De profundis
Pro domo mea
In ein paar Wochen gedenk’ ich ein Buch herauszugeben: »De profundis«, dem ich jetzt schon einige Begleitworte an Stelle der Vorrede vorausschicke.
Ich möchte das Buch nur in wenigen Händen wissen — es ist kein Buch für das Volk — und diesen Zweck glaub’ ich dadurch zu erreichen, dass ich es nur in einer sehr beschränkten Anzahl von Exemplaren drucken lasse.
Ich habe in diesem Buche das Gebiet des sogenannten „normalen Denkens“, also das Gebiet des „logischen Gehirnlebens”, des Lebens in der „Realität” (!) gänzlich verlassen. Alle, die sich auch nur ein wenig mit dem Seelenleben beschäftigt haben, wissen, was das „freisinnige Bürgertum” unter dem normalen Denken versteht: Alles, was über die Begriffssphäre des ehrbaren Müller und Schulze hinausgeht, ist natürlich verrückt. Selbstverständlich ist für diese Menschen Goethe der Maßstab des „normalen” Empfindens, wobei natürlich übersehen wird, dass er in seinen Epigrammen Proben von einer schon ganz schon vorgerückten sexuellen Perversität abgegeben hat.
Nun ja: dies ehrbare Gehirnleben, dies uniforme Gehirnleben, dessen Denkgesetze sowohl für den niedrigsten Bildungsplebejer von der Sorte Max Nordau wie für den entwickeltsten und scharfsinnigsten Gehirnaristokraten von der Art Nietzsche im gleichen Maße gelten, fängt an, furchtbar langweilig zu werden. Das hat auch Nietzsche eingesehen, und so schrieb er sein „verrücktes” Buch, d. h. sein seelischestes Buch: »Also sprach Zarathustra«...
In »De profundis« handelt es sich um die Manifestation des reinen Seelenlebens, der nackten Individualität, des Zustandes der somnambulen Ekstase, oder wie die zahllosen Worte auch heißen mögen, die eine und dieselbe Tatsache ausdrücken, die Tatsache nämlich, dass es noch etwas Anderes gebe außer dem dummen Gehirn, ein au delà vom Gehirn, eine unbekannte Macht mit seltsamen Fähigkeiten begabt, nämlich: die Seele — die Seele, die Ekel empfand, in der fortwährenden Berührung mit der lächerlichen Banalität des Lebens zu stehen und sich das Gehirn geschaffen hatte, um sich nicht jeden Tag prostituieren zu müssen...
Das Surrogat dieses unsichtbaren Seelenlebens: das logische Gehirnleben, kennen wir nun zur Genüge. Das ganze Fazit aller seiner wissenschaftlichen und philosophischen Spekulationen ist ein Ignoramus und Ignorabimus, also eine gänzliche Bankerotterklärung all’ seiner verzweifelten Bestrebungen. Das künstlerische Fazit — risum teneatis amici — ist der Naturalismus, die seelenlose, brutale Kunst für das Volk, die Bürgerkunst par excellence, die biblia pauperum für das schwache „normale” Gehirn, das denkfaule, feige, plebejische Gehirn, das alles erklärt, alles zurechtgelegt haben will, das jede Tiefe, jedes Geheimnis verhöhnt und verspottet und für Verrücktheit erklärt, weil es die Seele hasst, nur weil es sie nicht begreifen kann. Ja! das rohe, stupide Bürgergehirn — die famose vox populi — hasst alles, was es nicht verstehen kann, vielleicht auch, weil es die bekannte Plebejerangst hat, düpiert zu werden.
Nun ja: man überlasse dem Plebejer, was des Plebejers ist, mit Vergnügen sogar einige Herren, die durchaus „Großgehirnaristokraten” genannt werden wollen.
Ich meine hier also eine andere Kunst. Die Kunst, die sich in der Malerei nicht mit der banalen Außenwelt, ein paar alten, stupiden Invaliden in Amsterdam zum Beispiel, beschäftigt, sondern der Welt, wie sie sich in der Seele in seltenen Stunden, den Stunden der Halluzination und der Ekstase widerspiegelt. Ich denke auch nicht an die famosen Leoncavallos und die zahllosen Mascagnis, sondern etwa an die Fis-moll-Polonaise von Chopin, diesen grässlichen, nackten Seelenschrei. Ich meine hier auch nicht den feudalen Reinhold Begas, sondern Vigeland. Ja, ich denke jetzt an eine andere Kunst, die Kunst, die das Tageblatt-Bürgertum für verrückt, blödsinnig, impotent usw., usw. erklärt hatte.
In der Literatur hat diese Kunstgattung im orientalischen Altertum und namentlich im Mittelalter ungemein reiche Blüten getrieben. Ja, namentlich im germanischen Mittelalter. Keine Rasse hat so viele Mystiker, also Menschen, die des reinen visionären Seelenlebens teilhaftig wurden, hervorgebracht, wie gerade die germanische.
Für die moderne deutsche Künstlergeneration dieser Art, also Künstler, die sich mit den Phänomenen des Seelenlebens beschäftigen, scheint mir Amadeus Hoffmann der Urahn zu sein. Freilich hat Hoffmann an die seelischen Phänomene als solche kaum geglaubt. Er suchte sie rationalistisch zu analysieren, etwa wie ein anderer Herr den Übergang der Juden über das rote Meer durch eine kolossale Ebbe erklären wollte; vielleicht suchte Hoffmann das Rätselhafte der Seele dem fetten Bürgergehirn, auf das er nun einmal aus buchhändlerischen Rücksichten angewiesen war, gegen bessere Überzeugung verständlich zu machen.
Der nun so gefeierte Edgar Poe hat sich des seelischen Problems als eines wissenschaftlichen Kuriosums bemächtigt, allerdings mit einer künstlerischen Macht, die mit kalten Schauern den Rücken überläuft.
Es folgen die Revolutionen von 48, die Revolutionen der Bildungssüchtigen und der Aufklärungsbedürftigen, die Revolutionen mit ihren prachtvollen Errungenschaften: dem überflüssigen Parlamentwesen und dem wohlfeilen Presspiratentum. Pressfreiheit! Wundervoll! Das liberale Bürgertum fing an vermöge der Pressfreiheit den Gott abzuschaffen — nein! das wagte es nicht von wegen der Monarchie, die von Gottes Gnaden bestand, aber es hat sein Dasein — auf „wissenschaftliche Gründe” gestützt — angezweifelt. Das liberale Bürgertum durfte aber wenigstens die Seele abschaffen und ihre unleugbaren Offenbarungen als Blödsinn und Humbug erklären. Gott, wie es sich gefreut haben mag, als der Spuk von Resau endlich entdeckt und gerichtlich abgeurteilt wurde!
Mittelmäßige, beschränkte Geister kommen zur Herrschaft: die Büchners, die Vogts, die Strauß, die Spencers und die Psychophysiologen und wie sie alle heißen mögen, die Braven.
Das goldne Zeitalter des Materialismus und des Berliner Tageblattes, des naturalistischen Dramas und der freisinnigen Politik!
