Threnodien

An meine getreuen Hörer

(Statt einer Vorrede)

Als ich daranging die „Treny” Kochanowskis ins Deutsche zu übertragen, war ich überzeugt, dass mein Unternehmen in Polen lebhaften Anklang finden werde. Ich glaubte mich dazu umsomehr berechtigt, als ja bereits meine Übersetzung von Kochanowskis Drama1) einen ungewöhnlichen Erfolg zu verzeichnen hatte. Das Stück wurde im Rahmen einer großangelegten Kochanowskifeier von der Deutschen Bühne in Bromberg (Bydgoszcz) glänzend in Szene gesetzt, und sowohl jene denkwürdige Aufführung, als auch mein Buch erfreuten sich weit über die Grenzen hinaus in der Presse Deutschlands, Frankreichs, ja selbst Amerikas spaltenlanger Besprechungen, in denen fast ausnahmslos von der hohen kulturellen Bedeutung dieses Ereignisses die Rede war. Ich glaube kaum, dass eine zweite Übersetzung aus dem Polnischen, sei es in welche Sprache immer, sich im neuen Polen auf eine ähnliche „propagandistische“ Wirkung berufen könnte. Auch meine früheren Erfahrungen in Böhmen, wo gleich meine ersten schüchternen Anfänge freundlicher Aufnahme begegneten und man mir von allen Seiten bereitwilligst jegliche Unterstützung anbot, — auch diese sympathischen Erfahrungen, die ich noch in lieber Erinnerung hege, ließen mich erwarten, dass man endlich auch hier, wo so viel von „kultureller Propaganda“ gesprochen und geschrieben wird, wenigstens in diesem Falle die Bedeutsamkeit und Tragweite meiner Arbeit begreifen werde. Handelt es sich doch um nichts Geringeres als um die erste und einzige deutsche Gesamtübersetzung eines der größten Meisterwerke der polnischen Literatur.

Aber weit gefehlt! Trotz aller meiner Bemühungen hat sich weder ein Verleger bereit gefunden mein Werk herauszugeben, noch hat sich irgendwelche hierzu berufene literarische Vereinigung oder staatliche Behörde bewegen lassen es finanziell oder auch nur moralisch zu unterstützen. Ich war also nahe daran die mühevolle Arbeit zweier Jahre zu vernichten, hättet nicht Ihr in wohlverstandenem, vorbildlichem Patriotismus noch in zwölfter Stunde Eure Spargroschen zusammengetragen, um ein Werk, das die schönste und eigenartigste Dichtung aus dem Goldenen Zeitalter polnischer Poesie den Deutschen vermitteln und so dem großen Dichter tausende von neuen Freunden und Verehrern werben wollte, wenigstens vor dem völligen Untergang zu bewahren. Denn Ihr sagt Euch mit Recht (und Ihr erseht es aus der Geistesgeschichte der großen Kulturen des Westens), dass jede gute Übersetzung einer überragenden Leistung, deren eine Nation sich vor anderen rühmen darf, gewissermaßen eine geistige Eroberung bedeutet. Und so habt Ihr, wenn auch in den bescheidenen Grenzen Eures Könnens, eine Tat vollbracht, die von Eurer vornehmen und sachlichen Denkart beredtes Zeugnis ablegt und Euch meine Achtung und Dankbarkeit für immer sichert.

Freilich musste ich jetzt schweren Herzens so manchen mir liebgewordenen Plan begraben. Vor allem war ich genötigt auf den reichen und erlesenen Buchschmuck zu verzichten, der meiner Pietät für den Dichter auch auf diese Weise Ausdruck geben sollte und durch seine des klassischen Inhalts würdige Aufmachung sicher auch im Ausland imponierend gewirkt hätte. Ferner musste eine umfangreiche, teilweise ganz neue Ergebnisse bringende Einleitung zum Opfer fallen, ebenso die ausführlichen, zumeist für den deutschen Leser bestimmten Anmerkungen. Denn es blieb leider kein anderer Ausweg als selbst wertvollen Ballast abzuwerfen, um doch wenigstens das Wichtigste aus dem Schiffbruch zu retten. In dieser bescheidenen Gestalt lege ich somit mein Büchlein in Eure Hände. Der breiten Öffentlichkeit bleibt es vorenthalten.

