioten zu bezahlen, ihre Wochenschrift »Der Erinnerer« dürfe nicht mehr unter die Presse kommen, und sofern die gefährliche Gesellschaft noch etwas gegen die Obrigkeit unternähme, würden die schärfsten Strafen angewandt.

Bluntschli hat recht gehabt: das Sechseläuten fängt an; und ob es Heinrich Pestalozzi selber angeht, soviel obrigkeitliche Torheit vermag auch er nicht mehr ernst zu nehmen; als die Schandschriften durch den Henker verbrannt werden, spaziert er mit einem Freund auf dem Balkon der Meise und macht auf einer Pfeife die Musik dazu.

32.

Heinrich Pestalozzi hat es gleich gefühlt, daß sein Gespött auch die eigenen Träume trifft. Wie in der Heiterkeit des Bluntschli, den er nun auch gleich den andern Freunden Menalk nennt, der bittere Ernst immer deutlicher wird, so ist es auch mit ihm: er trägt im Übermut dieser Tage das Gefühl unabweisbarer Entscheidungen in sich, die mit all diesen flatternden Sehnsuchten und Lebensspielereien seiner verzettelten Jugend aufräumen werden; daß der Demosthenes dabei sein wird, ist ihm sicher.

Das Frühjahr will diesmal nicht kommen; immer wieder schütten die Wolken Schneeflocken in den Regen, und wo sich ein blaues Stück Himmel zeigt, blasen die kalten Winde es wieder zu. Heinrich Pestalozzi geht nun fast täglich nach der Zimmerleutenzunft hinunter, wo der Menalk meist am Fenster sitzt und in die Limmat sieht. Er ist hager geworden, mit tiefen, forschenden Augen und einer merkwürdigen Art, seine Knochenhand auf die Dinge zu legen, die er braucht. Seine Heiterkeit aber ist geblieben, und er spricht gern, als ob er jetzt erst den richtigen Abstand von seiner Mitwelt habe, die ihm sonst zu nahe und daher bedrückend gewesen sei.

Wenn Heinrich Pestalozzi nachmittags gegen die Dämmerung kommt, trifft er leicht mit der Anna Schultheß zusammen, die für eine Stunde bei dem Freund ist. Menalk hat es nicht gern, wenn er dann stört, und so meidet er die Stunde. Um so lieber spricht der Kranke, der immer deutlicher ein Sterbender wird, von ihr, die — um fünf Jahre älter als er — doch wie eine jüngere Schwester zu ihm steht. Sie hat als Mädchen noch die merkwürdige Zeit erlebt, wo der Dichter Klopstock ein halbes Jahr lang in Zürich lebte, und entsinnt sich seiner wohl, wie er auch in ihrem Elternhaus zum Pflug war. Da sie wohlhabend und vielgereist ist, dabei schön von Gesicht und Gestalt, gilt sie den jüngeren Freunden ihres Bruders Kaspar als eine Art Muse, und es war immer eine besondere Feier, wenn sie an einer ihrer Veranstaltungen teilnahm. Dabei ist sie seit langem Bluntschli so offensichtlich zugetan, daß sich kein anderer um sie zu bemühen wagt; und seitdem sie mehrmals Bewerbungen abwies, was bei ihrem Alter auffällig war, gilt es für ausgemacht, daß sie einmal Menalks Frau würde, obwohl die Eingeweihten wissen, daß ihr Verhältnis zu dem Kandidaten viel mehr geschwisterlich ist.

Je sichtlicher die kranke Brust Menalks den letzten Kampf mit dem unheimlichen Feind aufnimmt, um so mehr spricht er von der Freundin; einmal so schwärmerisch, daß Heinrich Pestalozzi ihn erstaunt ansieht. Er bricht dann mitten in der Schilderung ab und sieht lange vor sich hin, bevor er die Augen zu ihm hebt: Wir haben zu viel Eifer in unsern Sitten gehabt und zu wenig Liebe! Und als ob auch das noch nicht richtig sei, nach einer Weile: Ich habe nun so viele Tage vor Gott gesessen; am Ende weiß er doch besser als wir, was vonnöten ist. Es ist da eine leere Stelle in mir geblieben, aber ich kann sie nicht mehr füllen! Er hat seine große Hand über das Herz gebreitet und nimmt sie auch nicht mehr fort. Als Heinrich Pestalozzi aus seiner Erschrockenheit aufblickt, sieht er die Spur einer Träne, die ihm über die hageren Backenknochen in den Mundwinkel geronnen ist.

An einem Abend im Mai wird er zu ihm gerufen. Der alte Steinmetz — Menalk ist der zweitjüngste von neun Kindern, und die Mutter liegt seit drei Jahren auf dem Kirchhof — hat ihn noch einmal aus dem Bett ans Fenster tragen müssen, wo er im Kissen sitzt. Als ob er die Rechnung mit der Bitterkeit seines frühen Todes nun fertig gemacht habe, sieht er ihm befreit und heiter entgegen; spricht dann lange nichts, und als Heinrich Pestalozzi zögernd fragt, wie er sich befinde, hört er nicht darauf. Endlich scheint er die vorgefaßten Worte zu finden: Ich gehe sterben, sagt er und sieht auf seine Hände, die nebeneinander vor ihm liegen: du baust zuviel Pläne; die Menschen sind nicht so, wie du sie glaubst. Bescheide dich in einer stillen Laufbahn, und laß dich auf keine weitgehenden Unternehmungen ein ohne einen Ratgeber, der die Menschen und die Sachen kaltblütiger nimmt als du. — Es ist mein Testament, setzt er nach einigen Atemzügen hinzu, und der Schatten von einem wehmütigen Lächeln hängt an den Lippen, als ob er sich entschuldigte, daß es nur Worte wären. Als Heinrich Pestalozzi nach einer erschütternden Stille sprechen will, wehrt er ab: Geh jetzt, wir sehen uns noch!

Am andern Mittag will er nach ihm sehen, da kommt ihm aus der Tür Anna Schultheß entgegen. Wie gehts? fragt er beklommen, weil sie die Tränen achtlos rinnen läßt. Sie vermag nichts zu antworten, hebt nur die Hände, als ob die allein noch sprechen könnten, und für einen Augenblick scheint es, wie wenn sie in einer Ohnmacht hinsinkend sich an ihm halten wolle; dann eilt sie fort. Ihre Augen, die vom Schrecken übergroß geweitet und glanzlos vom Weinen sind, verlassen ihn nicht, bis er in die Stube tritt. Da steht Lavater mit einigen Freunden; sie sehen schweigend auf den Sterbenden, der nicht mehr spricht, nur hastig atmet wie einer, der zu rasch gelaufen ist. Einmal macht er die Augen groß auf, doch sieht er keinen mehr in der Stube; nach langem tut er ein paar tiefe Atemzüge, als ob er endlich Luft genug in seine Lungen bekäme, dann scheint er sich erlöst zum Schlaf hinzulegen; aber es ist der Tod gewesen, und Lavater, der es am ersten sieht, drückt ihm mit behutsamen Händen die Augenlider zu.

Die andern gehen danach fort; Heinrich Pestalozzi vermag es nicht, er fühlt, daß ihm mehr als ihnen gestorben ist. Aber als er stundenlang vor der Unbegreiflichkeit gesessen hat und, einer Regung folgend, dem Freund noch einmal die Hand geben will, ist sie schon kalt und nicht mehr menschlich; da fühlt er mit Grauen, daß etwas Fremdes an seiner Stelle liegt. Darüber kommt Lavater, dessen Umsicht dem alten Vater die nötigen Besorgungen abnimmt, mit zwei Frauen wieder, die den Leichnam waschen und für den Sarg herrichten wollen; der führt ihn hinunter und geht, ohne ein Wort zu sagen, mit ihm vielmals am Wasser hin und her, wo die Maisonne ihre Wärme in das Wasser schüttet und die Schwäne den Blust ihrer Federn spreizen. Als sie sich trennen, verspricht er ihm eine Zeichnung von dem toten Freund.

Ich habe so viele Tage vor Gott gesessen! Das Wort Menalks ist in ihm wie ein Stein geblieben, der immer tiefer sinkt; und je mehr er den Freund im Unbegreiflichen fühlt, weit fort von dem Leichnam, den fremde Frauen wuschen, um so inniger bildet er an seiner Gestalt, wie er da tagelang vor der letzten Entscheidung gesessen hat. Am andern Morgen bringt ihm Lavater die Zeichnung; er legt sie erschrocken fort, daß ihm das Bildnis des Toten die Erinnerung an den Lebendigen nicht störe, und während das Blatt unter seinen Blättern versteckt liegt, fangen seine Gedanken ein Denkmal an, das mehr als diese Zeichnung sein möchte.

Er soll Träger sein, aber als die Glocken zum Begräbnis läuten, steht er noch immer mit dem Babeli im Eifer über seiner Kleidung. Bis er hinunter kommt, tragen sie den Sarg schon ohne ihn die Gasse hinauf. Er will sich verzweifelt durchdrängen, aber die Jünglinge und Männer, die da mit ernsten Gesichtern in der vorgeschriebenen Ordnung schreiten, lassen ihn nicht hinein. Unfähig, sich den letzten anzuschließen, irrt er fort — ein Überflüssiger auch hier — und findet sich aus seiner Beschämung erst am Kirchhof wieder, als die ersten schon heimkehren. Hinter Büschen versteckt, wartet er die letzten ab und sieht den Totengräber beschäftigt, dem Hügel mit der Schaufel die vorgeschriebene Form zu geben. Er wagt nicht eher, an das Grab zu gehen, bis auch der Mann fort ist. Was er dann vor sich hat, ist nichts als ein Stück Frühlingserde, vom Gärtner frisch zubereitet, das er bald wieder verläßt.

Obwohl er den Totengräber beobachtet hat, wie der das Tor hinter sich zumachte, bedenkt er nicht, daß es geschlossen sein könnte; erst als er hinaus will, sieht er sich gefangen. Es ist kein zu großer Schrecken für ihn, und er hätte schon einen Schlupf gefunden; aber als seine Hände noch in der ersten Überraschung die Torstäbe halten, sieht er den Totengräber mit einer schwarzen Jungfrau zurückkommen, die einen Strauß Frühlingsblumen trägt. Er weiß auf den ersten Blick, daß es Anna Schultheß ist, die dem Grab des Freundes zunächst einen Gruß bringen will. Gern möchte er sich noch verstecken, aber die beiden haben ihn schon gesehen; so wartet er steif an dem Tor, bis es geöffnet wird. Der Mann ist mißtrauisch und augenscheinlich nicht gewillt, ihn durchzulassen, wenn er nicht vor seiner Begleiterin in der lächerlichsten Verwirrung den Hut gezogen hätte; so läßt er ihn laufen, der aus seiner Scham weder ein Wort noch eine Miene der Erklärung findet und fassungslos nach der Stadt hinunterstürmt.

Er fühlt die Zweideutigkeit seiner Lage sofort: die Freundin kann nicht anders glauben, als daß ihn der besondere Schmerz um den Menalk zurückgehalten habe; und soviel er in seiner Bestürzung von ihrem Gesicht wahrnahm, ist der Dank ihrer guten Meinung schon darin gewesen. Indem er fortrennt, statt ihr gleich tapfer die Umstände zu gestehen, hat er die Zweideutigkeit noch vermehrt; denn sie muß sich auch das noch auf einen Schmerz deuten, was nichts als die erbärmlichste Feigheit ist. So steht er am Grab des gemeinsamen Freundes in einer Schauspielerei vor ihr, die unaufgeklärt eine böse Lüge und aufgeklärt eine unerträgliche Beschämung bedeutet. Trotzdem er sich sogleich tapfer für die Beschämung entscheidet, liegt bis dahin die Lüge auf ihm; und das Gefühl davon saugt alles auf, was an selbstklägerischen Gedanken seiner wirren und fahrlässigen Jugend schon vorher in ihm gewesen ist, sodaß er an der alten Stadtmauer hin und gegen die Bollwerke rennt, als ob ihn diese Flucht vor sich selber retten könne. Als er sich ganz in das Mauerwerk verlaufen hat, wirft er sich hin, und niemals hat er so die Erschütterung zu weinen gespürt wie unter der blaßblauen Himmelsglocke dieses Frühlingstages.

33.

Heinrich Pestalozzi ist einundzwanzigjährig, als der Tod des gemeinsamen Freundes ihn der Anna Schultheß nähert und dem sehnsüchtigen Schwall seiner Jugend einen frühzeitigen Durchbruch ins Leben bringt. Seit der Begegnung an der Kirchhofstür geht sie schwarz gekleidet mit Frühlingsblumen durch seine Träume, und wo seine wachen Gedanken den Gestorbenen wehmütig bekränzen. Er hat ihr eine offene Darstellung seiner Irrgänge am Begräbnistag gesandt und den flackernden Leichtsinn seiner Jugend nicht geschont, um das Gegenbild des toten Freundes hell vor die Dunkelheit zu stellen, wie der sein Jünglingsleben streng vollendete und von der Selbstüberwindung mit Heiterkeit gesegnet in den Tod einging.

Die Kaufmannstochter im Pflug dankte ihm kühler, als er erwartete; er spürt aus ihren Schriftzügen und Sätzen, um wieviel gehaltener sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zum Leben steht als er mit seinen einundzwanzig: aber weil ihn die heftigen Winde seiner Meinungen den Altersgenossen voraus in die Schwierigkeiten einer eigenen Berufswahl getrieben haben, indessen sie noch den behüteten Gang ihrer Studien gehen, lockt ihn das Ältliche an ihr erst recht. Er weiß es abzupassen, daß er sie bald danach auf einem Spaziergang trifft, und ruht nicht, als sie zu Besorgungen fort muß, bis sie ihm noch eine Stunde am selben Abend verspricht.

Noch liegt für ihn selber das Eingeständnis einer andern als freundschaftlichen Neigung nicht zutage; obwohl lebhaft von den wechselnden Begebenheiten der Vaterstadt hingenommen und in hundert Anlässen geschäftig, die ihn eher vorlaut erscheinen lassen, ist er schüchtern, und er hätte aus sich selber kaum die Entschlossenheit, sie in der Dämmerung auf dem Lindenhof abzuwarten, wenn er nicht durch die schmerzliche Gemeinschaft um den toten Freund in eine so seltsame Nähe zu ihr gekommen wäre. Sie wiederum mag durch Menalk viel Rühmliches von ihm gehört haben, auch ist sie durch ihre Brüder an Kameradschaften gewöhnt: aber als sie dann unter den Bäumen des Lindenhofs beieinander stehen — es ist diesmal noch zu hell, als daß die Sterne schon funkeln könnten — sind sie doch nur ein Menschenpaar, das, ungleich im Alter, den Zwang der Natur zu fühlen bekommt. Heinrich Pestalozzi spricht unablässig, von der Winternacht, wo er mit Bluntschli hier gestanden hat, von dessen bitteren Worten und ihrer gemeinsamen Beklommenheit nachher, auch von dem Vermächtnis des sterbenden Freundes am vorletzten Abend, nicht anders, als ob erst jetzt das gedämmte Gefühl einen Abfluß fände: aber er fühlt wohlig die innige Verbindung mit seiner schweigsamen Hörerin, und wieviel er dabei von sich selber in ihre Seele sprechen kann.

Als sie sich trennen, erst leise dann dringend von ihr gemahnt, und sie ihm die Hand gibt, eine weitere heimliche Zusammenkunft nicht unbewegt, aber bestimmt ablehnend, vergißt er sich zu Tränen, sie darum zu bitten, und läßt in seiner Inbrunst ihre Hand nicht wieder los, bis sie sich selber freimacht und flüchtend von ihm fort eilt.