Erst in der jüngsten Zeit hier und da Einer, der verwundert vor irgend einer seelischen Offenbarung stehen bleibt, vor einem langen Blick, der in später Stunde1 gewechselt wird und den ganzen Menschen aufwühlt. Hier und da Einer, der Angst bekommt vor einem momentanen Blitz der Seele, der durch das Gehirn fährt und das Unterste zu oberst kehrt. Hier und da Einer, dem etwas zu Bewusstsein kommt, etwas Fremdes, Furchtbares, etwas, wovon er sich keine Rechenschaft geben kann: eine Idee, die — mag sie noch so schön physiologisch erklärt werden — nicht in den Ideengehalt seines Gehirnes hineinpasst, eine Tat, die unabhängig von dem Gehirnwillen, ja trotz des Gehirnwillens geschah. Das liberale Bürgertum hat dies alles für Verrücktheit erklärt, die famosen bürgerlichen Psychiater haben dafür den schönen Ausdruck „Psychopathie” gefunden, und der senile Schwachkopf Max Nordau hat sogar darüber zwei Bände geschrieben, lehrreich für eine Alterserkrankung dieses Herrn, an der bekanntlich schon Cicero litt.
Eine neue, unbekannte Künstlergeneration tritt also auf. In Belgien — (Ich sehe hier von den sonderbarerweise anerkannten und Gottseidank nicht verstandenen Künstlern wie Huysmans und Maeterlinck ab) Verhaeren, Krains, Eckhoud, — in Skandinavien Ola Hansson — in Polen Przesmycki, — in Deutschland Dehmel und Schlaf. Freilich scheint Dehmel den Weg, den er mit solcher Macht und solcher Sprachgewalt in „Aber die Liebe” betreten hat, jetzt in seinen „Lebensblättern” verlassen zu wollen. Unter den Ländern aber, in denen diese literarische Revolution mit besonderer Kraft und Begeisterung geführt wird, scheint mir Böhmen obenan zu stehen. In der Reihe äußerst begabter und intelligenter Künstler nenne ich hier nur Machar und Jirí Karásek.
So weit musste ich ausholen, um den Zweck meiner jüngsten Publikation zu rechtfertigen.
Was ich also mit meinem »De profundis« bezwecke, ist einzig und allein, ein seelisches Phänomen darzustellen — ich denke die Seele immer im schroffsten Gegensatz zum Gehirne. Das ist alles. Aber ja: die Handlung! Hm, die Handlung, vielleicht auch Situation, Verwicklung, Intrige usw. Ich pflege keine Handlung zu haben, weil ich das Leben der Seele schild’re und die Handlung ist nur eine Kulisse der Seele, eine schlecht bemalte Kulisse, wie sie auf einer Liebhaberbühne einer Kleinstadt zu sehen ist. Das Leben bedarf keiner Handlung, um Konflikte zu erzeugen. Dazu genügt ein harmloser Gedanke, der nach und nach vom ganzen Menschen Besitz nimmt und ihn zu Grunde richtet.
Man sollte mir ja nur nicht wieder mit dem dummen Vorwurf kommen, ich sähe die Menschen nur auf das Geschlecht hin. Nun: ich sehe die Menschen weder „darauf hin”, ob sie geniale Geschäftsleute sind oder nicht, noch „darauf hin”, ob sie in einer scheußlichen finanziellen Misere leben oder sich Pferde und Maitressen halten können, noch „darauf hin”, ob Hans die Grethe kriegt oder nicht, ich sehe sie ebensowenig „darauf hin”, was sie sonst als „logische Gehirnmenschen” sind, oder was sie als solche leisten können, eventuell leisten könnten, ebensowenig, wie ich jemals ein Möbelstück oder ein Zimmerarrangement beschrieben habe: ich sehe die Menschen lediglich „darauf hin”, ob es in ihnen jemals zur Offenbarung der Seele kommt oder nicht. Und weil es seltene Fälle sind, in denen sich die Seele offenbart, einmal vielleicht, wie nur einmal der heilige Geist über die Apostel kam, so sind die Fälle, die ich analysiere, eben sehr seltene Fälle.
Das Einzige, was mich interessiert, ist also nur die rätselhafte, geheimnisvolle Manifestation der Seele mit all’ ihren Begleiterscheinungen, dem Fieber, der Vision, den sogenannten psychotischen Zuständen — doch ich will meine literarischen Freunde mit der bürgerlichen Psychiaternomenklatur nicht erheitern.
Ich schreibe: man sollte mich mit dem Vorwurf verschonen, ich wage es allerdings nicht zu hoffen. Aber ebensowenig wie ich etwas dagegen vermag, dass im ganzen Mittelalter die seelischen Offenbarungen durchweg nur auf dem Gebiete des religiösen Lebens zu finden sind, ebensowenig kann ich etwas an der Tatsache ändern, dass in unserer Zeit die Seele sich nur in dem Verhältnis der Geschlechter zu einander offenbart. Mag man dafür der Seele die Vorwürfe machen, nicht mir. Denn alle sonstigen seelischen Phänomene der sogenannten „weißen Magie” entfallen ebenso wie früher auf das Gebiet des religiösen Lebens.
Wenn ich von der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben spreche, so meine ich natürlich nicht die fade, brave, komisch-pikante Erotik eines Guy de Maupassant, noch die süßlich-widerliche Unterrockspoesie für Konfektionösen eines Peter Nansen, noch die gesättigte Gleichgültigkeit des Ehebettes. Was ich meine, das ist das schmerzhafte, angsterfüllte Bewusstsein einer unnennbaren, grausamen Macht, die zwei Seelen aufeinander wirft und sie in Schmerz und Qual zusammenzukoppeln sucht, ich meine die intensive Liebesqual, in der die Seele bricht, weil sie sich mit der anderen nicht zu verschmelzen vermag, ich meine das enorme Vertiefungsgefühl in der Liebe, wo man in der Seele tausend Generationen tätig fühlt, tausend Jahrhunderte von Qual und abermals Qual dieser Generationen, die an Zeugungswut und Zukunftsbrunst zu Grunde gingen, ich denke nur an die seelische Seite in dem Liebesleben: das Unbekannte, Rätselhafte, das große Problem, das Schopenhauer zuerst ernsthaft in seiner „Metaphysik der Liebe” aufgeworfen hatte, freilich mit wenig Erfolg, weil die logischen Mittel für das Unlogische der Seele nicht ausreichen. Unsere Zeit, die überhaupt keine Probleme hat, die nicht schon durch die „tiefsten Geister” gelöst waren, kennt die Liebe nur als eine Ökonomische und sanitäre Frage, und es ist ganz natürlich, dass für die bürgerliche Kunst die Liebe nur als der mehr oder weniger selige Weg in das finanziell und gesundheitlich geregelte Ehebett besteht. So kam es, dass dies tiefste Seelen– und Lebensproblem nur äußerst wenige Denker gefunden hat. Und sonderbar genug, dass gerade in einer solchen Zeit ein Künstler — allerdings auf dem Gebiet der „bildenden” Kunst — erstehen sollte, der in die schauerlichen Geheimnisse und Abgründe des Geschlechtslebens weit tiefer eingedrungen ist, als irgend ein Philosoph vor ihm: Félicien Rops.
Man sehe sich seine Werke an, und man wird verstehen, was ich unter der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben meine. Hier nur ein paar Worte, wie Félicien Rops den ewigen Erreger der Liebesgärung, das Weib, auffasst, um gleichzeitig auf die enorme Distanz zwischen dieser und der bürgerlichen Kunst hinzuweisen.
Für die bürgerlichen Künstler ist das Weib ein Spielzeug oder ein unglaublich edles Wesen, eine Kokotte, oder eine steif verschnürte, unnahbare Größe, sie ist ein Miezchen oder eine präraffaelitische Kunigunde... he, he, wie singen doch unsere braven Lyriker von den verschiedenen Fräuleins?
