Was war es mit Margot? Plötzlich erklärte sie sich bereit, beiden, dem König von Navarra und ihrem Bruder d’Alençon, zur Flucht zu verhelfen. Einer von ihnen sollte als Frau verkleidet neben ihr in der Kutsche sitzen, wenn sie aus dem Louvre fuhr. Sie hatte das Recht, eine Begleiterin mitzunehmen, und diese durfte eine Maske tragen. Da die Flüchtlinge aber zwei waren und keiner weichen wollte, unterblieb der Plan, wie andere mehr. Übrigens hatte Henri nie an ihn geglaubt, zu viele waren mißlungen. Er fand Margot in ihrem Eifer reizend und sagte daher nicht nein. Sie bereute beim Anblick seines großen Unglücks, daß sie selbst ihn eines Tages ihrer Mutter verraten hatte. Das rührte ihn, obwohl er auch ihren persönlichen Beweggrund durchschaute. Sie wollte sich rächen an Madame Catherine für den Tod ihres La Mole.
Sogar während der feierlichen Beisetzung Karls des Neunten, vierzig Tage nach seinem Tode, hatte Henri nichts anderes im Kopf, als durchzubrennen, und dann noch einmal, als eine Barke ihn vom Louvre abholen und über den Fluß bringen wollte. Damals versetzte das Mißlingen ihn in helle Wut, er stieß die unklugsten Drohungen aus — womit dann aber alles aus war. Fortan konnten sie ihm mit den verlockendsten Erfindungen kommen. Ein beruhigter Navarra antwortete ihnen. Keine Spur mehr von frischen Entschlüssen. Beredet man aber die Dinge zu lange, wird alles zweifelhaft, und zwar sowohl in Hinsicht der Ausführbarkeit wie der Wünschbarkeit. Dies gilt nicht nur für Fluchtpläne, sondern für sämtliche Gegenstände des Lebens. Navarra besprach sich viel und mit allen. Nachts hatte er dafür die Frauen, bei Tag die Männer. Jeder konnte glauben, er würde von Navarra unterhalten oder gefoppt oder ehrerbietig angehört. Bei den einen galt er für den lustigsten Herrn des Hofes, andere suchten in ihm erhabene Gefühle, indes er sie an der Nase führte. Sogar seine seltenen Aufrichtigkeiten waren bestimmt, weitererzählt zu werden und ihm Vorteil zu bringen. Wo er nur konnte, äußerte er Bewunderung für Madame Catherine. Wenn man ihn hörte, war die Bartholomäusnacht ein Meisterstück. Zweifelhaft erschien nur, wo das Genie der Königin größer hervortrat: ob darin, daß Jeanne und Coligny sterben mußten, oder vielmehr darin, daß Henri leben durfte. «Bei zunehmender Einsicht», sagte er, «wird mir auch das noch klarwerden. Bis jetzt weiß ich zwar nicht, warum ich lebe. Meine Mutter aber und der Admiral sind für wohlerwogene Zwecke geopfert worden. Ein Narr würde Rache brüten. Ich bin nur jung und lernbegierig.»
Dies erfuhr die Alte, und mochte sie es ihm höchstens zur Hälfte glauben, gerade seine Unzuverlässigkeit gewann ihm ihr Herz. Er wieder wurde von ihr angezogen, gerade weil sie ihn in ihrer Gewalt hatte. Beide spannten und unterhielten einander, wie nur die Gefahr. Einige Male ließ sie es zwischen ihnen zu den sonderbarsten Vertraulichkeiten kommen. Eines Abends gestand sie ihm ausdrücklich, daß er bei weitem nicht ihr einziger Gefangener wäre. Frei war nicht einmal der König, ihr Lieblingssohn. Sie hielt ihn durch Zaubertränke — sagte sie und zwinkerte.
