Henri begab sich zu dem König, der so hieß wie er selbst und auf dem Thron der dritte Henri war. Oft spielte er mit ihm, ein Henri mit dem anderen. Zur Knabenzeit in Saint-Germain waren beide, wie Kardinäle angetan, auf Eseln geritten den Saal hinein, wo Madame Catherine einen echten Kardinal empfing. Das wiederholten sie ähnlich jetzt, als erwachsene Männer, der König von Frankreich und sein gefangener Vetter, dessen Mutter und sämtliche Freunde hierselbst das Leben verloren hatten. Dafür ging der König von Frankreich des nächsten Tages in ein Kloster, um schleunigst abzubüßen. Er büßte eine festgesetzte Zeit für Lästerungen, eine andere für fleischliche Verirrungen, und wieder eine für seine Schwäche hinsichtlich der Herrscherpflichten. Man mißbrauchte ihn, daß es ein Gespött war: Ränkeschmiede, Schwindler, Lustknaben und als einzige Frau seine Mutter. Er verschenkte, verscherzte, verlor. An einem bestimmten Punkte wurde ihm jedesmal bewußt, was vorging, seine Beraubung, Entwürdigung — und er verfiel in Schweigen.
Sie hielten das Schweigen für drohend und machten sich dünn, sobald der König schwieg. Sein Verstummen war aber das tragische Erkennen des eigenen Unvermögens. Ihm fiel von Mal zu Mal auf die Seele, daß ein absterbendes Königshaus in der Welt und im Lande nichts mehr kann ausrichten noch aufhalten. «Duldung müßte sein», äußerte er gerade heute seinem Vetter und Schwager. Die Verzweiflung rang es ihm ab. «Friede wäre höchst geboten. Haß ich denn die Hugenotten? Mit neun Jahren war ich selbst einer und warf das Gebetbuch meiner Schwester Marguerite ins Feuer. Ich weiß noch, wie meine Mutter mich schlug und wie mir das Spaß machte. Bis auf den heutigen Tag schäme ich mich vor ihr wegen des alten Gefühles. Sie hat es lange vergessen. Wohin gerate ich? Der Friede der Religionen sollte mich beschäftigen. Nun hab ich aber geschworen, als ich den Thron bestieg, ich würde keine andere Religion dulden in meinem Königreich, außer der katholischen. Was tun? Ich verjage die Ketzer nicht, wie ich müßte, ich bete für ihre Bekehrung. Ich kann nur immer beten.»
«Sie können mehr», versicherte Henri Navarra, als bescheidener Zuhörer des Henri, der jetzt König hieß. «Sie haben eine vorzügliche Handschrift. Nur immer fleißig Rundschreiben und Erlasse verfassen! Ihr Fleiß, Sire, ist das schönste Beispiel für uns alle.»
Dieser König war in seinen traurigen Zeiten und so auch heute, den dreißigsten Januar, ein Schreiber — als hätte er alles Versäumte nachgeholt, wenn er eigenhändig Tinte vergoß. Es lief nur immer auch Blut hinein, und sein guter Wille blieb vergebens. «Mein Sekretär Lomenie ist schon recht lange krank», bemerkte er. «Ich will ihn besuchen.»
«Tun Sie es nicht, Sire! Er ist gestorben, ich will es Ihnen nur verraten. Sie sollten mit der Nachricht verschont bleiben, da Sie gerade im Kloster weilten. Man sagt, er hatte die Pest.»
Das war der erdrosselte Grundbesitzer gewesen, den ein Italiener beerbt hatte, und der König machte sich nicht erst heute Gedanken über den Verschwundenen. Aus seinem schlecht rasierten Gesicht, das unleugbar einen äffischen Umriß hatte, prüfte er mit spitzen Augen schnell und scheu den Ausdruck des Vetters. Sogleich flüchtete sein Blick wieder zu dem Schreibpapier. «Wegen dieses schönen Lebens», murmelte er, «habe ich es nicht erwarten können, daß mein Bruder Karl starb.»
«Hat es sich denn nicht gelohnt?» fragte der gute Vetter erstaunt.
Der König kroch ganz in seinen Pelzrock und schrieb. Vetter Navarra bewegte sich währenddessen im Zimmer, begann ein Selbstgespräch, brach ab und fing ein anderes an.