Für Rops ist das Weib eine furchtbare, kosmische Macht. Sein Weib ist das Weib, das in dem Manne das Geschlecht wachgerufen hat, ihn an sich mit tausend wohlfeilen Listen kettete, ihn zur Monogamie erzog, die Männerinstinkte durcheinanderwarf, sie schwächte, verschob und verfeinerte, die Elemente seiner Begierden in neue Formen ordnete und ihm das Gift seiner teuflischen Lüste in das Blut impfte.
Und in der schmerzhaften Ekstase des Schaffens hat er die längst verlorenen Verbindungen wiedergewonnen, die uns an unsere mittelalterlichen Vorfahren knüpfen. Er ist nicht mehr der Mann, der sein Leben einsetzt für den lächerlichen Preis des Fünfsekundengenusses, er leidet nicht mehr unter dem Weibe, er bäumt sich auf in dem wilden Hass gegen die furchtbare, zerstörende Kraft und wird zu einem fanatischen Ankläger, der in der Raserei gegen seine eigene Natur das Weib unter Umständen dem Feuertode preisgeben würde, um die Welt von dem „größten aller Übel”, dem Weibe, zu befreien.
Und hier steht er vollkommen im Einklänge mit den mittelalterlichen Diabologen. Man lese nur die Doktoren: Bodinus, Sinistrari, Del Rio, Sprenger... Zwei Welten schmelzen ineinander und begegnen sich in einer und derselben visionären Erkenntnis der Wurzel alles Daseins, der Wurzel jeglichen Schmerzes und aller Qual.
Soll ich nun jetzt vielleicht motivieren, warum ich in »De profundis« ein „succubat” — der Deutsche scheint keinen passenden Ausdruck dafür zu haben — geschildert habe, dies grässliche succubat» das der ganzen großen Kultur des Mittelalters in der grandiosen Schöpfung des Teufels und der Hexe den Stempel aufgedrückt hatte?
Ich hoffe: nein!
Ja, noch etwas: Die bürgerliche Kritik schreit so entsetzlich nach Kraft und Gesundheit. Sonderbar? Es gab wohl keine Zeit, die mehr stupid, mehr protestantisch und mehr borniert wäre, als die unsrige. Ist das nicht Gesundheit genug? Ist das nicht Gesundheit genug, dass unsere Zeit so krankhaft seelenlos ist? Und würden die Kraftmeier, die famosen Abse der Literatur nicht einmal zur Abwechselung ein solches Werk mit Interesse lesen können, ohne es gleich in den Schmutz zu ziehen und den Verfasser einen dekadenten Wüstling zu nennen?
Stanisław Przybyszewski
De profundis
Meinem Freunde
Meiner Schwester
Meinem Weibe
Dagny
Er ging müde und wie zerschlagen nach Hanse. Es fröstelte ihn trotz der tropischen Hitze. Im Halse fühlte er feine, scharfe Stiche wie von glühenden Nadeln.
Jetzt würde er wohl ernstlich krank werden. Er fühlte es kommen. Und gerade hier: in einer fremden Stadt ...
Er ging schnell die Straße entlang. Nach Hause. Bald trat ihm kalter Schweiß auf die Stirne, eine unangenehme feuchte Hitze kroch schwül über seinen Körper, und die Stiche im Halse wurden noch häufiger und schmerzhafter.
Die Angst wühlte sich tiefer und banger in sein Blut: er begann zu laufen.
Oben auf seinem Zimmer warf er sich aufs Bett.
Sein Herz schlug gewaltsam. Er fühlte, er hörte die feinsten Adern klopfen und zittern und sich in wachsender Macht mit Blut füllen, als ob sie platzen wollten.
Er setzte sich behutsam im Bett zurecht, nun reckte er sich langsam hoch: es wurde noch schlimmer. Er schob die Kissen gegen die Wand, legte sich halb hin, presste die Stirn gegen die kalte Wand und horchte auf das Fieber.
Allmählich glättete es sich in ihm. Das Blut floss langsam zum Herzen zurück. Er hustete frei auf, ohne Schmerzen.
Er wartete. Ob es nicht wiederkäme?
Nein: Das Herz schlug fast ruhig, nur seine Hände fieberten und er war wie gebadet in Schweiß.
Er knöpfte langsam die Kleider auf und trocknete sich die Stirn. Nur seine Hände: sie glühten so heiß und so feucht.
Nun ja: es war nicht das erste Mal. Es wird sicher vorübergehen.
Seltsam, dass er jedes Mal, wenn er von seiner Frau wegfuhr, von diesem Fieber befallen wurde. Jetzt sollte er sie hier haben: nur ihre Hände festhalten, und alles würde gut werden. Er wurde sicher gleich einschlafen... Wieder begann es in ihm zu schwellen. Sein Körper fing von Neuem an zu zittern, es würgte ihn im Schlund und seine Fäuste ballten sich krampfhaft.
Eine kranke Sehnsucht nach ihren Händen, eine quälende Gier, ihren Leib an sich zu pressen, sein Gesicht auf ihre Brust zu legen: deutlich fühlte er ihre Hand mit leisen Schauern über seinen Körper gleiten und rinnen. Das Gefühl wurde so visionär deutlich, als wäre sein Tastsinn ein Organ für sich geworden mit einem selbstständigen Gedächtnis: Er unterschied die feinste Gefühlsnuance, die er doch sonst nur bei der wirklichen Berührung ihres Körpers empfand.
Und die Sehnsucht fing an zu sprießen und schwoll und schoss wild hinauf. Die Qual krümmte seine Finger und zerrte an seinen Nerven, er kauerte zusammengekrampft, als wollt’ er sich in seinen eignen Leib einwickeln.
Er fuhr auf und kam zur Besinnung. Sein Herz lief, eine rasende Angst bäumte sich steil in ihm hoch. Mit wachsendem Entsetzen hörte er auf das Klopfen und Brausen in seinem Körper. Er fühlte das Blut mit wütendem Drang die Gewebe anfüllen und auseinanderreißen.
Er sprang auf, blieb stehen, dumpf, starr. Seine Glieder flogen und seine Zähne klapperten in Fieberfrost.
Was sollte er nur anfangen?
Er durfte sich um Gotteswillen nicht eine Sekunde dieser Qual hingeben, sonst wurde er sicher die Nacht nicht überleben.
Mit zitternder Ungeduld suchte er nach den Streichhölzern. Die Vorstellung, dass er sie vielleicht nicht finden würde, brachte ihn der Ohnmacht nahe, er tappte umher und atmete tief auf: sie waren da.
Er zündete das Licht an und blieb lange reglos stehen.
Nun musste er an etwas denken, an irgend etwas Gutes und Ruhiges, etwas, das sich wie ein Ruhekissen unter seinen Kopf schöbe.
Plötzlich entdeckte er einen Brief — auf dem Tisch mitten unter seiner Wäsche.
Dass er den ganzen Tag nicht daran gedacht hatte, nachzusehen, ob ein Brief da wäre.
Es ging etwas Besonderes in ihm vor. Er ging ganz wie im Traum. Und jetzt hatte er keinen Mut, den Brief zu öffnen. Wenn irgend etwas Unangenehmes drin stand! Das wurde sicher sein Gehirn zerstören.
Da wurde er wütend. Lächerlich, dass ihn das bisschen Fieber so herunterbringen konnte. He, he: ein bisschen Fieber nicht überwinden zu können! He, he: das bisschen Fieber wurde er schon überwinden. Er hatte ja doch schon viel Schlimmeres durchgemacht...