Zum Schluss noch eine grundsätzliche Feststellung. Ich arbeite nicht für „Propaganda”. Ich liebe dieses Wort nicht, das auch in seinen lautersten Auswirkungen den Beigeschmack des Geschäftlichen in sich schließt. Wenn ich mich durch vierzehn Jahre in meinen Nebenstunden mit der Verdolmetschung polnischer Dichtungen befasst habe, so geschah es lediglich deshalb, weil mich diese Art von Tätigkeit seit jeher anzog und mir auch heute manche schöne Stunde innerer Befriedigung beschert. Aber ich habe es, so wie Kochanowski, nicht nötig, dass die Musen „für mich bei undankbaren Leuten betteln”. Und darum fühle ich mich — trotz vereinzelter Beweise äußerer Anerkennung — naturgemäß nicht weiter berufen mein Bestes für solche hinzugeben, die meinen idealen Bestrebungen vollkommen taub und verständnislos gegenüberstehen, ja zum großen Teil sie sogar ablehnen, weil — nun, das Warum brauche ich Euch, meine lieben Germanisten, nicht erst des Weiteren auseinanderzusetzen.

Threnodie I

All ihr Tränen, die einst Heraklit vergossen,

Klag’ und Jammer, Simonides’ Mund entflossen,

All ihr Seufzer und Gram auf dem Erdenballe

Und Leid und Weh und Händeringen: ihr alle,

Alle mögt euch in meinem Hause vereinen,

Und helfet mir mein holdes Mädchen beweinen,

Von dem der ruchlose Tod mich hat geschieden

Und jählings mir geraubt allen Trost hinieden!

So holt die Schlange aus dem versteckten Neste

Die junge Brut, dass gierig den Schlund sie mäste,

Indes die arme Mutter zwitschernd voll Zagen

Den Mörder wieder und wieder will verjagen;

Vergeblich, denn schon will er sie selber fangen,

Kaum dass sie ihm mit dem Gefieder entgangen.

Ihr andern sagt wohl, eitel sei es zu weinen?

Was will, bei Gott, nicht eitel auf Erden scheinen?

Alles eitel! Wir tasten, wo’s weicher eben,

Und allseits driickt’s: ein Irren das Menschenleben

Was lindert mehr: im Leiden offen zu klagen,

Oder den Schmerz gewaltsam niederzuschlagen?

Threnodie II

Sollt über Kinder je ich mit der Feder spielen

Und leichte Reime baun um dieses Alters willen,

Bei Gott, die Wiege hätt ich lieber da geschaukelt

Und seichte Lieder für die Ammen hingegaukelt,

Dass sie die Kinderchen damit in Schlummer singen

Und ihrer Pfleglinge Geschrei zum Schweigen bringen!

Mit größerm Nutzen hätt ich solches Zeug gemacht,

Als nun — was heute mir mein Unglück zugedacht —

An meines holden Kinds verschwiegnem Grab zu weinen

Und ob Proserpinas grausamem Druck zu greinen.

Doch könnt ich beides nicht mit gleicher Freiheit tun:

Jenes verschmäht’ ich, weil dem reifen Geist es nun

Nicht reif genug erschien; in dieses stieß mit Zwang

Die Schickung mich und mein Verlust fürs Leben lang.

Und jetzt ist mir nicht leicht darüber nachzusinnen,

Ob durch mein Weinen ich einst werde Ruhm gewinnen.

Nicht wollt ich Lebenden, heut muss ich Toten singen

Und klagend fremden Tod, mich selbst ihm nahebringen.

Was hilft’s! Wie das Geschick verfolgt die Menschen hüben,

So wirkt es heitern Sinn in ihnen oder trüben.

