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QUELLEN UND FORSCHUNGEN
ZUR
SPRACH- UND CULTURGESCHICHTE
DER
GERMANISCHEN VÖLKER.
HERAUSGEGEBEN
VON
BERNHARD TEN BRINK, ERNST MARTIN,
WILHELM SCHERER.
XXXIV.
AUS GOETHES FRÜHZEIT.
STRASSBURG.
KARL J. TRÜBNER.
LONDON.
TRÜBNER & COMP.
1879.
AUS
GOETHES FRÜHZEIT.
BRUCHSTÜCKE
EINES COMMENTARES ZUM JUNGEN GOETHE
VON
WILHELM SCHERER.
MIT BEITRÄGEN VON JACOB MINOR, MAX POSNER,
ERICH SCHMIDT.
STRASSBURG.
KARL J. TRÜBNER.
LONDON.
TRÜBNER & COMP.
1879.
Buchdruckerei von G. Otto in Darmstadt.
VORWORT.
Als Salomon Hirzels Sammlung 'Der junge Goethe' (drei Bände, Leipzig 1875) erschien, das litterarische Vermächtnis des verehrten Mannes an die Goethe-Forschung und an das deutsche Volk, soweit es in Goethe wirklich eindringen will: da habe ich ziemlich allgemein in weiteren Kreisen das Verlangen nach einem Commentare, nach einem vierten Bande mit Anmerkungen und Erläuterungen aussprechen hören. Und man kann nicht läugnen, dass der Wunsch berechtigt war. Allzu vieles in diesen Jugendwerken und Jugendbriefen ist nicht ohne weiteres verständlich; an gar manchen Stellen thut es selbst dem unbefangenen Geniessen Eintrag, dass ein Wort, eine Spitze, eine Anspielung für den heutigen Leser wirkungslos bleiben muss, weil er die eigentliche Beziehung nicht kennt.
Nur Beiträge oder Vorarbeiten zu einem solchen Commentare wollen die nachfolgenden Blätter liefern. Für die 'Deutsche Baukunst' gilt es hauptsächlich, schärfere chronologische Bestimmungen zu gewinnen. Das Concerto drammatico wird aus gleichzeitigen Briefen erläutert; das Jahrmarktsfest besonders aus den Frankfurter Gelehrten Anzeigen. Den Satyros versuche ich auf Herder zu deuten und stelle in dem darauffolgenden Aufsatze die sonstige Verwerthung Herders in Goethescher Dichtung zusammen. Die besonderen Anhänger Herders werden sich schwer entschliessen, meine Deutung anzunehmen; aber sie sind dann verpflichtet, eine bessere, ebenso durchgeführte, an ihre Stelle zu setzen. Jedenfalls werden sie zugeben müssen, dass eine Reihe bestimmter äusserer Anhaltspuncte vorliegt, deren Ausbeutung einmal gewagt werden musste. Gegenargumente, welche blos die Verunglimpfung Herders als solche abwehren und womöglich mich der verspäteten Mitschuld an dieser Verunglimpfung zeihen wollen, werden mir natürlich keinen Eindruck machen. Ich suche die Wahrheit ohne mich darum zu kümmern, ob sie mir oder anderen angenehm oder unangenehm sein könne. Mir sind die beiden grossen Menschen auch lieber, wenn ich sie innig und sich gegenseitig anerkennend sehe, als in Streit und Entfremdung. Wie schön z.B. wenn Herder schreibt: 'Goethe schwimmt auf den goldenen Wellen des Jahrhunderts zur Ewigkeit! Welch ein paradiesisch Stück seine Stella! Das Beste was er schrieb. Der Knote ist nicht auszuhalten, und wie gnüglich endet er Alles, dass sich die Engel Gottes freuen. Nun hinten möcht' ich Fernando sein, Cäcilie am einen, Stella am andern Arm, jene: ausgelittene edle Mutter und Freundin, diese: Paradiesesblume, bei der ich nicht immer sein darf und auch zur Cäcilie und Lucie kann – es ist unaussprechlich umfassend, tief und herrlich' (Bodemann Zimmermann S. 335). Ich finde die Stelle schön, weil sie ein Zeugnis für Herders Verständnis Goethescher Poesie ablegt und weil sie Bewunderung für ein Stück ausspricht, dessen Schwächen ich nicht entschuldigen will, das aber in der Regel weit unterschätzt wird.
Auch zur litterarhistorischen Auffassung der Stella ist in dem vorliegenden Heft ein Beitrag, von Dr. Minor aus Wien, gegeben; und die Gestalt des Kilian Brustfleck in Hanswursts Hochzeit durch Dr. Posner und Professor Erich Schmidt zwar noch nicht klargestellt, aber der Klarheit näher geführt.
Andere Aufsätze greifen wol über die im jungen Goethe gesammelten Werke hinaus, aber nur wenig über den Kreis, welcher darin dem Programm gemäss berücksichtigt werden konnte, nur wenig über die Frühzeit des Dichters, um einen von ihm selbst gebrauchten Ausdruck anzuwenden.
Den Faust hatte Hirzel lediglich darum ausgeschlossen, weil sich nicht mit Sicherheit sagen lasse, was noch in die Zeit von Weimar gehöre. Sicherheit nehme ich für meine hierauf bezüglichen Erörterungen nicht in Anspruch, aber Wahrscheinlichkeit.
Die Strassburger Ephemerides und die juristischen Schriftstücke aus Goethes Feder brauchten nicht aufgenommen zu werden. Aber die Fragmente des Caesar vermisst man ungern; und ebenso die beiden Briefe, welche Erich Schmidt in dem ersten hier folgenden Aufsatze untersucht.
Unbekannt ist mir, weshalb die ersten Briefe aus der Schweiz wegblieben, welche das Inhaltsverzeichnis der zweibändigen Ausgabe gewiss mit Recht ins J. 1775 setzt.
Dass von Goethes Beiträgen zu Lavaters Physiognomik und von seinem Antheil an Lavaters Abraham abgesehen wurde, begreift sich. Für die Recensionen der Frankfurter Gelehrten Anzeigen war Hirzel nach dem Grundsatze verfahren, Goethe nichts zu nehmen, was er sich selbst zuschrieb (vgl. jedoch Deutsche Rundschau 17, 62). Die Uebersetzung des Hohenliedes sowie Künstlers Vergötterung sind erst jetzt durch Herrn von Loeper (Briefe Goethes an Sophie von La Roche S. 55, 125) veröffentlicht worden.
Man sieht, es wäre, selbst abgesehen von neu bekannt gewordenen Briefen, für einen vierten Band des jungen Goethe nicht blos zu Erläuterungen, sondern auch zu Nachträgen Gelegenheit.
Berlin 1. März 1879.
Wilhelm Scherer.
INHALT.
| CONSTANTIE (VON ERICH SCHMIDT) | [1] |
| Textkritisches | [7] |
| DEUTSCHE BAUKUNST | [13] |
| CONCERTO DRAMMATICO | [15] |
| JAHRMARKTSFEST ZU PLUNDERSWEILERN | [25] |
| SATYROS | [43] |
| Erster Act [46]. Zweiter [47]. Dritter [47]. Vierter [57]. Fünfter | [58] |
| HERDER IM FAUST | [69] |
| DER FAUST IN PROSA | [76] |
| DER ERSTE THEIL DES FAUST | [94] |
| 1) Der prosaische Faust (1772) | [99] |
| 2) Die ältesten gereimten Scenen (1773-1775) | [100] |
| 3) In und nach Italien (1788 und 1789) | [103] |
| 4) Mit Schillers Antheil (1797-1801) | [110] |
| 5) Abschluss (1806) | [116] |
| KILIAN BRUSTFLECK | [122] |
| I. (von MAX POSNER) | [122] |
| II. (von ERICH SCHMIDT) | [124] |
| ZUR STELLA (von JACOB MINOR) | [126] |
CONSTANTIE.
Schöll hat in den Briefen und Aufsätzen S. 21 ff. zwei seltsame Entwürfe mitgetheilt und beide der Leipziger Zeit, genauer dem Jahre 1767 zugewiesen, den ersten 'Arianne an Wetty' als einzigen Rest der in Dichtung und Wahrheit 21, 40 erwähnten Uebungen für Gellerts Praktikum, den zweiten ohne Ueberschrift als ein wirkliches Schreiben an eine gefällige Schöne, in deren Armen Goethe sich für Annettens vermeintliche Untreue – 1767? – tröstete. v. Biedermann und v. Loeper scheinen nicht anders zu denken. 'Der junge Goethe' enthält die Fragmente nicht; es steht also dahin, ob Bernays und Hirzel der Schöllschen Annahme beipflichten.
In Uebereinstimmung mit Scherer glaube ich, dass weder von Gellerts Seminar, noch überhaupt von Leipzig als Entstehungsort die Rede sein darf, und will versuchen in aller Kürze eine neue Hypothese zu begründen.
Was Goethe von jenen romanhaften Briefen, die vor Gellerts Auge keine Gnade fanden, sagt: 'Die Gegenstände waren leidenschaftlich, der Stil ging über die gewöhnliche Prosa hinaus' passt scheinbar, namentlich das letztere, vortrefflich auf unser Glaubensbekenntnis Ariannens, doch würden mich allein stilistische Gründe von einer späteren Abfassungszeit überzeugen. Man halte doch diese Zeilen gegen alles, was wir aus den Leipziger Jahren von Goethe besitzen, und man wird hier zweifellos eine ausgebildetere Gedankenwelt von einer entsprechend reiferen, gehobeneren Ausdrucksweise getragen finden. Ferner könnten es höchstens Concepte für das Praktikum gewesen sein, da Gellert die Reinschriften mit rother Tinte verbesserte usw., wie Goethe aaO. erzählt. Solche corrigirte Blätter hatte er 'lange Zeit mit Vergnügen bewahrt'. An und für sich unwahrscheinlich ist, dass zwei halbbeschriebene in einander gelegte Bogen von Leipzig nach Frankfurt, von dort nach Strassburg wanderten, um, in Frankfurt unbenutzt und unbeachtet, hier in den ersten Wochen zu Briefconcepten zu dienen.
Die zwei in Frage stehenden Niederschriften gehören nur der allgemeinen Veranlassung nach zusammen. Mit dem vorausgehenden winzigen Bruchstück ist nichts anzufangen, denn wir können unmöglich ausklügeln, ob es der kärgliche Rest eines besonderen Briefes, eines Briefes von Wetty an Arianne, oder von Walter an Wetty usw., ja ob überhaupt eines Briefes ist.
1. 'Arianne an Wetty' verlege ich nach Frankfurt in das Frühjahr (April bis Anfang Mai) 1769. Stimmungen und Wendungen wie 'wenn du in der Frühlingssonne sitzest und für Wonne dein Busen stärker athmet' und 'wenn uns die Entzückung manchmal aus voller Brust die Frülingslufft einziehen macht' ergeben die Jahreszeit. Das naturwissenschaftliche, speciell physiologische Interesse, welches aus dieser gefühlvollen Polemik gegen Walters kühlere Anschauungen spricht, verbietet über 1769 hinaus rückwärts zu gehen. Aber schon in dem langen Erguss an Friederike Oeser vom 13. Februar bedient er sich des physikalischen Vergleiches (DjG 1, 47 f.): 'Freudigkeit der Seele und Heroismus ist so communicabel wie die Elecktricität, und Sie haben so viel davon, als die Elecktrische Maschine Feuerfuncken in sich enthält'. Goethes erster Pact mit den Naturwissenschaften ist in Frankfurt geschlossen. Aus seinen alchymistischen Liebhabereien gieng er mit Faustischem Gefolge hervor, wie manche chemische Weisheit aus den Schmelztiegeln der Adepten. Auch eine flüchtige Berührung mit der Encyclopädie wird vor Strassburg schon damals stattgefunden haben, dachte doch Goethe in Frankfurt an einen späteren Pariser Aufenthalt. Walter-Goethe, der in jenen Monaten wirklich manche 'superficielle Erkänntniss' zum besten gab, wirklich in den Briefen nach Leipzig 'so kavalierement' alle Empfindungen der Weiber 'durch Stolz und Eigennutz' zu erklären geneigt war, der aber eben damals durch schönseelige Erbauung sein Fühlen (und damit seine Lyrik!) verinnigte, zugleich durch die ersten Offenbarungen der Natur sein Denken vertiefte, seine Welt- und Lebensanschauung erweiterte, strebte nach einer Klärung all der neuen, Herz und Verstand durchwogenden Elemente durch schriftliche Auseinandersetzung. Nicht in abstracten Betrachtungen, sondern der Dichter legt, wie für jene Gellertschen Uebungsstunden, 'einen kleinen Roman zum Grunde'. Hatte er als Knabe durch die Abfassung eines polyglotten Briefromans Sprachen gelernt, so schrieb er jetzt romantische Briefe über Probleme des Lebens, einzeln oder in einer Kette. Gehören solche Briefe zu den 'Mährgen', von denen er am 30. Dec. 1768 nach Leipzig meldet (1, 40)? Zu Leipzig wohnten seine Vertrauten; nichts lag näher, als diese, selbst ohne dass sie zu allen Interessen ein näheres Verhältnis hatten, auch hier correspondiren zu lassen. Wetty ist Käthchen Schönkopf, die Freundin Arianne ist Sophie Constantie Breitkopf, der jedoch die kluge F. Oeser die Feder führen hilft (vgl. Goethes verwandte Auseinandersetzungen an sie 1, 59), obgleich sie mit beiden Mädchen sonst nichts zu thun hat; aber ich meine auch, dass nicht wenige Worte der Egle in der sonst ganz im Schönkopf-Breitkopfschen Kreise spielenden 'Laune des Verliebten' aus ihrem Munde kommen. Also Arianne: Constantie, wie denn Goethe am 1. Juni 1769 an Käthchen über Horn scherzend schreibt: 'Er ist so zärtlich, so empfindsam für seine abwesende Ariane, dass es komisch wird'. Den Namen – ob Arianne oder Ariane, ist natürlich ganz gleichgiltig – haben wir als leise Aenderung von Ariadne aufzufassen, zur neckischen Bezeichnung der nach Horns Meinung in Naxos-Leipzig trostlos verlassenen Geliebten des Hörnchen oder Don Sassafras oder Riepels des Pegauers und wie die üblichen Spitznamen weiter lauten.
2. Ungleich schwieriger ist die Auffassung des zweiten Briefes, den Schöll passend 'an eine Freundin' betitelt. Er kann nicht vor Ende Mai 1769 geschrieben sein, wo Goethe die unwillkommene Nachricht von Käthchens Verlobung mit Kanne empfing. Einige Zeit ist bereits darüber hingegangen. Er fühlt sich 'verlassen', wie er sich noch von den empfindsamen Darmstädterinnen als armen Verlassenen bemitleiden lässt. Hier lauten die entscheidenden Worte: 'Ich binn auch verlassen worden. Manche Trähne, manches Lied hat mich mein Unglück gekostet.' Also Käthchen ist wieder das 'süse Mädgen' Nelly und die untreue Nette, die ihn 'in den Armen eines andern [Kanne] vergisst'. In der Eile des Schreibens und im verhüllenden, doch durchsichtigen Spiel mit den Namen hat er statt Nelly und Nelle, oder getreuer Netty und Nette (Anna, Annette, Nette, Netty, Wetty; Anna, Annina, Amine?) zwei Namen Nelly und Nette gesetzt. Dass er wie in Dichtung und Wahrheit (Annette) statt des Rufnamens Katharina den ersten Anna wählt, darf nicht befremden, da er Frl. Breitkopf in einem Briefe sowohl Constantie als Fickgen (Sophie) nennt (1, 62). In dem Brouillon hier heisst sie Constantie, angedeutet in dem Co- und dem unmittelbar folgenden Wortspiel 'o Beständigkeit' (Constantia).
Horn war im April, bis über die Ohren in Constanze verliebt, aus Leipzig zurückgekehrt; unruhig, empfindsam, aufgebracht, närrisch, leidenschaftlich, unglücklich (1, 66 vgl. besonders Horns eigene possierliche Schilderung O. Jahn Goethes Briefe an Leipziger Freunde S. 114), wie der 'W' des Conceptes. Goethe verkehrte viel mit ihm und beobachtete mit der Ueberlegenheit eines jungen expertus Rupertus oder eines gewitzigten 'armen Füchsleins' die Liebesstimmungen des Freundes. Er zweifelte an aller Treue, an allem Bestande (vgl. überhaupt 1, 62 f.), fand Horns sentimentale Zärtlichkeit komisch, stellte ihm vor 'dass Mädgen Herzen nicht Marmor seyn dürffen', Constanze werde 'sich an ihrer Freundin [Käthchen] Exempel spiegeln, und nach und nach einsehen lernen pp.', und wünschte der Ariadne einen neuen Tröster. Ganz abgesehen von Breitkopfs Widerwillen scheint ihm (1, 63) Constanzens Gegenliebe noch nicht so gewiss gewesen zu sein, wie später, wo er schreibt (1, 74): 'Stenzel liebt noch den Riepel den Pegauer zum Sterben, mir kömmt es einfältig vor, und ärgerlich, Sie können sich dencken warum.' In seinen Briefen lugt hinter dem bösen Katzenjammer (an Gottlob Breitkopf 1, 67) und der skeptischen, herben, harmlos frivolen Laune immer die empfindliche, krankhafte Weichheit und die 'grässliche Empfindung, seine Liebe sterben zu sehen' hervor. 'Wie gern wär ich sie los die Schmerzen! Allein es sitzt zu tief im Herzen, Und Spott vertreibt die Liebe nicht' (1, 107). Alle diese Gefühle: der beleidigte Stolz, der Schmerz, der Spott, die neugewonnene Ueberzeugung von der weiblichen Flatterhaftigkeit usw. sprechen aus dem zweiten romanhaften Briefe so laut, dass bereits O. Jahn S. 116, doch ohne chronologische Schlüsse zu ziehen, ihn mit den aus so schillernden Stimmungsfarben gewobenen Bekenntnissen an Käthchen verglichen hat.
Auch dieser Brief ist, weit mehr sogar als der vorige, eine Phantasie, eine Beichte voll Dichtung und Wahrheit, worin eigenste Erfahrungen und die etwas verzerrte Beurtheilung Horns und Constanzens ('Auf einer Stube mit ihrem W. an einem Tische sogar' usw.) sich mischten mit den Erinnerungen an den ausgekosteten 'gegenwärtigen Genuss' in dem dämmernden Stübchen einer kleinpariser Grisette, deren 'liebe romantische Höle' auch Horn nicht fremd war. In der eiligen Rhapsodie fliesst alles zusammen und durcheinander: so kann für Augenblicke an die Stelle der losen Schönen von Leipzig – man denke nur an die Lyrik der Schoch usw., der Günther, Stoppe, Henrici, auch an die Goethesche – die in seinen Augen gleich Käthchen einerseits, den leichteren Mädchen andererseits unbeständige Constanze treten, so kann er von den freieren sinnlichen Genüssen, wo das 'du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war' galt, denken an die reizende leichtbelebte Leipziger Geselligkeit, vielleicht an eigene kleine Tändeleien mit Constanze, wie in der 'Laune des Verliebten' Eridon einmal Lamons Egle küsst, so kann er zur dichterischen Befreiung sich hier ausmalen, dass das 'kleine Stübgen, das so offt der Zeuge unsrer seeligen Trunkenheit war' 'nun auch künftig den Schauplatz der Freuden, eines neuen Liebhabers abgiebt' und in Wirklichkeit an Käthchen schreiben: 'es muss Ihnen doch komisch vorkommen wenn Sie an all die Liebhaber dencken, die Sie mit Freundschaft eingesalzen haben, grose und kleine, krumme und grade, ich muss selbst lachen wenn ich dran dencke', so kann er sich und den kleinen, krummen Horn sowohl Käthchen und Constanzen, wie einer halb wahren, halb fingirten Circe an der Pleisse gegenüber als 'abgedankte Liebhaber' darstellen, welche die besten Freunde werden, 'wenn man sie menaschieren kann'.
Mit dieser Auffassung masse ich mir keineswegs an, durchaus im einzelnen das Richtige getroffen zu haben, aber ich glaube sie im ganzen wohl vertreten zu können und der Phantasie nur so weit Spielraum vergönnt zu haben, als für alle Dinge, an denen die Phantasie hat bilden helfen, nöthig ist. Denn wer möchte läugnen, dass es in solchen Fällen zur Erkenntnis und Entwicklung der Wahrheit auch eines bescheidenenen Masses von Dichtung bedarf?
3. Schon wird mir aber von vielen Seiten die pia fraus vorgehalten, dass ich ein Goethesches Ca eigenwillig in ein Co verwandelt habe. Wenn nun aber in dem Concepte wirklich Co stünde? Man gestatte mir hier eine unerlässliche persönliche Erörterung. Als ich 1876 die soeben dargelegte Auffassung Scherer bei einem Besuch in ihren Hauptzügen mittheilte, bekannte er sich seit längerer Zeit von einer nur in nebensächlichen Punkten abweichenden überzeugt. Er hatte auch damals schon aus inneren Gründen Co für Ca vermuthet. Solche Conjecturen werden der Handschrift gegenüber oft zu Wasser; es ist mehr als eine Befriedigung des Scharfsinnes im einzelnen Falle, sondern ganz allgemein die Freude, dass wir etwas wissen können, wenn sie sich bewahrheiten. Ich bin mir bewusst, ohne jede Absicht Co finden zu wollen an das Original herangetreten zu sein, aber ich habe gefunden, dass Goethe Co schrieb und gleich neben der Schlinge des o einen Haarstrich herunterzog als Ansatz zu dem dicken Gedankenstrich, der abbrechend zu dem ergänzenden 'o Beständigkeit' hinüberleitet. So konnte Schöll allerdings sehr leicht Ca lesen. Man bemerkt auch, wie beim Lesen durch die vocalische Gleichheit das Co unvermerkt mit dem folgenden in eins fliesst.
Zu dem Text ist noch folgendes anzuführen. Was bei Schöll S. 21-25 gedruckt steht, füllt genau 3 SS zweier in einander gelegter Foliobogen aus. Mit 'ist das Stillschweigen Erlaubniss' beginnt oben die erste, mit 'lieben könnte' die zweite, – der Anfang des späteren Schreibens folgt dann gleich auf den Schluss des früheren – mit 'kennen einander' die dritte (das ist S. 1 des eingelegten Bogens): S. 4 und 5 werden ganz ausgefüllt durch den Brief 'Wunderlicher Mann', in dem ein Blatt ausgefallen ist.