Über seinem Gehirn lag etwas wie eine feine Eisplatte. Das kühlte förmlich. Er wurde plötzlich so ungewöhnlich klar. Aber es war, als würde die Gehirnmasse verdrängt, tiefer gepresst, die kühle Eisplatte wuchs zu einem Eisklumpen an, die Kälte begann weh zu tun: jetzt fuhr es ihm in langen, glühenden Striemen über den Rücken: er lachte heiser auf.
Na natürlich! Ein ganz gewöhnliches Fieber...
Er zerknitterte krampfhaft den Brief.
Ein ganz gewöhnlicher Fieberanfall... Er begann zu pfeifen.
Nun fühlte er lange Nadelstiche in der Brust.
Aha: alte, gute Bekannte... Wieder lachte er laut: das würde ihn sicher nicht aus dem Konzept bringen, dazu müsste die Tortur viel, viel schmerzhafter sein.
Er ging langsam herum, lachte und pfiff.
Ja, richtig: eine Zigarette!
Aber der Rauch machte ihn schwindlig.
Nicht einmal rauchen durfte er: das war doch wirklich schändlich. Das hatte aber doch nichts zu bedeuten, er war nur sehr schwach. Natürlich: wenn man nicht isst, wird man schwach.
Ja, der Brief, der Brief...
Er zerriss resolut das Kuvert, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, er sah lange hin, sammelte seine ganze Willenskraft und zwang sich schließlich, den Brief zu lesen und zu verstehen.
Er las langsam. Die Buchstaben waren so sonderbar lebendig. Als hörte er ihre Stimme, nur in einer neuen Form gegliedert:
Mein teuerster, mein einziger Mann, Du — Du... mein!
Schon eine Woche, seit Du weg bist. Willst Du noch länger bleiben?
Ich bin neugierig, was Du den ganzen Tag über in der Stadt machst. Hast Du Deine Mutter besucht? Natürlich nicht. Aber mit Agaj bist Du oft zusammen, nicht wahr? Es muss ihr doch sehr schwer sein, fortwährend zwischen Dir und Deiner Mutter zu vermitteln. Sie ist ein so prachtvolles Mädchen. Ich liebe sie fast eben so sehr wie Dich und ich habe so oft über ihre Liebe zu Dir nachgedacht. Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester. Ich habe nie etwas Ähnliches unter Geschwistern gesehen? Bist Du sehr oft mit ihr zusammen?
Und morgen werden es zwei Jahre, seit wir verheiratet sind. Denk nur: zwei Jahre! Hast Du den Tag vergessen? Ich bekomme doch sicher morgen einen langen, schönen Brief von Dir? Oder — oder? Ich wage es nicht zu hoffen, aber vielleicht kommst Du selbst?
Nein, nein, komm lieber nicht. Ich habe das Gefühl, dass es Dir in der Stadt gefällt, und das macht mich glücklich. Du hast so entsetzlich gearbeitet und jetzt musst Du ein bisschen Abwechslung haben, ein wenig Luftveränderung, nicht wahr?
Aber wenn Du kämest, das wäre wunderbar. Ich liebe Dich — Du!
Du fühlst Dich doch sehr wohl — wie? Dann bleib’ nur lieber, bleib’, mein Teuerster Du!... Und weißt Du, ich bin manchmal eifersüchtig auf Agaj, ich habe Angst, dass Du sie mehr liebst wie mich. Aber das ist doch Unsinn, nicht wahr? Du musst sie tausendmal von mir grüßen und ihr sagen, dass ich sie liebe, dass sie meine einzige Freundin ist.
Nun leb’ wohl. Du, mein Liebling. Tausend Küsse von Deinem Weib.
Er fing an, den Brief wieder von vorn zu lesen.
„Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester...”
Ein heftiges Licht durchfurchte seine Seele.
Er sah deutlich Agaj vor sich sitzen. Das schwarze seidne Kleid schmiegte sich mit warmer Wollust um die schlanke, magere Gestalt. Er fühlte durch das Kleid die feinen, zarten Glieder.
Er ließ sich in den Fauteuil sinken.
Sie wich nicht von ihm. Immer sah er sie dicht, dicht neben sich. Er entkleidete sie mit den Augen, er wühlte in ihrer Nacktheit, er begehrte sie: sein Gehirn begann in einem gierigen Taumel zu wirbeln.
Aber Agaj ist ja meine Schwester! schrie er entsetzt in sich hinein.
Da hörte er sie plötzlich sprechen. Er verstand nun alles, was er noch vor drei Stunden nicht verstehen konnte.
„Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester...”
Die paar Worte schlugen sich tief in seine Seele. Es war, als wäre dort ein Pünktchen Licht hineingefallen, das nun plötzlich zu einer Feuersbrunst ausgewachsen war.
„Als Du das letzte Mal ins Ausland fuhrst, glaubt ich, dass ich verrückt würde.”
Er hörte es damals fast gleichgültig an, und jetzt, jetzt endlich verstand er es.
Er riss die Augen auf. Er riss sie noch weiter auf: das furchtbare Licht blendete ihn.
Er kroch ganz in sich zusammen. Ein schmerzhafter Wollustkrampf fraß saugend an seinem Hirn, er wehrte sich nicht: die Schauer einer gierigen Lust krochen wie Gift in jeden Nerv seines Körpers.
Er schrak hoch.
Das war das grässliche Fieber! Gott, Gott, was sollte er nur anfangen? Er musste wachen, er musste lauern und wachen, dass es nur nicht wiederkäme. Seine eigne Schwester!... Aber das ist ja Wahnsinn...
Er lachte irrsinnig. Er lachte lange, bis er Angst vor seinem Lachen bekam.
Natürlich war es das Fieber. Dass er dagegen so machtlos war!... Er musste ins Bett zurück. Ja, sich ganz lang hinlegen, dass das Herz sich wieder beruhige.
Er entkleidete sich und legte die Streichhölzer dicht neben sein Bett.
Ich werde sie wohl bald wieder brauchen, lächelte er seltsam.
Nun löschte er die Lampe aus. Eine unerträgliche Hitze. Die Decke lastete auf ihm wie ein Alp: er warf sie ab.
Plötzlich mit einem Ruck spannte sich sein Gehirn ab, eise glückliche Ruhe kam über ihn.
Ein paar Gedankenbrocken gingen langsam durch seine Seele, zögernd, zerrissen, wie Wolkenlappen nach einem Gewitter. In seinen Augen flackerte ein winziges Lichtchen, wie ein Irrlicht über einem grünen Sumpf. Er verfolgte es, wie es sich in zackigen, steilen Linien emporwarf und wieder herunterfiel, schwer und jäh wie ein gefallener Stern. Er sah es über dem Sumpf blitzschnell dahinschießen und dann wieder in irren Kreisen tanzen, schneller und schneller, bis es schließlich wie eine glühende Lichtmasse fahl den Sumpf umlohte. Und die grüne, fahle Sonne wuchs, schwoll, goss sich kochend über, leckte an dem Dunkel mit gierigen Zungen und zerfraß es zu blutigen Fetzen. Und da schossen die Zungen in schmetternden Sturmfanfaren jäh hinauf — höher noch: mit wüster Macht warfen sich die Sonnenbrände steil empor, bis sie am Himmel zerschellten. Noch sah er sie drängend emporzüngeln, dann brachen sie langsam an der Spitze, krochen zögernd ineinander und verschlangen sich in einem brünstigen Geflecht.