O ränkevolles Recht, o flücht’ger Schattenschar

Grausame Fürstin du, unbeugsam, unnahbar!

Musst meine Ursula, da sie ja noch auf Erden

Zu leben nicht verstand, so früh entrafft mir werden?

Die an der Sonne Glanz sich noch nicht sattgeschaut,

Ging ach! das Land besehn, wo ew’ge Nacht nur graut.

Und lieber sollte sie nicht erst das Licht gewahren!

Was hat sie mehr denn als Geburt und Tod erfahren?

Und statt des Trosts, den sie den Eltern mit der Zeit

Geschuldet, ließ sie uns zurück in schwerem Leid.

Threnodie III

Stolz hast du mich verschmäht, du traute Erbin mein!

Es schien des Vaters Gut dir zu gering zu sein,

Als dass du je daran Genüge hättst gefunden.

Nie könnt es messen sich, ich sag es unumwunden,

Mit deinem frühen Geist, mit deinem holden Wesen,

Daraus dein Tugendpreis schon war vorauszulesen.

O Worte, kindlich Spiel, manierliches Bewegen,

Wie muss ich heut um euch so groß Betrübnis hegen!

Und du, mein Trost, kehrst nicht zurück in Ewigkeiten,

Und meiner Sehnsucht wirst kein Ende du bereiten.

Nichts bleibt mir da, nichts bleibt als nur dir nachzureisen,

Und deiner Füßchen Spur wird mir die Fährte weisen.

Dort seh ich dich, wills Gott, und du sollst mich begrüßen

Und deinen Vater in die teuern Ärmchen schließen.

Threnodie IV

Gewalt tatst, arger Tod, du meinen Augen an,

Dass sie mein liebes Kind vorzeitig sterben sahn.

Ich sah, wie unreif noch die Frucht hinabgeglitten,

Und solches Unglück hat der Eltern Herz zerschnitten.

Nie hätte zwar der Tod sie ohne großes Leid

Mir jemals fortgeführt, nie ohne Bitterkeit

Und schwere Herzenspein, selbst wenn in spätern Jahren

Sie mir zur Kümmernis wär aus der Welt entfahren;

Doch nimmer hätt ihr Tod mir so viel Leid gebracht,

So große Qual in mir und Sehnsucht nie entfacht;

Denn sie (hätts Gott gewollt und ihr noch Frist gewähret)

Hätt meinen Augen wohl noch manchen Trost bescheret.

Inzwischen könnt ich doch mit meinem Leben schließen

Und auf der letzten Fahrt Persephone begrüßen

Und hätt im Herzen nicht gefühlt so großes Wehe,

Dass ich auf dieser Welt nicht seines Gleichen sehe.

Nun fass ichs: Niobe, da sie den Tod gewahrte

Der lieben Kinderschar, dass sie zu Stein erstarrte.

Threnodie V

Wie die Olive klein im hohen Park entsprießt

Und in der Mutter Spur vom Boden aufwärtsschießt,

Noch hat sie Zweige nicht, noch Blätter nicht getrieben,

Selbst ist sie nur vorerst ein schlankes Reis geblieben;

Wenn reutend scharfen Dorn und wilden Nesselbast

Des Gärtners Schere die voreilig hat erfaßt,

Welkt sie alsbald dahin, und ohne Lebenskraft

Sinkt sie zur Mutter Fuß, der lieben, hingerafft:

Also geschah es auch mit meinem liebsten Kinde.

Der Eltern Augen sahn es wachsen, doch geschwinde,

Kaum hobs vom Boden sich, sanks von der gift’gen Seuche

Des grausen Tods behaucht den Eltern, ach, als Leiche

Zu ihren Füßen hin. Böse Persephone,

Wie konntest sinnlos du zulassen so viel Weh?

Threnodie VI

Frohsame Sängerin, slawische Sappho du,

Nicht nur mein Erdenteil kam dir als Erbe zu,

Nein, auch die Laute warst zu erben du berechtigt!