In der folgenden Collation bezeichnet Cursivdruck die von Goethe ausgestrichenen Worte oder Buchstaben.
Ich zähle die Zeilen jedes Briefes durch. Arianne an Wetty Z. 10 und die Wonne ringsumher einziehest, 'für' über und. 12 den 19 nach 'aus' kein Komma 29 nach 'gehabt' ein #, ebenso 30 vor 'Und'. 31 nach 'Vorbereitung' me (meiner) nach 'denn' das (Riechen). 33 'ich rede' über du sagst. – An eine Freundin. Z. 2 'Beschäftigung' müsste so gut mit ff geschrieben werden, wie 3 'wahrhafftig'. 4 'zweifel', nach 'die' man, nach 'ohngefähr' Vorwürfe (er wollte schreiben: 'die man ohngefähr Vorwürfe nennt'). 10 dasienige. 12 Mittleiden. 20 'zärtliche' über liebe wegen des folgenden 'liebliche'. 23 'konnte', diese Strichelchen fehlen häufig, so 40 'dammernden' 59 'konne'; es folgte erst ein Semikolon. 30 Co – 32 Trähne. 36 Liebeswürdige ***. 44 nur aber. 47 raszt. 45 f sitt- und tugendsamen. 49 menaschieren. 58 ô.
TEXTKRITISCHES.
Das folgende bezieht sich auf die Seiten und Zeilen (die Seite heruntergezählt) in 'Der junge Goethe'. Zunächst die Briefe 1, 233 ff. Z. 17 iüngern. 18 d. 14 Jul. 19 f 'werden' eingeschoben, und es hiess erst 'und für was Sie mich halten werden weisz ich nicht'; 20 binn. 21 kein Komma nach 'schuldig', 'zugut'. 25 ihr. S. 234 Z. 3 nach 'zu' W. 4 'ich' zweimal unterstrichen. 7 Und. 8 zu sehen wo Schönheit seyn möchte als. 10 Sie erscheint. 11 Mahler. 14 HE (der Schnörkel nach dem H entsprechend der früher beliebten Schreibung HErr, die jetzt noch bei unseren Frommen üblich ist). 16, und. 19 und streift. 20 ia. 23 bey ieder. 26 kein Komma nach 'sich'. 28 Aug dabey. 29 Freudenfeindliche (das Compositum musste auf zwei Zeilen vertheilt werden). 30 nach 'Leuten' Intervall. 31 kein Komma vor 'dasz'. 32 binn. S. 235 Z. 5 kein Komma nach 'andre'. 6 Sie am besten ists. 9 HE. 14 mit 'viele' beginnt die 3. Seite; 'An HE Trapp a 28ten Jul' folgt unmittelbar.
Z. 20 ihnen. 23 f zubeantwortenden. 25 binn. S. 236 Z. 2 kein Komma vor 'wenn'. 3 binn. 6 'dazu da' und 'wie noch'. 7 Abzuhandlen. 8 sey. 10 Special Fall. 13 unsre Klugheit, Weiszheit, Grübeley, oder. 16 Schicksaal. 17 Welt, dem. 19 rahten seyn der. 20 rahten. 21 'ihnen', 'Freund wie'. 22 'iungen' und 'unsre'. 23 Komma nach 'lassen', keines vor 'zu'. 24 'unsre', 'Unsre'. 25 f sie diese unreife Bewegungen unsers. 27 'ia was geschieht wenn', 'Compagnons'. 28 bey. 29 Blümgen. 30 bey. 31 Wehrt S. 237. Z. 2 Nahmen. 3 'Herren', 'Herrn'. Unter 'nennen' Strich getilgt. 4 'betitteln', 'Wohltahten'. 6 ich. 11 iemand. 12 Zeit da. 13 ietzo. Der Himmels Artzt. 14 Und. 16 ihr. 20 binn. – Es folgt der Brief an die Klettenberg. Die Blätter sind in einander gelegt.
An H. den iüngern. 24. Aug. Z. 24 tuht. 25 finden S. 238 Z. 1 Erfahrung die. 2 Blat. 5 halten was. 6 würklich binn. 7 Meynung. 9 Freunde wie sein Mädgen. 10 zweimal 'ieden'. 18 'allerley', 'binn ich verlohren', 'Einen den'. 21 dabey. 27 'zu' eingefügt, 'sein wollte verlangte.' 32 wäschen. S. 239 Z. 1 'Mittelstrase', nach 'treffen' und 'verlangen' keine Kommata. 2 iung. 4 ansehen so. 6 vorbeygehen lassen. Dann, ienen. 8 'iedes', 'Plaz'. 9 'iedes Wehrt', 'meyn'. 10 'ists', 'jetzo' eingeschoben. 12 seyn. 15 'wohl dasz', 'iederzeit'. 16 ist zu tuhn. 19 balde. 20 Fus. Folgt DjG Nr. 8.
An die Klettenberg Z. 22 f Gnädge Fräulein. d. 26. Aug. 24 'binn', 'kristlichen'. 25 'Herren', 'Todt'. 26 'konnen' (vgl. o), so auch später 'gehort' 'fangt'; S. 240 Z. 2 nach 'will' kein Absatz. 4 pflegt; zu ieder. 5 ausgeworfne. 7 'worinn', 'ietzo'. Z. 9-13 keine Kommata nach 'Menschen' 'sehe' 'Zufälle' 'kommen' 'Kenntnisse' 'gesund' 'erinnern', dafür eines nach 'mäszige'. 8 f Die viele Menschen. 10 queer über. 12 iust. 13 bey. 14 binn. 17 f keine Kommata nach 'ist' und 'langweilig'. 17 seyn. 20 mäsigem. 22 meynen das. 23 dabey. 27 Meynungen, die Eitelkeit eines ieden. 29 die drei Kommata zu streichen. 31 ich **. 32 hören wenn. S. 241 Z. 1 gern wir. 4 iungen. 5 Bekandtschaft. 7 gnädge Fräulen. 8 Herr X X. 10 ieher. 11. dasz. 12 seyn. 13 dasz wozu. 14 Brauchbaarste. 16 schweerlich. 17 sey wie ihm wolle so. 20 ist s. 21 man s. 22 mans.
S. 242. An HE Engelb. d. 10. September 70 (folgt unmittelbar auf das Concept an die Grossmutter, als letzte halbe Seite eines losen Folioblattes). 3 Schöner, (gebrochen). 4-6 'Ist der Kayser mit der Armee vorüber gezogen. Schau sie, Guck sie, da kommt sich die Pabst mit seine Klerisey'. Der erste Satz ist also durchaus selbständig, ein Ausruf im burlesken Stile des Schattenspielmanns u.s.w. 6 Kapitelstube. 7 ausgespielt; hierbey. 10 seyn. 11 'copuli' wie üblich mit lateinischen Lettern. 15 binn.
An HE H. den ältern, a 28. Sept. Z. 20 unsers. 21 phisikalische S. 243 Z. 3 Sich Sie. 4 'biss', 'kommt es sey'. 6 lang. Das vermuthete ich. 8 Und. 9 Sie sich gern eine Mühe spaaren. 12 genung. 13 ietzt. 14 'rechtswegen', 'beschaftigen'. 16 nach empfindet. 18 ietzo. 20 'ich' corrigiert aus 'Ich'. 21 seyn. 23 macht etc.
An Mamsell F. Z. 25 am 14 Octb. S. 244 Z. 3 süsze. 4 ia. 6 f Stillschweigens dessen. 8. sey. 9 'ietzo', 'Strasburg'. 11 iagt. 15 ietziges. 18 rahten wie mir ietzo. 21 bey. 23 Gegend, und. 24 Himmel, weckten in meinem Herzen, iede. 25 iede. 28 'konnen', 'wie fern'. S. 245 Z. 2. Sympatie, iede. 3 iede. 7. glücklich etc.
An Friederike Brion. Abgeschnittenes Folioblatt, ein schmaler Rand des zweiten Blattes ist geblieben. Schöne, freie, grosse Schriftzüge, wie sie sonst nur der Saarbrücker Brief hat. Z. 9 Liebe neue Freundinn, 10 Str. am 15 Ocbr. 11 Ich zweifle nicht einen Augenblick Sie so zu nennen; 12 verstehe; so. 14 unsre. 16 Bissgen günstig seyn? 17 Liebe liebe Freundinn, 19 'iust', 'ietzo'. 20 'mögte', 'anders', 'soviel'. 22 'bey', 'Stückgen'. 23 Pferd, für. 24 larmenden Strasb. S. 246 Z. 1 'Ihnen, in', 'seyn'. 4 beym. 5 wie leid er mir that (der Abschied; nicht 'es'). 8 f natürlich dasz. 12 Weeg. 13 Morästen, die. 14 freygebig. 15 hätte; so. 17 seyn. 19 'verliehren', 'trug ein'. 20 'Talisman der', 'Beschweerlichkeiten'. 21 nach 'noch?' kein Gedankenstrich. 22 glaubens. 23 Gedanke den. 24 Weeg. 25 'wieder zusehen', ebenso, nur unterstrichen, in Z. 27. 28 'Herzgen', 'Bissgen'. 29 'Arzeney,' 'Herzgen', 'sey'. 31 Herzgen. S. 247 Z. 3 giebt. 4 Genung wir. 6 Stadtlärm, auf. 7 Gewisz Mamsell. 8 'ietzo', 'ich es'. 9 f Muthwilligen Lustbaarkeiten. 10 f wird, wenn. 12 Freundinn. 13 Wenig. 14 behalten, und. 16 'Empfelungen', 'teuern'. 16 f 'Schwester, viel', 'gerne'.
An die Grossmama. Diese Beileidsbezeigung ist dem Enkel nach den vielen Aenderungen recht sauer geworden. Z. 19 Grosmama. 21 'der Todt unsers lieben Vaters, ob wir ihn gleich schon so lange täglich ge fürchteten' ('täglich ge' über der Zeile eingeschoben). 22 nach 'überrascht' Absatz. S. 248 Z. 2 die Sie ietzo des Haupt unserer Familie sind die Sie zartlich sind ('sind' aus Versehen nicht mit ausgestrichen). 6 als Ihnen auch die besten ich kenne. 9 oft ist ausgestrichen. 10 unsrer Glückseeligkeit. 12 andre und. 13 ff eins um des andern willen. Und dass wir (da alle Freude in dieser Welt [diese drei Worte eingeschoben] nur geborgt ist), in dem wir sie geniessen, darinn einzuwilligen scheinen dass sie aufhören soll [Absatz] dass alle Freude in der Welt nur geborgt ist, und dass wir uns weder wundern noch betrüben sollten. [Absatz]. 17 'Sabbaths Ruhe', 'redlig'. 18 nun. Und. 19. 'Gott indem', 'Sie für Uns'. 20 f muntern freundlichen glücklichen Greiss entrissen der. 25 'seidenfaden', 'dessen'. 26 'kranken' eingefügt. 27 muszte sich frey. 28 Gefangner. 29 frey und unsre Tränen. 30 'unsre', 'Sie liebe'. 31 Hertzen. 32 verlohren, S. 249 Z. 1 seyn. 3 unserm. 4 ist es. 6 Zeit, zur. 7 f kein Absatz. 9 Glückseeligkeit. 11 J.W. Goet (das t nur halb).
Der Saarbrücker Brief (Goedekes Datierung 1770 ist wohl allgemein gebilligt worden). S. 255 Z. 2 Saarbrück am 27. Jun. 3 Freundinn. 4 Weeg. 6 Sommertags, in der süsesten. 7 mancherley. 9 'reitzenders', 'an Sie; das'. 11 'Käthgen', 'weisz dasz'. 16 'herbey', 'Lothringsche Gebürg'. 17 vorbey. 19 Dammerung. 20 schweere. 21 'Berg, über', 'dunkeln'. 22 'durchs', 'Vögelgen'. 23 wurds. 24 'der über meiner' (verschrieben nach dem 'meinem'), 'Beschweerlichkeit'. S. 256 Z. 1 Anstrengung um. 3 'ein' über und. 4. Beschweerlichkeit. 5 grose Freuden werden nur mit groser Beschweerlichkeit erkauft Mühe erworben. 7 mutig. Nimermehr. 10 'Trähnen', 'den' corrigiert durch einen Strich aus 'dem'. 11 f dasitzt wenn sie flieszen. O da sind wir so schwach dasz. 14 zittern sie. 15 'Mutig', 'Liebhaber der'. 16 kömmt, sein Mädgen. 19 Einem. 20 Reitz. 22 Arbeit, und. 25 leben ohne. 27 Fränzgen. 28 'binn', 'oft dasz'. 29 seyn. 31 Ich kenne Made [e nicht deutlich; Mademoiselle?] einen guten Freund dessen Mädgen. S. 257 Z. 1 'hatte bey', 'Schemmel'. 2 Abend dasz. 3 'wollte eh', 'war, sie'. 4 f Schmeicheley fest zu halten. 5 Weisse. 8 Fus. – Ende des Blattes.
Schöll S. 34 ff Wunderlicher Mann. Z. 15 wandelbaaren. 24 alsdenn. S. 35 Z. 6 rahten. S. 36 Z. 10 Sie ich. 13 Grille habt. 19 gewisse Dinge Kleinigkeiten. 23 nicht warum isst er nicht Ode [es folgen kleine Fragen mit 'Oder']. S. 37 Z. 4 wiederhohle. 6 nach ‚Sie‘ keine Klammer.
DjG 1, 271 'Ein zärtlich jugendlicher Kummer' füllt nicht ganz die erste Seite eines Strassburger Conceptfoliobogens; die drei übrigen sind leer. – Z. 2 Feld, es. 9 sieh bald. 11 blauem. 15 Mädgen. 16 'Veilgen', 'iungen'. 17 'sieht' über und (aus Versehen auch 'mit' durchgestrichen, dann Punkte darunter). 18 Entfalteter, und reizender ihn heute als er vor. 19 Mayenfest geblüht. 21 seegne. 23 Saamen. 25 'hagern' über starren. 26 aufs. S. 272 Z. 1 'Fluss' corrigiert aus 'Flus'. 2 Grau verst. 3 'er' corrigiert aus 'es'. 4 Erndteträumen. 5 sät.
Zum Schlusse DjG 3, 697 ff 'Reisetagebuch'. Ein Quartblatt. Z. 2 Ebersstadt [corrigiert aus 'Ebersdorf'] d 30 Oktr. 1775. Z. 3 Bittet dass. 4 Lies. 5 'auf die Zukunft' erst eingeschaltet. Nach 'sagen! –' kein Absatz. 6 Diesmal rief ich aus ist. 7 'Morgends', 'übrige betrifft so'. 8 unsichtbaare. 12 f Nachbaar Schuflicker seine Werkstäte und Laden öffnet: fort. 14 Spenglersiunge. 15 Naohbaarsmagd. 16 dämmrigen. 18 Nein sagt ich es. 19 hat sollte. 20 Lili Adieu Lili. 21 hoffnungsvoll unsere Schicksaale. 26 Frühlingsblume. S. 698 Z. 3 'später!', 'Lebe', 'Bin'. 4 Welt mich. 5 sechs Gedankenstriche nach 'wenden'. 6 'sizze', 'vorbeyfahre'. 9 Nein Bruder du. 10 theilnehmen. 12-14 bilden so den Schluss der 1. Seite, nur dass das 'den' die 3. Zeile eröffnet. 15 Uberfüllung. 17 nichts unterstrichen. 19 f Sache meine. 21 Nahmen. 22 'biss', 'Brief und Zeitungsträger', 'Nahmen'. 23 vor dem NB Klammer, 'Brief und'. 25 Wetter ists Stern. 27 gebürg. 28 'hügel abgereiht', 'Nuszallee'. 29 Voll. 32 Blick! – wollt'. 8. 699 Z. 1 Eckgen wo. 3 'hatte', 'sagen, möcht'. 5 'eintratt', 'mir' aus 'mich', 'Herbst Butten'. 6 'Weeg stünden, wir haben sagt er eben', 'sey'. 8 sey. 10 Bin.
Erich Schmidt.
DEUTSCHE BAUKUNST.
Die Schrift von deutscher Baukunst zerfällt in fünf Abschnitte, im Drucke durch Sternchen gesondert.
Die drei ersten Abschnitte, wovon der zweite gegen den Abbé Laugier (Observations sur l'architecture, Paris 1765; deutsch Leipzig 1768) polemisirt, erinnern im Stil sehr stark an Hamann und Herder. Die beiden letzten Abschnitte, wovon der eine gegen Sulzer polemisirt (vgl. Hempel 28, 345 und 29, 69) erinnern im Stil an Goethes Recensionen in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen, seine stilistische Vorschule zum Werther.
Diese letzten Abschnitte möchte ich in den Herbst 1772, unmittelbar vor den Druck des Werkchens, die drei ersten noch in die Strassburger Zeit setzen.
Zwar erst am 28. November 1771 dankt er durch Salzmann für das Münsterfundament, das ihm Silbermann auf seine Bitte geschickt (DjGoethe 1, 296. 302). Aber den Plan brauchte er nicht, um seinen Hymnus zu schreiben, und eine Stelle vom 21. September 1771 an Röderer scheint hier Aufschluss gebend: ins Jahr 1771 gehört der Brief, wie schon v. Loeper (DW. 3, 285. 289) gesehen hat; Jung, durch welchen Goethe, laut Angabe dieses Briefes, die Strassburger litterarische Gesellschaft 'um einen Ehrentag des edlen Schakspears' bat, ist am 24. März 1772 von Strassburg gegangen. Der Ehrentag war also derselbe, den Goethe in Frankfurt feiern wollte: der 14. October 1771. Die Shakespearerede ist doch geschrieben, nicht vom Verfasser vorgetragen, geschrieben wol für die Strassburger, an deren Feier er aus der Ferne theilnehmen wollte, wie es nach seinem Wunsche Herder in Frankfurt sollte. Die eigentliche Festrede hielt Lerse zu Strassburg, s. Stöber Alsatia (1873) S. 33 ff. Ebenso wie mit der sogen. Shakespearerede muss sich nun Goethe schon früher einmal an den Sitzungen der Strassburger litterarischen Gesellschaft aus der Ferne betheiligt haben, nach den Worten an Röderer in dem angeführten Briefe: 'Es freut mich, dass mein reden unter Ihnen mit εξουσια gesalbt war'. Und wenn er unmittelbar darnach ohne Uebergang von der Baukunst redet, so muss zwischen dem 'reden unter Ihnen' und der Baukunst ein innerer Zusammenhang obwalten. Mit einem Wort, ich glaube, dass er die drei ersten Abschnitte jener Schrift der Gesellschaft vorlegen liess, und da der erste Abschnitt offenbar in Sessenheim geschrieben ist, da die Frage des fünfgetürmten Hauptschmuckes, wovon der dritte Abschnitt redet, Goethen nach seiner eigenen Versicherung in der letzten Strassburger Zeit beschäftigte, so setze ich die ganze vordere Partie noch nach Strassburg – dem wesentlichen Bestande nach: denn wer wollte dafür einstehen, dass keine Correcturen vorgenommen, dass keine nachbessernde ändernde Abschrift gemacht worden. Zu meiner Meinung stimmt die Angabe von Lerse bei Böttiger 1, 60: 'Oft gingen sie (Goethe und Lerse) auf den Münster und sassen stundenlang auf seinen Zinnen. Dort entstand Goethes Erwin, die erste Schrift, die Goethe drucken liess.' Auch zwei andere früheste Goethische Schriften gehören ihrer Entstehung nach in die Strassburger oder die unmittelbar folgende Zeit: der Brief des Pastors und die Zwo biblischen Fragen: das scheint mir aus innern Gründen klar; äusserlich kommt hinzu, worauf Hr. v. Loeper aufmerksam macht, dass nach Lerse aaO. Goethes erste Strassburger Dissertation nichts anderes als die Behauptungen der ersten jener Zwo biblischen Fragen enthielt.
CONCERTO DRAMMATICO.
'Jedoch ist immer der Versuch zu machen, die Vernunft der Unvernunft zu finden' sagt Dr. G. von Loeper über das concerto drammatico (Loepers Nachlese bei Hempel 5, 241; DjGoethe 2, 197). Und so seien denn ein paar Bemerkungen gestattet, welche etwa weiter führen, ohne Alles erklären zu können.
Hr. von Loeper setzte das Gedicht früher in den Januar 1772, später in den Anfang des Winters 1772 auf 73 (DW. 3, 317): ich möchte es dem Februar 1773 zutheilen, indem ich darauf beziehe die Worte [vom 11. Febr. 1773] an Kestner DjGoethe 1, 349: 'Ehstertage schick ich euch wieder ein ganz abenteuerlich novum'. In demselben Briefe wird angespielt auf den Götz, den er zum Druck bereite, und er redet von dem Mädchen, die er sein liebes Weibchen nenne: denn 'neulich als sie in Gesellschaft um uns Junggesellen würfelten, fiel ich ihr zu'. Düntzer versteht darunter Susanna Magdalena Münch, die mit Lotten am selben Tage geborne (Erläut. zu Clavigo und Stella S. 4; vgl. v. Loeper Anm. 600).
Das Gedicht ist klärlich Antwort auf ein Schreiben aus Darmstadt, wol eine Collectivepistel der Freunde, auf welche wir Beziehungen erwarten dürfen.
Im ersten Stücke der Suite, Tempo giusto, wird der Darmstädter Brief als eine Eingebung der Langenweile bezeichnet: offenbar war über Langeweile darin geklagt worden. Das zweite Stück, Allegretto, leitet ebenso das Frankfurter Mariagespiel, wovon der Brief an Kestner handelt, aus der Langenweile ab. Das Arioso interpungire ich:
Gekaut Papier! Sollts Junos Bildung seyn?
Gar grossen Dank! Mag nicht Ixion seyn.
Goethe hat statt des Frage- ein Ausrufungszeichen; wir dürfen aber ohne weiteres, wie Heinse bei Erwin und Elmire, Ausrufungszeichen in Fragezeichen verwandeln (QF. 2, 67).
Im übrigen nehme ich an, dass der Darmstädter Brief durch die Sendung einer wohlbeleibten Frauenfigur von papier mâché begleitet war, Anspielung auf die 'junonische Gestalt' von Lottens Freundin, welche ihm Merck zu Wetzlar statt Lottens empfahl (DW. v. Loepers Ausg. 3, 101. 352). Zu Ixion vgl. DW. 3, 182.