Und aus dem kochenden Orkan des Lichtes wuchs ihm ein entsetzlicher Gesang hervor.
Eine Verzweiflung wie vor tausend offenen Gräbern. Als hatte sie der Himmel geöffnet und der Menschensohn stiege hernieder, um das Gericht über die Guten und die Bösen zu halten. Millionen Hände fühlte er sich in verblutendem Todeserethismus emporrecken mit Fingern, die um Mitleid und Gnade schrien. Er hörte ein tierisches Gebrüll, das wie ein Meer von dampfendem Blut in kochendem Gischt zum Himmel spritzte, und immer fühlte er die knochigen Finger sich krallen und spreizen und im brechenden Schmerzenskrampfe schreien:
„Ad te clamamus exules filii Hevae, ad te supiramus gementes et flentes in hac lacrymarum valle”...
Und er sah einen Zug von Tausenden von Menschen vorbeirasen, gepeitscht von einer brutalen Ekstase des Unterganges, unter einem Himmel, der das Feuer und die Pest auf sie herabspie. Er sah die Seele dieser Kreaturen in dem ekelhaften Veitstanz des Daseins sich wälzen und zucken, er sah den zerfleischten Rücken einer ganzen Menschheit und die Verzückung des Wahnsinns in dem vertierten Auge.
Und langsam hörte er den Zug sich entfernen, die dumpfen, qualtrunkenen Töne klangen wie das Röcheln der letzten Agonie und die kupferrote Flammensonne warf grüne, schillernde Lichtstreifen über die Sümpfe von Blut.
Ad te clamamus exules filii Hevae! hörte er plötzlich in sein Ohr kichern: ein Weib glitt in sein Bett. Ihre Glieder wanden sich langsam um seinen Körper, zwei schmale Arme umklammerten ihn fest, schmerzhaft fest, und er fühlte die Spitzen zweier Mädchenbrüste sich in seinen Körper hineinglühen.
Er erstickte. Sein Herz schlug nicht mehr, nur ein geller Sturm der Wollust zerwühlte sein Hirn. Ihr heißer Atem versengte sein Gesicht, und ihre Lippen saugten sich ächzend an seinem Munde fest. Wie weißes Eisen glühte ihr Leib.
Da fühlte er wieder den Zug herannahen, sich wie einen Knäuel von verstrickten Leibern dumpf und schwer heranwälzen: ein Knäuel von Leibern, die sich bissen, mit rasenden Fäusten auf einander losschlugen, sich zerstampften und in Höllenqualen auseinanderrissen, aber sich nicht zu trennen vermochten. Der Gesang wurde zu einem Geheul von wilden Bestien, die Verzweiflung kreischte grell in dem verblutenden Hallelujah des Vergehens.
Er lachte, er schrie mit, aber er ließ das Weib nicht los. Er fraß sich mit den Fingern in ihren Leib. Ihr Herz fühlte er in seinem Körper klopfen, schwer, dumpf wie einen Klöppel gegen die geborstene Metallwand der Glocke, zwei Herzen fühlte er plötzlich Blut in sein Gehirn emporschießen, sich an einander reiben, und einander wund zerschürfen.
„Ad te supiramus gementes et flentes in hac lacrymarum valle”...
Die Verzweiflung kippte um in einen Abgrund von Tollwut und die Finger brachen in Hass, in eine zuckende, geifernde Blasphemie, er fühlte den Menschenknäuel den Himmel anspeien, er hörte ihre Lungen in einem grässlichen Schrei auseinanderreißen: Mörder! Mörder!
Jetzt erlahmten seine Hände, er ließ sie los. Und da wälzte sie sich über ihn, er hörte sie schreien, er fühlte, wie sie mit den Zähnen ihm die Halsadern zerschnitt, wie sie ihre Hände wühlend in seinen Körper vergrub.
Und von Neuem steifte sich sein Körper. Er warf sich über sie her, er legte sich über sie mit verzweifelter Kraft: Ihr Leib wand und bäumte sich. Aber er war stärker. Er fesselte den widerspenstigen, zuckenden Körper mit Händen und Beinen, sein Leib warf sich ein paar Mal auf und ab im schmerzhaften brutalen Krampf: der wilde Sturm barst in einem langen, verröchelnden Laut.
Noch hielt er fest ihren Leib umschlungen. Ihre Glieder lösten sich. In ihren Händen zuckte sein Herz wie eine verlöschende Flamme. Die letzte Schauerwoge verebbte: ein unsagbar ruhiges Glück tauchte in sein Blut.
Da: plötzlich fühlt’ er sie entweichen, ihre Glieder glitten langsam an seinem Körper entlang; er griff nach ihr, verzweifelt sprang er ihr nach...
Agaj! schrie er, Agaj!
Im selben Nu stolperte er, stürzte lang hin und kam zu Bewusstsein.
Er lag auf dem Boden.
Da warf er sich auf das Bett, die Angst nestelte auflösend an seinem Hirn.
Das war nicht Traum, das war mehr wie es jemals in der Wirklichkeit sein konnte, tausendmal mehr, schrie er in sich hinein... Sollte er wirklich wahnsinnig werden?
Mit letzter Kraft warf er alle Gedanken aus dem Kopf, mit Verzweiflung klammerte er sich an eine dumme Erinnerung, aber das Hirngespinst seines Fiebers goss sich schäumend über seine Seele: er fühlte so lebendig die Wollustraserei ihres Körpers, seine Lippen waren wund, sein Körper wie gebrochen von der Brunst ihrer Umarmung.
Das war Agaj — der Alp Agaj — der Vampir Agaj!
Er fuhr entsetzt auf:
Sie war es wirklich, sie konnte zugleich an zwei Stellen sein. Sie konnte sich teilen, und jetzt war sie bei ihm.
Er fühlte, dass die Angst ihn jetzt töten würde. Er wollte Licht anzünden. Seine Hände zuckten und flackerten. Endlich gelang es ihm.
Das beruhigte ihn einen Augenblick.
Und plötzlich, wieder von Neuem kam über ihn ein wilder Paroxysmus von Gier und Sehnsucht nach Agaj. Und schon wollte er sich von Neuem in die Fieberorgie dieser blutschänderischen Wollust werfen. Er brauchte nur das Licht auszulöschen, und er wurde es von Neuem erleben.
Aber die Angst schoss in ihm empor. Ein Strom von Angst staute sich in seinem Hirn: das würde sein Leben kosten.
Er faltete krampfhaft die Hände und suchte stöhnend nach Erlösung.
Endlich packte er gierig ein Buch, das auf dem Nachttisch lag: Auf der ersten Seite sein eignes Portrait.
Er sah flüchtig hin: sein Blut gerann vor Schreck. Er sah wieder hin: die Linien schienen lebendig zu werden, das Gesicht wuchs, bekam Leben, schien sprechen zu wollen...
Er blätterte ein paar Seiten um und fing an laut zu lesen. Aber seine Stimme klang ihm dröhnend im Gehirne wieder, und er hatte das Gefühl, dass der Andre im nächsten Moment hervorkriechen werde, bald, bald werde er aus dem Buche herauswachsen und ihn anstarren...
Das ganze Buch bekam etwas Lebendiges, es schien sich in seinen Händen zu bewegen, er warf es entsetzt weg, aber es bewegte sich, es kroch auf dem Boden umher, der Andre arbeitete sich mühsam hervor, jetzt, jetzt würde er ihn sehen...
