Die Novembernacht

PERSONEN DER ERSTEN SZENE:

  1. Pallas Athene
  2. Nike der Napoleoniden
  3. Nike von Thermopylae
  4. Nike von Salamis
  5. Nike von Chaeronaea
  6. Nike von Marathon
  7. Peter Wysocki
  8. Fähnriche

Die Szenen spielen am 29. November 1830 in Warschau.

Ein Korridor in der Fähnrichsschule

führt von der Rampe nach dem Hintergrund.

Von links durch hohe Fenster scheint

Das Mondlicht bleich und fahl herein;

Im Hintergrund ein Tor, darüber

Vier Fahnen zum Bukett vereint;

Rechts an der Wand stehen Gewehre

Geordnet in zwei Reihn.

Nacht, — später Abend, — Stille, — Leere; —

Nur vom Łazienkiparke dringt

Ein Rauschen leis herüber.

Die Wache stampft, — man hört die Tritte,

Auf Böcken Trommeln und zwei Mörser;

Ein Häufchen Kugeln und ein Degen.

Ein unterirdisch Tor springt rasselnd

Auf und im Korridore steht

Ein Mädchen. Ihren Kopf umweht

Ein Helmbusch; ihre Rechte hält

Den Speer, die Linke einen Schild;

Sie tritt als Erste uns entgegen

Mit Rede und mit Spiel.

Ein kupferoter Helm verbirgt

Die Züge, ihre Augen brennen

Heiß unterm Erz. Im Mondlicht wirkt

Ihr hell Gewand wie erzgewebt.

Der mächtge Schild an goldner Kette

An ihrer Schulter leise bebt.

Der silbernen Ägide Schlangen

Rascheln mit furchtbar wildem Ton.

Die hohen, starken Schultern, von

Lebendgen Schlangen überlastet

Sind leicht gehoben und sie stösst

Den Speer fest in die Erde. Ruft, —

Als ob ein Donner sich gelöst

Aus Jovis Händen, tönt die Stimme;

Und eine Schar von Mädchen hastet

Beflügelt auf sie zu.

PALLAS

Zu mir! Zu mir! Zu mir!

Siegreiche Geister, eilt herbei

Im Adlerfluge, windgehaucht,

In Sturmestoben und Brausen;

Bei diesem Zeichen ruf ich euch!

Kampflustbeseelt,

Des kalten Stahles, männermordender

Wehr Priesterinnen,

Ihr stolzen Ruhmes Dienerinnen;

Auf des Hymetos, Ossa Gipfel

Dem Sonnengotte anvermählt!

Nun von des Pelion Gipfel eilt

Herbei in Scharen und euch treibe

Die Gier nach blutigem Erliegen

Der Sterblichen. — Es starrt der Speer!

Zu mir denn, her zu mir!!

Donner

Du, Siegerin von Marathon,

Die du Athen den Freudenrausch gesandt;

Und du, Bezwingerin vor Salamis,

Die du den Perser peitschen ließt das Meer,

Bis ächzend er im Staub sich wand;

Du, die du vor den Thermopylen

Gestanden; die du Alexander

Zum Tyrus führtest, ihm verliehen

Achilleus Kraft; du, die da lebt

In Liedern, die von Hektors Taten

Vor Troja singen; du, die Roms

Cäsaren durch die Welt geführt

Von Ost nach West, von Pol zu Pol;

Du, die den Ruhm aufs neu belebt,

Als eines Nordens Sterne sanken;

Du, die des Tuisco Söhne überwand,

Als Witold, aresgleich und kampfdurchglüht,

Das große Blutbad schuf;

Und du, die du die Gottesgeissel

Durch Feuerscheine führtest zu

Dreimal verwünschtem Ruhme, dass

Das Kreuz erbebte in der Stadt

Der sieben Berge, als du in

Das Licht die Löwenbrut geschleudert!

Zu mir! Im Donnerrollen her

Zu mir!

Donner

Bei diesem Zeichen ruf ich euch;

Bei der Ägide Gold und Erz

Und Elfenbein;

Beschwöre euch bei ewger Nacht,

In die mein Wink allein

Euch, wenn ich will, gebracht;

Beschwör euch bei der ewgen Glut

Der Sonne und bei Vater Zeus’

Furchtbaren Locken, bei der Gorgo

Schrecklicher Schlangenbrut,

Auf!!!

Ihr, denen ich Unsterblichkeit

Verleihe, kommt und steht bereit

Allgegenwärtig, allbewusst!

Im Fluge naht, in luftger Bahn!

Zu mir! Zu mir! Zu mir!!

Es nahen nun im Flug des Sieges

Göttinnen, eine Mädchenschar.

Und rauschend kreisen sie mit weiten

Flügeln durch die Luft und gleiten

Langsam eine nach der andern

Nieder.

PALLAS

Der von den schwindelnd steilen Höhen

Einst die Giganten niederstieß

Zum Tartarus, der in dem Reich

Der Wolken, der im ewgen Blau

Regiert, von dort den Donner und

Den Blitz herniederschleudert, Zeus,

Befiehlt durch meinen Mund.

Donner und Blitze, zeuget nun lodernde

Gluten auf schwelenden ewgen Altären!

Rasende raset in aresgeborenem

Gierigem Taumel! Niemand soll wehren!

Atmet die Seele des furchtbaren Gottes:

Zeus beruft seine Diener!

CHOR

Ares!! Mein Herr und mein Gott!

PALLAS

Aus des Olympos erztönendem Tor

Stürmt jetzt Ares befreit hervor,

Eilt wie ein Sturmwind, stürzt auf die Stadt

Und durcheilt sie auf wilden Rossen,

Schreit und stachelt und hetzt.

CHOR

Wehe den Männern! Wunden und Tod!!