Heinrich Pestalozzi beherrscht sich mühsam, ihr nicht zu folgen, aber er fühlt jeden Schritt ihrer Entfernung wie einen körperlichen Schmerz, und in der Frühe findet er sich, mit einem Seufzer aus sehnsüchtigen Morgenträumen aufgewacht, aufrecht im Bett sitzen. So sehr er sich selber zur Rede stellt und sich des schwärzesten Verrats an Menalk beschuldigt, daß er das Gedächtnis an ihn für seine eigenen Gelüste mißbrauche: der Drang, sie zu sehen, ist so unbezwingbar, daß er unablässig Möglichkeiten aussinnt. Als es ihm am ersten Tag mißlingt, am zweiten und dritten auch, weil sie sich offenbar der gewohnten Gänge enthält, vermag er es am vierten nicht mehr und geht ihr mit einem Vorwand ins Haus. Er weiß, daß sie in der Handlung des Vaters an der Ladentheke bedient, und tritt um die stille Zeit nach Mittag ein. Von der Ladenschelle gerufen, findet sie ihn als Kundschaft, die sie bedienen muß; bis sie den zornig und fast mit Tränen verlangten Zucker für die Haushaltung der Mutter abgewogen und ihm hingelegt hat, ist sie gesammelt genug, ihn ernst zu bitten, das nicht mehr zu tun!

Er kann kein anderes Wort vorbringen; doch hat er sie nun wiedergesehen, und als er dem Babeli den heimlich erworbenen Zuckervorrat in die Küche geschmuggelt hat, verhehlt er sich nichts mehr von seiner Leidenschaft und beginnt, seine Aussichten zu prüfen: Sie ist wohlhabend, und er ist arm; sie trägt ihr schönes Antlitz auf einer wohlgebildeten Gestalt, während er als der schwarze Pestaluz um seiner pockennarbigen und unordentlichen Erscheinung willen in den Gassen verhöhnt wird; sie ist auf zahlreichen Reisen in den Formen des Welttons gebildet und mit Geschmack sorgfältig gekleidet, also auch darin sein Gegenbild: aber sie steht auch mehr als jedes andere Mädchen, das er kennt, mit herzlicher und kluger Kenntnis in der Welt seiner Jugendideale und ist durch die gemeinsame Freundschaft mit Menalk seinem Herzen so nah wie sonst kein Menschenkind in Zürich. Wenn — wie es heißt — Lebensgefährten einander ergänzen sollen, vermag er sich nichts Vollkommeneres zu denken als sie; und auch er hofft ihr — so sehr er in der Gegenwart seine Mängel fühlt — aus seinen Zukunftsplänen einige haltbare Wechsel bieten zu können. Ihr steht es frei, ihm nein zu sagen, nicht aber ihm, sie zu fragen.

Um sich zu prüfen, schließt er sich vor der Schwester ein — die Mutter ist in Höngg, den kranken Großvater zu pflegen — und sagt dem Babeli, daß er krank wäre. Er wird auch wirklich krank in der Unruhe und Marter seiner Sehnsüchte und Hoffnungslosigkeiten, bis er nach hitzigen Fiebertagen einen Brief schreibt. Er sitzt den ganzen Tag daran, und es wird mehr eine Abrechnung mit sich selber, darin er auf der einen Seite die eigenen Mängel zu Bergen auftürmt, um auf der andern seine Neigung und seine Vorsätze dagegen zu stellen. Aber als er nach einer dadurch beruhigten Nacht den Brief noch einmal durchliest, erschrickt er selber über seine Maßlosigkeit und zerreißt ihn. Er beginnt dann von neuem, noch zweimal an dem Tag, auch diese Briefe wieder zerreißend; bis er, aufs tiefste entmutigt über sein Mißgeschick, den ersten Brief noch einmal in besonnener Form wiederholt und, um ein klares Ja oder Nein bittend, ihn auch endlich absendet.

Sie läßt ihn zwei lange Tage und längere Nächte auf Antwort warten; und was sie ihm dann schreibt, ist nur eine Aufzählung der Gründe, die gegen ein innigeres Verhältnis sprechen, und der unverhohlene Wunsch, mit einem abgewiesenen Liebhaber nicht den Freund zu verlieren. Aber Heinrich Pestalozzi ist nun ein abgeschossener Pfeil, der sein Ziel treffen oder verfehlen, nicht mehr zurück kann. Er schreibt ihr wieder, alle Gründe, namentlich den ihres verschiedenen Alters, mit einem Feuerwerk edler Worte widerlegend, und bittet sie aufs neue um eine Unterredung — die sie ihm zögernd gewährt. Diesmal treffen sie sich frühmorgens auf der Straße nach Höngg, wo die Morgenfrische ihr gegen seine brandige Leidenschaft hilft; doch muß sie ihm zugestehen, daß er ihr schreiben und sie manchmal auch sehen dürfe. Sie hält danach noch wochenlang an ihrer Bedingung fest, daß alles zwischen ihnen im Rahmen der Kameradschaft bleiben solle. Aber mit abendlichen Stelldicheins und morgendlichen Spaziergängen, mit langen Briefen und innigen Gesprächen nistet sich auch bei ihr die Liebe ein, und als der Sommer auf seiner Höhe ist, vermag Anna Schultheß dem Ansturm seiner Gefühle nicht mehr zu widerstehen. Es schreckt sie nicht mehr, daß ihre Mutter den schwarzen Pestaluz als einen unnützen und prahlerischen Schwarmgeist verabscheut und selbst ihr Bruder Kaspar ihn einen Knaben nennt, während der Zunftpfleger ihr zuliebe mit seinen sichtbaren Bedenken humoristisch zurückhält, es schreckt sie nicht einmal, daß sie selber an seinen Äußerlichkeiten Anstoß nimmt: sie hat in dem Schwarmgeist die Tiefe der Gesinnung und in dem Knaben die Weite der Seele gespürt, die sich freilich an allzu vielen Projekten begeistert, deren grenzenlose Kühnheit sie aber mit Stolz empfindet. Auch die rastlose Werbung tut das ihre, sie von der Unbeirrbarkeit seines Willens zu überzeugen: als er wieder einmal vor ihr steht mit den dunklen Augen, aus denen seine Seele in wahren Strahlenkränzen zu leuchten scheint, beugt sie ihren Stolz der Kaufmannstochter, ihre weltklugen Erwägungen und die Einsicht der älteren Jahre vor dem Ungestüm seiner Jugend und legt sich — auf die mancher wohlhabende Geschäftsfreund ihres Vaters im stillen noch hofft — mit dem Gelöbnis unverbrüchlicher Treue in die Arme des einundzwanzigjährigen Jünglings Heinrich Pestalozzi.

Mittag

34.

Der Drang seines frühreifen Schicksals will, daß Heinrich Pestalozzi das Glück heimlicher Liebesstunden nur kosten, nicht genießen darf. Um die Kaufmannstochter aus dem Pflug heim zu führen, kann er keinen Beruf gebrauchen, der ihn mit unbestimmten Hoffnungen hinhält; und mit den Entwürfen seiner Volksreden verbrennt er die hochmütigen Advokatenpläne. Irgendwo die Handgriffe der Landwirtschaft zu lernen und dann auf einem Gut zu üben, scheint ihm von allen Möglichkeiten die rascheste; nun, wo er mit der Braut auch den Berater gefunden hat, der durch Sachen- und Menschenkenntnis — wie Bluntschli sagte — seinen Traumsinn ergänzt, glaubt er den Schritt aus der Schulweisheit in das Bauerndasein wohl tun zu können, zumal Anna Schultheß ihn tapfer billigt. Daß es zunächst ein Bruch mit den Beglückungsplänen seiner Jugend ist, übersieht er nicht; aber auch hier beruhigt ihn ein Wort des Freundes, daß man von den schwachen und niederen Stauden keine Körbe voll Früchte ernten könne, der Baum müsse stark und groß sein, um Früchte zu tragen! Wenn er erst einmal frei und wohlhabend auf eigenem Boden sitzt, will er die vaterländischen Dinge schon nicht vergessen haben!

Unterdessen ist seine Mutter noch immer bei dem kranken Großvater in Höngg gewesen, während er mit der Schwester und dem alt gewordenen Babeli gewirtschaftet hat; nun kommt sie zurück, und er holt sie eines Nachmittags ab, freudig, ihr sein Glück mitzuteilen. Der Dekan geht kaum noch aus seiner Studierstube heraus; er hat Sterbegedanken und ist verdrießlich, daß ihm der Antistes noch einen Vikar aufdrängen will, statt seinen natürlichen Abgang abzuwarten. So kann Heinrich Pestalozzi ihm nichts sagen, und auch bei der Mutter kommt er erst auf dem Rückweg dazu, als hinter Wipkingen die Buben vom Tantli zurück gesprungen sind. Sie gehen an der selben Stelle, wo sie mit dem Knaben so bitterlich geweint hat, als er endlich Stimmung und Worte für seine Freudenbotschaft findet. Zunächst ist sie erschrocken, daß er zu den andern Torheiten seiner Jugend auch noch die einer überstürzten Heirat über sie bringen will; wie sie den Namen Anna Schultheß hört, steigt das Wetterglas auf schön, da sie die Vorzüge der Person und der äußerlichen Vorteile in eins übersieht. Eine Schar Tauben flattert aus dem Feld, und ihre Sorgen fliegen mit; es fehlt nicht viel, so wanderten sie auch diesmal Hand in Hand zur Niederdorfporte hinein.

Am nächsten Sonntag steht Heinrich Pestalozzi am Fenster und sieht die Mutter aus der Predigt kommen, zögernden Schrittes, weil nicht allzuweit hinter ihr auch die Anna Schultheß ihr Gesangbuch heimträgt; er hätte der Mutter nicht soviel List zugetraut, wie sie dicht unter seinem Fenster eine Nachbarin anspricht — was sie sonst niemals tut — nur damit die Jungfrau an ihr vorbei muß. Sie grüßen sich still nickend, aber er von seiner Warte nimmt den Blick, mit dem sich die beiden Frauen umfassen, wie einen priesterlichen Segen wahr.

Weiter als bis zu solchen Blicken freilich kommt es zunächst nicht, da die Mutter Annas sich hartnäckig der Verbindung mit dem unansehnlichen und — wie sie sagt — kindsköpfigen Wundarztsohn widersetzt; bevor Heinrich Pestalozzi nicht vor der Welt etwas anderes vorstellt, kann er nicht auf ein öffentliches Verlöbnis hoffen. Er offenbart sich Lavater, weil der den Berner Chorschreiber Tschiffeli kennt, der mit seiner Musterwirtschaft in Kirchberg als der beste Landwirt der Schweiz gilt und namentlich die Zucht der Krappwurzel für die Rotfärberei als ein neues und einträgliches Bauerngewerbe treibt. Lavater schreibt um eine Lehrstelle, und rascher, als Heinrich Pestalozzi es gedacht hat, tut sich für ihn eine Schlupftür ins praktische Leben auf. So schmerzlich ihm die Trennung von Anna ist, der Drang, aus der Ungewißheit seiner gescheiterten Studien in eine rechtschaffene Stellung vor der Welt zu kommen, läßt ihn keinen Tag zögern.

Den letzten Abend ist er bei ihr draußen in Wollishofen, wo ihre Eltern ein Gütchen besitzen; sie haben sich schon mehrmals da getroffen, aber nun drängt die Wehmut des Abschieds zum Genuß der Stunde. Heinrich Pestalozzi fühlt, daß er wie ein Baum im Frühling ist; obwohl sie beide das Heiligtum ihrer Liebe zu hüten wissen, verblaßt die Nacht schon in den frühen Tag, als er aus Tränen und ewigen Gelöbnissen losgerissen am See vorbei nach Zürich zurückwandert. Es sind noch die selben Wege, es ist die Stadt mit dem Getürm ihrer Tore und Kirchen, und überall in den verschlafenen Häusern erwacht die tägliche Arbeit; nur er selber irrt nicht mehr mit ziellosen Sehnsüchten darin umher: Liebe und Beruf führen ihn aus ihrem Wirrwarr in die Einfältigkeit eines natürlichen Daseins hinaus, darin sein ländliches Besitztum, von der Anna Schultheß als Stauffacherin verwaltet, durch Wohlstand und Wohltun den Mittelpunkt einer Bauernschaft abgeben soll. Um in seinem Glück nichts von den Vorsätzen seiner Jugend zu verlieren, sucht er noch einmal sein Leben danach ab, sich feierlich für jeden einzelnen verbürgend, sodaß er aus dieser in Liebe durchwachten Nacht mit Gelöbnissen beladen im Roten Gatter ankommt.

Da fängt der Abschied noch einmal an, und es gilt mehr als eine Trennung auf Wiedersehen: hier packt er für immer ein. Trotzdem geht alles viel leichter als in Wollishofen, und er schämt sich fast, mit welchen Scherzen er das Nest seiner Jugend verläßt. Der Himmel seiner Zukunft ist blausonnig wie der Septembermorgen, der seine Federwölkchen nur zum Spiel aufsteigen läßt; und als er im Postwagen gegen Baden und Aarau fährt, geht nicht ein trüber Gedanke mit. Lavater hat ihm das Bild seiner Anna auf ein Papier gemalt, das hält er in Händen und merkt nicht, wie die Mitreisenden sich über ihn lustig machen: sie ist die Sonne, aus der alles Licht aufgeht, so sehr, daß ihm die Bäume und Wiesen draußen in Schatten zu fallen scheinen, wenn er das Blatt umdreht.

35.

Die Fahrt nach Kirchberg dauert zwei Tage; es ist die erste wirkliche Reise, die Heinrich Pestalozzi macht. Sie geht das Limmattal hinunter über Baden nach Brugg und dann im breiten Aaretal hinauf über Aarau ins Berner Vorland hinein; die Landschaft wechselt aus der waldigen Enge seiner Zürcher Heimat in die breite bernische Behaglichkeit, und auch die Sprache macht diesen Wechsel mit: er nimmt davon so wenig wahr wie von den Mitreisenden. Wenn ihn etwas so bewegt, wie jetzt der Abschied und die kreisenden Gedanken um das Ziel, verlieren seine Sinne den Zugang zum Bewußtsein; er kann stundenlang sitzen und ihren Wahrnehmungen keine Aufmerksamkeit schenken, sodaß sie gleichsam an den Zäunen Wächterdienste tun, indessen seine Seele im Garten ihrer selber spazieren geht.

Erst als sie am zweiten Nachmittag ins weite Emmental hinein fahren und einer beim Anblick der ersten Krappfelder den Namen Tschiffeli ausspricht, wacht er auf und möchte am liebsten gleich aus dem Wagen springen, die berühmte Kultur der Färberröte zu sehen. Er weiß, daß es nur die Wurzeln sind, die den Farbstoff enthalten, an mannshohe Stauden mit stachligen Blättern und Blüten hat er nicht gedacht; als nun ein leiser Wind hindurch rieselt, erschließt sich ihm die beglückende Aussicht, daß dieser Anbau die Schönheit ländlicher Arbeit nicht vermissen lasse: wie beim Korn, beim Flachs und in den Wiesen gibt sich auch hier das Wachstum der Natur als ein Segen, der dem Menschen mit allen Wundern der Blüte und der schwellenden Frucht in die Hände wächst.

Er findet Tschiffeli als einen gebräunten Mann anfangs der Fünfziger, der diesen Überschwall wogender Felder aus einer verwahrlosten Öde geschaffen hat und wie ihr leibhaftiger Gottvater darin umher geht. Als blutarmer Leute Kind verdankt er alles der eigenen Kraft, die seine neumodischen Einfälle gegen die guten Meinungen und Ratschläge der Gewohnheit durchgesetzt hat, bis er als erfolgreicher Mann vor seinem Vaterland dasteht. Das gibt seinem mannhaften Wesen eine andere Geltung, als die Zürcher Herren sie aus ihrer Herkunft oder Gelehrsamkeit besitzen; Heinrich Pestalozzi fühlt hier einen Teil von sich selber zur Vollendung gekommen, und wenn er ihn Vater nennt, wie es auf dem Gut Sitte ist, liegt für ihn ein besonderer Sinn darin. Tschiffeli wiederum freut sich dieses Zöglings, der garnicht das Stadtsöhnchen spielt, den ganzen Tag in Hemdärmeln arbeitet und abends noch lustig ist zu Tabellen und Berechnungen. Wenn seine Ungeschicklichkeit auch viel mit zerschnittenen Fingern und Beulen zu tun hat, so ist doch noch niemand da gewesen, der seinen Spekulationen so begeistert und mit Verständnis anhängt.