Er sprang rasend aus dem Bett, warf sich mit seinem ganzen Körper über das Buch, packte es dann mit den Händen, würgte es, riss es auseinander, aber er fühlte, dass er hochgehoben wurde, gewaltsam, wie von einer Winde hochgeschraubt...
Das ist Wahnsinn, das ist Wahnsinn! schrie es in ihm. Er sprang auf, stierte wie abwesend auf das Buch: die Vision war vorüber, aber er hatte Angst es aufzuheben. Endlich kam er zu sich.
Er setzte sich hin: Ohnmacht umfing lähmend sein Herz. Er sank auf das Bett und stierte in stumpfer Verzweiflung auf die Decke.
Da stellte sich plötzlich die Erinnerung an die Orgie, die er soeben durchlebt hatte, wieder ein.
Ein krankes Verlangen begann ihn zu peitschen, seine Kräfte gaben nach, schon fing er an zurückzusinken, da stand er mit einem Mal ganz mechanisch auf, ohne im Geringsten daran zu denken oder es zu wollen, kleidete sich wie in einem somnambulen Traum an und ging auf die Straße.
Er sah sich um: er war wirklich auf der Straße. Es wurde ihm nicht ganz klar, wie er heruntergekommen war. Aber er war glücklich, dass er nun weg, weg war von dem entsetzlichen Zimmer, wo Satan seine Messe feierte.
Jetzt musste er an Satan glauben, murmelte er tiefsinnig, ja an Satan und an seine raffinierte, grausame Geschlechtsmesse...
Er setzte sich hin auf die Stufen eines Denkmals, vergrub den Kopf in beide Hände und verfiel in einen fiebrigen Halbschlaf.
Da schrak er zusammen: Jemand war dicht vor ihm stehen geblieben.
Er sah auf. In dem Zwielicht des ersten Morgengrauens sah er ein Mädchen, sah nur, dass sie sehr blass war und große weite Augen hatte.
Sie sahen sich lange an.
— Ich will mit Dir gehen, sagte er und stand auf.
— Komm! Sie ging schnell voraus.
— Geh’ nicht so schnell, geh’ langsam. Ich habe eine entsetzliche Angst... Aber Du wirst meine Hände halten, dann werd’ ich gleich schlafen... Ich bin gar nicht wie andere Männer, gar nicht, fügte er nach einer Pause hinzu.
Sie sah ihn verwundert an.
Er merkte plötzlich, dass er sprach, ohne es zu wissen.
Sie blieben wieder stehen.
— Du bist ja noch ein Kind, sagte er erstaunt, ich könnte Dich ja auf meine Hände nehmen und tragen. Und Du gehst so leicht, dass ich kaum Deine Schritte höre...
— Komm, komm: es ist noch weit.
— Weit? Aber ich kann ja kaum gehen.
— Gib die Hand. So...
Er fühlte plötzlich eine neue Kraft.
— Und Du wirst meine Hände halten, fest, sehr fest, selbst im Schlaf, willst Du?
— Ja, ja...
— Ist es noch weit?
— Bald, bald...
Sie gingen stillschweigend.
— Hier! sagte sie leise.
— Hier?
Sie gingen eine Treppe hinauf.
— Nun komm, komm, sie küsste ihn flüchtig, wir sind beide so entsetzlich müde, so entsetzlich müde, wiederholte sie nachdenklich. Ich werde bei Dir schlafen und immer Deine Hände halten.
Er legte sich hin und nahm sie in seine Arme wie ein Kind.
Sie schlang die Arme um seinen Hals.
— So fühlst Du mich stärker, sagte sie ernst.
— Wer bist Du? fragte er leise.
Sie antwortete nicht.
Er schlief sofort ein.
*
Sie saßen auf der Veranda eines Restaurants.
Es war später Nachmittag. Die Häuser warfen schwere, satte Schatten über die breite Straße. Das dichte Laub der Bäume war gesprenkelt mit purpurnen Flecken. Weiter ab ein Baum, dessen Blätter schon ganz gelb waren und abwärts die Straße entlang flirrte unruhig eine ganze Farbenskala von fiebrigem Purpur bis zum welken Weißgelb hinab: er bekam ein plötzliches Interesse für die Tausende von Farbennuancen...
— Nun, warum sprichst Du denn kein Wort? Sollen wir den ganzen Nachmittag so stumm dasitzen?
Agaj war sehr erregt.
Er sah sie an und lächelte seltsam.
Sie fuhr auf.
— Warum siehst Du mich so an?
Sie starrten sich lange an. Sie wurde rot und senkte die Augen.
— Noch nie hast Du mich so angesehen, murmelte sie leise.
Er rückte ihr näher.
— Ja, Agaj, ich habe Dich noch nie so angesehen. Du hast Recht. Aber Du bist mir nicht mehr das, was Du mir gestern warst. Ich bin neugierig auf Dich. Ich kannte Dich bis jetzt nicht.
Sie sah ihn gespannt an.
— Ich sehe Dich anders an, als ich Dich gestern angesehen habe... Er schwieg eine Weile. — Warum ich nicht spreche? Ich will Dir nichts Furchtbares sagen.
Sie warf den Kopf hoch und starrte ihn herausfordernd an.
— Aber darauf wart’ ich ja die ganze Zeit — auf dies Furchtbare. Mein ganzes Leben, vierundzwanzig Jahre wart’ ich auf dies Furchtbare! Sag’ es doch endlich.
Er wühlte in ihr mit seinem Blick. Sie sah zur Seite.
— Es ist mein Ernst, Agaj! Ich bin heute ganz sonderbar ernst. Ich war in meinem Leben nicht so ernst.
— So? So? Aber warum solltest Du nicht ernst sein?
Er lachte boshaft.
— He, he, Du bist neugierig, Du willst mich herausfordern... Aber weißt Du denn nicht, was ich Dir zu sagen habe? Fühlst Du es nicht?
Sie schwieg.
— Fühlst Du es nicht? Er erbebte.
Schweigen.
Sie stieß das Glas an und trank es aus.
— Trink doch, lachte sie. Du willst wohl Abstinenzler werden? He? Hast wohl wieder Fieber? Armer Du!
Er trank hastig; seine Hand zitterte.
— So sag’ doch endlich das Furchtbare! Siehst Du nicht, wie ich neugierig bin?
— Soll ich es wirklich sagen?
— Warum solltest Du es verschweigen? Sie lachte höhnisch. Aber trink doch, trink! Deine Adern klopfen, als wollten sie Dir die Haut zerreißen.
Er trank wieder.
— Agaj, erinnerst Du Dich an die furchtbare Nacht — damals...
Sie zuckte merkbar.
— Erinnerst Du Dich?
— Nein!
— Oh, oh — Du erinnerst Dich sehr gut. Seit zwölf Jahren denkst Du immer daran. Warum lügst Du? He, he... Du warst wohl zwölf Jahre damals, dreizehn — wie? Du hattest Angst vor dem Gewitter und kamst zu mir ins Bett, ich sollte Dir Märchen erzählen...
Sie lachte gezwungen auf.
— Und ich erzählte Dir die ganze Nacht hindurch. Ich habe mich gequält, etwas Neues zu erfinden. He, he... Du warst so verwöhnt, Du schliefst ja immer bei mir...
Er sah sie fast gehässig an.
Ihre Finger liefen unstet und in nervöser Aufregung auf dem Tisch herum.