Für Allegro con furia und Cantabile scheint wieder ein Brief an Kestner Parallelstellen zu bieten, [vom 28. Januar 1773] DjGoethe 1, 344. 345. Ich bitte die Leser ihn aufzuschlagen, damit ich ihn nicht ganz abschreiben muss. Dieselben Stimmungen sind dort contrastirt wie hier. Ein grässlicher Sturm weckt ihn um Mitternacht, da denkt er an Antoinettens idyllische Vorstellungen vom letzten Abend: wie sie Mond, Wasser, Brücke, Schiffe so paradiesisch schön findet und die Leute glücklich preist, die auf dem Land, auf Schiffen, unter Gottes Himmel leben, dass sich ihm die Empfindung aufdrängt: 'Ich lass ihr die lieben Träume gern, macht ihr noch mehr dazu, wenn ich könnte'. So redet das Cantabile gleichsam Antoinetten an und sucht den Aufruhr der Natur für sie abzuschwächen, um ihr die illusionsreiche Ruhe nicht zu stören.
Sturm und Brand selbst, die er in jener Nacht erlebte, schildert er übertreibend, indem, wie schon v. Loeper anmerkt, ein Höllen-Breughel vorschwebt: 'andere Bilder in der Imagination' hatte er am Morgen. Gemälde wirken entschieden ein auf seine dichterische Phantasie; wir sind berechtigt darnach zu suchen, erzählt er uns doch, wie er in Dresden einzelne Scenen der Wirklichkeit mit den Augen eines Schalken oder Ostade unwillkürlich betrachtete. So möchte ich im Leipziger Liederbuch die Poesie des Mondes auf Aart van der Neer zurückführen (Dresdener Gallerie Nr. 1215. 1216, Hübners Katalog von 1857 S. 247); Faust in der Hexenküche könnte auf Anlass einer Versuchung des h. Antonius concipirt sein.
Die uns vorliegenden Verse sind natürlich unmittelbar nach dem Ereignisse niedergeschrieben und dann hier eingefügt. Wenn der Dichter im Brausen des Sturmes die Noth verdammter Geister sausen hört, so ist an die Vorstellung vom wilden Jäger im Götz zu erinnern (DjGoethe 2, 158 f. 364 f.)
Im darauffolgenden Andantino interpungire ich: 'Der Frühling brächte Rosen nicht gar? Ihr möchtet sie wol lieber im Januar?' Die sentimentalen Darmstädter Freundinnen hatten in dem gemeinsamen Briefe offenbar den Frühling herbeigesehnt und dabei von den Rosen gesprochen, die er brächte. Goethe verspottet die chronologisch-botanische Gedankenlosigkeit, die etwa Caroline Flachsland zuzutrauen ist. Der Frühlingssehnsucht sind ihre Briefe damals voll, ich verweise nur auf den vom Ende Januar 1773 an Herder (Aus Herders Nachlass 3, 442) welcher beginnt: 'So komm, Frühling, o komm, o komm, und bring meinen Jüngling in meinen Arm! So geh denn, Winter!' Hiermit wird dann gleich das Lamentabile klar: Caroline ist als sprechend zu denken.
Für das Allegro con spirito weiss ich nichts als Möglichkeiten. War Goethe, den Herder (Nachlass 3, 446) Anfangs Februar als 'kalten Weiberhasser' bezeichnet, in dem Darmstädter Briefe auf ähnliche Weise geneckt worden? Empfahl man dem, der nicht lieben könne, der in der Liebe dem Nichts huldige, empfahl man ihm als Gegensatz des Nichts jene Juno? Oder hatte man über das Nichts geklagt, das die Langeweile schafft? das Nichts gespannter Erwartung? das Nichts liebeleerer Existenz?
Jedenfalls singt im Choral die Darmstädter Gemeinschaft der Heiligen, indem sie auf die Paternosterbitte ums tägliche Brot anspielt.
Im Capriccio darf man dem Gelüst, dumm in drum zu emendiren, nicht nachgeben; aber der Zusammenhang ist wirklich so: aus Angst vor Langerweile will nichts auf Erden stille stehen. Folgen dann Beispiele der Bewegung. Dem sonderbaren alterthümlich gemeinten i in herumi didumi vergleicht sich mutilich, männilich in Liebetrauts Lied nach der ungefähr gleichzeitigen Fassung des zweiten Götz (DjGoethe 2, 280), welches Lied auch im Rhythmus übereinstimmt; ferner geistilich im Pater Brey (ibid. 3, 222). Ebenso nachher is statt ist wie im Pater Brey und sonst.
Das erste Beispiel, die erste Variation, braucht keine momentanen Elemente zu enthalten. Allenfalls wäre an die Tänzer vom 28. Januar (DjGoethe 1, 345) oder an die Aeusserung vom 22. Februar, wenn sie nicht zu spät fällt (1, 350) zu erinnern: 'Ihr werdet tanzen. Wohl seys euch. Alles tanzt um mich herum. Die Darmstädter, hier, überall und ich sitze auf meiner Warte.' Die Worte 'Bricht eines sein Hälsli, das ander – Gott weiss' kann ich nicht mit v. Loeper verstehen 'Gott weiss, wann auch das andre bricht', sondern nur so dass 'eines' und 'das ander' correspondirend stehen: 'weiss Gott, was das andre bricht'. Die Wendung 'Gott weiss' tritt überraschend ein, man ist nach dem Reime gefasst auf: 'den Steiss'.
Das Schlittschuhlaufen der zweiten Variation ist natürlich Goethes eigenes, gemäss Brief vom 5. Februar 1773 (DjGoethe 1, 348). Ich möchte nach da Kolon oder Semikolon setzen: es geht wie Blitze das Flüsschen[1] hinan, und wir freuen uns am Ziele zu sein, obgleich wir wieder nach Hause zu müssen und Hüfte wie Fuss uns schmerzen.
Der Reiter in der dritten Variation könnte Merck sein. Er war am 6. Februar in Frankfurt, am elften wieder weg. Nach seiner Rückkehr, meine ich, erfolgte aus Darmstadt Sendung und Brief, worauf das Concerto die Antwort bildet. Genauer zu interpungiren wäre:
Geritten wie Teufel
Berg auf und Berg ab,
Galopp auf Galopp
(Gehn die Hund nur im Trab!)
Bis Gaul wund am Kreuz is,
Der Ritter am Steiss: –
Frau Wirtin, ein Bett! hol
Der Teufel die Reis!
Das Particip im Anfang steht wie in Liebetrauts Liede: 'Mit Pfeilen und Bogen Cupido geflogen'.
Ueber die Quelle der französischen 'Air' habe ich Adolf Tobler befragt. Er erwiderte mir: an einen Kunstdichter des XVI. Jh. sei nicht zu denken, aber auch schwerlich an ein Volkslied. 'Sollte es nicht – fährt er fort – von Goethe selbst herrühren? Die unzureichende Congruenz der zwei Strophen, das Fehlen des Artikels bei rhume in der zweiten machen mich misstrauisch, mehr noch als die durch den Reim gesicherte mama. Unter den Hauptschen Materialien ist das Liedchen nicht; ebenso wenig in anderen Sammlungen die ich besitze'.
Was den Charakter des Gedichtchens anlangt, so erinnert Hr. v. Loeper gewiss mit Recht an die Litteraturrichtung Rabelaisischen Geschmackes, welche dem jungen Goethe eine Zeit lang so sympathisch war: 'Montaigne, Amyot, Rabelais, Marot waren meine Freunde und erregten in mir Antheil und Bewunderung' DW. 3,33 L.
In dem vorliegenden Concerto ist die Beziehung auf Rabelais klar genug, wenn Goethe sich im Titel als den Panurg genannten einführt. Heisst er daneben Dottore Flamminio, so wird das nur denjenigen bedeuten, der leicht in Flammen steht; aber bei dem Namen Panurg muss man gewiss zunächst an dessen Heiratsschwierigkeiten denken, an seine Unentschlossenheit, ob er soll oder nicht; an die Art, wie alle Sorten von Orakeln zur Entscheidung der Frage, aber immer vergeblich, in Anspruch genommen werden. Das Würfelorakel hat bei Goethe eben gespielt und ihm die Münch zugewiesen, wie wir sahen. Und eine Sibylle wie bei Rabelais Buch 3 Cap. 16 werden wir gleich kennenlernen. Wenn im Allegro con furia der jüngste Tag hereindroht, so kann man sich an Bruder Jean des Entommeures erinnern, welcher dem Panurg entschieden zur Heirat zuredet mit dem Argument sçais tu pas bien que la fin du monde approche? Beschäftigung mit Rabelais in dem Frankfurt-Darmstädter Freundeskreise belegt auch eine Recension der Frankfurter Gel. Anzeigen 1772, 24. Juli, 8. 470[2], für die es, wenn man sie Goethe zuschreiben will, an Parallelstellen aus dieser und späterer Zeit nicht fehlt.
Das französische Liedchen schliesst sich an das vorangehende durch eine gewisse allgemeine Ähnlichkeit des Motivs: wie der Reiter ermüdet nach einem Bett schreit, so das Mädchen nach Medicin; der Reiter kommt durch die Kälte, das Mädchen hat sich erkältet. Und in dem folgenden Molto andante kann etwa die Wendung 'das kalte wird warm' als eine Anknüpfung, wenigstens als ein Anklang gelten. Dass diese Weisheit 'molto andante' einsetzt nach der voraufgegangenen heftigen Bewegung, ist ganz hübsch gedacht; es wird so das gefühlvolle Con espressione vorbereitet, welchem endlich das wieder contrastirende Finale die Hand reicht.
Das Weiblein der Sibyllenschaar (vgl. die 'Sibyllengilde' in der classischen Walpurgisnacht; auch Rabelais erinnert an das ganze Geschlecht der Zauberinnen) nehme ich als eine wirkliche Wahrsagerin, welche dem Dichter verkündigt, es drohe ihm Gefahr von schwarzen Augen: natürlich keine historische Notiz, sondern eine andere Einkleidung für eine Wendung wie 'es ist mir Gefahr prophezeit'. Der Dichter bezieht die Prophezeiung auf schwarze Augen, die er kennt und ruft die Besitzerin derselben unter dem Namen Marianne um Mitleid und um eine kurze Frist an. Marianne (vgl. die Geschwister und Wilhelm Meister) braucht kein wirklicher Name zu sein – manche Damen in Goethes Umgebung werden willkürlich benannt, ohne dass wir die Gründe erkennen – aber wenn ich das Concerto richtig datire, so muss Susanne Magdalena Münch gemeint sein.
'Vergönne mir die arme, kurze Frist' sagt der Dichter, und wird also wol einen bestimmten Termin seiner Freiheit im Auge haben. Diesen erst noch durchlebt, benutzt: dann will er sich gefangen geben. Man kann eine Anwendung des Spruches 'alles zu seiner Zeit' herausfühlen. Der Termin wäre durch das schliessende Presto fugato bezeichnet. Er will Rosenlust wie Obst- und Weinernte noch geniessen. Die Rosen geben eine Anknüpfung an das Andantino. Aber der Wein ist die Hauptsache: 'Hier ist genug, hier schäumt der Most die Fässer heraus' (so interpungire ich: aus den Fässern heraus). Alle, alle werden herbeigerufen, und das Tanzen und Jauchzen geht los. Das bacchische Motiv als solches kehrt am Schlusse der Helena und auch in der Pandora wieder.
Was hier vorliegt, ist in der That 'fugato', eine Art fugirter Satz. Zwei Stimmen unterscheiden wir und dazu das instrumentale Accompagnement ('didli di dum, didli di dei, duru, dal dilleri du') welches zuletzt, als ob sich der Schwarm immer weiter entfernte, allein noch gehört wird ('dum du, dum du' usw). Die eine Stimme ruft fortwährend alle herbei zum Tanzen und Singen: herbei! mit! mit! Alte und Junge, Weiber und Kinder, Zöllner und Sünder werden aufgefordert. Die zweite Stimme verspottet die Laffen, welche nicht mit wollen.
Was meint Goethe damit? Vielleicht den Götz? den ersten ausgibigen Most, den er aus seinen Trauben gekeltert hat, zu dem alles Volk geladen ist: aber er sieht voraus: die grossen Geister, gestopelten Meister, 'verschnitten dazu' werden abseits stehen und gaffen.
Jedenfalls bietet ein früheres Werkchen schon eine Parallelstelle dazu, der (nach S. 13 aus dem Herbst 1772 stammende) Schluss der deutschen Baukunst (DjGoethe 2, 213 f.): 'Wenn denn nach und nach die Freude des Lebens um dich erwacht und du jauchzenden Menschengenuss nach Arbeit, Furcht und Hoffnung fühlst; das muthige Geschrei des Winzers, wenn die Fülle des Herbsts seine Gefässe anschwellt, den belebten Tanz des Schnitters, wenn er die müssige Sichel hoch in den Balken geheftet hat; wenn' usw. Er redet den Künstler an, der die Seligkeit der Götter auf die Erde leiten soll.
Und die Anklänge gehen noch weiter. Goethe braucht nicht blos 2, 208 das Wort 'zusammengestoppelt' in einer Reihe mit 'unnatürlich, aufgeflickt, überladen' um die falsche Vorstellung dessen zu bezeichnen, was er vom Strassburger Münster erwartete; sondern er verwendet auch ein intransitives Verbum 'stoppeln' synonym mit 'fremde Gewächse einsammeln' (1, 212. 213; vgl. mhd. stupfeln) und daraufhin kann man die 'gestopelten Meister' des Concerto wohl nur mit von Loeper als solche auffassen, deren Meisterschaft auf einer Aehrenlese über fremde Aecker hin beruht.
In einer Recension der Frankfurter Gel. Anz. 1772 S. 741 über die Allgem. D. Bibl. XVII. 1 heisst es: 'Stockhausens kritischer Entwurf einer auserlesnen Bibliothek. Vierte Auflage. Damit wird übel verfahren, und von der Seite des, was es ist, mit Recht; wenn man aber auf der andern Seite denkt, was es sein kann, und nicht mehr, wie vielleicht eine solche kritische Bibliothek unmöglich ist, denn gut, schlecht, schön, lesenswerth, drücken freilich den Gehalt nicht aus, und bestimmtere Urtheile, wer soll sie geben? Der Mann von Genie? Der wird uns sagen, was ihm die Bücher waren; Und der Litterator? Das ist ja Hrn. S. ein sehr mittelmässiger vielleicht; So lassts denn, dass zu jeder neuen Ausgabe Freunde und Feinde, Professores und Recensenten ihre Beiträge und Tadel dazugiessen, und zuletzt einer darein tritt, der alles Urtheil heraus schmeisst und die von so mancherlei Köpfen gewählte und gestoppelte Bücher nach dem Seinigen meistert und in litterarischen Reihen die Titel ordnet'. Unzweifelhaft ein Goethischer Satz, aber keiner von den durchgebildeten, sondern leicht hingeworfen.
In meiner Auffassung bestärkt mich das 'verschnitten dazu' des Concerto. Der Giessener Schmid bemerkt in der Recension der Deutschen Baukunst (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 775; 4. December) welche Goethe an Kestner (DjGoethe 1, 337 f.) im wesentlichen richtig, aber doch zu empfindlich charakterisirt[3]: 'Gegen die Herrn Geschmäckler und verschnittne Kunsttheoristen, die nichts als schöne Kunst kennen wollen, erinnert der Verf. mit vielem Grunde, dass die Kunst lange bildend ist, ehe sie schön wird' usw. Der Ausdruck 'Geschmäckler' findet sich bei Goethe (2, 205), aber nichts von verschnittenen Kunsttheoristen: sollte Schmid den Ausdruck nicht doch aus Goethens Munde haben? Wer ins blaue rathen will, kann annehmen, dass Schmid die Baukunst, nach der er sich sehr begierig zeigte, im Correcturabzug erhalten hatte und darin noch den derberen Ausdruck vorfand (etwa 'dem verschnittenen Geschmäckler' statt 'dem schwachen Geschmäckler', Gegensatz: 'ganze Seelen'), den der Verfasser nachher freundschaftlichem Rathe oder eigenem Besinnen folgend, milderte.
Unter allen Umständen stellt der Schluss des Concerto gerade wie die Schrift von deutscher Baukunst den neuen Geschmack energisch in den Vordergrund und wirft unhöfliche Seitenblicke auf die Vertreter des alten. Auf frühere Abfassungszeit des Presto fugato möchte ich daraus nicht sofort schliessen.
Entstehung der einzelnen Theile zu verschiedenen Zeiten ist ganz möglich. Dergleichen kann sich nach und nach ansammeln und wird dann in einem günstigen Augenblicke redigirt.
Wo irgend sich einiger Zusammenhang zwischen den verschiedenen Stücken zu zeigen schien, da habe ich darauf hingewiesen. Man könnte wol hier und da noch einen Schritt weiter gehen; aber es kommt darauf überhaupt nicht an: die Stücke sollen nur den musikalischen Gegensatz der Stimmung haben, die schärfsten Contraste dicht neben einander gestellt, eine gewisse Einheit nur durch wiederholtes Anschlagen der selben Themata hervorgebracht.
14. 2. 78.
JAHRMARKTSFEST ZU PLUNDERSWEILERN.
Das Folgende ist mit Bezug auf eine Arbeit von W. Wilmanns über denselben Gegenstand (Preuss. Jahrb. 42, 42) geschrieben, welche mir durch die Gefälligkeit des Verfassers schon im Manuscripte vorgelegen hatte. Dass die Personen des kleinen Spieles Porträte ganz oder hauptsächlich aus Goethes Kreise seien, steht fest durch Goethes eigenes und durch Mercks Zeugnis. Bisher hatte man aber wol nur Mardochai auf Leuchsenring gedeutet; Wilmanns fügt eine Anzahl gewiss richtiger Vermuthungen hinzu; in einigen Fällen möchte ich ihn bekämpfen und seine Deutungen entweder durch andere ersetzen oder wenigstens die Möglichkeit künftigen besseren Findens offen lassen, wo er schon bestimmte Substitutionen vornimmt. Das Princip vor allem ist mir zweifelhaft, wonach Wilmanns wiederholt zulässt, dass mehrere Figuren des Spieles auf eine und dieselbe Persönlichkeit zurückgehen könnten. Das hat eine grosse innere Unwahrscheinlichkeit, und nur ausnahmsweise möchte ich davon Gebrauch machen.
Im April 1773 meldet Caroline Flachsland ihrem geliebten Herder, Goethe habe neulich einen Jahrmarkt in Versen nach Darmstadt geschickt, um Herrn Merck die Cour zu machen und Leuchsenrings Person darin aufzuführen. Dieser 'Jahrmarkt in Versen' ist ohne Zweifel unser Stück und wir gewinnen dadurch ein ziemlich sicheres, wenn auch nur ungefähres Datum. An der Identität zu zweifeln oder eine noch ältere Fassung vorauszusetzen, haben wir keinen Grund, da – wie sich zeigen wird – die Notiz vollkommen richtig ist und genau passt.
Da wir zum Theil gewiss litterarische Satire vor uns haben, so sei aus den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 669 (20. October) angeführt: 'Wenn wir uns nicht lange gewöhnt hätten, alle die Gaukeleien, Windbeuteleien und Schelmereien, die in dem Reiche der Gelehrsamkeit seit einiger Zeit Mode werden, mit eben der Laune anzusehen, womit man, wenn man sonst nichts besseres zu thun weiss, an dem Theater eines jeden Markschreiers [so] verweilt; so würden wir uns über die Unverschämtheit ärgern müssen, womit der Uebersetzer und Verleger dieser Bogen aufzutreten wagt' ... 'Endlich hängt er noch die weise Bemerkung an, dass das Buch nicht für Kinder wäre, und lässt dabei einen formalen Stammbaum abstechen, der alle Tugenden in ihre Aeste vertheilt, der lehrbegierigen Jugend etwa an der Wand im Schattenspiel oder im Raritätenkasten zur Ergötzung und Nutzen vorgezeigt werden kann' ... Es handelt sich um eine aus dem Französischen übersetzte Schrift über die Unumstösslichkeit der natürlichen Religion. Man sieht: die Conception eines litterarischen Jahrmarktes war bei Goethe oder in Goethes Kreise schon vor dem 20. October 1772 vorhanden. (Vergleich der deutschen Litteratur mit einer Trödelbude, wo falsche Waare gegen falsche Münze ausgetauscht wird, schon S. 199 am 27. März 1772.)
Plundersweilern ist natürlich Frankfurt. Und an die Frankfurter Messe wird gedacht. Wie die eben citirte Stelle um die Zeit der Herbstmesse, so ist das Fastnachtspiel um die Zeit der Ostermesse geschrieben, welche wirklich Comödie und Schattenspiel darbot, wie wir es hier finden (vgl. DjGoethe 1, 363). Ich sondere die kleinen Scenen, die sich hinter einander abspielen.
I. Doctor Medicus und Marktschreier. Wilmanns hat erkannt, dass jener Goethe selbst ist, dieser aber Christian Heinrich Schmid Dr. jur. Professor der Dichtkunst zu Giessen. Beide im Leben Doctores juris, werden hier in die medicinische Region übertragen. Der Doctor, tolerant, gönnt dem quacksalbernden quasi-Collegen den Profit und weiss, dass die Kunst doch beiderseits nicht gross: ganz in Goethes lässiger Art, die Merck so entschieden bekämpfte. Specielle Beziehung auf Schmids Zulassung als Recensent in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen?
Der Marktschreier kündigt eine Tragödie an 'voll süsser Worten und Silbensprüchen':
Hüten uns auch für Zoten und Flüchen
Seitdem die Gegend in Einer Nacht
Der Landcatechismus sittlich gemacht.
Gemeint ist der Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk (Frankfurt am Mayn, bey J.L. Eichenbergs seel. Erben, 1771) – anonym erschienen, bekanntlich von J.G. Schlosser. Das Motto lautet: 'Bist du weise, so bist du dir weise' (Sprichw. Salomon. 9, 12). Auf eine kurze Vorrede folgt eine längere Einleitung (S. 5-54), worin der Verfasser von dem Landgut eines Freundes erzählt, wo er unter den Landbewohnern die Tugenden des goldenen Zeitalters gefunden habe. Ein Zufall entdeckt ihm, welche Hand so segensreich wirkte. Er trifft einen alten Verwalter des Gutes eines Tages mitten unter den Kindern der Bauern, der Alte sitzt unter ihnen wie Sokrates unter seinen Schülern, und die Kinder horchen mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Lehrer weiss ihnen die Tugend interessant und liebenswürdig zu machen. 'Alle seine Lehren und seine Ermahnungen gingen blos dahin zu zeigen, wie unzertrennlich der Vortheil eines jeden mit der Ausübung der Pflichten verbunden ist, die wir auf uns haben'. In einem Gespräche mit dem Verfasser hält dann der Alte eine Lobrede auf die Tugend im allgemeinen und gibt nähere Auskunft über die Art und Weise, wie er seine Umgebung moralisch gebessert habe. Aus den Lehrstunden des Alten ist angeblich der eigentliche Katechismus gesammelt (S. 55-136) der nicht in Fragen und Antworten, sondern in zusammenhängendem Vortrage die Pflichten des Menschen durchnimmt und den Nutzen, den sie bringen, einleuchtend zu machen sucht.