König Henri, dritter dieses Namens, war aus Polen hergereist unter Verkleidungen. In Deutschland hätten sie ihn fangen können. Das war nicht geschehen, hier aber in seinem eigenen Schloß Louvre war er der Gefangene seiner Mutter und ihrer Italiener, die sich aufgeschwungen hatten sowohl zum Kanzler wie zum Marschall. Nur Fremde — auch dies gestand sie ihrem Freunde Navarra, während der nächtliche Wind des dreißigsten Januar an den Scheiben klirrte — nur Fremde sollen eine Nation führen. Der ausländische Abenteurer fürchtet niemals, ihr Blut zu vergießen. Soll sie verrecken, wenn er sie nicht führen kann. Das ist aber das Gesetz, das über sie verhängt ist, sonst werden Nationen leichtsinnig infolge von Wohlfahrt. Besonders die Franzosen verfassen gern Spottschriften. Besser, den Leuten schaudert es, als daß sie lachen! «Das ist wahr, Madame!» rief Henri begeistert. «Und ich frage mich nur, wie Sie denn alle Ihre zugewanderten Landsleute mit Grundbesitz belohnen wollten, gäbe es nicht das gute Mittel, daß Sie die französischen Eigentümer im Gefängnis erdrosseln lassen.»
Madame Catherine kniff ein Auge zu, womit sie die Richtigkeit bestätigte.
«Einer der Erdrosselten, dessen Güter Sie einzogen, war sogar der Sekretär Ihres Sohnes, des Königs, gewesen.»
«Sag es ihm nur! Noch hat niemand den Mut gehabt.» So sprach die alte Königin, denn auf der Höhe der Vertraulichkeit duzte sie den Zaunkönig. Sie gab ihm einen Schlag auf den Schenkel und wendete einen neuen Ton an, er klang neckisch und dabei geheim.
«Zaunkönig», sagte sie. «Du bist der Rechte. Ich habe dich lange beobachtet und mich überzeugt, daß dir etwas Verrat nichts ausmacht. Den Menschen haften Vorurteile an. Was ist der Verrat? Die Geschicklichkeit, mit den Ereignissen zu gehen. Das tust du, und daran liegt es, daß deine Protestanten dich verachten, und zwar im Lande draußen wie auch in den Mauern des Louvre, so viele hier übrig sind.»
Henri erschrak hierbei. ‹Wie erst müssen der Herr Admiral und meine liebe Mutter von mir denken, da ich diese Alte anhöre, anstatt sie zu erdrosseln. Aber das soll noch kommen. Meine Rache wird langsam vorbereitet und soll um so gründlicher sein.›
Auf seinem Gesicht indessen war nicht dies zu erkennen, er zeigte Willigkeit und ein harmloses Einverständnis. «Es ist wahr, Madame, daß ich es mit meinen alten Freunden ganz verdorben habe. Daher werde ich Ihnen, Madame, um so eher gefällig sein wollen.»
«Besonders, mein Kleiner, wenn du dafür die Erlaubnis bekommst, dich etwas zu bewegen. Du spielst jetzt gern Ball mit dem Guise, und das ist klug von dir, in Anbetracht dessen, daß er den toten Coligny ins Gesicht getreten hat. Du sollst aber mit ihm auch den Louvre verlassen, sooft er ausgeht.»
«Er geht viel aus. Besonders reitet er aus.»
«Du sollst mit ihm gehen und reiten, damit ich immer erfahre, wo er war. Willst du das für mich tun?»
«Ich darf aus dem Louvre? Alle Tage? Durch das Tor? Über die Brücke? Was befehlen Sie, Madame, es soll geschehen!»
«Nicht als ob ich Furcht hätte vor dem Guise», versicherte die Königin. Ihr neuer Verbündeter bestätigte aus Überzeugung: «Wer so eitel ist, wie Lothringen auf seine Gliedmaßen! Hat einen blonden Bart, und den liebt das Volk!»
«Er ist ein Esel», sagte sie ebenso entschieden. «Er hetzt die Katholiken auf. Er weiß nicht, für wen er arbeitet. Für mich. Denn ich brauche bald wieder ein Gemetzel, die Protestanten geben keine Ruhe, nicht einmal nach der Bartholomäusnacht. Dann müssen sie eben noch eine haben. Guise soll die Katholiken aufhetzen, und dir erlaube ich, die Hugenotten wild zu machen. Sag ihnen in Paris, daß ihre Waffen uns draußen überall schlagen. Leider ist es nicht ganz unwahr. Nach den Provinzen aber läßt du melden, hier käme bald ein Aufstand, und der mag nur kommen! Willst du alles ordentlich ausführen, Zaunkönig?»