Zu solcher Hoffnung hast du selbst uns schon ermächtigt.

Du schufest Lied um Lied, es schloss sich nie dein Mündchen,

Den ganzen lieben Tag sangst du so manches Stündchen,

So wie im grünen Busch die kleine Philomele

Die ganze Nacht durchsingt mit ihrer frohen Kehle.

Zu schnell bist du verstummt, es hat dich so geschwind

Der schnöde Tod verscheucht, mein holdes Plauderkind!

Nie könnt mein Ohr sich satt an deinen Liedern hören,

Und dieses Wen’ge zahl ich jetzt mit reichen Zähren.

Selbst sterbend hast du nicht das Singen aufgegeben.

Die Mutter küsstest du und schiedest so vom Leben:

„Ich werde, meine Mutter, dienen dir nicht mehr,

An deinem lieben Tische bleibt mein Platz nun leer;

Hier sind des Hauses Schlüssel, denn ich zieh hinaus.

Auf ewig scheid ich von der lieben Eltern Haus ...”

Das war, und was gebeugt von Leid und Ungemach

Der Vater nicht mehr denkt, das Letzte, was sie sprach.

Und als die Mutter nun vernahm den Scheidesang,

Das gute Herz, dass ihr’s da nicht vor Leid zersprang!

Threnodie VII

Unsel’ger Kleiderstaat, bei dem ich Leid empfinde,

Von meinem liebsten Kinde!

Wozu müsst ihr auf euch die trüben Blicke kehren,

Mein Leid noch zu vermehren?

Nie wieder hüllt in euch sie ihre zarten Glieder,

Nein, niemals, niemals wieder!

Es hält der ew’ge Schlaf sie eisern, hart umfangen.

Nie wieder wird sie prangen

In buntem Sommerkleid, goldfarbnen Gürteln, Bändern,

Der Mutter Liebespfändern!

Nicht solche Lagerstatt, mein teures Mädchen, hätte

Die Mutter dir als Bette,

Die arme, zugedacht, nicht solch ein Angebinde

Versprach sie ihrem Kinde!

Ein Hemdlein gab sie bloß, ein schlichtgewebtes Röcklein,

Der Vater Erdenbröcklein

Dir unters Köpfchen. Ach! Nun ruhn sie im Vereine,

Versperrt in einem Schreine!

Threnodie VIII

Welch große Öde hast du in mein Haus gebracht,

O teure Ursula, seit du dich fortgemacht!

Voll ists bei uns, und doch — als ob nun alles fehle,

So viel verloren wir um eine kleine Seele.

Du hast für uns geschwätzt, für uns hast du gesungen.

In alle Winkel ist dein Trippelschritt gedrungen;

Nie littst du, dass in Gram die Mutter sich verzehr,

Noch dass des Vaters Kopf vom Denken allzu schwer,

Bald ihn, bald wieder sie hold an dein Herzchen schmiegend

Und durch dein Lachen sie, dein fröhliches, vergnügend.

Und jetzt ist alles still, im Haus ists öd und leer,

Zu spielen gibt es nichts, nichts gibts zu lachen mehr.

Aus jedem Winkel fasst den Menschen Leid und Schmerz,

Und, ach, vergeblich späht nach Tröstung aus das Herz.

Threnodie IX

Weisheit, um teures Geld man dich erkaufen müsste,

Wenn sich der Spruch bewährt, du träfest alle Lüste,

All menschlich Weh zusamt den Wurzeln auszuraffen,

Ja selbst den Menschen schier zum Engel umzuschaffen.

Der nichts von Schmerze weiß, kein sehrend Leid verspüret,

Der keinem Missgeschick erliegt, den Furcht nicht rühret.

Dir gilt der Menschen Tun für bloße Nichtigkeit,

Gleichmüt’ge Sinnesart im Glück wie auch im Leid

Trägst du in dir; dem Tod beutst du dich furchtlos dar,

So stehst du sicher da, ewig, unwandelbar.