«Der neue Hof unterscheidet sich beträchtlich von dem alten. Man fühlt es mehr, als daß man es sieht. Unter Karl dem Neunten waren wir alle verrückter. Geschlafen wird noch gerade soviel mit Frauen und öfter mit Knaben. Dies lernen viele erst jetzt, um auf der Höhe zu sein. Ich nicht, und ich bedaure es; denn so bleibt ein gewisser Teil der menschlichen Natur mir verschlossen.»
«Danke dem Himmel», warf der schreibende König ein. «Die Jungen sind noch geldgieriger als die Weiber. Außerdem ermorden sie einander. Den liebsten hat man mir abgestochen.»
«Das kam unter Karl nicht vor», stellte Navarra fest. «Obwohl der Höhepunkt seiner Regierung die Bartholomäusnacht war. Der Leichengeruch ist an dem neuen Hof beharrlicher als an dem alten, das will ich zugeben. Aber wie freundlich leben wir sonst! Niemand denkt an Flucht, Aufstand und den bewaffneten Einfall der Deutschen. Ich bin belehrt, ich erhebe keinen Finger.»
Er wartete, hörte nur die Feder knirschen und setzte an anderer Stelle ein. «Ich und Guise sind gute Freunde geworden, wer hätte das früher gedacht. Wenn Eure Majestät mich beurlauben, steige ich aufs Pferd und reite zur Jagd. Die Königinmutter hat es mir erlaubt. Allerdings werde ich auf Schritt und Tritt bewacht werden von denen, die am liebsten nicht meine Wächter, sondern meine Mörder wären.»
Das Knirschen der Feder. «Ich gehe», verkündete Navarra. «Es regnet, ich mag nicht ausreiten mit meinen Mördern hinter mir. Auf meinem Zimmer will ich mit dem Narren spielen. Der ist noch trauriger als der König.»
Vor der Tür wurde der Gefangene zurückgerufen. «Vetter Navarra», sagte der König. «Ich habe dich lange gehaßt. Jetzt bist du aber im Unglück, wo auch ich bin. Beide verdanken wir es denselben Ereignissen — und unseren Müttern», sagte er merkwürdig schwer. Henri erschrak; niemals waren ihm die Dinge von dieser Seite erschienen. Seine Mutter sollte sein Unglück verschuldet haben! Die reine Jeanne wurde zusammen genannt mit Madame Catherine: es stieß ihn ab, er vergaß darüber, sein Gesicht zu beherrschen. Sein trauriger Gefährte bemerkte es nicht, ihm selbst war gar nicht wohl. «Was für Greuel hat sie schon wieder vor?» fragte er und sah vor Mißtrauen schwärzlich aus.
«Nichts dergleichen, Sire. Die Königin ist wohlgelaunt. Warum sollten nicht auch Sie es sein?»
«Weil ich noch einen Bruder habe», war die überraschende Antwort. Henri fand nicht sogleich Worte. Der Tod des ältesten Bruders hatte kein Glück gebracht, aber auch den des jüngeren wünscht man! Ein orientalischer König in seinem Serail, und die Welt draußen versinkt vor der großen Gefahr, die er fürchten muß im Palast, von seinen Nächsten. Hier ahnte Henri schon, was kommen sollte. Der König verachtete zwar seine Mutter wegen ihrer Greuel; indessen sein unruhiger Bruder d’Alençon läßt ihn nicht schlafen. Wen wird er zuletzt mehr verachten müssen: Madame Catherine oder sich selbst? Zu sehen war, wie der König gegen seinen Drang kämpfte. Es half nicht, er mußte damit heraus; blieb aber lauernd, sogar bei seinem qualvollen Ausbruch.
«Vetter Navarra! Befrei mich von meinem Bruder d’Alençon!»
«Ich bin tief gerührt, Sire, weil Sie mir dermaßen vertrauen», versicherte Henri gemessen und mit einer Verbeugung. So hatte er weder nein noch ja gesagt. Der König nahm es vielleicht für ein Ja.
«Dann», betonte er, «werde ich dir glauben können.» Lauernd — obwohl es klingen sollte wie ein Scherz.
«Werde ich dann», auch Henri betonte stark, «ohne meine Mörder ausreiten dürfen?»
«Mehr als das. Wer mich von meinem Bruder befreit, wird Statthalter im ganzen Königreich.»
Das kam nun ganz gewiß aus einem falschen Herzen. ‹Valois, du Guter, dachte Henri, ‹sollst mich kennenlernen.› Und er sprang in die Luft vor kindischer Freude. «Hätte ich mir das träumen lassen!» rief er und jubelte. «Statthalter im ganzen Königreich!»
«Wir wollen es gleich feiern», bestimmte der König.