«Über die Brücke darf ich reiten? Und auch zur Jagd? Zur Jagd?» wiederholte er und lachte auf, so kindisch freute sich der Gefangene. Madame Catherine belächelte ihn nachsichtig und mit Geringschätzung. Auch die klügste Alte unterscheidet in einer echten Freude nicht immer die List, die dennoch dahinter steckt. Ein Gefangener tut gut daran, sich noch erniedriger zu geben, als nötig wäre, und wer seine Stunde erwartet, muß um so unentschlossener tun.
Als Henri seine edle Freundin verlassen hatte, stieß er vor ihrer Tür auf d’Aubigné und Du Bartas. Die beiden traten sonst kaum gemeinsam auf; ihnen verbot es ihre Vorsicht. Nur diesmal hatten sie nicht widerstanden, da ihr Herr sich endlos lange beredete mit der verhaßten Mörderin. Er war ihnen ein Rätsel geworden. Obwohl sie ihn liebten wie je, wußten sie doch nicht mehr, wie weit sie ihm trauen durften.
Unzufrieden sprach er sie an. «Vor dieser Tür vermutete ich euch nicht.»
«Auch wir wären Ihnen lieber anderswo begegnet, Sire.»
«Aber das dürfen wir nicht», setzte der eine hinzu.
«D’Armagnac läßt uns nicht zu Ihnen», erklärte der andere. Abwechselnd klagten die beiden mit rauhen Stimmen: «Uns lassen Sie beiseite und verkehren mit neuen Freunden. Das sind aber die alten Feinde. Haben Sie denn alles vergessen? Wem Sie Dank schulden — und sogar, wen Sie rächen müssen?»
Ihm schossen die Tränen in die Augen, als er von seiner Rache hörte. Er wendete sich ab, damit sie es nicht sähen. «Der neue Hof», sagte er, «ist lustig, ihr aber wollt immer noch traurig sein. Unter Karl dem Neunten war auch ich ein Aufrührer, was hat es mir geholfen. Die Rache, was wißt ihr von der Rache! Wenn man ihr nachhängt, wird sie tiefer, immer tiefer und endlich bodenlos.»
Sie sprachen dies alles unter den Augen der Schweizer Wachen, die in die Luft starrten, als verständen sie nichts.
Die beiden Kameraden von früher murrten: «Unternehmen Sie aber nichts, Sire, dann handeln die anderen: die bekannten Teilnehmer der Bartholomäusnacht. Die geben sich nicht zufrieden an dem lustigen Hof und noch weniger in den Kirchen. Sie sollten hören, was dort gepredigt wird.»
«Daß ihr euch bekehren sollt; sonst werdet auch ihr noch umgebracht. Bekehrt euch! Ich hab es auch getan.»
Hier blieb ihnen vor Entsetzen die Antwort aus. Er sagte weiter: «Wollt ihr aber nicht nachgeben, dann schlagt als erste los. Ihr seid stark. Mehrere Hundert von der Religion sind noch am Leben in Paris. Sie haben vielleicht keine Waffen, aber sie haben Gott.»
Da ging er weiter, und in ihrer Verblüffung versuchten sie gar nicht, ihm zu folgen. «Er verhöhnt uns», raunten sie einander zu. Nicht einmal die Schweizer durften dies hören. Vor sich selbst suchten sie ihn zu rechtfertigen. «Es kann auch eine Warnung gewesen sein, damit wir uns in keinen Aufstand einlassen. Durch Unwahrheit das Wahre zu verstehen geben: es sähe ihm ähnlich. Vorher übrigens weinte er, obwohl wir es nicht bemerken sollten. Aber er weint leicht. Weint bei dem Gedanken an seine Rache, und ist doch aus dieser Tür getreten. Aus demselben Zimmer, worin seine Mutter das Gift bekommen hat!»
Sie kamen überein, daß sie ihren Herren nicht mehr verständen und daß sie unglücklich wären.