Goethe trifft den entscheidenden komischen Punkt, wenn er die Vorstellung persifflirt, als ob auf diesem Wege im Handumdrehen eine Verbesserung der öffentlichen Moral erzielt werden könnte. Am 8. Januar 1773 (Frankf. Gel. Anz. 1773 S. 24) kündigt übrigens der Verleger die zweite Auflage des Büchleins und einen Separatdruck des eigentlichen Katechismus an. Hieran erst schliesst sich chronologisch Goethes Spott.
Der Doctor meint zum Marktschreier: ohne Zoten und Flüche werde man sich wol ennuyiren. Ganz wie Goethe (6. März 1773) an Salzmann das deutsche Theater seit der Verbannung des Hanswurst charakterisirt: 'Wir haben Sittlichkeit und Langeweile'. Der Marktschreier bedauert denn auch, dass sein Hanswurst krank sei. Auf die Parallelstelle macht Wilmanns S. 64 aufmerksam.
Der Doctor wird durch einen Bedienten zum 'Gnädgen Fräulein' abgerufen: er soll mit ihr zur 'Frau Amtmann' gehen.
II. Marktscene. Der Tyroler bietet allerhand, lang und kurze Waar, für 6 Kreuzer das Stück aus. Wilmanns S. 70 nimmt an, Goethe selbst sei gemeint, weil seine Schrift von deutscher Baukunst 6 Kreuzer kostete. In der That, am Ende der Recension dieser Schrift in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 776 (4. December) heisst es: 'Ist bey Ausgebern dieser Zeitung zu haben für 6 Kr.' Und die Notiz fällt auf, weil sie gegen den sonstigen Stil der Frankf. Gel. Anz. verstösst. Ich schliesse aber daraus, dass vielmehr Deinet, der Verleger dieser Zeitschrift gemeint sei. Das Allerhand, die lang und kurze Waar, mag sich auf den bunten Inhalt und die sehr verschiedene Länge der Recensionen in den Frankf. Gel. Anzeigen beziehen. Wie viel diese selbst kosteten, weiss ich nicht.
Ein Bauer bietet Besen aus, natürlich kritische Besen. Aber dass Herder der Kritiker sein müsse (Wilmanns S. 69), leuchtet nicht ein. Ich weiss keine bestimmte Deutung. Die allgemeine deutsche Bibliothek? Schirachs Magazin der deutschen Kritik? die Lemgoer Auserlesene Bibliothek? die Briefe von Unzer und Mauvillon? Ueber die letzteren wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 781 f. gesagt: 'Wenn doch einmal die Herren (die Recensenten dieser Briefe) sich nicht so ganz an die Manier stossen, und den Geist nicht verkennen wollten, der diese oft ungeschickte Hand belebt. Ungezogenheit, Impertinenz, weitschweifige verwaschene Schreibart fällt allerdings dem Verfasser zur Last; allein, er bleibt allezeit ein Kopf, der wahre Stärke hat.' Ueber die Lemgoer Bibl. heisst es ebenda S. 430: 'Der Plan dieser Schrift war gross und vor den einfältigen und geehrten Leser anziehend genug angegeben, und der Ton Posaunenschall, der oben von den Trümmern der Vorgänger heruntergeblasen, weit genug ins Land schallen sollte. Man rügte und entdeckte einige von allen Kennern entdeckte Mängel und Gebrechen unsrer bisherigen periodischen Schriften' usw. Die Recension über Schirachs Magazin ebenda S. 561 beginnt: 'Der Rest der Klotzischen Schauspielergesellschaft packt das übrige Geräth auf ein neues Fuhrwerk, wozu J.J. Gebauer (der Verleger zu Halle) abermal die Vorspann hergibt, und fährt nun unter dem Namen der Schirachischen Bande in der Welt herum'. Nirgends eine entschiedene Anknüpfung. Aber Kritiker ersten Ranges wie Lessing oder Herder darf man doch nicht unter dem Bauer vermuthen, der seine kritischen Künste so prahlerisch ausschreit.
Ein Nürnberger bietet Spielsachen für Kinder an. Mit Goethes Kinderliebe (Wilmanns S. 71) weiss ich wieder nichts anzufangen. Etwa Christian Felix Weisse, der Verfasser der 'Lieder für Kinder' (1766) und Herausgeber der Neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste. Specielle Beziehung auf Weisses Fibel, die im J. 1772 erschien und grossen Beifall fand: Weisse berichtet darüber in seiner Selbstbiographie S. 170 ff. Um den Kindern das Merken der Buchstaben zu erleichtern, 'wurden kleine Kupferstiche verfertigt, auf welchen der Name der Hauptfigur sich mit dem dabeistehenden Buchstaben anfing; darunter kam ein kleiner Denkspruch, der sich darauf bezog'. Die Sache war etwas neues. Die erste Auflage mit schwarzen und gemalten Kupfern war rasch verkauft; eine kleinere mit Holzschnitten wurde besorgt; der Verfasser nahm kein Honorar 'um den Verleger in den Stand zu setzen, das Büchelgen so wohlfeil als möglich zu verkaufen'. Wie sagt der Nürnberger? 'Hier ein Hündlein, hier ein Schwein ... Nur ein paar Kreuzer, Ist alles dein! Kindlein, kauft ein!'
Wenn durch den Tyroler die Frankfurter Gel. Anzeigen, durch den Nürnberger die Neue Bibl. vertreten ist, so wird es um so wahrscheinlicher, dass der Bauer mit seinen Besen auch irgend einer deutschen Recensir- und Reclame-Anstalt entspricht. –
Der Doctor hat dem Wunsche des gnädgen Fräuleins willfahrt und geht nun mit ihr durch das Marktgewühl. All das Anpreisen, all die Reclame führt er mit Recht auf das Geld- und Erwerbsinteresse, anders gesagt: auf den Hunger zurück: 'Es gilt ums Abendessen'.
Dem Fräulein bietet eine Tyrolerin Modewaaren zum Kaufe. Nehmen wir die Uebersetzung ins Litterarische vor, so könnte an Frau v. Laroche gedacht werden. Von ihrer Sternheim erschien im J. 1772 eine Ausgabe unter dem Reclame-Titel: 'Bibliothek für den guten Geschmack'.
Der Wagenschmiermann ruft seine Waare aus: 'dass die Achsen nicht knirren, dass die Räder nicht girren'. Was folgt: 'Ya! Ya! Ich und mein Esel sind auch da' gebraucht Goethe vom Giessner Schmid bei Gelegenheit von dessen Recension seiner deutschen Baukunst (Wilmanns S. 66; vgl. oben S. 23). Aber dass der Giessner Schmid hier gemeint sei, folgt daraus nicht. Es muss nur überhaupt ein Recensent gemeint sein, der eigentlich nichts zu sagen weiss, aber durch sein kritisches Geschwätz andeuten will, er sei auch da. Ein Recensent ferner, der alles weichlich verschmieren will, dem jeder kräftige Laut zuwider ist. Das passt wohl auf Christian Heinrich Schmid; aber es passt auch auf Andre, z.B. auf Schirachs Magazin, wo dem Frankfurter Recensenten (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 562) 'die Schreiber ohne Kraft und Saft' leibhaftig vors Gesicht getreten sind. In diesem ehemals Klotzischen Kreise, wo man für Gleim, Wieland, Jacobi ungeheure, aber nichts bedeutende Complimente, für die Wiener eitel Bewunderung[4], für Klopstock nur weise Belehrung, für Herder nur hämischen Tadel hatte, gewinnt die Wagenschmiere noch eine besondere Bedeutung. Man hasste die Kraft des Ausdruckes, verspottete die knorrige Originalität und begünstigte das Geleckte, Glatte, Butterweiche. Man eröffnete ferner eine sogenannte Freistätte gegen alle Journale: jeder beleidigte Autor sollte seine Vertheidigung bei Schirach einrücken können. Ein Buchhändlerkniff um anzuziehen und die Schriftsteller vierten und fünften Ranges in wohlwollende Stimmung zu versetzen. Aber ich will hiermit nicht diese bestimmte Deutung empfehlen.
III. Wir kennen das eine Paar, Doctor und Fräulein, die durchs Gewühl gehen und bei der Tyrolerin stehen geblieben sind. Ein zweites Paar lernen wir jetzt kennen auf demselben Wege: Gouvernante und Pfarrer. Die Gouvernante scheint den Doctor für einen gefährlichen Menschen zu halten und möchte das ihr anvertraute Fräulein vor ihm hüten. Der Pfarrer aber wird durch ein Pfefferkuchenmädchen angezogen und festgehalten. Wilmanns hat über alle diese Personen nichts Zuverlässiges ermittelt. Die Gouvernante soll Frl. Ravanell, die Hofmeisterin der Darmstädtischen Prinzessinnen sein (S. 73): aber von dieser wissen wir gar nichts, und sollten wir Goethe den geringen Spass zutrauen, eine Hofmeisterin als Hofmeisterin einzuführen? Das Fräulein soll Maxe Laroche sein, das Pfefferkuchenmädchen wieder Maxe Laroche, der Pfarrer bleibt unbestimmt. Allenfalls könnten wir Dumeix darunter verstehen (vgl. über ihn Loeper zu DW. 3, 381), und dann würde die Anziehungskraft der Maxe Laroche als Pfefferkuchenmädchen (Wilmanns S. 73) zu den Verhältnissen stimmen. Die Gouvernante, welche das Fräulein vor dem Doctor hütet, könnte Johanna Fahlner sein, welche Lottchen Jacobi oder Luischen Gerock vor Goethe warnt (vgl. DRundschau 6, 73 f.). Als zarte Hofmeisterin hatte sich Johanna wohl gezeigt (DW 3, 164 L.). Oder ist es Frau Servière, welche dem Dechanten Dumeix sehr nahe stand (Loeper zu DW. 3, 381 f.)? Ist das Fräulein die Münch, Goethes 'liebes Weibgen' (DjGoethe 1, 350 vom 11. Februar 1773)? Die Anhaltspunkte sind für jede Deutung gering. Verhältnismässig sicher mag nur sein, dass Goethe als ein gefährlicher Mensch galt und sich darüber in dieser discreten Weise lustig macht.
IV. In dem Zigeunerhauptmann, der den ganzen Markt für Quark erklärt und drüber her fallen möchte, hat Wilmanns (S. 67) Herder erkannt; und da der Zigeunerhauptmann aus rein künstlerischen Gründen einen gleichgesinnten aber etwas contrastirenden Unterredner brauchte, so mag man gerne zugeben dass Goethe bei dem Zigeunerburschen an sich selbst gedacht habe. Zu der Stelle vom gaffenden Publicum vgl. DjGoethe 2, 475.
V. Man muss annehmen dass der Doctor und der Pfarrer mit ihren Damen sich zusammengefunden haben und vom Amtmann und seiner Frau empfangen werden: das Fräulein wollte ja mit dem Doctor zum Amtmann gehen. Wer Amtmann und Amtmännin sind, ergibt sich sogleich.
Der Bänkelsänger fordert zur Sittenbesserung auf:
Das Laster weh dem Menschen thut
Die Tugend ist das höchste Gut
Und liegt Euch vor den Füssen.
Wilmanns vermuthet einen unbekannten Pfarrer (S. 59. 60). Ich vermuthe Johann Georg Jacobi. Vgl. Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 808: 'Wir wünschten, Herr Jacobi unter seinen Zweigen accompagnirte seine Vögel; wäre
Der edle, warme Menschenfreund
Der echte, weise Tugendfreund
Auch des Lasters strenger Feind
und liesse uns nur mit seinen Tugenden unbehelligt'. Dazu ferner S. 215: 'Man ist endlich das Geleier von der Tugend und Religion überdrüssig, wo der Leiermann mehr nicht sagt als: wie schön ist die Tugend! wie schön ist die Religion! und wie ist die Tugend und Religion doch so schön! und was ist der für ein böser Mensch, der nicht laut schreit: sie ist schön usw. Was thun die Leute, die so ohne Gefühl mit den heiligsten Dingen tändlen, was thun sie anders, als dass sie einem blauen Schmetterling nachlaufen? Und mit aller ihrer Schwärmerei werden sie doch keinen Pedrillo bekehren.'
Einer solchen Beurtheilung des Bänkelsängers, etwa von Seiten des Doctors, scheint der Amtmann zu erwidern, wenn er sagt: 'Der Mensch meints doch gut'. Wer nimmt sich hier des Bänkelsängers an, wenn er nur gute Gesinnungen verbreitet? Wer scandalisirt sich in VII über das Schauspiel und verlangt geziemlichere Fassung, gibt sich aber damit zufrieden, dass der Bösewicht eclatant bestraft werde? Ohne Zweifel J.G. Schlosser, der Verfasser des Landcatechismus, vor dem der Marktschreier so viel Respect beweist[5]. Wir begreifen nun diesen Respect: der Marktschreier und Entrepreneur muss auf die Tendenzen des Amtmanns Rücksicht nehmen, da er innerhalb seiner Jurisdiction Geschäfte zu machen wünscht.
Ist der Amtmann Schlosser, so ist die Amtmännin Goethes Schwester. Dass beide im April 1773 noch nicht verheiratet waren, hindert die Combination gar nicht. Schlosser hatte stets eine Vorliebe für Jacobi, dessen Lieder er später gesammelt herausgab.
Wilmanns denkt an Herrn und Frau von Laroche (S. 56). –
Zitterspielbub.
Ai! Ai! meinen Kreutzer
Er hat mir mein Kreutzer genommen
Marmotte.
Ist nicht wahr, ist mein.
Sie 'balgen sich. Marmotte siegt. Zitter weint'. Wilmanns S. 71 lässt dahin gestellt, ob Goethe mit dem Zitterspielbuben sich selbst gemeint; unter dem räuberischen Marmotte aber versteht er Heinrich Leopold Wagner, der später Goethes Gretchentragoedie wegschnappte. Aber der Lyriker streitet mit dem Murmelthierführer nicht um eine Waare, welche sie ausbieten, sondern um den geringen Lohn, den sie damit erzielen, um ihre Erfolge beim Publicum. Der weinende Lyriker ist vielleicht Gleim. Sein Gedicht an die Musen (1772) wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 327 mit den Worten eingeführt: 'Aus diesem Gedichte ersieht man, dass das Herz dieses edlen Mannes, das im vorigen Jahre von der Hand eines Freundes verwundet ward, noch immer blutet. Bald würden wir auf alles zartere Gefühl der Freundschaft schmählen, wenn wir glauben dürften, dass alle Klagen dieses beleidigten würdigen Mannes gerecht wären'. Der Recensent theilt einige Strophen mit und versichert 'beide grosse Männer, die sich jetzo misverstehen' seiner aufrichtigsten Verehrung. Der Angreifer, also Marmotte, ist Spalding: s. Briefe von Herrn Spalding an Herrn Gleim, Frankfurt und Leipzig 1771; ein Titel den ich aus dem Leipziger Musenalmanach für 1772 S. 48 abschreibe (vgl. Bürger-Briefe 1, 33). Gleim erzählt in dem Gedichte, der Pfarrer wolle seinen Gesang nicht leiden: 'Geht schleichend meiner Leier nach, geführt von seinem Glauben ... und will, ihr lieben Musen, ach! mir meine Leier rauben!' Und weiter: 'dann aber wein ich, wann mein Freund, von seinem Gott verlassen, mir stolz ist, mir ein Heuchler scheint' usw. Da haben wir wenigstens den in seinem Eigenthume bedrohten, weinenden Lyriker.
VI. Die Tragoedie soll angehen. Der Lichtputzer tritt auf in Hanswursttracht (natürlich also sind Lichtputzer und Hanswurst eine Person, gegen Wilmanns S. 66), hat zwar nicht Hanswursts Kopf, aber so viel Durst wie Hanswurst. Wer ist dieser durstige College des Marktschreiers, des Giessner Schmid? Lichtputzer kann wol nur einen Mann bedeuten, der in untergeordneter Weise das vorhandene Licht zu besserem Brennen bringt[6], d.h. einen theologischen Aufklärer von geringem Range. Etwa Karl Friedrich Bahrdt, seit 1771 Professor in Giessen? Wilmanns S. 65 versteht auch unter dem Hanswurst nur wieder den Christian Heinrich Schmid.
Schweinemetzger und Ochsenhändler geben sich dem angenehmen Bewusstsein hin, dass ihre Herden versorgt seien und wollen eins trinken. Etwa Schulmänner oder Professoren die sich an dem litterarischen Treiben betheiligten? Wie despectirlich Merck von den Studenten, speciell den Giessenern, redete, ist aus Dichtung und Wahrheit bekannt; auch in der ersten Rede des Würzkrämers im Pater Brey, d.h. Mercks, stehen Schweine und Studenten als unordentlich einander gleich, wenn auch der Würzkrämer nur aus dem Sinne des Paters heraus spricht. Ebenso despectirlich würde sich, falls meine Vermuthung richtig ist, hier Goethe ausdrücken. Soll ich Namen nennen, so wären es Professor Höpfner zu Giessen und Rector Wenck zu Darmstadt (Loeper zu DW. 3, 297), beide Mitarbeiter der Frankfurter Gel. Anzeigen. Wilmanns will Leuchsenring und den unbekannten orthodoxen Pfarrer (S. 60).
Der erste Act der Tragoedie wird abgespielt. Es ist der Geburtstag des Kaisers Ahasverus. Haman nähert sich ihm, möchte Empfindsamkeit und Religion ausrotten und die Welt mit Gewalt zum Unglauben bekehren, Vernunft soll alleinige Führerin sein. Aber Ahasverus geht sehr majestätisch darüber hinweg: die Vernunft habe keine Waden; was die Leute glauben scheint ihm einerlei, aber er will kein Geschrei darüber: 'Lasst sie am Sonnenlicht sich vergnügen, fleissig bei ihren Weibern liegen, damit wir tapfre (Mommsen vermuthet: 'tapfer') Kinder kriegen'. Der tolerante Kaiser soll nach Wilmanns Hr. von Laroche, der intolerante Minister Merck sein (S. 51. 53). Aber er selbst berichtet uns von dem 'unversöhnlichen Hass gegen das Pfaffenthum', der sich bei Herrn von Laroche festgesetzt habe. Und woraus schliesst er auf bekehrungssüchtigen Rationalismus auf Seiten Mercks? Der ganze von Merck redigirte Jahrgang 1772 der Frankfurter Gel. Anz. legt Protest dagegen ein, und Mercks eigenen Beiträgen macht Herder das Compliment: er sei darin immer Sokrates-Addison. Die Frankf. Gel. Anz. kämpfen gerade so gegen die Hamans wie es hier Goethe thut: Ein Beispiel mag genügen. Die Schrift von C.J. Damm Vom historischen Glauben (Berlin 1772) wird angezeigt (S. 529 ff.). Damm stellt die Göttlichkeit der heiligen Schrift unter die Beurtheilung der aufmerksamen Vernunft, man könne sich nirgends der gesunden Vernunft zum Trotz auf die Bibel berufen, die gesunde Vernunft vielmehr sei der Richter über jene menschlichen Schriften. Der Recensent bemerkt, als Glaubensbekenntnis des Herrn Damm möge das gelten; aber muss denn dies Glaubensbekenntnis vor den Augen des Publicums abgelegt und mit Reformatorgeist in die Welt geschickt werden? Es wird dem Verfasser willkürliche Deutung, die den Geist des Schriftstellers hinwegspüle; es wird ihm die Zuversichtlichkeit seiner Behauptungen, die unverantwortliche Dreistigkeit und der Leichtsinn seiner Hypothesen vorgeworfen; und vor dem Richterstuhle der Vernunft des hocherleuchteten achtzehnten Jahrhunderts hat der Recensent offenbar nicht so viel Ehrfurcht wie der Verfasser. Diese Herrn 'sollten Gott auf den Knien danken, dass er das Gras hat wachsen lassen, ehe sie es wachsen gehört haben. Sie geben uns doch zu dass es wenigstens in jedem Lande nothwendige Policeianstalt sei, eine Art von öffentlichem Glaubensvortrag zu haben ... Welchen Namen soll man diesem menschenfeindlichen Eifer geben? Sie sehen bey Brahmanen, Schumanen, Gebern und Sinesen überall die Fäden der Wahrheit durch die sonderbare Textur ihrer Religion durchziehen, und nur bei uns erkennen sie sie nicht in dem Vorhang des Allerheiligsten. Sie sagen und beweisen uns, dass dieser Baum des Erkenntnisses durch so mancherlei Jahrhunderte und Sekten und Dogmen und Concilien habe müsse verschnitten, angebunden, ausgeputzt, gezogen, genährt und gepflegt werden, bis er in dieser Gestalt erschienen sei. Und ist er nun auf einmal zu alt, oder hat er nicht vielmehr jetzo das Alter, das er nach so vielen Veränderungen haben müsste – und sollte?... Wer seine Brüder liebt und den Lauf der Welt ein wenig kennt, der wird fühlen, dass man mehr zum Wohl des Ganzen beiträgt, wenn man sein eigen Feld im Frieden baut, ohne Projecte fürs allgemeine Wohl zu machen, und in allem Jahreszeit und Witterung abwartet.'
Es ist ungefähr der Ton wie Goethe in späteren Jahren das politische Treiben der Deutschen beurtheilt, und auch dafür ist die Stelle nicht ohne Interesse. Aber ich glaube mich nun berechtigt, Wilmanns' Auffassung hier gerade umzudrehen. Haman ist Herr von Laroche; Ahasverus ist Merck. Und wir wissen nun, inwiefern Goethe durch das Jahrmarktsfest 'Herrn Merck die Cour machte', wie Caroline Flachsland sich ausdrückt. Ihr Brief ist, wie gesagt, aus dem April 1773, genauer: aus dem Anfang April. Mercks Geburtstag fällt auf den elften April. So mochte Goethe sein Geburtstagsgeschenk etwas früher an den 'Kaiser Ahasverus' geschickt haben.