Es wird ein reicher Herbst und Winter für Heinrich Pestalozzi, der mit seinen eigenen Plänen hier nicht verlacht wird, wie bei den Freunden in Zürich, sondern einen bereitwilligen Berater findet. Wenn er sieht, wie Tschiffeli für die fünf Gemeinden seiner Güter ein Wohltäter geworden ist, indem durch ihn Ordnung und Verdienst dahin kam, wo vorher Unordentlichkeit und Armut waren, erkennt er freilich auch, daß es wirksamere Mittel zur Übung der Volkswohlfahrt gibt als die öffentliche Anklägerei der jugendlichen Patrioten: das Beispiel und der Antrieb zur Selbsthilfe. So wie Tschiffeli im bernischen Land will er einmal im Zürcher Gebiet dastehen als der Mittelpunkt einer in planvoller Gemeinsamkeit fröhlich schaffender Bauernsame. Er kann einen wahren Spott mit sich selber treiben, wenn er an Winterabenden bei den Berechnungen hilft — wieviel Jucharten für diese und jene Kultur einzurichten wären, um mit der mutmaßlichen Ernte den Abschlüssen gerecht zu werden — und dann an seine Jugendläuferei in Zürich denkt, an den Schwall seiner Freunde, Pläne und Sehnsüchte, und wie hier alles sich selber zufrieden macht; die Zürcher Stadtbürger haben den schwarzen Pestaluz sicher kaum kritischer betrachtet, als er es nun selber tut.

Aber feierlich wie das große Himmelslicht jeden Morgen hinter den Emmentaler Bergen wärmend und segnend über der Arbeit Tschiffelis aufsteigt, so steht die Liebe über seinem Tageslauf: sie weckt ihn in der Frühe und sie bläst ihm abends die Kerze aus, nichts gerät ihm, ohne daß er die Stimme Annas zu hören glaubt, und nichts mißrät, ohne daß er ihre Augen mit dem scherzhaften Tadel darin fühlt. Er hat sich eine feste Ordnung gemacht, ihr seine Erlebnisse und Erfahrungen zu schreiben, und da sie ebenso pünktlich antwortet, flechten die hin und her reisenden Briefe aus ihren getrennten Lebensläufen einen Zopf, darin die Hoffnung mit lustigen Schleifen eingebunden ist.

36.

Es sind fast neun Monate, die Heinrich Pestalozzi als Lehrling der Landwirtschaft zubringt; aus dem Zürcher Theologiestudenten wird ein bernischer Bauernknecht, der stolz auf seine vernarbten Hände ist und Sonntags in Hemdärmeln zur Kirche geht. So findet ihn seine Braut, als sie ein freundliches Geschick zu einem Besuch in Kirchberg ausnützen kann. Ihr Bruder Kaspar hat eine Pfarrstelle im Württembergischen bekommen, die nach alten Herkünften den Zürcher Herren untersteht; er führt nun befriedigt seine Susanna Judith Motta aus dem Traverser Tal heim, eine Herzensfreundin der Schwester und auch Heinrich Pestalozzi aus ihrem Zürcher Aufenthalt wohlbekannt. Anna holt ihn zur Hochzeit ab, da es über Kirchberg kein zu großer Umweg ist, und sieht mit eigenen Augen das gelobte Land ihres Freundes.

Es wird ein Jubeltag für Heinrich Pestalozzi, wie er noch keinen erlebte, als er seinem Meister Tschiffeli und allen Leuten auf dem Gut ein so stattliches und feines Frauenzimmer als seine Braut vorweisen kann. Sie hingegen ist sichtlich bestürzt über die Verwahrlosung seiner Hände und Kleider, doch findet sie sich rasch und folgt ihm in die Gärten und Felder, die Schauplätze seiner Wochenberichte nun selber zu sehen. Am Abend hat Tschiffeli dem Gast zu Ehren Wein und Blumen auf den Tisch gestellt, und da er in ihrer Gegenwart den Eifer und das Geschick seines Lehrlings mit anerkennenden Worten belegt, kommt der Besuch zu einem fröhlichen Abschluß, sodaß Heinrich Pestalozzi der Tag nicht mehr fern scheint, wo er selber mit ihr als solch ein Gutsherr dasitzen wird.

Als sie andern Morgens miteinander in den Wagen steigen, gegen Burgdorf und Aarberg aus dem ländlichen Bereich seiner Bekanntschaft hinauszufahren, sitzen ein paar Stutzer aus Neuenburg darin, die ihn belächeln. Heinrich Pestalozzi im Eifer, ihr noch im Abfahren jeden Weg und Hügel seiner Welt zu zeigen, merkt nichts davon; sie aber zupft ihm seine Kleidung zurecht und wird schweigsamer, je weiter sie ins welsche Land hineinfahren. Zum ersten Male erlebt er, wie ihn mit der Sprache auch die Heimat verläßt; je näher sie an den waldigen Jura heranfahren, je seltener trifft ein deutsches Wort sein Ohr. Das letzte ist der Abschiedsgruß einer alten Bäuerin aus Erlach, die von Aarberg bis Ins mitreist; dann fährt er mit Anna allein in die welsche Welt, und obwohl er im Schutzgebiet der Eidgenossenschaft bleibt und obwohl die Sprache Rousseaus seiner Seele mit mancher Wendung vertraut ist: der fremde Klang schlägt an seine Ohren, als ob er ins Wasser geworfen wäre.

Das wird im Val Travers nicht besser, wo sie spät abends von ihrem Bruder Kaspar und seiner Braut abgeholt werden; in Zürich hat die Judith Motta nicht anders als deutsch gesprochen, hier in ihrer Heimat ist sie welsch, und Heinrich Pestalozzi erleidet ein Gefühl, als ob ihm Anna von einer Strömung fortgerissen würde, wie sie nun selber in der fremden Flut untergeht. Als sie sich im Eifer vergißt und ihn selber in den welschen Lauten etwas fragt, vermag er ihr nicht zu antworten, so schnürt ihm der Schrecken die Kehle zu. Er muß sich zwar am selben Abend doch dazu bequemen, weil die Verwandten — die im übrigen freundliche Leute sind — nur französisch sprechen; es macht ihm aber Mühe, dem ungewohnten Schwall zu folgen, und er spürt grimmig, wie seine Zunge über die fremden Silben stolpert.

Er übersteht die Hochzeit indessen tapfer, und weil er neben einer ältlichen Tante aus Môtier sitzt, die für Rousseau schwärmt und ihn vielmals gesehen hat, als er noch selber mit seiner Therese da wohnte, vermag er sogar seine Scheu vor den welschen Worten zu überwinden. Sie bleiben aber ungeschickt auf seiner Zunge und geben Anlaß zu manchem Gelächter; namentlich die beiden Stutzer aus Neuenburg, die unvermutet auch Hochzeitsgäste sind und an seiner Kleidung wie an seinem bäuerlichen Wesen Anstoß nehmen, fangen an, ihren Spott mit ihm zu treiben, gegen den er sich um so weniger wehren kann, als er die Andeutungen in der fremden Sprache meist garnicht versteht. Da überdies die Verwandten der Anna ihr Mitleid nicht verhehlen, als ältliche Jungfer noch an einen solchen Tölpel geraten zu sein, und da die Geltung in der Welt des guten Tons ihre Empfindlichkeit ist, sieht er sie danach mehrmals weinen und hitzig an ihm werden, bis ein Vorfall am dritten Hochzeitstag seiner gequälten Stimmung Luft macht.

Er hat das Haus sehen wollen, wo Rousseau wohnte; die Tante lud ihn und die andern ein, und so schwärmt am Nachmittag die geputzte Schar nach Môtier hinunter. Anna hat Freundinnen gefunden und plätschert in der welschen Lustigkeit, als ob es ihr angeborenes Element wäre; der eine Neuenburger hat sich als ihr Galan an sie gehängt, während der andere angeblich als krank zurückgeblieben ist. Wie sie dann gegen das Haus kommen, das ihm die andern in aufdringlicher Freundschaft schon von weitem zeigen, geht die Tür auf, und augenscheinlich nach einem Kupferstich des berühmten Mannes zurechtgemacht, tritt eine Gestalt im Kaftan mit ausgebreiteten Armen heraus: Ob sie ihm sein Früchtchen, den Emil, wieder mitgebracht hätten? Bevor Heinrich Pestalozzi die Hänselei begreift, hat die Gestalt ihn gerührt ans Herz gezogen und ihm von hinten her eine Zipfelkappe aufgestülpt, worüber sich dann alle totlachen wollen. Er hört ihr Gelächter, als ob rundum Hunde bellten — auch Anna, so meint er, ist darunter — aber ehe sich der Komödiant dessen versieht, hat er ihn an der Gurgel, und als er unter dem Turban das fade Gesicht des andern Neuenburgers erkennt, schlägt er zu, daß dem die blutende Nase den Kaftan bemalt. Die andern springen abwehrend herzu, und der hämische Scherz ginge mit einer bösen Prügelei aus, wenn nicht Anna ihrem Freund die Hand von der Gurgel löste und ihn aus dem Rudel zöge. Vor ihrer Bestimmtheit weichen die andern zurück; ohne ihrer weiter zu achten, führt sie ihn ins Haus der Tante, deren Tür sie hinter sich verschließt.

Das gute Wesen hat einen festlichen Kaffeetisch gedeckt und erlebt nun erschrocken, wie sich die andern drohend auf der Straße sammeln und mit Fäusten gegen die Tür trommeln. Als ein Stein durchs Fenster herein fliegt, nimmt Anna ihren Verlobten wieder bei der Hand, führt ihn rasch durch den Garten gegen den Wald hinauf und auf einsamen Wegen zu den Verwandten zurück. Heinrich Pestalozzi ist noch lange erregt und will ihr nicht folgen auf dieser Flucht; aber mehr noch als der Zwang der festen Hand hält ihn der Klang ihrer Stimme. Sie spricht wieder die vertraute Sprache, und nach dem welschen Geschrei ist es ihm, wie wenn die Heimat selber in ihren Worten mit ihm spräche. Es war nur ein Scherz von ihnen, und ich hätte nicht aufbegehren sollen! sagt Heinrich Pestalozzi zuletzt und bleibt vor ihr stehen, als ob er sie beruhigen müsse; sie aber schüttelt den Kopf und wendet sich bittend von ihm ab: Daß du aufbegehrtest, war recht und ich hab dich lieb darum; aber wir hätten nicht herkommen sollen! Und dann nach einer Pause wieder gewaltsam lächelnd in ihrer schelmischen Art: Du mußt denken, daß die Traverser dem Rousseau auch die Fenster eingeworfen haben, bevor er auf die Flucht ging nach der Petersinsel.

37.

Heinrich Pestalozzi hat auch die Frühjahrsbehandlung der Krappkultur erlebt, und seine Lehrzeit geht zu Ende; aber noch immer fehlt ihm das Jawort aus dem Pflug, sodaß er von dem zukünftigen Gut nicht mehr als den Hausschlüssel der Liebe in den Händen hält. Um ihren Eltern einen andern Begriff von dem schwarzen Pestaluz zu geben, schreibt er der Anna eine für fremde Augen geeignete Darlegung seiner Pläne mit scharfsinnigen Berechnungen der Rentabilität, wie er gleich seinem Lehrer Tschiffeli Ödland ankaufen und zur Krappkultur instand setzen wolle; nur zwanzig Jucharte, davon fünfzehn dem Krapp und fünf der Gärtnerei dienten. Artischoken, Spargel, Cardiviol und anderes Feingemüse im großen zu gewinnen und teilweise erst im Frühjahr — nach einer neuen Art der Überwinterung — mit doppeltem Abtrag zu verkaufen, dagegen keine Wiese, keine Äcker, keine Reben und wenig Vieh zu haben: das solle die nährende Grundlage seiner Landwirtschaft sein, daraus er genügenden Unterhalt zu finden glaube!

Es ist alles wie für eine Doktorarbeit durchgedacht; aber die praktischen Eltern im Pflug sehen den Scharfsinn auf die Mitgift ihrer Tochter gegründet und sind weniger als je geneigt, damit in ungewisse Projekte einzutreten; sie halten in den Dingen des Erwerbs praktische Hände für wichtiger als Ideen und finden in solchen Projekten nur den Bessermacher aus dem Roten Gatter, dem sie die Mitgift mit einem glatten Nein zudecken, in der Hoffnung, daß ihnen dann auch die Tochter bliebe.

So kommt Heinrich Pestalozzi im Frühsommer als ein von Sonne und Regen gebräunter Landwirt ohne Land nach Zürich zurück; auch seine Hoffnungen auf die wohlhabende Tante Weber in Leipzig erfüllen sich nicht; der Doktor Hirzel verschafft ihm zwar die Aussicht, das Pachtgut der Johanniter in Bubikon zu übernehmen, doch geht ein so weitschichtiger Betrieb über seine Kräfte. Verdrießlich an dieser Ungewißheit und weil es regnet, steht er eines Tages unter den Lauben, als ihm jemand die Hand auflegt; wie er umsieht, ist es der Pfarrer Rengger aus Gebistorf bei Brugg, den er aus seiner Kollegienzeit kennt. Der fragt ihn aus nach seiner Lehrzeit bei Tschiffeli, und als dabei der Grund seiner Verdrießlichkeit zutage kommt, spricht er scherzend von dem Birrfeld bei Brugg; dort habe man vor kurzem noch steinichte Äcker umsonst ausgeboten: wenn er etwa bei dem Hexenmeister in Kirchberg die Kunst gelernt habe, aus Steinen Brot zu machen, fände er dort Feld genug.

Er hat nur einen spöttischen Scherz machen wollen; aber Heinrich Pestalozzi nimmt den Vorschlag ernst und ist gleich eifrig dabei, Näheres zu wissen. Da dem andern nicht mehr als der allgemeine Verruf des Birrfeldes bekannt ist, führt er ihn von der Gasse weg ins Weiße Rößli am See, wo er sich — um einer geistlichen Tagung willen in Zürich anwesend — mit dem Pfarrer Fröhlich aus Birr und andern Kollegen abgesprochen habe. Der weiß genauer zu berichten: daß im ganzen fünf Gemeinden an dem Birrfeld teil hätten, daß es vielleicht mehr als andere Gegenden an der Mißwirtschaft des Weidganges leide, aber durchaus nicht nur ein wüstes Heideland sei, wie es verschrien wäre. Er rät Heinrich Pestalozzi, als er seine Absichten hört, ernsthaft zu einer Besichtigung, und da ihn nun auch Rengger freundschaftlich einlädt, springt er mit beiden Füßen in den Plan ein; um so mehr, als der Pfarrer Fröhlich von einem burgähnlichen Gebäude in Müligen an der Reuß spricht, seit altersher der Turm genannt, das mit Scheune, Stall und Garten zu mieten wäre.

Noch in derselben Woche ist er nach Gebistorf unterwegs; er findet das Birrfeld als eine stundenweite Hochfläche, die zur Reuß mit steilen Waldhängen abfällt und sich in steinichten Halden gegen das Kalkgebirge des Kestenbergs hebt, auf dem das alte Schloß Brunegg steht. Von einem mit Kiesgeröll gemischten Moder bedeckt und an vielen Stellen sumpfig wie ein altes Seebecken, ist sie mit Wacholder und kleinen Tännchen bestanden und bietet den Anblick einer Heide, obwohl sie da, wo sie wirklich bebaut ist, garnicht so üble Felder zeigt. Namentlich aber gefällt ihm die Wohnung in Müligen; mit Efeu dicht berankt und unter Bäumen am Hügelabhang sonnig gelegen, scheint sie ihm wohl geeignet als Nest für sein kommendes Glück. Sie gehört einer begüterten Familie in Brugg, und er beeilt sich, sie für vierzig Gulden jährlich zu mieten. Der heimlichen Liebsten kann er nur in Briefen blühende Schilderungen davon machen; aber seine Mutter kommt bald auf einem Wagen, das Nest mit einem Bett und dem nötigsten Hausrat einzurichten. Es wird anders mit ihren Söhnen, als sie gehofft hat: der eine tut als Kaufmann nicht gut, und der andere hat mehr als ein Dutzend Jahre die Schulbänke gedrückt, um die Weltverlassenheit dieser Bauernschaft als sein Glück zu preisen. Sie vermag bei seinen Freudensprüngen nicht mehr zu lächeln und sieht über die Stundenweite des Birrfeldes mit einer trostlosen Wehmut hin. Dies wird einmal ein einziges Gartenfeld sein! sagt Heinrich Pestalozzi und begreift die ärmlichen Dörfer des Landes in einer großmächtigen Armbewegung. Sie zieht das schwarze Witwentuch um ihre schmächtige Gestalt, als ob sie fröre; doch als er sie dann fast knabentrotzig fragt, ob sie es nicht glaube? weht ihr ein Lächeln alles Trübe fort aus dem blassen Gesicht: Wie soll eine Mutter anders als gläubig zu ihren Kindern sein!