PALLAS

Eilet ihm nach!!!

CHOR

Ha! Mit grimmigem Flügelschlage

Überfliegen wir die Stadt,

Packen zu und schlagen zu,

Würgen, geben keine Ruh.

Und die Äcker werden Gräber

Ganzer Völker; Sieg und Blut!!

PALLAS

Über den Völkern brechen die Donner,

Wolken brennen, in Gluten verloren

Bersten die Häuser und stürzen zur Erde,

Aus den Himmeln quillt lodernde Glut

Und der Zorn wird geboren!

CHOR

Wer kämpft —?

PALLAS

Mit dem Zaren der Pole! — —

Treulich entsendet, heilig beschworen

Nahen die Keren, die bleichen Dämonen

Aus des Tartaros grässlicher Nacht, —

Und die Harpyien, die der Gefallenen

Blut aussaugen...

Ihr kennt des Phidias Nike, wie

Sie eilig die Sandalen bindet.

Dabei den Kopf nach oben richtet

(Der zwar bei dem Fragmente fehlt),

Wie sie, im Flug gehemmt, geschmeidig

Den losen Riemen der Sandale

Aufs neu zu knüpfen sich bemüht.

Und ihr Gewand, das nicht gehalten

Durch einen Gürtel, fließt in Falten

Ihr über Brust und Hüften, über

Den leicht gebeugten Körper nieder.

Nun spricht sie also:

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Vor Moskau zu der Zaren Wiege

Führt ich der Franken Kaiser hin;

Flog durch die Wolken, die aus Adlern

Geballt die Sonne bargen, über

Wälder von flatternden Standarten

Empor, empor!

Das Glück hob mich im Fluge:

Ich führte in meinem Zuge

Gar vielgeliebte Ritter...

PALLAS

Findest sie wieder, wirst sie führen

Die Vielgeliebten: Eile...

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Mein sind die Seelen, die Herzen,

Die Sieger führ ich im Fluge

Zur Walstatt.

PALLAS

Eile!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

So lass

Mich die Sandalen noch knüpfen;

Kaum könnt dem Olymp ich entschlüpfen,

Da eilt ich in fliegender Hast

Erschrocken bei deinem Rufe

Hierher und stieß an dem Tor

Heftig mich, — strauchelte; — fast

Stürzte ich hin —

Knüpft den Riemen

Sag, wen wirst

Du mir als Feind benennen?

PALLAS

Den Fürst.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Und werden sie ihn ergreifen?!

PALLAS

Verrat!!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Nein!

PALLAS

Sie eilen in Scharen

Und greifen den Fürsten im Schlaf.

Du folgst ihnen nach!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Nein!! — —

Auge in Auge Kampf

Und Brust an Brust; in Dampf

Sollen sie der Geschütze

Zuckend dampfende Blitze

Von Angesicht zu Angesicht

Mit offnem Auge schleudern;

Die Nacht verging noch nicht, —

Und ich will dir gebären

Den Kampf auf freiem Feld

Schwert gegen Schwert!

PALLAS

Du willst dem Schicksal wehren?

Und doch geschieht, was soll.

NIKE DER NAPOLEONIDEN

O du Gewaltige

Und doch Kleinmütige!

Lass sie die Schwerter greifen,

Lass sie wie Götter kämpfen!

Kam ich doch vom Olymp!

PALLAS

In deiner eignen Wangen

Gluten verseng ich dich:

Erkennst du Gorgos Schlangen?!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Doch flecht ich nicht den Kranz!

PALLAS

Gut denn! — Die Tat wird ganz

Getan auch ohne dich!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Niemals! — Denn nur wen wir

Geleiten und begleiten

Wir mit den weichen, weiten

Flügeln, kann Sieger sein.

PALLAS

Stürzt ich durch diese Macht

Nicht Troja, hab ich nicht

Odysseus groß gemacht?

Der Fürst wird zum Gefangenen.

DIE TROJANISCHE NIKE

Weh Ilions Überwindern!

Nie wirst du siegreich sein.

PALLAS

Ich werde siegen!! Denn

Ich muss, das Schicksal wills.

Ich werde Ketten zwingen!

NIKE DER NAPOLEONIDEN

Du Adlermädchen, nie

Wirst du den Sieg erringen.

PALLAS

O Adlergleiche, wenn

Ich den gewaltgen Schild

Zur Erde werfe, sieh,

Erzittert Jovis Thron,

Der goldene, adlerprächtige;

Bann ich vor eine Seele

Gespenster übermächtige.

Sinkt auch der Stärkste nieder.

NIKE DER THERMOPYLEN

Ich siegte bei Thermopylae,

Da fielen wackre Krieger,

Die ich noch jetzt im Blute seh

Sich winden, das Verrat

Gefärbt. Noch niemals hat

Verrat geschändet. Wen Verrat

Gefällt, dem reiche ich

Das Lorbeerreis. Ich habe sie

ln ihrem übermütgen Stolz

Erdrosselt und erwürgt.

Sie sanken nieder, da der Pfeile

Dichtschwarze Wolken ihren Blick

Verhängt, der Speere wildes Sausen

Sie hat betäubt, da das Geschick

In dem zerklüfteten Gestein

Der ungangbaren Felsenwände

Sie straucheln ließ. Auf denn zur Tat,

Ihr Schwestern, auf! Wenn durch Verrat

Der Sieg uns näher ist, dann durch —

Verrat!

NIKE VON SALAMIS

Ein Geier umkrall ich die Völker;

Ich stand vor Salamis!

Wessen Schicksal erfüllt,

Der mag zugrunde gehn.

Die da auf Raub auszogen.

Mag nun die Erde verschlingen,

So sie in ihrem Schoße

Flammende Lohe trägt.