VII. Der Marktschreier beruft sich in längerer Rede auf die Kaiserin aller Reussen und Friedrich König von Preussen und alle Potentaten Europas, von denen er Brief und Siegel weisen könnte, und bietet dann ein Päckel Arznei aus, worin Magenpulver und Purganz, auch ein Zahnpülverlein honigsüsse und ein Ring gegen alle Flüsse. Schmids Leipziger Musenalmanach für 1772 enthält S. 104 'Knittelverse auf hundert und noch hundert Doctoren gleicher Art' die im Ton anklingen, z.B.
Du weisst wie man Klistire setzt,
Mit Schröpfen ganze Haut zerfetzt,
Wie man den vollen Wanst purgirt
Und feine seidne Pflaster schmiert,
Du weisst wie man das gute Blut
Dem Patienten nehmen thut,
Da weisst was man für Warzen braucht,
Und was für Hüneraugen taugt ...
Was gilt, und wo bekommt man doch
Die beste Seife für den Bart?
Die Recension der Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 43 macht sich lustig über ein S. 69 mitgetheiltes Gedicht von Willamov 'auf das Emblem der goldnen Dose, womit Ihro Kayserliche Majestät den Dichter noch beschenken wollen' (die Hervorhebung rührt vom Recensenten her) und findet es ganz und gar platt. Zur Probe wird angeführt:
Wo findt man denn in unsern Tagen
Die Pallas?... Ich, ich will es sagen,
Die wahre Pallas ist der Reussen Kaiserin. –
An einer andern Stelle verherrlicht Ramler Friedrich den Grossen (S. 87). Ein Epigramm (S. 102) lautet:
Auf eine hohe Frisur.
Der Alpen Spitze gleicht dein aufgethürmtes Haar;
Dein Haupt ist weiss, wie sie, und auch so unfruchtbar.
Der Recensent meint, das Epigramm sei sehr gut, und 'überall sehr applicabel'. Ueberall, das heisst: auch auf den Herausgeber des Musenalmanachs.
Nach der Rede des Marktschreiers spielt sich die kleine Scene zwischen dem Zigeunerhauptmann und dem Milchmädchen ab. Wilmanns hat in ihr Caroline Flachsland erkannt (S. 68). Aber die Scene selbst scheint er unrichtig aufzufassen. Milchmädchen ist Caroline wegen ihres Geschmackes an kraftloser Sentimentalität. Der zinnerne Ring, den ihr der Zigeunerhauptmann Herder zu kaufen bereit ist, deutet auf die Verlobung, welche so lange nicht zur Vermälung gedieh. Die Worte des Milchmädchens, das an einer Bude zu denken ist, sind ein Ausruf kritikloser Bewunderung: 'Man sieht sich an den sieben Sachen blind'. Und damit ist sie ausgezeichnet charakterisirt. Sie fällt – wenn ich mich so ausdrücken darf – auf alles herein; sogar auf einen Menschen wie Leuchsenring.
Im zweiten Acte der Tragoedie lernen wir Mardochai und Esther kennen, d.h. Leuchsenring und – Frau Merck: so müssen wir annehmen in Consequenz unserer Deutung des Ahasverus.
Franz Leuchsenring war gegen Ende Februar schon mit Merck sehr gespannt, doch ging er noch immer in sein Haus, aber nur der Frau und Kinder wegen: so meldet Caroline Flachsland (Herders Nachl. 3, 457). Und dieselbe später: Leuchsenring könne den Merck fast nicht mehr ausstehen und würde längst mit ihm gebrochen haben, wenn ers nicht seiner Frau wegen unterliesse; Mercks Betragen im Hause gegen seine Frau habe ihm Leuchsenring unter andern auch übel genommen (ibid. 488). Die Entfremdung begann mit einem Briefe, den Leuchsenring 1772 an Merck richtete, den ihm Merck zurückschickte und den Caroline in Abschrift ihrem Herder mittheilen kann (ibid. 487). Herder aber bemerkt darüber (ibid. 490): Der Brief 'ist doch, die Sache mag zwischen beiden stehen, wie sie will, so höckerigt und nicht recht nach meinem Sinn geschrieben. Mich dünkt immer, die recht reine Wahrheit, Lauterkeit und Eifersucht für die alleinige Tugend, mit Aufopferung alles dessen, was wir sind, spreche doch nicht so .... Leuchsenring ist doch nur ein Buttervogel mit schönen Goldflügeln ... Wer mich am meisten dauert, ist Madame Merck. Es muss ein Tod im Herzen und ein Brand in den Eingeweiden sein, sich ungeliebt zu fühlen – zeitlebens ungeliebt! – und die Schritte gethan zu haben, die sie gethan hat.' Nach Allem scheint es dass sich Leuchsenring in Mercks häusliche Verhältnisse eingemischt hatte. Mit der äussersten Indiscretion vermuthlich. Aus dem Stücke gehören hierher vielleicht noch Hamans Worte im ersten Act: 'Das leidt sein Lebtag kein Prophet'.
IX. Der Schattenspielmann producirt sich. Er führt die Schöpfung vor, das Paradies und dessen Verlust, die menschliche Verderbnis bis zur Sündflut: da kommt Mercurius als Retter, 'macht ein End all dieser Noth'. Wilmanns hat gesehen dass Wielands Merkur gemeint sein muss (S. 59), zieht aber daraus nicht den einfachen Schluss dass der Schattenspielmann – Wieland sei. Er vermuthet vielmehr in ihm den mehrfach erwähnten orthodoxen Pfarrer. Aber es scheint mir ganz klar dass wir eine Parodie von Wielands Vorrede zum Merkur vor uns haben:
Lichter weg! mein Lämpgen nur!
Nimmt sich sonst nicht aus.
Ganz so hatte Wieland in der Vorrede nur sein Licht leuchten lassen und insbesondere das deutsche Recensirwesen als so verkommen dargestellt, dass es schien, als ob der Merkur einem ganz chaotischen Zustande zu Hilfe kommen müsse, lieber die Grosssprecherei im Merkur vgl. noch DjGoethe 1, 380; zur Datirung ibid. 368. 369.
Wilmanns meint (S. 58), der Schattenspielmann weise durch die stark dialektisch gefärbte Sprache, namentlich durch den häufigen Gebrauch des pleonastischen 'sie' auf eine bestimmte Individualität. Aber Goethe hat augenscheinlich nur nachzubilden versucht, wie ein wirklicher Schattenspielmann romanischer Nationalität die deutsche Sprache radebrechte.
Das Schönbartspiel schliesst, indem Doctor, Fräulein, Gouvernante von Amtmanns Abschied nehmen. –
Ich finde die Posse ganz genial. Bei Aufführungen, die vor einigen Jahren versucht wurden, hat sie zündend gewirkt. Die jüngere Gestalt, welche man dafür wählte, hat allerdings sehr gewonnen, namentlich in der eingelegten Tragödie. Alle übrigen Motive aber waren schon im ersten Wurfe gefunden. Die Situationen waren ohne ein erläuterndes Wort vollkommen klar. Alles bewegt und doch behaglich; durch und durch – man möchte sagen: bis in die Fingerspitzen hin – voll sprühenden Lebens: ein echtes Bild des Jahrmarkttreibens, von Anfang bis zu Ende interessant und komisch, auch wenn man von litterarisch-satirischen Beziehungen gar nichts weiss. In diesen Beziehungen aber freilich sitzt die höchste bewunderungswürdige Kraft: schlagende Charakteristik oft durch eine einzige Zeile.
Ueberblicken wir meine Deutungen, so ergibt sich ein gewisser Plan in der Aufeinanderfolge der Personen: I ist gleichsam Vorspiel um durch die Rolle des Doctors einen Mittelpunct für das Ganze zu schaffen. An ihn schliessen sich dann die einheimischen vornehmen Beschauer des Marktes, die Frankfurter Gesellschaft: Pfarrer, Gouvernante, Fräulein, Amtmann und Amtmännin. Unter den Besuchern des Marktes aber, welche da Geschäfte machen wollen, gruppiren sich am Anfang die Recensenten und Reclamemacher: Marktschreier (Christian Heinrich Schmid), Tyroler (Deinet), Bauer, Nürnberger (Weisse) und etwas später Wagenschmeermann (Schirach?), symmetrisch macht Wieland mit dem Merkur den Abschluss des Ganzen. Auf die Frankfurter Gesellschaft wirken anziehend Tyrolerin und Pfefferkuchenmädchen, Frau und Fräulein von Laroche, deren Auftreten durch den Wagenschmeermann wol nur darum unterbrochen wird, damit nicht die Frauenzimmer gleich hinter einander kommen. Dann erscheint als Kontrastfigur der Zigeunerhauptmann Herder. Hierauf Jacobi und Gleim, der Spalding mitzieht. Dann die Giessener Bahrdt und Höpfner, der Wenck mitzieht, indem zugleich der Giessener Schmid wieder das allgemeine Interesse in Anspruch nimmt. Wenck hat schon zu den Darmstädtern übergeleitet: wir erblicken in der Tragoedie Herrn und Frau Merck mit Leuchsenring, der seinen Gegner Laroche mitzieht, und zwischen den beiden Acten auch Caroline Flachsland, das Milchmädchen.
Demgemäss sind durch die grossen Journale lauter kleine geographisch oder sachlich einheitliche Gruppen umrahmt: Frankfurt, Darmstadt, Giessen finden sich vertreten; Coblenz ist allerdings vertheilt, man hat aber doch wol keinen Grund, für Haman nach einem Darmstädter Rationalisten zu suchen. Nach dem Eindruck, den auf Goethe sein einziges Zusammentreffen mit Leuchsenring im Herbst 1772 bei Laroches und der ganze Aufenthalt im Larocheschen Hause machte, wäre es sonderbar, wenn Laroche, der als Feind der Empfindsamkeit und fanatischer Freund der Aufklärung sich so gut zum Gegenspieler des Leuchsenring eignete, hier nicht vorkäme. Die Reihe Herder, Jacobi, Gleim, Spalding ist noch durch den geistlichen oder halbgeistlichen Charakter zusammengehalten.
Ich bemerke dass diese Beobachtungen hinterher gemacht sind, wie sie hier stehen, dass sie auf die Deutung des Einzelnen nicht den geringsten Einfluss genommen haben. Auch möchte ich ihre bestätigende Kraft nicht allzu hoch anschlagen.
Durchgängig habe ich auf die Frankf. Gel. Anz. von 1772 Rücksicht genommen. Sie sind das zuverlässigste Document für die in Goethes Kreis damals vorhandenen polemischen Tendenzen; und da mit Anfang 1773 die Betheiligung dieses Kreises an der genannten Zeitschrift aufhörte, so erscheinen die Epigramme des Jahrmarktes gewissermassen als Fortsetzung von Goethes Recensententhätigkeit.
Wir haben uns mit unseren Deutungen nicht ganz in Goethes persönlichem Kreise halten können, aber doch hauptsächlich. Immerhin konnte Merck an Nicolai schreiben: 'Die Pasquinaden die er (Goethe) gemacht hat, sind aus unserem Cirkel in Darmstadt, und alle Personen sind gottlob so unberühmt und unbedeutend, dass sie niemand erkennen würde' (Merck Br. 3, 107). Man muss allerdings annehmen dass Merck damit nicht strenge die Wahrheit sagt. Aber ist ihm solche Diplomatie nicht zuzutrauen, besonders Nicolai gegenüber, der vielleicht in dem Stücke als Bauer kritische Besen verkauft?
4. 8. 78.
SATYROS.
Für Goethes Satyros ist eine befriedigende Deutung bis jetzt nicht gewonnen. Weder Kaufmann noch Basedow noch Heinse noch Klinger lassen sich als Vorbilder festhalten. Aber die Meinung, eine bestimmte Person habe überhaupt nicht vorgeschwebt oder die deutschen Nachahmer Rousseaus im allgemeinen sollten getroffen werden, setzt sich in Widerspruch mit Goethes ausdrücklicher Angabe, Dichtung und Wahrheit Buch XIII (Loeper 3, 109).
Dass wir den Betheiligten und Zeitgenossen die Bescheid wissen können zunächst einmal glauben und daraufhin weiter forschen, ist doch, wie mir scheint, die erste Regel eines methodischen Verfahrens. Düntzer in seinem Aufsatz über den Satyros (Neue Goethestudien 1861, S. 33-62) hatte eigentlich alle Momente für die richtige Deutung in der Hand; die wichtigsten Thatsachen auf die ich mich stützen werde gibt er an; zu anderen weist er den Weg: so dass wir, falls ich Haltbares wirklich gewinne, in erster Linie ihm dafür verpflichtet bleiben.
Goethe redet aaO. von Leuten 'die auf ihre eigene Hand hin und wider zogen, sich in jeder Stadt vor Anker legten und wenigstens in einigen Familien Einfluss zu gewinnen suchten'. Einen zarten und weichen dieser Zunftgenossen habe er im Pater Brey, einen andern, tüchtigern und derbern, im Satyros 'wo nicht mit Billigkeit, doch wenigstens mit gutem Humor' dargestellt. Dass der zarte und weiche Franz Leuchsenring war, ist bekannt. Dass der tüchtigere und derbere eine bestimmte Person sein müsse, steht nach dem Zusammenhang ausser Zweifel; und dass sich Goethe hier nicht bestimmt erinnert haben sollte, ist unmöglich.
Wenn Merck von Goethes Pasquinaden an Nicolai schreibt 'sie sind aus unserm Cirkel in Darmstadt' (vorhin S. 42), so kann er nur meinen was Nicolai kennen konnte, d.h. das Jahrmarktsfest und Pater Brey. Aber dass Merck in das Geheimnis des Satyros eingeweiht war, müssen wir unbedingt annehmen. Und wenn die Herzogin Anna Amalia nach Mercks Anwesenheit bei ihr im Sommer 1779, brieflich an Merck (2, 166 vom 2. August) Herdern 'Satiros' nennt, wenn die Göchhausen ebenfalls an Merck dieselbe Persönlichkeit als 'General – – s' bezeichnet (1, 186 vom 22 October 1779): so sollte ich denken, wir wüssten genug[7]. Vgl. Düntzer S. 56 f.
Satyros empfängt Psyches gläubige Verehrung und zieht am Schlusse mit ihr ab ('Es geht doch wohl eine Jungfrau mit' sagt der Einsiedler). Aber Psyche hiess Caroline Flachsland im Freundeskreise, als Psyche hat sie Goethe besungen: Herder selbst scheint ihr den Namen beigelegt zu haben mit Rücksicht auf die Psyche in Wielands Agathon (Lebensb. 6, 131; ich zähle die sechs Bände des Lebensb. durch). Die Psyche des Satyros zeigt sich ebenso kritiklos wie die Leonore im Pater Brey, wie das Milchmädchen im Jahrmarktsfest – diese anderen Abbilder Carolinens, von der selbst Herder im J. 1772 noch zugibt dass sie vorläufig nur gutes Mädchen sei (Merck 1, 40).
Dass die Philosophie welche Satyros vorträgt, Berührungspuncte mit Herders Ältester Urkunde des Menschengeschlechtes habe, sah auch bereits Düntzer S. 56. Und gleich fällt uns Mercks Aufsatz über dasselbe Buch (Briefe 3, 110 ff. vgl. ibid. 105) ein, worin der Leser klagt, der böse Autor wolle ihm aus der Fülle seines unrecht erworbenen Mammons nicht einmal das Nothdürftige reichen, ja das geschehe auf eine ungebärdige Art und der böse Wille werde nicht einmal mit dem Mantel und Kreuz des Wohlanstandes bedeckt; der Leser habe daher keine Ursache, seine Schmach in sich zu fressen, insbesondere da ihn das laute Neigen der Freunde, Schmarotzer und bunten Diener des reichen Mannes kränken müsse, 'die, weil sie nicht die Kiste und das Manual selbst inspicirt, das Vermögen ihres Patrons immer grösser machen, als es ist'.
'Zwar – heisst es weiter, und eine Satyrosähnliche Gestalt erhebt sich immer bestimmter vor unserem inneren Auge – dürfte der Beklagte manches zu seiner Nothdurft vorzubringen haben. Ist er ein stolzer Mann, so spricht seine Seele zu sich selber: hier steht Herkules, das Werk meiner Hände, den Blöden und Schwachen ein Aergernis, aber seines gleichen Augenweide und Wonne. Seufze Höfling, dass er nicht recht gekämmt ist, und du Siechling miss seine Lenden und Schultern nach deiner Ohnmacht. Seine Nacktheit ist euch ein ewiger Vorwurf. Gebt seinen Schenkeln, Eure Blösse zu bedecken, Beinkleider und statt einer Keule eine Excuse untern Arm, damit Ihr Euch trösten und sagen könnt: er ist worden wie unser einer'.
Den Ausdruck 'Siechlinge' gebraucht auch Satyros gegen Schluss des dritten Actes. Und Goethe schreibt an Herder im Sommer 1771: 'Apollo von Belvedere, warum zeigst du dich uns in Deiner Nacktheit, dass wir uns der unsrigen schämen müssen. Spanische Tracht und Schminke!' Herder selbst sagt, er brauche keinen Beinkleidmacher für seine Blösse (Merck 1, 38).
Die Art wie Goethe sich an Schönborn über Herders Werk ausspricht, stimmt ganz und gar zu dem Charakter der Poesien und Doctrinen, die er seinem Satyros in den Mund legt: 'Es ist ein so mystisch weitstralsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Geäste lebende und rollende Welt' usw. Eine Riesengestalt sei das Buch. Herder habe in den Tiefen seiner Empfindung alle die hohe heilige Kraft der simplen Natur aufgewühlt und führe sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem hier und da morgenfreundlich lächelnden, orphischen Gesang vom Aufgang herauf über die weite Welt.
Man vergleiche wie zu Anfang des dritten Actes Satyros sich selbst als Orpheus besingt:
Hast Melodie vom Himmel geführt
Und Fels und Wald und Fluss gerührt.
Aber gehen wir nun mehr ins einzelne: wobei allerdings die genaueren Kenner Herders vielleicht manches werden nachtragen können.
Zur Bezeichnung Satyros kommt Herder als Dechant, als deutscher Swift, als Satiriker, der seiner satirischen Laune jeden Augenblick die Zügel schiessen liess. Man darf auch daran erinnern dass Herders Freund und Lehrer Hamann in dem Goetheschen Kreise der sokratische Faun genannt wird (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 684). Die mythologische Auffassung hat dann natürlich ihre Consequenzen, die nicht alle mehr auf Herder passen werden. So die langen Ohren; denn im übrigen hat Satyros nichts Thierisches: die Bezeichnung 'Thier!' erhält er wie Mephisto (Düntzer S. 60).
Der Einsiedler, der den ersten Act mit einem Monolog eröffnet und etwas an den Pater Lorenzo in Romeo und Julie erinnert, darf mit Goethe verglichen werden: vom Wanderer, vom Pilgrim ist zum Einsiedler nicht weit, wie schon Erwin und Elmire zeigt. Er ist, wie Werther, glücklich in einfach ländlichem Dasein, freut sich über die Erzeugungskraft der Natur und weist den Philistergedanken ab, der alles Werdende nur vom Standpuncte des Nutzens für den Menschen betrachtet. Seine Eigenthümlichkeit besteht in dieser Beschränkung. Im fünften Act erfahren wir dann mehr: er durchschaut den Satyros, er hat 'tiefe Kenntnis der Natur' und ist 'der Künste voll'; wie Herder Goethen am 17. November 1772 (Merck 1, 39 vgl. 44) den 'elenden Wahrsager, Naturkenner und Zeichendeuter' nennt. Und auch wenn der Einsiedler nicht ungern stirbt –
Ich habe schon seit manchen langen Tagen
Nicht genossen, nur das Leben so ausgetragen –
so wissen wir dass solche Stimmungen dem Goethe der Werther-Zeit nicht fremd waren, aus dessen Herzen auch der Einsiedler spricht 'das Schicksal spielt mit unserm armen Kopf und Sinnen'. –
Satyros kommt schreiend mit verwundetem Bein; die Pflege des Einsiedlers lohnt er durch Prätention und Grobheit, Tadel von Wohnung und Kost: – Herder in seiner Krankenstube zu Strassburg. Vgl. noch Goethes Werke (Hempel) 27, 317.
Zweiter Act. Satyros erwachend, schimpfend – etwa wie Herder brieflich und gewiss auch mündlich über Strassburg den 'elendesten, wüstesten, unangenehmsten Ort den er in seinem Leben gefunden' (Lebensb. 6, 116), und über sein Krankenzimmer, die 'Tod- und Moderhöle' (ibid. 356). Speciell 'die Unzahl verfluchte Mücken' stimmt, wenn sie ihn auch, im Herbst, nur kurze Zeit gequält haben können.
Es thut dem Satyros in den Augen weh, seines Pflegers Herrgott zu sehen, er reisst ihn herunter und wirft ihn in den Giessbach – wie Herder dem jungen Goethe seine Liebhabereien, z.B. seine Freude am Ovid, an seiner Siegelsammlung, an Domenico Feti zerstörte. Starkes Selbstgefühl macht sich drastisch Luft:
Mir geht in der Welt nichts über mich:
Denn Gott ist Gott, und ich bin ich.
Er geht ohne Abschied fort und nimmt eine Leinwand mit, die er vorbinden will, damit die Maidels nicht so vor ihm laufen. Vgl. darüber Act IV und V.
Dritter Act. Satyros allein: 'Ich bin doch müd; 's ist höllisch schwül'. Auch nach der ersten Rede des Einsiedlers und sonst muss man voraussetzen, dass das Stück im Sommer spielt; dabei fällt es auf dass der Einsiedler sich die Fingerspitzen warm haucht (Act I gegen Ende), was dem Satyros seltsam vorkommt und ihn zu der Bemerkung veranlasst: 'Ihr seid doch auch verteufelt arm'. Wilmanns verweist mit Recht auf die alte Erzählung, die sich z.B. bei Hans Sachs Keller 9, 180 als 'Fabel von dem Waldbruder mit dem Satyrus' findet. Der Pilger haucht in seine Hände um sie zu erwärmen, worüber sich der Satyrus heimlich wundert. Dann aber bläst der Waldbruder in den heissen Wein um ihn zu kühlen, und dass der Athem seines Mundes Entgegengesetztes vermag, gibt dem Satyrus eine so ungünstige Vorstellung von ihm, dass er ihn aus seiner Hütte verweist: dort ist nemlich der Waldbruder Gast des Satyrs, bei Goethe umgekehrt. Goethe hat das eine Motiv aus der Fabel herausgenommen und anders gewendet, an die sonst festgehaltene Jahreszeit, flüchtig arbeitend, nicht gedacht.