Du misst den Reichtum nicht mit Gold und Schätzen zu.

Doch was Natur erheischt, das spendest reichlich du;

Dein Auge, dem sich nichts entzieht, das immer wache,

Erspäht den Elenden selbst unter goldnem Dache.

Dem Armen neidst du nicht, dass er sich glücklich heißt,

Wenn er dein Mahnwort nur zu hören sich befleißt.

Ich unglücksel’ger Mann, der ich all meine Jahre

Damit verbracht, dass ich die Schwelle dein gewahre:

Nun von der Treppe Fuß jählings zurückgesetzt,

Bin unter andern ich einer von vielen jetzt.

Threnodie X

Wohin nur mochtest du mir, Ursula, entschweben,

In welche Gegend dich, in welches Land begeben?

Gingst du in jene Höhn ob allen Himmeln ein

Und zählst dort zu der Schar der kleinen Engelein?

Kamst du ins Paradies? Zu sel’gen Inselauen

Wardst du vielleicht gebracht? Führt Charon dich durch Grauen

Über die bangen Seen und labet deinen Mund

Mit Lethe, dass dir nichts von meinem Weinen kund?

Legtest du Menschenleib, jungfräulich Wesen nieder

Und nahmst der Nachtigall Gestalt an und Gefieder?

Weilst du im Feuerbad, auf dass an deinem Leibe

Auch nicht das kleinste Mal von Irdischem verbleibe?

Gingst du dorthin zurück, wo deine Heimat war,

Eh mir zu schwerem Leid die Mutter dich gebar?

Wo du auch bist, lass dir mein Leid zu Herzen gehen,

Und kann ich dich schon nicht, so wie du einst warst, sehen,

Dann zeig dich mir zum Trost, ob du auch wirklich seist,

Als Schatten oder Traum oder als flücht’ger Geist.

Threnodie XI

„Ein Nichts ist Tugend”, sprach Brutus, da er geschlagen;

Ein Nichts, wohin man blickt, ein Nichts, wohin wir jagen!

Wen hat wohl Frömmigkeit je aus der Not befreit?

Wen hat wohl Güte je vor bösem Fall gefeit?

Der Menschen Dinge mischt geheim ein feindlich Wesen,

Das nicht in Obhut hält die Guten, noch die Bösen;

Wohin sein Atem weht, wird keiner ihm entfliehn;

Ob schuldig oder nicht, wahllos erreicht es ihn.

Und wir mit unserm Kram, als ob der Weisheit wär,

Sind vor Einfält’gen stolz und wissen doch nicht mehr.

Wir stürmen himmelauf, Gottes geheime Pläne

Dort auszuspähn, allein der Blick der Erdensöhne

Ist stumpf dazu. Uns ziehn flüchtige Traumchimären

In ihren Bann, die sich, wie’s scheint, doch nie bewähren.

Leid, was tust du mir an? so soll ich beide euch

Verlieren denn nunmehr: Trost und Verstand zugleich?

Threnodie XII

Kein Vater hat wohl je sein Kind so sehr geliebt,

Und keiner war wohl je so sehr wie ich betrübt.

Und kaum hat jemals auch ein Kind gelebt auf Erden,

Wert von den Eltern so wie dies geliebt zu werden;

So sauber, zuchtgewohnt, von Launen weit entfernt,

Sang, sprach und reimte sie, als hätte sie’s gelernt;

Und Knix und Positur verstand sie nachzuahmen

Und trug und unterhielt sich so wie junge Damen;

Vernünftig, sittiglich, leutselig, ohne Neid,

Gutwillig, anmutreich, schlicht und voll Züchtigkeit.

Nie hätte morgens sie der Speise je gedacht,

Eh sie nicht Gott zuvor hätt ihr Gebet gebracht;

Ging nicht zu Bett, eh sie der Mutter sich empfohlen

Und ihrer Eltern Heil dem Lieben Gott befohlen.