38.

Jeden Morgen steigt Heinrich Pestalozzi den steinichten Hügelweg hinauf, das Birrfeld wie ein Eroberer zu durchqueren; die Mutter hat ihm einen Rest des väterlichen Vermögens mitgebracht, den sie zur Not entbehren kann, und so kann er auf eigenen Landerwerb ausgehen. Er findet die besten Plätze bald in den Hummeläckern, die ziemlich mitten im Birrfeld liegen und zu der Gemeinde Lupfig gehören. Die Üppigkeit einiger Kirschbäume gibt ihm Gewißheit, daß der verwahrloste Boden mit guter Düngung bald ertragreich zu machen wäre, und rasch entschlossen wendet er siebenundfünfzig Gulden an, sich vier bis fünf Jucharte davon zu kaufen, die er mit allem Eifer seiner gelernten Künste aus einem Mergellager am Kestenberg aufbessern will. Darüber aber kommt er bei den Leuten der Gemeinde auch schon ins Gespräch als Herrenbauer, und mehr als einer hört die ungewohnte Geldquelle gegen seine Äcker rinnen. Als er darauf mit weiteren Ankäufen zögert, fangen die bäuerlichen Listen an, sich mit Wegerechten, Weidgang und andern Vorwänden drückend zu machen, sodaß er wohl oder übel zu höheren Preisen kaufen muß.

In diesen Schwierigkeiten, die ihn allein befallen, weil seine Mutter wieder nach Höngg zum kranken Großvater gerufen ist, geht er eines Nachmittags verdrießlich nach seinem Turm zurück, als ihn ein Mann mit seinen Wägelchen einholt und aufsteigen heißt, da er gleichfalls nach Müligen führe. Er hat den Mann auf seinen Gängen schon mehrmals angetroffen, und weil ihn die Mißlichkeiten müde und unlustig zum Gehen gemacht haben, nimmt er das Angebot gern an. Unterwegs holt ihn der andere beiläufig aus, ob er auf seinem Hummelacker zu bauen gedächte, und als er das bejaht: ob er denn Wasser habe? Warum er nicht weiter aus dem Birrfeld hinaus, etwa da oben in den Letten baue? Da habe er Quellen genug, brauche sich mit keinem Anlieger herumzuschlagen und sei Herr auf seinem Boden. Billiger als da unten sei das Land sicher, wo auch sonst die Lupfiger keine günstige Nachbarschaft wären.

Heinrich Pestalozzi weiß, daß der Mann, den er von seinen Gängen her als einen Metzger und Wirt aus Birr mit Namen Märki kennt, wohlhabend und durch seine Geschäfte bewandert in allen Verhältnissen der Gegend ist. Irgendwie fällt ihm das Wort Bluntschlis von dem Ratgeber ein, und da ihn der Mann im Sprechen auffällig an seinen Lehrmeister Tschiffeli erinnert, nur daß er genau so drastisch in seinen Ausdrücken wie jener vorsichtig ist, sieht er ihn prüfend von der Seite an und nicht unlustig, seine Dinge mit ihm zu besprechen. Der aber scheint von dem Gespräch genug zu haben, kutschiert gleichmütig darauf los, bald hier bald dort mit dem Peitschenstiel auf eine Merkwürdigkeit deutend, sodaß Heinrich Pestalozzi fast bedauert, als sie hart bremsend den letzten gewundenen Abstieg nach Müligen hinunter fahren. Eine Einladung, bei ihm für einen Augenblick abzusteigen, nimmt der Mann nicht an, da er es wegen der Dunkelheit eilig habe. Bald sieht er ihn denn auch wieder den Weg hinauf kutschieren, rüstig zu Fuß, das Pferd am Zügel führend.

Schon am andern Tag macht er einen Weg in die Letten hinauf; er findet den Boden mit vermodertem Kalkgestein durchsetzt, das vielfach auch mit einem beinernen Glanz zutage liegt: Hier ist wirklich Ödland, aber wo der Hang ins ebene Feld ausläuft, doch wieder guter Boden, vor allem aber ist reichlich Wasser da, und die abseitige Lage lockt ihn besonders. Als er bis an den Waldrand hinaufgegangen ist und von da unter einem Nußbaum über das stundenweite Birrfeld hinsieht — stärker als je in dem Traum, es von hier aus stückweise zu erobern und ein Gartenmeer daraus zu machen, das Wohlstand in all die ärmlichen Dörfer rundum verbreiten soll — hört er hinter sich seinen Namen rufen, und als er umsieht, steht der Märki dort und winkt ihm. Augenscheinlich will er nicht gesehen werden, und so steigt Heinrich Pestalozzi zu ihm hinauf in den Wald. Der selbe Mann, der gestern gleichmütig war, scheint heute wütend: falls er etwa die Absicht habe, hier zu kaufen, so möge er sich selber das Geschäft nicht verderben, indem er hellen Tags hier herumlaufe! Bauern seien Bauern: wenn er, der Märki, etwa hinginge und ihnen bares Geld für einen Acker brächte, wären sie noch so froh; so aber der Herrenbauer käme, glaube jeder gleich das große Los zu spielen. Er wolle sich mit diesem Beispiel nicht etwa aufdrängen, er habe hier nur zufällig einer Klafter Kleinholz nachgehen wollen, die überm Winter vergessen worden sei. Da er ihm aber nun einmal den Rat gegeben habe, möge er natürlich nicht, daß er dabei zu Schaden käme und ihm schließlich noch Vorwürfe mache!

Nichts für ungut, sagt er dann wieder höflich, als er das alles mit rotem Kopf mehr geschimpft als gesprochen hat, lüpft an seiner Kappe und geht davon, gefolgt von einem Metzgerhund, der sich faul aus der Sonne aufhebt. Heinrich Pestalozzi bleibt wie ein gescholtener Schüler zurück, doch ist er dem Mann dankbar; wenn er an die Tagelöhner in Lupfig denkt, daß nie einer ein richtiges Wort aus den Zähnen läßt und jeder an seinem Mißtrauen würgt, irgend einen Vorteil zu verlieren, so ist dies doch von der Leber gesprochen. Er folgt seiner Weisung, geht nicht über Birr, sondern im Bogen durch den Wald gegen die Hummeläcker, wo ihm nun nichts mehr gefällt, sodaß er seine Pläne umdenkend nach Müligen heimkehrt. Noch am selben Abend schickt er dem Märki eine Botschaft nach Birr hinauf, und nun wird es rasch ein anderes Geschäft für ihn: in knapp acht Tagen hat er durch den gewandten Unterhändler zehn weitere Jucharte dazu gekauft, nicht übles Land, noch in der Ebene gegen den Letten gelegen, sodaß er einen guten Platz für sein Haus, einen Brunnen dazu und Land genug besitzt, um seine Plantage zu beginnen. Daß die nun in zwei Stücken auseinander liegt, die Hummeläcker mitten im Birrfeld und das andere eine gute halbe Stunde weiter hinauf am Letten, beunruhigt ihn ebensowenig wie der doppelte Preis: auch Tschiffeli hat so zerstreut Boden fassen müssen, und schließlich ist doch alles ein großer Besitz geworden. Seitdem er den Metzger Märki als Ratgeber hat, fehlt es ihm nicht mehr an Zutrauen, daß auch sein Traum gelingt. Denn daß er selber in die Hände eines Mannes geraten ist, der vieles zu sich heranbiegt, um daraus nichts als seinen Nutzen zu haben — was unter Kaufleuten die einzige Moral ist — während er sich selber einen Nutzen immer nur erträumt, um eine Quelle des Wohlstandes für die andern zu sein: das soll er noch erst erfahren.

39.

Über dem ist der Herbst gekommen und weht Heinrich Pestalozzi die dürren Blätter vor die Haustür; die Singvögel ziehen der scheidenden Sonne nach, und abends steigen die Nebel kalt aus der Waldschlucht, darin die Reuß ihr spärlich gewordenes Wasser der Aare zuführt: nach dem Sommer mit der sonnigen Fülle seiner langen Tage kommt der Winter, der die Menschen in den Kreis der Lampe drängt. An der seinen war das Messing blank, als Anna sie schenkte: aber ihre Hände sind nicht da, es zu putzen. Nicht einmal ein Stück Vieh steht im Stall, und Heinrich Pestalozzi, der doch ein Stadtkind und gewohnt ist, über seine Dinge zu sprechen, sitzt Abend für Abend allein in seinem Turm. Die Mutter kann nicht mehr kommen, weil der Großvater sie wieder nach Höngg gefordert hat; und dem Bärbel war es bald zu grauslich zwischen Wald und Wasser. Seit seinem heimlichen Verlöbnis ist mehr als ein Jahr verstrichen, Anna hat im Sommer schon ihren dreißigsten Geburtstag erlebt, und immer noch steht die Weigerung der Eltern vor der gemeinsamen Zukunft. Die Melancholie der Einsamkeit läßt ihren bitteren Saft in seine Stunden fließen, und andere Briefe flattern nach Zürich, als sie aus Kirchberg gingen. Einigemal reist er selber hin, auch nach Brugg kommt er Samstags, die Schaffhäuser Zeitung zu lesen: aber es ist eine tote Zeit für Heinrich Pestalozzi, da er zum erstenmal den einsamen Winter des Landmanns wirklich zu spüren bekommt.

Noch im Spätherbst haben auf einer Spazierreise zu Pferd einige Freunde aus Zürich bei ihm angeklopft, um sich den Scherz eines Besuchs bei dem Einsiedler von Müligen zu machen; sie waren überrascht, alles so heimelig bei ihm zu finden — das Bärbel war gerade da — und namentlich der Johannes Schultheß aus dem Gewundenen Schwert, dessen Vater Bankgeschäfte macht, zeigte für seinen Plan viel Aufmerksamkeit. Er hat ihm unterdessen mehrmals geschrieben und ist tatsächlich auch bei seinem Vater nicht untätig geblieben; als endlich das letzte Schneewasser mit hundert Bächen die Reuß braun färbt und die ersten vorwitzigen Singvögel den Sonnenschein prüfen, geht Heinrich Pestalozzi in der Entschlossenheit eines Verschwörers nach Zürich, mit dem Bankherrn in eine Geschäftsverbindung zu kommen. Es dauert zwar noch ziemlich eine Woche, und er muß sich manche Laune des aufbrausenden alten Herrn gefallen lassen; aber der Sohn läßt nicht locker, und schließlich kommt eine Abmachung zustande, daß der Bankiers mit einem Einsatz von fünfzehntausend Gulden allmählich in seine Pflanzung eintreten will und ihm gleich ein Drittel dieser Summe als Kredit eröffnet.

Damit steht Heinrich Pestalozzi vor den Kaufmannsleuten im Pflug als einer ihresgleichen da, und als er aus dem Gewundenen Schwert an die Limmat hinaustritt, seinen Kreditbrief in der Hand, wagt er damit auch den zweiten Gang. Er findet aber niemand zu Haus als den Bruder Salomon, da die Eltern mit Anna nach Wollishofen hinaus gegangen sind; das ist ein bequemer und weichlicher Mensch, der mit seinem Doktorstudium nicht fertig wird und den Schwarmgeist aus dem Roten Gatter wie eine Brummfliege haßt: er steht nicht einmal auf von der Polsterbank, und als ihm Heinrich Pestalozzi seinen Kreditbrief zeigt, spöttelt er, die Schwester sei ihnen kostbarer als solch ein Stück Papier. Auch Anna, die er am Abend für eine Stunde sieht, vermag ihm keine bessere Hoffnung zu geben, da die Mutter unversöhnlich sei und der Vater nichts gegen sie vermöchte. So muß er andern Nachmittags doch wieder ohne Braut in das Limmatschiff steigen.

Vorher ist er noch einmal nach Höngg hinaufgegangen, wo sein Freund Wüst als Vikar das Pfarramt versieht, dessen Würden der Großvater nur noch in seiner Studierstube zu tragen vermag. Er ist mit seinen sechsundsiebzig Jahren ganz wunderlich geworden, schüttelt zu allem, was er ihm sagt, nur den leeren Kopf, als ob er genug von den Dingen der Erde gehört habe. Erst wie er Abschied nehmen will und die zittrige Geisterhand in die seine nimmt, hebt er den anderen Zeigefinger, ihn zu vermahnen, läßt aber gleich wieder ab und schüttelt von neuem den Kopf, sodaß Heinrich Pestalozzi nichts vermag, als weinend seinen Mund auf die kraftlosen Hände zu legen.

Im Juli danach ist er tot; Heinrich Pestalozzi erhält die Nachricht so spät, daß er das Leichenbegängnis nicht mehr erreicht; wie er nach der langen Postfahrt den Berg hinauf hastet, kommt ihm auf der Straße still weinend Anna Schultheß entgegen, die außer dem Willen ihrer Eltern mit auf den Kirchhof gegangen ist und nun nach Hause will. Ihr so unvermutet auf dem Berg seiner Jugend zu begegnen, das reißt ihn hin; und auch sie ist durch das Ereignis so bewegt, daß die beiden sich aller Augen zum Trotz weinend in die Arme fliegen. Nachher gehen sie Hand in Hand nach Höngg zurück, wo unter den leidtragenden Amtsgenossen des verstorbenen Dekans noch die Mutter mit dem Bärbel ist. Heinrich Pestalozzi läßt auch da die Hand der Geliebten nicht los, und sie sträubt sich nicht, sodaß sie wie zwei Kinder an den frischen Grabhügel kommen. Beide entsinnen sich da des Grabes, das ihre Freundschaft zusammen führte; aber während er sie nun losläßt und weinend niederkniet, bleibt sie aufrecht und verharrend bei ihm stehen, bis sein Blick sie wiederfindet. Dann gibt sie ihm die Hand zurück, und weil er seiner Füße nicht geachtet hat, kommt es so, daß sie zu beiden Seiten des Grabes stehen, über dem ihre Hände sich für immer geschlossen halten.

40.

Seit dieser Begegnung in Höngg müssen die Kaufmannsleute im Pflug einsehen, daß nichts mehr ihre Tochter vor dem schwarzen Pestaluz bewahren kann. Als nacheinander seine Freunde Füeßli und Lavater — der nun schon Diakonus ist — sich um die Liebenden bemühen, als der wohlhabende und angesehene Doktor Hotz von Richterswil als Freiwerber für seinen Neffen erscheint und mit dem Antistes Wirz selbst der Bürgermeister Heidegger ein Wort für die Heirat findet, schickt sich die Mutter grollend in die Gewalt und gibt die Tochter frei; jedoch nur sie selber, ohne Aussteuer, allein die Kleider, ihren Sparhafen und das Klavier darf sie mitnehmen. Heinrich Pestalozzi kommt mit einem Wagen von Brugg, sie abzuholen; er hat sich den Tag anders gedacht, als daß er sie gleich einer Verstoßenen wegführen müsse. Der Zunftpfleger ist aus dem Hause gegangen, den Auftritt nicht zu erleben; die Mutter empfängt ihn ohne Gruß wie einen Landfahrenden und gibt der Tochter den zornigen Spruch mit, daß sie bei ihm noch einmal mit Brot und Wasser zufrieden sein müsse! Aber Anna verhält sich tapfer und schön; sie fühlt nun andere Mächte über sich als die elterliche Gewalt, und obwohl sie ihr Gesicht blaß geweint hat, steht keine andere Sorge darin, als der Mutter nicht hart zu begegnen.