Zu der Stimmung im Eingang des dritten Actes liessen sich Parallelstellen aus Herders Briefen an Caroline anführen, die sie natürlich ihren Freunden nicht vorenthielt; vgl. z.B. in den Erinnerungen 1, 212, wo auch die Situation ähnlich ist: 'und warf mich unweit einiger Kuppeln romantischer schwarzer Bäume auf einen wilden Hügel, an einen Wasserfall ... um ihn viel wildes Weidengebüsche, um mich alle wilden Blumen, die in Shakespeare Feen- und Liebeliedern vorkommen – Berge, Sonne, Abend um mich!' Diesem Briefe (aus dem September 1771) liegt auch ein Lied Herders bei (Nachlass 3, 109), wie Satyros einen Sang beginnt; doch hat es keine specielle Aehnlichkeit. Der melancholische Grundton aber in dem Liede des Satyrs – bist du allein, so bist du elend trotz deiner geistigen Macht – geht durch alle Briefe Herders an seine Braut; z.B. 'Bedauern Sie mich in meiner Einsamkeit! Ich habe keinen, zu dem ich reden, dem ich mein Herz ausschütten, bei dem ich nur sein kann, wie ich will' (Erinn. 1, 213); 'es ist eine elende Welt für Menschen von Gefühl und Brust' (ibid. 1, 225). Caroline selbst betheuert (Erinn. 1, 236): 'In jedem Briefe sagte er mir dass ich das Glück seines Lebens sei – ich dürfe ihn nicht, ich solle ihn nicht verlassen: er wäre sonst allein in der Welt'. Dieselbe Stimmung ist in dem Liede Nachl. 1, 96: 'Und ich mit armem, wüstem Blick Such ich mich ringsum wieder ... Nicht einen, keinen find ich hier' usw. Aus der siebenten Strophe will ich nicht versäumen den 'Liebethränenblick' anzumerken, der an die Decomposita im Satyros erinnert. Vgl. auch z.B. Lebensb. 6, 372 uö.
Dem flötenspielenden singenden Satyros sei aus der Ältesten Urkunde (Werke zur Religion und Theologie 6, 110) der Pan verglichen, der grosse Weltgott, der auf seiner Flöte die Harmonie der Welt spielt; heiliger Schauer, Schrecken und Ehrfurcht sind die ewigen Gefährten seines Gesangs; 'einst sang er also das Chaos in Ruhe'.
So letzt Satyros mit seinen Melodien die Natur, die ihm ringsum huldigt: ''s ist alles dein' kann er sich sagen.
Satyros ist der ursprüngliche reine Mensch, wie ihn die Älteste Urkunde schildert, die ganze Schöpfung steht still und wartet und trauert, dass kein Blick da ist, der sie sammle, kein Herz, das sie fühle; sie möchte genossen werden, sie sehnt das Nachbild der Gottheit, den Untergott, ihren Herscher herbei: den Menschen (5, 89). Ganz wie Satyros sagt: 'Natur ist rings so liebebang'.
Satyros legt sich selbst Adleraugen bei: 'Dein Adlerauge was ersieht's?' Caroline ruft Herdern zu (Nachl. 3, 389): 'Es kennt dich ja jedermann an Deinen Adlersfittigen, Herr Adler!' Ja sie berichtet ihm (3, 450): 'Meine Schwester hat dich zu lieb' usw. 'Nur geht es ihr wie Lavater und andern mehr: dass sie sich ein wenig vor Dir fürchtet und Deinen Adleraugen'. Vgl. schon Lebensb. 5, 28 'Adlerblick'. Dieser Schwester entspricht Arsinoe, welche mit Psyches kritikloser Bewunderung gut contrastirt.
Psyche. Welch göttlich hohes Angesicht!
Arsin. Siehst denn seine langen Ohren nicht?
Psyche. Wie glühend stark umher er schaut!
Arsin. Möcht drum nicht sein des Wunders Braut.
Während dann Psyche sich nach dem Woher, Namen und Geschlecht erkundigt und gleich bereit ist, ihm himmlische Abkunft zuzutrauen, fragt Arsinoe sehr verständig: wovon er lebe.
Satyros gibt sich als Fremdling mit unbekanntem Hintergrund, er ist weit gereist, er herscht über Wild, Vögel, Fische, Früchte; kein Mensch ist so weise und klug wie er; er kennt Kräuter und Sterne; sein Gesang dringt ins Blut, wie Weines Geist und Sonnen Glut.
Wieder gehen hier Züge Herders und des Herderschen Urmenschen durcheinander.
Als Fremdling und weit gereist kam Herder nach Darmstadt, stolz auf sein Wissen und geistiges Vermögen; übrigens 'Lebensflüchtling', seines Lebens verworrene Schattenfabel wie ein ungelöstes Rätsel betrachtend (Lebensb. 6, 16 ff.) Er lebte 'vom Leben' und 'wohnte wos ihm wohl gefiel'; mit andern Worten, er hatte wenig Geld und viel Veränderungslust: 'da ich auch weiterhin durch die Welt blos durch mich und fast ohne Geld gekommen bin ... so habe ich immer nur mit dem Metall gespielt – so bin ich zum Theil gereist – auf anderer Leute, wie es jetzt mir vorkommt, Beutel, wie es damals hiess, Kopf und Herz' (Erinn. 1, 222 f.); 'wenn Lebhaftigkeit Veränderlichkeit heisst, so bin ichs' (ibid. 165). Auch der Gesang geht auf Herder und die Wirkung, die Satyros gleich zu Anfang des Actes damit hervorbringt, ist historisch: nur dass es in der wahren Geschichte nicht Gesang, sondern Declamation war. 'Unvergesslich – erzählt Caroline (ibid. 155) – ist mir die Darmstädter Fasanerie, wo er in der Stille des Waldes, in der feierlichen Einsamkeit des Ortes Klopstocks[8] Ode Als ich unter den Menschen noch war – mit seiner seelenvollen Stimme aus dem Gedächtnis recitirte.' Vgl. Nachl. 3, 81; Lebensb. 6, 89.
Anderseits wenn Satyros Vater und Mutter nicht kennt ('was Vater! Mutter! weisst du woher du kommst?' sagt Prometheus), so ist er der Urmensch, der Sohn Jupiters, der Sohn der Götter (Act v), wie er sich selbst, wie das Volk ihn nennt; der mächtige Redner der nachher verkündigt: 'Selig wer fühlen kann was sei Gott sein! Mann!' Das Bewusstsein der Göttlichkeit des Menschen macht sich bei Herder stark geltend, z.B. Aelteste Urk. 5, 59 'Der hier in meinem Haupte aufgeht, der mich erleuchtet; den ich hier in meinem Herzen wärmend und schlagend fühle, ist Gott!' 5, 93 'sein (des zum Muster aufgestellten Morgenländers) einiger Trieb Gott auf der Erde zu sein;' 5, 96 der Mensch ist ein 'erdeingehüllter Gott'. Eben hieraus erklärt sich die Herschaft des Satyros über so viele Wesen: Herder wendet die Worte des achten Psalmes bedeutsam an (5, 93 f. Lebensb. 3, 452): 'Alles hast du unter seine Füsse gethan, Schaf und Ochsen und wilde Thiere, Vögel in der Luft, Fische im Meer'. –
Arsinoe meint, Satyros müsse ihren Vater Hermes kennen lernen; sie holt ihn; Satyros und Psyche sind allein.
Das Gespräch welches folgt erinnert einerseits an die Art wie Prometheus Pandoren das Wesen des Todes deutlich zu machen sucht, anderseits an Faust und Gretchen.
Satyros weiss den ersten Moment des Alleinseins gut auszunutzen. Er imponirt dem Mädchen durch geistig-sinnliche Kraft und reisst sie ganz an sich.
Die Reden welche sie wechseln erscheinen mir wie eine poetische Verdichtung und Steigerung der Correspondenz zwischen Herder und seiner Braut. In diesen Briefen herscht manchmal eine etwas heisse Temperatur. Ich kann nicht wörtliche Parallelstellen anführen; die Bezeichnungen 'Engel, himmlisch', u.dgl. lassen sich wol belegen, haben jedoch wenig Werth; aber die innere Beschaffenheit, Gesinnung und Geist, ist genau verwandt. Herders nahes Verhältnis zu Carolinen, auch ihr Briefwechsel blieb lange heimlich; Carolinens Schwager, bei dem sie wohnte, erfuhr es erst im August 1772, und zwar durch einen plötzlichen Zornesausbruch der Braut (Nachl. 3, 330), so dass Herder meinte: 'Das Ding wird doch immer so ein halbes Bubenstück von Liebesintrige' (ibid. 336) .... Das erste Alleinsein im Augenblicke des Abschieds wird von Caroline in den Erinnerungen stark accentuirt (1, 157) und zittert auch in den Briefen nach. Einige Auszüge sind wol nicht zu entbehren. Erster Brief Carolinens an Herder: 'süsser, feuriger Freund' ... 'die ganze Nacht war das feurige Bild meines süssen Freundes bei mir' (Lebensb. 6, 57. 58). Herder an sie: 'mein Abschiedskuss ... war nur im Vorübergehen' (ibid. 59); 'ich ging wie in einem Meere von Trunkenheit von Ihnen' (67); 'noch unmittelbar im Augenblick des Abschiedes eine himmlische selige Viertelstunde, in der alle Ihre Tugenden ... und die ganze Wonne der Wehmuth sprachen' (vgl. Psyche beim Kuss: 'Wonn und Weh'); 'Ihren Kuss und Umarmung wie das freudige Ungestüm eines Engels der Zärtlichkeit zu fühlen, und Sie so ganz, so innig, so ganz meine liebe zarte, schlanke, muntre Griechin mit Ihrem unschuldig pochenden Herzen, mit Ihren umschlingenden weissen Liebesarmen, Mund an Mund und Seele in Seele, an meine redliche Brust zu drücken' (71 f. vgl. auch das Citat S. 78); 'Sie sind noch, wie bei meinem Abschiede, oft auf meinem Schoss, in meinen Umarmungen, an meinem Herzen; ich sehe noch oft Ihr weggewandtes himmlisches Gesicht, voll der schönsten Thränen, wie es sich alsdann mit der ganzen Wonne der Wehmuth auf einmal heiter zu mir wandte und mich, wie ein Engel Gottes, anlächelte – Ihr Zellchen, Ihr Bette habe ich nicht gesehen: Sie wissen nicht, wie gern ichs sehen wollte; wie sehr ichs mir vorgenommen, den Sonntag meines Abschiedes, als wäre es im Spasse, zu sehen' (96); 'ich war zu Ihren Füssen; ich küsste Sie ganz' (98); 'ich drücke Sie in meine Umarmung, auf meinem Schosse, und stecke Ihnen mit dem längsten feurigsten Kusse diesen Brief in Ihren unschuldigen Busen' (103); 'bei der feierlichen, seelenvolle Stunde, da Du auf meinem Schosse sassest, empfindsames Mädchen, mich mit Thränen, mit allen Thränen Deines guten Herzens umarmtest' (165); 'ach! es war eine Zeit, da meine unschuldige tugendhafte Flachsland wie ein Engel Gottes auf meinem Schosse sass, da aus ihrer Umarmung, aus ihren Thränen, aus ihrer seufzenden Wehmuth nur die Worte sich herausbrachen: ach! Sie werden mir doch schreiben! Sie werden mich doch nicht vergessen! ach! um aller meiner Ruhe willen, die nur von Ihnen abhängt' ... (168); 'bist Du dieselbe, die ihr Gesicht an meine Brust lehnte, die ihre Thränen und Seufzer und Ströme der himmlischen Liebe in meinen Busen goss' (174); 'o Du wirst wieder auf meinem Schosse sitzen! Ich werde noch einmal Ihr thränend Auge und Ihre sanfte Augenbraune küssen und – o himmlische Liebe! wenn ich Dich jetzt bei mir hätte!' (210).
'Er küsst sie mächtig' sagt Goethes Bühnenbemerkung im Satyros. 'Mit allen Kräften umfasse ich Sie, liebes, gütiges Mädchen!' schreibt Herder (Nachl. 3, 128). Psyche fühlt erbebend aller Seligkeit Wahntraumbild voll erfüllt: Caroline findet ihr Ideal und Traum von einer schönen männlichen Seele weit übertroffen (Nachl. 3, 143). Von Psyche glänzt, nach Satyros, Tugend, Wahrheitslicht wie aus eines Engels Angesicht: in Caroline vereinigt sich, nach Herder, Unschuld, Naivetät, Natur, Zärtlichkeit und Tugend (Lebensb. 6, 53. 59. 67). Psyche sagt 'Ich bin ein armes Mägdelein'; Caroline schreibt 'Gott dass ich ein so armes kleines Mädchen bin!' (Nachl. 3, 220; vgl. 296.) Dass bei Caroline, wie bei Psyche, ein erster starker plötzlicher Eindruck entschied, versichert sie ausdrücklich (Nachl. 3, 406). –
Satyros und Psyche werden im Kusse gestört durch Hermes und Arsinoe, welche eintreten.
Satyros zeigt sich gleich kritisch, an Hermes ist ihm nichts recht, sein weites Gewand, sein krauser Bart: diese tadelnde Laune ist vollkommen Herderisch.
Für Hermes, den Priester und Ältesten im Land habe ich keine sichere Deutung; auch ist er wenig charakterisirt. Allenfalls könnte man versuchen ihm den Grafen Wilhelm von Lippe-Schaumburg unterzulegen. Wenn er mit Satyros die Kenntnis der Kräuter und Sterne theilt, so soll das doch nur auf gemeinsame wissenschaftliche Interessen hindeuten (vgl. über den Grafen nach dieser Richtung Erinn. 2, 23); will man die Sterne wörtlich festhalten, so wäre darauf zu verweisen dass Herder einmal von seinem astrologischen Wahne spricht (Merck 1, 39; vgl. Haym Herder 1, 36) und dass der Graf später ein Observatorium bauen liess (Erinn. 2, 111). Mit dem Hermes der Aeltesten Urkunde – er ist 'Weiser, König, Religionsstifter, Schrifterfinder, Kosmopoet usw.' (6, 140 und oft) – hat dieser wol insofern zu thun, als Herder, wenn er seine Speculationen über die Uroffenbarung darlegte, den Namen viel im Munde führen und so Anlass zu der Wahl desselben durch Goethe geben mochte.
Hermes erwidert dem spottsüchtigen Ankömmling bescheiden: 'Ihr scheint mir auch so wunderbar'. Und der fährt gleich los: es ekelt dir wol vor meinem ungekämmten Haar, meinen nackten Schultern, Brust und Lenden und meinen langen Nägeln an den Händen? Worauf Hermes 'Mir nicht'.
Die Nackheit des Urmenschen wird nachher gleich zur Sprache kommen. Halten wir uns einstweilen an das Wunderbare der Erscheinung und Tracht im allgemeinen.
Durch Sonderbarkeit des Anzugs fiel Herder schon in Strassburg Goethen auf. Auch in Bückeburg erschien seine Tracht als französischer Abbé auffallend und komisch. Er zog sich rasch an und hatte eine eigenthümliche Abneigung sich in den Spiegel zu sehen, was auf seine Toilette ungünstig einwirken mochte (Erinn. 1, 180). Ueber die geistige Sonderbarkeit seines ersten Eindrucks spricht sich Herder selbst an Merck aus: 'Ihr steht alle meiner Natur noch zu nahe, gute Kinder! Ihr tastet noch ... und sehet nicht. Da wird der weichen, warmen, fühlenden, freundschaftlichen Hand alles grösser, runder, colossalischer – aber auch dunkler, und ihr habt noch kein Ganzes von Anblick!' (Lebensb. 6, 116).
Es folgt die grosse Rede des Satyros durch die er immer mehr Volk anzieht und begeistert; worin er den Urzustand der Menscheit als Ideal aufstellt.
Satyros zeigt sich als mächtiger Prediger, wie sich Herder in Darmstadt gezeigt hatte. 'Am 19. August – erzählt Caroline Erinn. 1, 155 – predigte Herder in der Schlosskirche. Ich hörte die Stimme eines Engels und Seelenworte, wie ich sie nie gehört!... zu diesem grossen einzigen, nie empfundenen Eindruck habe ich keine Worte – ein Himmlischer, in Menschengestalt, stand er vor mir.' ('So singen Himmelsgötter nur', sagt Psyche, und 'er ist von einem Göttergeschlecht'.)
Satyros verlangt in seinem Lebensprogramm Natur und Wahrheit, woraus sich verschiedene Forderungen ergeben, die wir im einzelnen durchnehmen müssen.
Er ist für Nackheit: 'Eure Kleider die euch beschimpfen'. Vgl. Herders Aelteste Urkunde Werke zur Relig. und Theol. 7, 89: 'Und siehe da Kleider! die Hülle der Ueppigkeit, Lüsternheit, Schwäche und falschen Zier. Du Unschuld, die von keiner Sünde weiss, selige Unwissenheit, du darfst keiner Hüllen und Schminke: die Nacktheit dein Kleid, die Einfalt deine Sicherheit und Schöne' usw. (auch 7, 74. 86. 117. 141 f. und die obigen Stellen von Merck und Goethe).
Satyros rühmt die ursprüngliche Freiheit die jetzt der Sklaverei gewichen sei. Vgl. Herder aaO 7, 166 f. wo die echte Paradiesesfreiheit aus dem Munde Adams selbst ihren Preis empfängt.
Satyros will das Wohnen in Häusern wieder aufheben: 'Der Baum wird zum Zelte, zum Teppich das Gras'. Vgl. Herder 5, 92 'städtische, zum Staube gebückte Menschen'; 7, 30 f. der Urmensch wurde in einen Garten gesetzt; 'der Jüngling webte in freiem schönem Raum; unter dem weiten Himmel wölbte sich seine Stirn; auf grüner Flur sein lachendes Auge; mitten unter den Neugebornen der grossen vielbrüstigen Mutter erwuchs er in Fülle und trank an ihren Brüsten Milch und Honig ... welche andere Lebensart war noch für ihn? Der sklavische Ackerbau? Das Städtegefängnis? Alle Nationen in Jugend und im schönen Klima der Welt hassen es noch und leben in Kindesunschuld: der Garten Gottes ist ihnen gegeben'. Herder schildert Adam wie er seine Eva einführt ins Paradies und zu ihr spricht: 'Siehe, Freundin, alles wie schön und lieblich! Unser Bette grünet: unseres Hauses Balken sind lebende Cedern, unsere Decke grünende Cypressen; die Lilien geben Geruch, und vor unserer Thür sind allerlei edle Früchte' (7, 46). 'Feld und Hütte' stehen auf einer Linie als Folgen des Sündenfalles (7, 91 f.)
Satyros wirft seinen Hörern vor: habt 'euch in Sitten vertrauert'. Für Herder genügt es auf ein Gedicht an Merck im Lebensb. 6, 371. 374 zu verweisen: Sympathie und Freundschaftswonne 'schieden längst aus unsern seidnen Hütten, aus dem Taumel unsrer Affensitten'.
Satyros verweist sein Publikum auf die goldnen Zeiten, 'da eure Väter neugeboren vom Boden aufsprangen, in Wonnetaumel verloren Willkommelied sangen, an mitgeborner Gattin Brust, der rings aufkeimenden Natur, ohne Neid gen Himmel blickten' ... Verwandte Herderische Elemente finden sich zusammen, wenn man etwa S. 471. 493. 509. 516 in dem Aufsatze Die Mosaische Schöpfungsgeschichte ein Lied zur Feier der Schöpfung und Sabbathstiftung (Lebensb. 3; auch hinter der Aeltesten Urkunde 7, 229 ff.) liest. Wenn Herder 'dies Poem als das urälteste Stück aus der Morgenröthe der Zeiten' verehrt, so war es geringe Uebertreibung sich den jugendlichen Menschen, Adam mit Eva, der werdenden Schöpfung gegenüber zu denken, die er dichterisch feiert. Vgl. Aelteste Urk. 5, 172; 7, 202.
Satyros wünscht ferner dass der Mensch sich als Gott fühle und der Erde geniesse, wovon z.Th. schon die Rede war. Ich führe noch an: 'Herschen, walten, leben, wirken, geniessen, Gott der Erde sein – das ist Menschen-thun und -wesen' 5, 133.
Satyros polemisirt endlich gegen das Bereiten der Speisen und empfiehlt rohe Kastanien. Es stimmt dazu wenn er früher dem Einsiedler gegenüber die Milch rühmt die er unmittelbar von den Zitzen der wilden Ziegen saugt. Natürlich komische Verzerrung und Steigerung, aber einer Ansicht Herders: bis nach der Sündflut ist nichts Lebendiges geopfert, erst Noah verbrannte ein Thier, da er noch nichts hatte, 'nicht Gras, nicht Kraut, nicht frische Milch' (Lebensb. 3, 608). Im Garten Gottes war der Mensch angewiesen, 'sich vom Frucht- und Krautreiche zu nähren' (Aelteste Urk. 5, 133). 'Von Adams Thierspeise wissen wir nichts; das erste getödtete Leben war ohne Zweifel Opfer' (7, 142; vgl. 147. 179). Der Ackerbau, der die Feldfrucht gewinnt, ist Sklaverei nach dem Sündenfall; so scheint die Baumfrucht bevorzugt. Aber soll die reine Natur erhalten bleiben, muss sie unbereitet genossen werden. In den Ideen 2, 160 erzählt er von den Marianen: 'Die Einwohner der Inseln, die die Natur mit Früchten, insonderheit mit der wolthätigen Brodfrucht nährte und unter einem schönen Himmel mit Rinden und Zweigen kleidete, lebten ein sanftes, glückliches Leben .... das Feuer war ihnen fremde: ihr mildes Klima liess sie ohne dasselbe behaglich leben.' Hatte Herder in früherer Zeit nach diesem Vorbilde die Zustände des Paradieses erläutert? Die besondere Gunst der Kastanien muss auf einer Beziehung, die wir nicht kennen, beruhen, oder einfach auf zufälliger Wahl des Dichters, der hier ein lächerliches Symbol für die Doctrinen des Satyros brauchte. Die Nachrichten von Herders eignem Geschmack in Essen und Trinken, welche Caroline Erinn. 3, 181 mittheilt, helfen nicht weiter; aber dass er auch hierin seine Sonderbarkeiten hatte, bezeugt er selbst: 'Ganz kann ich niemals die Diät anderer Menschen annehmen' (Nachl. 3, 207)[9].