— Es regnete Blitze and Feuer vom Himmel. Und jedesmal, wenn der Himmel barst und unser Schlafzimmer in grünem Lichte stand, bekreuzigten wir uns und beteten: Und das Wort ist Fleisch geworden... He, he, erinnerst Du Dich nicht? Und der Ritter ritt auf einem schwarzen Pferd, und das Pferd hatte gold’ne Hufe. Sie glänzten in der Sonne, dass die Menschen blind wurden... Wieder krachte der Himmel: Und das Wort ist Fleisch geworden... Und da kam der Ritter an einen Berg, der von einem Riesen bewacht war... Und das Wort... Nicht wahr? So ging es die ganze Nacht über. Und da plötzlich: dies furchtbare, minutenlange Krachen und Bersten, als der Blitz dicht neben unserem Hause in die Pappel einschlug! Da warfst Du Dich zitternd auf meine Brust und presstest Dich so fest an mich... noch fühl ich Deine mageren Händchen um meinen Körper geschlungen und Deine zarten Beine sich mit kranker Hitze in mich hineinglühen. Damals hattest Du auch Fieber. Du hattest immer Fieber. Weißt Du es jetzt?
Sie ließ den Kopf tief herabsinken. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verdeckt von der breiten Krampe ihres schwarzen Sommerhutes.
— Nun trink doch! sagte er mit geheimnisvollem Lächeln. Dein Wohl!
Sie stieß schweigend mit ihrem Glase an.
— He, he, Du trinkst ganz ausgezeichnet. Das hab’ ich Dir beigebracht. Du fürchtetest, ich würde Dich verachten, wenn Du nicht tränkest. Gott, wie Du mich geliebt haben musst! Alles tatst Du nur um meinetwillen. Und jetzt, jetzt?... Agaj! jetzt?
Er wartete gespannt auf die Antwort.
Sie schwieg.
— Jetzt? fragte er heiß.
— Bist Du schon mit dem Furchtbaren zu Ende?
Ihre Stimme klang höhnisch und wegwerfend.
Er lachte laut auf.
— Du scheinst Dich schnell gefasst zu haben. He, he: es kam so unerwartet Du warst ja Anfangs ganz krank vor Aufregung. Noch seh ich Deine Hände zittern und auf Deinem Gesicht glühen rote Flecken.
Sie sah ihn wütend an. Er erwiderte ihren Blick mit zynischem Lächeln.
— Nein Du! Ich bin gar nicht zu Ende... Ja, damals... He, he: Du hörst es so gern... Ich wachte früh auf. Ich konnte nicht schlafen. Ich löste vorsichtig Deine Arme von meinem Körper. Du warst auf meiner Brust eingeschlafen. Ich stand auf und fing an mich anzukleiden. Und da sah ich Dich plötzlich. Ja, plötzlich: ich habe Dich nie vorher gesehen... gesehen! verstehst Du? Es war wohl heiß, denn Du hattest die Decke mit den Füßen abgeworfen und lagst nun nackt.
Er lachte heiser.
Dein Hemd war bis zum Halse aufgerollt, schliefst Du da eigentlich? Er flüsterte ihr die Frage leise ins Ohr.
Sie sah ihn an. Ihr Gesicht zuckte. Ihre Augen waren übergossen von einem heißen, fiebrigen Glanz.
Sie tauchte langsam, gierig tastend ihren Blick in seine Seele.
Er zuckte zusammen.
— Hörst Du nicht, was ich sage? Dein Hemd war bis zum Halse aufgerollt, und Du lagst ganz nackt. Und ich bin sicher, dass Du nicht schliefst, ich bin sicher, dass unter den langen Wimpern Dein Blick in mein Blut kroch... Sei doch ein wenig empört! Bist Du es nicht?
Sie ließ wieder den Kopf sinken.
Er beruhigte sich plötzlich.
— Ich starrte Dich an. Ich konnte mich von Deinem Körper nicht losreißen. Mein Herz klopfte, dass ich nicht stehen konnte.
Sie sah ihn flüchtig an mit einem verzerrten fiebrigen Lachen.
— Und dann? fragte sie heiser.
— Dann — dann... seine Stimme zitterte — dann sank ich an Dich und küsste Dich...
— Auf den Mund? Sie konnte kaum die Worte ausstoßen.
— Nein... Er fing wieder an zu flüstern. Du weißt es ja, Du schliefst nicht — Du warst wach, Dein ganzer Körper zuckte heftig auf...
Ihr Gesicht verschwand wieder.
Als sie aufblickte, war ihr Gesicht wie verzückt von Qual und ihre Augen funkelten in einem abgründigen grausamen Schmerz.
— Sag mehr! Sag doch mehr! stieß sie plötzlich hervor.
Es fing an, in ihm zu fiebern. Das Blut schoss ihm jäh ins Gehirn.
— Ich habe Dich dann vergessen. Ich habe Dich beinahe zwölf Jahre nicht gesehen. Ich habe mich verheiratet. Und da sah ich nicht mehr das Weib in Dir, nur eine unendlich teure Schwester... Ja doch! einmal im vorigen Jahre, als wir beide allein waren und so viel getrunken hatten! Da wurdest Du plötzlich ganz ungewöhnlich boshaft, Du höhntest mich, machtest pikante Anspielungen auf meine Heirat und plötzlich warfst Du Dich über mich her und bissest mich in die Lippen, dass sie bluteten... Da fing es an, mich heiß zu überlaufen.
— Hab ich Dich gebissen? Sie lachte hässlich auf.
— Und dann, als Du bei uns zum Besuche warst und mir einmal früh Morgens Kaffee ans Bett brachtest...
Sie fuhr wütend auf.
— Du bist wohl verrückt geworden? Du willst Dir doch nicht einbilden, dass ich Dich als Weib liebe?
Er lächelte seltsam.
— Eben hast Du Dich verraten. Du hast mich nie als Schwester geliebt. Du zittertest immer nach mir, so wie ich jetzt nach Dir zittre. He, he: Weißt Du noch? Einmal, als Du Deinen Geburtstag hattest und so viele Kinder zu uns kamen? Wir spielten Versteck. Immer bist Du zu mir in die dunkelsten Ecken geschlichen und drücktest Dich heiß an mich. Sieh mich doch an, lass Dir doch in die Augen sehen... Weißt Du noch, als wir beide so heiß wurden und uns beinahe erwürgt hätten in einer Lust, die sonst Kinder nicht zu haben pflegen? He, he... Da wurd’ ich Mann...
Er schwieg plötzlich, es kam ihm vor, als hätte er zu viel gesagt.
Sie lachte boshaft.
— Du willst wohl einen Roman schreiben? Irgend eine perverse Geschichte von Geschwisterliebe, wie? He, he, he... Damit düpierst Du mich nicht...
— Ich will Dich ja gar nicht düpieren. Du glaubst mir also nicht? Du traust mir nicht? Hör’ Agaj, hörst Du nicht in meiner Stimme diesen entsetzlichen Ernst? Warum wehrst Du Dich? Warum willst Du nicht zugeben, dass Du mich liebst? Hast Du mir nicht gestern gesagt, dass Du beinah verrückt geworden bist, als ich im vorigen Jahre nach dem Ausland zurückkehrte? Und glaubst Du, ich weiß es nicht, dass Du der Mutter das Geld gestohlen hast, um es mir zuzuschicken, als ich in Not war?... Tut das eine Schwester? Warum? Warum willst Du es verleugnen, dass Du mich liebst?
— Ich liebe Dich, wie man einen Bruder liebt, nicht mehr, sagte sie abweisend.