Es fällt ein leichter Frühregen, wie sie durch die Sihlporte hinaus auf der Straße nach Alstetten ihren Auszug beginnen; Heinrich Pestalozzi hat die Geliebte eben noch in der Wohlhabenheit ihres Hauses gesehen, die nun fröstelnd in der kühlen Nässe neben ihm auf dem ärmlichen Fuhrwerk sitzt: so überkommt ihn die Wehmut, wie traurig es für sie sein müsse, die Heimat so zu verlassen und mit ihm ins Ungewisse zu fahren. Sie aber, die alles schon durchlebt hat, was bitter daran ist, sieht nicht ein einziges Mal zurück; sie nimmt nur, als sie seine Gedanken fühlt, mit einem tapferen Lächeln seine Hand — die nun ihre Heimat sei — und in ihren Augen, die nicht dunkel und voll Unruhe wie die seinen, sondern hell und ruhig sind, steht der geklärte Entschluß aus harten Monaten, treu zu beharren bei ihrem Herzen und dem Schicksal alles zu bezahlen, was es für die späte Liebe fordert. So Hand in Hand beieinander auf ihren Siebensachen sitzend, fahren sie durch den Herbsttag hin, der schon bei Alstetten zwischen aufgeregtem Gewölk ein blaues Auge zeigt und gegen Baden die Sonne zärtlich scheinen läßt.

Bis zur Hochzeit bleibt Anna Schultheß bei dem Pfarrer Rengger in Gebistorf, der auch der Freund ihres Bruders ist; dort in der alten Dorfkirche werden sie am letzten September getraut. Nachher gehen sie miteinander nach Müligen, wo ihnen das Babeli ein einfaches Mahl bereitet hat und mit einem bäuerlichen Spruch für die junge Frau unter der bekränzten Haustür wartet. Anna dankt dem treuen alten Wesen mit einem Kuß auf die runzelige Stirn und heißt es mit in ihrer Reihe sitzen, wie sie Heinrich Pestalozzi leise sagt, als Ehrengast. Der sieht die Braut allein von ihrer Sippe in der Mitte der Seinigen, als wäre er noch immer zu Haus; aber es sind andere Räume, und unmerklich ist in seinem Leben die Anna Schultheß an die Stelle der Mutter gerückt. Sie sitzen nebeneinander, die ihn geboren hat und die ihm Kinder bringen soll; es scheint ihm, als wären sie Schwestern, so ähnlich sind sie. Das ist so stark, daß ihm die beiden auf einmal entfremdet scheinen, weil er die eine nur als Mutter gekannt hat und staunend fühlt, wie unbekannt ihm ihre Frauenwelt war; in diese Frauenwelt aber ist die andere nun durch ihn eingefordert worden. Da fühlt er tief, daß menschliches Glück nicht in der Erfüllung der eigenen Wünsche bestehen könne, weil ein Mensch mit seinen Wünschen im Gefängnis einsamer Dinge bliebe. Nur, wessen Seele in andere Seelen einginge, könne aus der Enge seines zufälligen Daseins ins Leben kommen!

41.

Als Heinrich Pestalozzi Anna Schultheß aus ihrem wohlhabenden Stadtbürgertum in seine bäuerliche Einsamkeit holt, ist sein Besitz auf neununddreißig Jucharte angewachsen, die meist im steinichten Letten am Fuß und Abgang des Kestenbergs liegen. An die geplante Gärtnerei kann er nicht denken, solange er selber noch so weit entfernt von seinen zerstreuten Ländereien in Müligen wohnt; so beginnt er auf dem Hummelacker wie auf den unteren Feldern im Letten seine Krappkultur und sät die minderen Flächen vorerst mit Esparsette an, weil er weiß, daß dieser Futterklee auch auf steinichtem Boden gerät und das Land für anderen Anbau fruchtbar macht: das eifrigste seiner Geschäfte aber ist der Plan eines eigenen Wohnhauses, das den zerstreuten Besitz erst zu einem Gut machen muß, und mancher glückliche Herbstgang mit der tapfer erkämpften Lebensgefährtin gilt der Bestimmung des Platzes, wo sie als Hausfrau seiner Besitzung walten soll.

Auch was hierbei wehmütig ihre Schritte begleitet, daß ihr das eigene Elternhaus feindlich versperrt sei, erfährt bald eine unvermutete Wendung: ihrem Vater, dem Zunftpfleger zur Saffran, ist augenscheinlich die Trennung von seiner einzigen Tochter das eigentliche Ärgernis an ihren Heiratsplänen gewesen — um so mehr, als er mit den Söhnen nicht aufs beste steht und oft Verdruß mit ihnen hat — und auch die Mutter sieht nach der Trennung ein, daß es besser sei, eine Frau Pestalozzi als gar keine Tochter mehr zu haben. Nicht länger als zwei Monate hält ihr gekränkter Bürgerstolz der Sehnsucht stand, dann kommen Briefe nach Müligen, die deutlich nach einer Aussöhnung verlangen; und eben will der Winter das einsame Paar einschneien, als eine Einladung erscheint, den vorenthaltenen elterlichen Segen zu holen, damit Weihnachten keinen Unfrieden mehr in der Familie fände. Mitte Dezember schließen sie frühmorgens in dunkler Kälte die Haustür in Müligen ab und sind abends miteinander im Pflug, wo die Rührung des Wiedersehens die verlegene Erinnerung an die lange Zwietracht im ersten Augenblick zudeckt und danach rasch ein so erträgliches Verhältnis entsteht, daß sie statt der gewollten drei Tage bis über Weihnachten bleiben. Es kommt nun doch noch zu den verwandtschaftlichen Besuchen; die Mutter Pestalozzi erscheint im Pflug, und die Zunftpflegersleute bemühen sich zum Essen ins Rote Gatter, wo die geborene Hotzin sie mit den Formen ihrer Jugend empfängt. Auch sonst gehen die jungen Leute den Fäden ihrer Freundschaften nach, und der heilige Abend kommt als der Schlußpunkt fröhlicher Festwochen. Um den Übermut zu vollenden, erscheint der Oheim Hotz von Richterswil mit aller Behaglichkeit seines Alters und nimmt sie mit auf eine Schlittenfahrt nach Hegi und Winterthur. Als sie endlich, diesmal im Schiff, aus dem winterlichen Zürich heimfahren, sind sie beschüttet von Segenswünschen und Versicherungen herzlicher Freundschaft; denn der Heinrich Pestalozzi, im Pflug als Tochtermann angenommen, steht anders vor der Welt da als der Wundarztsohn, der mit der Tochter im Unfrieden auf einem Bauernfuhrwerk davongefahren ist.

So hätten sie Anlaß, fröhlich auf dem Wasser zu sein, das von der winterlichen Mittagssonne dampft, und Anna sagt es auch, noch von dem Übermut des Abschieds voll: daß dies erst ihre rechte Hochzeitsfahrt sei. Aber ihre Fröhlichkeit schwimmt nur noch wie das Schiff auf dem dunklen Wasser; und als ihr Heinrich Pestalozzi ins Auge sieht, traurig fragend mit diesem Blick, wie sie das meine, kommt sie unvermutet ein tiefes Weinen an, das er viel eher als den Übermut versteht. Ihm ist aus dem Lärm dieses Mittags schon vorher die Wehmut aufgestiegen, daß sie auf ihrem Wagen damals, den er selber durch den regnerischen Herbsttag lenkte, einander näher gewesen seien, und mehr als dies, daß sie näher am Herzen Gottes gehangen hätten als jetzt auf dieser schaukelnden Schiffahrt, wo sich ihre Hände aus der Zerstreuung so vieler Tage nicht zu finden vermögen.

Erst als sie von Turgi noch unter der mondhellen Sternennacht den langen Weg nach Müligen wandern und kein Wort sprechen, verliert sich Klang und Schaum der überfüllten Tage bis auf den letzten erdigen Rest, der ihnen bitter schmeckt — bis sich noch vor der Haustür Hand und Mund zum innigen Gelöbnis finden.

42.

Andern Morgens im Frühdunkel verläßt Heinrich Pestalozzi das Haus, um noch einmal nach den Feldern zu sehen, darüber er am selben Vormittag in Königsfelden vor dem Landvogt den Kaufvertrag machen will. Auf dem einen steht der breite Nußbaum, unter dem er oft mit seiner jungen Frau gestanden und das zukünftige Besitztum überblickt hat; da soll dann ein schattiger Sitzplatz sein. Es ist kaum hell, als er hinkommt; um so mehr erstaunt er, als Anschläge klingen und gleich darauf ein schwerer Baum krachend niederstürzt; wie er Böses ahnend zuläuft, liegt der Nußbaum auf der Erde, und der ihn gefällt hat, ist der Mann, von dem er den steinichten Acker um dieses Nußbaums willen nicht eben billig kaufen will. Es ist, wie er weiß, ein Tanner — so nennen sie die Tagelöhner im Birrfeld — dem es mit sieben Kindern übel geht und dem er deshalb auf Zureden Märkis auch den geforderten Kaufpreis ohne Abrede zugestanden hat. Da er nur zufällig noch auf den Acker gekommen ist und ihn andernfalls gekauft und bezahlt hätte, macht ihn die Niedertracht des Mannes wütend, sodaß er schimpfend gegen ihn anläuft. Der aber ist selber so im Zorn, daß er die Axt gegen ihn hebt; und als er seinem Frevel dann mit Worten beikommen will — nun kaufe er den Acker überhaupt nicht oder nur um die Hälfte des Kaufpreises — schlägt der Mann die Axt in den Stamm, daß es zischt: das sei ihm beim Leibhaftigen gleich, und nur der Märki habe den Schaden davon! Seine Wirtsschulden würden ihm doch falsch angekreidet, und er bekäme keinen Kreuzer von dem Kaufgeld. Den Baum habe er als Knabe selber gepflanzt und er solle auch keinem andern gehören!

Heinrich Pestalozzi hat schon mehrmals solche Dinge von dem Märki vernommen, und von dem Pfarrer weiß er, daß die Leute um seiner Verbindung mit dem Metzger willen gehässig gegen ihn sind; aber daß der ihn betrügt wie hier, wo er sich den höheren Kaufpreis in seine eigene Tasche gehandelt hat, das ist ihm eine bittere Erfahrung. Er geht traurig von dem Platz fort und läßt dem Märki durch einen Boten sagen: er könne nicht mit ihm fahren, würde aber pünktlich in Königsfelden sein. Als er dann nach einer verstimmten und nicht gradlinigen Wanderung den großspurigen Mann sieht, der auch unter Menschen immer dasteht, wie wenn er gleich zu metzgen anfangen möchte, hat er nicht den Mut, ihm den Handel auf den Kopf zuzusagen, unterschreibt auch den Kaufvertrag trotz dem gefällten Nußbaum — da der Märki die Vollmacht des Tanners vorweist — und ist erschrocken über soviel Verschlagenheit. Nur auf seinen Wagen steigt er auch diesmal nicht, und erst, als der andere ihn augenscheinlich um seiner Verstimmung willen in allerlei Gesprächen aufhält, sagt er ihm sein Erlebnis aus der Morgenfrühe ins Gesicht und läßt ihn stehen. Er hört ihn noch über das Tannerpack schimpfen, als er mit langen Beinen aus seinem Bereich eilt; und kaum ist er eine Viertelstunde unterwegs, da rollt der Wagen schon hinter ihm her. Er denkt nicht anders, als daß der Metzger sein Pferd zornig an ihm vorbeipeitschen würde; aber der läßt es in Schritt fallen, immer neben ihm heran. Ob der Herr Pestalozzi dem versoffenen Lumpenkerl vielleicht auch noch glaube? Dann möge er sich jemand anders für seine Geschäfte suchen: er habe sich weder aufgedrängt noch sei er versessen darauf, für ihn mit aller Welt in Händel zu geraten!

Heinrich Pestalozzi kann nicht antworten, so widerlich ist ihm nun Art und Stimme des Mannes. Er tritt in den Graben und will ihn vorfahren lassen; der Märki aber hält sein Pferd an, wie wenn er ihn anders verstanden habe: er wolle also doch noch aufsteigen? Da merkt er, daß ihn der Metzger nicht loslassen will, und läuft querfeld über den gefrorenen Acker davon, wo ihm das Fuhrwerk nicht folgen kann. Noch von weitem hört er das höhnische Gelächter, und es hallt ihm noch in den Ohren, als er verbittert über sich und seine Händel zum Mittag durch die Haustür in Müligen eingeht. Da will es sein Unglück, daß auch Anna Ärger mit ihrer aufsässigen Magd gehabt hat, sodaß sie beide gereizt am Tisch sitzen. Er will ihr nichts sagen, aber sie fragt, bis seine kargen Antworten ihr doch den Handel verraten. Da legt sie freilich den Löffel hin: ob er den Kauf wirklich gemacht habe? Und als er, nun schon trotzig, ja sagt, entfährt ihr ein hartes Wort. Sofort flammt auch sein Jähzorn auf, und obwohl er innerlich verzweifelt vor ihr kniet, daß sie ihm die Sätze nicht nachtragen möge, bleibt sein hitziges Blut im bösen Streit mit ihr, bis er vom Tisch aufspringt und gegen die Reuß hinunterläuft.

Vor dem emsigen Zorn der Wellen findet er sich wieder, und schon zur Vesper sind sie nach bitteren Tränen der Reue wieder ausgesöhnt: doch bleibt das Weh seiner Scham, daß er sterben möchte und sich danach auch wirklich bis zur Krankheit in die Selbstanklagen vergrübelt. Sylvester feiern sie noch miteinander auf die vorbedachte Art, indem sie an die Armen von Müligen einen Korb Brot verteilen — was als ein Anfang seiner Wohltätigkeit gedacht war, scheint ihm nun ein kläglicher Rest seiner Beglückungspläne — dann legt er sich hin und bleibt fast eine Woche lang im Bett, unfähig vor Fieber und Mutlosigkeit. Es ist längst nicht mehr der böse Tag allein, was ihn quält; es ist die erste Abrechnung mit seinen Plänen und mit sich selber, dem hochmütigen Plänemacher. Die Sehnsucht seiner Jugend hebt sich auf und steht ratlos vor dem Schwall seiner Handlungen in diesem letzten Jahr. Er weiß nicht, wo seine Füße anders hätten gehen sollen; nur daß sie falsch gehen, das fühlt er genau. Gleich Trompeten schreit eine Stimme in ihm, daß er die Forderungen seiner Natur betäubt habe: Was bin ich, und was wird aus mir werden? schreibt er ins Tagebuch seiner Frau, das immer offen vor dem Bett liegt, obwohl sie sich selber darin nicht schont. Und alles, was er als Antwort findet, ist die Verzweiflung, in Irrtum und Unrecht unwichtiger und falscher Dinge verstrickt zu sein; nicht anders, als ob er selber mit der Peitsche im Metzgerwagen des Märki säße und seine Seele über die hartgefrorenen Felder angstvoll davonliefe.

43.

Als Heinrich Pestalozzi wieder aufsteht von seiner Krankheit, ist kein Entschluß aus seinen bitteren Gedanken gekommen; sie sind vergangen, wie nach Unwetter tagelang die Wolken auf den Bergen lasten, als ob sie sich nie wieder heben wollten, und eines Morgens scheint doch die Sonne in eine blanke Welt. Er kann wieder mit Freude an seine Unternehmungen denken, und alle verzweifelten Gedanken daran kommen ihm als bequeme Mutlosigkeiten und als Rückfälle in die unstete Natur seiner Knabenjahre vor; er weiß, daß er in diesem Jahr Vater werden soll, und schämt sich der Unmännlichkeit, die nicht für das Kind und seine Mutter die selbstgewählte Pflicht erfüllt.