Zu Anfang des vierten Actes entwickelt Satyros dem Volke seine Ansicht vom Weltbeginn. Zuerst war das Unding d.h. das Chaos, woraus das Urding erquoll usw. Hier sind weniger Herderische Elemente als man erwarten möchte. Die metaphysische Wirtschaft mit dem Ding und Unding bekämpft Herder gerade, Aelteste Urk. 5. 42. 43. 49. Nur das Hervorbrechen des Lichtes hat seine Parallelen in der Aeltesten Urkunde: 'Lichtstral! ein tönender Goldklang auf der grossen Laute der Natur' 5, 103; 'welcher unsrer Alleswisser, ders begreife, wie Lichtstral Bild, Bild in der Seele, und dies Bild Idee, Gedanke, mit dem er doch so nichts gemein hat! und dieser Gedanke Licht, Heiterkeit Wärme, Thätigkeit, Entschluss, Wonnegefühl im Herzen, Strom der Göttlichkeit und Schöpferkraft durch die ganze Natur werde?' 5, 61. Vgl. Lebensb. 3, 422 ff. Dass sonst Empedokleische und Pythagoräische Anschauungen verwoben sind, hat man längst bemerkt; es ist aber auch Orpheus, wie ihn Herder Aelteste Urk. 6, 105 schildert, hinzuzunehmen, der Sohn Jupiters kann nicht wol die Mosaische Schöpfungsgeschichte, sei es auch in Herderischer Verflüchtigung, vortragen.
Dass etwa Herder als Prediger sein Publikum gelegentlich durch Unverständlichkeit hinriss, haben wir keinen Grund anzunehmen; seine erhaltenen Predigten sind einfach und leichtverständlich. Jedenfalls tritt beim Satyros diese Wirkung ein: das Volk erklärt ihn zum Gott. Aber in dem Momente der höchsten Begeisterung kommt der Einsiedler und beschuldigt den Satyros des Diebstahls und der Undankbarkeit; das Volk ist ausser sich über die Lästerung; der Frevler soll geopfert werden.
Im fünften Act tauschen der Einsiedler und Eudora, die Gattin des Hermes, ihre Erfahrungen und Ansichten über Satyros aus. Der Plan den sie fassen führt in der That zur Entlarvung des falschen Propheten, der mit hochmüthigen Worten in Begleitung Psyches abzieht. Die Aehnlichkeit der Katastrophe mit der im Tartufe bemerkt man leicht.
Der Einsiedler, in sein Schicksal schon ergeben, betheuert, er werde Märtyrer 'um eines armen Lappens willen, eines Lappens, bei Gott! den ich brauchte'. Für die Unbefangenheit, mit welcher Satyros über diesen Lappen verfügte, verweise ich auf Herders obige Aeusserung über sein Spielen mit dem Gelde und auf die Erfahrung, welche Goethe in Strassburg mit ihm machte: er erborgt für den abreisenden eine Summe Geldes, Herder lässt den festgesetzten Termin verstreichen, bringt den dienstwilligen Freund in Verlegenheit und schickt dann endlich das Geld mit Spöttereien statt des Dankes oder einer Entschuldigung zurück. Nach dieser Analogie (es mochten noch andere ähnliche Fälle vorschweben) war die Erfindung berechtigt: Mahnung an eine Schuld wird durch Todesdrohung beantwortet.
Die Erfahrungen Eudoras mit Satyros sind erklärbar, wenn man annimmt dass die Satire sich erkühnt geistige Beziehungen in sinnliche umzuwandeln. Ich kenne nicht seit gestern das Frauenzimmer: – schreibt Herder an Caroline (Lebensb. 6, 147) – ich kenne es sogar in einigen der verwickeltsten Auftritte, in der Liebe und in allen Mannigfaltigkeiten der Ehe; ich habe mehr als eine verheiratete Freundin gehabt, die mir keine Seite ihres Herzens verborgen! Er beschwört durch diese Mittheilung bei seiner 'Halbverlobten', um mit Goethe zu reden, einen Sturm der Eifersucht hervor, der nur mühsam wieder zu beschwichtigen ist. Vgl. über die Rigaer Freundin, Frau Busch, Haym Herder 1, 77. Wenn sich Herder Freunden gegenüber so unvorsichtig ausdrückte, wie im Reisejournal (Lebensb. 5, 162), so konnten böse Misverständnisse daraus entstehen: 'Nichts als menschliches Leben und Glückseligkeit ist Tugend ... Zu viel Keuschheit, die da schwächt, ist eben sowohl Laster als zu viel Unkeuschheit ... Gespielin meiner Liebe ... du bist tugendhaft gewesen: zeige mir deine Tugend auf. Sie ist Null, sie ist Nichts! Sie ist ein Gewebe von Entsagungen, ein Facit von Zeros. Wer sieht sie an dir? Der, dem du zu Ehren sie dichtest? Oder du? Du würdest sie wie Alles vergessen und dich so wie zu Manchem gewöhnen. O es ist zweiseitige Schwäche von einer und der andern Seite, und wir nennen sie mit dem grossen Namen Tugend.'
In Bückeburg zog ihn die Gräfin Maria an, und es scheint dass Caroline diesmal jede Regung von Eifersucht überwand. Die Gräfin stand mit Herder in einem Briefwechsel von dem niemand, auch ihr Mann nicht, wissen sollte; Herder schickte aber solche Briefe an Caroline und rechnete, obgleich selbst indiscret, auf die Discretion seiner Braut, welche ihrerseits behauptet nur ihrer Schwester davon Mittheilung gemacht zu haben, und diese sei ganz discret; blos an Merck will sie einmal gesagt haben, dass Herder sehr viel Gutes von der Gräfin geschrieben. Wurde die Sache in Darmstadt mysteriös behandelt, so mochten die Freunde, welche Herder tadelten, dass er seine Braut so lange nicht abholte (Erinn. 1, 236 f. Nachl. 3, 300. 308 f. 381. 405. 407. 411. 432 f. 453. 463), gerade daran böse Bemerkungen knüpfen und sein Zögern mit dem Verhältnis zur Gräfin combiniren. Wenn die Frau, welche den Satyros von Psyche abzieht, Eudora heisst, so erinnert man sich unwillkürlich an die Geschenke, welche Herder von der Gräfin empfing (Erinn. 2, 65. 94; Nachl. 3, 416. 445. 451. 476; vgl. sonst Zur Relig. und Theol. 9, 179; Erinn. 1, 188 ff. Nachl. 3, 181. 200. 435 f. 474 f.). Wenn Satyros im Heiligthum die Frau umarmen will, so vgl. man Herder über die Gräfin (Erinn. 1, 190): 'Oft mit ihr zu sprechen geht nicht an; es bleibt mir also nur übrig von der Kanzel mit ihr zu reden'. Dass die Freunde Herders 'Charakter', seine 'Moralität' angriffen, erzählt Frau Herder ausdrücklich. Sie wird vollkommen recht haben, ihn gegen solche Anschuldigungen in Schutz zu nehmen (Erinn. 1, 237): aber es handelt sich hier nicht um ein objectives Urtheil über Herder, sondern um die damalige Meinung Goethes und um die Art, wie die göttliche Frechheit seiner Jugendjahre (er selbst gebraucht den Ausdruck vom Satyros, Goethe-Jacobi S. 241) diese Meinung auszusprechen wagte. Er wird mit directem Tadel nach Herders Ankunft in Darmstadt nicht zurückgehalten haben: und die schlechte Behandlung welche der Einsiedler erfährt mag ihm selbst zu Theil geworden sein. Wenn Caroline an der citirten Stelle Herders Selbstbewusstsein und Empfindlichkeit gegen fremden Tadel zugesteht, so bezeugt sie Eigenschaften die wir an Satyros wiederfinden. Auch den 'Grossmuth-Sanftmuth-Schein' den Satyros sich gibt, glaubt man zuweilen in Herders Briefen zu entdecken: wenigstens wer angefangen hatte ihm zu misstrauen, mochte es nur für Schein nehmen, wenn er z.B. behauptete, er suche jeden Zug, der Eitelkeit und Selbstsucht heisse, in sich auszubrennen (Merck 1, 40).
Ich habe auch, um dies noch zu erwähnen, wegen Eudora auf Herders Beziehungen zu Frau Merck geachtet (z.B. Nachl. 3, 232. 248. 353; Merck 3, 18. 23), ebenso wie ich für Hermes Merck und Geh. Rath von Hesse erwog; aber die uns aufbehaltenen Nachrichten gestatten keine Anknüpfung.
Dagegen darf noch eine Stelle nicht übersehen werden, welche auf die Erhöhung des Satyros zum Gott und Herscher ein besonderes Licht werfen könnte.
Herder schreibt im Juli 1772 aus Pyrmont an Caroline (Nachl. 3, 305) über Wielands Goldnen Spiegel: 'Denken Sie, liebe Flachsland, insonderheit bei dem kleinen glücklichen Völkchen und ihrem Gesetzbuch und ihrem armen Emirsgast – und im letzten Theil bei der Erkennung des jungen Menschen, der Gott seines Volkes wird – dass ich auch das gelesen, und und – – –' Ich enthalte mich grosser Vermuthungen darüber, was Herder mit den Gedankenstrichen sagen wollte; die Ergänzung wäre etwa nach dem Lebensb. 5, 75. 85 ff. 182 ff. zu geben. Er hatte nichts geringeres vor, als der Lykurg von Liefland zu werden; ein politisches Werk soll ihm den Weg zur Kaiserin von Russland bahnen. Er fragt schon seine Freunde, welches wol der beste persönliche Weg wäre um Katharina II. zu gewinnen ... Genug, auch in Darmstadt interessirte man sich für den eben erschienenen politischen Lehrroman Wielands; die Frankfurter Gel. Anzeigen brachten am 27. October 1772 eine Recension (eher von Merck als von Goethe); wenn nun Caroline vorzeigte, was der Bräutigam geschrieben, so konnte ein Spötter daraus folgern: Herder wolle Gott werden. Mit dem jungen Menschen ist Prinz Tifan gemeint, der 'gleich einer zu den Menschen herabgestiegenen Gottheit' sein Volk beglückt; er ist im verborgenen aufgewachsen, mit seiner Abkunft unbekannt, und deren Eröffnung überrascht ihn schmerzlich (Wielands Werke in 36 Bänden von 1853, Bd. 8 S. 101. 119 ff.). Das kleine glückliche Völkchen stammt von den Griechen, lebt unter den Gesetzen des Psammis, betet die Grazien an, und heisst die Kinder der Natur; aber dass Herder seine Braut speciell auf den 'armen Emirsgast' aufmerksam macht, finde ich, aufrichtig gesagt, sehr unpassend: er ist ein frühgealteter Lüstling und erweist sich in der Geschichte als impotent (7, 61).
In welchem Grade Caroline geneigt war ihren Herder zu vergöttern, mag noch die Aeusserung zeigen (Nachl. 3, 407): 'Du bist Luther, das habe ich mir immer gesagt, und es freut mich, dass Dus fühlst, wenn Dus gleich nicht gestehen willst'. Herder hatte erwähnt, dass auch Luther in den misslichsten Umständen seines Lebens heiratete und fügte hinzu: 'Verzeihen Sie die Vergleichung; ich habe noch in der Welt nichts gethan, diesem grossen Mann seine Schuhriemen aufzulösen, – aber ich hoffe es zu werden' (Erinn. 1, 233). Für seine Rigaer Zeit hatte er schon früher die Bezeichnung: 'Angebetet von meinen Freunden und einer Anzahl von Jünglingen, die mich für ihren Christus hielten' (Erinn. 1, 164). Einer derselben leistet wirklich die Anrede: 'Mein göttlicher Herder' (Lebensb. 5, 32).
Ueber die heisse Temperatur in dem Briefwechsel zwischen Herder und Caroline habe ich bereits geredet. Herder hasst Sprödigkeit und Ziererei bei Frauenzimmern (Lebensb. 6, 194). Er begünstigt in der That bei seiner Braut gewisse die Ehe anticipirende Phantasien. Von ihren künftigen Mutterfreuden ist wiederholt die Rede. Sie hat sogar ein festes Programm dafür: lauter Buben. Einmal schreibt sie: 'Ich verstehe das Ende Ihres Briefes nicht: "Glauben Sie, meine lehrreiche Erinnerin, dass meine Liebe nie Begierde gewesen und meine Sehnsucht nichts minder als Ungestüm werden soll." Bin ich denn eine so lehrreiche Predigerin, die gegen Ungestüm und dergl. predigt? Vielleicht liebte oder liebe ich Sie zu ungestüm?' Wie derb sich Herder gelegentlich auslassen konnte mag Nachl. 3, 293 zeigen, wo er folgende Sätze unterstreicht: 'Wenn ich nichts in der Welt besitze, so ist mir die Ehrlichkeit alles, ein Weib, die ich schätze und liebe, nicht unglücklich zu machen; erste Unehrlichkeit sie in ein Bett einzuführen, das noch nicht gebettet, das von allen Seiten noch dürres Stroh ist'.
Auch solche Züge sinnlicher Natur muss man im Auge behalten um die Auffassung Herders als Satyros zu begreifen.
Zu wie viel Uebertreibung und Ungerechtigkeit sich Goethe dabei hinreissen liess, bedarf keiner Ausführung.
Aber der Scherz war zunächst wol nur für den allerengsten Kreis bestimmt: für Merck und den Verfasser. Kein Gedanke an Druckenlassen; entfernt nicht die Absicht, den Freund, dem er so viel dankte, in der Oeffentlichkeit herunterzureissen; keine Spur in allen litterarischen Klatschbriefen der Zeit, die doch vom Unglück der Jacobis wussten; durch alle älteren Correspondenzen Goethes selbst hin nur eine Erwähnung: er hatte das Stück dem Professor Böckmann in Carlsruhe geliehen, der gewiss die Beziehung nicht kannte, und fordert es am 14. November 1774 zurück (DjGoethe 3, 43). Das Geheimnis ist strenge gewahrt geblieben; vielleicht hat nicht einmal Jacobi das Modell des Satyros gekannt; Riemer ist vermuthlich von Goethe selbst auf eine falsche Spur geleitet; wenn dieser am 30. October 1777 dem Herzog, 'Cronen und Minen' das Stück vorlas (Tageb. Keil S. 130; Düntzer im Archiv 5, 416; Vertheidigung S. 121), so konnte er die Beziehung verschweigen oder eine falsche vorgeben: nur Merck muss in Ettersburg geschwatzt haben.
Wir verstehen nun vollkommen, dass sich Goethe in Dichtung und Wahrheit nicht deutlicher ausdrücken durfte; er gibt keine eigene Charakteristik des Vorbildes, er nennt ihn nur im Gegensatze zu Leuchsenring tüchtiger und derber, was unbedingt auf Herder passt, aber ihn gar nicht eigentümlich bezeichnet. Er rechnet ihn ferner zu den umherziehenden, die in Familien Einfluss zu gewinnen suchen: das konnte ganz im allgemeinen wol von dem jungen Herder gesagt werden, besonders wenn jemand Zweifel hegte, ob er Carolinen nicht im Stich lassen würde; aber es passt schon nicht ganz auf den Satyros selbst, dessen Ehrgeiz höher strebt, und es passt auf Herder nur insoweit er beim Satyros vorschwebte. Dass bei der Schilderung wol Unbilligkeit mit unterlaufen, gibt der Autor zu verstehen: und dies scheint wieder besser zu Herder als zu Leuchsenring zu passen.
Wer nur an das traditionelle Bild eines Satyrs denkt, wird sich schwer entschliessen, meine Vermuthung anzunehmen; aber Satyros ist bei Goethe ein Eigenname, dessen Träger uns nur aus dem Stücke selbst bekannt werden soll. Wäre nicht die schlimme Katastrophe, so würde man finden: er sei mit Liebe gezeichnet. Wirklich hat Julian Schmidt bemerkt, dass im Satyros, namentlich in seinem Liede, ein gutes Stück von Goethe selbst stecke (Preuss. Jahrb. 39, 373; vgl. schon Gesch. des geist. Lebens 2, 629; ebenso Schöll Deutsche Rundschau 12, 519). Das wird, wenn man Faust als Repräsentanten Goethes gelten lässt, am deutlichsten aus der Art wie Mephisto sein Treiben in 'Wald und Höle' verspottet:
Und Erd' und Himmel wonniglich umfassen,
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen,
Alle sechs Tagewerk im Busen fühlen,
In stolzer Kraft ich weiss nicht was geniessen,
Bald liebewonniglich in alles überfliessen
Verschwunden ganz der Erdensohn,
Und dann die hohe Intuition –
Ich darf nicht sagen wie – zu schliessen.
'Alle sechs Tagewerke' d.h. die ganze Schöpfung, ohne dass man mit wohlfeilem Scharfsinn Beziehung auf Herders Aelteste Urkunde behaupten dürfte. Indem Goethe Herdern als Satyros karikirt, ist er selbst Mephisto; und bezeichnend genug wird die ganze Wendung gegen Herder von Goethe und Mephisto-Merck gemeinschaftlich vollzogen: immer hat er mit ihnen beiden zu thun, gegen beide sich zu wehren, beiden mit Spott zu vergelten.
Die Verstimmung zwischen Goethe und Herder dauerte vom Frühling 1773[10] bis in den Januar 1775, wo ein Brief Herders bei Goethe eintraf und wol sofort beantwortet wurde (18. Januar, DjGoethe 3, 59 f.). 'Ich hatte mich eben mit viel Lebhaftigkeit des Wesens und Unwesens unter uns erinnert, und siehe Du trittst herein und reichst mir die Hand. Da hast Du meine und lass uns ein neu Leben beginnen mit einander.' In diese Zeit des 'Unwesens' muss der Satyros fallen; nach dem Brief an Böckmann vor den Herbst 1774; nach einer eigenen späteren Angabe Goethes bestimmter ins Jahr 1773. Er schreibt, worauf schon Riemer Mittheil. 2, 598 hinwies, an Zelter (3, 87): ob er den Satyros gelesen habe? 'Er fällt mir ein, da er eben ganz gleichzeitig mit diesem Prometheus in der Erinnerung vor mir aufersteht, wie Du gleich fühlen wirst, sobald Du ihn mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller Vergleichung; nur bemerke, dass auch ein wichtiger Theil des Faust in diese Zeit fällt.' Nun hatte er den Prometheus, von dem er spricht, das Fragment in zwei Acten, bereits am 12. October 1773 an Schönborn vorgelesen (Redlich Zum 29. Januar 1878 S. VI); den Faust datirt er auch in einem Brief an Herder aus Rom 1. März 1788 auf 15 Jahre, d.h. auf 1773 zurück; also muss, wenn Goethes Erinnerung genau war, der Satyros gleichfalls in das J. 1773 gehören.
Wenn unter Goethes eigenen Augen und ohne Zweifel auf seine Anordnung das Stück ins Jahr 1770 gesetzt wurde (Ausg. letzter Hand 13, 75), so erklärt sich das jetzt ganz gut: es ist das Jahr in dem er Herder kennen lernte. Aber vor Herders Hochzeit (2. Mai 1773) wird es kaum begonnen sein.
Es ist gewissermassen eine Fortsetzung der verlorenen Knittelverse Goethes auf Herder, welche dieser etwa Anfang März 1778 beantwortete (Nachl. 3, 469; vgl. 1, 46 ff. 446. 462. 483. 485). Schon Anfang Februar hatte Herder an Merck dergleichen geschickt. Wir entnehmen aus Herders Erwiderung ungefähr Goethes Angriff:
Und schnell mit Spechtstriumph und List
Trat er zum Falk hinan:
'Das ist, wenn man ein Falke ist,
Ein Raubthier, guter Mann.
Was man da speculiren thut,
Ist alles wahr, ist alles gut.
Chor: Dünkt Adeler sich, Jupiter,
Wenn man kaum Falke ist.'
Der Specht ist Goethe, Herder der Falke. Goethe hatte mithin Herders Selbstgefühl und seine Speculationen verspottet. Er hatte vielleicht die Rücksichtslosigkeit gegen andere, das 'Raubthier' in Herder, gegeisselt. Alle diese Motive, sogar die Stichworte 'Adler' und 'Jupiter' finden sich im Satyros wieder.
Und gehen wir diesen Verstimmungen noch weiter nach, so stossen wir im Herbst 1772 auf einen Brief Herders an Merck, worin folgende Stellen zu theilweise wichtiger Bestätigung dienen (Merck 1, 35. 36): 'Auch können Sie denken, dass der theologische Libertin weg sei; aber dass er sich fast in einen mystischen Begeisterer darüber verwandelt, würden sie kaum ahnen. Die Seele aber bauet oder träumt sich natürlich um so lieber und glücklicher fremde Welten, je weniger sie in der gegenwärtigen findet. Himmel und Einsiedlerzelle sind immer zusammen' ... 'Ich bin voraus nichts als Schaum, Eitelkeit, Sprung und Laune gewesen; es ist schwer, den Capriccio mit Bockfüssen in den harmonischen Apoll zu verwandeln, oder vielleicht gar unmöglich, und mein werther Genius mag tausendfältig über mich lachen, wenn ich mit aller brausenden Hitze kalt zu werden suche und eben dadurch immer dummer handle. Nehmen Sie nicht übel, dass ich so viel von mir spreche: das Copernicanische System ist nun schon auf eine Zeit ins Ptolemäische verwandelt: der Erdkloss sieht sich selbst in der Mitte. Es ist Ihnen aber ein Wink, dass Sie mir nichts von dem allen glauben müssen, eben weil ich so davon sprechen kann.'
Wenn es nach der sonderbaren Schlusswendung den Freunden einfiel, Herder zum Satyr zu karikiren, der sich als mystischer Begeisterer aufspielt, sich zum Mittelpunct der Welt machen möchte und als neuer Tartufe eine ähnliche Entlarvung verdient: so kommt mir das sehr begreiflich vor. Wie sehr die Theorie des vorigen Jahrhunderts gewohnt war, Satire und Satyren zusammenzubringen, mag man aus Sulzer und Flögel entnehmen.
Was Merck, zugleich im Sinne Goethes, Herdern erwiderte, erschliessen wir ungefähr aus dessen Antwort (Merck 1, 39): er möchte schaudern über die Natur die in ihm supponirt und – offenbar in ungünstigster Weise – mit Swift verglichen wurde.