— Ha, ha, ha, liebt man so einen Bruder? Das musst Du einem Kriminalpsychologen erzählen... Warum wurdest Du jetzt so leichenblass, warum zittern Deine Hände? Und Du trinkst viel, damit es Dir nur nicht bewusst wird, was ich sage. Quäl’ mich doch nicht...
Er wurde ernst, sein Körper bebte.
— Qual’ mich nicht! Ich bin so unerhört glücklich über Deine Liebe... Ich — ich... seine Stimme senkte sich bis zum kaum hörbaren Flüstern... Du, Agaj, es ist etwas Sonderbares in mir vorgegangen...
— Ich liebe Dich! keuchte er plötzlich und seine Stimme brach.
Es entstand eine lange Pause. Das Schweigen dauerte ungewöhnlich lange.
— Hast Du es nun begriffen? flüsterte er leise.
Sie antwortete nicht.
— Gestern brach es durch in meiner Seele... Du warst bei mir in der Nacht... Du bist nicht mehr meine Schwester...
Sie sah ihn entsetzt an. Um ihre Mundwinkel zuckte die Qual. Sie gruben sich mit den Augen in einander, ihre Blicke verflochten sich unlösbar.
— Das ist furchtbar! sagte sie. Eine kranke Angst flackerte fiebernd in ihrem Gesicht.
— Ja, es ist furchtbar, wiederholte er wie abwesend. Wieder ein langes Schweigen.
Sie fuhr auf.
— Geh nach Hause! Geh! Geh!
Er hatte sie niemals flehen gehört.
— Nein, Agaj, ich kann nicht weg von Dir.
— Aber was willst Du denn von mir? schrie sie plötzlich rasend auf.
— Nichts, nichts... Natürlich nichts...
Er lächelte blöde.
— Gestern noch gab es für mich etwas, das Blutschande hieß, he, he. .. Inzest glaub’ ich. Ich kam in die wüsteste Verzweiflung, als ich entdeckte, dass das Weib, mit dem ich unerhörte Orgien feierte, meine eigne Schwester war. Heute hab’ ich die Schwester verloren. Heute seh’ ich Agaj, das Weib, das fremde Weib, das mir über jedes Weib in der Welt geht, schon deswegen, weil es Blut von meinem eignen ist, ein physisches Stück von mir.
Er stockte plötzlich.
— Du, Agaj, Du fürchtest den Inzest?
— Ich fürchte ihn gar nicht. Sie lachte höhnisch.
— Aber? aber? Er sah sie mit zitternder Angst an, als sollte jetzt über sein Leben entschieden werden.
Sie blickte ihm starr mit einer grausamen Kälte in die Augen.
— Aber? Du fragst: aber? Es gibt kein Aber, weil Du für mich gar nicht als Mann existierst. Du bist einfach mein Bruder.
— Du lügst! Du lügst! Warum quälst Du mich mit Deinen Lügen? Zerstöre doch nicht das Heiligste in mir, das, wovon ich lebe, was den ganzen Inhalt meiner Seele ausmacht.
— Du hast Deine Frau vergessen, Du hast Fieber, Deine Hände glühen, und Deine Augen saugen sich giftig wie Tollkraut in mein Blut... Ich will Dich nicht sehen. Du zerstörst meine Seele, Du...
Sie kam plötzlich zur Besinnung und schnellte höhnisch auf.
— Lächerlich: Grenzenlos lächerlich! — sie raste — Du hast das schönste, das herrlichste Weib zur Frau, nie hab’ ich ein so herrliches Weib gesehen... und — und Du hast an ihr nicht genug und läufst einem andren Weibe nach, das noch obendrein Deine Schwester ist.
— Oh, oh, Du läufst mir ebensoviel nach, wie ich Dir... He, he... Nur feig bist Du, feig. Du wagst es nicht zu gestehen. Aber, als ich Dir gestern sagte, dass ich vielleicht heute wegfahren werde — glaubst Du, dass ich die Qual nicht gesehen habe und die Mühe, die Du hattest, um sie zu verbergen? Ich verehre mein Weib, aber ich liebe Dich. Versteh’ es doch: Dich, Dich lieb’ ich. Du hast Dich seit Deiner Kindheit nach diesem Worte, diesem: ich liebe Dich! gesehnt. Du hast gezittert, dass ich es Dir nur sage. Du wolltest es von mir erzwingen und jetzt, jetzt, da ich es endlich gesagt habe, willst Du mich so brutal zurückstoßen? Du glaubst vielleicht nicht, dass es mir Ernst ist, weil es so jäh und unerwartet gekommen ist. In einer Sekunde von Qual... Aber ich lebe jetzt nur in diesem Gefühl, mein Gehirn wühlt sich mit fiebernder Wollust in die Zeit, als Du Deine Gier noch nicht zu verbergen verstandest. Plötzlich ist meine Seele aufgebrochen, ich erinnere mich an jedes Wort, das Du vor zwölf Jahren gesagt hast, ich erinnere mich an die tausend Dinge, tausend Kleinigkeiten, tausend Blicke und Bewegungsmomente aus jener Zeit, ich erinnere mich an alles, das mir gestern noch vergessen war...
Er taumelte, verlor plötzlich den Gedankenfaden und sann eine Weile nach.
— Nein, nein, ich liebe Dich nicht seit gestern, ich liebe Dich seit langem. Das war nur zufällig, dass es mir gestern grade zum Bewusstsein kam. Du hast mir immer gefehlt. Sieh: ich war ja glücklich mit meinem Weib, aber immer, immer sehnt’ ich mich nach Dir.
Die Qual floss in ihm über, es würgte ihn, kalte Schauer strömten ihm über den Rücken, er schüttelte sich in Fieberfrost.
— Ich verehrte, ich liebte bis zum Wahnsinn Deine Liebe. Ich zitterte, um nur einen Brief von Dir zu bekommen. Und wenn ich Ihn bekommen hatte, las ich ihn und las unaufhörlich. Ich las das alles, was Du nicht schreiben konntest, was aber in jedem Worte zitterte, ich ging wochenlang mit Deinen Briefen umher damals schon, als ich noch nicht ahnte, dass Du mir das werden solltest, was Du mir heute bist. O, ich liebe jedes Wort von Dir, ich liebe Deine grausame Seele, die nicht genug Schmerzen finden kann, um sich darin zu vergraben, ich liebe Dein kleines, braunes Gesichtchen mit den abgründigen Augen, ich liebe die Seide, die Deinen Körper umschließt, ich liebe die Formen dieses Körpers, ich fühle ihn wie er sich an mich presst, mich umschlingt, ich sehe Deine kleinen Brüste, ich fühle sie sich in meinen Körper hineinglühen. Ich... ich...
Er fing an zu stottern. Es raste in ihm, sein Gehirn schwoll an zu einer riesigen Aderbeule. Dann begann er wieder zu sprechen, sinnlos, ohne Zusammenhang, die Worte kamen wie von selbst, glühend, krank, wie herausgeschleudert aus einem Vulkan.
Sie hielt seine Hand in stummem Krampf umschlossen, sie vergrub schmerzhaft ihre Finger in seine Haut. Sie fasste ihn ums Handgelenk und presste wieder seine Finger: es war wie ein irres Gejauchze in dieser taumelnden, flackernden Hand.
Da wurde sie plötzlich grenzenlos unruhig. Sie hörte nichts mehr, sie sah nichts mehr. Sie faltete die Hände, dass alle Gelenke knackten, dann ballte sie die Fäuste und spreizte wieder die Finger.
— O Gott! stöhnte sie keuchend.