Der erste, an dem er sich erprobt, ist Märki; der kommt, das vorgelegte Kaufgeld einzufordern, und ist wieder der schlau beherrschte Mann, der Nachsicht mit den Launen seines Schützlings hat und ihn, wo er sich auflehnen will, die Überlegenheit an Alter und Erfahrung fühlen läßt. Heinrich Pestalozzi begreift sich selber nicht mehr, wie er ihm damals ausweichen konnte: er sagt ihm unverhohlen und ohne Zorn, daß er das andere anweisen, jedoch die Kaufsumme für den Acker um den geschlagenen Nußbaum kürzen müsse, da er ihn hierbei in einer Täuschung gehalten habe. Der Märki will aufbrausen, aber er verweist ihm das gleich so bestimmt, daß der den andern Wind merkt und sich nach mehreren Seitensprüngen um der Freundschaft willen, wie er sagt, zu der Sache bequemt.

Nach einigen Tagen bringt der Baumeister den Plan des Wohnhauses, wie es nach seinen eigenen Angaben sein soll: etwa dreißig Schritt im Geviert mit einem Zeltdach und ganz aus Steinen gebaut; es soll unten am Letten stehen, wo der angeschwemmte Boden als Gartenland geeignet ist, und Neuhof heißen. Der Baumeister hat neben den Aufrissen auch eine Ansicht des Hauses in Farben gemacht; es sieht mehr einer italienischen Villa gleich als einem schweizerischen Bauernhaus, aber gerade das gefällt ihm. Er scherzt, daß er selber ein Italiener wäre, und so oft er das hübsche Bild ansieht, wird der Traum seiner landwirtschaftlichen Existenz daran lebendig: wie er mit seiner Stauffacherin da aus und ein gehen wird, wie unter den Bäumen — die bis jetzt nur auf dem Papier grün sind — Kinder spielen und auf den Feldern rundum fleißige Tanner lohnende Arbeit finden, wie die breit gewölbten Keller sich mit Feldfrüchten füllen, und wie er als ein neuer Tschiffeli der Mißwirtschaft des Birrfeldes aufhielt durch sein Beispiel planvoller Arbeit!

Auch der Baumeister Daniel Vogel, den er sich als fachmännischen Berater aus Zürich holt, billigt den Plan; der setzt im freundschaftlichen Vertrauen die Berechnungen fest und macht die Akkorde mit den Handwerkern unter genauen Abmachungen über das Material und die Ausführung. Es ist ein sicherer Gang der Ordnung, wie ihn Heinrich Pestalozzi bisher noch nicht in seinen Dingen gespürt hat; als ob ihm neue Hände gewachsen wären, seitdem in den abwartenden Verdruß des Winters ein wirkliches Geschäft gekommen ist, so gibt sich eins ins andere und bringt die Fröhlichkeit zweckbewußter Arbeit mit. Als erst der Boden ausgehoben, Steine gebrochen und die Fundamente gelegt werden, ist er von früh bis spät dabei und scheut das nasse Schneewasser nicht, selber jede Art von Arbeit mitzutun. Daß morgens die Leute kommen, Tag für Tag, zum Teil stundenweit und sichtlich froh, gute Beschäftigung zu haben, gibt ihm ein Vorbild, wie es einmal auf Neuhof sein soll; und wenn er sie Sonntags entlöhnt, ist sein Traum schon Wirklichkeit: daß er als der Mittelpunkt einer Unternehmung dasteht, daraus die ersten Quellen aller Wohlhabenheit, der sichere Verdienst einer regelmäßigen Arbeit, ins magere Birrfeld fließen.

Nachdem Ende Januar unerwartet ein Wechsel aus dem Pflug nach Müligen geflattert ist für das Laufende, kommen nacheinander die Brüder, am längsten der Doktor Salomon, der die warmen Frühlingstage schon zum Angeln — seiner Lieblingsbeschäftigung — geeignet glaubt. Sie mögen Bericht nach Zürich gegeben haben; denn an dem Mittag, da sie abreisen wollen, steht unvermutet die alte Schultheßin mit dem jüngsten Bruder gerade vor der Haustür, als sie hinaustreten. Nun bleiben alle bis zum andern Tag, und weil die Aprilsonne scheint, wird noch am Nachmittag ein fröhlicher Spaziergang durch die Felder und auf den Bauplatz gemacht, wo die Fundamente schon kniehoch aus der Erde sind und eingewölbt werden sollen. Auch auf den Hang kommen sie, wo der Nußbaum niedergebrochen ist; sein Stamm reicht allen zum Sitz, sodaß einer den Scherz macht, sie weiheten die Bank ein, bevor das Holz dazu geschnitten wäre. Von unten klappert das Gewerk der Maurer, und einer, der den Mörtel in der großen Pfanne rührt, singt das alte Grenchenlied mit dem spöttischen Hohoho als Schlußreim, in den die andern einfallen. Auch die Schultheßin, die mit unverhohlenem Mißtrauen den ausgespreiteten Mergel auf den Kleefeldern für weißen Schutt gehalten hat, vermag die fröhliche Luft nicht einzuatmen, ohne daß auch ihr etwas davon ins gallige Blut geht. Die Scherze der Brüder sorgen dafür, daß die Ausgelassenheit auch den Rückweg im sinkenden Nachmittag besteht, durch den sie, nun selber das Grenchenlied singend, über die Kante des Birrfeldes nach Müligen hinunter kommen.

Andern Morgens nehmen sie Anna für ein paar Tage mit nach Zürich, wo sie das Rote Gatter ebenso überraschen will, wie sie selber überrascht worden sei. Heinrich Pestalozzi gibt ihnen das Geleit bis Baden; der laute Abschied erinnert ihn an die wehmütige Winterschiffahrt, und daß ihm die Brüder mit ihrer Ausgelassenheit die Geliebte für ein paar Tage entführen, ist ihm auch nicht recht; doch läßt sie ihm ein inniges Wort zurück, das er feierlich durch den Morgen nach Hause trägt: Ich will deiner Mutter meine Hoffnung sagen!

Er ist noch keine Viertelstunde unterwegs, als er den übrigen Schwall schon vergessen hat und nur noch an das Glück denkt, das sie bei der Mutter mit ihrem Geständnis einbringen wird. Dabei lallt er die sieben Worte immerzu; sie bilden eine Perlschnur, an der die beiden Frauen als die letzten angereiht sind — bald werden sie eins weiter gerückt und in die Kette eingereiht sein — ihm aber ist sie mit der Sorge in die Hand gelegt, daß die Perlen bei dem Wechsel der Vergangenheit in die Zukunft keinen Schaden nähmen. Was bin ich, und was wird aus mir werden? hat er ins Tagebuch seiner Frau eingeschrieben; aber auf die Anklage seines Leichtsinns hat das Gefühl der Vorsehung einen Segen gelegt, den er glücklich in den Lerchenmorgen hinein trägt: Was er ist, darauf haben die beiden Frauen in unübersehbaren Stunden Schätze der Liebe gehäuft. Und wenn er ein sinnloser Verschwender damit würde, es kann ihm nicht gelingen bis in den Tod, sie auszugeben! Als ihn kurz vor Brugg ein Bettler um Geld anspricht, bietet er ihm alles, was er in seiner Tasche findet, und geht glücklich weiter, ihm für eine Stunde um keinen Kreuzer voraus zu sein.

44.

Es ist auf lange Zeit der letzte reine Morgen für Heinrich Pestalozzi; denn noch am Nachmittag erfährt er, daß über seine Unternehmung die absprechendsten Gerüchte in Umlauf sind, sodaß der unvermutete Besuch der Schwiegermutter nachträglich eine unfreundliche Bedeutung erhält. Nicht lange danach, daß Anna wieder von Zürich zurück ist, erscheint auch der Bankier Schultheß im eigenen Reisewagen mit zwei Söhnen und einem Bedienten, die Grundlage seines Darlehens zu prüfen. Er will jedes Feld und die Art der Besserung sehen, das Haus mißt er selber mit dem Maßstab in den Fundamenten aus: er hat dabei eine Art, zornig den Kopf zu schütteln, aber das ist nur eine Angewohnheit des alten Herrn, und am Ende geht es wie mit der Schultheßin: die Stimmung bessert sich, und wie damals Anna fährt nun Heinrich Pestalozzi mit dem Besuch nach Zürich zurück.

Sie sind kaum fort, als Anna hört, daß der Bediente unterdessen seine eigenen Wege im Birrfeld gegangen ist, überall die Meinung aushorchend; auch bei dem Märki ist er gewesen: nach seinen boshaften Bemerkungen mit dem kläglichsten Ergebnis. Sie nimmt sich vor, es zu verschweigen, aber als Heinrich Pestalozzi nach einigen Tagen von Zürich zurückkommt, weiß er schon alles und wie das Urteil dieses Bedienten die Stimmung im Gewundenen Schwert macht. Noch am gleichen Tage gehen sie miteinander in den Letten hinauf, sich selber zu vergewissern, ob der tüchtige Stand der Felder doch nur eine Selbsttäuschung wäre. Sie finden die Esparsette auf den steinichten Ackern gut angesetzt, und auch die Krappflanzen lassen sich nicht übel an; aber die boshaften Worte des Bedienten werden damit nicht ausgewischt, und als Heinrich Pestalozzi gegen die Baustelle seines stolzen Hauses kommt, faßt ihn der Unwille so, daß er sich abwendet; gerade das ist von dem Bankherrn zu kostspielig gefunden worden. Schlimmer aber als alles ist ihm das Unkraut der Feindschaft, das der Bediente aus den Dörfern ans Licht getragen hat. Er schreibt zwar noch eine lange Darlegung an den Geldgeber, aber als Antwort kommt nach drei Tagen die unumwundene Mitteilung, daß er die Unternehmung als ruiniert ansehe.

Es ist Anfang Mai, als das geschieht, und für den Sommer trägt Anna ein Kind unter dem Herzen; die frohe Hoffnung seiner Geburt vermehrt nun die Sorgen dieser Tage. Es kommen zwar noch der Junker Meis und der Pfarrer Schinz als Sachverständige zur Prüfung; sie finden, daß mehr als eigentliches Mißgeschick die allgemeine Unkenntnis der bei Tschiffeli erlernten Neuerungen den vorwitzigen Herrenbauer bei den Leuten ins Gespött gebracht hat, und daß der Haß sich eher gegen s einen Ratgeber Märki als ihn selber richtet. Auch treten sie ihm mit Wärme bei in ihrem Gutachten; aber der Bankherr will wie alle Geldgeber das Gold wachsen sehen, Mitte Mai kündigt er die Gemeinschaft, und bevor Heinrich Pestalozzi seine Dinge ins Gehen bringen kann, sind ihnen die Beine schon abgeschnitten.

45.

Das Kind wird im August geboren; es ist ein Knabe, den sie Hans Jakob nennen. Obwohl der Bankherr noch einmal begütigt worden ist, weiß Heinrich Pestalozzi, daß sein Mißtrauen nur auf den günstigen Augenblick wartet, sich ganz zurückzuziehen. Die Sorgen und Kämpfe um die Rettung seiner Existenz haben ihn so täglich beansprucht, daß er mit Scham und Schrecken vor den Richterstuhl des Ereignisses kommt. Seine Mutter ist zur Pflege da; sie legt ihm das kleine Wesen, das aus dem Schoß der Geliebten ans Licht gebracht worden ist und erschrocken von dieser Reise mit seinem dünnen Stimmchen schreit, mit einem wissenden Lächeln in die Hände. Er vermag der Erschütterung nicht standzuhalten, gibt ihr in einer abergläubischen Furcht das Kissenbündel zurück und läuft in den sinkenden Sommertag hinaus. Seit seinem Unglück mit dem Bankherrn ist ihm zumute, als ob alles mißraten müsse, was seine Hände anfassen, und dies ist eine lebendige Seele.

Doch irrt er noch im Schatten seiner Bäume, als ihm eine Stimme aus dem Ungewissen Halt ruft: Ob er das Kind in seine Hände nimmt oder nicht, es bleibt sein Sohn, mit dem er gegen Gott und die Welt in eine neue Verantwortung getreten ist. Da gilt es andere Eigenschaften, als in feigem Aberglauben davon zu laufen. Indem er sich beschämt nach dem Haus zurück wendet, darin er sein Kind, seine Frau und seine Mutter in der Heiligkeit einer Menschengeburt verlassen hat, und in einem einzigen Aufblick die ewige Verantwortung seiner Vaterschaft fühlt, erkennt er auch, wie kläglich seine Sorgen und Kämpfe in den Monaten zuvor am Vergänglichen gehangen haben: Ein stolz gebautes Wohnhaus und blühende Kleefelder, Darlehen und Kaufbriefe sind keine Dinge, die vor Gott wichtig stehen; er ist ein Narr der Täglichkeiten geworden wie tausend andere und hat keine Zeit mehr für seine Seele gehabt, die sich darum furchtsam verkriechen wollte, wo etwas anderes als Geschäfte an sie kam.

Die Frauen fürchten sich fast, als er wieder zu ihnen in die Kammer tritt, so sehr ist sein Gesicht von Tränen überströmt; auch verstehen sie seine Gebärde nicht, wie er das Kind aus der Wiege nimmt. Er macht es nicht recht, und seine Mutter springt ihm bei, daß er kein Unheil anrichte mit den kleinen Gliedern; dann aber muß sie lächeln, wie er in seiner Ungeschicklichkeit dasteht, die beiden Arme vorgestreckt, das Kissen zu halten, darauf das Neugeborene mit seinem struppigen Kopf liegt. Er läßt sich ehrfürchtig nieder mit einem Knie, wie wenn er es darbringen wollte, steht auch nicht auf, als ihm die Mutter das Bündel vorsichtig wieder abnimmt und in die Wiege legt. Darin hast du auch gelegen, sagt sie scherzend, um ihn nicht zu erzürnen, und bringt die Wiege leise tuschelnd in Gang, weil das Knäbchen schon wieder weinen will. Heinrich Pestalozzi, den die Scham fast tötet, als Kind, Mann und Vater im Geheimnis der Zeugung entblößt zwischen den Frauen dazustehen, hört es nicht; erst als Anna ihn ängstlich bei Namen ruft, hebt er die Augen wieder in die Welt und sinkt weinend zu ihr hin, wie wenn er ihr ein Unrecht angetan hätte, daß er sie aus ihrer einsamen Jungfrauenschaft zu einer Mannesfrau und Mutter machte. Sie aber, die nur das Glück der Erlösung darin empfindet, streichelt ihm vielmals die schwarzen Haare, als ob er ihr Neugeborener wäre: Heiri, sagt sie, und ihre Stimme geht auf dem süßesten Grat der Liebe, nun muß unser Haus bald fertig sein!

46.

Die Größe und Kostspieligkeit des Wohnhauses ist von den Ratgebern des Bankherrn am meisten getadelt worden; aber Heinrich Pestalozzi hat nicht an ein notdürftiges Dasein gedacht, als er mit seinen landwirtschaftlichen Zukunftsplänen aufs Birrfeld kam. Nun er auf weitere Gelder nicht mehr rechnen kann, nimmt er dem Haus das obere Stockwerk fort und läßt das flache Zeltdach gleich auf die Steinmauern des Erdgeschosses stellen; es wird zwar etwas anderes als eine italienische Villa daraus, aber es kann noch vor dem Winter gedeckt Und zum Frühjahr eingerichtet werden.

Das unsichere Verhältnis mit dem Gewundenen Schwert schleppt sich indessen unter Mißtrauen und Vertröstungen über den Herbst hin, bis seine Freunde in Zürich ein Abkommen zustande bringen, wobei der Bankherr ein Ende mit Verlust dem Verlust ohne Ende vorzieht und angesichts der Schädigung, die sein Teilhaber durch diesen Rücktritt erleidet, unter Zurücklassung von fünftausend Gulden auf das Geschäft verzichtet. Das ist für Heinrich Pestalozzi, der seinen Dingen noch immer ihren Wert beimißt, zunächst kein übler Schluß der mißlichen Angelegenheit; aber aus den berittenen Plänen seiner Musterwirtschaft werden simple Fußgänger, er kann nicht mehr über Jahre zielen und muß aus der Hand in den Mund leben wie die andern auch. Für die Krappzucht hat sich der Boden als zu rauh gezeigt, dagegen steht die Esparsette ausnehmend gut und könnte Futter für manches Stück Vieh liefern; seine Freunde raten zur Sennerei, und er müßte weniger Federkraft haben, um nicht gleich mit beiden Füßen in das neue Arbeitsfeld hineinzuspringen. Noch über den Winter werden neben der Scheune die Stallungen angebaut, und als er zum Frühjahr auf Neuhof einzieht, brüllen schon die ersten Kühe darin.