Herder hatte die besondere unglückliche Gabe zu verletzen im höchsten Grade. Und sind wir im Stande, eine Reihe von Kränkungen ruhig hinzunehmen, so werden sie doch selten ganz vergessen: sie sammeln sich auf, verdichten sich, je mehr neues hinzukommt, zu einem immer dunkleren Bilde der Quelle, aus der sie fliessen, die zuletzt als das Eingefleischtböse erscheint, und brechen dann wol bei geringem Anlass in plötzlicher zorniger Regung gegen den Schuldigen aus. In einer solchen Aufwallung, bekennt Goethe selbst, Herdern einen intoleranten Pfaffen gescholten zu haben (Nachl. 1, 41). In einer ähnlichen Aufwallung, die zu andauernder Verstimmung wurde, hat er den Satyros geschrieben. –
Ich bin nicht sparsam gewesen mit der Anführung von Parallelstellen; ich bin weit entfernt alle für beweisend zu halten. Bei solchen Untersuchungen dürfen wir nie vergessen, dass uns aller Wahrscheinlichkeit nach die Ueberlieferung mehr vorenthält als sie gewährt. Aber sämmtliche Handlungen eines Menschen pflegen in einer gewissen Analogie zu einander zu stehen; sie haben denselben Stil. Ist einer verspottet worden, den wir ausfindig machen sollen, so gilt es für die Richtigkeit der Deutung gleich, ob wir gerade die bestimmte von dem Satiriker gekannte und verwerthete Handlungsweise zu bezeichnen wissen oder eine ganz nahe-verwandte, dem Wesen nach gleiche. Auch müssen wir von vornherein darauf gefasst sein, nur einzelne Züge entschiedener Uebereinstimmung zwischen Urbild und Nachbild aufweisen zu können; bei den anderen genügt die Möglichkeit der Beziehung, so dass nichts widerspreche.
Wenn ich die Aelteste Urkunde vielfach benutzte, so möchte ich doch nicht behaupten, dass der Satyros später entstanden sein müsse, also im J. 1774; ich habe auch den vierten Theil herbeiziehen müssen, der erst 1776 erschien. Die Grundgedanken des Werkes sind ziemlich alt bei Herder; der Aufsatz über die Mosaische Schöpfungsgeschichte wird im Lebensb. 3, 416 ff. wol mit Recht nach Riga gesetzt; jedenfalls meint Herder in einem Brief aus Strassburg October 1770 (Lebensb. 6, 200) die 'Hieroglyphe' 3, 477 an Merck schon früher mitgetheilt zu haben; in Strassburg ergab sich ihm die Ausdehnung auf die ägyptische Theologie. Die specifische Ansicht der Aeltesten Urkunde, die er in jenem Aufsatze noch nicht hatte, dass die Mosaische Schöpfungsgeschichte eigentlich den Sonnenaufgang schildere, wird im Satyros nirgends vorausgesetzt. Dagegen tritt ein Gedicht aus dem J. 1769, dem älteren Aufsatze conform, manchmal recht nahe an die Lehren des Satyros heran:
Singt Klageton: verloren die schöne Braut
Des Paradieses, selige Unschuld! Weint
verloren ihre holde Tochter,
süsse, gesellige, nackte Liebe!
Und stürmt in Saiten: 'Wehe der blendenden
Abgöttin! Weh ihr, Feigenverhüllte Scham!
Scheintugenden! ihr Unglücksbilder,
grausend entsetzliche Missgestalten!'
Gesichte Gottes geben ihm Aufschluss über die Urzeit: Sieben Chöre sangen ein ewiges Lied der Schöpfung:
Wie Gott, als lange schaudernde kalte Nacht
auf Erd' und Meeren flutete, Er sein Licht
urplötzlich aufrief und sich Himmel
droben und unten Gebirge wölbten –
Zuletzt: 'Siehe, da stand der Mensch, ein Götterbild! und alle Wesen stimmten in hohem Accord zusammen'.
Die reine Urmenschheit, Natur und Wahrheit, hat der Schüler Rousseaus gewiss auch in Strassburg gepredigt. Und indem wir so auf das Verhältnis Herders zu Rousseau hinwiesen (Hettner 3, 3, 1, 27-30) kommt auch die Ansicht zu ihrem Recht, welche im Satyros die deutschen Nachahmer Rousseaus verspottet sehen will.
18. 3. 78.
HERDER IM FAUST.
Grimm Goethe 2, 283 vermuthet, Herder liege dem Mephisto zu Grunde. Wenn ich corrigiren darf, er habe neben Anderen Elemente zum Mephisto hergegeben, so scheint mir die Ansicht sehr überzeugend, und sie wird gestützt durch das über den Satyros Vorgetragene (vgl. besonders S. 44 Anm.): der hinkende Waldteufel erinnert schon äusserlich an Fausts teuflischen Diener. Der Ausruf 'ein Thier!' (Fragment von 1790, S. 130) findet sich ebenso auf Satyros angewandt (Schluss des fünften Actes), nur in anderer Situation. Für einen Spruch Mephistos lässt sich eine schöne Parallele Herders anführen (Fragm. S. 23):
Ich sag es Dir: ein Kerl, der speculirt,
Ist wie ein Thier, auf einer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.
In den Frankfurter Gel. Anzeigen 1772 Nr. 84. 85 (20. und 23. October) recensirt Herder ein Buch von James Beattie und bemerkt unter anderem: 'Speculation als Hauptgeschäfte des Lebens – welch elendes Geschäfte! Sie gewöhnt endlich alles als Speculation anzusehen! ein Opium, was alle wahre Lebenskraft tödtet und mit süssen Träumen sättigt, aber auch wie selten mit süssen Träumen? – wie oft ist das Reich der Abstraktionen die wahre Gegend unterirdischer arsenikalischer Dünste, wo die Goldgräber (Goldgräber nach dem Wahn der Menschen) als Verdammte der Hölle umhergehen, mit blassen Wangen und früh verpestetem Odem' ... Er nennt die Speculation ferner einen Sumpf voll witziger Irrlichter, lobt seinen Autor, dass er uns auf den rechten Weg eifere und fährt fort: 'Lass sich einige aufmachen und wandern: vielleicht finden sie das Goldland, und er sagt gar, dass wirs Alle, wenn wir nur die Augen aufthun wollen, rings um uns haben'. Die Hervorhebung dieser Worte rührt von Herder her. Man sieht deutlich, wie weit er Goethe vorgearbeitet hat, der das Bild nur ins zoologische Gebiet überträgt: wer speculirt geht wie ein Verdammter der Hölle umher, Irrlichter verlocken ihn in einen Sumpf, er thut die Augen nicht auf um zu sehen, dass das Goldland, das er sucht, rings um ihn liegt.
Andererseits habe ich schon oben darauf hingewiesen, dass die Scene zwischen Satyros und Psyche an Faust und Gretchen erinnert. Goethe hatte unmöglich an sich selbst bis 1775 erfahren können, dass er einem Mädchen im eigentlichen Sinn imponirte; aber bei Caroline Flachsland und Herder lag ihm ein solches Verhältnis vor Augen. Es mag daher auch in der Gestalt des Faust ein Element Herder stecken.
Eine dritte Auffassung Herders aus dieser Zeit liegt im Zigeunerhauptmann des Jahrmarkts vor, wie Wilmanns zeigte, woran sich der Balandrino des Pater Brey anschliesst: in demselben Sinne wurde Herdern zu Ehren Götz in der ersten Fassung Gottfried genannt (vgl. Grimm Goethe 1, 137). Wieder anders stellt sich der Abbé des Wilhelm Meister und der Humanus der Geheimnisse dar. Aber sie alle haben mit dem ersten Faust nichts zu thun.
Julian Schmidt nimmt an, dass Herder dem Erdgeiste zu Grunde liege; so ablehnend wie der Erdgeist gegen Faust habe sich Herder gegen Goethe verhalten (Preuss. Jahrb. 39, 375 f.). Für die Abweisung als solche könnte ich das Motiv persönlicher Erfahrung mit Herder wol zugeben; man dürfte nur auch die Verschiedenheit nicht übersehen: des Geistes Abwendung hat Faust verschuldet durch das Grauen das ihn beim Anblicke der 'Flammenbildung' ergriff; hierfür lässt sich in dem Verhältnis von Goethe zu Herder keine Analogie aufweisen. Vollends aber wenn Julian Schmidt den Erdgeist als den Geist der Geschichte ansieht, der eben durch Herder dem jungen Goethe machtvoll entgegentrat, so stimme ich darüber Vischer S. 264 (vgl. Düntzer Würdigung S. 26) bei: ich finde nichts in ihm als das physische Erdenleben, an das sich Goethe auch im Werther klammert und das ihm auch im Werther Grauen einflösst (DjGoethe 3, 292); vgl. noch in der Recension über Sulzer (DjGoethe 2, 472): 'Sind die wüthenden Stürme, Wasserfluten, Feuerregen, unterirdische Glut, und Tod in allen Elementen nicht ebenso wahre Zeugen ihres [der Natur] ewigen Lebens, als die herrlich aufgehende Sonne über volle Weinberge und duftende Orangenhaine?'
Wenn wir uns hier somit von Herder entfernen, so können wir ihn um so bestimmter an einer anderen Stelle entdecken, in dem vorhergehenden Abschnitte des Monologs, wo Faust das Zeichen des Makrokosmos aufschlägt. Nach dem Buche des Astrologen Nostradamus erkennt er der Sterne Lauf; astronomische Vorstellungen sind es zunächst, welche das Zeichen in ihm erweckt; man muss vor allem an die Harmonie der Sphären denken, die aber erst zuletzt bestimmter anklingt. Beruhigung strömt über ihn her. 'War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb, die ... die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen? Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!'
Jetzt erst erkenn ich was der Weise spricht:
'Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!
Auf bade, Schüler, unverdrossen
Die irdsche Brust im Morgenroth!'
Diesen Weisen hat bis jetzt noch niemand nachgewiesen (s. Düntzer 1857 S. 180; Erläut. S. 65; v. Loeper S. 20); Nostradamus kann nicht gemeint sein sollen: vielmehr macht das bei Nostradamus gefundene Zeichen den dunklen Ausspruch eines anderen Weisen klar. Dass Goethe die citirten Sätze erfunden hätte, wäre recht sonderbar; sehr verständlich klingen sie auch nicht. Düntzer meint: es könne 'das Baden der Brust im Morgenroth nur auf das in den frühesten, zur geistigen Auffassung geeignetsten Morgenstunden beginnende Betrachten sich beziehen.' Suchen wir einmal den Wortsinn zu fassen und ihn in dem Zusammenhange zu verstehen, in dem er auftritt.
Die Kräfte der Natur enthüllen sich in dem Zeichen, es muss von einem Gotte herrühren und macht den Beschauer zum Gott, weil das Geheimnis der Schöpfung vor ihm aufgedeckt liegt: das Zeichen ist Offenbarung. Jetzt erst verstehe ich den Weisen, welcher sagt: 'Es ist nicht wahr, dass die Geisterwelt verschlossen sei, es gibt eine Offenbarung; man muss ihr nur Sinn und Herz eröffnen; geh hin zur Morgenröthe, da wirst du die Offenbarung finden.'
Der Ausruf 'bade' usw. kann nur eine Hinweisung auf den Ort sein, wo sich die Geisterwelt erschliesst.
Hierdurch wird die Stelle zunächst nicht deutlicher: Was hat die Morgenröthe mit der Offenbarung zu thun? Wir müssten das Citat aufschlagen können, um hier klar zu sehen. Aber wo?
Ich glaube, in Herders Aeltester Urkunde des Menschengeschlechts. Er ist der 'Weise'.
Die Mosaische Schöpfungsgeschichte ist nach Herder ein Gemälde der Morgenröthe, Bild des werdenden Tages. 'Komm hinaus, Jüngling, aufs freie Feld und merke. Die urälteste herrlichste Offenbarung Gottes erscheint dir jeden Morgen als Thatsache, grosses Werk Gottes in der Natur' (Werke zur Relig. und Theol. 5, 101). Ein besonderes Capitel des ersten Bandes heisst 'Unterricht unter der Morgenröthe'. Die erste Offenbarung Gottes war Offenbarung in der Natur, und zwar im einfachsten schönsten Bilde, in der aufgehenden Morgenröthe; zur Fassung und Erreichung dieses Bildes aber kam eine Lehrmeisterstimme hinzu, für welche im Anfange der Zeit niemand als Gott da war. Schöpfung ist Gewühl einzelner Geschöpfe: sie gewann für den Urmenschen Einheit und Zusammenhang nur durch die aufgehende Morgenröthe, diese Lehrmethode Gottes.
Wie bezeichnend ist nun die Aufforderung zum 'baden' in der Morgenröthe[11]. So will Faust im Thau des Mondes sich gesund baden. An Abwaschung, Reinigung ist gedacht: Bücher und Papier sind Krankheit, Schmutz; die lebendige Natur bringt Heilung, Trost und neues Lebensglück. Ganz wie uns Herder in dem angeführten Kapitel weg weist von Demonstration, Raisonnement, Abstraction und anderem Vernunftgeschäfte, wo wir tappen und leben, mit hunderttausend Schlüssen umringt, fühllos, ohne Anschaun, ohne Gott in der Welt – und uns dafür jene erste Offenbarung bewundernd begeistert anpreist. Wir sollen uns in die Urzeit der Schöpfungsreligion hinfühlen, als Adam ward: 'Es ist als ob der Allanblick und die ganze Stimme der Sphären, nach dem Sinne des Menschen gemildert, ihm Seele öffnete und Herz und Gebein erquickte' ... 'Heil ihnen, den Kindern Gottes, den einfältigen Schülern der grossen allweiten Natur, die ihn fühlten!' ... Jene Offenbarung ist 'erhabenste Weisheit für Unschuld, Zufriedenheit und Glückseligkeit des Menschen'.
Was der 'Weise' an die Morgenröthe anknüpft, das geht dem einsamen wahrheitsdurstigen Forscher an dem magischen Zeichen auf: es gibt eine Offenbarung, wodurch die Einheit und Ordnung der Welt kund wird, wo Gott zum Menschen, Geist zum Geiste spricht.
Die eigentliche Schilderung des Makrokosmus, welche folgt, nimmt doch recht wenig aus den kabbalistischen Anschauungen, welche Düntzer in seinem Faustcommentar (1857, S. 178 ff.) bespricht; jede bestimmtere, modernes Naturwissen absolut befremdende Anlehnung ist vermieden. Dagegen findet zum Theil wörtliche Uebereinstimmung mit der Kosmogonie des Satyros statt.
Satyros erzählt, wie nach Geburt von Hass und Liebe 'das All nun ein Ganzes war'; Faust bewundert, 'wie alles sich zum Ganzen webt'. Satyros: 'Und das Ganze klang in lebend wirkendem Ebengesang, sich thäte Kraft in Kraft verzehren, sich thäte Kraft in Kraft vermehren'; Faust: 'Eins in dem andern wirkt und lebt, wie Himmelskräfte ... harmonisch all das All durchklingen'. Satyros: 'Und auf und ab sich rollend ging das all und ein und ewig Ding'; Faust: 'wie Himmelskräfte auf und nieder steigen ... vom Himmel durch die Erde dringen', wie beim Satyros die Elemente sich erschliessen 'alldurchdringend, alldurchdrungen'.
Gleich sehen wir was im Faust hinzukommt. Die absichtliche Dunkelheit der Satyros-Offenbarung verschwindet, und fassbare Bilder fürs Auge stellen sich ein: alle Einzelheiten der Welt weben sich zum Ganzen; die Himmelskräfte sind wie Engel gedacht, geflügelt, sie steigen vom Himmel zur Erde nieder, von der Erde zum Himmel auf und reichen sich goldne Eimer, ihre Flügel duften Segen, damit kommen sie vom Himmel und – durchdringen die Erde; das Bild verliert an malerischer Anschaulichkeit, man kann sich nicht Engelsgestalten denken, welche durch die Erde hindurchdringen, aber die Vorstellung des segensvollen Duftes hilft uns, die Kräfte wieder gestaltloser und flüchtiger zu denken, und bereitet so den Uebergang in das Gebiet eines andern Sinnes vor: dass eben jene Kräfte 'harmonisch all das All durchklingen'.
Weitere Deutung ist hier nicht nöthig: ich wollte nur zeigen, dass jenes Citat auf Herder zurückgehe, und das Verhältnis zum Satyros brauche ich für eine chronologische Erwägung. Ich möchte vermuthen, dass die hier behandelten Stellen im allgemeinen zu der Partie des Faust gehören, welche Goethe selbst mit dem Satyros und Prometheus in die gleiche Zeit setzt. Die Wendung Fausts vom Makrokosmus zum Erdgeist muss man wol als eine innere Entwicklung Goethes auffassen, über die ich ein andermal sprechen werde. Die Unterbrechung durch den Famulus – 'O Tod! ich kenn's ... Dass diese Fülle der Gesichte der trockne Schleicher stören muss!' – ist aus dem beabsichtigten Mahomet übertragen (Schöll Briefe und Aufsätze S. 151. 152), der auch mit einem Monologe des Helden beginnen sollte, worin er unter Ablehnung des Gestirndienstes den einigen Gott den erschaffenden findet: da kommt seine Pflegemutter Halima, ruft seinen Namen; Mahomet spricht: 'Halima! O dass sie mich in diesen glückseligen Empfindungen stören muss.' Nachher bemerkt er: 'Ich war nicht allein. Der Herr, mein Gott, hat sich freundlichst zu mir genaht.'
An die Scene mit Wagner schliesst sich im Fragment von 1790 die Unterredung mit Mephisto, worin Faust, und zwar hier gleich zu Anfang (S. 19) sein Selbst zu dem der ganzen Menschheit erweitern will; wie Prometheus zu Merkur, dem Boten der Götter, sagt: 'Vermögt ihr mich auszudehnen, zu erweitern zu einer Welt?'
Gehören diese Scenen mit dem Satyros und Prometheus noch in das J. 1773, so ergibt sich wieder die Schwierigkeit mit Herders Aeltester Urkunde. Aber dass Goethe 1774 und 1775 intensiv am Faust gearbeitet hat, wissen wir: geht doch vermuthlich das ganze Fragment mit Ausnahme der Hexenküche (S. 63-82) und der Scene 'Wald und Höle' (S. 151-161) auf die Jahre 1773 bis 1775 zurück. Es wäre also doch sonderbar, wenn man die Annahme abweisen wollte, dass der Dichter in vorläufig fertig gestellte Scenen nachträglich hineingearbeitet habe. Hier ist es sogar möglich, dass geradezu, ohne sonstige Veränderung, die acht Zeilen 'Bin ich ein Gott?' bis 'Morgenroth' in die fertige Scene eingeschaltet wurden. Man mag, um dieser Möglichkeit einen leisen Schimmer der Wahrscheinlichkeit zu geben, noch bemerken, dass die betreffenden Verse ausser dem Citat keinen neuen Gedanken enthalten und dass der Autor, um das Citat anbringen zu können, sich wiederholen musste.
Wenn sonst der Sinn der Scene – von der trockenen Gelehrsamkeit weg zur Natur! – uns an Aeusserungen in der Aeltesten Urkunde erinnerte, so beruht das nicht auf Entlehnung, es ist vielmehr ein schönes Zeugnis für die innere Uebereinstimmung zwischen Herder und Goethe.
21. 3. 78.
DER FAUST IN PROSA.
Es sei mir gestattet zu vorderst eine Bemerkung aus der Deutschen Rundschau (Augustheft 1878 Bd. 16 S. 329) zu wiederholen:
"Die Entstehungsgeschichte des Goethischen Faust ist ein Problem, welches nach so vielen gründlichen und geistreichen Erörterungen der letzten Zeit noch immer der völligen Erledigung harrt und in gewissem Sinne nie völlig erledigt werden wird. Referent hofft nachweisen zu können, dass ein mehr oder weniger ausgeführter Entwurf in Prosa schon zur Zeit des ersten Götz im Winter 1771 auf 1772 zu Papier gebracht wurde und dann als Grundlage der Umarbeitung in Verse, etwa seit 1773 diente. Spuren davon scheinen mehrfach durch, einmal sogar noch im zweiten Theil; ein Stück daraus ist die Scene 'Trüber Tag, Feld'; und was folgt 'Nacht, offen Feld' ging ursprünglich voraus und gehörte zur selben Scene, Reden der 'Hexenzunft' sollten zur Entdeckung von Gretchens Unglück führen. Auch die Domscene ist nur in Versen geschrieben, und das Gebet zur Mater dolorosa sollte eigentlich an ihre Stelle treten."
Ich will diese Vermuthungen jetzt zu begründen versuchen, nicht ohne von neuem zu prüfen, ob sie in allen Einzelheiten bestehen können. Jede Untersuchung über Faust ist erleichtert seit Herrn von Loepers neuer Ausgabe, einstweilen nur des ersten Theiles (Berlin, Hempel 1879), worin die Reimzeilen durchgezählt sind und dadurch zum ersten Male bequemes Citiren ermöglicht wird.
In der prosaischen Scene, von der meine Betrachtung ausgeht (S. 195), sind mit Recht die Zeilen für sich gezählt. Sie fehlt im Fragment von 1790; aber sie war nicht ungeschrieben (Loeper S. 197). Wieland bemerkte, am 12. November 1796, die interessantesten Scenen, wie z.B. die im Gefängnisse, wo Faust so wüthend werde, dass er selbst den Mephistopheles erschrecke, habe der Dichter unterdrückt (Böttiger Litt. Zustände 1, 21). Nur unsere Scene kann gemeint sein; das Gefängnis ist freilich ein Irrthum, aber ein leicht erklärlicher, da Gretchens Gefangenschaft das erste Motiv bildet. Dieselbe Scene muss Einsiedel im Auge gehabt haben bei den Worten: 'Parodirt sich drauf als Doctor Faust, dass 'm Teufel selber vor ihm graust'. Durch Einsiedels 'Schreiben eines Politikers an die Gesellschaft, am 6. Januar 1776' wird die Scene hinauf gerückt unter diejenigen, welche Goethe nach Weimar mitbrachte.
Wenn Schiller am 8. Mai 1798 eine Bemerkung Goethes erwähnt, 'dass die Ausführung einiger tragischen Scenen in Prosa so gewaltsam angreifend ausgefallen' (Düntzer S. 88): so war unter diesen Scenen die gegenwärtige ohne Zweifel mit begriffen; zugleich wird der Blick auf weitere eröffnet.
Dem steht nur scheinbar Riemers Versicherung entgegen (Mitth. 1, 349): Goethe habe ihm das Stück dictirt. Wonach es jünger als 1803 sein müsste, wo Riemer Goethes Hausgenosse wurde. Aber offenbar hat er ein älteres Concept umdictirt. Wie weit er dabei Veränderungen eintreten liess, können wir nicht wissen; nur dass die Anspielung auf Valentin (Z. 46 ff.) bei dieser Gelegenheit interpolirt sei, lässt sich vermuthen.