Stets wenn der Vater kam, sprang sie von Schwell zu Schwelle

Und war mit freudigem Willkommengruß zur Stelle;

Hilfreich bei jedem Werk, war sie im Elternhaus

Der ganzen Dienerschaft bei jedem Dienst voraus.

Und solches übte sie schon in so jungen Jahren,

Da ihr nicht mehr vergönnt als dreißig Monde waren.

Doch sie bestand nicht so viel Trefflichkeit und Tugend,

Unter der Fülle brach zusammen ihre Jugend,

Eh noch die Ernte kam. — Du einz’ge Ähre mein,

Noch warst du nicht gereift, und ich, der Stunde dein

Nicht harrend, sä aufs neu dich ein, von Leid betroffen,

Allein zugleich mit dir begrab ich auch mein Hoffen,

Denn nie mehr gehst du auf, noch Ewigkeiten hin

Wirst du vor meinem Blick, dem traurigen, erblühn!

Threnodie XIII

Holsel’ge Ursula, hätt ich dich nicht verloren,

Ach, oder wärest du doch lieber nie geboren!

Die kurze Lust zahl ich mit meinen großen Leiden,

Die mich betroffen durch dein allzufrühes Scheiden.

Du täuschtest mich so wie ein Traum in nächt’ger Zeit,

Der mit Unmengen Golds den gier’gen Sinn erfreut.

Dann flieht er jählings fort, und wenn die Nacht vergangen,

Bleibt von den Schätzen bloß Begierde und Verlangen:

So, teure Ursula, hast du’s mit mir gemacht:

Du hast im Herzen groß die Hoffnung mir entfacht,

Dann ließest du mich jäh mit meinem Leid zurück

Und nähmest mit dir fort all meinen Trost, mein Glück.

Du nahmst mir, kurz gesagt, die Hälfte meiner Seele,

Der Rest verblieb bei mir, dass stets mich Sehnsucht quäle.

Hierher, ihr Maurer, legt mir einen Quaderstein

Und meißelt mir darauf die traur’ge Grabschrift ein:

„Ursula Kochanowska liegt allhier, die Freude

Des Vaters, oder nein: der Quell von Schmerz und Leide.

Verkehrt, achtloser Tod, war diesmal dein Erscheinen:

Ich sollte ja nicht sie, sie sollte mich beweinen”.

Threnodie XIV

Wo ist das Unglückstor, durch welches einst vor Jahren

Auf der Verlornen Spur Orpheus hinabgefahren?

O könnt auf diesem Pfad nach meinem liebsten Kinde

Doch ich auch suchen gehn, dass jene Furt ich finde.

Durch die ein Fährmann grimm mit bleichen Schatten gleitet

Und sie in traurige Zypressenwälder leitet.

Doch du verlass mich nicht, du holde Laute mein,

An meiner Seite komm bis ins Gemach hinein

Des strengen Pluto: sieh, da will ich ihn mit Tränen,

Du ihn mit Trauersang erweichen und versöhnen,

Dass er mein liebstes Kind mir doch noch wiederschenkt

Und mir das Leid verkürzt, das mich so maßlos kränkt.

Entgehn kann sie ihm nicht; zu ihm gehn alle ein;

Kann ich bekommen nur das frühe Blümelein!

Wie trüg auch dieser Gott ein gar so steinern Herze,

Dass nichts mehr dort erbät ein Mensch in seinem Schmerze!

Was sag ich? Lieber steig auf immer ich hinab,

Und mit der Seele streif ich auch den Kummer ab.

Threnodie XV

Erato goldgelockt und du auch, holde Leier,

Den Menschen als ein Trost in Leid und Sorgen teuer,

Stillt auf ein Weilchen nur mir den gequälten Sinn,

Eh eine Säul’ aus Stein ich noch im Felde bin,

Aus deren Marmel es wie blut’ge Tränen quillt,

Ein Denkmal schweren Leids, ein unglückselig Bild!

Irr ich, dass wenn der Mensch auf andrer Nöte blicket,

Er sich in eigenen Verlust viel leichter schicket?