Es ist ein verdrießliches Regenwetter, als sie den Umzug machen, und einmal bleibt der Wagen mit dem Hausrat so in dem aufgeweichten Landwege stecken, daß sie ihn mitten im Birrfeld bei schneeigem Schlagregen abladen müssen, wobei ein jedes Stück seine Himmelswäsche mitbekommt. Dafür ist es auch zum letztenmal, daß wir umziehen, sagt er zu Anna, die unterdessen mit dem Kind im Pfarrhaus Obdach gehabt hat, als er sie nachher abholt und ihr das Mißgeschick schildert. Sie lächelt wehmütig dazu, als ob sie dieser Sicherheit nicht traue. Doch geht sie tapfer mit, das Kind in Tüchern eingewickelt auf dem Arm, den Einzug auf Neuhof zu halten. Er schreitet sorglich nebenher und hält ihren Regenschirm, den sie in den Mädchentagen von einer Reise mitgebracht hat, über sie und das Kind. Er ist für die Bauern in Birr, die nur ihre Regentücher kennen, ein so absonderliches Gerät wie die ganze Landwirtschaft dieses Züricher Stadtherrn: so stehen sie in den Türen, wie die drei daherkommen; einige Buben laufen ihnen durch die Nässe nach, und weil ein Witzbold unter den Alten das Wort aufgebracht haben mag, rufen sie es zum Schimpf hinter ihm her. Heinrich Pestalozzi hört nicht darauf, weil ihn der Gang sehr bewegt; doch als sie schon das Dach vom Neuhof im Regen glänzen sehen, hält ihn Anna am Arm zurück und hat ein seliges Lächeln in den Augen: Achtest du denn gar nicht, was sie sagen? Sie rufen: die heilige Familie mit dem Regenschirm!

Er versteht ihre lächelnden Augen lange nicht und erschrickt, als er den Sinn erkennt, wie über eine Lästerung, sodaß auch ihr das Lächeln in den Augen untersinkt. Als sie das letzte Stück dann schweigend gegangen sind und vor das Haus treten, das er für sie und sich, auch für den Knaben auf ihrem Arm aus kühnen Hoffnungen in Sorgen hineingebaut hat, vermag sie nicht freudig über die Schwelle hineinzugehen und beugt sich mit dem Kind weinend an seine Brust, als ob dort eine bessere Heimat sei als in der Ungewißheit dieser Steine. Nun aber hat sich ihr Lächeln in ihm zur Glut entzündet; gleich einem Wanderstab hält er den zusammengeklappten Regenschirm in der Hand und ist noch einmal Jüngling seiner rauschhaften Stunden: Die Knaben haben recht; es mag wohl sein, daß wir dies bald verlassen müssen wie Joseph und Maria auf der Flucht. Drum laß uns, Liebe, nur zur Rast eintreten, weil es doch regnet. Vielleicht, daß morgen schon wieder die Sonne auf unsere Wanderung scheint!

47.

Heinrich Pestalozzi beginnt seine eigene Wirtschaft auf dem Neuhof mit ungefähr hundert Jucharten; doch liegen die einzeln gekauften Acker nicht beieinander; er muß vielfach über fremde Felder fahren, wenn er zu den eigenen will, und wiederum andere Bauern fahren ihm über die seinen. Das macht Verdrießlichkeiten, weil er sich nicht an ihre Dreifelderwirtschaft binden und die vorgeschriebenen Zeiten der Zelgenwege einhalten kann. So muß er darauf sehen, sein zerstreutes Gut durch Tausch und Kauf einheitlich abzurunden, Und ist bald in hundert Händeln. Der Metzger Märki spielt darin immer noch die Hauptfigur, er hat die nötigsten Stücke an sich gebracht, wie er sagt, um der Preistreiberei der Bauern zuvorzukommen; aber darum sind seine Forderungen nicht weniger gesalzen, und als es ihm gelingt, das gute Land in den Hummeläckern gegen ein steinichtes Feld in den Letten zu tauschen, das Heinrich Pestalozzi für sein Wegrecht nötig braucht, ohne Nachzahlung, obwohl es nur halb so groß ist: wird dieser Handel zum Wirtshausgespött im ganzen Birrfeld, um so mehr, als der Märki selber mit dem Gelächter hausieren geht.

Nachher wird dem schlauen Händler freilich die Haustür im Neuhof zugemacht; aber weil er wirtet und das halbe Dorf in der Fron hält mit Trinkschulden — wie den Tanner, der den Nußbaum fällte — hat Heinrich Pestalozzi einen gefährlichen Feind an ihm. Gleich nach seinem Einzug auf Neuhof ist er schon mit der Dorfgemeinde Birr in Streit gekommen um einen Pfad nach Brunegg, den sie ihm mitten über seine Äcker laufen. Es führt zwar auch ein Fahrweg gegen den Wald hinauf, aber in den Zeiten, da die Felder meist unbebaut gelegen haben, ist der schnurgerade Pfad eine Gewohnheit geworden, deren Beseitigung sie dem Herrenbauer verübeln. Er versucht es mit Dornruten und Verhauen: aber was für Hindernisse er auch am Tag baut, in dunkler Nacht werden sie hartnäckig wieder zerstört, bis er den Weg durch den Pfarrer ins Verbot legen läßt. Damit bringt er endlich sein Recht zur Geltung, aber die Gemeinde ist ihm seitdem übel gesinnt, und als er auch den Weidegang auf seinen Feldern öffentlich und rechtlich untersagen läßt, beruft sich die Bauernsame von Birr auf ihr besonderes Weidrecht und fordert auch die von Lupfig auf, dem neumodischen Herrenbauer auf Neuhof den Prozeß anzusagen. Obwohl die Lupfiger sich dessen weigern, gibt es einen langen Rechtshandel, der ihn die bäuerliche Verbissenheit in täglichen Molesten spüren läßt.

Endlich wird zwar durch obrigkeitliche Entscheidung das Weidgangsrecht auf seinen Feldern gegen einen jährlichen Bodenzins von einem Neutaler aufgehoben: aber gerade das setzt in den Köpfen der armen Tanner, die keine eigenen Matten haben und auf den Weidgang angewiesen sind, das Gefühl eines Unrechts fest, das ihnen von dem neuerungssüchtigen Herrenbauer angetan wird. Was durch seine anfängliche Handelsgemeinschaft mit dem Märki begonnen wurde, das wird nun durch dessen hinterhältige Feindschaft vollendet: die Armen, denen zu helfen die heimliche Hoffnung seiner Bauernschaft gewesen ist, hassen ihn als einen neuen Ausbeuter ihrer Not. Und da der Neuhof kein einsames Bauernhaus ist, sondern oft städtischen Besuch erhält, da namentlich Anna einen freundschaftlichen Verkehr mit den Frauen der umwohnenden Herrenleute unterhält, ist Heinrich Pestalozzi selber in die Rolle eines der Stadtherren gekommen, wie er sie in seiner hitzigen Jugend zu Höngg verabscheute; denn was für Sorgen und Nöte er unterdessen mit seiner Besitzung hat, das sehen die Armen bei ihm so wenig, wie er es damals sah.

Eines Nachmittags muß er eine Bekannte seiner Frau zum Pfarrer nach Birr zurück begleiten, wo sie auf Besuch ist. Sie kommt aus Zürich und ist mit dem Aufwand der städtischen Mode derart geputzt, daß die Kinder aus den Häusern kommen und einige ihr nachlaufen. Gleich hat sie einige Batzen zur Hand, die sie zum Spaß hinwirft: nicht anders, als ob Hühner nach hingestreutem Futter sprängen, sind sie augenblicklich in einer Balgerei, die gleich einem Ball von Staub und Geschrei über den Weg rollt. Andere laufen neugierig herzu, und da die Zürcherin sich den Spaß noch ein paar Batzen kosten läßt, vergrößert sich der balgende Knäuel, indessen die herzlose Person vor Lachen wie toll auf ihren zierlichen Stiefelchen herum springt. Bisher hat Heinrich Pestalozzi alles für unbedachten Übermut gehalten, aber als sie ihm mit schadenfrohen Augen entgegen tritt — da haben Sie Ihr Volk, Herr Pestalozzi — und lachend gegen das Pfarrhaus davonläuft, erkennt er, daß der unwürdige Auftritt sein Gespräch mit ihr beantworten und verhöhnen soll.

Der Zorn über ihre Herzlosigkeit macht ihn wild: Dann gehöre ich auch dazu! schreit er ihr nach und fährt mitten in die Balgerei. Das erste, was er ergreift, ist der Schopf eines stakigen Mädchens, das gerade über einen Vierjährigen herfällt, ihm seinen Batzen aus der Hand zu reißen. Ehe er noch selber weiß warum, hat er sie und ein halbes Dutzend der andren verwalkt und ihnen, soviel sie kratzen und beißen, die Batzen abgenommen. Einigen gelingt es, mit ihrer Beute davon zu laufen; die nichts haben, bleiben stehen, und als er das eroberte Geld überzählt, braucht er nur drei Batzen aus seiner Tasche hinzu zu legen und er hat für jeden einen: Hier ging Gewalt vor Recht, sagte er, nun aber steht Recht vor Gewalt! zählt jedem seinen Batzen aus, vom Kleinsten angefangen, und heißt sie heimlaufen. Die nichts gerafft hatten, denen ist es recht, die andern aber — die ihr erobertes Eigentum aus seinen Händen verteilt sehen — rufen mit mörderlichem Geschrei die Ihrigen zur Hilfe, sodaß Heinrich Pestalozzi froh ist, als er den letzten Batzen verteilt hat und sich heim wenden kann. Doch hängt sich das schreiende Gefolge an ihn, und einige Mütter, von ihren Kindern aufgeklärt, fordern drohend den Raub zurück. Unter Schimpfreden und Steinwürfen kommt er gegen den Neuhof, wo ihn Anna mit dem Knaben an der Hand erschrocken empfängt; denn nun erst nimmt er wahr, daß er im Gesicht und an den Händen von Kratzwunden blutet und mit seinen Kleidern durch den Staub gewälzt ist. In der folgenden Nacht geschieht es zum ersten Mal, daß ihm einige von seinen blitzblanken Fensterscheiben eingeworfen werden.

48.

Das Ergebnis dieser mißglückten Ausgleichung erschüttert Heinrich Pestalozzi ebenso tief wie der höhnische Anlaß, und tagelang vermag er nicht mehr an seine Dinge zu gehen, so mutlos wird er. Es ist nun schon das sechste Jahr, daß er sich müht mit der Landwirtschaft, und es ist nichts dabei heraus gekommen, als daß er sich und andere in Sorgen und Verluste gebracht hat; er sieht kein Ende, danach es anders werden könnte. Indessen gibt es solche Stadtfräuleins und solche Bettelbuben, als ob sie in der Welt sein müßten wie alles Gute auch, und aus allen seinen Plänen geschieht nichts, was etwas daran ändern könnte; denn selbst, wenn er zum Wohlstand seiner Träume käme: die Unfeinheit der einen und die häßliche Habgier der andern wäre damit doch nicht geändert. Wieder einmal erkennt er die Quellen allen Übels in der Natur des Einzelnen; und furchtsam sieht er auf seinen Knaben, der nun ins vierte Jahr geht und die ersten Anzeichen seiner Persönlichkeit nicht mehr verbirgt. Es ist sein Sohn, und schon meint er die eigenen Fehler an ihm zu sehen, seine Zerstreutheit, Unordnung und den unsteten Eigensinn. Namentlich die listigen Versuche des kindlichen Eigensinns besorgen ihn; es ist nicht anders, als ob der kleine Geist unausgesetzt eine Machtprobe gegen die Erwachsenen mache.

Unvermutet kommt Heinrich Pestalozzi in Eifer, an seinem Jaköbli den Schlichen und Trotzproben dieser kindlichen Willenskraft mit Experimenten nachzugehen, immer bemüht, die störenden Blätter beiseite zu biegen, damit der Kern aus sich selber wachsen könne. Er sieht erstaunt und betroffen zugleich, wieviel Schleichwege der kindliche Geist schon kennt, der Erziehung auszuweichen, und wievieler Strenge es bedarf, ihn dieser Schleichwege zu entwöhnen. Die Erinnerung an die eigene Jugendzeit macht seine Besorgnisse nicht geringer; denn nun meint er zu sehen, warum er selber solch ein im Wind der Gefühle schwankendes und von dem Rankenwerk wirrer Einfälle behangenes Gewächs geworden ist. Anna versucht ihm zu wehren, wo er dem Kleinen zu arg zusetzt; aber als der Winter gekommen ist, scheint es seinem entzündeten Eifer schon, als gäbe es nichts Dringlicheres für ihn und andere in der Welt, als diese Dinge in unausgesetzten Versuchen klar zu stellen; denn alles, was mit einem Menschen später auch geschähe: seine Kindheit bliebe die Wurzel seines Schicksals; wie die ins Erdreich finde, so wüchse es.

Als das Schwierigste erkennt er bald, die Wartung der kleinen Seele so zu halten, daß sie den Mut und die Freude nicht verliert; und es ist sein Knecht, der ihn auf diese Weisheit bringt. Denn als der das Jaköbli einmal in seiner Gegenwart einige Weisheiten sagen läßt, die er draußen am Bach mit ihm gelernt hat, und mit Vaterstolz fragt: ob der Knabe nicht ein gutes Gedächtnis habe? schüttelt der Knecht, der mit der kindlichen Munterkeit auf einem andern Fuß steht, traurig den Kopf: Das wohl, jedoch Ihr übertreibt es mit ihm! Und als er ihm betroffen sagt, das könne nicht wohl sein, weil das Jaköbli sonst sicher die Freude verlöre und furchtsam würde; dann hieße es natürlich, vorsichtig seinem Geist nachzugehen — da richtet sich der Klaus von seinem Holzscheit auf, daraus er einen Schwengel schnitzen will, und die Freude steigt ihm ins ehrliche Gesicht: Ihr achtet also des Mutes und der Freude! Eben das hatte ich gefürchtet, daß Ihrs vergessen würdet!

O, Klaus, sagt Heinrich Pestalozzi da zu seinem Knecht, und der Schrecken mischt sich mit dem Glück über das Wort: alles Lernen wäre nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gingen!

49.

Es ist zum erstenmal, daß Heinrich Pestalozzi sich selber als Entdecker fühlt; was er bis dahin auch getrieben hat, von seiner Jünglingsschriftstellerei bis zur Landwirtschaft, immer hat ein anderer das Tor aufgeschlossen: hier aber hält er den Schlüssel selbst in der Hand, und so scheint ihm auch die nebensächlichste Erfahrung seiner Erziehungsversuche wichtig genug, sie in einem besonderen Tagebuch wortwörtlich aufzuzeichnen.

Mit diesen Aufzeichnungen tritt er aber auch den Gedanken seiner Jugend wieder näher, und als im Frühjahr die Helvetische Gesellschaft ihre vierzehnte Tagung in Schinznach abhält, pilgert er hinüber, zum erstenmal im Kreis dieser Männer zu sein, die aus dem herrschsüchtigen Kantonsgeist wieder einer Eidgenossenschaft im Sinn der Väter zustreben. Da sieht er den greisen Ratschreiber Iselin aus Basel, dessen Gestalt als ein neuer Stauffacher in der jungen Schweiz ein sagenhaftes Vorbild ist, und all die andern Träger würdiger Namen. Er meint fast, noch einmal in der Gerwe zu sein, so werden die spartanischen Vorbilder seiner Jünglingszeit in einem Vortrag wach, den der Landvogt Tscharner von Wildenstein hält; aber während der Mann die Abhärtung des Körpers und der Seele als Losung gegen den weichlichen Luxus der Zeit ausgibt, fängt es in ihm selber anders an zu brennen: er denkt an die Scharen der Bettelkinder, und daß keinem Tanner auf dem Birrfeld mit einer solchen Losung gedient sei, die für die Herrenkinder und Stadtbürgersöhne allein gedacht ist. Er sieht die gepflegten Gesichter der Zuhörer, die aus der Sicherheit ihres Standes tapfer und begeistert sind, gegen den Luxus zu kämpfen, und kommt sich plötzlich als ein Fremdling der Armut unter ihnen vor: Es ist eine ältere Generation! will er sich trösten; aber als er am andern Nachmittag allein auf der Höhe bei Brunegg steht, wo der Blick zurück auf das saubere Bad Schinznach trifft, aber vor ihm in die armselige Breite des Birrfeldes geht, fühlt er die Scheidung der Menschlichkeit in arm und reich wie zwei feindliche Heerlager, dazwischen er selber als heimatloser Überläufer im Zwiespalt geblieben ist. Sein Jaköbli bekommt zwar danach manches von den spartanischen Vorschlägen des Landvogts zu spüren, aber ihn selber treibt sein Gefühl in andere Notwendigkeiten.

Unterdessen machen ein böses Frühjahr und ein trockener Sommer auch die Hoffnungen seiner Sennerei zunichte. Die ersten Viehkäufe hat ihm der Märki noch besorgt, und es sind nicht einmal die schlechtesten gewesen; als er sich selber in die Untiefen der Märkte wagt, stellt er oft genug den Dummen dar, den die Händler suchen. Auch hat die kostspielige Einrichtung Schulden auf ihn gelegt, deren Zins ihn schon in guten Zeiten drückte; nun selbst die Bauern mit fetteren Ländereien in Futternot geraten, sitzt er auf seinem steinichten Neuhof bald in der Dürre da. Ein Stück Vieh nach dem andern geht ihm fort, bis der Rest den Aufwand seiner Sennerei nicht mehr ertragen kann. Da er mit den Zinsen in Rückstand bleibt, werden die Gläubiger besorgt; als erst einer sein Kapital gekündigt hat, folgen die andern dem Beispiel, und so steht eines Tages Heinrich Pestalozzi zum zweitenmal vor der Not, daß ihm seine Besitzung versteigert wird.

Es liegen fünfzehntausend Gulden Schulden darauf, und diesmal ist kein Bankherr als Teilhaber da, der sich mit einem Verlust herauszieht. So bitter und demütigend es für Heinrich Pestalozzi ist, nun können nur noch die Erbhoffnungen seiner Frau den Neuhof retten. Sie einigt sich mit ihren Brüdern — und hat nicht einmal Tränen gegen ihren Spott — daß sie die dringendsten Schulden für einen entsprechenden Verzicht auf ihre Erbschaft übernehmen. Nur glauben die nicht mehr an seine Landwirtschaft und richten ihm einen Baumwollenhandel ein, wo sie nach Zürcher Art den Rohstoff liefern, den er im Birrfeld zum Spinnen und Weben in die Häuser geben muß, sodaß er nichts als den karg bezahlten Aufseher ihrer Geschäfte vorstellt. Als endlich stürzende Herbstfluten den dürren Sommer auslöschen, ist von dem Traum seines Lebenskreises, der Wohlstand und Segen in der ärmlichen Landschaft verbreiten soll, nichts geblieben, als daß er im Dienst städtischer Fabrikherren die Not des Bauernvolks ausnützen hilft; und es bedürfte nicht der Erinnerung an den Ernst Luginbühl im Webstuhl und an den Großvater mit seiner Verachtung dieser ins bäuerliche Leben einfressenden Industrie, um ihm sein zertretenes Dasein zur Qual zu machen.

50.

Es sind nicht immer die eigenen Kinder der Bauern und Tanner, die Heinrich Pestalozzi in den Baumwollstühlen das Elend ihrer verwahrlosten Jugend weben sieht, sehr häufig sind es Waisen, von der Gemeinde ausgedungen, die ihren Pflegern das harte Brot verdienen müssen. So schneidend traurig es für ihn ist, daß er Anna und ihren Knaben mit in den Zusammenbruch seiner Traumgebäude gerissen hat, schlimmer greift es ihn an, Helfershelfer dieser Ausnützung zu sein. Sein Herz zittert, wenn er in die Häuser muß, und das früh verblaßte Gesicht Ernst Luginbühls kommt wieder in seine Träume. Immer deutlicher fühlt er die Hand des Schicksals, die ihm alles zerbricht, was er selbstgefällig in seine Hand nimmt; und tagelang kann er verscheucht im Neuhof sitzen, über seine Schuld an diesem Schicksal zu grübeln. Zuletzt empfindet es sein verscheuchter Geist fast als Milderung, daß die Teuerung ihm noch schlimmeres Elend vor den Neuhof treibt.

Denn die an den Webstühlen sitzen, haben immer noch Bett und Brot, während ihrer viele von der Hungersnot in den Straßenbettel getrieben werden, daß sie wie herrenlose Hunde die Häuser der Reichen umlagern und auf den Abfall der Haushaltung warten. Auch vor den Neuhof kommen sie scharenweis, und Heinrich Pestalozzi, der ihre Hudeln und die von der Krätze entstellten Hände, ihre Frechheit und die Verkommenheit der jungen Gesichter sieht, kann Tränen der Bitterkeit weinen, wenn er bei diesem Anblick an den Vortrag des Landvogts Scharner denkt; solange es Luxus und dieses grausame Elend gleichzeitig gibt, sind alle patriotischen Träume leichtsinnige Spielereien. Es treibt ihn, sich ganz zu den Enterbten zu schlagen, und oftmals nimmt er ihrer einige ins Haus, mehr als das Brot mit ihnen zu teilen; er sieht, wie unmenschlich sie schon geworden sind, gierig und in aller Heimtücke der Verstellung geschickt: aber er wendet unermüdlich die Erzieherklugheiten an, die er an seinem Jaköbli erfahren und geübt hat und immer sicherer wird es ihm, daß er damit an ein Zaubermittel rührt, ihrer Verkommenheit statt von außen von innen zu begegnen. Was sonst in Stadt und Land sich als Wohltätigkeit breitmacht, setzt eine Weltordnung voraus, dazu die hilflose Verkommenheit der Armut so unabänderlich gehört wie der Überfluß des Reichtums, während — das wird ihm sicherer mit jedem Tag — in jedem dieser Bettelkinder der natürliche Keim zu einem rechtschaffenen Menschen steckt, nur daß keiner daran denkt, den zu bilden und also der Armut von innen beizukommen.

Was in andern Zeiten für Heinrich Pestalozzi nur eine hitzige Erfahrung gewesen wäre, das ergreift seine gedemütigte Natur nun zur Rettung, und eines Tages löst die Verzweiflung dieser Zeit die tiefe Erkenntnis seines Schicksals aus: Ich mußte arm werden aus meinem Hochmut der Wohlhabenheit; denn wie soll einer dem Armen helfen können, der mit den Sorgen seines Besitztums belastet ist? Wohlstand und Reichtum sind Zwangsherren; was für Umstände und Vorsichten braucht es, sie zu erhalten? Der Reiche kann nicht der Bruder des Armen sein; denn Geben und Nehmen scheidet ihre Seelen. Darum steht im Evangelium geschrieben: verkaufe, was du hast, und gibs den Armen!

Seine Frau erschrickt, wie sie die Botschaft hört; sie fühlt sofort, daß dies eine neue Prüfung wird; doch kennt sie ihre Sendung, das Senkblei seiner Stürme zu sein, und obwohl sie um ihren Knaben zittert — der durch all die neuen Worte des Vaters nicht gestört worden ist, aus seinen Brettchen ein Haus zu bauen, und der sie ungestüm an der Hand herbei holt — nickt sie dem Mann erst zu, bevor sie das Wunderwerk des Knaben bestaunt. Es ist einer wie der andere, denkt sie und sieht die Spalten zwischen den Brettern, die trotzdem ein Dach bedeuten sollen: aber es sind Männer und sie wollen bauen, während wir Frauen wohnen möchten.

Heinrich Pestalozzi hat nichts von ihrer Bewegung gemerkt, er ist hinausgegangen in den Abend, wo der verspätete Herbstregen schon wieder in Strömen fließt, und läuft dem Sturz seiner Gedanken nach bis in die Dunkelheit. Und während die Täglichkeit danach auf dem Birrfeld ihre Herbstarbeiten macht und mancher Blick mit Mitleid das niedrige Dach des Neuhofs streift, wo die Sorgen — wie jeder weiß — dem vorwitzigen Herrenbauer aus Zürich ans Fundament seines Daseins gegangen sind, sitzt Heinrich Pestalozzi glücklich bei seinem Knaben und baut Häuser, Brettchen auf Brettchen, ob sie zusammenstürzen, unermüdlich aufs Neue, bis der Plan seiner Armenkinderanstalt fertig ist: Ich habe ein zu großes Haus, sie haben keins; mir fehlen die Hände, die Felder zu bestellen, und ihnen mangelt die Arbeit! Was gilts, wenn wir Armen uns zusammentun, sind wir reich! Sie sollen mir spinnen für ihren Unterhalt, und ich will sie lehren. Ich will sie säubern von ihrem Schmutz und will selber rein werden von den Geschäften, für die ich nicht geschaffen bin. Ich habe mein Haus Neuhof genannt, als ob es eine Neuigkeit wäre, noch ein Haus wie tausend andere dahin zu stellen; nun aber soll es ein Neuhof sein, wie keiner vordem war: ein Neuhof, wo die Armut sich selber durch Arbeit und Lehre zur Menschlichkeit verhilft, die sonst in Faulheit und Laster betteln geht. Jetzt weiß ich, warum ich auf dieses steinichte Birrfeld mußte; und wenn weiter Sorgen und Not kommen, will ich sie gern tragen, weil es die Sorgennot der armen Menschheit, nicht mehr die meine ist!

51.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende, als Heinrich Pestalozzi schon die ersten Bettelkinder im Hause hat. Er kalkuliert, daß der Abtrag ihrer Arbeit die Kosten einer einfachen Erziehung bestreiten müsse, und gibt sich zuversichtlich daran, die Sennerei in einen Raum zum Spinnen umzuwandeln, den er seine Fabrik nennt. Die Schwäger in Zürich, die mit seinen Baumwollgeschäften schon unzufrieden waren, lamentieren über den neuen Plan und beschwören Anna, daß sie ihn davon abhalten möge. Ihnen, die seine Lage kennen, darf er sein Herz nicht öffnen, er muß ihnen vorrechnen, daß es für ihn selber eine Rettung aus seinen Nöten sei; es fällt ihrer Geschäftsgewandtheit nicht schwer, ihm die Irrtümer seiner Kalkulation mit spöttischen Fragezeichen anzumalen; aber weil Anna mit Standhaftigkeit die Mutterschaft seines Armenkinderhauses antritt, schlägt er den Widerstand nicht an.

Für Anna ist es ein Opfer, sie fängt schon an zu kränkeln, auch stehen ihr als Stadtherrnkind die Hände nicht danach, verwahrlosten Bettelkindern die Läuse abzulesen. So schlimm es ihr erging in den Kämpfen dieser Jahre, in den Stuben ist die Ordnung und Reinlichkeit ihrer Gewohnheit geblieben, Freunde sind auf Besuch gekommen, und wenn Abends die Messinglampe brannte, senkte sich doch ein Stück Gottesfrieden in ihren warmen Schein: nun geht das alles hin wie ein schöner Traum; als ob sie selber mit ihrem Knaben ins Armenhaus gekommen wäre, dringt der Geruch der Hudeln und das Geschrei der Verwahrlosung durch ihre behüteten Räume. Aus sich selber hätte sie dergleichen niemals vermocht, obwohl es ihrem Herzen nicht an Edelmut fehlt; der gierigen Tatensucht ihres Gatten vermag sie um so weniger zu widerstreben, als sie das Glück sieht, das nach der mutlosen Dumpfheit so vieler Jahre über ihn gekommen ist. Sie hat ihn nun wieder, wie er als Jüngling werbend vor ihr gestanden hat, trotzig bereit, sich die Adern aufzuschneiden, wenn sein Blut für etwas Edles fließen müßte; und da es dieser rauschhafte Edelmut ist, um dessentwillen sie ihn andern Männern von soliderer Daseinsfestigkeit vorgezogen hat, nimmt sie — zum wenigsten im Anfang — auch dieses Los gern auf sich, das ums Vielfache schwerer als das ihres Mannes ist: weil ihr Teil allein die Aufopferung ist, wo er den Genuß seiner Idee und die Befriedigung seiner Natur hat.

Heinrich Pestalozzi weiß von Anfang an, daß es mehr gilt als seine eigene Anstalt, und daß er wohl die Menschenfreunde des Landes anrufen darf, ihm beizustehen; wenn erst sein Versuch gerät, ist allerorten ein Beispiel gegeben, auf menschlichere und gründlichere Art mit der Bettlerplage aufzuräumen als durch Landreiter: das Wort des Großvaters in Höngg, daß er andere Mittel wüßte als die monatliche Betteljagd der gestrengen Herren, liegt ihm dabei wie ein Vermächtnis im Sinn. So scheut er sich nicht, selber die Betteltrommel für sein Werk zu rühren und mit einem Flugblatt an den Türen der reichen Häuser in Basel, Bern und Zürich anzuklopfen. Es ist zum erstenmal seit jener jugendlichen Mitarbeit am Erinnerer, daß er die Feder in die Hand nimmt; er ist unterdessen ein Jahrzehnt älter geworden und steht mitten in den Nöten des Lebens, dem sein Jünglingseifer mit römischen und griechischen Schulideen zu Leibe wollte. So wird es eine andere Rede, als er sie damals aus Demosthenes übersetzte, ein Quell wirklicher Nothilfe fließt darin und rührt an die Herzen, daß vielerorten Gutwillige, von der Neuheit des Planes wie von seiner hinreißenden Darstellung gewonnen, dem Urheber auch das Vertrauen schenken, ihn auszuführen. Was er sich in seiner Lernzeit als Lebensberuf gedacht hat, ein Fürsprech des niederen Volks zu sein, das ist er damit unvermutet doch noch geworden, und die Besten im Lande lohnen ihm seine erste Rede mit freudigem Opfer.

Geschwellt von diesem Beifall wächst sich der Plan bald aus. Anna Pestalozzi mit zwei Mägden leitet die Mädchen in allen Arbeiten der Küche und des Haushalts an, sie lernen waschen, nähen, flicken, auch die einfache Gartenarbeit, während die Knaben mit den Knechten auf die Felder, in die Ställe und in die Scheune gehen: sie sollen für kein anderes Leben aufgezogen werden als das der ländlichen Arbeit, wie es ihrer wartet, und bei allem zugreifen lernen, was die gemeinsame Haushaltung ihnen unter die Hände bringt. Daneben müssen sie spinnen und weben, und hierfür hat Heinrich Pestalozzi das Glück, in der Jungfer Madlon Spindler aus Straßburg eine vortreffliche Lehrmeisterin zu finden, die bald als das Spinner-Anneli im ganzen Birrfeld bekannt ist. Er selber gibt den Kindern Unterricht; denn wenn sie auch zu keinem andern Leben als dem der Armut abgerichtet werden sollen, die Wurzel seines Planes bleibt doch, Menschen aus ihnen zu machen, die das Bewußtsein ihrer menschlichen Würde nicht mehr verlören und auch dem schlimmsten Los die Unverlierbarkeit ihrer Seele entgegenzustellen vermöchten. So lehrt er sie nicht nur das Abc, sondern versucht in die zufälligen Wahrnehmungen ihrer Sinne die Ordnung einer bewußten Anschauung zu bringen, indem er sie anleitet, über das Gefühl des Augenblicks das Urteil ihrer eigenen Erfahrung Meister werden zu lassen. Was er selber in den Gesprächen mit dem Jaköbli erfahren hat, wendet er nun an, und ob er oft einsehen muß, daß ihm viel zu einem Schulmeister fehlt, weil er zu hitzig und zu blind in seinem eigenen Eifer wird, sodaß er leicht mit einem Gedanken schon ans Ende gelaufen ist, während sie noch begossen vom Schwall seiner Worte den Anfang garnicht gefunden haben: so verliert er doch hierin den Mut nicht, schließlich die rechten Kunstmittel zu finden, um auch im Blödesten noch den Keim zu wecken.